Logo weiterlesen.de
Das Land der roten Sonne

Informationen zum Buch

Eine australische Tochter.

Australien, 1898: Ein Mädchen wird mitten in der Wüste gefunden und in letzter Minute gerettet. Im Waisenhaus wächst Leonora in inniger Verbundenheit mit dem kleinen James auf. Doch dann werden die beiden auseinandergerissen. Aus Irland eingewanderte Verwandte holen James zu sich auf die Farm, während Leonora fortan in Amerika leben soll. Jahre später kehrt sie als Ehefrau eines reichen Minenbesitzers nach Australien zurück. Als sie James wiedertrifft, wird ihr bewusst, dass ihr Herz immer nur einem gehörte. Dann aber wird sie vor eine schwere Entscheidung gestellt und glaubt, den Mann ihres Lebens für immer zu verlieren.

Eine junge Frau, die um ihr Glück kämpfen muss, und eine Liebe, die alle Grenzen überwindet.

Harmony Verna

Das Land der roten Sonne

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Marie Rahn

Für Leonora,

aus deiner Erde bin ich neu geboren.

Dank

Als Schriftstellerin ist mir zutiefst bewusst, dass ich im Schaffensprozess nur ein kleines Rädchen bin. In Wahrheit gebührt die Ehre allen, die mich auf dem Weg begleitet und unterstützt haben. Ich danke meiner wunderbaren Agentin Marie Lamba von der Jennifer De Chiara Literary Agency, weil sie sich durch ein neunhundert Seiten dickes Manuskript beißen musste und doch bereit war, mich zu vertreten. Dank auch an meinen brillanten Lektor John Scognamiglio und das ganze Team von Kensington, die mein Buch ins Leben gerufen haben. Ich danke meiner Familie und meinen Freunden, die meine ersten Leser und Verbündeten waren: Ohne euch wäre dieser Roman immer noch ein Traum.

Und schließlich danke ich meinem Mann Jay und meinen drei Jungen … die meine Champions sind, mein Glück, mein Leben.

Teil Eins

Kapitel Eins

Western Australia, 1898

Sie wanderten der Sonne entgegen. Ihre mageren Beine bewegten sich wie von selbst; ihre Finger rieben die schlafverklebten Augen. Anziehen war unnötig, was sie am Leib hatte, trug sie Tag und Nacht. Hunger war so selbstverständlich wie Atmen.

Die Sonne schob sich den Horizont hinauf und warf Hitzewellen über die Erde, die sich zu kräuseln schien, wie ein flacher, dunkler See. Die nachtaktiven Wesen versteckten sich huschend und schlitternd vor dem Licht, suchten Schatten für ihren Schlaf. Die tagaktiven erwachten ausgeruht und lärmend in ihren Nestern, Erdhügeln und Höhlen. Vogelschwärme ließen sich schwer auf den wenigen Ästen nieder, die ihr Gewicht tragen konnten. Bunte Federn und lautes Zwitschern brachten Leben in die sonst so tote Ebene.

Die Erde war ausgetrocknet, die rote Oberfläche bröcklig. Die Morgenluft drückte heiß und lastend auf ihnen. Kriebelmücken schwärmten herbei, setzten sich auf Gesichter, krochen in die Kleider – ein ganz normales Ärgernis. Nur die dreistesten, die in Nase oder Ohren krochen, lohnten einen Schlag.

Ihre Schuhe beulten sich von den hineingestopften Lumpen, und jeder Schritt warf einen kleinen Sandsturm auf. Rostrote Erde befleckte ihre Strümpfe. Immer wieder stolperte sie über ihre flappenden Schuhe, der leise Aufprall auf dem staubigen Boden hallte durch die Luft.

Sie umklammerte seine Hand, doch seine Finger blieben schlaff in ihrem Griff. Sie blickte auf. Er war so groß, dass seine Haare den Himmel zu streifen schienen. Als die Sonne höher stieg, wirkte sein Kopf wie ein blendender Himmelskörper. Er reckte den Nacken, und seine Gesichtszüge wurden schärfer: magere Wangen, dunkle, ledrige Haut, grau- und schwarzstoppliges Kinn. Er starrte auf seine Füße, mit leerem, fast wildem Blick, wie ein kranker Dingo. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Im nächsten Augenblick verdunkelte die Sonne sein Gesicht, und sie wandte den Blick ab.

Schritt. Schritt. Schritt. Das Loch in ihrem Schuh jagte den Schatten ihrer Hutkrempe, der mit dem Steigen der Sonne immer kürzer wurde. Sie gingen, Minuten, Stunden oder Tage. Hunger und Durst quälten sie. Sengende Hitze. Jeder Atemzug ein Stich in den Lungen. Ihre Füße glühten; ihr Hut klebte ihr am Kopf fest. Schweißtropfen trübten ihre Sicht.

Ein einsamer Eukalyptusbaum ragte in die Leere der Ebene, seine spärlichen Blätter waren grau, mit einem pudrigen Film überzogen. Er zog sie matt zum Stamm, löste seine Finger aus ihrem Griff und bedeutete ihr, sich hinzusetzen. Seine Arme zitterten, und seine Augen wurden feucht, als er die zerbeulte Feldflasche von seinem Gürtel nahm und sie neben sie legte. Er drehte sich um und ging los. Sie sah, wie er sich mit den Händen durch sein sich lichtendes Haar rieb und seinen Nacken umfasste. Sah, wie seine Schultern zuckten und seine Beine einknickten, als würde er gleich auf die Knie sinken. Sie sah, wie seine Gestalt immer kleiner wurde, bis sie nur noch ein winziger Punkt am Horizont war. Kurz darauf verschwand der Punkt in der flirrenden Luft.

Ihr drehte sich der Magen um, doch brechen konnte sie nicht, dazu war ihr Mund zu trocken. Sie griff nach der Flasche. Das Wasser darin schlug mit leisem Platschen an die Wände. Sie versuchte, den Verschluss aufzudrehen, so wie sie es bei ihm gesehen hatte, doch ihre winzigen, schweißnassen Hände rutschten ab. Sie versuchte es, wieder und wieder, während sich ihre Kehle immer weiter zusammenzog. Schließlich barg sie die Flasche in ihrem Schoß. Er würde sie öffnen. Sie lehnte ihren Kopf gegen die glatte Baumrinde. Später. Geduld und Sonne mischten sich mit schmerzendem Durst und lullten sie in den Schlaf.

Fliegen huschten ihr über die Augen, kitzelten ihre Wimpern und summten zufrieden über ihre feuchte Haut. Sie schrak auf und hielt nach ihm Ausschau. Panik drückte ihre Kehle zusammen. Reflexartig versuchte sie zu schlucken, es scheuerte schmerzhaft. Sie stemmte sich gegen die Panik, konzentrierte sich auf ihre Füße, schlug sie ein paar Mal zusammen und sah zu, wie der Staub in wirbelnden Wolken zu Boden sank.

Der Himmel wechselte von Blau zu Pink, die Wolken bekamen lila Ränder. Die Farben wurden dunkler. Sie sperrte sich dagegen. Furcht beschlich sie und ließ ihre Haut prickeln. Sie starrte angestrengt in die Ferne, um zu sehen, wann seine Gestalt am Ende der Ebene wiederauftauchte. Ihre Augen suchten nach einer Bewegung, einem Punkt, der größer und länger wurde. Das Blut pochte ihr in den Ohren. Wasser stieg ihr in die Augen, rann die Wangen hinunter und landete salzig auf ihren Lippen. Kostbares Wasser vergossen. Die Dunkelheit rückte näher und spielte mit ihr, verzerrte Büsche zu Hunden, Äste zu ausgestreckten Armen. Die Schatten wurden größer, eroberten die Ebene und verdrängten das Licht.

Sie umschlang ihre Knie, vergrub ihren Kopf zwischen ihnen und hielt sich die Ohren vor dem Pochen der Angst zu.

»Papa?«, flüsterte sie, und die Furcht in ihrer Stimme brach alle Dämme. Sie mühte sich auf und spähte in die Finsternis. »Papa? Papa!« Sie spie das Wort aus, heiser, heulend. »Papa!«

Der Mond ging auf.

Sie krümmte sich unter ihren Schreien und Tränen, zitterte in der abkühlenden Luft. Die Nachtschwärmer traten ihre Schicht an, das Zwitschern wich dem Zirpen. Ihre Schreie hallten über die Ebene, getragen und zerstreut von den Geräuschen der Insekten. Dann verlor sich der klagende Ruf des Kindes im Vakuum der Nacht.

Kapitel Zwei

Die Sonne brannte durch Ghans Hemd, das der Schweiß vollständig durchtränkt hatte. Er nahm einen Schluck Wasser aus der Lederflasche und zog den Hut tiefer in die Stirn. Endlose Ebene: roter Staub, blauer, wolkenloser Himmel, niedrige, verkrüppelte Meldenbüsche, hier und da Eukalyptusbäume.

Der ratternde Planwagen, die zähflüssigen Schritte der Kamele waren das einzige Geräusch, die einzige Bewegung, das einzige Anzeichen von Leben in einem Ozean der Stille.

Neely streckte die Beine, bis seine Füße gegen die vorderen Bretter stießen. »Verteufelt heiß. Noch mehr als gestern.«

»Wird ’ne Höllenhitze.«

»Hätten früher losmüssen«, beschied Neely.

»Ach was.« Ghan starrte ihn finster an.

Weiße Narben bedeckten seinen Arm, hoben sich deutlich von seiner kupferbraunen Haut ab. Es waren Spuren seiner Vergangenheit als Minenarbeiter, seine persönliche Collage der Selbstausbeutung unter Tage – genau wie sein von einer explodierten Karbidlampe abgerissenes Ohr und sein verkrüppeltes Bein, das unterhalb des Knies verdreht und zerquetscht war. Die Wange voller Brandnarben, die Nase knollig und von Faustkämpfen hoffnungslos schief. Ein hässliches Gesicht, passend zu seinem hässlichen Leben.

Neely drückte seine Kippe am Holz des alten Wagens aus. Plötzlich zogen sich seine Schultern zusammen und begannen zu zucken. Er umkrallte seinen Hemdkragen, während sein Körper unter Krämpfen nach Luft rang.

»Nicht schon wieder«, murmelte Ghan, doch seine Augen verdunkelten sich vor Sorge. »Einatmen, Kumpel.«

Neely bog den Kopf zurück, riss den Mund auf und schrie stumm nach Luft, mit verzweifelt aufgerissenen Augen. Ghan wandte den Blick ab. Minutenlang wackelte der Wagen unter dem krampfartigen Husten des Mannes. Dann die Erlösung, pfeifendes Einatmen. Neely löste den Hintern von der Bank, beugte sich über die Wagenwand und spuckte einen Blutklumpen aus. Dann holte er eine neue Zigarette heraus, zündete sie mit zitternder Hand an und zog daran, langsam und gleichmäßig, mit bleichen Wangen.

»Wasser?«, fragte Ghan sanft. Neely schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Der Mann hatte noch etwa sechs Monate. Ghan sah so was nicht zum ersten Mal. Diesen Husten hatten viele unter Tage: Staublunge, Berufskrankheit der Minenarbeiter.

Neely griff unter den Sitz und wühlte in einer braunen Tüte.

»Du hattest doch grade erst was!«, zischte Ghan.

»Ich hab aber Hunger.« Neely wühlte in einer zweiten Tüte. »Und was geht das dich an?«

»Dann beschwer dich nicht, wenn später nichts mehr da ist.«

Neely fand die Sandwichpakete, wickelte eines aus und warf das Wachspapier in den Staub. »Schmeckt mir besser, wenn das Fleisch noch nicht warm ist.« Er kaute langsam.

In der Ferne hüpfte ein Schwarm Emus auf federnden Beinen vorbei. Der Staub umwölkte ihre Flanken und senkte sich dann wie zuvor auf die Erde, als wäre nichts geschehen. Ghan brachte die Kamele ruckartig zum Stehen, worauf Neely fast von der Bank kippte.

»Herrgott, kannst du mich nicht warnen!«, bellte er. »Was stoppst du denn?«

Ghan zeigte ins grelle Sonnenlicht. »Siehst du das?« Er kniff die Augen zusammen und starrte auf das, was er entdeckt hatte: ein Felsen, ein altes Bündel oder auch ein toter Dingo. Ein Schleier trübte seine Sicht.

Neely blinzelte. »Nee, da ist nichts.«

»Ich seh mal nach.« Ghan kletterte vom Wagen. Seine Stiefel landeten mit einem Staubwirbel auf dem Boden. Das kaputte Bein verkrampfte sich, und einen Moment lang kämpfte er um sein Gleichgewicht.

»Ist doch Zeitverschwendung.« Neely schnalzte mit der Zunge und lehnte sich auf dem Sitz zurück. »Wär’s was Gutes, hätt’s schon jemand mitgenommen.«

Langsam und mit steifen Beinen ging Ghan los. Die Sonne stach ihm in die Augen. Schweiß lief ihm, langsam, in vereinzelten Tropfen, von der Nase.

Kaum merklich näherte er sich dem einsamen Gummibaum in der Ferne, dessen Äste in dem einen Moment die blendende Sonne abschirmten und im nächsten wieder nicht, so dass er immer wieder die Augen zusammenkneifen musste. Irgendwann zwischen Licht und Schatten begann das Ding Form anzunehmen: Kleider, alte Lumpen vielleicht, auf einem kleinen Haufen, ganz harmlos, so dass er eigentlich hätte kehrtmachen können. Stattdessen ging er schneller und verfiel in Trab, weil plötzlich tausend Ameisen über seine Haut zu krabbeln schienen.

Noch ein paar weitere mühsame Schritte, und der Baum schirmte die stechende Sonne ab. Jetzt verschwammen die Einzelheiten nicht mehr, sondern winzige Schuhe und ein Kleid waren auszumachen. Er erstarrte. Blitzende Lichtreflexe auf einer Metallflasche. Angesichts der winzigen Finger, die sie umklammerten, drehte sich Ghan der Magen um.

Er sank auf die Knie, und Staub wallte neben dem kleinen, leblosen Kind auf. Ein Mädchen.

Ghans Fingernägel bohrten sich in seine Handfläche.

Er wischte sich über den ausgetrockneten Mund und streckte langsam die Arme aus, doch seine Hände zitterten so heftig, dass er sie wieder zurückzog, weil er befürchtete, sein ungeschickter Griff würde die Knochen des Kindes in tausend Stücke zerspringen lassen. Er biss die Zähne zusammen und versuchte es noch einmal, schob einen Arm unter die Knie der Kleinen und den anderen unter ihren Nacken. Ihr Körper bewegte sich mit, war noch nicht steif.

Ein leises Stöhnen entfuhr ihr.

Sie lebte. Aber nur gerade so, war mehr tot als lebendig, ein zartes, gefährdetes Gleichgewicht, das er nun in seinen nichtsnutzigen Händen hielt. Mit einer raschen Bewegung hob er das Kind hoch und drückte es sich an die Brust. Mühsam stieß er Luft durch die Nase, während er zum fernen Wagen lief, das Kind mit seinem Schweiß besprenkelte und sein lahmes Bein verfluchte, das er mit panisch ruckartigen Bewegungen schneller hinter sich herzuziehen versuchte. »Neely!«

Neely schirmte sich mit einer Hand die Augen ab; dann sprang er vom Wagen, rannte zu Ghan und machte in einer Staubwolke vor ihm halt. Ghan übergab sie ihm nicht, sondern eilte weiter. Sie lebte noch – in seinen Armen.

Keuchend stieß er hervor: »Hol mein Wasser.«

Neely kramte nach der Wasserflasche.

»Halt es ihr an den Mund. Mal sehen, ob sie trinkt«, befahl Ghan und hielt den schlaffen Körper des Mädchens unter die Flasche.

Mit zitternden Händen drückte Neely ihr die Flaschenöffnung an die trockenen, zersprungenen Lippen. Platschend rann ihr das Wasser am Kinn herab. Sie rührte sich nicht. Ihr Kopf hing vollkommen schlaff herunter, als hätte ihr Hals keine Knochen. Ghan trug sie zur Ladefläche des Wagens. »Schieb die Kisten weg, damit ich sie hinlegen kann.«

Neely holte die Unterlage heraus, worauf Ghan sie in den Schatten der Plane legte. Er ließ vorsichtig Wasser auf ihre Lippen rinnen, hielt ihr aber diesmal mit den Fingern den Mund auf. »Komm schon, Kleine, trink.«

Er krümmte sich innerlich, als er ihr Gesicht und die Hände betrachtete, die, wo sie der Sonne ausgesetzt waren, vollkommen mit Blasen und Schorf bedeckt waren.

»Sie braucht einen Arzt.«

»Herrgott, Ghan.« Neely packte sich in die Haare und zog sein Gesicht straff. »Was sollen wir denn machen?«

»Ich glaube, in Leonora gibt’s ein Krankenhaus.« Ghan kniff sich in den Nasenrücken und versuchte, sich an den Weg dorthin zu erinnern. »Wir könnten westwärts Richtung Gwalia abbiegen. Ich glaube, das ist nicht allzu weit.«

Neely hatte die Lippen zusammengepresst und hörte ihm gar nicht richtig zu. »Was glaubst du, wie sie hier gelandet ist?«

»Keine Ahnung. Kann ich jetzt nicht drüber nachdenken.«

»Aber dann verpassen wir den Zug und können nicht ausliefern«, sagte Neely in neutralem Ton, ergeben die neue Wendung hinnehmend.

»Scheiß doch auf den Zug«, erwiderte Ghan. Er starrte auf das kleine Mädchen und sagte heiser: »Du musst fahren, Neely. Glaubst du, du kennst den Weg?«

Neely nickte, sein Blick war jetzt schärfer. »Den kenne ich.«

Kapitel Drei

Quälend langsam brachten Ghan, Neely und das verdurstende Kind Meilen und Stunden hinter sich, zu benommen, um an Geschwindigkeit zuzulegen. Unter dem Knattern der Plane wallte der Staub an den in Zeitlupe rollenden Hinterrädern auf. Jede Minute in dieser Wüste brachte die Kleine dem Tod näher.

Zwischen den Kisten mit Sprengstoff zuckte der Körper des Mädchens zum Ruckeln des Wagens. Verzweiflung versteifte Ghans Muskeln. Gefühle – schwaches, brennendes Ziehen, das ihm Kehle und Brust abdrückte – drohten mit Übernahme. Er scheuchte sie weg wie Schmeißfliegen und sah das Mädchen nur so lange an, wie er brauchte, um ihm Wasser zwischen die aufgesprungenen Lippen zu tröpfeln.

Zorn wallte in ihm auf, mit einem Mal hasste er diesen Ort, dieses Land. Hier lebten nur Irre. Männer, die ihre Jobs und Städte verließen, um im verödeten, toten Busch zu leben. Und nicht nur eine Handvoll, sondern ganze Züge voll. Angelockt von der Aussicht auf Bodenschätze kamen die Männer in Scharen und schleppten entweder ihre Familien mit oder überließen sie sich selbst. Doch Reichtum war in diesem Land so selten wie Regen. Nur die großen Minengesellschaften, die gefräßigen Ungeheuer, fanden das Gold.

Ghan wandte sich zu der Kleinen und strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine plumpen, dreckigen Finger wirkten geradezu monströs neben ihren zarten Zügen. Das Mädchen trug Lumpen. Wieder schoss heißer Zorn in ihm hoch. Irre. Das harte Leben unter der sengenden Sonne, ohne Geld, ohne Hoffnung, war ein grausames Dasein, das Männer in den Irrsinn treiben konnte. Ghan musterte die Narben auf seinem Arm. Dies war ein Ort, wo ein Irrer ein Kind zum Sterben aussetzte und ein verkrüppelter Irrer sie retten musste.

Während der Wagen immer weiterrollte, tauchten allmählich Anzeichen von Zivilisation auf. Der Weg wurde breiter, die Oberfläche fester und kompakter.

Ghan lehnte sich aus dem Wagen. »Wie lange noch?«

»Wir kommen jetzt nach Gwalia. Vor uns ist der Mount Leonora.« Neely trieb peitschend die Kamele an, worauf der Wagen schlingerte.

Der weiße Planenstoff über ihm wurde beige, als die Sonne sank und mit jedem Zentimeter abwärts die Gluthitze des Tages minderte. Ghan setzte dem Mädchen erneut die Wasserflasche an die Lippen. Dieses Mal öffnete es leicht den Mund. Ganz kurz öffnete es die Augen. Ghan verharrte mit der gekippten Flasche in der Schwebe. Ihr teilnahmsloser Blick traf seinen und verband sich flüchtig mit ihm, bevor er wieder in die Bewusstlosigkeit abdriftete. Es schnürte Ghan die Kehle zu. Wenn sie starb, würde ihn dieser Blick bis zu seinem Lebensende verfolgen.

Draußen häuften sich jetzt die Anzeichen von Leben. Zelte der Wanderschürfer tüpfelten die Landschaft. Dann kamen die festeren Unterkünfte, die sogenannten Humpies der Goldschürfer, die sich zum Bleiben entschieden hatten. Humpies, das waren größere Zelte, verstärkt mit platt gehämmerten Zyanidfässern und Wellblech, elende Behausungen, die im Sommer die Hitze und im Winter die Kälte drinnen hielten. Wenn ein Feuer ausbrach, verbrannte die Plane, doch das Blech schloss das Inferno ein wie ein Deckel auf einem Topf.

Schließlich wichen die Humpies Hütten mit Zäunen aus Maschendraht oder alten, rostigen Bettgestellen, die nur dazu dienten, die Hühner vom Weglaufen abzuhalten. Wilde Ziegen durchstreiften die Straßen und schienen hier eher zu Hause als die menschlichen Bewohner. Auf den ersten Blick war es schwer zu sagen, ob es ein aufstrebender Ort war oder ein aussterbender.

Unter einem grell orangefarbenen Sonnenuntergang, der die spärlichen Bäume der Ebene in schwarze Silhouetten verwandelte, fuhr der Wagen nach Leonora hinein. Neely brachte die Kamele zum Stehen und kam herum, um einen Blick auf das Mädchen zu werfen. »Lebt sie noch?« Die Frage kam zu schnell, zu leichtfertig. Neely senkte den Blick. »Da drüben gibt es einen Pub«, sagte er. »Soll ich hingehen?«

»Ich gehe.« Ghan stieg aus. Seine Beine waren so steif, dass er aufkeuchte. Als er den Nacken streckte, war ihm mehr als bewusst, dass Neely ihn beobachtete. Er machte einen unbeholfenen Schritt und biss sich auf die Lippen. Verdammt, er hasste dieses Bein.

Nach ein paar Schritten ging es schon leichter, und er machte sich auf den Weg zum Pub. Zwei geöffnete und mit Kleiderbügeln aus Draht festgemachte Türen flankierten den Eingang. In der Bar flackerten Lampen, doch in den hinteren Gefilden war es stockdunkel. Zwei staubige Männer saßen auf Hockern. Der Barkeeper nickte ihm gelangweilt zu. »Sieht so aus, als könntest du einen Drink gebrauchen, Kumpel. Was kann ich dir bringen?«

Ghan bemühte sich, seine sirrenden Nerven zu beruhigen. »Ich such nach dem Krankenhaus.«

»Gibt’s hier nicht, Kumpel.« Der Mann wischte ein Glas mit einem alten Lappen aus. »Tut mir leid.«

Ghans Mund wurde trocken. Stockend sagte er: »Ich hab gehört … gedacht, es gibt ein Krankenhaus … bin die ganze Strecke gefahren.«

Der Barmann kaute auf einem Klumpen Tabak, hielt bei Ghans schriller werdendem Tonfall aber inne. »Bist du krank?«

»Ich nicht.« Der Tag spulte sich rasend schnell in seinem Kopf ab, aber Reden brauchte Zeit. »Gibt’s hier irgendwo einen Arzt?«

Der Mann klemmte den Lappen unter seinen Gürtel und wandte sich an eine Gestalt, die zusammengesunken an der Theke hockte. »Andrew, der junge Schwede war doch ein Doc, oder?«

»Glaube ja. Wohnt bei Mirabelle.«

Der Barkeeper duckte sich unter der Theke hervor. »Komm schon. Ich bring dich rüber. Drew, passt du für mich auf die Bar auf?« Andrew nickte träge und widmete sich dann wieder seinem Bier.

Dem Barkeeper fiel der Planwagen ins Auge. »Aus Menzies?«, fragte er.

»Ja.«

»Also arbeitest du in der Bailen-Mine?«

»Früher«, murmelte Ghan. »Jetzt transportiere ich Zeug nach Laverton.«

Die Miene des Mannes hellte sich auf. Er spuckte einen rostroten Klumpen Rotz auf die Straße. »Hast du zufällig ein paar Kisten Whiskey im Wagen? Bekämst einen guten Preis dafür.«

Ghan schüttelte den Kopf und ballte die Fäuste. Gequatsche. Ständig quatschten alle. Sein eigener Herzschlag dröhnte ihm in den Ohren.

»Hab ich mir schon gedacht.« Der Mann zuckte die Achseln und zeigte dann auf ein gelbliches Backsteinhaus an der Ecke. »Also, da drüben ist Mirabelle’s.« Dann drehte er sich um. »Muss zurück, sonst leert Drew den ganzen Grog im Pub.«

Ghans steifes Bein hämmerte laut auf die Stufen, als er die kurze Treppe zur Veranda hinaufstieg. Hinter der Fliegentür erschien eine Frau. »Alles voll für heute«, bemerkte sie, die Hände in die Hüften gestemmt. Mit harter Miene musterte sie sein Gesicht, ohne ihr Misstrauen zu verbergen.

»Ich will kein Zimmer.« Er übersprang alle Einleitungsfloskeln. »Ich brauch einen Arzt.«

»Sie sehn nicht krank aus«, erwiderte sie barsch.

»Nicht für mich. Für ein Kind.« Unwillkürlich brach ihm die Stimme. »Ein kleines Mädchen.«

Das Gesicht hinter der Fliegentür wurde weicher. Die Frau öffnete die Tür, worauf er sie, ohne das Maschengeflecht, deutlicher sehen konnte. »Der Doc isst hinten mit seiner Frau zu Abend.«

Als Ghan der Frau durch den Flur folgte, hallten ihre Schritte laut auf den glatten Bodendielen. Sie führte ihn durch das Wohnzimmer zur hinteren Veranda, wo sich ein gut gekleidetes Paar den Sonnenuntergang ansah. »Dr. Carlton«, setzte sie im gleichen barschen Ton an. »Der Mann will Sie sprechen. Sein Kind ist krank.«

»Ist nicht meins!«, fauchte Ghan. Die Bemerkung erschütterte ihn. »Hab es auf dem Weg gefunden, lag auf dem Boden, und die Sonne knallte drauf.« Schon diese Erklärung weckte die Erinnerung, und Panik breitete sich in seiner Brust aus. Nicht zusammenbrechen. Nicht hier.

Der blonde Mann tupfte seinen Mund mit einer Serviette ab und ließ sie auf den Teller fallen. »Wo ist es jetzt?«

»In meinem Wagen. Hab sie unter der Plane.«

»Dann helfe ich beim Tragen«, sagte der Doktor ruhig. »Mirabelle, hätten Sie noch ein Bett?«

»Ganz oben. Ich muss es nur kurz beziehen.« Mirabelle raffte den Rock und stampfte die mit Teppich ausgelegte Treppe hinauf.

Ghan ging durch den Flur zurück und verließ das Haus. Der Schwede folgte ihm schweigend. »Wo haben Sie sie gefunden?«, fragte er, und seine Stimme war so sanft wie die einer Frau.

»Mitten im Busch. Etwa fünfzehn Meilen weiter östlich.« Ghan zeigte auf seinen Wagen. »Sie ist da drin. Wollte ihr was zu trinken geben, aber mehr als ein paar Tropfen sind nicht dringeblieben.«

Neely hörte die Stimmen und kam heraus. Er ließ die Kippe fallen und trat sie mit seinem Stiefelabsatz aus. Der Arzt zog die Planenöffnung zurück und senkte, sobald er das Kind sah, den Blick. »Wir müssen schnell machen.«

Ghan drückte den schlaffen Körper, der so leicht war wie ein Jutesack, gegen seine Brust und trug ihn zum Gasthaus. Mirabelle spähte über das obere Treppengeländer. Ihre Halsmuskeln und ihr Kiefer spannten sich an, als sie befahl: »Hoch mit ihr! Das Bett ist fertig.« Es war die erste Stimme, die ihm so was wie Trost schenkte.

Ghan legte das Kind auf das Bett mit dem weichen Kissen und den gestärkten, weißen Laken. Das Zimmer war schlicht, aber sauber, sauberer jedenfalls als in jedem Krankenhaus. Nach wenigen Minuten hatte Mirabelle ihr die dreckigen Kleider und Strümpfe ausgezogen und sanft Hals und Gesicht gewaschen. Sie legte ihr einen kalten Waschlappen auf die Stirn. Dabei schüttelte sie die ganze Zeit den Kopf und gab missbilligende Geräusche von sich.

Der Doktor fühlte der Kleinen den Puls. Er zog ihre Augenlider hoch, prüfte die Pupillen und ließ die Lider wieder zufallen.

Dr. Carlton tauchte ein Laken in Wasser und packte das Mädchen lose darin ein. »Wir müssen ihre Temperatur senken«, sagte er. Er zog den Pfropfen von einem kleinen, stark riechenden Fläschchen und hielt es ihr unter die Nase. Das kleine Mädchen drehte mit einer Grimasse den Kopf weg, schlug die Augen auf und sah mit flackerndem Blick in ihre Gesichter, bevor sie bei Ghan innehielt. Er drückte sich mit dem Rücken an die Wand. Dankbarkeit durchströmte seine Brust. Dann schlug sie die Augen zu, krümmte sich schmerzverzerrt und stöhnte rau und heiser.

Mirabelle drückte sanft ihren Kopf ins Kissen. »Versuch, nicht zu weinen, Liebes.«

»Ich werde eine Salbe auf die Verbrennungen auftragen«, sagte der Doktor milde. »Sie warten wohl besser alle unten.«

* * *

»Wie heißen Sie?«, fragte Mirabelle, als sie in die Küche kamen.

»Claudio Petroni. Doch alle nennen mich Ghan.«

Sie runzelte die Stirn und sah ihn argwöhnisch an. Er zuckte mit den Schultern. »Ich kann gut mit Kamelen. Wie die Afghanen.«

Kamele. Neely. Transport. Die Welt war nur ein ferner Schatten. Ghan nahm an dem kleinen, runden Tisch Platz, wobei ihm seine staubigen Kleider und Stiefel in dem makellos sauberen Haus mehr als bewusst waren. Die Panik verflog langsam. Zurück blieb nur Erschöpfung. Er sank auf dem harten Stuhl zusammen. Das Mädchen würde überleben. Er konnte aufatmen.

Mirabelle erhitzte den Teekessel und verschränkte die Arme. Sie war eine starke Frau, keine hübsche.

Ghan stützte die Ellbogen auf das Wachstuch. »Gott sei Dank war der Doc hier. Weiß nicht, was ich sonst gemacht hätte«, bemerkte er. »Hatte gehört, in Leonora gäb’s ein Krankenhaus. Bin deshalb den ganzen Weg hergekommen.«

»Krankenhaus! Oh nein!«, schnaubte sie. »Frühestens in zwei Jahren. Ist alles schon in Perth beschlossen. Die Männer sitzen nur rum und reden drüber. Wär schön, wenn sie zur Abwechslung auch mal was machten.« Eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht, die sie nachdrücklicher als nötig wegblies.

Der Teekessel gab ein lautes Pfeifen von sich. Mirabelle holte einen Becher und Zucker und drehte die Gasflamme ab. »Der Doc arbeitet für die Plymouth Mine. In einem Jahr ziehen sie in die Nähe des Camps. Seine Frau tut mir leid. Da kann’s ganz schön einsam sein, den ganzen Tag so allein. Vor allem für eine Frau. Ihre blasse Haut wird schneller verbrennen als eine Scheibe Speck.« Sie schob den Becher zu ihm und schenkte ihm Tee ein, worauf eine Dampfwolke zwischen ihnen aufstieg. »Wollen Sie Kuchen dazu?«

Sein Magen meldete sich knurrend. »Wenn’s keine Arbeit macht.«

Mirabelle ließ ein Stück flachen, gelben Kuchen auf einen angeschlagenen Teller gleiten. Dann kamen die Carltons zurück, und Mirabelle brachte noch mehr Becher, Teller und Kuchen.

Das Gesicht des Doktors war müde und blass. »Ihre Temperatur ist stabil. Sie schläft jetzt.«

»Also kommt sie wieder in Ordnung?«, fragte Ghan, und vor lauter Erleichterung erschienen Fältchen an seinen Augenwinkeln.

»Sie hat schwere Verbrennungen. Das wird bei der Heilung sehr wehtun.«

Mirabelle schnaubte. »Ich möchte wissen, wo sie herkommt und wer ihr das angetan hat. Dem würd ich was erzählen. Aber ehrlich!« Sie wandte sich zu Ghan. »Wo haben Sie sie gefunden?«

»Im Busch. Etwa vier Stunden weiter östlich.«

»Und sie hat einfach so dagelegen?« Der Abscheu in ihrer Stimme fand ein Echo im scharfen Pochen in seiner Brust.

»Vielleicht ist sie von zu Hause weggelaufen und hat sich verirrt?«, bemerkte der Doktor.

»Da ist doch nur Wüste. Dort gibt’s keine Häuser«, erwiderte Ghan.

»Das Mädchen hat ein übles Zuhause. Ganz eindeutig. Ihre Kleider sind doch nur Lumpen.« Mirabelle wrang ein Küchentuch in ihren Händen, als wäre es ein Hals. »Diese verdammten Goldsucher kümmern sich doch einen Dreck um alles.«

»Nun, jedenfalls müssen wir die Behörden benachrichtigen«, sagte der Doktor. »Wie lange bleiben Sie in Leonora?«

»Gar nicht.« Ghan leerte seinen Becher in einem Zug, weil ihm aufging, wie viel Zeit schon verstrichen war. »Bin sowieso schon spät dran.«

Dr. Carlton riss die Augen auf. »Aber sie ist nicht transportfähig; sie ist viel zu schwach.«

Ghan sah erst Mirabelle und dann den Doktor an. Er war mit den Nerven am Ende.

»Na klar ist sie zu schwach! Ich nehm sie auch nicht mit, Herrgott noch mal!«

Stille senkte sich über die vier Personen am Tisch. Mrs. Carlton drückte ihren Mann am Arm, ihre Miene ein einziges Flehen. Dr. Carlton seufzte resigniert und wandte sich an Mirabelle. »Könnten wir das Mädchen hierbehalten?«

Die Muskeln an Mirabelles Hals spannten sich. »Das Mädchen tut mir leid, aber ich habe ein Gasthaus zu leiten und kann mich nicht um ein Kind kümmern.«

»Meine Frau würde das übernehmen. Vorübergehend.« Das letzte Wort sagte er mit besonderem Nachdruck, doch als er in das hoffnungsvolle Gesicht seiner Frau sah, wurde sein Blick weicher. »Wir würden für das Zimmer bezahlen. Wäre das in Ordnung? Nur für eine Weile.«

»Selbstverständlich.« Mirabelles Halsmuskeln entspannten sich. »Solange Sie dafür bezahlen.«

Mrs. Carlton lächelte und klatschte mit den Fingerspitzen.

»Morgen früh telegrafiere ich dem Constable.« Der Arzt holte einen Zettel und reichte ihn Ghan. »Wir brauchen Ihren Namen und Ihre Adresse, falls die Polizei Sie sprechen will.«

Ghan starrte auf Stift und Papier, mit denen er als Analphabet genauso wenig anfangen konnte wie eine Ziege. Er reichte sie zurück. »Ich bin bei der Bailen Mine in Menzies. John Matthews leitet sie. Der weiß, wo ich bin.« Wieder senkte sich Stille über das Zimmer.

Ghan wollte nicht bleiben, wenn der Nachschub zu spät kam, würde er gefeuert. Und einen neuen Job bekäme er nicht – kein Mensch stellte einen Krüppel ein. Und doch konnte er sich nicht rühren, wusste nicht, wie er aufbrechen und das Mädchen alleinlassen sollte. Er rieb sich über sein stoppliges Kinn. Die Augen aller ruhten auf ihm. Das Mädchen würde überleben; war das nicht genug? Schließlich hatte er alles getan, was man von einem Menschen erwarten konnte. Diese Leute würden sich um sie kümmern. Er hatte seinen Teil erledigt.

Ghan schluckte den merkwürdigen Kloß in seinem Hals herunter. »Ich geh dann mal.«

»Und Ihr Kuchen?«, fragte Mirabelle.

»Bin doch nicht so hungrig.«

Der Arzt stand auf. »Wir melden uns, falls die Polizei noch Fragen haben sollte.«

Mit einem hohlen Gefühl im Magen starrte Ghan von der Küche aus in den dunklen Flur, der zur Treppe führte. »Ist es in Ordnung, dass ich mich noch verabschiede?«

»Selbstverständlich«, erwiderte der Doktor. »Wecken Sie sie nur nicht auf.«

Ghan ging die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinauf und öffnete die Tür, die ziemlich laut quietschte. Die Kleine schlief, ihre hellbraunen Haare breiteten sich über dem Kissen aus, und ihre winzige Faust steckte unter ihrem Kinn. Ihre Haut glühte von den schrecklichen Verbrennungen, die durch die Salbe noch röter wirkten. Traurigkeit schnürte ihm die Kehle zu, während Dankbarkeit, dass die Kleine noch lebte, wieder einen Kloß anschwellen ließ. Er hoffte, der Rest ihres Lebens würde nicht mehr so schwer sein – sie würde nicht mehr tiefer sinken, ins Unaussprechliche – und ihre Verbrennungen würden keine Narben hinterlassen.

Ghan verließ das Zimmer so leise, wie er es betreten hatte, und stieg schwerfällig die abgetretenen Stufen hinunter. Auf dem Weg hinaus nickte er dem Doktor kurz zu und kam sich noch mehr wie ein Fremder vor als bei seiner Ankunft.

Er trat in den kühlen Schatten von Leonoras Hauptstraße und hatte sie schon halb überquert, als er Mirabelle rufen hörte: »Moment noch!« Sie kam ihm nachgestapft, und ihre breiten Hüften schwankten hin und her wie die Flanken eines Packpferds. »Ich hab noch ein paar Pasteten und den Rest vom Kuchen für Sie.« Sie gab ihm einen Korb, der mit einem Mulltuch abgedeckt war. »Dachte, Sie hätten vielleicht Hunger.«

»Nett von Ihnen, Mirabelle. Echt nett.«

Da berührte sie ihn am Arm und starrte ihm durchdringend in die Augen. »Die Kleine wäre gestorben, wenn Sie sie nicht gefunden hätten.« Sie drückte seine Finger. »Sie haben ihr das Leben gerettet.«

Ghan nickte kurz und blickte auf das Essen. Wieder bildete sich der merkwürdige Kloß in seinem Hals. »Danke für den Proviant, Mirabelle.«

* * *

Der Himmel war pechschwarz, doch der Mond warf sein Licht auf die stille Straße und ließ die Sterne flirren. In dieser Nacht würde er nicht schlafen, sondern weiterfahren nach Kookynie, in der Hoffnung, dass die Vorräte da noch warteten. Ausruhen konnte er morgen in der Tageshitze.

Im Wagen schnarchte Neely pfeifend unter einem Deckenhaufen. Der Wechsel von gnadenloser Hitze zu klirrender Kälte war genauso abrupt wie der von Licht zu Dunkelheit. Ghan war gegen beides unempfindlich geworden.

Neely wachte von seinen Schritten auf und rieb sich die Augen. »Wie geht’s der Kleinen?«

»Gut.«

Ghan reichte ihm den Essenskorb.

»Gott sei Dank!« Neely schnappte ihn sich. »Bin schon am Verhungern.« Dann hielt er inne und hob den Blick. »Soll ich fahren?«

»Nee, ich bin wach. Ruh dich aus, dann kannst du morgen übernehmen.«

Neely und sein Haufen aus Decken bewegten sich unter der Plane. Ghan stieß einen Pfiff aus und ließ über den Kamelen die Peitsche knallen. Während sie losrumpelten, kamen ihm Mirabelles Worte wieder in den Sinn. Sie haben der Kleinen das Leben gerettet. Er ließ die Worte in seinem Kopf nachhallen und dann in sein Inneres sinken. Tief dort drinnen erwachte etwas. Sie haben der Kleinen das Leben gerettet. Ein Grinsen erschien auf seinen Lippen, und seine gebeugten Schultern strafften sich; ein Lebensnerv surrte in seinem Körper.

Der Wagen rollte am Gasthaus vorbei. Im Zimmer des Mädchens brannte Licht. Sie haben der Kleinen das Leben gerettet. Etwas in seiner Brust, das zerquetscht und tief begraben war, spähte durch die Dunkelheit und blinzelte ins Fünkchen Licht.

Kapitel Vier

Die Hitze weckte sie; die Sonne versengte ihr das Gesicht. Doch das Brennen hatte sich verändert. Es atmete mit ihr, versteckte sich unter den Decken und biss bei der kleinsten Bewegung zu. Auch der Ort hatte sich verändert. Ihr Körper lag nicht mehr auf Steinen und Wurzeln, sondern auf weicher Fülle, bis sie sich bewegte; dann wurde es so scharf wie Scherben.

Langsam, blinzelnd, um nicht geblendet zu werden, öffnete sie die Augen und entdeckte, dass sie sie nicht zuzukneifen brauchte. Da war keine Sonne, nur ein Zimmer, nicht ganz hell und nicht ganz dunkel. Sie berührte ihre Wange, doch sofort kam sengender Schmerz.

Ihre Finger krümmten sich um die glatte, weiße Decke. Vor ihr ragte der Umriss ihrer Füße empor. Es gab ein kleines Fenster mit geschlossenen Vorhängen. Möbel, groß und dunkel, drängten sich an die Wände. In unsichtbaren Schwingungen verströmte das Zimmer sein Grau. Sie lag da, wach, brennend, und versuchte, sich nicht zu bewegen.

Da quietschte die Tür und warf ein Dreieck aus Licht auf die Bettdecke. Eine blonde Frau trat lautlos über den Teppich und setzte sich auf die Bettkante, so dass die Matratze einsank. »Dein Name?«

Die Frau wartete und schlug sich dann an die Brust. »Elsa. Mein Name: Elsa.« Sie legte den Kopf zur Seite. »Kannst du das sagen? El-sa.«

Keine Reaktion. Elsa klopfte auf das weiße Laken. »Schon gut. Das kommt noch. Zeit. Zeit.« Die Wörter klangen wie das Ticken der Uhr neben dem Bett.

Elsa streckte die Hand aus, ganz vorsichtig, da sie wusste, die brennenden Stellen würden nicht berührt werden. Die Frau strich ihr mit den Fingerspitzen übers Haar und schob es ihr hinters Ohr. Eher eine Brise als eine Berührung.

»Aufstehen?«, fragte Elsa. »Geht das?«

Sie schlug die Decke zurück. Ihr Nachthemd war neu und reichte ihr bis zu den nackten Füßen. Sie drehte sich auf den Bauch und glitt durch das Feuer zur Bettkante, wo sie die Füße auf den Holzboden sinken ließ. Es tat weh, aber nicht so weh wie die Flammen in ihrem Gesicht.

Elsa ging in die Hocke, bis sie sich in die Augen sehen konnten. Die der Frau waren feucht, aber nicht traurig; sie lächelte. »Gut. Sehr gut.« Sie stand auf und streckte die Hand aus. »Komm. Wir essen.«

Das kleine Mädchen ergriff die ausgestreckte Hand. Obwohl jene andere Hand sie erst vor ein paar Tagen zu einem Ort voller Schmerzen gebracht hatte. Obwohl ihr diese blasse, nach ihr ausgestreckte Hand völlig fremd war. Sie ergriff die Hand, denn ein Kind hat keine andere Wahl.

Kapitel Fünf

Ghan wurde langsam ein sentimentaler alter Narr. Sechs Monate war es her, seit er die Kleine in der Wüste gefunden hatte. Sechs Monate schon sah er jedes Mal ihr Gesicht, wenn er die Augen schloss; sechs Monate schon stockte ihm jedes Mal der Atem, wenn er an einem einsamen Gummibaum vorbeikam. Ihr Bild verfolgte ihn nicht wie die anderen Erinnerungen, sondern flatterte wie weiche Flügel über sein Gesicht und wärmte es wie eine Nachmittagsbrise. Aber ihr Schicksal belastete ihn wie sein steifes Bein und zog ihn zurück, wann immer er sich vorwärtsbewegen wollte. Er konnte die Fahrt nicht länger aufschieben.

* * *

Die Sonne war eine orangefarbene Blume mit tiefrosa Blütenblättern, die sich nach Osten und Westen öffneten, als Ghan wieder in Leonora einfuhr. Der Wagen hielt. Ghan rutschte von seinem Platz und gab dem Fahrer ein paar Scheine. Ihm war flau im Magen. Er drückte sich den Seesack in den Bauch und knitterte damit die neuen Hemden, die er zusammen mit den Vorräten gekauft hatte. Besser, er brachte es hinter sich; besser, sich wieder um Steine und Kamele zu kümmern, nicht um verdammte Schmetterlinge.

Die Luft war trocken und angenehm und mischte sich mit dem Duft der Rosen, die sich an Mirabelles Zaunpfosten hochrankten. Das scharfe Schaben von Besenborsten tönte von der Veranda und verstummte abrupt. »Ich glaub’s ja nicht«, rief Mirabelle aus dem Schatten des Vorbaus. »Jetzt sieh mal einer an, was der Staubteufel reingeweht hat!« Sie schüttelte den Kopf und lehnte den Besen gegen einen Balken. »Ich hoffe doch, Sie haben nicht noch ein Kind aus dem Busch gerettet?«

Ghan grinste die Frau an. »Tag auch, Mirabelle.«

Sie nickte dem abfahrenden Fahrer zu. »Wie ich sehe, haben Sie Ihre Kamele eingetauscht. Sind wohl auf Gold gestoßen?«

Es war ihm immer schwergefallen, mit Frauen zu reden, aber Mirabelle war eher wie ein Kerl. Sie machte das Reden leicht, so als wären nicht sechs Monate, sondern nur sechs Minuten vergangen.

»Schön wär’s. Hab in der Mine nur ein paar Tage frei genommen. Mache Urlaub, könnte man sagen.« Selbst das Wort klang seltsam.

»Und den wollen Sie im schönen Leonora verbringen? Da sind Sie dümmer, als Sie aussehen.« Ihr Ton war warm und scherzhaft. »Kommen Sie rauf, Ghan. Wie lang bleiben Sie?«

»Ein paar Tage. Wenn Sie was frei haben.«

»Genau wie beim letzten Mal. Sind nur die Carltons da. Und das Mädchen.«

Ghan verharrte mitten in der Bewegung. »Sie ist noch da?«

»Ist schon ein Wunder. Aber es fand sich niemand, zu dem sie gehört.«

»Wer sorgt denn für sie?«

»Die Frau vom Doc, Elsa. Kommen Sie, ich erzähl Ihnen die ganze Geschichte.«

Schweiß sammelte sich in den Furchen auf seiner Stirn. Das Mädchen sollte doch eigentlich nicht mehr hier sein. Er wollte kehrtmachen, verfluchte sich deswegen. Er war so ein verdammter Narr: ein erwachsener Mann mit Nervenflattern wegen einem Kind!

Ghan folgte Mirabelle durch den Flur, vorbei an vergilbten Tapeten mit Rosenknospen, über verblichene Läufer, die in der Mitte verschlissen, doch am Rand noch unversehrt waren. Ihm war es, als sähe er das alles zum ersten Mal. Vor sechs Monaten hatte er nur Augen für das arme Ding gehabt.

»Die Kleine ist in der Küche«, sagte Mirabelle forsch. »Ich hole was Kaltes zu trinken, während Sie ihr Hallo sagen.«

Kaum bog Mirabelles massige Gestalt Richtung Schränke ab, kam das Mädchen in Sicht, mit dem Rücken zu ihm. Die Verbrennungen in ihrem Gesicht fielen ihm wieder ein, und er wusste nicht, ob er das Mitleid aus seinem Blick halten konnte, wenn die Kleine entstellt war. Mirabelle tippte dem Mädchen auf die Schulter. »Wir haben Besuch.«

Sie drehte den goldenen Haarschopf zu ihm. Er blinzelte kurz, bevor er sich abwandte. Da waren keine Verbrennungen, keine Narben, nur das glatte Gesicht eines Engels, das ihn blendete.

Mirabelle reichte ihm ein Glas Eistee, ohne zu bemerken, wie seine Hand zitterte und die braune Flüssigkeit über den Rand laufen ließ. »Elsa ruht sich gerade aus«, sagte sie, holte einen Brotlaib heraus und fing an, dicke Scheiben abzuschneiden. »Der Doc ist bei der Mine.« Mirabelle legte das Brot auf einen Teller, schob den auf den Tisch, knallte ein Marmeladenglas auf die Anrichte und nickte dem Kind zu. »Nehmen Sie’s nicht persönlich, wenn sie nicht mit Ihnen redet. Tut sie mit keinem.«

»Gar nicht?«

»Kein Wort. Nicht ein einziges, seit sie hier ist.« Mirabelle sprach über die Kleine, als wäre sie auch taub. »Stört mich kein bisschen. Hab’s gern ruhig.«

* * *

Ghan konnte immer nur für kurze Zeit in dem kleinen Zimmer mit den blauen Tapeten und den gewachsten Holzdielen einnicken. Er versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal in einem Bett geschlafen hatte und nicht auf dem Boden oder einer Pritsche. Da sein Körper sich auf der weichen Matratze nicht entspannen konnte, lag er stocksteif da. Im Zimmer war alles still, doch das merkte er nicht, denn selbst nach all diesen Jahren über Tage hörte er immer noch das Schlagen der Picke auf Stein, ein unaufhörliches Ping im Gehörgang.

Der Geruch von Eiern mit Speck driftete ihm auf der Mitte der Treppe entgegen. In der Küche beugte sich Mirabelle mit einem Bratenheber über zwei zischende Pfannen. »Frühstück kommt in einer Minute.«

»Hoffe, Sie sind nicht nur wegen mir so früh auf.«

Mirabelle grunzte. »Bevor Sie einen Fuß aus dem Bett gesetzt haben, war ich schon mit der Wäsche fertig.« Sie stellte einen Teller mit dampfenden Eiern vor ihn. »Meistens weck ich morgens die Hühner.«

Das Fett vom Speck umschloss die Eier, als er sie in sich hineinschaufelte. »Hab gemerkt, dass die Haustür schief hängt. Könnte das reparieren, wenn Sie wollen.«

Sie lachte kurz auf. »Ich dachte, Sie hätten Urlaub.«

»Ja, ja.« Grinsend kratzte er sich am Kopf. »Ehrlich gesagt, kann ich nichts mit mir anfangen. Hatte vorher noch nie frei.«

»Das ist das Problem mit Leuten wie uns. Wir haben schon so lange gearbeitet, da können wir nicht mehr aufhören.«

Er hörte etwas über den Flur huschen. Und dann drückte sich das Mädchen in einem ordentlichen, blauen Kleid an den Türrahmen.

»Komm, hol dir dein Brötchen ab, Kind.« Mirabelle holte einen Teller aus dem Schrank. »Isst wie ein Vögelchen, die Kleine.«

Das Mädchen schwebte wie ein Geist durch die Küche. Eine große Traurigkeit durchströmte Ghan, als er sie aus dem Augenwinkel beobachtete. Es war, als wollte sie in den Schatten des Zimmers verschwinden. Dann vermischte sich Scham mit der Traurigkeit. Vielleicht hatte sie Angst vor ihm. Wäre nicht die Erste. Besser, das arme Kind in Ruhe zu lassen. »Dann nehm ich mir mal die Haustür vor.«

»Viel Vergnügen«, erwiderte Mirabelle, ohne sich von der Spüle umzudrehen. »Werkzeug ist im Schrank.«

Ghan holte einen Schraubenzieher heraus und hockte sich vor die verzogene Tür. Er hatte gerade das erste Scharnier abgeschraubt, als das Mädchen in den Flur gehuscht kam, sich ans staubige Fenster stellte und das Kinn auf den Arm stützte. Ghan warf einen Blick zu ihr, als er am Nagel zog. Guckt wie ein Welpe, dachte er. Als würde sie auf jemanden warten, der nie kommt. In der Stille des Flurs hörte er eine fette Schmeißfliege gegen die Scheibe prallen, ihre Flügel surrten vergeblich, um durch das schmutzige Glas ins Freie zu kommen.

Eine Wärme durchströmte Ghans Muskeln, die nichts mit der Arbeit zu tun hatte. Wäre nett, wenn ein Kind auf einen wartete, dachte er. Und jeden Morgen Eier mit Speck zu kriegen, die eigene Haustür zu reparieren. Er wischte sich mit dem Handgelenk den Schweiß von der schiefen Nase und sah die Narbensprenkel auf seinem Arm. Er biss die Zähne zusammen und hämmerte den Nagel mit dem Schraubenzieher ins Holz. Verdammter Narr.

Auf der Treppe hörte er Schritte. »Guten Morgen«, grüßte Elsa Ghan.

Dann knallte laut die Tür, und Ghan trat einen Schritt zurück. Elsa eilte zu ihrem Mann, umarmte ihn, nahm ihm leicht hektisch den staubigen Hut und Mantel ab. Dr. Carlton blickte, mit eindeutig finsterer Miene, zu dem Mädchen.

Elsa wuselte um den Doktor herum, hielt sein Gesicht mit beiden Händen und versuchte unmerklich, seinen Blick vom Kind abzuwenden. Ihre Muttersprache strömte heftig aus ihr heraus, bei allem Geplapper lag etwas Schrilles, Scharfes in ihrer Stimme, das jeden Satz wie eine Entschuldigung klingen ließ. Sie fasste ihn am Arm und zeigte auf Ghan in der Ecke.

Dr. Carlton senkte den Blick, weil seine Manieren ihn dazu zwangen. »Verzeihung, ich habe Sie nicht gesehen.« Er fasste sich schnell und richtete sich auf. »Ghan, oder?«

Ghan sah ihn prüfend an. »Ja, das ist richtig.« Irgendwas stimmte nicht mit dem Mann.

»Sind Sie für länger im Ort?«

»Ein paar Tage. Auf der Durchreise.«

»Ich habe vorne gar keinen Wagen gesehen. Ist der andere Mann mit Ihnen gekommen?« Der Arzt blickte zur Decke und überlegte. »Wie hieß er noch?«

»Neely«, antwortete Ghan. »Ist gestorben.«

»Das tut mir leid.« Keinerlei Gefühl schwang in den Worten mit, es waren nur Laute aus dem Mund eines Mannes. Wieder blickte er mit schweren Lidern zur Decke. »Ich muss mich waschen. Es war eine lange Nacht.« Er ging an Ghan vorbei und stieg die ächzende Treppe hinauf.

Ghan hielt seine Hände mit so viel Arbeit beschäftigt, wie er finden konnte. Am Nachmittag schwangen Fenster und Türen frei in gesäuberten Scharnieren, der Holzstoß war neu in gleichmäßigen, überkreuzten Reihen aufgestapelt, und der Riss in der Fliegentür war ordentlich mit Draht geflickt. Schweiß hatte sein hellbraunes Hemd schon dunkler gefärbt, doch er wollte nicht aufhören. Jeder freie Augenblick führte zu zitternden Fingern.

Mirabelle klopfte an die Fensterscheibe. »Kommen Sie aus der Hitze raus und essen Sie was!«

Ghan strich über das reparierte Maschengeflecht und ging durch die Tür, die Mirabelle ihm aufhielt. »Jetzt ist Schluss mit der Arbeit! Sonst komm ich mir noch faul vor!«, schalt sie. »Von wegen Urlaub!«

Dr. Carlton saß am Esstisch, hoch aufgerichtet, nur leicht an der Stuhllehne angelehnt, und las die Zeitung. Er hatte sich gewaschen, seine blonden Haare glänzten am Scheitel noch feucht, doch an seinen Augenwinkeln zeigten sich immer noch Fältchen der Erschöpfung.

Elsa kam herein und schob die Kleine an den Schultern vor sich her. Dr. Carltons leicht zusammengekniffene Augen folgten dem Kind, und seine Oberlippe kräuselte sich, als Elsa ihn auf den seidigen Schopf küsste. »Setz dich neben unseren Gast«, befahl er.

Der Blick der Kleinen streifte kurz Ghans Gesicht, bevor er sich abwandte. Er schluckte hart und wischte sich mit einem schmutzigen Taschentuch über die Stirn. Er spürte eine leise, warme Brise hinter sich, als das Mädchen neben ihm Platz nahm.

Schweigen lastete auf ihnen, bis Mirabelle mit einem Eisentopf in den Händen hereingeächzt kam. Sie belud die Teller mit dem Eintopf, und sein heißer Dampf brachte ihrer aller Gesichter zum Glänzen.

Ghan zupfte an seinem Hut, weil ihm schmerzlich bewusst war, dass sein muschelloses Ohr genau im Blickfeld des Mädchens lag. Er nahm die Gabel zur Hand und rieb nervös über das Silber. Ihm war jeglicher Appetit vergangen. Die Kleine beobachtete ihn, ihr Blick bohrte sich in seine Haut. Er war in seinem ganzen Leben noch nicht rot geworden, aber jetzt stieg ihm die Hitze vom Hals ins Gesicht. Er wünschte, sie würde sich abwenden. Kein Kind sollte so etwas Groteskes sehen.

Gottverdammtnochmal, hör auf, mich anzustarren! Ghan konzentrierte sich auf das Gewebe der Spitzendecke auf dem Tisch, spürte aber immer noch die Blicke. Musternd. Verurteilend. Elsa betrachtete ihn gedankenverloren, mit tief in ihren Höhlen liegenden, traurigen Augen. Mirabelle musterte Gabeln, Teller und unberührtes Essen. Und der Doktor schaute auch. Der Doktor beobachtete ihn, vermerkte Ghans Unbehagen mit scharfem Blick, und auf einmal umspielte ein Lächeln seinen Mund, das Ghan veranlasste, sich auf die Unterlippe zu beißen.

Er hätte nicht kommen sollen. Durch ihn wurde die arme Kleine nur an den Tag erinnert, an dem sie fast gestorben wäre – an ihren hässlichsten Tag. Hässlich. Hässlich. Er brachte nur Hässlichkeit in diese Welt.

Ghans Hand zitterte. Er ließ die Gabel los. Und da legte die Kleine ihre Hand auf seine. Diese Berührung verschlug ihm den Atem: fünf winzige, federleichte Finger krümmten sich über seinen knotigen Knöcheln.

Als er sie jetzt ansah – direkt –, wandte sie nicht ihren Blick ab. Ihr Engelsgesicht verzerrte sich nicht in Abscheu oder Angst. Stattdessen lächelte sie, und dieses Strahlen vertrieb jeden Schatten seit Anbeginn der Zeit. Die Kleine sah ihn an, als fände sie ihn schön.

Mirabelles Stimme schwirrte über einen erhobenen Löffel hinweg. »Sie mag Sie.«

Worte und Laute verschwammen. Die Nähte, die im Verlauf eines ganzen Lebens entstanden waren und seine harten Teile zusammenhielten, lösten sich mit der Berührung auf. Er schnappte nach den losen Fäden, wollte sie wieder zusammenknoten, doch der Blick war zu sanft. Diese schlichte Reinheit tat weh.

Ghan riss seine Hand weg und sprang unbeholfen auf, bevor seine Knochen sich noch auflösten. »Ich, ich muss an die Luft«, stammelte er. Er hielt den Stuhl an der Lehne fest, damit er nicht umkippte, und humpelte blind durch das Esszimmer, durchs Wohnzimmer, durch die Haustür ins blendende Licht der Sonne.

Als Ghan den Pub entdeckte, stürmte er in seinen Schatten und zog sich vor dem staubgefilterten Licht zurück. Der Pub war nicht nur Holz und Metall, denn der Geruch nach Tabak, Schweiß und abgestandenem Grog hüllte das Mobiliar ein und drang ihm in die Nase. Keine Blumen; keine geputzten oder mit Sand bestreuten Böden. Hier konnte er atmen. Und mit dem Zwielicht wurde sein Herzschlag langsamer, und er spürte wieder seine Füße in den Schuhen, und sein Kinn hörte auf zu zittern. Er suchte sich einen Hocker an der Bar und bestellte einen Whiskey. Eigentlich trank er nicht, aber jetzt brauchte er was, brauchte es mehr als die Luft zum Atmen. Ghan riss schon das Glas an seine Lippen, bevor die Flüssigkeit darin sich setzte. Sie lief brennend über seine Zunge, die Kehle hinunter in seine leere Magengrube, die augenblicklich warm wurde. Der Barkeeper blieb, wo er war, und schenkte ihm nach. Das zweite Glas hielt Ghan fest in seinen plumpen Fingern und kippte es nicht herunter. Der Barmann verstand den Wink und ging zum nächsten Gast.

Mit warmem Magen konnte Ghan denken, und er stieß matt die Luft aus, die er angehalten hatte, und rieb sich mit der Hand über die Augenbrauen. Jetzt konnte er wieder sehen, seine Pupillen waren im Dämmerlicht größer geworden. Ghan blickte auf die Theke und wusste nicht, wie er hierhergekommen war oder das Gasthaus verlassen hatte. Wollte auch nicht mehr darüber nachdenken, wollte überhaupt nicht nachdenken. Basta.

Der Pub kam ihm anders vor als vor sechs Monaten. Alles kam ihm anders vor. Alles an jenem Tag erschien ihm halb wie ein Traum, halb wie ein Alpdruck. Es war ein verschwommenes Durcheinander aus Hitze und Kälte, Übelkeit und Hochgefühl. Jetzt kippte er doch den Whiskey herunter und schloss die Augen, als es brannte, riss sie dann aber wieder auf, um den Schleier wegzuwischen. Er bedeutete dem Barmann nachzuschenken.

Brutale Kerle bevölkerten die Theke; brutale Kerle drückten sich in den Ecken herum; brutale Kerle tranken Schnaps und schlugen Falter zwischen ihren Händen kaputt.

Keine Schritte warnten ihn vor der Hand, die sich ihm auf die Schulter legte. Ghan sprang auf und verschüttete den halben Whiskey zwischen seinen Fingern. »Was zum Teufel!« Er schüttelte sich die Hand aus.

»Verzeihung«, lachte Dr. Carlton und drückte ihm die Schulter. »Ich wollte mich nicht von hinten anschleichen.« Er setzte sich auf einen Barhocker und knöpfte sich mit einer Hand die Jacke auf. »Ich dachte mir schon, dass Sie hier sind. Gibt ja auch kaum was anderes.« Er blickte lächelnd zu den Flaschen auf dem Regal. »Was dagegen, wenn ich Ihnen Gesellschaft leiste?«

Sein Tonfall zeugte von einer Mischung aus Amüsement und harter Entschlossenheit, als würde er ein Kuriosum der Wissenschaft sezieren. Ghan trank den Rest aus seinem Glas und schluckte ihn hart, doch jetzt brannte es nicht mehr so. Das fehlte ihm. Er erhob sich zum Gehen.

»Bleiben Sie, bitte.« Dr. Carlton winkte den Barmann zu sich. »Zwei Whiskeys. Wir haben was zu feiern.«

Ghan ließ sich wieder auf den Hocker sinken und drehte das leere Glas zwischen den Fingern. »Ja?«, fragte er desinteressiert. »Was denn?«

»Eine Wiedervereinigung natürlich«, erwiderte Dr. Carlton mit Nachdruck.

Der Barmann brachte eine neue Flasche und schenkte ihnen vorsichtig ein. Dr. Carlton hob sein Glas und stieß es mit breitem Grinsen an Ghans auf der Theke. »Prost.« Ghan presste die Lippen zusammen, während die Wut in seinem Magen stieg und sich in seine Gliedmaßen ausbreitete.

Dr. Carlton stützte sich lässig mit einem Ellbogen auf die Theke, verschränkte die Finger, schüttelte den Kopf und lachte über eine imaginäre Unterhaltung, die nur er mitbekam.

Ghan verdrehte die Augen und verlagerte sein Gewicht auf dem Hocker. Der Doktor ging ihm auf die Nerven, und der Whiskey verstärkte das nur. »Sind Sie betrunken, Doc?«

»Nein.« Wieder lachte der Arzt. »Nein, noch nicht.« Er blickte zur Decke. »Ich fasse es nicht, dass ich es nicht schon bei unserer ersten Begegnung bemerkt habe. Doch als ich Ihr Gesicht sah, wurde mir alles klar.« Er kippte seinen Whiskey herunter und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. »Schätze, manche Gebete werden doch erhört, was? Aber ich bin neugierig … wieso haben Sie es sich anders überlegt?«

Ghan fuhr sich mit der Zunge über die Innenseite seiner Wange. »Was denn?«

»Zurückzukommen.« Ein kaum merklicher Lachschluckauf ließ die Schultern des Arztes zucken. »Das Kind mitzunehmen, natürlich.«

Ghan hatte das Gefühl, er wäre in einer Spinnwebe gefangen und als wären seine Gedanken verklebt. Die Wut zog sich in ihm zusammen, aus allen Gliedmaßen, aus Vergangenheit und Gegenwart. Seine Finger wollten das Glas zerquetschen, während er eisig zum Doktor hinunterstarrte.

Dem gefror das Lächeln auf den Lippen. Dann lehnte er sich zu ihm, warf einen Blick zu den Männern an der Theke und senkte die Stimme. »Keine Angst. Das braucht niemand zu wissen. Man hat schon vor Monaten mit der Suche aufgehört. Sie haben mein Wort, es wird niemand davon erfahren, so als wäre es nie passiert.«

Ghan rieb sich mit der Hand über die stopplige Wange, während Weißglut durch seine Nerven surrte. Er versuchte, seinen Ton zu mäßigen, und sagte ruhig: »Als wäre was nie passiert?«

Der Arzt neigte sich noch näher zu ihm und flüsterte: »Dass Sie sie in der Wüste ausgesetzt haben. Dass Sie ihr Vater sind.«

Da schoss Ghans Zorn wie eine blaue Flamme durch seine Adern, bis hinauf zu den Schläfen. Er packte den Doc schnell wie ein Habicht, schloss seine Klauen um dessen Hals und drückte sie ins Fleisch. Die Wucht riss den Arzt von den Füßen und knallte ihn gegen die Theke, worauf ihre Gläser zu Boden fielen und in tausend Stücke zerbarsten. Alle Gesichter wandten sich zum Aufruhr, geschockt und kurzzeitig wie erstarrt, doch Ghan sah nur ein Gesicht, einen Mann: den, den er in seinen Händen hielt.

Als sich seine Finger stärker um die dünnen Knochen drückten, traten dem Doktor die Augen aus den Höhlen. »Du verdammter Bastard!«, knurrte er, und sein Speichel spritzte auf das violett anlaufende Gesicht. »Du glaubst, so was würde ich einem Kind antun? Du glaubst, ich würde das meinem eigenen verdammten Kind antun?«

Da traf etwas Hartes, Kantiges seine Kniekehlen, und als er einknickte, rutschte seine Hand von der Kehle des Doktors. Sekunden später wurde ihm ein Holzscheit unter das Kinn gedrückt, so dass er keine Luft mehr bekam. Starke Hände zogen seine Ellbogen nach hinten.

Dr. Carltons Gesicht bekam weiße Flecken, als er sich die Kehle rieb und die andere Hand hochhielt. »Stopp.« Durch sein Keuchen war seine Stimme kaum zu hören. Er richtete sich auf und zerrte am Holzscheit. »Stopp! Aufhören!«

Doch keiner der Männer ließ Ghan los. »Wir kümmern uns um den Krüppel, Doc!«, keuchte der Mann direkt an Ghans Ohr. Ghans Augäpfel verdrehten sich, seine Gliedmaßen wurden taub, und die dunklen Flecken vor seinen Augen wuchsen mit dem Schmerz.

»Nein!« Dr. Carltons Stimme war jetzt hart und streng, als er den Arm des Mannes wegzuzerren versuchte. »Es war meine Schuld. Ich habe ihn beleidigt. Lasst ihn los!«

Sofort verschwand das Holzscheit, und Ghan sank zu Boden. Luft strömte in seine gierigen Lungen, Erlösung und Qual zugleich, so dass er die Tischkante umklammerte. Er presste die Lippen zusammen und atmete mit geblähten Nasenflügeln ein. Die Gerüche kehrten zurück, schärfer noch als zuvor, stiegen auf vom Boden, auf dem er kniete: altes Bier, das ihm den Magen umdrehte; Schichten festgetrampelter, verrotteter Erde. Abgewetzte Stiefel entfernten sich schlurfend. An der Theke wurden Gläser und Gespräche wiederaufgenommen.

Eine blasse Hand streckte sich nach ihm aus. Ghan schlug sie weg, holte tief Luft, umklammerte den Rand der Theke und mühte sich wieder auf die Füße.

Mit von frischem Sauerstoff geschärftem Blick überflog er den Pub. Nicht ein Mann schaute zu ihm. Seine Lungen arbeiteten mühsam, während sein Körper schlaff und taub bis auf die Knochen war. Das Feuer von Whiskey und Wut war verpufft.

* * *

Der Doktor wies auf einen Stuhl. Sein Gesicht wirkte nun grau und alt. »Ich muss um Verzeihung bitten. Bitte setzen Sie sich. Bitte.«

Ghan setzte sich. Er war erschöpft. Mit dem Zigarettenrauch, der über ihren Köpfen schwebte, senkte sich Schweigen über sie. Keiner der Männer sprach oder bewegte sich. Zwei frische Whiskeys erschienen auf ihrem Tisch. »Nicht übel nehmen, ja, Kumpel?«, brummte der Barmann. Der Kampf war schon in den Fasern des Mobiliars verschwunden.

Als der Arzt nach einem Glas griff, zitterte seine Hand so heftig, dass der Whiskey bis an den Rand schwappte. Statt es an die Lippen zu setzen, stellte er es auf den Tisch zurück, senkte den Kopf und griff sich mit beiden Fäusten in die Haare. »Es tut mir leid. Ich kann nicht mehr geradeaus denken.« Aus seiner Stimme war alles Leben gewichen.

»Es wäre einfach perfekt gewesen.« Der Doktor hockte auf seinem Stuhl, und nur seine Augen bewegten sich in ihren Höhlen, hin und her, hin und her. »Wenn Sie der Vater des Mädchens wären, würde Elsa verstehen, dass sie wegmuss. Sie wäre traurig, aber sie würde es verstehen. Sie würde mich nicht hassen, weil ich sie wegschicke.«

Dr. Carlton schlug mit dem Glas auf den Tisch, mit jedem Wort stärker. »Immer wieder habe ich ihr gesagt, dass sie sie zu nah an sich rankommen lässt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Kleine wegkommt. Aber sie hat sich in den Kopf gesetzt, dass ich mich dran gewöhne und wir sie adoptieren.« Seine Stimme wurde rau. »Was nicht in Frage kommt.«

Ghans blinzelnde Augen funkten ihm eine Frage, die er verstand. »Ich hasse diesen Ort. Ich hasse ihn.« Sein geöffneter Mund war feucht und zitterte an den Winkeln. »Wir verschwinden an dem Tag, an dem mein Vertrag ausläuft. Ich kann kein weiteres hungriges Maul stopfen, und nichts soll mich hieran erinnern, schon gar kein Waisenkind.«

Er neigte sich zu ihm und wurde so deutlich, dass seine Züge sich anspannten: »Die Behörden müssen sich um das Kind kümmern, doch wenn ich mich an sie wende, wird Elsa mich hassen.« Er stieß ein kurzes, hohles Lachen aus. »Ich hab mir schon angewöhnt, die Kleine zu missachten. Manchmal denke ich sogar, ich hasse auch sie. Ist das nicht krank? Aber Sie verstehen das doch, oder? Sie verstehen, dass ich keine andere Wahl habe?«

Beide Männer schwiegen, während Worte Gedanken wichen. Draußen ging die sengende Sonne unter und lugte durch das Fenster über dem Eingang, blitzte in einem alten, an die Wand genagelten Spiegel auf.

Schweigend holte Dr. Carlton seine Brieftasche hervor, legte mehrere gefaltete Geldscheine auf den Tisch und ließ Ghan allein.

Die Sonne sank tiefer und verwandelte den Spiegel in ein grellweißes Rechteck. Sein Licht enthüllte eine Staubschliere in der Luft, deren Partikel silbern funkelten. Ghans Gedanken kehrten zu dem Kind zurück, und Leere breitete sich sanft in ihm aus. Man würde sie wegbringen. Man würde sie aus diesem Haus reißen und sie wieder in den Staub werfen. Allein. Sie hatte keine Stimme, konnte nicht für sich sprechen. Er dachte, er hätte sie gerettet. Sonst wäre sie gestorben. Aber der Tod kommt schnell und hat ein Ende. Sie hatte nicht darum gebeten, gerettet zu werden oder Verbrennungen zu erleiden oder von Ort zu Ort, von Hand zu Hand weitergereicht zu werden wie ein gebrauchter Jutesack.

Alle Geräusche im Pub verschmolzen zu einem gedämpften Summen. Der Atem der Kleinen schwebte um ihn herum; ihr Strahlen drang in seine Gedanken; ihre Frische vertrieb den schmierigen Kneipengestank. Nein, er hatte sie gerettet, und er bedauerte es nicht.

Dann trat ein Bild vor sein inneres Auge: ein Bild von ihm, wie er pfeifend zur Arbeit ging, und das Kind ritt auf seinen Schultern, umschlang lachend seinen Hals. Er hatte sanft ihre bestrumpften Knöchel umfasst, und sie wusste, dass sie in Sicherheit war; er wusste, dass sie in Sicherheit war.

Dann betrat jemand die Bar und sperrte die Sonne aus. Die Stille wurde von trunkenen Rufen unterbrochen. Der funkelnde Staub verschwand, und das Lichtrechteck verdunkelte sich wieder zu einem grauen Spiegel. Und in diesem Spiegel sah er sein Gesicht: ein hartes Gesicht mit dunklen Augen und hoher Stirn, mit vernarbter, stoppliger Haut; ein schiefes Gesicht mit nur einem Ohr und breiter, eingedrückter Nase. Jetzt sah er ein neues Bild vor sich. Er sah einen Engel, den ein Monster trug. Sah einen Mann, der unter ihrem Gewicht taumelte, weil sein verkrüppeltes Bein sich bei jedem Schritt verdrehte. Sah die grauen Wände mit der abgeplatzten Farbe vor sich, von dem engen Herbergszimmer, das sie mit ihm teilen musste. Sah die Angst in ihren Augen, wenn betrunkene Grubenarbeiter Flaschen unter seinem Fenster zerschlugen und sich prügelten. Sah, wie Schürfer ohne Frau jedes weibliche Wesen, ganz gleich wie alt, musterten.

Er sah jetzt vieles, sah es ganz deutlich. Sah, dass er nicht hätte zurückkommen dürfen. Sah, wie lächerlich sein Urlaub und die neuen Hemden waren. Sah, dass dieser Teil seines Lebens enden musste – dieser Traum musste aufhören und verschwinden. Sein Körper wurde wieder hart und schwer wie Blei. Es war Zeit zu gehen.

* * *

Ghan blickte auf das Gesicht des Mädchens, das auf dem Kissen ruhte: Er wusste, er würde es nie mehr wiedersehen.

Unter seinem Gewicht knarzten die Stufen laut, und er verfluchte sie, als er sich einen Weg durch die Dunkelheit ertastete. Wie bei einem langsamen Sonnenaufgang wurde der Flur in einer Ecke hell. »Sie gehen?«, fragte Mirabelle, mit einer Kerosinlampe in der Hand.

Er rieb sich über die Wange und bemühte sich, ganz normal zu klingen. »Hab vergessen, dass eine Warenladung von Murrin Murrin kommt. Dachte, ich könnte helfen«, log er.

»Nun, dann hole ich schnell Ihr Geld. Sie haben für eine Woche bezahlt.«

»Behalten Sie’s.«

»Aber ich schulde Ihnen auch was für die Reparaturen.«

»Ich würde nichts annehmen.« Seine Stimme duldete keinen Widerspruch. Mirabelle nickte. Einen Augenblick schwiegen sie beide, dann erwähnte Ghan die Person, an die sie beide dachten. »Sie wird bald weg sein. Er gibt sie ab.«

»Ich weiß.« Mirabelle straffte sich rasch. »So ist es am besten.«

Ghan nickte. Verlegen drehte er einen großen Umschlag in seinen Händen, so dass die Münzen darin klimperten, und knickte ihn an den Ecken. »Könnten Sie dafür sorgen, dass ihr das mitgegeben wird?« Er reichte ihn Mirabelle. »Es ist nicht viel, aber vielleicht hilft’s.« Er konnte in der Dunkelheit nicht ihr Gesicht sehen, doch als sie antwortete, klang ihre Stimme sanfter, wie die einer Frau. »Das werde ich.«

Nun konnte er gehen. Das Kind würde ihn nicht mehr belasten und behindern wie sein steifes Bein. Zur Hölle, vielleicht würde er sogar zum Schlachter gehen und es sich ein für alle Male abnehmen lassen: Je weniger von ihm blieb, desto besser.

Kapitel Sechs

Sie wartete im Bett auf Elsa, aber Elsa kam nicht. Ihr hungriger Magen zischte und gurgelte mit einem brennenden Schmerz, der seit den ersten Sonnenstrahlen immer größer wurde. Sie verschränkte die Arme darüber, stieg vom Bett und schlich durch die Stille die Treppe hinunter. Am Fuß der Treppe sah sie ein Kleid an der Garderobe, ein kleines, aus weißer Baumwolle, hübsch und neu; am Ärmel hing noch ein Schildchen. Sie schmeckte etwas Saures im Mund.

Am Ende des Flurs hörte sie ein vertrautes Scheppern. Sie folgte ihm in die Küche, wo Mirabelle in der Spüle einen Topf schrubbte. Sie spähte am Türrahmen vorbei und beobachtete die Frau. Mirabelle schrubbte den Topf immer weiter, obwohl er schon ganz sauber war. Ihre Ellbogen ruckten hin und her, und von der heftigen Bewegung hatten sich aus ihrem Knoten ein paar Strähnen gelöst. Dann hielt sie inne und schleuderte plötzlich den Schwamm mit dem Schaum gegen das Fenster. Sie senkte den Kopf zwischen ihre Schultern, die mit einem Mal nicht mehr so stark wirkten.

Ihr Magen brannte, und sie drängte sich enger an die Wand. Mirabelle drehte sich um und schrak zusammen, als sie sie auf der Türschwelle sah. Ihre Augen waren müde und rot gerändert.

Mirabelle richtete sich auf und rieb sich die Hände an ihrer nassen, am Bauch umgeschlagenen Schürze ab. Sie säbelte dicke Scheiben von einem Laib Brot und griff dann nach einer Schale Pfirsiche, ohne ihr in die Augen zu sehen. »Iss das ja auf«, sagte sie sanft.

Das Brot zerbröselte trocken in ihrem Mund. Sie wollte es nicht essen, schluckte aber jeden Krümel, obwohl dadurch das Brennen im Bauch nicht besser wurde, sondern schlimmer. Mirabelle kam zu ihr, legte ihr sanft die Hand auf die Schulter und sagte viel zu sanft: »Komm, machen wir uns fertig, ja?«

An Mirabelles Hand wurde ihr ganzer Körper taub und kalt: das Ziehen der Hand, der leere Blick, die Stille. Mirabelle führte sie ins Wohnzimmer, zog sie aus und ließ das neue Kleid über ihre zarten Schultern gleiten. Aus dem Schrank holte sie winzige schwarze Lackschuhe mit silbernen Schnallen über den Riemen. Abwesend, mit zusammengepressten Lippen zog Mirabelle sie ihr an und wich ihrem Blick aus. »Wird schon nicht so schlimm werden. Du wirst sehen.« Der Frau brach die Stimme. »So ist es am besten.« Ihre Wangen färbten sich rot, als sie das sagte.

Mirabelles Finger waren zittrig und ungeschickt, als sie ihr die steifen Schuhe über die Strümpfe streifte und dann die Fältchen am Ärmel glättete. Endlich sah sie ihr in die Augen und sagte abschließend: »Komm. Zeigen wir Elsa, wie hübsch du aussiehst.«

Die neuen Schuhe klapperten hohl, als sie das Schlafzimmer betraten. Elsa saß aufrecht im Bett und schluchzte mit zuckenden Schultern in ein Taschentuch. Als sie sie sah, putzte sie sich rasch die Nase und steckte das Taschentuch unters Kissen. Ein Lächeln breitete sich über ihre Lippen aus, und sie sagte in stockendem Englisch: »Oh, so hübsch! So, so hübsch!«

Sie streckte die Arme aus und winkte sie zu sich.

Da knallte die Haustür.

Schritte und knarzende Stufen. Leise Männerstimmen.

Elsa zog sie heftig an sich und vergoss neue Tränen auf ihr Haar.

Geräusche durchfluteten das Zimmer.

Panik brach aus, drückte sich gegen ihre Haut, pochte in jeder Faser ihres Körpers. Elsa quetschte sie heftig an sich, so dass ihr schmerzhaft die Luft wegblieb. Eine heiße Welle stieg durch ihr Inneres, und ihr Geist verschloss sich wie eine Muschel, alles in ihr zog sich zurück, zog sich immer mehr zusammen. Gedämpfte Geräusche prallten an ihrer geschlossenen Schale ab: Weinen, Schreien, Betteln.

Ihre Arme wurden in zwei verschiedene Richtungen gezogen, ihre Füße plötzlich vom Boden gehoben. Sie kniff die Augen zu.

Jetzt wurde sie schnell durchs Haus getragen, die Treppe hinunter und aus der Haustür, die Elsas Schreie mit einem lauten Knall ausschloss. Starke Arme hielten sie fest umfasst; ein Mann atmete ihr keuchend ins Ohr, während ihr Gesicht hart gegen den kratzigen Stoff einer Uniform gedrückt wurde. Jeder Gedanke verhallte im ohrenbetäubenden Dröhnen in ihrem Kopf. Ihre Sinne erwachten: der Geruch nach Pferden, das Geräusch der Stiefel im Staub, der Geschmack von Blut, als sie sich auf die Lippen biss – während alles andere erstarb.

Als der Mann sie auf einem glatten Ledersitz absetzte, kauerte sie sich blind in eine Ecke. Räder ratterten und schubsten ihren Kopf zwischen Sitz und Kutschentür. Ihr ganzer Körper pochte und brannte. Unter ihren Augenlidern erhaschte sie einen Blick von den neuen Schuhen, die ihr schlaff an den Füßen hingen und jetzt schon verschrammt und mit rotem Staub überzogen waren.

Sie ließ die entlegene Wüstenstadt in einer Staubwolke hinter sich – den Ort, der ihr kaum mehr gab als ihren Namen: Leonora.

Teil Zwei

Kapitel Sieben

Eine verschwommene Abfolge von Händen, Menschen und Häusern, von Männern in Uniform prägte die folgenden Monate. Noch eine Reise und ein Polizist, der die Kutschentür öffnete. »Raus mit dir.« Grunzend schob er seinen Helm zurück, so dass ihm der Kinnriemen eine weiße Linie in die rote Haut schnitt. »Komm schon, Kind; wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Er umfasste ihre Hände und schwang sie aus der Kutsche.

Ein gefällter Baum ohne Rinde, der seine Wurzeln wie knochige Finger himmelwärts streckte, versperrte ihnen den Weg. Scherben bedeckten die Steinplatten und blitzten weiß zwischen Grasflecken auf. Neben der Kirche lag Sperrmüll: aufeinandergestapelte, kaputte Stühle, lose Backsteine mit Mörtel, aufgeklappte Bücher mit schimmligen Seiten. Der Polizist ließ ihre Hand los. Ihr Mund wurde trocken. In der Ferne toste das Meer, doch ihr donnernder Herzschlag übertönte es.

In der breiten Kirchenpforte erschien ein Priester. Er war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und schwebte wie ein gravitätischer Schatten über den Kies auf sie zu. »Guten Morgen, Constable«, sagte er ausdruckslos.

»Morgen, Pater McIntyre.« Der Polizist musterte die Planen und die zerbrochenen Fenster des Waisenhauses und rieb sich über den dicken Bauch. »Mann, der Wirbelsturm hat bei Ihnen aber einiges angerichtet, Pater. Wie wollen Sie das alles wieder reparieren?«

Der Priester seufzte und tappte mit dem Fuß. »Ich habe an den Bischof geschrieben. Das Geld wird schon kommen.«

»Hoffen wir es. Geraldton hat schon was abgekriegt, aber hier, puh …« Der Polizist wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und blickte auf die dezimierte Gruppe geknickter Bäume. »Kein Vergleich zu hier. Ich fürchte, Sie haben das meiste abbekommen.« Er kratzte sich abwesend in der Nase. »Wie auch immer«, sagte er und senkte den Blick auf sie. »Ich hab wieder eins für Sie.«

»Das sehe ich.« Die Miene des Priesters war unbewegt, sein Ton streng. »Ein bisschen mehr Vorlauf wäre angezeigt gewesen. Sie sagten doch, sie käme erst in einem Monat.«

Der schwitzende Polizist zuckte die Achseln. »Stand nicht in meiner Macht. Die Kleine hat schon zwei Heime hinter sich. Dass sie nicht redet, hat alle verrückt gemacht. Ich hatte sie eine Woche am Hals.«

Sie schluckte und senkte den Blick auf den Kies. Das Brennen kroch in ihren Bauch und breitete sich bis zu ihrem Gesicht aus.

Pater McIntyre räusperte sich und senkte sich dann auf ein Knie. Sanft hob er ihr Kinn, bis sie ihm direkt in die Augen schauen konnte. Das Brennen wurde schwächer. Sein Gesicht war sanft und ruhig. Er nahm ihre Hand und hielt sie in seiner warmen Handfläche. »Wir freuen uns, dass du gekommen bist. Leonora, richtig?«

»Ist nicht ihr richtiger Name«, warf der Polizist ein und knibbelte wieder in der Nase. »Ist nach einem Ort im Busch benannt. Sie können sie nennen, wie Sie wollen.«

Der Priester wandte nicht den Blick von ihr, presste aber die Lippen zusammen. Dann drückte er ihre Hand, und seine Lippen entspannten sich wieder. »Ich finde, Leonora ist ein sehr schöner Name. Sollen wir ihn behalten?«

Sofort füllte sich ihr Mund mit Watte: Sie sollte sprechen. Stocksteif stand sie da. Doch im Gegensatz zu den anderen, die sie kalt angestarrt oder kurz geschnaubt hatten, lächelte Pater McIntyre noch breiter. Er neigte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: »Dies ist ein guter Ort.«

Sie überflog mit dem Blick die baufällige Kirche und das verwüstete Gelände. Der Priester folgte ihrem Blick und nickte. »Das wird schon wieder, Leonora. Die Zeit heilt alle Wunden.« Ein fast verschliffener schottischer Akzent rundete seine Worte, und so aufrichtig und aufmunternd klangen sie, dass sich ihre Kehle und ihre Schultern entkrampften.

»Wir werden uns gut um dich kümmern.« Damit stand er auf, und seine würdevolle, schwarze Gestalt ragte in den Himmel, als er die Hand nach ihr ausstreckte. »Versprochen.«

Kapitel Acht

Pater McIntyre brachte seinen Morgentee nach draußen. Vom Meer kam eine leichte, salzige Brise und mit ihr das Bild gegen die Klippen krachender Wellen. Der dunkelblaue Himmel klammerte sich gierig an die letzten Sterne, die einer nach dem anderen im breiter werdenden Streifen des Morgenlichts verblassten. Lebendigkeit lag in der Luft: Es war Gottes Stunde.

Im Jungenschlafsaal war noch alles still. Das mit einer Plane abgedeckte Dach hielt kaum den Morgentau ab. Der Sturm hatte jede einzelne Scheibe zerbrochen; Sperrholz schützte jetzt die Öffnungen. Die kleinen Füße mussten immer noch über Scherben im Gras laufen. Der Mädchentrakt sah nicht besser aus. Die Schlafsäle zweigten in Flügeln vom Hauptgebäude ab, und der Sturm hatte sie einfach abgeschnitten.

Pater McIntyre ging ums Gebäude zu der Ruine aus Backsteinen und Mörtel, die einst seine persönliche Bibliothek dargestellt hatte. Von dem Anblick bekam er immer noch ein hohles Gefühl im Magen. All die Bücher, die er ein ganzes Leben lang zusammengetragen hatte: Shakespeare, Dickinson, Poe – waren ins Meer geweht, von Ästen aufgespießt und bis zur Unkenntlichkeit durchnässt worden. Ist doch nur Druckerschwärze auf Papier, ermahnte er sich wieder einmal. Nicht ein einziges Kind war verletzt worden. Fleisch und Blut waren stärker gewesen.

Er hatte seinen Tee ausgetrunken, als die Morgendämmerung die letzten Sterne gepflückt und die Klippen überflutet hatte. Das kleine Mädchen kam ihm in den Sinn, das ein paar Tage zuvor eingetroffen war, und es schnürte ihm die Kehle zu. Noch eine Waise. Ein Kind ohne Stimme, doch mit dem Licht der Unschuld im Blick.

Dann ertönte die Messingglocke, sieben Schläge. Sein Quäntchen Ruhe war vorbei. Die Kinder würden in Kürze mit dem Frühstück fertig sein. Die häuslichen Pflichten begannen. Schon bald würden das Plappern junger Stimmen und das Trippeln kleiner Füße jeden Zentimeter des Waisenhauses erfüllen, und seine Arbeit würde beginnen.

* * *

Gegen Mittag umhüllte der Salzgeruch vom Meer die Felder, geleitete Pater McIntyre über den steinernen Pfad und vermischte sich mit dem faulig süßen Nektar des Obstgartens. Knorrige, abgeerntete Apfelbäume standen so dicht beieinander, dass sich ihre Äste miteinander verhakten und die Reihen wie zusammengenäht wirken ließen. Die Erntezeit war vorbei, die letzten Körbe mit entkernten Früchten in den Ort geschafft und der Rest vom Sturm ins Meer geblasen. Vögel, die jetzt keine Konkurrenz mehr zu fürchten brauchten, pickten an den Überbleibseln.

Pater McIntyre stieg vorsichtig über die zermatschten Früchte. Ein älterer Junge mit aufgerollten Hemdsärmeln balancierte auf einer Leiter und beschnitt die Äste. Ein kleinerer Junge saß am Fuß der Leiter und untersuchte einen verschrumpelten Apfel auf Ameisen.

»Dylan!«, rief der Priester. »Hast du James gesehen?«

Der Junge auf der Leiter drehte sich um und legte die Astschere auf die Schulter. »Zuletzt in der Scheune.«

»Erledigt seine Pflichten«, ergänzte der Ameiseninspektor hilfsbereit.

»Bist du mit deinen fertig?«, fragte Pater McIntyre.

»Ja, Sir.«

»Guter Junge.«

Ruhig bahnte er sich einen Weg zur Scheune auf der unteren Wiese, und sein schwarzer Talar bildete einen scharfen Kontrast zu den weiß gebleichten Kieseln, die das Meer angeschwemmt hatte. Unten angekommen, lehnte sich Pater McIntyre leise gegen das alte, warme Holz und sah zu, wie der Junge Heu in den hinteren Stallbereich fegte. Der Besen, der noch immer zu groß für ihn war, drohte seinen Händen zu entgleiten, während er den Boden um die Pferdehufe säuberte.

James wurde älter – noch war er ein Kind, doch mit jedem Tag weniger. Pater McIntyre betrat die Scheune, in der sich die Hitze drückend staute. James wischte sich die Stirn am Ärmel ab, dann tätschelte er der Stute sanft die Nase. Doch das Pferd wich erschrocken zurück.

Pater McIntyre griff nach dem Geschirr. »Hoo! Was ist denn in sie gefahren?«

James blickte überrascht zu ihr auf. »Keine Ahnung. Sie ist nicht sie selbst.«

»Hast du den Stall auf Schlangen untersucht? Letzte Woche habe ich die kleine Mutterziege an eine verloren.«

James’ Miene hellte sich auf. Er tauschte den Besen gegen eine Heugabel und stocherte in dem hohen Heuhaufen. Da schoss eine lange, braune Schlange aus dem aufgewühlten Heu und schlängelte sich durch seine Beine. Das Pferd geriet in Panik und schlug mit den Vorderhufen in die Luft.

»Ich hab sie in eine Ecke gedrängt!«, rief James.

Pater McIntyre erschauerte. »Komm dieser Schlange ja nicht zu nah, James! Schlag sie nur schnell tot!«

Pure Verwirrung malte sich auf dem Gesicht des Jungen. »Ich kann ihr doch nichts tun, Pater.« Mit einer schnellen Bewegung hob er sie mit der Forke hoch, trug das sich windende Reptil zur Scheunentür und schleuderte es weit auf die Wiese hinaus.

»Um Himmels willen, James!« Pater McIntyre war entsetzt. »Tu das nie wieder. Die Welt kann ohne weiteres mit einer Schlange weniger auskommen.«

James runzelte die Stirn. Stroh und Grassamen klebten ihm im Haar und an den verschwitzten Unterarmen. Pater McIntyre schüttelte den Kopf, lachte über die todernste Miene des Jungen und tätschelte ihm den Kopf, worauf eine staubige Wolke aus winzigen Strohhalmen aufflog. »Furchtlos. Schon immer gewesen.«

Als James dem Pferd sanft über die Nase rieb, beruhigte es sich. Daraufhin packte er sich erneut die Heugabel und schob den Haufen wieder zusammen.

Pater McIntyre hielt ihn auf. »Komm mal mit raus und setz dich mit mir zusammen.«

»Und meine Pflichten?«

»Die können warten.«

Pater McIntyre und James ließen den durchdringenden Stallgeruch hinter sich und lehnten sich draußen gegen einen sonnengewärmten Felsen. Pater McIntyre gab ihm ein braunes Päckchen. »Herzlichen Glückwunsch.«

Der Junge wog es in seiner Hand. »Aber wir kriegen doch eigentlich keine Geschenke.«

Der Pater lachte leise. »Ab und zu gibt es eine Ausnahme. Los, James. Mach’s auf.«

Widerstrebend knotete der Junge die Schnur auf und schälte das Papier ab. Seine Miene blieb unverändert, als er auf die dicke Lederbibel starrte.

»Die ist neu, keine gebrauchte aus der Kirche«, erklärte Pater McIntyre. »Hör mal, ich weiß, du hättest dir vielleicht was anderes gewünscht, aber« – er suchte nach den richtigen Worten– »aber du könntest darin nach Antworten suchen. Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann mal.«

James blickte auf das Buch in seinen Händen. »Danke, Pater.«

Pater McIntyre wusste nicht, ob er den Jungen schütteln oder umarmen sollte. Also kniff er ihm nur ins Kinn. »Warum guckst du immer so ernst, mein Sohn?« James antwortete nicht, doch das hatte er auch nicht erwartet.

Pater McIntyre blickte den Steinpfad hinunter. »Hier habe ich dir das Laufen beigebracht.« Er zeigte zu einer Ecke der Scheune. »Dort, auf der ebenen Stelle. Kaum waren deine Beine kräftig genug, sind wir jeden Tag hierhergekommen und haben geübt. Du hast meine Zeigefinger mit den Fäusten umklammert und so fest zugedrückt, dass sie weiß wurden.« Er blickte auf seine Finger und sah es wieder vor sich. »Du warst wild entschlossen zu laufen. Kaum konntest du krabbeln, hast du auch schon versucht, dich auf deinen wackligen Beinchen aufzurichten.«

Die Sonne warf ihr warmes Licht auf den bernsteinfarbenen Scheitel des Jungen, der golden aufleuchtete. »Ich weiß noch, wie man dich mir in den Arm gelegt hat, da warst du gerade mal eine Woche alt. Du wurdest knallrot und hast so heftig geschrien, dass ich dachte, du würdest platzen.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und starrte mit weit aufgerissenen Augen in die Vergangenheit. »Ich hatte solche Angst. Meine Hände zitterten so stark, dass ich dachte, ich würde dich fallen lassen. Ich war ja selbst erst einen Monat hier.« Er lächelte James an. »Du und ich sind zusammen hier gewachsen, mein Sohn. Wir haben uns auf diesem Weg gegenseitig gestützt.«

Er betrachtete das Profil des Jungen und fragte sich, welche Gedanken sich hinter dieser Stirn verbargen. James war ein guter Junge. Ein guter, wunderbarer Junge, und er liebte ihn, wie ein Vater seinen Sohn. Nicht wie ein ordinierter Pater, sondern wie ein echter Vater.

James hatte ein gutes Leben im Waisenhaus; da war er sicher. Er wurde ernährt und erzogen, man brachte ihm bei, ordentlich zu sprechen, ohne den üblichen Slang der Kinder. Er wurde nicht schikaniert und war der Liebling der Nonnen. Doch der Junge hatte keine Freunde und schien auch keine zu brauchen. Allein oder in Gesellschaft von Tieren wirkte er zufriedener. Seit seiner Geburt hatte James etwas gefehlt, und noch nach neun Jahren hatte Pater McIntyre keine Ahnung, was es war.

Er zog James auf die Füße und zwinkerte ihm zu. »Los. Du hast Geburtstag. Die Pflichten können bis morgen warten.« Er wusste schon, wohin der Junge gehen würde. »James!«, rief er dem Jungen nach, der schon zum Meer hinunterlief. »Vergiss nicht! Nicht zu nah an die Klippen!«

Kapitel Neun

James lehnte sich an den Stamm der Trauerweide, die einen filigran durchlöcherten Schatten um sich breitete. Er saß da, das eine Bein gestreckt, das andere angezogen, und presste sein Kinn aufs Knie. Da schoss ein Ball durch die Äste und traf ihn fast am Kopf.

»Hey, da hinten!«, brüllte ein Junge vom Spielfeld. »Wirf ihn zurück!«

James schmiss den Ball durch die Luft.

»Willste nicht mitspielen, James?«

»Nee.« James setzte sich unter den Baum zurück und zeichnete mit einem krummen Stock Linien in die weiche, braune Erde. Das Stimmengewirr der Kinder umhüllte ihn wie das Summen der Insekten.

Meghan Mahoneys Schatten fiel über seinen Fuß, als sie, mit zwei anderen Mädchen kichernd, vorbeischlenderte. »Da ist sie ja!«

James seufzte, kratzte entschiedener über die Erde und wünschte sich, ihre Stimmen wären weit genug entfernt, um mit dem anderen Insektensummen zu verschmelzen.

»Leonora! Hey, Leonora, was machst du da?« Meghans Rufen galt dem kleinen Mädchen, das sich im Schatten versteckt hatte.

»Ach ja! Sie kann ja nicht sprechen. Die Arme. Soll ich es dir beibringen? Ich bin eine sehr gute Lehrerin.« Die Mädchen kicherten. »Sprich mir nach: Ich bin ein dummes, hässliches Mädchen. Los, sag es mit mir zusammen: Ich bin ein dummes, hässliches Mädchen.«

James bohrte sein Kinn ins Knie und blickte sich nicht um. Das brauchte er auch nicht, er wusste genau, wie Meghans Gesicht mit den Sommersprossen aussah, wenn sie das neue Mädchen quälte. Er kratzte so hart mit dem Stock über die Erde, dass er ihm in der Hand zerbrach.

»Du redest also nicht, wie? Wie wär’s dann mit Singen? Ich kenne ein schönes Lied. Hab ich mir extra für dich ausgedacht.«

Leonora, Leonora,

in der Wüste lag sie

sterben sollte sie

und ihr Vater lachte wie ein Kookaburra

Von den Worten wurde James übel. Er warf Blicke wie Dolche nach den Mädchen und bekam ganz kurz Leonoras Augen zu sehen, als sie zu ihm herüberhuschten. Kein Zorn, keine Tränen zeigten sich darin, nur Sanftheit. Hitze schoss in ihm hoch. Er konnte es beenden. Aber dann würde es morgen weitergehen, und übermorgen. Es würde noch schlimmer werden, weil sie Streit genossen. Ihre Augen glänzten vor lauter Gier danach. Sie würden noch schlimmer sticheln. Also schloss er die Augen und konzentrierte sich auf das Rascheln der Blätter, bis das Gelächter erstarb und Meghan und ihre Bande davonrannten.

Danach saß er müßig da. Das stille Mädchen kauerte im Schatten und stützte ihr Kinn auf ihr Fäustchen. Da hasste James diesen Ort – das einzige Zuhause, das er je kennengelernt hatte –, und nichts wollte er lieber, als zu verschwinden. Er konnte nicht länger hier sitzen, und so viele Stöcke, wie er zerbrechen wollte, gab es nicht auf der Welt. Er sprang auf, rannte vom Feld, rannte über den Pfad, der sich um die Kirche schlängelte. So schnell rannte er, dass er den Kopf gesenkt nach vorn streckte und seine Beine nur noch ein verschwommener Wirbel zwischen den Wildblumen und Findlingen auf dem Weg zu den Klippen waren.

Der Geruch des Meeres schlug ihm entgegen, als er den Rand des Vorsprungs erreicht hatte. Er ließ sich auf einem Fleckchen nieder, das in Sand eingebettet und mit rauem Gras bewachsen war. Seine Beine ließ er über die Klippe hängen, seine Füße baumelten Hunderte von Metern über den strudelnden Wellen. James lehnte sich zurück, bohrte seine Ellbogen in den Sand, schloss die Augen und hob das Kinn zu den Wolken. Das Tosen des Wassers übertönte die Stimmen, die Sticheleien; der salzige Geruch nach Fisch und Meer vertrieb den Gestank aus Schweiß, Schmutz und Schimmel.

Das Meer beruhigte ihn. Die weit unter ihm spritzende Gischt bannte und besänftigte seine Gedanken. Die Kirchturmglocke tat zwei blecherne Schläge, und ein hohles Gefühl zupfte an seinen Eingeweiden. Er gehörte nicht hierher. Das hatte er schon gewusst, bevor er alt genug war, es zu wissen. Dieses Leben war ihm nicht bestimmt, und doch war es sein Leben, und weil er das nicht begriff, wollte er am liebsten Stöcke zerbrechen und Steine ins Meer schleudern, bis ihm die Schultern wehtaten.

Er zog die Bibel, die ihm Pater McIntyre geschenkt hatte, aus dem Hosenbund. Der Pater hatte gesagt, dort fände er Antworten, und tatsächlich hatte er eine Frage, doch die hätte ein Priester gewiss nicht gebilligt. James schlug das Buch auf und strich mit der Hand über die winzigen, gedruckten Wörter und das dünne, milchige Papier. Langsam nahm er die Ecke einer Seite zwischen die Finger und riss sie einfach heraus. Er ergriff noch mehr Seiten und riss sie so glatt an der Bindung heraus, dass sie kaum ausfransten. Die letzten Seiten lösten sich von selbst. Danach fuhr James mit dem Finger über die roten Fäden der Bindung. Der leere Einband knickte schlaff nach hinten. James sammelte die ausgerissenen Seiten ein, hielt sie einen Augenblick fest und ließ sie im warmen Wind flattern, bevor er sie über der Klippe losließ, wo sie im Wind tanzten, wie milchige Hände winkten und hinunter in die weiße Gischt sanken. Neben ihm stemmte sich eine Zypresse mit dicken, faserigen Wurzeln gegen den Abgrund. Am Fuß des Baumes war eine kleine Steinpyramide errichtet, von der James jetzt Kiesel um Kiesel nahm, bis er das verbrannte, schwarze Buch vor sich sah. Die goldgeprägte Schrift glänzte hell im Sonnenlicht, und sein Herz raste genauso wie damals, als er es in Pater McIntyres Bibliothek entdeckt hatte. Der Name ›O’Connell‹ blitzte auf. Sein Name. Der Pater hatte das Buch vor ihm versteckt, doch der Sturm hatte es ihm zurückgegeben: es aufgeklappt in den Trümmern zurückgelassen, bis er es sich schnappte.

Jetzt blies James die Erdkrümel von den Rillen im Ledereinband. Er legte das Buch in den Einband der Bibel und drückte es fest in den Knick. Es passte nicht perfekt, aber doch gut genug, um keine Fragen aufzuwerfen. Jetzt waren ihre Worte in Sicherheit, unter Gottes Schutz. Er versteckte das Tagebuch seiner Mutter sorgfältig unter seinem Hemd.

Kapitel Zehn

Fünfundsiebzig Meilen nördlich von Geraldton, in der Nähe von Kalbarri, ragte das Waisenhaus über den zerklüfteten Klippen empor, die keinerlei menschliche Spuren zeigten außer der Serpentinenpiste, die Sträflinge mehr als zehn Jahre zuvor notdürftig angelegt hatten. Hopfenbüsche streckten täglich ihre grünen Finger nach der Schotterstraße aus, um sie zurückzuerobern, krochen mit ihren Wurzeln über Wagenspuren und vom Winterregen vieler Jahre ausgewaschene Rillen; jede Kurve wurde von nicht zu bewegenden Felsbrocken verengt. Doch über diese Straße musste kaum jemand. Die Menschen aus dem Norden, dem wilden Land, blieben im Norden; die Menschen aus dem Süden, dem Land der Sonne, blieben im Süden.

Daher empfing die Piste das benzinbetriebene Vehikel des Bischofs mit großer Belustigung. Spitze Steine stachen in die dünnen Gummireifen und ließen die Metallkarosserie gefährlich über tückische Wurzeln und Rillen springen. Das ganze Waisenhaus sah zu, wie das Gefährt aus Stahl und Gummi näher kam. Selbst die Erwachsenen hielten Alter und Erfahrung nicht davon ab, den Mund aufzusperren, als der arg mitgenommene Wagen in einer Wolke aus Staub und Abgasen auf das ebene Grundstück der Kirche fuhr. Ein Mann mühte sich mit einem Schaltknüppel ab und provozierte mit jedem Ruck lautes Aufheulen vom Motor und noch mehr Rauchfürze aus dem Auspuff, bis er hart an etwas riss und der Motor wimmernd absoff. Die Beifahrertür sprang auf, und ein schwarz gewandeter Arm versuchte wedelnd, die Rauchwolken zu verscheuchen.

Pater McIntyre streckte eine Hand in den Rauch. »Willkommen, Euer Gnaden.«

Der Bischof stieg aus, lehnte sich mit bleicher Miene an den Wagen und gluckste dann. »Diese Reise ist nichts für jemanden, der ein schwaches Herz hat.« Er klopfte seine Soutane aus. Staub wallte auf und ließ sich auf seinem rot verschwitzten Gesicht nieder.

Er verschränkte die Hände auf dem Rücken und streckte sich, so dass sich sein Bauch weit nach vorne wölbte. Ein anderer Mann fummelte am Gepäck, das hinten auf den Wagen geschnallt war, und stellte sich dann, mit Roben über seinen Händen, neben den Bischof.

Pater McIntyre sperrte den Mund auf. Sein Körper reagierte noch vor seinem Geist auf die Begegnung, und alles Blut wich ihm aus dem Gesicht.

»Mein neuer Assistent, Diakon Johnson«, stellte der Bischof den Mann vor.

»Hallo, Pater McIntyre.« Der Mann sprach den Priester ganz ruhig an, doch sein Blick war unsicher und fragend. »Schön, Sie wiederzusehen.«

Der Bischof blickte überrascht auf. »Sie kennen sich?«

Ohne den Blick von Pater McIntyre abzuwenden, antwortete der Diakon leise: »Wir waren zusammen am Seminar in New South Wales. Ich war jahrelang sein Tutor.«

Pater McIntyre versuchte sich zu ermahnen, dass dieser Mann früher ein Freund gewesen war, und zwang die Erinnerung daran, alle anderen zu überdecken, bis ihm das Blut wieder ins Gesicht strömte und er freier atmen konnte. »Diakon Johnson«, begrüßte er ihn förmlich. »Es ist lange her.«

»Schön, dass wir hier angefangen haben«, bemerkte der Bischof. »Es ist immer gut, ein vertrautes Gesicht zu sehen.«

»Also besuchen Sie nicht nur uns?«

»Wohl kaum!«, schnaubte der Bischof. »Wir müssen fast zu einem Dutzend Missionen.« Er schlug dem Pater auf die Schulter. »Sie sind nicht der Einzige, der Geld braucht, wissen Sie? Aber jetzt würde ich mich gerne frisch machen und ausruhen, wenn Sie nichts dagegen haben.« Der Bischof ging an den Kindern vorbei, ohne sie anzusehen oder gar anzusprechen. »Übrigens haben Sie und Diakon Johnson sich gewiss einiges zu erzählen.«

Als Pater McIntyre dem Bischof nachsah, spürte er mehr als deutlich, dass der Blick des Diakons auf ihm ruhte. Er verschränkte die Hände auf dem Rücken und sog tief die salzige Luft ein, bevor er sagte: »Es ist sehr lange her, Robert. Wir müssen nicht darüber sprechen.«

Die runden Wangen des Diakons zuckten. »Ich weiß, aber ich habe das Gefühl, ich sollte – «

Er unterbrach den Satz des Mannes mit einem einzigen, durchdringenden Blick. »Es ist sehr lange her.«

Kapitel Elf

An diesem Tag brachen sich die Wellen nicht an den Klippen, sondern umspülten sie nur sanft. Die Seiten des auf James’ Knien aufgeschlagenen Buches raschelten kaum in der stillen Luft. Er las ein bisschen in dem Tagebuch und nahm jedes Wort tief in sich auf, um sich ein Bild von seiner Mutter zu machen. Am Ende jeder Seite zögerte er umzublättern, denn jede Seite öffnete ein Fenster in seine Vergangenheit, mit allem Guten und Schlechten darin. Er hatte keine Eile, das Tagebuch zu lesen. Er war Waise. Er wusste, wie es endete.

James schlug das Buch zu, steckte es sich unter die Knie und umschlang sie mit seinen Armen. Er lauschte auf das Rauschen des Meeres. Dann fiel ein Schatten über einen Felsbrocken. Ein Stock knackte. Seine Haut wurde eiskalt. Er wartete, wurde so reglos wie die Felsen. Als rechts von ihm Steine knirschten, sprang er auf. »Wer ist da?«, brüllte er. Er steckte sich das Buch in den Hosenbund, nahm langsam einen Stein vom Boden und hob wurfbereit den Arm. »Wer ist dahinten?«

Hinter den dornigen Zweigen einer Murchison-Rose erschien eine Gestalt. James senkte den Arm und ließ den Stein fallen. »Du darfst nicht hier oben sein«, mahnte er.

Leonora wich von dem Rosenstrauch zurück. Sie atmete so unruhig, dass sich ihre Schultern hoben und senkten. In ihren Augen zeigte sich Angst. »Du darfst nicht hier oben sein«, wiederholte er. »Die Klippen sind gefährlich.« Er trat ein paar Schritte vor, worauf sie genauso viele Schritte zurückwich.

»Ich tu dir nicht weh.« Er ging jetzt schneller, doch sie auch, so dass das Meer und der Abgrund hinter ihr auftauchten. »Halt!«, brüllte er, doch sie begriff nicht und geriet in den Bereich, wo kein Gras mehr wuchs und der Sand in den Fels der Klippe überging. Ohne dorthin zu blicken oder auch nur einen Gedanken zu fassen, schoss James los und packte genau in dem Augenblick ihren Arm, als ihr Fuß unter einem losen Stein nachgab, welcher ins Meer stürzte. Er riss sie vom Abgrund zurück und ließ sie erst los, als sie sich seinem Griff entwand.

A

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Land der roten Sonne" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen