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Das Labyrinth

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. DANKSAGUNG
  7. KAPITEL 1
  8. KAPITEL 2
  9. KAPITEL 3
  10. KAPITEL 4
  11. KAPITEL 5
  12. KAPITEL 6
  13. KAPITEL 7
  14. KAPITEL 8
  15. KAPITEL 9
  16. KAPITEL 10
  17. KAPITEL 11
  18. KAPITEL 12
  19. KAPITEL 13
  20. KAPITEL 14
  21. KAPITEL 15
  22. KAPITEL 16
  23. KAPITEL 17
  24. KAPITEL 18
  25. KAPITEL 19
  26. KAPITEL 20
  27. KAPITEL 21
  28. KAPITEL 22
  29. KAPITEL 23
  30. KAPITEL 24
  31. KAPITEL 25
  32. KAPITEL 26
  33. KAPITEL 27
  34. KAPITEL 28
  35. KAPITEL 29
  36. KAPITEL 30
  37. KAPITEL 31
  38. KAPITEL 32
  39. KAPITEL 33
  40. KAPITEL 34
  41. KAPITEL 35
  42. KAPITEL 36
  43. KAPITEL 37
  44. KAPITEL 38
  45. KAPITEL 39
  46. KAPITEL 40
  47. KAPITEL 41
  48. KAPITEL 42
  49. KAPITEL 43
  50. KAPITEL 44
  51. KAPITEL 45
  52. KAPITEL 46
  53. KAPITEL 47
  54. KAPITEL 48
  55. KAPITEL 49
  56. KAPITEL 50
  57. KAPITEL 51
  58. KAPITEL 52
  59. KAPITEL 53
  60. KAPITEL 54
  61. KAPITEL 55
  62. KAPITEL 56
  63. KAPITEL 57
  64. KAPITEL 58
  65. KAPITEL 59
  66. ANMERKUNGEN
  67. Fußnote

David Baldacci, geboren 1960, lebt in der Nähe von Washington, D.C. Er war Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist, bevor er mit Der Präsident (verfilmt als Absolute Power) seinen ersten Weltbestseller schrieb. Seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt und in mehr als 80 Länder verkauft, mit einer Gesamtauflage von 65 Millionen Exemplaren. David Baldacci ist Botschafter für die National Multiple Sclerosis Society, engagiert sich für zahlreiche soziale Einrichtungen und hat selbst mit seiner Familie die Wish You Well Foundation, eine Stiftung zur Förderung des Lesens, eingerichtet.

Für Spencer,
das einzige kleine Mädchen
auf der Welt, das mich
innerhalb von Sekunden vor
Glück taumeln und
vor Zorn erbeben lassen kann.
Daddy liebt dich aus
ganzem Herzen.

DANKSAGUNG

Für TOTAL CONTROL waren umfangreiche Recherchen und zahlreiche Fachinformationen erforderlich. Ich schätze mich glücklich, diese durch Unterstützung folgender Personen erhalten zu haben:

Mein Dank gilt meiner Freundin Jennifer Steinberg, die weit über das Maß der Pflicht hinaus Antworten auf all die esoterischen und ungemein komplizierten Fragen aufgespürt hat, mit denen ich sie ununterbrochen konfrontierte. Sofern es eine bessere Rechercheurin gibt, ist sie mir nicht bekannt.

Außerdem meinem Freund Tom DePont von der Nations-Bank für seine kompetente Unterstützung bei banktechnischen Fragen und seine überaus hilfreichen Anregungen zu realistischen Szenarien vor dem Hintergrund der Finanzwelt. Des Weiteren meinem Freund Marvin McIntyre von der Maklerfirma Legg Mason sowie seinem Kollegen Paul Montgomery für deren fachliche Auskünfte zu den Themen Bundeszentralbank und Investmentkreise.

Dr. Catharine Broome, einer guten Freundin und hervorragenden Ärztin, für ihre Ratschläge zu Allgemeinmedizin und speziellen Krebsbehandlungsmethoden. Außerdem für die aufschlussreichen Einzelheiten, die sie und ihr Mann David mir über New Orleans erzählten.

Meinem Onkel Bob Baldacci für das umfangreiche Material, das er mir zur Verfügung stellte, und für die Geduld, mit der er eine wahre Flut von Fragen zur komplexen Funktion von Düsenjets sowie zu Flughafenbetriebs- und Wartungsabläufen beantwortete.

Meinem Cousin Steve Jennings, der mich durch die Welt der Computer und das verschlungene Labyrinth des Internet führte. Und seiner Frau Mary, der ich eine Karriere als Lektorin ans Herz legen möchte. Ihre Anmerkungen waren eine große Hilfe, und viele davon haben ihren Weg in das Endprodukt gefunden. Ferner Dr. Peter Aiken von der Virginia Commonwealth University, der mir den verschlungenen Weg von E-Mails über das Internet begreiflich machen konnte.

Neil Schiff, dem Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des FBI, der eine Besichtigung des Hoover-Building arrangierte und all meine Fragen zum FBI beantwortete.

Larry Kirshbaum, Maureen Egen und dem Rest der tollen Mannschaft bei Warner Books, für all ihre Unterstützung. Ihr habt mein Leben so einschneidend verändert, dass es mir ein Herzenswunsch ist, mich in jedem Roman dafür zu bedanken, um meiner tief empfundenen Verbundenheit Ausdruck zu verleihen.

Mein ganz besonderer Dank gilt Frances Jalet-Miller von der Aaron Priest Agency. Ich schätze mich äußerst glücklich, sie als Lektorin und Freundin zu haben. Durch ihre offen ausgesprochene Meinung trug sie wesentlich zur Verbesserung dieses Buches bei.

KAPITEL 1

Die Wohnung war klein, unauffällig und von einem muffigen Geruch erfüllt, als sei sie lange nicht gelüftet worden. Die wenigen Möbel und persönlichen Dinge jedoch machten einen sauberen und ordentlichen Eindruck; einige der Stühle sowie der kleine Beistelltisch waren unverkennbar höchst wertvolle Antiquitäten. Den größten Einrichtungsgegenstand des winzigen Wohnzimmers stellte ein aufwendig gefertigtes Bücherregal aus Ahornholz dar, das ebenso gut auf dem Mond hätte stehen können, so völlig unangebracht wirkte es in dem bescheidenen, farblosen Raum. Die meisten Werke, die sich fein säuberlich auf den Regalbrettern aneinanderreihten, waren finanztechnischer Natur und befassten sich mit Themen wie internationaler Währungspolitik und komplizierten Investmenttheorien.

Das einzige Licht im Raum stammte von einer Stehlampe neben einer zerschlissenen Couch. In dem kleinen Lichtkegel saß ein hochgewachsener Mann mit schmalen Schultern. Die Augen hatte er geschlossen, als schliefe er. Die zierliche Armbanduhr an seinem Handgelenk zeigte vier Uhr morgens. Er trug eine konservative graue Anzughose mit Aufschlägen, unter denen auf Hochglanz polierte Schuhe mit schwarzen Troddeln hervorlugten. Über ein gestärktes, weißes Frackhemd spannten sich dunkelgrüne Hosenträger. Der Kragen des Hemdes war aufgeknöpft, um den Hals baumelten die Enden einer Fliege. Der große kahle Schädel war nicht einmal das auffälligste Merkmal an ihm; es war der dichte, stahlgraue Bart in dem breiten, tief zerfurchten Gesicht, der unverzüglich alle Aufmerksamkeit beanspruchte. Als aber der Mann unvermittelt die Augen aufschlug, trat alles andere in den Hintergrund; stechend starrten die haselnussbraunen Augen zwischen den Lidern hervor. Während sie durch das Zimmer wanderten, schienen sie anzuschwellen, bis sie die Augenhöhlen völlig einnahmen.

Dann packte ihn der Schmerz, und er griff sich an die linke Seite – in Wahrheit tobten die Schmerzen überall. Ihren Ursprung jedoch hatten sie an der Stelle, die er nun mit nutzloser Gewalt bearbeitete. Die Atmung ging keuchend, das Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze.

Seine Hand ging zu einer am Gürtel befestigten Vorrichtung. In Form und Größe ähnelte sie einem Walkman, tatsächlich aber handelte es sich um eine CADD-Pumpe; diese war an einem gänzlich unter dem Hemd verborgenen Groshong-Katheter befestigt, dessen Enden in die Brust des Mannes eingebettet waren. Der Finger des Mannes fand den richtigen Knopf, und sogleich strömte eine unglaublich starke Dosis schmerzstillender Mittel aus der Pumpe, die weit über die Menge hinausging, welche die Maschine ihm tagsüber in regelmäßigen Abständen verabreichte. Als der Medikamentencocktail in den Blutkreislauf des Mannes floss, ließen die Schmerzen endlich nach. Doch sie würden wiederkehren; das taten sie immer.

Erschöpft lehnte der Mann sich zurück. Das Gesicht war nass, das frisch gewaschene Hemd von Schweiß durchtränkt. Er dankte Gott für die Nottaste an der Pumpe. Zwar hielt er sich für keineswegs wehleidig, da er sich durch seine gewaltige Willensstärke über so manch körperliche Unannehmlichkeit hinwegzusetzen vermochte, doch die nunmehr in ihm hausende Bestie suchte ihn mit Qualen ungeahnten Ausmaßes heim. Flüchtig überlegte er, was wohl zuerst eintreten würde: sein Tod oder die Kapitulation der Medikamente vor dem übermächtigen Feind. Er betete um Ersteres.

Der Mann taumelte ins Badezimmer und sah in den Spiegel. Bei dem Anblick, der ihm entgegenstarrte, brach Arthur Lieberman schlagartig in ein schrilles Gelächter aus. Das nahezu panische Geheul stieg auf und drohte die dünnen Wände der Wohnung zu sprengen, bis der unkontrollierbare Ausbruch in Schluchzen überging und letztlich endete, indem Lieberman sich hustend übergab. Eine Weile später, nachdem er das verschwitzte Hemd durch ein frisches ersetzt hatte, begann er sich vor dem Badezimmerspiegel die Fliege zu binden. Seine Hände waren jetzt ganz ruhig. Man hatte ihm gesagt, dass er mit derartigen Stimmungsschwankungen rechnen musste. Er schüttelte den Kopf.

Stets hatte er ein maßvolles Leben geführt. Er hatte regelmäßig Sport betrieben, nie geraucht, nie getrunken und immer auf sein Gewicht geachtet. Nun, mit geradezu jugendlichen zweiundsechzig Jahren, sollte er sich damit abfinden, dass er den dreiundsechzigsten Geburtstag nicht mehr erleben würde. Dieser Umstand wurde ihm von so vielen Spezialisten bestätigt, dass schließlich selbst Liebermans ausgeprägter Lebenswille ins Wanken geraten war. Aber er würde nicht in aller Ruhe hinscheiden. Bei dem Gedanken, dass der bevorstehende Tod ihm eine Handlungsfreiheit gewährte, die ihm ein Leben lang verwehrt gewesen war, musste er plötzlich lächeln. Zweifellos würde es sich als ironische Wendung erweisen, dass eine derart herausragende Karriere mit einer überaus unehrenhaften Offenbarung enden sollte. Doch die Schockwellen, die auf sein Ableben folgen würden, waren es wert. Was kümmerte es ihn noch?

Lieberman ging in das winzige Schlafzimmer und hielt einen Augenblick inne, um die Fotos auf dem Tisch zu betrachten. Tränen traten ihm in die Augen. Rasch flüchtete er aus dem Raum.

Punkt fünf Uhr dreißig verließ Arthur Lieberman die Wohnung und fuhr mit dem engen Aufzug ins Erdgeschoss, wo draußen am Straßenrand ein Crown Victoria mit laufendem Motor wartete. Grell schimmerten die Regierungskennzeichen im Schein der Straßenlaternen. Sogleich stieg der Chauffeur aus dem Wagen und hielt Lieberman die Tür auf. Respektvoll hob er zum Gruss die Hand an die Mütze und erhielt, wie üblich, keine Antwort. Wenige Augenblicke später war das Auto bereits die Straße hinunter verschwunden.

Etwa zur gleichen Zeit, als Liebermans Wagen auf den Autobahnring bog, wurde der Mariner-L800-Düsenjet für die Vorbereitung auf den Direktflug nach Los Angeles aus dem Hangar des Internationalen Flughafens Dulles rangiert. Die Wartungsarbeiten waren bereits abgeschlossen, nun wurde das 47 Meter lange Luftfahrzeug aufgetankt. Wie viele große Fluggesellschaften ließ auch Western Airlines das Tanken ihrer Flotte von Fremdfirmen durchführen. Der schwere, kompakte Tankwagen parkte unterhalb der rechten Tragfläche. In der Standardausführung verfügte der L800 über Treibstofftanks in beiden Tragflächen sowie im Flugzeugrumpf. Die Tankverschalung an der Unterseite der Tragfläche, die sich etwa ein Drittel der Tragflächenlänge vom Rumpf entfernt befand, war heruntergeklappt. Der lange Kraftstoffschlauch schlängelte sich hinauf ins Tragflächeninnere, wo er am Tankeinfüllventil fixiert worden war. Dieses eine Ventil diente über eine Reihe von Verbindungsrohren dem Befüllen aller drei Tanks. Ein Tankwart mit dicken Handschuhen und schmutziger Arbeitsmontur überwachte den Schlauch, während der hochwertige Treibstoff in den Tank strömte. Aufmerksam sah der Mann sich um und beobachtete die zunehmenden Aktivitäten rund um das Flugzeug: Post und Fracht wurden verladen, Gepäckkarren rollten auf das Terminal zu. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass ihn niemand beobachtete, besprühte er den freiliegenden Teil des Treibstofftanks rund um den Einfüllstutzen mit einer Substanz aus einem Plastikbehälter. An der eingesprühten Stelle glänzte das Metall des Tanks. Eine eingehendere Untersuchung hätte einen dünnen Film auf der Metalloberfläche offenbart, doch es würde keine eingehendere Untersuchung erfolgen. Selbst wenn der Erste Offizier die Bodenüberprüfung durchführte, würde er nie und nimmer die kleine Überraschung entdecken, die sich in der gewaltigen Maschine verbarg.

Der Mann steckte den winzigen Plastikbehälter tief in eine der Taschen der Arbeitsmontur. Aus einer anderen Tasche holte er einen schmalen, rechteckigen Gegenstand und schob die Hand ins Tragflächeninnere. Als er die Hand zurückzog, war sie leer. Da der Befüllvorgang mittlerweile abgeschlossen war, wurde der Schlauch wieder auf dem Wagen verstaut und die Tankverschalung der Tragfläche verschlossen. Der Tankwagen fuhr davon, um den nächsten Jet zu befüllen. Nach einem letzten Blick auf den L800 schlenderte auch der Mann davon. Heute Morgen sollte sein Dienst um sieben Uhr zu Ende gehen. Er hatte nicht vor, auch nur eine Minute länger zu bleiben.

Der fast 100 Tonnen schwere Mariner L800 hob von der Startbahn ab und brach mühelos durch die morgendliche Wolkendecke. Der L800 war ein eingängiger Jet, ausgestattet mit zwei Rolls-Royce-Triebwerken mit hohem Nebenstromverhältnis und somit eines der augenblicklich modernsten in Verwendung stehenden Luftfahrzeuge, abgesehen von den Maschinen, mit denen die Piloten der U. S. Air Force flogen.

Flug 3223 beförderte 174 Passagiere sowie eine siebenköpfige Besatzung. Die meisten Passagiere machten es sich mit Zeitungen oder Zeitschriften auf ihren Sitzen bequem, während das Flugzeug rasch über den Hügeln von Virginia auf eine Reiseflughöhe von 35000 Fuß emporstieg. Der eingebaute Navigationscomputer hatte eine Flugzeit von 5 Stunden und 5 Minuten nach Los Angeles errechnet.

Einer der Passagiere der ersten Klasse las das Wall Street Journal. Eine Hand spielte an dem buschigen Bart, während große, aufmerksame Augen über die Seiten streiften. Weiter hinten in dem engen Gang, in der Economy-Klasse, saßen schweigend andere Passagiere, manche mit vor der Brust verschränkten Armen, manche mit halb geschlossenen Augen; einige lasen. Auf einem Sitz hielt eine alte Frau mit der rechten Hand einen Rosenkranz umklammert und murmelte leise das altvertraute Gebet.

Als der L800 die Reiseflughöhe erreichte und in den Horizontalflug überging, ertönte die Stimme des Kapitäns über den Lautsprecher, um, wie immer, die Fluggäste zu begrüßen, während die Flugbegleiter ihrer üblichen Arbeit nachgingen – eine Routine, die jäh unterbrochen werden sollte.

Sämtliche Köpfe fuhren zu dem roten Blitz herum, der an der rechten Seite des Flugzeugs aufflammte. Die Passagiere auf den Fensterplätzen jener Seite beobachteten mit blankem Entsetzen, wie sich die rechte Tragfläche verbog, die Metallhaut einriss und die Nieten heraussprangen. Nur Sekunden verstrichen, bis zwei Drittel der Tragfläche abbrachen und das rechte Triebwerk mit sich in die Tiefe rissen. Wie abgetrennte Venen schlugen zerfetzte Hydraulikleitungen und Kabel im wilden Flugwind hin und her, während Treibstoff aus dem aufgebrochenen Tank gegen den Flugzeugrumpf spritzte.

Sofort rollte der L800 links über und drehte sich auf den Rücken, wodurch sich die Kabine in ein einziges Chaos verwandelte. Jedes einzelne menschliche Wesen im Bauch des Flugzeugs schrie in Todesangst auf, als die Maschine völlig unkontrolliert durch die Luft schlingerte. Überall wurden Passagiere brutal aus den Sitzen gerissen. Für die meisten davon endete dies tödlich. Schmerzensschreie gellten, als weiches menschliches Fleisch und schwere Gepäckstücke aufeinanderprallten, die aus den Ablagen geschleudert wurden, weil die wild durcheinanderwirbelnden Druckwellen die Haltekraft der Schließmechanismen überschritten.

Der Griff der alten Frau lockerte sich, und der Rosenkranz glitt auf die Decke des Flugzeugs, die nunmehr den Boden der auf dem Kopf stehenden Maschine darstellte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, jedoch nicht in Angst. Sie war eine der Glücklichen. Ein tödlicher Herzinfarkt hatte sie vor dem blanken Schrecken der nächsten Minuten bewahrt.

Zweimotorige Düsenflugzeuge für den kommerziellen Einsatz müssen auch mit nur einem Triebwerk flugtauglich bleiben. Kein Düsenflugzeug jedoch vermag sich mit nur einer Tragfläche in der Luft zu halten. Die Flugsicherheit von Flug 3223 war unwiederbringlich dahin. Der L800 neigte sich mit der Nase voraus in einen tödlichen Sturzflug Richtung Erde.

Im Cockpit kämpfte die zweiköpfige Besatzung fieberhaft mit den Instrumenten, während ihre beschädigte Maschine wie ein Speer durch den bedeckten Himmel abwärts schoss. Wenngleich sie keine Ahnung hatten, welche Katastrophe eingetreten war, so wussten sie doch sehr wohl, dass der Düsenjet und alle Menschen an Bord in tödlicher Gefahr schwebten. Hektisch versuchten die beiden Piloten, die Kontrolle über das Flugzeug wiederzuerlangen, wobei sie insgeheim darum beteten, nicht mit einer anderen Maschine zusammenzukrachen, während sie auf die Erde zurasten. »O mein Gott!« Ungläubig starrte der Kapitän auf den Höhenmesser, der unaufhaltsam auf Null zuschnellte. Weder die beste Luftfahrtelektronik der Welt noch die außergewöhnlichsten Pilotenkünste konnten die grausame Wahrheit negieren, mit der alles Leben an Bord des beschädigten Luftschiffes konfrontiert war: Sie alle würden sterben, und zwar schon sehr bald. Und wie es bei nahezu allen Flugzeugabstürzen der Fall ist, würden die beiden Piloten als erste diese Welt verlassen; nur den Bruchteil einer Sekunde später würden alle übrigen Menschen an Bord des Fluges 3223 folgen.

Arthur Liebermans Mund klappte auf, während er völlig ungläubig die Armlehnen umklammerte. Als die Nase des Flugzeugs sich kerzengerade nach unten neigte, starrte Lieberman abwärts auf die Rückseite des Sitzes vor ihm, als befände er sich in einer bizarren Achterbahn. Zu seinem Leidwesen sollte Lieberman bis zum bitteren Ende bei Bewusstsein bleiben – bis zu jenem Augenblick, in dem das Flugzeug auf das unbewegliche Objekt prallte, auf das es nun zuraste. Sein Abschied aus der Welt der Lebenden sollte einige Monate verfrüht und alles andere als plangemäß eintreten. Während das Flugzeug zur letzten Landung ansetzte, drang ein einziges Wort über Liebermans Lippen. Obwohl es nur aus einer Silbe bestand, kreischte er es immer und immer wieder, bis es zu einem Schrei anschwoll, der all die anderen entsetzlichen Geräusche übertönte, die durch die Kabine fluteten.

»Neiiiiiiiin!«

KAPITEL 2

Washington, D. C ., Stadtgebiet, einen Monat zuvor.

Das gestärkte Hemd war schmutzig, die Krawatte saß schief. So arbeitete Jason Archer sich durch den Inhalt der Kartonstapel. Neben ihm stand ein Laptop. Alle Paar Minuten hielt er inne, zog ein Blatt Papier aus dem Durcheinander und übertrug den Text mittels Handscanner auf den Laptop. Schweiß tropfte ihm von der Nase. In dem Lagerhaus, in dem er sich befand, war es heiß und dreckig. Unerwartet rief irgendwo in den riesigen Räumlichkeiten eine Stimme nach ihm. »Jason?« Schritte näherten sich. »Jason, bist du hier?«

Rasch schloss Jason die Schachtel, mit der er sich gerade beschäftigte, schaltete den Laptop aus und schob ihn in eine Lücke zwischen zwei Stapeln. Wenige Sekunden später erschien ein Mann. Quentin Rowe war knapp eins siebzig groß, schmalschultrig und brachte an die siebzig Kilo auf die Waage. In dem bartlosen Gesicht prangte eine zierliche, runde Brille. Das lange, dünne blonde Haar war zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden. Er war leger gekleidet, mit verwaschenen Jeans und einem weißen Baumwollhemd. Aus der Hemdentasche ragte die Antenne eines Mobiltelefons. Die Hände hatte er in die hinteren Hosentaschen gesteckt. »Ich war gerade in der Gegend. Wie kommst du voran?«

Jason erhob sich und streckte die große, muskulöse Gestalt. »Es wird, Quentin, es wird.«

»Die Verhandlungen mit CyberCom spitzen sich zu, und die verlangen so bald wie möglich die Finanzunterlagen. Was glaubst du, wie lange brauchst du noch?« Obwohl er sich unbekümmert gab, wirkte Rowe besorgt.

Jason warf einen Blick auf die Stapel von Archivboxen. »Noch eine Woche, maximal zehn Tage.«

»Bist du sicher?«

Jason nickte und wischte sich gründlich die Hände ab, bevor er die Augen wieder auf Rowe richtete. »Ich lass’ dich schon nicht im Stich, Quentin. Ich weiß, wie wichtig CyberCom für dich ist. Für uns alle.« Schuldgefühle kamen in ihm hoch, doch Jason ließ es sich nicht anmerken.

Rowe entspannte sich ein wenig. »Wir werden nicht vergessen, was für einen Einsatz du gezeigt hast, Jason; hier und auch mit den Datensicherungen. Gamble war äußerst beeindruckt, soweit er verstehen konnte, worum es ging.«

»Ich denke, man wird sich noch lange daran erinnern«, stimmte Jason zu.

Ungläubig ließ Rowe den Blick durch das Lager schweifen. »Man muss sich mal vorstellen, dass der Inhalt dieses gesamten Lagerhauses problemlos auf einem Stapel Disketten Platz gefunden hätte. Was für eine Verschwendung!«

Jason grinste. »Tja, Nathan Gamble ist nicht gerade der größte Computerexperte der Welt.« Rowe prustete. »Seine Investmenttransaktionen haben einiges an Papierkram produziert«, fuhr Jason fort, »aber seinen Erfolg kann niemand abstreiten. Der Mann hat im Laufe der Jahre einen Haufen Geld gemacht.«

»Stimmt genau, Jason. Das ist unsere einzige Hoffnung. Von Geld versteht Gamble etwas. Und nach der Übernahme von CyberCom werden unsere Konkurrenten im Vergleich zu uns geradezu mickrig wirken.« Bewundernd blickte Rowe zu Jason auf. »Nach all der Arbeit hast du eine große Zukunft vor dir.«

In Jasons Augen trat ein sanfter Schimmer, dann lächelte er seinen Kollegen an. »Davon bin ich überzeugt.«

Jason Archer kletterte auf den Beifahrersitz des Ford Explorer, beugte sich hinüber und küsste seine Frau. Sidney Archer war groß und blond. Ihr fein geschnittenes Profil war nach der Geburt ihrer Tochter etwas weicher geworden. Sie deutete mit dem Kopf auf den Rücksitz. Jason lächelte, als er die zwei Jahre alte Amy erblickte, die auf dem Kindersitz tief und fest schlief. Wie immer umklammerte sie mit einer Hand ihren Teddy.

»War ein langer Tag für sie«, meinte Jason, als er die Krawatte aufknöpfte.

»Für uns alle«, entgegnete Sidney. »Ich dachte, wenn ich erst mal nicht mehr Vollzeit arbeiten würde, wär’ alles ein Kinderspiel. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dieselben fünfzig Stunden wie früher in die drei Tage zu packen, die ich in der Kanzlei bin.« Müde schüttelte sie den Kopf und lenkte den Ford auf die Straße. Hinter ihnen ragte das Gebäude der Zentrale von Triton Global auf, dem Arbeitgeber ihres Mannes und unangefochtenem Weltmarktführer im Technologiebereich, von globalen Computernetzwerken bis hin zu Lernprogrammen für Kinder und so ziemlich allem dazwischen.

Jason ergriff die Hand seiner Frau und drückte sie zärtlich. »Ich weiß, Sid. Ich weiß, dass es hart ist, aber möglicherweise habe ich schon bald Neuigkeiten, nach denen du die Arbeit für immer an den Nagel hängen kannst.«

Sie blickte ihn an und lächelte. »Du hast ein Computerprogramm geschrieben, das dir die richtigen Lottozahlen verrät?«

»Vielleicht sogar noch besser.« Ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

»Na gut, du hast meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Worum geht’s?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Nicht, bevor ich es mit Sicherheit weiß.«

»Jason, tu mir das nicht an.«

Ihre gespielte Kränkung ließ das Lächeln auf seinen Lippen noch breiter werden. Er tätschelte ihre Hand. »Du weißt, ich kann Geheimnisse meisterlich für mich behalten. Und ich weiß, wie sehr du Überraschungen liebst.«

An einer roten Ampel hielt sie an und wandte sich ihm zu. »Ich mache auch gerne an Weihnachten Geschenke auf. Also erzähl schon.«

»Diesmal nicht, tut mir leid. Unmöglich. He, was hältst du davon, heute Abend auswärts zu essen?«

»Ich bin eine höchst hartnäckige Anwältin, also versuch nicht, das Thema zu wechseln. Außerdem ist ›auswärts essen‹ nicht im Budget für diesen Monat vorgesehen. Ich will Einzelheiten.« Spielerisch piekte sie ihn, bevor die Ampel auf Grün schaltete und sie losfuhr.

»Schon sehr, sehr bald, Sid. Das verspreche ich dir. Aber nicht jetzt, okay?« Mit einem Schlag klang sein Tonfall wesentlich ernster, als bedauere er, das Thema angeschnitten zu haben. Sie schaute zu ihm hinüber. Angespannt starrte er aus dem Fenster. Ein Hauch von Besorgnis huschte über ihre Züge. Dann drehte er sich zu ihr um und erblickte den Ausdruck in ihrem Gesicht. Zärtlich strich er ihr mit den Fingern über die Wange und zwinkerte. »Als wir geheiratet haben, da habe ich dir die Welt versprochen, nicht wahr?«

»Du hast mir die Welt gegeben, Jason.« Im Innenspiegel betrachtete sie Amy. »Mehr als die Welt.«

Er streichelte ihre Schulter. »Ich liebe dich, Sid, mehr als alles andere. Du verdienst nur das Beste. Eines Tages werde ich dir genau das bieten.«

Sidney lächelte ihn an. Als er jedoch wieder aus dem Fenster blickte, kehrte die Besorgnis in ihr Gesicht zurück.

Der Mann saß über den Computer gebeugt, das Gesicht nur wenige Zentimeter vom Bildschirm entfernt. Die Finger klopften so hektisch auf die Tasten ein, dass sie wie eine Reihe winziger Presslufthämmer wirkten. Die ramponierte Tastatur schien sich unter dem unablässigen Trommelfeuer jeden Augenblick in ihre Bestandteile aufzulösen. Wie ein Wasserfall flimmerten Bilder über den Computermonitor, viel zu schnell, als dass ein menschliches Auge ihnen hätte folgen können. Draußen herrschte pechschwarze Nacht. Eine schwache Lampe über dem Schreibtisch lieferte das nötige Licht für die Arbeit des Mannes. Dicke Schweißperlen prangten in seinem Gesicht, obwohl die Raumtemperatur bei angenehmen einundzwanzig Grad Celsius lag. Als ihm die salzigen Tropfen hinter die Brille rannen und in den bereits schmerzenden, blutunterlaufenen Augen brannten, wischte er sie zornig weg.

Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er gar nicht wahrnahm, wie die Zimmertür sich leise öffnete. Auch die drei Paar Füße hörte er nicht, die sich den Weg in den Raum bahnten und über den dicken Teppich auf ihn zu schritten, bis sie unmittelbar hinter ihm zum Stehen kamen. Die Bewegungen ließen keine Eile erkennen. Offenbar gab die Überzahl den Eindringlingen hinreichend Selbstvertrauen.

Endlich drehte sich der Mann am Computer um. Dabei begann er am ganzen Leib panisch zu zittern, als hätte er bereits geahnt, was ihm bevorstand.

Ihm blieb nicht einmal Zeit zum Schreien.

Als die Abzugshähne gleichzeitig zurückschnellten und die Schlagbolzen niederstießen, bellten die Waffen in ohrenbetäubendem Gleichklang auf …

Jason Archer fuhr aus dem Sessel hoch, auf dem er eingeschlafen war. Schweiß stand ihm im Gesicht, so real wie die Vision des gewaltsamen Todes in seinem Kopf. Dieser verdammte Traum wollte ihn einfach nicht in Ruhe lassen. Rasch blickte er sich um. Sidney schlief auf der Couch. Im Hintergrund rumorte der Fernsehapparat.

Jason erhob sich und legte eine Decke über seine Frau. Dann schlich er hinunter zu Amys Zimmer. Es war schon fast Mitternacht. Als er zur Tür hineinlugte, hörte er, wie sie sich im Schlaf herumwälzte. Er trat an den Rand ihres Bettchens und beobachtete, wie die zierliche Gestalt sich rastlos hin-und herwarf. Ein böser Traum musste sie wohl plagen – eine Qual, mit der ihr Vater bestens vertraut war. Zärtlich strich Jason seiner Tochter über die Stirn, dann hob er die Kleine hoch und nahm sie in die Arme. In der Stille der Dunkelheit wiegte er sie beruhigend hin und her. Für gewöhnlich vertrieb dies die Albträume, und auch diesmal schlief Amy nach nur wenigen Minuten wieder tief und fest. Jason legte sie ins Bettchen und küsste sie auf die Wange.

Danach ging er in die Küche, kritzelte eine Nachricht für seine Frau, legte sie auf den Tisch neben der Couch, wo Sidney nach wie vor schlief, und begab sich in die Garage, wo er in sein altes Cougar-Cabrio stieg.

Als er im Rückwärtsgang aus der Garage fuhr, bemerkte er nicht, dass ihn seine Frau mit dem Zettel in der Hand vom Fenster aus beobachtete.

Nachdem die Rücklichter am Ende der Straße verschwunden waren, wandte Sidney sich vom Fenster ab und las die Nachricht erneut. Ihr Mann war unterwegs ins Büro, um noch eine Weile zu arbeiten. Sobald es ihm möglich sei, wolle er wieder nach Hause kommen.

Sidney warf einen Blick auf die Uhr am Kaminsims. Beinahe Mitternacht. Sie sah nach Amy, danach schlurfte sie in die Küche und stellte den Teekessel auf. Plötzlich sank sie auf die Anrichte, als ein tief in ihrem Unterbewusstsein schlummernder Verdacht an die Oberfläche drang. Nicht zum ersten Mal war sie aufgewacht, um den Wagen ihres Mannes fortfahren zu sehen und eine Nachricht zu finden, die besagte, dass er zurück an die Arbeit gegangen war.

Sidney bereitete den Tee vor, dann, aus einem plötzlichen Impuls heraus, rannte sie die Treppe zum Badezimmer hinauf. Im Spiegel betrachtete sie ihr Gesicht. Es wirkte etwas voller als bei der Hochzeit. Unvermittelt schlüpfte sie aus dem Nachthemd und der Unterwäsche. Von vorn, von der Seite und schließlich von hinten musterte sie sich, wobei sie einen Handspiegel hochhielt, um diesen deprimierendsten aller Blickwinkel besonders kritisch zu prüfen. Die Schwangerschaft hatte ihre Spuren hinterlassen. Wohl hatte sich der Bauch recht gut erholt, der Po hingegen war eindeutig schlaffer als früher, was nach einer Geburt ganz normal schien. Zeigten ihre Brüste erste Anzeichen eines Hängebusens? Auch die Hüften wirkten ein wenig breiter als früher. Mit unruhigen Fingern betastete sie die paar Millimeter zusätzlicher Haut unter dem Kinn, als unerwartet eine heftige Depression über sie kam. Jasons Körper war noch so stahlhart wie damals, als sie begonnen hatten, miteinander auszugehen. Die erstaunlichen körperlichen Eigenschaften und das zeitlos gute Aussehen ihres Mannes stellten lediglich einen Teil des überaus attraktiven Gesamtbildes dar, zu dem auch ein bemerkenswerter Intellekt gehörte. Ein Gesamtbild, das auf jede Frau, die Sidney kannte, unglaublich anziehend wirken musste - und gewiss auch auf manche, die sie nicht kannte. Während sie die Züge um die Kieferpartie nachfuhr, schnappte sie nach Luft, als sie begriff, was sie gerade tat. Eine höchst intelligente, angesehene Anwältin begutachtete sich wie ein Stück Fleisch, wie es Generationen von Männern mit Frauen zu tun pflegten.

Rasch zog sie das Nachthemd wieder an. Sie war attraktiv. Jason liebte sie. Er war ins Büro gefahren, um einige Dinge aufzuarbeiten. Seine Karriere entwickelte sich steil nach oben. Schon bald würden sich ihrer beider Träume erfüllen. Er wollte eine eigene Firma gründen; sie wollte ganztägig als Mutter für Amy und die weiteren Kinder da sein, die sie sich noch wünschten. Das mochte vielleicht nach einer Fernsehserie aus den fünfziger Jahren klingen, doch das störte die Archers nicht; denn genau das ersehnten sie sich. Und Jason, davon war sie felsenfest überzeugt, arbeitete in diesem Augenblick wie ein Wilder, um sie dem gemeinsamen Ziel näherzubringen.

Etwa zu der Zeit, als Sidney ins Bett schlüpfte, hielt Jason Archer an einer Telefonzelle an und wählte eine Nummer, die er sich vor geraumer Zeit eingeprägt hatte. Am anderen Ende der Leitung wurde sofort abgenommen.

»Hallo, Jason.«

»Hören Sie, diese Geschichte muss bald ein Ende haben. Lange stehe ich das nicht mehr durch.«

»Haben Sie wieder Albträume?« Der Stimme gelang es, gleichsam mitfühlend wie herablassend zu klingen.

»Sie meinen, Albträume kommen und gehen. Nur hab’ ich ständig welche«, antwortete Jason kurz angebunden.

»Es dauert nicht mehr lange.« Nun hörte sich die Stimme beruhigend an.

»Sind Sie sicher, dass mir niemand auf die Schliche gekommen ist? Ich hab’ so ein komisches Gefühl. Als würde jeder mich beobachten.«

»Das ist ganz normal, Jason. Geht jedem so. Wären Sie in Gefahr, so wüssten wir das. Vertrauen Sie mir; ich habe das alles schon durchgemacht.«

»Ich vertraue Ihnen ja. Ich hoffe nur, mein Vertrauen ist nicht fehl am Platz.« Jasons Stimme klang zunehmend angespannter. »Ich bin kein Profi in solchen Dingen. Verdammt noch mal, das zehrt ganz schön an den Nerven.«

»Dafür haben wir durchaus Verständnis. Aber rasten Sie uns jetzt bloß nicht aus! Wie ich bereits sagte, es ist fast vorüber. Noch ein paar Dinge, dann treten Sie offiziell in den Ruhestand.«

»Wissen Sie, ich verstehe nicht, warum das noch nicht reicht, was ich Ihnen bereits beschafft habe.«

»Jason, es ist nicht Ihre Aufgabe, sich über derlei Dinge den Kopf zu zerbrechen. Wir müssen noch ein bisschen tiefer graben, und das haben Sie ganz einfach zu akzeptieren. Aber nur Mut. Wir sind alles andere als Anfänger auf diesem Gebiet. Halten Sie sich nur an die Anweisungen, dann geht alles in Ordnung. Alle werden zufrieden sein.«

»Nun, ich für meinen Teil werde heute Nacht fertig, darauf können Sie Gift nehmen. Erfolgt die Übergabe wie bisher?«

»Nein. Diesmal wird es eine persönliche Übergabe.«

Jasons Tonfall verriet Überraschung. »Warum?«

»Wir nähern uns dem Ende, und in diesem Stadium könnte jeder Fehler die gesamte Operation gefährden. Zwar haben wir keinen Grund zu der Annahme, dass man Ihnen auf den Fersen ist, aber wir können nicht ausschließen, dass wir beobachtet werden. Bedenken Sie, dass wir alle ein Risiko auf uns nehmen. Für gewöhnlich geht bei Übergaben nichts schief; ein gewisser Unsicherheitsfaktor bleibt aber trotzdem immer. Durch eine persönliche Übergabe an einem abgeschiedenen Ort und mit neuen Leuten lässt sich dieser Unsicherheitsfaktor ausschalten, so einfach ist das. Das ist auch für Sie sicherer. Und für Ihre Familie.«

»Meine Familie? Was hat meine Familie damit zu tun?«

»Stellen Sie sich nicht blöd, Jason. Hier steht einiges auf dem Spiel. Wir haben Ihnen die Gefahren von Anfang an erklärt. Wir leben in einer gewalttätigen Welt. Verstanden?«

»Hören Sie –«

»Alles wird gut gehen. Befolgen Sie nur die Anweisungen Wort für Wort. Wort für Wort.« Auf dem letzten Satz lag eine besondere Betonung. »Sie haben doch niemandem etwas erzählt, oder? Vor allem nicht Ihrer Frau?«

»Nein. Was sollte ich schon sagen? Wer würde mir schon glauben?«

»Sie wären überrascht. Vergessen Sie nicht: Jeder, den Sie einweihen, schwebt genauso in Gefahr wie Sie.«

»Erzählen Sie mir doch etwas, das ich noch nicht weiß. Wie sehen die Einzelheiten der Übergabe aus?«

»Nicht jetzt. Bald. Über die üblichen Kanäle. Halten Sie durch, Jason. Wir sind bald am Ende des Tunnels.«

»Ja, ich hoffe nur, das verfluchte Ding stürzt nicht vorher über mir ein.«

Als Antwort ertönte ein kurzes Kichern, dann war die Leitung tot.

Jason zog den Daumen aus dem Fingerabdruckscanner, sprach seinen Namen in ein kleines, an der Wand montiertes Mikrofon und wartete geduldig, während der Computer Daumenabdruck und Stimmuster mit denen verglich, die in der gewaltigen Datenbank gespeichert waren. Lächelnd nickte er dem uniformierten Wachmann zu, der an einem großen Kontrollpult in der Mitte des Empfangsbereichs der siebenten Etage saß. Hinter dem breiten Rücken des Mannes hing in dreißig Zentimeter großen silbernen Lettern der Name »Triton Global« an der Wand.

»Zu schade, dass Sie mich nicht einfach reinlassen dürfen, Charlie. Sie wissen schon, von Mensch zu Mensch.«

Charlie war ein großer Schwarzer Anfang Sechzig, der über einen kahlen Schädel und immense Schlagfertigkeit verfügte.

»Teufel auch, Jason, woher soll ich wissen, ob Sie nicht Saddam Hussein in Verkleidung sind. Heutzutage kann man sich nicht mehr auf Äußerlichkeiten verlassen. Hübscher Pullover übrigens, Saddam.« Charlie kicherte. »Außerdem, wie könnte diese riesige, hoch entwickelte Firma je dem Urteilsvermögen eines unbedeutenden alten Nachtwächters wie mir vertrauen, wo sie doch all den Krempel hat, der feststellt, wer wer ist. Computer regieren die Welt, Jason. Die traurige Wahrheit ist, dass Menschen da einfach nicht mehr mithalten können.«

»Nicht so niedergeschlagen, Charlie. Die Technik hat auch ihre Vorteile. He, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Warum tauschen wir beide nicht eine Weile die Plätze? Dann erleben Sie auch mal die guten Seiten.« Jason grinste.

»Sicher, Jason. Ich spiele mit dem ganzen millionenteuren Zeug rum, und Sie durchstöbern alle dreißig Minuten auf der Suche nach den bösen Jungs die Toiletten. Ich werd’ Ihnen noch nicht mal ‘ne Leihgebühr für die Uniform berechnen. Aber wenn wir schon die Plätze wechseln, müssen wir natürlich auch die Gehaltsschecks tauschen. Ich möchte doch nicht, dass Ihnen die stattliche Summe von sieben Dollar die Stunde durch die Lappen geht. Das wäre ungerecht.«

»Sie sind ausgekochter, als gut für Sie ist, Charlie.«

Charlie lachte und wandte sich wieder den zahlreichen in die Konsole eingebauten Bildschirmen zu.

Als die massive Tür auf gut geölten Angeln flüsterleise aufschwang, verschwand das Lächeln abrupt von Jasons Lippen. Er trat durch die Öffnung. Während er den Flur entlangschritt, holte er etwas aus der Manteltasche hervor. Der Gegenstand wies die Größe und Form einer gewöhnlichen Kreditkarte auf und bestand ebenso aus Plastik.

Vor einer weiteren Tür blieb Jason stehen. Die Karte passte genau in den Schlitz einer an der Tür montierten Metallbox. Geräuschlos trat der in die Karte eingebettete Mikrochip mit seinem an der Tür befestigten Gegenstück in Verbindung. Viermal tippte Jasons Zeigefinger auf den daneben befindlichen Ziffernblock. Ein deutlich vernehmbares Klicken ertönte. Jason umfasste den Türknauf, drehte ihn herum, und die sechs Zentimeter dicke Tür schwang nach innen in die Dunkelheit auf.

Als die Beleuchtung anging, stand Jason kurz im Lichtkegel an der Tür. Rasch schloss er sie hinter sich. Die beiden Riegel schnappten wieder ein. Während er sich in dem ordentlichen Büro umsah, zitterten seine Hände, und sein Herz hämmerte so laut, dass er überzeugt davon war, man könne es im gesamten Gebäude hören. Dies war nicht das erste Mal. Ganz und gar nicht. Er gestattete sich ein flüchtiges Lächeln bei dem Gedanken, dass es das letzte Mal sein würde. Unabhängig davon, was geschehen würde, es war das letzte Mal. Jeder hatte seine Grenzen, und heute Nacht hatte er seine erreicht.

Jason trat an den Schreibtisch, setzte sich davor und schaltete den Computer ein. Am Monitor war ein Mikrofon mit einem langen, biegsamen Metallhals angebracht, mittels dessen mündliche Befehle eingegeben werden konnten. Ungeduldig schob er das Ding beiseite, damit er freie Sicht auf den Bildschirm hatte. Mit kerzengeradem Rücken saß er da, die Augen starr auf den Monitor gerichtet; die Hände lauerten über der Tastatur. Nun war er eindeutig in seinem Element. Wie ein Pianist in Höchstform ließ er die Finger über die Tasten wirbeln. Flüchtig spähte er auf den Bildschirm, der Anweisungen an ihn zurückgab – Anweisungen, die er längst in- und auswendig kannte.

Auf dem am Prozessorgehäuse montierten Ziffernblock gab Jason vier Ziffern ein. Danach beugte er sich vor und blickte starr an eine Stelle in der rechten oberen Ecke des Bildschirms. Jason wusste, dass soeben eine Videokamera seine rechte Netzhaut aufgezeichnet hatte und einen Schwall einzigartiger Erkennungsmerkmale seines Auges an eine zentrale Datenbank weiterleitete, die ihrerseits das Bild mit den dreißigtausend in dieser Datei gespeicherten verglich. Der ganze Vorgang dauerte kaum fünf Sekunden. So sehr Jason Archer sich auch an die beständig wachsenden Möglichkeiten der Technik gewöhnt hatte, selbst er musste gelegentlich den Kopf darüber schütteln, was tatsächlich schon alles im Einsatz war. Netzhautscanner wurden außerdem verwendet, um ununterbrochen die Produktivität der Angestellten zu überwachen. Jason verzog das Gesicht. In Wahrheit hatte Orwell die Zukunft eher noch unterschätzt.

Er wandte die Aufmerksamkeit wieder dem Gerät vor sich zu. Die nächsten zwanzig Minuten lang bearbeitete Jason die Tastatur und hielt nur inne, wenn eine weitere Datenflut über den Monitor blitzte. Das System war schnell, dennoch musste es sich mächtig ins Zeug legen, um mit der Geschwindigkeit Schritt zu halten, mit der Jason die Befehle eingab.

Unwillkürlich riss er den Kopf herum, als aus dem Korridor ein Geräusch hereindrang. Wieder dieser verdammte Traum! Wahrscheinlich nur Charlie, der seine Runden drehte.

Jason betrachtete den Monitor. Viel förderte er nicht zutage. Reine Zeitverschwendung. Auf einen Bogen Papier schrieb er eine Liste von Dateinamen, schaltete den Computer aus, erhob sich und ging zur Tür. Dort hielt er inne und presste das Ohr gegen das Holz. Zufrieden drehte er den Knauf, öffnete die Tür und machte das Licht aus, ehe er die Tür hinter sich zuzog. Ein Augenzwinkern später schnappten die Riegel automatisch wieder ein.

Rasch lief er den Flur entlang, bis er schließlich am anderen Ende des Ganges in einem wenig benutzten Bereich des Bürotrakts anhielt. Die vor ihm befindliche Tür wies ein gewöhnliches Schloss auf, das Jason mit einem speziellen Werkzeug fachmännisch öffnete. Dann trat er ein und sperrte die Tür hinter sich ab.

Die Zimmerbeleuchtung schaltete er nicht ein. Statt dessen kramte er eine handliche Taschenlampe aus seinem Mantel hervor. Die Computeranlage befand sich in der gegenüber liegenden Ecke des Raumes, neben einem niedrigen Aktenschrank, auf dem sich einen Meter hoch Kartonschachteln türmten.

Jason zog den Computertisch von der Wand weg. Hinter dem Tisch hingen Kabel von der Zentraleinheit des Computers hinab. Er kniete sich nieder und ergriff die Kabel, gleichzeitig schob er einen neben dem Tisch stehenden Aktenschrank beiseite, wodurch an der Wand dahinter mehrere Anschlüsse für Datenleitungen zum Vorschein kamen. Jason steckte ein Datenkabel des Computers ein und vergewisserte sich, dass es fest saß. Dann nahm er vor dem Gerät Platz und schaltete es ein.

Während die Maschine zum Leben erwachte, legte Jason die Taschenlampe auf den Deckel einer Schachtel, so dass der Lichtkegel unmittelbar auf die Tastatur schien. An diesem Computer gab es keinen Ziffernblock für die Eingabe eines Zugriffscodes. Ebenso wenig musste Jason in die rechte obere Ecke des Bildschirms blicken und eine positive Identifizierung abwarten. Soweit es Tritons Computernetzwerk anging, durfte dieses Terminal eigentlich überhaupt nicht existieren.

Er holte den Bogen Papier aus der Tasche und legte ihn ins Licht der Lampe. Plötzlich bemerkte er eine Bewegung vor der Tür. Mit angehaltenem Atem verbarg er die Taschenlampe in der Achselhöhle, bevor er sie ausschaltete. Daraufhin verdunkelte er den Monitor, bis alles auf dem Schirm schwarz wurde. Minutenlang hockte Jason reglos in der Dunkelheit. Ein Schweißtropfen bildete sich auf seiner Stirn und bahnte sich träge einen Weg über die Nase, ehe er an der Oberlippe zur Ruhe kam. Jason war zu verängstigt, um ihn wegzuwischen.

Nach fünf Minuten Stille reaktivierte er sowohl die Taschenlampe als auch den Bildschirm und nahm die Arbeit wieder auf. Einmal gestattete er sich ein Grinsen, als eine besonders hartnäckige Brandschutzmauer – ein internes Sicherheitssystem gegen unbefugte Zugriffe auf elektronische Datenbanken – unter seinen beharrlichen Angriffen zerbröckelte. Wie ein Besessener arbeitete er jetzt und gelangte bald ans Ende der Dateiliste auf dem Zettel. Jason griff in die Manteltasche und holte eine Dreieinhalb-Zoll-Diskette daraus hervor, die er in das Laufwerk des Computers schob. Ein paar Minuten später zog er sie wieder heraus, schaltete das Gerät aus und verließ das Büro.

Durch das Labyrinth der Sicherheitskontrollen erreichte er den Ausgang, verabschiedete sich von Charlie und trat hinaus in die Nacht.

KAPITEL 3

Das Mondlicht, das durch das Fenster flutete, verlieh bestimmten Gegenständen in dem dunklen, geräumigen Zimmer Gestalt. Auf einer langen, stabilen Kommode aus Kiefernholz standen in drei Reihen gerahmte Fotos. Auf einem Bild in der hinteren Reihe lehnte sich Sidney Archer in einem dunkelblauen Kostüm an eine auf Hochglanz polierte silberne Jaguar-Limousine. Neben ihr lächelte Jason Archer in die Kamera. Er trug Hosenträger und ein Frackhemd und blickte Sidney verliebt in die Augen. Ein weiteres Foto zeigte dasselbe Paar, diesmal leger gekleidet, vor dem Eiffelturm, mit nach oben deutenden Fingern und spontanem Lachen auf den Gesichtern.

In der mittleren Reihe befand sich ein Bild, auf dem Sidney sich einige Jahre älter in einem Krankenhausbett präsentierte, mit aufgedunsenem Gesicht und nassem Haar, das ihr am Kopf klebte. In den Armen hielt sie ein winziges Bündel mit zusammengekniffenen Augen. Auf dem Foto daneben war Jason zu erkennen, mit schläfrigem Blick, unrasiert und nur mit einem T-Shirt und Looney-Tunes-Boxershorts bekleidet. Er lag am Boden, und das kleine Mädchen, nunmehr mit weit geöffneten, strahlend blauen Augen, lag als kleines, zufriedenes Bündel auf der Brust des Vaters.

Das mittlere Foto in der vordersten Reihe war eindeutig an Halloween aufgenommen worden. Das kleine Bündel war mittlerweile zwei Jahre alt und als Prinzessin verkleidet, einschließlich Diadem und Pumps. Mutter und Vater standen stolz dahinter, die Augen in die Kamera gerichtet, die Hände auf Amys Schultern und Rücken gelegt.

In dem Doppelbett in der Mitte des Raumes lagen Jason und Sidney. Unruhig wälzte Jason sich hin und her. Eine Woche lag sein letzter nächtlicher Besuch im Büro nun zurück. Endlich war die Belohnung in greifbare Nähe gerückt, und die Aussicht darauf ließ ihn an Schlaf gar nicht denken. An der Zimmertür stand eine vollbepackte, große und außergewöhnlich hässliche Segeltuchtasche mit blauen Kreuzstreifen und den Initialen JWA, daneben ein schwarzer Metallkoffer. Der Wecker auf dem Nachtkästchen sprang auf zwei Uhr morgens. Sidneys langer, schlanker Arm schob sich unter der Decke hervor, schlang sich um Jasons Kopf und begann, ihm die Haare zu zerzausen.

Sidney stützte sich auf den Ellbogen und spielte weiter in den Haaren ihres Mannes, während sie näher an ihn heranrückte, bis ihre Konturen mit seinen verschmolzen. Das hauchdünne Nachthemd lag eng an. »Schläfst du?«, flüsterte sie. Im Hintergrund durchbrach nur das Ächzen und Stöhnen des alten Hauses die Stille.

Jason rollte sich zur Seite und betrachtete seine Frau. »Nicht richtig.«

»Das hab’ ich gemerkt – du hast dich dauernd rumgewälzt. Manchmal macht ihr das im Schlaf. Du und Amy.«

»Ich hoffe, ich habe nicht im Schlaf geredet. Schließlich will ich keine Geheimnisse ausplaudern.« Er lächelte matt.

Sie ließ die Hand zu seinem Gesicht hinabsinken, um es zärtlich zu streicheln. »Ich nehme an, jeder Mensch braucht ein paar Geheimnisse, obwohl wir eigentlich vereinbart hatten, keine voreinander zu haben.« Sidney lachte kurz, doch es klang freudlos. Einen Augenblick öffnete Jason den Mund, als wollte er etwas sagen, schloss ihn jedoch rasch wieder, streckte die Arme und warf einen Blick auf die Uhr. Als er sah, wie spät es war, seufzte er. »Himmel, ich könnte genauso gut gleich aufstehen. Das Taxi kommt um halb sechs.«

Sidney schaute hinüber zum Gepäck an der Tür und runzelte die Stirn. »Diese Reise kommt wirklich aus heiterem Himmel, Jason.«

Jason mied ihren Blick. »Ich weiß. Hab’ selbst erst gestern Nachmittag davon erfahren. Aber wenn der Boss sagt ›spring‹, dann hüpfe ich.«

Nun seufzte Sidney. »Ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem wir beide gleichzeitig aus der Stadt sind.«

Ein besorgter Tonfall schlich sich in Jasons Stimme, als er sie anblickte. »Aber mit dem Kindergarten ist doch alles geregelt?«

»Ich musste mich darum kümmern, dass jemand länger dort bleibt, aber das war kein Problem. Trotzdem, du bist nicht länger als drei Tage weg, oder?«

»Drei Tage, nicht mehr, Sid. Das versprech’ ich dir.« Heftig rieb er sich die Kopfhaut. »Du hast keine Möglichkeit gefunden, dich vor der Reise nach New York zu drücken?«

Sidney schüttelte den Kopf. »Für Anwälte gibt es keine Entschuldigung. Das steht bei Tyler, Stone nicht im Handbuch für produktive Mitarbeiter.«

»Himmel, du erledigst in drei Tagen mehr Arbeit als die meisten anderen in fünf.«

»Tja, Schatz, dir brauche ich das wohl nicht zu sagen, aber in unserem Laden zählt nun mal, was man heute für jemanden tun kann und noch wichtiger morgen und am Tag danach und so weiter.«

Jason setzte sich auf. »Genau wie bei Triton. Aber da die Firma im High-Tech-Bereich tätig ist, reichen die Erwartungen bis ins nächste Jahrtausend. Eines Tages bringen wir unsere Schäfchen ins Trockene. Vielleicht schon heute.« Er sah sie an.

Sie schüttelte den Kopf. »Sicher. Während du im Stall auf die Viecher wartest, löse ich weiterhin die Gehaltsschecks ein und zahle unsere Schulden. Abgemacht?«

»In Ordnung. Aber manchmal muss man eben optimistisch in die Zukunft schauen.«

»Da wir gerade von der Zukunft reden, hast du schon mal daran gedacht, an einem weiteren Baby zu arbeiten?«

»Ich bin mehr als bereit dazu. Wenn’s beim nächsten so läuft wie bei Amy, dürfte das eine meiner leichtesten Übungen werden.«

Sidney presste sich liebevoll an ihn, insgeheim froh, dass er keine Einwände dagegen erhob, die Familie zu erweitern. Würde er sich tatsächlich mit einer anderen Frau treffen …? »Das gilt vielleicht für dich, du männliche Hälfte dieser Gleichung«, meinte sie und schubste ihn.

»Tut mir leid, Sid. Typischer Spruch eines gehirnamputierten Machos. Wird nicht wieder vorkommen, Ehrenwort.«

Sidney legte sich zurück auf ihr Kissen und starrte an die Decke, während sie zärtlich seine Schulter rieb. Noch vor drei Jahren wäre es für sie überhaupt nicht vorstellbar gewesen, ihre juristische Tätigkeit aufzugeben. Nun erschien ihr sogar die Teilzeitbeschäftigung zu störend für ihr Leben mit Amy und Jason. Sie sehnte sich nach völliger Freiheit, mit ihrem Kind zusammen zu sein – einer Freiheit, die sie sich nur von Jasons Gehalt noch nicht leisten konnten, auch nicht nach all den Ausgabenkürzungen, zu denen sie sich aufgerafft hatten; standhaft trotzten sie dem typisch amerikanischen Drang, ebenso viel auszugeben, wie sie verdienten. Aber wer konnte sagen, wie die Dinge sich entwickelten, wenn Jason weiterhin die Karriereleiter bei Triton hinaufkletterte? Sidney hatte stets nach finanzieller Unabhängigkeit gestrebt. Sie betrachtete ihren Mann. Wenn sie ihr wirtschaftliches Überleben schon einem Menschen in die Hände legte, konnte es dafür einen besseren geben als den Mann, den sie fast seit jenem Augenblick liebte, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte? Während sie ihn ansah, trat ihr ein feuchter Schimmer in die Augen. Sie setzte sich auf und beugte sich zu ihm hinüber.

»Nun, zumindest kannst du ein paar alte Freunde besuchen, wenn du schon in Los Angeles bist – nur lass bitte die Freundinnen aus!« Neckisch zerzauste sie ihm das Haar. »Aber eigentlich könntest du mich gar nicht verlassen – mein Vater würde dich bis ans Ende der Welt verfolgen.« Bedächtig ließ sie den Blick über seinen nackten Oberkörper, die straffen Bauchmuskeln gleiten. Auch unter der Haut an den Schultern traten Muskelstränge hervor. Abermals musste Sidney daran denken, was für ein Glück sie gehabt hatte, Jason Archers Weg zu kreuzen. Zudem wusste sie ohne jeden Zweifel, dass sich ihr Mann für den Glücklichen hielt, weil er sie gefunden hatte. Er antwortete nicht, sondern starrte ins Leere. »Weißt du«, fuhr sie fort, »in letzter Zeit hast du wirklich verdammt hart gearbeitet – warst zu jeder Tages- und Nachtzeit im Büro, hast mir mitten in der Nacht Zettel hingelegt. Ich vermisse dich.« Spielerisch schubste sie ihn mit der Hüfte. »Du hast doch nicht vergessen, wie schön es ist, nachts zu kuscheln, oder?«

Er küsste sie auf die Wange.

»Außerdem hat Triton einen Haufen Angestellte. Du musst nicht alles alleine machen«, fügte sie hinzu.

Als er sie anblickte, erkannte sie in seinen Augen Spuren tiefer Erschöpfung. »Sollte man eigentlich meinen, was?«

Sidney seufzte. »Wenn die Übernahme von CyberCom abgeschlossen ist, wirst du wahrscheinlich mehr denn je zu tun haben. Vielleicht sollte ich das Projekt sabotieren. Schließlich bin ich Tritons führende Anwältin.« Sie grinste.

Halbherzig lächelte er. Mit den Gedanken war er jedoch eindeutig woanders.

»Das Treffen in New York dürfte auf jeden Fall interessant werden.«

Plötzlich wandte er ihr seine volle Aufmerksamkeit zu. »Wieso das?«

»Weil wir uns wegen der CyberCom-Übernahme treffen. Sowohl Nathan Gamble als auch dein Kumpel Quentin Rowe werden da sein.«

Langsam wich alle Farbe aus dem Gesicht ihres Mannes. »Ich … ich dachte, bei der Besprechung ginge es um das Bel-Tek-Angebot«, stammelte er.

»Nein, davon wurde ich vor einem Monat abgezogen, damit ich mich ganz auf den Fall CyberCom konzentrieren kann. Ich dachte, das hätte ich dir erzählt.«

»Warum findet das Treffen in New York statt?«

»Nathan Gamble hält sich diese Woche dort auf. Ihm gehört ein Penthouse am Park. Milliardäre kriegen ihren Willen. Also düse ich nach New York.«

Jason setzte sich auf; er wirkte so bleich, dass sie dachte, er müsste sich übergeben.

»Jason, was ist denn los?« Sie packte ihn an der Schulter.

Endlich bekam er sich wieder in den Griff und wandte sich ihr zu. Sein Gesichtsausdruck beunruhigte sie zutiefst, standen doch vor allem Schuldgefühle darin geschrieben.

»Sid, eigentlich reise ich gar nicht für Triton nach L. A.«

Sie zog die Hand von seiner Schulter zurück und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Jeder Verdacht, den sie während der letzten Monate verdrängt hatte, brach plötzlich wieder an die Oberfläche. Ihre Kehle fühlte sich staubtrocken an. »Was soll das heißen, Jason?«

»Das soll heißen –« Er atmete tief durch und ergriff ihre Hand. »Das soll heißen, dass es sich um keine Dienstreise handelt.«

»Um was genau handelt es sich dann?«, verlangte sie mit hochrotem Gesicht zu erfahren.

»Um eine Reise für mich, für uns! Sie ist für uns, Sidney.«

Mit grimmiger Miene lehnte sie sich gegen das Kopfteil und faltete die Arme vor der Brust. »Jason, du wirst mir erklären, was los ist, und zwar auf der Stelle.«

Mit niedergeschlagenem Blick zupfte er an der Decke herum. Sie nahm sein Kinn in die Hand und bedachte ihn mit einem forschenden Blick. »Jason?« Seinen inneren Kampf spürend, wartete sie einen Augenblick. »Stell dir vor, wir hätten Weihnachten, Liebling.«

Er seufzte. »Ich fliege nach L. A., um mich bei einer anderen Firma vorzustellen.«

Sie zog die Hand weg. »Was?«

Hastig fuhr er fort. »AllegraPort Technology. Einer der weltweit größten Produzenten von Spezial-Software. Sie haben mir … nun, sie haben mir den Posten des Vizepräsidenten angeboten und möchten mich über kurz oder lang ganz an der Spitze sehen. Dreimal so viel Gehalt wie jetzt, eine gewaltige Prämie am Jahresende, Aktienoptionen, einen wundervollen Altersvorsorgeplan – alles, was das Herz begehrt, Sid. Ein wahrer Volltreffer.«

Sogleich hellte sich Sidneys Gesicht auf. Erleichtert entspannte sie die verkrampften Schultern. »Das war dein großes Geheimnis? Jason, das ist doch wunderbar. Warum hast du es mir nicht schon früher erzählt?«

»Ich wollte dich in keine unangenehme Lage bringen. Schließlich bist du Tritons Anwältin. Die Nächte im Büro? Da habe ich versucht, meine Arbeit fertigzubringen. Ich wollte die Firma nicht hängen lassen. Triton ist ein mächtiges Unternehmen; ich möchte kein böses Blut zum Abschied.«

»Liebling, es gibt kein Gesetz, das dir verbietet, zu einer anderen Firma zu wechseln. Man würde sich für dich freuen.«

»Sicher!« Der sarkastische Tonfall verwirrte sie einen Augenblick, doch er berichtete eilig weiter, bevor sie nachhaken konnte: »AllegraPort würde auch für die Umzugskosten aufkommen. Wir werden mit diesem Haus sogar noch einen hübschen Gewinn herausschlagen – genug, um alle Schulden zu bezahlen.«

Sidney versteifte sich. »Umzug?«

»Die Zentrale befindet sich in Los Angeles. Da müssten wir hinziehen. Aber wenn du nicht willst, dass ich das Angebot annehme, werde ich deine Entscheidung respektieren.«

»Jason, du weißt doch, dass die Kanzlei in L. A. eine Niederlassung hat. Das wäre perfekt.« Abermals lehnte sie sich gegen das Kopfteil und starrte an die Decke. Dann schaute sie augenzwinkernd zu ihm hinüber. »Mal sehen, mit deinem dreifachen Gehalt, dem Gewinn, den wir mit dem Haus erzielen, und wenn wir die Aktien verscherbeln, kann ich vielleicht schon ein bisschen früher Ganztagsmutter werden, als ich dachte.« Er lächelte, als sie ihn überschwänglich umarmte. »Deshalb war ich so überrascht, als du mir erzählt hast, dass du zu einer Besprechung mit Triton musst.«

Sie warf ihm einen fragenden Blick zu.

»Die glauben, ich hätte mir frei genommen, um ein paar Arbeiten rund ums Haus zu erledigen.«

»Oh. Verstehe. Mach dir keine Sorgen, Liebling. Ich sage schon nichts. Wie du weißt, gibt es ein Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandant – und dann gibt es da noch ein wesentlich bedeutenderes Vertrauensverhältnis zwischen einer liebeshungrigen Ehefrau und ihrem großen, attraktiven Mann.« Ihre sanften Augen blickten in seine, und sie schmiegte die Lippen an seine Wange.

Jason schwang die Beine über die Bettkante. »Danke, mein Schatz. Ich bin froh, dass ich es dir erzählt habe.« Jason zuckte die Schultern. »Tja, eigentlich kann ich gleich unter die Dusche springen. Vielleicht erledige ich noch ein paar Dinge, bevor ich abreise.«

Ehe er aufstehen konnte, umklammerte sie mit den Armen seine Hüfte.

»Ich würde dir liebend gerne dabei helfen, etwas zu erledigen, Jason.«

Er wandte ihr das Gesicht zu und betrachtete sie. Sie war nackt. Das Nachthemd hing über dem Fußteil. Ihre wohlgeformten Brüste pressten gegen seinen Rücken. Grinsend ließ er die Hand über ihren glatten Rücken wandern und umfasste genießerisch den weichen Po.

»Ich hab’s ja schon immer gesagt, du hast den großartigsten Hintern der Welt, Sid.«

Sie grunzte. »Ein bisschen zu gut gepolstert, finde ich. Aber daran arbeite ich.«

Seine starken Arme glitten unter ihre Achseln und zogen sie hoch, so dass sie sich beide unmittelbar in die Augen blickten. Sein Mund bildete eine ernste Linie. »Du bist heute schöner als je zuvor, Sidney Archer, und ich liebe dich von Tag zu Tag mehr.« Er sprach die Worte bedächtig und zärtlich, und sie brachten Sidney zum Erbeben, so wie immer. Doch es waren nicht die Worte, die sie derart berührten. Dergleichen konnte man auf jeder Grußkarte lesen. Es war die Art und Weise, wie er sie aussprach – die absolute Überzeugung in seiner Stimme, die Augen, seine Berührungen auf ihrer Haut.

Abermals blickte Jason auf die Uhr und lächelte verschmitzt. »In drei Stunden muss ich los, um das Flugzeug zu erwischen.«

Sie schlang den Arm um seinen Hals und zog ihn auf sich. »In drei Stunden kann viel passieren.«

Zwei Stunden später, die Haare vom Duschen nass, ging Jason Archer den Flur in seinem Haus entlang und öffnete die Tür zu einem kleinen Zimmer. Der Raum war als Heimbüro eingerichtet und verfügte über einen Computer, Aktenschränke, einen hölzernen Schreibtisch und zwei niedrige Bücherregale. Damit war das Zimmer zwar ziemlich vollgepfropft, aber alles hatte seine Ordnung. Ein kleines Fenster gab den Blick auf die draußen herrschende Dunkelheit frei.

Jason schloss die Tür zu seinem Büro, holte einen Schlüssel aus der Schreibtischschublade und sperrte die oberste Lade des Aktenschrankes auf. Er hielt inne und lauschte. Selbst in den eigenen vier Wänden war ihm das zur Gewohnheit geworden, wie ihm plötzlich zu Bewusstsein kam, und es beunruhigte ihn.

Seine Frau hatte sich wieder hingelegt. Zwei Türen weiter schlief Amy wie ein Murmeltier. Jason griff in die Lade und holte behutsam einen großen, altmodischen Lederaktenkoffer mit Doppellaschen, Messingschnallen und abgegriffener Hochglanzoberfläche heraus. Er öffnete den Koffer und nahm eine leere Diskette daraus hervor. Die Anweisungen, die er erhalten hatte, waren präzise: alles auf eine Diskette kopieren, einen Ausdruck der Dokumente anfertigen, danach alles andere vernichten.

Er legte die Diskette in das Laufwerk ein und kopierte darauf das gesamte Material, das er gesammelt hatte. Nachdem er damit fertig war, schwebte sein Finger über der Löschtaste, um den Anweisungen zu folgen und alle entsprechenden Dateien von der Festplatte zu entfernen.

Doch plötzlich geriet er ins Wanken, und letztlich beschloss er, lieber seinem Instinkt zu folgen.

Eine Kopie der Diskette anzufertigen dauerte nur ein paar Minuten. Danach löschte er die Dateien von der Festplatte. Nachdem er den Inhalt der zweiten Diskette einige Augenblicke lang auf dem Bildschirm überprüft hatte, nahm Jason sich noch die Zeit, einige zusätzliche Funktionen mit dem Computer auszuführen. Während er auf den Monitor starrte, verwandelte sich der Text mit einem Schlag in Kauderwelsch. Er speicherte die Änderungen, schloss die Datei, holte die Diskette aus dem Laufwerk und steckte sie in einen kleinen, gepolsterten Umschlag, den er tief in einer Seitentasche des Lederkoffers verbarg. Dann fertigte er, gemäß den Anweisungen, einen Ausdruck des Inhalts der Originaldiskette an und steckte die Diskette mitsamt dem Ausdruck ins Hauptfach des Koffers.

Als Nächstes holte er seine Brieftasche hervor und entnahm ihr die Plastikkarte, die er zuvor benutzt hatte, um in sein Büro zu gelangen. Die würde er nun nicht mehr brauchen. Achtlos warf er sie in die Schreibtischschublade, die er daraufhin verschloss.

Während er den Aktenkoffer betrachtete, waren seine Gedanken weit entfernt von dem kleinen Zimmer. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, seine Frau belügen zu müssen. Das hatte er noch nie getan. Dieses Gefühl, ein Heuchler zu sein, widerstrebte ihm besonders. Aber es war fast vorbei. Beim Gedanken an all die Gefahren, die er auf sich genommen hatte, erschauerte Jason. Abermals durchlief ein Zittern seinen Körper, als er sich den Umstand vor Augen führte, dass seine Frau von all dem keinen blassen Schimmer hatte. Im Geiste ging er noch einmal den Plan durch: die Reiseroute, die Täuschungsmanöver, die Decknamen seiner Kontaktleute. Trotz allem begannen seine Gedanken ständig zu wandern. Er blickte aus dem Fenster und schien in weite Ferne zu starren. Die Augen hinter der Brille weiteten sich, als er rasch alle Möglichkeiten durchging. Nach dem heutigen Tag konnte er zum ersten Mal wirklich behaupten, dass die Sache das Risiko wert gewesen war. Aber erst musste er den heutigen Tag überleben.

KAPITEL 4

Die Dunkelheit, die über dem Internationalen Flughafen Dulles hing, sollte schon bald vom rasch herannahenden Morgengrauen vertrieben werden. Während der neue Tag sich allmählich hervorwagte, fuhr ein Taxi vor das Hauptterminal des Flughafens. Die hintere Tür des Taxis öffnete sich, und heraus stieg Jason Archer. In einer Hand trug er den Lederkoffer, in der anderen den schwarzen Metallkoffer mit seinem Laptop darin. Auf dem Kopf hatte er einen dunkelgrünen, breitkrempigen Hut mit einem Lederband.

Unwillkürlich lächelte Jason, als die Erinnerung an die zärtliche Vereinigung mit seiner Frau in ihm aufstieg. Danach hatten sie beide geduscht, doch der Geruch von kürzlich genossenem Sex verharrte, und hätte er die Zeit dafür gehabt, Jason hätte seine Frau ein zweites Mal geliebt.

Er stellte den Koffer mit dem Computer einen Augenblick ab und langte zurück ins Taxi, um die übergroße Segeltuchtasche vom Sitz zu nehmen, die er sich über die Schulter schlang.

Am Ticketschalter von Western Airlines zeigte Jason seinen Führerschein vor, woraufhin ihm ein Sitzplatz zugewiesen und die Bordkarte übergeben wurde. Außerdem gab er die Segeltuchtasche auf. Danach nahm er sich einen Augenblick Zeit, um den Kragen des kamelfarbenen Mantels hochzuschlagen, den Hut tiefer ins Gesicht zu ziehen und die Krawatte zurechtzurücken, in der goldene, haselnussbraune und lavendelfarbene Spiralen eingewirkt waren. Seine weite Hose war dunkelgrau. Zwar wäre es wohl kaum jemandem aufgefallen, doch die Socken entpuppten sich als weiße Sportsocken, die dunklen Schuhe als Tennisschuhe. Ein paar Minuten später kaufte Jason sich an der Verkaufsstraße des Terminals eine Ausgabe von USA Today und eine Tasse Kaffee. Danach passierte er die Sicherheitskontrolle.

Der Zubringerbus zum mittleren Terminal war zu drei Vierteln voll. Jason stand inmitten von Männern und Frauen, von denen er sich nicht wesentlich unterschied – dunkle Kleidung, bunte Krawatten oder Tücher um den Hals, in den müden Händen Gepäckkarren voller Taschen und Koffer.

Den Lederkoffer gab Jason keine Sekunde aus der Hand. Den Koffer mit dem Computer hatte er sich zwischen die Beine gestellt. Gelegentlich ließ er den Blick durch den Zubringerbus schweifen und musterte die schläfrigen Fahrgäste. Danach wanderten die Augen stets zurück zu seiner Zeitung, während der Bus auf das mittlere Terminal zurollte.

Während er im großen, offenen Wartebereich vor Flugsteig 11 saß, blickte Jason auf die Uhr. Bald würde das Flugzeug zum Einsteigen bereit sein. Er schaute aus dem Panoramafenster, wo eine Reihe von Western-Airlines-Jets, erkennbar an den braunen und gelben Streifen, für den Abflug vorbereitet wurden. Rosarote Schlieren zogen sich über den Himmel, während die Sonne gemächlich aufstieg, um auf die Ostküste herabzuscheinen. Draußen drückte der Wind heftig gegen das dicke Glas. Mit eingezogenen Schultern kämpften sich Arbeiter der Fluggesellschaft gegen die unsichtbare Naturgewalt voran. Schon bald würde der Winter mit aller Härte einsetzen und die ganze Region bis zum nächsten April mit Wind, Schnee und Eis überziehen.

Jason holte die Bordkarte aus der inneren Manteltasche und las sie durch: Western Airlines Flug 3223 vom Internationalen Flughafen Dulles, Washington, zum Internationalen Flughafen Los Angeles, Direktflug ohne Zwischenlandung. Jason war im Großraum Los Angeles geboren und aufgewachsen, aber seit über zwei Jahren nicht mehr dort gewesen. Auf der gegenüber liegenden Gangseite des riesigen Terminals würde ebenfalls in Kürze ein Flug der Western Airlines zum Einsteigen bereit sein, und zwar mit Bestimmungsort Seattle und kurzem Aufenthalt in Chicago. Jason leckte sich die Lippen; die Anspannung kratzte an seinem Nervenkostüm. Er musste ein paarmal schlucken, um die plötzliche Trockenheit aus der Kehle zu bekommen. Während er den Kaffee austrank, blätterte er halbherzig die Zeitung durch und betrachtete das kollektive Leid und Elend der Welt, das ihm von jeder der bunten Seiten entgegensprang.

Während er die Titelzeilen überflog, bemerkte Jason den Mann, der zielstrebig den Gang herunterschritt. Er mochte etwa eins achtzig groß sein, war schlank und hatte blondes Haar. Bekleidet war er mit einem kamelfarbenen Mantel und weiten, grauen Hosen. Die gleiche Krawatte, die auch Jason trug, lugte am Kragen hervor. Wie Jason hatte er einen ledernen Aktenkoffer sowie einen Computerkoffer dabei. In der Hand mit dem Computerkoffer hielt er außerdem einen weißen Umschlag.

Rasch erhob sich Jason und ging in die Herrentoilette, die soeben wieder geöffnet hatte, nachdem sie geputzt worden war.

Jason betrat die hinterste Kabine, verriegelte die Tür, hing den Mantel an den Türhaken, öffnete den Lederkoffer und holte eine große, zusammenlegbare Nylontasche daraus hervor. Dann kramte er einen zehn Mal zwanzig Zentimeter großen Spiegel heraus, den er gegen die Kabinenwand drückte, wo er dank seiner magnetischen Rückwand haften blieb. Als Nächstes brachte er eine dunkle Brille mit dicken Gläsern als Ersatz für die Drahtgestellbrille sowie einen aufklebbaren schwarzen Schnurrbart zum Vorschein. Die Kurzhaarperücke passte genau zur Farbe des Schnurrbarts. Krawatte und Jackett wurden abgelegt, in die Tasche gestopft und durch ein Washington-Huskies-Sweatshirt ersetzt. Auch die weite Hose wurde ausgezogen. Darunter trat eine gleichfarbige Trainingshose zutage. Nun wirkten auch die Tennisschuhe nicht mehr so fehl am Platz. Bei dem Mantel handelte es sich um einen Wendemantel, und statt kamelfarben präsentierte er sich nunmehr dunkelblau. Wiederum überprüfte Jason sein Äußeres im Spiegel. Der Lederkoffer und der Metallkoffer verschwanden gemeinsam mit dem Spiegel in der Nylontasche. Den Hut ließ er am Haken der Kabinentür hängen. Er entriegelte die Tür, trat hinaus und ging hinüber ans Waschbecken.

Nachdem er sich die Hände gewaschen hatte, betrachtete Jason das frisch bebrillte Antlitz im Spiegel. Währenddessen tauchte der große Blonde, den er zuvor gesehen hatte, an der Tür auf, schritt hinüber zu der Kabine, die Jason soeben verlassen hatte und schloss die Tür. Sorgfältig trocknete Jason sich die Hände und strich die neue Frisur zurecht. Mittlerweile kam der Mann wieder aus der Kabine, mit Jasons Hut auf dem Kopf. Ohne die Verkleidung hätte man Jason für einen Zwillingsbruder des anderen halten können. Als die beiden die Toilette verließen, stießen sie kurz zusammen. Flüchtig murmelte Jason eine Entschuldigung. Der Mann würdigte ihn keines Blickes. Rasch schritt er von dannen und ließ dabei Jasons Flugticket in der Hemdentasche verschwinden, während Jason den weißen Umschlag in den Mantel steckte.

Gerade wollte er zu seinem Sitz zurückgehen, da fiel sein Blick auf die Telefonzellen. Kurz zögerte er, dann lief er rasch hinüber und wählte eine Nummer.

»Sid?«

»Jason?« Sidney war damit beschäftigt, eine sich verzweifelt wehrende Amy Archer gleichzeitig zu füttern, anzuziehen und nebenbei noch Akten in ihren Koffer zu stopfen. »Was ist denn los? Hat dein Flug Verspätung?«

»Nein, nein, er geht in ein paar Minuten.« Als er sein verwandeltes Spiegelbild auf der reflektierenden Oberfläche des Telefons erblickte, verfiel er in Schweigen. Es war ein miserables Gefühl, so in Verkleidung mit seiner Frau zu sprechen, die von allem nichts wusste.

Sidney mühte sich mit Amys Mantel ab. »Stimmt irgendwas nicht?«

»Nein, ich dachte nur, ich ruf’ mal an, um zu hören, wie’s euch geht.«

Sidney ließ ein aufgebrachtes Grunzen vernehmen. »Tja, dann will ich dich mal auf den letzten Stand bringen: Ich bin spät dran, deine Tochter ist wie üblich zu keinerlei Zusammenarbeit bereit, und mir ist gerade eingefallen, dass ich mein Flugticket und einige wichtige Unterlagen im Büro gelassen habe, was bedeutet, dass ich statt einem Polster von dreißig Minuten vielleicht gerade noch zehn Sekunden habe.«

»Es … es tut mir leid, Sid. Ich …« Fest umklammerte Jason den Griff der Nylontasche. Heute war der letzte Tag. Der allerletzte Tag, das sagte er sich immer wieder vor. Was wäre, wenn ihm etwas zustoßen sollte? Wenn er aus irgendeinem Grund trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht zurückkommen sollte? Sie würde nie die Wahrheit erfahren, oder?

Mittlerweile schäumte Sidney. Amy hatte gerade ihre Schüssel mit Cheerios über ihren Mantel verteilt. Ein beträchtlicher Teil der Milch hatte sich geschickt den Weg in Sidneys überfüllten Aktenkoffer gesucht, während sie sich damit abquälte, den Telefonhörer unters Kinn zu klemmen. »Ich muss los, Jason.«

»Nein, Sid, warte. Ich muss dir etwas –«

Sidney stand auf. Ihr Tonfall, während sie den Schaden begutachtete, den ihre Zweijährige soeben angerichtet hatte, ließ deutlich erkennen, dass sie keinen Widerspruch duldete. Trotzig starrte Amy zu ihrer Mutter empor, mit einer Miene, die Sidneys eigener äußerst ähnlich sah. »Jason, das wird warten müssen. Auch ich habe ein Flugzeug zu erwischen. Mach’s gut.« Sie legte den Hörer auf, klemmte sich ihre zappelnde Tochter unter den Arm, samt Cheerios und allem, und stürzte zur Tür hinaus.

Langsam legte auch Jason den Hörer auf und wandte sich vom Telefon ab. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Kehle. Wohl zum hundertsten Male betete er, der heutige Tag möge wie geplant verlaufen. Dem Mann, der unauffällig in seine Richtung schaute und sich sogleich wieder wegdrehte, schenkte er keine Beachtung. Zuvor war derselbe Mann an Jason vorbeigegangen – noch bevor letzterer die Verwandlung auf der Toilette vollzog –, sogar nah genug, um das Namensschild auf dem Metallkoffer zu lesen. Es sollte sich als winzige, jedoch bedeutsame Unachtsamkeit Jasons herausstellen; denn auf dem Schild fanden sich sein richtiger Name sowie seine richtige Adresse.

Ein paar Minuten später stand Jason in der Schlange, um an Bord des Flugzeugs zu gehen. Er holte den weißen Umschlag hervor, den er in der Toilette von dem Mann erhalten hatte und nahm das darin befindliche Flugticket heraus. Er fragte sich, wie es in Seattle wohl sein würde. Dort war er noch nie gewesen.

Dann warf er einen Blick zur gegenüber liegenden Seite des Ganges, gerade noch rechtzeitig, um seinen »Zwilling« in den Flug nach Los Angeles einsteigen zu sehen. Dabei erhaschte Jason auch einen Blick auf einen weiteren Passagier, der in der Schlange für den Flug nach Los Angeles stand. Er war groß und hager, hatte einen kahlen Schädel und ein breites, teilweise von einem buschigen Bart verdecktes Gesicht. Die ausdrucksstarken Züge wirkten vertraut, doch Jason wusste den Mann nicht einzuordnen; dann verschwand dieser mit einem Aktenkoffer in der Hand durch die Tür, um zu seinem wartenden Flugzeug zu gelangen. Jason zuckte die Schultern, übergab ordnungsgemäß seine Bordkarte und ging die Treppe hinab.

Kaum eine halbe Stunde später, als das Flugzeug, in dem sich Arthur Lieberman befand, auf die Erde krachte und schwarze Rauchschwaden zu den weißen Wolken emporwallten, trank Jason Archer Hunderte Meilen nördlich davon eine frische Tasse Kaffee und öffnete seinen Laptop. Lächelnd blickte er aus dem Fenster der auf Chicago zudüsenden Maschine. Der erste Abschnitt der Reise war ohne Zwischenfall verlaufen, und der Kapitän hatte soeben für die gesamte Strecke einen ruhigen Flug angekündigt.

KAPITEL 5

Ungeduldig drückte Sidney Archer auf die Hupe, worauf der Fahrer in dem Wagen vor ihr endlich merkte, dass die Ampel Grün zeigte. Sidney warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett: Wie üblich war sie spät dran.

Instinktiv betrachtete sie im Innenspiegel des Ford Explorer den Rücksitz. Amy, die ihren Teddy mit der winzigen Hand fest umklammert hielt, war auf dem Kindersitz eingeschlafen. Von ihrer Mutter hatte Amy das dichte, blonde Haar, das markante Kinn und die schlanke Nase geerbt. Die strahlend blauen Augen und die athletische Anmut stammten von ihrem Vater, obwohl auch Sidney einst recht erfolgreich am College als Stürmerin im Frauenbasketballteam gespielt hatte.

Sie bog auf den asphaltierten Parkplatz ein und setzte in eine Parklücke vor dem niedrigen Ziegelsteingebäude zurück. Dann stieg sie aus, öffnete die Hintertür des Ford und befreite ihre Tochter behutsam aus dem Kindersitz, darauf bedacht, den Teddybären und den Beutel mit Amys Sachen nicht zu vergessen. Sie zog Amy die Kapuze über den Kopf und schützte das kleine Gesichtchen mit ihrem Mantel gegen den schneidenden Wind. Ein Schild über der Doppelglastür verkündete: »JEFFERSON COUNTY DAY-CARE CENTER«.

Drinnen zog Sidney ihrer Tochter den Mantel aus und nahm sich die Zeit, die Folgen des morgendlichen Zwischenfalls mit den Cornflakes zu beseitigen. Danach überprüfte sie den Inhalt von Amys Beutel, bevor sie diesen an Karen, eine Mitarbeiterin der Kindertagesstätte, übergab. Die Vorderseite von Karens weißem Overall war bereits mit roter Malkreide vollgeschmiert; am rechten Ärmel prangte ein großer Fleck, der nach Grapefruitmarmelade aussah.

»Hallo, Amy. Wir haben ein paar neue Spielsachen hier, die du bestimmt ausprobieren möchtest.« Karen kniete sich vor dem kleinen Mädchen hin. Immer noch umklammerte Amy den Teddy mit festem Griff. Den rechten Daumen behielt sie hartnäckig im Mund.

Sidney hielt Amys Tasche hoch. »Bohnen und Würstchen, Saft und eine Banane. Frühstück hat sie bereits gegessen. Zum Knabbern Kartoffelchips, und wenn sie ganz brav ist, bekommt sie einen Schokoriegel. Und gönnen Sie ihr zu Mittag ein etwas längeres Nickerchen, Karen, sie hat heute Nacht schlecht geschlafen.«

Karen streckte Amy einen Finger hin. »In Ordnung, Mrs. Archer. Amy ist doch immer brav. Nicht wahr, Amy?«

Sidney kniete sich nieder und hauchte ihrer Tochter einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Da haben Sie recht. Außer wenn sie nicht essen, schlafen oder das tun will, was man ihr sagt.«

Karen hatte einen kleinen Jungen im selben Alter wie Amy. Die beiden Mütter tauschten ein wissendes Lächeln.

»Ich bin heute Abend um halb acht hier, Karen.«

»In Ordnung, Mrs. Archer.«

»Tschüs, Mami. Hab’ dich lieb.«

Sidney wandte sich um und sah, dass Amy ihr zuwinkte. Die kleinen Finger schwebten auf und nieder. Der trotzige Gesichtsausdruck hatte sich in entzückende, unschuldige Traurigkeit verwandelt, bei deren Anblick Sidneys Wut über die morgendliche Auseinandersetzung rasch verflog. Sidney winkte zurück.

»Ich hab’ dich auch lieb. Heute Abend nach dem Essen gönnen wir uns ein Eis, mein Schatz. Und ich bin sicher, Papa wird anrufen und mit dir reden wollen.« Ein wundersüßes Lächeln huschte über Amys Gesicht.

Dreißig Minuten später stellte Sidney den Wagen im Parkhaus der Kanzlei ab, ergriff den Aktenkoffer vom Beifahrersitz, warf die Autotür zu und rannte zum Fahrstuhl. Der eisige Wind, der durch die Einfahrt in die Tiefgarage herunterblies, hob ihre Stimmung. Bald würden sie den alten Steinkamin im Wohnzimmer in Betrieb nehmen. Sie hatte den Geruch eines offenen Feuers lieben gelernt, denn er vermittelte Gemütlichkeit und ein Gefühl von Geborgenheit. Der bevorstehende Winter ließ sie an Weihnachten denken. Zum ersten Mal würde Amy die Besonderheit dieser Zeit richtig begreifen. Das Herannahen der Feiertage erfüllte Sidney mit prickelnder Vorfreude. Zum Thanksgiving beabsichtigten sie, ihre Eltern zu besuchen; Weihnachten hingegen wollten Jason, Sidney und Amy dieses Jahr zu Hause verbringen, ganz unter sich, vor einem knisternden Kaminfeuer, einem riesigen Weihnachtsbaum und einem Berg von Geschenken für das kleine Mädchen.

Obwohl sie geglaubt hatte, schon wieder furchtbar spät dran zu sein, war es erst sieben Uhr fünfunddreißig, als sie aus dem Fahrstuhl trat.

Zwar arbeitete Sidney offiziell nur drei Tage in der Woche, dennoch zählte sie zu den am härtesten schuftenden Anwälten der Firma. Die langjährigen Partner von Tyler, Stone lächelten jedes Mal, wenn sie an Sidney Archers Büro vorbeikamen und sahen, wie durch die Anstrengungen der jungen Frau ihr Stück vom Kuchen größer und größer wurde. Einige glaubten wahrscheinlich, Sidney auszunützen, doch sie hatte ihre eigenen Pläne. Die Teilzeitbeschäftigung betrachtete sie lediglich als vorübergehende Lösung. Als Anwältin konnte sie noch ein Leben lang arbeiten; die Gelegenheit, Mutter zu sein, hatte sie nur, solange Amy noch ein kleines Mädchen war.

Das alte Ziegelsteinhaus hatten sie etwa zum halben Wert erstanden, da es sich als stark renovierungsbedürftig erwies. Die erforderlichen Arbeiten hatten Sidney und Jason mit Unterstützung einer Reihe von Handwerkern unter harten Preisverhandlungen in den letzten beiden Jahren durchgeführt. Den Jaguar hatten sie gegen den klapprigen, sechs Jahre alten Ford eingetauscht. Die letzten Studiendarlehen waren nahezu abbezahlt, und die monatlichen Lebenshaltungskosten hatten sie durch sparsames Wirtschaften und einige Opfer auf nahezu die Hälfte reduzieren können. In einem Jahr würden die Archers fast völlig schuldenfrei sein.

Ihre Gedanken wanderten zurück zu jenen frühen Morgenstunden. Jasons Eröffnung hatte sie regelrecht verblüfft. Doch als sie sich die Konsequenzen durch den Kopf gehen ließ, trat unwillkürlich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie war stolz auf Jason. Er verdiente diesen Erfolg, mehr als jeder andere. Alles deutete auf einen glücklichen Jahresausklang hin. All die langen Nächte. Wahrscheinlich hatte er nur seine Arbeit fertigbringen wollen. All die Stunden voll unnötiger Sorgen. Nun tat es ihr leid, dass sie ihm zuvor am Telefon das Wort abgeschnitten hatte. Doch sie würde ihn dafür entschädigen, sobald er zurückkam.

Sidney öffnete die Tür, eilte den hübsch gestalteten Korridor entlang und betrat ihr Büro. Rasch überprüfte sie ihre elektronische Post und den Anrufbeantworter. Keine dringende Nachricht für sie. Dann packte sie die Unterlagen, die sie für die Reise brauchte, in den Aktenkoffer, nahm sich die Flugtickets vom Stuhl, wo ihre Sekretärin sie hingelegt hatte, und verstaute den Laptop in einer Tragetasche. Danach hinterließ sie ihrer Sekretärin und vier weiteren Anwälten der Kanzlei, die sie bei verschiedenen Fällen unterstützten, auf den jeweiligen Anrufbeantwortern eine wahre Flut von Anweisungen. Vollgeladen wie ein Packesel wankte sie zurück zum Aufzug.

Am Shuttleflugschalter von USAir am National Airport checkte Sidney ein und nahm bereits wenige Minuten später auf ihrem Sitz an Bord der Boeing 737 Platz. Es sah aus, als ob die Maschine ihren knapp fünfzigminütigen Flug zum New Yorker Flughafen La Guardia pünktlich antreten würde. Bedauerlicherweise dauerte die Fahrt vom Flughafen in die Stadt fast genauso lange wie die Bewältigung der etwa dreihundertvierzig Kilometer, die zwischen der Hauptstadt der Nation und der Hauptstadt der Finanzwelt lagen.

Wie gewöhnlich war das Flugzeug voll. Neben ihr saß ein älterer Herr in einem altmodischen, dreireihigen Nadelstreifenanzug. Vom Hintergrund eines gestärkten Hemdes mit geknöpften Enden hob sich grell eine rote, breit geknotete Krawatte ab. Auf seinem Schoß lag ein abgewetzter Aktenkoffer aus Leder. Nervös ballten sich die langgliedrigen Finger des Mannes unablässig zu Fäusten, während er aus dem Fenster starrte. Rund um die Ohrläppchen sprossen lichte, weiße Haarbüschel. Der Hemdkragen hing lose um den runzligen Hals, wie eine Tapete, die sich von der Wand löst. An der linken Schläfe und über den dünnen Lippen des Mannes bemerkte Sidney Schweißtropfen.

Schwerfällig rumpelte das Flugzeug zur Hauptpiste. Das Brummen der Landeklappen, die in Startposition einrasteten, schien den alten Mann zu beruhigen. Er wandte sich Sidney zu.

»Darauf horche ich immer«, meinte er mit tiefer, rauer Stimme und dem schleppenden Akzent eines Menschen, der sein Leben im Süden verbrachte.

Sidney musterte ihn mit fragendem Blick. »Worauf?«

Er deutete aus dem winzigen Fenster. »Darauf, dass die Landeklappen der Tragflächen einrasten, damit dieses Ding vom Boden abheben kann. Erinnern sie sich an die Maschine oben in Detroit?« Er sprach den Namen so aus, als handle es sich eigentlich um zwei Wörter. »Die Piloten hatten vergessen, die Klappen in Startposition zu bringen, und dadurch alle an Bord getötet, mit Ausnahme dieses kleinen Mädchens.«

Eine Weile blickte Sidney aus dem Fenster. »Ich bin sicher, die Piloten wissen bestens Bescheid«, entgegnete sie. Innerlich seufzte sie. Das Letzte, was sie brauchen konnte, war ein ängstlicher Fluggast als Sitznachbar.

Sidney widmete sich wieder ihren Notizen und ging rasch noch einmal die Unterlagen für die Präsentation durch, bevor die Flugbegleiterinnen die Passagiere aufforderten, das Handgepäck unter den Sitzen zu verstauen. Als sie zu einer neuerlichen Überprüfung vorbeikamen, schob Sidney die Dokumente zurück in den Koffer und diesen unter den Sitz vor ihr. Durch das Fenster betrachtete sie den dunklen, aufgewühlten Strom des Potomac. Möwenschwärme tummelten sich auf dem Wasser; aus der Entfernung wirkten sie wie durcheinanderwirbelnde Papierschnipsel. Kurz angebunden teilte der Kapitän über die Sprechanlage mit, dass ihr Flug der nächste in der Startreihe sei.

Nachdem die Maschine eine Linkswendung vollzog, um nicht in die Flugverbotszone über dem Kapitol und dem Weißen Haus zu geraten, stieg sie rasch auf die Reiseflughöhe an.

Einige Minuten, nachdem das Flugzeug bei neunundzwanzigtausend Fuß in den Horizontalflug überging, rollte die Stewardess mit dem Getränkewagen vorbei, und Sidney ließ sich eine Tasse Tee sowie das übliche Tütchen mit gesalzenen Erdnüssen reichen. Der ältere Herr neben ihr schüttelte den Kopf, als er nach seinem Getränkewunsch gefragt wurde. Gleich darauf starrte er wieder aus dem Fenster.

In der Absicht, während der nächsten halben Stunde noch ein wenig zu arbeiten, fasste Sidney hinunter und zog den Aktenkoffer unter dem Sitz hervor. Sie lehnte sich zurück und holte ein paar Unterlagen aus dem Koffer. Gerade wollte sie die Dokumente durchlesen, da bemerkte sie, dass der alte Mann noch immer aus dem Fenster blickte; angespannt zuckte die hagere Gestalt bei jedem Ruck zusammen; offensichtlich lauschte er auf jedes noch so geringfügig ungewöhnliche Geräusch, das eine Katastrophe ankündigen konnte. Die Venen traten an seinem Hals hervor, die Hände umklammerten die Armlehnen des Sitzes – unverkennbare Symptome der Flugangst.

Irgendwie tat er Sidney nun doch leid. Angst zu haben war schlimm genug. Das Gefühl, mit seiner Angst alleine dazustehen, machte alles nur noch schlimmer. Sie fasste hinüber und tätschelte beruhigend seinen Arm. Jäh wandte er sich zu ihr um und erwiderte ihr Lächeln, sichtlich verlegen, mit leicht gerötetem Gesicht.

»Dieser Flug findet so oft statt, dass man mittlerweile ganz bestimmt alle Probleme beseitigt hat«, meinte sie mit sanfter, beschwichtigender Stimme.

Abermals lächelte er und rieb sich die Hände, um die Durchblutung wieder in Gang zu bringen.

»Sie haben völlig recht … Ma’am.«

»Sidney, Sidney Archer.«

»George Beard ist mein Name. Freut mich, Sie kennenzulernen, Sidney.« Ein kräftiger Händedruck folgte.

Unvermittelt schaute Beard aus dem Fenster in die Wolkenfetzen. Grell und lodernd stand die Sonne am Himmel. Er zog die Fensterblende halb herab. »Im Lauf der Jahre bin ich schon so oft geflogen; man sollte meinen, ich hätte mich daran gewöhnt.«

»Ganz gleich, wie oft man schon geflogen ist, es kann jedes Mal wieder nervenaufreibend sein«, erwiderte Sidney freundlich. »Aber ein Flug ist nicht annähernd so schlimm wie nachher die Taxifahrt in die Stadt.«

Beide lachten. Dann zuckte Beard leicht zusammen, als die Maschine auf eine besonders hartnäckige Lufttasche traf. Sogleich wurde sein Gesicht wieder aschfahl. »Reisen Sie oft nach New York, George?« Sie versuchte, seinen Blick vom Fenster fernzuhalten. Kein Transportmittel hatte ihr je Probleme bereitet. Aber seit Amys Geburt schlich sich regelmäßig ein Hauch Besorgnis in ihre Gedanken, wenn sie ein Flugzeug oder einen Zug bestieg, ja sogar, wenn sie sich ins Auto setzte. Sie musterte Beards Gesicht. Der alte Mann verkrampfte sich erneut, während das Flugzeug weiterrumpelte. »Es ist alles in Ordnung. Nur eine kleine Turbulenz.«

Tief atmete er durch, ehe er ihr schließlich in die Augen blickte. »Ich bin im Aufsichtsrat einer Firma mit Hauptsitz in New York. Deshalb muss ich zweimal im Jahr da hin.«

Sidney warf einen Blick auf ihre Dokumente, weil ihr plötzlich etwas einfiel. Sie runzelte die Stirn. Auf Seite vier war ein Fehler. Den musste sie ausbessern, wenn sie in die Stadt kam.

George Beard berührte sie am Arm. »Aber ich schätze, zumindest heute kann uns nichts passieren. Ich meine, wie oft kommt es schon vor, dass zwei Flugzeuge an einem Tag abstürzen?«

Sidney, noch mit ihren Unterlagen beschäftigt, antwortete nicht gleich. Schließlich wandte sie sich ihm zu und verengte die Augen. »Wie bitte?«

Geheimnisvoll beugte Beard sich vor und sprach mit leiser Stimme. »Ich bin heute Morgen mit einem dieser Städtehüpfer aus Richmond gekommen und war um acht am Flughafen. Dort habe ich die Unterhaltung zweier Piloten mitgekriegt. Die beiden waren völlig aus dem Häuschen, kann ich ihnen sagen. Wäre ich wohl auch.«

Sidneys Gesicht verriet Verwirrung. »Wovon reden Sie?«

Beard beugte sich noch dichter herüber. »Ich weiß nicht, ob es schon öffentlich bekannt gegeben wurde; aber mein Hörgerät funktioniert mit den neuen Batterien viel besser. Die beiden haben wohl geglaubt, ich könnte sie nicht hören.« Er legte eine dramatische Pause ein. Prüfend blickte er sich um, ehe er die Augen wieder auf Sidney richtete. »Heute Morgen hat es einen Flugzeugabsturz gegeben. Keine Überlebenden.« Er sah sie an. Die weißen, buschigen Brauen zuckten wie der Schwanz einer Katze.

Einen Augenblick schienen Sidneys lebenswichtige Organe vereint die Arbeit niederlegen zu wollen. »Wo?«

Beard schüttelte den Kopf. »Den Teil habe ich nicht verstanden. Aber es muss ein Jet gewesen sein, ein ziemlich großer sogar. Ist anscheinend einfach so vom Himmel gefallen. Schätze, deshalb waren die Typen auch so aufgeregt. Ich meine, es muss wirklich schlimm sein, nicht zu wissen, warum es passiert ist, oder?«

»Wissen Sie, welche Fluggesellschaft?«

Abermals schüttelte er den Kopf. »Schätze, das werden wir bald erfahren. Möchte wetten, dass die Sache bereits im Fernsehen ist, wenn wir in New York ankommen. Ich habe meine Frau noch vom Flughafen aus angerufen und ihr gesagt, dass es mir gut geht. Natürlich konnte sie noch nichts davon wissen, aber ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen macht, wenn es durch die Nachrichten kommt.«

Sidney stierte auf Beards hellrote Krawatte. Plötzlich sah sie aus wie eine große, frische Wunde, die an der Kehle des Mannes klaffte. Die Wahrscheinlichkeit schien so gering – unmöglich. Kopfschüttelnd schaute sie nach vorn und erblickte etwas, womit sie sich schnell Gewissheit verschaffen konnte. Sie schob ihre Kreditkarte in den Schlitz, nahm das Bordtelefon aus der Halterung und wählte die Nummer von Jasons SkyWord-Pager. Seine neue Mobiltelefonnummer hatte sie nicht dabei, aber normalerweise schaltete er das Gerät während eines Fluges ohnehin aus. Schon zweimal hatte ihm das Flugpersonal eine Rüge erteilt, weil er unterwegs Anrufe auf dem Mobiltelefon entgegengenommen hatte. Sie betete zu Gott, dass er den Pager nicht zu Hause vergessen hatte. Rasch warf sie einen Blick auf die Uhr. Im Augenblick musste Jason sich irgendwo über dem Mittelwesten befinden; aber da die Signale von einem Satelliten weitergeleitet wurden, vermochte der Pager sie problemlos auch an Bord eines Flugzeuges zu empfangen. Leider konnte Jason sie nicht direkt zurückrufen, da die 737, in der Sidney saß, noch nicht mit der neuesten Technologie ausgestattet war. Daher gab sie nach dem Aufforderungszeichen ihre Büronummer ein. In zehn Minuten wollte sie bei ihrer Sekretärin nachfragen.

Die zehn Minuten verstrichen, und Sidney rief im Büro an. Nach dem zweiten Läuten hob ihre Sekretärin ab. Nein, ihr Mann hatte sich nicht gemeldet. Auf Sidneys Drängen hin hörte die Sekretärin Sidneys Anrufbeantworter ab. Auch darauf fand sich keine Nachricht. Von einem Flugzeugabsturz hatte die Sekretärin nichts gehört. Allmählich überlegte Sidney, ob George Beard die Unterhaltung der Piloten womöglich missverstanden hatte. Wahrscheinlich hatte er bloß herumgesessen und sich jede nur erdenkliche Katastrophe ausgemalt.

Dennoch musste sie auf Nummer Sicher gehen. Hektisch kramte sie in ihrem Gedächtnis nach der Fluggesellschaft, mit der ihr Mann reiste. Sie rief bei der Auskunft an und erhielt die Nummer von Western Airlines. Endlich wurde sie mit einem menschlichen Wesen verbunden, das ihr mitteilte, die Fluglinie habe wohl einen Morgenflug von Dulles nach L. A. im Programm, es lägen jedoch keinerlei Berichte über einen Absturz vor. Es schien der Frau zu widerstreben, am Telefon darüber zu sprechen. Von neuen Zweifeln erfüllt, legte Sidney auf. Als Nächstes rief sie bei American Airlines, danach bei United Airlines an, doch bei keiner der beiden Fluggesellschaften gelang es ihr, einen Menschen ans Telefon zu bekommen. Die Leitungen schienen völlig blockiert zu sein. Abermals versuchte sie es, mit demselben Ergebnis. Langsam ergriff Beklommenheit Besitz von ihr.

Wieder berührte George Beard sie am Arm. »Sidney … Ma’am, ist alles in Ordnung?«

Sidney erwiderte nichts. Geistesabwesend starrte sie ins Leere. Im Augenblick konnte sie einzig daran denken, dass sie aus dem Flugzeug stürmen würde, sobald es gelandet war.

KAPITEL 6

Jason Archer betrachtete den SkyWord-Pager, auf dessen winzigem Bildschirm eine Nummer erschien. Nachdenklich rieb er sich das Kinn, dann nahm er die Brille ab und putzte sie mit der Serviette, die zum Mittagessen gereicht worden war. Es handelte sich um die Durchwahl seiner Frau im Büro.

Wie das Flugzeug, in dem seine Frau saß, verfügte auch die DC-10, mit der Jason reiste, über Bordtelefone, die in die Rückenlehne der Sitze eingelassen waren. Die Hand bereits nach dem Telefon ausgestreckt, zögerte er plötzlich. Er wusste, dass Sidney sich heute in der New Yorker Niederlassung ihrer Kanzlei aufhielt, weshalb ihn die Nummer ihres Büros in Washington auf dem Pager verwunderte. Einen entsetzlichen Augenblick lang fürchtete er, dass etwas mit Amy nicht in Ordnung sein könnte. Abermals betrachtete er den SkyWord-Pager. Der Anruf war um neun Uhr dreißig Ostküstenzeit eingegangen. Er schüttelte den Kopf. Zu der Zeit musste sich seine Frau an Bord eines Flugzeugs auf halbem Weg nach New York befinden. Mit Amy konnte es nichts zu tun haben, denn ihre Tochter weilte schon seit vor acht Uhr im Kindergarten. Rief sie an, weil sie sich dafür entschuldigen wollte, dass sie zuvor einfach aufgelegt hatte? Auch das, entschied er, war äußerst unwahrscheinlich. Es war ja nicht einmal ein richtiger Ehestreit gewesen, auch kein kleiner. Das Ganze ergab einfach keinen Sinn. Warum um alles in der Welt sollte sie ihn von einem Flugzeug aus anrufen und die Nummer eines Büros hinterlassen, wo er sie ohnehin nicht persönlich erreichen konnte?

Mit einem Mal wurde er blass. Außer, es war gar nicht seine Frau gewesen, die angerufen hatte. In Anbetracht der ungewöhnlichen Umstände kam Jason zu dem Schluss, dass der Anruf sogar höchst wahrscheinlich nicht von seiner Frau stammte. Instinktiv blickte er sich in der Kabine um. Auf dem aufklappbaren Bildschirm vor ihm flimmerte der Bordfilm weiter.

Jason lehnte sich zurück und rührte den Rest seines Kaffees mit einem Plastiklöffel um. Die Stewardessen servierten Tabletts ab und verteilten Kissen und Decken. Schützend schloss er die Hand um den Griff des Lederkoffers. Er betrachtete die Tasche mit dem Laptop, die er vor sich unter den Sitz geschoben hatte. Vielleicht war Sidneys Reise abgesagt worden; andererseits befand Gamble sich bereits in New York, und niemand erteilte Nathan Gamble eine Absage, das wusste Jason. Zudem trat die CyberCom-Übernahme in die kritische Phase ein.

Er rutschte noch tiefer in den Sitz und drehte den SkyWord-Pager unschlüssig in der Hand. Wenn er nun im Büro seiner Frau anrief, was dann? Würde man ihn nach New York durchstellen? Sollte er statt dessen zu Hause anrufen, um den Anrufbeantworter abzuhören? Im Augenblick bedingte jedwede Form der Kommunikation, dass er ein Mobiltelefon benutzte. Im Aktenkoffer hatte er ein hochmodernes Modell dabei, ausgestattet mit den neuesten Sicherheits- und Zerhackersystemen, doch die Bestimmungen der Fluggesellschaft untersagten ihm, das Gerät zu benutzen. Er müsste auf einen der im Flugzeug zur Verfügung stehenden Apparate ausweichen, dafür wiederum müsste er seine Kreditkarte verwenden. Und es war keine abhörsichere Leitung. Dadurch ergäben sich, zwar nur ansatzweise, aber doch Möglichkeiten, seinen Aufenthaltsort zu bestimmen. Auf jeden Fall bliebe eine verfolgbare Spur zurück. Eigentlich sollte er unterwegs nach L. A. sein; statt dessen befand er sich einunddreißigtausend Fuß über Denver, Colorado, auf dem Weg an die nordwestliche Pazifikküste. Nach all der sorgfältigen Planung empfand er diesen unvorhergesehenen Zwischenfall als überaus beunruhigend. Jason hoffte nur, er würde sich nicht als Omen für den weiteren Verlauf der Reise erweisen.

Neuerlich betrachtete er den Pager. Der SkyWord-Pager bot zusätzlich einen Schlagzeilendienst. Mehrmals am Tag krochen brandaktuelle Nachrichten über den Bildschirm. Im Augenblick jedoch interessierte er sich keine Spur für die angezeigten Informationen aus Politik und Wirtschaft. Eine Weile grübelte er noch über den angeblichen Anruf seiner Frau nach, dann löschte er die Nummer und setzte den Kopfhörer wieder auf. Seine Gedanken jedoch waren weit entfernt von den Bildern, die über den Monitor flimmerten.

Sidney stürmte durch das menschenüberfüllte Terminal des Flughafens La Guardia. Die beiden Taschen schlugen gegen die nylonbestrumpften Beine. Den jungen Mann bemerkte sie erst, als sie fast mit ihm zusammenstieß.

»Sidney Archer?« Er war Mitte Zwanzig und trug einen schwarzen Anzug mit Krawatte. Unter einer Chauffeursmütze lugten braune Locken hervor. Sidney blieb stehen und starrte ihn mit ausdrucksloser Miene an. Angst würgte sie, während sie darauf wartete, dass er ihr die Schreckensmeldung überbrachte. Dann erblickte sie das Schild in seiner Hand, auf dem ihr Name stand. Ein ganzer Fels fiel ihr vom Herzen. Die Firma hatte einen Wagen geschickt, der sie ins Büro nach Manhattan bringen sollte. Das hatte sie völlig vergessen. Mühsam nickte sie. Das Blut begann wieder durch ihre Adern zu fließen.

Der junge Mann nahm ihr eine der beiden Taschen ab und führte sie in Richtung des Ausgangs. »Die Kanzlei hat mir eine Beschreibung von Ihnen gegeben. Das hat sich bewährt, wenn die Leute das Schild übersehen. Hier läuft jeder hektisch durch die Gegend und ist mit den Gedanken wer weiß wo. Der Wagen steht gleich vor der Tür. Trotzdem sollten sie den Mantel zuknöpfen, da draußen ist es eiskalt.«

Als sie am Abfertigungsschalter vorbeikamen, zögerte Sidney. Lange Schlangen warteten vor den überlasteten Schaltern der Fluggesellschaften, an denen gereizte Reisende tapfer versuchten, den Anforderungen einer Welt einen Schritt vorauszubleiben, die mehr und mehr die menschliche Leistungsfähigkeit überstieg. Rasch blickte sie sich im Terminal nach jemandem um, der nach einem Angestellten einer Fluglinie aussah. Alles, was sie erspähte, war Bodenpersonal, das inmitten des regen Treibens gestresster Reisender Gepäck transportierte. Es war chaotisch, aber es war ein normales Chaos.

Der Fahrer musterte sie. »Ist alles in Ordnung, Ms. Archer? Fühlen Sie sich nicht wohl?« Innerhalb der letzten Paar Sekunden war sie deutlich blasser geworden. »Ich habe Tylenol in der Limousine. Das möbelt sie im Nu wieder auf. Mir wird im Flugzeug auch immer schlecht. Muss wohl die ständige Umluft sein. Aber ich wette, sobald sie ein wenig frische Luft schnappen, geht’s ihnen wieder besser. Sofern man die Luft in New York als frisch bezeichnen kann …« Er lächelte.

Als sein Fahrgast ansatzlos davonpreschte, verpuffte das Lächeln.

»Ms. Archer?« Er rannte hinter ihr her.

Sidney holte eine Frau in Uniform ein, deren Abzeichen und Insignien sie als Angestellte von American Airlines auswiesen. Nur ein paar Sekunden brauchte Sidney, um ihre Frage zu stellen.

Die Augen der jungen Frau weiteten sich. »Mir ist nichts dergleichen bekannt.« Die Frau sprach mit leiser Stimme, um vorbeischlendernde Passagiere nicht zu beunruhigen. »Wo haben Sie das gehört?« Als Sidney antwortete, lächelte die Frau. Mittlerweile war der Fahrer zu den beiden gestoßen. »Ich komme gerade von einer Dienstbesprechung, Ma’am. Wäre so etwas mit einem unserer Flüge geschehen, dann wüsste ich mit Sicherheit davon. Vertrauen Sie mir.«

»Aber wenn es erst vor kurzem passiert ist? Ich meine –« Sidneys Stimme schwoll an.

»Ma’am, es ist alles in Ordnung, glauben Sie mir. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Fliegen ist mit Abstand die sicherste Art zu reisen.« Die Frau ergriff Sidneys Hand, drückte sie fest, schenkte dem Fahrer ein beruhigendes Lächeln, wandte sich um und zog von dannen.

Sidney verharrte noch einen Augenblick und starrte ihr nach. Dann holte sie tief Luft, blickte sich um und schüttelte bestürzt den Kopf. Auf dem Weg zum Ausgang glotzte sie den Fahrer an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. »Wie ist Ihr Name?«

»Tom. Tom Richards. Aber alle nennen mich Tommy.«

»Tommy, seit wann sind Sie heute schon am Flughafen?«

»Oh, seit etwa ‘ner halben Stunde. Ich bin gern ein bisschen früher dran. Manche Geschäftsleute reagieren auf Verspätungen etwas … ungehalten, Sie verstehen?«

Die beiden erreichten den Ausgang. Der schneidende, eiskalte Wind peitschte Sidney direkt ins Gesicht. Sie taumelte, und Tommy packte sie am Arm, um sie zu stützen.

»Ma’am, Sie sehen wirklich nicht besonders gut aus. Soll ich Sie zu einem Arzt bringen?«

Sidney fand das Gleichgewicht wieder. »Mir geht’s gut. Steigen wir ein.«

Er zuckte die Schultern. Sidney folgte ihm zu einem auf Hochglanz polierten schwarzen Lincoln-Town-Car. Tommy hielt ihr die Tür auf.

Sie lehnte sich auf dem weich gepolsterten Sitz zurück und atmete mehrmals tief durch, während Tommy hinter dem Steuer Platz nahm und den Motor startete. Er blickte in den Innenspiegel. »Hören Sie, ich will Ihnen keinesfalls lästig fallen, aber sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?«

Sie nickte und brachte ein halbherziges Lächeln zustande. »Alles in Ordnung, danke.« Neuerlich atmete sie tief durch, knöpfte den Mantel auf, strich ihr Kleid glatt und schlug die Beine übereinander. Im Wagen war es geradezu unangenehm warm, und nach dem eisigen Windstoß, der sie draußen erfasst hatte, fühlte sie sich tatsächlich nicht besonders wohl. Sie starrte auf den Hinterkopf des Fahrers.

»Tommy, haben Sie heute irgendetwas über einen Flugzeugabsturz gehört? Während Sie am Flughafen waren? Oder in den Nachrichten?«

Tommy zog die Augenbrauen hoch. »Flugzeugabsturz? Also, davon weiß ich nichts. Und ich hab’ den ganzen Morgen den Nachrichtensender gehört. Wer behauptet denn, dass ein Flugzeug abgestürzt sei? Das ist doch Blödsinn. Ich hab’ Freunde bei den meisten Fluggesellschaften. Die hätten mir bestimmt was erzählt.« Er musterte sie mit skeptischem Blick, als hegte er plötzlich Zweifel an ihrem geistigen Zustand.

Sidney erwiderte nichts. Statt dessen ließ sie sich zurücksinken. Sie nahm das von der Mietwagenfirma bereitgestellte Autotelefon aus der Haltung und wählte die Nummer der New Yorker Niederlassung von Tyler, Stone. Rasch warf sie einen Blick auf die Uhr. Sie war früh dran. Die Besprechung würde nicht vor elf beginnen. In Gedanken verfluchte sie George Beard. Sie wusste, die Chancen standen eins zu einer Million, dass ihr Gatte in einen Flugzeugabsturz verwickelt war – einen angeblichen Flugzeugabsturz, von dem bisher nur ein alter, verängstigter Mann erfahren zu haben schien.

Nein, die ganze Geschichte war völlig absurd. Entweder arbeitete Jason wie ein Wilder auf dem Laptop, gönnte sich einen Happen zu essen und eine zweite Tasse Kaffee, oder, noch wahrscheinlicher, er genoss in aller Ruhe den Bordfilm. Der Pager ihres Mannes setzte vermutlich auf dem Nachtkästchen Staub an. Dafür würde sie ihm gehörig den Kopf waschen, wenn er nach Hause kam. Jason würde lachen, wenn sie ihm die Geschichte erzählte. Aber das machte überhaupt nichts. Gerade im Augenblick wünschte sie sich mehr als alles andere, dieses Lachen zu hören.

Sie sprach in den Hörer. »Ich bin’s, Sidney. Sagen Sie Paul und Harold, dass ich unterwegs bin.« Nach einem Blick durch das Fenster auf den zügig fließenden Verkehr meinte sie: »In spätestens fünfunddreißig Minuten bin ich da.«

Danach legte sie das Telefon zurück und starrte wieder aus dem Fenster. Die dichte Wolkendecke schien prall gefüllt mit Feuchtigkeit, und sogar der robuste Lincoln wurde von kräftigen Windstößen gebeutelt, während sie die Brücke über den East River entlangfuhren. Tommy musterte sie abermals im Innenspiegel.

»Für heute ist Schneefall angesagt. Jede Menge sogar. Ich persönlich glaub’ aber nicht dran. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann die Wetterfritzen das letze Mal recht hatten. Falls aber doch, könnten Sie Probleme mit dem Rückflug kriegen, Ma’am. Heutzutage schließt La Guardia bei der kleinsten Kleinigkeit.«

Unbeirrt schaute Sidney durch die getönten Scheiben, wo am Horizont die vertraute Reihe von Wolkenkratzern auftauchte, aus der sich die weltberühmte Skyline von Manhattan zusammensetzte. Bei Anblick der soliden, eindrucksvollen Gebäude, die zum Himmel emporragten, begann sich Sidneys Stimmung zu heben. Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Weihnachtsbaum in einer Ecke des Wohnzimmers stehen, spürte die Wärme eines heimeligen Feuers aus dem offenen Kamin, den Arm ihres Mannes um ihre Hüften, während sie den Kopf an seine Schulter lehnte. Und das beste von allem: die leuchtenden, verzückten Augen einer Zweijährigen.

Armer George Beard, dachte sie. Er sollte wohl besser aus diesen Aufsichtsräten ausscheiden. Der ganze Stress wurde eindeutig zu viel für ihn. Wäre Jason heute nicht geflogen, der alte Mann hätte sie nie und nimmer mit seiner haarsträubenden Geschichte an der Nase herumgeführt.

Sie schaute nach vorn in den Lincoln und entspannte sich ein wenig. »Eigentlich, Tommy, spiele ich ohnehin mit dem Gedanken, mit dem Zug zurückzufahren.«

KAPITEL 7

Im großen Konferenzsaal der New Yorker Niederlassung von Tyler, Stone im Zentrum Manhattans war soeben die Videopräsentation zu Ende gegangen, mittels derer die letzten Geschäftsbedingungen und juristischen Strategien für die CyberCom-Übernahme veranschaulicht wurden. Sidney schaltete den Videorekorder aus, woraufhin der Bildschirm ein angenehmes Blau zeigte. Sie ließ den Blick durch den großen Raum schweifen, in dem fünfzehn Leute, überwiegend weiße Vertreter des männlichen Geschlechts von Anfang bis Mitte Vierzig, einen Mann anstarrten, der am Kopf des Tisches thronte. Seit Stunden tagte die Gruppe in spannungsgeladener Atmosphäre.

Nathan Gamble, Generaldirektor von Triton Global, war ein bulliger Mitfünfziger, durchschnittlich groß, mit grau meliertem Haar, das er streng zurückgekämmt trug und mit einer beträchtlichen Menge Gel fixiert hatte. Der maßgeschneiderte, exklusive Zweireiher war perfekt auf die stämmige Gestalt zugeschnitten. Das tief zerfurchte Gesicht wies einen Rest unzeitgemäßer Sonnenbräune auf. Wenn er die Stimme erhob, ertönte ein gebieterischer Bariton. Sidney konnte sich gut vorstellen, wie er über Konferenztische hinweg zitternde Untergebene anbrüllte. Sowohl dem Äußeren als auch dem Auftreten nach entsprach er durchaus dem, was man sich gemeinhin unter dem Boss eines weitverzweigten Wirtschaftskonzerns vorstellte.

Im Augenblick starrten Gambles dunkelbraune Augen unter grauen, buschigen Brauen hervor unmittelbar auf Sidney.

Sie erwiderte den Blick. »Haben Sie noch Fragen dazu, Nathan?«

»Nur eine.«

Sidney wappnete sich. Sie wusste, was kommen würde. »Und die wäre?«, erkundigte sie sich höflich.

»Warum machen wir das eigentlich?«

Alle Anwesenden, ausgenommen Sidney Archer, zuckten zusammen, als hätten sie sich gleichzeitig auf eine riesige Nadel gesetzt.

»Ich bin nicht sicher, ob ich Ihre Frage richtig verstehe.«

»Sicher tun Sie das, sonst wären Sie dämlich, und dafür halte ich Sie nicht«, erwiderte Gamble gelassen. Trotz des scharfen Tonfalls verzog er keine Miene.

Sidney biss sich auf die Zunge. »Darf ich daraus schließen, dass es Ihnen missfällt, sich verkaufen zu müssen, um CyberCom zu erwerben?«

Gamble blickte in die Runde. »Ich habe für diese Firma eine außergewöhnlich hohe Summe geboten. Da diese Leute aber anscheinend nicht zufrieden damit sind, einen zehntausendprozentigen Gewinn auf ihre Investition zu erzielen, wollen sie jetzt auch noch meine Quartalsberichte prüfen. Richtig?«, fragte er, an Sidney gewandt. Wortlos nickte sie. Gamble fuhr fort. »Ich habe schon eine Menge Firmen gekauft, aber noch nie wollte jemand diese Unterlagen sehen. CyberCom schon. Was uns zurück zu meiner ursprünglichen Frage bringt: Warum machen wir das? Was ist so verflucht einzigartig an CyberCom?« Mit strengem Blick ließ er die Augen von einem zum anderen wandern, ehe er sie wieder erwartungsvoll auf Sidney richtete.

Ein Mann zur Linken Gambles regte sich. Vor ihm stand ein Laptop, dem er schon die ganze Besprechung hindurch seine Aufmerksamkeit widmete. Quentin Rowe war der überaus junge Präsident von Triton und einzig Nathan Gamble untergeordnet. Während sich alle übrigen Männer im Raum in Anzüge gezwängt hatten, trug er Kakihosen, abgetragene Deckschuhe, ein blaues Jeanshemd und eine zugeknöpfte, braune Weste. Zwei Diamantohrstecker funkelten im linken Ohrläppchen. Er hätte besser auf das Cover eines Plattenalbums als in einen Konferenzraum gepasst.

»Nathan, CyberCom ist etwas Besonderes. Ohne die Firma könnten wir in zwei Jahren aus dem Geschäft sein. Die Technologie von CyberCom wird die Datenverarbeitung über das Internet revolutionieren und letztlich beherrschen. Für den High-Tech-Bereich ist das, als käme Moses mit den zehn Geboten den Berg runter. Es gibt nichts Vergleichbares.« Rowes Tonfall verriet leise Unlust, entbehrte aber nicht einer gewissen Schärfe. Er würdigte Gamble keines Blickes.

Gamble zündete sich eine Zigarre an und legte das teure Feuerzeug lässig neben ein kleines Messingschild, auf dem »NO SMOKING« stand. »Wissen Sie, Rowe, das ist das Problem mit diesem High-Tech-Mist: Morgens ist man der uneingeschränkte Kaiser, am Nachmittag nur noch Kuhscheiße. Ich hätte mich überhaupt nie auf diese bescheuerte Branche einlassen sollen.«

»Wenn es Ihnen ausschließlich um Geld geht, sollten Sie nicht vergessen, dass Triton Weltmarktführer im Technologiebereich ist und pro Quartal mehr als zwei Milliarden Dollar Gewinn erzielt«, schoss Quentin Rowe zurück.

»Und bald keinen Pfifferling mehr wert ist?« Gamble warf Rowe einen verächtlichen Seitenblick zu, während er Rauch ausblies.

Sidney Archer räusperte sich. »Nicht, wenn Sie CyberCom übernehmen, Nathan.« Gamble wandte sich ihr zu. »Damit bleiben Sie mindestens weitere zehn Jahre an der Spitze, und Ihre Gewinne werden sich innerhalb von fünf Jahren verdreifachen.«

»Ach ja?« Gamble wirkte nicht überzeugt.

»Sie hat recht«, schaltete Rowe sich ein. »Man muss wissen, dass es bisher niemandem gelungen ist, Software und entsprechende Peripheriegeräte zu entwickeln, die es dem Anwender ermöglichen, das gesamte Potenzial des Internet zu nutzen. Jeder ist bei dem Versuch gescheitert, ein funktionierendes System auf die Beine zu stellen. CyberCom hat es geschafft. Deshalb tobt ein so erbitterter Anbieterkrieg um CyberCom. Jetzt wären wir in der Lage, diesen Krieg für uns zu entscheiden. Und das müssen wir, wenn wir nicht zum bloßen Mitläufer werden wollen.«

»Ich will aber nicht, dass die unsere Quartalsberichte zu Gesicht bekommen. Basta. Wir sind ein Privatunternehmen, an dem ich mit Abstand die meisten Anteile halte. Und Geld ist Geld.« Gambles stechender Blick wanderte zwischen Sidney und Rowe hin und her.

»Diese Leute wollen Ihre Partner werden, Nathan«, erklärte Sidney. »Die nehmen nicht bloß das Geld und verziehen sich damit, wie es bei Ihren anderen Übernahmen der Fall war. Die wollen wissen, worauf sie sich einlassen. Triton wird nicht öffentlich gehandelt, daher können sie sich nicht an die Handelskammer wenden, um die gewünschten Informationen zu erhalten. Das ist nicht mehr als angemessene Sorgfalt. Von den anderen Anbietern wurden dieselben Daten verlangt.«

»Haben Sie denen mein letztes Barangebot vorgelegt?«

Sidney nickte. »Das haben wir.«

»Und?«

»Und sie waren ziemlich beeindruckt und haben ihre Forderung nach Einsicht in die Quartalsberichte wiederholt. Wenn wir ihnen die geben, den Kaufpreis ein wenig versüßen und noch ein paar Anreize dazuwerfen, dann ist die Sache meines Erachtens gelaufen.«

Gamble lief rot an und mühte sich auf die Beine. »Weit und breit gibt es keine Firma, die uns das Wasser reichen kann, und dieser kleine Hühnerdreck CyberCom will mich überprüfen?«

Rowe stieß einen tiefen Seufzer aus. »Nathan, das ist doch bloß eine Formsache. Diese Leute werden absolut kein Problem mit Triton sehen, das wissen wir beide. Bringen wir es doch einfach hinter uns. Es ist ja nicht so, dass die Unterlagen nicht verfügbar wären. Im Gegenteil, sie sind besser geordnet als je zuvor«, meinte Rowe, sichtlich frustriert. »Erst vor kurzem hat Jason Archer die Neuorganisation abgeschlossen und dabei großartige Arbeit geleistet. Eine Lagerhalle voll Papier, ohne jede Ordnung, ohne jedes System. Einfach unglaublich.« Er warf Gamble einen geringschätzigen Blick zu.

»Falls Sie es vergessen haben, ich war zu beschäftigt damit, Geld zu verdienen, um mich mit einem Haufen Papier herumzuschlagen, Rowe. Ich interessiere mich nun mal ausschließlich für grün bedrucktes Papier.«

Rowe überging Gambles Erwiderung. »Dank Jasons Arbeit kann der angemessenen Sorgfalt schon sehr bald genüge getan werden.« Er fächelte sich Zigarrenrauch aus dem Gesicht.

Gamble funkelte ihn an. »Ach ja?« Dann bedachte er Sidney mit einem finsteren Blick. »Nun, wäre irgendjemand so freundlich, mir zu erklären, warum Mr. Archer dann bei dieser Besprechung nicht zugegen ist?«

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