Logo weiterlesen.de
Das Konzil der Verdammten

Peter Tremayne

Das Konzil der Verdammten

Historischer Kriminalroman

 

Aus dem Englischen von Irmhild und Otto Brandstädter

 

Aufbau-Verlag

Menü

Inhaltsübersicht

HISTORISCHE VORBEMERKUNG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

EPILOG

 

|5|Für meinen Neffen Pete Willis und seine Frau Diane

sowie Daniel und Kelly

von der nächsten Generation

 

|6|AD 670: …et ad sacrosanctum concilium Autunium luna in sanguinem uersa est.

 

Chronicon Regum Francorum et Gothorum

 

 

A. D. 670: … und während des geheiligten Konzils von Autun wurde der Mond blutig rot.

 

Chronik der Könige der Franken und Goten

 

|7|HAUPTPERSONEN

 

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei

Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer

Mönch aus dem Lande des Südvolks, ihr Gefährte

 

IN DER ABTEI AUTUN

 

Leodegar, Bischof und Abt von Autun

Nuntius Peregrinus, der päpstliche Legat oder Emissär Ségdae, Abt und Bischof von Imleach

Dabhóc, Abt von Tulach Óc

Abt Cadfan von Gwynedd Ordgar, Bischof von Kent

Bruder Chilperic, Verwalter der Abtei Bruder Gebicca, Arzt und Apotheker

Bruder Sigeric, ein Schreiber

Bruder Benevolentia, Ordgars Kämmerer

Bruder Gillucán, Dabhócs Kämmerer

Bruder Andica, ein Steinmetz

Äbtissin Audofleda, die abbatissa des domus feminarum Schwester Radegund, die Verwalterin des domus feminarum Schwester Inginde

Schwester Valretrade

 

|8|IN DER STADT AUTUN

 

Gräfin Beretrude, burgundische Fürstin Gaugraf Guntram, ihr Sohn

Verbas von Peqini, Kaufherr und Sklavenhändler Magnatrude, Valretrades Schwester

Ageric, ein Schmied, Magnatrudes Ehemann Clodomar, ein Schmied

Chlothar III., fränkischer König von Neustrien Ebroin, sein Mentor und Kanzler

 

IN DER STADT NEBIRNUM

 

Bischof Agrius, Abt von Nebirnum

Bruder Budnouen, ein Gallier

|9|HISTORISCHE VORBEMERKUNG

Die Ereignisse, die in diesem Roman geschildert werden, begaben sich während des Konzils von Autun. Die Stadt ist in einer Landschaft Frankreichs gelegen, die heute Burgund genannt wird. Sie war eine bedeutende Festung im römischen Gallien und hieß damals Augustodunum. Das Konzil von Autun war ein wichtiges Konzil der frühen Christenheit, denn es entschied, dass die regula des heiligen Benedikt fortan die Grundregeln des Lebens in allen Klöstern sein sollten. Damit wurden Sitten und Gebräuche verworfen, die sich in den klösterlichen Gemeinschaften im keltischen Gallien herausgebildet hatten. Die Beschlüsse von Autun brachten die keltische Kirche erneut in die Defensive, weil Rom bestrebt war, sie völlig der Papstkirche zu unterwerfen und ihre Riten nicht länger zu dulden. In Autun wurde der Versuch unternommen, die Beschlüsse, die 664 in Whitby gefasst worden waren, verstärkt durchzusetzen. Damals hatte Oswy von Northumbrien das Brauchtum der römischen Kirche für sein Königreich übernommen und sich damit gegen die Auffassungen entschieden, die die irischen Missionare mit dem von ihnen gepredigten Christentum verbreitet hatten. Nach Oswys Entscheidung folgten allmählich alle anderen angelsächsischen Königreiche den Vorschriften Roms.

Das Konzil von Autun anempfahl auch der gesamten Geistlichkeit, sich das Athanasianische Glaubensbekenntnis zu |10|eigen zu machen. Kardinal Jean Baptiste François Pitra (1812 bis 1889) vertrat in seiner Histoire de Saint Léger (Paris, 1846) die Ansicht, dieser Glaubenskanon habe sich gegen die Vorstellungen des Monotheletismus gewandt, die unter den keltischen Kirchen Galliens an Einfluss gewannen. Der Monotheletismus versuchte zu erklären, wie sich das Menschliche und das Göttliche in der Person Jesu Christi zu einander verhielten. Seiner Lehre nach hatte Jesus zwei Naturen (eine menschliche und eine göttliche), jedoch nur einen göttlichen Willen. In Fidelmas Tagen erfreute sich diese Auffassung einer beträchtlichen Anhängerschaft, wurde aber auf dem Sechsten Ökumenischen Konzil in Konstantinopel unter Papst Agatho 680/81 als Ketzerei verdammt.

In welchem Jahr das Konzil von Autun wirklich stattgefunden hat, geht aus den Chroniken nicht klar hervor, die meisten bevorzugen das Jahr 670. Dieses Datum habe ich übernommen, da es wahrscheinlicher ist als andere in Vorschlag gebrachte Jahreszahlen. In Chroniken und Annalen finden sich mitunter einander widersprechende Daten, denn die betreffenden Quellen sind nur in Abschriften oder Kompilationen auf uns gekommen, die etliche Jahrhunderte später angefertigt wurden. Ich halte es für gerechtfertigt, mich auf ein von vielen Gelehrten bevorzugtes Datum festgelegt zu haben. Schließlich möchte ich, dass die Geschichten um Schwester Fidelma lediglich als das gelesen werden, was sie sind, nämlich dichterische Erfindungen.

Leser, die Vorkommnisse wie den von Rom gebilligten Verkauf von Ehefrauen der Priester und Mönche in die Sklaverei bezweifeln, muss ich auf Folgendes verweisen: Während der Regierungszeit von Papst Leo IX. (1049–1054) wurden mit obrigkeitlicher Billigung die Frauen von Priestern zusammengetrieben und dazu verdammt, als Sklavinnen im Lateran-Palast |11|zu dienen. Urban II. drang während seiner Regierungszeit als Papst (1088–1099) auf die Einhaltung des Zölibats, und das nicht nur mit Dekreten sondern auch mit Gewalt. Während er ein Konzil in Reims besuchte, ermächtigte er den Erzbischof von Reims, den Grafen Robert von Reims zu zwingen, alle Ehefrauen von Geistlichen und Klosterbrüdern zu entführen und als Sklavinnen zu verkaufen. Viele dieser beklagenswerten Frauen verzweifelten und begingen Selbstmord. Andere wehrten sich. So geschah es, dass man die Gattin des schwäbischen Grafen von Veringen vergiftet im Bett fand als Vergeltung dafür, dass ihr Mann im Lande nach Frauen von Geistlichen auf der Jagd war.

Lesern, die sich auf der Landkarte orientieren, mag der Hinweis helfen, dass der gallische Fluss Liga – der keltische Name bedeutet Schlick oder Sediment und wurde zu Liger latinisiert – heutzutage die stattliche Loire ist; der gallische Fluss Aturavos ist heute der Arroux, und der Strom Rhodanus ist die Rhône. Die Stadt Nebirnum heißt jetzt Nevers, Divio ist Dijon, und aus dem armorikanischen Hafen Naoned wurde die Stadt Nantes.

|13|KAPITEL 1

Die beiden Gestalten mit den Kapuzen waren im dunklen Gemäuer des Mausoleums kaum zu erkennen. Schweigend standen sie neben dem großen Sarkophag, der die Mitte der kleinen Kammer in den muffigen Katakomben einnahm, die sich unter der Abtei nach allen Richtungen zu erstrecken schienen. Von alters her war das die Totenstadt. Sie war uralt, hatte schon bestanden, bevor die Abtei erbaut wurde. Nachdem der Neue Glaube ins Land gekommen war, hatte man die Stätte geweiht, und nun hatten schon Generationen von Äbten hier ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Abgesehen von Wassertropfen, die irgendwo in der Ferne fielen, war es völlig still. Die Luft war dumpf und stickig. Ein schwaches Leuchten durchdrang die unterirdischen Höhlungen und verlieh der Dunkelheit schwache Umrisse, so dass man das eine oder andere nur durch den Wechsel von Licht und Schatten erahnen konnte. Die beiden Gestalten verharrten reglos auf ihrer Stelle, fast als wären sie selber Teil der Grabsteine.

Dann wurde das schwache Geräusch des Tropfenfalls überlagert von sachtem Schlurfen; es klang wie Leder, das sich an Stein rieb. Eine der Gestalten zuckte zusammen, als ein Lichtschimmer in die Kaverne drang und Schatten hin und her tanzen ließ. Zwischen den Gräbern tauchte eine dritte Person auf, die eine Kerze hielt.

|14|Auch sie trug eine Kutte mit Kapuze. Vor dem Mausoleum blieb sie stehen. »Ich komme im Namen des heiligen Benignus«, ließ sich eine kratzige Stimme vernehmen.

Von dem im Dunkeln wartenden Paar wich die Spannung.

»Willkommen im Namen von Benignus, geheiligten Namens und Angedenkens«, erwiderte eine weibliche Stimme leise. Man verständigte sich auf Latein.

Der Ankömmling trat rasch ins Mausoleum und stellte die Kerze auf das Marmorgrabmal.

»Nun?«, fragte die zweite der wartenden Gestalten. »Hat er es noch?«

»Er bewahrt es bei sich in der Kammer auf«, erwiderte der Neue rasch.

»Dann können wir es leicht an uns bringen. Es wäre ein Zeichen, dass Gott unser Unterfangen segnet«, meinte der andere.

»Aber wir müssen rasch handeln. Der Gesandte aus Rom hat bereits mit ihm darüber gesprochen. Wenn wir es, sobald die Zeit heran ist, als unser Feldzeichen nutzen wollen, müssen wir es jetzt verschwinden lassen.«

»Soll es unserer Absicht dienen und den Aufstand des Volkes auslösen, darf er nicht erst die Wahrheit über dieses große Symbol verbreiten. Die Menschen müssen ernsthaft daran glauben, dürfen keinerlei Zweifel hegen.«

»Sind wir bereit, zu tun, was wir tun müssen?«, fragte wieder die weibliche Stimme.

»Es dient dem Nutzen aller«, sagte ihr Begleiter feierlich.

»Deus vult!« ergänzte der Neue ernst. Gott will es.

»Sind wir uns also einig?«, drängte die Frau mit fast erstickter Stimme.

»Noch heute Nacht muss es vollbracht werden«, bestimmte der Neue.

|15|Die drei schauten einander im Dämmerlicht an und murmelten unisono: »Virtutis Fortuna comes!« Den Mutigen steht Fortuna bei.

Ohne ein weiteres Wort trennten sich die drei schemenhaften Gestalten und gingen in verschiedene Richtungen durch die dunklen Gewölbe der Katakomben von dannen.

 

»Die Anmaßung dieses Menschen ist unerträglich!«

Erstaunt schwiegen alle in der Kapelle, während die Stimme in den steinernen Gewölben des Hauses widerhallte. Die Äbte und Bischöfe, die vor dem Hochaltar in dunklen, mit Schnitzereien verzierten Eichensesseln saßen, blickten wie auf Geheiß zu ihrem erbosten Kollegen. Der war zwar nicht aufgestanden, wies aber mit ausgestrecktem Arm auf einen Geistlichen in der Runde.

»Beruhige dich, Abt Cadfan«, ermahnte ihn Bischof Leodegar, der die Zusammenkunft leitete. Man hatte die Kapelle so ausgestattet, dass sie auch als Sitzungssaal dienen konnte. »Wir sind hier zusammengekommen, um die Zukunft unserer Kirchen zu erörtern, die gegenwärtig in Sprache und Ritus voneinander getrennt sind. Es mögen unverblümte Worte fallen bei dem Suchen nach Pfaden, auf denen wir zueinander finden wollen, um zur Einheit zu gelangen. Doch bedenkt bitte, solche Worte sollten nicht als persönliche Beleidigungen aufgefasst werden.«

Er bediente sich sicher und gewandt des Lateinischen, das alle beherrschten.

Abt Cadfans Unmut wuchs. »Verzeih meine unverblümte Redeweise, Leodegar von Autun, aber ich weiß sehr wohl eine Beleidigung von einer in lebhafter Debatte vorgebrachten Ansicht zu unterscheiden. Beleidigungen von den Feinden meines Bluts und meines Volkes werde ich keinesfalls dulden.« |16|Der ältere grauhaarige Geistliche, der Abt Cadfans zur Rechten saß, legte seinem Gefährten beschwichtigend eine Hand auf den Arm. Es war Abt Dabhóc von Tulach Óc, der Bischof Ségéne von Ard Macha vertrat. Dieser wiederum beanspruchte die Oberhoheit eines Erzbischofs über alle fünf Königreiche Éireanns.

»Ich bin sicher, was Bischof Ordgar gesagt hat, war nicht anmaßend gemeint«, entgegnete er diplomatisch vermittelnd. »Zwar sprechen wir alle Latein, doch ist es nicht unsere Muttersprache, und zuweilen fehlt uns der passende Ausdruck, um etwas so zu sagen, wie wir es eigentlich wollen. Es war doch wohl nur eine ungeschickte Wortwahl, oder unser Freund hat sich in einer Redewendung vergriffen im Bemühen, seinen Worten Nachdruck zu verleihen.«

Bischof Ordgar, dem der verärgerte Ausbruch anfangs gegolten hatte, starrte Abt Cadfan mürrisch an. Er war ein Mann mit dunklem Haar und scharfgeschnittenen Gesichtszügen. Die Mundwinkel waren hochgezogen, so dass die Lippen ständig zu höhnischem Grinsen verzogen schienen. Jetzt wandte er sich mit herausforderndem Blick Abt Dabhóc zu.

»Willst du mir etwa unterstellen, ich könnte nicht ordentlich Latein?«, knurrte er. »Was versteht ein barbarischer Fremdländischer wie du schon von den Feinheiten der Sprache?«

Abt Dabhóc lief rot an. Doch ehe er etwas erwidern konnte, stieß Abt Cadfan ein kurzes Lachen aus und brauste auf: »Schon wieder diese Anmaßung – und das von einem, dessen Volk noch immer nicht seine heidnische Rückständigkeit abgeschüttelt hat. Haben wir Britannier nicht unseren Nachbarn in Hibernia geraten, von dem Versuch abzulassen, diese Sachsen von ihren heidnischen Bräuchen abzubringen? Haben wir sie nicht davor gewarnt, den Sachsen die Lehren Christi vermitteln zu wollen, sowie Schreibkunde und Gelehrsamkeit? Die |17|sind noch nicht zivilisiert genug, um damit überhaupt umgehen zu können.«

Abt Cadfan hatte die lateinische Bezeichnung Hibernia gebraucht und damit die fünf Königreiche Éireanns gemeint.

Bischof Ordgar schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Eichensessels und rief: »Ich gehöre zu den Angeln, du welscher Barbar.«

Abt Cadfan zuckte die Achseln. »Angeln oder Sachsen, wo ist da der Unterschied? Dieselbe kratzige Sprache, und ungebildet sind beide. Ich nenne dich immerhin bei deinem richtigen Namen, aber du nennst mich in deinem Hochmut und deiner Anmaßung einen Welschen. Soviel ich weiß, bedeutet das ›Fremdländischer‹. Dabei seid ihr doch die Fremdländischen im Lande Britannien. Ich bin Britannier, von Anbeginn der Zeit lebt mein Volk in dem Land. Deine barbarischen Horden sind erst vor zwei Jahrhunderten über uns gekommen. Mit List und Tücke habt ihr Fuß gefasst in unserem Land, dann seid ihr mit Heerscharen bei uns eingefallen und habt Mord und Totschlag über unsere Leute gebracht. Ihr wollt nicht mehr und nicht weniger, als alle Britannier ausrotten. Aber das sage ich dir, du Barbar, das wird euch nicht gelingen. Wir Welschen – wie du uns hohntriefend nennst – werden überleben und werden euch eines Tages aus dem Land vertreiben, das ihr Angel-Land nennt und das einst unser friedfertiges Britannien war.«

Mit wutverzerrtem Gesicht war Bischof Ordgar aufgesprungen, hatte dabei seinen Sessel umgestoßen und fuhr mit einer Hand an seine Seite, wohl das nicht vorhandene Schwert suchend.

Abt Cadfan lehnte sich zurück, lachte abermals kurz auf und schaute ringsum in die versteinerten Mienen der Prälaten.

»Da seht ihr, wie der Barbar sich verhält. Hätte er eine Waffe, hätte er vor primitiver Gewalttat nicht zurückgeschreckt. Und |18|so einer nennt sich ein Mann des Friedens, ein Vertreter Christi, und will mit denen debattieren, die gesittet und gebildet sind. Er ist genau so ein Wilder wie all die übrigen Häuptlinge seines Volkes, die sich untereinander bekriegen, wenn sie nicht gerade gegen uns Britannier Krieg führen.«

Plötzlich wurde es laut. Ein hochgewachsener Mann, der neben Bischof Leodegar saß, hatte sich erhoben und stieß mit einem Bischofsstab auf den Boden. Er trug kostbare Gewänder und ein Silberkreuz an einer Halskette.

»Tacete! Schweigt still!«, donnerte er. »Brüder, ihr vergesst euch beide. Ihr seid zu einem Konzil gekommen, das unter den Augen Gottes und des Bischofs dieses Ortes abgehalten wird. Ich bin der Gesandte des Heiligen Vaters in Rom, und ich bin beschämt, Zeuge eines solchen Ausbruchs unter den Auserwählten des Glaubens zu sein.«

Dass der Gesandte aus Rom, Nuntius Peregrinus, sich bemüßigt gefühlt hatte einzuschreiten, musste Bischof Leodegar wie eine Rüge auffassen, weil er zu wenig Autorität zeigte bei der Lenkung der zu diesem Konzil Entsandten.

Er hob eine Hand und bedeutete dem Nuntius, wieder Platz zu nehmen. Dann sagte er unüberhörbar: »Brüder, es ist in der Tat beschämend, wie ihr euch vor unserem hochverehrten Gesandten aufführt. Wir stehen vor einem Konzil der bedeutenden Äbte und Bischöfe der westlichen Kirchen, auf dem wir grundlegende Schritte festlegen wollen, um zu einem einheitlichen Wirken unserer gesamten Kirche zu gelangen. Unsere Begegnung heute soll eine Vorbesprechung ohne Anwesenheit unserer Schreiber und Ratgeber sein, damit wir uns vor den Hauptverhandlungen gegenseitig kennenlernen, dennoch ist das kein Marktplatz, auf dem wir uns zanken und prügeln.«

Beifälliges Murmeln erklang von den etwa zwanzig Männern, die um den Tisch saßen.

|19|Bischof Leodegar wandte sich an Bischof Ordgar: »Du bist hier als der persönliche Vertreter Theodors, den unser Heiliger Vater Vitalianus vor kurzem zum Erzbischof von Canterbury ernannt hat. Würde Theodor etwa solche Worte gebrauchen, wie du, Ordgar, sie gegenüber einem Prälaten der Kirche der Britannier gewählt hast?«

Der Angesprochene wollte zu einer Entgegnung ansetzen, doch Bischof Leodegars finsterer Blick ließ ihn in seinen Sessel zurücksinken, wenn auch mit gekränkter Miene.

»Cadfan«, fuhr Bischof Leodegar fort, »du bist hier erschienen als Vertreter der Kirchen deines Volkes, der Britannier. Vertrittst du wirklich dein Volk, wenn du Krieg und Auslöschung der Königreiche der Angeln und der Sachsen predigst?«

Abt Cadfan war nicht gewillt, diese Zurechtweisung stillschweigend hinzunehmen.

»Wir haben die Angeln und die Sachsen nicht aufgefordert, in unsere Gebiete einzufallen und uns zu vernichten«, begehrte er auf. »Jeder von uns hier kennt das Werk des heiligen Gildas De Excidio et Conquestu Britanniae – Über Untergang und Wehklage Britanniens. Ihr habt davon gehört, wie meine Leute von den Angeln und Sachsen abgeschlachtet wurden oder wie sie Haus und Hof verlassen und in andere Länder fliehen mussten. Wir werden immer weiter nach Westen gedrängt; nicht wenige von uns sind nach Armorica, nach Galicia und Hibernia geflohen, ja sogar ins Land der Franken, um sich vor den räuberischen Horden zu retten.«

»Komm mir nicht mit Geschichten aus der Vergangenheit«, erwiderte Bischof Leodegar verärgert. »Wir leben in der Gegenwart.«

»Gehört Benchoer etwa zur Vergangenheit?«, fiel ihm Abt Cadfan ins Wort.

Leodegar schaute verwundert in die Runde. »Benchoer? |20|Stimmt, Drostó, der Abt von Benchoer, ist nicht hier. Was hat es mit deiner Bemerkung zu Benchoer auf sich?«

»Es hat durchaus seinen Grund, weshalb Drostó von Benchoer fehlt«, antwortete ihm Abt Cadfan. »Benchoer ist unsere älteste Abtei, dort führten dreitausend Brüder ihr Christus geweihtes Leben. Nicht ich, sondern Drostó sollte als der Rangälteste unsere Kirchen hier vertreten. Hat der Sachse, der mir gegenübersitzt, etwa Angst, dir zu sagen, warum Drostó nicht diesen Platz einnimmt?«

Bischof Ordgar blickte missmutig drein. »Die Welschen machen ständig Ärger«, warf er hin. »Ihr Anführer, dessen fremdländischen Namen ich nicht aussprechen kann, hat rückhaltlos verkündet, was alles er meinem Volk anzutun gedenkt.«

»Der König von Gwynedd heißt Cadwaladar ap Cadwallon«, erwiderte Abt Cadfan gereizt. »Er stammt von einem Geschlecht großer Könige ab, die schon bedeutend waren, als deine Vorfahren sich noch im Dreck sielten!«

Diesmal war es Bischof Leodegar, der auf den Boden stampfte, um die Gegner zur Ordnung zu rufen. »Wir werden die Zusammenkunft sofort auflösen, wenn diese Beschimpfungen anhalten«, drohte er.

Abt Goelo von Bro Waroc’h, das in Armorica lag, räusperte sich. »Mit Verlaub, Leodegar, dem Konzil muss eine Antwort auf die Frage gegeben werden, die unser verehrter Bruder aus Gwynedd gestellt hat.«

»Es ist so, wie du sagst, Abt Cadfan, der Ehrwürdige Drostó sollte deine Kirche auf diesem Konzil vertreten«, bestätigte Bischof Leodegar. »Was ist mit Benchoer?«

Abt Cadfan schaute mit seinen stechenden blauen Augen Bischof Ordgar an, der mit zusammengekniffenen Lippen dasaß. »Die Abtei von Benchoer gibt es nicht mehr, und Drostó haust mit wenigen Überlebenden in den Wäldern von Gwynedd. |21|Aus Furcht um ihr Leben suchen sie sich Nacht für Nacht einen anderen Unterschlupf. Vor einem Monat ist der Anführer der Sachsen von Mercia …«

»Der Angeln«, rief Ordgar dazwischen.

»… ein Barbar, der sich Wulfhere nennt, mit seinen Horden in Gwynedd eingefallen und hat unsere Abtei bei Benchoer niedergebrannt und bis auf die Grundfesten zerstört. Über tausend unserer Glaubensbrüder wurden mit dem Schwert erschlagen. Ist eine solche Tat eines christlichen Herrschers würdig?«

»Über tausend Brüder?«, hauchte einer der gallischen Delegierten entsetzt.

Abt Ségdae von Imleach hatte sich den Streit bisher schweigend angehört. Er war der oberste Bischof des Königreichs Muman, des größten unter den fünf Königreichen Éireanns. Jetzt beugte er sich vor und schaute Bischof Ordgar eindringlich an.

»Ist das wahr, Bischof Ordgar?«, fragte er leise.

»Wulfhere ist der Bretwalda und …«

»Bretwalda? Was ist das?«, unterbrach ihn Abt Ségdae.

»Das ist ein Titel, der Wulfhere als Oberherr der Welschen wie auch der Königreiche der Angeln und der Sachsen zuerkannt wurde.«

»Von wem zuerkannt?«, höhnte Abt Cadfan. »Von den Britanniern bestimmt nicht. Bei uns gilt so ein Titel nicht. Wir wollen keinen ›Beherrscher der Britannier‹, das steckt doch in dem Titel, es sei denn, wir hätten ihn einem Britannier zuerkannt. Weder einen Sachsen …«, er machte eine Pause, »noch einen Angeln« fügte er mit Nachdruck hinzu, »erkennen wir als Herrn über uns an. Gewiss würden wir keinem Barbaren ein solches Recht einräumen. Außerdem haben wir erfahren, dass Wulfhere nicht einmal von den anderen sächsischen Königen als Oberherr anerkannt wird.«

|22|Gereizt rollte Bischof Ordgar die Augen. »Eorcenbehrt von Kent, und in dem Königreich liegt das Erzbistum Canterbury, hat ihn als Oberherrn anerkannt und ihm seine Tochter zur Frau gegeben.«

»Heißt das, Theodor, dein Erzbischof von Canterbury, billigt ihm ein solches Amt zu?«, wollte Abt Goelo wissen.

»Theodor ist zu uns von Rom entsandt worden, und Vitalianus hat ihn als obersten Bischof aller westlich gelegenen Inseln eingesetzt.«

»Er hat kein Recht, diese Stellung auch nur in einem der fünf Königreiche von Éireann zu beanspruchen«, mischte sich Abt Dabhóc sofort ein.

Abt Ségdae nickte zustimmend, schaute kurz zu Bischof Leodegar, wandte sich dann aber an alle Versammelten.

»Ich bin in das altehrwürdige Autun gekommen, um über Vorstellungen zu debattieren, die Rom uns nahelegt. Die Reise hierher war lang und beschwerlich und barg mancherlei Gefahren. Ich vertrete die Kirchen von Muman, während mein Mitbruder Abt Dabhóc in Vertretung von Bischof Ségdae von Ard Macha anwesend ist. Der Streitpunkt, um den es eben ging, hat nicht ursächlich mit den Fragen zu tun, deretwegen wir hier sind. Die Vorkommnisse, über die hier gestritten wurde, so unerhört sie sind und so dringend sie zwischen den Britanniern und den Sachsen beigelegt werden müssen, haben keinen unmittelbaren Bezug zu den Angelegenheiten, über die wir zu befinden haben.«

Abt Dabhóc schüttelte den Kopf. »Dem widerspreche ich. Werfen nicht gerade die erwähnten Vorkommnisse die Frage auf, ob Bischof Ordgar geeignet ist, unter uns auf diesem Konzil zu weilen? Billigt er das Massaker, welches Krieger seines Volkes unter den Klosterleuten angerichtet haben? Es hat den Anschein, dass er das tut. Ich meine, darüber sollten wir weiter |23|reden. Lasst uns hören, was die Vertreter der Kirchen der Franken und der Gallier sowie der Kirchen im Lande Kernow und in den Königreichen von Armorica dazu zu sagen haben.«

»Es wäre nur recht und billig, dass auch wir gehört werden«, äußerte ein älterer Bischof. »Ich bin Herenal von Bro Erch aus dem Reich Armorica. Was ich bislang von Bischof Ordgar erfahren habe, kündet keinesfalls davon, dass er sich berufen fühlen darf, als Mann des Friedens zu wirken.«

»Pah!«, erscholl es und klang, als ob jemand verächtlich ausspuckte. Es war Bischof Ordgar, der vor Wut schäumte. »Diese Armoricaner, Gallier, Welschen aus Kernow, die sind alle ein und dasselbe Pack. Die stecken unter einer Decke. Wir würden unsere Zeit verschwenden, denen Gehör zu schenken. Ich bin hier auf Einladung meiner Brüder, der Franken, um Fragen des Glaubens zu erörtern, nicht um mir das Gejammere von Barbaren anzuhören.«

Sofort ließ sich ein Chor aufgebrachter Stimmen vernehmen, und Bischof Leodegar hob die Hände und rief streng: »Brüder in Christo! Seid eingedenk des Zwecks, dessentwegen wir uns aus unseren verschiedenen Ländern hier eingefunden haben. Seine Heiligkeit Vitalianus hat uns beauftragt, unser Bekenntnis zu dem auf Christus gegründeten Glauben zu verinnerlichen und uns der Regeln anzunehmen, die in jeder Glaubensgemeinschaft in unseren Ländern befolgt werden sollen. Seine Heiligkeit hat Nuntius Peregrinus entsandt, auf dass er Zeuge unserer Debatten sei. Das sind die Dinge, denen unsere Aufmerksamkeit zu gelten hat. Nur diesen und nichts anderem.«

Abt Dabhóc stand auf. »Brüder, die Stimmung zwischen uns ist von Zorn und Schuldzuweisungen belastet. Ich schlage vor, die Eröffnung des Konzils um einen Tag und eine Nacht zu verschieben. Wir haben weder Schreiber noch Berater bei |24|uns, so wird der hier ausgebrochene Streit in keinem Dokument festgehalten werden. Lasst uns auseinandergehen und in Ruhe überdenken, weswegen wir hier sind.«

Bischof Leodegar schien ein wenig erleichtert. »Ein glänzender Vorschlag«, lobte er.

»Ein schändlicher Vorschlag«, kam es bissig von Bischof Ordgar. »Du, Leodegar, ein Franke, solltest dich schämen, diesen Welschen Vorschub zu leisten. Die sind ebenso Feinde deines Volkes, wie sie Feinde meines Volkes sind.«

»Eine Schande, so zu reden«, klang es entrüstet von vielen.

»Wir sind alle vereint in Christus« erklärte Abt Dabhóc, »oder willst du, Bischof Ordgar, das etwa leugnen? Wenn dem so ist, dann bestätigst du, was Abt Cadfan dir vorgehalten hat, und kannst nicht am Konzil teilnehmen.«

»Ich habe meine Vollmacht von Theodor von Canterbury erhalten, und der ist unmittelbar vom Heiligen Vater in Rom ernannt worden. Wer aber hat dir die Vollmacht erteilt, du Barbar?« Bischof Ordgar zog drohend die Augenbrauen zusammen.

»Meine Vollmacht ist die Kirche, der ich diene«, begann der Abt. »Und …«

Noch einmal stieß Bischof Leodegar mit seinem Bischofsstab heftig auf den Boden. Er warf dem Nuntius einen fragenden Blick zu, der zuckte die Achseln und nickte dann. Leodegar nahm das als Einverständnis, erhob sich und wandte sich an die Delegierten.

»Hiermit schließe ich unsere heutige Zusammenkunft. Einen Tag und eine Nacht lang werden wir beten und darüber nachdenken, zu welchem Behufe wir uns versammelt haben. Wenn wir uns hier wieder einfinden, werden wir unsere Schreiber und unsere Ratgeber mitbringen und werden Streitigkeiten, wie eben gehabt, unterlassen. Sollte jemand versuchen, |25|den Streit fortzusetzen, wird er von den Beratungen des Konzils ausgeschlossen, ganz gleich, aus welchem Winkel der Welt er kommen mag. Meine Brüder, lasst euch diesen Rat ans Herz legen: In medio tutissimus ibis – wählt den sicheren Mittelweg. Geht nun auseinander und ziehet hin in Frieden im Namen des Allerheiligsten, unter dessen strengem und wachsamem Auge wir zusammenkommen, um ihn zu ehren.«

Die Äbte und Bischöfe standen auf und empfingen fast widerstrebend den Segen Bischof Leodegars – und erst recht grollten ihm die Hauptgegner.

Als sich die Versammlung auflöste, ging Abt Ségdae auf Abt Dabhóc zu. »Da haben wir nun die lange Reise unternommen, nur um dem Streit der Britannier mit den Sachsen beizuwohnen.«

Abt Dabhóc hob die Schultern. »Ich habe Mitgefühl mit den Britanniern, denn es stimmt, was Cadfan sagt. Sowohl die Angeln als auch die Sachsen greifen ständig die Königreiche der Britannier an.«

»Ich hätte mir gewünscht, Cadfan und Ordgar als Männer der Kirche hätten sich diplomatischer verhalten und sich den Fragen zugewandt, die hier zu lösen sind.«

Die beiden Geistlichen waren aus der Kapelle in einen Innenhof getreten, der von hohen Gebäuden mit römischen Säulen gesäumt war. Inmitten gärtnerischer Anlagen mit duftenden Gewächsen sprudelte eine Fontäne.

Abt Dabhóc blieb stehen und betrachtete wohlgefällig das sich ihm bietende Bild. »Die lange Reise hat sich schon gelohnt, wenn wir so Wundersames wie dieses erblicken. Die von den Römern erbauten Städte ähneln so gar nicht denen von Éireann.«

Außerhalb der Abtei gab es in Autun eine Vielzahl romanischer Bauten, die schon vor Jahrhunderten errichtet wurden, |26|nachdem die Römer in Gallien eingedrungen waren und die keltischen Heere des Vercingetorix besiegt hatten. Sie hatten am Ufer eines Flusses eine Stadt erbaut und sie Augustodunum genannt. Als nach langer Zeit die Gallier und Römer vor den einfallenden Burgunden zurückwichen und sich später mit ihnen vermischten, erhielt der Ort den Namen Autun. Er wurde einer der frühchristlichen Zentren in dem Teil Galliens, der nun Burgundia hieß. Auf dem Abteigelände waren etliche der alten römischen Bauwerke erhalten geblieben. Paläste und Tempel hatte man dem Christengott und seinen Heiligen gewidmet. Mit den hoch aufragenden Bauten erschien Abt Ségdae der Ort wie ein Rom en miniature, so völlig anders im Vergleich zu den bescheidenen städtischen Siedlungen in seiner Heimat.

Plötzlich tönte Geschrei über den Innenhof.

Abt Ségdae schreckte von seinen Betrachtungen hoch und blickte verwundert um sich. Einige der Kirchenoberen waren in einem Handgemenge, darunter Ordgar, der einen anderen Geistlichen an der Kehle packte. Das war Cadfan. Die beiden Männer beschimpften und schlugen sich wie ein Paar sich prügelnder Kinder. Die Umstehenden versuchten sie zu trennen. Cadfans Gewand war eingerissen, Ordgar blutete im Gesicht. Man musste kein Sprachkundiger sein, um die Unflätigkeiten zu verstehen, die sie sich entgegenschleuderten.

Bischof Leodegar und Nuntius Peregrinus eilten hinzu. Einige der Kleriker hielten die Streithähne gewaltsam zurück, um zu verhindern, dass sie weiter blindwütig auf einander eindroschen.

»Brüder! Seid ihr Brüder in Christo oder wilde Tiere, dass ihr euch derart benehmt?«, brüllte Bischof Leodegar sie an.

Abt Cadfan blinzelte und schien sich zu besinnen. »Der Sachse ist über mich hergefallen«, verteidigte er sich.

|27|»Der Welsche hat mich beleidigt«, schnauzte Bischof Ordgar, doch auch er bekam sich wieder in die Gewalt.

Bekümmert schüttelte Bischof Leodegar den Kopf. »Ihr solltet euch schämen. Begebt euch in eure Quartiere und betet um Vergebung, dass ihr euch derart gegen die Lehren Unseres Herrn vergangen habt. Schande lastet auf euch, bis ihr euer Verhalten gesühnt habt. Ich gebe euch beiden eine letzte Gelegenheit an unseren Beratungen teilzunehmen, nicht euch zuliebe, sondern denen zuliebe, die ihr vertretet. An Theodor von Canterbury und Drostó von Gwynedd werden wir Boten senden, um sie in Kenntnis zu setzen, wie ihr eure heiligen Pflichten wahrnehmt. Wenn wir das nächste Mal zusammentreten und ihr immer noch einander Feind seid, werde ich euch beide von diesem Konzil ausschließen und wir werden ohne eure Mitwirkung fortfahren. Habt ihr das verstanden?«

Beide schwiegen, und dann murmelten sie wie gescholtene Knaben ihr Einverständnis, erst Abt Cadfan und dann auch Bischof Ordgar.

Bischof Leodegar seufzte aus tiefstem Herzen. »Geht nun auseinander«, ordnete er an und schaute jedem in der Runde in die Augen. »Ihr alle, geht auseinander.«

Einzeln oder zu zweit verließen die Männer langsam den prächtigen Hof und begaben sich in die großen Häuser der Abtei.

Abt Dabhóc verzog die Miene zu einem Grinsen und meinte zu seinem Mitbruder: »Das sage ich dir, Ségdae, das wird das heißblütigste Konzil, auf dem ich je gewesen bin. Die Auseinandersetzungen zwischen unseren Leuten waren heftig genug, wenn es um Glaubensfragen ging, aber ich habe nie erlebt, dass es unter Geistlichen zu einer regelrechten Schlägerei gekommen ist.«

|28|»Ich fürchte, unser Gastgeber gibt sich der trügerischen Hoffnung hin, dass diese beiden einen Waffenstillstand schließen für die Dauer des Konzils«, meinte auch Ségdae. »Nicht nur die Kämpfe zwischen den Britanniern und den Sachsen werden für Zündstoff sorgen, viel eher noch die Ideen aus Rom. Die Franken und die Sachsen haben sich dafür entschieden – und wir müssen jetzt gegen sie Stellung beziehen. Diese Debatten dürften sich zu neuen Feindseligkeiten zuspitzen.«

»Was die Franken und die Sachsen in ihren Ländern tun, kann uns gleich sein«, erwiderte Abt Dabhóc verdrossen. »Wir haben unsere Glaubenslehre und unsere Liturgie. Was auf diesem Konzil beschlossen wird, gilt für uns ebenso wenig wie die Beschlüsse, die in Whitby verabschiedet wurden.«

Damit war Abt Ségdae keineswegs einverstanden. »Erst hatten wir Whitby, und nun kommt dieses Konzil in Autun. Unsere Glaubensvorstellungen und unsere darauf beruhenden Gebräuche werden allmählich von der neuen Denkweise aus Rom unterwandert, mir passt das ganz und gar nicht. Über die Jahre haben Synoden oder Konzile wie dieses hier die ursprünglichen Grundsätze des Glaubens verändert oder mit Zusätzen versehen, so dass die Lehren der Gründungsväter kaum noch zu erkennen sind.«

Abt Dabhóc nahm das mit Befremden auf, doch Ségdae redete unbekümmert weiter: »Genauso ist es. Selbst über den Tag, an welchem Unser Herr das Martyrium erlitt, sind wir mit Rom mehr als einmal in Streit geraten. Hat nicht sogar unser Columbanus darüber mit dem Bischof von Rom gestritten?«

»Das stimmt schon. Doch selbst in Ard Macha denken wir darüber nach, ob es nicht günstiger wäre für die Christenheit, das Osterfest an einem für alle verbindlichen Termin zu feiern.«

»Wichtiger scheint mir, das Fest in Wahrheit zu feiern, als über Nebensächlichkeiten zu diskutieren«, murmelte Abt Ségdae.

|29|»Wenigstens wird sich dieses Konzil nicht mit Kalendern und Terminen für die großen Feierlichkeiten befassen, sondern mit dem Bekenntnis zu unserem Glauben und damit, wie wir in den klösterlichen Gemeinschaften ein gottgefälliges Leben führen. Ich jedenfalls sehe den Debatten voller Erwartung entgegen«, schloss Abt Dabhóc.

Erstmals ließ Abt Ségdae ein kurzes Lächeln über seine ernsten Züge gleiten. »Lebhaft dürften die Debatten gewiss werden, so wie unsere Brüder aufeinander losgegangen sind«, scherzte er.

Sie blieben im Gang der hospitia oder Gastquartiere stehen, wo jedem Würdenträger eine eigene Kammer zugedacht worden war.

»Wie ich höre, sind deine Berater noch nicht eingetroffen?«, fragte Abt Dabhóc, ehe sie sich trennten.

Wieder blickte Abt Ségdae ernst und auch bekümmert drein. »Sie haben sich allein auf die Reise begeben und müssten schon seit Tagen hier sein.«

»Die See kann sich sehr stürmisch gebärden, und die Überfahrt ist ohnehin schon lang, bevor man das Festland erreicht. Dann kommt noch die Reise flussaufwärts dazu. Wen erwartest du? Ihr habt in Muman bedeutende Gelehrte.«

»Fidelma von Cashel hat eingewilligt, uns bei den rechtlichen Fragen zu beraten, ehe wir den Beschlüssen zustimmen – das heißt zu prüfen, ob sie mit dem Gesetzwerk des Fénechus vereinbar sind.«

Abt Dabhóc war freudig erstaunt. »Fidelma? Ihren Namen pfeifen die Spatzen von den Dächern in den fünf Königreichen, besonders seit sie Anfang des Jahres den Mord am Hochkönig aufgeklärt hat. Nur, einen Mord aufzuklären ist eine Sache, doch abzuwägen, wie die Beschlüsse dieses Konzils die Gesetze und Gebräuche in den fünf Königreichen berühren, ist etwas |30|gänzlich anderes.« Plötzlich musste er lachen. »Wenn unsere britannischen und sächsischen Freunde sich weiter in den Haaren liegen, könnten wir ihr vielleicht sogar einen neuen Mord bieten.«

Das fand Abt Ségdae nicht sehr spaßig. »Mit dergleichen sollte man nicht scherzen, mein lieber Bruder. Nachdem ich gemerkt habe, was in dieser Abtei vorgeht, mache ich mir Vorwürfe, sie überhaupt gebeten zu haben, mich zu begleiten. Doch es wird spät. Uns bleibt vor der Abendmahlzeit kaum noch Zeit, unser Bad zu nehmen.«

 

Jemand rüttelte ihn. Er vernahm eine Stimme, die ihn eindringlich anrief. Abt Ségdae wurde vollends wach und blinzelte ins Licht der Kerze in einer Laterne, die jemand über ihn hielt.

»Bischof Leodegar schickt mich, du musst sofort kommen!«

Abt Ségdae suchte die schemenhafte Gestalt des Mönchs zu erkennen, der ihn aus tiefstem Schlaf gerissen hatte. Es war noch dunkel im Zimmer und recht kalt.

»Was gibt es denn?«

»Bischof Leodegar hat gesagt …«, begann der andere.

»Ich habe dich schon verstanden«, erwiderte der Abt und richtete sich mühsam auf. »Was ist passiert?«

Der Mönch schien erregt. »Kann ich dir nicht sagen … du sollst gleich mitkommen.«

Mit einem Seufzer schwang sich der Abt aus dem Bett und warf sich seine Robe über. Wenige Minuten später folgte er dem Mönch durch den dunklen Flur.

»Wohin gehen wir, oder kannst du mir auch das nicht sagen, Bruder … Bruder …?«

»Bruder Sigeric.«

»Wo bringst du mich hin?«

»Zum Quartier des sächsischen Bischofs. Bischof Ordgar.«

|31|»Wieso das?«

»Ich hab von Bischof Leodegar nur den dringenden Auftrag, dich dorthin zu begleiten.«

Abt Ségdae schnaufte gereizt. Er begriff, weitere Auskunft würde er nicht erhalten.

Es dauerte gar nicht lange, bis sie vor einer Kammer waren, deren Tür weit offen stand. Bruder Sigeric bedeutete ihm einzutreten. Der Anblick, der sich dem Abt bot, ließ ihn auf der Schwelle verharren. Ein Mönch beugte sich über eine Gestalt auf dem Boden. Er erkannte sofort, dass es sich um Abt Cadfan handelte. Cadfan stöhnte; das gab Abt Ségdae wenigstens die Gewissheit, er lebte, Gott sei Dank. Dann sah er Bischof Leodegar neben einem zweiten auf der Erde Liegenden stehen, der gleichfalls geistliche Gewänder trug.

»Bischof Ordgar?«, fragte er knapp. »Hat Cadfan ihn etwa erschlagen?«

Hinter der offenen Tür hörte man es stöhnen.

Abt Ségdae machte einen Schritt hinein in den Raum und schaute zum Bett. Dort lag wie leblos Bischof Ordgar von Canterbury. Verwirrt wandte sich der Abt wieder Bischof Leodegar und dem zweiten Mann am Boden zu.

»Ich fürchte, das ist dein Mitbruder, Abt Dabhóc von Tulach Óc«, sagte Bischof Leodegar langsam. »Deshalb habe ich dich holen lassen, Bruder. Abt Dabhóc wurde ermordet.«

KAPITEL 2

»Da wären wir!« Clodio, der ältere, muskelbepackte Schiffer nahm eine Hand von der Ruderpinne und zeigte nach vorn, als das Frachtboot zwischen Bäumen und Kalksteinböschungen um die Biegung des breiten Flusses glitt. Seine beiden |32|Fahrgäste im Welldeck horchten auf, und ihr Blick folgte seinem ausgestreckten Arm zum Ufersaum.

»Ist das Nebirnum?«, fragte die Nonne. Ihrem Habit nach stammte sie aus dem Land Hibernia. Sie war von stattlicher Statur, eine angenehme schlanke Erscheinung mit leuchtenden Augen, wenn Clodio sich auch nicht recht entscheiden konnte, ob sie nun blau oder grün waren. Ihre Farbe schien je nach Stimmung zu wechseln. Unter der Kapuze drängten sich widerspenstige Strähnen rötlichen Haars. Von Anfang an war sie dem Schiffer als eine attraktive Frau aufgefallen. Wenn sie sich mit ihrem Begleiter, einem etwa gleichaltrigen angelsächsischen Klosterbruder, unterhielt – einem stämmigen Mann mit dunkelbraunen Augen und ebensolchen Haaren –, geschah das mit so zwangloser Selbstverständlichkeit, dass Clodio sich zunächst darüber gewundert hatte. Die beiden hießen Fidelma und Eadulf, und der Bootsführer hatte bald bemerkt, dass sie Eheleute waren, denn sie sprachen oft von einem Kind, das sie hatten daheim lassen müssen, als sie diese Reise antraten.

Fidelma schaute zu dem hoch aufragenden Hügel empor, auf dem sich etliche Gebäude um ein massives Bauwerk scharten, das schon von weitem den Eindruck einer bedeutenden Abtei erweckte. Der Schiffer nickte. Seine Kenntnisse des Lateinischen, der einzigen Sprache, in der sie miteinander reden konnten, waren bescheiden, reichten jedoch aus, sich verständlich zu machen. »Das ist die Abtei Nebirnum«, bestätigte er. »Dort könnt ihr euch für den letzten Teil eurer Reise Pferde beschaffen.«

Eadulf, der neben Fidelma saß, zuckte zusammen. »Müssen wir unbedingt reiten?«, fragte er besorgt. »Wie weit ist es von hier bis Autun?«

Clodio, der mit seinen beiden kräftigen Söhnen das Flussschiff in Fahrt hielt, betrachtete den Mönch mit unverhohlenem |33|Spott. »Von Nebirnum bis zur großen Stadt Autun dauert es zwei bis drei Tage, wenn man gemächlich reitet. Die Straße ist gut, einfach nur geradeaus nach Osten.«

Eine Woche lang waren sie auf dem Boot unterwegs gewesen. Es kam ihnen wie eine Ewigkeit vor, dass sie im Hafen von Naoned in Armorica gelandet waren, wo ihre Reise auf dem mächtigen Liger begonnen hatte. Außer ihnen gab es keine weiteren Passagiere, dennoch war es auf dem kleinen Frachtschiff recht beengt. Der Bootsführer trieb in den Orten am Ufer Handel, beförderte unförmige Warenballen und manchmal sogar Lebendvieh von einer Stadt zur anderen, die an der sich durchs Land windenden Wasserstraße lagen. Ständig musste das Schiff gegen die Strömung des Flusses ankämpfen, der über 600 Meilen entfernt in den Bergen entsprang. Mitunter war die Strömung auch schwach, so dass sie ein Segel setzen konnten. Öfter noch waren lange Stangen nötig, um das Fahrzeug voranzustaken. Lief aber das klare grünliche Wasser über seichte Stellen mit gelben Kieseln, zogen Maultiere auf dem Treidelpfad das Frachtschiff flussaufwärts. Fidelma war beeindruckt, mit welcher Umsicht und Sicherheit Clodio und seine Söhne das Boot zunächst ostwärts und dann südwärts auf dem breiten Strom steuerten. Stets waren sie in Bewegung und stemmten sich gegen die Gewalt des Stroms, der in seiner Mitte ab und zu Inseln umfloss, auf denen sich urtümliche Wildnis ausbreitete. Besonders die Frauen blieben den Fahrgästen in Erinnerung, die an den Ufern Wäsche wuschen und die nassen Wäschestücke unermüdlich gegen Felsplatten schlugen. Mitunter waren es ganze Gruppen von Wäscherinnen, manchmal auch nur eine einzelne Magd.

»Wo werden wir aber Pferde auftreiben können? Pferde kosten Geld«, meinte Fidelma besorgt.

|34|»Was bekommt man auf Erden schon umsonst?«, fragte Clodio weltklug. »Umherziehende Klosterleute erwarten immer, dass man ihnen alles umsonst gibt für einen hastig gemurmelten Segensspruch. Das wäre ein herrliches Leben, wenn alles so einfach wäre, liebe Freunde, aber ich muss meine Frau und meine Söhne ernähren.«

Fidelma runzelte die Stirn, denn sie glaubte, er unterstellte ihnen, ihre Fahrt nicht bezahlen zu wollen. »Schiffsführer, wir hatten uns doch auf eine Summe geeinigt, wenn du uns vom Hafen in Noaned hierherbringst«, erinnerte sie ihn streng. »War das nicht ein angemessener Betrag? Jetzt nähern wir uns dem Ziel, und folglich ist es an der Zeit, das Vereinbarte zu zahlen.«

»So habe ich das nicht gemeint«, stammelte Clodio verlegen. Doch Fidelma hatte schon in ihr marsupium gegriffen, zählte die Münzen ab und drückte sie ihm in die Hand.

»Merk es dir gut, Schiffsführer, ein umherziehender Ordensmann muss nicht gleich ein Bettler sein«, sagte sie belehrend.

Eadulf beobachtete seine Gefährtin und hoffte, sie würde sich nicht verleiten lassen, mit ihrer Verwandtschaft, den Königen von Muman, zu prahlen. »Redime te captivum quam minimo«, brummelte er und zitierte die uralte lateinische Verhaltensregel für Legionäre, die in Gefangenschaft gerieten: Gerätst du in Gefangenschaft, kaufe dich für möglichst wenig Lösegeld frei. Oder anders ausgedrückt: Gib dem Feind nur das Nötigste preis. Falls Clodio sie für vermögend hielt, könnte Habgier ihn verleiten, sie als Geiseln festzuhalten und Lösegeld zu verlangen. Eadulf hatte des öfteren Geschichten über Pilger gehört, die in entfernte Länder gezogen waren und irgendwo in Gefangenschaft gerieten, weil man von ihnen Lösegeld erpressen wollte, oder die spurlos verschwunden blieben.

|35|Fidelma gab ihm mit einem Blick zu verstehen, dass sie begriffen hatte, und wandte sich dem Schiffer zu. »Wir haben versprochen zu zahlen, und das haben wir nun getan. Wenn das auch den Rest unserer Reise erschweren wird, denn Pferde können wir uns nicht leisten«, erwiderte sie leise.

Clodio nickte, schloss die Hand um die Münzen und ließ sie in seinen Lederbeutel am Gürtel gleiten. »Herr der Abtei ist Bischof Arigius, der wird euch weiterhelfen. Er genießt großes Ansehen.«

Dann wies er seine Söhne an, die Ruder einzuziehen, warnte alle mit einem Schrei, sich zu ducken, riss an einem Seil und ließ das Segel herunter. Sogleich stand er wieder an der Ruderpinne und lenkte sein Fahrzeug mit geübtem Schwung an einen aus dicken Bohlen gezimmerten Pier. Binnen kurzem waren sie vertäut, und die Söhne des Schiffers halfen Fidelma und Eadulf von Bord.

Clodio schaute die beiden an. »Viel Glück auf eurer Reise, meine Freunde«, rief er. »Geht die Straße da hinauf in die Stadt, und bald steht ihr vor den Toren der Abtei. Vergesst nicht, Bischof Arigius heißt der Abt, den ihr aufsuchen wollt.«

Sie verabschiedeten sich von Clodio und seinen Söhnen, die sogleich begannen, die mitgeführten Waren auszuladen. Schon näherten sich Kaufleute und Schaulustige dem Hafendamm, um die Ladung in Augenschein zu nehmen. Fidelma und Eadulf aber schlugen den Weg in die Stadt ein. Eadulf hatte bereits auf dem Schiff die Hitze der Frühsommersonne verspürt, doch jetzt an Land traf sie ihn mit solcher Kraft ins Gesicht und auf die Schultern, dass ihm der Schweiß ausbrach und er nur unter Anstrengung Atem schöpfte.

»Das kann ich dir sagen, Fidelma«, begann er, stieß jedoch im selben Moment mit der Sandale an einen vorwitzig aus dem Pflaster ragenden Stein, dass er beinahe hingeschlagen wäre. |36|Mit Mühe konnte er sich noch halten und schimpfte: »Von unserer ewigen Umherreiserei habe ich nun langsam genug.«

Fidelma sah ihn nur freudlos an. »Meinst du etwa, ich nicht? Seit unser Alchú geboren ist, habe ich mich herzlich wenig um unseren Sohn kümmern können. Schandbar wenig. Als wir vor ein paar Monaten nach Tara zurückkehrten, dachte ich, nun könnten wir eine Weile in Cashel bleiben bis … na, jedenfalls bis auf absehbare Zeit.«

»Wir hätten doch ablehnen können, diese Reise zu unternehmen«, bemerkte Eadulf.

»Die Pflicht ist oberstes Gebot«, erwiderte Fidelma mit Nachdruck. »Wenn mein Bruder, der König, mich auffordert, seinen Bischof, Ségdae von Imleach, hierher als Ratgeber zu begleiten, dann ist es meine Pflicht, das zu tun. Du hättest ja nicht mitkommen müssen.«

»Mein Platz ist dort, wo du bist«, entgegnete Eadulf einfach.

Fidelma legte ihm eine Hand auf den Arm. »Das verlange ich doch gar nicht, Eadulf«, meinte sie sacht.

»Hast du nicht eben gesagt, zuoberst steht die Pflicht?«, fragte er und hob eine Augenbraue. »Welche Pflicht steht höher als die moralischen Bande zwischen uns? Also stell nicht in Frage, worin meine Pflicht besteht. Ich kann bloß nicht einsehen, warum so ein Konzil der Kirchenoberen ausgerechnet in Gallien stattfinden muss …«

»Von Gallien ist nicht mehr viel übrig,« berichtigte sie ihn. »Die Franken haben das ganze Gebiet ringsum erobert und sich hier niedergelassen. Sie haben das Land in die Königreiche Austrasien und Neustrien geteilt, und die Herrscher sind zwei Brüder, wie ich gehört habe.«

»Wo genau wir uns befinden, ist mir im Grunde genommen gleich. Was ich nicht begreife, ist, warum ein Konzil der Kirchenführer in so einem abgelegenen Winkel wie diesem Einfluss |37|auf die fünf Königreiche von Éireann haben soll oder auf die britannischen oder angelsächsischen Königtümer.«

»Vielleicht nicht gleich, aber eines Tages könnten sich die in Autun gefassten Beschlüsse auch bei uns auswirken. Deshalb hielt man es für notwendig, dass Bischof Ségdae hierher reist, als Vitalianus, der Bischof von Rom, alle Vertreter der westlichen Kirchen aufrief, sich an diesem Ort zu versammeln. Du weißt, die Vorstellungen, die wir uns in Éireann vom Christentum gemacht haben, und die Riten, die wir befolgen, werden von den neuen, von Rom ausgehenden Bestrebungen bedroht. Sie sind mit unseren Gesetzen und unserer Art zu leben nicht vereinbar.«

»Und das, obwohl Autun endlos weit weg ist von Cashel!«

»Gedanken und Ideen reisen schneller als Menschen«, beendete Fidelma das Gespräch.

Eadulf stöhnte und schob das Gewicht seines Seesacks von einer Schulter auf die andere. Neidvoll blickte er auf Fidelmas leichtes Leinengewand und wünschte, er hätte etwas aus weniger warmem Gewebe an und nicht die braune wollene Kutte, die er als Glaubensbruder trug.

Auf dem geebneten Weg zwischen den Häusern kamen sie rasch voran, und bald sahen sie die Tore der Abtei vor sich. Keiner der vielen Menschen, denen sie begegneten, schien von ihnen Notiz zu nehmen. Nebirnum war eine geschäftige Handelsstadt, durch die viele mit Gütern beladene Wagen rollten und in der Fremde etwas Alltägliches waren.

Am Portal der Abtei trafen sie auf einen Bruder, der mehr Wachtposten zu sein schien als ein sie willkommen heißender Mönch.

»Pax tecum«, grüßte Fidelma den dunkelhaarigen, sonnengebräunten Mann.

»Pax vobiscum«, erwiderte der ohne jede Anteilnahme.

|38|»Wir kommen aus dem fernen Lande Hibernia und sind auf dem Wege zum Konzil in Autun. Man hat uns gesagt, Bischof Arigius würde uns auf unserer Reise dorthin behilflich sein.«

Der Mann wies durch die Toreinfahrt. »Fragt da drin nach dem Bischof«, sagte er gleichgültig, wandte sich um und schaute wieder auf die Vorübergehenden.

»Begeistert klang die Begrüßung eben nicht, die uns auf unserer peregrinatio pro Christo zuteil wird«, murmelte Eadulf verdrossen, während sie in einen von Gebäuden umschlossenen Hof traten.

Fidelma winkte einen jüngeren Mönch heran, der gerade vorüberging. »Wir möchten zu Bischof Arigius. Wo können wir ihn finden?«

Der junge Mann blieb stehen und runzelte die Stirn. »Ich bin sein Verwalter. Ihr seid wohl fremd an diesem Ort.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

»Wir sind unterwegs nach Autun zum Konzil, das dort stattfindet. Wir kommen aus dem Land Hibernia.«

Der junge Mann hob verwundert die Brauen, als er den Namen hörte, und sagte dann: »Folgt mir.«

Er führte sie zu einer Tür in einer Ecke des Hofs. Dort befand sich ein Zugang zu einem viereckigen Turm, dem gegenüber ein Bau stand, der offenbar eine Kapelle war. Sie gingen mit ihm eine Treppe aus dunkler Eiche hinauf bis zu einer Tür aus ähnlichem Holz. Hier bat sie der junge Verwalter zu warten. Er klopfte an, öffnete, ohne eine Antwort abzuwarten, ging hinein und schloss die Tür hinter sich. Sie hörten Stimmengemurmel, dann ging die Tür wieder auf, und der junge Mann bedeutete ihnen einzutreten.

Bischof Arigius war ein großer schlanker Mann mit kantigen Gesichtszügen, stechenden dunklen Augen und schmalen roten Lippen. Sein Haar war silbergrau und bereits spärlich. |39|Er hatte sich aus einem Armsessel erhoben, kam ihnen entgegen und begrüßte sie mit einem Lächeln. Dabei wurden seine gelblichen Zähne sichtbar.

»Pax vobiscum«, hieß er sie freundlich willkommen. »Mein Verwalter berichtet mir, ihr seid auf dem Wege nach Autun, zum Konzil, und kommt aus dem Land Hibernia.«

»Das entspricht der Wahrheit«, bestätigte Eadulf und rückte seinen Seesack zurecht.

Dem Bischof entging die Bewegung nicht. »Tretet näher, legt eure Last ab und setzt euch. Leistet mir Gesellschaft bei einem erfrischenden Trunk. Wie wäre es mit einem Glas weißen Weins aus unseren Kellern …?« Er gab dem Verwalter einen Wink, der davoneilte, das Gewünschte zu holen.

»Ich bin Bischof Arigius, der zweite dieses Namens, der in der ehrwürdigen Abtei hier seines Amtes waltet.«

»Ein beeindruckendes Bauwerk und die Stadt nicht minder, wie wenig wir bisher auch von ihr gesehen haben«, äußerte sich Eadulf höflich, nachdem sie sich vorgestellt hatten.

Bischof Arigius lächelte voller Stolz.

»In der Tat. Als der große Julius Caesar die römischen Legionen in das Land führte, wählte er diesen Fleck als einen Stützpunkt für seine Truppen. Die Aedui, die Gallier, die hier siedelten, hatten an eben der Stelle eine Hügelfestung errichtet. Caesar ließ sie verstärken und erweitern. Von da an hieß der Ort Noviodunum – nach dem lateinischen novus für neu und dunum, dem gallischen Wort für Festung. Eigentlich bedeutete der Name nichts als ›Neue Festung‹, und seither ist durch sich wandelnden Sprachgebrauch die gegenwärtige Bezeichnung Nebirnum daraus geworden. Die Stadt war eine der ersten Siedlungen in diesem Land, in denen der Glaube Fuß fassen konnte. Zeitweilig hieß das ganze Gebiet Gallia Christiana, und die Bischöfe hier waren hochberühmt.«

|40|»Euer tiefgründiges Wissen über den Ort verdient Anerkennung«, bemerkte Fidelma.

»Scientia est potentia«, sagte der Bischof lachend.

»Das ist wohl wahr. Wissen ist Macht«, bestätigte sie. Es war eine Lebensweisheit, die Fidelma oft selber verkündete.

Der junge Verwalter erschien mit einem Krug und Bechern, die er mit dem goldfarbenen Wein füllte. Er war kühl und erfrischend, und sie lobten ihn ausgiebig.

»Es ist Wein von unseren eigenen Weinbergen«, erklärte ihnen der junge Mann.

»Wie ich annehme, wisst ihr von den Geschehnissen in Autun?«, begann der Bischof lebhaft.

Fidelma sah Eadulf verwundert an. »Geschehnisse in Autun?«, wiederholte sie.

»Wir selbst haben erst gestern Nachmittag davon erfahren.« Bischof Arigius sah erwartungsvoll von einem zum anderen, als bedürfe es seinerseits keiner weiteren Erklärungen.

»Wir sind völlig ahnungslos«, sagte Fidelma. »Auf welche Ereignisse in Autun spielst du an?«

Der Bischof lehnte sich zurück. »O weh! Verzeiht. Wie dumm von mir. Mein Verwalter dachte, ihr wäret just deswegen auf dem Wege nach Autun.«

Fidelma zügelte ihre Ungeduld. »Wir sind viele Tage lang auf dem Fluss gereist und haben unterwegs nichts Neues erfahren.«

»Einer der Äbte aus eurem Land Hibernia ist in Autun ermordet worden.«

Fidelma schwieg betroffen. Sofort fragte Eadulf: »Weißt du, wie dieser Abt hieß? Doch nicht etwa Abt Ségdae?«

Bischof Arigius schüttelte den Kopf. »Ich weiß nur, dass er aus eurem Land kam.«

»Kannst du uns sonst noch etwas von dem berichten, was sich dort zugetragen hat?«, fragte Eadulf weiter.

|41|»Nichts als die simple Tatsache«, erwiderte der Bischof sofort. »Wir erfuhren es gestern von einem durchziehenden Händler.«

»Und einen Namen hat er nicht genannt?«, erkundigte sich Fidelma.

»Nein, hat er nicht«, bestätigte der Bischof.

Alle schwiegen. Schließlich sagte Fidelma: »Wir müssen so schnell wie möglich nach Autun weiterreisen. Der Schiffer, der uns herbrachte, hat gesagt, man braucht zwei bis drei Tage zu Pferde von hier.«

Bischof Arigius schaute aus dem Fenster. »Heute noch aufzubrechen wäre unsinnig, der Tag geht schon zur Neige«, stellte er fest. »Bleibt und seid unsere Gäste heute Nacht, zieht in der Früh weiter.«

Fidelma lächelte bekümmert. »Leider haben wir keine Pferde, und …«

Mit großmütiger Geste wischte der Bischof ihre Bedenken beiseite. »Einer unserer Brüder macht sich morgen bei Tagesanbruch mit einem Frachtwagen voller Güter für die Abtei in Autun auf den Weg. Da könnt ihr mitfahren. Die Straße ist gut, besonders in dieser Jahreszeit ist sie trocken und fest. Länger als vier Tage braucht ihr nicht bis dort.«

»Das nehmen wir gern an«, beeilte sich Eadulf zu versichern. Der Gedanke, über fremde Straßen und auf einem nicht minder fremden Ross zu galoppieren, hatte ihm ohnehin nicht behagt. Bequem auf einem Wagen zu sitzen, war weitaus verlockender.

»Ausgezeichnet.« Bischof Arigius stand auf, und sie taten es ihm gleich. »Mein Verwalter wird euch zu unserem Gästequartier geleiten, dort könnt ihr euch ausruhen und frisch machen. Er holt euch dann wieder ab, und wir treffen uns im Refektorium. Das Geläut der Glocke kündet den Gottesdienst |42|in der Kapelle an. Kurz vor der Morgendämmerung läutet sie zum Aufstehen. Ich werde unseren Bruder, mit dem ihr morgen die Reise unternehmt, anweisen, auf dem Hof auf euch zu warten.«

»Und wie heißt dieser Bruder?«, fragte Fidelma.

»Bruder Budnouen. Er ist Gallier.«

 

Bruder Budnouen war beleibt, das rundliche rote Gesicht saß nahezu ohne Hals auf dem Rumpf, und von den Hängebacken hatte man den Eindruck, sie reichten bis auf die Brust. Er war mittleren Alters, klein von Wuchs und sonnengebräunt. Die hellen Augen schimmerten fast meergrün. Fidelma und Eadulf fiel sofort auf, dass sein langes braunes Haar in der Tonsur des heiligen Johannes geschnitten war, nicht in der von Rom vorgeschriebenen Art der corona spinea. Umfang und Gewicht ließen den fülligen Bruder nur angestrengt atmen, die muskulösen Unterarme verrieten, dass er schwere Arbeit gewöhnt war, auch waren die Hände voller Schwielen. Als Kutscher eines Frachtwagens war er oft unterwegs, und die Lederzügel, mit denen er seine Gespanne lenkte, hatten die Haut der Handflächen verhärtet. Es überraschte seine Mitreisenden keineswegs, dass er in jungen Jahren Seemann gewesen und zwischen den Häfen in Armorica, Britannia und Hibernia hin und her gesegelt war. Die Sprachen dieser Länder beherrschte er fließend. In seinen Augen funkelte es spöttisch, fast immer schmunzelte er und war ein Mensch, der es verstand, dem Leben die guten Seiten abzugewinnen. Außerdem erwies sich Bruder Budnouen als unterhaltsamer Wegbegleiter, kaum dass sie Nebirnum und die Abtei verlassen hatten. Während er den von vier kräftigen Maultieren gezogenen Wagen auf der geradewegs nach Osten führenden Straße lenkte, unterhielt er seine Gäste mit Geschichten über Land und Leute.

|43|»Ich bin vom Stamm der Aeudi«, erzählte er ihnen. »Früher gehörte hier herum alles den Aeudi, vor vielen Jahren aber kamen die Burgunden und haben uns vertrieben. Einige von uns flohen nach Armorica, andere wie ich blieben und versuchten das Beste daraus zu machen. Jetzt sind die Burgunden von den Franken unterworfen und zu Vasallen gemacht worden. Und das Land heißt nun Austrasien.«

»Die Aeudi waren demnach Gallier?«, erkundigte sich Eadulf, der immer darauf erpicht war, sein Wissen zu erweitern. Er und Fidelma saßen auf dem Kutschbock neben Bruder Budnouen, der sein Maultiergespann mit einem gelegentlichen kurzen Ruck der langen Zügel antrieb.

Der beleibte Bruder lachte frohgemut, und Stolz schwang in seiner Stimme. »Ja, mein Freund, die waren wirklich Gallier. Ich stamme von dem großen Vercingetorix – dem König der Welt – ab. Der hätte Caesar und die Römer fast besiegt, musste sich aber unterwerfen, weil er die Frauen und Kinder retten wollte, die Caesar sonst zu Tausenden hätte niedermetzeln lassen, um seinen Triumph zu besiegeln. Caesar fürchtete diesen großen Mann so sehr, dass er ihn in Ketten nach Rom schaffen, ihn jahrelang in ein Verließ sperren und schließlich öffentlich erdrosseln ließ. Auf diese Weise feierte er seinen Endsieg.«

Eadulf schürzte die Lippen. »Jeder Krieg ist etwas Widerwärtiges.«

»Das bekamen die Römer wiederholt zu spüren. Sie hatten gedacht, nach dem Tod des Vercingetorix könnten sie uns in die Knie zwingen, aber da irrten sie. Viele Male haben wir uns gegen sie erhoben, doch kaum hatten wir eine Legion geschlagen, rückten drei neue an. Noch hundert Jahre nach Caesars Abzug haben wir die römischen Legionen bekämpft. Am Ende wurde Gallien eine römische Provinz und befriedet. Ein paar Jahrhunderte gingen ins Land, dann aber strömten die |44|Burgunden und die Franken über den Rhein und unterwarfen uns.«

»Kennst du diese Stadt Autun?«, fragte Fidelma in dem Bestreben, das Gespräch auf den Ort zu lenken, um den ihre Gedanken kreisten.

»Autun?« Bruder Budnouen zuckte die Achseln. »Da standen früher nur ein paar Hütten, bis Kaiser Augustus festlegte, dass dort der neue Hauptort der Aeudi entstehen sollte. Er nannte ihn Augustodunum, die Festung des Augustus – und daraus wurde bei den Burgunden der Name Autun. Unsere eigene Hauptstadt mit der Festung Bibracte hatten die Römer verwüstet als Racheakt, weil Vercingetorix ihnen beinahe eine Niederlage bereitet hatte. Sie bauten Augustodunum zu einer großen römischen Stadt aus, um damit die Gallier zu beeindrucken.«

Eine Weile verstummte er, denn eine ausgefahrene Wegstrecke verlangte seine ganze Aufmerksamkeit.

»Der Neue Glaube erreichte die Stadt sehr früh. Es heißt, schon zur Zeit des heiligen Irenaeus entstand dort ein Bischofssitz, und das bereits hundert Jahre nach der Kreuzigung unseres Herrn. Der Legende nach bekehrte sich der Sohn des Senators Faustus von Autun, ein junger Mann namens Symphorian, zum Glauben und zerstörte zum Zeichen seines Protests ein Standbild der römischen Göttin Cybele. Man nahm ihn gefangen und peitschte ihn aus. Als er sich dennoch weigerte, dem Neuen Glauben abzuschwören, hat man ihn vor den Augen seiner Mutter Augusta geköpft. Über seinem Grab auf der alten Totenstätte wurde die Abtei errichtet.«

Bruder Budnouen lachte in sich hinein und stieß Eadulf mit dem Ellenbogen an. »Es heißt, wenn du an dem Grab betest, wirst du von der Lustseuche geheilt.« Er schwieg, schaute verlegen zu Fidelma und murmelte: »Verzeihung, Schwester.«

|45|Sie ging darüber hinweg. »Ich hätte gern gewusst, welche Bedeutung die Stadt heute hat und weshalb man gemeint hat, sie sei der günstigste Ort, um dort ein Konzil abzuhalten.«

»Wer weiß das schon?«, erwiderte der Gallier. »Ist nicht Vitalianus, der Heilige Vater, ein Römer? Vielleicht hat er sich erinnert, dass Autun einstmals Augustodunum war. Die Römer haben ein langes Gedächtnis. Sie haben unserem Volk nie vergeben, dass wir ihre Legionen besiegt und sogar Rom selbst eingenommen haben, und das war so viele Jahre vor der Geburt Unseres Heilands, dass man sie kaum zählen kann.«

Eadulf wollte sich das näher erklären lassen, aber Fidelma stieß ihn verstohlen an, denn sie befürchtete, die Frage würde zu längeren Erläuterungen führen. Sie erkundigte sich: »Und wer ist heute der Bischof von Autun?«

»Das ist Leodegar. Er ist schon etwas älter, besitzt noch immer einen scharfen Verstand und wird wegen seines Wissens und seiner Rechtschaffenheit gerühmt. Er ist der Sohn fränkischer Edelleute und ist am Hofe von König Chlothar aufgewachsen. Er hat sogar in der Regierung des Königreichs mitgewirkt, bis er zum Bischof ernannt wurde. Man sagt ihm nach, er sei eine starke Persönlichkeit, bei Reformen kenne er kein Wenn und Aber, die triebe er nur allzu gern voran. Auch hat es den Anschein, als seien ihm die alten römischen Stadtmauern eine Herzenssache, das Gleiche gilt für die öffentlichen Bauten aus der Römerzeit. Ich könnte mir vorstellen, dass das der Grund ist, weshalb Rom ihm die Gelegenheit gibt, den Vorsitz dieses wichtigen Konzils zu führen.«

»Weißt du etwas Genaueres über die Geschehnisse in Autun?«

»Du meinst den Mord? Leider nein, da kann ich dir nicht helfen. Ich habe nur gehört, was der Händler davon erzählt hat. Irgendein Abt, der zum Konzil angereist war, wurde |46|erschlagen. Zwischen den Geistlichen soll es zu heftigem Streit, ja sogar zu Tätlichkeiten gekommen sein. Mehr kann ich dazu nicht sagen.«

Wenn er darüber auch nicht mehr wusste, so hatte Bruder Budnouen doch die Gabe, sich über das wenige, das er in Erfahrung gebracht hatte, des Längeren auszulassen. Am Ende ihres ersten Reisetages waren Fidelma und Eadulf sowohl von seinem unaufhörlichen Gerede als auch von den Strapazen der Fahrt erschöpft. Dessen ungeachtet waren sie sich einig, dass mit seiner Hilfe die Zeit rasch dahinging und der Gallier ihnen viel Interessantes über die Landschaft zu erzählen vermochte, durch die sie fuhren. Selbst die Plätze, wo sie abends gutes Essen und gute Betten finden konnten, kannte er und wusste sogar die Stellen an Flüssen oder Quellen, wo man sicher baden konnte. Fidelma sehnte sich nach den Annehmlichkeiten des irischen Bads mit heißem Wasser und Seife, passte sich aber den Gegebenheiten an, so gut es eben ging.

Am Morgen des dritten Tages kamen sie an einem beachtlichen Bergkegel vorbei, der aus einem prächtigen Wald aufragte. Zu ihrem Erstaunen hielt Bruder Budnouen dort an, stieg ab und kniete sich wie zum Gebet hin. Bei der Weiterfahrt erzählte er ihnen: »Dort oben stand einstmals Bibracte – der Hauptort der Aedui, und eben dort wurde Vercingetorix zum Oberhaupt aller zum Kampf gegen Julius Caesar vereinigten Stämme Galliens ausgerufen.« Er wies hinauf zum Berg. »Eben da hat Caesar ihn besiegt und auch seinen Bericht fertiggeschrieben, wie er mein Volk erobert hat.«

»Wie weit ist es noch bis Autun?«, frage Eadulf ziemlich reisemüde.

»Morgen Vormittag sind wir da. Keine fünfzehn Meilen mehr. Übernachten werden wir heute noch ein paar Meilen vor der Stadt, wir würden sonst spätabends dort eintreffen. |47|Wie ich schon erzählte, haben Leodegar und Graf Guntram, der Gaugraf, die alten römischen Stadtmauern wieder herrichten lassen, und sie haben Wächter bestellt, die sich sehr unfreundlich gebärden, wenn sich Fremde der Stadt zur Nachtzeit nähern.«

»Ist es denn so gefährlich in dieser Gegend?«, wunderte sich Fidelma.

»Gefahren lauern überall, Schwester«, bestätigte ihr der Gallier. »Je wohlhabender eine Stadt ist, um so mehr Diebe und Räuber zieht sie an. Oft genug sind Räuberbanden unterwegs.«

»Hätten wir uns dann nicht besser mit Kriegern umgeben sollen, die uns beschützen?«, fragte Eadulf. Sie fuhren gerade durch dichte Wälder, in denen Vagabunden hinter jeder Baumgruppe lauern konnten.

Bruder Budnouen lächelte. »Wozu brauchst du Krieger, die dich beschützen? Hast du etwa Schätze bei dir?«

»Natürlich nicht. Das wertvollste Gut, das wir haben, ist unser Leben.«

»Hör zu, lieber Freund«, entgegnete der Gallier, »dein Leben ist sicherer, wenn du dich nicht mit Leibwächtern umgibst. Leibwächter verkünden den Banditen, dass du etwas bei dir hast, das zu bewachen sich lohnt. Wenn du nichts bei dir hast als dein Leben, dann solltest du sie nicht auf andere Gedanken bringen. Oft genug bin ich über diese Landstraßen gezogen, nur ein- oder zweimal hat man mich angehalten. Die Waren, die ich für die Brüder in Autun befördere, interessieren Diebe dieser Tage nicht weiter und auch jene Sachen nicht, die ich zurück nach Nebirnum schaffe. Sie sind auf Gold aus, auf Silber, Juwelen und dergleichen. Auf Dinge, die raschen Gewinn bringen.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, sagte Fidelma leichthin. »Aber |48|uns wird wohler sein, wenn wir erst einmal Autun erreicht haben.«

»Morgen bist du dort«, versicherte ihr Bruder Budnouen. »Wir müssen nur noch diese Gegend hinter uns lassen, die hat übrigens immer noch den alten gallischen Namen Morven – das heißt Land der schwarzen Berge, weil die grünen Hügel und Wälder so dunkel scheinen. Sobald wir hier durch sind, liegt die Stadt Autun vor dir.«

Und damit hatte er recht. Sie übernachteten in einem Gasthof und zogen dann von Nordwesten über eine Bergflanke, und gegen Mittag kam die Stadt in Sicht. Obwohl sie Rom kannten, schien ihnen der von grauen Mauern umschlossene Ort recht groß, wohl auch, weil sie ihn mit nichts auf ihrer Heimatinsel hätten vergleichen können. Jedenfalls beeindruckte sie die Stadt beim ersten Anblick. Über die roten Ziegeldächer der Häuser erhob sich am hinteren Ende ein massiver Gebäudekomplex wie eine Burg – das war die Abtei. Einer ihrer Bauten ragte mehrere Stockwerke empor, und daneben stand ein gewaltiger Turm. Beim Näherkommen zeichneten sich die Wälle und Mauern, die die Stadt umgaben, immer deutlicher ab. An manchen Stellen war das alte Mauerwerk bereits ausgebessert. Außerdem war der Ort sehr schön inmitten üppig grünender Weinberge gelegen.

Bruder Budnouen lachte zufrieden, als er ihre bewundernden Blicke bemerkte. Leute von den Inseln im Westen gerieten immer ins Staunen über die großartigen Städte in Gallien. Als sein Wagen über die breite, zum Fluss führende Straße rumpelte, bemerkten seine Mitreisenden am Wegesrand ein größeres quadratisches Steingebäude.

»Das war ursprünglich der römische Tempel des Janus«, erläuterte ihnen ihr Kutscher. »Jetzt wird er natürlich für andere Zwecke genutzt. Es heißt, die Römer hätten ihn auf einem |49|geheiligten Ort der Aeudi errichtet, denn die Macht ihres Gottes sollte die Kraft des alten Gottes der Gallier unschädlich machen. Die waren seltsam und abergläubisch, diese Römer.« Er wies zum Fluss, den sie überqueren mussten, um in die Stadt zu gelangen. »Das ist der Aturavos. Ist irgendwie sonderbar: Die Flüsse, Wälder und Berge haben immer noch ihre alten gallischen Namen, obwohl die Römer und dann die Burgunden sich jahrhundertelang hier ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Konzil der Verdammten" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen