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Das Idol

Robert Merle

Das Idol

Roman

 

Aus dem Französischen von Brigitte Kautz

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

VORWORT

DRAMATIS PERSONAE

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

KAPITEL VII

KAPITEL VIII

KAPITEL IX

KAPITEL X

KAPITEL XI

KAPITEL XII

KAPITEL XIII

KAPITEL XIV

|5|VORWORT

Dieser Roman spielt zwar Ende des 16. Jahrhunderts, ist jedoch keine Fortsetzung von »Fortune de France« und hat folglich nichts mit dem Leben und den Abenteuern des Pierre de Siorac zu tun. Ort der Handlung ist Italien, und alle Personen, seien sie nun Römer, Venezianer oder Florentiner, sind Bewohner dieser Halbinsel. Das ist der Grund, weswegen ich ihre Geschichte nicht in dem alten Französisch erzählen konnte, das mir während der neunjährigen Arbeit an meiner historischen Chronik so viel Mühe, aber auch so viel Freude gemacht hat. Es versteht sich von selbst, daß es wenig überzeugend gewirkt hätte, italienischen Romanfiguren französische Archaismen in den Mund zu legen.

Ich erfuhr zum ersten Mal von Vittoria Peretti, der Heldin meines Buches, als ich vor vierzig Jahren ein elisabethanisches Drama von Webster übersetzte, ein brillantes, wenn auch unausgewogenes Werk in einer Sprache, die die Shakespearesche Sprache geradezu schmucklos erscheinen läßt.

Erst zehn Jahre später, bei der Lektüre der »Italienischen Chroniken« von Stendhal, wurde mir bewußt, wie himmelschreiend ungerecht Webster über Vittoria urteilt. Es kann natürlich sein, daß er schlecht informiert war, doch wie konnte er sich, obwohl die Tatsachen sie eindeutig als Opfer erkennen lassen, dazu versteigen, sie »weißer Dämon« – so der Titel seines Stücks – zu nennen, womit gemeint ist, daß in ihrem schönen Körper eine teuflische Seele wohnte? Hier zeigt sich deutlich die Frauenverachtung unserer Herren Puritaner! Das unglückliche Opfer wird verfolgt und gefangengehalten und soll dennoch die Missetäterin sein …

Der Bericht, den Stendhal Vittoria widmet, umfaßt etwa dreißig Seiten, und trotz gegenteiliger Behauptungen, die man mitunter hört, handelt es sich nicht um ein originales Werk, sondern um die wörtliche Übersetzung einer alten Chronik, die |6|unseren Autor, stets fasziniert von großen Leidenschaften und starken Charakteren, gefesselt haben muß.

1957 schrieb ich auf der Grundlage dieser Chronik eine kurze Erzählung, die mich hinterher nicht befriedigte. Doch ich brauchte noch einige Zeit, um den Grund dafür herauszufinden.

Vittoria war gut, intelligent, kultiviert und großherzig. Doch nicht wegen dieser Tugenden wurde sie abgöttisch verehrt, sondern weil in einer von Männern beherrschten Gesellschaft die weibliche Schönheit überschätzt wird. Diese Überschätzung ist nicht, wie man annehmen könnte, für die Moral gefährlich, sondern für die betroffene Frau.

In unserer Zeit wäre Vittoria ein Star gewesen, und es wäre ihr nichts Schlimmeres passiert (freilich ist das schmerzlich genug), als daß sie mit dem Altwerden ihre Anbeter verloren hätte. Doch die Vittoria des 16. Jahrhunderts hatte ein ganz anderes Leben. Sie wurde als Ehefrau an einen Mann verkauft, den sie nicht liebte. Man wachte eifersüchtig über ihre Tugend. Zweimal wurde sie ihrer Freiheit beraubt und mehrere Monate in der Engelsburg gefangengehalten. Sie wurde von ihrem Beichtvater belauert, überwacht und verraten. Ihr Name wurde öffentlich in den Schmutz gezogen, ihre zweite Ehe von einem Papst für nichtig erklärt.

Sie stand also allein einer ganzen Gesellschaft gegenüber; um ihr Schicksal nachvollziehbar zu machen, war es notwendig, dieses archaische Milieu mit all seiner Brutalität und seinen Verfolgungsmechanismen zu beschreiben. Eben dies aber fehlte meiner kurzen Erzählung von 1957. Sie war zu linear. Sie beschrieb das Ereignis und nur unzureichend das Milieu, in dem es sich zugetragen hatte und aus dem heraus es sich erklärte.

Als ich den vorliegenden Roman konzipierte, glaubte ich, meine kurze Erzählung als einen ersten Entwurf betrachten zu können, den ich nur einfach umschreiben müßte.

Das erwies sich jedoch als unmöglich. Ich verstand sehr bald, daß ich alles verwerfen und neu anfangen, meine Forschungen wiederaufnehmen und vertiefen und zum gleichen Thema einen viel umfangreicheren und phantasievolleren Roman schreiben mußte, mit neuen oder anders gesehenen Helden; der menschliche Hintergrund mußte stärker herausgearbeitet |7|werden, die Erzählweise die außerordentliche Komplexität der Situation verdeutlichen, in der Vittoria kämpfte.

Am Ende meiner Forschungen entdeckte ich, nicht ohne innere Bewegung, am Ufer des Gardasees den Palast, in dem Vittoria 1585 ihren letzten glücklichen Sommer verlebt hatte. Er hat jetzt einen anderen Namen, doch vier Jahrhunderte sind über ihn hinweggegangen und haben ihm nichts anhaben können, nur seine Steine sind nachgedunkelt. Er hat nichts von einer venezianischen Villa. Karg und streng erhebt er sich am Wasser. Als ich ihn sah, vermochten nicht einmal die großen Magnolien am Uferweg sein Bild aufzuhellen, zumal sie gerade ihre Blüten verloren, die eine nach der anderen auf das Wellengekräusel des nebligen Sees fielen. Die Luft war mild, aber der Ort melancholisch.

Dem Palast fehlte kein einziger Dachziegel. Wie traurig, sich sagen zu müssen, daß ein Haus die Menschen, die es bauten, so lange überdauert. Das Gegenteil wäre mir lieber gewesen: nur hier und da einzelne Säulenreste zu finden und, auf den Ruinen sitzend, Vittoria in ihrem langen Haar, mit einem Blick mir dankend, daß ich sie in meinem Buch gerecht und mitfühlend behandelt habe.

|8|DRAMATIS PERSONAE

Diese Liste enthält die handelnden Personen und die Zeugen unserer Geschichte in der Reihenfolge ihres Auftretens.

 

  1. Monsignore Rossellino (il bello muto)

  2. Giulietta Accoramboni

  3. Seine Eminenz Kardinal Cherubi

  4. Caterina Acquaviva

  5. Marcello Accoramboni

  6. Aziza

  7. Raimondo Orsini (il bruto)

  8. Pfarrer Racasi

  9. Lodovico Orsini, Graf von Oppedo

  10. Paolo Giordano Orsini, Herzog von Bracciano

  11. Gian Battista Della Pace, Bargello della Corte

  12. Domenico Acquaviva (il mancino)

  13. Seine Exzellenz Luigi Portici, Gouverneur von Rom

  14. Alfredo Colombani, Reitknecht von Raimondo und Lodovico Orsini

  15. Seine Eminenz Kardinal di Medici

  16. Ehrwürden Luigi Palestrino, Theologe

  17. Seine Exzellenz Armando Veniero, Botschafter Venedigs in Rom

  18. Giuseppe Giacobbe, Vorsteher des römischen Gettos

  19. Giordano Baldoni, Majordomus des Fürsten Orsini

  20. Baldassare Tondini, Podestà von Padua

|9|KAPITEL I

Monsignore Rossellino (il bello muto1):

 

Es war vor fünf Jahren – um genau zu sein, am 5. Dezember 1572 sieben Uhr morgens –, als ich die Treppe zum Vatikan emporstieg und dabei so unglücklich fiel, daß ich mit dem Hals auf eine Stufenkante aufschlug. Durch diesen Aufprall quetschte ich mir den Kehlkopf und wäre auf der Stelle erstickt, wenn nicht ein Bader in der Nähe gewesen wäre, der mir mit einer kleinen Schere die Kehle aufschnitt. Die Wunde verheilte, doch ich blieb stumm.

Es gab zu jener Zeit nicht mehr als zehn Bader in Rom. Wenn nun die Vorsehung einen der geschicktesten Vertreter dieser Zunft meinen Weg so früh am Morgen kreuzen ließ, schloß ich daraus, daß die kaum glaubliche Abfolge der Ereignisse, die mein Leben fürderhin bestimmen sollten, ausdrücklich von ihr gewollt war: mein Sturz, die Kehlkopfquetschung, der Eingriff des Baders, meine Stummheit und meine Begegnung mit Kardinal Montalto.

Vor diesem Unfall war ich einer der glänzendsten Kanzelredner der Ewigen Stadt. Meine Predigten, zu denen die vornehme Welt Roms herbeiströmte, trugen mir außer großem Ansehen auch die Gunst von Damen aus den höchsten Kreisen ein. Sie luden mich häufig in ihre Paläste, verwöhnten mich mit erlesenen Gerichten und umschmeichelten mich auf mancherlei Art, wobei sie nichts weiter von mir wollten, als daß ich mit meinem üblichen Feuereifer über die Qualen der Hölle oder die himmlischen Freuden zu ihnen spräche. In beiden Fällen gerieten sie in Verzückung, und ich war töricht genug, mir auf das Vergnügen, welches ich ihnen verschaffte, etwas einzubilden.

Ich war damals achtundzwanzig Jahre alt und ein recht gutaussehender Mann, wenn man dem Gerede der Frauen meiner Familie Glauben schenken kann – es ist ja bekannt, wie sehr dieses irrationale Geschlecht (tota mulier in ventro2) den |10|Klatsch liebt. Obgleich ich einen keuschen Lebenswandel führte, erfüllte mich mein Aussehen mit Stolz, war ich mir doch bewußt, daß meine einnehmende körperliche Hülle die Ausstrahlungskraft meiner Beredsamkeit beträchtlich erhöhte.

Im Garten der Contessa V. stand ein uralter Baum, in dessen Schatten die Contessa in der schönen Jahreszeit gern mit ihren Freundinnen saß, um mich zu hören. Ich erinnere mich, daß kleine Schweißperlen auf ihre schöne Stirn traten, wenn ich mit lauter Stimme – wiewohl mit allem gebotenen Takt – die Höllenqualen der Verdammten schilderte; sie saß mit halbgeöffneten Lippen, atmete schwer, und ihr Hals überzog sich mit purpurner Röte. Man hätte meinen können, sie überließ ihren kleinen Körper voller Wonne dem grausamen Werk der Dämonen. Je weiter ich in meiner Beschreibung vorankam, desto mehr wuchs ihre Erregung, und ich wurde dadurch so verwirrt, daß ich mir immer neue Details einfallen ließ, die meinen Bericht in die Länge zogen. Ich denke heute nur noch mit Scham daran.

Als wegen meines Unfalls meine schöne tiefe Stimme verstummte, begriff ich, daß sich um einen Ast jenes Baumes, unter dem ich derart schwadroniert hatte, eine Schlange ringelte, die nur auf einen günstigen Moment wartete, um sich herabfallen zu lassen und zwischen der Contessa und mir eine fürchterliche Verbindungslinie zu ziehen.

Es war ein Feigenbaum gewesen, zwar dichtbelaubt, doch unfruchtbar.

Ich begriff, daß die Hand Gottes, die schon in der Bibel den Feigenbaum hatte verdorren lassen, nun mir meine Stimme genommen hatte, um mich vor Sünden zu bewahren, von denen die meines schwachen Fleisches vielleicht nicht einmal die schlimmste war. Und ich schwankte noch, ob ich mich nicht für den Rest meiner Tage in irgendein Kloster zurückziehen sollte, als ich ein lakonisches Schreiben von Kardinal Montalto erhielt mit der Bitte, ihn in seinem Palast aufzusuchen.

Felice Peretti, dem zwei Jahre zuvor die Kardinalswürde verliehen worden war, hatte den Namen Montalto gewählt, um – so denke ich – einerseits seine hohen Ambitionen, andererseits die Schroffheit seines Charakters anzudeuten. Zitternd begab ich mich zu dem recht bescheidenen und schmucklosen Palast des schrecklichen Kardinals. Mir war sehr wohl bekannt, daß er als Großinquisitor in Venedig mit Feuer und Schwert gegen |11|die Sittenlosigkeit des Klerus vorgegangen war und wegen seiner Strenge sich so verhaßt gemacht hatte, daß sich die Priester am Ende gegen ihn verbündeten und beim Senat seine Vertreibung aus der Repubblica Serenissima erwirkten.

Er lebte so zurückgezogen, daß ich ihn vordem noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Und als ich ihn nun sah, war ich von seinem Anblick zunächst enttäuscht. Man muß wissen, daß Rom voll war von majestätischen Prälaten; der schönste unter ihnen war zweifellos Papst Gregor XIII., der damals siebzig Jahre zählte, sich aber dennoch kerzengerade hielt, einen behenden Gang und graziöse Bewegungen hatte und, wenn er aufsaß, wie ein Jüngling in den Sattel sprang.

Kardinal Montalto war von mittlerer Größe. Er war mitnichten verwachsen, wie böse Zungen behaupteten, erweckte jedoch diesen Eindruck mit seinem großen struppigen Kopf zwischen den breiten Schultern. Ich bezeichne seinen Kopf als groß, weil er mir im Vergleich zum übrigen Körper disproportioniert erschien, und als struppig, weil Montalto – ein ehemaliger Franziskaner – Haar und Bart lang trug, beides schlecht gekämmt und nachlässig geschnitten. Diese Behaarung gab ihm einen rauhen Anstrich, was Staunen verursachte in Rom, wo die Prälaten eher Kieselsteinen ähnelten, rund und glatt vom ständigen Aneinanderreiben im Auf und Ab der Gezeiten.

Eine markante Nase, schmale Lippen, ein fliehendes Kinn, dichte schwarze, mit dem graumelierten Haupt- und Barthaar kontrastierende Brauen und darunter, tief in ihren Höhlen, die schwarzen, stark glänzenden, durchdringenden Augen brachten zwar Kraft, aber wenig Gewinnendes in diese Physiognomie, welche ich, wäre da nicht meine große Hochachtung vor Seiner Eminenz, als wild und fanatisch bezeichnen würde.

Von diesem wenig anziehenden und wenig liebenswürdigen Menschen erwartete ich kein Wohlwollen. Trotzdem war ich erstaunt über die Grobheit seines Empfangs und die gebieterische Kürze seiner Rede.

»Rossellino«, sagte er, ohne meine stummen Höflichkeitsbezeigungen zu erwidern, »setzt Euch dorthin, an dieses Tischchen. Ja, da setzt Euch hin! Dort sind Feder, Tinte und Papier, eine brennende Kerze und eine Kupferschale. Wozu die Kerze? Um Eure Antworten zu verbrennen, sowie Ihr sie aufgeschrieben habt. Wozu die Schale? Für die Asche. Schreibt! Aber |12|keine Heuchelei, bitte! Und vor allem keine Seminaristenphrasen! Nichts als die einfache und reine Wahrheit! Sofern die Wahrheit jemals rein ist. Kurz, wenn Ihr mich belügt, und sei es auch nur ein einziges Mal, lasse ich Euch von meinem Diener hinausbringen. Seid Ihr bereit?«

Dieser Beginn erfüllte mich mit Schrecken. Mit zitternder Hand nahm ich die Gänsefeder, tauchte sie in die Tinte und wartete. Die nachfolgenden Antworten wurden auf kleine quadratische Zettel geschrieben. Der Kardinal stand hinter mir und nahm, vielmehr riß sie mir aus den Händen, sowie ich meine Niederschrift beendet hatte, warf einen Blick darauf und verbrannte sie sofort an der Kerzenflamme.

»Seid Ihr keusch?«

»Ja, Euer Eminenz.«

»Laßt die Eminenz weg, das Aufschreiben dauert sonst zu lange. Wart Ihr je in Versuchung, das Keuschheitsgebot zu verletzen?«

»Ja.«

»Wo, wann und mit wem?«

»Im Garten der Contessa V., bevor ich auf den Stufen des Vatikans stürzte.«

»Erläutert mir das!«

»Ich schilderte der Contessa die Qualen der Verdammten in der Hölle, was sie sehr erregte. Und diese Erregung brachte mich in Verwirrung.«

»Habt Ihr die Contessa wiedergesehen?«

»Nach meinem Unfall nicht.«

»Wie seht Ihr diesen Unfall?«

»Als ein Werk der Vorsehung. Mein Sturz bewahrte mich vor dem Fall. Ich begriff die Eitelkeit meines Lebens und daß ich meine schöne Stimme nur dazu nutzte, andere zu umgarnen. Dabei bin ich als erster in diese Schlinge gegangen.«

»Gut gesagt. Was habt Ihr jetzt für Pläne?«

»Mich in ein Kloster einzuschließen.«

»Schlecht überlegt. Ihr seid Weltgeistlicher. Bleibt in der Welt und dienet der Kirche.«

»Bin ich dazu fähig?«

»Gewiß. Was sind nach Eurer Ansicht die Übel des Staates?«

»Anarchie, Korruption, Mißachtung der Gesetze und Straffreiheit für Banditen, ob adlig oder nicht.«

|13|»Was sind die Übel der Kirche?«

»Sittenlosigkeit, Gier nach Gold und Prachtentfaltung, Simonie, die Gebietsfremdheit der Bischöfe, Exkommunizierungen aus anderen als Glaubensgründen.«

»Bene, bene, bene. Doch es genügt nicht, die Mißstände zu beklagen. Man muß sie abschaffen.«

»Kann ich das?«

»Ihr nicht. Ich ja. Wollt Ihr mir dabei helfen?«

»Kann das ein Stummer?«

»Gerade ein Stummer!«

Montalto hielt den durchdringenden Blick seiner schwarzen Augen auf mich gerichtet und schwieg lange, damit ich alle Implikationen dieses »gerade« heraushören konnte.

Ich schrieb: »Mit meiner Ergebenheit, meiner Treue und meiner Verschwiegenheit stehe ich Eurer Eminenz zu Diensten ad maximam gloriam Dei et Ecclesiae1

»Bene. Ich mache Euch zu meinem Privatsekretär. Hört, Rossellino, ich habe kein Vermögen geerbt, ich betreibe keinen Ämterschacher, und ich empfange auch nicht, wie so viele andere Kardinäle, eine Pension Philipps II. von Spanien, denn ich habe ihm meine Stimme im Konklave nicht verkaufen wollen. Ich werde Euch also schlecht bezahlen.«

»Das macht nichts.«

»Bene. Was haltet Ihr vom derzeitigen Papst?«

Da ich zögerte, warf mir Montalto einen furchteinflößenden Blick zu und schrie aufgebracht: »Antwortet! Jetzt sofort! Sagt mir, was Ihr denkt!«

Ich schrieb: »Es ist eine große Verfehlung für einen Priester, ein leibliches Kind zu haben. Für einen Papst ist es skandalös, und dies um so mehr, als er besagten Sohn zum Gouverneur von Rom ernannt hat.«

Montalto riß mir den Zettel aus den Händen, verbrannte ihn an der Kerzenflamme und sagte barsch: »Weiter!«

»Der Papst läßt die Dinge treiben. Er greift nicht ein. Er wird niemals auch nur den kleinen Finger gegen diese Mißstände rühren. Er befaßt sich nur mit den Künsten, mit dem Prunk seines Hofes und mit seiner Schmucksammlung.«

Montalto las das Papier, zündete es an und schaute diesmal |14|zu, wie der Zettel in der Kupferschale langsam zu Asche wurde. Dabei spielte die Andeutung eines Lächelns um seine Lippen, was, wie ich sofort feststellte, in keiner Weise seine wilden Gesichtszüge milderte.

»Wo wohnt Ihr?«

Ich schrieb: »Bei einer alten Tante in der Via Appia.«

»Ich wette, daß sie Euch über die Maßen verwöhnt.«

»In der Tat.«

»Die Frauen haben zwei Möglichkeiten, einen Mann schwach zu machen: mit dem eigenen Fleisch und mit dem Fleisch im Kochtopf. Ihr werdet in meinem Haus wohnen, Rossellino, in einem ungeheizten Zimmer schlafen und mit mir essen, so wie ich esse: wenig und schlecht.«

»Es wird mir eine große Ehre sein, Euer Eminenz.«

»Bene. Genug geredet. Zieht Euch jetzt zurück. Bis morgen!« So wurde ich Privatsekretär von Kardinal Montalto. Als Gregor XIII. davon erfuhr, machte er eine ganze Woche lang seine Witzchen darüber:

»Il bello muto (diesen Beinamen hatte er mir gegeben) muß zu der Zeit, da er noch seine Stimme hatte, ein großer Sünder gewesen sein. Wie anders könnte er sonst diese schreckliche Buße auf sich nehmen, mit Montalto in dessen altem Gemäuer zu hausen, seine schmale Kost zu teilen und seine Launen zu ertragen? Und Montalto, diesem schlauen Mönch, ist ein hübscher Coup gelungen: er hat einen Sekretär von absoluter Diskretion gefunden.«

 

 

Giulietta Accoramboni:

 

Ich wurde in Gubbio in Umbrien geboren, wo mein Vater und sein Bruder Bernardo Majolikateller herstellten und verkauften; der Majolikaüberzug, den arabische Arbeiter aus Mallorca hier bekannt gemacht haben, ergibt einen gleichmäßig weißen Untergrund, auf dem die Farben gut zur Geltung kommen. Die Leuchtkraft dieser Farben ist aber nur mit einer Glasur zu konservieren, die Giorgio Andreoli erfunden hat, ein Maler, der in Gubbio die Manufaktur gegründet hatte, die ihm auf seine alten Tage von den beiden Brüdern abgekauft wurde.

Diese in Italien und darüber hinaus auch in Frankreich, Österreich und ganz Europa berühmten Majoliken waren in der |15|Mitte mit einem sorgfältig gemalten Männer- oder Frauenkopf, auf dem Rand mit allegorischen Motiven verziert. Im Hause meines Onkels Bernardo hing an der Wand eine Majolika, auf der als Medaillon das stolze Profil seiner Gattin Tarquinia dargestellt war, der die Lästerzungen von Gubbio den Beinamen la Superba gegeben hatten, sowohl wegen ihrer körperlichen Reize wie auch wegen ihres hochmütigen Charakters.

Diese Anspielung auf den letzten König des alten Rom1 mißfiel meiner Tante keineswegs. Sie hatte in ihrer Jugend davon geträumt, durch Heirat dem Adel anzugehören, und manchmal, wenn sie zum Herzogspalast von Gubbio hinüberschaute, bereute sie, einen reichen Kaufmann geheiratet zu haben, wo doch ihre Schönheit ihr andere Türen hätte öffnen können.

Dem Teller mit ihrem Porträt war ein sonderbares Schicksal beschieden. Im Verlaufe einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Tarquinia und ihrem Sohn Marcello ging dieser, trunken vor Wut, mit ausgestreckten Händen auf sie zu, als wolle er sie erdrosseln; im letzten Moment jedoch, erschrocken über das ungeheuerliche Verbrechen, das zu begehen er im Begriffe stand, richtete er seinen Zorn gegen die Majolika, riß sie von der Wand und schleuderte sie zu Boden, wo sie zerbrach.

Vielleicht muß ich an dieser Stelle erklären, warum ich im Hause meines Onkels Zeugin dieses symbolischen Mordes wurde: im Sommer 1570 waren in Gubbio Fälle von Pest aufgetreten. Tarquinia beschloß, umgehend die Stadt zu verlassen und sich mit ihren drei Kindern, ihrem Mann und mir in ihr Landhaus zurückzuziehen. Die Tatsache, daß ich mitreisen sollte, war keineswegs ein Beweis ihrer Zuneigung für mich, sondern vielmehr meiner Zuneigung für ihre Tochter Vittoria, der ich Spielgefährtin war und auch ein wenig Ratgeberin, denn ich war drei Jahre älter als sie.

Mein Onkel Bernardo hatte gewisse Skrupel, meinen Vater allein in der Majolikamanufaktur zurückzulassen zu einer Zeit, da in Gubbio zu bleiben lebensgefährlich war. Aber sein ganzes Leben lang hatte er der Superba aus einer Mischung von Güte und Apathie heraus, die der Grundzug seines Charakters war, nachgegeben, und nun wußte er nicht, wie er sich ihr widersetzen sollte in einer Situation, in der Bruderliebe und |16|Gerechtigkeitssinn eigentlich ein anderes Verhalten von ihm forderten.

Diese Feigheit rettete ihm freilich das Leben. Doch um welchen Preis! Die Pest in Gubbio raffte meine Brüder, meine Schwestern, meine Mutter, meinen Vater und die meisten seiner Arbeiter hinweg. Der Kummer darüber lastete so schwer auf Bernardo, daß seine sensible und wenig energische Natur allmählich davon erdrückt wurde. Zudem war die Majolikamanufaktur durch den Aderlaß sehr geschwächt und arbeitete nur noch mit halber Kraft. Die von der Pest hinweggerafften maurischen Arbeiter waren nur schwer ersetzbar, und mein Onkel war zwar ein guter Handwerker, doch fehlte ihm das kaufmännische Talent meines Vaters.

Genau diesen Zeitpunkt wählte Tarquinia für ihren Entschluß, sich in Rom niederzulassen, um Vittoria dort entsprechend ihren eigenen ehrgeizigen Plänen zu verheiraten. Ich sah den armen Bernardo bitten und flehen, wo er hätte befehlen müssen. Aber letzten Endes gab er wie immer nach. Er blieb mit seinem jüngsten Sohn Flamineo in Gubbio zurück, und Vater und Sohn gaben sich große Mühe, mit den Majoliken all das Gold aufzubringen, dessen Tarquinia bedurfte, um in Rom nahe dem Petersdom, auf der Piazza Rusticucci, ein wunderschönes Haus zu mieten, wo sie vom Tag ihrer Ankunft an offene Tafel hielt.

Marcello, der keinen Geschmack an der Majolikaherstellung fand – wie übrigens auch an keiner anderen Arbeit –, folgte seiner Mutter nach Rom, gab sich als Adliger aus, trug Dolch und Degen, lernte fechten und schloß Freundschaft mit mancherlei zwielichtigen und hochrangigen Personen, die in seine zweifelhafte Schönheit vernarrt waren. Er pflegte auch die Freundschaft zu einer reichen Witwe, die seine Mutter hätte sein können und mit der er, wie mit seiner Mutter, häufig Streit hatte, vor allem wegen des Geldes, das er sich bei ihr borgte. Eigenartigerweise wagte niemand in Rom, je seinen Adel anzuzweifeln. Dazu muß man sagen, daß Marcello geradezu tollkühn war: wenn ihn auch nur der geringste mißbilligende Blick traf, zog er sofort den Degen. Im übrigen gab es unzählige falsche Adlige in der Ewigen Stadt.

Diese kurze Darstellung mag verdeutlichen, daß zur Familie meines Onkels ebenso viele Engel wie Teufel gehörten. Die |17|Engel arbeiteten in Gubbio, die Teufel gaben in Rom das Geld aus. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Vittoria gehörte weder zu den Engeln noch zu den Teufeln. Sie hatte von beiden etwas. Ich dagegen zählte nicht; und daran änderte sich auch nichts, nachdem mich Bernardo kurz vor seinem Tod noch adoptiert hatte. Die Superba widersetzte sich dieser Adoption nur deshalb nicht, weil die Interessen ihrer eigenen Kinder davon nicht berührt wurden: Bernardo hatte nur noch Schulden.

Da ich in dieser Familie fast als einzige ein wenig gesunden Menschenverstand besitze, kommt es mir wohl zu, über Vittoria zu sprechen – wenn auch nicht frei von Haß und Liebe, denn ich liebe sie. Aber ich weigere mich, ihr die gleiche abgöttische Verehrung entgegenzubringen, die ihr von allen Seiten zuteil wird. Ich liebe dieses Mädchen, das selbst so wenig vernünftig ist, auf vernünftige Art.

Was das Teuflische betrifft, so hatte Vittoria von der Superba das leidenschaftliche Temperament, den Charakter überhaupt und – bemerkbar nur für Menschen, die sie gut kannten – den scheuen Stolz geerbt. Auch ihre Schönheit verdankt sie der Mutter, die sie darin aber noch weit übertrifft. Denn ihre Güte, die ausschließlich vom Vater stammt, verleiht ihren Augen, ihren fein gezeichneten Lippen und ihren sanften Zügen einen höchst anrührenden Liebreiz. Das Innere hat das Äußere geformt. Ich wage vorauszusagen, daß das Alter ihr Gesicht nicht entstellen wird, wohingegen das Gesicht von Tarquinia mit den Jahren hart und wie aus Erz geworden ist.

Vittoria ist groß und wohlgestalt, eine majestätische Erscheinung. Ihre großen blauen Augen sind von einem dichten Kranz schwarzer Wimpern gesäumt. Und was kaum glaubhaft scheint: ihr seidiges blondes Lockenhaar berührt, wenn sie es löst und den Kopf ein wenig nach hinten neigt, den Boden. In Gubbio konnte sie sich nicht auf der Straße zeigen, ohne daß die Leute – alte wie junge – sich ihr näherten, respektvoll »col suo permesso, signorina«1 sagten und mit den Fingerspitzen ehrerbietig ihr goldenes Vlies berührten.

Diese Haarpracht, mit der sie, nackt, ihren herrlichen Körper verhüllen kann, erfordert so viel Pflege, wiegt so schwer, verursacht ihr so oft Kopfschmerzen und bringt sie, wenn sie sich |18|zu schnell dreht, so gefährlich aus dem Gleichgewicht, daß Vittoria immer wieder davon spricht, sie wenigstens bis zur Taille abzuschneiden. Ich bin die einzige, die dieses Vorhaben vernünftig findet, denn es ruft im Palazzo Rusticucci, auch bei der Dienerschaft, so große Bestürzung hervor, veranlaßt Tarquinia zu solch schrillen Entsetzensschreien und bereitet auch Bernardo – wenn er uns das in Gubbio zusammengekratzte Gold bringt – so offensichtlichen Kummer, daß Vittoria aus purer Gutmütigkeit resigniert und Sklavin ihrer eigenen Schönheit bleiben will.

Vittoria war mit elf Jahren voll entwickelt und bereits mit dreizehn das, was sie heute ist: eine Frau, dazu berufen, die Welt und die Männer zu beherrschen. Wenn sich ein Römer bis nach Gubbio verirrte und herablassend fragte, was es denn in unserer kleinen Stadt zu sehen gebe, sagten die einen: den Herzogspalast, die anderen: den Palast des Rates; aber die am besten Bescheid wußten, antworteten: Vittoria Accoramboni. Und wenn der gute Mann das Glück hatte, sie auf der Straße zu sehen, ging ihm, in die Stadt der Päpste zurückgekehrt, der Mund über von begeisterten Lobeshymnen auf unsere »Bellissima«.

So hatten wir sie in Gubbio genannt, und der Beiname »bellissima« blieb mit ihrem Namen ebenso untrennbar verbunden wie »serenissima« mit der Republik Venedig.

Vittorias Haar wurde jede Woche dienstags und samstags gewaschen. Dieser Ritus brachte unsere gesamte Dienerschaft auf die Beine. Die Männer mußten ein großes Feuer unterhalten, eimerweise warmes Wasser heranschleppen und einen hölzernen Badezuber füllen, dann mittels eines an der Unterseite angebrachten Hahnes das Schmutzwasser ablaufen lassen, den Zuber erneut mit frischem Wasser füllen und so fort; die Dienerinnen hatten mit der nötigen Sorgfalt die ganze unendliche Haarfülle zu seifen. Vittoria selbst saß außerhalb des Zubers auf einem Schemel, den Kopf nach hinten geneigt, den Nacken auf ein kleines Kissen gestützt, mit dem die Holzkante abgepolstert war; nur ihr Haar tauchte in seiner ganzen Länge ins Wasser, während sie die Sonette von Petrarca las, manchmal auch laut.

Dies tat sie, vermute ich, einesteils, um nicht von dem Geschnatter der sämtlich um sie versammelten Frauen des Hauses betäubt zu werden, andernteils aber auch, weil sie die Dichtkunst |19|über alles liebte, denn sie war mit Büchern groß geworden, hatte Tarquinia doch darauf gehalten, ihr die Erziehung einer Königin zuteil werden zu lassen.

Mit Handtüchern allein war eine so lange, üppige Mähne nicht zu trocknen; man brauchte dazu das Kaminfeuer oder, wenn das Wetter es erlaubte, die Sonne, die zudem noch den Vorteil hatte, wie Tarquinia sagte, das Blond aufzufrischen. Nicht ohne einen gewissen Pomp wurde Vittoria zu einem Sitz auf einer nach Süden gelegenen Terrasse geführt, während des Umzugs hielten zwei Dienerinnen das Haar, damit es nicht den Boden berühre, und breiteten es dann auf einem speziell dafür gebauten Gitterrost aus, in langen Docken goldener Seide, wie köstliche Früchte zum Nachreifen.

Diese Zeremonie war in Gubbio bekannt, und da sie am zeitigen Nachmittag stattfand, wurde das Haus von Onkel Bernardo an den genannten Tagen zum Ausflugsziel für Müßiggänger, die einen Blick auf Vittorias Haar zu erhaschen hofften, wie es das Gold der Sonne einfing.

In Rom wurde der Ritus fortgesetzt, nachdem wir uns im Palazzo Rusticucci eingerichtet hatten. Doch da Tarquinia nun auf eine gewisse Etikette sehen wollte, fand er nicht mehr wie in unserer Kleinstadt öffentlich statt, sondern fern den neugierigen Blicken im Innenhof des Palazzo.

Die Strategie der offenen Tafel, die Tarquinia seit ihrer Ankunft in Rom mit großem Kostenaufwand verfolgte, brachte nicht das erhoffte Ergebnis. Viele Edelleute, junge und alte, schöne und häßliche, gingen im Palazzo Rusticucci aus und ein, aber sosehr sie von Vittoria auch eingenommen waren, das geringe Vermögen ihres Vaters schreckte sie ab. Es mag ja noch angehen, die Tochter eines Kaufmanns zu ehelichen und in eine Familie ohne Verbindungen einzuheiraten, aber dann müßte dieser Kaufmann wenigstens reich sein! Onkel Bernardo aber hatte nichts als Schulden, und seine Schulden warfen einen Schatten auf die strahlende Schönheit Vittorias. Außerdem war das Mädchen stolz und klug und konnte dumme Menschen schwer ertragen. Sie hätte mehr gefallen, wenn sie nur mäßig intelligent und weniger stolz gewesen wäre.

Seit zwei Jahren stellte Tarquinia ihre Tochter nun schon zur Schau, doch hatte sie trotz all der Bewerber oder vorgeblichen Bewerber, die – zahlreicher als Fliegen einen Honigtropfen – |20|Vittoria umschwärmten, bisher kein Angebot erhalten. Einer der Bewerber, der unscheinbarste von allen, hatte allerdings ein paar schüchterne Andeutungen gemacht. Aber Tarquinia hatte ihn, ohne ihn richtig abzuweisen, kaum ermutigt, das unredliche Argument vorschiebend, ihre gerade erst sechzehnjährige Tochter sei für eine Heirat noch recht jung. Obwohl Francesco Peretti der Neffe eines Kardinals war, fand die Superba seinen Adel zu gering und sein Vermögen nicht ausreichend. Zu Beginn ihres Aufenthaltes in Rom hätte es schon ein Fürst sein müssen, um sie zufriedenzustellen. Seit kurzem aber schien ihr auch ein Marchese oder Graf zu genügen. Nichtsdestoweniger meinte sie, Perettis Antrag sei ein wenig komisch und unüberlegt, und sie hielt sich etwas darauf zugute, daß sie ihn nicht einfach kurz abgefertigt, sondern auf seine halbe Anfrage diplomatisch mit einer halben Ablehnung geantwortet hatte.

Am 15. April 1573 trat ein Ereignis ein, das Tarquinia hätte absehen können, hätte sie ihrer Umgebung ebensoviel Aufmerksamkeit gewidmet wie ihren ehrgeizigen Zielen: Mein Onkel Bernardo starb. Er hatte es sich niemals verziehen, meinen Vater während der Pest allein in Gubbio zurückgelassen zu haben. Der Niedergang der Majolikamanufaktur, der Umzug Tarquinias nach Rom, die Trennung von seiner geliebten Tochter, die ständigen Geldforderungen ihrer Mutter, die Schulden, die er deshalb gemacht hatte – das alles erschien ihm wie eine Strafe Gottes. Und weit davon entfernt, gegen sein Unglück anzukämpfen, wartete er nur darauf, von ihm zermalmt zu werden.

Die Nachricht wurde uns eines Tages Schlag zwölf Uhr von Flamineo überbracht, der zu Pferde ganz allein, ohne Eskorte von Gubbio herangehetzt war. Völlig verschmutzt, das Haar zerzaust, das Wams geöffnet, erschien er in Stiefeln in dem Saal, in dem wir unsere Mahlzeit einnahmen, und Tränen rannen über sein Gesicht. Als er Tarquinia erblickte, stürzte er auf sie zu, mit ausgebreiteten Armen, als wolle er sich an ihre Brust flüchten, und rief voll Verzweiflung:

»Vater ist tot! Wir sind ruiniert!«

Tarquinia erhob sich, kreidebleich, und ging auf ihn zu; doch sie schloß ihn nicht etwa in ihre Arme, sondern runzelte die Brauen, legte ihm die Hand auf den Mund und flüsterte ihm wütend ins Ohr:

|21|»Bist du wahnsinnig, vor den Dienerinnen zu sagen, wir seien ruiniert? Willst du, daß morgen ganz Rom davon weiß?«

»Ach Mutter, Mutter, Mutter!« schrie Vittoria, immer lauter werdend und weiterer Worte unfähig, stand vom Tisch auf und stürzte mit wehendem Haar aus dem Zimmer.

»Giulietta«, sagte Tarquinia, ohne mit der Wimper zu zucken, »geh ihr nach und sorge dafür, daß sie sich nicht, wie sonst immer, in ihrem Zimmer einschließt. Ich gehe heute abend zu ihr.«

Sprachlos über so viel Kaltblütigkeit, erhob ich mich.

»Mein Sohn«, wandte sie sich dann an Flamineo, »wie siehst du aus! Nachlässig gekleidet und schmutzig! Zieh dich in deine Gemächer zurück und mach Toilette! Ich werde dich in einer knappen Stunde dort aufsuchen. Wir haben miteinander zu reden.«

Um in Vittorias Zimmer zu gelangen, mußte ich das ganze Haus durchqueren, wo bereits überall das Wehklagen der Dienerschaft zu hören war. Bernardo war zweifellos ein guter Herr gewesen, und mancher fürchtete um seine Stellung, wenn der Haushalt nun eingeschränkt würde. Doch sie weinten auch aus Höflichkeit, weil es sich so gehörte bei einfachen Leuten und um uns zu zeigen, daß sie unsere Trauer teilten. Vor allem die Dienerinnen überließen sich ihrem Kummer mit Hingabe; bei Geburten, Hochzeiten und Todesfällen waren sie immer sehr darauf bedacht, durch entsprechende Gefühlsausbrüche ihre Verbundenheit mit der Herrschaft zu zeigen.

Am Fuße der Treppe zum Oberstock begegnete ich Marcello, prächtig anzusehen in seinem Wams aus blaßgelbem Atlas, den Dolch an der Seite. Er hielt mich am Arm zurück und sagte:

»Ich komme gerade aus Amalfi. Was bedeutet dieses Geheul hier? Niemand kann mir vernünftig erklären, was passiert ist. Weißt du es?«

»Dein Vater ist gestorben.«

»Ach je«, sagte er.

Seine großen schwarzen Augen blieben trocken, nichts regte sich in seinem schönen Gesicht.

»Na gut«, sagte er dann, »das war vorherzusehen. Warum hat er sich zum Sklaven und Lasttier von diesem Mannweib machen lassen! Wo ist Vittoria?«

|22|»In ihrem Zimmer. Ich gehe jetzt zu ihr.«

»Gut«, meinte er und verzog seine Oberlippe zu einem ironischen Lächeln. »Weint nur! Weint ihr nur alle zusammen! Tränen haben etwas Wollüstiges. Ich aber kann solch Gejammer nicht aushalten und werde mich in mein Zimmer einschließen. Ich werde es nur verlassen, um Tarquinia zu sagen, was nun zu tun ist, jetzt da – zum großen Teil durch ihre Schuld – unser Ruin besiegelt ist.«

»Sag es mir lieber gleich!« fuhr Tarquinia dazwischen, die plötzlich vor uns auftauchte. »Aber in meinem Zimmer, wo wir vor fremden Ohren sicher sind. Nein, Giulietta, bleib da! Dein gesunder Menschenverstand wird uns von Nutzen sein.«

Während sie sprach, nahm sie Marcellos Arm, als wollte sie ihn mit sich ziehen, er riß sich jedoch heftig los und zischte:

»Faßt mich nicht an! Ihr wißt genau, daß ich es hasse, angefaßt zu werden!«

»Auch von Vittoria?« fragte Tarquinia bissig.

»Gerade von ihr!« antwortete Marcello mit wutverzerrtem Gesicht. »Das weiß ich schon lange: Frauen sind wie Kraken! Nichts als Saugnäpfe und Fangarme! Vittoria macht da keine Ausnahme!«

Tarquinia schwieg, öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und ließ Marcello und mich eintreten. Dann schob sie den Riegel vor, drehte sich zu Marcello um, richtete ihre kalten blauen Augen auf ihn und sagte mit perfider Sanftheit:

»Wie eigenartig, Marcello! Ich hätte gedacht, Vittoria sei eine Ausnahme und es gäbe in deinem Herzen aus Stein ein wenig Raum für sie.«

»Das Herz aus Stein habe ich von meiner Frau Mutter geerbt!« parierte Marcello mit einem wütenden Blick. »Denn offensichtlich vermochte der Tod des unglücklichen Mannes, der für Euch in Gubbio Blut und Wasser geschwitzt hat, Euren schönen klaren Augen nicht die kleinste Träne zu entlocken.«

»Sowenig wie den deinen!«

»Mutter, Mutter!« rief ich da (ich mußte Tarquinia wider meinen Willen so nennen, da mich Onkel Bernardo adoptiert hatte). »Verzeiht mir, doch wenn Ihr Euch nur streitet, ist meine Anwesenheit hier nicht vonnöten.«

»Du hast recht, Giulietta«, sagte Tarquinia und blickte mich verächtlich an, obwohl sie mir zustimmte, »du bist die einzige, |23|die hier noch gesunden Menschenverstand hat. Marcello, wenn du mir etwas zu sagen hast, dann tu das!«

Marcello pflanzte sich, Hände in die Hüften gestemmt, vor dem Fenster auf, vielleicht um sein Gesicht im Gegenlicht zu halten, damit man nicht so leicht darin lesen könne, vielleicht auch weil er – als geborener Schauspieler wußte er sich in Szene zu setzen – seine Silhouette vor dem rechteckigen Fenster vorteilhaft zur Geltung bringen wollte.

»Ich möchte darauf hinweisen«, begann er, »daß mein Rat uneigennützig ist. Da ich Euch, Mutter, auch nicht den Schatten der kleinsten Münze koste, bin ich von dem uns bedrohenden Ruin nicht betroffen.«

»Was beweist«, entgegnete Tarquinia verächtlich, »daß die Saugnäpfe und Fangarme der Margherita Sorghini wenigstens ein Gutes haben: sie ernähren und kleiden dich.«

»In der Tat«, erwiderte Marcello. »Und nachdem Ihr jetzt Euer Gift gegen die Dame verspritzt habt, deren Freund ich bin …«

»Ein teurer Freund«, sagte Tarquinia.

»… kann ich fortfahren. Hier also mein Rat. Unsere Manufaktur in Gubbio muß so schnell und so vorteilhaft wie möglich verkauft werden. Damit könnt Ihr Eure Schulden abzahlen.«

»Nur zum Teil«, meinte Tarquinia.

»Mag sein. Das müßt Ihr am besten wissen. Zum anderen muß Vittoria so schnell und so gut wie irgend möglich verheiratet werden.«

»Glaubst du, daß ich deinen Rat brauche, um zu diesem Schluß zu kommen?«

»Dann habt Ihr sicher ein paar schöne Bewerber im Hintergrund«, erwiderte Marcello und verzog spöttisch die Lippen.

»Deutlich erklärt hat sich nur einer: Francesco Peretti«, seufzte Tarquinia.

»Peretti! dieses klägliche Subjekt, Jesus Maria! Kleiner Adel, kleines Vermögen, kleiner Geist!«

»Aber er ist der Neffe eines Kardinals, der ihn adoptiert und ihm seinen Namen gegeben hat. Montalto betrachtet ihn als seinen Sohn und wird ihn zu seinem Erben machen.«

»Wirklich ein schönes Erbe!« rief Marcello und hob die Hände. »Der Kardinal lebt im ärmlichsten Palast von ganz |24|Rom, fährt in einer erbärmlichen Kutsche, und seine Pferde, die er nicht besser füttert als sich selbst, sind dürre Klepper, die nur von der Deichsel gehalten werden. Obendrein hat Montalto in seiner lächerlichen Tugendhaftigkeit die Pension von Philipp II. ausgeschlagen. Ein schöner Kardinal! und ein schöner Erbe!«

»Ich weiß, ich weiß.« Tarquinia zog die Brauen zusammen. »Aber was kann ich dafür? Ich hatte nicht die Zeit, etwas Besseres zu finden.«

»Bernardo ist also zu früh gestorben?« sagte Marcello mit versteckter Ironie und verschränkte theatralisch die Arme vor der Brust.

Tarquinia bemerkte weder das Theater noch die Ironie. Ebensowenig hatte sie die Taktlosigkeit ihrer eigenen Bemerkung wahrgenommen. Ich dagegen war sprachlos über die zynischen Worte von Mutter und Sohn. Es entging mir allerdings nicht, daß Marcello, ganz der bravaccio, der er sein wollte, von den beiden Teufeln der subtilere und empfindlichere war.

»Na gut, und wie denkst du darüber, Giulietta?« fragte Tarquinia herablassend.

Ihr Hochmut galt meiner Situation als Adoptivnichte ohne Vermögen, aber auch meiner geringen Körpergröße und der Tatsache, daß mein bißchen Anmut mit der majestätischen Schönheit der Frauen der Familie nicht zu vergleichen war. Gleichwohl erwies sie mir jene Hochachtung, die Leute ihres Schlages widerwillig ihren Verwandten einräumen, sofern sie Tugenden besitzen, die ihnen selbst abgehen und die zu erwerben sie sich in keiner Weise bemühen.

»Über diese Heirat? oder über Francesco Peretti?« fragte ich nach einer Weile.

»Über beides.«

»Nun, Francesco ist mir sehr sympathisch. Er hat nichts Strahlendes, das stimmt. Aber er ist sanftmütig und feinfühlig, ohne daß es ihm an Mut oder Würde gebräche.«

»Und was sagst du zu der Heirat?« fragte Marcello und sah mich aufmerksam an.

»Vittoria wird nicht unglücklich sein, denn Francesco wird alles tun, was sie will.«

»Und Peretti?«

»Er ist ein zu guter Mensch, um mit einer Accoramboni glücklich werden zu können.«

|25|Marcello brach in Lachen aus: »Aber du bist doch selbst eine Accoramboni, Giulietta!«

»Eben. Deshalb weiß ich, wovon ich rede.«

Hierauf lachte Marcello noch mehr.

»Pst, pst!« machte Tarquinia. Es klang wie das Zischen von einem Dutzend Schlangen. »Marcello, wie kannst du am Sterbetag deines Vaters so ungeniert lachen! Was sollen die Diener denken, wenn sie dich hören?«

»Sie werden denken, daß ich verrückt bin, und das stimmt ja auch. Alle in diesem Haus sind verrückt. Alle, bis auf Giulietta. Mein Vater war eine Memme und zitterte vor seiner Frau. Flamineo ist ein törichter Frömmler. Meine Mutter, eine Medusa …«

»Und Marcello, ein Zuhälter!« fiel ihm Tarquinia brutal ins Wort.

Trotz des Gegenlichts sah ich Marcello erbleichen oder glaubte es zu sehen.

»Signora«, sagte er mit klangloser Stimme, »wenn Ihr ein Mann wäret, hättet Ihr jetzt meinen Stahl zwei Zoll tief in der Kehle!«

Das war kein Theater mehr, trotz der melodramatischen Sprache, denn Marcello tastete mit zitternder Hand nach dem Griff seines Dolches, und ich sah in diesem Augenblick deutlich, daß er sein wütendes Verlangen, ein für allemal mit seiner Mutter Schluß zu machen, nur mühsam zurückhielt. Ich warf mich zwischen die beiden, was ich schon mehr als einmal getan hatte, seit ich in diese unbeherrschte Familie gekommen war, wo alle Leidenschaften auf die Spitze getrieben wurden.

Ich stützte mich mit den Handflächen gegen Marcellos Brust. Er zitterte an allen Gliedern unter der Anstrengung, seinen wahnsinnigen Zorn zu unterdrücken. Er sah mich nicht. Über meinen Kopf hinweg sah er Tarquinia durchbohrend mit seinen schwarzen Augen an.

»Marcello, ich flehe dich an!« rief ich.

Er bemerkte mich endlich, kam wieder zu sich, und der Schatten eines Lächelns – dieses Mal wenigstens nicht gespielt – huschte über sein Gesicht. Vielleicht entsann er sich, daß ich als Kind schon einmal zwischen ihn und seine Mutter getreten war und dabei die für ihn bestimmte Ohrfeige erhalten hatte.

|26|»Du bist ein gutes Mädchen, Giulietta«, sagte er leise und atemlos, legte mir dabei die Hände auf die Oberarme und stieß mich dann, selbst überrascht von dieser Geste, zurück.

»Da ich sehe, daß ihr beide mit mir einer Meinung seid«, schloß Tarquinia ohne jede Spur von Ironie und wie blind oder unempfindlich gegen die Gefahr, der sie soeben entronnen war, »werde ich Vittoria umgehend über meine Pläne im Hinblick auf Peretti informieren.«

»Umgehend!« rief ich unwillig.

»Ihr werdet nichts dergleichen tun, Mutter!« schrie Marcello. »Ich werde Euch daran zu hindern wissen. Wenn nötig, stelle ich mich vor Vittorias Tür. Ihr werdet sie morgen sehen. Habt jetzt wenigstens so viel Takt, ihr einen Tag und eine Nacht für ihre Tränen zu gewähren!«

Schnellen Schrittes verließ er das Zimmer, und als ich wenige Augenblicke später im oberen Stockwerk zu den Gemächern seiner Schwester kam, fand ich ihn in dem kleinen Vorraum, der Caterina Acquaviva manchmal als Schlafzimmer diente.

Er lag ausgestreckt auf einem divano-letto, wo Caterina oft – in Hörweite ihrer Herrin – die Nacht verbrachte und das so klein (obwohl für Caterina groß genug) war, daß Marcellos Füße darüber hinausragten. Das Tageslicht flutete durch eine nach Süden gehende Maueröffnung herein und fiel auf sein düsteres Gesicht. Als ich eintrat, war er damit beschäftigt, die Sonnenstrahlen auf der nackten Klinge seines Dolches einzufangen, ein kleines Spiel, das mir beunruhigend und kindlich zugleich erschien.

Bei meinem Eintritt kam Caterina aus Vittorias Zimmer, schloß behutsam die Tür hinter sich und sagte, sie habe mich gerade suchen wollen, Vittoria habe nach mir verlangt.

Caterina Acquaviva war frisch und lebendig wie ihr Name, brünett und rundlich, hatte einen bemerkenswert reinen, matten Teint und große unschuldige Augen. Als sie über meine Schulter hinweg Marcello auf ihrem Bett liegen sah, errötete sie. Ihr von einem eckigen Ausschnitt halb entblößter bräunlicher Busen hob sich, und sie sagte mit zärtlicher Stimme, deren Beben sie nicht unterdrücken konnte:

»Signor Marcello, Ihr habt es bequemer, wenn ich Euch die Stiefel ausziehe.«

|27|»Wie du willst«, antwortete er ungerührt, ohne Entschuldigung, daß er ihr Lager einnahm, und ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Ich fand Vittoria vor dem Fenster auf einem Stuhl mit hoher Rückenlehne, ihr langes Haar hatte sie über die Lehne geworfen, seine Spitzen berührten den Teppich. Sie hatte die Hände in den Schoß gelegt. Sie weinte nicht und schaute ins Leere.

»Ach, Giulietta«, sagte sie mit gedämpfter Stimme, »ich bin froh, dich zu sehen. Du wenigstens hast unseren unglücklichen Vater geliebt. Mein Gott, wie schlecht haben wir ihn behandelt!«

»Du mußt dir keine Vorwürfe machen«, entgegnete ich nach einem Moment des Schweigens. »Es war nicht dein Entschluß, Gubbio zu verlassen und nach Rom zu gehen.«

»Aber es ist meinetwegen geschehen«, erwiderte sie lebhaft. »Und du weißt, wie gerne ich in Rom lebe. Armer Vater! Er hat sich in Gubbio abgerackert, während wir uns hier amüsierten …«

Ich widersprach ihr nicht, denn das stimmte. Wahr ist auch, daß Vittoria ihren Vater bisweilen völlig vergessen zu haben schien. Damals, entsinne ich mich, stellte ich mir zum ersten Mal die Frage, ob die bezaubernde Schönheit Vittorias wirklich ein so großes Geschenk des Himmels sei, wie alle behaupteten.

Da das Schweigen andauerte, wagte ich zu fragen: »Sag ehrlich, Vittoria, möchtest du lieber allein sein?«

»Nein, bleib! Mir war so, als hätte ich nebenan die Stimme Marcellos gehört. Er ist also aus Amalfi zurück? Was macht er hier?«

»Er bewacht dich. Er hat geschworen, Tarquinia am Eintreten zu hindern.«

Sie seufzte und neigte den Kopf zur Seite.

»Sag ihm, daß ich ihm danke. Sag ihm, wenn er mich begrüßen möchte, kann er kommen.«

Ich ging hinüber in den kleinen Vorraum und schloß die Tür hinter mir, bevor ich mich an Marcello wandte. Die Tür war mit einer schweren Stoffbespannung gepolstert, und ich wollte nicht, daß Vittoria alles hörte. Ich wußte genau, wie Marcello die versteckte Bitte seiner Schwester aufnehmen würde.

Marcello hatte sich weder von dem kleinen Lager erhoben |28|noch seinen Dolch in die Scheide zurückgesteckt. Er hatte ihn neben sich auf einem kleinen Nachttisch abgelegt, hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen, so daß Caterina, die mit dem Rücken zur Wand zu ebener Erde auf einem Kissen saß, ohne Furcht vor Zurückweisung seine Züge betrachten konnte.

Sowie ich erschien, stand Caterina auf, wie ertappt, doch ich hieß sie sich wieder setzen, da Vittoria sie im Moment nicht brauche. Ich sprach leise, um Marcello nicht zu wecken. Während ich noch zögerte, ob ich ihn ansprechen sollte, betrat Flamineo auf leisen Sohlen – unmerklich, wie er alles tat – das kleine Zimmer.

Flamineo war so etwas wie das verkleinerte, blasse Abbild von Vittoria. Seine kurzgeschnittenen blonden Locken bildeten eine Art Heiligenschein um seinen Kopf. Die wässerigen blauen Augen erhellten sein etwas weiches Gesicht mit mildem Glanz. Fromm, wie er war, hätte er längst Mönch werden sollen: so wäre er dem Streit in seiner Familie und der zermürbenden Arbeit in der Majolikamanufaktur entgangen. Und besser noch, er wäre mit der Zeit ein hübscher kleiner monsignore geworden, angebetet von den weiblichen Schäfchen seiner Herde wie jetzt schon von den Dienerinnen im Palazzo Rusticucci, wobei Caterina freilich auf ein Abendmahl anderer Art hoffte.

Flamineo war so leise wie ein Mäuschen gewesen, hatte aber nicht einmal Zeit, den Mund zu öffnen: Marcello war mit einem Satz aufgesprungen und hatte ihn an der Gurgel gepackt. Da begriff ich, daß Marcello sich bis jetzt nur schlafend gestellt hatte, um sich an Caterinas stummer Anbetung zu ergötzen. Diesmal mischte ich mich nicht ein: für Flamineo bestand keine Gefahr. Da er sich niemals wehrte, fand Marcello es unter seiner Würde, ihn zu schlagen.

»Was machst du hier?« zischte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Wer schickt dich? Antworte! Wer schickt dich? Tarquinia? Welche Botschaft hat sie dir aufgetragen? Antworte, du Abgesandter des Satans!«

»Niemand hat mir eine Botschaft aufgetragen«, sagte Flamineo mit seiner sanften, singenden Stimme, die mich immer wieder erstaunte und die mir, ehrlich gesagt, nur begrenztes Vertrauen einflößte, paßte sie doch auch recht gut zu frommen Lügen.

|29|»Was willst du dann hier?« fragte Marcello, ohne ihn loszulassen und ohne die Stimme zu heben, da er zweifellos befürchtete, die Aufmerksamkeit Vittorias zu erregen, und weil er außerdem sehr wohl wußte, daß sie dazu neigte, Flamineo als ihren jüngeren Bruder in Schutz zu nehmen.

»Ich möchte Vittoria sehen«, sagte Flamineo schwach.

»Sie will niemanden sehen!« entschied Marcello leise, wobei er einen flüchtigen Blick auf Vittorias Tür warf, als fürchte er, sie könne sich öffnen und ihn Lügen strafen. »Niemanden«, wiederholte er, »deshalb stehe ich hier Wache. Niemanden! Verschwinde, oder ich werfe dich hinaus!«

Bei diesen Worten hielt er ihn immer noch an der Gurgel gepackt, öffnete die Tür zur Galerie und stieß ihn hinaus. Vielleicht muß ich hier ergänzen, daß der Palazzo Rusticucci um einen quadratischen Hof herum gebaut war, mit einem Wasserbecken und einem Boskett in seiner Mitte. Die erwähnte Galerie führte auf der Hofseite außen um den ganzen Oberstock herum und wurde vom Hof her je nach Tageszeit mit Sonnenwärme oder Kühle versorgt.

»Marcello«, sprach ich ihn an, nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte, »was du eben gesagt hast, stimmt nicht ganz. Vittoria läßt dir ausrichten, wenn du sie begrüßen möchtest, kannst du zu ihr kommen.«

Freude und Kälte wechselten so rasch auf seinem Gesicht, daß ich zweifelte, die Freude wirklich gesehen zu haben, so schnell schlug sie in Kälte um. Marcello streckte sich wieder auf Caterinas kleinem Lager aus, schloß die Augen und sagte:

»Nein, ich lege keinen Wert auf so was: Tränen, Seufzer, Blicke gen Himmel und andere typisch weibliche Affereien. Sag ihr, daß ich müde von der Reise bin und schlafe.«

In meinem Zimmer dann hatte ich in der Nacht einen seltsamen Traum. Ich sage »seltsam«, weil Träume normalerweise vage und ungezügelt sind, dieser mich jedoch durch seinen logischen Zusammenhang und die Deutlichkeit der darin gesprochenen Worte betroffen machte. Sie gruben sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis, so daß ich am nächsten Tag meinte, sie tatsächlich gehört zu haben.

Ich war allein in einem großen prächtigen Zimmer, dessen Boden und Wände mit kostbaren Teppichen bedeckt waren. An den Wänden entlang waren Diwane aufgestellt. In der Mitte |30|des Raumes stand ein niedriger achteckiger Tisch aus duftendem Zedernholz, dessen Platte mit zierlichen orientalischen Schnitzereien geschmückt war. Auf dem Tisch stand eine breite flache Kupferschale, in der mir unbekanntes, aber sehr stark duftendes Räucherwerk verbrannte. Das Zimmer war nur mit den Teppichen, Diwanen und diesem Tisch ausgestattet. Die mächtige Tür bestand ebenfalls aus Zedernholz, sie war mit Nägeln und Eisenbändern beschlagen und mit einem vergitterten Guckloch versehen, das Schloß darunter – ich wußte es, ohne versucht zu haben, es zu öffnen – war abgeschlossen.

Eine Fenstertür ließ die Morgensonne hereinfluten und war außen durch ein schmiedeeisernes Gitter gesichert, durch das man einen schönen Garten mit einer verschwenderischen Blumenpracht erblickte. In seiner Mitte befand sich ein goldener Käfig, in dem Vögel mit bunt schillerndem Gefieder sangen. Ich wollte gern näher herangehen, aber das Gitter der Fenstertür war verriegelt.

So blieb ich also stehen, blickte auf den Käfig und bemerkte, daß um ihn herum Vögel flatterten, die das gleiche Gefieder hatten. Sie wollten in den Käfig hineingelangen, so wie die gefangenen Vögel begierig waren hinauszukommen. Auch uns geht es so, dachte ich: wir sehnen uns danach, uns mit dem geliebten Menschen zu verbinden, und sind diese Bande einmal geschmiedet, finden wir sie auf Dauer zu schwer.

Aber dieser Gedanke streifte mich nur leicht, ohne mich traurig zu stimmen. Auch ich war gefangen, konnte weder das Gitter der Fenstertür aufstoßen noch die schwere Zedernholztür öffnen. Und doch war mir, während ich die im Käfig flatternden Vögel beobachtete, als könne ich mich jeden Moment in die Lüfte erheben, so glücklich und leicht fühlte ich mich. Leicht war ich übrigens wirklich, denn ich trug weder die Baskine, das beengende Untermieder, noch den schweren Reifrock, die Vertugade. Unter einem langen und weiten, vorn offenen safrangelben Kleid war ich völlig nackt. Der Stoff umschmeichelte sanft meinen Körper und ließ meinen Gliedern eine köstliche Freiheit. Als ich mich in einem großen venezianischen Wandspiegel erblickte, trat ich näher heran und fand mich zu meiner Überraschung größer und vor allem hübscher, als ich noch am Abend gewesen war. Jeder Mann, schien mir, müsse mich lieben, sobald er mich sah. Ich vollführte einige Pirouetten und |31|tanzte mit ausgebreiteten Armen, die mir in den weiten Ärmeln wie Flügel erschienen, durch das Zimmer. Alles war mir Liebkosung, während ich umherwirbelte: die Falten des Kleides, die laue Brise aus dem Garten, die ich sogar unter meinem Kleid spürte, die Räucherdüfte aus dem flachen Becken, der weiche dicke Teppich unter meinen Füßen.

Zu meinem Verdruß entdeckte ich plötzlich, daß ich nicht allein in dem Zimmer war, wie ich zunächst geglaubt hatte. Auch Vittoria und Caterina waren da und trugen ebensolche Kleider wie ich, nur von anderer Farbe: Vittorias war rosa, Caterinas lila.

Ich bemerkte mißmutig, daß ihnen diese Farben gut standen. Und die Pose, in der ich sie sah, steigerte noch die lebhafte Antipathie, die ich plötzlich gegen beide empfand.

Caterina saß auf dem Teppich und lehnte ihren brünetten Kopf an einen Diwan. Sie hatte den breiten Ausschnitt ihres Kleides über ihren linken Oberarm hinabgleiten lassen, so daß man eine runde Schulter sehen konnte und ihre makellosen bräunlichen Brüste mehr als zur Hälfte entblößt waren. Ihre schwarzen Augen, die mir sehr groß und glänzend vorkamen, waren erwartungsvoll auf die nägelbeschlagene schwere Tür gerichtet.

Vittoria dagegen saß artig auf einem der Diwane, so daß ich an ihrem Betragen zunächst nichts auszusetzen hatte. Doch als ich ihr Gesicht, das mir weniger schön als sonst erschien, genau durchforschte, entdeckte ich darin eine gewisse Falschheit, die ich vorher nie bemerkt hatte und die sie durch ihr Verhalten sogleich bestätigte. Denn sie erhob sich und sagte ungeniert und wie im Selbstgespräch:

»Das Kleid ist mir zu warm. Und da wir unter uns sind, will ich es ausziehen. Mein Haar reicht aus, mich zu bedecken.«

Sie entkleidete sich, streckte sich auf dem Diwan aus und bedeckte Brüste und Leib mit ihrem Haar. Dann stieß sie einen kleinen Seufzer aus und schloß die Augen wie zum Schlafen. Ich ließ mich davon nicht täuschen, denn ich sah, wie ihre Lider einen Spalt geöffnet blieben und sie ebenfalls nach der Tür schaute. In diesem Augenblick wußte ich nicht, was ich mehr verabscheute. Caterinas Schamlosigkeit oder Vittorias scheinheiligen Anstand.

Ich beschloß, die beiden durch meine tadellose Haltung zu |32|beschämen. Ich setzte mich auf einen Diwan, preßte die Beine zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust, um den indiskreten Ausschnitt meines Kleides am Verrutschen zu hindern. Einen Augenblick später bemerkte ich, daß der Diwan, auf dem ich Platz genommen und den ich rein zufällig gewählt hatte, der Tür genau gegenüberstand. Ich beschloß, diese unglückliche Wahl zu korrigieren, indem ich meinen Kopf entschlossen nach rechts gedreht hielt, als ob ich durch das Gitter der Fenstertür in den Garten schaute. Dabei wurde mir zu meiner Freude alsbald bewußt, daß ich so einem zur Tür hereinkommenden Besucher meine beste Seite zukehrte. Dieser unfreiwillige Vorteil verwirrte mich nicht im geringsten, betrachtete ich ihn doch als eine Gunst der Vorsehung und als Belohnung für mein untadeliges Betragen.

Caterina stieß einen unterdrückten Schrei aus, und als ich der Richtung ihres Blickes folgte, sah ich den Grund ihrer Verwirrung. Ein Gesicht erschien hinter dem Guckloch, da dieses aber durch ein Gitter verschlossen war, konnte man die Gesichtszüge nicht deutlich erkennen, die schwarzen Augen dagegen waren sehr gut zu sehen, ebenso die glänzenden Blicke, mit denen jede von uns der Reihe nach angestarrt wurde und von denen ich mich wie durchbohrt fühlte.

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich Vittoria, die ungerührt wirken wollte und ins Leere schaute, um so die Schönheit ihrer Augen am besten zur Geltung zu bringen. Caterina dagegen, mit wogender Brust, halb geöffneten Lippen, den Kopf unruhig hin und her werfend, schien in einem Höllenfeuer zu schmoren.

Die mit Nägeln verzierte Tür drehte sich leicht in den Angeln, und Marcello trat ein, was uns nicht im mindesten überraschte. Er war mit einer langen tizianroten Robe bekleidet, die durch einen goldenen Gürtel, an dem sein Dolch hing, zusammengehalten wurde. Er verriegelte die Tür hinter sich, zog den Schlüssel ab, zeigte ihn uns mit einer theatralischen Geste, schritt zur Fenstertür und warf ihn durch das Gitter in den Garten. Danach wandte er sich zur Mitte des Zimmers, umschritt langsam den flachen Zedernholztisch, schaute uns der Reihe nach an und sagte mit ironisch verzogenen Lippen:

»Jetzt seid ihr in meiner Gewalt, meine Täubchen, und könnt mir nicht entkommen.«

|33|Da erhob ich mich von meinem Diwan, auf dem ich bis dahin bescheiden sitzen geblieben war, ging beherzt auf ihn zu und sagte:

»Du bist selbst ein Gefangener, Marcello, denn du hast den Schlüssel weggeworfen.«

»Daran erkenne ich deinen gesunden Menschenverstand, Giulietta«, entgegnete er lächelnd. »Man könnte sogar meinen, ich sei euer Gefangener, so wie ihr meine Gefangenen seid. Aber das ist falsch. Ich bin frei, und hier ist das Werkzeug meiner Freiheit!« Er zog seinen Dolch.

Er drehte und wendete den Dolch in seinen Händen, um mit der glänzenden Klinge einen Sonnenstrahl einzufangen, den er abwechselnd auf Vittoria, Caterina und mich zu richten versuchte.

»Willst du damit sagen, Marcello, daß du dir das Leben nehmen willst?«

»Natürlich. Aber zuvor will ich euch das Leben nehmen.«

»Und warum?«

»Warum leben«, entgegnete Marcello, »wenn wir doch alle dem Tod bestimmt sind?«

Vittoria riß ihre blauen Augen weit auf, fegte ihr Haar beiseite (auf die Gefahr hin, ihre Brüste zu zeigen, aber war das nicht Absicht?), stützte sich auf einen Ellenbogen und fragte:

»Warum soll ich sterben, Marcello?«

»Das Leben«, antwortete er mit leiser, müder Stimme, »ist ein grausames, hinterhältiges Spiel. Frauen sind nichts als Fallen der Fleischeslust. Wer in ihre Fangarme gerät, fällt und stirbt. Lieber will ich mich töten, und euch mit.«

Ich war wütend, weil Vittoria durch ihren Einwurf die Aufmerksamkeit Marcellos auf sich gelenkt hatte. Begierig, sie aufs neue zu gewinnen, und um ihm gleichzeitig meine Unterwerfung zu zeigen, trat ich zu ihm, legte meine Hände auf seine Brust und sprach sanft:

»Es geschehe nach deinem Willen, Marcello. Töte uns, wenn es sein muß, doch sag mir wenigstens, mit wem du beginnen willst.«

»Mit dir, Giulietta, du bist so ein braves Mädchen«, sagte er lächelnd.

In diesem Augenblick erwachte ich. Als ich begriff, wo ich war und wer ich war, kam mir – ich weiß nicht warum – meine |34|verstorbene Familie in den Sinn, und ich spürte die Leere meines Lebens mit solcher Grausamkeit, daß ich zu schluchzen begann.

Schließlich ermüdeten mich die Tränen. Ich trocknete mir die Augen, schlug Feuer, zündete meine Kerze an, erhob mich und betrachtete mich in einem kleinen venezianischen Spiegel, der verkleinerten Nachbildung des Spiegels aus meinem Traum. Ich durchforschte meine Gesichtszüge, als könne ich daraus mir bisher unbekannte Dinge über mich erfahren. Eigenartigerweise schien ich nicht mehr dieselbe zu sein. Ob zum Guten oder Schlechten verändert, hätte ich nicht zu sagen gewußt.

Ich spürte Unbehagen. Wie erklärte es sich, daß mein Traum Marcello derart überschätzte, daß er eine Art Held wurde, er, den ich ungeachtet meiner alten Zuneigung für einen skrupellosen, faulen, gewalttätigen und verderbten jungen Mann hielt? Wie erklärte es sich, daß in dem gleichen Traum Vittoria ungerechterweise zu einem falschen Ungeheuer wurde und obendrein für ihren Bruder eine inzestuöse Neigung verspürte, an der sie gewiß unschuldig war?

Ich ging wieder zu meinem Lager, blies die Kerze aus, hielt im Dunkeln einen langen Moment die Augen weit geöffnet, ohne Schlaf zu suchen, da ich sehr wohl wußte, daß ich ihn ohnehin nicht finden würde. Und obgleich ich sicher nicht verantwortlich war für die Phantastereien meines Traums, fühlte ich doch Gewissensbisse, weil ich im Schlaf so böse und negative Gefühle für Vittoria gehegt hatte. Gleichzeitig spürte ich in mir Zweifel über mich aufsteigen. War ich denn wirklich diese gute, diese »vernünftige« Giulietta, von der es hieß, sie sei die Verkörperung des gesunden Menschenverstandes?

|35|KAPITEL II

Seine Eminenz Kardinal Cherubi:

 

Zwei Jahre nachdem Gregor XIII. den päpstlichen Thron bestiegen hatte, wurde ich Generalvikar von Seiner Eminenz Kardinal Montalto. Diese Ehre – wenn es denn eine war – sollte nur von kurzer Dauer sein. Ein Jahr später, im Mai 1573, um genau zu sein, enthob mich der Kardinal mit seiner gewohnten Unhöflichkeit meines Amtes.

Da in Rom so unbarmherzige Gerüchte darüber kursierten, weshalb ich in Ungnade fiel, möchte ich hier in aller Herzenseinfalt, die gewissermaßen ein nutrimentum spiritu1 ist, die Gründe darlegen: sie waren dermaßen nichtig, daß später einmal jeder vernünftig denkende Mensch darüber staunen wird. Daß eine Frau – Vittoria Accoramboni – zwar nicht die Ursache, zumindest aber der Anlaß war, wird die Verblüffung noch vergrößern.

Ich wüßte übrigens nicht, daß man mir in diesem Zusammenhang Verbitterung oder Groll nachsagen könnte, denn diese brutale Entlassung, von mir zunächst als schmerzlich empfunden, erwies sich späterhin als ein wahrer Segen.

Sobald nämlich Seine Heiligkeit Gregor XIII. erfuhr, daß mich Seine Eminenz »zu meinen Gondeln zurückgeschickt« hatte – so die abfällige Redensart, die der Kardinal bei dieser Gelegenheit zu verwenden sich nicht scheute –, nahm er mich unter seine Fittiche und den Kardinal beim Wort, indem er mich dem Patriarchen von Venedig empfahl. Dieser empfing mich um so freundlicher, als ich ja tatsächlich Venezianer bin und der Papst außerdem hatte verlauten lassen, er werde mich eines Tages zum Kardinal ernennen.

Eine solche Aussicht erschien dem Patriarchen um so verlockender, als er selbst sich Hoffnung auf den Papstthron machte. Er glaubte, in mir einen Freund zu gewinnen, der ihm eines Tages im Konklave seine Stimme geben würde, wenn |36|Gott der Herr die Seele des liebenswerten Gregor zu sich riefe. Als es jedoch soweit war, fehlte ihm meine Stimme. Leider, aber ich konnte nichts dafür! Und wer wurde statt seiner zum Papst gewählt: etliche erinnern sich noch mit Heulen und Zähneklappern daran …

Heute sehe ich das knappe Jahr, das ich bei Kardinal Montalto verbrachte, als eine Art irdisches Fegefeuer, in dem die göttliche Vorsehung mich armen Sünder läutern wollte. Gewiß, Kardinal Montalto zeichnete sich durch außerordentliche Intelligenz und Energie und die strenge Einfachheit seiner Lebensweise aus, aber der Herr möge mir vergeben, wenn ich denke, ein bißchen weniger Tugend und ein bißchen mehr Liebenswürdigkeit wären für seine Umgebung besser gewesen, auch für die ihm völlig ergebenen Diener, wie il bello muto, seinen Sekretär, oder für einen Mann wie Francesco Peretti, seinen Adoptivsohn, dem er besonders zugetan war.

Man muß freilich zugeben, daß er dem bello muto und Francesco Peretti gegenüber eine gewisse Güte an den Tag legte. Er gab sich einige Mühe, für seinen Sekretär eine Zeichensprache zu erfinden, die es diesem ermöglichte, sich schneller mit seinem Herrn zu verständigen. Und in bezug auf Francesco tat er sein Bestes – oder glaubte es zu tun –, um dessen Glück zu sichern. Allerdings war absolute Unterwerfung unter seine herrischen Launen der Preis, den beide hundertfach zu zahlen hatten für diese Wohltaten.

Gewiß, die Tugend des Kardinals war ohne Fehl und Tadel. Doch es gibt auch ein Übermaß an Vortrefflichkeit. Tutior est locus in terra quam turribus altis: man lebt sicherer auf der Erde als auf hohen Türmen. Wer fällt, fällt dann weniger tief! Ich sage es in aller Bescheidenheit: meine guten Eigenschaften gelten vor Gott vielleicht nur wenig. Deshalb schäme ich mich nicht, zuzugeben: wenn die Ungnade Montaltos mir die Gunst Seiner Heiligkeit eintrug, geschah dies weniger auf Grund meiner eigenen Verdienste als wegen der Feindseligkeit Gregors XIII. gegenüber Seiner Eminenz.

In Rom weiß jeder alles, aber niemand spricht es aus. Da ich kein Römer bin, wären mir die Ursachen dieser Aversion für immer verborgen geblieben, wenn nicht Kardinal di Medici mir eines Tages davon erzählt hätte. Seine illustre, mächtige Familie machte den Kardinal so unantastbar, daß er gelegentlich |37|die Wahrheit sagen konnte, und das sogar im Vatikan.

Dem Kardinal zufolge – ich gebe seine Anspielungen hier im Klartext wieder – liebte Seine Heiligkeit Montalto nicht: ad 1, weil er ihn in Verdacht hatte, seine Nachfolge anzustreben; ad 2, weil Montalto Franziskaner war: der Papst und die Römer hielten diese Mönche für scheinheilig; und ad 3, weil ihm die Ärmlichkeit von Montaltos Lebensführung wie ein versteckter Vorwurf ob seines eigenen Lebensstils vorkam.

Wie dem auch sei, von dem Tag an, da Gregor XIII. den Heiligen Stuhl bestiegen hatte, hielt er Montalto konsequent von seiner Regierung fern. Trotz der großen Fähigkeiten, die sogar seine Feinde dem Kardinal bescheinigten, vertraute er ihm niemals auch nur das kleinste Amt an. Schlimmer noch: er schien Montalto völlig zu ignorieren.

Ich war damals erst kurze Zeit Generalvikar Seiner Eminenz, und ich bemerkte als einer der ersten eine große Veränderung in der Erscheinung des Kardinals. Ob er nun unter der unverdienten Ungnade litt oder ob das übertrieben karge Leben seine kräftige Gesundheit untergraben hatte, kann ich nicht sagen: er klagte nie. Doch mit einem Male schien er unter der Last der Jahre gebeugt, das Feuer seiner schwarzen Augen erlosch zumindest in der Öffentlichkeit, und er bewegte sich nur noch an Krücken fort, als hätten seine kräftigen krummen Beine ihm plötzlich den Dienst versagt. Er sprach wenig, und sowie er den Mund öffnete, wurde er von einem schmerzhaften Husten geschüttelt. Er, den man so quicklebendig kannte, so hochfahrend, so unduldsam gegen andere Meinungen, erfreute jetzt die Kardinäle durch sein demütiges Verhalten.

Die Kardinäle wohlgemerkt, nicht den Papst: die Antipathie Seiner Heiligkeit gegen Montalto blieb unverändert bestehen. Schlimmer noch: die Berater Gregors XIII. konnten ihm nur mit größter Mühe das Zugeständnis abringen, daß der Kardinal mit Rücksicht auf seine Krücken nicht mehr niederzuknien brauchte, wenn er sich dem päpstlichen Thron näherte. Lobte jemand vor dem Papst die unwandelbare Milde, die der arme Behinderte nun im Umgang mit seinesgleichen an den Tag legte, meinte er trocken:

»Ich habe in meinem langen Leben viel gesehen, aber ich habe nie erlebt, daß sich ein Adler in eine Taube verwandelt hätte.«

|38|Und in der Tat: sobald sich der Kardinal in seinen eigenen Palast zurückgezogen hatte – den er nur sehr selten verließ –, habe ich niemals beobachtet, daß er in seinen mächtigen Fängen oder in seinem krummen Schnabel den ihm Nahestehenden oder seinen Dienern auch nur den kleinsten Ölzweig gebracht hätte. Sein Husten hinderte ihn nicht daran, zu schimpfen; seine Krücken hielten ihn nicht davon ab, in seinem Palast immer gerade da aufzutauchen, wo er am wenigsten erwartet wurde. Ich weiß nicht, ob er wirklich so sterbenskrank war, wie er vorgab: sein Mißtrauen und seine Tyrannei waren nicht erlahmt.

Dafür lieferte er einen weiteren Beweis, als er zu wissen bekam, daß Francesco Peretti auf die Hand der schönen Vittoria Accoramboni hoffte. Sobald er das erfuhr, bemühte er sich um genaue Auskünfte über Vittoria und ihre Familie und versicherte sich – ich weiß wie, aber ich weiß nicht durch wen – der Dienste einer Kammerzofe aus dem Palazzo Rusticucci, die, glücklicher Zufall, gleich ihm aus Grottammare in den Marken stammte. Das Mädchen verriet seine Herrin nicht für Geld, sondern weil der Kardinal ihren Eltern helfen konnte, die in Grottammare sehr kärglich vom Fischfang lebten. Seine Eminenz gewann für seine Sache auch den römischen Priester Racasi, der Vittoria und ihrer Mutter die Beichte abnahm.

Die Einzelheiten dieser Ermittlungen erfuhr ich nicht, wohl aber deren Ergebnis, denn der Kardinal konsultierte mich in letzter Minute, weil ich Verwandte in Gubbio hatte, woher die Accorambonis stammten. Ich konnte nur bestätigen, was er schon wußte: Vittoria stand in dem Ruf, schön, gut und tugendhaft zu sein. Ihr Bruder Marcello dagegen war ein Tunichtgut, ihr anderer Bruder ein unfähiger Mensch, ihre Mutter ehrgeizig und versessen auf eine reiche Heirat für die Tochter, die Majolikamanufaktur in Gubbio wurde zum Verkauf feilgeboten, die Familie besaß keinen roten Heller mehr.

»Diese Leute wollen also größere Schritte machen, als mit ihren kurzen Beinen möglich ist«, sagte der Kardinal hart. »Ich wage zu behaupten, sie leben nur noch vom Schuldenmachen. Der Palazzo Rusticucci ist bloß eine leere Eierschale. Das ist nicht die Art von Familie, mit der ich Francesco verschwägert sehen möchte.«

Der arme Francesco Peretti – er ging ungehindert bei seinem |39|Adoptivvater ein und aus – betrat gerade in diesem Augenblick das Zimmer, und als er diese Worte hörte, erstarrte er, als hätte er sein Todesurteil vernommen. Er erbleichte, warf sich dem Kardinal zu Füßen und flehte eindringlich, wenn auch mit stockender Stimme:

»Vater! Mein Vater! Ihr schlagt mich ans Kreuz! Ich kann ohne Vittoria nicht leben! Sie ist eine außergewöhnliche Frau, so tugendhaft wie anmutig. Ich bin gewiß nicht blind, was ihre Verwandtschaft anbelangt. Aber soll Vittoria verdammt werden wegen der Schwächen ihrer Familie, sie, die selbst frei davon ist? Ach, Vater, seid mir gnädig und laßt uns Gerechtigkeit widerfahren. Schaut Euch Vittoria an, hört sie an, bevor Ihr sie aus meinem Leben verbannt!«

Ich muß sagen, daß ich vom Ungestüm und von der Klugheit dieser Rede überrascht war. Wie jedermann in Rom, hielt ich Francesco Peretti für einen liebenswürdigen, naiven jungen Mann ohne großen Ehrgeiz, nicht sehr intelligent und beinahe ein Schwächling. Nun entdeckte ich, daß er, von einem starken Gefühl beseelt, nicht nur Mut aufbrachte – denn es gehörte Mut dazu, dem schrecklichen Montalto die Stirn zu bieten –, sondern auch Verstand an den Tag legte, da er mit seinen Worten an eben die Tugend appellierte, die Seine Eminenz bei anderen und bei sich selbst am meisten schätzte: Gerechtigkeitssinn.

Ich sah wohl, daß der Kardinal selbst überrascht war, zum ersten Mal den Mann in seinem Sohn zu entdecken, den er für ein Kind gehalten hatte. Doch er schwieg zunächst.

Seine Eminenz überlegte, denn er pflegte seine Antworten genau zu bedenken. Er schleppte sich auf seinen Krücken bis ans Fenster, das auf den Hof ging, drehte Francesco den Rücken zu und sagte lange kein Wort. Ich bemerkte, daß durch den Gebrauch der Krücken sein Hals tiefer zwischen die Schultern gezwängt wurde, was ihn noch mehr verunstaltete. Nimmt man hinzu, daß seine schweren, groben Gesichtszüge von der großen Nase und dem fliehenden Kinn buchstäblich nach unten gezogen schienen, wird man mir einräumen, daß Montalto in der Tat wenig Grund hatte, stolz auf sein Äußeres zu sein. Vielleicht war das, wenn man es recht bedenkt, einer der Gründe, weshalb Gregor XIII., der mit seinen über siebzig Jahren noch immer sehr gut aussah, ihn so wenig schätzte.

|40|Es befanden sich jetzt vier Personen im Raum: der Kardinal, mit dem Rücken zu uns am Fenster stehend, Francesco Peretti, der sich aus seiner knienden Haltung erhob und seinen Onkel ansah, als hinge sein Leben von ihm ab; il bello muto, still und reglos wie eine Katze; schließlich ich selbst, sehr gespannt darauf, welche Entscheidung Seine Eminenz treffen würde, und außerstande zu erraten, was dabei die Oberhand gewönne: sein unbeugsamer Charakter oder sein Gerechtigkeitssinn.

Als er sich umdrehte, wandte er sich nicht an Francesco, sondern an den bello muto und sagte mit unzufriedener Miene:

»Rossellino, ich stelle fest, daß auf dem Mittelbeet im Hof an den Geranienstöcken mehrere Blüten schon verwelkt sind. Sagt dem Gärtner, er solle die welken Blüten abschneiden!«

Daraufhin zog il bello muto die Augenbrauen fragend in die Höhe und machte mit der rechten Hand ein Zeichen, das mir unverständlich geblieben wäre, hätte Montalto nicht sehr schroff geantwortet:

»Ja, jetzt gleich! Wenn eine Sache beschlossen ist, darf man sie nicht aufschieben.«

Dann sah er Francesco Peretti an.

»Francesco, geh und hole mir Vittoria!«

»Wie!« fragte Francesco verblüfft. »Sofort?«

»Ja, sofort. Um der Gerechtigkeit willen muß ich Vittoria sehen und anhören.«

Wie alle großen Politiker hatte Montalto Sinn für Theatralik (wozu meiner Ansicht nach auch die Krücken gehörten, denn manchmal hatte ich meine Zweifel, ob er sie wirklich brauchte). Zwar gab er Francesco nach, gleichzeitig aber wollte er seinen Ruf der Unbeugsamkeit aufrechterhalten und bemühte sich deshalb, sein Einlenken hinter diesem Theatercoup zu verstecken, der völlig überflüssig war, denn Seine Eminenz hätte Vittoria ebensogut einen Tag später empfangen können. Aber natürlich, Warten wäre Aufschieben gewesen: schulmeisterlich noch im Nachgeben, erteilte uns der Schulmeister zusätzlich eine Lektion in Moral, woraufhin il bello muto losstürzen mußte, um die welken Blüten abschneiden zu lassen, und Francesco eilig Vittoria holte. Niemandem entging übrigens, daß diese gebieterische Ungeduld etwas Königliches hatte.

Wenn ich damals bei Vittorias Eintritt Seine Eminenz gebeten hätte, mich zurückziehen zu dürfen, da diese Zusammenkunft |41|ja ein Familienproblem betreffe, mit dem ich nichts zu schaffen habe, wäre ich nicht das Opfer seiner brutalen Ungnade geworden. Aber wie man gesehen hat, muß ich heute aus gutem Grunde meiner Neugier dankbar sein, die mich verleitete zu bleiben. Gewiß, die Schönheit Vittorias war in ganz Italien berühmt, doch als Unverheiratete erschien sie zur Messe nur mit Maske und in einem langen, die Figur verhüllenden Cape. Ich hatte sie daher noch nie wirklich gesehen, geschweige denn gehört, und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das junge Mädchen dem Minotaurus die Stirn bieten würde.

So wie der heilige Augustinus hatte auch ich in meiner Jugend einige Stürme zu bestehen, und wie Seiner Heiligkeit Gregor XIII. ist mir aus diesen Stürmen ein Sohn geblieben. Seit ich jedoch den Kardinalspurpur trage, bin ich von solchen Verirrungen frei, und das Alter, dafür sorgt die göttliche Vorsehung, ist mittlerweile ebenfalls ein Garant meiner Tugend. Das heißt allerdings nicht, daß ich mit dem Dichter Terenz ausrufe: Deleo omnes dehinc ex animo mulieres: fortan vertreibe ich alle Frauen aus meinen Gedanken. Ganz im Gegenteil! Da ich mich ihrer nicht mehr bedienen kann, bin ich schon von ihrer Schönheit allein hingerissen. Und da mich bei ihrem Anblick nur noch ästhetische Empfindungen bewegen, bin ich jetzt unvergleichlich kritischer in der Beurteilung ihrer Reize als zu der Zeit, wo noch das aufrührerische Blut mich bedrängte.

Ich bin deshalb oft von einer römischen Dame enttäuscht, deren Schönheit man mir vorher gerühmt hat: ihre Unvollkommenheiten springen mir ins Auge. Nicht so, als Vittoria in Montaltos baufälligem Palast erschien und die alten Mauern zum Leuchten brachte.

Ich hätte nicht geglaubt, daß sie so groß und bei ihrer Größe so graziös sei, was sie durch die Art bewies, wie sie vor dem Armstuhl des Kardinals niederkniete: ihr weiter Reifrock bauschte sich um ihre schlanke Taille, und ihr langes Haar bildete eine wahrhaft königliche Schleppe, während sie mit jenem bescheidenen und zugleich ernsten und stolzen Ausdruck im Gesicht, der mich bei dieser ersten Begegnung so stark berührte, Seiner Eminenz die Hand küßte. Ich sah sie nur im Profil, weshalb ich geräuschlos hinter den Sessel des Kardinals trat, um sie von vorn zu beobachten. Doch ihre Züge waren makellos, von welcher Seite man sie auch betrachten mochte. Als sie Montaltos |42|Ring geküßt hatte und wieder den Kopf hob, wurde ich von dem Licht ihrer großen blauen Augen förmlich geblendet. Ich sage »Licht« und nicht »Glanz«, um zu betonen, daß dieses Licht ebenso von ihrer schönen Seele wie von ihrer Iris ausging.

Ich könnte nicht sagen, ob einige Strahlen dieser Schönheit das dicke Fell Montaltos – oder sollte ich eher von einem Panzer sprechen? – zu durchdringen vermochte, aber als er sich an sie wandte, war sein Blick tatsächlich weniger bohrend, seine Stimme weniger hart.

»Signorina«, sagte er in beinahe höflichem Ton, »setzt Euch bitte.«

Was sie dann tat, nachdem sie ihre goldene Mähne nach vorn genommen hatte, um sie sich über den Schoß zu legen. Diese Geste mußte dem Kardinal mißfallen, denn sie lenkte seine Aufmerksamkeit unabsichtlich auf eine typisch weibliche Zierde, die ihm verdammungswürdig erschien; er runzelte die Brauen und sagte mit seiner üblichen Grobheit:

»Könnt Ihr Euer Haar nicht zum Knoten aufstecken, statt es wie eine Fahne zu entfalten?«

Vittoria schien die Unhöflichkeit dieses Vorschlags nicht bemerkt zu haben und antwortete, ohne mit der Wimper zu zucken, schlicht und einfach:

»Ich habe es versucht, aber die Last am Hinterkopf ist so groß, daß ich das Gleichgewicht verliere.«

»Dann schneidet es ab!« sagte Montalto, und seine schwarzen Augen blitzten wütend.

»Ich möchte gern«, entgegnete Vittoria mit der gleichen unbeirrbaren Sanftmut. »Denn es ist mir hinderlich und lästig. Doch ich kann nicht. Meine Mutter ist entschieden dagegen.«

»Dos est magna parentium virtus«1, sagte Montalto mit beißender Ironie und warf mir einen vielsagenden Blick zu, denn Tarquinias Ruf stand allgemein fest.

Ich wollte schon mit einem halben Lächeln auf Montaltos boshafte Bemerkung antworten, hielt mich aber zurück: mir war, als hätte ich Vittoria erbleichen sehen, und ich fragte mich, ob sie nicht trotz des Latein, mit dem Seine Eminenz seine Bosheit verhüllte, deren Sinn verstanden hatte.

Es folgte ein Schweigen, das niemandem angenehm war, |43|ganz gewiß auch Francesco Peretti nicht. Er stand hinter Vittoria, viel weniger beherrscht als sie, wurde abwechselnd rot und blaß und hielt den Blick seiner farblosen Augen ängstlich auf seinen Onkel gerichtet. Il bello muto ließ seinen erstaunten Blick von seinem Herrn zu Vittoria wandern. Da er selbst weiblichem Charme gegenüber nicht unempfindlich war (wie es heißt, hatte er vor seinem Unfall die wärmsten Gefühle für die Contessa V. gehegt), fragte er sich zweifellos, warum der Kardinal mit Vittoria sofort Streit über ihre erstaunliche Haarpracht gesucht habe. Vielleicht dachte er ebenso wie ich daran, daß Maria Magdalena Unserem Herrn Jesus Christus mit ihrem langen Haar die Füße getrocknet und der Herr mitnichten verlangt hatte, sie solle es abschneiden, sondern diese Huldigung mit seiner gewohnten Sanftmut geduldet hatte.

In diesem Moment hätte niemand auch nur die geringste Spur von Milde auf Montaltos furchterregendem Antlitz entdecken können. Nachdem Seine Eminenz, durch Vittorias Schönheit und Würde überrascht, für kurze Zeit milde gestimmt schien, war sein Gesicht plötzlich wieder bärbeißig geworden. Die Diskussion über Vittorias Haar hatte offenbar erneut seinen latenten Frauenhaß geweckt, der bei keuschen Priestern so häufig anzutreffen ist, daß man sich fragt, ob ihre Keuschheit tatsächlich ein so großes Verdienst ist, wie sie glauben. Wie dem auch sei, Vittorias Sache schien beinahe verloren, ohne überhaupt verhandelt worden zu sein, denn Montalto wandte sich an den bello muto (vielleicht grollte er mir, weil ich auf seine Bemerkung über Tarquinia nicht hatte antworten wollen) und sagte wieder in Latein:

»In vero formosa est. Sed rara est adeo concordia formae atque pudicitiae.«1

Trotz der grenzenlosen Verehrung, die il bello muto für den Kardinal hegte, stimmte er nicht immer mit ihm überein: er hob die Brauen und sah seinen Herrn zweifelnd an, als frage er sich, ob dieses gehässige Zitat begründet sei. Il bello muto hatte einen großen Vorzug gegenüber allen anderen Personen in Montaltos Diensten. Da er seine abweichende Meinung nur mimisch ausdrücken konnte, war es für Seine Eminenz leichter, ihm zu vergeben.

|44|Obwohl von dem Juvenal-Zitat des Kardinals im höchsten Maße schockiert – denn nach meiner Meinung war es weder durch Vittorias Ruf noch durch ihr Betragen gerechtfertigt –, bewahrte ich eine unbeteiligte Miene, denn ich wollte nicht erneut zum Gegenstand von Montaltos Unzufriedenheit werden. Der arme Francesco, der wahrscheinlich aufgesprungen wäre, hätte er Latein verstanden, spürte offenbar die Gefahr. Seine farblosen Augen bewegten sich in ihren Höhlen wie unruhige kleine Tiere und wanderten von einem zum anderen, als flehe er um eine Erklärung für diesen Satz Montaltos und das darauffolgende Schweigen.

Das Schweigen wurde durch Vittoria gebrochen. Sie hob ihren Kopf mit jenem bescheidenen und doch stolzen Ausdruck, der mich von Anfang an so beeindruckt hatte, richtete ihre leuchtenden Augen auf den Kardinal und sagte sanft:

»Reverendissime pater, Juvenalis errat. Mihi concordia est.«1

»Wie?« schrie Montalto verblüfft. »Ihr versteht Latein, Vittoria

»Ja, Euer Eminenz«, sagte sie schlicht und ohne sich hervorzutun, weil sie ihm im gleichen Versmaß geantwortet oder, wie Calvin in seiner »Predigt über das Buch Hiob« brutaler sagte, »ihm das Maul gestopft« hatte.

Der Kardinal schwieg, doch dieses neuerliche Schweigen war von anderer Art. Obwohl Montaltos furchteinflößende Miene undurchdringlich schien, mußte er jetzt wohl einen Rückzieher machen. Es war schwierig für ihn geworden, aus Vittorias langem Haar auf ihren kurzen Verstand zu schließen.

Montaltos Strenge entsprang seinen strikten Prinzipien und nicht irgendeiner Geistesarmut. In Wirklichkeit liebte er schöne Gärten, Skulpturen und Gebäude. Seine weltliche Bildung war genauso umfassend wie seine Gelehrsamkeit in Glaubensdingen. Und was die Frauen anbelangte, war er durchaus empfänglich für ihre Schönheit, auch wenn er in ihrer Weiblichkeit eine Gefahr für das Seelenheil witterte, was die theologische Begründung für seinen Frauenhaß war. Nur hätte er die Frauen gern im Boden verwurzelt gesehen wie bunte, duftende und gottlob stumme Blumen. Es wäre ihm auch lieb gewesen, wenn sie nach wenigen Tagen verwelkt wären: man |45|hätte dann gar nicht erst Zeit, sich an sie zu binden. Ebenso wie il bello muto und ich, war er von Vittorias strahlender Erscheinung zunächst verblüfft. Doch geleitet von seinen Prinzipien, stellte er sich sofort die Unordnung vor, die eine so unvergleichliche Schönheit im Staate verursachen könnte. Schon nahm in ihm die Idee Gestalt an, Vittoria auf immer von seinem Neffen fernzuhalten, als sie ihn überzeugte, ein der Beachtung würdiges menschliches Wesen zu sein: sie konnte Latein und hatte Juvenal gelesen.

Ich berichte hier von der raschen Entwicklung, die ich in der Einstellung des Kardinals zu Vittoria zu erraten glaubte, ohne Montalto wegen seiner anfänglichen Grobheit über Gebühr zu tadeln. Ich bedaure diese Grobheiten, gewiß, doch es gibt viele Präzedenzfälle. Unsere Heilige Mutter Kirche ist nicht immer sehr zartfühlend mit der charmanteren Hälfte der Menschheit umgegangen, und ich möchte hier daran erinnern, daß erst im 9. Jahrhundert nach Christi Geburt die Bischöfe auf dem Konzil zu Mâcon dem gentil sesso1 eine Seele zuerkannt hatten, und das nur mit knapper Mehrheit.

Montalto vergaß die verdächtige Länge von Vittorias Haar und die Schlangen, die der Böse zweifellos darin versteckt hatte, und sah in ihr jetzt nicht nur eine Seele, sondern auch einen Geist und begann ein lateinisches Verhör, ganz offensichtlich zufrieden darüber, daß sie ihn so schnell verstand und ihm so gut antwortete.

»Vittoria, du mußt einen guten Lehrer gehabt haben, da er dich Juvenal lesen ließ?«

»Einen ausgezeichneten, Euer Eminenz, er war gut, fromm und gelehrt. Ein Franziskanermönch.«

Wissend, daß Seine Eminenz selbst aus diesem geistlichen Orden hervorgegangen war, lächelte sie ihn mit einem Hauch von Schalkhaftigkeit und wahrhaft töchterlicher Zuneigung an.

Ich war von diesem Lächeln hingerissen, sowohl ob seiner Subtilität wie ob der darin verborgenen Herzensgüte. Mir wurde blitzartig klar, daß Vittoria dem Kardinal die harten, feindseligen Bemerkungen schon verziehen hatte und nichts weiter verlangte, als daß sie ihn als ihren Vater betrachten dürfe, sie, die selber keinen Vater mehr hatte. Ich beobachtete auch, daß |46|Seine Eminenz den gleichen Eindruck haben mußte, denn seine schrecklichen schwarzen Augen wurden sanft, und er fragte in milderem Ton:

»Und wieso hat dieser Mönch Juvenal so geliebt?«

»Er war ein großer Verächter der Sitten unserer Zeit und bewunderte den lateinischen Dichter, weil dieser die Sitten seines Zeitalters anprangerte.«

»Hat dich dieser Mönch auch mit italienischer Literatur bekannt gemacht?«

»Ja, Euer Eminenz. Er hat mich Dante, Petrarca, Boccaccio und Ariost lesen lassen.«

»Und welchen dieser Dichter schätzt du am meisten?«

»Dante wegen seiner Phantasie, und mehr noch Petrarca wegen seiner Sanftheit.«

»Boccaccio nicht?«

»Nein, Euer Eminenz. Boccaccio mag ich überhaupt nicht.«

Vittoria hatte mit Feuereifer gesprochen, und Montalto fragte lächelnd:

»Was hat er getan, daß du ihn so wenig magst?«

»Mein Lehrer hat mich ›Il Corbaccio‹1 lesen lassen.«

Hier mußten der Kardinal, il bello muto und ich herzlich lachen. Auch Francesco, der nur ein wenig Jurisprudenz gelernt hatte, lächelte, nicht weil er »Il Corbaccio« gelesen hätte, sondern weil er sah, daß die Sonne das Eis zum Schmelzen gebracht hatte und seiner Liebe Wärme und Leben zurückgab.

»Du schätzt also Boccaccios Satire über die Frauen nicht?«

»Nein, Euer Eminenz«, sagte Vittoria, »ich finde sie ungerecht und grausam.«

»Wohlan«, sagte der Kardinal gutmütig, »um dich an deinem Mönch zu rächen, hättest du Ariosts Satire über die geistlichen Orden lesen sollen.«

»Aber die habe ich ja gelesen«, entgegnete Vittoria lebhaft. »Mein Lehrer gab sie mir zum Lesen.«

Montalto schlug die Hände zusammen und lachte. »Na prächtig! Das ist mir ein Mönch mit Sinn für Gerechtigkeit! Er konnte sich über sich selbst lustig machen! Vittoria, da du Petrarca ob seiner Sanftheit magst, rezitiere mir doch bitte dasjenige seiner Sonette, das dich am meisten bewegt.«

|47|»Gern, Euer Eminenz«, antwortete Vittoria.

Leider ist mir entfallen, welches Sonett sie wählte, doch ich erinnere mich, mit was für einer volltönenden und dabei sammetweichen Stimme sie rezitierte. Ich wüßte ihr mit keiner Metapher wie Vogelgesang oder kristallklarer Glockenklang gerecht zu werden. Die Stimme, die Diktion, das Mienenspiel und der Ausdruck ihrer großen blauen Augen machten diese Rezitation zu einem einzigartigen Erlebnis, dessen Zauber ich bis heute spüre, sooft ich daran denke. Montalto, der dem bello muto ein Zeichen gegeben und sich mit dessen Hilfe erhoben hatte, stand da, auf seine Krücken gestützt, betrachtete Vittoria lange und sagte mit so sanfter Stimme, wie ich ihn nie hatte reden hören:

»Wenn du verheiratet bist, Vittoria …«

»Was? Mein Vater!« rief Francesco, trunken vor Glück. Doch Montalto wies ihn mit einer kurzen Handbewegung zurück, als ob er eine Fliege verscheuche, und fuhr fort:

»Wenn du verheiratet bist, Vittoria, würde ich mich freuen, wenn deine häuslichen Pflichten dir die Zeit ließen, einem alten kranken Mann gelegentlich etwas vorzulesen.«

»Oh, mein Vater, ich wäre darüber sehr glücklich!« rief Vittoria und warf sich ihm in einer plötzlichen Aufwallung von Zuneigung und Herzlichkeit zu Füßen.

Und als Vittoria den Palast des Kardinals verließ, hatte sie wahrlich Grund genug zur Zufriedenheit. Sie hätte frei nach Julius Cäsar sagen können: Ich kam, er sah mich, und ich siegte. Ich weiß allerdings nicht, ob sie in ihrem Innersten sehr erfreut war über diesen Sieg, der zumindest bewirkte, daß sie durch eine Heirat mit Francesco ihre Familie und sich selbst vor Not bewahren konnte. Ich hatte beobachtet, daß sie Francesco während der Unterredung nicht ein einziges Mal angesehen hatte.

Sie war wirklich sehr jung. Vielleicht liebte sie zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens die Heirat mehr als den Ehemann.

Das überraschendste an dieser Begegnung aber waren die verblüffenden Worte, die Montalto an ihrem Ende sagte und die indirekt einen so großen, zunächst unheilvollen, in der Folgezeit jedoch segensreichen Einfluß auf mein Leben haben sollten.

Sowie Vittoria das Zimmer verlassen hatte – und ihm mit |48|einem Schlag die Wärme und das Licht entzog, die ihre Anwesenheit verbreitet hatte –, schleppte sich Seine Eminenz auf seinen Krücken bis ans Fenster und sah, mit dem Rücken zu uns, Vittoria nach, die an der Seite Francescos über den Hof ging. Dann wendete er sich mühsam zu uns um – die Drehung seines schweren Körpers auf den Krücken verursachte ihm einige Probleme –, schüttelte mehrmals den Kopf und sagte:

»Wer könnte sie sehen, ohne sie zu lieben? Wer könnte sie hören, ohne sie anzubeten?«

»Gewiß, Euer Eminenz«, sagte ich und verließ unter einem Vorwand das Zimmer, damit der Kardinal nicht gewahr werde, wie sehr seine Bemerkung mich verblüfft und, warum nicht auch das gestehen, höchlichst amüsiert hatte.

Nun wollte es das Unglück – oder das Glück, wie die Folgezeit deutlich erwies –, daß ich am nächsten Tag im Vatikan bei Seiner Heiligkeit zu tun hatte. Ich fand den Papst recht griesgrämig vor, ohne daß er, dessen bin ich sicher, den geringsten Grund dafür gehabt hätte, denn er wurde von allen geliebt, erfreute sich einer ausgezeichneten Gesundheit und führte mit perfekter Nonchalance ein sorgenfreies Leben. Etwa einmal im Monat wurde Gregor XIII. von solcher Melancholie befallen, die von seinem Gefolge um so mehr gefürchtet wurde, als er dabei gelegentlich Entscheidungen traf, die dem Wohl des Staates abträglich waren, die er jedoch, von seiner Verstimmung wieder geheilt, mit der sanften Starrköpfigkeit der Schwachen nicht mehr revidieren wollte.

Ich fand ihn also in dieser Laune vor, und der um ihn versammelte Hofstaat gab sich große Mühe, ihn zu zerstreuen. Ich wollte ihn durch die Erzählung über die Begegnung zwischen Montalto und Vittoria aufheitern. Er hörte mir zunächst mit eher finsterer Miene zu, doch als ich zu dem denkwürdigen Ausspruch am Schluß der Unterredung kam, rief er aus:

»Wie? Wie? Habt Ihr richtig gehört, Cherubi? Hat Montalto das wirklich gesagt? Seid Ihr sicher?«

»Ich traute meinen Ohren nicht, Euer Heiligkeit, doch er hat es gesagt.«

»Was?« schrie Gregor XIII. und mußte, seine Hypochondrie vergessend, so lachen, daß ihm die Tränen kamen. »Montalto hat wirklich gesagt: ›Wer könnte sie sehen, ohne sie zu lieben? |49|Wer könnte sie hören, ohne sie anzubeten?‹ Ach, Cherubi! Wie schön muß das Mädchen sein, um aus diesem fühllosen Stein einen Funken Menschlichkeit zu schlagen!«

Und er legte seine Hände auf seinen kleinen Spitzbauch, lachte Tränen und witzelte den ganzen Tag über den Kardinal.

Am folgenden Morgen schickte mich Montalto »zu meinen Gondeln« zurück.

 

 

Caterina Acquaviva:

 

Obwohl ich nur Kammerzofe und Tochter einfacher Leute bin – mein Vater ist Fischer in Grottammare, und sein einziger Besitz ist sein Boot –, fehlt es mir weder an Manieren noch an Bildung. Ich kann lesen und ein wenig schreiben. Und wem verdanke ich das, wenn nicht der Signora Vittoria Accoramboni, die mich mit unendlicher Geduld unterwiesen hat, so jung sie damals war? Denn sie hatte genau mein Alter – sechzehn Jahre –, als ich in ihre Dienste trat. Übrigens hat mich die Signora Vittoria nie wie eine cameriera behandelt, sondern wie eine Gefährtin und Vertraute, und sie hat sich große Mühe gegeben, mich von meinem bäuerischen Schmutz zu säubern. Meine Mutter macht mir deswegen Vorhaltungen, wenn ich meine Familie in Grottammare besuche:

»Was ist bloß aus dir geworden, Tochter! Eine richtige Signorina! Du brauchst eine Gabel, um in dein Essen zu pieken! Eine Gabel, die du aus Rom mitbringst, in einem kleinen Kästchen, wie ein Schmuckstück! Ma che modi sono questi!1 Eine Gabel, Madonna Santa! Es mag ja noch angehen, daß man eine Gabel nimmt, um den stinkenden Misthaufen zu wenden. Aber um ein schönes appetitliches Stück Meeraal – heute morgen von deinem Vater gefischt und von deiner Mamma gebraten – in deinen Mund zu befördern! Caterina, ich sage dir: du beleidigst deinen Vater! Du beleidigst deine Mutter! Du beleidigst Gott! Eine Gabel, Dio mio! Was für eine teuflische Erfindung! Sind die Finger, die der Herr dir gegeben hat, nicht gut genug für dich, du dumme Gans? Und als wär’s mit dieser verdammten Gabel noch nicht genug, muß ich auch noch hören, daß du lesen und schreiben kannst! Und du bildest dir noch was drauf |50|ein, du Schamlose! Madonna, du bist verloren! Welcher Mann soll dich denn jetzt noch wollen!«

In bezug auf den Ehemann hat die Mamma nicht unrecht. Beim letzten Mal, als ich Vater und Mutter in Grottammare besuchte, hat sich Giovanni mir gegenüber recht kühl verhalten, er, der sonst immer so zudringlich war. Ich schüchtere ihn ein, und er ist böse darüber, daß ich – eine einfache Frau – ihn einschüchtere, da sag ich lieber nichts. Und die einfache Frau wiederum kann, wenn er sie abschmatzt, seinen Geruch nicht ertragen. Wie könnte ich an der Seite eines Mannes leben, der nach Fisch stinkt, wo ich doch im Palazzo Rusticucci mit so vielen glänzenden und parfümierten Edelleuten zusammentreffe, den schönsten von allen will ich gar nicht erwähnen, denn es schmerzt mich, seinen Namen auszusprechen, weil er keinen Blick für mich übrig hat trotz meines hübschen Aussehens.

Gewiß, ich bin nicht so groß und so schön wie Vittoria, aber ich bin auch nicht ohne Reize, so brünett und mit meinen schwarzen Augen und dem matten Teint. Ich möchte sogar behaupten, was Größe, Rundung, Festigkeit und Hautfarbe des Busens angeht, kann keine Frau sich mit mir messen. Ich trage eckige Dekolletés, um meine Brüste zur Geltung zu bringen, was immer Giulietta Accoramboni dagegen sagt; sie beschuldigt mich, schamlos zu sein und die Männer durch Zurschaustellung meiner Haut anlocken zu wollen. Herrje! die soll sich nicht so haben; die mit ihren kümmerlichen spitzen Titten könnte alles zeigen, und keiner würde anbeißen! Bei mir ist es egal, ob man was sehen kann oder nicht! Ich laufe ja nicht mit nacktem Hintern rum, und trotzdem gibt es keinen Mann im Haus, dessen Blicke ich nicht wie eine warme Dusche auf meinen Hüften spüre, wenn ich vor ihm hergehe und mich drehe und wende. Nein, einen gibt es, leider! Es ist der einzige, dem ich gefallen möchte. Die Welt ist schlecht eingerichtet, wie Vater sagt, wenn er ohne Fisch vom Meer heimkommt. Bei meinem Fisch weiß ich nicht, mit welchen Netzen man ihn fangen könnte.

Um auf die Signora zurückzukommen: sie war zu mir so gut, so vertrauensvoll und großzügig, daß mein Herz sich nicht mehr von ihr losreißen kann. Zu sagen, daß ich sie liebe, ist nicht genug. Ich sage es, wie ich es fühle: ich würde mich töten lassen, wenn ihr Leben auf dem Spiel stünde. Ja, die Madonna |51|möge mir diese gottlosen Worte vergeben, ich würde sogar für sie töten. In ihrer Nähe zu leben ist für mich das Paradies. Ich sehe sie, ich höre sie, ich diene ihr. Und sie, diese wunderbare Frau, vergißt ihren Rang und ihre Schönheit und redet mit mir wie mit einer Freundin, wo ich doch nichts weiter bin als ein kleiner Regenwurm zu ihren Füßen!

Als ich Mamma, und nur ...

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