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Das Herz der Wüstenblume

Prolog

»Das ist das Ende«, stellte der Mann mit schwacher Stimme fest.

Die Boten in ihren grauen Gewändern knieten schweigend vor ihm. Mit gesenkten Köpfen warteten sie auf seine Befehle. Aber er hatte keine mehr für sie. Es war vorbei, die Suche war vergeblich gewesen.

Sein Blick glitt zum Fenster hinaus über die Gärten des Palastes bis zur Stadt, die ins Licht des grünen Mondes getaucht dalag. Es schien, als würde sie von sich aus leuchten.

»Geht«, befahl er leise. In seinen Augen glänzten Tränen. Hastig entfernten die grauen Boten sich, zogen die Tür hinter sich lautlos zu und vergaßen ihren Auftrag. Im Garten nahmen sie ihre Posten als stumme Wächter wieder ein, verharrten in ihrer starren Haltung aus grauem Stein, bis sie wieder erweckt würden. Stumm blickte der Mann in die Leere des Raumes. Die hohen Marmorsäulen zu seiner Rechten und Linken säumten den Weg von der Tür bis vor seinen Schreibtisch und warfen Schatten, zwischen denen das Mondlicht den kühlen Boden in grünliches Licht hüllte. Seine Schritte klangen dumpf, als der Mann zwischen die hohen Säulen trat. Er war allein. War er das nicht sein ganzes Leben gewesen?

»Jetzt ist alles vorbei«, murmelte er leise. »Wieso, ihr Götter?« Verzweifelt ballte er die Hände zu Fäusten, aber es gab nichts, gegen das sich sein Zorn richten konnte, niemanden bis auf die riesige Katze, die bei seinen Worten lautlos neben ihn geglitten war. Ihre goldenen Augen glühten in der Finsternis, ihren Leib mit den neun zuckenden Schwänzen umspielten die Farben der Nacht.

»Herr? Brachten die grauen Boten schlechte Kunde?«, erkundigte sich der Wiljar mit tiefer Stimme.

Müde hob der Mann den Kopf und blickte in die schmalen Augen des Tiers. Das Katzengesicht strahlte Ruhe und Intelligenz aus.

»Sie brachten gar keine Kunde!«, entgegnete der Mann. »Dieser Ort, von dem du sprachst, er existiert nicht.« Bitterkeit ließ seine Stimme rau klingen. »Das oder deine Wächter sind nicht so mächtig, wie du vermutest.«

Die Katze lächelte leise. »Ihr Menschen glaubt, eine Quelle müsse immer an einem Ort liegen. Ihr zeichnet Karten, ohne den Wandel der Zeit zu berechnen.« Ihr tiefschwarzer Leib wurde eins mit den schimmernden Steinen aus den Gruben von Tinador, die den Boden der Halle bedeckten. »Wenn die Quelle nicht gefunden werden will, so müssen wir sie ruhen lassen.«

Der Mann machte einen zornigen Schritt auf die Katze zu. »Aber das kann doch nicht das Ende sein! Das ist nicht alles!«

»Es gibt immer einen anderen Weg.« Der Wiljar lächelte besänftigend. »Ihr habt nun alles versucht, den friedlichen Weg gewählt. Doch wenn Ihr länger zögert …«

»Nein!« Die Stimme des Mannes wurde von den steinernen Wänden zurückgeworfen. »Nein«, widerholte er etwas ruhiger. »Das darf niemals passieren.«

»So hört, was ich Euch vorschlage, und bedenkt, es ist Euer letzter Weg«, schnurrte der Wiljar sanft. »Andernfalls ist alles verloren und Euer Bruder wird die Stadt mit sich in den Tod reißen.«

»Ich höre«, flüsterte der Mann. Im fahlen Mondlicht erschien seine Haut kränklich grün.

Der Wiljar hob die Stimme leicht und unterbreitete dem Herrscher seinen grausamen Plan.

Der Mann schüttelte stumm den Kopf, wohl wissend, dass er zustimmen würde. »Mein Bruder darf nicht sterben«, flüsterte er leise. »Niemals.«

»Dann tut, was ich Euch rate«, bat der Wiljar.

Der Mann trat aus dem Schatten der Säule hinüber zu den Fensteröffnungen im Mauerwerk, die bis tief auf den Boden reichten und den Blick hinunter auf die Stadt freigaben. Still und wartend lag sie da und selbst in dem mächtigen Wasserlauf, der ihr den Namen gab, schien das Flüstern verstummt zu sein.

Der Wiljar gab ein leises Fauchen von sich. »Ihr müsst Euch entscheiden«, verlangte er. »Es ist Zeit.«

Der Mann drehte sich langsam um. Und dann sprach er die Worte, die gesprochen werden mussten.

Teil 1

1. Kapitel

Die Angst kroch ihr in den Nacken, als der Soldat vor ihr in der Bewegung innehielt. Zitternd drückte sich Marje tiefer in die Nische, zog die Füße eng an und hielt die Hände fest um Shio geschlossen.

Sie konnte den Zinadenwächter nicht sehen, nur seine Schritte hören, die schwer durch die Gänge hallten, die vom Fackelschein erhellt wurden. Jeden Moment konnte er an der Treppe stehen bleiben und sie in der Fensternische entdecken.

Marje spürte in ihrem Rücken die scharfkantigen Scherben, die noch im Rahmen steckten. Die Öffnung im Mauerwerk war von außen nur notdürftig mit Brettern vernagelt worden. Ein Stein hatte vor einigen Tagen die Scheibe zerstört, Marje selbst hatte ihn geworfen. Zwischen den Ritzen flutete das Mondlicht ungehindert in den Gang.

Die Schritte kamen noch näher. Jetzt tauchte der Schatten des Soldaten im Gang auf. Ein Klirren ertönte, die Fackel wurde aus ihrem Ständer neben der Treppe gehoben.

Marje schloss die Augen und sandte ein Gebet an Turu.

»Sithar?« Eilige Schritte näherten sich vom anderen Ende des Ganges. Marje blinzelte. Das Licht der Fackel flackerte.

»Schichtwechsel, alter Junge«, verkündete eine helle Stimme.

Marje hielt den Atem an.

»Endlich«, murrte der Soldat, der nicht mal eine Mannslänge vor Marjes Versteck stehen geblieben war, und steckte die Fackel zurück in die Halterung. »Ihr seid spät dran!«

Endlich, dachte auch Marje und unterdrückte einen Stoßseufzer. Einen Herzschlag später zogen sich die Schatten der beiden Männer zurück.

Marje streckte vorsichtig ihre Glieder. Das war mehr als knapp gewesen. Sie öffnete die Hände, um Shio wieder freizulassen. Das winzige Irrlicht glomm nur noch so schwach, dass es gerade nicht verlosch, aber immer noch hell genug, um die Aufmerksamkeit der Wachen in einem dunklen Treppenhaus auf sich zu ziehen, falls sie sich doch noch einmal umsahen. So verharrte es zwischen ihren Fingern, bis die schweren Schritte der Wachen in der Ferne verklungen waren.

»Weiter«, flüsterte Marje schließlich leise. Sie wusste, dass der Schichtwechsel ihnen eine Viertelstunde gab, nicht mehr und nicht weniger.

Shio erhob sich aus ihrer Hand in die Luft. Einmal kreiste das Irrlicht um den Kopf des Mädchens, dann flog es zum Treppenabsatz hinüber und spähte den Gang entlang.

Vorsichtig rutschte Marje aus der Nische und blickte sich um. Ihre Lederschuhe verursachten keinen Laut auf dem Faliostein, aus dem die Zinade erbaut war.

Die Luft war rein. Nur die Schatten kleiner Steinvorsprünge tanzten an den Wänden im unruhigen Licht der Fackeln. Die Lichter flankierten die Treppe, die dem gewundenen Lauf des Ganges folgte, zu beiden Seiten.

Wie ein Ring umschloss das Gangsystem, in dem Marje unterwegs war, den Wasserspeicher in der Mitte der Zinade. Der Speicher selbst war ein offener, kreisrunder Raum, der mehr als zweiunddreißig Schritt Durchmesser maß. Zwei voneinander unabhängige Aufgänge schraubten sich spiralförmig vier Stockwerke in die Höhe und mündeten beide ins Herz der Zinade, den Kontrollraum, von dem aus die gespeicherten Wassermassen in die Stadtviertel geleitet wurden.

Marje lauschte noch einen kurzen Augenblick angestrengt in die Stille. Dann nickte sie Shio zu und sie huschten den Gang entlang, zur nächsten Treppe, die sie weiter zum Treffpunkt führen würde, wenn die Karten stimmten. Niemand stellte sich ihnen in den Weg, als Marje den dritten Stock passierte und schließlich im vierten anlangte.

Das Irrlicht schwebte vorsichtig voran und erhellte den Gang mit seinem warmen Licht. Marje duckte sich am Treppenabsatz und spähte einmal mehr zurück, in der Hoffnung, mögliche Verfolger oder Gefahren rechtzeitig zu erkennen.

Als Shios Licht die Umrisse einer Tür erhellte, die ins Innere des Speichers zu führen schien, wagte sie es, sich aufzurichten und ihrem Freund zu folgen.

Einen Moment später kniete Marje sich auf den Boden. Die Karten hatten nicht gelogen – sie hatte es geschafft! Das Gangsystem führte hier tatsächlich zu einer schlichten Holztür, wie Milan es gesagt hatte. Als einziger Schmuck war rund um das Schloss das Wappen der Stadt eingelassen, ein kreisrunder Ring, der die Quelle symbolisierte. Ein Blick auf das Schloss genügte Marje, um zu erkennen, dass die Tür durch einen komplizierten Mechanismus geschützt war. Sie unterdrückte ein Seufzen. Auch das hatte Milan vorausgesehen.

Shio dimmte sein Licht ab und kreiste unaufhörlich um ihren Kopf, während Marje einen Satz schmaler Stifteisen hervorzog. Unruhig glitt ihr Blick zu der Sanduhr, die sie am Gürtel trug und ihr vor Augen führte, wie schnell die Zeit doch verrann. Die Patrouillengänge der Wächter waren engmaschig angesetzt, die einzige Möglichkeit, so hoch in die Zinade zu gelangen, war der Schichtwechsel, der um die dritte Stunde der Nacht vorgenommen wurde und ihnen ein wenig Zeit verschaffte.

Aber wo blieb nur Milan? Sie war davon ausgegangen, dass er als Erster hier eintreffen würde. Sie hatten sich am Tor der Zinade getrennt, weil Milan hoffte, so ihre Chancen zu erhöhen, sicher den Kontrollraum zu erreichen.

Marjes Finger zitterten. Mist! Für die Stifteisen brauchte sie eine ruhige Hand. Entschlossen biss sie sich auf die Unterlippe und versuchte sich zu konzentrieren. »Shio, ich brauch mehr Licht!«, zischte sie, als das Irrlicht hinter ihrem Kopf verschwand und dieser einen dunklen Schatten auf das Schloss warf.

Mit einem Surren landete Shio auf ihrer Hand.

»Danke«, murmelte sie.

Zu jedem Stockwerk führten zwei Treppen, die sich an den gegenüberliegenden Himmelsrichtungen befanden. Allerdings verschoben sie sich von Stockwerk zu Stockwerk in einem Viertelkreis. Wer im Norden in den zweiten Stock hochstieg, musste zur Ostseite oder Westseite des Gebäudes, um in den dritten zu gelangen.

Unruhig blinzelte Marje wieder zu ihrem Stundenglas hinab. Sie waren es immer wieder durchgegangen – die Patrouillen der Wächter, ihre Pausen und vor allem den alles entscheidenden Schichtwechsel.

Eigentlich konnte nichts schiefgehen. Eigentlich.

Das Stifteisen glitt abermals von dem Schloss ab. Hoffentlich sitzt Milan nicht in einer Ecke fest, aus der er ungesehen nicht mehr verschwinden kann, dachte sie und hätte am liebsten laut geflucht.

Shio sirrte fragend um ihre Finger herum und machte sie zusätzlich nervös. Am liebsten hätte sie ihn eingesteckt und sich in der Dunkelheit des Ganges vor möglichen Blicken versteckt, um auf Milan zu warten. Bis zur Treppe war es nicht weit, jeden Moment konnte ein Wächter um die Ecke biegen und Shio und sie entdecken.

Es war wunderbar, ein Irrlicht zum Freund zu haben, wenn man in der Dunkelheit Licht oder einen Führer brauchte, aber man hatte damit auch immer eine Laterne dabei, die nicht zu übersehen war und nicht gelöscht, höchstens verborgen werden konnte, denn Irrlichter erloschen nur, wenn sie starben.

Wie ein Leuchtfeuer kam Marje der Funken vor, der unbeirrt um sie herumschwirrte und unruhig drängelte. Auch Shio hatte Angst, dass sie erwischt wurden. Berechtigte Angst, denn kein Soldat würde zögern, sie festzunehmen. Schließlich war es für Taller wie sie bei Todesstrafe verboten, sich einer der Zinaden mehr als zehn Schritte zu nähern.

Marje presste die Kiefer zusammen, als sie an die Ungerechtigkeit dachte, die nun schon seit so vielen Jahren ihr Leben und das ihrer Freunde bestimmte. Sie war im Stadtteil der Taller aufgewachsen, dem äußersten Ring der Stadt, der an die Stadtmauern grenzte und auch neue Stadt genannt wurde. Die Zinaden dagegen waren unter Kontrolle der Liganer, die aus dem inneren Kreis der Stadt um den Palast herum stammten und der von Shanu, dem breiten Lebensstrom und seinen Adern, durchzogen war.

Hohe Tore, dicke Mauern und tiefe Schleusen teilten die Stadt und beraubten die Bewohner der äußeren Viertel dessen, was sie am nötigsten brauchten: das Wasser von Shanu.

Das war nicht immer so gewesen. Es war erst ein knappes halbes Dutzend Jahre her, als der Rat der Liganer entschieden hatte, das Wasser in der neuen Stadt zu rationieren, und der Palast hatte ihnen zugestimmt.

Obwohl die Flüchtlingsströme, die nach den großen Kriegen und Hungersnöten in der Wüste in die neue Stadt strömten, nicht abreißen wollten und die Stadt über Wasser im Überfluss verfügte, denn die Quelle des Shanu versiegte nie, statteten die Liganer den äußeren Ring mit Kanälen und Schleusen aus, um die Wasserzufuhr kontrollieren zu können.

Solange die Bürger dafür zahlten, wurde der Stadtteil der Taller aus den Zinaden gespeist, sobald sie allerdings die ständig steigenden Gebühren einmal nicht aufbringen konnten, wurde das Wasser abgestellt.

Auch in der alten Stadt, im inneren Ring, wurden eigentlich Steuern für das Wasser verlangt, aber die Liganer schöpften es aus dem Fluss vor der Haustür und keiner kontrollierte sie dabei, wie es bei den Tallern außerhalb geschah, die nicht einmal einen Becher mit Wasser durch die Tore tragen durften.

»So kriegst du das Schloss nie auf«, flüsterte es plötzlich hinter ihr.

Marje schrak hoch. Ihr Puls schnellte in die Höhe, gleichzeitig hielt sie den Atem an und ihre Hand griff automatisch zu dem Messer an ihrem Gürtel. Im nächsten Augenblick erkannte sie Milans funkelnde Augen und atmete erleichtert aus.

»Bei Turu! Bist du wahnsinnig?!«, fuhr sie ihn an und konnte doch nicht die Erleichterung verbergen, ihn zu sehen.

Das Grinsen in Milans Gesicht wurde noch eine Spur breiter. »Klar. Für das, was wir hier tun, muss man wahnsinnig sein!«, erinnerte er sie an ihre eigenen Worte.

Marjes Augen blitzten auf.

»Lass mich mal«, bat er und schob sie von dem Schloss weg. »Shio, schön hiergeblieben«, mahnte er das Irrlicht, das sich auf Marjes Schulter setzen wollte.

Das Mädchen beobachtete aus zusammengekniffenen Augen, wie Milan sich mit seinem eigenen Handwerkszeug ans Werk machte.

Das Gespräch, das sie vor wenigen Tagen geführt hatten, erschien ihr jetzt beinahe wie ein Traum. Es hatte einen Tag, nachdem die Liganer den Wasserhahn endgültig zugedreht hatten, stattgefunden. Es gab keine Erklärung, keine Verlautbarung des Rates, nicht einmal eine offizielle Stellungnahme des Palastes. Einzig Gerüchte waren entstanden und Marje hatte wie jeder andere in der neuen Stadt auch davon gehört, dass der Wasserspiegel des Shanu angeblich sank.

Zu der Zeit war die Bewachung der Zinaden verstärkt worden. Selbst auf normalen Straßen standen nun an vielen Ecken Wächter und die kaiserlichen Soldaten zeigten erstaunlich viel Präsenz in der Öffentlichkeit, als wollten sie die Menschen daran erinnern, dass sie auch in Notzeiten ihrem Herrscher treu ergeben zu sein hatten.

Marje kaute unruhig auf ihrer Unterlippe, während sie auf Milans Hände starrte. Er arbeitete mit unglaublicher Präzision und Sicherheit.

Sie glaubte nicht daran, dass der Wasserspiegel sank. Der Shanu durchströmte die alte Stadt mit seinem kristallklaren Wasser, ohne einen Zentimeter tiefer zu sinken als früher. Er entsprang inmitten des Palastes, behütet und gespeist von der Macht des Kaisers, der damit die letzte Quelle des Landes aufrechterhielt. Doch so, wie das Wasser aus dem Nichts entspringen musste, so verschwand es in einem Viertel des inneren Kreises auch in den Tiefen eines Schachtes, dessen Ende niemand kannte. Das Wasser verschwand einfach und trat nicht wieder an die Oberfläche, nicht in der Stadt und nicht in der Wüste, die die Stadt umschloss.

»Endlich.« Milan stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Mit einem leisen Klicken sprang die Tür auf. Vorsichtig trat er beiseite, um ihr den Vortritt zu lassen. Shio leuchtete auf ihrer Schulter.

Mit unsicheren Schritten trat sie in den Kontrollraum, der eigentlich gar kein Raum war, sondern eine kleine Plattform im Wasserspeicher, wie sie im warmen Licht des Irrlichtes erkennen konnte. Zu dieser Plattform, die am anderen Ende des Speichers lag, führte nur eine schmale Brücke, so fein und zerbrechlich, als wäre sie aus Glasfäden gesponnen. Und das war sie tatsächlich, wie Marje auf den zweiten Blick sah. Zierliche Stränge aus durchsichtigem Glas wanden sich ineinander und bildeten einen weiten Bogen, der sich ohne Stützpfeiler über die Wassermassen wölbte. Am Eingang vor der Brücke war lediglich eine winzige Trittfläche, auf der man gerade so stehen konnte, um die Tür hinter sich zuzuziehen.

Milan schob sie einen Schritt weiter auf die Brücke hinaus, um die Tür zu schließen. Erst als das Klicken des Schlosses erklang, erhob Shio sich und flog in die Mitte des Raumes, wo aus den winzigen Funken des Irrlichtes ein stattliches Leuchten wurde, das den ganzen Raum erfüllte.

Staunend riss Marje die Augen auf.

»Wahnsinn«, murmelte Milan ihr ins Ohr.

Shios Licht glitzerte auf der klaren Oberfläche des Wassers, verfing sich im Rankenspiel der Brücke, ließ die grauen Wände leuchten und erhob sich bis in die Kuppel, wo es auf Turus grünes Licht und das Mosaikfenster stieß, das aus unzähligen kleinen Scherben die Kuppel des Speichers bildete. Der ganze Raum erstrahlte im magischen Licht.

Marje hob den Blick zur Kuppel, die bunt über ihr schimmerte. Von dort oben sahen die Gestirne durch das gefärbte Glas auf sie herab. Sie blinzelte zu Turus Gestirn und dann zu Tshanil, die sich auf der anderen Seite erhob und in flammendem Orange den nahenden Tag verkündete.

Milan legte den Arm um ihre Schulter. »So viel Wasser«, murmelte er leise.

Marje blickte wieder auf die Brücke vor ihr und dann in die Tiefe. Vier Stockwerke hoch – sie vermochte gar nicht zu schätzen, wie viel Wasser hier ruhte.

Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Von Wasserknappheit keine Spur. Und der Wasserspiegel sank mit Sicherheit auch nicht ab.

»Wofür brauchen sie das?«, flüsterte sie. »Warum zum Teufel wollen sie uns das nehmen?«

»Für den Fall, dass einmal schlechte Tage kommen«, vermutete Milan mit unbewegter Miene. »Man weiß ja nie.«

»Da lassen sie uns lieber gleich sterben«, knurrte Marje.

Milan drückte sie kurz an sich. »Dafür tun wir das hier. Damit wir nicht sterben. Warte nur ab, die werden morgen ganz schön Augen machen!«

»Morgen?«, hakte Marje grimmig nach. »Ich glaube kaum, dass sie das nicht mitbekommen werden. An die Arbeit, bevor sie uns zu früh entdecken!«

Milan lachte leise. »Mein entschlossenes kleines Mädchen«, murmelte er und kletterte um sie herum, um die Brücke zu betreten.

Marje begutachtete die dünnen Streben, die an der engsten Stelle der Brücke nur einen Fuß breit waren und keinerlei Geländer oder Halterung besaßen. Der Wasserstand war zwar hoch, aber nun auch wieder nicht so hoch, dass man leicht aus dem Wasser auf die Brücke hätte zurückklettern können.

Shio summte leise und zog seine Kreise über dem Wasser. Er hielt sich in respektvoller Höhe über der dunklen Tiefe. Marje konnte ihn gut verstehen. Das Wasser wurde unter ihnen so schwarz, dass auch sie Bedenken hatte. Wasser war der Ursprung allen Lebens. Jeder brauchte es, um überleben zu können. Dann mussten doch die mächtigsten Geschöpfe die sein, die im Wasser selbst zu Hause waren.

Und auch wenn ihre Vernunft ihr sagte, dass in den Zinaden keine Wasserwesen lebten, zumindest keine, wie sie in den alten Sagen und Märchen beschrieben wurden, hatte sie doch einen gewissen Respekt vor tiefen Gewässern und dem Element, von dem sie alle so abhängig waren.

Zaudernd sah sie zu Milan hinüber, der bereits die gegenüberliegende Seite erreicht hatte. Obwohl die Brücke ihn sicher getragen hatte, zögerte Marje noch immer. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die filigranen Streben das Gewicht eines erwachsenen Mannes halten konnten.

Shio schwirrte zu ihr hinab und dimmte sein Licht sanft, um auf ihrer Nase landen zu können, ohne sie zu blenden.

»Angst vor dem Wasser?«, erkundigte sich Milans spöttische Stimme von der Plattform auf der anderen Seite aus.

Marje biss sich auf die Unterlippe. »Brauchst du Hilfe?«, versuchte sie, betont lässig zu kontern. Sie hasste es, ihm gegenüber eine Schwäche eingestehen zu müssen.

Milans Silhouette war im grünen Mondlicht kaum zu erkennen. Er stand vor einem riesigen Pult, dessen Schalter und Hebel Marje nur erahnen konnte.

»Zumindest könnte ich Shio hier gebrauchen«, stellte er fest, und obwohl seine Stimme scherzhaft klang, wusste Marje, dass er es bitterernst meinte. Er konnte die beiden Schleusenhebel nicht allein bedienen. Nur deswegen hatte er überhaupt zugestimmt, dass Marje ihn begleitete.

»Hab keine Angst.« Sie spürte sein Lächeln, obwohl sie sein Gesicht nur undeutlich erkennen konnte. »Ich pass schon auf dich auf.«

Mit zusammengebissenen Zähnen, um sich ihre Furcht nicht anmerken zu lassen, trat Marje vorsichtig auf die Brücke. Auf dem Glas, aus dem die Brücke geformt war, fanden die Sohlen ihrer glatten Schuhe kaum Halt. Sie breitete die Arme aus und balancierte bis zur Mitte. Shio tanzte unruhig um sie herum, sein Licht warf nervös zitternde Schatten auf das Wasser.

Marjes Blick fiel durch das Glas. Wie ein schwarzer Schlund gähnte das Wasser unter ihr.

»Nicht nach unten sehen! Schau mich an«, tönte Milans Stimme vom anderen Ende der Brücke.

Sie gab sich einen Ruck und dann verbannte sie einfach alle Furcht und Angst und Zweifel aus ihren Gedanken und rannte los. Einen Moment später stolperte sie in Milans ausgebreitete Arme. »War gar nicht so schlimm, oder?« Er lächelte, wohl wissend, dass ihr Höhen schon immer Schwierigkeiten gemacht hatten.

Shio setzte sich indes auf einen Schaltknüppel in der Mitte des Pults und beleuchtete unzählige Hebel und Schalter.

»Was müssen wir tun?«, fragte Marje ratlos beim Anblick der vielen Möglichkeiten.

Milan deutete auf einen Hebel, der rot glänzte. Daneben waren Zahlenkombinationen und Buchstaben ins Holz eingelassen. Er selbst griff zu dem schwarzen Hebel, der gut zwei Schritt weiter an der anderen Seite des Pultes angebracht war. Ein einzelner Mann hätte beide Schalter tatsächlich nicht gleichzeitig umlegen können, aber auf Milans Zeichen hin war es zu zweit ein Kinderspiel.

Einen Augenblick lang geschah nichts und sie warteten mit angehaltenem Atem. Dann erhob sich ein gurgelndes Geräusch aus der Tiefe des Speichers und das Wasser geriet in Bewegung. Ein Zittern lief durch den Kontrollraum und ließ die Brücke erbeben. Dann bildete sich ein Strudel in der Mitte des Speichers.

Der Wasserstand sank.

Marje konnte beobachten, wie er die Skala neben der Tür hinabkletterte, und ein Gefühl des Triumphes breitete sich in ihr aus.

Milan hatte inzwischen einige weitere Schalter umgelegt, die vermutlich für die verschiedenen Viertel und Brunnen standen. Auch sie waren beschriftet.

»Das reicht«, stellte er schließlich fest.

Der Wasserstand war bereits über einen Meter in die Tiefe gesunken und sank immer schneller.

Marje schluckte beim Anblick der gläsernen Brücke. Jetzt würde ein Sturz ins Wasser den sicheren Tod bedeuten, wenn der Strudel sie erfasste  …

Milan griff nach ihrer Hand. »Shio, flieg zur Tür«, bat er. Mit einer Kraft, die sie ihm so gar nicht zugetraut hätte, hob er sie auf seinen Arm und trat auf die Brücke. »Schau nicht nach unten!«, befahl er Marje, die automatisch einen Arm um seinen Hals gelegt hatte.

Trotz der Warnung blickte sie genau dorthin, wo der Strudel immer breiter wurde. In dem Moment gab der Speicher unter ihnen ein erneutes lautes Gurgeln von sich. Shios Licht erreichte nicht mehr den Wasserspiegel. Unter ihr breitete sich eine gähnende Schwärze aus.

Marje kniff die Augen zusammen, verbarg den Kopf an Milans Schulter und biss die Zähne aufeinander. Sie durfte Milan jetzt nicht aufhalten, nicht wegen ihrer blöden Höhenangst. Die Wachen waren mit Sicherheit schon unterwegs, denn das Alarmsystem mündete in den Wachraum, der sich im Erdgeschoss befand, und sie hatten es nicht ausschalten können.

Milan erreichte das Ende der Brücke und ließ sich auf den Boden gleiten. Kurz verharrte er – ein Ohr an das Holz gepresst – und lauschte angestrengt, dann zog er die Tür lautlos auf und bedeutete Marje vorauszugehen.

Shios Licht war jetzt nur ein schwaches Glimmen.

Auf dem Gang war alles still.

Das Schloss schnappte hinter ihnen zu. Sanft berührte Milan ihren Arm zum Abschied, dann drehte er sich um und rannte den Gang hinab. Ihr Plan sah für sie beide denselben Hin- wie Rückweg vor.

Auch Marje zögerte nicht länger, sondern sprintete los. Ihre Lederschuhe machten kein Geräusch auf dem Steinboden, aber als sie die Treppe erreichte, hörte sie die unverkennbaren polternden Schritte von Soldaten. Shio leuchtete warnend auf, dann sank sein Licht wieder zu einem Funken zusammen.

Marjes Blick suchte nach einem Versteck, einer schattigen Nische, in der sie sich verbergen konnte. Es gab keine. Die Wände hier oben waren glatt, ohne Vorsprünge, ohne Erker. Der Schein einer Fackel erhellte die Treppenstufen und breitete sich auf dem Boden vor ihr aus. Immer schneller verdrängte er das düstere Mondlicht.

Marje wirbelte herum und lief. Ihre Schuhe rutschten auf dem glatten Boden. Gerade so konnte sie sich an der Wand abfangen und ihre Schritte in den Schatten lenken. In der Dunkelheit wich sie bis hinter den Kontrollraum zurück, blieb stehen und atmete, so flach sie konnte.

Hinter ihr führte die Treppe nach unten, die Treppe, die Milan genommen hatte.

Alles in Marje schrie nach Flucht, am liebsten hätte sie sich herumgeworfen und wäre Milan gefolgt, aber sie zwang sich, in der Dunkelheit zu verharren. Denn wenn der Alarm losgegangen war, und davon war sie überzeugt, dann würden auch von dieser Seite Soldaten kommen.

Eilige Schritte waren zu hören. »Das war ja wieder klar. Mitten in der Schichtpause«, tönte eine tiefe Stimme. Zu Marjes Überraschung klang sie eher genervt als besorgt. »Wahrscheinlich wieder mal falscher Alarm. Dieser verdammte Mechanismus geht doch jede Nacht los.« Die Schritte verharrten. »Die Tür zum Kontrollraum ist jedenfalls verschlossen.«

»Nachsehen müssen wir trotzdem«, erwiderte eine andere Stimme, sie klang etwas jünger. »Manter und Carun haben Geräusche aus dem Speicher gehört.«

»Manter säuft zu viel. Der hört viel, wenn die Nacht lang ist«, brummte die tiefe Stimme, aber dann klirrte ein Schlüsselbund und die Tür zum Kontrollraum schwang auf. Marje hielt den Atem an. Los, beschwor sie die Männer. Geht rein! Los, rein da!

Einen Moment später waren die Männer in dem Raum verschwunden. Marje sprintete zur Tür und warf sie zu. Als ein wütender Schrei von innen ertönte, war sie schon bei der Treppe. Sie nahm die Stufen mit zwei Sprüngen und hatte schon fast die nächste Biegung erreicht, als hinter ihr polternde Schritte ertönten. »Halt! Stehen bleiben«, hörte sie die Soldaten rufen. Etwas rutschte aus ihrer Tasche. Klirrend fiel es zu Boden, vielleicht ihr Stifteisen, aber Marje sah sich nicht danach um. Der Vorsprung war ihre einzige Chance, lebend hier rauszukommen.

Rutschend und schlitternd erreichte sie die nächste Treppe, doch die Verfolger waren schneller als sie. Marje konnte hören, wie die Schritte näher und näher kamen. Sie konnte schon die Treppe zum zweiten Stock sehen, als roter Fackelschein sie einhüllte.

»Da ist er!«

»Wachen! Haltet ihn!«

Gehetzt blickte sie über die Schulter und einen winzigen Augenblick lang begegnete ihr Blick dem eines jungen Soldaten. Er sah überrascht aus. Dann sprang sie die Treppe hinab.

Jetzt erhob sich Shio aus ihrer Kapuze. Sein Licht war nun nicht mehr klein und angenehm warm: Er erstrahlte gleißend hell. Die Fackeln wirkten gegen ihn wie die kläglichen Reste eines Lagerfeuers, das schon lange verloschen war.

Marje hörte die Aufschreie des Entsetzens und der Verwirrung hinter sich, dann ein metallisches Krachen und ein Scheppern. Shios Licht konnte einen Menschen so blenden, dass er jede Orientierung verlor. Offenbar war mindestens einer der Soldaten in seiner schweren Rüstung auf der Treppe gestürzt.

Kurz darauf landete ein geschwächter müder Funken auf ihrer Schulter und verbarg sich in ihrem langen Haar. Marje fühlte einen Strom an Zuneigung für das winzige Irrlicht, das sein Leben für sie riskiert hatte.

Ihr Blick schweifte den Gang hinab. Dort drüben war die nächste Treppe. Nur noch ein Stockwerk, dann hätte sie es geschafft! Sie spürte, wie ihr Herz gegen ihre Brust hämmerte, und wusste, dass sie sich nichts vormachen durfte. Das Schlimmste stand ihr noch bevor. Das Tor.

In diesem Moment sah sie ihn. Ein Zinadenwächter, der von unten kam, stand direkt am Fuß der Treppe und blickte sich ungeduldig nach seinem Kameraden um.

Mit einem Satz sprang Marje zurück und drückte sich an die Wand. Shios Licht flackerte ablehnend auf ihren fragenden Blick hin. Er war nicht stark genug, um ihr erneut mit seiner Leuchtkraft aus der Klemme zu helfen. Ihr Blick raste zurück in Richtung der Treppe über ihr, von der ein Stöhnen erklang. Nicht mehr lange und die Verfolger würden sich von Shios Attacke erholt haben.

Marje saß in der Falle.

Ihre Hand tastete nach dem Messer, das sie am Gürtel trug, doch sie wusste, dass sie keine Chance gegen die Soldaten hatte. Sie trugen schwere Rüstungen mit Schwertern und im Gegensatz zu ihr waren sie im Kampf ausgebildet.

Marje holte tief Luft. Ihr blieb nur eine Chance, auch wenn Milan ihr eingeschärft hatte, sie nur im allergrößten Notfall zu benutzen. Aber was war das hier, wenn nicht ein Notfall?

Ihr Blick hastete zur nächsten Fensteröffnung. Mit einem Griff hatte sie einen Stein aus der Tasche gezogen. Sie holte weit aus und warf damit die Scheibe ein, wie sie es vor einigen Tagen an einem der Zinadenfenster bereits getan hatte.

Es funktionierte! Scherben klirrten, und während Marje hinter sich einen wütenden Aufschrei hörte, kletterte sie hastig in die Fensternische hinauf.

Gerade, als sie unschlüssig in die Tiefe sah, hatten ihre Verfolger aufgeschlossen. Einer von ihnen – die Augen tränend und rot – streckte seinen Arm aus, um sie festzuhalten. Der andere zog sein Schwert.

In dem Moment stieß Marje sich von der Fensterbank ab und fiel ins dunkle Nichts. Shios sanftes Licht war das Einzige, was sie erkennen konnte.

Äste trafen sie, peitschten ihr ins Gesicht, bremsten ihren Sturz. Sie versuchte sich festzuhalten, bekam einen Zweig zu fassen, glitt wieder ab, blieb einen Moment später an einem anderen Ast hängen. Ihr Atem setzte aus und einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, aber etwas schrie in ihr, wieder zu sich zu kommen, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

Ihr Körper reagierte, Finger griffen nach Verästelungen, ihre Füße tasteten nach Halt. Milan behauptete immer, dass sie hatte klettern können, bevor sie gelaufen war – und dafür war Marje nun unendlich dankbar. Während die Wachen oben von der Fensteröffnung nach Verstärkung riefen, hatte sie bereits den sicheren Boden erreicht.

Ein Blick verriet ihr, dass sie außerhalb der Zinadenmauern auf der Nordseite, die genau gegenüber des schwer bewachten Tores lag, gelandet war. Trotzdem konnte es nicht lange dauern, bis die Soldaten hier waren.

Marje ignorierte den stechenden Schmerz in ihrem Arm und in ihrer rechten Hüfte. Ihr Blick raste über den kleinen Platz, der sich der Mauer anschloss. Drei Gassen boten Schutz und Fluchtmöglichkeit und sie ließ den Zufall entscheiden.

Hinter ihr verhallten die Rufe und Schritte der Soldaten. Und während Marje immer weiterrannte, durch menschenleere Gassen und Straßen, an dunklen Kanälen und Tempeln vorbei, an blühenden Gärten und prächtigen Wohnhäusern, spürte sie, wie Triumph in ihr aufstieg.

Es war gelungen! Sie hatte das Unmögliche geschafft! Sie war in eine Zinade eingebrochen und war den Soldaten entwischt!

Ihre Schritte folgten keinem festgelegten Weg. Stattdessen schlug Marje immer wieder Haken, um ihre Spur endgültig zu verwischen. Endlich schien es ihr sicher genug, innezuhalten und sich zu orientieren.

Marje kannte sich in der alten Stadt genauso gut aus wie jeder Liganer. Im grünen Mondlicht konnte sie einen spitzen Turm mit einem roten Dach erkennen, der einige Häuserblocks vor ihr in die Höhe ragte. Gut! Das war die Westschleuse.

Marje wählte den Weg über den Sitarenplatz, den einer der reich geschmückten Shanubrunnen zierte. Säulen kündeten von der Macht des Wassers, aber Marje beachtete sie nicht weiter und schlüpfte zwischen ihnen durch. Am Ende des Platzes wandte sie sich nach rechts und jagte über eine der kleinen Holzbrücken, die in der alten Stadt überall über die Kanäle führten.

Jetzt nur noch durch die Gasse, dann war sie an der Grenze zur neuen Stadt, wo sie in Sicherheit war.

Erst im letzten Moment sah sie die Gestalt vor sich.

»Den Passierschein bitte.«

Marjes Herz setzte einen Schlag aus und klopfte danach umso schneller, als sie den Soldaten in der kaiserlichen Uniform erkannte. Instinktiv wich sie einen Schritt zurück und sah in seinen grünen Augen einen Hauch von Belustigung.

2. Kapitel

Das Mädchen machte noch einen weiteren Schritt vor ihm zurück. Sein dunkles, lockiges Haar war zerzaust, Blätter hingen in den Haaren. Ängstlich blickte es die Straße auf und ab.

»Hast du keinen Passierschein dabei?«, fragte Kiyoshi nach.

Verwirrt sah das Mädchen zu ihm auf, dann trat ein verschlossener, abweisender Ausdruck in seine Augen.

Kiyoshi musterte es. Das Mädchen hatte einen schlichten schwarzen Umhang mit einer Kapuze an, die ihre Gesichtszüge halb verbarg. Was auch immer sie zu dieser späten Stunde auf die Straße getrieben hatte, offenbar wollte sie nicht dabei erwischt werden. Doch ganz gleich, was es auch sein mochte – wenn sie keinen Passierschein vorweisen konnte, musste er sich ihren Namen und ihren Wohnort notieren und ihre Eltern informieren. Sie hatte zu dieser späten Stunde nichts mehr auf der Straße verloren, zumal es gerade in den letzten Wochen gefährlich geworden war, sich alleine in der Dunkelheit herumzutreiben.

»Wo wohnst du?«, fragte er.

Das Mädchen blieb ihm die Antwort schuldig. Vermutlich hatte es eine Heidenangst davor, dass die Eltern von seinem nächtlichen Ausflug erfuhren.

Kiyoshis Blick glitt prüfend die Straße hinab. Hinter hohen Gartenzäunen wucherten wilde Blumen in den Gärten der prächtigen Häuser der reichen Liganer.

Keins der Häuser glich dem anderen. Ein jedes wollte das größte, das schönste sein. Je nach Herkunft der Familien der reichen Händler waren verschiedene Baustile zu erkennen. Manche Häuser waren sogar aus Gestein erbaut, das den weiten Weg durch die Wüste in die Stadt gebracht worden war, nur um hier hervorzustechen. Der Reichtum der Bewohner spiegelte sich auch in den Vorgärten. Überall wurden Pflanzen angebaut, die viel Wasser brauchten und in ihrer Pracht jeden Besucher beeindruckten. In der Nacht jedoch, wenn die Dunkelheit die Schönheit der Pflanzen verbarg, wurden Lampions entzündet, die die Straßen und Gärten in bunte Lichter tauchten.

Und so, wie die Reichen ihre Macht präsentierten und schützten, taten sie es auch mit ihren Kindern, vor allem mit den Töchtern. Immer sah man sie in Begleitung ihrer Eltern oder einer Heerschar von Dienern. Umso verblüffter war Kiyoshi, was das Mädchen zu so später Stunde in diesen Straßen zu suchen hatte – mutterseelenallein.

Natürlich war sie nicht die Erste, die ihm hier draußen in die Arme lief. Selbst die Töchter der reichsten Liganer ließen sich von diesen nicht in ihren goldenen Käfigen einsperren und gingen ab und zu ihren nächtlichen Abenteuern nach – nur waren die meisten geschickt genug, sich nicht dabei erwischen zu lassen.

»Ich begleite Euch nach Hause und vergesse den Vorfall, wenn Ihr versprecht, nie wieder ohne Passierschein zur Sperrstunde unterwegs zu sein«, bot er dem Mädchen an. Das entsprach zwar nicht den Regeln, aber Kiyoshi hatte schon oft ein Auge zugedrückt, wenn es darum ging, dass jemand seinen Passierschein vergessen hatte, auf dem Name und Adresse standen. Der Schein war Voraussetzung dafür, dass ein Bürger sich nach Torschluss auf den Straßen seines Viertels bewegen durfte.

Das Mädchen schüttelte stumm den Kopf. Ihr Blick war auf ihre Füße gerichtet.

»Soldat!« Der Ruf erklang von der Zinade aus.

Kiyoshi zog die Stirn in Falten. Die Zinadenwächter waren Söldner, von den reichen Eigentümern angeheuert, und verstanden sich nicht sonderlich gut mit den Stadtwachen des Kaisers.

Kiyoshi spürte eine hastige Bewegung, einen Luftzug. Vor seinen Augen machte das Mädchen auf dem Absatz kehrt und rannte davon.

»Haltet sie! Haltet die Diebin! Sie hat uns bestohlen!«, schrie ein Wächter.

Diebin? Kiyoshi zögerte einen Moment, doch dann setzte er sich in Bewegung. Es war ein Kinderspiel, sie einzuholen. Sie humpelte und musste sich an den Zäunen abstützen, um nicht zu stürzen. Dennoch schaffte sie es um die nächste Wegbiegung zum Fluss, bevor er endlich ihren Arm packen konnte.

»Diebin?«, wiederholte er ein wenig ungläubig. Das Mädchen sah zwar durchaus so aus, als wollte es kein Aufsehen erregen, aber darauf wäre er im Leben nicht gekommen.

»Lasst mich los!«, fauchte sie ihn jetzt an und riss an ihrem Arm. Ihre Augen blitzten in Turus Licht dunkelgrün auf.

Er griff nach ihrer zweiten Hand und hielt sie fest. In seinem Kopf jagte ein Gedanke den nächsten. Eine Diebin in der Zinade  … Aber was sollte sie dort gestohlen haben? Es gab in Zinaden nichts Kostbares, nichts außer  … Wasser.

Plötzlich traf ihn die Erkenntnis mit voller Wucht. Sie konnte nur die Leitungen geöffnet haben, die in die Viertel der Taller führten! Diese Zinade speiste nicht die Leitungen, die in die Ödnis hinaus zu den Bauern führten, sondern nur die nächsten drei Viertel des äußersten Kreises.

Sie war vermutlich gar keine Liganerin! Sie musste Komplizen haben, jemand, der das Wasser im Viertel auffing  … nein, dazu brauchte es mehr als einen  … dazu brauchte es vielleicht Hunderte von Menschen.

Rufe kamen näher, Befehle erschallten. »Teilt euch auf. Weit kann sie nicht sein!« Gleich darauf näherten sich hastige Schritte.

Kiyoshi blickte sich um. Noch war die Straße menschenleer, aber jeden Moment konnten die Wächter um die Ecke biegen. Sie standen im Schatten einer Mauer, über die ein buschiges Gewächs seine Äste streckte. Kiyoshi entdeckte eine Nische, halb verborgen von den Zweigen. Ohne weiter nachzudenken, zog er das Mädchen tiefer in den Schatten. Sie folgte ihm, ohne zu zögern.

Die Schritte wurden lauter. Da – ein Zinadenwächter! Das Mädchen duckte sich unwillkürlich. Kiyoshi hielt den Atem an.

Aber der Mann lief vorbei. Offenbar gingen die Söldner davon aus, dass das Mädchen sich nicht verstecken, sondern fliehen würde. Noch immer hielt er das Mädchen fest und in diesem Moment wurde ihm klar, was er hier eigentlich tat. Habe ich gerade eine Diebin vor ihren Verfolgern gerettet? Während meines Wachdiensts? Die Tatsache, dass er als Soldat des Kaisers auf Patrouille war, war vielleicht auch nicht ganz von der Hand zu weisen.

Er holte tief Luft. »Sie haben recht, oder?«, fragte er. »Du bist eine Diebin.«

Das Mädchen funkelte ihn zornig an. »Na und?«, knurrte sie. »Festgenommen hast du mich ja bereits – und auch ohne Geständnis hattet ihr bisher nie Skrupel, jemanden zu verurteilen!«

Kiyoshi zuckte mit den Schultern. »Ich habe dich lediglich nach deinem Passierschein gefragt, und als du dann weggelaufen bist, hielt ich es für nötig, dich festzuhalten – nicht, dich festzunehmen. Aber wenn du einen Diebstahl einfach so zugibst  …« Er zögerte einen Augenblick. Das Ganze klang genauso absurd, wie er sich gerade fühlte.

Was zum Teufel tat er hier eigentlich? Diskutierte mit einer Diebin? Noch dazu einer, die nicht viel älter als er selbst sein mochte, mit katzengrünen Augen und funkelndem Blick. Ein Mädchen, das gar nicht abstritt, in die Zinade eingebrochen und Wasser für ein ganzes Viertel geklaut zu haben!

Der Blick des Mädchens flackerte unsicher, bevor sie sich straffte. Ein Ausdruck trat in ihre Augen, den er nicht richtig deuten konnte.

»Und was hast du jetzt mit mir vor?«, erkundigte sie sich spöttisch.

Gute Frage. Seine Pflicht war es, sie zur Wache zu bringen und zu Protokoll zu geben, was diese Nacht geschehen war. Dann würde er einen der Zinadenwächter als Zeugen hinzuziehen und sie würde im Gefängnis auf ihre Anhörung warten. Damit hätte sich die Sache für ihn wahrscheinlich erledigt.

Was also ließ ihn zögern?

Sein Blick traf wieder den Katzenblick des Mädchens und ihm fielen die goldgelben Sprenkel in ihren grünen Augen auf. Ihr rechtes Auge hatte drei, während die linke Pupille von fünf gelben Flecken umgeben war. Jetzt verengten sich ihre Augen misstrauisch und eine steile Falte entstand auf der blassen Stirn.

»Was hast du vor?« Ihre Stimme klang jetzt nicht mehr so herausfordernd, obwohl sie sichtlich darum bemüht war, ihre Angst nicht offen zu zeigen.

Unentschlossen blickte er die Straße hinab. »Komm mit«, sagte er und zog sie auf die Straße ins Mondlicht. Mit einer Hand hielt er noch immer ihr Handgelenk umschlossen, sodass sie gezwungen war, ihm zu folgen. Er konnte spüren, dass sie zitterte, und ein Seitenblick auf sie ließ ihn feststellen, dass sie erschöpfter war, als er bisher angenommen hatte. Wie eine gefährliche Diebin wirkte sie bestimmt nicht. Als er an ihre Strafe dachte, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Selbst wenn das Palastgericht Milde walten ließ, würde sie doch zumindest als Diebin gekennzeichnet werden – und das bedeutete, dass sie eine Hand verlieren würde.

Das Mädchen schien die gleichen Gedanken zu haben. Abrupt blieb sie stehen.

»Wenn du Ärger machst, wird dir das am Ende nur leidtun«, warnte er sie.

»Ach ja?« Sie versuchte freizukommen, doch Kiyoshi war stärker. »Ja«, bekräftigte er. Ihr Handgelenk war schlank, die Haut fühlte sich ganz glatt an.

»Was glaubst du eigentlich, wer du bist?«

»Ein Soldat der Stadtwache?«, schlug er vor und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Ach ja?«, spottete sie. »Wie nennt ihr euch noch? Die Beschützer dieser Stadt? Ihr helft den armen Bürgern und sorgt für Recht und Ordnung? Fragt sich nur, wessen Recht und wessen Ordnung!« Ihre funkelnden Augen durchbohrten ihn förmlich. Ihre Angst schien auf einmal grenzenlosem Zorn zu weichen.

»Das Recht des Kaisers, das die Bürger der Stadt schützt«, gab er zur Antwort.

»Aber uns schützt ihr nicht! Uns Taller lasst ihr verrecken! Was kümmert es euch schon, wie es den Armen dort draußen geht!« Ihre Stimme wurde mit jedem Wort höher und lauter.

»Willst du, dass die Zinadenwächter dich hören?«, fuhr er sie an. »Die Söldner brechen dir alle Knochen einzeln, bevor sie auch nur überlegen, dich der Wache zu übergeben!«

Sie schien ihn gar nicht verstanden zu haben. Mit aller Kraft versuchte sie, sich aus seinem Griff zu befreien. »Seid ihr denn besser als diese Söldner? Ihr nehmt euch doch gegenseitig nichts!«

»Nun mal langsam  …«, begann er, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. Offenbar hatte sie völlig vergessen, in welcher Situation sie war und vor wem sie stand.

»Ihr nehmt uns all unsere Rechte«, sprudelte es aus ihr heraus, »sperrt uns in Viertel ein und dreht die Wasserleitungen zu, sodass wir elendig verdursten! Wenn es nach euch ginge …«

»Keiner von uns will irgendjemanden aus den Vierteln des äußeren Kreises tot sehen!«, protestierte Kiyoshi scharf.

Tränen stiegen in die Augen des Mädchens. »Und dennoch tut ihr nichts dagegen!«

Plötzlich blitzte die Klinge eines Messers in ihrer freien Hand auf. Kiyoshi hob den Arm, um den Angriff abzuwehren. Die Klinge streifte seine Rüstung und glitt an ihr ab. Er hob die Hand, wollte die Waffe packen. Doch in dem Moment riss sie das Messer noch einmal nach oben und rammte es ihm zwischen den Lederplatten seiner Uniform in die Seite.

Einen Augenblick lang spürte er keinen Schmerz, nur Verwunderung. Das Mädchen erwiderte seinen Blick mit fast der gleichen Verblüffung.

Langsam, wie in Trance, löste sie sich aus seinem Griff, zog das Messer aus der Wunde und im selben Moment durchflutete ihn ein Schmerz in einer Intensität, wie er ihn noch nie erlebt hatte. Keuchend geriet er ins Taumeln und streckte eine Hand aus, um sich an einer Gartenmauer abzufangen  …

Das Mädchen wich vor ihm zurück, starrte auf seine mit Blut befleckte Klinge und rannte schließlich die Straße hinab.

»Warte!« Seine Stimme klang nicht halb so entschlossen, wie er es sich wünschte. Eine Hand auf die Wunde gepresst, stolperte er einige Schritte hinter ihr her.

Noch einmal blickte sie über ihre Schulter auf ihn, dann wirbelte sie herum und rannte davon.

Kiyoshi blieb stehen und lehnte sich schwer gegen die Mauer. Schmerzen brannten in seiner Seite, sie durchzogen seinen Körper wie flüssiges Feuer. Während er stöhnend die Hand auf die Wunde presste, um die Blutung zu stillen, ging er in die Knie.

Die filigrane Brücke wölbte sich über der unendlichen Wasseroberfläche. Milans Gestalt am anderen Ende wurde immer kleiner.

»Warte auf mich«, keuchte Marje, doch Milan drehte sich nicht zu ihr um. Er schien sie nicht mal gehört zu haben. Atemlos trat sie auf die Brücke. Sie musste ihm hinterher, musste ihre Angst überwinden. Doch in diesem Moment fiel ihr Blick auf ihre Hände.

Sie waren tiefrot.

Dunkles Blut klebte an ihnen, breitete sich weiter aus und rann über ihre Arme. Überall war es jetzt – in dicken, schweren Tropfen fiel es auf die gläserne Brücke.

Und dort, wo das Blut auf Glas traf, ertönte ein Knirschen. Wie Säure fraß es sich durch das Glas.

Schon zog sich ein Sprung quer über die zerbrechlichen Streben!

Marjes Blick raste zurück. Doch hinter ihr war keine Tür mehr. Stattdessen spannte sich die Brücke weiter – über die tiefdunkle Fläche des Wassers. Und an ihrem anderen Ende stand der Soldat der Stadtwache. Er hatte die Hand auf die Seite gepresst und schaute sie voll Verwunderung an.

Wieder dieses entsetzliche Knirschen!

Marje drehte sich um und rannte. Sie rannte so schnell wie noch nie in ihrem Leben, aber die Brücke schien sich immer mehr in die Länge zu strecken und plötzlich glitten ihre Füße ins Leere, fanden keinen Boden mehr, sie stürzte – und dann brach mit einem lauten Klirren das Glas unter ihr und sie fiel und fiel und  …

»Marje! Marje, wach auf!«

Mit einem Ruck saß sie aufrecht auf ihrem Lager, hörte ihren eigenen keuchenden Atem. Schweißnass klebte das Hemd an ihrem Körper.

Panisch sah sie sich um und brauchte einen Moment, um zu begreifen, wo sie sich befand. Der Raum mit der Dachschräge war klein und mit einem Vorhang abgetrennt.

Sie war in Sicherheit. Sie war in Thars Wohnung.

Shios sanftes Licht schimmerte in ihrem Schoß.

Thar ließ sich neben ihr auf das Bett fallen. »Du hast im Traum geschrien«, erklärte er und musterte sie besorgt. »Außerdem lässt Tshanil dich grüßen.« Er deutete zu den Vorhängen. Durch den gelben Stoff leuchtete die Sonne und verbreitete ein warmes goldenes Licht.

Marje sah sich in dem Lager um. Die Decken, in die sie sich gewickelt hatte, um sich vor der Kälte der Nacht zu schützen, waren zerwühlt, als hätte sie im Schlaf um sich getreten und geschlagen. Ihr Blick schweifte zur schrägen Zimmerdecke hinauf. An einigen Stellen hatte Thar Stofffetzen und Tücher vor die Löcher gespannt, die der Wind ins Dach gerissen hatte.

Sie ließ sich zurückfallen und schloss für einen Moment die Augen. Langsam ließen sie die entsetzlichen Traumbilder los. Stattdessen kam die Erinnerung an die letzte Nacht zurück, und das war auch nicht viel besser.

Was hatte sie getan! Sie hatte einen Soldaten der Palastwache angegriffen! Womöglich schwer verletzt! Ein eisiger Schauer überlief sie.

Sie wusste noch, wie sie einfach losgerannt war, hinunter zum Fluss, wo Thar im Boot schon ungeduldig auf sie gewartet hatte. Die Erleichterung in seinem Blick war purem Entsetzen gewichen, als er das Blut auf ihrem Mantel erblickte. Schnell hatte sie sich ins Boot fallen und von ihm bis zum Tor rudern lassen, wo sie über eine Mauer geklettert waren. Wie eine Schlafwandlerin war sie hinter Thar hergelaufen, quer durch das Westviertel waren sie geschlichen, vorbei an den Wachen, die in ihren Häuschen saßen und über ihre eigenen Witze lachten, um während der langen Nacht nicht einzuschlafen. Es war ein Wunder, dass sie nicht erwischt worden waren. Mehr als einmal war Marje gestolpert, hatte einen Wassereimer umgerissen, der scheppernd die Straße hinabrollte, oder eine Katze aufgeschreckt, die laut fauchend die Flucht ergriffen hatte. Als sie endlich in Thars Dachstuhlwohnung angekommen waren, hatte sie sich nur noch ins Bett fallen lassen und sich gewünscht, in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen.

So viel dazu.

Jedes Detail der letzten Nacht konnte sie sich vor Augen rufen, den ungläubigen Blick des Soldaten, der sich beim Anblick der Wunde in Entsetzen verwandelte, sein Lächeln, als er sie noch für die Tochter eines reichen Händlers gehalten hatte. Er hatte ihr sogar seine Hilfe angeboten!

»Was ist denn nun gestern passiert?«, fragte Thar und musterte sie neugierig. Er hatte sich auf eine Kiste neben ihr Bett gesetzt und wies auf ihren blutbefleckten Mantel. Letzte Nacht hatte sie ihm zwar noch von ihrem Einstieg in die Zinade erzählt, nicht aber von dem Soldaten, dem sie begegnet war.

Marje sprang aus dem Bett. In den kleinen Schlafraum passten kaum mehr als ihre Betten, ein kleiner Tisch, zwei Hocker und ein niedriges Regal an der Wand. Sie schob die Vorhänge zur Seite, um in den weitaus größeren Bereich dahinter zu treten. Dieser Raum war doppelt so groß wie die Schlafecke und zur Stadt hin gänzlich offen. Der Wind hatte eines Tages das Dach dieses Hauses auf der Ostseite mit sich gerissen und Thars Bemühungen, es wieder aufzubauen, waren allesamt gescheitert. Marje wandte ihr Gesicht Tshanil zu und die Sonne begrüßte sie mit ihren warmen Strahlen. Einen kurzen Augenblick blieb sie stehen und genoss nichts weiter als die Wärme auf ihrer Haut.

Thar war ihr gefolgt. »Lino war übrigens heute Morgen schon hier oben.« Er grinste sie an. »Sie sagt, sie hätten gar nicht genug Gefäße herbeischleppen können, so viel Wasser haben sie abgefüllt.«

Marje nickte, während ihr Blick über die neue Stadt hinwegglitt. Bis zu den Stadttoren sahen viele Häuser aus wie dieses, vom Wind und vom Sand der Ödnis sichtbar gezeichnet. Viele der Ruinen hatten längere Zeit leer gestanden und die Taller hatten weder Material noch Geld, um ihre Wohnungen instand zu halten. In der alten Stadt waren die Häuser gut gepflegt, hatten einen schützenden Anstrich und wurden sofort ausgebessert, wenn der Wind einen Ziegel vom Dach riss.

Wie sehr sich doch die neue Stadt davon unterschied! Aber wenigstens mussten die Bewohner hier nicht ihren Einfluss oder ihre Macht mittels ihrer Häuser demonstrieren. Und die meisten halfen sich gegenseitig, wo sie konnten. Sie hatten keine andere Wahl, als zusammenzuhalten, und das war auch gut so.

»Marje.« Thar neben ihr schüttelte den Kopf. »Träumst du immer noch?«

»Tust du mir einen Gefallen?« Marje wandte sich zu ihrem Freund um. »Könntest du – fragst du mich bitte nicht mehr nach gestern Abend?«

Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, doch dann nickte er stumm.

Sie streckte ihre Schultern. »Bin gespannt, wie viel Lino sich von dem Wasser sichern konnte«, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln. Es wurde wirklich Zeit, das Geschehene abzuschütteln. »Ich geh gleich mal zu ihr runter.«

»Aber vergiss darüber nicht, dass du heute arbeiten musst.« Thars blaue Augen funkelten unter dem struppigen braunen Haar. »Und grüß Shoan von mir.« Dann drehte er sich um, schlüpfte durch die Vorhänge und ließ sich gähnend auf sein Lager fallen. »Und richte Lino aus, dass ich nicht zum Mittagessen komme, vielleicht am Nachmittag zum Tee, irgendwann  …« Er grinste müde. »Das war doch eine ziemlich anstrengende Nacht! Die ganze Zeit wach zu bleiben und auf dich zu warten  …«

Marje verdrehte die Augen. »Na, so anstrengend war es ja wohl auch wieder nicht. Schließlich hast du gemütlich in deinem Kahn sitzen können, während ich die ganze Arbeit erledigt habe.«

»Nur weil du mich nicht mitnehmen wolltest«, grummelte Thar.

»Milans Entscheidung«, wehrte Marje den Seitenhieb trocken ab. »Was glaubst du, was los gewesen wäre, wenn wir zu siebt oder acht in der Zinade gewesen wären? Am Ende hätten alle mitgewollt!«

»Wenn wir zusammen gegangen wären, hättest du nicht alleine fliehen müssen«, konterte er.

Marje rieb sich unruhig über ihr Handgelenk. »Schon vergessen? Kein Kommentar!« Sie drehte sich um, schnappte sich ihre Tasche und lief zu dem Loch im Boden, durch das das Ende einer Leiter ragte. Gekonnt kletterte sie die Sprossen ins untere Stockwerk.

Shio folgte ihr in sanft schimmerndem Licht. Während ihres Gespräches mit Thar hatte er sich in die Sonne gelegt, um Kräfte zu tanken, jetzt setzte er sich auf ihre Schulter und summte ihr leise ins Ohr.

Der Duft frisch gebackenen Brotes stieg ihr in die Nase und ihre Laune hob sich merklich. Mit zwei großen Sprüngen nahm sie die letzten Treppenstufen und blieb vor der angelehnten Küchentür stehen, um höflich anzuklopfen.

Mit einem Ruck riss Lino die Tür auf und schloss sie in ihre kräftigen Arme. »Wusste ich doch, dass du es bist!« Die große, schlanke Frau strahlte.

Marje erwiderte die Umarmung und wünschte der jungen Mutter einen guten Morgen.

»Gut?«, echote Lino belustigt. »Fantastisch!« Verschwörerisch beugte sie sich zu Marje hinunter. »Ich habe im Keller vier Bottiche bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Was glaubst du wohl, wie meine Jungs gucken werden, wenn sie sich endlich wieder mit Wasser waschen können!«

Marje lachte. Sie hatte Lino einmal geholfen, ihre zwei jüngsten Kinder mit Sand zu waschen. Das Waschen mit Sand war in den Vierteln bereits zum Alltag geworden, seit das Wasser in Messbechern ausgeteilt wurde. Jeder, der es sich leisten konnte, sich wenigstens einmal im Monat mit Wasser zu waschen, konnte sich glücklich schätzen.

»Das Brot ist fast fertig. Wenn die Jungs aufgestanden sind, können wir frühstücken. Magst du noch zum Essen bleiben?«, erkundigte sich Lino. »Du musst einfach!« Bittend griff sie nach Marjes Arm. »Wir haben dir so viel zu verdanken.«

Marje nickte lächelnd und hoffte, dass ihre Wangen nicht so dunkelrot wurden, wie sie sich anfühlten. »Schon gut!«, wehrte sie ab. »Mach nicht so viel Aufhebens darum, in Ordnung?«

Lino lachte. »Das ganze Viertel ist dir zu Dank verpflichtet«, beharrte sie. Sie zog einen Stuhl für Marje vom Tisch zurück und machte sich am Herd zu schaffen.

Marje zögerte einen Moment, doch dann sprach sie aus, woran sie schon den ganzen Morgen immer wieder gedacht hatte. »Lino, hast du zufällig gehört, was mit Milan ist?«, fragte sie.

Die junge Frau drehte sich zu ihr um und zuckte bedauernd mit den Schultern. »Nein«, sagte sie. »Aber ist das so ungewöhnlich?«

Marje schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht«, erwiderte sie hastig. »Alles in Ordnung, du hast recht.«

Und es stimmte. Milan konnte auf sich selbst aufpassen. Er würde sich bei ihr melden, wenn er das für richtig hielt. Eigentlich sollte sie sich längst daran gewöhnt haben.

Lino kam mit einem Korb Brot und einer Kanne Berenstee zum Tisch. Plötzlich merkte Marje, was für einen Bärenhunger sie hatte.

Lino setzte sich zu ihr.

»Ich soll dir übrigens von Thar ausrichten, dass er nicht zum Mittagessen kommt«, sagte Marje und griff nach einer Scheibe Brot. »Er meinte, es wird ein wenig später, vielleicht Teezeit.«

»Dieser Langschläfer! Vermutlich wird er sogar Lauryns Frühling verpassen!«

Marje musste bei dem Gedanken grinsen, schüttelte aber den Kopf. »Das ganz bestimmt nicht!« In der Nacht zum morgigen Tag feierte die ganze Stadt diesen hohen Festtag.

Thar war etwas älter als Marje. Es gab viele wie ihn, ohne eine Familie oder einen Beruf oder ein richtiges Zuhause. Sie lebten in den Tag hinein und trieben sich auf Märkten herum, wo sie mal als Träger arbeiteten oder für ein paar Münzen an einem Stand aushalfen. Boten sich derartige Gelegenheiten nicht, fanden sie andere Wege, Geld zu verdienen. Marje hatte viele Freunde, die sich mit zweifelhaften Arbeiten über Wasser hielten. Von einigen wollte sie lieber nicht genau wissen, was sie taten, mit anderen arbeitete sie sogar manchmal zusammen. Was sie alle verband, war das Gefühl, in einem Boot zu sitzen. »Wir gegen den Rest der Welt«, hatte Thar ihre Situation einmal in Worte gefasst und ganz unrecht hatte er damit nicht. Und wenn schon nicht gegen den Rest der Welt – dann zumindest gegen die reichen Händler unter den Liganern und den Kaiser.

»Ich hab noch einen Korb für Shoan gepackt. Gehst du bei ihm vorbei?« Lino nahm einen Schluck Tee.

Marje nickte. Sie gähnte und hob eine Hand vor den Mund.

In diesem Moment wurde die Küchentür aufgestoßen und Linos Mann kam mit seinen drei Söhnen herein. Nun wurde es wirklich eng in der Küche. Marje rutschte mit ihrem Stuhl bis ganz an die Wand und nahm einen der Zwillinge auf den Schoß. »Maie!«, rief der Kleine und klatschte erfreut mit seinen kleinen Händchen.

»Morgen, Marje. Gratuliere zu der erfolgreichen Nacht«, begrüßte Linos Mann sie lächelnd. »Wir hatten eine Menge zu tun hier.« Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu, nahm den anderen Zwilling von seiner Schulter und setzte ihn sich auf den Schoß. Gerade, als Lino einen weiteren Brotkorb auf den Tisch stellen wollte, erklangen auf der Straße die Glocken, die das Öffnen der Tore verkündeten.

Marje sprang auf. »Mist, so spät schon! Ich muss los!«

Lino drückte ihr den Korb für Shoan in die Hände. »So viel Zeit hast du doch sicher?«, fragte sie.

Marje nickte und griff sich selbst noch zwei Scheiben Brot vom Frühstückstisch. »Immer«, nickte sie kauend.

Sie hob die Hand zum Abschied und zog die Tür mit dem Ellenbogen hinter sich zu. »Bis später«, rief sie und stand kurz darauf auf der Straße, die Tshanil in goldenes Licht tauchte.

Ihre Füße wirbelten den trockenen Staub vom Boden auf, den der Wind in der Nacht in die Straßen getragen hatte. Kinder tobten um sie herum, spielten Fangen und jagten zwischen Karren und Wäscheleinen die Straße entlang. Nach wenigen Minuten kam Marje auf den Platz, in dessen Mitte die Leitung aus der Zinade führte. In der alten Stadt gab es reich verzierte Brunnen, geschmückt und prächtig verziert, doch hier waren es mehrere schlichte Hähne, aus denen man Wasser zapfen konnte – gesetzt den Fall, dass die Leute in der Zinade die entsprechenden Hebel dafür umgelegt hatten. Der Boden unter den Hähnen war heute Morgen noch verräterisch feucht.

»Ein segensreicher Tag«, stellte ein Händler fest, der gerade seinen Stand auf dem Platz aufbaute.

»Erfrischend!«, stimmte eine Frau zu und zwinkerte ihr verschmitzt zu.

Marje grinste und legte warnend einen Finger an die Lippen. Natürlich wussten fast alle im Viertel, wem sie den Wassersegen in der Nacht zu verdanken hatten, und Marje hätte wohl für die meisten die Hände ins Feuer gelegt, dass niemand sie verriet. Dennoch musste sie vorsichtig sein. Wenn irgendetwas nach außen drang, würden sie bestimmt nicht so schnell wieder in eine Zinade einbrechen können.

Wir werden so oder so nie wieder in eine Zinade einbrechen. Schließlich wissen sie jetzt, dass es uns einmal gelungen ist.

Aber egal: Sie hatten wenigstens dieses Mal über die Zinadenwächter und die anderen Soldaten triumphiert.

Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, schob sich ein Schleier vor ihre Augen.

Aber welchen Preis hatte sie dafür gezahlt? Was hatte sie dafür in Kauf genommen? Wenn der junge Soldat vielleicht wirklich tot war, dann würde sie es wohl kaum als Erfolg bezeichnen können. Ich hab mich nur verteidigt, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Und doch fühlte sich das Messer an ihrem Gürtel wie ein Fremdkörper an, den sie am liebsten weit von sich geschleudert hätte.

Eilig bog sie in die Straße ein, in der Shoan wohnte. Er hatte sich in den zwei Kellerräumen eines Hauses einquartiert, die darüberliegenden Stockwerke waren längst in sich zusammengefallen. Der weiße Wüstenstein wurde von Sandstürmen aufgerieben. In der heißen Sonne bildeten sich Risse, das Gestein bröckelte und die trockene Luft tat ihr Übriges. Mit den Jahren war der äußere Ring der Stadt stark verfallen und wurde inzwischen vom Wüstensand, den der Wind mit sich brachte, immer mehr verschüttet.

Mit langen Schritten stieg Marje die Stufen hinab zum Eingang der kleinen Wohnung, die mit einem Vorhang verhängt war. »Shoan?«, rief sie nach ihrem Freund. »Bist du da?« – »Marje?«, hörte sie die Stimme Shoans aus der Dunkelheit. »Komm rein.«

Vorsichtig schob sie den Vorhang beiseite und betrat den Flur. Einen Augenblick musste sie stehen bleiben, um sich an das dämmrige Licht zu gewöhnen. Auf der rechten Seite lagen Shoans Schlafzimmer und seine Kochstelle, die eigentlich mehr ein Lagerraum war. Da es keinen Abzug für den Rauch gab, konnte man kein Feuer machen. Links vom Flur befand sich Shoans Schatzkammer, wie er sie selbst gerne bezeichnete. Hier ruhten all seine Reichtümer, die Juwelen, die er hatte retten können, als die alte Bibliothek abgebrannt war. Viele Bücher waren den Flammen zum Opfer gefallen und einige hatte er gar nicht mitnehmen können, als er in diesen Keller gezogen war. Dennoch waren mehrere Regale bis unter die Decke gefüllt, geordnet und gelistet wie früher in der Bibliothek.

»Ich hab dir dein Buch zurückgebracht«, rief sie.

»Wunderbar«, antwortete Shoan. Seine Stimme kam aus dem Raum, der links von ihr lag.

Shio, der auf Marjes Schulter saß, leuchtete sanft und Marje betrat die Bibliothek. Der Lichtkreis des Irrlichtes mischte sich mit dem der zwei Kerzen, die ihr Freund auf einer umgedrehten Kiste angezündet hatte. Mit einem Buch in der Hand saß er da, die langen Haare fielen ihm ins Gesicht und verbargen die eingefallenen Wangen. In den letzten Jahren war er immer dünner geworden.

»Lino hat mir etwas für dich mitgegeben«, verkündete Marje und stellte den Korb vor Shoan auf dem staubigen Boden ab.

Während Shoan neugierig in den Korb sah, stellte sie ihr Buch an seinen Platz im Regal zurück.

»Danke«, lächelte ihr alter Freund müde. »Ich hab gehört, ihr seid gestern überaus erfolgreich gewesen?«

»Warst du nicht da?« Marjes Blick, der auf der Suche nach neuem spannendem Lesestoff über die Buchrücken geglitten war, richtete sich auf Shoan.

»Nein.« Er lehnte den Kopf gegen die Wand in seinem Rücken. »Aber ich hab den Lärm draußen mitbekommen. Es scheint ganz schön was los gewesen zu sein. Fragt sich nur, was ihr das nächste Mal macht.« Sein Blick unter halb geschlossenen Lidern wurde lauernd.

Marje zuckte mit den Schultern. Sie kannte seine misstrauische Art und wusste, was er von ihrem Ausflug hielt. Er war der Einzige gewesen, der sich bis zuletzt dagegen ausgesprochen hatte. Lieber wollte er sterben, als ein Verbrechen zu begehen, waren seine Worte gewesen. Auch wenn seine Haltung vermutlich bewundernswert war, konnte Marje ihn nicht verstehen. Shoan war ein alter Mann, ein Narr, verliebt in seine Bücher und geblendet von einer Illusion der Gerechtigkeit und des Friedens. Die Welt, von der er träumte, würde es nie geben. Die Realität sah anders aus und wurde vom Recht des Stärkeren bestimmt, das hatte Marje schon früh genug lernen müssen.

»Wir werden uns etwas einfallen lassen«, erwiderte sie. »Irgendwann werdet ihr kämpfen, ihr werdet rauben und morden«, meinte Shoan leise.

Marje schluckte schwer. Ohne es zu wissen, hatte Shoan ihren wunden Punkt getroffen. Heute noch mehr als sonst.

Ihr Gesicht wurde ausdruckslos. »Wenn sie uns zwingen, müssen wir um unser Leben kämpfen!«, entgegnete sie entschlossen. Mit schnellen Schritten ging sie aus dem Zimmer. »Ich soll dich übrigens von Thar schön grüßen«, sagte sie noch, bevor sie die Bibliothek verließ und die Treppe zur Straße hinaufeilte, um der beklemmenden Dunkelheit zu entfliehen.

Mit eiligen Schritten lief sie die Straße hinab zum Tor, das in die alte Stadt führte. In ihr tobten die Gefühle. Lass ihn nicht tot sein, Tshanil, bat sie im Stillen und sah zur goldenen Sonne auf.

3. Kapitel

Es dauerte nicht lange, bis Marje das Tor erreicht hatte, das vom Westviertel der Taller in die alte Stadt führte. Sie zahlte den Wegezoll und blieb einen Augenblick im Schatten des steinernen Bogens stehen. Hier am Wasser war es kühler. Der Fluss glitzerte und schimmerte im Morgenlicht. Marje schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete tief den Geruch des Shanu ein.

»Marje! Du bist spät dran. An die Arbeit!«

Sie zog eine Grimasse, als sie die Stimme des Bootsbauers hörte, für den sie an vielen Tagen auf dem Fluss unterwegs war.

Geschickt sprang sie in das letzte Boot, das noch vor Anker lag, und löste die Leine. Sie stieß die Stake in das schlammige Flussbett, um ihr Gefährt in die Mitte des Flusses zu manövrieren. Bis zum Abend würde sie Menschen durch das Viertel transportieren. Allein um den Wegezoll, den sie jeden Tag entrichtete, um zur Arbeit zu kommen, wieder zu verdienen, musste sie mindestens zwanzig Passagiere am Tag befördern. Obwohl das Staken anstrengend und ihr Arbeitgeber ein wahrer Sklaventreiber war, mochte sie die Arbeit. Dabei konnte sie die Ruinen der neuen Stadt für ein paar Stunden hinter sich lassen und die vielen Menschen, mit denen sie tagtäglich zu tun hatte, lenkten sie von ihren Sorgen und Nöten ab.

Entschlossen stieß sie die Stake ins Flussbett und manövrierte das Boot über eine Kreuzung hinweg. Sie wählte den kürzesten Weg zum nächsten Stadttor, wobei sie die Hauptadern des Flusses mied, in denen zu dieser Tageszeit kein Vorankommen war. Inzwischen kannte sie alle Wasserwege in der alten Stadt so gut wie ihr eigenes Viertel und an den Stadttoren gab es die größten Chancen auf Passagiere. Die Liganer, die in anderen Vierteln Geschäfte machen wollten, riefen sich ein Boot, sobald sie das Viertel betraten, und ließen sich, wenn man Glück hatte, eine ganze Weile durch die Gegend fahren. Der Fluss durchzog die alte Stadt mit vielen Ästen und Verzweigungen, manche waren zu schmal, um sie überhaupt mit einem Boot zu passieren. Überall schwangen sich Brücken über den Strom, in den reichen Vierteln um den Palast waren sie aus Stein und prächtig verziert, in den Vierteln der Handwerker und der kleineren Händler aus Holz. Die Uferwege dagegen waren nicht so breit ausgebaut – sie hatten gerade mal die Breite, die ein Grionfuhrwerk benötigte.

Marje erreichte das nächste Tor. Zwei spitze Türme mit Wachposten davor markierten den Übergang von einem Viertel ins andere. Sie manövrierte gerade ihr Boot in eine der Warteflächen, um nach Kunden Ausschau zu halten, da fiel ihr Blick auf ein blasses Mädchen, das auf der anderen Seite am Tor stand. Es streckte der Wache die offene Hand entgegen und sah den Soldaten bittend an. Ihre Wangen waren elfenbeinfarben, ihre blassen Augen groß vor Sorge.

Mit zwei kräftigen Stößen hatte Marje das Boot so nah ans Tor gelenkt, wie sie konnte. Sie griff in ihren Geldbeutel und holte eine Handvoll Münzen heraus. Seit gestern war der Preis schon wieder gestiegen.

»Lasst das Mädchen passieren«, bat sie den Soldaten und warf ihm das Geld zu.

Das blasse Mädchen huschte an dem Wächter vorbei, der die Münzen geschickt auffing und sofort auf Echtheit überprüfte, und sprang zu ihr ins Boot. Mit scheuem Blick sah sie zu Marje auf. Ein kaum merkliches Lächeln zeigte sich auf ihren schmalen Lippen und ließ die blassblauen Augen aufleuchten.

»Die Preise steigen irgendwann ins Endlose«, murmelte Marje mit einem verärgerten Blick auf den Soldaten, dann stieß sie das Boot vom Ufer ab und lenkte es aus dem Trubel am Tor. »Warum konntest du nicht zahlen?«

Das Mädchen hob eine Hand, in der einige Münzen lagen. Scheinbar hatte sie mit dem gleichen Wegezoll wie noch am Vortag gerechnet.

»Hast du Kräuter ausgeliefert, Sayuri?«, fragte Marje weiter, während sie das Boot in eine schmale Wasserstraße abseits des Getümmels lenkte.

Das Mädchen nickte. Sein Blick glitt über das Wasser, auf dem die Sonnenstrahlen tanzten. Vorsichtig beugte es sich über den Rand des Bootes und tauchte seine Finger in das kühle Nass. Der Fluss umspülte seine Hand und schäumte leicht. Es schöpfte eine Handvoll Wasser und ließ es im Sonnenlicht zurück in den Shanu fallen.

Marje beobachtete, wie Sayuri ganz in sich und den Fluss versunken auf der Bank im Boot saß. Der Wind strich ihr die fast weißen Strähnen, die unter ihrem Kopftuch hervorlugten, aus dem Gesicht.

Sie war die einzige Liganerin, mit der Marje befreundet war – obwohl es ihr eigentlich fast unpassend erschien, sie als Liganerin zu bezeichnen. Sicher, Sayuri lebte in der alten Stadt. Aber das war auch alles.

Sayuri war – eben Sayuri.

Mit gleichmäßigen Bewegungen dirigierte Marje das Boot in die Straße, in der Sayuris Kräuterladen in einem alten, ehemals herrschaftlichen Haus untergebracht war, das inzwischen einiges an Pracht eingebüßt hatte.

Gekonnt brachte sie das Boot vor Sayuris Laden zum Stillstand und half ihr auszusteigen.

Mit einem fragenden Blick sah das Mädchen erst zu ihr, dann zum Laden. Aber Marje schüttelte ablehnend den Kopf. »Ich muss wieder zur Arbeit«, sagte sie.

Das Mädchen griff nach ihrer Hand.

Wider besseres Wissen ließ sich Marje von ihrer Freundin an Land ziehen. Es fühlte sich so an, als hätte sie Sayuri schon immer gekannt. Sie konnte sich nicht mehr entsinnen, dem blassen Mädchen einmal vorgestellt worden zu sein. Allerdings konnte sie sie erst kennen, seit sie selbst in der Stadt lebte, denn nach Marjes Wissen war Sayuri hier geboren. Sayuri selbst schwieg dazu, so wie sie zu allem schwieg.

Vielen Menschen machte die Stille Angst, die das weißhaarige Mädchen umgab, manche hielten sie sogar für einfältig. Aber die meisten akzeptierten sie, als wäre Sayuri ein Teil dieser Stadt. Und selbst die, die sich vor ihr fürchteten, kamen zu ihr, um ihre Medizin zu kaufen oder Hilfe zu erbitten.

Marje seufzte, als Sayuri sie zur Tür ihres kleinen Ladens zog, sie entriegelte und sie mit einer Geste einlud einzutreten.

»Ich hab wirklich nicht viel Zeit«, warnte sie.

Sayuri lächelte und zuckte leicht mit den Schultern. Sie ließ die Tür offen und zog die Vorhänge auf, sodass Tshanils Licht in den Laden, auf die hohen Regale und deren kostbaren Inhalt fiel.

Der Laden war sehr klein und schmal. Die Regale reichten bis unter die Decke und selbst über den Fenstern und Türen waren Bretter angebracht. In der Mitte des länglichen Raumes stand ebenfalls ein Regal, das den Raum in zwei Hälften teilte und bis unter die Decke reichte. Am anderen Ende des Raumes stand ein kleiner Tresen, zu dem ein paar Stufen hinaufführten. Dahinter schloss sich ein Treppenhaus an, das zu Sayuris Wohnung führte.

Die Regale waren angefüllt mit Kräutern und Gewürzsäcken, Dosen und Schachteln, wertvollen Steinen, Glücksbringern und Schutzsiegeln, Statuen von Göttern und ihren Gestirnen. Von der Decke hingen Blumen und Wurzeln zum Trocknen zwischen Netzen aus Algen, bunten Tüchern und geflochtenen Bändern und auf dem Boden stapelten sich Säcke mit Körnern und Mehl.

Sayuri stieg die Stufen zum Tresen hinauf und setzte sich auf einen Stuhl. Mit einer Handbewegung strich sie sich ihr gemustertes Tuch vom Kopf und ließ es auf die Lehne fallen. Ihre weißen Haare fielen in leichten Wellen auf ihre schmalen Schultern. Für einen kurzen Augenblick sah sie aus, als würde sie von innen leuchten – wie Shio – oder wie Tshanil. Doch dann war der Moment vorbei. Sie bückte sich, holte eine Dose unter ihrer Theke hervor und bot Marje einen Keks an.

Dankbar griff sie zu und ließ sich auf eine Kiste neben der Theke sinken. Ihr Blick schweifte durch den Raum. »War Milan heute bei dir?«, konnte sie sich nicht verkneifen zu fragen und biss sich im gleichen Moment auf die Lippen.

Sie wusste doch, dass sie sich um ihn keine Sorgen zu machen brauchte! Im Gegensatz zu Marje war er in der ganzen Stadt zu Hause, hatte in allen Vierteln Freunde und Bekannte, auch bei den Liganern, und fand immer einen Schlafplatz. Manchmal ließ er sich so lange nicht blicken, dass Marje ernsthaft in Sorge geriet, dann wieder gab es Zeiten, zu denen er jeden Tag bei ihr auftauchte.

Inzwischen sollte sie sich an diese Eigenart gewöhnt haben und trotzdem konnte sie nicht anders. Nach dem, was gestern passiert war, war sie unruhiger als sonst.

Sayuri schüttelte den Kopf. Mit Gesten gab sie ihr zu verstehen, dass sie Milan schon seit Wochen nicht mehr gesehen hatte.

Marje knabberte an ihrem Keks, während sie an Milan dachte. Sie schaffte es nicht ganz, das komische Gefühl in ihrer Magengrube zu ignorieren. Was, wenn die Besitzer der Zinaden nach dieser Aktion heute Abend zur Strafe den Wasserzufluss zum Viertel der Taller noch weiter drosselten? Wasser aus dem Shanu zu schöpfen und durch das Tor oder über die Mauer ins Viertel zu schmuggeln, war zu aufwendig und gefährlich. Auf diese Art ließ sich unmöglich ein ganzes Viertel am Leben halten. Sie brauchten eine gute Idee für die Zukunft und sie brauchten Milan, dem immer etwas einfiel und der wagemutig genug war, es auch umzusetzen.

Sie stand auf und nahm Sayuri in den Arm. Es wurde wirklich höchste Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Sayuri erwiderte die Umarmung. »Pass das nächste Mal besser auf dich auf und nimm vor allem mehr Geld mit, wenn du in ein anderes Viertel gehst«, mahnte Marje besorgt.

Sayuri verdrehte die Augen und lachte stumm auf, doch einen kurzen Moment später war ihr Blick wieder in die Ferne gerichtet, die Stirn in gedankenvolle Falten gelegt.

Als Marje den Laden verließ und wieder auf die Straße hinaustrat, fuhr ein Wind auf, der an ihren Kleidern riss und Sand von der Straße aufwirbelte. Schützend zog sie den dünnen Schal hoch, um Mund und Nase zu bedecken. Mit einem Sprung war sie in ihrem Boot und löste das Seil.

Mit einem Stöhnen richtete Kiyoshi sich im Bett auf und lehnte sich gegen das Kopfende. Sofort waren zwei Dienerinnen zur Stelle, um die Kissen zurechtzurücken und es ihm so bequem wie möglich zu machen.

»Verschwindet«, fuhr er sie schlecht gelaunt an.

Schmerz durchzuckte seinen Körper, als er sich leicht zur Seite lehnte. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen.

Rajar lehnte am Fenster und sah grinsend den Dienerinnen nach, die sich eilig in Richtung Tür zurückzogen, wo sie auf die Knie sanken und den Blick scheu zu Boden senkten.

»Geht«, befahl er den beiden. »Lasst den Prinzen alleine. Er möchte seine Ruhe haben.«

Sofort huschten die beiden jungen Mädchen aus dem Raum und schlossen sachte die Tür hinter sich.

Kiyoshi atmete erleichtert auf. »Die machen mich wahnsinnig! Danke.«

»Andere würden sich darum reißen«, sagte Rajar trocken. »Schön wie Turu und Lauryn, die beiden.« Er drehte sich zu Kiyoshi um. »Wie fühlst du dich?«

»Wie aufgespießt«, murmelte Kiyoshi. »Na ja, wahrscheinlich gut, den Umständen entsprechend.«

»Was ist denn nun wirklich letzte Nacht passiert?«, fragte Rajar.

Er setzte sich in respektvollem Abstand ans Fußende des Bettes, ohne dabei jedoch seinen Blick zu senken, wie es sich eigentlich gehörte. Den Kaiser oder seine Familie anzusehen, ohne dass dieser es ausdrücklich gestattete, war verboten. Doch Rajars Blick bohrte sich förmlich in Kiyoshis Augen und suchte nach einer Antwort, nach einem versteckten Hinweis in seiner Miene.

Kiyoshi schaute zum Fenster hinaus. »Heute Nacht ist Lauryns Frühling«, murmelte er.

Rajar verdrehte belustigt die Augen. »Was du nicht sagst! Du lenkst vom Thema ab«, erwiderte er. »Oder willst du mir etwa nicht erzählen, was passiert ist? Man wird schließlich nicht jeden Morgen schwer verletzt von Soldaten nach Hause getragen. Und ich bin dein bester Freund.«

Kiyoshi warf ihm einen funkelnden Blick zu. »Ich habe bereits alles erzählt«, murrte er. »Wozu soll ich das Ganze noch einmal wiederholen?«

Die Augen seines Freundes verengten sich zu Schlitzen. »Weil bei der ganzen Sache etwas nicht stimmt«, erklärte er. »Etwas verheimlichst du, Kiyoshi. Ich kenn dich doch, besser als jeder andere!«

Kiyoshi ließ den Kopf gegen das Kissen in seinem Rücken sinken. Mit geschlossenen Augen lag er stumm da, versuchte, die Fragen seines Freundes, des Onkels und der Wachen zu vergessen. Wieder sah er das Mädchen vor sich, ihre Locken unter ihrer weiten Kapuze, ihre gesprenkelten Augen, hörte die Worte, die sie ihm in zorniger Verachtung entgegengeschleudert hatte.

Was glaubst du eigentlich, wer du bist?

Er hatte auf die Frage keine Antwort, zumindest keine gute. Er war Soldat, der Neffe des Regenten und des Kaisers, er lebte als Prinz im Palast  … aber diese Antwort hätte er dem Mädchen niemals geben können!

»Raus damit!«, drängte Rajar und riss ihn aus seinen Gedanken. »Zumindest mir kannst du die Wahrheit sagen!«

Kiyoshi zögerte. Er hatte den Soldaten erzählt, er sei von einer vermummten Gestalt überrascht und niedergestochen worden. Bisher war er bei dieser Geschichte geblieben, hatte behauptet, die Person in der Dunkelheit nicht richtig gesehen zu haben. Sollte er nun die Wahrheit sagen?

Rajar war sein Freund. Sie waren schon immer Freunde gewesen, waren zusammen aufgewachsen, hatten sich miteinander gemessen, hatten zueinandergestanden und alle Geheimnisse geteilt. Es gab keinen Grund, ihm etwas zu verheimlichen. Und doch  …

Der grüngoldene Blick des Mädchens leuchtete in der Dunkelheit hinter Kiyoshis geschlossenen Augenlidern.

»Ich habe die Wahrheit gesagt«, sagte er mit ruhiger Stimme zu Rajar. »Weshalb sollte ich dich anlügen?« Er öffnete die Augen und sah seinen Freund direkt an.

Rajar konnte seinem Blick nicht lange standhalten. Er sprang von seinem Platz auf. Mit schnellen Schritten durchquerte er den Raum und kehrte wieder um. »Sag du es mir!« Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nur, dass du etwas verschweigst!«

Kiyoshi beobachtete ihn, während er wie ein gefangenes Raubtier im Käfig auf und ab lief. »Herrje, Rajar!« Zorn schwang in seiner Stimme. »Glaubst du wirklich, ich würde nicht alles daransetzen, diesen Meuchelmörder zu fangen, um ihn dem Richter zu übergeben? Ich bin hier schließlich derjenige, der niedergestochen wurde!«

Das war gut. Richtige Taktik.

Prompt senkte Rajar betreten den Blick. »Tut mir leid«, brachte er hervor. »Du bist einfach so  … anders.«

»Natürlich bin ich das«, antwortete Kiyoshi amüsiert. »Ich bin gerade erst knapp dem Tod entkommen. Was wäre gewesen, hätte sie besser getroffen?«

»Sie?«

»Na, die Gestalt.« Kiyoshi biss sich auf die Zunge. Er musste wirklich vorsichtiger sein mit dem, was er sagte.

Rajar sah unsicher zu ihm auf. »Tut mir leid«, wiederholte er nur.

»Schon gut«, meinte Kiyoshi. »Lass mich einfach ein wenig allein, in Ordnung? Mit mir ist heute nicht so viel anzufangen.«

Rajar wollte etwas erwidern, aber Kiyoshi schüttelte bittend den Kopf.

Mit einem schiefen Lächeln ging sein Freund zur Tür. »Wird schon wieder«, sagte er und Kiyoshi war sich nicht sicher, wen er damit aufmuntern wollte.

Beinahe ungeduldig wartete er, bis endlich die Tür hinter seinem Freund zufiel.

Kiyoshi atmete ein paarmal tief durch und versuchte, das ungute Gefühl, das in seinem Magen aufstieg, zu ignorieren. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er ein Geheimnis vor seinem besten Freund. Erschöpft ließ er sich in die Kissen sinken und zuckte zusammen, als die Wunde sich mit stechenden Schmerzen bemerkbar machte. Er hatte wirklich Glück gehabt, dass das Mädchen weder seine Lunge noch irgendein anderes wichtiges Organ verletzt hatte. Und obwohl er allen Grund hatte, Rache an ihr nehmen zu wollen, verschwieg er alles, was er von ihr wusste, um sie nicht in Gefahr zu bringen.

Warum?

Erneut versuchte er sich das Gespräch mit dem Mädchen ins Gedächtnis zu rufen.

Wie nennt ihr euch noch? Die Beschützer dieser Stadt? Ihr helft den armen Bürgern und sorgt für Recht und Ordnung? Fragt sich nur, wessen Recht und wessen Ordnung!

Die Stimme des Mädchens war voller Spott gewesen.

Uns schützt ihr nicht! Uns Taller lasst ihr verrecken!

Über die Taller hatte Kiyoshi sich wenig Gedanken gemacht, vielleicht zu wenig, wie er jetzt zugab. Sie wohnten in dem Teil der Stadt, die außerhalb der alten Festungsmauern über Jahre erbaut worden war. Wäre der Krieg nicht dazwischengekommen, hätte es vermutlich keine Trennung zwischen außen und innen gegeben. Aber nach den Kämpfen war der äußere Kreis völlig verwaist gewesen. Zu viele Menschen waren im Kampf gefallen, und wer überlebt hatte, suchte sich eine der verlassenen Wohnungen im inneren Kreis.

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