Logo weiterlesen.de
Das Haus der verlorenen Düfte

Menü

Inhaltsübersicht

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Sechsundfünfzig

Siebenundfünfzig

Achtundfünfzig

Neunundfünfzig

Sechzig

Einundsechzig

Zweiundsechzig

Dreiundsechzig

Vierundsechzig

Glossar

Nachbemerkung der Autorin

Danksagung

Leseprobe aus "Die Insel der geheimen Düfte"

 

Aber wenn von einer früheren Vergangenheit nichts existiert nach dem Ableben der Personen, dem Untergang der Dinge, so werden allein, zerbrechlicher aber lebendiger, immateriell und doch haltbar, beständig und treu Geruch und Geschmack noch lange wie irrende Seelen ihr Leben weiterführen, sich erinnern, warten, hoffen, auf den Trümmern alles Übrigen und in einem beinahe unwirklichen Tröpfchen das unermessliche Gebäude der Erinnerung unfehlbar in sich tragen.

Marcel Proust, »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«

Prolog

CHINA ERKLÄRT DIE WIEDERGEBURT
LEBENDIGER BUDDHAS FÜR GENEHMIGUNGSPFLICHTIG

PEKING, 4. APRIL 2007

 

Den in Tibet lebenden buddhistischen Meistern ist es künftig untersagt, ohne Zustimmung der atheistischen chinesischen Regierung wiedergeboren zu werden. Das Verbot ist Teil eines neuen Regelwerks, mit dem Peking seine Vorherrschaft über das aufsässige, zutiefst buddhistisch geprägte tibetische Volk durchzusetzen versucht.

Mit der neuen Verordnung hat die chinesische Regierung nun erstmals die Möglichkeit, die Identifizierung der neuen Inkarnation eines Lama ganz zu verhindern und damit möglicherweise das Ende einer mystischen Tradition einzuläuten, die mindestens bis in das 12. Jahrhundert zurückreicht.

Schon jetzt besteht China darauf, dass die Anerkennung der zwei ranghöchsten tibetischen Mönche, des Dalai Lama und des Panchen Lama, durch die Regierung genehmigt werden muss. Als der Dalai Lama im Mai 1995 verkündete, man habe nach einer tibetweiten Suche die Inkarnation des elften Panchen Lama identifiziert, der 1989 gestorben war, reagierte Peking erbost. Der durch den Dalai Lama ausgewählte Junge gilt seitdem als verschollen.

Auszug aus einem Times-Artikel von Jane Macartney.

 

Wer nach außen schaut, träumt;

wer nach innen schaut, erwacht.

C. G. Jung

Eins

ALEXANDRIA, ÄGYPTEN, 1799

 

Giles L’Étoile war ein Meister der Düfte, kein Dieb. Er hatte nie etwas gestohlen, bis auf das Herz einer einzigen Frau, und die hatte ihm immer versichert, sie habe es ihm freiwillig gegeben. Doch an diesem kühlen Abend in Ägypten trug ihn jeder einzelne seiner zögerlichen Schritte auf der klapprigen Leiter, die in die uralte Gruft hinabführte, einem Verbrechen entgegen.

Vor L’Étoile waren schon ein Forscher, ein Ingenieur, ein Architekt, ein Künstler, ein Kartograph und natürlich der General selbst die Stufen hinabgestiegen – lauter Spezialisten aus Napoleons Armada von Wissenschaftlern und Gelehrten, die sich jetzt anschickten, ein seit Jahrtausenden unberührtes Grab zu entweihen. Ein paar Tage zuvor hatten der Forschungsreisende Émile Saurent und seine jungen ägyptischen Helfer die Gruft entdeckt und die Grabungen eingestellt, sobald die versiegelte steinerne Tür freigelegt war. Nun sollte dem neunundzwanzigjährigen Napoleon das Privileg zukommen, als Erster zu sehen, was seit Tausenden von Jahren im Verborgenen lag. Es war allgemein bekannt, dass der General Hoffnungen hegte, Ägypten zu erobern. Doch seine Ambitionen gingen über militärische Siege weit hinaus: Unter seiner Ägide wurde auch die Geschichte des Landes erforscht und zu Papier gebracht.

Am Fuß der Leiter fand sich L’Étoile mit den anderen in einem matt erleuchteten Vorraum wieder. Er sog die Luft ein und registrierte den Geruch von Gipsstaub, abgestandene Luft, die Ausdünstungen der Arbeiter und den Hauch eines unbekannten Dufts, der fast zu schwach war, um ihn wahrzunehmen.

Vier rötliche Granitsäulen ragten aus dem Schutt und stützten ein Deckengewölbe, das mit einer Sternkarte in Lapislazuli und Silber bedeckt war. In die Wände waren mehrere Türen eingelassen. An der größten von ihnen hatte Saurent bereits begonnen, den Mörtel herauszubrechen, mit dem sie versiegelt war.

Die Wände des Vorraums waren mit kunstvollen, detaillierten Wandbildern verziert. Ihre Erd- und Ockertöne waren so leuchtend, dass L’Étoile fast erwartete, die frische Farbe riechen zu können, doch stattdessen stieg ihm Napoleons Eau de Cologne in die Nase. Besonders interessierte sich der Parfümeur für die stilisierten Seerosen, mit denen die Türen und Bilder eingerahmt waren. Die Ägypter nannten diese Pflanze den Blauen Lotus und nutzten ihre Extrakte seit Jahrtausenden für ihre Parfüms. L’Étoile, der sich trotz seiner jungen Jahre bereits seit fast einem Jahrzehnt mit der hochkomplexen, altehrwürdigen ägyptischen Parfümeurstradition befasste, kannte diese Blume und ihre Eigenschaften genau. Ihr Duft war betörend, doch was sie wirklich von allen anderen unterschied, waren ihre halluzinogenen Eigenschaften. Er hatte sie am eigenen Leib erfahren und wusste sie zu schätzen, wenn sich wieder einmal die Vergangenheit in seine Gegenwart drängen wollte.

Die Blaue Lotusblume war nicht das einzige pflanzliche Motiv in den Wandgemälden. Im ersten Bild holten Arbeiter Saat aus einem Lagerraum und säten sie im zweiten aus. Im nächsten pflegten sie die Keimlinge, Blumen und Bäume und ernteten im darauffolgenden Bild die Blüten, Zweige, Kräuter und Früchte. Zu guter Letzt sah man, wie sie ihre Ausbeute einem Mann zu Füßen legten, von dem L’Étoile annahm, dass er der Verstorbene war.

Mehr und mehr Mörtel bröckelte auf den Alabasterboden, und Abu, der von Saurent angeheuerte Führer, erklärte den Umstehenden, was sie vor sich sahen. Seine Ausführungen waren interessant, doch L’Étoile fühlte sich von dem Schweißgeruch, dem brennenden Kerzenwachs und dem Staub schier überwältigt und sah besorgt zu Napoleon hinüber. So sehr er als Parfümeur auch litt, für den General, das wusste L’Étoile, musste es weit schlimmer sein. Napoleon reagierte so sensibel auf Gerüche, dass er manche Bediensteten, Soldaten oder Frauen, deren Duft ihm zuwider war, nicht in seiner Nähe ertrug. Man erzählte sich von seiner Obsession für ausgiebige Bäder und für Eau de Cologne – seine persönliche Mixtur aus Zitrone und Zedernfrucht, Bergamotte und Rosmarin. Der General hatte eigens Kerzen aus Frankreich kommen lassen, die auch jetzt den Vorraum erhellten und deren Wachs aus kristallisiertem Pottwaltran weniger unangenehm roch.

Diese Obsession Napoleons war einer der Gründe, warum L’Étoile noch immer in Ägypten war. Der General hatte ihn gebeten, ihm als Parfümeur zur Verfügung zu stehen. L’Étoile war das nur recht. Alles, was ihn an Paris gebunden hatte, war ihm vor sechs Jahren, während der Schreckensherrschaft, genommen worden. Dort erwarteten ihn nur noch Erinnerungen.

Während Saurent den letzten Mörtel entfernte, trat der Parfümeur näher und besah sich die Schnitzereien auf dem Türblatt. Auch hier zog sich eine Borte aus Blauem Lotus um den Rand und rahmte Schriftfelder mit unleserlichen Hieroglyphen, wie man sie in Ägypten überall fand. Vielleicht würde der unlängst in der Hafenstadt Rosette entdeckte Stein helfen, die Zeichen zu entschlüsseln.

»Fertig«, meldete Saurent, übergab sein Werkzeug einem der ägyptischen Burschen und klopfte sich den Staub von den Händen. »Mon Général?«

Napoleon trat vor und versuchte, den noch immer glänzenden Messingring zu bewegen. Hustete. Zog fester. Der General war drahtig, beinahe mager, und L’Étoile hoffte, dass er stark genug wäre. Endlich hallte ein lautes Knarren durch das Gewölbe, und die Tür sprang auf.

Saurent und L’Étoile traten zu dem General auf die Schwelle, und alle drei hielten ihre Kerzen in die Dunkelheit. Ihr flackernder Lichtschein fiel in einen mit Schätzen reich gefüllten Korridor.

Doch was L’Étoile von diesem Augenblick ein Leben lang im Gedächtnis bleiben sollte, waren nicht die meisterhaft ausgeführten Wandgemälde, nicht die Alabasterkrüge, die filigran geschnitzten Figurinen oder die mit Kostbarkeiten gefüllte hölzerne Truhe. Es war der warme, duftende Lufthauch, der ihn umschmeichelte.

Der Parfümeur erkannte den Geruch des Todes und der Vergangenheit. Matte Dünste von welken Blüten, Früchten, Kräutern und Hölzern streiften ihn. Die meisten kannte er, doch es gab andere. Schwächere, fremdere Noten. Kaum spürbar waren sie, doch sie faszinierten und zogen ihn an wie ein verführerischer, sehnsuchtsvoller Traum, der sich gerade in nichts aufzulösen begann.

L’Étoile ignorierte Saurents Warnung vor dem Schritt ins Unbekannte, vor Schnappfallen und lauernden Schlangen, genauso wie Abus Sorgen um rastlose Geister, die sich als gefährlicher erweisen konnten als jedes giftige Reptil. Seiner Nase folgend, drängte er sich vor und tastete sich mit seiner Kerze ins Dunkel voran, begierig, mehr von diesem mysteriösen Duft in sich aufzunehmen.

Er folgte dem reich verzierten Gang in die Grabkammer und sog die abgestandene Luft tief in sich ein, um mehr zu erfahren. Dann atmete er enttäuscht wieder aus, so heftig, dass seine Kerze erlosch.

Vielleicht waren es die tiefen Atemzüge oder die durchdringende Dunkelheit. Vielleicht war es die stickige Atmosphäre der Kammer, die ihn schwindlig machte. Doch was es auch war – dieses Schwindelgefühl verstärkte seinen Eindruck von dem zarten Duft. Endlich konnte er einzelne Bestandteile unterscheiden: Weihrauch und Myrrhe, Blauen Lotus und Mandelöl, allesamt häufige Zutaten ägyptischer Parfüms. Aber da war noch etwas, ein flüchtiges, zartes Aroma, das sich ihm immer wieder knapp entzog.

L’Étoile war in der dunklen Grabkammer so in seine Konzentration versunken, dass er die sich nähernden Schritte der anderen nicht bemerkte.

»Was ist das für ein Geruch?«

L’Étoile fuhr zusammen und drehte sich nach Napoleon um, der soeben eingetreten war.

»Einer, der seit Jahrhunderten begraben lag«, flüsterte er.

Abu erklärte den nach und nach eintretenden Männern, dass sie sich nun in der Sargkammer befanden, und machte sie auf die farbenfrohen Wandmalereien aufmerksam. In einem der Bilder schmückte der Verstorbene eine große Statue mit Schakalkopf und stellte ihr Speisen zu Füßen. Hinter ihm war eine schöne, zierliche Frau in einem transparenten Gewand zu sehen, die ein Tablett voller Fläschchen in Händen hielt. In dem Bild daneben zündete sie gerade ein Stück Rauchwerk an, und eine Rauchfahne wand sich daraus empor. Noch ein Bild weiter war wieder der Schakalköpfige zu sehen, von Tiegeln, Destillierkolben und Kaltpressen umgeben, wie sie L’Étoile von der Parfümerie seines Vaters in Paris her kannte.

L’Étoile wusste um den hohen Stellenwert des Parfüms im Alten Ägypten, doch so viele Bilder von der Herstellung und dem Gebrauch von Duftstoffen hatte er noch nie gesehen.

»Wer war dieser Mann?«, fragte Napoleon Abu. »Wissen wir es schon?«

»Noch nicht, mon Général«, antwortete Abu. »Aber dort finden wir wahrscheinlich weitere Hinweise.« Er deutete in die Mitte des Raums.

Der schwarze Sarkophag aus Granit war fünfmal so groß wie ein durchschnittlicher Mensch. In seine polierte Oberfläche waren Schriftfelder eingemeißelt, und eine Einlegearbeit aus Türkisen und Lapislazuli stellte einen wunderschönen, katzenhaften Jüngling dar, dessen Kopf von blauen Seerosenblüten umgeben war. L’Étoile erkannte ihn sofort. Es war Nefertem, Sohn der Isis, der Schutzgott des Parfüms.

Plötzlich ergaben die auf den Wänden dargestellten Szenen, die Seerosen, die Rauchfässchen in allen Ecken des Raums einen Sinn. Dies war das Grab eines altägyptischen Parfümeurs. Und nach dem Prunk zu urteilen, der ihn umgab, musste er ein sehr angesehener Priester gewesen sein.

Saurent rief seinen jungen Arbeitern Befehle zu, und mit einiger Mühe gelang es ihnen, den steinernen Deckel zu heben. Darunter kam ein breiter hölzerner Sarg zum Vorschein, auf dem wieder dieselben zwei Gestalten abgebildet waren wie auf den Wandgemälden. Diesen Sarg öffneten sie ohne größere Schwierigkeiten.

Darin lag eine unförmige, merkwürdig große Mumie von normaler Länge, aber viel breiter als gewöhnlich, die mit Erdpech aus dem Toten Meer bestrichen war. Statt einer trug sie zwei goldene Totenmasken. Zu beiden gehörten je ein Kopfputz aus Türkisen und Lapislazuli und eine mit Karneol, Gold und Amethyst besetzte Brustplatte. Sie unterschieden sich nur darin, dass eine von ihnen männlich und die andere weiblich war.

»So etwas habe ich noch nie gesehen«, stieß Abu hervor.

»Was bedeutet das?«, fragte Napoleon.

»Ich weiß es nicht, mon Général. Das hier ist äußert ungewöhnlich«, stammelte Abu.

»Saurent, wickeln Sie ihn aus«, befahl der General.

Obwohl Abu heftig protestierte, befahl Saurent den jungen Ägyptern, die Leinenbinden aufzuschneiden. Da der Franzose ihr Lohnherr war, gehorchten sie. L’Étoile wusste schon, was ihn erwartete: Die alte Kunst des Einbalsamierens mit duftenden Ölen und Salben und die trockene Luft in der Grabkammer würden verhindert haben, dass das Muskelgewebe des Verstorbenen verweste. Vielleicht wäre sogar sein Haar noch erhalten. Er hatte schon mehrere Mumien gesehen und war jedes Mal von ihrem schweren Duft fasziniert.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, die schwärzlichen Stoffbahnen zu durchtrennen und beiseite zu schieben.

»Nein. So etwas habe ich wirklich noch nie gesehen«, flüsterte Abu.

Der linke der beiden Leichname hatte seine Arme nicht, wie sonst üblich, vor der Brust gekreuzt, sondern sein rechter Arm war nach der Hand einer Frau ausgestreckt, die mit ihm gemeinsam einbalsamiert worden war. Ihre linke Hand lag in seiner rechten. Die zwei Liebenden wirkten so lebensnah, ihre Körper so unversehrt, als seien sie erst vor Monaten, nicht vor Hunderten von Jahren beerdigt worden.

Den Umstehenden stockte der Atem beim Anblick dieses im Tod vereinten Liebespaars, doch L’Étoile war nicht so sehr von dem überwältigt, was er sah. Hier, in diesem Sarg, lag die Quelle jenes Dufts, der ihn so magisch anzog, seit er die Leiter hinabgestiegen war.

Wieder bemühte er sich, die ihm bekannten Bestandteile des Dufts von den fremdartigen Nuancen zu trennen, jenen geheimnisvollen Zutaten, die einen Hauch von Hoffnung verbreiteten, von langen Nächten, sinnlichen Träumen, von Verlangen und seiner Erfüllung. Eine Ahnung von dem Versprechen ewiger Treue, von der Wiedervereinigung zweier verlorener Seelen.

Tränen traten dem Parfümeur in die Augen. Das war es, was er sein Leben lang hatte erschaffen wollen. Was er hier mit jedem Atemzug in sich aufsog, war Duft gewordene Emotion. Giles L’Étoile roch die wahre Liebe.

Er war der Verzweiflung nah. Was verlieh diesem Duft seine Komplexität? Warum war er so schwer zu fassen? Wieso ließen sich seine Bestandteile nicht auseinanderhalten? Über fünfhundert Gerüche hatte L’Étoile sich im Lauf der Jahre eingeprägt. Welche von ihnen enthielt diese Komposition?

Gäbe es doch eine Maschine, die den Duft in sich aufnehmen und in seine Bestandteile zerlegen könnte! Über diese Vorstellung hatte er vor langer Zeit mit seinem Vater gesprochen. Jean-Louis hatte sie verächtlich beiseite gewischt, wie die meisten Ideen und Erfindungen seines Sohnes, und ihn dafür gescholten, dass er seine Zeit mit unnützen Phantastereien und romantischen Vorstellungen vertat.

»Düfte wecken Gefühle, Papa«, hatte L’Étoile ihm entgegengehalten. »Stellen Sie sich nur vor, wie reich wir werden könnten, wenn wir den Menschen nicht bloß Rezepturen, sondern Träume verkauften.«

»Unsinn«, sagte sein Vater. »Wir sind Handwerker, keine Poeten. Unsere Aufgabe ist es, den Gestank der Straße zu übertönen, die Ausdünstungen des Körpers zu verbergen und die Sinne von allen Gerüchen abzuschirmen, die abstoßend, krankhaft und lästig sind.«

»Nein, Vater, Sie irren sich. Was wir tun, ist im Kern die pure Poesie.«

Trotz allem, was sein Vater sagte, war L’Étoile immer bei der Überzeugung geblieben, dass Gerüche mehr bedeuten, dass sie einen tieferen Sinn haben konnten. Genau deshalb war er nach Ägypten gekommen. Und er hatte sich bestätigt gefunden. Im Alten Ägypten waren die Parfümeure hochangesehene Priester gewesen. Ihre Duftkreationen hatten in den religiösen Bräuchen eine tragende Rolle gespielt. Mit dem Dunst ihrer Rauchwerke reisten die Seelen ins Totenreich.

Der General trat an den Sarkophag heran, um sich die Mumien näher anzusehen. Als er sich zu ihnen hinunterbeugte, raunte ihm Abu eine Warnung zu, doch Napoleon wischte sie mit einer Handbewegung beiseite, griff in den Sarg und nahm ein kleines Tongefäß aus der Hand des mumifizierten Mannes. »Erstaunlich«, sagte er und griff nach einem weiteren, identischen Tiegel, den die Frau umklammert hielt. »Beide hatten dieselben Gefäße bei sich.« Er öffnete erst einen, dann den zweiten kleinen Tiegel. Ein Augenblick verstrich. Der General schnupperte. Dann hielt er sich ein Gefäß nach dem anderen unter die Nase und roch daran.

»Es scheint etwas Parfümiertes darin zu sein, L’Étoile«, sagte er und reichte dem Parfümeur einen der Tiegel. »Vielleicht eine Pomade? Kennen Sie den Geruch?«

Das Gefäß war so klein, dass es in seine Handfläche passte. Es war weiß lasiert, mit korallenroten und türkisfarbenen Mustern verziert, und Schriftzeichen säumten den Bauch des Tiegels. Die verlorene Sprache der Vergangenheit konnte niemand entziffern. Doch ihr Duft berührte L’Étoile unmittelbar. Er fuhr mit den Fingern über die wächserne Oberfläche. Das hier war also der Ursprung jenes Geruchs, der ihn in die Sargkammer gelockt hatte.

L’Étoile hatte keine übernatürlichen Talente. Das Einzige, worauf er ungewöhnlich sensibel reagierte, waren Gerüche. Deshalb hatte er zehn Jahre zuvor Marie-Geneviève und Paris hinter sich gelassen, um in der trockenen Hitze Ägyptens die magischen, faszinierenden Duftmixturen dieser altehrwürdigen Kultur kennenzulernen. Doch nichts, was er in all den Jahren entdeckt hatte, ähnelte dem, was er jetzt in Händen hielt.

Aus der Nähe war der Duft satt und üppig, und L’Étoile fühlte sich wie auf Schwingen von ihm davongetragen – fort von der Gruft, hinaus in die Weite, in die sternenklare Nacht, zu einem Flussufer, wo er den Wind und die erfrischende Kühle spürte.

Irgendetwas geschah mit ihm. Er wusste, wer er war: Giles L’Étoile, Sohn des renommiertesten Parfümeurs und Handschuhherstellers von ganz Paris. Und wo er war: mit Napoleon Bonaparte in einer unterirdischen Grabkammer in Alexandria. Doch zugleich war er anderswo, am Ufer eines breiten, grünen Stroms, wo er neben einer Frau im Schatten von Dattelpalmen saß. Er spürte, dass er diese Frau schon lange kannte, doch zugleich war sie ihm völlig fremd.

Die Frau war wunderschön. Sie war groß, schlank und hatte dichtes schwarzes Haar und dunkle Augen, in denen Tränen glänzten. Ihr in ein dünnes Baumwollkleid gehüllter Körper wurde von einem Schluchzen geschüttelt, das ihm schier das Herz zerriss. Er begriff instinktiv, dass ihr Schmerz von etwas herrührte, das er selbst getan oder unterlassen hatte, und dass er allein diesen Schmerz stillen konnte. Er musste ein Opfer bringen. Tat er es nicht, dann würde ihr Schicksal ihn auf ewig verfolgen.

Er nahm den Leinenumhang ab, den er über seinem Rock trug, und tauchte einen Zipfel davon ins Wasser, um ihre Tränen fortzuwischen. Als er sich über den Fluss beugte, sah er sein Spiegelbild. Er erblickte einen Unbekannten, einen jüngeren Mann von höchstens fünfundzwanzig Jahren. Die Haut des Mannes war goldfarben getönt, dunkler als L’Étoiles. Er hatte schärfere, klarere Gesichtszüge und schwarzbraune statt blaue Augen.

»Schauen Sie«, sagte aus weiter Ferne eine Stimme, »hier ist auch ein Papyrus.«

L’Étoile begriff vage, dass es Abus Stimme sein musste, doch zugleich vernahm er sich nähernde Pferdehufe. Die Frau an seiner Seite hörte sie ebenfalls; Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. Er ließ seinen Umhang fallen, ergriff ihre Hand und half ihr auf, um sie in Sicherheit zu bringen, nur fort von diesem Fluss.

Ein Schrei ertönte. Jemand prallte gegen ihn. Ein Tongefäß zerbrach laut krachend auf dem Alabasterboden. L’Étoile war wieder in der Grabkammer, und statt des melancholischen Antlitzes der fremden Frau sah er Abu vor sich, der eine Papyrusrolle umklammert hielt und fassungslos auf die Scherben des Tontiegels starrte.

Der Geruch hatte alle Männer in Trance versetzt, und L’Étoile war als Erster wieder daraus erwacht. Um ihn herum herrschte Chaos. Alle flüsterten, schluchzten, schrien oder lallten in Sprachen, die L’Étoile nicht verstand. Sie schienen mit unsichtbaren Dämonen zu kämpfen, verborgene Feinde zu bezwingen oder mit Gefährten zu sprechen, die nur sie selbst sahen.

Was war mit ihm geschehen? Und was geschah mit seinen Gefährten?

Einer der jungen Ägypter saß lächelnd an die Wand gelehnt vor ihm und sang in einer altertümlichen, fremden Sprache ein Lied. Ein anderer lag wimmernd am Boden, und noch einer wehrte einen unsichtbaren Angreifer ab. Zwei der Wissenschaftler schauten den anderen nur entsetzt zu. Saurent kniete betend auf dem Alabasterboden und rezitierte mit entrücktem Gesicht eine lateinische Messe. Der Kartograph trommelte mit den Fäusten auf eine Wand ein und rief wieder und wieder den Namen eines Mannes.

L’Étoile sah zu Napoleon hinüber. Der General stand wie erstarrt neben dem Sarkophag und blickte durch die Wand wie in eine unendliche Ferne. Er wirkte blasser als sonst, und Schweiß stand ihm auf der Stirn, als sei er krank.

Es gab Düfte, die Krankheiten heilen konnten, und andere, die dem Körper schadeten. Gifte, die betörend rochen und ihren Opfern den Atem raubten. L’Étoiles Vater hatte ihn alles darüber gelehrt und ihn vor den Gefahren gewarnt. Daher fürchtete er jetzt um sich selbst, um den Feldherrn und seine Begleiter. Waren sie einem jahrtausendealten Gift zum Opfer gefallen?

Er musste handeln. Rasch griff er nach einer kleinen goldenen Truhe auf einem Stapel von Grabbeigaben, leerte ihren Inhalt – Gold und Glassteine – auf den Boden und legte das intakte Tongefäß hinein. Dann kehrte er mit der Hand die Scherben des anderen zusammen, das der General hatte fallen lassen, legte sie dazu und schloss den Deckel.

Der Duft war noch immer durchdringend, doch jetzt, da die Parfümbehälter weggeschlossen waren, wurde er allmählich schwächer. L’Étoile beobachtete, wie die Männer einer nach dem anderen wieder zu sich kamen und um ihre Fassung rangen.

Plötzlich stürzte Napoleon zu Boden, und der hölzerne Sargdeckel zersplitterte krachend unter seiner Last. Der Parfümeur kannte die Gerüchte, nach denen der General wie schon sein großes Vorbild Julius Cäsar unter der Fallsucht litt. Jetzt schüttelten Krämpfe den Körper des Feldherrn, und Schaum stand ihm vor dem Mund.

Sein Adjutant eilte herbei und beugte sich über ihn.

Hatte das Parfüm diesen Anfall ausgelöst? L’Étoile hatte es jedenfalls sehr zugesetzt. Das Schwindelgefühl und die Benommenheit, die ihn beim Betreten der Kammer befallen hatten, ließen erst jetzt allmählich nach.

»Dieser Ort ist verflucht!«, schrie Abu und warf die Papyrusrolle in den Sarg zurück, wo sie auf den beiden entblößten Leichnamen zu liegen kam. »Wir müssen hier raus!« Er rannte zur Tür hinaus und den Flur entlang.

»Das Grab ist verflucht!«, echoten die jungen Arbeiter mit bebenden Stimmen und stürzten Hals über Kopf, einander in der Hast beiseite stoßend, zum Ausgang.

Napoleons Experten folgten ihnen.

Der Adjutant half seinem General, der inzwischen wieder bei Sinnen war, behutsam auf die Beine und führte ihn ebenfalls hinaus. Nur L’Étoile blieb in der Grabkammer des Parfümeurs und seiner im Tod vereinten Geliebten zurück.

Er beugte sich über das Paar, nahm die Papyrusrolle, die Abu in den Sarg geworfen hatte, legte sie zu den Tongefäßen in die kleine Truhe und verstaute die Truhe tief unten in seinem Tornister.

Zwei

NEW YORK CITY, GEGENWART

DIENSTAG, 10. MAI, 8:05 UHR

 

Als Jac L’Étoile vierzehn Jahre alt war, hatte die Mythologie ihr das Leben gerettet. Sie erinnerte sich noch genau an damals, besonders an das, was sie am liebsten vergessen hätte. Gerade das stand ihr natürlich am deutlichsten vor Augen.

Das Mädchen, das sie jetzt vor dem Fernsehstudio auf der West 49th Street erwartete, konnte kaum älter als vierzehn sein. Schlaksig, unbeholfen und zugleich aufgeregt und zittrig, kam sie auf Jac zu und streckte ihr ein Exemplar ihres Buches Den Mythen auf der Spur entgegen.

»Würden Sie mir ein Autogramm geben, Miss L’Étoile?«

Jac hatte ihr Buch gerade im Studio in einer Talkshow vorgestellt, doch sie war alles andere als eine Prominente. Ihre eigene Fernsehsendung, die ebenfalls Den Mythen auf der Spur hieß und in der sie nach den Ursprüngen mythologischer Geschichten und Gestalten forschte, hatte weniger als eine Million Zuschauer. Eine Begegnung mit einem Fan war daher eine freudige Überraschung.

Die Limousine, die Jac bestellt hatte, stand bereits an der Straßenecke, und der Chauffeur wartete an der Beifahrertür. Doch sie durfte sich ruhig ein wenig verspäten. Wo sie jetzt hinwollte, warteten nur die Geister der Vergangenheit auf sie.

»Wie heißt du?«, fragte Jac.

»Maddy.«

Jac bemerkte das leichte, zitrusfrische Parfüm des Mädchens. Junge Frauen und Zedernfrüchte fanden eben immer wieder zueinander. Sie kramte ihren Füllfederhalter hervor und begann zu schreiben.

»Manchmal tut es so gut, zu wissen, dass es echte Helden gibt«, murmelte Maddy ehrfürchtig. »Dass Menschen unglaublich viel erreichen können.«

Ein lauter, überfüllter Gehweg gegenüber der Radio City Music Hall mochte nicht der passendste Ort für persönliche Bekenntnisse sein, doch Jac nickte und lächelte Maddy komplizenhaft zu.

Sie hatte diese Sehnsucht selbst nur allzu gut gekannt. Als Jac damit begonnen hatte, die Ursprünge von Mythen zu erforschen – weltweit antike Bauwerke zu besichtigen, Museen, Sammlungen und Bibliotheken zu kontaktieren, Spuren längst versunkener Kulturen aufzustöbern –, war es ihr darum gegangen, ihr Publikum zu unterhalten und zu bilden. Nur deshalb hatte sie nach den Fakten hinter der heroischen Fiktion und nach den normalsterblichen Vorbildern von Riesen und Legenden gesucht. Jac wies nach, dass gefeierte Heldentaten oft kleine, unbedeutende Handlungen oder sogar Zufälle gewesen waren. Sie deckte auf, dass der tragische Tod mythologischer Gestalten in Wirklichkeit selten eindrucksvoll und symbolisch ausfiel. Stattdessen überhöhten die Überlieferer der Legenden die Realität zu einer lehrreichen, inspirierenden Fabel.

Es ging ihr darum, Mythen zu entzaubern, sie auf das Normalmaß zurechtzustutzen. Doch tatsächlich erreichte sie das Gegenteil.

Der Nachweis, dass Mythen überhaupt reale Vorbilder hatten, dass es die antiken Helden, Götter, Parzen, Furien und Musen in irgendeiner Form wirklich gegeben hatte, schenkte ihren Lesern und Zuschauern Zuversicht.

Deshalb schrieben sie Fanpost und Dankesbriefe an Jac, deshalb hatte sie bereits seit zwei Jahren ihre eigene Fernsehshow, und deshalb gab es Teenager wie Maddy, die ein Autogramm von ihr wollten.

Und genau deshalb fühlte Jac sich wie eine Betrügerin.

Sie wusste, dass der Glaube an Helden einem das Leben retten konnte, doch er konnte ebenso gut alles zerstören. Das erzählte sie Maddy nicht. Stattdessen setzte sie ihre Unterschrift unter die Widmung, gab ihr dankend das Buch zurück und stieg in die bereitstehende Limousine.

 

Eine Dreiviertelstunde später erkannte Jac an dem satten Aroma von Tannen und frisch erblühten Judasbäumen, dass sie den Sleeping Hollow Cemetery erreicht hatten, einen Friedhof im fruchtbaren Hudson River Valley. Als sie von ihrer Lektüre aufblickte, tauchte gerade das große schmiedeeiserne Eingangstor vor ihnen auf.

Während der Wagen durch das Tor und den Kiesweg hinunterrollte, löste Jac das Haarband, das ihre störrischen Locken im Zaum hielt, und umschlang sie von neuem. Einmal, zweimal. Seit ihrer Kindheit sammelte sie Haarschleifen und besaß sie kistenweise: Bänder aus zartem Satin, aus festem Ripsband, aus Samt, Moiré und Jacquard, die sie oft in Antiquitätenläden und Wühlkisten fand. Von diesem Band aus schimmerndem Satin hatte sie sieben Meter auf einer stockfleckigen Spule ergattert, die mit »Memorial Black« beschriftet gewesen war.

Der Chauffeur fuhr den Hauptweg hinunter bis zur ersten Gabelung und bog rechts ab. Jac hielt nach dem vertrauten Dachkreuz aus Granit Ausschau, während sie an langen Reihen von Grabsteinen, Kapellen und Statuen vorüberglitten, und brachte ihren langen weißen Schal in Ordnung.

Seit hundertsechzig Jahren wurden alle Mitglieder der Familie ihrer Mutter auf diesem verwilderten viktorianischen Friedhof auf einem Felsmassiv über dem Pocantico River begraben. So viele Angehörige hier zu wissen, weckte ein seltsames Gefühl der Vertrautheit in ihr. Sie fühlte sich unbehaglich, ruhelos in diesem Reich der Toten, und dennoch wie zu Hause.

Der Fahrer stellte den Wagen unter einem Robiniengehölz ab und umrundete ihn, um Jac die Tür zu öffnen. Einige Augenblicke lang schwankte sie zwischen Entschlossenheit und Angst, dann stieg sie aus.

Jac stand im Schatten der Baumgruppe auf den Stufen der prunkvollen Grabkapelle im griechischen Stil und rüttelte an dem Schlüssel. Bis letztes Jahr hatte sie nie Schwierigkeiten mit dem Schloss gehabt, doch damals hatte sich auch noch keine Rostspur vom Schlüsselloch abwärts gezogen. Wahrscheinlich war das Innenleben korrodiert. Während sie prüfend den Bart des Schlüssels hin- und herschob und Druck auf den Griff gab, fiel ihr auf, dass die Türscharniere mit Moos bewachsen waren.

Ein Bronzerelief an der Tür des Grabmals, dessen ursprünglicher Glanz längst unter dem Grünspan verschwunden war, stellte drei Gesichter dar. Alle drei – Leben, Tod und Unsterblichkeit – blickten auf die Besucherin herab, und Jac betrachtete sie, während sie sich weiter mit dem Schlüssel abmühte.

Der Lochfraß, der den Tod befallen hatte, ließ seine Züge sanfter erscheinen, besonders um die Augen herum. Ein Finger, den er sich an die Lippen hielt, um sie für immer zu verschließen, verwitterte allmählich, ebenso wie die Mohnblumen in seinem Haar, das Symbol der alten Griechen für den Schlaf.

Im Gegensatz zu ihren beiden Gefährten hatte die Unsterblichkeit ein jugendliches Gesicht, doch die Schlange, die sich, den eigenen Schwanz verschlingend, um ihren Kopf wand, war mit grünen und schwarzen Verwitterungsspuren übersät. Nicht sehr passend für ein jahrtausendealtes Symbol der Unendlichkeit. Nur das Abbild der menschlichen Seele, ein Schmetterling auf der Stirn der Unsterblichkeit, war makellos.

Jac musste fast lachen bei dem Gedanken, dass ihr der Eintritt verwehrt bleiben könnte. Doch schließlich gab die Mechanik nach, und der Schlüssel drehte sich im Schloss. Die Scharniere ächzten wie ein Greis, als sie die Tür aufschob. Sofort wehten ihr der kreidige Geruch des Gemäuers und die abgestandene Luft entgegen, mit einem Hauch verrotteten Laubs und trockenen Holzes. Der »Duft des Vergessens«, wie Jac ihn nannte.

Sie blieb auf der Schwelle stehen und sah hinein.

Die Vormittagssonne, die durch die beiden mit violetten Iris verzierten Buntglasfenster drang, tauchte den Innenraum in ein melancholisches, kobaltblaues Licht. Es ergoss sich über den lang hingestreckten steinernen Engel auf dem Altar. Sein Gesicht war abgewandt, doch an den Gesten seiner zarten Hände und an den hängenden Flügeln, deren Spitzen den Boden der Kapelle berührten, erkannte man seinen Schmerz.

Unter jedem der beiden Fenster standen Alabasterkrüge mit Jacs Opfergaben vom letzten Jahr: ehemals blühenden Ästen eines Apfelbaums, die längst vertrocknet und verblichen waren.

In der Mitte des Raums, auf einer niedrigen Bank aus Granit, saß eine Frau und sah Jac mit einem vertrauten, traurigen Lächeln erwartungsvoll entgegen. Das bläuliche Licht durchdrang die Gestalt und fiel ungebrochen auf Jacs Beine.

Ich dachte schon, du kommst nicht mehr. Die leise Stimme schien weniger aus dem Inneren des durchsichtigen Schemens zu kommen als aus der Luft, die ihn umgab.

Sie ist nicht real, ermahnte Jac sich, betrat die Kapelle und schloss die Tür. Der Geist ihrer Mutter war eine Anomalie. Reine Einbildung. Eine Nachwirkung der Krankheit. Das letzte Überbleibsel aus dieser fürchterlichen Zeit, als das Gesicht im Spiegel nicht ihr eigenes war. Als sie ihre in der Schule gemalten Landschaftsbilder so beharrlich für reale Orte aus ihrer Erinnerung hielt, dass sie nach ihnen zu suchen begann. Als sie die Schreie von Menschen hörte, die lebendig begraben, lebendig verbrannt wurden, Schreie, die niemand sonst vernahm.

Mit vierzehn hatte Jac zum ersten Mal die Stimme ihrer toten Mutter gehört. In den Stunden nach ihrem Tod ununterbrochen, dann täglich, dann immer seltener. Seit sie Frankreich verlassen hatte und nach Amerika ausgewandert war, hörte sie sie nur noch einmal jährlich, hier im Mausoleum, am Jahrestag ihres Todes. Die Stimme einer Mutter, die sie zu früh verlassen hatte, mit einer allzu dramatischen Geste. Audrey war in der Werkstatt ihres Mannes gestorben, umgeben von den schönsten Düften der Welt. Für Jac, die sie dort gefunden hatte, war die Erinnerung noch immer schockierend lebendig. Der Geruch von Rose und Lilie, von Lavendel, Moschus und Patschuli, Vanille, Veilchen und Verbene, Sandelholz und Salbei, und der Anblick der toten, ins Leere starrenden Augen. Der Anblick eines immer so lebhaften, jetzt reglosen Gesichts. Einer ausgestreckten Hand, als hätte sich Audrey im letzten Moment noch erinnert, dass sie etwas Wichtiges zurückließ, und danach greifen wollen.

Mit den frischen blühenden Zweigen, die sie mitgebracht hatte, durchquerte Jac den Raum und legte den Strauß neben einer der alten Vasen ab. Als sie die vertrockneten Zweige vom letzten Jahr herausnahm, zerfielen sie. Jac kniete sich hin und fegte die Überreste mit der Hand zu einem Haufen zusammen. Sie hätte diese Aufgabe delegieren können, doch es gab ihr bei ihrem alljährlichen Besuch etwas Konkretes und Greifbares zu tun.

Jac war kein Einzelkind, dennoch besuchte sie die Gruft jedes Jahr wieder allein. Jedes Mal erinnerte sie ihren Bruder an den Termin und hoffte, selbst wenn sie es nicht erwartete, dass Robbie ihr Gesellschaft leisten würde. Erwartungen führten nur zu Enttäuschungen. Das hatte ihre Mutter sie gelehrt und ihre kleine Tochter davor gewarnt, auf die Verheißungen des Lebens hereinzufallen.

»Überlebende«, hatte sie immer gesagt, »halten sich an die Fakten.« Eine harte, potentiell verheerende Lektion für ein Kind, das noch nicht berücksichtigen konnte, wer sie aussprach: eine Frau, die selbst außerstande war, ihrem Rat zu folgen. Du stammst aus einer Familie von Träumern, aber es gibt einen Unterschied zwischen Einbildung und Wirklichkeit. Verstehst du? Das wird dir helfen, glaub mir.

Doch Jacs Kindheitsträume waren anders gewesen als die der anderen. Sie waren voller quälender Geräusche und hässlicher Gestalten. Voller Bedrohungen, vor denen es kein Entkommen gab. Robbies hingegen waren visionär. Er glaubte damals, er würde eines Tages das Buch der Düfte finden, das ihr Vorfahr aus Ägypten mitgebracht hatte, und mit Hilfe der Rezepturen darin wundertätige Elixiere zusammenbrauen. Immer wenn er davon anfing, lächelte Jac herablassend, wie ältere Geschwister es tun, und sagte: »Maman hat gesagt, das ist alles nur ausgedacht.«

»Nein, Papa sagt, es ist wahr«, hielt Robbie dagegen. Dann rannte er in die Hausbibliothek und kam mit dem alten, in Leder gebundenen Geschichtsbuch zurück, das sich schon von allein auf der richtigen Seite öffnete. Er deutete auf einen Kupferstich des römischen Autors und Philosophen Plinius des Älteren. »Er hat Kleopatras Buch selbst gesehen. Das hat er geschrieben, siehst du? Hier steht es.«

Sie raubte ihrem Bruder nicht gern seine Illusionen, doch es war wichtig, ihm klarzumachen, dass das alles nur eine aufgebauschte Mär war. Wenn sie ihn davon überzeugen konnte, vielleicht glaubte sie es dann irgendwann selbst.

»Es kann ja sein, dass es irgendwann eine Liste der Parfüms gegeben hat, die unter Kleopatra hergestellt wurden, aber die besitzen wir nicht. Und ein mnemonisches Parfüm gibt es erst recht nicht. Es kann keinen Geruch geben, der Erinnerungen wachruft. Das haben sich unsere Vorfahren bloß ausgedacht, um dem Haus L’Étoile ein besonderes Image zu verpassen. Seit über zweihundert Jahren entwickelt, produziert und verkauft unsere Familie Parfüms. Nur Parfüms, Robbie. Mixturen aus Ölen und Alkohol. Keine Träume und keine Visionen. Das sind alles bloß Phantastereien. Spannende Geschichten.«

Ihre Mutter hatte ihr alles über Geschichten beigebracht. Über jene, die man sich selbst ausdachte, wie auch über die, die einen ungebeten überkamen. »Selbst wenn sie beängstigend sind und dich nicht loslassen, kannst du sie immer unter Kontrolle behalten«, hatte Audrey mit einem bedeutungsvollen Blick zu ihr gesagt. Jac begriff, dass es ihr um die Schatten ging, die sie beide verfolgten. Dass sie ihr Hinweise gab, ihr half, mit dem fertig zu werden, was sie beide von allen anderen unterschied.

Trotz der mütterlichen Ratschläge hätten diese Erscheinungen Jac fast um den Verstand gebracht. Schon zuvor waren sie schlimm genug gewesen, doch nach Audreys Tod wurden Jacs verstörende Visionen lebhafter denn je. Sie waren durch nichts mehr von der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Nach monatelangen Konsultationen bei Ärzten, die ihr nicht helfen konnten, traf sie einen, der sie verstand. Er brachte ihr bei, ihre Ängste zu destillieren, wie es Parfümeure tun. Wie man die Essenz einer Blüte extrahiert. Dann lehrte er sie, diesen wenigen Tropfen ihrer grellsten, blutigsten Angstphantasien mit Hilfe der Mythologie einen Sinn abzugewinnen.

In einer ihrer schrecklichsten Visionen, die sie immer wieder heimsuchte, war Jac hoch über einem apokalyptischen Stadtszenario in einem brennenden Raum eingesperrt. Zu einer Seite hatte das Zimmer eine Fensterfront. Verzweifelt bemühte sie sich, die Fensterflügel zu öffnen, bevor der Rauch ihr den Atem nahm. Wenn sie nur den Weg ins Freie fand, das wusste sie, konnte sie sich mit den an ihren Rücken geschnallten durchscheinenden Flügeln in Sicherheit bringen.

Von irgendwo außerhalb des Raums hörte sie Stimmen, auch wenn das durch das Röhren der Flammen unmöglich war. Sie schrie um Hilfe, doch niemand nahm Notiz von ihr. Sie würde sterben, das wusste sie.

Unter Anleitung des Arztes erkannte Jac in dem Traum Elemente des Mythos von Daidalos und Ikaros. Der entscheidende Unterschied – und somit der Schlüssel zum Verständnis ihres Traums – lag darin, dass Jac allein in dem Inferno war. Vater und Mutter hatten sie verlassen. Ikaros hatte zwar den Rat seines Vaters ignoriert, doch sein Vater war bei ihm gewesen. Jac wurde von niemandem davor gewarnt, der Sonne oder dem Meer zu nahe zu kommen. Sie war allein. Gefangen. Verloren. Hilflos dem Tod preisgegeben.

Diese erste Bekanntschaft mit mythologischen Bildern und Archetypen war der Beginn eines langen Weges, der Jac zu ihrem Buch Den Mythen auf der Spur und später zu ihrer Fernsehsendung führen sollte. Statt sich mit Parfüms zu beschäftigen wie ihr Bruder, wie ihr Vater und dessen Vater, wurde sie Forschungsreisende auf den Spuren der Mythologie. Sie erweckte die alten Sagengestalten zum Leben, um sie auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. In Athen, Rom und Alexandria suchte sie in Baudenkmälern und Archiven nach Hinweisen auf die Menschen und Ereignisse, die zu Mythen verklärt worden waren.

Jac wollte ihrem Publikum vermitteln, dass diese Geschichten Metaphern, moralische Lehren und Orientierungshilfen in sich bargen, aber keine Wahrheiten. Wunderglaube konnte gefährlich sein. Der Realitätssinn gab ihr Halt. Es gab keinen Minotaurus, keine Monster, keine Einhörner, Feen und Geister. Zwischen Fakten und Fiktionen verlief eine klare Grenze. Und seit sie erwachsen war, verlor Jac diese Grenze nie aus den Augen.

Außer wenn sie hierherkam, am Todestag ihrer Mutter, jedes Jahr am 10. Mai.

 

Das Licht verblasste und erglühte wieder. Jac wusste, dass es nur an den vorüberziehenden Wolken lag, doch es sah aus, als hätte der Engel auf dem Altar zu atmen begonnen. Wie schön wäre es, zu glauben, dass der steinerne Engel zum Leben erwachen könnte. Dass es Helden gab, die einen nie enttäuschten. Dass ihre Mutter wirklich zu ihr sprach.

Aber das tue ich doch, antwortete ein Flüstern auf Jacs unausgesprochene Gedanken. Und das weißt du auch. Ich weiß, du hältst es für gefährlich, mir zu glauben. Aber sprich mit mir, Liebes, es wird dir guttun.

Jac erhob sich und wickelte die blühenden Apfelzweige aus der Folie. Sie sprach nie mit der Erscheinung. Ihre Mutter war nicht wirklich da. Was sie sah, war nur ein Erzeugnis falsch verschalteter Synapsen. Sie hatte den MRT-Scan auf dem Schreibtisch ihres Vaters selbst gesehen und den Befund gelesen.

Jac war damals vierzehn gewesen, doch selbst als Erwachsene hätte sie für einige der Ausdrücke ein Wörterbuch gebraucht. Man hatte festgestellt, dass in ihrem Frontallappen, in der Hirnregion, in der sich öfter Hinweise auf psychotische Störungen finden ließen, das Volumen der Weißen Masse leicht verringert war. Das war der Beweis, dass es nicht bloß ihre überbordende Phantasie war, die ihr das Gefühl gab, verrückt zu werden, sondern eine diagnostizierbare Krankheit.

Doch therapierbar war sie nicht so ohne Weiteres. Jacs langfristige Prognose war ungewiss. Ihr Zustand konnte stabil bleiben, doch ebenso gut konnten sich die Symptome verschlimmern.

Der Arzt empfahl, sofort mit einer Therapie zu beginnen und auszuprobieren, ob Psychopharmaka eine Linderung herbeiführen würden.

Jac zerknüllte die Folie, die laut raschelte, doch nicht laut genug, um die Stimme ihrer Mutter zu übertönen.

Ich weiß, wie sehr dich das beunruhigt, Liebes, und es tut mir leid.

Sobald die Zweige in der Urne unter dem westlichen Fenster standen, verbreitete sich der Duft ihrer Blüten. Jac selbst mochte lieber dunkle, holzige Noten. Gewürze und Moschus. Moos und Pfeffer mit einem Hauch von Rose. Doch ihre Mutter hatte diesen süßlichen Blütenduft geliebt, also brachte Jac ihn Jahr für Jahr mit in die Kapelle und ließ sich von ihm an all das erinnern, was sie vermisste.

Draußen verdunkelte sich der Himmel, und ein Unwetter brach los. Jac kauerte sich vor die Urne und lauschte dem Regenschauer, der auf das Dach trommelte und die Scheiben erzittern ließ. Normalerweise wurde sie schnell ungeduldig und beeilte sich, von einem Termin zum nächsten zu kommen. Den Standort zu wechseln. In Bewegung zu bleiben. Sie tat alles, um jede Langeweile zu vermeiden, die zu unerwünschten Grübeleien verführen konnte. Doch hier, in der Grabkapelle, erlaubte sich Jac einmal im Jahr die krankhafte Befriedigung, ihren Ängsten, ihrer Trauer und Enttäuschung nachzugeben. Hier in der Gruft, in diesem traurigen blauen Licht, konnte sie zur Ruhe kommen und hinnehmen, was sie sonst verdrängte. Sie ließ die Visionen zu. Furchtsam zwar, doch ohne sie zu bekämpfen. Nur einmal im Jahr. Nur hier.

Als kleines Mädchen dachte ich immer, dieses Licht sei eine Brücke, auf der ich von den Lebenden zu den Toten und wieder zurück gehen könnte.

Jac meinte fast zu spüren, wie ihre Mutter ihr übers Haar strich, wenn sie so in dem sanften Flüsterton sprach, mit dem sie sie früher in den Schlaf geleitet hatte. Sie schloss die Augen. Das Unwetter füllte den Moment des Schweigens, ehe ihre Mutter weitersprach.

Und das ist es doch für uns zwei, nicht wahr, Liebes? Eine Brücke.

Jac antwortete nicht. Sie konnte nicht. Sie lauschte auf die nächsten Worte, doch stattdessen war nur das Rauschen des Regens zu hören – und das Ächzen der Scharniere, als die schwere Tür sich öffnete. Ein kalter, feuchter Luftzug fuhr in die Kapelle, und Jac drehte sich um. Sie sah die Silhouette eines Mannes in der Tür und wusste einen Moment lang nicht, ob er real war oder nur einer ihrer Geister.

Drei

NANJING, CHINA

DIENSTAG, 10. MAI, 21:05 UHR

 

Einen Augenblick lang senkte der Mönch den Kopf wie zum Gebet, dann zündete er ein Streichholz an. Seine Ruhe und Gelassenheit schienen beinahe göttlich, ein Augenblick tiefen inneren Friedens. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich kaum, als er das Streichholz an seine mit Petroleum getränkte Kutte hielt. Flammen in demselben Safranton wie seine Kleidung hüllten ihn ein.

Xie Ping wandte sich von der Website auf dem Bildschirm ab und sah zu Cali Fong hinüber. Tränen standen ihr in den Augen.

»Es ist eine Schande«, flüsterte sie mit zitternder Stimme. Mit ihren knapp ein Meter fünfzig konnte man die Dreiundzwanzigjährige leicht für eine Teenagerin halten. Kaum jemand hätte Cali die überbordenden, riesigen Bilder zugetraut, die sie malte – manche waren sieben Meter hoch. Und ihr leidenschaftlicher Einsatz für Menschenrechte und künstlerische Freiheit passte ebenso wenig zu der zierlichen Mädchengestalt. Einen so meinungsstarken Menschen wie sie zur besten Freundin zu haben, war für Xie sicher nicht die klügste Wahl, doch er hatte irgendwann beschlossen, dass es ebenso verdächtig gewesen wäre, sie zu meiden, wie sich mit ihr anzufreunden.

»Du solltest dich ausloggen«, sagte Xie. »Und weine nicht. Nicht in der Öffentlichkeit.«

Obwohl viele Studenten und Dozenten über die Unruhen in Tibet diskutierten, konnte es gefährlich werden, wenn gerade er Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Aber das hier ist wichtig, und …«

»Cali, ich muss jetzt los«, sagte er, bemüht, sie zur Vernunft zu bringen. »Eins meiner Projekte ist fällig, und ich muss so schon die halbe Nacht durcharbeiten. Bitte räum hinter dir auf und lass uns gehen, ja?«

Jeder neue PC wurde in China mit vorinstallierter Zensursoftware ausgeliefert, die den Zugriff auf die Seiten der BBC, auf Twitter, YouTube, Wikipedia und Blogs verhinderte. Nach der Darstellung der Regierung dienten diese Maßnahmen der Bekämpfung von Pornografie, doch jeder wusste, dass sie dazu gedacht waren, die Öffentlichkeit von Informationen über Demokratiebewegungen, über Tibet oder die verbotene spirituelle Gemeinschaft Falun Gong abzuschneiden. Subversive oder pornografische Websites zu besuchen war ebenso verboten wie jede Anwendung von Techniken, mit denen sich die staatliche Internetzensur umgehen ließ.

Techniken, mit denen Cali sich bestens auskannte. Während sie ihre Surfspuren beseitigte, schloss Xie die Augen und begab sich auf die Suche nach dem Ort der Stille in seinem Inneren. Lautlos intonierte er ein Mantra, das er gelernt hatte, als er gerade erst sechs Jahre alt war.

Om mani padme hum.

Er wiederholte es langsam viermal hintereinander, und für die wenigen Sekunden, die er sich gönnte, verstummte der Lärm des Internetcafés um ihn herum. Die Filmaufnahmen hatten ihn viel stärker aufgewühlt, als er es Cali oder, noch schlimmer, irgendjemandem sonst gegenüber zugeben durfte.

Mit einer Berührung am Arm holte ihn Cali in die Gegenwart zurück. »Wie schlimm soll es noch werden, bis die internationale Gemeinschaft endlich einschreitet?«

»Sie kann nicht einschreiten. Die finanziellen Konsequenzen wären unabsehbar. Sie schulden uns alle viel zu viel Geld. China hat sie alle in der Hand.« Xie bemühte sich, sachlich zu klingen, er fühlte sich jedoch alles andere als rational. Diese Groteske, die sich in seiner Heimat abspielte, verschlimmerte sich mit jedem Tag. Es wurde Zeit, sich zu engagieren. Er hatte keine Wahl. Jetzt nicht mehr. Schluss mit der Maskerade. Egal, wie hart der Weg war, der vor ihm lag, egal, wie gefährlich.

Draußen auf der Straße entdeckte er eine Gruppe blau gekleideter Polizisten, die auf das Café zusteuerten. Razzien auf der Suche nach subversiven Elementen gab es immer wieder, und er wollte lieber nicht hineingeraten. »Komm, gehen wir«, sagte er und stand auf.

»Allein in den letzten sechs Tagen haben sich hundertdrei Mönche angezündet.«

»Ich weiß, Cali. Komm jetzt.«

»Einhundertunddrei Mönche«, sagte sie noch einmal, als könne sie die Zahl nicht fassen.

Er fasste sie am Arm. »Wir müssen los.«

Als sie das Café verließen, überquerten die vier Polizisten gerade die Straße und gingen auf den Eingang zu. Sobald sie außer Hörweite waren, stellte Cali die Fragen, die auch Xie bewegten, ohne dass er sie aussprechen konnte. »Wie soll das alles diesem armen kleinen Jungen nützen? Wird man ihn je wiederfinden? Warum wird ausgerechnet jetzt die Verordnung Nummer fünf so durchgedrückt? Wussten die nicht, dass das nur noch mehr Ärger macht? Und wie konnten sie sie nur so offensichtlich missbrauchen? Wie gefährlich kann ein einzelner kleiner Junge schon sein?«

»Sehr gefährlich, wenn es ein kleiner Junge wie dieser ist.«

Die Verordnung Nummer fünf war 2007 in Kraft getreten und verlieh der Regierung das Recht, in die Reinkarnation der buddhistischen Meister einzugreifen, indem sie jede Wiedergeburt genehmigungspflichtig machte.

Reinkarnationen anzuerkennen war nicht das Entscheidende. Der Regierung kam es darauf an, sie ablehnen zu können, wenn sie Chinas Kontrolle über Tibet und den tibetischen Buddhismus gefährdeten. Der Verordnung zufolge mussten »Reinkarnationsgenehmigungen« von staatlichen Stellen erteilt werden, und zugleich gab es ganze Regionen, in denen Wiedergeburten grundsätzlich verboten waren. Natürlich gehörten auch die zwei spirituell bedeutsamsten Städte in Tibet, Xining und Lhasa, dazu.

Xie musste daran denken, wie sein Großvater von der Anerkennung des gegenwärtigen Dalai Lama, des geistigen und staatlichen Oberhaupts Tibets, im Jahr 1937 erzählt hatte. Der Junge war gerade zwei Jahre alt gewesen, als man ihn auf der Suche nach der Reinkarnation des Thubten Gyatsho fand, der von seinem dritten Lebensjahr 1879 bis zu seinem Tod 1933 der dreizehnte Dalai Lama gewesen war.

Ihren ersten Hinweis auf den Aufenthaltsort des Kindes bekamen die Mönche, als der Kopf des einbalsamierten Lama sich bewegte. Eines Tages lag er nicht mehr mit dem Gesicht nach Süden, sondern in Richtung Nordosten.

Dann erblickte ein älterer Lama Gebäude und Schriftzeichen auf der spiegelnden Oberfläche eines heiligen Sees. Diese Hinweise führten die Suchenden in ein Kloster in der Provinz Amdo, wo Mönche ihnen dabei halfen, den Jungen zu identifizieren.

Schließlich unterzogen sie ihn einer letzten Prüfung, um sicherzugehen, dass sie den wahren Dalai Lama vor sich hatten: Sie gaben dem Jungen eine Reihe von Gegenständen, von denen einige dem toten Lama gehörten und andere nicht.

»Das hier ist meins, das ist meins«, sagte er und wählte nur die Dinge aus, die seinem toten Vorgänger gehörten, erst eine Gebetskette und dann seine Brille.

Dreizehn Jahre später, 1950, marschierten die kommunistischen Regierungstruppen Chinas in Tibet ein und übernahmen die Macht. Wiederum neun Jahre darauf verließ der erst vierundzwanzigjährige Dalai Lama seine Heimat und ging nach Indien ins Exil. Seither, seit mehr als fünfzig Jahren, war der Konflikt immer weiter eskaliert. Gerade wurde das Land von einer neuen Welle der Unruhe und Gewalt überschwemmt.

Auslöser der jüngsten tragischen Akte des Widerstands waren die Ereignisse in Lhasa zwei Wochen zuvor: Ein dreijähriges Kind war dort nur vierundzwanzig Stunden nach seiner Anerkennung als reinkarnierter Lama verschwunden.

Seitdem gab es in allen größeren tibetischen Städten Unruhen, und das brutale Vorgehen der Polizei hatte die Ereignisse zu der schwerwiegendsten Krise seit dem Olympiajahr 2008 hochgeschaukelt.

»Genau dasselbe ist doch schon mal passiert, oder?«, fragte Cali.

»Ja, fast jedenfalls.«

Mehr als zwanzig Jahre vorher war ein anderer, sechsjähriger Junge mitsamt seiner Familie verschwunden, kurz nachdem man ihn als den neuen Panchen Lama anerkannt hatte.

Seit Hunderten von Jahren spielte der Panchen Lama eine entscheidende Rolle bei der Identifikation des nächsten Dalai Lama. Die chinesische Regierung behauptete nach wie vor, der besagte Junge sei wohlauf und arbeite inzwischen als Ingenieur in Peking. Inoffiziell gingen die meisten Menschen davon aus, dass er getötet worden war. Nur wenige hegten noch die Hoffnung, er werde eines Tages wieder auftauchen.

Schweigend legten die beiden Freunde den Rest des Weges zur Kunsthochschule Nanjing zurück, wo sie ihren Abschluss machten und als Assistenten arbeiteten.

Am Eingang des Gebäudes hauchte Xie Cali einen Abschiedskuss auf die Wange. »Dann sehen wir uns morgen, ja?«

Sie nickte.

Er nahm behutsam ihren Arm und sprach ruhig und bestimmt. »Ich weiß, wie sehr dich das aufwühlt. Aber bitte erzähle niemandem, was du gesehen hast. Das ist gefährlich, und ich möchte, dass du vorsichtig bist.«

»Ich wünschte, du wärst ein bisschen mutiger.«

Da war so viel, was er ihr nicht sagen konnte. Von all den Opfern, die er bringen musste, schmerzte ihn keins so sehr wie der Umstand, dass er Cali nicht die Wahrheit sagen durfte.

»Bitte sei vorsichtig«, wiederholte er.

Vier

SLEEPY HOLLOW CEMETERY, NEW YORK

9:30 UHR

 

Jac konnte kaum glauben, dass der Mann auf der Schwelle ihr Bruder war. Es war ein weiter Weg von der Rue des Saints-Pères in Paris bis zu dieser Grabkapelle auf einem Friedhof fünfzig Kilometer außerhalb von New York City.

»Hast du mich erschreckt«, sagte sie, statt ihm zu erzählen, wie sehr sie sich freute.

»Tut mir leid«, sagte Robbie und kam herein. Trotz der ruppigen Begrüßung lächelte er.

Wasser perlte an einem riesigen Strauß blühender Apfelzweige herab, den er im Arm hielt, und rann von dem Regenschirm mit Wurzelholzgriff, den schon ihr Großvater gern bei sich getragen hatte. Trotz des Unwetters trug Robbie seine handgefertigten Lederschuhe. Jacs Bruder war immer makellos gekleidet, ohne sich je besonders um seine Anziehsachen zu kümmern. Sie beneidete ihn darum, wie sehr er in sich selbst ruhte. Ihr dagegen schien es viel zu oft, als sei sie in ihrem eigenen Leben fremd.

Robbie hatte dieselben mandelförmigen hellgrünen Augen wie Jac und ebenso wie sie ein ovales Gesicht und lockiges kastanienbraunes Haar, nur dass er seins in einem Pferdeschwanz trug. In seinem rechten Ohr glitzerte ein kleiner Smaragdstecker, und Regentropfen glänzten auf den Platinringen, die er an fast jedem Finger trug. Wenn Robbie einen Raum betrat, geschah immer etwas Magisches. Das Licht schien sich ihm zuzuwenden. In der Luft lag eine Ahnung unbekannter Düfte.

Früher hatten sie sich nie gestritten, doch seit ein paar Monaten hatte sich das geändert, und Jac erinnerte sich noch gut an ihre bisher ernsteste Auseinandersetzung vor drei Tagen am Telefon. Sie betrachtete ihren Bruder, dessen Präsenz jetzt den kleinen Raum erfüllte. Sein Lächeln ließ erkennen, dass er den Streit bereits vergessen hatte. Er freute sich einfach darüber, sie zu sehen.

Sie wartete darauf, dass er etwas sagte, doch genau wie ihr Vater zog Robbie es oft vor, in Gesten statt mit Worten zu kommunizieren. Manchmal ärgerte sie diese Eigenschaft, genauso wie Audrey damals. Jac sah zu der Bank hinüber. Die Erscheinung war nicht mehr da. Hatte Robbie Audrey vertrieben? Jac sah wieder ihren Bruder an und wartete.

Früher hatte es Jac verbittert, dass sie selbst nur hübsch war, ihr Bruder jedoch schön. Ihre Gesichtszüge waren ähnlich, doch an ihm wirkten sie fast zu zart für einen Mann, während Jac etwas zu kantig für eine Frau schien. Wenn sie Robbie ansah, war es, als erblickte sie in einem Zauberspiegel eine andere Version ihres Ich. Ihre Androgynität brachte sie einander ungewöhnlich nah. Und ihre gemeinsame tragische Vergangenheit.

»Ich staune ja, dass du gekommen bist«, sagte Jac schließlich. »Hast du nicht immer gesagt, dass man Todestage erst gar nicht begehen sollte? Und dass Maman gar nicht wirklich tot ist?«

»Oh, Jac, natürlich ist sie das. Die Mutter, die wir hatten, ist gestorben. Aber ich glaube, nein, ich weiß, dass ihr Geist nicht gestorben ist und es auch nie und nimmer tun wird.«

»Was für eine charmante Vorstellung.« Jac gelang es nicht, ihren Sarkasmus zu verbergen. »So ein lebensbejahendes Glaubenssystem muss sehr tröstlich sein.«

Robbie sah ihr schweigend in die Augen. In seinem Blick lag etwas, das sie nicht verstand. Dann trat er auf sie zu, beugte sich herab und küsste sie sanft auf die Stirn. »Ich wollte dir Gesellschaft leisten. Es ist ein trauriger Tag, nicht?«

Jac schloss die Augen. Es tat gut, ihren Bruder bei sich zu wissen. Sie nahm seine Hand und drückte sie. Robbie konnte man nie lange böse sein.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.

Robbie sprach Französisch, und Jac antwortete automatisch in derselben Sprache. Die Geschwister waren mit ihrer amerikanischen Mutter und dem französischen Vater zweisprachig aufgewachsen, doch Jac zog die englische und Robbie die französische Sprache vor. Sie war und blieb mit allen Vor- und noch mehr Nachteilen ein Mutterkind und er der Sohn seines Vaters.

»Sicher.«

Dass sie die Stimme ihrer Mutter hörte, hatte sie ihm nie erzählt, auch wenn sie sonst fast alle Geheimnisse mit ihm teilte. Trotz all ihrer Unterschiede waren die beiden sich verzweifelt nah, wie es Kinder aus gescheiterten Familien öfter sind.

Robbie legte den Kopf schief, und Jac sah, dass er ihr nicht glaubte. Doch er würde nicht nachhaken, das war nicht seine Art. Robbie war der Geduldigere von ihnen beiden. Der Gelassenere. Der sich nie auf einen Streit einließ.

So war es zumindest bis vor kurzem gewesen.

Als Audrey starb, war Jac vierzehn und Robbie elf Jahre alt. Es folgte ein verlorenes Jahr, in dem Jacs Wahnvorstellungen sich verschlimmerten und sie von einem Arzt zum nächsten durchgereicht wurde. Einer hatte ihr wahnhafte Störungen, ein anderer Schizophrenie attestiert, bis man ihr in einer Klinik in der Schweiz tatsächlich helfen konnte und sie fast vollständig geheilt daraus entließ. Danach, mit fünfzehn, war sie nach Amerika übergesiedelt, um bei der Schwester ihrer Mutter und deren Ehemann zu wohnen, und Robbie war bei ihrem Vater in Paris geblieben. Jedes Jahr waren Bruder und Schwester nach Grasse in Südfrankreich gereist und hatten dort gemeinsam zwölf Wochen bei ihrer Großmutter verbracht.

Vor sechs Monaten hatte man ihren Vater wegen seiner Alzheimer-Erkrankung für unmündig erklärt, und die Verantwortung für den Familienbetrieb war auf die Geschwister übergegangen. Sie hatten nicht einmal geahnt, wie nah die Firma dem Konkurs stand. Robbie hatte sich bisher nur mit der Entwicklung eigener Kollektionen von Nischenparfüms beschäftigt, exklusiven Düften, die in kleinen Auflagen vertrieben wurden, und Jac, die nicht einmal in Frankreich lebte, befasste sich gar nicht mit den Alltagsgeschäften. Beide waren von der finanziellen Lage des Unternehmens schockiert. Sie konnten sich nicht darüber einigen, wie es weitergehen sollte, und so endeten in letzter Zeit ihre transatlantischen Telefonate viel zu oft in erbittertem Streit. Die Krise des Hauses L’Étoile entfernte sie weiter voneinander als der zwischen ihnen liegende Ozean.

»Die sind schön.« Jac wies mit einem Nicken auf die Apfelblüten, die Robbie noch immer im Arm hielt.

Er sah zu der frisch gefüllten steinernen Vase hinüber. »Sieht allerdings nicht so aus, als wäre noch Platz dafür.«

»Die hier ist noch leer.« Jac deutete auf die zweite Vase.

Sie beobachtete, wie Robbie sich umsah. Soweit sie wusste, war er noch nie hier gewesen. Er betrachtete den lebensgroßen steinernen Engel, die Buntglasfenster und die Marmortafel mit den in säuberlichen Spalten eingravierten Namen und Daten. Er überflog sie und ließ seine Finger über die Rillen und Kanten des dritten Namens in der mittleren Spalte wandern – den Namen ihrer Mutter. Die Geste rührte Jac.

»Wenn sie glücklich war«, sagte er, »war sie der liebevollste Mensch der Welt. Und der schönste.« Dann wandte er sich lächelnd seiner Schwester zu. Die ärgerlichen Telefonate rückten unter seinem tröstlichen, ruhigen Blick in weite Ferne. Schon bevor Robbie begonnen hatte, sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen, war er nachdenklich und viel ausgeglichener gewesen als Jac. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als den Streit zu beenden und einfach so zu bleiben, wie sie waren: in der gemeinsamen Erinnerung vereint.

»Bist du gekommen, um die Verträge zu unterschreiben?«, fragte sie. »Es geht wirklich nicht anders. Wir müssen verkaufen.«

Dräng ihn doch nicht so.

Jac schrak bei dieser plötzlichen Einmischung zusammen und musste sich beherrschen, sich nicht nach der Stimme ihrer Mutter umzudrehen. Sie hatte gedacht, Audrey sei nicht mehr da.

Fast klang es, als würde Robbie mit einstimmen. »Nicht, Jac. Nicht jetzt.« Er wickelte seine Apfelblüten aus. »Dafür ist später noch Zeit. Können wir jetzt einfach nur wir selbst sein?«

Aber das sind wir schon so lange nicht mehr, dachte Jac.

Als Kinder hatten sie und ihr Bruder genau wie ihr Vater davon geträumt, mit Düften das zu tun, was ein Bildhauer mit einem Felsblock und ein Maler mit seinen Farben tat – sie wollten Poeten sein. Jac hatte diesen Traum aufgegeben, als sie mitbekam, wie teuer ihre Eltern für ihre künstlerischen Ambitionen bezahlten.

Ihr Vater war von der Idee besessen gewesen, einen perfekten Duft zu erschaffen, einen neuen Klassiker, der die Phantasie beflügelte. Seine Entschlossenheit und seine Enttäuschung hatten ihn verbittert. Daran litt die gesamte Familie, vor allem jedoch ihre Mutter. Audrey war eine anerkannte Lyrikerin und hatte selbst mit so starken Dämonen zu kämpfen, dass ihre Kraft nicht ausreichte, um sich gegen die dunklen Seiten ihres Mannes zu wehren. Um ihm zu entkommen, stürzte sie sich in eine zerstörerische Liebesaffäre. Als sie entdeckt wurde und der Konflikt eskalierte, nahm ihre Mutter sich das Leben.

Dein Vater und ich haben aufgegeben. Du hast aufgegeben. Nicht aber Robbie. Er hat nie gezweifelt, und das wird er auch nie.

Jac spürte den Vorwurf, der in diesen Worten lag. Ja, ihre Mutter hatte recht. Jac hatte den Kampf aufgegeben, bevor er überhaupt begonnen hatte. Robbie hatte durchgehalten. Er war fest entschlossen, das Versagen ihres Vaters und das Leid ihrer Mutter wiedergutzumachen.

Und sie allein war dafür verantwortlich, ihn von diesem unsinnigen Vorhaben abzubringen.

Eine verirrte Blüte hing von einem der Zweige herab, die Robbie gerade in die Vase gestellt hatte. Im bläulichen Licht wirkten ihre weißen, rosa überhauchten Blätter lavendelfarben. Jac pflückte sie, beugte sich darüber und atmete ihren Duft.

»Wie hat es ein Mann, der so komplexe, perfekt austarierte Parfüms erschuf, bloß mit einer Frau ausgehalten, die am liebsten diese süßlichen Blüten mochte?«, fragte sie. »Das ist doch fast schon eine Ironie des Schicksals, oder?«

»Wie so vieles zwischen unseren Eltern.«

Robbie zögerte. Atmete tief durch. Dann sagte er leise, als wollte er die Wirkung seiner Worte dämpfen: »Gestern, auf dem Weg zum Flughafen, habe ich Papa besucht.«

Jac antwortete nicht.

Dein Vater hätte Romancier werden sollen. Dann hätte sich seine lebhafte Phantasie vielleicht sogar ausgezahlt. Stattdessen haben seine Wahnvorstellungen das berühmte, altehrwürdige Haus L’Étoile an den Rand des Ruins gebracht. Audrey lachte. Eine Bitterkeit lag darin, die gar nicht zu der Schönheit, die sie gewesen war, zu ihren leuchtend grünen Augen, ihrem glänzend goldbraunen Haar, den herzförmigen Lippen und den hohen, elegant geschwungenen Wangenknochen passen wollte.

In ihren Grabgesprächen, wie Jac sie insgeheim nannte, nannte Audrey ihren Ehemann nie beim Namen, sagte nie Louis zu ihm. Immer hieß es nur dein Vater, als könnte ihn das weiter von ihr abrücken, als sei die Distanz zwischen den Lebenden und den Toten nicht genug.

Das hatte Jac von ihrer Mutter gelernt: Wenn jemand dich verletzt oder enttäuscht, lösche ihn aus deinem Gedächtnis. Und diese Technik beherrschte sie gut. Sie fragte sich nie, was aus Griffin North geworden war. Stellte sich nie vor, was er gerade tat.

Außer jetzt gerade, wie?, spottete Audrey. Aber was soll’s, er war eben nicht gut genug für dich.

Jac und Griffin hatten sich auf dem College kennengelernt. Er war zwei Jahre weiter als sie. Als Jac ihren Master machte, lebte sie zwei Stunden von der Universität entfernt, an der er seine Doktorarbeit schrieb. Jedes zweite Wochenende fuhr er mit dem Auto zu ihr. Jac lag das Autofahren nicht. Sie hatte Angst davor, allein im Wagen zu sitzen. Was, wenn die Schatten der Vergangenheit sie einholten, während sie gerade hinter dem Steuer saß? Also besuchte sie ihn jedes zweite Wochenende mit dem Bus. Um jede Minute mit ihm voll auszukosten, nahm sie am Sonntagabend um sieben den letzten Bus zurück. Jedes Mal vergaß sie, davor noch etwas zu essen, und wenn sie wieder in ihrem Wohnheim war, hatte die Cafeteria geschlossen.

Eines Abends drückte ihr Griffin, als sie in den Bus steigen wollte, eine braune Papiertüte in die Hand. Unterwegs öffnete sie sie und fand darin ein belegtes Brot, das Griffin in Papier gewickelt und mit einem Haarband verschnürt hatte, das sie bei ihm vergessen haben musste. Auf dieses Band hatte er die Worte geschrieben: »Ich wollte nicht, dass du meinetwegen hungern musst.«

Ihre Mutter irrte sich. Griffin war sehr wohl gut genug für Jac. Das Problem war, dass er selbst nicht daran glaubte. Deshalb hatte er sie verlassen.

Jac hatte das Haarband in ihrer Handtasche aufbewahrt, bis es ausgefranst war. Dann hatte sie es in ihr Schmuckkästchen gelegt. Sie besaß es immer noch.

Mit dem Selbstmord ihrer Mutter hatte Jacs Unterricht in Sachen Verlust begonnen. Griffin, ein junger Mann, der sich wie sie für Mythologie begeisterte, nach Wald roch und sie behutsam berührte wie eine unschätzbare Kostbarkeit, war ihre bisher letzte Lektion gewesen.

Robbie hatte gerade etwas gesagt, ohne dass es zu ihr durchgedrungen war.

»Entschuldige, was sagtest du?«

»Ich glaube, die Ärzte unterschätzen, an wie viel er sich erinnern kann.«

»Klar tun sie das. Du bist ja auch der comte toujours droit.« Jac lachte. Diesen Spitznamen, Graf Neunmalklug, hatte sie ihm selbst gegeben, und ihre Eltern und Großeltern hatten ihn übernommen. »Wie sollten die Ärzte auch so viel wissen wie du?«

Robbie stimmte in ihr Lachen ein. Als Kind hatte er Regeln und Übereinkünfte immer so geändert, dass er recht behielt, was je nach Situation rührend oder nervenaufreibend sein konnte. Als er acht Jahre alt war und sie elf, hatte sie in dem Hof zwischen Wohnhaus und Parfümerie eine aufwendige Zeremonie durchgeführt, ihn mit einem Regenschirm zum Ritter geschlagen und ihm seinen neuen Adelstitel verliehen.

»Wusste Vater diesmal, wer du bist?«

»Er weiß eindeutig, dass ich jemand bin, der sich um ihn kümmert.« Robbies Worten war anzuhören, wie sehr sie ihn schmerzten. »Aber ich bin nicht sicher, ob er mich als seinen Sohn erkennt.«

Jac wollte es nicht hören. Dies Bild, das Robbie von ihrem Vater zeichnete, würde sie tagelang verfolgen, würde den Schutzwall untergraben, den sie errichtet hatte.

»Obwohl er so viel vergessen hat, weiß er immer noch Rezepturen auswendig und erklärt mir die kleinen Tricks, die beim Anmischen wichtig sind«, fuhr Robbie fort. »Er kann nicht mehr lesen, aber er weiß noch genau, wie viele Tropfen Rose Absolue man mit wie viel Vanille-Essenz mischen muss. Und jedes Mal, wenn er von seinen Rezepturen spricht, sagt er: ›Mach eine Extraportion davon für Jac.‹« Robbie lächelte sein großzügiges Lächeln. Diese Freundlichkeit war seine beste Charaktereigenschaft. Doch sosehr Jac ihn dafür bewunderte, wie er jeden von seiner besten Seite sah, sosehr ärgerte es sie, wenn es um ihren Vater ging. Er war ein egozentrischer Mensch, der ihr unerträgliches Leid verursacht hatte.

»Können wir nicht von etwas anderem reden?«, fragte sie.

»Aber wir müssen uns über ihn unterhalten.«

Jac schüttelte den Kopf. »Nicht hier und jetzt. Das kommt mir so respektlos vor.«

»Unserer Mutter gegenüber?«, fragte Robbie verblüfft.

»Ja, ihr gegenüber.«

»Jac, sie hört uns doch gar nicht.«

»Danke, dass du mich daran erinnerst. Also gut. Erzähl weiter. Vater weiß nicht mehr, wer du bist, aber an meinen Namen erinnert er sich …«

»Ich muss wirklich mit dir darüber reden.«

Jac atmete tief durch. »Okay, tut mir leid. Erzähl.«

»Manchmal sieht er aus, als würde er versuchen, alle seine Synapsen auf einmal zum Feuern zu bringen. Als ob er seine gesamte Konzentration dafür aufbringt, einen klaren Gedanken zu fassen. Und manchmal schafft er es einen Moment lang. Aber wenn er scheitert, leidet er. Manchmal weint er, Jac.« Die letzten Worte flüsterte er nur noch.

Jac schwieg. Dass ihr harter, fordernder Vater in Tränen ausbrach, konnte sie sich nicht vorstellen. »Ich wünschte, du müsstest das nicht sehen. Ich wünschte, es wäre nicht so hart für dich.«

»Es geht nicht darum, wie es für mich ist. Wie es für ihn ist, will ich dir begreiflich machen. Bitte komm ihn besuchen. Dein Name ist der einzige, an den er sich noch erinnern kann. Nicht an meinen oder an Claires. ›Vergiss nicht, eine Flasche Rouge für Jac anzumischen‹, sagt er mir immer zum Abschied.«

Robbie lächelte so traurig, wie sie ihn noch nie gesehen hatte.

»Vergebung ist das größte Geschenk, das ein Mensch dem anderen machen kann. Bitte komm ihn besuchen.«

»Haben deine Buddhisten dir jetzt noch das Predigen beigebracht, kleiner Bruder?«, sagte Jac mit einem etwas zu heiteren Lachen, das ihr gleich wieder in der Kehle stecken blieb. Wie gern hätte sie Robbie glücklich gemacht. Wie gern hätte sie an all das geglaubt, was er sich vorstellte, daran, dass sie ihrem Vater vergeben konnte, dass es einen einfachen Ausweg aus der finanziellen Krise gab. Daran, dass es wirklich ein altägyptisches Buch voller Rezepturen für die damals in heiligen Ritualen eingesetzten Tinkturen und Räucherstoffe gab, dass jemand es mit nach Paris gebracht hatte und es noch immer irgendwo auf ihrem Grund und Boden zu finden war.

Doch in der Realität war es sicherer. Und Jac musste mehr als alles andere dafür sorgen, dass ihr Bruder in Sicherheit war. Er war der Letzte, der ihr aus der Familie geblieben war.

Jac betrachtete den trauernden Engel. »Er sieht aus, als würden all die Jahre der Trauer auf ihm lasten und ihm die Flügel lähmen.«

Robbie trat zu ihr, legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie zu sich heran. »Engel können immer fliegen«, sagte er.

Sie atmete das komplexe Zusammenspiel der Aromen ein, das ihn umgab. Frische, regenfeuchte Luft, Apfelblüten und vieles mehr. »Du riechst so wunderbar«, sagte sie. Immerhin etwas, das sie ihm geben konnte.

»Das sind meine Prototypen. Die Kreationen, an denen ich gerade arbeite. Wovon ich dir schon am Telefon erzählt habe. Ich habe Termine. Mit Bergdorf, Bendel, Barneys, den ganz großen Namen. Zu denen haben wir Kontakte.«

»Ja, wegen unserer Klassiker.«

»Sie interessieren sich auch für die Neuheiten, Jac.«

»Selbst wenn, L’Étoile hat nicht das Geld, eine neue Sparte aufzubauen.«

»Ich finde schon einen Investor.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Doch, ganz sicher«, beharrte er.

»Es gibt Tausende Nischenparfümeure, die untergehen. Niemand kauft ihre Neuheiten öfter als einmal. Und man liest täglich von neuen Zutaten, die aus Umweltschutzgründen verboten werden.«

»Und in ein paar Jahren werden Parfümeure wegen des Treibhauseffekts nicht mal mehr Alkohol benutzen dürfen. Die Unkenrufe kenne ich doch. Aber es gibt immer Ausnahmen.«

»Du verschwendest deine Zeit«, sagte Jac. »Der Markt ist längst übersättigt. Wenn L’Étoile gerade besonders en vogue wäre, wäre es vielleicht etwas anderes, aber so ist es nicht. Wir haben einige zeitlose Klassiker im Programm. Wir können es uns nicht leisten, unseren Ruf aufs Spiel zu setzen.«

»Egal, was ich sage, du hast immer Einwände, oder? Kannst du nicht einen Moment lang deinen Zynismus beiseitelassen? Was, wenn ich eine Lösung gefunden habe? Was, wenn es gar nicht nötig ist, unsere Klassiker zu verkaufen?«

»Robbie, bitte. Du musst unterschreiben. Das ist die einzige Chance, das Unternehmen zu retten, den Laden und das Haus in Paris zu behalten und weiterzumachen.«

Er umrundete den steinernen Engel und legte eine Hand auf seine Flügel, als wollte er ihn trösten – oder sich selbst Halt geben. Jac hatte einmal eine Fotografie von Oscar Wilde gesehen, der auf der Aufnahme, genau wie Robbie jetzt, achtundzwanzig Jahre alt war. Ein bildschöner junger Mann in einem seidenen Gehrock und eleganten Schuhen in einem thronartigen Sessel, von opulenten Perserteppichen umgeben, der, ein Buch in der Hand, den Kopf geneigt und auf seine Hand gestützt, dem Betrachter mit einem rätselhaft intimen und verheißungsvollen Ausdruck in die Augen sah. Genau diesen Ausdruck bemerkte sie jetzt an ihrem Bruder.

»Wir schulden der Bank drei Millionen Euro. Das Haus in der Rue des Saints-Pères können wir nicht mit einer Hypothek belasten, das hat unser Vater schon getan. Irgendetwas müssen wir verkaufen«, sagte sie.

»L’Étoile gehört jetzt uns. Dir und mir. Seit fast zweihundertfünfzig Jahren gibt es das Haus. Wir können es nicht zerschlagen. Lass mich dir zeigen, woran ich gearbeitet habe.«

»Du hast sechs Jahre lang in Grasse in deinem Feenreich zwischen den Lavendelfeldern magische Düfte in Kristallglasflakons abgefüllt, als lebtest du in einem anderen Jahrhundert. Egal, wie schön deine neuen Parfüms sind, sie werden nie so viel Geld einbringen, wie wir der Bank schuldig sind. Zumindest Rouge und Noir müssen wir verkaufen. Dann haben wir immer noch ein gutes Dutzend Klassiker im Programm.«

»Nicht bevor du einmal an meinen Kreationen geschnuppert hast. Nicht bevor ich versucht habe, Abnehmer und Investoren zu finden.«

»Dafür haben wir keine Zeit.«

»Ich habe einen Plan. Bitte vertrau mir. Gib mir eine Woche. Irgendjemand wird sich dafür begeistern. Die Zeit ist reif für diese Düfte. Die Welt wartet darauf.«

»Du weigerst dich, praktisch zu denken.«

»Du hast kein Vertrauen.«

»Ich bin Realistin.«

Robbie wies auf den schweigenden Engel. »Das ist es, worum er wirklich trauert, Jac.«

Fünf

NANJING, CHINA

21:55 UHR

 

Das Atelier war leer, als Xie es betrat. Und er war dankbar für ein wenig Ruhe. Er breitete sein Werkzeug vor sich aus und arbeitete an einem Bild weiter, mit dem er am Nachmittag begonnen hatte. Damit brachte er seinen Geist zur Ruhe und konnte die quälenden, bohrenden Fragen loslassen. Xie ging ganz in dem Schwung seiner Bewegung auf, in jedem Tuschebogen, der langsam in das Papier einsank. Bald dachte er an nichts mehr und hörte nichts mehr von den Geräuschen im Flur oder vor dem offenen Fenster, nur noch das leise Wispern des Pinsels bei seinem Tanz über das Papier.

Die Kunst des Schönschreibens hatte, anders als viele andere alte Traditionen, den Sprung in die Moderne geschafft – hauptsächlich, weil Mao Zedong begriffen hatte, dass Kalligraphie in einem Land mit hunderten Dialekten trotz seiner elitären Geschichte ein durchaus effizientes Kommunikationsmittel sein konnte. Diese Anerkennung durch das kommunistische Regime nahm der Tradition ihren Status der hohen Kunst und versetzte sie in die Alltagssphäre hinein.

Manche Künstler schrieben ihren Werken rebellische Botschaften ein und sagten mit Pinsel und Tusche ihre Meinung. Xie nicht. Seine Bilder waren keine politischen Statements. Sie schrien ihre Botschaft nicht in die Welt hinaus. Aber sie flüsterten. Und außerhalb Chinas gab es Menschen, die diese Stimme hörten.

Ein Punkt, in dem Xie mit der Tradition brach, war sein Gebrauch von Siegeln. Üblicherweise enthielten diese geschnitzten Blöcke die Schriftzeichen für den Namen des Künstlers und wurden mit zinnoberroter Farbe bestrichen. Xie führte in jedem Siegel die Narration seiner Werke fort. Er hatte im Lauf der Jahre hunderte Blöcke geschnitzt, die verschiedenste illustrative Elemente enthielten: von naturgetreuen Blättern, Blüten, Wolken und Monden bis hin zu menschlichen Gestalten, Gesichtern und Händen, Lippen, Augen, Armen und Beinen.

Die Werke des jungen Kalligraphen waren ausdrucksstark, komplex und filigran. Und mit jedem einzelnen riskierte er sein Leben. Denn in jedes seiner Siegel war eine winzige Zickzacklinie eingearbeitet: ein Blitzstrahl. Seine zweite Signatur.

Es war eine Botschaft an jeden, der wusste, wonach er suchen musste. Dass er nicht getötet worden war. Dass er lebte.

Trotz aller Bemühungen störten mitten in seiner meditativen Ruhe die Bilder des brennenden Mönches seine Konzentration. Es geschah nicht oft, dass er so die Kontrolle verlor. Normalerweise fühlte er sich beim Malen vollkommen frei. Heute nicht. Heute war die Last der tragischen Ereignisse zu groß.

Da viele Künstler in demselben Atelier arbeiteten, ging immer irgendjemand ein und aus. Xie hob nicht einmal den Kopf, als die Tür sich öffnete und die Schritte zweier Besucher sich näherten. Noch nicht. Er spürte dem letzten Schwung einer kurvigen Linie nach und trat erst zurück, als er seinen Namen hörte. Angstvoll drehte er sich um. Er hatte die Stimme von Lui Chung erkannt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Haus der verlorenen Düfte" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen