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Das Gold der Nebelberge

ZUM BUCH

Viele Goldsucher erlagen schon dem Fluch, der auf dem Goldschatz in den Nebelbergen im hohen Norden Kanadas liegt. Keiner kehrte lebend von der Suche zurück. Prospektor Warren, der davon erfährt, kümmert sich nicht um die Gefahr und bricht ebenfalls auf.

PROLOG

„– und es war rot, das Gold. Rot wie gefrorene Blutstropfen lag es im Geröll des Gebirgsbaches. Mengen von Gold – Nuggets so groß wie Haselnüsse. An den Bachrändern, entlang den Wänden der Schlucht, huschten die kleinen grünen Schlangen, die Wächter des Goldes. In meinen Händen habe ich es gehalten, und durch meine Finger ist es gerieselt, als ob sie tropften von Blut –

Und da kam die ‚böse Medizin‘, der Fluch über mich –

Ich hatte gelacht, heimlich gelacht, als der alte, abergläubische Medizinmann der Sioux mir gesagt hatte, die bösen Geister hausten in der Schlucht und ihre ‚Medizin‘ käme über jeden, der Gold von dort weghole. Freilich, in einer Weise hatte er recht, es haftet eine ‚böse Medizin‘, ein Fluch, daran. Aber das Metall ist unschuldig. Der Fluch kommt aus dem Herzen der Menschen. Sie haben es zu ihrem Gott gemacht, dieses nutzloseste aller Metalle, und es ist ihr Teufel geworden! Um seinetwillen haben sich Völker gewürgt, sind Männer zu Schurken und Frauen zu Dirnen geworden. Das war sein Fluch, aber nicht jener andere, von dem der alte Medizinmann faselte, der an dem Golde da oben in der Felsspalte hängen sollte, als sei es belebt und nicht nur totes Metall.

Und ich hatte gelacht!

Als aber die Nuggets durch meine Finger rieselten wie gefrorenes Blut, da packte er mich, der Fluch – jener andere Fluch! Und die kleinen grünen Schlangen sahen es, wie er Besitz nahm von meinem Hirn, denn sie grinsten mich höhnisch, an aus ihren unheimlich bewussten Augen!

Verflucht, du Augenblick, wo ich den alten Medizinmann verlachte!

Verflucht, du erbärmliches rotes Gold, dass du jetzt meinen Körper mordest, wie du erst meine Seele gemordet hast – verflucht! – verfl–!“

EINS

Heulend und in seinen Stößen dichte Massen von Eisstaub in ganzen Wolken vor sich herjagend, raste der Sturm von den umliegenden Bergen herab. Mit der Gewalt titanenhafter Wurfgeschosse schmetterte er sie gegen den Schuppen, der unserer Abteilung deutscher Internierter als Behausung diente.

Mit dem uns zugeteilten Wächter saß ich in einem kleinen Anbau und lauschte dem Wüten des Sturmes. Dieser Anbau war eigentlich unsere Küche, in der unser Koch, ein biederer, aber fürchterlich wortreicher Sachse, sonst seines Amtes waltete. Da aber dieser Anbau dank seiner geringen Größe und des großen Küchenherdes bei Weitem der wärmste Raum der ganzen Baracke war, hatte ich mich hierher geflüchtet, die Nacht hier zu verbringen. Ich war dazu gezwungen durch den Umstand, dass sich mein Bett in der zugigsten Ecke unseres Schlafraumes befand – der übrigens seiner ursprünglichen Bestimmung als Heuboden niemals hätte entzogen werden sollen –, und dass die durch den Sturm bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Kälte von fünfundvierzig Grad unter Null mich von dort verjagt hatte. Allerdings leitete mich dabei noch ein Nebenzweck. Ich wollte mit dem Wächter, einem alten Prospektor von fünfundsechzig Jahren, der in diesem gott- und weltverlassenen Neste in den kanadischen Felsengebirgen seinem Lande diente, wieder mal eine der Unterhaltungen führen, wie ich sie mit ihm schon häufig während der langen Winterabende an dem gleichen Orte gepflogen hatte.

Trotzdem wir in den häufigen Pausen unserer Unterhaltung dem baufälligen Kochherd vor uns ein Scheit duftenden Zedernholzes nach dem andern zuführten und seine verbogenen Eisenplatten rote Glut strahlten, war doch sein Kampf mit dem Sturm da draußen zu ungleich. Der pfiff und fauchte und blies durch so viele geheime Ritzen und Löcher, dass wir, dicht vor dem Herde sitzend, unsere warmen Wintermäntel und eine wollene Decke über den Knien nicht hätten entbehren können. Der Ort, wo wir uns befanden, lag in den kanadischen Felsengebirgen in einer Talsenkung. Einst, das heißt vor etwa fünfzehn Jahren, war diese wohl von dichtem Urwald ausgefüllt gewesen, wovon jetzt noch kräftige Wurzeln, über die man in jedem Hofraum und auf jedem Pfade stolperte, Zeugnis ablegten. Als man die ‚Stadt‘, der man den Namen Morrissey gegeben hatte, gründete, wurden natürlich beträchtliche Breschen in den Wald geschlagen. Sein Dasein in dieser Bergwildnis verdankte Morrissey ausschließlich den nahegelegenen Kohlenminen. Der typische Charakter der westlichen Minenstädte kam auch heute noch durch eine Anzahl mehrstöckiger Boardinghäuser zum Ausdruck, die man in den kleinen Ortschaften der Farmerdistrikte vermisst. Inzwischen hatte Morrissey freilich als typische Minenstadt auch das typische Schicksal dieser Plätze erlitten, denn es war, als eines schönen Tages der Betrieb der Minen eingestellt werden musste, von seinen Bewohnern verlassen worden.

Nachdem das Städtchen etwa zehn Jahre lang, im Sommer in der brütenden Sonnenhitze und im Winter halb im Schnee vergraben, in einer Art Märchenschlafe gelegen, hatten es die Furien des großen Völkerkrieges zu neuem Leben erweckt. Die ganze Stadt, die freilich insgesamt aus kaum mehr zwanzig Häusern bestand, wurde von der Militärbehörde für Internierungszwecke gemietet.

Die Gegend war wunderbar malerisch und romantisch; der Wald belebt von Eichhörnchen, Rebhühnern und allem möglichen kleineren Vogelgesindel, das oft wie eine Versammlung von Markweibern durcheinander schrie und sich auch nicht im Geringsten stören ließ, wenn ein vereinzelter Rabe mit schwerem Flügelschlage auf eine der zahlreichen Lichtungen nieder schwebte. Aber scheu versteckte es sich im Geäst der Bäume, wenn ein Habicht seine Kreise in der klaren, mit dem Dufte der Balsamtannen erfüllten Luft zog und den Warnungsruf gab, der von einem Dutzend aufgeregter Vogelstimmen wiederholt wurde.

Und während in der Ferne die alten Bergriesen ihre einsamen gletscherumstarrten und goldrein in der Sonne blinkenden Gipfel in den Äther streckten, erschienen an den Abhängen der näheren Berge oft Bergschafe, Rehe und gelegentlich wohl auch einmal die massige Form eines Bären.

Das alles konnten wir von dem mit Stacheldraht umzäunten kleinen Hofe, der unsere Shanty umgab, beobachten.

Jetzt schien der Winter alles Leben, soweit es sich unseren Blicken bot, auf den Lichtungen und in den dünnen Waldbeständen der umliegenden Berghänge ertötet zu haben. Nur nachts verriet uns das Geheul der herumstreifenden Wölfe und das gelegentliche schrille, katzenartige Miauen eines Luchses, dass es sich fortspann hinter den grauen Frostschleiern, die uns die meiste Zeit die Aussicht verhüllten, verstohlen, schleichend, auf leisen, samtenen Sohlen, in stetem blutigen Kampfe von Art gegen Art und mit derselben raublüsternen Mordgier, die da draußen in der Welt die Völker sich gegenseitig abwürgen ließ.

Während man tagsüber unsere Sicherheit und unser Wohlergehen durch die Außenposten genügend gewährleistet glaubte, teilte man uns nachts immer noch zwei Innenwächter zu. Sie lösten sich jede halbe Stunde in der Weise ab, dass der eine seinen Dienst draußen im Hofe versah, während der andere sich in der Küche unserer Shanty wärmte.

Der eine von diesen war Edward Warren, der alte Prospektor, mit dem ich in dieser wilden Januarnacht dort saß, rauchend, plaudernd und zeitweilig dem Toben des Sturmes lauschend.

Als echter Prospektor, den das Prospektierfieber in seiner Jugend gepackt und nicht wieder losgelassen hatte, war Warren unverheiratet geblieben. Denn was sollte wohl ein Prospektor mit einer Frau und Familie anfangen? Auch all die Schrullen besaß er, die sich naturgemäß bei einem Menschen herausbilden, der sein Leben fern von der Zivilisation und der Gesellschaft der Menschen verbringt.

Der große reiche Fund, der jedem Prospektor wie ein flackerndes Irrlicht auf seinen Wegen vorangaukelt, war ihm noch nicht geworden. Aber die Vorstellung, die Gewissheit, dass er ihm glücken würde, lebte noch immer in seinem Hirn wie ein nie verlöschender Fiebertraum, füllte noch immer jedes Frühjahr seine alten Knochen mit dem nötigen Optimismus, irgendeinen spekulationslustigen Geschäftsmann zur Hergabe eines Grubstakes zu veranlassen und ließ ihn im Sommer unter den härtesten Entbehrungen in einsamen Schluchten und Flussbetten die Erde aufwühlen und im Winter in der froststarren Öde der Wälder seine Fallen stellen. Anstatt, dass die nun schon so oft erlebten Enttäuschungen ihn, der jetzt an der Neige seines Lebens stand, ernüchtert hätten, war im Gegenteil die immer gehegte Hoffnung auf einen reichen Fund schließlich zur fixen Idee geworden.

Und das gilt von jedem alten Prospektor. Er besitzt stets einen Optimismus, der unverwüstlich ist – oder er wäre eben kein alter Prospektor. Er weiß recht wohl, dass nur einer unter zehn etwas von Wert findet – dass nur eine unter hundert solchen Entdeckungen eine Ausnützung durch Minenbetrieb lohnt – und dass wiederum nur einer unter tausend solcher Betriebe zu einer bedeutenden Mine wird. Aber jeder Misserfolg scheint in seiner Vorstellung nach einer Art unbewusster Wahrscheinlichkeitsrechnung den Erfolg für das nächste Mal umso sicherer zu machen.

Das Gold und die andern Metalle sind ja doch da! Und wie der Spieler glaubt, nachdem er zehn- oder zwanzigmal verloren oder nur kleine Einsätze gewonnen hat, dass sich die Wahrscheinlichkeit auf einen baldigen großen Gewinn steigert, so geht der Prospektor auf jede Entdeckungstour mit einem immer größeren Glauben an seinen endlichen Erfolg. Einmal muss er ja doch kommen!

Ich hatte natürlich sofort gemerkt, dass Mister Warren mich hauptsächlich aus dem Grunde seiner besonderen Aufmerksamkeit würdigte, weil er in mir einen Mann witterte, der ihm nach Beendigung des Krieges zu einem Grubstake für seine nächste Wanderung in die Berge verhelfen könnte. Das war auch keineswegs ausgeschlossen, und ich hatte ihm bereits mitgeteilt, dass ich ihn recht gern einmal auf einer seiner Expeditionen begleiten würde. Die Lager von Edelmetallen, die wir dabei entdecken würden, wollte ich ihm überlassen und mich mit den Eindrücken und Erfahrungen der Reise begnügen. Nur wenn wir gerade zufällig auf ein Lager von Placergold stoßen sollten, würde ich mich vielleicht überreden lassen, einige Taschen voll mitzunehmen.

Diese letzte Bemerkung veranlasste ihn, mir mit einem merkwürdig forschenden, gleichzeitig aber auch nachdenklichen Blick ins Gesicht zu sehen. Das flackernde Licht der armseligen Petroleumlampe, seltsam gemischt mit dem roten Schein der glühenden Eisenplatten des Herdes, spielte über seine verwitterten Züge. Die eingesunkenen Wangen, die scharfen Linien, die Not und Entbehrungen in sein Gesicht gegraben – nicht die Not der Städte, die unter ihrem steten Druck den Geist tötet und die Seele zermürbt, sondern jene der Wildnis, die man um des Zweckes willen, den man verfolgt, mutig erträgt und die zuletzt doch nur den Körper stählt und härtet –, waren braun und von einem gesunden dauerhaften Rot überzogen. Der weiße Schnurrbart war von unzähligen Pfeifen Tabak etwas angegilbt. Der Blick der blassgrünen Augen schien weit in die Ferne gerichtet. Das alles gehörte durchaus zu dem Bilde, das man sich wohl von einem alten Prospektor macht und das noch vervollständigt wurde durch die lange, hagere Gestalt, die das Alter zwar gesteift, aber nicht ihrer sehnigen Kraft beraubt hatte.

„Was dann, wenn das, was Sie eben gesagt und doch nur spöttisch gemeint haben, eines Tages plötzlich zur Wirklichkeit würde?“

„Was ich dann sagen würde? Darauf bin ich selbst neugierig. Einstweilen aber wiederhole ich Ihnen, was ich Ihnen schon ein paar Mal erklärt habe: dass Sie ein unverbesserlicher Optimist sind. Golderze interessieren mich überhaupt nicht, denn man müsste eine Company gründen, um das zur Ausbeutung des Lagers nötige Kapital zu beschaffen, und für Gründungen ist das Publikum heute nicht mehr zu haben.“

„Es werden doch noch jeden Tag Kompanien gegründet“, warf Mister Warren ein.

„Wilde-Katzen-Gründungen, ja! Die großen bekannten Finanzmänner geben sich aber nicht mehr damit ab. Sie wissen zu gut, dass Goldminen so ziemlich die unsicherste Spekulation sind, die man sich denken kann. Die Minen mögen heute noch da sein und reichen Ertrag liefern, und vielleicht morgen schon hört die Ader auf. Das bezieht sich natürlich nur auf Golderze. Aber Placergold gibt’s ja auch kaum mehr. Die ganze Oberfläche der Erde ist längst abgesucht.“

„Keineswegs“, unterbrach mich Warren mit der Überlegenheit des Wissenden. „Sie brauchen nur nach Alaska zu gehen, um noch ungeheure Strecken des Landes zu finden, die vielleicht noch nie ein Prospektor durchwandelt hat und die heute noch dem Geografen unbekannt sind. Aber auch hier in Britisch-Kolumbien, also gewissermaßen vor unserer Türe, gibt’s noch unerforschtes Land genug. Außerdem wird Placergold durchaus nicht nur an der Oberfläche der Erde gefunden, sondern es liegt manchmal sehr tief.“

„Das ist’s ja eben! Wenn Sie die ganze Alluvialschicht der Erde umgraben könnten, so ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie auch noch Placergold in Massen finden würden. Aber eben das ist unmöglich!“

„Es ist auch nicht nötig, denn kein Prospektor gräbt los auf gut Glück. Es gibt gewisse Erdschichten, zum Beispiel Titanitsand, in denen gegraben wird. Zeigen sich dabei Spuren von Gold, so gräbt er tiefer, wo er dann vielleicht mehr findet …“

„Oder auch weniger.“

„Auch das. Und dann wird er das Graben einstellen –“

„Vermutlich.“

„– und das Gold, das vielleicht nur ein Yard tiefer haufenweise liegt, wird dann unentdeckt bleiben, bis es vielleicht nach tausend oder hunderttausend Jahren durch eine abermalige vulkanische Umwälzung entweder noch tiefer sinkt oder an die Oberfläche gehoben wird –“

„– wo es dann spätere Geschlechter von Prospektoren finden werden“, unterbrach ich ihn aufs Neue, „vorausgesetzt, dass es dann noch Prospektoren gibt. Man kann aber annehmen, dass es zu dieser Zeit die Menschheit aufgegeben haben wird, sich von einem Metall wie von einem Dämon beherrschen zu lassen.“

„Wer weiß?“, entgegnete Warren zweifelnd. „Es will mir manchmal scheinen, dass die Menschheit ohne einen Teufel nicht auskommen kann. Und einer ist ihr oft nicht genug, weshalb sie sich mehrere beschafft – genau so, wie die Naturvölker sich Götter schnitzen, bei denen man aber auch nie weiß, wo der Gott aufhört und der Teufel anfängt. Freilich, auch der Teufel ist der Mode unterworfen. Und so kann es sehr wohl sein, dass das Gold seine Macht über die Menschen einst verlieren wird, aber sicher nur, weil sie sich inzwischen einen anderen, moderneren Teufel geschaffen haben.

Aber Sie haben mich unterbrochen. Ich wollte Ihnen nur erklären, dass auch dort Funde möglich sind, wo Prospektoren schon gesucht haben. Und glauben Sie ja nicht, dass man ein Mining College besucht haben muss, um solche Funde zu machen. Einige Kenntnis von der Sache muss man natürlich haben, die Hauptsache lernt man aber durch die Erfahrung. Und dann ist noch etwas nötig, was Sie schon ein paar Mal bespöttelt haben: Optimismus! Es vergeht kein Jahr, ohne dass ein Prospektor wertvolle Goldlager in einer Gegend entdeckt, von der die Sachverständigen erklärt haben, dass dort keine Metalle in Mengen zu finden seien, die den Abbau lohnten.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein Bekannter von mir ein mächtiges Lager von Bleierz entdeckte, das fünfzig Prozent Blei mit achtzehn Unzen Silber per Tonne ergab. Es war in Idaho, in einer Gegend, die zwanzig Jahre lang von Prospektoren, gelehrten und ungelehrten, durchwandert worden war.

Eine der reichsten Zinkminen im Coer d’Alene-Distrikt stammt von einem Prospektor, der sich eine Blockhütte in einer Schlucht gebaut hatte und anfing, einen Tunnel in das Schiefergestein zu graben, von dem die Sachverständigen behauptet hatten, dass es keine Metalle enthalte. Nicht weit davon war eine Mine, und die Arbeiter machten ihre Witze über den Mann, als er jahrelang an dem Tunnel arbeitete, ohne dass man von irgendwelchem Erfolge hörte. Sie meinten, er zeigte nur deshalb so viel Ausdauer, weil das Graben im Schiefer so leicht sei. Als der Krieg ausbrach, war seine Mine selbst in den Kreisen der Minenspekulanten zwar noch immer unbekannt, aber ihr Wert war bereits erwiesen durch Sendungen von hochprozentigem Erz nach den Schmelzöfen. Und nun kam der Boom durch den kolossalen Bedarf an Zink, den der Krieg schaffte. Heute ist die Mine eine der wertvollsten Zinkminen der Welt. Vorher wurden die Shares – ihr Nennwert war ein Dollar – an den kleinen Minenbörsen hier im Westen mit fünfundzwanzig Cent gehandelt. In den vergangenen zwei Jahren hat die Gesellschaft vier Millionen Dollar Dividende an die Aktionäre ausgezahlt, das heißt neunzig Prozent des gesamten Aktienkapitals. Ein Share, den Sie vor drei Jahren für einen Vierteldollar kaufen konnten, bringt seinem Besitzer heute jedes Jahr sechs Dollar Dividende ein! Nicht so schlecht – was?“

„Ungewöhnliche Zeiten bringen ungewöhnliche Gewinne.“

„Jeder Erfolg ist ungewöhnlich“, versetzte Warren. „Und es gibt keinen Erfolg ohne den Glauben an ihn. Auch hier bei dieser Zinkmine sehen Sie das. Erst war der Mann da, der sich seinen Glauben an den Erfolg von andern nicht hinweglachen ließ, und dann erst kam der Krieg und half ihm weiter.“

„Und glauben Sie mir“, fuhr er fort, seine kurze Pfeife von Neuem mit einem an seiner Khakihose entzündeten Streichholz in Brand setzend, „niemand braucht den Optimismus so sehr wie der Prospektor. Warum haben die gelehrten Herren Bergingenieure so selten Erfolg, wenn sie einmal in den Ferien prospektieren gehen? Man sollte doch denken, dass sie mit ihren wissenschaftlichen Kenntnissen allen Vorteil vor uns voraus hätten. Ich will es Ihnen sagen: Wie der Optimismus unsre Stärke ist, so ist sein Mangel ihre Schwäche. Wir glauben stets, der nächste Schlag unserer Spitzhacke wird uns Reichtümer bringen, während der gelehrte Herr oft einen Distrikt durchwandert, von vornherein fest davon überzeugt, dass nichts darin zu finden ist.“

Damit hatte Warren nicht so unrecht. Die größten Funde sind oft dort gemacht worden, wo man sie am allerwenigsten erwartete. Ich hatte selbst ein paar Jahre vorher auf einer Reise durch Britisch-Kolumbien ein Beispiel davon gesehen. Mit meinen zwei Packpferden, die meine Camp-Ausrüstung und meinen Proviant trugen, passierte ich ein Goldgräberlager in einer Gegend, in der seit zwei Jahrzehnten freies Gold aus der Erde gewaschen worden war. Nachdem die weißen Goldgräber den Platz verlassen hatten, weil sie die Erträge nicht mehr befriedigten, waren die geduldigen und ausdauernden Chinesen gekommen, die mit Recht als die besten Minenarbeiter der Welt gelten. Mit unglaublichem Fleiß wuschen sie jeden Kubikmeter des Bodens aus und verdienten noch immer einen für ihre Ansprüche guten Tagelohn. Nachdem auch sie die Gegend verlassen hatten, glaubte niemand, dass auch nur noch eine Unze Gold darin zurückgeblieben sei. Aber kurz bevor ich das Camp passierte, hatte ein Geschäftsmann aus der Gegend begonnen, einen Lagerschuppen zu bauen und stieß beim Ausgraben des Fundamentes in zwölf Fuß Tiefe in einer Schicht von Kiessand auf ein beträchtliches Golddeposit. Es war nicht der übliche feine Goldstaub, sondern Stückchen in der Größe von Weizenkörnern.

Ich erwähnte die Sache aber nicht. Erstens einmal, weil es schließlich doch nur ein Beispiel war, dem Warren ohne Zweifel hundert andere aus dem reichen Archiv seiner Erfahrungen hätte anreihen können, und zweitens, weil er in der Einsamkeit seines Prospektor- und Trapperlebens das Schweigen so gut gelernt hatte, dass er stets bereit war, sich den Faden der Unterhaltung aus der Hand nehmen zu lassen. Da es aber vielmehr meine Absicht war, zu hören, als selbst zu erzählen, nahm ich immer darauf Bedacht, ihn durch nur ganz gelegentliche Bemerkungen im Gange zu halten.

„Außerdem müssen Sie bedenken, dass ein Prospektor durchaus nicht allein nach Gold sucht. Das war früher einmal der Fall. Heute sucht ein Prospektor nach allen möglichen Metallen, die jetzt zum großen Teil ebenso wertvoll sind wie Gold. Die Industrie der letzten zehn Jahre hat Bedarf an Metallen geschaffen, die früher fast wertlos waren und welche die meisten Prospektoren kaum dem Namen nach kannten.

Die alten und hundertmal durchsuchten Gegenden enthalten immer noch genug von den alten Metallen wie Kupfer, Zink, Quecksilber, Blei und, nicht zu vergessen, Gold. Aber man könnte ruhig noch einmal von vorn anfangen, sie nach neuen Metallen wie Tungsten, Mangan, Molybdän, Cer, Thor, Vanadin und Uran zu durchsuchen.

Es gibt Leute, die da behaupten, das Zeitalter der Prospektoren sei vorüber, und so oder ähnlich denken Sie ja wohl auch von der Sache. Ich sage Ihnen aber, es beginnt erst.“

„Ich gebe das zu. Ebenso wenig bestreite ich die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, dass Sie eines Tages ein großes Erzlager irgendwelcher Art entdecken mögen. Nur bezweifle ich, dass die Entdeckung Ihnen viel Nutzen bringen wird, ganz besonders, wenn es sich um Golderz handeln sollte. Ich halte es für so gut wie ausgeschlossen, das Kapital zur Ausbeutung des Claims aufzubringen. Mit Placergold liegt ja die Sache anders. Man braucht da schließlich nur eine Hacke und Schaufel und eine Pfanne zum Waschen des Goldes, und während man sich im ungünstigsten Falle doch immer noch einen Tagesverdienst aus der Erde waschen kann, hat man nebenbei die ganz angenehme Aussicht, jeden Augenblick auf ein reiches Deposit zu stoßen. Aber gerade Placergold, ich meine natürlich, reiche und überreiche Funde, ist nicht mehr vorhanden.“

Warren schwieg. Er paffte an seiner Pfeife, ohne zu merken, dass sie ausgegangen war, sodass ich den Eindruck gewann, er krame tiefer als sonst in seinen Erinnerungen nach einem der zahllosen Beispiele aus seinem Prospektorleben, mit denen er jede abweichende Behauptung stets zu widerlegen wusste.

„Das glauben Sie?“, fragte er dann, wie aus tiefem Sinnen erwachend, als ob er sich erst jetzt meiner Worte wieder erinnere. „Well, da Sie doch die Nacht hier unten sitzen wollen, will ich Ihnen etwas erzählen, was Ihre Meinung vielleicht ändern wird. Es passierte mir – lassen Sie sehen! – ja, es war zwei Jahre vor dem Kriege, und ich denke, es wird Ihnen zeigen, dass die Welt doch nicht so klein ist, wie Sie anzunehmen scheinen, und dass es noch immer Stellen gibt, wo man sich nur zu bücken braucht, um das Gold aufzuheben – wenn man den Mut dazu hat! Ich wurde heute ohnehin wieder durch den Sturm daran erinnert, obwohl es eigentlich aus meinem Gedächtnis niemals entschwunden war. Und es wird darin bleiben, auch wenn ich hundert Jahre alt würde, wenn ich’s auch manchmal zu vergessen wünschte. Es war in einer Winternacht wie diese, vielleicht noch wilder, denn ich befand mich damals ganz oben im Norden von Britisch-Kolumbien.

Vorher möchte ich Ihnen aber erst noch zeigen, dass Sie auch in Bezug auf die Gründung von Minengesellschaften zur Beschaffung des Kapitals für die Ausbeutung eines Claims im Irrtum sind. Die Sache wird hier anders gehandhabt als in New York oder London. Dort ist es eine Spekulation für die großen Kapitalisten, hier im Westen für die kleinen und deshalb auch gar nicht so schwierig und aussichtslos, wie Sie glauben.

Jeder hat hier Interesse für das Prospektieren und für Minengründungen. Überall spricht man davon, und die Funde und Sharegewinne werden übertrieben, während Misserfolge und Verluste kaum erwähnt werden. Wer interessiert sich dafür, wenn irgendjemand, den er kaum kennt, Geld verliert? Aber wenn jemand gewinnt, das ist etwas anderes! Davon erzählen Ihnen zunächst mal alle diejenigen, die Ihnen Shares verkaufen wollen – und die andern erzählen es mit denselben Übertreibungen gutgläubig weiter. Und nun kommt noch etwas hinzu, was Sie nicht übersehen dürfen: ein schneller, leichter Gewinn, den jemand gemacht hat, reizt Hunderte und Tausende zur Nachahmung – ein Verlust schreckt vielleicht nur zehn oder zwanzig ab.

So hat hier fast jeder ein paar Dollars in Minenshares angelegt. Der Arzt, Geistliche oder Lehrer: jeder zahlt monatlich seine zehn oder zwanzig Dollar in ein Syndikat für die Gründung einer Mine; die Waschfrau, der Barbiergehilfe und der Hotelportier kaufen für die paar Cents, die sie sich mühsam erspart haben, Minenshares von niedrigen Nennwerten, die – wer kann es wissen? – eines Tages große Gewinne bringen mögen. Der Geschäftsmann und der Politiker sind vielleicht Partner eines Prospektors, dem sie das Grubstake liefern.“

„Diese Grubstakes sind wohl immer der wunde Punkt im Prospektorleben?“, fragte ich, indem ich mich erhob, um dem Feuer im Herde ein paar neue Scheite Holz von dem in einer Ecke aufgeschichteten Stapel zuzuführen, worauf ich mich fester in meine Decke wickelte, denn der Sturm und die Kälte schienen immer mehr Eingang in die alte Baracke zu finden.

„Mehr oder weniger – ja“, gab Warren zu.

Er stopfte seine Pfeife von Neuem als Vorbereitung für seine Ablösung, die in Kurzem erfolgen musste, und kam auf sein voriges Thema zurück.

„Aber ich wollte Ihnen ja erklären, wie hier im Westen Kompanien gegründet werden. – Well, nehmen wir an, der Prospektor hat irgendwo Gold gefunden, oder meinetwegen auch Silber, Kupfer, Zink, Blei oder irgendetwas anderes. Ich meine damit, dass er mit seinem wenigen Handwerkszeug weit genug in einen Bergabhang hinein oder in den Boden einer Schlucht gegraben und festgestellt hat, dass das ausgegrabene Gestein genug Metall enthält, um ein weiteres Schürfen an dieser Stelle mit besseren Werkzeugen und Maschinen zu rechtfertigen. Das Nächste, was er dann zu tun hat, ist, seinen Claim mit genauer Angabe seiner Lage und Begrenzung in dem nächsten Land-Titles-Office eintragen zu lassen.

Dann begibt er sich mit seinen Erzproben nach der Stadt, die ihm für seine Absichten am Günstigsten scheint, und lässt die Proben analysieren. Fällt die Analyse günstig aus, so kann er daran denken, eine Company zu gründen, um das nötige Kapital zu beschaffen. Das geht aber auch nicht so rasch.

Die von Ihnen betonte Unmöglichkeit, eine Company zu gründen, rührt zum großen Teil davon her, dass Unerfahrene versucht haben, es bereits in diesem Stadium der Sache zu tun. Früher, in den Zeiten der wilden Spekulation, gelang freilich auch das oft genug. Aber diese Zeiten sind vorüber, und das Publikum ist heute ebenso misstrauisch, wie es früher vertrauensselig war. Heute müssen Sie zuerst ein Syndikat bilden, dessen Mitglied Sie natürlich auch sind. Diesem Syndikat verpachten Sie Ihren Claim mit der Bedingung, dass ein Schacht oder auch ein Stollen von einer bestimmten Länge oder Tiefe gebohrt werden muss, und zwar innerhalb einer festgesetzten Zeit, oder dass die Mitglieder ein bestimmtes Arbeitskapital aufbringen, um den Wert oder Unwert der Entdeckung genauer zu prüfen. Damit ist der erste Schritt getan, aus dem Loche, das der Prospektor gegraben, mitsamt seinen Pfählen und Schutthaufen, eine Mine werden zu lassen – oder auch nicht.

Wenn diese Stollen oder auch Schächte, wie der Fall nun gerade liegen mag, die nötige Tiefe oder Länge erreicht haben, wird meist ein erfahrener Mineningenieur mit der genauen Prüfung der Sache beauftragt, einesteils, weil das Syndikat selbst alles Interesse daran hat, zu wissen, ob sich die Fortsetzung der Arbeiten lohnt, und andrerseits, weil das Gutachten eines Sachverständigen von möglichst bekanntem Namen bei der späteren Gründung einer Company unentbehrlich ist. Während er bei hochprozentigen Erzen eigentlich nur die vermutliche Ausdehnung des Lagers festzustellen hat, muss er bei niedrigprozentigen auch noch die Entfernung vom nächsten Schmelzofen, die Transportschwierigkeiten und eine ganze Menge andrer Dinge berechnen, um zu entscheiden, ob sich ein Minenbetrieb lohnen würde.

Nehmen wir an, der Bericht lautet günstig und empfiehlt weitere Aufschließung des Claims. Sagen wir, der Sachverständige erklärt, zwanzigtausend Dollar für einen Schacht oder Stollen würden erforderlich sein, um mit Bestimmtheit festzustellen, ob das gefundene Erzlager mächtig genug ist für einen wirklichen Minenbetrieb.

Sofort sind diese zwanzigtausend Dollar natürlich nicht erforderlich. Sie werden vielleicht erst im Laufe von zwei Jahren je nach dem Fortschritt der Arbeiten gebraucht. Es sind da zwei Wege offen. Entweder das Syndikat entschließt sich, die Sache selbst weiterzubetreiben, oder es wird eine Company gegründet.

Im ersten Falle müssen die zwanzigtausend Dollar von dem Syndikat aufgebracht werden, indem jedes Mitglied innerhalb der nächsten zwei Jahre, oder in welch anderer Zeit das Geld erforderlich ist, seinen Anteil ratenweise einzahlt. Es mag sich dann ergeben, dass der Claim den zehn-, ja hundertfachen Wert des eingezahlten Kapitals besitzt. Wenn sich andrerseits die Sache aber als ein Fehlschlag erweisen sollte, so wird niemand dadurch bankrott gemacht. Wer einen Verlust nicht ertragen kann, der soll sich vom Spekulieren fernhalten.

Wenn das Syndikat dagegen beschließt, sich in eine Company umzuformen, so ist der übliche Weg der, dass es eine möglichst große Anzahl Shares zu möglichst niedrigem Nennwert auf den Markt bringt, sodass das große Publikum sich an der Spekulation beteiligen kann. Diese Methode der Companygründung mit billigen Shares ist jetzt zwar mehr oder weniger über ganz Amerika verbreitet, aber sie stammt aus dem Westen. Für die großen Unternehmungen im Osten werden fast immer nur Hundert-Dollar-Shares ausgegeben. Das schließt den kleinen Mann, mit dem wir es im Westen hauptsächlich zu tun haben, von vornherein aus. Um auch ihn – und gerade ihn – heranzuziehen, gibt man Shares zum Nennwerte von einem Dollar und oft sogar nur fünfundzwanzig Cent aus. Außerdem bringt man diese Shares ja niemals zum Nennwert auf den Markt. Sie werden im Anfange für fünf oder zehn Cent verkauft. Das allein reizt schon das Publikum, das meist keine ganz klare Vorstellung vom Nennwert, dafür aber eine unklare Idee hat, dass es einen Dollar für fünf oder zehn Cent kauft.

Eine Million Shares zum Nennwert von einem Dollar, verkauft für zehn Cent das Stück, verschafft der Company ein Arbeitskapital von hunderttausend Dollars, also genau so viel wie tausend Shares zum Preise von hundert Dollars je Share.

No, Sir, es ist wohl schwierig, aber nicht unmöglich für einen Prospektor, wenn er erst einen guten Fund gemacht hat, auch das nötige Kapital durch eine Companygründung zu erhalten. Bisher war es bei mir nur immer so, dass die Funde nicht reich genug waren, und ich das Gold, das der eine Claim mir brachte, immer wieder in einen andern hineinstecken musste. Prospektieren ist eben ein Beruf wie jeder andere, und wie man bei diesen nicht erwartet, dass jeder reich wird, der ihn ergreift, so muss auch der Prospektor meist damit zufrieden sein, wenn er sich einigermaßen durchs Leben bringt.“

„Das ist genau das, was ich ausdrücken wollte“, bestätigte ich. „Da ich aber nicht beabsichtige, berufsmäßiger Prospektor zu werden, sondern mich nur mal während eines Sommers Ihnen anschließen möchte, so werde ich Ihnen alle Erzfunde, die wir dabei etwa machen, gern überlassen. Höchstens, wenn wir Placergold finden sollten, werde ich mir erlauben, ein paar Schaufeln davon mitzunehmen.“

„All right“, lächelte er. „Das bringt mich übrigens wieder auf die Geschichte, die ich Ihnen erzählen wollte. Aber ich sehe, meine Zeit ist um. Da kommt Mike.“

Die nach dem Hofe führende Tür öffnete sich, und der andere Wächter kam inmitten einer Wolke von Schneestaub, die für einen Augenblick fast den ganzen Raum füllte, herein. Warren erhob sich, schnallte seinen Gürtel über den dicken Mantel, zog die Mütze tief über die Ohren und ging, nach ein paar Worten mit seinem Kameraden, hinaus, um seinen halbstündigen Postendienst zu versehen.

ZWEI

Mike – einen andern Namen von ihm habe ich nie gehört – stellte keinerlei Ansprüche an meine Unterhaltungsgabe, weil er so schwerhörig war, dass man beträchtlich schreien musste, um sich ihm verständlich zu machen.

Mit einer kurzen unverständlichen Bemerkung nahm er den Sitz vor dem Herde ein, den sein Kamerad soeben verlassen hatte.

Ich war müde geworden. An Schlaf war auf meinem nicht übermäßig bequemen Sitze natürlich nicht zu denken. Dafür sorgte schon der Sturm, der noch immer mit unverminderter Kraft gegen die Bretterwände donnerte und durch die Ritzen pfiff, soweit er diese in seiner blinden Wut nicht durch den Eisstaub, den er vor sich herschleuderte, verstopft hatte. Aber die Nacht kroch so langsam vorwärts, dass ich wenigstens versuchen wollte, die Zeit, in der Mister Warren seinem Wachdienst oblag, durch eine Art Halbschlaf auszufüllen. Nachdem ich der Unrast des Wetters noch eine kurze Zeit gelauscht hatte, umschleierten sich meine Sinne, und nur wie aus einem Traume heraus klang das vielstimmige Heulen der Coyoten, die Sturm und Hunger von den Bergen herab in das Camp getrieben hatten, an mein Ohr. Es war nur ein Dämmern, aber es half mir doch ungeahnt schnell über die halbe Stunde hinweg. Überrascht fuhr ich aus meiner Schläfrigkeit auf, als sich Mike zur Ablösung von Warren erhob.

Warren trat pustend und schnaubend, den Schnee von seinen Füßen stampfend und von seinem Mantel schüttelnd in die Küche und schürte erst das Feuer zu neuer Glut, bevor er sich wieder an den wärmenden Herd setzte. Dann holte er die unvermeidliche Pfeife hervor und stopfte sie bedächtig und sachverständig mit einer Quantität ‚Old Chum‘. Ich wartete, dass er nunmehr mit der versprochenen Erzählung beginnen würde. Darin sah ich mich aber getäuscht. Er brütete schweigend vor sich hin. Manchmal allerdings schien es mir, als lausche er halb unbewusst dem Geheul der Coyoten da draußen, als ob es mit seinen Gedanken in irgendwelchem Zusammenhang stünde. Sie waren übrigens diese Nacht besonders dreist und zudringlich, denn ihr jämmerliches, klagendes Geheul klang oft so nahe, als seien sie direkt vor unserer Tür.

Meine Gegenwart schien Warren ganz vergessen zu haben. Erst als ich mir mit steifen Fingern eine Zigarette anzündete, um wenigstens eine kleine Abwechslung in die bleierne Stumpfsinnigkeit dieses wortlosen Dasitzens zu bringen, wurde er wieder auf mich aufmerksam.

„Yes, Sir“, sagte er, als ob er eine bisher schweigend verfolgte Gedankenreihe an irgendeiner beliebigen Stelle plötzlich in Worte gefasst habe, „es war eine Nacht wie diese. Schlimmer noch, wenn das möglich ist. Ich hatte in jenem Winter meine Fallen am Oberlaufe des Stikine im Norden von Britisch-Kolumbien gestellt. Im vorhergehenden Sommer hatte ich dort prospektiert und dabei viele Tierspuren gesehen. Es ist ja nicht gerade notwendig, dass man so weit geht, um mit Erfolg zu trappen. Mancher Farmer macht gute Fänge in der Nähe seiner Farm. Aber bei ihm ist das Nebenbeschäftigung. Wer sich ausschließlich auf das Trappen verlässt, der tut schon besser, nicht in den bewohnten Gegenden zu bleiben. Er hat dann mehr Chancen, bessere Pelze zu kriegen, denn um die Farmen herum hält sich mehr das gewöhnliche Raubzeug auf.

Der Prospektor hat hierbei den Vorteil, dass er nicht auf gut Glück irgendeine Gegend aufzusuchen braucht. Er hält schon auf seinen Sommerwanderungen Ausschau nach Tierspuren. Das hatte ich auch getan und war dabei auf eine Gegend gestoßen, die mir besonders vielversprechend erschien. Neben Hochwildspuren hatte ich eine ganze Anzahl Fährten von Füchsen, Wölfen, Bären, Vielfraßen und Mardern entdeckt und mich daraufhin entschlossen, den Winter ebenfalls in der Gegend zu verbringen. Anstatt in einem Zelte zu wohnen, hatte ich mir auch deshalb eine Blockhütte gebaut, die man im Winter doch schlecht entbehren kann. Im Herbst war ich natürlich erst noch einmal zu Hause gewesen, um verschiedene Gesteinsproben analysieren zu lassen und um meine Winterausrüstung mit den nötigen Fallen zusammenzustellen.

Well, ich war nun aufs Neue schon wieder zwei Monate in der Gegend und hatte weder fremde Fallen noch einen fremden Trail entdeckt. Ein anderer Trapper, mit dem ich mich hätte über die gegenseitige Gebietsabgrenzung verständigen müssen, war hier also nicht vorhanden. Ich hatte daher meine Trapline auf achtzig oder auch hundert Meilen ausgedehnt und machte alle zehn Tage meine Runde. Häufiger besuche ich meine Fallen nicht gern, denn wenn Sie Ihre Fährte noch so sehr verdecken, die menschliche Witterung bleibt immer mehrere Tage lang, und die Tiere halten sich von der Stelle fern.“

„Hatten Sie ein Hundegespann?“

„Ich hatte einen Toboggan mit fünf Huskys. Es waren ungewöhnlich gute Tiere, klug und so ausdauernd, wie man sie sich nur wünschen kann, aber so wild, dass ich es hätte keinem Fremden raten mögen, ihnen nahe zu kommen. Sie hätten mich sogar zerfleischt, wenn ich nicht immer meine lange Peitsche ausgiebig gebraucht hätte und wachsam gewesen wäre wie ein Tierbändiger im Zirkus. Ich hatte nur Angst, dass mir mal ein andres Gespann in den Weg kommen möchte. Dann hätte ich sie nicht mehr halten können. Abends musste ich sie einzeln an Bäume anketten, sonst wären am nächsten Morgen wohl immer einer oder auch zwei weniger dagewesen. Zwei von ihnen waren nicht ganz so schlimm wie die andern, und das Anketten wäre bei ihnen vielleicht nicht nötig gewesen. Hätte ich es aber unterlassen, so wären am andern Morgen die übrigen aus Wut über ihre Bevorzugung über sie hergefallen, und sie wären zerrissen worden, ehe ich es hätte verhindern können.“

„Ja“, sagte ich, „ich habe auch meine Erfahrungen mit Huskys. Die wildesten sind immer die besten, vorausgesetzt, dass man einen guten Leithund hat, der sich unter den übrigen Respekt zu verschaffen weiß.“

„Damit haperte es etwas bei mir“, versetzte Warren. „Ich will nicht sagen, dass mein Leithund nichts taugte, aber es fehlte ihm noch an der rechten Erfahrung. Ursprünglich hatte ich sechs Huskys. Sie waren in Juneau, bis wohin ich die Reise mit dem Schiffe gemacht hatte, gekauft. Auf dem Wege nach meinem Trappgebiete war ich ein paar Indianerhütten nahe gekommen, von deren Existenz ich freilich erst eine Ahnung bekam, als sich mehrere fremde Huskys mit lautem Kampfgeheul auf meine stürzten.

Das gab eine gehörige Balgerei, wie Sie sich denken können. Als wir sie endlich in die Flucht geschlagen hatten – und ich kann Ihnen sagen, ich hatte wacker mit meiner Peitsche dabei geholfen –, lag einer der Indianerhunde, aber auch mein Leithund tot im Schnee. Die andern leckten ihre Wunden, sich damit tröstend, dass die entkommenen Indianerhunde auch ihr Teil abbekommen hatten.

Dieser Kampf nützte mir übrigens viel bei meinen Hunden, wie ich hier gleich noch erwähnen will. Ich hatte ihre Partei genommen und sie mir dadurch gewissermaßen zu Kameraden gemacht. Wir bildeten jetzt eine Einheit für Schutz und Trutz. Sie glauben nicht, was Ihnen das hilft, wenn Ihre Huskys ein solches Gefühl haben. Zuerst machte sich das freilich nur mir gegenüber geltend. Unter den Hunden selbst sah die Sache einstweilen noch etwas anders aus.

Das kam daher, dass ich jetzt einen andern Leithund wählen musste. Von Rechts wegen hätte ich den bisherigen zweiten dazu nehmen müssen, und der hatte wohl auch mit Sicherheit darauf gerechnet. Ich wählte den dritten, der mir geeigneter erschien. Aber er hatte den Fehler begangen, früher zu viel mit den anderen herumzuspielen. Und nun machte er wieder den andern Fehler, zu streng zu sein. So was lässt sich auf einmal nicht machen. Er war ehrgeizig und arbeitete hart und unverdrossen den ganzen Tag, aber er verstand es nicht, aus den andern das Gleiche herauszuholen. Wenn ein Hundegespann das Höchste leisten soll, dann darf es nur von einem Willen beseelt sein. Hier fehlte der dazu nötige Respekt vor dem Leithunde. Die andern wollten ihren neuen Führer absolut nicht ernst nehmen. Als er sie dazu zwingen wollte, widersetzten sie sich offen, noch mehr aber heimlich. Besonders der zweite. Der suchte in seiner Erbitterung darüber, dass er übergangen war, ihm stets einen Trick zu spielen. Wenn es darauf ankam, dass sie gleichmäßig anzogen, konnte Moody, so hieß der neue Leithund, sicher sein, dass sie sich ungleichmäßig ins Geschirr legten.

Das machte ihn natürlich fuchsteufelswild, und wenn ich sie abends ausspannte, fuhr er wie rasend auf die Übeltäter los und bestrafte sie gottsjämmerlich. Er war stärker als irgendeiner der andren. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich ihn zum Leithund gemacht hatte, denn nirgends gilt das Recht des Stärkeren mehr als in der Wildnis. Aber der in seinem Ehrgeiz gekränkte zweite kam stets jedem, den er sich vornahm, zu Hilfe. Und so gab es jeden Abend eine Beißerei, dass von meinen fünf Huskys bald nichts mehr übriggeblieben wäre als ein paar Schwanzbüschel, wenn ich der Sache nicht ein Ende gemacht hätte, indem ich abends jeden einzeln ankettete. Ich hatte das aber erst getan, nachdem Moody Gelegenheit gehabt hatte, sein Recht auf den Führerposten Swift, dem zweiten, gegenüber zu erweisen. Er hatte ihn einmal so zusammengebissen, dass er winselnd im Schnee lag und um Gnade jammerte, während die andern mit anscheinend sehr gemischten Gefühlen und eingezogenen Schwänzen um ihn herumstanden und sich nicht mehr zu mucksen wagten.

Von der Zeit an ging’s besser. Moody wurde jetzt respektiert, und da er auch jeden Tag mehr lernte, dass blinder Eifer nur schadet, hatte ich bald ein Gespann, mit dem ich zufrieden sein konnte. Die Biester hatten ihre Mägen trainiert, sage ich Ihnen, dass sie aus einem Minimum von Nahrung das Maximum von Energie herausarbeiten konnten. Sie hätten von alten Mokassins leben können – und ich glaube, sie haben’s bei ihrem früheren Besitzer auch mehr als einmal tun müssen, denn der machte Reisen von sechshundert und tausend Meilen nach Alaska hinauf.“

Die Beschreibung seines Huskygespanns war nicht das, was ich von Warren hatte hören wollen. Für Leute aber, die viel mit Hundeschlitten gereist sind, und für welche in den weltverlassenen Gegenden, durch die die Reise meistens führt, und unter all den Zufällen, denen sie dabei ausgesetzt sind, ein gutes Hundegespann oft zur Existenzfrage wird, bilden die Huskys ein unerschöpfliches Gesprächsthema. Ich hütete mich daher auch, ihn davon abzubringen oder ihn zu unterbrechen, als er jetzt eine Pause machte, um durch ein paar kräftige Züge seine Pfeife besser in Brand zu setzen.

„Ich hatte mir außer der Blockhütte, die meinen eigentlichen Wohnplatz bildete, in entsprechenden Entfernungen voneinander auch noch an andern Stellen meiner Trapline Unterkünfte gebaut, in denen ich zur Not eine Nacht zubringen konnte, und die ich auch mit einem Windschutz für die Hunde versehen hatte. Das war nötig, weil ich die Hunde ankettete. Wenn sie frei herumlaufen, wühlen sie sich einfach in den Schnee ein. Und hier können Sie wieder ihren eigentümlichen Instinkt beobachten. Sie wissen immer ganz genau, wo am andern Morgen der Wind herblasen wird. Aus welcher Richtung das auch immer sein mag, Sie werden sie stets auf seiner Leeseite finden, sodass er das kleine Loch, das sie zum Atemholen gelassen haben, nicht zuwehen kann.

Well, es war an einem Januarmorgen. Ich war auf einer meiner gewöhnlichen Runden und hatte früh – was man so früh nennt in diesen Breiten im Winter – eine dieser Weghütten verlassen. Die nächste war gegen fünfundzwanzig Meilen entfernt, und ich rechnete darauf, nachdem ich alle meine Fallen auf dieser Strecke besucht hatte, sie am Abend rechtzeitig zu erreichen.

Der Tag war trübe und die Luft unsichtig. Ein eisiger, Mark und Bein durchschneidender Wind strich mit dem wütenden Fauchen und Pfeifen, das er dort oben immer in einem so niederträchtigen Tone hören lässt, über die Schneefelder.

Ich traute dem Wetter nicht. Es sah nach Schnee aus. Schließlich kann aber ein Trapper nicht bei jedem Anzeichen von schlechtem Wetter zu Hause bleiben.

So war ich also nach dem Frühstück, nachdem ich den Holzvorrat erneuert hatte, losgezogen.

Mit einer Art von verbissenem Ingrimm gegen den schneidenden Wind schritt ich auf meinen Schneeschuhen neben dem Toboggan her.

Bis Mittag ging die Sache ganz gut. Aber die Luft war dicker geworden und hatte sich mit Schneestaub gefüllt, in den der Wind hineinfegte wie eine Höllenfurie. Eine Zeit lang konnte ich meinem Trail noch folgen oder fand ihn wenigstens immer wieder, wenn er an manchen Stellen verweht war. Aber die Gewalt des Sturmes hatte zugenommen, und obwohl ich mich nicht mehr damit aufhielt, meine Fallen zu besuchen und nur darauf bedacht war, so schnell wie möglich meine nächste Hütte zu erreichen, begann ich doch unruhig zu werden.

Ich rechnete, dass ich noch zehn bis zwölf Meilen bis dahin hatte. Bald war der Trail ganz verweht, und ich musste jetzt dauernd vor den Hunden hergehen, um einen Pfad für sie zu treten. Von meinen früheren Runden war mir die Gegend so ziemlich bekannt, aber schon auf zwei oder drei Schritt Entfernung ließ der wirbelnde Eisstaub die Bäume und andere Landmarken immer kleiner werden, und zwar von unten herauf, als ob sie sich in die Luft höben und dort schweben blieben. Es kam von den Schneetriften, die sich mit geradezu beängstigender Schnelligkeit rund um die Stämme legten. Nur fühlen konnte ich sie zuletzt noch, wenn ich die Hände tastend ausstreckte oder gelegentlich auch wohl mit dem Kopfe dagegen stieß. Auch die Kronen verschwanden mehr und mehr in dem dicken Weiß, das die Luft füllte.

Meine größte Sorge war natürlich, dass ich vom Trail abkommen könnte. Das Sicherste wäre wohl gewesen, an irgendeiner geschützten Stelle haltzumachen und zu warten, bis der Blizzard vorüber war, mochte er dauern, solange er wollte. Holz zu einem Feuer hatte ich genug da, es fehlte nur die geschützte Stelle, wo ich es hätte anmachen können. Bis zu meiner nächsten Weghütte gab es aber keine, das wusste ich, denn die Gegend war eben und nur spärlich bebuscht. Und doch hätte ich trotz der fürchterlichen Kälte haltgemacht. Es wäre natürlich schlimm gegangen im Freien und ohne Feuer. Aber doch noch nicht so schlimm wie jetzt, wo ich wie blind in den Schnee da vor mir und um mich herum hineintappen musste, der mir nicht einmal eine feste Decke unter meinen Füßen ließ, sondern überall in Bewegung war und hin und her und auf und nieder fegte. Und das immer mit der fast unvermeidlichen Aussicht, den Trail zu verfehlen, um ihn vielleicht nie wieder zu finden. Aber da war das Fürchterliche: Ich wäre samt meinen Hunden in wenigen Minuten im Schnee vergraben gewesen. Nein, es blieb mir nur eins, nämlich auf jede Gefahr hin in Bewegung zu bleiben.

Also vorwärts! Schritt vor Schritt. Immer hinein in die wirbelnde Schneewand vor mir, mich auf nichts wie auf meinen Ortssinn verlassend.

Zwölf Meilen! Wissen Sie, was das bedeutet in einer sich unter den Schneeverwehungen fortwährend verändernden Gegend? Und diese kaum auf mehr als zwei Yard nur undeutlich sichtbar?

Ich verwünschte jetzt meinen Leichtsinn, der mich am Morgen trotz der Anzeichen von schlechtem Wetter doch hatte meinen Weg antreten lassen. Ich war doch wohl alt genug, um es besser zu wissen. Aber die Vorwürfe kamen zu spät.

In drei Stunden musste es dunkel sein. Wie ich dann meine Hütte erreichen sollte, die zweifellos auch noch halb vom Schnee verweht sein würde, trotzdem sie an geschützter Stelle stand, das war eine Frage, die ich mir einstweilen noch gar nicht zu beantworten wagte. Meine einzige Hoffnung war, dass der Blizzard bald aufhören würde, und dazu war verdammt wenig Aussicht.

Die Hunde kannten die Gefahr natürlich so gut wie ich, und eine Zeit lang folgten sie mir auch unverdrossen. Ich hatte meinen Kopf tief in den Kragen meiner Schafpelzjacke gesteckt und außerdem noch durch einen dicken Schal gegen den schneidenden Wind geschützt, sodass nur die Augen heraus sahen. Und auch die musste ich noch halb zugekniffen halten, weil der Sturm die Eisnadeln dagegen schlug, dass es brannte wie Feuer.

Nachdem ich mich in dieser Weise, ich weiß nicht, wie viele Meilen, vorwärts gearbeitet hatte – es konnten fünf oder sechs sein oder auch nur eine halbe, wer weiß das in solchem Wetter? –, fingen die Hunde an, Widersetzlichkeit zu zeigen. Sie wollten nicht mehr weiter. Der Leithund zog aus allen Kräften, und der Schlittenhund, auf den ich mich ebenfalls stets verlassen konnte, biss den ihm ...

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