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Das Geheimnis des Templers - Episode V

Martina André

Das Geheimnis des Templers

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Episode V

»Tödlicher Verrat«

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Buchtrailer auf Youtube

http://youtu.be/WN3GY6dLkrI

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Personenregister

Glossar

Kapitel I

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1302 Königreich Zypern – Antarados/Nikosia

Gero von Breydenbach wischte sich den Schweiß von der Stirn, als er am späten Nachmittag mit zwanzig weiteren Kameraden zu Pferd die Tore der Templerfestung Antarados hinter sich ließ, um zum einzigen Hafen des winzigen Eilandes zu gelangen. Die halbmondförmigen Befestigungsmauern der Schiffsanlegestellen wurden von den vier Türmen der gewaltigen Templerburg überschattet, die unweit entfernt erst vor wenigen Jahren auf der äußersten, östlichen Spitze der Insel errichtet worden war. Von außen betrachtet hatte Gero bei seiner Ankunft kaum glauben können, dass die steil aufragenden Wälle des monumentalen Bauwerks mehr als neunhundert Menschen Platz boten. Unmittelbar hinter der Festung erstreckte sich das Mittelländische Meer, dessen Brandung des Nachts bis zum Dormitorium der Ritter zu hören war.

Von der südlichen Hafenseite der Insel aus konnte man in vermeintlich greifbarer Nähe die syrische Küste und die Stadt Tortosa überblicken, die einst von Christen besetzt gewesen war und nun wie ihr Hinterland von Heiden kontrolliert wurde. Gero stellte sich beim Anblick des nahen Festlandes abermals die Frage, ob ihr bevorstehender Auftrag daran etwas ändern konnte. Dabei galt es zumindest als sicher, dass die Mameluken den nur einen Steinwurf entfernten Stützpunkt der Templer auf dieser winzigen Insel als Provokation empfanden, und das sollte es wohl auch sein.

Der Hitze zum Trotz trugen alle Ordensritter ausnahmslos ihre Chlamys, jenen weißen Mantel mit dem roten Kreuz darauf, der aus einem gewöhnlichen Ritter erst einen Templer auf Lebenszeit machte. Dazu eine dunkle Reithose aus Leder und ein helles, wattiertes Unterwams, das unter der Kettenpanzerung unerlässlich war. Darüber trugen sie gewöhnlich noch einen hellen, ärmellosen Wappenrock, dessen rotes Tatzenkreuz auf der Brust sie zusätzlich als Miliz Christi kennzeichnete. Im Moment allerdings befand sich der Rock zusammen mit dem Kettenhemd, das aus Hunderten von Stahlringen gefertigt war, den gepanzerten Plattenhandschuhen und dem Helm sicher verstaut in den Satteltaschen und wartete dort auf seinen Einsatz an Land. Bis zur Anlandung an der gegenüberliegenden Küste war es Gero und seinen Mitstreitern nicht erlaubt, die schwere Panzerung anzulegen, die gut und gerne mehr als einen halben Zentner wog. Auf dem Wasser gestattete der Orden lediglich eine leichte, mit Eisenplatten beschlagene Weste, die man normalerweise bei der Kaperung von Galeeren trug und die mit drei Schnallen einfach zu lösen war, falls man über Bord ging oder das Schiff zu sinken begann. Nachdem in früheren Jahren oftmals Ritter durch die Schwere des Eisens ertrunken waren, wenn sie versehentlich im Wasser landeten, hatte der Orden inzwischen dazugelernt und verlangte von seinen Rittern sogar, dass sie schwimmen konnten, was längst keine Selbstverständlichkeit war.

Wie üblich würden Gero und seine Kameraden die schmale Passage des Mittelländischen Meeres zwischen Antarados und einem Ort oberhalb von Tortosa mit einer Tarida überqueren, einer großen Kriegsgaleere, von denen zurzeit zwei im Hafen von Antarados lagen. Bei Einbruch der Dunkelheit sollte das Schiff an der gegenüberliegenden Küste oberhalb von Tortosa an einem unbewohnten Küstenstreifen anlanden. Die etwa hundert Ruderleute an Bord benötigten etwa ein bis zwei Stunden, um die zwanzig Ordensritter und noch einmal so viele Turkopolen, wie man die syrischen Bogenschützen nannte, samt Rössern zum schräg gegenüberliegenden Ufer zu bringen. Aufgrund der Größe der Galeere durften sie, um nicht aufzufallen, erst in der Dämmerung ablegen. Auf dem Festland angekommen, sollte es zu Pferd zu einem Waffenlager der Mameluken weitergehen, das der Ordensmarschall nach Rücksprache mit seinen Kommandeuren für einen Angriff auserkoren hatte. Es lag in einer Talsenke, unterhalb der ehemaligen Templerfestung Marqab. Bei Tag war dieser Ort wegen seiner glühenden Hitze ein übler Höllenkessel, doch bis sie dort eintreffen würden, war es längst Nacht und würde deutlich kühler sein.

Vom Hafen strich ein frischer Wind über Geros blonden Bart und das kurzgeschorene Haupthaar, das so typisch für die Templer war. Einen Moment lang verspürte er Linderung von der allgegenwärtigen Hitze, doch die Luft war noch zu warm, um ihr Versprechen halten zu können.

Bis zum Ende des Sommers hatten die Angehörigen des Templerordens auf Antarados vergeblich auf Abkühlung gehofft, was sowohl das Wetter als auch die politische Lage betraf. Die heidnischen Mameluken, die das Heilige Land eisern im Griff hielten, wehrten sich hartnäckig gegen die Übergriffe der Christen. In den vergangenen Wochen und Monaten waren Gero und seine Kameraden immer wieder im Auftrag des Ordens zu kräftezehrenden Raubzügen gegen die Heiden entsandt worden. Mit dem Ergebnis, dass sie inzwischen vierzehn Brüder im Kampf verloren hatten und die Mameluken sich wie wütende Hornissen benahmen, die ihre Nester verteidigten. Dabei hatten Gero und seine Ordensbrüder nur wenig Beute und noch weniger Gefangene gemacht. Ein paar mehr oder weniger wertvolle Verwandte diverser Emire befanden sich darunter, die man für einen möglichen Austausch auf der Festung unter Verschluss hielt. Ansonsten ergab es keinen Sinn, noch weitere, gewöhnliche Heiden auf die Insel zu schleppen, weil Essen und Trinken kaum für die Menschen ausreichend vorhanden war, die bereits auf Antarados lebten, geschweige denn für Hunderte von mamelukischen Sklaven, die ebenso hätten versorgt werden müssen.

Erschwerend kam hinzu, dass das winzige Eiland nur eine einzige Süßwasserquelle besaß, die zu dieser Jahreszeit kaum etwas hergab. Auch die Wasservorräte in den selbsterbauten, unterirdischen Auffangbecken waren so gut wie aufgebraucht. Wenn es so weiterging und der Nachschub aus Zypern mal wieder auf sich warten ließ, würden sie am Ende gezwungen sein, das Blut ihrer Pferde zu trinken, wie ihre Vorfahren auf den Kreuzzügen in den Jahren zuvor. Gekocht und gewaschen wurde ohnehin nur mit Meerwasser, und inzwischen tranken sie unverdünnten Wein, weil an Süßwasser gespart werden musste. Doch der Wein stieg manchen zu Kopf und animierte sie zu Schlägereien oder dazu, die wenigen Frauen auf der Festung zu belästigen.

Kaum hatten Gero und seine Kameraden den gepflasterten Zufahrtsweg erreicht, der zur Verladerampe am Hafen führte, huschte eine schlanke Gestalt an ihrem Tross vorbei. Obwohl der schwarze Umhang das lange dunkle Haar fast vollständig verbarg, war Gero sicher, dass es sich bei der Frau um Warda handelte. Oder sollte er besser Maria sagen, wie sie sich seit ihrer Ankunft auf dieser Insel nannte?

Leichten Schrittes und ohne sich nach den Reitern umzuschauen, nahm sie eine enge Steintreppe hinunter zu den weißgetünchten Fischerhäusern, die den Hafen umringten wie ein Wall aus ineinander verschachtelten Quadern, mehrstöckig und mit winzigen engen Gassen durchzogen. Königsblaue Türen zierten die meisten Eingänge, und bunte Stoffe wehten aus den kleinen Fenstern. Auf den flachen Dächern hatten die Bewohner wie üblich ihre Sommerlager aufgeschlagen, die ihnen des Nachts als Schlafstätte dienten. Gero schaute Warda nachdenklich hinterher, während sie wie ein junges Mädchen behände die Stufen hinabhüpfte und fürs Erste in einer der engen Gassen verschwand.

Obwohl sie knapp dreißig sein musste, besaß sie noch immer die Eleganz und Schönheit einer arabischen Rose, an deren Nektar sich nicht nur Gero zu Unrecht gelabt hatte.

Seit Hugo d’Empures, sein Kommandeur-Leutnant, sie an einer abgelegenen Uferstelle bedrängt hatte und Gero hinzugekommen war, um sie vor der Gewalt dieses Scheusals zu bewahren, hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt.

Gero erinnerte sich genau daran, wann das gewesen war, weil wenig später die vorläufige Beisetzung seines luxemburgischen Freundes und Bruders stattgefunden hatte. Vier Monate waren nun vergangen, seit Fabius von Schorenfels zusammen mit zwei anderen Brüdern im Kampf gegen die Mameluken auf dem nahen Festland gefallen war.

Auch er hatte Warda noch aus ihren Zeiten in Zypern gekannt, als sie in der Taverne der Engel ihren zweifelhaften Geschäften nachgegangen war. Dabei hatte er Geros Befürchtungen geschürt, dass sie selbst mit neuem Namen und als Wäscherin getarnt von einigen auf der Insel lebenden Templern als ehemalige Hure erkannt werden würde.

Hugo D’Empures jedenfalls hatte nach ihrer Ankunft nicht lange gebraucht, um in ihr die willige Liebesdienerin wiederzuerkennen, die im Auftrag ihrer Wirtin mit Vertreter der Ordenshäuser und hochranginge Regierungsbeamte das Lager geteilt und sie ausgehorcht hatte. Schließlich war er es gewesen, der Gero auf Zypern in die Taverne der Engel gelockt hatte, in der er Warda zum ersten Mal begegnet war. Dass die Schergen des Königs ausgerechnet ein Hurenhaus stürmen würden, konnte zum damaligen Zeitpunkt niemand erahnen, und Gero war immer noch froh, dass er Warda, die ihm dort ihre Liebesdienste ohne jegliche Gegenleistung angeboten hatte, zur Flucht verhelfen konnte. Doch Hugo d’Empures, der sich zu dieser Zeit mit anderen Mädchen des Hauses vergnügt hatte, war zusammen mit ihnen den Häschern des Königs ins Netz gegangen. Wie sich später herausstellte, wurden die gefangengenommenen Frauen des Hochverrats gegen den König von Jerusalem verdächtigt und waren auf Nimmerwiedersehen in irgendeinem zypriotischen Kerker verschwunden. Hugo konnte von Glück sagen, dass der Orden ihn daraufhin lediglich hatte auspeitschen lassen und ihm nicht wie befürchtet den Mantel genommen hatte. Zudem hatte er mehrere Monate vom Boden fressen müssen wie ein Hund aus einem Trog, was jedoch harmlos gewesen war im Vergleich zu einem Ausschluss aus dem Orden. Weshalb er nun auf Antarados wieder sein altes Amt bekleidete, war nicht nur Gero, sondern auch den meisten Kameraden ein Rätsel. Möglicherweise lag es daran, dass nur die halbe Wahrheit ans Licht gekommen war. Anscheinend vertrat Hugo d’Empures die Auffassung, Warda müsse ihm ebenso dankbar sein wie Gero, weil er sie in der strengen Vernehmung nicht an die höchste Gerichtsbarkeit des Templerordens und damit an den König von Jerusalem verraten hatte. Vermutlich erwartete er sogar, dass sie sich deshalb bei ihm in der üblichen Art und Weise erkenntlich zeigte. Dabei hatte sie Gero glaubhaft versichert, ein neues Leben beginnen zu wollen, indem sie ihr Dasein als Hure aufgab und sich fortan für den Orden als Wäscherin verdingte. Aber wer wusste schon, was in den Köpfen der Weiber vorging? Mit einem leichten Schaudern dachte er daran, wie sie sich mit einem lasziven Augenaufschlag bei ihm bedankt hatte, wobei ihr durchdringender Blick, den sie ihm stets schenkte, wenn sich ihre Wege kreuzten, die reinste Sünde versprach. Vielleicht hoffte sie trotz ihrer hartnäckigen Beteuerungen, ihr Leben zu ändern, dass er früher oder später sein Keuschheitsgelübde brach und heimlich mit ihr das Lager teilte. Möglichweise hatte er diese Hoffnung genährt, indem er ihr zuliebe gegen seinen eigenen Kommandeur vorgegangen war. Immerhin war Bruder Hugo sein vorgesetzter Offizier und hätte ihn leicht vor dem sonntäglichen Ordenskapitel wegen Widerstand und Ungehorsam anklagen können.

Seit dem Vorfall am Westufer hatte Gero auf Warda ein wachsames Auge gelegt, weil er sich in Gegenwart eines undurchschaubaren Hugo d’Empures um ihre Sicherheit sorgte. Zugleich war er auf Abstand gegangen, zumal sie unter seinen Kameraden tatsächlich den zweifelhaften Ruf genoss, sich nicht nur für die Wäsche des Ordens zuständig zu fühlen. Aber wenn er ehrlich war, hatte er es wohl mehr um seiner selbst willen getan, um nicht noch einmal in Versuchung zu geraten. Schließlich hatte er nicht nur dem Orden, sondern auch Lissy, seiner verstorbenen Frau, ewige Treue geschworen.

Was Gero allerdings nicht davon abhielt, Warda mit verhaltenem Interesse zu betrachten, und das nicht nur, weil sie unglaublich hübsch war und er immer noch etwas für sie empfand. Irgendetwas an ihrem Benehmen erschien ihm rätselhaft. Sie war die Tochter einer levantinischen Leibeigenen, die vom muslimischen Glauben zum Christentum übergetreten war. Ihr Vater war nach ihren eigenen Angaben ein Templer gewesen, der es mit seinem Keuschheitsgelübde nicht allzu genau genommen hatte. Ebenso wie ihr späterer Liebhaber, der gleichfalls ein Templer gewesen war und mit ihr sogar ein Kind gezeugt hatte. Beide Männer waren im Kampf gegen die Mameluken gefallen und das Kind an einem Fieber gestorben.

Warum sie sich trotz all des Leides, das ihr und ihrer verstorbenen Mutter durch den Orden wiederfahren war, nun ausgerechnet bei den Templern verdingte, blieb ihr Geheimnis. Gero wollte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es allein daran lag, weil sie sich um ihn sorgte und ihm nahe sein wollte, wie sie sagte. Er fragte sich ohnehin, was sie an ihm fand. Auch wenn sie ständig behauptet hatte, seine großgewachsene Statur, seine blonden Haare und seine himmelblauen Augen unwiderstehlich zu finden. Dabei hatte er ihr inzwischen mehrmals klargemacht, wie sehr er sich mit der endgültigen Aufnahme in den Orden an sein Keuschheitsgelübde gebunden fühlte, das ihm generell den Umgang mit Frauen verbot. Er wusste, ihr gefiel das nicht und sie hatte ihm nicht verziehen, diesen endgültigen Entschluss gefasst zu haben. Aber er hatte eine Mission zu erfüllen, die weit über die Wüsche dieser eigenwilligen Frau hinausging.

Während er inmitten der Kavalkade zum Hafen trabte, beobachtete er nach der nächsten Biegung, wie Warda durch eine blaugetünchte Tür in einem der vielen Fischerhäuschen verschwand. Die Vorstellung, dass sie sich ersatzweise unter den einheimischen Männern auf der Insel einen gut zahlenden Geliebten suchte, erfüllte ihn einen Moment lang mit hartnäckigem Unbehagen, was – ob es ihm gefiel oder nicht – wohl mit Eifersucht gleichzusetzen war. Auch wenn er nichts von Warda wollte, fühlte er sich weiterhin für ihre Sicherheit verantwortlich und träumte zu allem Übel viel zu oft von ihrem wunderbaren Leib und davon, welche Befriedigung sie ihm damit verschafft hatte. Es waren verstörende Träume, geprägt von fleischlicher Lust, die ihm den Schlaf raubten und ohne Rücksicht auf sein Gelübde schmerzhaft nach sündhafter Erleichterung verlangten. Voller Reue beruhigte er sich stets damit, dass er weit öfter von Lissy träumte. Auch wenn es ihn härter schmerzte, so bevorzugte er die Träume von seiner verstorbenen Frau, waren sie doch in erster Linie von Liebe und Sehnsucht gekennzeichnet und nicht nur von zügelloser Lust.

„Hängst du etwa noch immer an ihr?“

Gero war ganz erschrocken über die Frage, weil er im ersten Moment nicht wusste, wer sie gestellt hatte und wer damit gemeint gewesen war. Umso mehr ärgerte er sich, als er Hugo d’Empures als Fragensteller erkannte. Der dunkelblonde Ritter mit den charismatischen Zügen eines geborenen Verführers ritt auf gleicher Höhe mit ihm und grinste breit.

„Was hast du dagegen, wenn sich unsere kleine Hure neben dem Waschen ein wenig dazuverdient?“, fragte er provokativ. „Ich kenne noch ein paar andere Kerle auf der Festung, die sich ihrer besonderen Vorzüge bedienen.“

„Sag nur, du stellst ihr immer noch nach?“ Gero spürte erneut Wut in sich aufwallen. Falls Hugo mit „Ja“ antwortete, würde er ihn vom Pferd holen, und das ungeachtet der Folgen.

„Ich bin ein Ordensritter wie du“, entgegnete er stattdessen mit einem kryptischen Lächeln. „Schon vergessen?“

„Als ob dir das etwas ausmachen würde“, erwiderte Gero barsch. „Ich sehe doch, wie du jedes Mädchen auf unserer Festung mit deinen Blicken verschlingst, als ob es eine Hure wäre.“

„Nun, die meisten von ihnen sind es wohl auch“, spöttelte Hugo. „Auch wenn unsere Ordensleitung das nicht wahrhaben möchte.“

Hugo lenkte sein Pferd näher an Gero heran und verfiel in einen verschwörerischen Flüsterton. „Aber keine Sorge. Wenn es mich nach einem Weib verlangt, benötige ich deine Warda nicht. Ich nehme mir stattdessen eine dieser mamelukischen Schlampen, die in den armseligen Hütten an Land anzutreffen sind. Das geht schnell, und sie stellen keine unnötigen Fragen. Außerdem: Wo kein Kläger, da kein Richter.“

„Du bist und bleibst ein Dreckschwein, Hugo“, knurrte Gero und spuckte vor ihm aus. Dann gab er seinem Hengst die Sporen und zog, obwohl das nicht den Statuten entsprach, an seinem Kommandeur vorbei, um als Erster die Verladerampe zu erreichen.

Arnaud de Mirepaux, der drahtige Templerbruder aus dem Langue d’Oc, beäugte Gero wenig später interessiert mit seinen verschlagen dreinblickenden braunen Augen, als sie gemeinsam ihre Pferde auf die wankende Galeere führten. „Was hattest du denn mit unserem katalanischen Edelmann für einen Disput?“

„Da war nichts“, log Gero und führte seinen schwarzen Hengst über einen breiten Steg an Bord. Hugo d’Empures war noch an Land und gab den Arbeitern des Ordens mit lauter Stimme letzte Anweisungen für die Fracht – leere Holzfässer, um die Wasservorräte aufzufüllen, und schwere Waffen, wie Armbrüste und Lanzen –, die noch an Bord gebracht werden musste.

Gero hatte keine Lust, ausgerechnet Arnaud mit Informationen zu versorgen, die ihn nichts angingen. Und dabei bedauerte er bitterlich, Fabius von Schorenfels durch das Schwert eines Mameluken verloren zu haben. Seither fehlte ihm ein wahrer Freund, mit dem er sich vertraulich austauschen konnte.

„Das kannst du deiner Mutter erzählen, Breydenbach“, raunte Arnaud. „Jeder von uns weiß, dass du und Bruder Hugo nicht gerade die besten Freunde sind. Hat es etwas mit der Hurengeschichte zu tun, in die unser Kommandeur verwickelt war? Ich bin sicher, euch beide verbindet etwas Besonderes, und dabei kann es sich nur um diese eine Sache handeln.“

„Halt dein loses Maul, Arnaud“, zischte Gero und bedachte seinen dunkelgelockten Kameraden mit einem warnenden Blick. „Es sei denn, du willst als Fischfutter enden.“

„Oho!“, amüsierte sich Arnaud. „Da habe ich wohl mal wieder ins Schwarze getroffen.“ Bevor Gero ihm einen unbemerkten, schmerzhaften Seitenhieb verpassen konnte, machte Arnaud einen Satz nach vorn und verschwand in dem engen Zugang, der über eine Rampe unter Deck führte, wo die Pferdeboxen untergebracht waren. Von hinten drängte Struan, der schweigsame Schotte, mit seinem Great Horse, das genauso groß war wie David. Gero legte derweil seine Hand auf den Kopf seines eigenen Pferdes und drückte ihn nach unten. „Duck deinen Schädel, David.“ Folgsam senkte der beeindruckende Hengst sein Haupt. Inzwischen reagierte das stolze Tier nicht mehr nervös auf die Enge unter Deck. Auch die nächtlichen Ausfälle auf Feindesland machten ihm nichts aus. Im Kampf war er ohnehin die beste Hilfe, die man sich als Ritter vorstellen konnte: wendig, bissig und angriffslustig. Mit seinen schweren Hufen stellte er eine ernsthafte Gefahr für Fußsoldaten dar. Gero tätschelte seinem braven Gefährten den Hals, bevor er ihn fertig gesattelt und gepanzert neben seinen mehr als vierzig schnaubenden Artgenossen, angebunden in seinem hölzernen Verschlag, im Bauch der riesigen Galeere zurückließ. Danach ging er an Deck, wo er sich einen Platz an der Reling suchte und beobachtete, wie die rund hundert Ruderer, in helle Hosen und Kaftane des Ordens gehüllt, ihre Position an den Riemen einnahmen. Geros Blick wanderte zu dem Haus, in dem Warda verschwunden war. Zu gerne hätte er gewusst, was sie bei der Fischerfamilie zu suchen hatte. Die Leute lebten und arbeiteten zwar im Schatten des Ordens, aber zwischen den Bewohnern der Festung und den einheimischen Christen gab es nur wenige persönliche Beziehungen. Es war jedoch möglich, dass Warda bei ihrer täglichen Arbeit als Wäscherin aufgrund ihrer Schönheit einem der Fischer aufgefallen war.

„Denkst du noch manchmal an Fabius?“

Von der rauen Stimme überrascht, wandte sich Gero seinem schottischen Kameraden zu, den er bisher gar nicht bemerkt hatte. Struan sprach selten jemanden an, selbst wenn es ein Bruder war, was wohl weniger am geltenden Schweigegebot lag, welches bei den Templern ohnehin nicht so ernst genommen wurde, als an seinem stoischen Naturell. Aber vielleicht war er Gero gerade deshalb sympathisch. Struan stellte keine neugierigen Fragen und mischte sich nicht in sinnlose Alltagskonflikte zwischen den Brüdern ein. Dabei musste er des Öfteren die Häme seiner Mitbrüder über sich ergehen lassen, die seine Herkunft nicht kannten und sich darüber ärgerten, dass er so gut wie nichts über sich preisgab. Aufgrund seiner tiefschwarzen Haare, des schwarzen Bartes und seiner fast schwarzen Augen hielten ihn viele für einen Sarazenen. Was natürlich Blödsinn war, weil kein Muslim als Bruder des Tempels aufgenommen werden durfte und ihm damit auch nicht das Tragen des weißen Mantels erlaubt gewesen wäre. Aber es war eine Möglichkeit, den schweigsamen Schotten zu provozieren.

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