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Das Geheimnis des Templers - Episode IV

Martina André

Das Geheimnis des Templers

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Episode IV

»Gefährliche Versuchung«

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Buchtrailer auf Youtube

http://youtu.be/WN3GY6dLkrI

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Personenregister

Glossar

Kapitel I

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1301/1302 Königreich Zypern – Nikosia – Templerfestung Antarados

Kann es etwas Schöneres geben, als bei brütender Hitze mit Mantel und stählernem Topfhelm einen Schwertkampf zu bestehen?“ Fabius von Schorenfels perlte selbst bei völligem Stillstand das Wasser aus dem kurzrasierten, braunen Schopf. Gero von Breydenbach, der neben ihm stand und um einiges größer und athletischer war als der gedrungene Luxemburger, nickte. Unter diesen Bedingungen leuchtete ihm ein, warum der Orden der Templer ihn gleich bei seiner Ankunft als Novize der blonden Mähne beraubt hatte, auf die er als Sohn eines Edelfreien immer so stolz gewesen war.

Ungefähr einhundert Ordensritter, Novizen und Knappen hatten sich am Vormittag im Innenhof der Templerordensburg von Nikosia versammelt, um ein Duell der besonderen Art zu bestaunen. Zwei hünenhafte Ordensritter in vollem Templerornat lieferten sich, mit Helm und Kettenhemd versehen, einen gefährlich aussehenden Zweikampf in qualvoller Mittagshitze. Eine durchaus beabsichtigte Lektion für die anwesenden Novizen, die auf ihre Aufgaben als zukünftige Tempelritter eingestimmt werden sollten. Dass ausnahmsweise sogar Ordensmeister Jacques de Molay anwesend war, gab der Sache ein besonderes Gewicht. Der grauhaarige Mann mit dem silbern schimmernden Bart, dessen hagere, vom vielen Fasten beinahe ausgemergelte Gestalt den meisten jungen Novizen als nicht gerade vorbildlich erschien, inspizierte beiläufig seine nächste Generation von Templerrittern. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder jenen Männern zu, die für die Ausbildung des Nachwuchses verantwortlich waren.

Kommandeur-Leutnant Odo de Saint-Jacques, einer der beiden Kämpfer, war ein harter Knochen, der trotz seiner Kaltschnäuzigkeit den meisten Novizen inzwischen zum Vorbild gereichte, zumindest was seine Kampfkraft betraf. Er hatte sie in den vergangenen Wochen und Monaten mehrmals an ihre körperlichen Grenzen geführt, indem er sie in sengender Hitze mit einem Zentner Ausrüstung pro Mann bis zu zehn Stunden hatte zu Fuß marschieren lassen. In den wenigen Pausen ließ er sie immer wieder gegeneinander im Schwertkampf antreten, wobei die Ergebnisse nicht eben zu seiner Zufriedenheit ausgefallen waren.

„Bis auf wenige Ausnahmen seid ihr alle verweichlichte Muttersöhnchen“, war noch die höflichste Bezeichnung, die er ihnen hatte zukommen lassen. Auch mahnte er gerne, dass die Mameluken nicht selten Gefangene machten, die sie danach in den Kerkern von Ägypten zu sodomitischen Zwecken missbrauchten. „Die Heiden werden sich freuen, wenn sie ihre dreckigen Schwänze in eure Lahmärsche stecken dürfen“, rief er mit sichtbarem Vergnügen, wenn er sie zur Nacht alarmieren ließ und sie nicht schnell genug in ihre Kleider sprangen.

Saint-Jacques’ Gegner, Hugo d’Empures, Sohn eines spanischen Edelmannes und einer englischen Adligen, war trotz seines Gleichmutes, was die Ausbildung der Novizen betraf, nicht eben beliebter bei seinen Zöglingen. Im Gegensatz zu Odo de Saint-Jacques, dessen markiges, vernarbtes Äußeres nicht unbedingt Vertrauen erweckte, war der blonde Hugo trotz seines fortgeschrittenen Alters von Mitte dreißig ein oberflächlicher Schönling, der sich augenscheinlich nur für sich selbst interessierte. Ihm war es anscheinend vollkommen egal, ob die ihm anvertrauten Novizen etwas lernten, das später im Kampf für sie wichtig sein könnte. Außerdem hielt er sich nicht an die Ordensregeln. Er trank zu viel und war kein überzeugter Verfechter des Keuschheitsgelübdes, wie Gero höchstselbst hatte in Erfahrung bringen dürfen. Was vielleicht daran lag, wie Hugo gerne argumentierte, dass er dem Tod einmal zu viel ins Auge geblickt hatte. Beiden Lehrmeistern jedoch schienen der Kampf und die Hitze kaum etwas auszumachen. Nur ab und an, wenn die weißen Umhänge mit dem leuchtend roten Tatzenkreuz auf der Schulter zur Seite wehten, waren ihre Schweißflecke unter den Achseln zu sehen. Die eisernen Helme besaßen nur zwei Guckschlitze, aber man konnte ahnen, wie es darunter kochte. Unaufhörlich rann den kampferfahrenen Rittern das Wasser an den muskulösen Hälsen herab, über die vor Anstrengung hervortretenden Adern, direkt in den Ausschnitt des Kettenhemdes. Wenigstens auf die Kettenhauben, die ein Templer im Kampf normalerweise noch unter dem Helm trug, hatten sie verzichtet. Während sie sich einen barbarischen Schlagabtausch mit echten Langschwertern lieferten, verfolgten die Zuschauer mit Anspannung jede ihrer Bewegungen.

„Was denkst du, Breydenbach, wer kippt als Erster zu Boden?“, murmelte Arnaud de Mirepaux, der mit überkreuzten Armen dicht neben Gero stand und die Szenerie aus schmalen Lidern verfolgte.

„Ich sag es nicht gerne“, gab Gero kaum hörbar zurück, „aber ich denke, Odo de Saint-Jacques wird als Sieger aus dieser Runde hervorgehen. Du hast ihn selbst erlebt, bei unseren Märschen oben in den Bergen. Er ist ein hervorragender Kämpfer und so zäh wie das Fleisch eines alten Ziegenbocks. Bruder Hugo würde ich dagegen eher als Lammfilet bezeichnen.“

„Hm …“, machte Arnaud und kaute demonstrativ auf seinem Miswak herum, einem kleinen Zahnputzstäbchen aus dem Holz eines Balsambaums, das er mit der Zunge wie ein echter Araber ständig von einem Mundwinkel in den anderen jonglierte. Dass er damit einem feindlichen Mameluken zum Verwechseln ähnlich sah, schien ihn inzwischen nicht mehr zu stören.

Sein kurzgeschorener Bart war leicht gekräuselt, und seine haselnussbraunen Augen hatten den gleichen verschlagenen Blick eines Heiden, vor dem sie von ihren Lehrmeistern des Öfteren gewarnt wurden. Hinzu kam Arnauds scharfe Zunge, der er selten Einhalt gebot. Vielleicht war das ein Grund, warum er bei den meisten Brüdern nicht besonders beliebt war. Oder es lag tatsächlich an seinem orientalischen Äußeren, das nicht wenige an jene Dämonen erinnerte, die den Templern schon so viele Verluste zugefügt hatten. Arnaud schaute sich beiläufig um, weil er wohl sicherstellen wollte, keine ungebetenen Zuhörer zu haben.

„Ich denke, Hugo d’Empures wird der Sieger sein“, verriet er Gero mit einem Augenzwinkern. „Er ist ein durchtriebener Hund, der fast jede Finte kennt. Er ist weitaus gerissener als unser erster Kommandeur, lass dir das gesagt sein.“

Tatsächlich machte Bruder Hugo gerade in diesem Moment einen folgenreichen Ausfallschritt und lockte Bruder Odo in eine hinterhältige Falle. Saint-Jacques, der gleichzeitig die Ausbildung der anwesenden Novizen leitete, verfehlte sein Ziel, und der Schlag gegen Hugo ging ins Leere. Im Gegenzug drehte Hugo sich blitzschnell herum und traf Saint-Jacques mit der flachen Klinge im Kreuz. Saint-Jacques stöhnte unerwartet laut auf, stolperte und landete bäuchlings auf dem Boden. Im Fallen hatte er sein Schwert verloren, das nun in greifbarer Nähe neben ihm lag. Für einen Moment sah es aus, als ob er nicht mehr atmen würde, doch dann hob er keuchend den Kopf und versuchte sich auf seinen Ellbogen abzustützen.

Sofort war Hugo d’Empures zur Stelle und drückte ihm die Spitze seiner Klinge in den Nacken. „Échec et mat!“, stieß er heiser auf Franzisch hervor, was nichts anderes als „schachmatt“ bedeutete. Die Menge brach nur teilweise in Beifall aus. Was wahrscheinlich daran lag, dass d’Empures nicht so viele ehrfürchtige Bewunderer hatte wie Saint-Jacques, der die Templernovizen vielleicht nicht unbedingt mit seiner Menschlichkeit, wohl aber mit seiner Zähigkeit und seinem Wissen von sich überzeugen konnte.

„Bruder Hugo hätte ihn versehentlich töten können, wenn er gewollt hätte“, murmelte Arnaud mit einem leisen Hang zur Verschwörung in der Stimme.

„Warum hätte er das tun sollen?“, fragte Gero mit hochgezogenen Brauen.

„Weil jeder weiß, dass er es auf Saint-Jaques’ Kommandeursposten abgesehen hat. Er steht in der Rangfolge direkt hinter ihm, und nur sein Tod könnte etwas daran ändern.“

Von dieser Rivalität ließen sich die beiden Betroffenen zumindest äußerlich nichts anmerken, als Hugo zu Saint-Jacques ging und ihm brüderlich die Hand reichte, um ihm aufzuhelfen. Oder sie wollten ihre Feindschaft nicht zeigen, weil dies womöglich disziplinarische Konsequenzen nach sich gezogen hätte. Die beiden Ritterbrüder hatten inzwischen ihre Helme abgelegt, und als deren bärtige Köpfe zum Vorschein kamen, waren diese tatsächlich so rot wie Hahnenkämme. Trotzdem verbeugten sie sich artig vor ihrem Ordensmeister und salutierten schließlich mit einem „Gott sei mit Euch, Beau Seigneur!“.

Jacques de Molay nickte ihnen wohlwollend zu und sprach ein paar Worte mit ihnen, die jedoch zu leise waren, als dass Gero sie hätte verstehen können.

Als Odo de Saint-Jacques mit dem Helm unter dem Arm schließlich an seinen Novizen vorbeimarschierte, blieb er ausgerechnet vor Gero und Fabius stehen und sah sie aus schmalen Lidern an. „Ich erwarte euch nach der Non in meiner Kammer.“

Ohne weiteren Kommentar setzte er seinen Weg zum Refektorium fort, wo das Mittagsmahl für die Brüder bereitstand.

„Was hat er denn jetzt schon wieder?“, raunte Gero und starrte dem gereizt aussehenden Saint-Jacques hinterher.

„Hoffentlich lässt er seine Wut über den verpassten Sieg nicht an uns aus“, gab Fabius schulterzuckend zu bedenken.

Als die beiden nach dem Nachmittagsgottesdienst an der Kammertür ihres Lehrmeisters klopften, knurrte Saint-Jacques ebenso unfreundlich: „Herein!“

Gero straffte seine breiten Schultern und ordnete sein braunes Novizengewand, bevor er die Türklinke herabdrückte und, gefolgt von dem wesentlich schmächtigeren Fabius von Schorenfels, das Zimmer betrat. Der Kommandeur-Leutnant stand an seinem Stehpult und schaute ungehalten auf, als er seine Novizen erblickte.

Gero und sein Kamerad nahmen Haltung an und vermieden es, ihrem Vorgesetzten in die Augen zu schauen.

„Wisst ihr, warum ich euch hergerufen habe?“, fragte Saint-Jacques provokant.

Gero konnte es allenfalls ahnen, doch er wollte nichts Falsches sagen, weil er wusste, dass Saint-Jacques leicht zu verärgern war.

Auch Fabius wollte allem Anschein nach kein Risiko eingehen und schwieg.

„Na?“, versuchte der Kommandeur es noch einmal mit einer gehörigen Portion Ironie in der Stimme.

Niemand sagte etwas. Gero suchte einen Fluchtpunkt draußen vor dem Fenster, wo im Schatten eines Olivenbaumes eine Katze augenscheinlich einer Maus hinterherjagte, und fühlte sich plötzlich an seinen Vater erinnert.

„Ab sofort ist euer Hausarrest aufgehoben. Wenn ihr wollt, habt ihr heute Abend Ausgang bis zur Frühmesse. Allerdings will ich keinerlei Klagen hören. Wenn so etwas wie vor zwei Monaten noch einmal geschieht, könnt ihr eure Sachen packen und bei den Bettelmönchen um Aufnahme ersuchen, aber nicht bei den Templern. Verstanden?“

„Jawohl, Seigneur“, bestätigten Gero und Fabius wie aus einem Mund.

„Abtreten!“, befahl Saint-Jacques und wandte sich wieder seinen Plänen zu.

Kapitel II

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Hast du gesehen, was er da auf dem Schreibpult liegen hatte?“, fragte Fabius, als sie die Tür wieder hinter sich geschlossen hatten. Was er dort gesehen hatte, schien ihn weit mehr zu begeistern als die Aussicht auf einen freien Abend. Gero achtete nicht weiter auf ihn, sondern nahm den direkten Weg zum Dormitorium, wo er nach dem Mittagsmahl und der darauffolgenden Andacht seine Ausrüstung auf Sauberkeit und Vollständigkeit überprüft hatte. Er hatte keine Lust, schon wieder mit Fabius über die vermeintlichen Geheimnisse des Ordens zu debattieren, die den Luxemburger mehr zu interessieren schienen als alles andere. Fabius hielt mit ihm mit, und Gero ahnte, dass er sich wohl nicht eher zufriedengeben würde, bis er ihm eine Antwort erteilte.

„Eine ziemlich genaue Karte des mittelländischen Meeres, wenn mich nicht alles täuscht“, vermerkte er mit einem Seufzer und blieb für einen Moment stehen.

„Ich habe noch nie im Leben eine solch feingezeichnete Karte gesehen“, erwiderte Fabius. „Es schien mir das reinste Teufelswerk zu sein. Diese feinen Linien, die exakte Schrift und die genaue Lage der Orte und Meere.“

„Ja, sie war besser als alles, was ich bisher gesehen habe“, erklärte Gero, von der Hartnäckigkeit seines Kameraden genervt, „aber deshalb muss es noch lange kein Teufelswerk sein. Der Orden hat gute Kontakte zu arabischen Gelehrten, auch nach dem Verlust des Heiligen Landes. Vielleicht haben sie die Karte für teures Geld von einem persischen Künstler gekauft.“

Damit war das Thema für Gero erledigt. Vielmehr fragte er sich, was er mit seiner unerwarteten Freiheit anfangen sollte. Immer noch schwirrte ihm der Grund für sein zweimonatiges Ausgangsverbot durch den Kopf. Warda. Eine zypriotische Hure, mit der er in einem Anfall von waghalsigem Schwachsinn das Lager geteilt hatte und in deren Armen er zu allem Übel eingeschlafen war. Im Nachhinein konnten er und Fabius, dem es ähnlich ergangen war, von verdammtem Glück reden, dass der wahre Grund ihres Zuspätkommens ihren Brüdern und Vorgesetzten bisher verborgen geblieben war. Bis auf Hugo d’Empures und seinen vermaledeiten Kameraden Robert „Rob“ le Blanc, die sie zu diesem verfluchten Abenteuer verführt hatten. Deren Verrat konnte sie die endgültige Aufnahme in den Orden kosten. Womit aber nicht zu rechnen war, weil Hugo und Robert sich damit nur ins eigene Fleisch schneiden würden. Den Ordensrittern war es nach den Regeln noch nicht einmal erlaubt, eine Frau auch nur anzuschauen, geschweige denn zu einer Hure zu gehen.

Nur mit Gottes Nachsicht hatten Gero und Fabius am darauffolgenden Fest des heiligen Johannes ihre Wappenbücher mit dem Stempel für Novizen des Templerordens zurückerhalten, der ihre vorläufige Aufnahme bei den „Pauperes commilitones Christi templique Salomonici Hierosalemitanis“ bestätigte – kurz der „Armen Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem“, wie es auf Deutsch hieß.

„Und wie willst du nun deinen freien Abend verbringen?“ Fabius warf Gero einen treuherzigen Blick zu. Fest stand, dass sie als zukünftige Templer – genau wie die bereits initiierten Brüder – nur zu zweit ausgehen durften. Wenn der Luxemburger also in die Stadt gehen wollte, war er auf einen oder mehrere Begleiter angewiesen. Allem Anschein nach hatte er bereits eine konkrete Vorstellung, was er mit seinem Abend anfangen wollte. „Ich dachte, wir könnten ja … wir müssen ja nicht wieder einschlafen. Die kleine Rothaarige meinte, sie würde sich freuen, mich wiederzusehen …“

„Vergiss es“, erklärte Gero entschlossen. „Ich habe keine Lust, mich am Ende doch noch mit den Huren erwischen zu lassen. Da musst du dir einen anderen suchen.“

„Spielverderber“, murrte Fabius und warf ihm einen missmutigen Blick zu. Gero ersparte sich eine Retourkutsche. In Wahrheit hegte er ganz andere Absichten, war aber nicht bereit, sie mit Fabius zu teilen. Acht lange Wochen hatte er nun auf eine günstige Gelegenheit gewartet, Warda um Vergebung bitten zu können. Dafür, dass er sie wie ein Tier bestiegen hatte. Dafür, dass er jegliche Vernunft hatte fahren lassen und sie ohne Sinn und Verstand mehrmals genommen hatte und dass er ihr darüber hinaus nicht das geben konnte, was ihm nach einem solchen Vorgehen als angemessen erschien.

Er besaß kein Geld, und selbst wenn er welches gehabt hätte, wäre er als zukünftiger Ordensritter nicht imstande, ihr das heilige Sakrament der Ehe anzutragen. Und genaugenommen wollte er es auch gar nicht. Obwohl sie trotz ihres Alters eine ausnehmend schöne und kluge Frau war, mit einem großen Herz für hoffnungslos verlorene Seelen. Sie hatte in jedem Fall etwas Besseres verdient, als jedermanns Hure zu sein. Es tat ihm leid, dass sie ihren Vater und ihren Geliebten an den Templerorden verloren hatte und ein Kind, das sie mit dem abtrünnigen Ordensritter zu einer Familie hätte vereinen sollen.

Natürlich hatte sie eine Mitschuld an der ganzen Misere getragen, indem sie sich wie ihre Mutter in den falschen Mann verliebt hatte.

Auch erschien es Gero nicht ratsam, dass sie sich nun als Folge daraus in einem Freudenhaus verdingte. Irgendwie fühlte er sich dazu berufen, noch einmal mit ihr zu reden, um sie von einem gottgefälligeren Leben zu überzeugen. Das war er ihr schuldig. Und nicht nur ihr, sondern auch sich selbst – und natürlich dachte er auch an Lissy, die er, ohne es wirklich zu wollen, mit Warda betrogen hatte. Gero war bestimmt kein Moralapostel, aber seit Lissys Tod war er sich mit einem Schlag der Verantwortung bewusst, die er gegenüber jedem Menschen trug, mit dem er in Berührung kam. Er wollte niemandem mehr Schaden zufügen. Es sei denn, es ging um die Verteidigung des Christentums oder das Leben ihm anvertrauter Menschen.

Als er und Fabius das Dormitorium erreichten, herrschte bereits die übliche Aufregung, wie immer, wenn ihnen der Kommandeur Ausgang bis zur Frühmesse erteilt hatte. Voraussetzung war ihre vorherige Teilnahme an der abendlichen Vespermesse. Die nächtliche Matutin war ihnen, wie zu diesem Anlass üblich, erlassen worden.

Die anderen Novizen hatten seit jenem verhängnisvollen Tag, an dem Gero und Fabius dummerweise Hugo d’Empures gefolgt waren, bereits vier weitere freie Abende genießen dürfen, die den Ordensrittern und bei guter Führung auch den Novizen alle zwei Wochen freitags gewährt wurden. Meistens traf man sich in ziviler Kleidung zu mehreren Brüdern in einer Taverne in der Stadt, trank etwas und versuchte auf diese Weise, für ein paar Stunden dem schwierigen Schweigegebot und allen Schwernissen zu entkommen, die der Alltag in einem Ritterorden mit sich brachte. Es war ein Entgegenkommen des Ordens in Friedenszeiten, das die Härte in Kriegszeiten ausgleichen sollte. Eine Vorgehensweise, die bisweilen zu Kritik in den Reihen der nicht kämpfenden Ordensgemeinschaften führte. Man zweifelte an Moral und Sitte der Templer. Es hieß, nicht wenige von ihnen seien dem Suff verfallen und es mangele ihnen, wenn sie sich unter normalen Menschen bewegten, an der ihnen sonst üblichen Ordnung und an Anstand. Aber auch die Hospitaliter des heiligen Johann und die Deutschordensritter erlaubten ihren Ordensbrüdern ab und an privaten Ausgang.

Dass Ordensritter keine gewöhnlichen Mönche waren, die sich nur in Beten und Arbeiten ergingen, hatte nicht erst Jacques de Molay erkannt, der ansonsten streng auf die Einhaltung der Regeln pochte. Wenn man die Männer motivieren wollte, notfalls für den Orden und seine Interessen zu sterben, war es wichtig, sie von Zeit zu Zeit von der Kette ihrer strengen Vorschriften zu befreien, wenn auch nicht allzu lange. Davon profitierten nun auch die Novizen, die sich aus freien Stücken für einen Orden entschieden hatten, der ihnen weit mehr abverlangte als nur das Leben.

„Hey, ihr beiden“, rief Arnaud de Mirepaux Gero und Fabius überschwänglich zu. „Wollt ihr uns nicht endlich verraten, wo ihr euch damals tatsächlich herumgetrieben habt? Jetzt, wo ihr wieder Ausgang habt, könnt ihr uns doch mitnehmen, damit ihr euch nicht noch einmal verirrt?“ Er lachte anzüglich, und auch unter den übrigen Novizen brandete Gelächter auf.

Gero antwortete nicht auf diese Provokation, doch Fabius lief rot an vor Zorn und Scham, als Arnaud ihn nicht in Ruhe ließ und ein paar Indiskretionen preisgab, unter denen der Luxemburger in den vergangenen Wochen zu leiden gehabt hatte.

„Sag uns doch endlich, wer dir das wunderhübsche Liebesmal verpasst hat?“, ärgerte ihn Arnaud und umarmte ihn.

Fabius fuhr wütend herum und versuchte vergeblich den braungelockten Bruder aus dem Languedoc abzuschütteln. Im Nu war eine Balgerei zwischen den beiden im Gange. Gero sah sich die Sache nicht lange an, sondern ging mit roher Gewalt dazwischen, indem er Arnaud am Kragen seines braunen Habits packte und ihm mit dem Unterarm die Luft abschnürte, bis dieser endlich von Fabius abließ. Während die übrigen Kameraden (bis auf Struan, der wie üblich ohne Anteilnahme auf seiner Pritsche saß und sein Schwert schärfte) den Atem anhielten und gebannt darauf warteten, was als Nächstes passierte, stieß Gero den Franken grob zur Seite. Fabius presste seine Finger auf jene Stelle, an der Arnaud sich festgesaugt hatte. Als er die Hand herunternahm, zeichnete sich ein gut sichtbares rotes Mal auf der Halsbeuge ab.

Arnaud war sofort wieder auf den Füßen und wollte Gero von der Seite her angreifen, doch Gero schickte ihn mit einem einzigen Fausthieb zu Boden.

Arnaud hielt sich das Kinn und schaute zu Gero auf. „Con!“, schimpfte er wütend, was auf Deutsch nichts anderes als Arschloch bedeutete.

„Bist du verrückt, Mirepaux?“, fauchte Gero ihn an. „Wenn du so weitermachst, wird keiner von euch je wieder vor die Tür kommen, es sei denn, mit einem Einsatzbefehl.

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