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Das Geheimnis der schottischen Blume

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Für meine Schwester Robin

8. Februar 1962 – 3. Oktober 2011

Ich vermisse dich

1. KAPITEL

Aus dem Tagebuch des berühmten Forschers und Ägyptologen Michael Hurst:

Endlich befindet sich die ganze Schatzkarte in meinem Besitz – ich meine diejenige, die uns zu dem verlorenen Hurst-Amulett führen wird, das meiner Familie vor vielen Jahrhunderten geraubt wurde. Ich war mir ganz sicher, dass die Karte den letzten Hinweis auf den Fundort des Amuletts enthielt, und entschlossen, mich danach zu richten. Zumindest so lange, bis meine verflixte Assistentin, die energische Miss Jane Smythe-Haughton, die ganz und gar unnötige Bemerkung fallen ließ, ich sei in dieser speziellen Art der Kartografie völlig ungeübt und solle das verfluchte Ding gefälligst von einem Experten untersuchen lassen.

Das Misstrauen, das sie meinen Erkenntnissen entgegenbringt, ist ebenso groß wie unumstößlich. Ich fühle mich jetzt gezwungen, ihr zu beweisen, dass ich recht habe, daher lasse ich die Karte tatsächlich von einem renommierten Experten untersuchen. Sobald ich die Bestätigung habe, dass meine Theorie stimmt, werden wir uns auf den letzten Abschnitt unserer Suche begeben. Aber natürlich erst, nachdem ich Jane gründlich für ihr mangelndes Vertrauen in meine erstklassige und unfehlbare Kartenlesekompetenz verspottet habe.

London

12. Oktober 1822

Michael Hurst ignorierte die leise Erregung, die sich bei seiner Ankunft im Ballsaal breitmachte. „Verfluchte Dummköpfe“, brummte er und zerrte an seinem Krawattentuch.

Seine Schwester Mary warf ihm einen entnervten Blick zu. „Hör doch auf damit.“

„Das Ding drückt mir die Luft ab.“

„Es ist modisch, und außerdem musst du präsentabel aussehen.“ Auf seinen verärgerten Blick hin fügte sie ernster hinzu: „Michael, dieser Ballsaal ist voller potenzieller Investoren in deine Expeditionen.“

Potenzielle Nervensägen traf es wohl eher. „Ich bin ja auch hier, oder nicht?“, erklärte er gereizt. „Wo sind die verflixten Erfrischungen? Wenn ich mit diesen Affen reden soll, brauche ich einen Drink.“

„Das sind keine Affen, sondern reizende Damen, die …“ Sie fing seinen Blick auf und verzog das Gesicht. „Vielleicht heitert dich ein Drink ja etwas auf. Lady Bellforth serviert die Erfrischungen normalerweise an der Tür zur Bibliothek.“

Er nickte und setzte sich in entsprechende Richtung in Bewegung. Wie als Reaktion darauf begannen Fächer und Wimpern zu zittern, als wollten sie ihn in einem zarten Netz einfangen. „Um Ras willen“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „haben die denn nichts Besseres zu tun, als zu glotzen?“

„Du bist nun mal berühmt“, erklärte Mary ruhig.

„Ich möchte aber nicht berühmt sein.“

„Bist du aber nun mal, damit musst du dich abfinden.“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Lächle einfach und nicke, dann sind wir im Nu an dieser Gruppe vorbei.“

„Mit Lächeln werde ich kaum etwas ausrichten. Damit schon.“ Er zog eine finstere Miene, und zu seinem unverhohlenen Entzücken hörten mehrere blumengeschmückte Fächer auf zu wedeln.

„Michael, du kannst doch nicht …“

Er fasste sie energisch am Ellbogen und führte sie in die Menschenmenge. Dabei funkelte er erst eine hoffnungsvolle jungen Dame böse an, dann eine zweite. Die beiden erröteten und sanken in sich zusammen, als hätte er sie mitten in ihr eitles kleines Herz getroffen.

Mary stieß einen ungeduldigen Laut aus und sagte dann leise: „Wenn du so weitermachst, kriegen wir bestimmt keinen neuen Geldgeber mehr. Diese Frauen sind die Töchter und Schwestern reicher Männer, die dich bei deiner Expedition maßgeblich unterstützen könnten.“

„Die sind nichts anderes als hohlköpfige Modepüppchen, und ich habe keineswegs die Absicht, mich bei ihnen anzubiedern.“ Beinahe wäre er stehen geblieben, als eine der Geschmähten ihm unverfroren zuzwinkerte. „Lieber Himmel, was ist nur mit der Sittsamkeit der Frauen passiert, während ich im wilden Ägypten unterwegs war?“

„Mich interessiert eher, was mit den Manieren eines speziellen Gentlemans passiert ist.“

„Ich habe diese wertlosen Kompetenzen am schilfbestandenen Ufer des Nils zurückgelassen“, gab er zurück. „Gut, dass ich das Zeug losgeworden bin, sag ich nur.“

Sie warf ihm einen säuerlichen Blick zu. „Unsere Brüder hatten recht. Du bist ein richtiger Barbar geworden.“

„Warum? Weil ich tue und sage, was getan und gesagt werden muss?“

„Nein, weil du durchs Leben stürmst, ohne je über die Konsequenzen deiner Taten und Worte nachzudenken. Ich …“

Eine junge Frau trat auf sie zu; sie wurde ihnen von den anderen jungen Damen hinter ihr praktisch in den Weg geschoben.

Sie war hoch aufgeschossen, im Besitz einer großen Nase und kastanienbrauner, perlengeschmückter Locken und gerade einmal siebzehn Jahre alt. „Mr. Hurst! Wie schön, Sie wiederzusehen.“ Sie versank in einem tiefen Knicks. Ihr breites Lächeln verriet, dass sie eine freundliche Begrüßung erwartete.

Michael hob eine Braue und schwieg.

Ihr schoss das Blut in die Wangen, und sie biss sich verärgert auf die Lippen, verbarg diese Regung aber gleich wieder hinter einem gezwungenen Lächeln. „Ich bin Miss Lydia Latham. Wir haben uns auf Lady MacLeans Soiree kennengelernt.“

Michael starrte Miss Latham an, die ihm erwartungsvoll die Hand hinstreckte.

„Uff!“ Er rieb sich die Seite und funkelte seine Schwester, die ihm soeben einen Rippenstoß versetzt hatte, wütend an. „Muss das sein?“

„Ja.“ Sie neigte sich zu ihm und stieß zwischen krampfhaft lächelnden Lippen hervor, so leise, dass nur er es hörte: „Wenn du ihr nicht sofort die Hand gibst und wenigstens so tust, als wärst du ein Gentleman, stampfe ich dir hier und jetzt, vor aller Welt, auf den Fuß.“

Plötzlich erinnerte Michael sich daran, wie Mary ihn als Kind einmal kopfüber in einen eiskalten Teich gestoßen hatte, nur weil er es wagte, sich über ihre neue Frisur lustig zu machen. Natürlich war sie damals jünger gewesen, und es hatte sie noch nicht interessiert, was andere von ihrem Benehmen hielten. Einen winzigen Augenblick fragte er sich, ob sie wirklich eine Szene machen würde, doch angesichts des eisigen Glitzerns in ihrem Blick sah er davon ab, es darauf ankommen zu lassen.

Michael verzog das Gesicht und wandte sich der wartenden jungen Frau zu. Flüchtig ergriff er die dargebotene Hand und ließ sie so schnell wieder los, wie es der gute Ton gestattete. „Miss Latham“, sagte er so wenig begeistert wie möglich.

Miss Latham strahlte, als hätte er ihr soeben eine Kiste voller Goldmünzen überreicht. „Wusste ich doch, dass Sie sich an mich erinnern würden. Wir haben uns ausführlich über den Stein von Rosette unterhalten.“

„Ach wirklich?“, fragte er in gelangweiltem Ton.

„Oh ja! Ich habe alles gelesen, was Sie je geschrieben haben.“

„Das möchte ich bezweifeln, außer Sie haben sich in mein Schlafzimmer geschlichen und meine Tagebücher an sich gebracht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass nur ich sie gelesen habe.“

Mary protestierte leise murmelnd, doch er ignorierte sie.

Miss Lathams Gesicht wurde noch röter, und sie kicherte nervös. „Oh nein! Nie im Leben würde ich mich ins Schlafzimmer eines Herrn schleichen!“

„Wie schad…“

„Michael“, warf Mary eilig ein und bedachte ihn mit einem wütenden Blick, bevor sie die völlig unbedarfte Miss Latham freundlich anlächelte. „Mein Bruder wollte damit sagen, dass die Kolumne in der Morning Post nur einen kleinen Teil seiner Schriften ausmacht. Er hat viele Abhandlungen über verschiedene Artefakte und Ruinen verfasst, die er entdeckt hat, und …“

„… meine Tagebücher“, warf er beiläufig ein.

Eines der anderen Mädchen – Frauen konnte man sie kaum nennen, sie starrten ihn an, als wäre er ein süßer Kuchen, den sie umgehend verspeisen wollten – schlang die Hände ineinander und sagte seelenvoll: „Ein Mann, der Tagebuch führt, ist mir noch nie untergekommen.“

„Wie viele Männer sind Ihnen denn schon untergekommen?“, erkundigte sich Michael, den es irritierte, für etwas so Alltägliches auf einen Sockel gehoben zu werden.

Mary sah ihn jetzt so aufgebracht an, als ob sie mit dem Wunsch kämpfte, ihn wieder in besagten Teich zu schubsen. „Wenn du dich weiter so aufführst, lädt dich kein Mensch mehr ein“, flüsterte sie.

„Unsinn“, erwiderte er sotto voce. „Die sind doch viel zu albern, um mitzukriegen, wie ich mich benehme.“

Wie zum Beweis verkündete nun ein weiteres Mädchen – diesmal eins mit braunem Haar und vorspringendem Kinn – so unverfroren, als wäre jedes Wort eine Herausforderung, der er nicht würde widerstehen können: „Mr. Hurst, ich möchte wetten, dass unsere unbedeutenden kleinen Gesellschaften Sie zu Tode langweilen.“

„Allerdings.“

Ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass er ihre Gesellschaft gerade wegen solcher geistloser Kommentare langweilig fand, warf sie ihren Gefährtinnen einen triumphierenden Blick zu. „Wusste ich es doch! Ein Ball ist viel zu zahm für ihn, nachdem er mit Krokodilen gekämpft hat und …“

„Moment mal!“ Michael runzelte die Stirn. „Sagten Sie, mit Krokodilen gekämpft?“

„Aber ja.“ Als er weiter die Stirn krauste, fügte sie hilfreich hinzu: „Sie haben erst letzten Monat in der Morning Post darüber geschrieben.“

Mary nahm die Hand von seinem Arm.

„Bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick“, sagte Michael zu der faden Naiven und drehte sich um.

Seine Schwester stand zwei Schritte entfernt und schien nach einer Fluchtmöglichkeit zu suchen, doch die Menge – die sich um ihn scharte, um zu hören, was er sagte – ließ ihr kein Schlupfloch.

Er fasste sie am Ellbogen und zog sie zurück an seine Seite. „Nie gibt es eine Falltür, wenn man sie am nötigsten braucht, was?“

Sie musterte das interessierte Publikum und ihr Gesicht lief rot an. Mit offenkundiger Anstrengung setzte sie ein starres Lächeln auf. „Verzeihen Sie, mein Bruder ist richtig ausgehungert und braucht dringend etwas zu essen.“ Damit hängte sie sich bei ihm ein, drehte sich auf dem Absatz um, senkte den Kopf und schob sich und ihn durch die Menschenmassen.

Michael ließ sich von ihr mitziehen, froh, die berüschten Nervensägen los zu sein.

Sie kamen bei den Erfrischungen an, wo Mary sich rasch zwei halb gefüllte Becher nahm und einen kleinen Teller mit einem winzigen Stückchen altbackenem Kuchen. Dann steuerte sie entschlossen eine Nische an, die ihnen Schutz vor neugierigen Blicken bot. Dort angekommen, stieß sie einen riesigen Seufzer aus und ließ sich erschöpft auf das kleine Sofa sinken, das dort für diejenigen stand, die vom Tanzen müde waren.

„Ein Krokodil?“, fragte Michael. „Was …“

„Psst!“ Sie forderte ihn durch eine Handbewegung auf, sich einen Becher zu nehmen. „Lass mich erst einen Augenblick ausruhen, bevor du mich ausfragst. Ehrlich, ich habe während des ganzen Gesprächs eben den Atem angehalten. Ich wusste einfach, dass du unhöflich sein und all unsere Anstrengungen zunichtemachen würdest.“

Michael roch an seinem Becher und nahm dann vorsichtig einen Schluck. Er musste husten. „Zum Teufel, was ist das für ein Zeug?“

„Mandelmilch, was du wüsstest, wenn du dich an die paar Tanzgesellschaften erinnern wolltest, zu denen Mutter und ich dich in deiner Jugend geschleppt haben.“

„Das ist ekelhaft.“ Michael kippte den Inhalt seines Bechers in den Topf der nächstbesten Pflanze und zog dann einen kleinen silbernen Flachmann aus der Tasche.

Mary, die eben ihren eigenen Becher an die Lippen führte, hielt inne. „Whisky?“

„Ja. Und zwar ein verdammt guter. Unser lieber Schwager Hugh hat ihn mir geschickt.“ Michael goss sich etwas davon in den Becher. „Als ich Hugh und unsere Schwester Triona vor ein paar Jahren besuchte, habe ich die Bestände der MacLeans bewundert, worauf er mir eine Kiste geschickt hat. Inzwischen bin ich fast damit durch, ich werde die beiden also bald wieder besuchen müssen.“

„Vielleicht sollte ich sie mal besuchen.“ Sehnsüchtig betrachtete Mary seinen Becher. „Triona hat sehr bedauert, dass sie nicht zu uns nach London kommen konnte.“

Michael hielt beim Trinken kurz inne. „Es überrascht mich, dass sie noch nicht in der Stadt war.“

„Mam hat es ihr verboten.“

„Was hat unsere Großmutter mit Trionas Reiseplänen zu tun?“

„Triona möchte ein Kind bekommen, und Mam hat ihr ausdrücklich gesagt, sie möge jetzt zu Hause bleiben und …“

„Moment mal. Triona hält sich an Mams Ratschläge?“

„Unsere Großmutter ist eine Heilerin, und zwar eine hoch angesehene.“

„Hoch angesehen von einem Dorf voller ungebildeter Dummköpfe.“

Marys Augen wurden schmal. „Sie hat schon vielen Leuten geholfen.“

„Viele Leute glauben, sie hätte ihnen geholfen.“

„Ist das nicht dasselbe?“

„Nein. Mams Neigung zu extravagantem Benehmen würde ihr auf einer Bühne gut zu Gesicht stehen, als Heilerin empfiehlt es sie aber nicht unbedingt. Wenn Triona und Hugh sich ein Kind wünschen, sollten sie lieber nach London kommen und einen Arzt konsultieren.“

„Triona war schon bei sämtlichen Ärzten in London und Edinburgh. Sie und Hugh sind sogar nach Italien gefahren, um dort jemanden aufzusuchen …“ Mary runzelte die Stirn. „Ich habe dir das alles doch schon geschrieben. Hast du meine Briefe nicht gelesen?“

„Natürlich habe ich sie gelesen.“

„Was genau habe ich denn über Trionas und Hughs Bemühungen, ein Kind zu bekommen, geschrieben?“

Er ließ den Whisky im Becher kreisen.

„Du hast keinen einzigen meiner Briefe gelesen, oder?“

„Ich habe sie alle gelesen, nur eben nicht besonders sorgfältig.“

„Michael!“ Mary stampfte im Sitzen so heftig mit dem Fuß auf, dass ihre Röcke zitterten. „Du bist ein … ich kann gar nicht fassen, dass du … Oh!“

„Verdammt, ich kann doch nicht jeden Brief, den ich bekomme, Wort für Wort studieren! Ich habe fünf Geschwister, und dann ist da auch noch Vater, der keinen Tag vorübergehen lässt, ohne mir irgendeine Epistel zu schicken, und Mutter, die wild entschlossen ist, noch vor mir herauszubekommen, wen ich einmal heiraten werde. Ganz zu schweigen von Mam, die so kryptisches Zeug schreibt, dass ihre Briefe schwieriger zu entschlüsseln sind als ein Stein voll Hieroglyphen, und …“

„Hör auf zu meckern. Wir wissen, dass du unsere Briefe zu schätzen weißt.“

Sie hatte recht. Auch wenn er die Nachrichten seiner Familie nicht immer gründlich las, freute er sich über jede einzelne. Er war viel unterwegs, und die Briefe verbanden ihn mit seinem Zuhause und sorgten dafür, dass er nicht völlig abhob.

Er musste einräumen, dass er seinen Geschwistern eine Menge zu verdanken hatte. Ohne ihre Anstrengungen säße er immer noch bei diesem Sufi fest, der ihn als seinen Gefangenen betrachtete. Er zuckte mit den Achseln und lächelte Mary an. „Du hast recht; es gab Tage, an denen eure Briefe mein einziger Lichtblick waren.“ Mehr, als du je erfahren wirst.

Mary beäugte seinen Flachmann. „Du bist wohl nicht so dankbar, dass du mir einen Schluck abgeben würdest, oder?“

Er reichte ihr die Flasche und nahm wohlwollend zur Kenntnis, wie eifrig sie sich einen großzügigen Schluck eingoss. „Das ist die Schwester, die ich kenne und liebe“, sagte er voll Zuneigung, während er den Flachmann wieder einsteckte.

Sie nahm einen Schluck und seufzte selig auf. „Wunderbar. Ganz im Gegensatz zu dir, Michael. Wenn du meine Briefe gelesen hättest, wüsstest du, dass Triona sich bereit erklärt hat, es ein Jahr lang mit Mams Zaubertränken zu probieren. Wenn sie in der Zeit nicht schwanger wird, will sie es aufgeben.“

Michael verzog geringschätzig den Mund. „Zaubertränke. So etwas gibt es doch gar nicht.“

„Warum bist du dann so entschlossen, das Hurst-Amulett in die Hände zu bekommen? Du hast Schriftstücke gelesen, in denen steht, es hätte Zauberkräfte.“

„Ich habe auch schon Schriftstücke gelesen, in denen steht, die Erde sei eine Scheibe.“

Mary hielt ihm den leeren Becher hin und bat ihn mit einer Geste, ihr nachzuschenken. „Immerhin können Mams Zaubertränke keinen Schaden anrichten. Sie geben Triona Hoffnung.“

„Falsche Hoffnung.“

„Besser als gar keine“, erwiderte Mary munter und deutete auf ihren immer noch leeren Becher.

Michael holte die Flasche wieder hervor, schraubte sie auf und senkte sie über ihren Becher. „Triona würde wohl ohnehin auf keinen anderen hören“, stellte er resigniert fest. „Außerdem hat es gewisse Vorteile, wenn Mam mit Triona beschäftigt ist, denn dann hat sie keine Zeit, sich in unser Leben einzumischen.“

Mary runzelte die Stirn. „Du bist reichlich egozentrisch geworden. Robert sagt, das kommt daher, dass dir schon so lange so viele Leute unterstellt sind, die dir jeden Wunsch von den Augen ablesen.“

„Unser Bruder ist ein Dummkopf. Das klingt ja, als würden mir ständig irgendwelche Dienerinnen folgen, die mir mit Palmwedeln Luft zufächeln und mir die Trauben in den Mund stecken.“

Mary riss die Augen auf. „Michael, du hast doch nicht etwa …“

„Nein, natürlich nicht. Verdammt, ich war auf einer Expedition und nicht etwa auf Vergnügungstour. Nächstes Mal sollte Robert nach Ägypten mitkommen. Ich würde gern mal zusehen, wie dieser weiche, spitzenberüschte Bursche auf einer Pritsche mit Moskitonetz schläft, von früh bis spät in glühender Hitze arbeitet und stundenlang im Dreck herumwühlt.“

„Ich dachte, dafür hättest du Leute angeheuert.“

„Ohne Aufsicht kann ich sie nicht graben lassen. Außerdem, wenn es um einen wertvollen Fund geht, grabe ich ohnehin lieber selbst, damit nicht so viele Artefakte von achtlosen Schaufelhieben zertrümmert werden.“ Er hob die Augenbrauen. „Apropos achtlos …“ Michael kippte den Rest seines Whiskys hinunter und goss sich nach. „Wir sollten wirklich mal über dieses Krokodil reden, mit dem ich angeblich gekämpft habe. Offenbar hast du dir in ‚meiner‘ Kolumne in der Morning Post etwas zu viel dichterische Freiheit herausgenommen.“

„Du hast mich doch gebeten, die Kolumne für dich zu schreiben“, protestierte sie halbherzig.

„Aber nur, weil ich nicht genügend Zeit hatte, mich selbst darum zu kümmern, und nicht etwa, weil ich mir gewünscht hätte, dass irgendwer Geschichten über mich erfindet, in denen ich wie ein Hanswurst dastehe.“

Sie biss sich auf die Lippen und schaute durch ihre Wimpern zu ihm hoch. „Ich habe dich gewinnen lassen.“

„Danke“, erwiderte er sarkastisch. „Als ich frisch in London angekommen war und die Leute so von meinen Expeditionen schwärmen hörte, dachte ich erst, dass sie sich endlich für wissenschaftliche Erkenntnisse zu erwärmen beginnen. Jetzt muss ich leider feststellen, dass sie nur über deine abwegigen Geschichten gestaunt haben.“

„Die Leute interessieren sich wirklich für deine Forschungen. Erst letzte Woche sagte Lord Harken-Styles, dass er noch mehr in deine Abenteuer investieren möchte.“

„Lord Harken-Styles hat mich gestern Abend bei White’s abgefangen und gefragt, ob er die Pfeilspitze sehen könnte, die mir ein Wilder in den Hals geschossen hat.“

Mary biss sich noch einmal auf die Lippen. „Ach ja, das.“

„Ja, das. Das Schlimmste an dem Ganzen war, dass er mich für so verblödet hält, mir eine Pfeilspitze als Glücksbringer um den Hals zu hängen.“

Ihre Lippen zuckten. „Ich hielt das für eine sehr romantische Note.“

„Und durch und durch unwahr“, erwiderte er streng. Insgeheim fragte er sich, wie weit die Fantasie seiner Schwester wohl noch mit ihr durchginge. Ihn schauderte bei der Vorstellung, was sie sich künftig alles ausdenken mochte.

„Es überrascht mich, dass Lord Harken-Styles sie dir nicht abkaufen wollte; er ist ein notorischer Glücksspieler und könnte einen Talisman gebrauchen.“

„Wenn ich eine Pfeilspitze dabeigehabt hätte, hätte ich sie ihm verkauft, aber da ich nicht vorgewarnt war, hatte ich keine einstecken. Eigentlich wollte ich dich schon in der Kutsche danach fragen, aber dann war ich durch dieses verflixte Krawattentuch abgelenkt, das mir auch jetzt noch die Luft abdrückt.“ Wieder zog er an seiner Krawatte. „Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit verbrenne ich das vermaledeite Ding.“

„Du bist es einfach nicht gewohnt. In ein paar Wochen wird es dir kaum noch auffallen.“

„So lang werde ich nicht hier sein.“

Mary blieb vor Verblüffung der Mund offen stehen. „Aber … wir haben dich doch gerade erst gerettet!“, stammelte sie dann.

„Und dafür bin ich euch bis in alle Ewigkeit dankbar. Aber das lenkt mich nicht von meinem eigentlichen Ziel ab, nämlich das Hurst-Amulett zu finden, und dieses Vorhaben kann ich in London nicht verwirklichen.“ Bei dem Gedanken an sein nächstes Abenteuer wurde ihm vor Aufregung warm. Seit Jahren suchte er nun schon nach antiken Artefakten, doch nur eines hatte sein Interesse auf Dauer gefesselt – ihr verschollenes Familienerbstück, das schwer zu fassende Hurst-Amulett.

Angeblich war es ein sehr schönes Stück, gefertigt aus Bernstein und Edelmetallen. Interessanter war natürlich, dass das Amulett ein Geheimnis barg. Die Familie hatte es Jahrhunderte zuvor verloren, es war Königin Elisabeth überreicht worden, die es – laut der Quellen, die er gefunden hatte – aus irgendeinem Grund zu fürchten begonnen und einem Gesandten aus dem Ausland geschenkt hatte. Das Problem war, dass sie weder wussten, um welchen Gesandten, noch um welches Land es sich gehandelt hatte.

Nach vielen Jahren der Suche, in denen er jeder Spur gefolgt war, die sich aufgetan hatte, war das Amulett endlich in Reichweite gerückt. „Wenn alles gutgeht, habe ich das verdammte Ding noch vor Ende dieses Monats.“

Mary seufzte. „Robert sagte schon, dass du dich bald wieder aufmachen würdest, aber du bist doch erst eine Woche hier. Du kannst doch sicher noch warten, bis …“

„Ich kann nicht warten. Ich habe die Karte, nun muss ich die Suche beenden.“

„Aber um weiterzumachen, brauchst du doch neue Mittel! Entweder bittest du die reicheren Mitglieder des ton um Unterstützung, oder …“, ihr Blick wurde schmal, „… du akzeptierst die Finanzierung von anderer Seite.“

Michael runzelte die Stirn. „Von Erroll werde ich kein Geld annehmen.“

„Warum nicht? Es ist ja nicht so, als hätte mein Mann das Geld nicht. Es schickt sich nicht, darüber zu sprechen, aber er ist wirklich unglaublich reich.“

„Mir egal. Ich lasse nicht zu, dass mir mein eigener Schwager in meine Arbeit hineinredet.“

„Er würde dir nicht hineinreden.“

„Quatsch. Ich kenne Erroll schon viel länger, als du ihn kennst, Schwesterherz. Er würde sich einmischen, und das weißt du auch.“

Sie zögerte und seufzte dann. „Na schön. Vielleicht ein bisschen, aber nicht sehr. Er weiß eben alles besser, genau wie du.“

„Weswegen ich ihn nicht zum Partner haben möchte.“ Als er ihren störrischen Blick sah, fügte er milder hinzu: „Erroll ist ein guter Mann, und ich freue mich sehr für euch beide. Aber wir sind uns zu ähnlich. Außerdem ist es nicht gut, Familie und Geschäft zu vermischen.“

„Und doch lässt du mich deine Artikel schreiben und dir von unseren Brüdern sogar noch mehr helfen. Robert verkauft hier in London die Artefakte für dich, während Williams Schiffe dich und deine Expeditionen in die ganze Welt bringen.“

„Die Dienste seiner Verwandten gegen Entgelt in Anspruch zu nehmen ist etwas anderes, als Geld von ihnen zu borgen.“

„Von einem Darlehen hat auch keiner was gesagt. Erroll und ich rechnen mit einem Profit, es wäre also eher eine Investition.“

„Das ist ja noch schlimmer. Wenn ich meine Verwandten gegen Geld engagiere, bezieht sich das Ganze auf geleistete Dienste, ein schlichter, klarer Vorgang. Bei einer Investition ist der Ausgang Glückssache, darüber habe ich keinerlei Kontrolle.“

Sie schniefte. „Na gut. Dann gewöhne dich lieber mal daran, ein Krawattentuch zu tragen und auf der Suche nach neuen Geldgebern jede Gesellschaft und Soiree in London zu besuchen.“

„Mary, nun sei doch nicht beleidigt. Erroll hat sich auch nicht geärgert, als ich ihm abgesagt habe, warum also solltest du es mir verübeln?“

„Ich dachte, es wäre eine Möglichkeit, dir zu helfen.“

„Ihr habt mir schon genug geholfen, vielleicht sogar zu viel. Gibt es eigentlich noch andere Überraschungsabenteuer, in die ich verwickelt gewesen sein soll, außer dem Ringkampf mit dem Krokodil? Vielleicht habe ich auf dem Grund eines ausgetrockneten Sees eine untergegangene Zivilisation entdeckt? Mich wegen einer arabischen Prinzessin in der Wüste duelliert? Bin ich womöglich von einer Klippe in die eisige See gestürzt? Sollte ich von irgendwelchen abgetrennten Gliedmaßen wissen?“

Sie kicherte, was jeden Anschein von Reue zerstörte. „Du bist doch selbst schuld daran. Du bist ein furchtbarer Korrespondent, ich war gezwungen, etwas zu erfinden. Wenn du öfter schreiben würdest, müsste ich nicht auf derlei Strategien zurückgreifen.“

„Unsinn. Ich habe jede Menge Briefe geschrieben.“

„Um uns wie ein General Befehle zu übermitteln, aber du erzählst darin nie etwas. Einer deiner Briefe bestand gerade mal aus zwei Sätzen, in denen du uns darum batst, ein Buch zu suchen, das du bei Mutter vergessen hattest, und es dir so bald wie möglich nachzuschicken.“

„Anders als manche anderen Familienmitglieder schreibe ich eben nur, wenn ich etwas zu sagen habe.“

„Du schreibst nur, wenn du etwas brauchst. Schlimmer noch, wenn du dann doch ein paar Andeutungen über deine Abenteuer fallen lässt, verstreust du sie über deine Korrespondenz wie eine Spur aus Brotkrumen. Im einen Monat schickst du Robert einen kurzen Brief, im nächsten eine Nachricht an Caitlyn, und so geht es immer weiter. Keiner von uns würde etwas von dir wissen, wenn wir die wenigen Häppchen, die du uns zuwirfst, nicht miteinander teilen würden.“

„Wenn ich nicht so verdammt viele Geschwister hätte, würdest du mehr Briefe von mir bekommen. Trotzdem darfst du nicht einfach Abenteuer dazudichten, nur weil ich nicht oft genug schreibe. Wirklich, Mary – ein Pfeil durch den Hals?“

Sie biss sich erneut auf die Lippen, doch ihr Blick funkelte vor Vergnügen. „Das war vielleicht eine Spur überzogen, nicht wahr?“

„Allerdings. Hätte ich Jane damals schon gekannt, hätte ich sie statt deiner gebeten, die verdammte Kolumne zu schreiben. Sie hätte keinen Schauerroman daraus gemacht.“

„Jane? Meinst du damit Miss Smythe-Haughton, deine Assistentin?“

„Wen zum Teufel sollte ich wohl sonst meinen?“ Der interessierte Ton seiner Schwester gefiel ihm gar nicht. „Jane ist ihr Name, wie sollte ich sie denn sonst nennen?“

„Miss Smythe-Haughton, würde ich meinen.“

„Meine Zunge wäre völlig erschöpft, wenn ich das jedes Mal sagen müsste, wenn ich ein frisches Paar Socken brauche oder eines meiner Notizbücher nicht finden kann. Apropos …“ er runzelte die Stirn, holte seine Taschenuhr heraus und ließ den Deckel aufschnappen, „… sie sollte inzwischen hier sein.“

„Miss Smythe-Haughton kommt hierher?. Aber …“ Mary blinzelte. „Michael, sie ist doch gar nicht eingeladen.“

„Deswegen habe ich unserer Gastgeberin heute Nachmittag geschrieben und sie gebeten, Jane eine Einladung zu schicken.“

„Das hast du nicht getan! Michael, du bist unmöglich. Du kannst eine Gastgeberin doch nicht bitten, in letzter Minute noch jemanden einzuladen, vor allem, wenn sie den Betreffenden gar nicht kennt. Das ist unerhört.“

„Warum denn nicht? Unsere Gastgeberin hat die Einladung geschickt, ich habe sie an Jane weitergegeben, und sie hat mir ausrichten lassen, sie würde kommen. Allerdings hat sie gesagt, sie käme vor zehn, und jetzt ist es schon Viertel nach, und …“

Die Menschenmenge im Ballsaal geriet in Bewegung, wogte wie ein Weizenfeld, in das ein heißer Wind gefahren war.

Mary sprang auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals. „Ist der König gekommen? Verflixt, ich kann überhaupt nichts sehen. Michael, du bist größer. Schau doch mal nach. Ist es der König? Es hieß, dass er vielleicht kommt.“

Michael zuckte desinteressiert mit den Achseln, erhob sich aber gehorsam. „Ich weiß nicht. Alle haben sich zur Tür gedreht, und … ah! Es ist nicht der König, sondern Jane.“

Mary ließ sich auf die Fersen fallen und sah ihren Bruder stirnrunzelnd an. „Warum sollte Miss Smythe-Haughton solches Aufsehen erregen? Hier kennt sie doch niemand, oder doch?“

Michaels Aufmerksamkeit hatte sich schon wieder dem Whisky zugewandt. „Kann ich mir nicht vorstellen.“

Mary wartete ab, doch ihr Bruder redete nicht weiter. Ungeduldig fuhr sie ihn an: „Also? Kommt Miss Smythe-Haughton aus London?“

„Nein.“ Er nahm einen Schluck. „Glaube ich jedenfalls nicht. Ich habe sie das nie gefragt.“

Mary schloss die Augen und zählte bis zehn. Als Michael aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, war sie so froh gewesen, ihn zu sehen, dass sie geglaubt hatte, sie würde sich nie wieder über ihn ärgern oder aufregen. Dieser Zustand hatte nicht mal eine Woche angehalten. Ihr Bruder war ein hervorragender Forscher und Historiker. Seine Essays und Abhandlungen wurden weltweit geschätzt, und er war in vielerlei Hinsicht unglaublich intelligent.

Seine gesellschaftlichen Fähigkeiten jedoch hatten schwer gelitten in all den Jahren, die er in den wildesten, unzivilisiertesten Gegenden verbracht hatte. „Michael, wer ist Miss Smythe-Haughton? Irgendwer muss sie doch sein, wenn sie solches Interesse weckt.“

Das erregte Gemurmel kam näher.

Mary reckte sich hin und her und versuchte, einen Blick durch die Menge zu erhaschen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute wegen Miss Smythe-Haughtons Ankunft so aufgeregt sind, dass …“ Die Menge teilte sich, und Mary konnte einen direkten Blick auf die Assistentin ihres Bruders werfen.

Marys Augen weiteten sich.

Sie schaute einmal hin.

Dann noch einmal.

Dann legte sie die Hand vor die Augen und ließ sich stöhnend aufs Sofa sinken. „Oh Michael, was hast du nur getan?“

2. KAPITEL

Aus Michael Hursts Tagebuch:

Ein Vorteil des Nomadenlebens, zu dem einen eine Expedition zwingt, liegt darin, dass man die falsche Haut abwirft, die man aufgrund des zu engen Zusammenlebens in der Gesellschaft angelegt hat. Für diejenigen von uns, denen die Freiheit eines solchen Lebensstils über alles geht, ist diese Haut trocken und kratzig und zu eng.

Meiner Beobachtung nach ist diese Haut wie eine Schwiele, die durch ständige Reizung entsteht, die Reizung, mit seinen Mitmenschen dauernd auf Tuchfühlung leben zu müssen. Gott sei Dank bleibt mir derartiger Blödsinn erspart.

Michael sah seine Schwester missbilligend an. „Zum Kuckuck, was ist denn los mit dir?“

„Miss Smythe-Haughton! Oh Michael, du hättest mich bitten sollen, mit ihr zu reden, bevor sie hier auftaucht. Ihr Kleid – und dieser Hut – und wer ist der Diener, der sie begleitet? Er sieht aus, als könnte er jeden Augenblick jemanden umbringen!“

Michael sah sich um und entdeckte seinen Diener, der alle Umstehenden überragte. „Ammon tut keinem etwas zuleide.“

„Aber er ist riesig!“

„Tatsächlich fast sieben Fuß. Er ist ein guter Mann, ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Genau das habe ich übrigens schon öfter getan.“

„Aber sein Gesicht – die vielen Narben, und … Ach herrje! Ich glaube, die Duchess of York ist in Ohnmacht gefallen, als er an ihr vorbeiging.“

„Als ich letztes Mal in London war, ist die Duchess of York in Ohnmacht gefallen, als ihr Pemmeroys Pudel auf die Röcke sprang.“

„Sie ist ein bisschen theatralisch, aber du kannst nicht abstreiten, dass es diesmal gerechtfertigt ist.“ Mary presste sich die Hand an die Stirn. „Ach herrje!“

„Unsinn. Ammon ist absolut zivilisiert. Er begleitet mich schon seit zwölf Jahren, seit mir mein fünfter Kammerdiener davongelaufen ist. Der Schwächling besaß die Frechheit, die Hitze und Unbequemlichkeit unserer Expeditionen als Ausrede für seine erbärmliche Faulheit anzuführen.“

„Ammon ist seit zwölf Jahren bei dir? Du hast ihn nie erwähnt.“

„Warum sollte ich? Er ist der Sohn eines Führers, den ich mal hatte, ebenfalls ein prächtiger Bursche. Ich hatte noch nie einen so sorgfältigen, fähigen Diener – belesen ist er auch.“

Mary riss die Augen auf. „Belesen?“

„Ja, in mehreren Sprachen. Im Augenblick arbeitet er ein paar französische Dramen durch, ich habe ihm die Bücher selbst geliehen.“

„Dann ist er also harmlos.“

„Das würde ich nun auch wieder nicht sagen.“

„Nein?“

„Ich würde mich nicht mit einem Messer von hinten an ihn heranschleichen, denn das könnte er übel nehmen.“ Michael zuckte mit den Achseln. „Aber das steht zu erwarten. Er tötet nur, wenn es nötig ist.“

Mary bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und stöhnte.

Stirnrunzelnd blickte Michael auf sie herab, auf den gesenkten Kopf mit den blonden Locken, die ihr Gesicht verdeckten. Seine jüngste Schwester war bedauerlicherweise recht zimperlich geworden in den letzten Jahren, während er in der Welt unterwegs gewesen war. Ein solches Theater war er nicht gewohnt, und so erschien ihm Janes ruhige Vernunft noch attraktiver.

Jane war seit vier Jahren seine Assistentin. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie er zurechtkam, ehe sie in sein Leben gestürmt war und damit begonnen hatte, alles zu organisieren. Seit ihrer Ankunft fand er seine Kleider immer dort, wo sie sein sollten, seine Schreibfedern waren genau richtig geschärft, seine wissenschaftliche Ausrüstung stand stets bereit, seine Reisen verliefen reibungslos und bequem. Sie war effizient, bescheiden und für eine Frau relativ anspruchslos. Er brauchte nur selten, wenn überhaupt, an sie zu denken.

Besser noch, sie sprach mehrere Sprachen fließend und konnte alte Inschriften hervorragend deuten. Vermutlich könnte er Ersatz für sie finden, wenn er dazu gezwungen wäre, aber dann würde er seinem Tross wohl drei oder vier zusätzliche Leute hinzufügen müssen, und das wollte er nun wirklich nicht.

Zum Glück hatte er sich auf das Wagnis eingelassen, sie als seine Assistentin einzustellen; es gab nicht viele Frauen, die für eine so komplizierte Stellung qualifiziert waren, und noch weniger, die sie dann so gut ausfüllten.

Er blickte über die Menge hinweg und sah Jane, die auf Zehenspitzen in der Raummitte stand und Ausschau hielt, vermutlich nach ihm. Neben ihr stand Ammon und wirkte dunkel und ungerührt ob der leisen Panik, die seine Erscheinung bei all den bleichgesichtigen Engländern ringsum hervorrief.

Michael hob den Arm und stieß ein schrilles Pfeifen aus.

Alle schraken zusammen bis auf Jane, deren Augen hinter den Brillengläsern belustigt aufblitzten. Sie winkte zurück, hielt mit der anderen Hand ihren Hut fest und stürzte sich in die Menge, um zu ihm zu gelangen. Ihr großer Hut markierte den Weg, den sie nahm; sie sah aus wie ein gelbes Seerosenblatt, das über einen Teich voller Schilfgras segelte, mit Ammon im Kielwasser.

„Wird ja auch Zeit, dass sie endlich ankommt. Sie sagte, sie wolle um …“ Michael runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass seine Schwester sich die Augen zuhielt. „Was ist los? Hast du Kopfschmerzen?“

Sie ließ die Hand sinken. „Michael, du kannst das arme Mädchen doch nicht herpfeifen, als wäre es ein Hund.“

„Hab ich doch nicht. Wenn ich nach einem Hund pfeife, mache ich es so.“ Er pfiff zweimal kurz. „Wenn ich nach Jane pfeife, mache ich es …“

„Nicht. Ich habe es bereits gehört, und dieses eine Mal hat mir gereicht.“ Mary warf ihm einen finsteren Blick zu. „Ich kann nicht fassen, dass Miss Smythe-Haughton dich so nach ihr pfeifen lässt.“

„Warum sollte ihr das etwas ausmachen? Schließlich ist das eine effiziente Art, ihr mitzuteilen, wo ich bin. Außerdem ist Jane meine Angestellte, wenn ich nach ihr pfeifen will, dann mache ich das auch.“

„Und wenn sie protestiert?“

Michael runzelte die Stirn. „Keine Ahnung. Bisher hat sie noch nie dagegen protestiert, also nehme ich an, dass es ihr einerlei ist.“

Mary warf die Hände in die Höhe. „Vielleicht habt ihr einander verdient. Ich muss zugeben, dass ich dein Verhältnis zu Miss Smythe-Haughton falsch eingeschätzt habe. Das haben wir alle.“

„Was soll das heißen? Ihr habt doch nicht …“ Sein Blick wurde schmal. „Ihr habt doch bestimmt nicht geglaubt, dass ich zu Jane romantische Beziehungen unterhalte?“

„Du erwähnst sie in fast jedem Brief“, erwiderte Mary in defensivem Ton. Ihre Wangen waren feuerrot.

„Vermutlich, um mich über sie zu beschweren. Jane ist meine Assistentin und sonst nichts. Wenn du sie erst einmal kennengelernt hast, wirst du das schon verstehen.“

„Oh. Ist sie sehr unscheinbar?“

„Ich weiß nicht. Sie ist einfach … Jane.“ Wenn man ihn gebeten hätte, sie zu beschreiben, hätte er vermutlich gesagt, sie sei klein, flink und braun, wie ein Spatz. Aber damit beschrieb er nur Janes Äußeres; ihre Präsenz, ihre Persönlichkeit zu erklären war etwas ganz anderes. Sie wirkte stets größer, als sie in Wirklichkeit war, war auffälliger als andere Frauen, fähiger. „Ich kann sie nicht beschreiben, aber du wirst schon sehen, wie sie ist, wenn sie hier ist.“

Michael hoffte, dass seine Schwester es dabei belassen würde. Er und Jane hatten ein sehr behagliches, bewährtes Verhältnis, an dem er nichts zu ändern beabsichtigte.

„Michael, ich könnte dich umbringen.“ Mary stand auf und strich sich die Röcke glatt. „Du hast es nicht für nötig befunden, mir zu sagen, dass Miss Smythe-Haughton kommt, und nun, da sie eintrifft, ist sie gekleidet wie … ich weiß nicht was. Und dazu hat sie einen gefährlich aussehenden Burschen dabei, und …“

„Ammon ist nicht gefährlich, außer …“

„Ja, ja. Außer man schleicht sich mit einem Messer an ihn heran. Das finde ich nicht sehr beruhigend.“

„Du hast doch nicht mal ein Messer – jedenfalls keines von der Sorte, mit dem man sich nicht die Butter aufs Brot schmiert –, also bist du in seiner Nähe vollkommen sicher.“

Mary ignorierte ihn. „Und dann hast du auch noch auf äußerst unwürdige Art und Weise nach Miss Smythe-Haughton gepfiffen. Niemand hier im Raum wird ihr einen Vorwurf daraus machen, wenn sie dich deswegen zurechtweist, da bin ich mir sicher.“

„Unsinn. Wenn ich nicht gepfiffen hätte, wäre sie auf der Suche nach uns eine Stunde lang durch diese Menge juwelenbehängter Dummköpfe geirrt.“

„Es war aber unhöflich.“

„Für Jane nicht“, versicherte er gelassen. Er sah zu, wie seine Assistentin an den letzten Tanzenden vorbeiging und sich mit ihrem üblichen munteren Interesse umsah.

Janes Hut war ein ausladendes gelbes Modell, aber auch nicht größer als die Hüte, die er an diesem Nachmittag im Hyde Park gesehen hatte. Außerdem war er mit ziemlich vielen großen Federn geschmückt. Sehr großen Federn. So groß, dass sie, als Jane den Kopf wandte, irgendeinem Einfaltspinsel mit orangeroter Weste ins Gesicht schlugen.

Michael lächelte. „Mir gefällt der Hut.“

„Das ist mal wieder typisch“, erklärte seine Schwester abfällig.

Michael fiel auf, dass niemand sonst einen Hut trug. „Vielleicht hätte Jane ihren Hut einem Lakaien übergeben sollen.“

„Wenn sie das doch nur getan hätte“, erwiderte Mary hitzig. „Ich hätte mir ja denken können, dass Miss Smythe-Haughton unkonventionell ist, nachdem sie dich die letzten drei Jahre durchs wilde Afrika geführt hat, aber ich hätte schon erwartet, dass sie die gesellschaftlichen Gepflogenheiten ein wenig besser kennen würde.“

„Es waren vier Jahre, und ich brauche keine Führerin. Sie ist meine Assistentin, nicht mehr, nicht weniger. Sie organisiert die Reise und sorgt dafür, dass wir alle zu essen bekommen, sie arbeitet die Zeitpläne aus, katalogisiert die Funde und dergleichen.“ Er wedelte mit der Hand, um zu verdeutlichen, dass er sich gar nicht an all ihre Pflichten erinnern konnte.

„Was sie auch tut, irgendwer muss sie zu einer guten Schneiderin bringen. Dieses Kleid ist völlig aus der Mode.“

Michael betrachtete Janes Kleid, das so war wie all ihre Kleider. Es war grau und kam gänzlich ohne den albernen Firlefanz aus, mit dem sich andere Frauen so gern schmückten. Außerdem war es hochgeschlossen und langärmelig, was ihr auf ihren Expeditionen immer hervorragenden Schutz bot. „Ich finde an dem Kleid nichts auszusetzen.“

„Wie kannst du das sagen? Es sieht aus wie ein Sack!“

„Deswegen gefällt es mir ja.“ Er ignorierte Marys verblüfften Blick und beobachtete, wie Jane neben dem Einfaltspinsel stehen blieb, der ihre Federn ins Gesicht bekommen hatte. Sie sprach kurz mit ihm und lachte über seine Antwort.

Der Mann wirkte gar nicht mehr verärgert. Im Gegenteil, er schien plötzlich recht interessiert an Jane.

Michael runzelte die Stirn. Wenn er und Jane unterwegs waren, erregte sie natürlich Aufmerksamkeit, schließlich war sie oft die einzige weiße Frau weit und breit. Dort war sie etwas Außergewöhnliches.

Hier galt diese Erklärung nicht, und doch … er sah sich im Raum um und bemerkte leicht überrascht, dass einige Männer sie äußerst interessiert beobachteten, obwohl Ammon finsteren Blicks neben ihr stand.

Das ist ja seltsam. Seine Forscherseele regte sich, und im Versuch, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, machte er sich daran, sämtliche Anhaltspunkte aufzulisten. Zum ersten Mal, seit er sie eingestellt hatte, musterte er Jane kritisch und versuchte, sie mit neuem Blick zu sehen. Mit dem Blick eines Mannes.

Schön war sie nicht, obwohl er zugeben musste, dass sie auch nicht hässlich war. Sie war klein und schlank, ihr Haar war braun, ihre Augen waren braun, und weil sie so viele Jahre in wärmerem Klima verbracht hatte, war auch ihr Teint gebräunt. Obwohl sie damit ein wenig wie eine Wilde aussah, war sie doch unverkennbar weiblich. Ihr Gesicht war zart und pikant geschnitten, mit hohen Wangenknochen, einer geraden Nase, die kaum ihre Brille halten konnte, und einem störrischen kleinen Kinn. Eigentlich war alles an ihr klein – ihre Füße, ihre Hände, alles bis auf die dicht bewimperten braunen Augen und der breite, bewegliche Mund.

Diese beiden schienen zu groß für ihr zartes Gesicht zu sein, glichen einander jedoch merkwürdigerweise aus.

Er rieb sich das Kinn. Wie alle Geheimnisse, fand er auch dieses äußerst spannend.

Vielleicht ist es ihr Mund, der so viel Aufmerksamkeit erregt … Sein Blick wurde schmal. Etwas an ihrem Mund ließ sie sinnlich wirken. Bisher hatte er das nie bemerkt, doch wenn er jetzt so darüber nachdachte, fiel ihm wieder ein, dass der Sufi, bei dem er gefangen gehalten wurde, die gestrenge Miss Smythe-Haughton und ihren üppigen Mund äußerst wortreich bewundert hatte.

Im Grunde hatte sich der Mann ihretwegen völlig närrisch benommen, hatte sogar ein Gedicht geschrieben. „Ein Gedicht“, brummte Michael vor sich hin.

„Wie bitte?“, fragte Mary.

„Nichts.“

„Michael … trägt sie etwa Stiefel?“ Marys Stimme klang erstickt.

„Die trägt sie auch auf unseren Expeditionen.“

„Aber ihr seid hier auf keiner Expedition. Sie ist in der Stadt.“

„Was spielt es für eine Rolle, wie sie gekleidet ist? Sie braucht schließlich keinen Geldgeber.“ Um ehrlich zu sein, war er ein bisschen neidisch auf Janes Freiheit.

Mary stieß empört die Luft aus. „Weil man sie auslachen wird natürlich. Das willst du doch bestimmt nicht.“

Er biss die Zähne zusammen. „Wehe, wenn sich das einer traut.“

Mary riss verblüfft die Augen auf.

Michael ignorierte sie. Er hatte nicht zornig werden wollen, aber – zum Kuckuck – Jane war nicht wie andere Frauen, die sich mit Flitterkram schmücken mussten, um ihren Wert zu beweisen. Im Unterschied zu diesen hatte sie ihren Wert längst unter Beweis gestellt, indem sie dafür sorgte, dass sein Leben so reibungslos wie möglich verlief. Verdammt, wenn ich Jane doch bloß nicht zu diesem dämlichen Ball eingeladen hätte. Aber nun war es zu spät. Es war ihr endlich gelungen, sich von dem Einfaltspinsel zu lösen, der sie mit Beschlag belegt hatte, wobei der Idiot ihr jetzt so sehnsüchtig hinterherschaute, als könnte er gar nicht genug von ihr kriegen. Ammon warf dem Mann im Vorübergehen einen vernichtenden Blick zu, der die Angelegenheit wieder in Ordnung brachte.

Michael brummte: „Trottel“, in sich hinein. Jane würde sich niemals für so einen Mann interessieren. Ra sei Dank ist sie keine solche Gans wie so viele andere Frauen, die …

Jane hatte die Menge endlich hinter sich gelassen und stand nun vor ihm, hinter sich Ammon. Michael sah auf seine Taschenuhr. „Sie kommen zu spät, und Mary sagt, Ihr Hut …“

„Michael“, unterbrach Mary ihn hastig, „stell uns doch bitte vor.“

„Oh nein“, sagte Jane, „es besteht kein Grund, Mr. Hurst damit zu belästigen; er hat so oft von Ihnen gesprochen, dass ich das Gefühl habe, Sie bereits zu kennen.“ Sie machte einen Knicks, an dem selbst der strengste Prinzipienreiter der Gesellschaft nichts hätte aussetzen können. Als sie sich wieder erhob, streckte sie Mary die Hand entgegen und lächelte warm. „Lady Erroll, es freut mich sehr, Sie endlich kennenzulernen! Mir macht die Zeitungskolumne so viel Spaß, auch wenn ich ein paar Nummern hinterher bin.“

Mary wirkte erfreut. „Danke. Nicht viele Leute wissen, dass ich sie schreibe.“

„Was bedauerlich ist, denn das heißt, dass man Ihnen den Ruhm vorenthält, den Sie eigentlich verdient haben.“ Jane beugte sich vor und sagte in deutlich vernehmbarem Bühnenflüstern: „Ich sage Hurst schon die ganze Zeit, dass er die Wahrheit bekennen und Sie als Autorin nennen soll, aber er ist viel zu faul dazu.“

Mary warf ihrem Bruder einen bestürzten Blick zu. Michael funkelte beide Frauen finster an.

Jane lachte nur. „Ach, achten Sie nicht auf Hurst. Er ist immer übler Stimmung, wenn er im Gesellschaftsanzug auftreten muss. Aber keine Sorge, seine Leute nehmen sich seine düsteren Launen nicht zu Herzen, stimmt’s, Ammon?“

Der hochgewachsene Diener neigte den Kopf.

Mary musterte ihn interessiert.

Jane stellte ihn vor. „Lady Erroll, ich war nachlässig. Das ist Ammon, Hursts Kammerdiener und Aide-de-camp.“

„Apropos“, mischte sich Michael ein, „Ammon, warum sind Sie hier? Mit Ihnen habe ich nicht gerechnet.“

„Ich bin Ammon draußen an der Tür begegnet. Der Butler wollte ihn nicht reinlassen, also habe ich die Sache in die Hand genommen, und nun sind wir hier.“

Ammon griff in die Falten seiner Tunika und holte einen kleinen, mehrfach gefalteten Zettel heraus. „Der Brief, auf den Sie warten, ist angekommen, Sir. Wie angeordnet, habe ich ihn sofort hergebracht.“

„Hervorragend.“ Michael zog seine Brille aus der Brusttasche und setzte sie auf. Dann faltete er den Brief auf und überflog ihn. „Interessant.“

Jane reckte den Hals, um einen Blick auf das Schreiben zu erhaschen, doch er faltete ihn rasch wieder zusammen und steckte ihn zusammen mit der Brille wieder ein.

Sie runzelte die Stirn. „Warum so geheimnisvoll, Hurst?“

Normalerweise kümmerte er sich nicht weiter um derartige Albernheiten, doch an diesem Abend ärgerte er sich über Jane, auch wenn er nicht recht sagen konnte warum. „Das erkläre ich Ihnen morgen.“

Einen Augenblick sah sie aus, als wollte sie Einwände erheben, doch nach einem Augenblick zuckte sie nur mit den Achseln. „Schön. Ich warte.“

Ich aber nicht!“ Mary nagelte Michael mit einem strengen Blick fest. „Was steht in diesem Brief, dass du mit der Lektüre nicht bis nach dem Ball warten konntest?“

„Nichts, was dich etwas anginge“, erwiderte er umgehend.

„Lady Erroll, Ammon hat es bestimmt nichts ausgemacht herzukommen“, sagte Jane in beruhigendem Ton. „Er gehört einem Nomadenstamm an, wissen Sie. Ich habe mich oft gefragt, wie er es aushält, so lang an einem Ort zu sein.“

Mary blinzelte zu Ammon empor. „Sie … Sie gehören einem Stamm an?“

Er neigte den Kopf. „Jawohl, Mylady.“

Interessiert begutachtete sie den Turban. Jane sah den Blick und setzte sofort zu einer komischen Geschichte an, wie sie einmal versucht hatte, einen Turban zu tragen, dieser sich aber in einem denkbar ungünstigen Augenblick gelöst, sich in den Rädern eines vorbeifahrenden Karrens verfangen und sie zu Boden geworfen hatte.

Im nächsten Augenblick lachte Mary aus vollem Hals, und sogar Ammons strenge Miene hatte sich eine Spur entspannt, wenn auch nicht zu einem Lächeln.

Michael betrachtete die anderen drei mit wachsender Genugtuung. Seine Schwester war in den Händen einer Meisterin. Das war eine von Janes Gaben: Wo sie auch waren, in der afrikanischen Wüste, im Palast des Sufis oder gar in einem trügerischen Londoner Ballsaal, sie sagte immer das Richtige und wusste auch ganz genau, wie sie es sagen musste.

Dieser besonderen Fähigkeit seiner Assistentin, andere Menschen zu verstehen und in jeder Art von Gesellschaft zu Hause zu sein, verdankte er den Erfolg seiner zahlreichen Expeditionen. Wo andere Forschungsreisende auf Misstrauen stießen, wurden Michael und seine Begleiter auf ein paar klug gewählte Worte von Jane hin fast immer willkommen geheißen und mussten für die gebotenen Dienste auch viel weniger bezahlen.

Jane fuhr fort, Mary aus der Reserve zu locken. Bald waren ihr Kleid und Hut vergessen, und die beiden Frauen unterhielten sich angeregt über Ehe und Kinder und andere frivole Themen, an denen Jane, wie Michael wusste, keinerlei Interesse hatte.

Offenbar hatte sie seine Gedanken gelesen, denn obwohl sie weiter mit seiner Schwester plauderte, warf sie ihm unter ihren Wimpern hinweg einen belustigten Blick zu, auf den er mit einem leichten Heben der Brauen und einem spöttischen Lächeln reagierte.

Nachdem er sich das Geschnatter der Frauen noch ein Weilchen angehört hatte, gähnte Michael.

Ammon sagte sofort: „Es wird Zeit, sich zu empfehlen.“

„Er kann nicht gehen“, rief Mary aus. „Bis jetzt hat er noch mit keinem einzigen potenziellen Geldgeber gesprochen.“

„Werde ich auch nicht“, sagte er. „Dieses verdammte Krawattentuch ist zu eng, und ich will nach Hause.“

„Dann gehen wir nach Hause“, verkündete Ammon.

Jane schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ammon, Mr. Hurst kann jetzt noch nicht gehen. Erst hat er hier noch eine Aufgabe zu erledigen.“

Michaels Miene verfinsterte sich. „Nicht heute Abend.“

„Hurst, nun überlegen Sie doch mal. Sie müssen wenigstens mit einem potenziellen Geldgeber reden, denn wenn Sie das nicht tun, haben Sie diese scheußliche Krawatte einen ganzen Abend umsonst getragen.“

Er hatte an dem verdammten Ding herumgezupft, doch ihre Bemerkung ließ ihn innehalten. „Scheußlich?“

„Allerdings. Überaus scheußlich. Vor allem jetzt, wo Sie daran herumgezerrt haben. Wenn Sie heute Abend keinen Geldgeber finden, werden Sie sie wieder und immer wieder tragen müssen …“

Er stieß ein angewidertes Geräusch aus.

Jane redete weiter, als hätte sie nichts gehört, immer noch im selben ärgerlich munteren Tonfall. „… so lange, bis Sie dann doch irgendwann Ihr Ziel erreichen. Ich an Ihrer Stelle würde mich weigern, den Ball zu verlassen, ehe ich einen Geldgeber gefunden habe.“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. „Ich hasse es, wenn Sie in einem so verflucht fröhlichen Ton von etwas reden, das ich nicht leiden kann.“

Sie zwinkerte. „Ich weiß. Deswegen mache ich es, so oft es geht.“

„Oh, sieh mal!“ Mary nickte zum Büfett. „Da ist Devonshire! Seine Gnaden hat ausdrücklich darum gebeten, dir vorgestellt zu werden.“

„Wer?“

„Der Duke of Devonshire“, sagte Mary ungeduldig. „Ich habe dir auf dem Weg hierher erzählt, dass wir hier mit ihm reden werden. Hast du mir denn nicht zugehö… Nein. Natürlich nicht.“

„Devonshire könnte mehr als nur eine Expedition finanzieren“, sagte Jane und wirkte dabei so erfreut, als hätte sie einen Hinweis auf ein neues Grab entdeckt. „Er ist furchtbar reich.“

Michael seufzte. „Hören Sie schon mit dem Geschwätz auf, Sie nervtötendes Weibsstück!“ Er ignorierte sowohl Janes ...

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