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Das Geheimnis der Porzellanmalerin

Über Birgit Jasmund

Birgit Jasmund, geboren 1967, stammt aus der Nähe von Hamburg. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Kiel hat das Leben sie nach Dresden verschlagen. Im Aufbau Taschenbuch Verlag sind von ihr bereits der historische Roman »Die Tochter von Rungholt«, »Luther und der Pesttote« und »Der Duft des Teufels« sowie bei Rütten & Loening die Liebesgeschichte »Krabbenfang« erschienen.

Informationen zum Buch

Die Malerin von Meißen.

Meißen, 1748: Nach dem Tod ihrer Mutter begibt sich die talentierte Zeichnerin Geraldine auf die Suche nach ihrem unbekannten Vater, den sie in Meißen vermutet. Kurze Zeit später findet sie sich in einem Netz aus Intrigen wieder. Sie wird verdächtigt, das Staatsgeheimnis der Porzellanherstellung verraten zu haben. Nur der Gerichtsassessor Frederik Nehmitz, der die Affäre aufklären soll, glaubt an ihre Unschuld und scheint auch einen Hinweis auf die Identität ihres Vaters zu haben. Aber kann sie ihm trauen?

Eins

Was soll ich mit dem Schund? Sie stiehlt mir meine Zeit! Geh sie fort!« Der Mann, weder jung noch alt, mit Locken wie Babyhaar unter einer zerknautschten Kappe, und mit schmalen, beinahe weiblichen Händen, deren Nägel sorgfältig poliert waren, funkelte sie an. Sein gepflegtes Äußeres wurde getrübt durch die Farbspritzer an seinen Händen, den fleckigen Malerkittel und seine höhnisch zusammengezogenen Augenbrauen.

»Das sind Zeichnungen und Bilder. Ich bin immer sehr für mein Talent gelobt worden.« Geraldine blickte dem Mann fest in die Augen. Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen. Nicht von jemandem, der schrie und dessen Gesichtsfarbe sich rötete, dessen runde Backen zitterten und dessen spitze Nase nahe daran war, in den Himmel zu ragen. Die Mappe mit ihren Werken hielt sie in den Händen und wartete darauf, dass der Mann vor ihr sie nahm und durchblätterte.

Das Firmament präsentierte sich an diesem Märztag grau. Es sah sogar so aus, als könnten jeden Moment Schneeflocken aus den Wolken rieseln. Dazu wehte ein Wind, der die Kälte noch einmal deutlicher spüren ließ.

Mit einer Hand hielt Geraldine den Jackenkragen am Hals zusammen und umklammerte gleichzeitig den Riemen eines Stoffbeutels, der über ihrer Schulter hing und ihre gesamte Habe enthielt. Der Wind fuhr ihr unter die Röcke, in die Ärmel und zerrte an den Bändern, mit denen sie ihre Haube unter dem Kinn zusammengebunden hatte.

»Talent, dass ich nicht lache! Kaum kritzelt ein Weib ein paar Striche aufs Papier, glaubt es an Talent. Kein Weib bringt es in den Künsten zu wahrer Meisterschaft. Auf keinen Fall ohne eine strenge Lehrzeit.« Dem Mann schien die Kälte weniger auszumachen. Er kümmerte sich nicht um den Wind, der mit seinen Locken spielte und ihm die Kappe vom Kopf zu wehen drohte. Wunderbarerweise hielt sie doch etwas an ihrem Platz.

»Ich hatte eine Lehrzeit – in Köln. Peter Augustin Schmitz hat mich zusammen mit seinem Sohn Johann Jacob unterrichtet. Es waren insgesamt vier Jahre.«

»Den Mann kenne ich nicht. Interessiert mich nicht.«

Diese Art Antwort war zu erwarten gewesen. Geraldine hätte am liebsten mit dem Fuß aufgestampft. Wie schön war die Zeit in Köln mit der Familie Schmitz gewesen. Nie hatte sie an ihrem Talent gezweifelt, nur weil sie eine Frau war. Der alte Schmitz hatte sie in jeder Hinsicht gefördert, dabei war sie weder mit ihm verwandt, noch schuldete er ihr etwas. Aus reiner Freundlichkeit hatte er es getan und weil man ein Talent wie ihres nicht brachliegen lassen dürfe. Das hatte er mehrfach wiederholt, bevor er ihr vor drei Monaten nahegelegt hatte, sein Haus zu verlassen. Der Grund dafür war Johann Jacob gewesen. Der junge Mann hatte es sich in den Kopf gesetzt, Geraldine heiraten zu wollen. Dem alten Schmitz war das nicht recht gewesen, er wünschte sich für seinen Sohn und Erben eine Frau aus standesgemäßer Familie, die ihn in der Welt voranbrachte, nicht eine Frau ohne Heimat und Familie.

Geraldine hatte Köln verlassen müssen und war nach Osten gewandert. Sie wollte den Plan in Angriff nehmen, der seit Jahren ihre Gedanken beherrschte. Vorerst musste sie sich jedoch mit diesem dreisten Mann auseinandersetzen.

»Peter Augustin Schmitz und sein Sohn arbeiten für den Kölner Kurfürsten«, informierte sie den uneinsichtigen Menschen knapp. Das war geschönt, aber die Zeichnungen des jungen Johann Jacob Schmitz hatten den Kurfürsten immerhin beeindruckt.

»Hat sie schon auf Porzellan gemalt?«

»Ja«, log Geraldine und schöpfte Hoffnung. Das war immerhin die erste vernünftige Frage, die ihr im Verlauf dieses Gesprächs gestellt wurde.

»Sie lügt!«, entlarvte ihr Gegenüber sie sofort. »In Köln malt niemand auf Porzellan.«

»Lassen Sie es mich versuchen. Sind Sie nicht mit mir zufrieden oder der Meinung, ich könne es nicht lernen, werde ich gehen und nie wieder nach Arbeit fragen. Schauen Sie wenigstens einmal meine Zeichnungen an, ehrenwerter Meister.«

»Das brauche ich nicht zu sehen!« Er schlug ihren Arm beiseite, und die Mappe fiel zu Boden. »Ein Weib fragt nach Arbeit wie ein Mann! Am Ende will sie noch den gleichen Lohn wie einer unserer Meister. Eine Dahergelaufene aus der Fremde!«

Darauf hatte Geraldine gewartet und war richtiggehend erstaunt, dass es erst so spät kam. Ihr Haar war schwarz und ihre Haut dunkler als die der einheimischen Frauen, sie wies einen sanften sandbraunen Schimmer auf. Da konnte sie sich vor der Sonne schützen, so viel sie wollte, sie glich einer Andalusierin, wurde häufig genug als Zigeunerin beschimpft. Wahrscheinlich könne sie weder lesen, noch schreiben, noch richtig denken. Es sei geradezu ein Wunder, dass sie Deutsch spreche. Das waren noch die freundlichsten Bemerkungen, sie kannte auch schmerzhaftere. Was blieb ihr übrig, als darauf hinzuweisen, dass sie nicht nur Deutsch, sondern auch Spanisch, Niederländisch und Französisch beherrsche? Dass sie diese Sprachen nicht nur sprechen, sondern auch schreiben und lesen könne? Ob jemand eine Kostprobe wolle? Das wollte nie jemand.

Geraldine schluckte auch diesmal, verbot es sich, eine Locke ihres Haares um den Finger zu wickeln, und zwang die Andeutung eines wissenden Lächelns in ihre Mundwinkel. »Bei mir kommt rotes Blut, wenn ich mich in den Finger steche. Wie ist das bei Ihnen?«

Weil sie hübsch und zart war und sehr wohl wusste, wie Männer auf sie reagierten, spekulierte sie darauf, dass sich nach diesen Worten die Spannung lösen würde und endlich ein vernünftiges Gespräch möglich wäre. Sie hatte die Rechnung ohne ihr Gegenüber gemacht. Dessen rote Gesichtsfarbe vertiefte sich. Die Nase zeigte nun wirklich in die Wolken.

»Impertinente Person! Pack sie sich hinfort!«

Ihre Zeichenmappe und die Arbeitsproben lagen immer noch auf dem gepflasterten Hof der Meißner Albrechtsburg verstreut. Der Mann hatte den Fuß halb erhoben, um darauf herumzutrampeln. Nur Geraldines stahlharter Blick ließ ihn innehalten. Wenn sein Fuß auch nur ein Eckchen ihrer Zeichnungen berührte … Sie würde auf dem Hof über ihn herfallen, und es wäre ihr ganz egal, dass er größer und stärker war als sie und dass sich in den Türen und am Tor der Albrechtsburg inzwischen eine kleine Zuschauermenge angesammelt hatte.

»Hinfort mit ihr!«, schrie der Mann, sein zitternder Finger wies in Richtung Domplatz.

Geraldine wusste, dass es besser wäre zu gehen, aber sie konnte nicht anders. Aus dem über ihrer Schulter hängenden Stoffbeutel fummelte sie ein an einem verschlissenen Samtband hängendes Medaillon hervor.

»Werfen Sie einen Blick auf das Bild darin. Ich bitte Sie inständig.«

»Das wagt sie noch!« Er schlug ihr das Medaillon aus der Hand. Es landete auf den Zeichnungen.

Bevor Schlimmeres geschah, stürzte sich Geraldine darauf und raffte es wieder an sich. Der Mann hatte sich unterdessen abgewandt und strebte mit langen Schritten seinem Arbeitsplatz in der Malerwerkstatt zu. Eine Windbö lupfte seine Kappe, aber es gelang ihm im letzten Augenblick, sie festzuhalten. Geraldine schob die Zeichnungen zurück in die Mappe und klopfte den Schmutz ab, bevor sie den Vorplatz der Albrechtsburg verließ. Obwohl ihr hundeelend war, der Hunger in ihren Eingeweiden wühlte, ihre Barschaft nur noch ein paar Groschen betrug, was kaum für eine Mahlzeit und einen Schlafplatz reichte, ging sie langsamen Schrittes und hoch erhobenen Hauptes. Der Weg schien ihr unendlich weit, und sie spürte Blicke wie Dolche in ihrem Nacken.

»Wer hat euch das Gaffen erlaubt? An die Arbeit, ihr faulen Hunde!« Klatschen, als würden Hände auf Tische oder Wangen geschlagen, begleitete die Rede dieser wohlbekannten Stimme, die sie vor wenigen Augenblicken angeschrien hatte.

In Höhe des Doms beschleunigte Geraldine ihre Schritte. Es fehlte nicht viel, und sie wäre den Meißner Burgberg hinuntergerannt. Es musste ihr gelingen, eine ihrer Zeichnungen zu verkaufen, damit sie sich eine warme Mahlzeit und einen Schlafplatz leisten konnte. In Meißen ließ sich bestimmt jemand finden, der ihre Kunst zu würdigen wusste. In ihren Träumen hatte sie sich stets ausgemalt, dass man in der Porzellanmanufaktur von ihrem Talent beeindruckt wäre. War sie erst einmal in Lohn und Brot, könnte sie sich wieder ihrer Suche widmen.

Nun war alles anders gekommen, und sie sah sich schon die Tage im Armenasyl verbringen. Oder unter freiem Himmel. Geraldine stiegen Tränen in die Augen. Trotzig wischte sie sie weg.

Am Ende des Domplatzes fuhr der Wind schneidend unter ihre Kleidung. Sie zog die Schultern hoch und blickte zu Boden.

Eilige Schritte hinter ihr ließen Geraldine innehalten. Halb hoffte sie, in der Manufaktur hätte man es sich anders überlegt und wollte sie zurückholen, um ihr eine Chance zu geben. Dieser kleine Funke Hoffnung zerstob gleich wieder, als sie den grauhaarigen, nicht ganz schlanken Mann erblickte, der hinter ihr hereilte. Den Hut hielt er in der Hand, sonst wäre er ihm vom Kopf geweht. Ihn wärmte ein Wintermantel mit mehreren Schulterkragen und zusätzlich ein Schal. Seine Hände steckten in grauen Handschuhen; von der Kälte waren jedoch Nase und Wangen gerötet. An seiner Seite baumelte ein Degen, dessen Spitze unter Rock und Mantel hervorschaute.

»Warten Sie, junge Frau«, rief er und winkte.

Was konnte der Mann von ihr wollen? Sie blieb stehen, schließlich hatte sie nichts zu verlieren. Er tat so, als lüpfe er den Hut vor ihr, und Geraldine deutete eine Verbeugung an.

»Meister Höroldt ist kein einfacher Zeitgenosse. Wären Sie erst zu mir gekommen, ich hätte Sie warnen und Ihnen eine Enttäuschung ersparen können.« Seine Stimme klang nicht angenehm, und sein zerfurchtes Gesicht mit großporiger Haut ließ an einen Mann denken, der im Leben nicht viel Freude hatte.

»Dafür hätte ich von Ihnen wissen müssen«, erwiderte Geraldine. »Sie sind mir gegenüber im Vorteil, offenbar kennen Sie mich, während ich nicht weiß, mit wem ich das Vergnügen habe.«

»Oh, ich weiß über Sie nur, was ich im Hof gesehen habe. Mein Arbeitsplatz befindet sich auf der Albrechtsburg, und ich kam nicht umhin, Zeuge Ihres Gesprächs zu werden.«

»So ging es wohl einigen.« Geraldines Stimme nahm einen schnippischen Tonfall an. Der Mann sollte sagen, weshalb er ihr gefolgt war, oder sie in Ruhe lassen.

»Gestatten Sie, Karl Georg Teuchert lautet mein Name. Ich bin Beamter des kursächsischen Kreisamtes Meißen.«

Sie verstand nicht, was der Inhalt seiner Arbeit war, nur so viel, dass er nicht der Porzellanmanufaktur angehörte, obwohl er auf der Burg arbeitete.

»Geraldine«, stellte sie sich vor, und als er sie fragend anschaute, fügte sie hinzu: »Einfach Geraldine.«

»Aus der Fremde?«

Sie nickte. »Aus Übersee.«

»Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen, dass Meister Höroldt Ihre Arbeiten nicht anschauen wollte. Die Arbeit eines Weibes wird in der Manufaktur unter keinen Umständen angenommen. Selbst mit einem männlichen Bewerber beschäftigt sich der erste Maler nur näher, sofern er eine Empfehlung von einigem Gewicht vorweisen kann.«

»Was für eine Empfehlung wäre das?« Geraldine fragte aus reiner Neugier.

»Eine des Herrn Carl Heinrich von Heineken, Direktor des Kupferstichkabinetts in Dresden zum Beispiel. Oder eine des Hofmalers Ismael Mengs.«

Geraldine kannte weder das Kabinett noch die genannten Herren. Und sie würde kaum die Chance bekommen, deren Bekanntschaft zu machen, um eine Empfehlung zu erhalten. Sie wollte sich abwenden.

»Ich sehe, dass Sie Hilfe brauchen.«

Sie stockte mitten in der Bewegung. Ihr Misstrauen war erwacht, aber es ließ sich auch nicht leugnen, dass sie sich tatsächlich in einer misslichen Lage befand. Sie wollte sich zumindest anhören, was er zu sagen hatte.

»Ich wette, Sie haben in Ihrem hübschen Stoffbeutel nicht mehr als ein paar Groschen Barschaft. Das Geld reicht höchstens für eine Mahlzeit oder eine Nacht in einer Herberge. Nicht für beides. Schwierige Entscheidung. Und was wird morgen? Ich kann Ihnen versprechen, die Herbergen in Meißen lassen zu wünschen übrig. Klumpige und feuchte Betten. Ein Weib ohne Begleitung wird in den meisten nicht einmal aufgenommen. Nur in den Häusern mit dem schlechtesten Ruf.«

»Was möchten Sie von mir?«

»Sie sind eine junge Frau in Not, und ich überlege, ob ich Ihnen helfen soll. Aus reiner Freundlichkeit. Ich könnte damit beginnen, Sie in mein Haus zu einem Abendbrot einzuladen, und alles Weitere wird sich finden.«

Geraldine wich zwei Schritte zurück und umklammerte ihren Beutel fester. Sie machte sich bereit, davonzulaufen, falls dieser Mensch Unanständiges verlangte. So tief war sie nicht gesunken, dass sie einem Mann erlaubte … Er bemerkte ihr Unbehagen und seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Das verlieh ihm Ähnlichkeit mit einem Fisch.

»Meine Frau freut sich über Besuch. Sie ist den ganzen Tag allein zu Hause und wünscht sich Gesellschaft.« Sein Fischmund klappte beim Sprechen auf und zu, und die Art, wie er die Worte aussprach, ließ Geraldine eine Gänsehaut über den Rücken laufen, dennoch nickte sie. Da er verheiratet war, bestand für sie wohl keine Gefahr.

Während sie nebeneinanderher gingen, achtete sie sorgfältig darauf, dass er sich nichts herausnahm. Sie musste stetig ein Stück zur Seite weichen, weil er immer wieder versuchte, ihr näher zu kommen, als ihr lieb war. Bevor sie ganz an den Hauswänden entlangschlich, erreichten sie zum Glück sein Heim. Es war ein zweistöckiges gelbes Haus. Die Fenster konnten mit Läden geschützt werden. Ein schmaler Garten befand sich davor; er wirkte kahl und bloß in dieser Jahreszeit. Das Haus strahlte eine gewisse Wohlhabenheit aus. Sie folgte dem Mann durch den schmalen Garten zur Haustür.

Teuchert zog einen großen Schlüssel auf der Tasche seines Gehrocks und schloss die Tür auf. Er betrat das Haus vor seinem Gast und überließ es Geraldine, ihm zu folgen und die Tür hinter sich zu schließen. Als Erstes stürzte ihnen ein Fellknäuel mit Beinen entgegen und kläffte. Bevor es sich in Geraldines Schuhen verbeißen konnte, streckte Teuchert ein Bein aus und schob den kleinen Hund zur Seite, der empört weiterbellte, aber zwischen Wand und Bein festhing. Die junge Frau erkannte einen hellbraunen Mops mit faltigem Gesicht.

»Das ist Otto. Er gehört meiner Frau«, stellte Teuchert vor, und ihm war anzuhören, was er von dem Tier hielt. »Helene, meine Gute, ich bin wieder da und habe uns einen Gast mitgebracht. Würden Sie zuerst Ihren Hund zur Räson bringen?«

»Otto, still! Komm her, mein kleiner Liebling«, flötete eine Stimme aus dem ersten Stock des Hauses. Den Mops beeindruckte das so viel wie einen Stein, an dem ein Hund sein Bein hob.

Schließlich packte Teuchert ihn am Nackenfell, öffnete eine benachbarte Tür einen Spalt und schubste den Hund hindurch. Schnell ließ er die Tür wieder einrasten. Seine Bewegungen wirkten routiniert, er machte das bestimmt nicht zum ersten Mal. Otto bellte weiter und kratzte an der Tür, deren dickes Holz dämpfte allerdings die Geräusche.

Im ersten Stock wurde nun eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Dann kam die Teuchertin die Treppe herunter. Sie sah atemlos aus und zupfte sich die Frisur zurecht. Als sie Geraldine neben ihrem Mann erblickte, glitt das Lächeln von ihrem länglichen Gesicht. Ihre Lippen wurden schmal, und sie ließ die Hand sinken. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ihr Mann kam ihr zuvor.

»Meine liebe Helene, darf ich Ihnen Frau Geraldine vorstellen. Sie ist unverschuldet in Not geraten. Da ich jedoch Ihr gutes Herz kenne, habe ich mir erlaubt, sie mitzubringen. Wir werden sicher eine Mahlzeit und vielleicht auch eine Kammer für sie haben.«

»Das haben wir …«

Teuchert blinzelte seiner Frau so heftig zu, als wollte ihm das Auge aus dem Kopf fallen. Sie schloss den Mund wieder und stand lauernd auf der Treppe.

»Ich bedanke mich für die Einladung, will jedoch nicht weiter stören.« Geraldine wandte sich der Tür zu. Je eher sie dieses Haus verließ, desto besser. Es war nicht zu übersehen, wie wenig erfreut die Teuchertin über ihren Besuch war.

Teucherts ausgestreckter Arm und die auf der Türklinke liegende Hand versperrten ihr den Weg nach draußen. Sein Fischlächeln wurde breiter.

»Nicht doch. Sie werden uns doch nicht gleich wieder verlassen wollen. Keine Hausfrau mag es, wenn ein Gast zum Essen unangemeldet vor der Tür steht, aber ich bin mir sicher, meine gute Helene heißt Sie dennoch herzlich willkommen. Schlagen Sie meine Einladung nicht aus, Sie werden an diesem Tag keine zweite erhalten.« Während er zu ihr sprach, machte er seiner Frau mit der freien Hand Zeichen. Geraldine sah es aus dem Augenwinkel.

Die abweisende Miene der Teuchertin glättete sich, ihre zusammengepressten, schmalen Lippen versuchten sogar ein Lächeln. Es sah allerdings eher aus, als bleckte eine Ratte ihre Zähne.

»Dann kommen Sie nur herein, meine Liebe. Ich freue mich immer über Besuch, und wenn ich damit ein gottgefälliges Werk tun und einer in Not geratenen Person helfen kann, ist mir Besuch doppelt lieb.« Die Teuchertin gab den Weg in das Innere des Hauses frei.

Ihr Gefühl riet ihr, unter dem ausgestreckten Arm des Beamten hindurchzutauchen und das Haus fluchtartig zu verlassen. Der Verstand argumentierte mit dem Duft nach gesottenem Fleisch und der zu erwartenden Mahlzeit, die der Körper für sein Wohlbefinden dringend benötigte. Geraldine folgte dem ausgestreckten Arm der Teuchertin.

Ihre Nase hatte sie nicht getrogen: Kurze Zeit später saß sie Teucherts am Esstisch gegenüber. Das Esszimmer strahlte gediegene Vornehmheit aus, wie auch das übrige Haus. Seit ihrer Abreise aus Köln hatte Geraldine sich nicht mehr in vergleichbaren Räumen aufgehalten. Sie genoss den Teppich unter ihren Füßen, den Blick auf einen silbernen Kerzenleuchter in der Tischmitte, das weiche Stuhlkissen unter ihrer Kehrseite, das glänzend lackierte Holz der Möbel, die Sammlung chinesischer Tassen in der Vitrine. Als Einziges missfiel ihr das Bild, das über einer Kommode an der Wand hing. Es zeigte ein Stillleben mit Früchten und toten Tieren. Ungeschickter Pinselstrich und viel zu grelle Farben. Geraldine war überzeugt, mit verbundenen Augen ein besseres malen zu können. Der Mops war nicht mehr zu hören, vielleicht hatte ihn auch jemand aus seinem Verlies befreit und mitgenommen in die Tiefe des Hauses.

Das Dienstmädchen der Teucherts trug als ersten Gang eine Suppe mit Krebsschwänzen auf. Das schlechtgemalte Stillleben verblasste vor dieser Köstlichkeit. Geraldine hätte sich am liebsten den Teller ein zweites Mal füllen lassen, aber da das Ehepaar nur einmal nahm, wagte sie es nicht, wollte nicht als Ausländerin ohne Manieren gelten. Danach wurde das gesottene Rehfleisch serviert, dessen Geruch ihr schon im Flur das Wasser im Munde hatte zusammenlaufen lassen. Teuchert tranchierte das Fleisch und legte ihr gleich zwei der fingerdicken Scheiben auf den Teller. Dabei zwinkerte er ihr vertraulich zu. Nachdem er alle bedient hatte, lag noch der halbe Braten auf der kupfernen Servierplatte. Teucherts führten wahrlich ein wohlbestelltes Haus.

Nach dem Fleischgang fühlte sich Geraldine gesättigt – zum ersten Mal seit Wochen. Auf dem ganzen Weg von Köln nach Kursachsen hatte sie es sich nicht gestattet, sich satt zu essen. Der Weg war ihr immer so weit und ihr Geld so knapp vorgekommen.

Zum Nachtisch servierte das Dienstmädchen eingekochte Birnen und eine Creme aus geschlagenen Eiern, Sahne und Vanille. Diesmal konnte Geraldine nicht widerstehen und bat um eine zweite Portion. Lächelnd füllte die Teuchertin ihre Schale ein weiteres Mal.

»Was führt eine junge Frau wie Sie alleine in unsere kleine Stadt? Wir müssen Sie nur anschauen, um zu wissen, dass Sie nicht von hier stammen«, sagte die Teuchertin und kratzte die letzten Reste aus der Schüssel.

Vor Geraldine türmte sich nun ein Berg Creme, und die Teucherts erschienen ihr als ein Ehepaar, das einen guten Kern unter einer rauen Schale verbarg.

Die Teuchertin ließ den Löffel klirrend in die leere Schüssel fallen. »Wo kommen Sie her? Sie sind Gast in unserem Haus, und wir haben ein Recht darauf, es zu erfahren.«

»Ich stamme aus dem französischen Teil der Insel Santo Domingo.« Die Creme war so zart, sie zerging wie eine Wolke auf ihrer Zunge.

»Das ist weit weg. Wie kamen Sie nach Europa?«

»Als blinde Passagierin mit einem Schiff. Die Seeleute haben mich erst auf hoher See entdeckt und mitgenommen bis zum ersten europäischen Hafen. Das war Lissabon, ich war damals vierzehn Jahre alt.« Der Cremeberg in ihrer Schüssel war um einiges kleiner geworden. Dass man sie mitten auf dem Atlantik beinahe über Bord geworfen hätte, weil Frauen auf einem Schiff angeblich Unglück brachten, dass sie es nur einem Kaufmann aus Bremen zu verdanken hatte, noch am Leben zu sein, weil er nicht erlauben wollte, dass einem Mädchen etwas Schreckliches angetan wurde, verschwieg sie. Ebenso, dass sie sich an Bord ihr Dasein als Schiffsjunge verdienen musste.

Die Mienen ihrer Gastgeber hatten sich dennoch verändert. In seiner Mimik glaubte Geraldine, Respekt zu erkennen, während die der Teuchertin eindeutig Abscheu zeigte. Ein Mädchen, das sich auf ein Schiff schlich und unter lauter Männern einen Ozean überquerte, passte nicht in ihre Welt.

»Wo sind Ihre Eltern?«

»Meine Frau meint es nicht so streng, wie es sich anhört«, warf Teuchert ein. »Es ist ungewöhnlich, dass eine junge Frau allein durchs Leben geht. Es gibt viel zu viele Gefahren, vor denen sie beschützt werden muss.«

»Meine Mutter starb bei meiner Geburt, und meinen Vater habe ich nie kennengelernt.«

»Die Mutter war eine Sklavin?«, fragte die Teuchertin streng weiter.

»Nein, aber ich bin in einem Sklavendorf zur Welt gekommen.«

»Und der Vater?«

»Von ihm habe ich nur ein Bildnis.« Geraldine holte das goldene Medaillon aus dem Stoffbeutel, der über der Stuhllehne hing. Sie klappte den Deckel auf und ließ die beiden das Bild sehen. Es zeigte in verblassten Farben einen jungen Mann mit zurückgebundenem Haar, darunter ein bartloses, ebenmäßiges Gesicht, dunkle Augen und eine schmale Nase. Der Mund war nur als dunkler Strich zu erahnen. »Kennen Sie diesen Mann?«

Die Teuchertin schüttelte sofort den Kopf. Ihr Mann schaute sich das Bild länger an.

»Wie kommen Sie darauf, ihn ausgerechnet in Meißen zu suchen? Es ist nicht mehr viel von seinem Gesicht zu erkennen, es könnte jeder Mann in der Alten Welt sein. Santo Domingo – die Insel ist doch zwischen den Spaniern und den Franzosen geteilt?«

Statt die Frage zu beantworten, schloss Geraldine das Medaillon und drehte es um. Auf den Rücken war ein Wappen eingraviert und mit Farben emailliert. Das zweigeteilte Wappen zeigte links zwei gekreuzte Schwerter vor einem schwarz-weißen Hintergrund. Die rechte Seite bestand aus schwarzen und goldenen Querbalken, die durch einen grünen Rautenbalken geteilt wurden. Auf dem Balken war eine Krone eingraviert. Die Emaillefarben waren vielfach verblasst oder abgeplatzt, es war jedoch noch genug vorhanden, um die Farbgebung zu erkennen.

Diesmal nickten beide Teucherts sofort. Sie erkannten das wettinische Wappen und die polnische Königskrone, wie Friedrich August und nach seinem Tode auch sein Sohn es führten.

»Kursachsen«, bestätigte Teuchert.

»Dieses Medaillon ist der einzige Hinweis auf meinen Vater, und es hat mich hergeführt. Es muss jemanden geben, der meinen Vater erkennt, auch wenn inzwischen mehr als zwanzig Jahre vergangen sind.«

»Der wird sich bestimmt finden.« Teuchert klang geradezu väterlich. Er gab Geraldine das Medaillon zurück. »Ihr wertvollster Besitz?«

»Es gibt nichts auf der Welt, was mir mehr bedeutet.« Geraldine ließ das Schmuckstück wieder in ihre Tasche gleiten.

»Ich wünsche Ihnen viel Glück bei der Suche. Welche Pläne haben Sie?«, Teuchert wartete ihre Antwort nicht ab, sondern sprach gleich weiter. »Bleiben Sie hier und schlafen sich erst einmal gründlich aus. Ich bin mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten im Land bekannt und werde für Sie tun, was in meiner Macht steht.«

»Das wollen Sie wirklich?« In Geraldines Brust wuchs das zarte Pflänzchen Hoffnung in die Höhe.

»Ich verspreche es.«

Wenig später endete das Nachtmahl und Geraldine wurde ein Schlafplatz in einer winzigen Kammer unter der Treppe zugewiesen. Nur ein schmales Bett fand darin Platz. Darunter stand ein hölzerner Nachttopf mit Deckel, in den sie ihre Notdurft verrichtete. Sie hätte sich gern Hände, Gesicht und Hals gewaschen, aber es gab keine Wasserschüssel und keinen Lappen. Noch einmal hinauszugehen und um Wasser zu bitten, wagte Geraldine nicht. Sie zog sich bis aufs Hemd aus und kletterte ins Bett, nicht ohne sich zuvor in den schmalen Gang zu knien und Gott und Joseph von Nazareth als Schutzpatron der Reisenden für ihr Glück zu danken. Gerade als sie gedacht hatte, es gehe nicht mehr weiter, war ihr Teuchert begegnet und hatte sie aufgenommen – wenn sich darin nicht Gottes Gnade und die Fürbitte Joseph von Nazareths zeigten …

Im Bett presste sie das Medaillon an sich, und während sie unter der dünnen Decke vor Kälte zitterte, wünschte sie sich, bald ihren Vater zu finden.

Zwei

Die Tür zu Geraldines Kammer war kaum geschlossen, da stemmte die Teuchertin die Hände in die Hüften und funkelte ihren Gatten an. »Können Sie mir verraten, was das werden soll? Dieser dahergelaufenen Fremden haben wir nicht nur ein köstliches Abendessen serviert, nein, sie liegt auch noch in unserem Haus und schläft den Schlaf der Gerechten, als hätten wir sie als Tochter angenommen. Ist das Ihr Plan? Soll ich auf diese Weise zu der Tochter kommen, die unser himmlischer Herr mir nicht vergönnt hat? Dazu muss ich Ihnen sagen …«

»Nicht so laut!« Teuchert legte eine Hand an die Lippen. »Sie könnte uns hören.« Er ergriff den Ellenbogen seiner Frau und drängte sie in den Salon neben dem Esszimmer. Erst nachdem er sorgfältig die Tür geschlossen hatte, sprach er weiter: »Sie wird dabei helfen, unsere Probleme zu lösen.«

»Sie meinen, Ihre Probleme«, polterte die Teuchertin und stemmte erneut die Hände in die Hüften. Ihre Schnürbrust engte sie ein und zwang sie zu kurzen, schnellen Atemzügen, verhinderte, dass sie ihren Mann so herunterputzte, wie sie es eigentlich wollte. »Wir könnten bequem und sorgenfrei leben. Ach was, wir haben bequem und sorgenfrei gelebt, bis vor einem Jahr dieser Dämon in Sie gefahren ist.«

»Schimpfen Sie auch auf den, der die Karten erfunden hat?«

»Das würde ich, stände er vor mir.« Sie holte so tief Luft, wie es ihr möglich war. »Ich kann Ihnen nur sagen, schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Diese Person wird gleich morgen das Haus wieder verlassen. Schlimm genug, dass wir sie eine Nacht beherbergen! Ein dahergelaufenes Frauenzimmer aus der Fremde! Über ihren Ruf möchte ich mir lieber keine Gedanken machen.«

»Sie wird Kleinschmidt ersetzen.«

»Die?«

»Sie ist Malerin.« Teuchert hatte das Vergnügen, seine Frau verblüfft zu sehen. »Ich habe einen Blick auf ihre Zeichnungen werfen können.«

»Jemand, der zeichnen kann, wird Ihre Probleme nicht lösen.«

»Sie wird lernen, was nötig ist. Höroldt war beeindruckt von ihr. Das habe ich gesehen, auch wenn er sie tüchtig heruntergeputzt hat. Sie wird unsere Sorgen beseitigen und unsere Träume erfüllen.«

»Sie ist und bleibt eine Fremde, eine Zigeunerin, so dunkel wie sie ist.«

»Eine Malerin! Hören Sie mir zu, meine Liebe …«

»Sie hören mir zu! Was ist mit unseren Träumen? Davon sind wir weiter entfernt als je zuvor. Ein Gut auf dem Land wollten wir kaufen. Dessen Früchte wollten wir genießen, ein gastfreundliches Haus führen. Sehen Sie uns an!«

Seine Frau musste Luft holen, und das gab Teuchert die Gelegenheit zu einer Erwiderung: »Es gibt gewisse Dinge, denen man als Mann nicht abgeneigt sein darf. Dazu gehört es, ein Kartenspiel nicht abzulehnen. Ein glücklicher Abend, und Ihr Traum von einem Bauerngut wird erfüllt.«

»Das haben Sie mir schon vor einem Jahr versprochen.«

»Es wird gelingen. Sie werden sehen. Hätten Sie nicht versucht, den armen Kleinschmidt festzuhalten, wäre er nie so kopflos aus dem Haus gestürmt und unter die Räder einer Kutsche geraten.«

Die Teuchertin presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Christoph Balthasar Kleinschmidt war einer der jungen, schlecht bezahlten Maler der Manufaktur gewesen und hatte sich nach Feierabend bei ihnen ein Zubrot verdient, bis im Februar etliche Maler wegen verbotener Hausmalerei abgemahnt wurden. Einige wurden sogar arretiert, andere aus den Diensten der Manufaktur entlassen. Kleinschmidt war nicht unter ihnen gewesen, aber die Angelegenheit hatte ihn gehörig in Unruhe versetzt. An einem Dienstag vor vierzehn Tagen war er zu ihnen gekommen. Sein frisches junges Gesicht hatte im Schein einer Laterne geglänzt.

»Frau Teuchertin«, hatte er gesagt, »ich kann nicht länger für Sie und Ihren Mann arbeiten. Ich bin nur gekommen, um Ihnen das zu sagen.« Selbst seine Stimme klang jung und unschuldig.

»Sie sind eine Verpflichtung eingegangen. Die können Sie nicht einfach aufkündigen. Und in der Manufaktur schuften Sie für einen Hungerlohn. Drei Taler in der Woche? Damit werden Sie nie Ihre Liebste heiraten und eine Familie gründen können.«

»Ich kann nicht länger kommen. Sie haben doch gehört, was in der Manufaktur geschehen ist. Ihr Mann wird es Ihnen berichtet haben.«

»Was sollte man in der Manufaktur dagegen haben, wenn Sie nach der Arbeit unser Haus aufsuchen, um uns ein bisschen Gesellschaft beim Abendessen zu leisten und uns an Ihrem Talent teilhaben zu lassen?«

»So wie Sie es sagen, nichts, Frau Teuchertin. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Sie wissen es.« Der junge Mann drehte verlegen seine Filzkappe in den Händen.

Hinter Kleinschmidt erblickte die Teuchertin ihren Mann, der eben von der Arbeit kam, das Gartentürchen durchschritt und in wenigen Sekunden im Haus sein würde. Sie überlegte blitzschnell, wie sie die Situation retten und Kleinschmidt überreden konnte.

Beherzt griff sie zu und wollte ihn am Arm packen. »Kommen Sie doch erst einmal herein, und wir sprechen in Ruhe über alles. Nach einem guten Essen und einem Glas Wein sieht alles schon wieder anders aus.«

»Nein! Lassen Sie mich!«

Er wollte ihr den Arm entziehen, sie ihn festhalten. Aber Kleinschmidt war ein kräftiger junger Mann und befreite sich von ihr. Er drehte sich um, rannte davon, stieß dabei beinahe gegen ihren Mann, und lief auf die Straße hinaus. Dass in diesem Moment ein Fuhrwerk vorbeikam, war reines Pech. Kleinschmidt geriet erst unter die Hufe der beiden Pferde, dann unter die Räder. Die Tiere erschraken und bäumten sich auf. Der Kutscher hatte alle Mühe, sie in der Gewalt zu behalten. Als sie endlich ruhig standen, lag Kleinschmidt mit verrenkten Gliedern halb unter dem Wagen.

Im ersten Moment hatte die Teuchertin gedacht, er wäre tot. Dann hatte er sich schwach bewegt und war auf einer alten Tür in die Wohnung seiner Eltern getragen worden. Ein Chirurgus kam und richtete die gebrochenen Knochen. Beide Arme und ein Bein hatte es erwischt. Gegenwärtig sah es so aus, als könnte Kleinschmidt die rechte Hand nie wieder richtig bewegen. Der Chirurgus hatte ihm kaum Hoffnung gemacht. Zwar könne er ihm das Handgelenk noch einmal brechen, damit es besser … Von dieser Rosskur hatten weder der Patient noch dessen Eltern etwas hören wollen.

Hatte der junge Mann sich nicht erst richtig erschrocken, als er Teuchert am Gartentor gewahr geworden war? Die Teuchertin glaubte, ein Zusammenzucken gesehen zu haben.

Es änderte nichts daran, dass er nie wieder kam, um für sie zu malen, dass er überhaupt nie wieder malen würde. Und dass sie dringend jemand anderes brauchten. Aber eine heimatlose Zigeunerin? War es nicht eine Zumutung, so eine Person im Haus zu haben? Es wäre nicht die erste Zumutung, die Teuchert ihr bereitete – und mit Sicherheit nicht die letzte.

Sie hatte keine Wahl. Als Frauensperson hatte sie nie eine gehabt. Sie nickte mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie rohen Zwiebelsaft getrunken.

»Sehr gut, Frau. Dann ist es abgemacht. Wir werden diesem jungen Ding morgen zeigen, was es zu tun hat. In wenigen Wochen sind wir aus dem Schneider. Danach gehen wir daran, für das von Ihnen gewünschte Bauerngut zu arbeiten. Kopf hoch, meine Liebe.« Teuchert griff seiner Frau unter das Kinn. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er ihr einen Kuss auf die Lippen geben. Schnell drehte sie den Kopf weg. Nachdem er seine Hand von ihrem Kinn genommen hatte, stieß sie die angehaltene Luft aus.

Ohne ein weiteres Wort befreite die Teuchertin Mops Otto aus der Abstellkammer im Erdgeschoss und begab sich in ihr Schlafzimmer. In Gedanken pries sie den Luxus getrennter Räume, damit sie den Mann nicht auch noch des Nachts in ihrer Nähe ertragen musste.

Teuchert sah ihr nicht nach, er wühlte in Gedanken mit den Händen in einem Berg Taler.

In der Meißner Unterstadt in der Nähe des Elbehafens hockte an diesem kühlen Märzmorgen die junge Hausfrau und Mutter Johanna Schneider vor dem Ofen im einzig beheizbaren Zimmer der Familie. Sie wollte auf das winzige noch vorhandene Glutnest blasen, um das Feuer in Gang zu setzen. In der Stube war es nur wenig wärmer als draußen, und die junge Frau trug ihre gesamten Röcke, Hemden, Schals und Tücher übereinander. Dennoch saß ihr eine Kälte in den Knochen, die sich anfühlte, als wollte sie sie nie wieder verlassen. Sie hustete ohne Unterlass, deshalb gelang es ihr auch nicht, das Feuer in Gang zu bringen. Es drohte auszugehen.

Janne schnappte nach Luft und versuchte, den Husten für einen Moment zu unterdrücken. Obwohl der Tag noch nicht begonnen hatte, fühlte sie sich bereits so erschöpft, als hätte sie mehr als zwölf Stunden gearbeitet. Doch das stand ihr erst noch bevor.

Aus der Nachbarkammer, in der die Familie schlief, drang das Husten der dreijährigen Rikarda Marie und quälte Janne zusätzlich. Das Mädchen war vom dauernden Husten und Fieber so schwach, dass es kaum das Bett verlassen konnte. Es schleppte sich aus der Kammer in die Stube und verbrachte die Tage auf der Bank am Ofen. Das war doch kein Leben für ein Kind. Janne merkte es nicht, aber ihr liefen Tränen die Wange hinunter, und ihre Kehle fühlte sich an, als hätte sie jemand mit einer Wurzelbürste bearbeitet.

Ihr Ehemann Johannes Gotthold Schneider kam mit einem Korb Holzscheite herein. Er stellte ihn neben dem Ofen ab und erkannte auf den ersten Blick die Nöte seiner Frau. Mit einem schwieligen Zeigefinger streichelte er ihr Gesicht, wischte die Tränen fort.

»Lass mich das machen. Leg dich wieder hin und ruhe dich aus. Du bleibst am besten bei der Kleinen.«

»Wie soll das gehen, Hann?«, begehrte Janne auf, machte aber den Platz vor dem Ofen frei. »Ich muss Böden scheuern und Wäsche machen. Die feinen Herrschaften lassen mich nicht mehr kommen, wenn ich nicht alles in der Zeit erledige.« Ihre Antwort wurde von mehrmaligem Husten unterbrochen, und als sie endlich das letzte Wort herausgestoßen hatte, keuchte sie wie eine Ertrinkende.

»Ich sorge für uns. Für uns alle«, stieß Hann hervor.

Hann und Janne – so hatten sie sich genannt vor vier Jahren, vor der Hochzeit, als sie einander an den Händen gehalten und sich ihr Leben in schillernden Farben ausgemalt hatten. Was hatten sie über ihre ähnlichen Namen gelacht. Johannes und Johanna. Deshalb hatten sie sich diese Spitznamen gegeben – die waren ihnen geblieben. Doch sonst war alles anders gekommen.

Hann hatte keine Schwierigkeiten, das Feuer in Gang zu setzen. Im Nu flackerte es im Ofen. Er schloss die Klappe und drehte sich zu seiner Frau um, die auf der Bank zusammengesunken war und eine Hand auf die Brust presste.

»Ich sorge für uns. Das habe ich bei unserer Heirat versprochen, und das halte ich ein. Irgendwie wird es gehen.«

»Wie denn? Dein Wochenlohn reicht kaum für Essen und Miete. Rikarda ist schon wieder gewachsen, und ich muss einen Streifen an ihr Kleid ansetzen. Sie braucht Strümpfe und bald auch wieder Schuhe. Außerdem Medizin gegen ihren Husten.« Janne quälte sich hoch und holte die Tochter aus dem Nebenzimmer, bettete sie auf die Bank. Das Mädchen war schlaff und leicht wie eine Feder.

»Herrgott im Himmel, ich flehe dich an, nimm mir nicht die kleine Rikarda. Lass sie wieder gesund werden. Meinen Sohn hast du mir genommen, lass mir das Mädchen. Amen.«

»Ich werde nicht ewig Gehilfe in der Brennstube bleiben. Schon bald werde ich zum Brenner aufsteigen.«

»Haben sie deine Bewerbung angenommen in der Manufaktur?« Ein hoffnungsfroher Blick begleitete diese Worte.

»Das haben sie. Ab April bin ich Brenner.« Die Antwort war heraus, bevor Hann darüber nachdenken konnte. Anschließend brachte er es nicht übers Herz, seiner Frau die Wahrheit zu sagen. Er wollte sie nicht enttäuschen. Wie schon zweimal zuvor war seine Frage nach einer Arbeit als Brenner abschlägig beschieden worden. Der Arkanist von Scholl, der die Geheimnisse der Porzellanherstellung kannte, hatte sich vor ihm auf seinen Stock gestützt und ihm zu verstehen gegeben, dass er Handlanger war und Handlanger bleiben würde. Von oben herab und ohne eine Miene zu verziehen, hatte der Mann ihn angesehen. Hann musste einen anderen Weg finden, an Geld zu kommen. Seiner Familie sollte es an nichts fehlen. Als Brenner hätte er das Doppelte in der Woche verdient.

»Das ist wunderbar.«

»Deswegen bleibst du heute hier und ruhst dich aus. Du isst richtig, und Rikarda gibst du auch reichlich.«

»Was soll ich ihr geben?«

»Eier und Speck, Brot mit dick Butter. Du kochst für euch einen Teller Kartoffeln.« Er legte drei Groschen auf den Tisch.

»Du musst gehen, sonst kommst du zu spät in die Manufaktur, und es wird nichts mit der Arbeit als Brenner.« Janne hustete. Sie hielt sich ein Tuch vor den Mund, und als sie es fortnahm, leuchtete ein Blutfleck auf dem grauen Stoff. Schnell verbarg sie das Tuch im Ärmel ihrer Wolljacke.

Hann küsste seine Tochter und seine Frau, bevor er eine Joppe mit breiten Aufschlägen und Hornknöpfen überzog. Er wickelte sich einen Schal um den Hals, zog löchrige Handschuhe an und verließ die Stube.

Janne sammelte Kraft, verrührte das letzte Ei aus dem Speisenschrank mit Milch und ließ es in einem Tiegel auf dem Ofen stocken, ehe sie Rikarda damit fütterte. Sie selbst aß eine dünne Scheibe altbackenes Brot und trank die restliche Milch, ehe sie schlecht wurde.

Obwohl Hann gesagt hatte, sie solle sich ausruhen, kam es nicht in Frage, zu Hause auf der faulen Haut zu liegen. Bis April war noch beinahe ein Monat hin, und so lange mussten sie mit seinem Verdienst als Handlanger auskommen. Sie musste zur Arbeit gehen. Rikarda überantwortete sie der Aufsicht einer Nachbarin, ehe sie sich auf den Weg in die Häuser der bessergestellten Meißner machte. Unterwegs schlich sie an den Hauswänden entlang und stützte sich stets mit einer Hand ab. Die Gasse den Berg hinauf bewältigte sie nur mit mehreren Pausen.

Janne scheuerte in verschiedenen Haushalten die Böden oder wusch die Wäsche, die sie oft auch mit nach Hause nahm, denn in den großen Häusern fand sich häufig kein Platz, um die Stücke anschließend aufzuhängen. Also heizte sie dann den Kessel im Hof hinter dem Haus an und hing hinterher alles über Leinen, die quer durch die Stube gespannt wurden. Alles für ein paar Groschen.

Geraldine hatte zunächst lange nicht einschlafen können, die Geräusche im Haus waren zu ungewohnt. Sie hatte Gemurmel gehört, was nach einer Auseinandersetzung der Eheleute klang. Türen wurden zugeklappt, aber statt dass nun Ruhe einkehrte, knackte es im Gebälk. Hinter der Wand zur Treppe raschelte es, als lebte dort eine Maus. Geraldine fürchtete sich nicht vor den kleinen Tieren, aber alles zusammen und ihr aufgeregt schlagendes Herz verhinderten zunächst, dass sie einschlief.

Schließlich musste sie doch eingenickt sein, denn vor Tau und Tag wurde sie durch lautes Klappern gusseiserner Töpfe in der Küche aufgeschreckt. Nachdem das Scheppern des Geschirrs endlich verstummt war, wollte sich Geraldine noch einmal umdrehen, doch nun hämmerte die Teuchertin an ihre Tür und riss sie auf. Ihr Mann spähte über ihre Schulter in die Kammer, und Geraldine zog sich die Bettdecke bis zum Kinn. Dennoch hatte er einen Blick auf ihre bloßen Schultern erhascht, und sie registrierte ein Aufflackern in seinen Augen.

»Hoch mit dir, Mädchen!«, kommandierte die Teuchertin. »Faulheit dulde ich nicht. Nicht bei einer wie dir.«

Otto stürmte seiner Herrin voran, stemmte die Vorderpfoten aufs Bett und verlieh ihren Worten Nachdruck, indem er Geraldine ins Gesicht bellte. Sie fuhr zusammen und schoss in die Höhe, hätte sich beinahe den Kopf an den Treppenstufen über ihr gestoßen. Um ihn zu beruhigen, wollte sie dem Mops über den Kopf streicheln, aber die kleinen spitzen Zähne, die er zeigte, ließen sie die erhobene Hand wieder zurückziehen.

Die Teuchertin gestand ihr kaum die Zeit zu, sich etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen, ihre Schnürbrust festzuziehen und sich mit den Fingern einmal durch die Locken zu fahren. Kaum schaffte sie es, nach dem Beutel mit ihrer Habe zu greifen. Hatten diese Leute es so eilig, sie wieder loszuwerden?

Sie war überrascht, als sie aufgefordert wurde, in der Küche eine Mahlzeit einzunehmen. Dort war das Reich der Magd Lisette, die vor der Herrin knickste und Geraldine anfunkelte. Dem Gast wurde ein Platz am zerkratzten, in der Mitte der Küche stehenden Tisch zugestanden. Immer noch verblüfft über diese Großzügigkeit, setzte sich Geraldine. Das Frühstück bestand aus nichts anderem als Brotbrocken in Dickmilch eingeweicht und einem Becher kaltem Tee, der schmeckte, als hätte Lisette eine Socke ausgekocht.

»Glaubst du, wir tafeln jeden Tag wie die Fürsten?«, fuhr die Teuchertin sie an, obwohl Geraldine nichts sagte, sondern den Kopf über ihre Schale gebeugt hielt.

Die Hausherrin blieb in der Küche und beobachtete ihren Gast mit Raubvogelaugen. Unter diesen Umständen fiel es Geraldine nicht leicht, Bissen für Bissen zu löffeln, aber sie konnte es sich auch nicht leisten, eine Mahlzeit abzulehnen. Sie brachte das Mahl so schnell wie möglich hinter sich.

»Gute Frau Teuchertin, ich möchte mich bedanken für die Großzügigkeit, die Sie mir erwiesen …«

»Ja, ja, ist gut. Komm endlich.«

Sie wurde immer noch nicht aus dem Haus gewiesen, statt dessen in einen Salon im Erdgeschoss geführt. Wie das Esszimmer, strahlte auch dieser Raum gediegenen Reichtum aus. In einer Ecke spendete ein Ofen behagliche Wärme. Den Füßen schmeichelte ein Teppich, und zwischen zwei Sofas und Sesseln stand ein spinnenbeiniger Tisch mit Intarsien. Dazu gehörten eine Kommode zwischen den beiden Fenstern und an der Wand gegenüber eine Vitrine, in der einige Kostbarkeiten ausgestellt waren. Bücher, Gläser, ein Teeservice aus Porzellan, eine kleine Kaminuhr, die so laut tickte, dass es durch die geschlossene Vitrinentür zu hören war. Das alles nahm Geraldine in einem einzigen Augenblick wahr. An den Wänden bemerkte sie ebenso geschmacklose Stillleben wie im Esszimmer. Teuchert saß auf einem der Sofas und las ein Journal, das er beim Eintritt der Frauen zusammenfaltete, und erhob sich.

Geraldine blieb in der Nähe der Tür stehen. Das Frühstück war ihr noch höchst willkommen gewesen, nun wurde ihr die Sache langsam unheimlich. Nicht nur, weil die Eheleute so freundlich taten, sondern weil sie sie auf einmal duzten, als wäre sie mit ihnen verwandt oder befreundet.

»Setz dich zu uns, wir haben etwas mit dir zu besprechen«, forderte Teuchert sie auf.

Sie folgte der Aufforderung und nahm auf der Kante des zweiten Sofas Platz, während die Teuchertin sich zu ihrem Mann setzte. Die beiden mochten ein Ehepaar sein, aber die Nähe auf dem Sofa behagte ihnen offensichtlich nicht, denn sie waren so weit auseinandergerückt wie möglich. Geraldine wartete ab.

»Wir haben eine Aufgabe, die du für uns erledigen kannst. Es soll dein Schaden nicht sein. Du bekommst freie Kost und Logis und obendrein den zehnten Teil unserer Einnahmen aus deiner Tätigkeit. Das ist ein ehrenwertes Angebot für eine dahergelaufene Person wie dich.« Teuchert lächelte sie an, verzog aber nur seine Lippen, die Augen erreichte das Lächeln nicht.

Geraldine blieb auf der Hut. »Was ist das für eine Aufgabe?«

»Eine große und wichtige Aufgabe, die wir nicht jedem anvertrauen würden.«

»Dann ist der zehnte Teil für mich zu wenig«, wandte sie ein.

»Gierige Person!«, rutschte es der Teuchertin heraus.

»Meine Arbeit scheint für Sie wichtig zu sein. Ich verlange die Hälfte bei freier Kost und Logis.« Sie dachte gar nicht daran, den beiden die vertrauliche Anrede des Du zu gönnen.

»Unmöglich!« Die Teuchertin schüttelte den Kopf.

Es entspann sich eine hitzige Diskussion über Geraldines Anteil. Das Feilschen hatte sie schon als Kind auf Santo Domingo beherrscht, aber auch Teucherts zeigten sich in dieser Kunst geübt – die Frau mehr als ihr Ehemann. Am Ende einigte man sich auf den dreißigsten Teil aller Einnahmen, aber Geraldine musste einen halben Taler pro Woche für Kost und Logis abgeben. Die junge Frau war zufrieden, während die Teuchertin die Lippen zusammenpresste und so hoheitsvoll blickte, als hätte sie ihrem Gast eine große Gnade erwiesen.

»Was soll ich nun machen?«, fragte Geraldine, nachdem das Feilschen beendet war.

»Du sollst malen.« Diesmal erreichte Teucherts Lächeln auch seine Augen.

Geraldine schlug sich die Hände vor den Mund, um die Worte zurückzuhalten, die ihr beinahe herausgeschlüpft wären.

»Malen? Sie wollen meine Bilder verkaufen?«

»Meine Frau wird dir alles zeigen und erklären.« Teuchert schaffte es, den beiden Frauen gleichzeitig zuzunicken, wieder nach dem Journal zu greifen und sich auf dem Sofa zurückzulehnen.

Was Geraldine gezeigt werden sollte, befand sich auf dem Dachboden. Otto begleitete die beiden Frauen. An der Dachbodentreppe legte er den Kopf schief, als überlege er, ob er die Stufen hinaufkeuchen solle, um Geraldine weiter im Auge zu behalten, oder ob es die Anstrengung nicht lohne. Er entschied sich für Letzteres und tapste zu einem Kissen, das im Flur neben einer Tür lag.

Die Teuchertin forderte Geraldine auf, die Dachbodentreppe hinaufzusteigen. Sie endete auf einem winzigen Podest, von dem zwei Türen abgingen. Die Teuchertin schloss die linke auf und betrat den Raum vor Geraldine. Sie drehte sich halb um und präsentierte alles mit einer Geste, als handele es sich um einen goldfunkelnden Ballsaal.

»Hier wirst du arbeiten.«

Der Raum war nicht groß, und unter den Dachschrägen musste selbst die zierliche Geraldine schnell den Kopf einziehen. Durch zwei Fenster in der Giebelseite des Hauses flutete die Morgensonne in den Raum, nur durchbrochen vom Geäst des vor den Fenstern stehenden Baumes. Die Strahlen malten Schatten auf den Holzboden, und Staub tanzte in der Luft. Nach dem stürmischen und grauen Wetter des Vortages wurden die Meißner nun mit Sonne verwöhnt. Es war immer noch kalt, und die Leute auf der Gasse neben dem Haus hauchten Atemwolken in die Luft und hatten sich dick eingepackt, von manchen war kaum die Nasenspitze zu sehen. Kalt war es auch auf dem Dachboden, und Geraldine versuchte, die Hände in den Falten der Röcke zu wärmen.

Die Teuchertin lenkte ihre Aufmerksamkeit auf einen langen Tisch unter dem Fenster. Hinter dem dürren Körper der Frau erkannte Geraldine Pinsel in einem Becher, eine Menge kleiner Flaschen und Farbtiegel. Ihr Herz schlug schneller. Sie eilte an der Frau vorbei, blieb neben dem Tisch stehen und betrachtete alles mit großen Augen. Porzellan fiel ihr auf, Tassen, Vasen, Dosen, ein paar Figurinen. Alle strahlend weiß. Die andere Hälfte des Tisches bedeckten Zeichnungen und Anweisungen. Geraldine blieb jedoch keine Zeit, sie näher zu betrachten.

»Hier wirst du malen. Auf Porzellan«, schnarrte die Teuchertin.

»Für die Manufaktur?« Geraldine war verwirrt. Es juckte sie in den Fingern, die Pinsel in die Hand zu nehmen, eine Vase mit Ranken zu bedecken oder eine Dose mit dem Bild eines Weinberges. Gleichzeitig fragte sie sich, welche Hintergedanken das Ehepaar Teuchert mit diesem Angebot verband. »Warum geben Sie die Sachen nicht einem der Maler dort?«

»Weil das nicht geht, dummes Ding. Du fragst zu viel. Als ob jedermann auf dem Porzellan der Manufaktur malen darf, wie er will.«

»Also ist das hier verboten? Damit will ich nichts zu tun haben!«

»Es ist nicht verboten. Mein Gatte arbeitet in der Kreisamtmannschaft, das ist so gut, als wäre er einer der hohen Beamten der Manufaktur. Wie kann also etwas unrecht sein, was in seinem Haus getan wird?«

Geraldine hörte die Lügen in diesen Worten. Sie hatte so lange gefeilscht, sollte alles umsonst gewesen sein?

»Was passiert mit dem Porzellan, das ich hier bemale?«

»Es wird verkauft. Was soll sonst damit geschehen?«

»Wer kauft es?«

»Wer immer es haben will.«

»Mein Porzellan gilt dann als solches aus der Manufaktur? Warum holen Sie umständlich Porzellan aus der Manufaktur, um es dann bemalt wieder dorthin zu bringen?«

»Ja, ja. Du fragst entschieden zu viel. Erst stiehlst du unsere Zeit mit deinem Feilschen, soll das jetzt so weitergehen?« Die Teuchertin schnaubte trocken durch die Nase.

»Ich will mir nur klarwerden, auf was ich mich einlassen soll.«

»Das ist ein gutes Angebot für eine Dahergelaufene wie dich. Glaube es mir.«

Geraldine stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch, ließ ihren Blick über die Utensilien schweifen und schaute zu den kleinen Fenstern hinaus auf die davorstehende Linde, deren erste grüne Blattspitzen sich zeigten. Der Riemen des Beutels drückte auf ihre rechte Schulter. Und erinnerte sie daran, warum sie eigentlich nach Kursachsen gekommen war.

Nicht, um Porzellan zu bemalen, sondern um ihren Vater zu finden. Wie konnte sie nach ihm suchen, während sie gleichzeitig auf dem Dachboden des Teuchert’schen Hauses hockte? Sie war aber auch eine Malerin, und es reizte sie, sich am Porzellan zu versuchen. Wie ein Bienenschwarm schwirrten die Gedanken durch ihren Kopf.

Das Ganze war verboten, daran bestand kein Zweifel, und das Porzellan war bestimmt auf dunklen Wegen aus der Manufaktur geholt worden. Alles, was die Teuchertin gesagt hatte, bestärkte sie in dieser Meinung. Wollte sie sich dafür hergeben? Sie war zwar in einer üblen Kaschemme auf Santo Domingo aufgewachsen, aber sie wusste Recht von Unrecht zu unterscheiden und hatte nie etwas getan, was sie nicht vor Gott und ihrem Gewissen rechtfertigen konnte.

Schweren Herzens wandte Geraldine sich vom Tisch ab.

»Meine Antwort ist Nein. Das ist eine übelbeleumdete Tätigkeit, die Sie mir angeboten haben. Die will ich nicht annehmen. Ich werde etwas anderes finden und redlich bleiben.«

Sie wollte sich an der Teuchertin vorbei aus der Dachbodenkammer drängen, wurde aber am Arm zurückgerissen.

»Undankbares Ding! Du wirst hier nicht rauskommen«, zischte die Frau. Speicheltröpfchen sprühten auf Geraldine, als sie sich aus dem festen Griff winden wollte. Die Teuchertin hatte mehr Kraft, als ihr vertrockneter Körper vermuten ließ.

»Lassen Sie mich! Das dürfen Sie nicht!«

»Sei still! Ich habe es ja gleich geahnt, dass eine wie du …«

Der Rest des Satzes verlor sich in einem Schmerzenslaut, denn Geraldine war es gelungen, den Arm der Teuchertin zu verdrehen und sich aus deren Griff zu befreien. Mit dem Ellenbogen stieß sie die Frau beiseite, dass die gegen das Regal mit dem unbemalten Porzellan fiel. Geraldine hatte sich schon abgewandt, aber ein Poltern und Scheppern zeigte an, dass das Regal zu Boden ging. Sie machte sich nicht die Mühe, sich umzusehen, sondern eilte aus dem Atelier und die Treppe hinunter.

Im ersten Stock stand Otto vor der Treppe und knurrte, als könnte er sie so aufhalten. Geraldine eilte an ihm vorbei und kümmerte sich nicht um seine zuschnappenden Zähne.

»Teuchert!«, kreischte es aus dem Atelier. »Sie flieht! Teuchert! Lisette!«

Ihren Beutel fest an sich gepresst, sprang Geraldine noch schneller die Treppe ins Erdgeschoss hinunter.

»Teuchert! Lisette!«

Der Mann erschien in der Tür des Salons und hielt das Journal noch in der erhobenen Hand, gerade als Geraldine vorbeilief. Sie schlug ihm das Papier vors Gesicht und erreichte die Tür. Sie war unverschlossen.

Die beiden Treppenstufen nahm sie mit einem Satz, und es grenzte an ein Wunder Gottes, dass sie nicht stolperte und stürzte, aber sie erreichte das Gartentor und schließlich die Gasse. Sie wandte sich bergab und rannte mit fliegenden Röcken davon.

»Warum haben Sie sie nicht aufgehalten?«, ereiferte sich die Teuchertin, die neben ihrem Mann im schmalen Vorgarten stand und der Flüchtenden nachschaute.

»Sie war zu schnell.«

»Außer den Karten ist für Sie alles zu schnell.«

»Behalten Sie Ihr Gift für sich, Weib. Sie haben es schließlich verdorben. Nachdem schon alles abgemacht war, schaffen Sie nicht einmal eine einfache Besichtigung des Ateliers.«

Geraldines wehende Röcke verschwanden aus dem Blickfeld.

»Nicht einmal ein Karren war zur Stelle.« Teuchert wandte sich ab.

Drei

Ehe nicht ihre Seiten stachen und sie kaum noch Luft bekam, blieb Geraldine nicht stehen. Den Meißner Burgberg hatte sie hinter sich gelassen, und nun stand sie in einem der ärmlichen Viertel der Unterstadt. Die Bewohner fluteten um sie herum, Hühner scharrten im Dreck, ein Hund verfolgte eine fauchende Katze. Ein Mann mit einen Karren rempelte sie zur Seite. Vornübergebeugt lehnte sie sich an den abblätternden Putz einer Hauswand und kam langsam wieder zu Atem.

Sie spürte, dass sie angestarrt wurde. Frauen mit abgearbeiteten Gesichtern steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Rotznäsige Gassenjungen – und davon waren etliche unterwegs – riefen ihr »Zigeunerin, Zigeunerin!« nach. Geraldine verschloss die Ohren davor, konnte aber nicht verhindern, dass die Worte in sie drangen. Sie richtete sich auf und funkelte die Jungen an, was diese vor Vergnügen aufkreischen ließ. Sie wandte sich ab und machte sich auf den Weg, um noch mehr Raum zwischen sich und die Teucherts zu bringen.

Auf einmal spürte sie etwas an ihrer linken Hand. Als sie nach unten schaute, erblickte sie ein kleines blond gelocktes Mädchen, das neben ihr hertrippelte. Die Kleine betastete Geraldines Handrücken.

»Ich grüße dich«, sagte sie und blieb stehen.

Das Mädchen untersuchte weiterhin die fremde Hand. »Das ist richtige Haut«, murmelte es erstaunt.

»Was hast du denn gedacht?«

»Weil es so dunkel ist. Das ist gar kein Schmutz.«

»Nein, das ist kein Schmutz. Nach dem Waschen ist meine Haut immer noch dunkler als deine. Das liegt daran, dass ich von weit her komme. Dort sind alle Leute wie ich, manche noch dunkler.«

»Du sprichst auch eigenartig.«

Geraldine war klar, dass sie ein anderes Deutsch als die Menschen in Kursachsen sprach. Sie hatte die Sprache in Köln gelernt und schnell gemerkt, dass Deutsch nicht gleich Deutsch war und die Menschen je nach Gegend verschieden sprachen. Sie lächelte. »Für mich hörst du dich auch eigenartig an. Wie heißt du denn?«

»Sophia. Und du?«

»Geraldine.«

Das Mädchen wiederholte den Namen. Zunächst stolperte ihre Zunge über die fremden Silben, aber beim zweiten Mal gelang es ihr.

»Wo wohnst du denn?«

»Dahinten im Krug.« Sophia streckte den Arm aus. »Der gehört meinem Vater.«

»Ist das eine Schankwirtschaft?«

Das Mädchen nickte so heftig, dass die blonden Locken flogen. »Ich bringe dich hin.«

Geraldine ließ sich mitziehen. Der Krug war ein einzeln stehendes zweistöckiges Haus. Das untere Stockwerk bestand aus Stein, darüber befand sich eines aus Fachwerk. Neben der Tür hing ein Schild und verkündete, dass es sich um eine Schankwirtschaft und eine Herberge handelte. Das Haus machte einen düsteren, abweisenden Eindruck, aber Sophia war davon unbeeindruckt und führte Geraldine auf die Rückseite und in einen schlammigen Hof.

Eine Tür stand offen, und eine wohlbeleibte Frau fegte mit einem Reisigbesen Schmutz hinaus.

»Das ist meine Tante Dietlinde«, krähte Sophia fröhlich.

Bei diesen Worten schaute die Tante auf. Ihre Augen verengten sich, als sie Geraldine musterte. »Was hast du denn da wieder mitgebracht? Alles schleppt dieses Mädchen an. Verletzte Vögel und Katzen, Welpen und Küken, sogar eine Maus war schon dabei. Nun eine dahergelaufene Weibsperson.«

»Das ist Geraldine«, stellte das Mädchen sie vor. »Sie kommt von ganz weit her und hat kein Zuhause.« Woher Sophia das wusste, war Geraldine schleierhaft. Sie sah hoffentlich nicht heimatlos aus.

»Kannst du sprechen?«

»Natürlich«, antwortete Geraldine.

»Hast du Hunger?«

Das Frühstück war noch nicht lange her, aber sie konnte es sich auch nicht leisten, eine Mahlzeit abzulehnen, deshalb nickte sie.

»Kannst du auch arbeiten?«

Wieder nickte Geraldine. Sofort wurde ihr der Besen in die Hand gedrückt.

»Ich kann Hilfe gebrauchen. Die Magd ist uns im Januar mit einem Kerl davongegangen, und seitdem geht es hier drunter und drüber.«

»Ich kann hiermit für eine Mahlzeit bezahlen.« Geraldine nahm ihre Zeichenmappe aus dem Beutel und zeigte einige der kleineren Zeichnungen vor.

»Das brauchen wir nicht, aber eine Magd schon. Das ist eine Schenke und eine Herberge. Du bekommst freie Kost und Logis und einen halben Taler die Woche. Einen Abend in der Woche hast du frei, und am Sonntag ist der Besuch des Gottesdienstes Pflicht. Das kannst du annehmen und hierbleiben, oder du verschwindest sofort. Wir haben nichts über, um jeder dahergelaufenen Person eine Mahlzeit zu schenken.«

Geraldine überlegte. Die Arbeit im Krug war gewiss schwer, aber ehrlich. Sie brauchte einige Taler für die Suche nach ihrem Vater und könnte nebenbei versuchen, ihre Zeichnungen zu verkaufen. Sobald sie fünf Taler beisammen hatte, würde sie gehen, nahm Geraldine sich vor, als sie Frau Dietlindes Angebot annahm.

Die Arbeit begann sofort, nachdem Geraldine ihr Schlafplatz in einer Kammer unter dem Dach gezeigt worden war. Sie würde sich den Raum mit Sophia teilen. Ansonsten gab es kaum einen Unterschied zu dem Gelass unter der Treppe im Teuchert’schen Hause. Geraldine schluckte, musste sich jedoch mit dem, was sie sah, zufriedengeben.

Ihre Pflichten hielten sie von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang beschäftigt. Sie musste putzen und scheuern, in der Küche helfen und in der Gaststube bedienen, das Gepäck der Logiergäste schleppen, waschen und in den Zimmern Feuer machen. Sie rannte den ganzen Tag hin und her, ehe sie abends todmüde neben Sophia ins Bett fiel. Die Hände taten ihr weh, die Knie sowieso und der Rücken …

Der Wirt, Sophias Vater, stellte sich als brummiger Witwer heraus, in dessen Gesicht ein struppiger blonder Bart wucherte. Sophia war er zärtlich zugetan, trug sie auf den Schultern, schwang sie herum, bis sie vor Freude quietschte. Damit erschöpfte sich seine Gutmütigkeit. Faulheit duldete er nicht, nicht bei Geraldine, nicht bei seiner Schwester, der Mädlerin, und auch nicht bei sich selbst.

Die Schenke hieß Mädlers Krug nach seinem Besitzer Johann Friedrich Mädler, und die Gäste waren einfache Handwerker und Tagelöhner, die in den umliegenden Gassen arbeiteten. Viele wohnten in Kammern, ohne eine Möglichkeit, etwas zu kochen, und kamen für einen Teller Suppe und einen Kanten Brot in den Krug, eine Kanne Bier dazu wurde auch nicht verachtet. Andere kamen nur zum Trinken und beließen es dann auch nicht bei einem Krug. Geraldine lernte schnell, den Händen auszuweichen, die ihre Rundungen ertasten wollten.

Wann immer sie einen Augenblick Zeit fand und eines Fetzens Papier habhaft werden konnte, zeichnete sie. Ein paar Striche, und das Gesicht Mädlers erschien auf dem Papier, oder Sophia mit ihrer Puppe im Arm. Sie zeichnete die Gäste und die Schenke. Zwar erregte sie manchmal Aufmerksamkeit damit, abkaufen wollte ihr jedoch niemand etwas.

»Mit welchem Geld soll ich das bezahlen?«, fuhr sie ein Flickschuster an. Er streckte ihr narbige Hände entgegen. »Mit meiner Hände Arbeit verdiene ich das Geld. Es reicht kaum zum Leben für mich und meine Familie. Ein Bild! Von mir!« Er spuckte aus.

»Geh an deine Arbeit!«, herrschte Mädler sie an. »Ich kann niemanden brauchen, der die Gäste belästigt statt sie zu bedienen.«

Eingeschüchtert schlich Geraldine davon. Sie fragte die Gäste nicht mehr, ob ihr jemand eine Zeichnung abkaufen wollte, wenn Mädler oder seine Schwester in der Nähe waren. Das Zeichnen gab sie jedoch nicht auf, ihre Hände konnten einfach nicht anders.

Eine böse Überraschung erlebte sie am Ende ihrer ersten Woche im Krug, als ihr nur die Hälfte des vereinbarten Lohnes ausgezahlt wurde.

»Für das Papier, das du fortwährend verbrauchst, ziehen wir dir was ab. Glaubst du, das kostet uns nichts? Es fällt wohl vom Himmel, dort wo du herkommst.«

Alles Bitten half nichts, Geraldine stand mit ein paar Groschen da und musste sich in ihr Schicksal fügen. Dafür konnte sie sich über das Essen nicht beklagen. Die Familie aß, was in der Schenke nicht verbraucht wurde, und sie bekam ihren gerechten Anteil an allem. Es schmeckte nicht nur besser als bei der Teuchertin, es war auch nahrhafter und vor allem reichlicher. Die Mädlerin frönte der Überzeugung, dass nur ein satter Mensch gut arbeitete, und da sie selbst viel zu gerne aß, kochte sie stets reichlich.

In der ersten Aprilwoche bestimmte sie, dass das Haus einem gründlichen Frühjahrsputz unterzogen werden müsse, damit an Ostern alles blitzte und strahlte. Für die Frauen bedeutete das, dass sich ihre übliche Arbeit verdoppelte. Weil das für die resolute Wirtin und nur eine Magd unmöglich zu schaffen war, traf Geraldine eines Morgens auf der Treppe eine junge Frau an, die auf den Stufen kniete und sie mit einer Bürste scheuerte. Trotz des sonnigen Aprilwetters trug sie mehrere Schals und Tücher übereinander. Wie jung sie wirklich war, erkannte Geraldine erst, als die Frau aufstand, um sie vorbeizulassen. Auf keinen Fall war sie älter als Anfang zwanzig. Sie starrte Geraldine mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht an. Geraldine setzte ein Lächeln auf. »Dich habe ich hier noch nie gesehen. Was machst du?« Die Frage war dumm, aber ihr fiel nichts anderes ein, um mit der Frau ins Gespräch zu kommen. Sie hatte das Gefühl, diesem verhärmten Ding helfen zu müssen.

»Johanna Schneiderin zu Diensten. Ich werde Janne gerufen«, antwortete sie und begann zu husten. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis der Anfall worüber war und Janne wieder sprechen konnte. »Ich putze die Böden und soll bei der Wäsche helfen. Die Mädlerin hat mich geholt, weil sie den großen Putz nicht alleine schafft. Drei Tage will sie mich beschäftigen.« Janne Schneiderin hustete schon wieder und hielt sich eine rote, wundgescheuerte Hand vor den Mund. Sie drückte sich mit dem Rücken an die Wand, hoffte offensichtlich, die Fremde möge endlich vorbeigehen und sie weiterarbeiten lassen.

Im Erdgeschoss erschien die Mädlerin im Flur. Ihr Busen wogte unter einer fleckigen Schürze, das Gesicht war rot und verschwitzt, einzelne Haarsträhnen hatten sich aus der Frisur gelöst. Der Kontrast zwischen ihrer wohlgenährten Statur und der schmächtigen Janne könnte nicht größer sein. Hinter ihr drang aus der Küchentür ein Geruch nach Steckrübensuppe. Janne warf einen sehnsüchtigen Blick zur Küche, bevor sie wieder auf ihre derben Schuhe starrte und die Bürste zwischen den Fingern drehte. Dieser Blick überzeugte Geraldine davon, dass die junge Frau an diesem Morgen noch nichts gegessen hatte.

»Warum wird hier nicht gearbeitet?«, polterte die Mädlerin. »Ich bezahle dich nicht fürs Herumstehen. Faules Pack aus der Unterstadt.«

Janne bückte sich sofort und setzte ihre Arbeit fort. Geraldine biss sich auf die Lippen. Sie hatte schwer zu schlucken an Worten, die herauswollten, aber alles nur schlimmer gemacht hätten. Am Ende würde die arme Janne noch ihre Arbeit verlieren. Sie wusste, dass es sie genauso treffen könnte, wären Mädler oder seine Schwester mit ihr nicht zufrieden.

Sie floh die Treppe hinunter und drückte sich an der Mädlerin vorbei in die Küche. Dort köchelte nicht nur der Steckrübeneintopf auf dem Herd, es stand auch eine Schüssel mit Brotsuppe bereit, die sie zu dem einzigen Logiergast hinauftragen musste, den der Krug derzeit beherbergte. Geraldine nahm das Tablett.

Hann Schneider schaute sich immer wieder um, als er auf dem Weg in das Porzellanlager hinter den Malerstuben war. Drei Jahre arbeitete er nun als Handlanger im Brennhaus. Er kehrte Asche zusammen, schleppte Holzscheite, fegte Späne, ließ sich von jedermann herumkommandieren. Er nickte stets, egal ob ihm jemand eine Anweisung gab oder ihn als Faulpelz beschimpfte. Vom Porzellan sah er an den allermeisten Tagen nichts, außer wenn man ihn beauftragte, die Kiste mit den Fehlbränden fortzuschaffen. Das meiste war zerschlagen, aber hin und wieder fand er etwas Kleines, das sich in die Tasche stecken und forttragen ließ und nicht allzu verunglückt aussah. Das schenkte er Janne, und deshalb befanden sich in ihrem Haus zwei nutzlose Messerbänkchen, aber kaum Geld.

Gestern hatte man ihm zum ersten Mal befohlen, einen Korb Brennholz in die Geschirrkammer mit dem fertigen Porzellan zu tragen. Seine Augen wollten ihm aus dem Kopf fallen, als er die Schätze erblickte, die dort lagerten. Die Taler, die er für nur ein oder zwei Koppchen erhalten könnte, würden ausreichen, um Medizin für Rikarda und Janne zu kaufen, ein Koppchen mehr, und sie könnten ihre Stube richtig heizen, endlich einmal wieder Fleisch essen … Nachdem sich der Gedanke erst einmal in seinem Kopf festgesetzt hatte, ließ er sich nicht mehr daraus vertreiben.

Deshalb war Hann am Ende dieses Arbeitstages wieder mit einem Korb voll Holz auf dem Weg in die Geschirrkammer. Diesmal hatte ihm niemand einen Befehl dazu gegeben, und im Korb lagen auch nur oben ein paar Scheite, darunter befand sich eine Lage Stroh. Die meisten Manufakturisten waren bereits gegangen, nur in der Malerstube brannten noch die Laternen. Dort arbeiteten die Maler, denen Feierabendarbeit erlaubt worden war. Nach Schichtende malten sie auf eigene Rechnung weiter. Ihr Tag war lang, aber sie hatten eine Chance auf besseren Verdienst, die einem Handlanger nicht gegeben war.

Auf Zehenspitzen schlich Hann an der Tür vorbei. Niemand schaute auf. Ganz hinten im Gang stand die Tür zur Geschirrkammer einen Spalt offen. Hann stieß sie ein wenig weiter auf und schlüpfte hindurch. Im Lager war es dunkel. Er hielt sich nicht lange damit auf, sich umzusehen, sondern griff einfach in die Regale und verstaute einige Teile in seinem Korb, bedeckte sie mit Stroh und den Holzscheiten. Nach wenigen Augenblicken verließ er die Geschirrkammer wieder. Die Tür ließ er offen stehen, eilte den Gang entlang und die Treppen hinunter. Aus der Brennkammer, wo Tag und Nacht gearbeitet wurde, waberte Hitze in den Gang; jeder einzelne Brennvorgang dauerte Stunden und durfte nicht unbewacht bleiben. Die zweiflügelige Tür stand weit offen, um die Hitze heraus- und frische Luft hineinzulassen.

Hann verhielt erst seinen Schritt, dann rannte er los, wollte das Brennhaus möglichst schnell und weit hinter sich lassen. In diesem Moment trat jemand aus der Tür. Hann sah nichts als einen Schatten, zog aber den Kopf zwischen die Schultern, als könne er sich auf diese Weise verbergen.

»Warte!«, hielt ihn eine Stimme zurück und ließ Hann zusammenzucken. An das Befolgen von Befehlen gewohnt, verharrte er mitten in der Bewegung wie zu Stein erstarrt. Die Stimme hatte er als die Johann Joachim Kändlers erkannt. Der erste Formenmeister befahl ihn zu sich, und Hann musste sich zu jeder Bewegung zwingen.

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