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Das Geheimnis der Jadekette – Fandorin ermittelt

Boris Akunin

Das Geheimnis der Jadekette

Fandorin ermittelt

Kriminalerzählungen

Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke

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Inhaltsübersicht

Das Geheimnis der Jadekette

Table Talk 1882

Aus dem Leben der Späne

Die Skarpea der Baskakows

Ein Zehntel Prozent

Vor dem Ende der Welt

Dieses Buch ist gewidmet
Robert van Gulik
Edgar Allen Poe
Georges Simenon
Arthur Conan Doyle
Patricia Highsmith
Umberto Eco

Das Geheimnis der Jadekette

 

1

 

Erast Petrowitsch Fandorin unterdrückte höflich ein Gähnen – die Flügel seiner feingeschnittenen Nase bebten kaum merklich, das marmorglatte Kinn senkte sich leicht, doch die Lippen öffneten sich auch nicht für einen Moment, und der Blick der ruhigen blauen Augen blieb wohlwollend und zerstreut. Die Kunst, unauffällig zu gähnen, war ein absolutes Muss für einen weltläufigen Mann, der zudem Beamter für Sonderaufträge beim Generalgouverneur war. Die obligatorische Anwesenheit auf Bällen und Empfängen war eine der schwersten Pflichten in seinem Dienst, der im übrigen nicht sehr beschwerlich und zuweilen sogar spannend war.

Der Hofrat fing einen vielsagenden Blick von Peggy Nemtschinowa auf und widmete sich sogleich mit konzentrierter Miene dem Kristalllüster, der im flackernden Gaslicht funkelte. Der Blick der Schönen, die in der gegenwärtigen Saison Furore machte und schon drei Anträge erhalten und wegen mangelnder Solidität abgewiesen hatte, bedeutete: Warum bitten Sie mich nicht um die Quadrille? Fandorin war nämlich so unvorsichtig gewesen, die hübsche Debütantin zum Walzer aufzufordern, was er sogleich bereut hatte: Sie tanzte wie eine Aufziehpuppe, und ihr Verstand erwies sich als äußerst bescheiden. Als Fandorin Mademoiselle Nemtschinowa jetzt wie zufällig näher kommen sah, eindeutig in der Absicht, in die Offensive zu gehen, neutralisierte er dieses gefährliche Manöver, indem er in die Ecke des Saals wechselte, wo sich die Blüte der nichttanzenden Gesellschaft versammelt hatte. Hier waren Fürst Dolgorukoi höchstpersönlich, gewichtige Greise mit geflammten Ordensbändern und korpulente Generäle mit goldflirrenden Epauletten.

Zu Letzteren gehörte auch Oberpolizeimeister1 Baranow, der mit herablassendem Lächeln einem lebhaft gestikulierenden Herrn in schlecht sitzendem Frack und verrutschter weißer Krawatte zuhörte. Der Herr war der in ganz Moskau bekannte Sonderling und Exzentriker Graf Chruzki, der als menschenscheu galt und sonst nie Bälle besuchte. Über ihn erzählte man sich, dass er viele Jahre den Orient bereist und einige Zeit in einem Bergkloster gelebt habe, um die Geheimnisse des Lebens zu ergründen. Angeblich hatte er sie ergründet und beabsichtigte nun, ein Buch darüber zu schreiben, das die gesamte westliche Zivilisation von den Füßen auf den Kopf stellen würde, doch er fand einfach keine Zeit dazu: Mal sammelte er Unterschriften für die Errichtung eines buddhistischen Tempels in Moskau, mal hielt er an der Universität Vorlesungen über den östlichen Mystizismus, dann wieder erheiterte er ganz Moskau mit dem närrischen Projekt, eine Eisenbahnlinie zum Stillen Ozean zu bauen. Im Winter nahm er bei beliebigem Frost Schneebäder auf dem Hof seines halbverfallenen Anwesens am Arbat, wozu der Hausmeister eine besonders hohe, lockere Wehe aufzutürmen hatte, denn die Passanten begafften den halbverrückten Herrn durch das altertümliche Eisengitter.

Erast Fandorin war dem Grafen schon vor längerem vorgestellt worden und hatte sogar mit ihm ein sehr interessantes Gespräch über die praktische Möglichkeit der Unsterblichkeit geführt, aber nähergekommen war man sich nicht, obwohl sich der Hofrat auch für den Orient interessierte und Schneebäder nahm, wenngleich nicht ganz so öffentlich.

»Herr Fandorin!« rief Chruzki energisch. »Sie kommen wie gerufen! Ich erzähle dem General schon eine geschlagene Stunde von einer geheimnisvollen Geschichte, aber er hört mir nicht zu.« Der Graf wandte sich sofort wieder an den Oberpolizeimeister, hielt ihn an einem Wappenknopf seiner Uniformjacke fest und rief hitzig: »Ich sage Ihnen, mein Herr, das ist kein gewöhnlicher Raubmord! Erast Petrowitsch ist ein scharfsinniger Mensch. Soll er seine Meinung dazu äußern.«

Der General warf Fandorin einen gequälten Blick zu, befreite vorsichtig seinen Knopf und sagte in gutmütigem Bass: »Was soll daran geheimnisvoll sein, Lew Aristarchowitsch? Jemand hat dem Trödler eins mit dem Beil über den Schädel gehauen. In Sucharewka passieren solche Dinge fast täglich. Ein normaler Fall für die Polizei, der Reviervorsteher wird sich darum kümmern.«

»Trödler?«, fragte Fandorin. »Meinen Sie den Antiquitätenhändler Prjachin? Ich habe in den ›Polizeinachrichten‹ davon gelesen. Sieht nach einem Raubüberfall im S-Suff aus.«

»Ohne jeden Zweifel.« Baranow nickte. »In dem Lädchen gibt’s nur Plunder, darauf sind die Profis nicht erpicht. Die Einbrecher haben den Besitzer umgebracht und irgendwelchen Trödel mitgenommen.«

»Ich habe Prjachin sehr gut gekannt!«, unterbrach Chruzki den General erregt. »Ich war oft bei ihm. Er hat von opiumsüchtigen Chinesen alle möglichen Sächelchen aufgekauft und für mich aufgehoben. Größtenteils wirklich Plunder, aber manchmal war auch was Interessantes dabei. Hören Sie, Erast Petrowitsch, vor drei Tagen wurde der Laden schon mal überfallen. Am späten Abend, als nur noch der Gehilfe da war. Er bekam einen Schlag auf den Hinterkopf und verlor das Bewusstsein. Dann haben die Gauner alles durchwühlt und sind gegangen, ohne etwas mitzunehmen. Wie finden Sie das?«

»Recht merkwürdig«, gab Fandorin zu, während er mit einem Auge sah, dass Mademoiselle Nemtschinowa sich den Plaudernden bis auf ein paar Meter genähert hatte und unschlüssig stehenblieb.

Eine äußerst besorgte Miene aufsetzend, wandte sich der Hofrat dem Grafen zu und fragte: »Die haben wirklich nichts mitgenommen?«

»Prjachin hat mir erzählt, dass sie das Unterste zu oberst gekehrt, aber nur eine große bunte Fayencevase mitgenommen haben, die höchstens fünf Rubel wert ist. Das japanische Netsuke aus Achat, die größte Kostbarkeit, haben sie nicht angerührt. Darüber hat sich der Ärmste noch so gefreut!«

»Wurde diesmal etwas gestohlen?«

»Ich habe mit Nikifor gesprochen, das ist der Gehilfe«, teilte Chruzki mit. »Die Strolche haben wieder den ganzen Laden durchwühlt, sogar die Bodenbretter herausgerissen, aber nur ein paar billige Hongkong-Tücher und eine arabische Messingpfeife mitgenommen. Nein, meine Herren, da steckt etwas anderes dahinter. Ich versichere Ihnen, die Mörder haben etwas Bestimmtes gesucht!«

Fandorin hob verwundert die Brauen.

»Wie kommen Sie darauf, dass es mehrere waren?«

»Die Polizei nimmt es an«, antwortete Baranow für den Grafen. »Eine solche Verwüstung kann einer allein kaum anrichten. Höchstens in einer extremen Raserei. Der arme Händler wurde mit dem Beil fast in Stücke gehackt.«

»Die Geschichte ist in der Tat m-merkwürdig.« Von hinten waren leichte Schritte und das Rascheln eines Spitzenkleides zu hören, weshalb Fandorin noch einen Schritt auf den General zutrat, als wolle er ihm eine höchst wichtige Mitteilung machen. »Zwei Überfälle auf einen bescheidenen Laden, noch dazu mit allen Anzeichen einer Durchsuchung. Das sieht nicht nach einem gewöhnlichen Raubüberfall im Suff aus.«

»Finden Sie?«, Baranow war es gewohnt, die Schlußfolgerungen des Beamten für Sonderaufträge sehr ernstzunehmen, und schlug darum vor: »Vielleicht sollte man den Fall der Kriminalpolizei übergeben?«

»Das ist vorerst nicht nötig. Ich schaue mir morgen früh den T-Tatort an. Dann sehen wir weiter. Wer ist dort Reviervorsteher? Nebaba?«

»Ja, Makar Nebaba2.« Der General schmunzelte. »Komischer Name. Wie ein Weib sieht er wirklich nicht aus. Vor seinen pudschweren Fäusten zittern alle Clochards von Sucharewka. Natürlich ein Halunke, aber er hält Ordnung.«

Da fiel der Blick Seiner Exzellenz auf etwas hinter Fandorins Rücken, sein Gesicht nahm einen zuckersüßen gerührten Ausdruck an, der gezwirbelte Schnurrbart bauschte sich galant, woraus zu schließen war, daß Peggy zum Sturm ansetzte.

Fandorin hörte ein leises Klacken, begleitet von einem melodischen »Ach!« Mit einem schicksalsergebenen Seufzer drehte er sich um und hob den heruntergefallenen Fächer auf. Die Quadrille war nicht zu umgehen.

 

2

 

»Um wie viel Uhr ist das passiert?«, fragte Fandorin, hockte sich hin und untersuchte aufmerksam das Türschloss.

»So zwischen neun und zehn Uhr abends«, rapportierte der in ganz Sucharewka bekannte Reviervorsteher Makar Nilowitsch Nebaba, ein muskulöser Mann mit langen Armen und derbem, finsterem Gesicht. »Der Laden hatte schon zu, aber der Besitzer war noch zugange. Wahrscheinlich hat er seine Einnahmen gezählt. Der da war nicht im Laden.«

Der Polizist deutete mit dem Kopf auf den Gehilfen Nikifor Nilowitsch Kljujew, ein krummes und nervöses Männlein um die vierzig. Dessen Kopf war mit einem nicht sehr sauberen Lappen umwickelt – bei dem vorigen Überfall hatte er einen mächtigen Schlag auf den Schädel bekommen.

»Danach hab ich lange flach gelegen«, klagte der Gehilfe. »Und auch jetzt noch taumle ich hin und her. Der Feldscher hat gesagt, ein himmlisches Wunder, dass meine Schädeldecke nicht in zwei Hälften zersprungen ist. Gott der Herr hat mich bewahrt. Aber wenn ich vorgestern hier gewesen wär, dann hätten die mich, genau wie meinen Chef …« Er bekreuzigte sich, fing einen strengen Blick des Reviervorstehers auf und wickelte sogleich den Lappen ab. »Da, Makar Nilowitsch, bitte sehr, wenn Sie sehen wollen. Eine Beule, groß wie eine Butterbirne.«

Kljujew neigte den höckerigen Kahlkopf und wies den Beweis seines Martyriums vor. Die Beule war überzeugend: blaurot, Birne hin, Birne her, aber allemal so groß wie eine reife Pflaume.

»Zwischen neun und zehn?«, wiederholte Fandorin und trommelte mit den Fingern gegen die Tür.

Der Reviervorsteher beugte sich zu dem Beamten herab, hielt höflich die riesige Hand vor den Mund, durch die dennoch ein Knoblauch- und Wodkaschwaden drang, so dass Fandorin leicht die Nase rümpfte, und flüsterte laut: »Ich habe selber gestaunt. Es war schon spät. Prjachin hätte längst die Tür verriegeln müssen. Sie verstehen, Euer Hochwohlgeboren, wir sind in Sucharewka. Aber das Schloss wurde nicht aufgebrochen – also hat Prjachin selber aufgemacht. War wohl ein Bekannter.«

»Gestaunt?« Fandorin warf dem Polizisten einen Seitenblick zu. »Und warum steht das nicht im Bericht?«

»Entschuldigung …«

Nebabas Gesicht wurde sofort undurchdringlich, die Augen bekamen einen besonderen Glanz. Fandorin begriff: Der Reviervorsteher von Sucharewka wollte nicht, dass die Herren von der Kriminalpolizei in seinem Revier herumschnüffelten, darum hatte er den verdächtigen Umstand verschwiegen. Das war normal.

Der Beamte wandte sich an den Gehilfen.

»Kljujew, erzählen Sie mal etwas genauer, wie Sie zu dem P-Prachtstück auf dem Kopf gekommen sind. Wann ist das passiert? Vor drei Tagen?«

»Ich werde alles ausführlich darlegen, so wie es war«, erwiderte der Geschädigte bereitwillig, reckte die schmalen Schultern, räusperte sich und begann: »Es dunkelte. Am Himmel tobte ein Sturm, Blitze zuckten, und es goß wie aus Eimern. Mein Chef, Silanti Michailowtsch Prjachin, nahm Rapstropfen gegen sein Nierenleiden, wünschte mir erholsame Träume und entfernte sich, um sich nach dem arbeitsreichen Tag der wohlverdienten Ruhe hinzugeben. Ich trank ein Tässchen Tee und wollte den Laden zusperren. Als ich auf die Straße trat, die von einem Regenschleier verhangen war …«

»Sie lesen wohl gern das ›Sonntagsblatt‹?« unterbrach Fandorin den Erzähler. »Bitte ohne Naturbeschreibungen, zur Sache.«

»Zur Sache?« Kljujew verlor den Faden. »Das war so, gnädiger Herr. Ich hab mich umgedreht, um abzuschließen, von da ab weiß ich nichts mehr. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Schwelle, es war stockdunkel, und ein streunender Hund leckte mir die Rübe.«

»Ein Schlag von hinten, mit einem schweren stumpfen Gegenstand«, konstatierte der Reviervorsteher gewichtig.

»Haben Sie nicht näher kommende Sch-Schritte gehört? Versuchen Sie sich zu erinnern. Die Straße hat doch Kopfsteinpflaster.«

Kljujew runzelte die Stirn, um zu zeigen, dass er sich nach Kräften bemühte, schüttelte dann aber den Kopf.

»Nein. Ich kann mich nicht erinnern. Hier treibt sich so viel Gesindel herum, viele tragen gar keine Schuhe. Der Unmensch muss barfuß gewesen sein«, vermutete der Gehilfe, widersprach sich aber gleich selbst: »Nein, dann wäre ein Patschen zu hören gewesen, war aber nicht.«

»Vielleicht Chinesen?«, warf Nebaba ein. »Die tragen Latschen, die kein Geräusch machen.«

Der Geschädigte griff diese Version bereitwillig auf.

»Das kann gut sein. Die Schlitzaugen kommen oft zu uns in den Laden. Es gibt ja genug Bekloppte, die das chinesische Kraut rauchen.«

Der Reviervorsteher schob den schwächlichen Zeugen mit seiner mächtigen Pranke beiseite, damit der nicht zwischen ihm und der Obrigkeit stand.

»Euer Hochwohlgeboren, ich denke Folgendes. Prjachin wurde vorgestern von einem chinesischen Opiumraucher umgebracht. Unsre Rechtgläubigen verstümmeln nicht mal im Suff jemanden derart bestialisch. Da muss einer völlig weggetreten sein. Nicht nur, dass man ihn erschlagen hat, man hat ihn danach auch noch mit dem Beil zerstückelt, die abgehackten Finger lagen auf dem Boden verstreut, eine Hüfte war voller Einstiche, der Bauch aufgeschlitzt, und um ihn war ein Meer von Blut. Das muss ein total zugedröhnter Opiumraucher gewesen sein. Aber den finden wir nie im Leben. Die Chinesen reden nicht mit uns Polizisten, die machen alles unter sich ab. Außerdem sehen die alle gleich aus, da krieg mal raus, ob solch einer Men Hy heißt oder Hy–men Peng.«

Fandorin ging in den engen Verkaufsraum und blieb vor dem riesigen braunen Fleck getrockneten Blutes stehen, der sich vom Ladentisch bis fast zur Tür ausbreitete.

»Was ist mit F-Fußspuren?«

»Es wurde keine einzige entdeckt.«

Der Beamte ging um den Fleck herum und schüttelte den Kopf.

»Kein einziger blutiger A-Abdruck? Der ganze Boden ist doch voller Blut. Hat der Verbrecher sein Opfer dort am Ladentisch erschlagen?

»Jawohl. Und hier, sehen Sie bitte, alle Waren herumgeworfen und zerbrochen.«

»Wie ist er d-danach zur Tür gekommen, ohne ein einziges Mal in die Lache zu treten?«

Der Polizist dachte nach und zuckte die Achseln.

»Er muss drübergesprungen sein.«

»Eine erstaunliche Umsicht für einen völlig Benebelten. Und der Sprung ist auch nicht von P-Pappe – knapp drei Meter, ohne Anlauf.«

Fandorin sah sich hinter dem Ladentisch um, wo aller möglicher Plunder lag. Er hob eine Papierrolle mit chinesischen Schriftzeichen vom Boden auf, entrollte sie, las sie, legte sie dann sorgsam aufs Schreibpult und warf einen flüchtigen Blick auf den abgeschabten Balg eines kleinen Krokodils, der über der Petroleumlampe an der Wand hing. Er hockte sich hin und untersuchte die herumgeworfenen, zum Teil zerschlagenen oder zertrampelten Waren. Besonderes Interesse zeigte er für eine gelbe Elfenbeinkugel, etwas kleiner als eine Billardkugel, schartig und schäbig, mit verschnörkelten Schriftzeichen. Doch diese beachtete er nicht, stattdessen kratzte er mit dem Fingernagel an den Scharten und betrachtete sie sogar durch die Lupe.

Der Reviervorsteher ging unterdessen vor den zertrümmerten Regalen auf und ab. Er nahm einen kleinen messinggerahmten Handspiegel mit gebogenem Griff, behauchte die fleckige Oberfläche, wischte mit dem Ärmelaufschlag darüber und steckte das Spielzeug in die Tasche. Der Gehilfe stieß einen Seufzer aus, wagte aber nicht zu protestieren, und außerdem, was ging ihn die Habe seines Herrn noch an?

»Sagen Sie, Nebaba, wie kommen Sie darauf, daß Prjachin zuerst getötet und dann mit dem B-Beil zerstückelt wurde?«, fragte Fandorin plötzlich und richtete sich auf.

Der Gebieter über Sucharewka blickte den unkundigen Beamten herablassend an und strich den scheckigen Schnurrbart glatt.

»Wie soll’s denn anders gewesen sein, Euer Hochwohlgeboren? Hätten die Verbrecher den Prjachin bei lebendigem Leibe zerhackt, dann hätte der so gebrüllt, dass man’s in den Nachbarhäusern gehört hätte. Aber keiner hat Gebrüll gehört, das hab ich überprüft.«

»Verstehe.« Fandorin hielt dem Polizisten die Kugel vor die Nase. »Was sind das für Abdrücke?«

»Woher soll ich … Je, Zähne!« Nebaba ächzte auf. »Wer hat denn an dem Ding geknabbert? Da kann man nicht reinbeißen.«

Er nahm die Kugel und versuchte mit seinen kräftigen gelben Zähnen hineinzubeißen – unmöglich, zu hart.

»Haben Sie die Zähne des Getöteten untersucht? Nein?« Fandorins Stirn verdüsterte sich. »Ich bin sicher, dass einige abgebrochen oder zerbröckelt sind. Diese Kugel hat der Mörder dem Händler in den Mund gesteckt.«

»Wozu?«, wunderte sich der Reviervorsteher, während der Gehilfe aufstöhnte, sich bekreuzigte und die Hand vor die schmalen blassen Lippen hielt.

»Damit in den Nachbarhäusern nicht sein Gebrüll, wie Sie sich ausdrückten, zu hören war. Das Opfer wurde bei lebendigem Leib mit dem Beil zerstückelt, und zwar nach und nach. Vor Schmerzen hat der Händler diese unappetitliche Kugel angeknabbert.«

Jetzt bekreuzigte sich auch Nebaba.

»Grauenhaft! Aber weshalb haben die Prjachin so gequält?«

»Damit er ein Versteck preisgibt«, antwortete Fandorin knapp und sah sich wieder im Zimmer um, reckte den Kopf sogar zur Decke. »Es liegt auf der Hand, dass Prjachin ein besonders wertvolles Stück besaß. Beim ersten Mal, vor drei Tagen, hat der V-Verbrecher (ich nehme an, es war nur einer) versucht, ohne Mord auszukommen: Er schlug den Gehilfen nieder und durchsuchte den Laden, fand jedoch nicht den begehrten Gegenstand. Da kam er ein zweites Mal und folterte Prjachin. Doch der gab das Versteck nicht preis.«

»Woher wollen Sie das wissen?« Nebaba zweifelte. »Wer hält denn solche Qualen aus?«

»Es gibt Menschen, deren Standhaftigkeit oder Habgier den Schmerz überwindet und sogar die Todesangst. Hätte Prjachin dem Verbrecher das Verlangte ausgeliefert, dann hätte der nicht die Regale durchwühlen und den Fußboden aufbrechen müssen. Sehen Sie in der Ecke die herausgerissenen Bretter? Nein, Prjachin hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen.«

»Mein Gott, mein Gott«, wehklagte Kljujew und bekreuzigte sich pausenlos.

Der Polizist dachte kurz nach und sagte: »Aber vielleicht hat dieses Ungeheuer, das den Prjachin kaltgemacht hat, das Versteck doch noch gefunden?«

»Wohl kaum«, murmelte Fandorin zerstreut und drehte rasch den Kopf nach allen Seiten. »Ein einfaches Versteck hätte der Verbrecher gleich beim ersten Mal entdeckt. Na, dann w-wollen wir’s mal versuchen.«

Er ging durch den langgestreckten engen Raum und klopfte mit den Fingerknöcheln gegen den Putz. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und klatschte seltsamerweise dreimal in die Hände.

»Sagen Sie, Kljujew, einen Geldschrank gibt’s hier wohl nicht?«

»Nein, hat’s nie gegeben.«

»Und wo hat Ihr Herr Geld und Wertsachen aufbewahrt?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Euer Hochwohlgeboren. Prjachin war sehr misstrauisch.«

»Was denn, in all der Zeit, die Sie für ihn gearbeitet haben, haben Sie nie gesehen, wo er das Wechselgeld hernahm und wo er die Einnahmen hintat?«

»Freilich hab ich das gesehen. In die Hosentasche, wohin sonst. Aber dort ist es nicht lange geblieben. Er ist auch nie mit mehr als drei Rubeln auf die Straße gegangen. Er sagte immer: ›Alle sind Gauner und Spitzbuben‹, das war seine Meinung, oder, wissenschaftlich ausgedrückt, sein Credo.«

»Credo, Credo …«, wiederholte Fandorin gedehnt, beugte sich herab und zerrte an der Scheuerleiste.

»Vielleicht im Keller«, mutmaßte der Reviervorsteher.

»Wohl kaum.« Fandorin drehte sich zum Ladentisch um. »Er wird ja nicht jedesmal in den Keller gestiegen sein, um einen Dreirubelschein zu verstecken. Wozu ist das hier?«

Fandorin zeigte auf das ausgeblichene Krokodil, das ihm seinen halb geöffneten zähnebewehrten Rachen zuwandte. Der Bewohner schlammiger Flüsse und warmer Sümpfe war am Schwanz aufgehängt, reckte seinen Eidechsenkopf aber im rechten Winkel nach oben, und es sah aus, als starre er den Hofrat mit seinen fröhlichen Äuglein an.

»Das ist ein Tier namens Karkadil«, erklärte der Gehilfe.

»Ich sehe, dass es ein Krokodil ist. Aber was hat es hier zu suchen?«

»Es hängt schon immer hier, noch bevor Prjachin mich eingestellt hat. Sozusagen zur Zierde. Prjachin hat dieses Scheusal vergöttert und jeden Abend mit einem Lappen abgewischt. Es hat sogar einen Namen – Herodes.«

Fandorin stieß einen Seufzer aus, wie um die Absonderlichkeiten der menschlichen Natur zu beklagen, und steckte ohne Zögern die Hand in den Schlund des Krokodils.

Der Reviervorsteher ächzte unwillkürlich – gar zu spitzzahnig und unfreundlich wirkte der Rachen des fremdländischen Ungetüms.

»Ach, was haben wir denn da«, sagte Fandorin zu sich selbst und schien etwas zu ertasten. »Sehr praktisch. Immer zur Hand und unverdächtig. Der Mörder hat offensichtlich nicht Edgar Allan Poe g-gelesen.«

Er zog aus dem bizarren Gefäß vorsichtig zuerst ein Päckchen kleiner Banknoten und dann ein Samtbündel, in dem es leise klapperte. Das Geld warf der Beamte achtlos aufs Schreibpult, das Samtbündel wickelte er auf. Nebaba und Kljujew, die dicht herangetreten waren, zeigten sich enttäuscht: Es kamen keine Edelsteine und kein Gold zum Vorschein, sondern runde grüne Steinchen, die auf einem Faden aufgereiht waren, eine gewöhnliche Kette. Nach den kleinen Quasten zu urteilen, wohl eher eine Gebetskette, aber keine christliche, sondern eine muselmanische.

Der Reviervorsteher wartete, bis der Beamte den Fund gründlich betrachtet hatte, und fragte dann halblaut: »Ein kostbares Stück?«

»Nicht besonders. Eine gewöhnliche J-Jadekette. Wie es sie in China und Japan massenhaft gibt. Diese hier scheint freilich sehr alt zu sein. Kljujew, haben Sie die früher schon mal gesehen?«

Der Gehilfe breitete die Arme aus.

»Nein, nie.«

»Ich nehme sie mit«, entschied Fandorin. »Sie zählen das Geld und geben es zu Protokoll.«

Nebaba warf einen abschätzenden Blick auf die Scheine, betastete sie kurz und sagte überzeugt: »Siebenunddreißig Rubelchen. Euer Hochwohlgeboren …«

»Ja?«

»Sollte man die Kette nicht dem Grafen Chruzki zeigen? Seine Erlaucht kennt sich mit orientalischen Sachen sehr gut aus.«

»Nicht nötig.« Fandorin winkte leichtfertig ab und steckte das Samtbündel in die Jackentasche. »Ich verstehe auch was von ›orientalischen Sachen‹.«

Und er schritt, begleitet vom misstrauischen Blick des Reviervorstehers, zum Ausgang.

 

3

 

Der Hofrat verbrachte den ganzen Tag mit konzentriertem Nachdenken. Ab und zu nahm er die Kette aus der Tasche und ließ die glatten Jadekügelchen in der Hand hin und her rollen, ihr leises, heimeliges Geklacker bereitete ihm ein unerklärliches Vergnügen.

Als er zum nachmittäglichen Vortrag beim Generalgouverneur erschien (eigentlich hätte man das tägliche Ritual auch als »Teestunde« bezeichnen können, zumal nichts Besonderes zu berichten war) erkundigte sich Fürst Dolgorukoi: »Was haben Sie denn da für ein Spielzeug, mein Lieber? Eine neumodische Erfindung? Sie sind ja ein Anhänger des technischen Fortschritts. Lassen Sie mal sehen.« Er klemmte sich den Kneifer auf die Nase und betrachtete neugierig die orientalische Rarität.

»Nein, Euer Hohe Exzellenz«, antwortete der Beamte für Sonderaufträge respektvoll. »Das ist eine uralte Erfindung. Erdacht, um die gedankliche und seelische E-Energie zu konzentrieren.«

»Ah, eine Art Rosenkranz«, sagte der Fürst. Er fingerte die Kette, ließ rhythmisch die grünen Steinchen klackern, und plötzlich schlug er sich an die Stirn. »Heureka! Seit dem Morgen zermartere ich mir den Kopf, wie ich mich in meinem Bericht für Seine Majestät zur afghanischen Frage äußern soll. Sie zu verschweigen wäre unredlich – die Tollköpfe wollen das Land in ein Abenteuer hineinziehen, aber die Wahrheit wage ich nicht zu schreiben, denn die Anglophobie des Zaren ist allgemein bekannt. Also werde ich über den Aufenthalt des Thronfolgers in der alten Residenzstadt berichten und beiläufig meine Position zur Kuschka-Expedition darlegen. Das ist eindeutig und zugleich unaufdringlich. Ein heller Kopf, der Dolgorukoi! Nehmen Sie Ihre Kette, Erast Petrowitsch. Sie hat mir wirklich geholfen, meine Gedanken zu konzentrieren. Bringen Sie sie öfter mit.«

Fandorin lächelte über den Scherz und lenkte das Gespräch auf den russisch-englischen Konflikt, der einen so spezifischen Charakter angenommen hatte, dass es einem Uneingeweihten ganz unmöglich war, sich in all den politischen Feinheiten und Winkelzügen zurechtzufinden.

Am Abend, als Fandorin zu Hause in der Kleinen Nikitskaja-Straße am Schreibtisch saß, um dem Bericht für Seine Majestät den letzten Schliff zu geben, fielen ihm die scherzhaften Worte des Generalgouverneurs wieder ein. Die Formulierung des Schreibens erforderte Umsicht und Takt – schon der kleinste Fehler könnte für den Fürsten die schlimmsten Folgen haben. Der Hofrat hielt öfter inne, überlas das Geschriebene, und seine Hand griff immer wieder in die Tasche nach der Kette – zuerst rein mechanisch. Doch bald machte er eine erstaunliche Entdeckung: Er brauchte die Jadekügelchen nur ein paar Augenblicke durch die Finger gleiten zu lassen, und der komplizierteste Satz fügte sich wie von selbst, noch dazu in optimaler Form.

Das wiederholte sich mehrmals, und schließlich legte Fandorin, von dem Phänomen fasziniert, die Schreibutensilien beiseite und untersuchte die Kette mit Forscherblick.

Es war ein außergewöhnlich heißer und schwüler Abend, darum saß der Hofrat in seinem hohen Voltaire-Sessel am geöffneten Fenster zur Hofseite, bei aufgezogener Gardine. Draußen war es stockdunkel, im Apfelgarten nebenan sägten die Zikaden. Fandorin hätte gern Tee getrunken, aber sein Kammerdiener Masa hatte wie gewöhnlich ein Stelldichein. Um die Ehre der Dame zu schützen, hielt der Japaner ihren Namen geheim, aber aus den Krümeln und Rosinen, die dem wollüstigen Asiaten in letzter Zeit ständig aus den Taschen fielen, schloss Fandorin, daß Masa nun doch nähere Bekanntschaft mit der Bäckerin geschlossen hatte, die er seit längerem anschmachtete und der er sogar einen gefühlvollen Dreizeiler gewidmet hatte:

 

Um eine üppige Blüte

Schwirrt eine gelbe Biene.

Oh, welch betörender Duft!

 

Wie auch immer, der Diener war nicht zu Hause, und Fandorin hatte keine Lust, sich selbst um den Samowar zu kümmern, darum begnügte er sich mit einer Zigarre. Blauen Rauch ausstoßend, zählte er die Perlen. Es kam eine Zahl heraus, die für den Orient ungewöhnlich war – fünfundzwanzig. Vierundzwanzig wäre verständlich gewesen: drei Achten, also dreimal die Zahl, die Glück und langes Leben verhieß. Aber fünfundzwanzig? Fünfmal fünf – das ist etwas Hartes, Logisches, Europäisches.

Fandorin drehte die Kette hin und her, leckte sogar an einem der Steinchen (zum Glück war niemand im Zimmer) und roch auch noch daran. Die Zunge ermittelte keinerlei Geschmack, doch ein Geruch war da – kaum wahrnehmbar, aber unzweifelhaft. Fandorin erkannte ihn. Ein Geruch von unverfälschtem, wahrem Altertum, wie bei den byzantinischen Mosaiken oder den Ruinen des Kolosseums. Ein solches Aroma verströmt die Zeit, wenn sie sich aufgestaut hat: Die verdichtete Zeit riecht nach Ruhe, Staub und etwas Wermut.

Die Finger klapperten von selbst mit den Kugeln, und plötzlich kam ihm ein nicht ganz verständlicher Gedanke: Fünfundzwanzig – das ist dreimal langes Leben plus eine Eins. Das heißt, mehr als dreimal Langlebigkeit? Was mochte das bedeuten?

Plötzlich ein leises Knacken – der Faden war gerissen, und die Perlen fielen als grüner Regen hinunter, aber nicht bis auf den Boden, denn Fandorin reagierte blitzschnell. Er ließ sich sofort auf die Knie nieder, legte die hohlen Handflächen zusammen und fing alle Kugeln auf, bis auf eine – die fünfundzwanzigste. Sie schlug mit einem seltsamen schmatzenden Laut auf dem Parkett auf und rollte zur Seite. Seltsam war nicht nur das Schmatzen, das bei einem Zusammenstoß von Stein und Holz nicht entstehen kann. Genau so erstaunlich war, dass der Laut nicht von unten kam, sondern von oben.

Der kniende Beamte hob den Kopf und sah, dass im Sessel an der Stelle, wo eben noch sein Kopf gewesen war, ein dicker kurzer Pfeil vibrierte, der fast bis zur Befiederung in die Polsterung eingedrungen war.

Dieser rätselhafte Vorfall verblüffte Fandorin derart, dass er den Kopf schüttelte, erst dann die Kugeln in den Sessel legte und den gefiederten Gast aus dem Polster zog. Solche Pfeile hatte er schon gesehen – sie werden mit kleinen, aber wirkungsvollen Armbrüsten abgeschossen, wie sie seit Urzeiten professionelle Mörder in Japan, Korea und China benutzen.

Ohne einen Moment zu überlegen, sprang Fandorin aus dem Fenster, landete federnd auf dem weichen Beet und drückte die Finger gegen die Augäpfel, damit sich die Augen schneller an die Dunkelheit gewöhnten.

Aber noch bevor sich die Pupillen weiteten, erfasste Fandorins Gehör ein Geräusch – da lief ein Mensch in eng anliegender Kleidung gebückt zu der Einfriedung, die das Anwesen des Barons Ewert-Kolokolzew, bei dem Fandorin den Seitenflügel gemietet hatte, von dem schon erwähnten Apfelgarten trennte. Der Beinahe-Mörder rannte leicht und behende durch die Dunkelheit, seine Füßen berührten den Boden fast lautlos.

Einen Revolver hatte der Hofrat nicht bei sich, und wenn er ihn gehabt hätte, würde er nicht geschossen haben. Erstens wollte er sich mit dem unbekannten Feind auseinandersetzen, und zweitens beging dieser einen unverzeihlichen topographischen Fehler – offensichtlich aus mangelnder Ortskenntnis. An der Stelle, wohin er jetzt so schnell lief, erwartete ihn kein gewöhnlicher Zaun, sondern eine gut drei Meter hohe Mauer. In dem Wissen, dass der neue Wilhelm Tell ihm nicht entkommen konnte, folgte ihm Fandorin ruhig und ohne Eile.

Aber da erlebte er noch eine Überraschung. Ohne den Lauf zu verlangsamen, stieß sich der Attentäter von der Erde ab und sprang so hoch, dass er mit den Händen den Rand der Mauer fassen konnte. Mühelos zog er sich hinauf, hockte sich hin und verschwand auf die andere Seite. Bevor er in den Apfelgarten sprang, verharrte er einen Augenblick auf der Mauer, und Fandorin konnte die schwarze Silhouette deutlich sehen: enganliegende Hose, kurze Jacke und ein konusförmiges Mützchen. Ein Chinese!

Fandorin nahm Anlauf und versuchte, die Mauer auf die gleiche Weise zu überwinden, aber wegen des Hausmantels und der Hausschuhe gelang ihm das nicht auf Anhieb. Als er schließlich rittlings auf dem Hindernis saß, hatte es keinen Sinn mehr, die Verfolgung fortzusetzen: Der Apfelgarten empfing ihn mit ruhiger Reglosigkeit – kein Zweig bewegte sich, das Gras raschelte nicht, und den Fluchtweg des Verbrechers festzustellen, war ganz unmöglich.

Enttäuscht und ratlos kehrte Fandorin in seine Wohnung zurück. Für alle Fälle zog er die Stores zu, obwohl es im Zimmer sogleich stickig wurde. Er ging auf und ab, klatschte mehrmals in die Hände, massierte sich die Schläfen, aber ihm fiel nichts Vernünftiges ein. Aus Erfahrung wusste er, dass eine mechanische Arbeit die stockenden Gedanken am besten wieder in Gang bringt. Und er fand auch gleich eine Beschäftigung.

Er ging in Masas Zimmer und kramte in einer Schatulle mit Nadeln und Garnen. Seine Wahl fiel auf eine Rolle mit dem rotgoldenen Etikett Außerordentlich reißfester Seidenzwirn der Firma »Pusyrew und Söhne«.

Er setzte sich in den Sessel, warf einen Blick auf das Loch, das der Pfeil im Bezug hinterlassen hatte, und begann die Perlen aufzufädeln. Ach ja, eine fehlte.

Die fünfundzwanzigste Perle war unter den Schreibtisch gekullert. Fandorin hob sie auf, da ertastete er plötzlich mit dem Daumen ein eingeritztes Muster. Unter der Lampe entzifferte er auf dem Steinchen das schon stark abgegriffene Schriftzeichen für »Eisen« – auf japanisch »tetsu«, auf chinesisch »te«. Was mochte das bedeuten?

Nachdem er die letzte Kugel zu den anderen gefügt und den Faden verknotet hatte, prüfte er, ob es die grünen Steinchen in der neuen Reihenfolge bequem hatten. Ja, sehr bequem. Sie klackerten fröhlich gegeneinander.

»Eisen«, »te«? Sollte …

Fandorin sprang auf und stürzte zum Schrank mit den altertümlichen Büchern, die er seinerzeit aus dem Reich der Aufgehenden Sonne mitgebracht hatte.

 

4

 

Tags darauf ging Fandorin nicht zum Dienst. Er ließ dem Büro eine kurze Nachricht zukommen, in der er sich auf unaufschiebbare Arbeiten berief. Daran war nichts Verwunderliches, denn der Hofrat hatte keine festen Anwesenheitsstunden und befand sich überhaupt in der beneidenswerten Lage eines freien Vogels. Die Merkwürdigkeiten begannen gegen Abend.

Der junge Herr, der immer elegant gekleidet war und als einer der größten Stutzer Moskaus galt, zog einen abgewetzten Gehrock an, entnahm einem besonderen Fach des Kleiderschranks ein schmuddeliges Hemd, das er dort speziell für solche Fälle aufbewahrte, ergänzte seine Toilette mit dazu passenden Accessoires und ging zu Fuß in Richtung Sucharewka-Markt. Ein nicht gerade kurzer Weg, aber Fandorin ließ sich Zeit und genoss den sanften Atem des heiteren Sommertags.

Offensichtlich brauchte der Beamte einen so ausgedehnten Spaziergang zur Anregung des Appetits. Jedenfalls steuerte er, in Sucharewka angekommen, sogleich eine der schäbigsten Garküchen des chinesischen Viertels an, das nur aus einigen krummen und schmalen Gassen bestand, bewohnt von kleinen chinesischen Händlern und Gelegenheitsarbeitern, die sich erst seit kurzem in Moskau angesiedelt hatten.

In dem schmutzigen dunklen Raum saß kein einziger Europäer. Es roch durchdringend nach gebratenem Hering und ranzigem Öl, an den niedrigen Tischen saßen kleinwüchsige schlitzäugige Männer mit langem Zopf und aßen fingerfertig mit Stäbchen; alle trugen dunkelblaue oder schwarze Jacken mit Stehkragen. Höflichkeit und die Befürchtung, sich die Lippen zu verbrennen, geboten, die Suppe zu schlürfen und die Nudeln pfeifend in den Mund einzuziehen, weshalb von allen Tischen ein geschäftiges Schlürfen und Schmatzen kam, wie es nicht einmal in der allerletzten Schenke von Chitrowka zu hören war.

Fandorin bestellte Haifischflossensuppe und kleine, mit Ei und Kraut gefüllte Plinsen. Während er wartete, spielte er unbekümmert mit der Jadekette. Seitenblicke beantwortete er mit einem leichten Nicken, und als ihm die Schale mit der Suppe und ein Tellerchen mit knusprigen zusammengerollten Plinsen gebracht wurde, schlürfte und schmatzte er nicht schlechter als die übrigen Esser.

Er aß lange und mit Appetit, danach trank er mindestens eine Dreiviertelstunde Jasmintee aus einer verräucherten Messingkanne. Schließlich stand er auf, wischte sich die schweißige Stirn mit einem schmutzigen Taschentuch, legte ein Fünfzehnkopekenstück auf den Tisch und wechselte in die Nachbarkaschemme, wo es Süßigkeiten gab und Mah-Jongg gespielt wurde.

Seine chinesische Erkundungstour dauerte bis in die Dunkelheit, da war er bereits in einem finsteren Keller im Gewirr der Sucharewka-Höfe. Es war ein recht großer Raum mit niedriger feuchter Decke und fast ohne Beleuchtung, bis auf ein paar Öllämpchen.

Auf dem Boden waren in mehreren Reihen Wattematratzen ausgebreitet, auf denen Menschen saßen oder lagen – vorwiegend Chinesen, aber auch ein paar Europäer. Es roch nach süßlichem, die Nase kitzelndem Rauch, der unter der Gewölbedecke waberte. Niemand sprach, hier herrschte Stille, nur hin und wieder war gedämpftes, undeutliches Murmeln zu vernehmen.

Fandorin setzte sich nicht ohne Ekel auf eine speckige Matratze, und sofort war ein schweigsamer Chinese zur Stelle und reichte ihm mit einer Verbeugung eine qualmende Elfenbeinpfeife mit einem langen, drachenverzierten Mundstück. Der Hofrat sah sich verstohlen um (links schlummerte ein blasser bärtiger Herr in Beamtenuniform mit abgetrennten Knöpfen, rechts thronte ein pausbackiger Chinese mit selig zugekniffenen Äuglein) und legte die Kette an den Rand der Matratze, wischte dann mit dem Taschentuch sorgfältig das Mundstück ab und nahm vorsichtig einen Zug – aus rein wissenschaftlichem Interesse. Nichts Besonderes geschah – nicht nach dem ersten Zug, nicht nach dem zweiten, auch nicht nach dem dritten.

Fandorin war beruhigt und tat, als schlummerte er, betrachtete jedoch unter gesenkten Lidern – die Augen hatten sich schon an das Schummerlicht gewöhnt – unauffällig die Gesichter der Raucher. Merkwürdige Gesichter, gleichsam ihres Alters beraubt, alle mit leicht herabgesunkenem Kinn und dunklen Gruben an Stelle der Augenhöhlen. Fandorins Aufmerksamkeit erregte ein alter Chinese mit langem grauem Bärtchen, der ihm genau gegenübersaß. Der Hofrat wunderte sich, wie gestochen scharf er alles sah – jede Runzel im gütigen Gesicht des Alten. Plötzlich öffneten sich die Augen des Chinesen ein wenig, und es zeigte sich, dass sie keineswegs schläfrig und glasig waren, sondern sehr lebendig, klar und wohl sogar fröhlich. Er zwinkerte Fandorin zu und fragte mit freundlicher, unglaublich angenehmer Stimme, ohne jeden Akzent:

»Na, schwer?«

Fandorin begriff sofort, dass der Chinese ihn nicht nach einer belanglosen Misslichkeit wie dem ungewohnten Sitzen auf der klumpigen Matratze fragte, sondern danach, ob ihm, Fandorin, das Leben schwerfalle.

»Nein«, antwortete der Beamte.

Er dachte nach und sagte: »Ja.«

Es duftete nach blühenden Apfelbäumen, und plötzlich stellte sich heraus, dass sie beide – Fandorin und der sympathische Alte – keineswegs in einem feuchten Keller saßen, sondern auf dem Gipfel eines kleinen Berges. Unten erstreckte sich eine grüne Ebene, glitzerten die Quadrate überschwemmter Reisfelder, die Hänge waren mit Bäumchen bestanden, die über und über blühten, in der Ferne schimmerte ein weißsteinernes Kloster mit bizarren Türmchen und einer fünfstöckigen Pagode, und der vorabendliche Himmel hatte eine lila-grüne Färbung, wie man sie in den mittleren Breiten Russlands niemals sieht.

Der Ortswechsel setzte Fandorin nicht in Erstaunen – im Gegenteil, er hielt ihn für angemessen, ja, für selbstverständlich. Er wusste, daß der Alte Te Huanji hieß und der Berg – Taischan.

Sie schwiegen.

»Fürchtest du dich vor dem Tod?«, fragte der Alte.

Und wieder antwortete Fandorin zuerst mit »Nein« und dann mit »Ja«.

»Fürchte dich nicht vor ihm.« Te Huanji lächelte. »Er hat nichts Schreckliches. Wenn du willst, gibt es ihn überhaupt nicht. Soll ich dich in dieses Geheimnis einweihen?«

»Ja, weiser Mann!«, rief Fandorin. »Weihe mich ein!«

»Hör mir zu, aber nicht mit dem Verstand, sondern mit der Seele, denn der Verstand ist wie ein Blatt, das sich im Frühling entfaltet und im Herbst abfällt, die Seele dagegen ist ein mächtiger Baum, der tausend Jahre lebt.«

»Ich will nicht tausend Jahre leben«, sagte Fandorin. »Aber ich will das Geheimnis wissen.«

»Gleich wirst du es erfahren.« Der Zauberer lächelte noch freundlicher. »Es ist einfach. Denn was ist der Tod?«

Der Beamte beugte sich vor, um sich kein Wort entgegen zu lassen, aber der Weise senkte die Lider und streckte die Hand aus, sehr weit, über zwei Meter. Die sich wundersam verlängernde Hand packte Fandorin an der Schulter und schüttelte sie kräftig.

»Herr, Herr, ssnell, er lennt weg!«, hörte Fandorin eine Stimme, die mit fürchterlichem japanischem Akzent Russisch sprach.

»Warte, Te Huanji«, bat der Hofrat, »geh nicht fort. Das ist Masa, ich schicke ihn gleich weg, damit er nicht stört.«

Aber zu spät. Der Zauberer, der mit Apfelbäumen bewachsene Berg und die grüne Ebene waren verschwunden.

Fandorin jedoch saß noch immer auf der Matratze, in dem verräucherten Keller, und Masa beugte sich über seinen opiumbenebelten Herrn und rüttelte ihn an der Schulter.

»Kette!«, sagte Masa – derselbe rundgesichtige Asiat, der eben noch neben dem Beamten gesessen hatte. »Hat Kette getsohlen!«

Tatsächlich, die Jadekette, die Fandorin neben sich gelegt hatte, war weg.

»Wer hat sie gestohlen? Te Huanji?«, fragte Fandorin träge. »Meinetwegen. Sie gehört ihm.«

»Wieso Te Huanji? Hat getsohlen alte Mann, der dot auf die Matasse lag.«

Masa zeigte auf den Platz, den eben noch der wunderbare Alte eingenommen hatte. Die Matratze war leer.

»Ach, Masa, du kommst ganz ungelegen«, murmelte der Beamte, aber der Diener riss ihn rücksichtslos hoch, stellte ihn auf die Beine und zerrte ihn zum Ausgang.

Masa wechselte in seine Muttersprache. Übrigens: Selbst wenn jemand der hier Sitzenden Japanisch verstanden hätte, wäre er aus der verworrenen Erzählung doch nicht schlau geworden.

»Als Sie den Verstand einbüßten, Herr, mit den Lippen mümmelten und auf Ihrem Gesicht das dümmliche Lächeln erschien, das immer noch da ist und, wie ich fürchte, nun für immer bleiben wird, ist er aufgestanden, hat sich in den Durchgang gestellt, neben Ihrer Matratze, und hat die Pfeife fallen lassen. Er hat sich gebückt, um sie aufzuheben, und dabei die Kette gegriffen. Umbringen wollte er Sie nicht, ich habe aufgepasst. Er kann noch nicht weit sein! Wir holen ihn ein!«

»Wer ist er?« Fandorin lächelte strahlend. Er fühlte sich angenehm besänftigt und hatte nicht die geringste Lust, irgendwem hinterherzujagen.

»Der alte Chinese, der Ihnen gegenübersaß, wer denn sonst! Sie sind total beduselt von diesem gemeinen Kraut! Wahrscheinlich ist das der Verbrecher, der den Pfeil auf Sie abgeschossen hat und dann über die Mauer gesprungen ist!«

Fandorin machte ein tiefsinniges Gesicht, um zu zeigen, dass er bei klarem Verstand war.

»Wie sieht er aus?«

Masa dachte kurz nach, zuckte die Achseln und sagte: »Eben ein Chinese.«

Dann fügte er hinzu: »Alt. Uralt.«

»Und ich dachte, er wäre jung«, teilte Fandorin mit und bekam einen Lachanfall – so komisch fand er, dass der Chinese, der mühelos die hohe Mauer bezwungen hatte, uralt sein sollte: ein Sprung, und hopp, schon war er auf der anderen Seite. Das war kein Opa, sondern ein Springinsfeld.

Der Diener drehte sich kurz um und verpasste dem Hofrat zwei schallende Ohrfeigen, worauf dieser zu lachen aufhörte und einschnappen wollte, aber dazu war er zu faul.

Sie waren inzwischen draußen. Es war dunkel und windig, das Straßenpflaster glänzte regennass, gegen das Gesicht prasselten Tropfen. Durch die Frische und Feuchtigkeit kam Fandorin teilweise zu sich.

»Da ist er!«, sagte Masa und zeigte nach vorn.

In dreißig Schritt Entfernung trippelte hastig ein gebeugtes Männlein. Es hielt die Ellbogen dicht am Körper, als sei ihm kalt oder als presse es etwas an die Brust. Seine Schritte waren nicht zu hören.

»Ihm nach, a-aber vorsichtig«, sagte Fandorin. Sein Kopf funktionierte jetzt besser, doch die Zunge war schwer, und die Knie gehorchten ihm nicht recht. »Mal sehen, wohin er geht.«

Der Alte bog nach links, noch einmal nach links und kam auf den Sucharew-Platz, wo Laternen brannten und wo immer noch gehandelt wurde, woraus Fandorin, der jedes Zeitgefühl verloren hatte, schloss, dass es nicht sehr spät war.

Der Dieb schlängelte sich am Rand des Platzes entlang und tauchte wieder in ein enges Sträßchen ein. Die Verfolger beschleunigten den Schritt.

»Euer Hochwohlgeboren, Sie?«, vernahm der Beamte eine volltönende Stimme, die ihm bekannt vorkam.

Er drehte sich um, verlor bei dieser nicht gerade komplizierten Bewegung beinahe das Gleichgewicht und erblickte den Reviervorsteher Nebaba, der einen zerlumpten Mann mit verbundener Backe am Ohr festhielt. Nachdem sich Nebaba vergewissert hatte, dass er wirklich den Hofrat vor sich hatte, wies er mit dem Kopf auf den Festgenommenen.

»Ein Taschendieb. Auf frischer Tat erwischt.«

»Makar Nilowitsch, lass mich laufen«, ningelte der Dieb. »Verpass mir lieber eine Abreibung, aber schick mich nicht ins Kalte.«

Das trifft sich gut, dachte Fandorin. Der Chinese ist flink und wendig, Masa wird schwerlich allein mit ihm fertig, und auf mich ist in meinem jetzigen Zustand wenig zu hoffen. Da Nebaba nach so vielen Dienstjahren in Sucharewka immer noch lebt, ist er mit allen Wassern gewaschen und kann für sich einstehen. Außerdem kennt er die Gässchen hier besser als jeder Chinese. Den schickt mir der Himmel.

»Den Mann laufen lassen«, befahl Fandorin knapp. »Mir nach. Aber leiser mit den Stiefeln.«

Im Gehen erklärte er dem Polizisten kurz, worum es ging.

Der Alte trippelte durch das Sträßchen, bog in die Andrianowski-Gasse ab und verschwand plötzlich in einem engen Durchgang.

»Das war’s, Euer Hochwohlgeboren!«, hauchte Nebaba dem Beamten ins Ohr. »Wir müssen ihn festnehmen. Dort vorn gehen drei Torwege ab, außerdem die Mokejewschen Keller. Da entwischt er.«

Ohne einen Befehl abzuwarten, stürmte er vor und stieß obendrein in seine Trillerpfeife.

Masa und Fandorin liefen hinterher.

In einem schmalen Hof holte der Polizist den Chinesen ein und packte ihn an der Schulter.

»Vorsicht!«, rief Fandorin.

Woher sollte ein schlichter Polizist wissen, welche Überraschungen magere chinesische Greise bereithalten können?

Doch Nebaba wurde mit der Aufgabe spielend fertig – der Dieb versuchte weder zu fliehen noch Widerstand zu leisten. Als Fandorin und sein Kammerdiener näher kamen, stand der Chinese friedlich da, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, und wiederholte mit zitternder Stimme: »Mei shi! Mei shi!«

Masa bog die Finger des Verhafteten auf, nahm die Jadekette (der Alte hatte sie tatsächlich an die Brust gedrückt) und gab sie Fandorin.

Der Beamte starrte den Chinesen gespannt an. Ein alter Mann, weiter nichts. Da war weder die Weisheit des Te Huanji im erschrockenen Gesicht noch die Gewandtheit des gestrigen Schützen im schwächlichen Körper. Etwas stimmte hier nicht.

Der Polizist, der hinter dem Verhafteten stand, bemerkte skeptisch:

»Wie Sie meinen, Herr Fandorin, aber es sieht nicht so aus, als ob diese halbe Portion Prjachin mit dem Beil zerstückelt hat. Der kann doch nicht mal ein Beil hochheben.«

Noch ehe Fandorin antworten konnte, kam ein Rascheln aus der Dunkelheit, ein kurzer Atemstoß, dann schlug etwas Weiches gegen etwas Weiches. Nebaba knallte mit dem Gesicht auf den Boden, die langen Arme von sich gestreckt. Wo er eben noch gestanden hatte, zeichnete sich eine Silhouette ab, in der Fandorin sofort den gestrigen Mauerspringer erkannte: die eng anliegende Kleidung, die federnde Haltung, das konische Mützchen. Masa fauchte wütend und machte sich zum Kampf bereit, aber da warf der schwarze Mann mit einer blitzartigen Bewegung ein Bein hoch und traf den Japaner punktgenau am Kinn. Der Stoß erfolgte so unglaublich schnell, dass er den treuen Diener Fandorins, einen erfahrenen und gefährlichen Kämpfer, überrumpelte.

Ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, ging Masa zu Boden, damit war Fandorins Streitmacht schon in den ersten Sekunden der Schlacht niedergeworfen, und der Heerführer fühlte sich dem Kampf mit solch einem bedrohlichen Gegner, genauer, mit zweien, nicht gewachsen.

Nein, es war doch nur einer – der alte Chinese machte keine Anstalten, sich auf den Beamten zu stürzen. Er wich zur Wand zurück, umfaßte den Kopf mit den Händen und wehklagte: »Sanshen, bu yao!«

Wäre Fandorin in seiner üblichen Verfassung gewesen, so hätte er ohne Zögern den Zweikampf mit diesem Meister der Kampfkünste aufgenommen, oder er hätte ihm mit seinem Herstal einfach in den Knöchel geschossen. Doch nach der Revolvertasche zu greifen, war keine Zeit – bei der geringsten Bewegung würde der Gegner sofort einen Präventivschlag führen. An ein Handgemenge war auch nicht zu denken. Fandorin versuchte, eine Kampfstellung einzunehmen, und sofort schwankte die Erde unter seinen Füßen. Wenn ich am Leben bleibe, rühre ich nie wieder dieses Mistzeug an, schwor er sich, während er langsam zurückwich.

Die Kampfstellung schien den Gegner doch zu beeindrucken: Er beschloss, sich nicht nur auf seine Hände und Füße zu verlassen. Mit leichter Bewegung zog er etwas Langes, Geschmeidiges aus dem Ärmel und ließ es pfeifend und blitzend durch die Dunkelheit kreisen. Eine Stahlkette, erriet Fandorin. Die konnte einem Menschen einen Knochen durchschlagen und die Kehle zerfetzen.

Fandorin hatte leider nichts in den Händen außer der unseligen Jadekette. Vor dem ersten Hieb der Stahlschlange konnte er sich wegducken, wäre dabei aber fast gestürzt, und er sprang noch ein paar Schritte zurück. Weiter konnte er nicht – hinter ihm war die Mauer. Er schwenkte die Kette und beschrieb in der Luft eine sirrende Acht. Mochte der Feind denken, dass auch er eine Stahlkette hatte, dann hielt er sich vielleicht zurück. Aber das Schwenken bewirkte nur, dass der außerordentlich reißfeste Zwirn der Firma »Pusyrew und Söhne« zerriss und die Jadekügelchen unrühmlich nach allen Seiten flogen.

Der Mann in Schwarz machte einen kleinen Schritt nach vorn, bereit zum entscheidenden Angriff. Als Fandorin hörte, wie die todbringende Kette die Luft zerschnitt, fiel ihm eine taoistische Maxime ein: Die Kraft des Geistes besiegt das Schwert. Bloß schade, dass es im übertragenen Sinn gemeint war. Aber ein Versuch konnte nicht schaden, zumal ihm in dieser Situation gar nichts anderes übrigblieb. Er bündelte das zerfließende Gewebe seines Geistes, streckte die weichen, wie aus Watte bestehenden Arme vor und sagte genau in dem Moment, als der Gegner zum Vorstoß ansetzte, das magische Wort »Tien«, was geistige Kraft bedeutete (denn auf die körperliche war nicht zu hoffen).

Es wirkte!

Der Mann in Schwarz benahm sich wie eine vom Faden abgerissene Marionette: Er klatschte in die Hände, ein Bein schnellte sonderbarerweise nach vorn, das andere nach oben, und schon schlug er mit dem Hinterkopf so hart auf die Pflastersteine, dass es widerlich knirschte.

Da begriff Fandorin, dass es das alles gar nicht gab – den Raub der Kette, die Verfolgung des Alten, den phantastischen Zusammenstoß im dunklen Hof. Das waren nur Trugbilder im Opiumrausch. Gleich würden sich die Halluzinationen verflüchtigen, und er würde wieder im Halbdunkel sitzen, umgeben von grauem Rauch und den unbeweglichen Silhouetten der Raucher.

Er schüttelte den Kopf, um schneller zu sich zu kommen, aber es half nicht.

Statt dessen kam Makar Nebaba zu sich, und auch Masa regte sich – er griff sich ans blessierte Kinn und sagte ein paar unschöne Wörter auf japanisch und auf russisch. Doch als erster berappelte sich der Polizist. Er setzte sich stöhnend auf, rieb sich das Genick und fragte heiser: »Womit hat er mich? Mit dem Beilrücken?«

»Mit der Handkante«, erklärte Fandorin und sah den Polizisten neugierig an – wenn der sich nun plötzlich in den Zauberer Te Huanji verwandelte oder etwas noch Verrückteres anstellte?

Der Polizist erhob sich ächzend, machte ein paar Schritte, rutschte aus und fiel beinahe hin.

»Verdammt! Da liegen irgendwelche Kügelchen. Außerdem kann ich den Hals nicht drehen.«

Er trat zu dem hingestreckten Mann in Schwarz. Bückte sich und zündete ein Streichholz an. Und stieß einen Pfiff aus.

»Das ist ein Ding! Seine Erlaucht Graf Chruzki in höchsteigener Person!«

 

5

 

Das Verhör der Verhafteten sollte erst nach der Ankunft des Untersuchungsführers stattfinden, zu dem Nebaba vom Revier aus einen Eilboten geschickt hatte. Aus der provisorischen Aufenthaltsgenehmigung, die der Chinese vorwies, ging hervor, dass er Fang Chen hieß, siebenundsechzig Jahre alt war und im Haus des Grafen Chruzki wohnte, wo er das Amt des Kochs versah. Er konnte nur ein paar Brocken Russisch, und den gelehrten Orientalisten dolmetschen zu lassen, wäre unter den gegebenen Umständen zumindest merkwürdig gewesen.

»Sperren Sie den Chinesen vorerst in eine Z-Zelle«, befahl Fandorin dem Reviervorsteher. »Seine Rolle in dieser Geschichte ist mehr oder weniger klar. Sein Herr hat ihm befohlen, mir zu folgen, bei der ersten Gelegenheit die Kette zu entwenden und zu dem vereinbarten Treffpunkt zu bringen. Nicht wahr, Lew Aristarchowitsch?«

Graf Chruzki saß in der Ecke auf einem wackligen Hocker und war in Anbetracht seiner ungewöhnlichen Sportlichkeit an den staubigen gusseisernen Ofen gekettet. Er war wieder bei vollem Bewusstsein und saß ungezwungen da, die Beine in den engen Leinenhosen übereinandergeschlagen. An seinen unglücklichen Sturz erinnerte nur ein graues Handtuch, mit dem ihm der verletzte Hinterkopf verbunden worden war. Das chinesische Samtmützchen lag am Boden, die schwarze Stoffjacke hatte der Graf aufgeknöpft, so dass nicht nur seine Brust entblößt war, sondern auch der muskulöse Bauch, aber das schien Chruzki nicht im geringsten zu genieren.

»Die reine Wahrheit, Erast Petrowitsch«, antwortete der Arretierte und betrachtete den Hofrat mit Interesse. »Fang hat nichts gewusst. Ich habe ihm gesagt, dass die Kette mir gehört und dass Sie mich darum geprellt haben. Er ist ein lieber, harmloser alter Mann und ein vorzüglicher Kenner der klassischen Sichuan-Küche.«

»Was hat es mit der Kette auf sich, Euer Erlaucht?«, mischte sich der Reviervorsteher ein. »Was ist an diesen Steinchen bloß so wertvoll, dass Sie ihretwegen zum Berserker geworden sind? Sie haben Prjachin mit dem Beil zerstückelt, und ums Haar hätten Sie auch Herrn Fandorin und mich kaltgemacht. Sie gehen zur Zwangsarbeit, für zwanzig Jahre! Wofür?«

Statt zu antworten, sah Chruzki Fandorin fragend in die Augen, als wolle er ergründen, wie viel dieser wusste.

»Das ist nicht mit zwei Worten gesagt, Makar Nilowitsch«, sagte Fandorin. »Diese Kette gehörte einem chinesischen W-Weisen, der vor vielen Jahrhunderten lebte. Er hieß Te Huanji. Zumindest glaubt Graf Chruzki, dass es seine Kette ist. Obwohl Te Huanji wahrscheinlich gar nicht existierte und die Geschichte mit der Jadekette nichts weiter als eine Legende ist.«

»Bravo, Fandorin, ich habe Sie unterschätzt«, flüsterte der Graf und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Aber Te Huanji hat existiert, und es ist tatsächlich seine Kette.«

Fandorin breitete die Arme aus.

»Ich bin kein Kenner von taoistischen Legenden und will nicht mit Ihnen streiten. Außerdem sind wir nicht zu einem wissenschaftlichen Disput hier, sondern aus ganz anderem Anlass. Als ich auf einer der Kugeln das halbverwischte Schriftzeichen ›te‹ las, fiel mir plötzlich die Legende von dem Taischan-Zauberer ein, dessen Name mit diesem Zeichen beginnt. Ich habe in einem Buch über Zauberlegenden des Altertums nachgelesen und begriffen, was diese bescheidenen Perlen für einen Menschen, der von einer Wahnidee besessen ist, bedeuten können. Nur in einem habe ich mich geirrt – ich war mir sicher, dass der Verbrecher ein Chinese ist. Aber ich hätte auch an die Chinakenner denken müssen.«

Der Graf lachte verstehend auf.

»Sie sind also ins chinesische Viertel gegangen, um den Bösewicht mit dem Köder zu fangen?«

»Natürlich. Denn Chinesen gibt’s in M-Moskau nicht allzu viele, zwei- bis dreitausend, und die leben alle auf einem Haufen. Ein Weißer, der sich mit einer Jadekette in der Hand in chinesischen Garküchen und Spelunken herumdrückt, kann nicht unbemerkt bleiben … Sagen Sie, Lew Aristarchowitsch, Sie sind doch vorgestern mit einer ganz bestimmten Absicht auf dem Ball erschienen? Sie wussten, dass ich dort sein würde, und wollten mein Interesse für die Ermordung des Antiquitätenhändlers wecken? Was haben Sie sich davon versprochen, mich in diese Geschichte hineinzuziehen? Warum sind Sie ein solches R-Risiko eingegangen?«

»Man sagt, dass Sie sieben Werst unter die Erde blicken können und jedes Rätsel lösen. Ich erinnere mich an ein länger zurückliegendes Gespräch mit Ihnen – Sie haben damals auf mich den Eindruck eines höchst scharfsinnigen Beobachters gemacht …«

»Und da dachten Sie, dass ich das finde, wonach Sie vergeblich suchten?«

»Ich hab’s ja gesagt – Sie sind scharfsinnig«, sagte der Graf halb im Ernst, halb spöttisch.

»Na schön. Aber wie haben Sie erfahren, daß ich die K-Kette gefunden habe? Am Morgen habe ich Prjachins simples Versteck entdeckt, und schon am Abend haben Sie versucht, mich umzubringen.«

Hier räusperte sich Nebaba, und zwar so angestrengt, dass Fandorin sich zu ihm umdrehte.

»Sie? Sie haben es ihm erzählt? Aber w-wozu? Wollten Sie von dem Experten erfahren, was die Kette wert ist? Sind Sie vom Laden schnurstracks zu Chruzki gegangen?«

»Nicht doch«, rief Nebaba verlegen im Bass. »Das heißt, ehrlich gesagt, ich hatte es vor, aber es war nicht nötig. Als ich mich von Ihnen verabschiedet hatte, wollte ich ins Revier, um das Protokoll zu schreiben, da kam mir Seine Erlaucht entgegen. Ich Trottel freu mich noch. Na, denk ich, was für ein glücklicher Zufall …«

»Ja, sehr glücklich«, bestätigte Fandorin giftig und wandte sich wieder dem Grafen zu. »Sie waren wohl ungeduldig, Lew Aristarchowitsch? Und zogen Ihre K-Kreise um den Laden? Selbstverständlich sagten Sie dem Reviervorsteher, dass die Kette fünf Rubel wert ist, oder?«

»Drei«, antwortete Chruzki. »Drei Rubel und fünfundzwanzig Kopeken. Für eben diese Summe hat der verblichene Prjachin vor einer Woche die Jadekette von einem opiumsüchtigen Chinesen erworben. Ich habe über diesen heiligen Gegenstand viel gehört und gelesen, als ich ein Probejahr in einem Schan-Kloster war. Fünfundzwanzig von der Zeit abgeschliffene Jadekügelchen, jedes mit einem Durchmesser von einem Sun, und auf einem ist das erste Schriftzeichen vom Namen des Ewiglebenden … Die Kette ist während des mandschurischen Einfalls verschollen und galt als unwiederbringlich verloren. Wie oft habe ich sie mir vorgestellt, wenn ich im Hochgebirgsschnee in der Haltung ›Jia chi‹ saß oder mit der Handkante meine täglichen achthundertachtundachtzig Bambusstäbe durchschlug …« Die Stimme des Grafen wurde träumerisch, die Augen umflorten sich, die Lider gingen herunter.

Fandorin wartete etwas und zerstörte dann taktlos die Erinnerungen des Orientexperten.

»Also, Sie sind zu Prjachin gegangen, um zu sehen, ob er etwas Neues hatte, und entdeckten die Jadekette. Sie konnten Ihr Glück nicht fassen, griffen mit zitternder Hand nach der Lupe, dankten dem Himmel und so weiter und so fort. Was geschah dann?«

Chruzki öffnete die Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Ja, als Prjachin mir die Kette zeigte und fragte, ob er dem Opiumsüchtigen nicht zu viel gezahlt habe, hatte ich mich nicht in der Gewalt. Ich hätte achtlos die Achseln zucken und die Kette mit herablassender Miene für fünf Rubel kaufen sollen. Aber ich hatte völlig den Kopf verloren, weinte wohl sogar … Ich bot Prjachin auf Anhieb fünfhundert, aber er lachte nur. Mit vor Glück bebender Stimme versprach ich ihm tausend – er lehnte ab. Da erhöhte ich gleich auf zehntausend, obwohl, um eine solche Summe aufzubringen, hätte ich meine Sammlung verkaufen und außerdem das Haus verpfänden müssen. Aber Prjachin schnappte über. Jeder Antiquitätenhändler hat einen Traum: einmal im Leben eine Rarität von märchenhaftem Wert zu ergattern. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich der einzige Mensch in Russland bin, für den diese Kette eine Kostbarkeit darstellt. Er glaubte mir nicht. Er sagte:

›Wenn Sie als unvermögender Mann zehntausend geben wollen, rückt ein Millionär wie Mamontow oder Chludow hunderttausend heraus …‹ Ich sann lange darüber nach, wie ich in den Besitz der Kette kommen könnte, und beschloss zu guter Letzt, sie zu stehlen. Ich betäubte den Gehilfen, kehrte das Unterste zuoberst, fand sie aber nicht. Prjachin erzählte mir dann, man habe ihn bestohlen. Dem Ärmsten wäre natürlich nie in den Sinn gekommen, dass Graf Chruzki zu einem Raubüberfall fähig sein könnte …«

»Sie brauchen nicht fortzufahren«, stoppte Fandorin den Grafen. »Das Weitere ist klar. Als Sie die Kette nicht fanden, gerieten Sie in Raserei und beschlossen, die Reliquie um jeden Preis, und sei es um einen b-blutigen, in Ihren Besitz zu bringen. Aber Prjachin erwies sich als harte Nuss … Herrgott, Lew Aristarchowitsch, Sie haben die Universität absolviert! Wie kann man, aus welchem Grund auch immer, und sei es, um hinter das Geheimnis der Unsterblichkeit zu kommen, einen lebendigen Menschen mit dem Beil zerstückeln? Außerdem ist es eines Gelehrten unwürdig, an solche Albernheiten zu glauben.«

»Euer Hochwohlgeboren«, flehte der Reviervorsteher. »Seien Sie so gut und erklären Sie mir, worum es geht! Was für Albernheiten? Was für ein Geheimnis?«

»Dummheiten eben!« Fandorin winkte ärgerlich ab. »Märchen. Laut Überlieferung hat Te Huanji viele Jahre lang versucht, das Geheimnis des ewigen Lebens zu finden, seinerzeit entdeckt von dem großen Lao-tse, der somit unsterblich geworden war. In einem alten Buch steht geschrieben, dass Te Huanji die Erleuchtung zuteil wurde, die höchste Weisheit, und dass er den Tod besiegte, indem er eine grüne Jadekette durch die Hände gleiten ließ. Er lebte dreimal je achtzig Jahre, dann überwand er sogar die Schwelle zur Ewigkeit, was die Zahl fünfundzwanzig symbolisiert – dreimal Langlebigkeit plus eins.«

Der Graf schüttelte den Kopf und sah den Beamten mit echtem Mitgefühl an.

»Verstand und Logik sind nichts vor der Größe des Geistes. Armer glückhafter Erast Petrowitsch, wie blind Sie doch sind! Was hat Sie zweimal vor dem sicheren Tod gerettet, wenn nicht der Besitz der heiligen Kette? Warum, warum nur wurde sie einem gleichgültigen Laien zuteil und nicht mir?«

»Weil Sie, Euer Erlaucht«, erwiderte der Hofrat streng, getroffen von dem Wort »Laie«, »das Wesentliche der Legende nicht begriffen haben. Die Kette des Te Huanji gibt sich nicht in die Hände eines Menschen mit bösem Herzen. Ich fürchte, dass Sie in Ihrem Kloster das Geheimnis des Lebens doch nicht ergründet haben – Sie waren zu sehr mit dem Zerhauen von Bambusstäben beschäftigt.«

Vor den dunklen Fenstern hielt polternd eine Droschke, ein Wagenschlag klappte.

»Der Untersuchungsführer ist eingetroffen«, erklärte der Reviervorsteher und erhob sich.

Herein kam ein magerer Herr mit Zwicker, mit galligem verschlafenem Gesicht – Sergej Sergejewitsch Lemke von der Staatsanwaltschaft.

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