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Das Fest des Horrors - 8 unheimliche Romane

Das Fest des Horrors - 8 unheimliche Romane

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Das Fest des Horrors – 8 unheimliche Romane

Alfred Bekker | Burg der Schatten | Copyright

1 | Irland Anno 1423

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Alfred Bekker Grusel-Krimi #14 – Der Todesengel

Der Todesengel | von Alfred Bekker

Copyright

Teil 1: DER HIRNFRESSER | Prolog | In der Schädelhöhle von Maskatan...

Bangor, Maine... | Einige Wochen später...

Teil 2: MURPHYS DOLCH

New York City...

A.F.Morland - Die toten Augen

Copyright

Die toten Augen

A.F. Morland: Das Monster von Sorrent

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Das Monster von Sorrent

Horst Friedrichs: Der Wolfsmensch

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Der Wolfsmensch

A.F. Morland: Im Würgegriff des Zyklopen

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Im Würgegriff des Zyklopen

A.F.Morland: Lautlos tötet der Vampir

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Roman

Horst Friedrichs: Das Beinhaus der Bluthexe

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Roman

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Das Fest des Horrors – 8 unheimliche Romane

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Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Geschichten dieses Buches

Umfang  900 Seiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Alfred Bekker: Burg der Schatten

Alfred Bekker: Der Todesengel

A.F.Morland: Die toten Augen

A.F.Morland: Das Monster von Sorrent

Horst Friedrichs: Der Wolfsmensch

A.F.Morland: Im Würgegriff des Zyklopen

A.F.Morland: Lautlos tötet der Vampir

Horst Friedrichs: Das Beinhaus der Bluthexe

––––––––

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COVER: KLAUS DILL

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Alfred Bekker

Burg der Schatten

Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author Titelbild Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Irland Anno 1423

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Ein Land des Todes, dachte der einsame Reiter. Eine Art Wüste, die nicht durch das Klima geschaffen zu sein scheint, sondern...

Murphy zügelte sein Pferd.

Der Weg zur Küste führte hier her. Und dorthin wollte er.

Eine Aura unvorstellbaren Alters schien über dem kargen, steinigen Land zu liegen, das sich von Horizont zu Horizont erstreckte.

In jener Herberge, in der Murphy die letzte Nacht verbracht hatte, hatte man ihn eindringlich davor gewarnt, hier her zu reiten. Aber mehr als ein paar düstere Andeutungen waren es nicht gewesen, die dem Wirt zu entlocken gewesen waren und so hatte Murphy beschlossen, nichts weiter darauf zu geben und seinen Weg einfach fortzusetzen.

Man konnte ihm sicher vieles nachsagen, aber nicht, dass er ein ängstlicher Mann gewesen wäre, der sich allein durch das Geschwätz eines Wirtes in Furcht versetzen ließ.

Murphy ließ den Blick schweifen.

Beim Anblick dieser Einöde stockte ihm der Atem.

Ein eigenartiger Geruch lag in der Luft. Ein Geruch, der nicht zu diesem toten Land passen wollte, weil er Leben voraussetzte. Wenn auch vergangenes Leben.

Es war ein Hauch von Moder und Verwesung.

Der Geruch der Verwesung, kalt und erstickend wie in dunklen, uralten Grabhöhlen.

Alles Lebendige schien aus irgendeinem Grunde aus diesem Landstrich geflohen zu sein, nur nackter Stein und kahler Fels waren geblieben.

Aber Murphys Weg führte ihn nun einmal nach Norden, zur Ulster-Küste, und wenn ihn auch bei dem Anblick, der sich ihm in diesem Moment bot, ein kalter Schauer überkam, so hatte er doch keinerlei Neigung, einen Umweg zu reiten. Nein, so leicht ließ er sich nicht von seinem Weg abbringen.

So leicht nicht...

Er blicke sinnend in die Ferne.

Seine Augen wurden schmal dabei und sein Herz schien sich anzufühlen wie ein kalter Stein.

Empfindungen von eigenartiger Düsternis überkamen ihn. Ihn schauderte. Was ist nur mit mir?, fragte er sich. Er konnte es nicht erklären. Nur weiter, keine Gedanken machen, nicht grübeln...

So trieb Murphy sein Pferd voran, aber selbst das Tier unter ihm schien ein instinktives Gespür dafür zu haben, dass es vielleicht besser war, diesen Landstrich zu umreiten. Es scheute, bewegte sich nur widerwillig vorwärts. So widerwillig, dass Murphy ihm die Sporen geben musste.

Nach einiger Zeit kam Murphy an verlassenen Dörfern vorbei, in denen schon jahrelang kein Mensch mehr zu leben schien.

Vielleicht war es eine schreckliche Seuche gewesen, die diesen Landstrich entvölkert hatte, vielleicht auch eine besonders verheerende Dürre.

Murphy wusste es nicht.

Es dauerte nicht lange, da sah er in der Ferne, auf einer Anhöhe die Silhouette einer Burg auftauchen, die sich düster gegen den grau gewordenen Himmel abhob.

Murphy hatte wohl ein wenig die Orientierung verloren, jedenfalls hatte er nicht die geringste Ahnung, wessen Herrensitz diese Burg wohl sein mochte.

Doch je näher er ihr kam, desto verlasssener wirkte sie auf ihn. Gerade so, als ob auch aus ihr alles Leben geflohen war...

Es war schon spät.

Bald würde die Nacht hereinbrechen und Murphy hatte keine Lust, unter freiem Himmel zu schlafen.

Außerdem konnte er sich nach dem Weg erkundigen.

So hielt auf die Burg zu.

Vor dem Tor befand sich ein offenbar ausgetrockneter Graben. Die Zugbrücke war hochgezogen.

"Heh, ist da jemand?", rief Murphy, so laut, wie es ihm seine Stimme erlaubte.

Aber es antwortete ihm niemand.

Murphy versuchte es noch ein paarmal, kam dann aber zu dem Schluss, dass entweder auch diese Burg nicht mehr bewohnt war, oder ihre Bewohner keinerlei Interesse daran hatten, Besucher einzulassen.

Murphy lenkte sein Pferd herum und wollte schon davonreiten, da ging plötzlich mit einem grauenhaften Getöse die Zugbrücke hinunter.

Es knarrte furchtbar und es schien fast so, als würde sie mehr herunterfallen als heruntergelassen.

Murphy zuckte mit den Schultern.

Neugier hatte ihn gepackt.

Vorsichtig lenkte er das Pferd über die schon ziemlich morsch wirkende Brücke. Aber sein Misstrauen war unbegründet. Sie hielt und Murphy erreichte unversehrt das offene Burgtor.

Murphy ließ seinen Blick ein wenig umherschweifen. Auf dem Burghof war niemand und fast wollte es ihm scheinen, als wäre diese Burg ebenfalls völlig unbewohnt und die Zugbrücke von allein heruntergefallen. Vielleicht, weil die Ketten durchgerostet waren...

Der Zahn der Zeit und die schwarze Magie des Verfalls—sie haben an allem genagt, was in diesem eigenartigen Land zu finden ist!, dachte der einsame Reiter.

Aber einen Augenblick später sah Murphy, dass er sich getäuscht hatte.

Ein hagerer kleiner Mann tauchte auf. Er hatte einen grauweißen Spitzbart und nur noch eine Handvoll Haare auf dem Kopf.

"Seid gegrüßt!", rief Murphy. "Ich nehme an, Ihr seid der Herr auf dieser Burg!"

Der Hagere schüttelte den Kopf und ließ ein meckerndes Lachen hören, wobei er zwei Reihen schlechter Zähne entblößte.

Sein Kopf erinnerte Murphy in diesem Moment an einen Totenschädel...

"Nein", sagte er. "Ich bin nur der Diener!"

So war diese Burg doch nicht unbewohnt, obwohl alles hier einen derart verfallenen und verlassen Eindruck machte. Nach dem Ritt durch die menschenleere Einöde, die diesen Herrensitz umgab, war Murphy richtig erleichtert, wieder die Stimme eines menschlichen Wesens hörte.

"Mein Name ist Murphy!", sagte der Reiter. "Und ich bin auf dem Weg nach Norden, zur Küste. Vielleicht könnte ich auf dieser Burg ein Quartier für die Nacht finden..."

Der Alte sah Murphy mit einem seltsamen Blick an und musterte den einsamen Reiter von oben bis unten. Ein abschätziger Blick.

"Das wird mein Herr zu entscheiden haben", sagte er dann. "Wartet hier!"

Daraufhin verschwand der Alte in einem der Burggebäude und es dauerte eine ganze Weile, ehe er dann zurückkehrte, um Murphy mitzuteilen, dass sein Herr ihn zu empfangen wünschte.

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Er machte sein Pferd irgendwo fest und ließ sich dann von dem alten Diener in die düster wirkenden Burggemäuer führen.

Alles schien staubig und sehr alt zu sein, so als wären schon seit Generationen keine Menschen mehr hiergewesen.

Es ging steile Wendeltreppen hinauf und schließlich erreichten sie einen großen Festsaal, in dem eine lange Tafel stand.

Ein Ort, der dich an Tod und Verfall gemahnt, dachte Murphy. Warum nur? Was ist hier geschehen? Welcher Pesthauch hat hier gewütet? Oder ist dieser Eindruck nichts als eine Vorspiegelung meiner eigenen Seele?

Murphy ließ den Blick schweifen.

Am Ende der Tafel saß ein einziger Mann.

Er war höchstens halb so alt wie der Diener. Ein schwarzer Bart umrahmte sein leichenblasses Gesicht, das irgendwie krank wirkte.

Als Murphy von dem Diener hereingeführt wurde, blickte er auf und sah den Fremden mit blassblauen Augen nachdenklich an.

Murphy stellte sich vor und sagte ihm auch, dass er gerne die Nacht über in der Burg bleiben würde.

"Das Wetter scheint umzuschlagen", meinte er. "Da ist es nicht schlecht ein Dach über dem Kopf zu haben!"

"Ihr sagt es, fremder Herr!"

"Um so dankbarer bin ich Euch!"

Jener Mann, der offensichtlich der Burgherr war, erhob sich und nickte. Dann kam er herangetreten und reichte Murphy die Hand.

"Willkommen auf Burg Kavan!", sagte er. "Und ich bin Lord Rory von Kavan, der Herr dieser Burg!" Er atmete tief durch, während er noch immer seine Hand hielt. Die seine fühlte sich kalt an, fast wie eines Toten und so zuckte Murphy im ersten Moment unwillkürlich zurück.

Eine Totenhand!, dachte Murphy.Und wie pergamentartig ist die Haut dieses Mannes... Wie die Haut eines vollkommen ausgetrockneten Leichnams, der in Wachs konserviert wurde!

Er schien Murphys Unbehagen zu bemerken und lächelte verlegen.

Dann leckte er mit der Zunge über seine dünnen, blutleeren Lippen und sagte: "Dies ist ein kaltes Land, Murphy , viel kälter, als der Rest von Connacht! Und wie es scheint, färbt die Kälte auf die Bewohner ein wenig ab! Aber das ist für Euch kein Grund zu erschrecken!"

"Ich erschrecke nicht!", gab Murphy unrichtigerweise zurück. Es war eine Lüge.

"Dann wärt Ihr der erste, der Burg Kavan betritt und nicht erschreckt!", gab der Burgherr Murphy zurück und auf einmal blitzte es in Lord Rorys Augen.

Und die Art und Weise, wie Rory von Kavan den einsamen Reiter musterte, gefiel diesem nicht.

Murphy hatte in diesem Augenblick keine Erklärung dafür, er fühlte nur ein dumpfes Unbehagen, so dass er sich instinktiv an dem Griff des kurzen Schwertes festhielt, das er an der Seite trug.

"Ihr habt sicher noch nichts gegessen!", stellte Lord Rory fest und Murphy nickte.

"Das ist richtig", sagte Murphy. "Ich kam durch ein fast unbewohntes Land, in dem ich mir nicht einmal einen Hasen hätte erjagen können..."

"Wem sagt Ihr das!"

"Nie zuvor reiste durch eine derartige Ödnis..."

"Ich verstehe durchaus, was Ihr meint, Murphy!"

"...und ich frage mich, wie es Euch und Eurem Gesinde überhaupt möglich ist, in dieser Umgebung zu überleben!"

Lord Rory lächelte matt. "Wer behauptet denn, dass es leicht wäre..."

Murphy rieb die Hände gegeneinander. Eine eigenartige  Kälte hatte ihn erfasst, war bis ihm bis ins Mark gedrungen und hatte ihn erbärmlich frösteln lassen. Eine Art von Kälte, von der Murphy zu ahnen begann, dass weder Kleidung noch Kaminfeuer dagegen zu helfen vermochten. An was für einen schrecklichen Ort bin ich hier nur gelangt!, ging es ihm durch den Kopf. Grauenhaft...

Lord Rory wandte sich an den alten Diener.

"Padric! Du könntest in unseren Vorräten nachschauen und unserem Gast ein Mal bereiten!"

Padric hob die Augenbrauen. Von einen Moment zum anderen schien wieder ein Hauch von Leben in den ansonsten fast wie zur Salzsäule erstarrten Padric gefahren zu ein.

"Jawohl, Milord."

"Dann beeil dich!", forderte Lord Rory. "Schnell!"

"Ich werde mein Bestes tun!", versicherte der Diener.

Und damit verschwand der alte Mann durch die Tür.

Rory kam auf Murphy zu und dieser fragte ihn: "Mir scheint, Ihr würdet über eine einzige Ödnis herrschen, Sire!"

Er machte ein ernstes Gesicht.

Als er noch einen weiteren Schritt vortrat, fiel das Licht, das durch das Fenster hereinkam, auf sein Antlitz und man sah seine ungesunde, blasse Haut.

Sie schien geradezu etwas Pergamentartiges an sich zu haben und erinnerte Murphy unwillkürlich an die Haut eines aufgebahrten Toten, der schon einige Zeit auf seine Bestattung wartete...

Rory schien Murphys Gedanken irgendwie zu erraten und verzog seine dünnen, blutleeren Lippen zu einem verlegenen Lächeln.

"Hat man Euch nicht gewarnt, hier her zu reiten? Hat man euch nicht gesagt, was mit diesem Land los ist, Murphy?"

"Man hat mich gewarnt, Sire!"

"Was hat man euch gesagt?"

"Nur dummes Geschwätz, wie man es oft von Leuten hört, die über die Grenzen ihres Dorfes nie hinausgekommen sind. Von einem Fluch war die Rede..."

"Und sonst noch?"

"Nur Unbestimmtes, nichts, was greifbar wäre!"

"Ist ein Fluch denn nichts Greifbares, werter Murphy?"

Murphy sah ihn an und wusste im ersten Moment nichts zu sagen.

Ja, hinter den Schauergeschichten, die er gehört hatte, mußte etwas Greifbares stecken...

Zumindest konnte das Leben aus diesem Land nicht ohne Grund verschwunden sein...

"Ich sehe, daß dies ein Land des Todes ist, Sire!", sagte Murphy schaudernd.

"Und dennoch bleibt ihr hier, auf Burg Kavan..."

"Mein Weg führte mich hier her. Ich will nach Norden, zum Kloster von Saint Dermot."

"So seid Ihr ein Pilger!"

"Man kann es so auffassen!", erwiderte Murphy, der keinerlei Anlass verspürte, seinem Gegenüber die Beweggründe, die ihn zu seiner Reise motiviert hatten, näher auseinanderzusetzen. "Jedenfalls hatte ich keine Lust, wegen ein paar Geschichten einen weiten Umweg zu reiten..."

"Was ein Umweg ist und was nicht, erweist sich oft erst sehr viel später, Murphy."

"Da mögt Ihr allerdings recht haben."

Rory von Kavan wandte sich zum Fenster und blickte hinaus auf den Burghof.

Dann sagte er plötzlich: "Es scheint tatsächlich ein Fluch über diesem Land zu liegen." Er flüsterte fast. "Aber seid versichert, Murphy: Hier, auf Burg Kavan seid Ihr sicher!"

"Sicher -—wovor?"

"Ach, nichts... Ich redete nur so vor mich hin..."

Er brach ab, blickte an Murphy vorbei.

Eine Tür öffnete sich in  diesem Moment und die Gestalt einer jungen Frau trat ein. Ihre Züge waren feingeschnitten, ihr Haar kunstvoll aufgesteckt, ihre Bewegungen waren grazil und federnd.

Aber sie war ebenso bleich wie Lord Rory von Kavan und sein gebrechlicher Diener.

Murphy musterte sie und bemerkte dann, wie Rory vom Fenster herumwirbelte. Und Murphy sah auch das, was im ersten Moment in Rorys seinem Gesicht geschrieben stand, als er die junge, bleiche Frau erblickte.

Erschrecken!

Dann erst begann sich das Gesicht des Burgherrn zu entspannen. Er kam von Fenster heran, stellte sich neben die junge Frau und stellte ihr den fremden Wanderer vor.

"Dies ist Murphy, ein junger Reisender, der in den Norden, zum Kloster Saint Dermot unterwegs ist!"

Sie trat auf Murphy zu und reichte ihm ihre zarte Hand, die ihm unmenschlich kalt erschien...

"Ich freue mich, Euch kennenzulernen, Murphy! Ihr müßt nämlich wissen, daß wir kaum Besuch bekommen"

"Die Freude ist ganz, meinerseits!"

"Ich bin Lady Ewia - die Tochter Lord Kavans! Und so sehr ich mich freue, Euch zu sehen, so sehr muß ich Euch warnen!"

"Ewia!" mischte sich nun Lord Rory ein. Aber seine Tochter ignorierte ihn geflissentlich und hielt den Blick auf Murphy gerichtet.

Ihre Augen waren das einzige an ihr, was ein wenig Wärme auszustrahlen in der Lage war.

Das einzig Warme, in dieser kalten Burg und dem öden Land, von dem dieser Herrensitz umgeben wurde.

Aber Murphy sah auch Besorgnis in ihrem Gesicht.

Er hob die Augenbrauen.

"Warnen?", fragte er. "Wovor?"

"Vor dem Fluch, der auf diesem Land liegt, Murphy! Vor den Kreaturen der Nacht..."

"Ewia! Dieser Mann ist unser Gast! Er wird die Nacht über hier bleiben!", mischte sich Lord Kavan erneut ein.

Aber Ewia ließ sich nicht davon abbringen, zu sagen, was ihrer Meinung nach gesagt werden musste.

"Reitet, solange ihr noch könnt, Murphy!"

"Ich dachte, dass eine Herberge..."

Ewia unterbrach ihn.

"Verzichtet auf die Herberge und flieht! Ich beschwöre Euch, Murphy! Um Eurer Seele willen!"

"Ich fürchte, ich verstehe nicht so recht", gab er zu. "Was sind jene Kreaturen der Nacht, von denen Ihr gesprochen habt, Lady Ewia?"

Lady Ewia schluckte.

Es schien Murphy, als würde eine schreckliche Qual an ihr nagen. Ein Kampf schien in ihrem Inneren zu toben und sie zu zerreißen drohen.

Ihre Brust hob und senkte sich langsam, als sie tief durch atmete und dann den Kopf schüttelte...

"Ich kann es euch nicht erklären, Sire! Ihr würdet es kaum zu glauben bereit sein. Aber ich beschwöre Euch!"

"Und ich beschwöre dich!", sagte Lord Rory mit sehr strengem Unterton. "Verängstige unseren Gast nicht mit deinen Schauermärchen! Ich befehle dir zu schweigen!"

Das war unmissverständlich.

Lady Ewia senkte den Kopf und nickte leicht.

"Ja, Vater", flüsterte sie.

Murphy wandte sich an an Lord Kavan und fragte: "Vielleicht könnt Ihr mir erklären, was es mit diesen Kreaturen der Nacht auf sich hat!"

Sein Blick war eisig und starr geworden.

"Ich kann nicht mehr sagen, als meine Tochter es bereits getan hat..."

"Sind jene Geschöpfe die Ursache dafür, dass kein Leben mehr in dieser Gegend existiert?"

Lord Rory wechselte einen Blick mit seiner Tochter und dann sagte diese: "Vater, es hat keinen Sinn mehr, es verheimlichen zu wollen!"

"Es ist also so, wie ich vermutet habe!", schloß Murphy.

Lord Rory von Kavan nickte.

"Ja", murmelte er kaum hörbar. "Aber hier auf Burg Kavan seid Ihr sicher!"

Murphy hoffte nur, daß der Burgherr mit dieser Bemerkung recht hatte.

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Wenig später kam Padric, der gebrechliche Diener, und brachte das Essen. Er deckte allerdings nur für eine Person und so fragte Murphy die Herrschaften von Burg Kavan, ob sie nicht auch etwas zu sich nehmen wollten.

Aber sie verneinten beide - ohne es Murphy zu erklären.

Was Murphy dann vorgesetzt bekam, schien so uralt wie diese Burg selbst zu sein. Es waren Zwiebäcke, die nach Schimmel schmeckten und Wein aus einer völlig verstaubten Flasche, der bereits sauer geworden war.

Murphys Höflichkeit reichte nur ein paar Bissen weit, dann schob er den Teller von sich und gab vor, satt zu sein.

"Ich weiß, Ihr seid sicherlich Besseres gewohnt seid", erklärte Lord Kavan dazu. "Aber Ihr könnt gewiss sein, dass Padric aus unseren spärlichen Vorräten das Beste für Euch zusammengesucht hat!"

*

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DRAUßEN WAR ES FINSTERE Nacht geworden und Padric, der Diener, der von Kavans führte Murphy zu einem großzügig eingerichteten Gästezimmer.

Es wirkte auf Murphy wie das Zimmer eines Fürsten, auch wenn alles von einer dicken Schicht Staub bedeckt war. Jahrelang, wahrscheinlich jahrzehntelang hatte schien kein Menschen diesen Raum betreten zu haben.

Padric entzündete Murphy ein Licht und der Reisende fragte den Alten, wer außer ihm und den von Kavans noch auf dieser Burg lebte.

Seine Antwort konnte Murphy im Grunde seiner Seele nicht mehr verwundern, denn er hatte sie unbewußt vorausgeahnt.

"Niemand", sagte er. "Außer Lord Rory, seiner Tochter und mir lebt niemand hier."

"Warum verbringen die Herrschaften von Kavan ihr Leben in einer derartigen Einsiedelei?"

"Es ist keine bewusste Einsiedelei, Sire!"

"Was ist es dann? Erkläre es mir, Padric!"

"Dies ist Burg Kavan, der Stammsitz dieser Familie. Um nichts in der Welt würde Lord Rory ihn verlassen!"

"Hat es nie mehr Menschen auf dieser Burg gegeben? Gesinde, Knappen, Ritter... Stallknechte und Köche!"

"Das ist lange her...", sagte Padric müde. "So lange, dass selbst ich mich kaum daran erinnern kann, wie es einmal wahr..."

"Hängt es mit diesen Geschöpfen der Nacht zusamen, die Lady Ewia erwähnte?"

"Nehmt nicht alles so ernst, was Lady Ewia sagt."

Murphy zog die Augenbrauen in die Höhe und runzelte die Stirn.

"Mir scheint, du sprichst sehr respektlos von deiner Herrin!"

"Verzeiht, Sire! Aber sie weiß manchmal nicht, was sie sagt."

"Mir schien sie alles andere als verwirrt."

Aber darauf ging Padric nicht mehr ein. Stattdessen erklärte er Murphy, sich um dessen Pferd gekümmert zu haben und dass der Reisende ganz unbesorgt sein könnte.

Er schien es dann ziemlich eilig zu haben, Murphy zu verlassen. Als jener dann schließlich allein in diesem großzügig ausgestatteten Raum war und durch das Fenster hinaus in die Nacht blickte, da fragte er sich, was das wohl für Kreaturen sein mochten, die in diesem Landstrich unübersehbar für Furcht und Schrecken gesorgt hatten...

Lord Kavan hatte ihm versichert, er sei auf der Burg vor jenen Nachtgeschöpfen sicher -—und Murphy erschien das auch halbwegs einleuchtend zu sein.

Wenn es hier überhaupt einen sicheren Ort gab, dann war es die Burg...

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Murphy hatte sich zu Ruhe gelegt und da er von den Strapazen des Tages sehr müde war, schlief er auch gleich ein.

Irgendwann weckte ihn dann ein Geräusch. Er war sofort hellwach und fuhr hoch.

Die Tür zu meinem Zimmer war aufgegangen und er sah im fahlen Mondlicht eine Gestalt. Erst nach einem weiteren Augenblick erkannte er, dass es niemand anderes, als Lady Ewia war, die sein Zimmer betreten hatte.

"Ihr seid wach, Murphy !

"Ja."

"Das ist gut!"

"Was verschafft mir die Ehre zu so später Stunde, Lady Ewia?"

"Ich bin gekommen, um Euch zu warnen, Murphy!"

"Das tatet Ihr bereits gestern!"

"Leider ohne Erfolg!"

"Und nun wollt Ihr Euer Glück ein zweitesmal versuchen?"

"Nicht mein Glück -—es ist das Eure, um das es hier geht, Murphy!"

"Ihr sprecht so düster, Lady Ewia!"

"Und Ihr wisst im tiefsten Grund Eurer Seele, dass dies seine Berechtigung hat! Ihr müßt es doch spüren! Mit jeder Faser Eures Herzens! Es sei denn, Ihr wärt auch schon so tot und modrig wie alles, was es auf Burg Kavan gibt..."

Murphy stand auf und trat ihr entgegen. Sie trug ein grauweißes Nachthemd. Das durch das Fenster einfallende Mondlicht ließ es wie ein halvermodertes, stockiges Leichentuch erscheinen.

"Die Kreaturen der Nacht werden Euch heimsuchen, Murphy. Darum kann ich Euch nur nochmals berschwören, so schnell wie möglich die Flucht zu ergreifen, um aus ihrem Einflußbereich zu fliehen. Noch habt Ihr eine Chance, wenn sie auch von Augenblick zu Augenblick, den Ihr hier verweilt, geringer wird!"

Er machte eine hilflose Geste.

"Was verlangt Ihr von mir? Ich soll hinaus in die Nacht reiten?"

"Ja! Tut es, ehe es zu spät ist!"

Aber er schüttelte energisch den Kopf.

"Ich habe das Gefühl, mich erst Recht in Gefahr zu begeben, wenn ich eurem Rat folgen würde!"

"Da irrt ihr!"

"Das glaube ich nicht. Welch einen sicheren Ort als diese Burg könnte es denn in weitem Umkreis geben? - Vorausgesetzt, die Gefahr, die Ihr beschwört ist wirklich so ungeheuerlich!"

"Ihr irrt Euch, Murphy!"

"In wie fern?"

"Die Gefahr, von der ich spreche, lauert nicht außerhalb der Burg. Sie geht vielmehr von ihr aus!"

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Das gab der ganzen Angelegenheit eine neue Wendung. Murphy verlangte, mehr zu erfahren und nun gab Lady Ewia ihm endlich  bereitwillig Auskunft.

"Ich will nicht, dass Euch etwas geschieht! Es sind schon soviele Unschuldige zu Opfern geworden... Aber die Schuld lastet zu schwer auf mir! Es kann so nicht weitergehen! Vor mehr als hundert Jahren machte Lord Rory von Kavan alchmistische Experimente, unten in den Gewölben unter der Burg."

"Ich nehme an, Ihr sprecht über einen Vorfahren Eures Vaters."

Sie sprach ungerührt weiter.

"Burg Kavan war damals noch der Mittelpunkt eines blühenden Landes, das von fleißigen Bauern bewirtschaftet wurde... Aber die Experiment von Lord Rory veränderten alles. Er erschuf die Kreaturen der Nacht. Zunächst glaubte er, sie unter seiner Kontrolle halten zu können, aber er täuschte sich. Sie begannen ihn  zu beherrschen. Des Nachts zogen sie aus, um allem Lebendigem die Lebenskraft zu entziehen. Nacht für Nacht, Jahr für Jahr. Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze und jede Küchenschabe fiel ihnen nach und nach zum Opfer. Die Bauern, das Gesinde, Ritter und Knappen - sie alle flohen, sofern sie sich noch zu retten vermochten. Ein Fluch hatte sich über das Land und über uns gelegt..."

"Aber Ihr und Rory lebt! Die Kreaturen haben euch verschont, wie habt Ihr Euch gegen sie verteidigen können?"

"Sie haben uns nicht verschont, Sire!"

Murphy begriff nicht.

"Aber..."

"Sie hielten uns über unsere Zeit hinweg am Leben, weil sie uns brauchten! Reisende wie dich haben wir hier beherbergt - und ihre Seelen den Nachtgeschöpfen überlassen!"

"Dann... Dann lebt Ihr hier schon mehr als hundert Jahre?"

"Ja. Wenn Ihr es so nennen willst - leben."

Daher die pergamentene Haut der Bewohner von Burg Kavan und ihre Leichenblässe... Sie waren Tote, die man auf geheimnisvolle Weise am Leben gehalten hatte...

Ein Schrei ließ Murphy herumfahren.

Der Schrei kam aus dem Burghof und es war nicht der Schrei eines Menschen.

Murphy brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass es der Laut eines Pferdes gewesen war. Er trat zum Fenster und blickte hinab in Richtung der Pferdestallungen. Ein schattenhaftes, gestaltloses Etwas glaubte er für einen kurzen Moment dort zu sehen, dessen namenlose Finsternis sich sogar noch gegen die Nacht abzuheben schien...

Dann war dort nichts mehr.

Vielleicht bin ich einer Täuschung aufgesessen, dachte er. Er war sich da keineswegs sicher. Murphy begann sich vollständig anzukleiden und gürtete sich auch sein Kurzschwert um.

"Was habt ihr vor?", fragte Lady Ewia.

"Nach meinem Pferd sehen!", gab Murphy knapp zurück.

"Ja", sagte Lady Ewia. "Tut das, Sire! Und vielleicht werdet Ihr mir dann glauben..."

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Murphy ließ Lady Ewia stehen und stürmte aus seinem Schlafgemach heraus. Über steile Treppen eilte er hinab. Nicht lange und er war im Freien.

Die Nacht war kühl.

Der blasse Mond tauchte alles in ein fahles, gespenstisches Licht und diese Burg erschien ihm auf einmal wie eine einzige große Totengruft.

Mit einem kurzen, schnellen Lauf war er dann bei den Stallungen.

Er konnte nicht viel sehen, und vielleicht war das gut so. Denn das wenige, das er trotz alledem zu erkennen in der Lage war, ließ ihm bereits das Blut in den Adern gefrieren...

Sein Pferd lag hingestreckt auf dem Boden. Es wirkte wie eingetrocknet. Seine Haut glich der Pergamenthaut meiner Gastgeber...

Das Tier war tot, daran konnte es keinen Zweifel geben, obwohl nirgends eine Verletzung zu erkennen war. Es war, als wäre dem Tier das Leben selbst herausgesaugt worden.

Den finsteren Schatten bemerkte er dann zu spät...

Es war jenes amorphe Etwas, das Murphy von oben aus dem Fenster heraus bereits zu sehen geglaubt hatte... Plötzlich war es dagewesen.

Es war wie ein Gas, wirkte körperlos und war doch ohne Zweifel höchst real. Seine Ausdehnung schwankte. Es wuchs und schrumpfte wieder, bis es sich dann auszubreiten begann und ihn schließlich völlig einschloß.

Murphy war wie erstarrt, unfähig irgendetwas zu tun.

Eine eisige Kälte begann ihn zu ergreifen, eine Kälte, die nicht von außen, nicht von der kühlen, sternklaren Nacht kam...

Dann riss er sein Kurzschwert heraus, um wenigstens irgendetwas zu tun. Aber Murphys gestaltloses Gegenüber war gegen solche Angriffe imun. Sein Schwert glitt durch die schattenhafte Finsternis hindurch, als wäre dort nichts...

Nichts, was greifbar oder körperlich gewesen wäre...

Dann fühlte Murphy Schwäche und ihm begann zu schwindeln. Alles drehte sich vor seinen Augen, er taumelte. Das Schwert hörte er noch zu Boden klirren, bevor er die Besinnung verlor...

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Murphy schlief wie ein Stein.

In seinem ganzen Leben hatte er nie so geschlafen, wie in dieser Nacht.

Jemand rüttelte ihn an den Schultern.

"Aufwachen!"

Es war die Stimme einer Frau. Er schlug die Augen auf und blickte in das Gesicht von Lady Ewia.

Ihr Gesicht war deutlich weniger farblos, als am vergangenen Abend. Neue Lebenskraft schien aus einer unbekannten Quelle in sie eingeströmt zu sein.

"Ihr seid den Nachtkreaturen begegnet, nicht wahr, Sire?"

Murphy nickte und dann fiel sein Blick auf seinen eigenen Handrücken.

Er erschrak.

Seine Haut war weiß.

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Als Lady Ewia Murphy aufhalf und er sein Schwert wieder aufgenommen hatte, bemerkte er, wie schwach er noch immer war. Er hatte geschlafen wie ein Stein, aber er fühlte sich müde und zerschlagen...

Kurz nur blickte er zu dem toten Pferd hinüber.

"Die Kreaturen haben Euch einen Teil Eurer Lebenskraft genommen", erklärte Lady Ewia.

"Ja, das spüre ich... Aber warum haben sie mich nicht völlig ausgelöscht?"

"Vielleicht, weil sie noch länger Freude an Euch haben wollen...."

"Ihr seht gut aus Lady Ewia! Viel frischer, als gestern."

"Ja, ich weiß. Aber es macht mich nicht glücklich."

"Als wäre die Kraft, die mir genommen wurde, in Euren Körper geströmt!"

In diesem Moment hörte Murphy ein Geräusch. Ihrer beider Blick ging herum und sie sahen Padric, den gebrechlichen Diener herankommen. Auch er sah wesentlich besser aus, als ich ihn vom vorhergehende Tag in Erinnerung hatte. Fast schien es, als sei er um einige Jahre verjüngt...

Murphy deutete auf das Pferd.

"Es scheint, als wäre es dem Tier nicht gut bekommen, dass ich es in deine Obhut gegeben habe, Padric!", versetzte Murphy bitter.

Padrics Gesicht blieb ausdruckslos.

Dann fragte er völlig unvermittelt.

"Habt Ihr Hunger, Sire?"

"Nein."

"Ich kann Euch etwas zubereiten!"

"Ich danke."

Murphy hatte wirklich keinen Hunger. Nicht nur, weil sich ihm allein bei dem Gedanken an die verschimmelten Zwiebäcke und den sauren Wein bereits der Magen umdrehte. Er hatte einfach nicht das Bedürfnis danach.

Zwar fühlte Murphy noch immer eine seltsame Schwäche in sich, aber er war sich sicher, dass sie nicht in einem leeren Magen begründet lag.

"Nun, wie Ihr wollt, Sire!", gab Padric dann zurück und wandte sich wieder zum Gehen.

"Flieht, Murphy !", beschwor Murphy nun Lady Ewia erneut. "Flieht, solange Ihr noch die Kraft habt! Die Nachtgeschöpfe können nicht aktiv werden, solange es hell ist! Ihr habt also den ganzen Tag Zeit."

Aber Murphy schüttelte energisch den Kopf.

"Ich würde es nicht schaffen... Mein Pferd ist schließlich tot!"

Murphy sah sie ernst an. "Warum versucht Ihr mir zu helfen? Warum wollt Ihr, daß mir die Flucht gelingt? Ihr profitiert doch offensichtlich davon, wenn diese Nachtgeschöpfe mir die Lebenskraft nehmen..."

Sie schluckte.

"Ihr würdet es nicht verstehen...", murmelte sie.

Murphy stellte eine weitere Frage, denn ihm war klar, dass er etwas unternehmen musste. Den Tag über hatte er Zeit – zu wenig Zeit, um vor Einbruch der Nacht aus dem Einflussbereich dieser Wesen zu gelangen, dessen Grenzen vermutlich mit denen der leblosen Ödnis, die er durchquert hatte, identisch waren.

Eine kopflose Flucht, wie Lady Ewia sie Murphy anriet, erschien ihm als wenig sinnvoll.

"Wo sind die Nachtkreaturen, wenn es Tag ist?"

Lady Ewia wich seinem Blick aus.

"Ich weiß es nicht."

Murphy spürte, dass sie log.

"Ihr sagtet etwas von Gewölben unterhalb der Burg, in denen Euer Vater seine alchimistischen Experimente durchführte..."

Sie blickte auf und sah Murphy fast flehentlich an.

"Tut es nicht...", flüsterte sie. Sie schien zu ahnen, was er vorhatte - noch bevor er sich selbst wirklich darüber im Klaren war.

Murphy wandte ihr noch einen Blick zu - und dann ging er an ihr vorbei und ließ sie stehen.

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"Murphy!"

Er wandte sich um und sie folgte ihm ein paar Schritte.

"Was ist noch?"

"Allein werdet Ihr den Ort nie finden, den Ihr suchst!"

"Mag sein. Aber ich muß alles versuchen!"

Sie schluckte.

Tränen gingen über ihr Gesicht, das jetzt fast rosig wirkte.

Er trat zu ihr hin und fasste sie bei den Schultern.

"Was bekümmert Euch, Lady Ewia?"

"Ihr würdet es nicht verstehen!", erklärte sie.

"Ihr solltet meine Auffassungsgabe nicht allzu gering schätzen!", erwiderte er. Aber der wahre Grund, weshalb sie es ihm nicht sagte, war ein ganz anderer, das spürte Murphy deutlich.

Sie wollte es einfach nicht sagen.

Dann ging eine plötzliche Wandlung mit ihr vor. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und straffte ihre Haltung.

Mit festem Blick sah sie Murphy an und erklärte dann im Brustton der Überzeugeung: "Mir fehlt ein wenig der Mut, Sire. Seht mir das nach... Aber vielleicht habt Ihr Recht! Vielleicht geht es so nicht weiter!"

"Ich verstehe nicht, Lady Ewia! Ihr scheint mir in Rätseln zu sprechen!"

Sie nahm ihn bei der Hand.

Noch am Vortag hätte Murphy geschworen, ihre Hand müßte kalt sein, kalt wie Eis oder der Tod.

Aber jetzt war es seine Hand die kalt war, während ihm die ihre als warm erschien...

"Folgt mir, Murphy !", forderte sie ihn dann auf. "Ich werde Euch in die Gewölbe führen! Dorthin, wo die Geschöpfe der Nacht den Tag verbringen!"

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Sie führte Murphy in eines der Nebengebäude der Burg und erreichten so schließlich den Eingang zu einem Gewölbe, das in jene Felsen hineingeschlagen sein mußte, auf der Burg Kavan errichtet worden war.

An den Wänden waren brennende Fackeln - ein untrügliches Zeichen dafür, dass noch vor kurzem jemand diesen Weg gegangen war.

Er wandte sich an Lady Ewia.

"Werden wir Euren Vater dort unten treffen?"

"Vielleicht..."

"Ihr wisst es wirklich nicht?"

"So habt doch Geduld, Murphy!"

Sie gingen weiter und seine Führerin schien ihren Weg sehr gut zu kennen. Durch ein wahres Labyrinth dunkler Gänge kamen sie hindurch und Murphy musste sich alle Mühe geben, um einigermaßen die Orientierung zu behalten.

Dann kamen sie an eine schwere Tür aus uraltem, morschen Holz.

Sie war von innen verschlossen.

Aber das Holz war bereits dermaßen vom Verfall gezeichnet, dass es nicht schwer war, dieses Hindernis dennoch zu überwinden.

Mit seinem Kurzschwert brach Murphy das morsche Holz aus seiner Verankerungen heraus. Dann traten sie in einen ebenfalls von einigen Fackeln beleuchteten Raum, in dessen Mittelpunkt sich auf einem steinernen Sockel eine Art Kessel befand, aus dem heraus schwarze Dämpfe aufstiegen.

"Ewia! Was ist nur in dich gefahren!", war Lord Rorys Stimme zu hören.

Er trat jetzt hinter dem Steinsockel mit dem Kessel hervor. In der Hand hielt er einen Kelch, aus dem er gerade getrunken hatte. Aus diesem Kelch dampfte es ebenfalls pechschwarz...

Ewia hatte mit ein paar schnellen Schritten eine der Fackeln erreicht, die an den Wänden des Gewölbes befestigt waren.

"Was tust du?", rief Lord Rory erschrocken.

"Es kann nicht bleiben, wie es war! Wir können nicht länger von den Seelen anderer leben!", rief sie.

Lord Rory schüttelte den Kopf.

"Aber warum denn nicht? Fühlst du dich nicht heute besser, als du dich gestern gefühlt hast? Sieh dich an! In deinem Gesicht ist wieder Farbe! Ein Stück Leben ist in unsere toten Körper zurückgekehrt!"

"Es steht uns nicht zu, dieses Leben! Es ist gestohlene Zeit, die uns nicht gehört..."

"Wir leben, Ewia! Ist das nicht das Einzige, worauf es ankommt!"

"Aber unseretwegen gibt es in diesem Land kein Leben mehr! Spürst du nicht die Schuld?"

Lord Rory hob den Kelch.

"Nimm noch etwas von der Essenz!", sagte er. "Vielleicht kommst du dann wieder zu Verstand!"

"Ich bin heute zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit bei vollem Verstand!", war ihre traurige Erwiderung.

Lord Rory schluckte, während Ewia die Fackel in ihrer Hand nahm, zu einer kräftigen Bewegung ausholte und sie in den Kessel hineinschleuderte, in dessen Inneren sich die das schwarze, amorphe Etwas befand, aus dem sich des Nachts die Kreaturen der Finsternis bildeten.

Der Kessel explodierte.

Lord Rory, der dem Gefäß am nächsten Stand, wurde von den auseinanderberstenden Teilen erfasst und schrie auf, bevor er nieder sank. Der Kelch entfiel seiner Hand und pure Finsternis begann sich über den kalten Steinboden zu ergießen...

Ein beißender, ätzender Geruch stieg Murphy in die Nase.

Er trat ein paar Schritte vor und ergriff die reglos dastehende Lady Ewia beim Arm.

Sie hatte den Mund weit aufgerissen und das nackte Entsetzen sprach aus ihrem Gesicht. Als er sie mit sich ziehen wollte, spürte er ihr Widerstreben.

"Nicht, Murphy..."

"Wir werden in den beißenden Dämpfen ersticken!", rief er ihr zu und zog sie dann gegen ihren Willen mit sich.

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Murphy rang nach Luft, als sie das Freie erreichten.

Unten, aus dem Gewölbe hallte der Lärm weiterer Explosionen nach. Eine Erschütterung von gewaltigem Ausmaß ging durch die gesamte Burg. In den Mauern zeigten sich Risse.

Murphy wollte keine Zeit verlieren und diesen Ort so schnell wie möglich verlassen.

"Kommt, Lady Ewia! Ich habe das Gefühl, dass auch hier bald nicht mehr sicher sind..."

"Ich wusste nicht, dass die Kräfte so gewaltig sind", flüsterte sie. "Ich habe es nicht gewusst!"

Murphy zog sie mit sich.

Sie liefen zur Zugbrücke, ließen sie mit einiger Mühe herab und eilten dann über die morsche Brücke. Der Donner der Explosionen wurden immer drohender. Die ersten Türme und Erker brachen in sich zusammen.

Burg Kavan würde untergehen... Und wahrscheinlich würde nichts bleiben als einige Ruinen. Ein Haufen übereinandergetürmter Steine...

Murphy und Ewia beeilten sich, eine gewisse Entfernung zwischen sie beide und die Burg zu legen. Es mochte noch etwas dauern, bis die Burg endlich zur Ruhe kam. Mauer um Mauer stürzte ein, die Häuser brachen in sich zusammen.

Es war ein beeindruckender Anblick, die mächtigen Mauern stürzen zu sehen.

Schauder erfassten Murphy, als er zurückblickte.

Und dann wurde alles durch eine gewaltige Staubwolkke eingehüllt...

Plötzlich blieb Lady Ewia stehen. Sie blickte zurück und es schien, als könnte sie ihre Augen einfach nicht von dem abwenden, was dort in unserem Rücken vor sich ging.

Dann sah sie Murphy ernst an.

"Geht, Murphy. Ihr habt einen langen Fußmarsch vor Euch, aber Ihr werdet es schaffen..."

"Wollt Ihr nicht mit mir kommen?"

"Nein, Sire. Ich werde hierbleiben."

"Es widerstrebt mir, Euch hier allein zurückzulassen, Milady!"

"Es braucht Euch nicht zu widerstreben! Es ist nur folgerrichtig!"

"Ich glaube, daß müßt Ihr mir erklären!"

"Es gibt keine Zukunft für mich, Murphy!"

Murphy machte eine geradezu ärgerliche Bewegung mit der Hand.

"Was redet Ihr da!"

"Es ist so, wie ich sage! Meine Zeit ist vorbei. Ich habe sie lange überschritten, so wie auch Lord Rory, mein Vater und Padric, unser Diener."

"Ihr dürft Euch nicht aufgeben!", sagte Murphy. "Seht Euch doch an! Eure Wangen sind rosig! Eure Augen leuchten! Ihr seid eine blühende junge Frau, Lady Ewia!"

Aber sie schüttelte den kopf.

"Ich bin nichts weiter, als eine Tote, die man an der Verwesung gehindert hat, Sire!"

In seinem tiefsten Inneren wusste Murphy, dass sie recht hatte. Und doch redete er weiter auf sie ein und versuchte sie zu überzeugen. Er wusste nicht, inwieweit es ihm wirklich gelang. Jedenfalls schien sie nach einer Weile derselben Illusion zu erliegen wie er es auch tat und so machten sie sich gemeinsam auf den Weg.

Sie marschierten den ganzen Tag, aber als sich der Abend grau über das Land legte, da war auch aus Lady Ewias Gesicht jegliche Farbe geflohen. Seine eigene Hautfarbe jedoch, die nach dem Angriff des Nachtwesens gebleicht war, erholte sich zunehmend. Seine Kräfte kehrten mehr und mehr zurück, während die ihren schwanden.

Sie beobachteten es beide, aber keiner von ihnen verlor ein Wort darüber.

In der Nacht suchten sie sich eine geschützte Stelle um ein wenig zu schlafen. Ewias Haut war wieder so pergamentartig wie in jenem Augenblick, da Murphy sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Sie war sehr müde und klagte darüber, dass sie frieren würde.

Murphy legte ihr seinen Mantel über, und sie nahm ihn dankbar an und rollte sich in den Wollstoff ein.

Doch beide wussten sie, dass ein Mantel gegen diese Art von Kälte nichts auszurichten vermochte...

Als die Sonnenstrahlen ihn am Morgen weckten, war in dem Mantel neben ihm nichts weiter, als ein paar Handvoll grauen, feinen Staubes, den der erste Windhauch davontrug...

Aber er sah auch noch etwas anderes.

In einiger Entfernung huschte mit blitzschnellen Bewegungen eine Eidechse zwischen den kahlen Steinen hindurch.

Und das konnte eigentlich nur bedeuten, dass das Leben im Begriff stand, sich das Land um Burg Kavan zurückzuerobern.

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Als Murphy die Grenze des Ödlandes erreichte, sah er plötzlich eine Gestalt, die aussah, als würde sie aus nichts weiter als vollkommener Dunkelheit bestehen. Wie ein Schatten. Aber die Finsternis, aus der diese Schattengestalt bestand, war von einer Art, die durch kein noch intensives Sonnenlicht durchdrungen werden konnte.

Der Düstere schien auf Murphy gewartet zu haben.

Und er kannte seinen Namen.

"Murphy, ich grüße dich!", sagte er. Seine Stimme klang dunkel und leise. Wie das Wispern des klagenden Windes.

Murphy war an die Geschöpfe der Nacht erinnert, die ihm auf Burg Kavan begegnet waren.

Seine Hand ging zum Griff seines Schwertes. Eine beinahe instinktive Bewegung.

"Wer bist du?", fragte er.

"Ich bin der Tod-in-Gestalt."

"Was willst du von mir?"

"ICH von DIR?"

Ein heiseres Lachen folgte.

"Was ist daran so lustig?"

"Du Ahnungsloser!"

"Was wird hier gespielt."

"Ein Spiel?

"Ist das deine Art - eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantzworeten?"

"Zuweilen ja."

"Ich schätze das nicht!"

"Entschuldigt meine Gleichgültigkeit Euren Vorlieben und Abneigungen gegenüber! Nein, Murphy, dies ist kein Spiel. Dazu ist es zu ernst. Der Tod-in-Gestalt spielt nicht. Niemals. Und was in meinen Ohren so eigenartig an deiner Frage klingt, willst du wissen? Nun, wie kannst du mich danach fragen, was ICH von DIR will, da DU doch soeben mein Reich verlassen hast."

"Dein Reich?", fragte Murphy.

Er musste schlucken.

Hatte ihn das wirklich überrascht?

Nein, dachte er. Es passte alles zusammen... Ein Frösteln überkam ihn. Ein kalter Schauder, der nach seiner Seele griff und sie bis ins innerste Mark frieren ließ.

"Einen kleinen Teil davon zumindest. Aber du wirst zurückkehren. Ich werde dir von nun an auf den Fersen sein, dir folgen... Du suchst das Vergessen. Was du hinter dir hast, hat deine Seele schwer gezeichnet. Aber schon zuvor warst du ein ruheloser Wanderer, der sich insgeheim nach Frieden und Vergessen sehnte."

Murphy schickte.

Es stimmte jedes Wort, das der Tod-in-Gestalt zu ihm sagte.

Es war, als ob dieses eigenartige Wesen direkt in seine Seele zu blicken vermochte. Murphy schauderte bei dem Gedanken.

Seine Lippen waren plötzlich trocken.

Ein Kloß steckte in Murphys Hals.

"Woher weißt du das alles?"

"Ich weiß es eben."

"Und wo finde ich das, wonach ich suche?"

"Im Land SCHATTENGEFILDE. Die toten Seelen wandeln dort ebenso wie die begrabenen Hoffnungen."

Murphy hob die Augenbrauen. Lady Ewia - würde er sie dort wiederfinden - unter den toten Seelen?

Der Tod-in-Gestalt schien Murphys Gedanken zu lesen. "Ja, du würdest!", sagte er. Dann verblasste seine Gestalt.

"Wie finde ich das Land SCHATTENGEFILDE?", rief Murphy.

Er bekam keine Antwort mehr.

Der Tod-in-Gestalt war verschwunden.

Schwärze erfüllte Murphys Augen für einige Momente volkommen. Aber das konnte er selbst nicht sehen. Ein eigenartiges Gefühl. Ein kalter Schauder. Dann war es vorbei. Die Schwärze verschwand aus seinen Augen wieder. Und aus einem hinteren Winkel seines Bewusstseins heraus glaubte er die Stimme des Todes-in-Gestalt zu hören: Von nun an werde ich dir folgen, Murphy. Wohin immer du auch gehen magst. Ich werde auch dort sein.

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Alfred Bekker Grusel-Krimi #14 – Der Todesengel

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Übernatürliche Wesen bedrohen die Welt. Dämonen suchen die Menschen heim – und mutige Dämonenjäger begegnen dem Grauen...

––––––––

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Titebild: Klaus Dill

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Der Todesengel

von Alfred Bekker

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 190 Taschenbuchseiten.

In alter Rechtschreibung

Auf der Erde herrscht ein verborgener Krieg zwischen den Dämonen der Dämmerung und dem Orden vom Weißen Licht.

Da taucht der Vernichter auf, ein uraltes Wesen, dass im Buch Exodus als Todesengel die Strafe der zehnten Plage vollstreckte und die Erstgeburt der Ägypter tötete.

Der Todesengel ist zurückgekehrt und hinterlässt eine blutige Spur. Er ist erfüllt von einem unheimliche Hunger nach menschlichem Hirn...

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Teil 1: DER HIRNFRESSER

Prolog

In der Schädelhöhle von Maskatan...

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Murphy nahm den geweihten Dolch aus dem Feuer. Eine Lichtaura umflorte die Waffe.

"Man sollte das Ritual in regelmäßigen Abständen wiederholen", erklärte Meister Darenius, der plötzlich aus dem Schatten getreten war. Seine Augen leuchteten grell.

Ein Umstand, dessen Ursache Murphy im übertriebenen Konsum einer Substanz wähnte, die sich Salz des Lebens nannte.

Aber in dieser Hinsicht war Murphy auf dem besten Weg, es dem Meister gleichzutun.

Meister Darenius streckte die Hand in Murphys Richtung aus. Er reichte ihm ein goldfarbenes Döschen.

"Dein Vorrat des Salzes war ziemlich schnell verbraucht, Bruder David..."

"Das ist wahr."

"Die Nebenwirkungen sind unkalkulierbar. Ich habe dich gewarnt. Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung."

"Es ließ sich nicht vermeiden."

"Das mag sein. Dennoch erneuere ich meine Warnung."

David Murphy nahm die Dose mit dem Salz des Lebens an sich.

Meister Darenius, die geheimnisumwitterte graue Eminenz des Ordens vom weißen Licht, legte Murphy eine Hand auf die Schulter.

"Dies ist ein Zufluchtsort jenseits von Raum und Zeit. Ein Ort, um Kraft zu schöpfen in den kurzen Pausen, die Kampf gegen das Böse uns läßt..."

"Ein Kampf, der vielleicht schon verloren ist", entgegnete Murphy. "Das Böse regiert bereits. Alles..."

"Warum so pessimistisch, Bruder David?"

"Hat sich die Macht der Finsternis nicht bereits in unseren Reihen breitgemacht? Sind nicht auch viele Ordensbrüder bereits von ihr infiziert? Wem soll man noch trauen, außer sich selbst?"

"Willst du aufgeben, Bruder David?"

David Murphy atmete tief durch.

"Nein", sagte er.

"Trotz allem?"

"Trotz allem."

*

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NEW YORK CITY, BRONX, 2.April 2002, 23:30 Uhr

"Wo müssen wir genau hin, Billy?" meinte der Cop am Steuer und blinzelte in die Nacht hinein.

Sein Partner zuckte die Schultern.

"Keine Ahnung, Ed!" knurrte er zwischen den Zähnen hindurch. Er hatte das Pump-Action-Gewehr auf den Schoß genommen und überprüfte nun die Ladung. "Ist wirklich 'ne miese Gegend hier. Und an den Häusern scheint es nicht mal Nummern zu geben..."

"Meinst du, daß du das Riesengeschütz dort brauchst?" fragte Ed, der sich immer noch sehr anstrengte, draußen etwas erkennen zu können. Die Straßenbeleuchtung funktionierte nicht. Es war nur zu hoffen, daß sie sich nicht verfahren hatten.

Billy verzog das Gesicht und gähnte. Eigentlich hätte er Feierabend gehabt, aber dann war diese Sache dazwischengekommen...

Verdammter Mist! fluchte er innerlich.

Ich könnte jetzt auf dem Weg nach Hause sein und mich aufs Bett freuen. Stattdessen werde ich meinen Hals dabei riskieren müssen, um diesen Spinner dingfest zu machen...

Und das nur, weil sie gerade am nächsten dran gewesen waren.

So ist das Schicksal! dachte Billy sarkastisch. Zur falschen Zeit am falschen Ort...

"Vorsicht, Ed!" schrie Billy dann und sein Partner trat in die Eisen. Eine Gestalt stand auf der Straße und winkte erst im letzten Moment. Sie war nicht allein, da waren noch andere Leute.

Billy machte die Tür auf und stieg aus, das Gewehr hielt er in der Rechten.

"Gott sei Dank, Polizei! Kommen Sie schnell!" rief die Frau.

"Haben Sie uns gerufen?" fragte Billy.

"Ja, ich war das. Braden, unser Hausmeister ist da oben!" Sie deutete auf das mehrgeschossige Haus zur Rechten. In mehreren Stockwerken brannte Licht. "Schnell! Wahrscheinlich ist es schon zu spät!"

So etwas hört man gerne! dachte Billy sarkastisch. Und dabei waren sie nur ein paar Straßen entfernt gewesen, als sie verständigt wurden. Keine fünf Minuten hatten sie bis hier her gebraucht, trotz der Lichtverhältnisse und der Tatsache, daß man hier von Hausnummern nichts zu halten schien.

Billy sah die Frau prüfend an. Im Schein der Wagenlampen sah er ihr Gesicht. Billy hätte sie unter normalen Umständen für fünfundvierzig geschätzt. Ihre Zähne waren schlecht, ihr Teint auch.

Billy atmete tief durch. Wahrscheinlich ist sie zehn Jahre jünger als sie aussieht! Wäre nichts Ungewöhnliches für diese Gegend.

Und noch ein anderer Gedanke kam ihm. Ein Gedanke, der sich wie eine kalte, glitschige Hand anfühlte, die ihm jemand auf die Schulter legte. Billy schluckte.

Wenn hier jemand die Polizei ruft, dann sicher nicht ohne triftigen Grund!

Ed schloß indessen den Polizeiwagen ab. Schließlich sollte hinterher nicht die halbe Ausrüstung fehlen. Er hielt das Walky talky in der Hand und lauschte angestrengt dem Gemisch aus Rauschen und der Stimme vom Polizeirevier.

"Hast du den Captain, Ed?"

"Captain Delrios ist unterwegs. Mit Verstärkung."

"Sollen wir warten? Wenn du mich fragst, ist der Kerl sowieso längst über alle Berge. Und ich habe ehrlich gesagt keine Lust, hier..."

"Wir sollen ihn schnappen", sagte Ed ernst. "Um jeden Preis."

Jetzt meldete sich wieder die Frau zu Wort. "Ich habe gesehen, wie Braden den Toten in seine Wohnung gebracht hat! Ich stand unten im Treppenhaus, er hat mich nicht bemerkt..."

Billy hob die Augenbrauen.

"Und das war nicht zufällig eine Schaufensterpuppe..."

"Hören Sie! Nach allem, was hier in der Gegend passiert ist, nach all den Toten und diesen Perversen..."

"Schon gut", schnitt Billy ihr grob das Wort ab. Er würde nicht um diese Sache herumkommen, es sei denn er riskierte ein Disziplinarverfahren. Er kannte Captain Delrios von der Mordkommission gut genug, um zu wissen, daß der mit  hundertprozentiger Sicherheit eines einleiten würde, wenn dieser Braden nicht in Handschellen war, sobald der Captain auftauchte...

"Ist er bewaffnet?" fragte Ed unterdessen die Frau.

"Ich weiß nicht. Aber..."

Ed kniff die Augen zusammen, seine Brauen beschrieben dabei eine geschwungene Linie, die Skepsis ausdrückte. "Aber was?" fragte er.

Die Frau flüsterte nur.

Aus ihren Augen leuchtete das blanke Entsetzen.

"Er muß es sein..."

"Was?"

"Das Monstrum!"

Dermaßen vage Aussagen liebe ich! Billy verzog das Gesicht.

Er machte seine Taschenlampe an, die er am Revers seiner Jacke hängen hatte. Der Lichtkegel ließ die Nase der Frau rötlich leuchten.

Alkohol!

Aber Billy fröstelte trotzdem.

"Wenn er aus dem Haus gekommen wäre, hätten wir das gesehen!" meinte einer der anderen Leute, ein Mann in den Sechzigern, der sein linkes Bein nachzog.

Billy schob sich die Mütze in den Nacken. Er sah kurz zu seinem Partner hinüber.

"Also los", knurrte er.

In seiner Magengegend spürte er einen Krampf. 

Der Aufzug war defekt und die Treppe ziemlich schmal. Auf manchen der Stufen war der Belag durchgelaufen. Ein undefinierbarer Geruch hing in der Luft. Wenn Braden hier als Hausmeister tätig war, dann hatte er seine Pflichten wohl nicht sonderlich ernst genommen.

Billy nahm immer zwei bis drei Stufen auf einmal, so daß Ed, der außerdem noch einen Kopf kleiner war, Mühe hatte, mit seinem Partner Schritt zu halten.

Keine Minute verging, dann hatten sie ihr Ziel erreicht.

Die Frau war auch mit hochgekommen. Um sich das entgehen zu lassen, war sie einfach zu neugierig. Billy deutete auf die Tür, an der sich sogar ein Namensschild befand. 'Cal Braden' hatte da sicher mal draufgestanden, jetzt war da nur noch 'Cal raden' zu lesen. Billy faßte die Pump Action fester, während Ed mit dem Griff seines Polizeirevolvers an die Tür klopfte.

"Mr. Braden!" rief Ed. "Hier ist die Polizei! Machen Sie sofort die Tür auf!"

Aus der Wohnung war ein Geräusch zu hören. Es klang wie ein lautes Atmen oder Ächzen. Ein fast tierischer Laut. Eine volle Sekunde verstrich, ohne daß etwas geschah. Die beiden Cops sahen sich gegenseitig an. Billy nickte, und Ed trat die Tür ein. Es war eine wuchtige Bewegung, viel heftiger, als sie nötig gewesen wäre, um das morsche Holz splittern zu lassen.

Die Tür flog auf und Billy hob das Gewehr.

Der Blick war frei auf ein mieses Ein-Zimmer-Apartment, das lange nicht mehr neu tapeziert worden war. An einer Stelle begann Schimmel sich die Decke entlang zu fressen.

Die Einrichtung war karg. Ein Sofa, ein Tisch, ein Stuhl. Außerdem ein Kleiderschrank und eine Matratze.

Ausgestreckt auf dem Fußboden lag eine Leiche. Männlich. Der rechte Arm schien seltsam verrenkt zu sein.

Ein Mann - Braden, wie Billy annahm - hatte sich über das Gesicht des Toten gebeugt. Es sah aus wie bei der Mund zu Nase Beatmung, die man in Erste-Hilfe-Kursen gezeigt bekam. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Billy noch zu sehen, wie Braden die Nase des Toten im Mund gehabt hatte.

Dann schreckte Braden hoch.

Mit weit aufgerissenen Augen sah Braden in die Mündung von Billys Pump-Action Gewehr. Billy schätzte ihn auf etwa fünfundzwanzig. Braden trug eine Jeans und ein knappes Sweat-Shirt, durch das man sehen konnte, wie sich die Muskeln und Sehnen anspannten. Wie bei einer Katze vor dem Sprung.

"Cal Braden! Sie sind verhaftet!" rief Billy und kam langsam näher. "Sie haben das Recht zu schweigen. Wenn Sie von diesem Recht keinen Gebrauch machen, kann alles, was Sie von jetzt ab sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden..." Billy hörte seiner eigenen Stimme wie der eines Fremden zu. Wie automatisch betete er diese Litanei hinunter und dabei hielten seine Augen nach irgendetwas Ausschau, was wie eine Waffe aussah.

Aber er fand nichts.

Hinter sich wußte er Ed.

Billy hatte die ganze Zeit über Bradens Gesicht fixiert, der noch immer bewegungslos neben der Leiche kauerte. Aus den Augenwinkeln heraus sah Billy das Gesicht des Toten, dann drehte er den Kopf und das Entsetzen packte ihn.

"Mein Gott...", flüsterte er und fühlte, wie ihm übel wurde.

Er war zehn Jahre Polizist und hatte schon viel gesehen. Auch zerstörte Gesichter.

Aber noch nie so etwas...

Diesen Moment nutzte Braden. Er schien gut durchtrainiert zu sein und sprang auf wie ein Panther. Es kam völlig überraschend und eine volle Sekunde verging, ehe Billy irgendetwas tun konnte.

"Machen Sie keinen Unfug, Braden! Sie haben keine Chance!"

Billy hob das Gewehr.

Bradens Bewegung war eine Mischung aus Taumeln seitwärts und gewandtem Sprung. Dann war er beim Fenster und machte einen Satz.

"Nein!" schrie Billy.

Aber es war zu spät. Glas klirrte und Braden segelte durch ein Meer von messerscharfen Scherben.

Billy fühlte den Puls bis zum Hals schlagen.

Mein Gott, das hat mir heute noch gefehlt! Ein wahnsinniger Selbstmörder, dessen Knochen wir gleich einzeln einsammeln können. Genau das richtige für einen ruhigen, traumlosen Schlaf.

"Verdammter Mist", hörte er Ed sagen.

Billy ging zum Fenster und sah hinunter. Er nahm seine Taschenlampe von der Brust und leuchtete hinunter. Irgendwie hatte er erwartet, etwas unappetitliches dort unten zu sehen. Aber nichts dergleichen. Kein Blut. Kein zerschmetterter Körper, keine verrenkten Gliedmaßen...

Ein Stöhnen drang mit der kühlen Nachtluft hinauf zu Billy. Der Lichtkegel traf eine Gestalt. Braden.

Er erhob sich von dem asphaltierten Boden und blickte hinauf. Braden wankte etwas. Sein Sweat-Shirt war zerschlissen, aber er selbst schien den Sprung durch das Fenster und den Sturz über drei Stockwerke unbeschadet überstanden zu haben.

"Das gibt's doch nicht", flüsterte Billy.

Ed stand jetzt neben ihm.

"Der Kerl haut ab", rief er.

Billy hob die Pump-Gun. "Stehen bleiben, Braden!"

Aber Braden blieb nicht stehen. Er taumelte davon. Die Pump-Gun krachte los, aber der Warnschuß schien ihn nicht zu beeindrucken. Er lief weiter. Die Dunkelheit verschluckte ihn und ließ ihn wie einen schattenhaften Umriß erscheinen. Billy suchte ihn mit der Taschenlampe. Es war ein trister Hinterhof, von allen vier Seiten von Hauswänden umgeben. Aus dem Hintergrund waren Polizeisirenen zu hören, die sich rasch näherten.

Captain Delrios, dachte Billy.

"Er kann hier nicht raus", meinte Ed.

"Bist du aber optimistisch!"

Sie sahen gerade noch, wie er ein Rost löste, daß zu einem Kellerfenster gehörte. Und im nächsten Moment war Braden buchstäblich wie vom Erdboden verschluckt.

*