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Das Fest der kleinen Wunder

Über Ulrike Renk

Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Romane „Die Seidenmagd“, „Die Heilerin“, „Die Frau des Seidenwebers“ und „Das Lied der Störche“ sowie ihre erfolgreiche Saga „Die Australierin“, „Die australischen Schwestern“ und „Das Versprechen der australischen Schwestern“ vor. Außerdem erschienen ihre Eifel-Thriller „Echo des Todes“ und „Lohn des Todes“. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ulrikerenk.de

Informationen zum Buch

Ostpreußen Winter 1925 – während im Reich alles im Umschwung ist, lebt man auf den Gütern in der ostpreußischen Provinz ein Leben mit den Jahreszeiten.

So auch auf Fennhusen. Für Frederike ist es das letzte Jahr auf dem Gut, bevor sie eine höhere Töchterschule besuchen wird. Sie genießt es, mit ihrem Pony über die abgeernteten Felder zu reiten, den ersten Schnee zu riechen und an den Vorbereitungen für die große Jagd teilzuhaben. Nur Caramell, ihr Lieblingspferd, macht ihr Sorgen – die Stute lässt sich plötzlich nicht mehr reiten und wird unberechenbar. Sogar Frederikes Stiefvater wirft sie ab. Dann taucht der Besitzer des Nachbarguts auf und möchte sie für seine Tochter Katharina kaufen.

Jetzt muss schon ein kleines Wunder geschehen, dass es noch ein fröhliches Weihnachtsfest wird.

Gut Fennhusen

Die Familie

Erik und Stefanie von Fennhusen

Eriks Stiefkinder:

Frederike von Weidenfels geb. 1909

Fritz von Fennhusen geb. 1911

Gerta von Fennhusen geb. 1913

Gemeinsame Kinder:

Irmgard (Irmi) geb. 1921

Gisela (Gilusch) geb. 1922

Erik geb. 1924

Die Leute auf Fennhusen

Hans – Kutscher

Viktor – 1. Stallmeister

Meta Schneider – Köchin

Leni – 1. Hausmädchen

Gerulis – 1. Hausdiener

Koslowski – Schweizer

Tomasz – 1. Stallbursche

Sergei – Stallbursche

Nachbarn und Freunde der von Fennhusen

Familie von Hermannsdorf

Familie von Olechnewitz

Familie von Larum-Stil

Ax von Stieglitz

Julius von FennhusenFennhusen, 1925

Kapitel 1

Laut Kirchenkalender fiel der Erntedanktag dieses Jahr auf den dritten Oktober. Wie immer würden sie den Tag in ihrer Gemeinde begehen. Aber auf Fennhusen endete die Ernte des Getreides immer bereits Mitte September. Es war ein mildes Jahr gewesen und deshalb war die Ernte mit gutem Ertrag eingefahren worden. Und wie jedes Jahr vor der Ernte war die Zahl der Leute, die auf dem Gut beschäftigt wurden, beträchtlich gewachsen, denn die Schnitter kamen – die Erntehelfer. Jetzt, wo die Ernte eingebracht war, würden die Schnitter gen Westen ziehen, dort gab es in den kommenden Wochen noch reichlich Arbeit. Hier auf Fennhusen, in Ostpreußen, kam der Winter früh und war meist hart.

Das wird der Grund sein, dachte Frederike und zog sich ihr neues, schickes Kleid an, weshalb wir die Ernte immer so besonders feiern.

Erst seit wenigen Jahren lebte Frederike mit ihren beiden Halbgeschwistern Fritz und Gerta hier auf dem Gut in Ostpreußen. Und es würde vermutlich ihr letztes Jahr auf Fennhusen sein. Denn Frederike strebte die externe Schulprüfung an – sie wollte nächstes Jahr eine höhere Töchterschule besuchen. Aber das lag glücklicherweise noch in ferner Zukunft – jetzt freute sie sich erst einmal auf das Erntefest, einer der Höhepunkte des Gutsjahres, der nur vom Weihnachtsfest gekrönt wurde. Das Fest war immer schon wichtig gewesen, aber Frederike schien es so, als ob in den letzten Jahren, in den Jahren nach dem großen Krieg, der Europa zerstört hatte, die Feiern wilder und ausgelassener geworden wären.

»Freddy?«, rief Mutter von unten. »Kommst du? Wir müssen los.«

Frederike warf einen Blick aus dem Fenster in den Hof. Dort stand der Leiterwagen – gefüllt mit Strohballen und geschmückt mit Hopfenreben und Astern, den letzten Blüten des Geißblattes und Schafgarbendolden. Schnell zog sie die Schnallenschuhe an, die sie erst letzte Woche in Bromberg gekauft hatte, nahm ihr Umschlagtuch und hastete nach unten. Dort warteten schon ihre Mutter, der Stiefvater und Fritz und Gerta. Die drei Kleinen, die Kinder der dritten Ehe ihrer Mutter mit Erik von Fennhusen, blieben in der Obhut des Kindermädchens. Irgendwie beneidete Frederike sie. Zuhause war es so behaglich.

Der Leiterwagen fuhr die Familie auf eines der abgeernteten Felder. Wind zog auf und wehte den Getreidestaub hoch, es sah aus, als ob Frauen in dünnen Kleidern über das Feld tanzten. Gerta nieste in einem fort.

»Reiß’ dich zusammen«, murmelte Stefanie und reichte ihrer Tochter ein Taschentuch. »Es dauert doch nicht lange.«

Dann trat einer der Erntehelfer vor.

»Wat seht ihr hier, in meener Hand, ihr alle hier zugejen?

Et iss Kranz der Ernte, wie bekannt, drum danket Jottes Sejen.

Er ist jeschmückt mit Blum’ und Band, mit Disteln und mit Dornen,

dies alles schenkt det Vaters Hand …«

So ging es noch eine Weile, und alle lauschten ehrfürchtig.

Dann sagte der erste Schnitter schließlich:

»Drum spielet nun den Lobjesang:

Nun danket alle Jott«

Sogleich stimmten die Versammelten das Lied an:

»Nun danket alle Gott / mit Herzen, Mund und Händen,

der große Dinge tut / an uns und allen Enden,

der uns von Mutterleib / und Kindesbeinen an

unzählig viel zugut / bis hierher hat getan.«

Danach wurde den Mitgliedern der Gutsfamilie eine Schleife mit Ähren an den Ärmel gesteckt und anschließend ging es in die große Scheune, die ausgefegt worden war und an deren Seiten Tische und Bänke standen. Die große, kunstvoll gebundene Erntekrone nahm Onkel Erik, Frederikes Stiefvater, in Empfang. Sie würde bis zur Weihnachtszeit in der geräumigen Diele des Gutshauses hängen. Erst wenn sie dort den Weihnachtsbaum aufstellten, würde die Erntekrone abgenommen werden.

Weihnachten, dachte Frederike, das scheint noch so weit hin zu sein, aber die Zeit verlief immer schneller. Früher, als sie noch kleiner gewesen war, war Weihnachten immer das Großartigste im Jahr gewesen – das Essen, die Geschenke, die Feste, der Tannenbaum und der Lichterglanz. Und es hatte ewig gedauert – von einem Weihnachten zum anderen. Aber jetzt schien ein Jahr im Nu umzugehen. Bald würde der Winter kommen, dann das Weihnachtsfest, Neujahr. Die Zeit bis zum Frühjahr zog sich immer noch wie Sirup, das schien sich nicht zu ändern – doch war es da, war es auch schon bald Sommer und dann wieder Herbst. Die Abläufe der Jahreszeiten waren essentiell auf einem Gut wie Fennhusen, und obwohl Weihnachten besinnlicher war, war das Erntefest wichtiger für den Betrieb und die Leute. Jetzt war alles eingefahren, und jetzt wurde gefeiert. Morgen würden sie anfangen zu dreschen, aber heute war der Kornboden leer, gefegt und die Blaskapelle spielte auf.

Berge an Kuchen türmten sich auf den Tischen und alle griffen beherzt zu. Zwei Ferkel wurden im Hof über dem Feuer gedreht, es roch jetzt schon köstlich. Die Köchin Schneider hatte viel Laibe frisches Brot backen lassen und einige Köpfe Kohl waren schon recht früh geschnitten, gestampft und in die Steingutgefäße eingelagert worden. Nun war der Krautsalat perfekt und konnte serviert werden.

Die Stimmung war ausgelassen und Stefanie von Fennhusen eröffnete mit ihrem Mann den Tanz – eine Polka. Nach und nach schlossen sich die anderen an – zuerst der Inspektor mit seiner Frau, dann Hans, der Kutscher und Chauffeur. Es ging dem Rang nach, und das wurde penibel beachtet. Erst nach dem zweiten Tanz, einem Walzer, achtete keiner mehr auf die Regeln. Traditionsgemäß blieb die Gutsfamilie, bis das erste Schwein angeschnitten wurde, dann zog sie sich zurück und ließ die Leute feiern.

Alle aßen von dem knusprigen und saftigen Ferkel, dem Krautsalat und dem Brot, und natürlich gab es noch viel mehr Köstlichkeiten, und Fritz versuchte, von allem etwas zu essen.

»Du wirst platzen«, ärgerte Frederike ihn.

»Nein, das werde ich nicht«, gab Fritz zurück und nahm sich noch von den gefüllten Teigtaschen.

»Dir wird übel sein«, sagte Frederike und lachte.

»Und wenn schon? Wann können wir so viel essen, ohne dass uns jemand auf die Finger schaut?« Er grinste.

»Marjellchen«, sagte Viktor, der erste Stallmeister und nahm Frederikes Hand. Es war üblich, dass die Leute auch mit Mitgliedern der Familie tanzten, aber bisher war Frederike noch nie von einem Erwachsenen aufgefordert worden. Doch nun war sie sechzehn und beileibe kein Kind mehr. Sie war noch nicht in der Gesellschaft eingeführt – nicht Fisch, nicht Fleisch. Viktor machte das nichts aus. »Is ne Polka, Marjellchen. Lass uns de Beene schwinjen.«

Und das taten sie dann auch.

»Marjellchen«, sagte Viktor, als er sie nach dem Tanz zurück an ihren Platz führte, »du solltest dariber nachdenken, obde nich de Caramell reitest. Langsam awwer sicher wirste zu jroß fürde Dups, dein Pony.«

»Caramell?« Frederike sah ihn skeptisch an. »Die ist doch so unberechenbar. Und außerdem ist es Mutters Pferd.«

»Wann hattse den deene Fruu Mudder dat letzte Mal jeritten? Muss Jahre her sin.«

Caramell war ein wunderschönes ostpreußisches Warmblut Trakehner Abstammung. Onkel Erik hatte die Stute vor drei Jahren vom Gut Weidenfels gekauft – dem Gut von Frederikes Vater, den sie nie hatte kennenlernen dürfen, weil er schon vor ihrer Geburt gestorben war. Sie hatte keine enge Bindung zur Familie ihres Vaters – gerade deshalb aber hing ihr Herz an diesem Pferd. Caramell schien ein Vermächtnis zu sein, eine Verbindung.

»Meinst du wirklich, ich kann sie reiten?«, fragte Frederike und spürte ihr Herz pochen.

»Wär een Wunder, wenn nich«, sagte Viktor und schlug ihr lachend auf die Schulter. »Ausprobieren werden wir das inne nächsten Wochen, wa, Marjellchen?«

Er würde sie Caramell reiten lassen. Das blieb ihr von dem schönen Fest am meisten im Gedächtnis. Die Familie brach zurück zum Gutshaus auf, bevor die Heiterkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte. Stefanie wies das Küchenmädchen, das tapfer die Stellung hielt, an, ihr eine große Kanne starken Kaffees zu brauen. Sie würde ihn brauchen, denn, auch wenn die Familie nicht mehr mitfeierte, würde die ganze Nacht über an der Tür geklopft werden, und Stefanie würde manchen Streit schlichten, mache Wunde versorgen müssen.

Aber auch diese Nacht überstanden sie. Das Tagesgeschäft lief am nächsten Morgen etwas holprig an, aber nach und nach fanden alle zum Alltag zurück.

Am frühen Nachmittag ging Frederike in den Stall. Tomasz, der erste Stallbursche, versorgte die Pferde. Er war an der letzten Box, hinten, dort, wo Caramell stand, und fluchte laut.

Sie hatte auf dem Erntefest gesehen, dass er mit seiner Frau, die in der Gutsküche angestellt war, gestritten hatte. Im Grunde war das nicht ungewöhnlich, es stritten sich viele Paare auf solchen Festen, auf denen das Freibier floss und der Schnaps unter der Hand ausgeteilt wurde. Frederike mochte Tomasz, er tat alles für die Pferde. Aber mit Caramell hatte er seine liebe Mühe. Sie war tatsächlich etwas speziell, das musste selbst Frederike zugeben. Die Stute vertrug sich fast mit keinem anderen Pferd, nur Glumse, der falbe Kaltblüter-Wallach, war ihr Freund. Die beiden schienen sich zu lieben.

Tomasz kam in die Stallgasse und nickte Frederike zu. »Willste deine Dups reiten?«, fragte er mürrisch. »Is noch nich fertich.«

»Eigentlich wollte ich zu Caramell«, sagte Frederike leise, von dem Tonfall des Mannes verschüchtert.

»Caramell? Dat is keen Jaul, dat is nen Deuwel«, er winkte ab. »Lass se besser in Ruhe.« Vor sich hinschimpfend bog er in die nächste Chaussee ab.

Mit klopfendem Herzen ging Fredrike zu Caramells Box. Das Pferd schnaufte und schien zu schwitzen, so als ob sie unter Stress stünde. Ihre Augen waren geweitet, ihre Nüstern gebläht. Frederike suchte Viktor, doch er war nirgends zu sehen, also blieb ihr nichts anderes übrig, als enttäuscht wieder ins Gutshaus zu gehen.

Erst einige Tage später hatte Viktor Zeit. Er sattelte Caramell, brachte sie in den Hof, half Frederike in den Sattel und führte sie auf die Koppel.

»Reit sie langsam warm. Du musst dir mehr Mühe geben, bei deinem Pony ist das alles einfach, aber Caramell ist ein ängstliches Pferd.«

»Ängstlich?«, fragte Frederike überrascht. »Sie beißt doch alle weg. Sie ist aggressiv.«

»Dat isse nur, weil se ängstlich is. Du musst umjehen behutsam mit ihr.«

Frederike ritt erst nur im Schritt, das Pferd schnaubte, hob immer wieder den Kopf und schaute nach hinten.

»Ist gut, Caramell«, sagte Frederike leise. »Alles ist gut, wir müssen uns nur aneinander gewöhnen.« Sie klopfte auf den warmen Hals des Tieres, atmete seinen süßlichen Duft ein. Schließlich bog Caramell den Kopf und ließ sich reiten. Nun trabte Frederike ein wenig, dann ging sie wieder im Schritt und schließlich brachte sie Caramell wieder zurück zum Stall.

»Dat haste jut jemacht«, lobte Viktor. »Kannste machen öfter.«

Von nun an versuchte Frederike öfters Zeit zu finden, um Caramell zu reiten. Aber selbst die Gutskinder hatten immer irgendetwas zu tun – auch außerhalb der Schulstunden. Und dann war da auch noch Dups, Frederikes Pony, das sie nicht vernachlässigen wollte.

Einige Wochen später, im Oktober – der Herbst war nun eindeutig eingezogen – hatte Onkel Erik Freunde zur Jagd eingeladen. Seinen besten Freund Friederich von Hermannsdorf und den nächsten Nachbarn, der nur 30 Kilometer entfernt sein Gut hatte – Herbert von Olechnewitz.

Wie immer mussten alle, auch die Gäste, früh aufstehen und der Andacht, die Onkel Erik hielt, beiwohnen. Sie hatten sich, wie jeden Tag, um sieben Uhr in der Halle versammelt.

Frederike schaute zu ihrem Stiefbruder Fritz, der unverhohlen gähnte. Auch Onkel Erik warf seinem Stiefsohn einen verärgerten Blick zu, fuhr dann aber mit der Morgenandacht fort. Der vierzehnjährige Fritz hatte am gestrigen Abend versteckt auf der Treppe gesessen und den Gesprächen der Männer gelauscht, bis ihn Leni, das erste Hausmädchen, entdeckte und ins Bett schickte.

»Du wirst morgen kaum aus den Federn kommen«, hatte sie ihm gesagt und damit recht behalten. Wieder gähnte er, diesmal unterbrach Onkel Erik die Lesung. »Reiß dich zusammen, Junge!«, zischte er.

Endlich war die Morgenandacht beendet. Köchin Schneider und die Küchenmädchen eilten in das Souterrain, um das erste Frühstück zuzubereiten.

»Nach dem Frühstück wollen wir los«, sagte Onkel Erik zu Hans, dem Stallmeister.

Hans nickte. »Ei, dann jeh ich ma und lass die Pferdchen satteln.«

Gerulis, der erste Diener, und Leni waren ins Esszimmer gegangen und deckten dort ein. Neben dem Esszimmer war ein kleiner Anrichteraum mit dem Speisenaufzug. Sie hatten die Tür des Esszimmers hinter sich geschlossen. Aber schon bald würde der erste Gong ertönen, das Zeichen, dass das Essen bald serviert würde, und dann der zweite Gong, wenn angerichtet war.

Onkel Erik wandte sich zu seiner Frau, Stefanie von Fennhusen. »Die Köchin wird uns ein zweites Frühstück einpacken?«

»Natürlich, Erik.« Stefanie lächelte. »Und falls ihr noch ansitzen wollt, lasse ich euch Suppe bringen.«

»Darf ich mit?«, fragte Fritz seinen Stiefvater. »Bitte.«

»Du wirst, genau wie die Mädchen, heute zum Schulunterricht gehen«, sagte Onkel Erik. »Und ich hoffe, du schläfst nicht ein.«

Fritz senkte den Kopf. »Ja, Onkel Erik«, sagte er.

»Kommst du mit mir?«, fragte Stefanie Frederike, ihre älteste Tochter. »Ich schau schnell nach den Kleinen.«

Frederike folgte ihrer Mutter gerne, sie liebte ihre Halbgeschwister und verbrachte oft Zeit mit ihnen, was die Kleinen sehr genossen. Auch jetzt juchzte die gerade fünf Jahre alt gewordene Irmi auf und sprang in Frederikes Arme.

»Darf ich mit nach unten, Mutter?«, fragte sie.

Die Mutter schüttelte den Kopf. »Wir haben Gäste. Wenn ihr euch gut benehmt, dürft ihr heute Nachmittag etwas länger bleiben.« Stefanie sah Ruth, das Kindermädchen, an. Ruth nickte wissend. Wenn die Kleinen Gästen vorgestellt wurden, sollten sie die guten Sachen tragen.

»Och«, sagte Irmi enttäuscht. »Freddy und Gerta dürfen doch auch.«

»Irmikind, wir sind auch schon ein wenig älter. Wenn du so alt bist wie ich, darfst du auch immer unten essen. Aber früher mussten wir auch meist im Kinderzimmer speisen«, sagte Frederike. Sie schwindelte ein wenig, denn ihre Mutter hatte früher ein eher unorthodoxes Haus in Potsdam geführt. Es gab literarische Treffen, einen musikalischen Salon und viele Gäste. Die Kinder waren immer mittendrin. Das änderte sich schlagartig, als die Familie nach Ostpreußen zog. Hier war alles anders, hier galten auch andere Regeln. Es hatte ein wenig Zeit gebraucht, bis sich Frederike, Fritz und Gerta an das Gutsleben gewöhnt hatten. Doch nun konnte sich Frederike nichts anderes mehr vorstellen und es schmerzte sie, dass sie im nächsten Herbst das Gut verlassen sollte, um in Bad Godesberg auf eine Schule für höhere Töchter zu gehen.

Der Gong erklang zum ersten Mal. Frederike setzte Irmi ab, strich Gilusch und Klein-Erik über die Köpfe. »Ich komme später noch einmal«, versprach sie. Dann folgte sie ihrer Mutter nach unten.

Dort warteten schon die beiden Gäste und Onkel Erik, Gerta saß in einem Sessel am Kamin und las.

»Leg das Buch weg und geh dir die Hände waschen«, sagte Stefanie streng zu ihrer Tochter. Dann sah sie sich um. »Wo ist Fritz?«

»Ich gehe ihn holen, Mutter«, bot sich Frederike an.

»Nein, wenn er nicht auf den Gong hört, verpasst er eben das Frühstück.«

Doch in diesem Moment schwang die Haustür auf, Fritz kam hereingelaufen und brachte einen Schwall kühler und würziger Herbstluft mit.

»Hände waschen!«, mahnte Stefanie.

Frederike grinste. Ihr Bruder musste sich nicht nur die Hände waschen, er sollte sich auch die Haare kämmen und das Stroh von der Jacke entfernen. So, wie sie ihn kannte, hatte er beim Misten, Putzen und Satteln geholfen.

Fritz eilte nach oben und nahm mit jedem Schritt zwei Stufen auf einmal.

Der zweite Gong läutete und Gerulis öffnete die Tür zum Esszimmer. Noch bevor alle ihre Plätze eingenommen hatten, tauchte auch Fritz wieder auf. Das Gesicht gerötet, der Haaransatz nass – aber immerhin sauber. Schnell setzte er sich an seinen Platz und zwinkerte Frederike zu.

Normalerweise frühstückte die Familie gemeinsam – Onkel Erik, Stefanie, Tante Edeltraut und meistens auch Tante Martha – eine Freundin von Tante Edeltraut, die inzwischen ein Dauergast auf Fennhusen war und irgendwie zur Familie gehörte.

Auch die Hauslehrerin nahm am ersten Frühstück teil. Selbst der Inspektor hätte einen Platz an der Tafel gehabt, doch er zog es vor, das Frühmahl mit seiner Familie im Inspektorhaus einzunehmen.

Die Leute – wie das Personal auf dem Gut genannt wurden – aßen im Souterrain im Leutezimmer, allerdings erst, nachdem sie die Herrschaften bedient hatten.

Frederike wusste, dass dies nicht nur ein Ritual war, sondern auch Sinn und Zweck hatte, aber dennoch hatte sie es immer als ungerecht empfunden. Eigentlich sollten die Leute, diejenigen, die am frühesten aufstanden und das Haus besorgten, als erstes essen dürfen. Aber sie wusste auch, dass Köchin Schneider immer schon ein paar Scheiben Brot mit Butter in der Küche bereitet hatte und hier auf dem Gut niemand vor Schwäche umfiel.

»Ich habe den Burschen Bescheid gesagt«, sagte nun Onkel Erik zu seinen Jagdgästen. »Sie werden das Niederwild auf die Schonung am hinteren Wald treiben. Je nachdem, wie schnell wir fertig sind und wie sich das Wetter entwickelt, können wir auch noch auf den Ansitz gehen.«

»Das klingt hervorragend, Fennhusen«, sagte von Olechnewitz und rieb sich die Hände. »Wir werden einen vorzüglichen Tag haben.«

Die Männer brachen auf, im Hof standen schon gesattelt die Pferde. Hans würde ihnen mit einer kleinen Wagonette, auf der die Waffen, Decken, der Imbiss und Getränke verstaut waren, folgen. Die Treiber waren schon mit einem anderen Wagen in das Revier verbracht worden und trieben nun das Niederwild langsam in Richtung Lichtung.

Stefanie seufzte erleichtert auf, sobald die Männer das Haus verlassen hatten. Zwar war dies nur eine kleine Jagd und bei Weitem kein großes Ereignis, dem noch ein Ball folgte, aber dennoch brachten die Besucher den Tagesrhythmus durcheinander.

Frederike schaute auf die Uhr. Bis der Schulunterricht begann, war noch etwas Zeit. Schnell schlüpfte sie nach unten in das Souterrain. Aus der Küche duftete es ganz herrlich. Das Brot buk, Speck wurde ausgelassen und Köchin Schneider hatte eine kräftige Brühe angesetzt, die sie nun mit Wein ablöschte. Zischend stiegen die köstlich riechenden Schwaden aus dem riesigen Kessel empor. Schneider schüttete Wasser nach und gab ordentlich Salz dazu.

»Ei, Marjellchen«, sagte sie und lächelte. »Hat dir et Frihstickchen nich jereicht? Jankerste nach mehr?«

»Nein, danke«, sagte Frederike. »Das Frühstück war köstlich wie immer. Ich habe noch etwas Zeit, bis der Unterricht beginnt.« Sie ging zur hinteren Tür. Von dort aus führten vier Treppenstufen in den Hof. Hier stand im Sommer auch immer der Käfig mit den Putenküken, die die Köchin von Hand großzog. Ausgebrütet wurden sie in einem hölzernen Kasten, der durch einen Petroleumofen auf Temperatur gebracht wurde. Doch nun waren alle Küken groß genug, um im Stall bei den anderen Puten zu leben – bis sie eines Tages im Bräter endeten.

Frederike sah Fritz aus dem Stall kommen. Er grinste verschmitzt, bestimmt überlegte er sich gerade irgendwelche Streiche. Gefolgt von Hektor und Acor, ihren Hunden, lief Fritz über den Hof und näherte sich zielstrebig der Küchentür.

Was führt er wohl im Schilde, fragte Frederike sich amüsiert.

Fritz öffnete die Tür und zuckte zusammen, als er seine Schwester sah. Er roch nach Stall und süßlich nach Pferd.

»Hast du etwa beim Satteln geholfen?«

Fritz antwortete ihr nicht und ging an ihr vorbei in die Küche. »Liebste Schneider, ich wünsche Ihnen einen wundervollen Morgen.«

»Erbarmung«, seufzte sie. »Dat Piffke. Wat willste? Jankert dir es nach Leckereichen?«

»Ne. Aber haben Sie vielleicht ein paar Fleischabfälle für die Hunde?«

»Ei, hamse nich jenuch Futterchen bekommen?«, fragte die Köchin verblüfft.

»Doch, schon. Aber ich will heute Nachmittag mit ihnen etwas unternehmen und da wäre es gut, wenn sie vorher noch eine Kräftigung bekämen«, sagte Fritz.

Kräftigung – das Wort zog bei der Köchin. »Ei, vom Fleisch abfallen wird hier bei mir nie nimmer niemand.« Sie ging zu dem Eimer neben dem Herd und nahm eine Handvoll Fleischreste heraus. Normalerweise wären die in die Suppe gekommen oder zum Soßenansatz verwendet worden, aber ab und zu machte Schneider eine Ausnahme.

Die große Uhr in der Diele schlug, Frederike stieß ihren Bruder an. »Du solltest dich waschen und vielleicht ein anderes Hemd anziehen. Du riechst zehn Meter gegen den Wind genau wie Hans.«

»Männlich herb?« Fritz kicherte und lief los. »Hast recht, Freddy, mach ich. Und verrat mich nicht.«

»Was hast du denn überhaupt vor?«, fragte sie und folgte ihm. Doch sie hörte nur noch seine schnellen Schritte auf dem Weg in die erste Etage.

»Nun, was ist denn hier los?«, fragte Stefanie, die im kleinen Salon an ihrem Sekretär saß und ärgerlich aufblickte, als sie das Poltern auf der Treppe vernahm. Jeden Morgen traf sie sich hier zur Besprechung mit der Mamsell. »Was macht ihr für einen Lärm?«

»Lärm?«, fragte Frederike unschuldig. »Ich höre nichts.« In diesem Moment fiel Fritz’ Zimmertür krachend ins Schloss. Stefanie runzelte die Stirn.

»Gleich fängt der Unterricht an, Mutter«, sagte Frederike und lief auch nach oben. »Ich muss mir noch die Hände waschen.«

Während des Vormittags versuchte Frederike Blickkontakt mit ihrem Bruder aufzunehmen, doch Fritz schien sich ganz in seine Aufgaben vertieft zu haben.

»Frederike, konzentrier dich bitte«, ermahnte Fräulein Hansen sie, die ihre Blicke bemerkt zu haben schien. »Du solltest dein Material lernen. Schließlich musst du im Frühjahr die externen Abschlussprüfungen ablegen, damit du auf die höhere Schule gehen kannst.«

»Für mich wird das ein Klacks«, sagte Fritz, wie immer ganz und gar von sich überzeugt.

»Wenn du deine Rechtschreibung nicht verbesserst, habe ich da meine Zweifel. Aber vielleicht stellst du ja heute dein Können unter Beweis. Holt die Hefte hervor, wir schreiben ein Diktat.«

»Jetzt?«, fragte Fritz entsetzt. »Einfach so?«

»Warum nicht? Ein Diktat ist ein Diktat. Und wenn du den Text nicht vorher hast, kannst du es auch nicht üben«, meinte Gerta und lachte leise. Sie war eine gute Schülerin, nur etwas verträumt.

Fritz stöhnte auf, nahm dann sein Heft hervor und tauchte die Stahlfeder in das Tintenfass. »Dann bringen wir es lieber schnell hinter uns«, sagte er seufzend.

Um zehn gab es das zweite Frühstück, das die Kinder allerdings im Schulzimmer einnahmen. Meist gab es Brot mit Butter und hin und wieder auch Marmelade. An manchen Tagen kochte ihnen Schneider auch Klunkermus – eine süße und dicke Milchsuppe. Und an ganz besonderen Tagen bekamen sie Kompott dazu.

Die Kinder aßen gemeinsam mit der Lehrerin. Danach ging der Unterricht weiter. Zur Mittagszeit läutete der Gong abermals.

Fritz sprang auf. »Fräulein Hansen, heute Nachmittag habe ich ja Leibesertüchtigung. Hans ist allerdings mit auf die Jagd geritten. Er hat mir gesagt, dass ich Caramell bewegen soll.«

»Da hast du wohl eine fette Meise unterm Pony«, sagte Frederike lachend. »Du sollst Caramell reiten?«

Er sah sie an. »Tatsächlich soll ich das. Fragt Viktor.«

Wenn Fritz seinen Namen so voller Überzeugung erwähnte, log er nicht. Oder vielleicht doch? Frederike war sich nicht sicher. Eine leichte Röte lag auf seinen Wangen, das mochte aber auch der Aufregung geschuldet sein, Caramell wirklich reiten zu dürfen. Caramell war eigentlich Mutters Stute. Onkel Erik hatte sie ihr vor ein paar Jahren geschenkt. Doch Stefanie war danach entweder in anderen Umständen gewesen oder hatte sich um den großen Gutshaushalt kümmern müssen. Zeit, um sich mit der Stute, die deutliche Anzeichen eines Arabers in sich trug, zu beschäftigen, hatte sie nicht gehabt. Die Stute war wunderschön, von einem gleichmäßigen hellen Braun mit einer großen Blesse. Ihre Fesseln waren schlank, der Schweifansatz hoch und die Augen wirkten riesig, man hatte den Eindruck, ein sanftes Tier vor sich zu haben. Nun war Caramell alles, aber nicht sanft. Sie war lebhaft, schreckhaft, geradezu biestig anderen Stuten gegenüber. Anderseits hatte sie einen wunderschönen Gang, man konnte sie mühelos durchs Genick reiten, wenn sie einmal Vertrauen gefasst hatte, und sie sprang im Gelände wie eine Göttin.

Seit Eriks Geburt war Stefanie zwei Mal mit auf die Jagd geritten, aber da hatte sie immer ein anderes Pferd gewählt, eines, das ruhiger und berechenbarer war.

Auf die Stutenweide konnte Caramell nicht, sie biss die anderen Pferde weg, schlug aus und machte regelrecht Jagd auf sie. Hans hatte einiges versucht, hatte ihr immer wieder andere Boxennachbarn gegeben, aber es war schwierig gewesen. Nun stand Caramell ganz hinten in der Stallreihe in der letzten Box. Neben ihr stand Glumse. Er war ein Falbe und hatte deshalb den Namen »Glumse«, was Quark bedeutete, bekommen. Glumse und Caramell liebten sich abgöttisch. Sie gingen immer zusammen auf die Weide, wurde einer von ihnen abgeholt, wartete der andere sehnlich auf die Rückkehr und wieherte schon, wenn er die ersten Huftritte auf der Chaussee hörte.

Glumse wurde als Kutsch- und Schlittenpferd eingesetzt, zog die Wagonette oder auch den Landauer. Manchmal tat er auch seinen Dienst als Rückepferd und musste Baumstämme aus dem Wald holen. Er war gutmütig, verschmust und jedermanns Liebling. Immer, wenn die Kinder in den Stall gingen, bekam er ein Stückchen hartes Brot oder einen der schrumpeligen Äpfel, die in der Tonne vorne an der Stallgasse lagerten. Und natürlich bekam Caramell, nun, da die beiden beieinanderstanden, auch einen.

»Wenn Fritz reiten darf, möchte ich auch«, sagte Fredrike. »Ich muss Dups sowieso bewegen und Gerta sollte Fips reiten.«

Fräulein Hansen lachte auf. »Das könnte euch so passen. Ihr werdet euch an eure Handarbeiten setzen. Schließlich wollt ihr die ja bis Weihnachten fertig bekommen.«

»Bis Weihnachten ist es noch ewig hin«, sagte Frederike und zog einen Flunsch. »Und wieso darf Fritz reiten und wir nicht?«

»Weil es so ist, Fräulein«, meinte die Lehrerin und bedachte Frederike mit einem Blick, der kein Widerwort zuließ.

»Ich will aber auch reiten …«

»Ich will, ich will, ich will! Das ist ein Benehmen wie eine offene Brause und geziemt sich nicht. Punkt.«

Damit war das letzte Wort gesprochen.

***

Bevor sie in den Salon gingen, wuschen sich die Kinder flugs die Hände, stellten sich vor Fräulein Hansen ...

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