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Das Fenster nach innen

Nicci Gerrard

Das Fenster nach innen

Roman

Übersetzung aus dem Englischen
von Rita Seuß und Barbara Steckhan

BASTEI ENTERTAINMENT

1 Eins

Der Anruf kam Viertel vor acht, noch bevor es richtig hell war. Ein kalter Nieselregen überzog die Fensterscheiben mit einem feinen Schleier, der die Konturen der Häuser verwischte und Dächer und Bäume in ein trübes, geheimnisvolles Licht tauchte. Marnie zögerte einen Moment. Die Brotscheibe auf dem Toaster war auf einer Seite bereits geröstet, der Kaffee brodelte in der Espressomaschine, und die Zeitung lag aufgeschlagen auf dem Tisch, neben dem Teller und dem Glas Marmelade. Dies war für sie der friedlichste Moment des Tages. Sie hatte schon gejoggt und geduscht und saß nun im Morgenmantel in der Küche, frisch geschrubbt und zufrieden mit sich selbst. Sie spürte ihre Muskeln – ein angenehmes Gefühl. Es roch nach getoastetem Brot, Waschpulver und dem Basilikum in dem Topf auf dem Fensterbrett, das sie jeden Morgen goss. Eva und ihr Freund schliefen im Zimmer nebenan und würden erst viel später aufstehen. Ein neuer Tag lag vor ihr. Unwillig nahm sie den Hörer ab.

»Hallo? Hier Marnie.«

»Marnie?« Die Stimme in der knackenden Leitung ließ sich nicht sofort zuordnen, obwohl sie ihr seltsam vertraut erschien. Es war wie bei manchen Gerüchen, die eine intensive, aber schwer fassbare Erinnerung wachrufen.

»Ja, am Apparat.«

»Hier ist Oliver. Oliver Fenton.«

»Oliver?« Sie runzelte die Stirn und umklammerte den Hörer. Der Morgen entwickelte sich anders als erwartet. »Aber … Ich meine … Was …?«

»Ich weiß, das kommt überraschend. Es ist wegen Ralph.«

»Warte mal«, sagte Marnie. »Nur einen Moment.« Sie legte behutsam den Hörer beiseite und schaltete mit zitternden Händen den Toaster aus. Das Brot war schon ganz schwarz am Rand, fast verbrannt. Sie schenkte sich eine halbe Tasse Kaffee ein und griff erneut zum Hörer, den Blick aus dem Fenster gerichtet, das sorgfältig arrangierte Tableau zum Auftakt des Tages im Rücken. In der Wohnung gegenüber aß ein Mann in Boxershorts Cornflakes direkt aus der Packung. »Entschuldige«, sagte sie. »Ich musste schnell noch … Ralph, sagst du?«

»Du musst herkommen. Zu ihm.« Olivers Stimme klang verzerrt, verschluckte Silben, als müsse er gegen einen starken Wind anschreien.

»Herkommen. Zu ihm«, wiederholte sie, wie vor den Kopf gestoßen. »Das verstehe ich nicht.«

»Er liegt im Sterben.« Draußen ging eine junge Frau in einer Hose im modischen Military-Look vorbei, einen Styroporbecher mit Kaffee in der Hand. Marnie sah hinunter auf den geraden hellen Scheitel in ihrem glänzend schwarzen, hinten zusammengebundenen Haar. Die Frau bewegte sich anmutig wie eine Tänzerin.

»Marnie?«

»Ja, ich bin noch da.«

»Tut mir leid.«

»Ich versteh dich nur ganz schlecht.«

»Ich sagte, er liegt im Sterben. Und er möchte dich gern sehen.«

»Aber ich …«

»Er ist in seinem Cottage in Schottland. Ich habe einen Flug für dich gebucht, zum nächsten Flughafen, neunzig Kilometer entfernt.«

»Moment … Ich kann doch nicht einfach …«

»Das Flugzeug geht heute Nachmittag um zwanzig nach drei. Von Stansted. Du brauchst nur deinen Pass vorzuzeigen.«

»Ich muss heute zur Arbeit.«

»Es wird dich jemand abholen.« Oliver redete weiter, als hätte sie gar nichts gesagt.

»Die Verbindung ist sehr schlecht.«

»Ich sagte: Jemand wird dich abholen. Okay?«

»Oliver, warte! Du musst mir sagen … Ich meine: Wieso?«

»Ich schaff ’s nicht allein«, sagte er. Zumindest glaubte sie, das gehört zu haben. Es knisterte in der Leitung.

»Warte!« Jetzt hörte sie nur noch ein Rauschen, und sie erschauderte, als hätte der kalte Atem des Windes ihre Haut gestreift. »Für wie lange?«, schrie sie in den Hörer. »Hallo? Oliver? Bist du noch da? Hörst du mich? Verdammt.«

Stirnrunzelnd legte sie auf. Ihre Hände zitterten jetzt nicht mehr, aber sie fröstelte und fühlte sich merkwürdig gelähmt. Der Kaffee war lauwarm und schmeckte so bitter, dass sie ihn in den Ausguss kippte. Das verbrannte Toastbrot warf sie in den Abfalleimer. Die Marmelade stellte sie in den Schrank zurück und faltete die Zeitung so, dass die Schlagzeile (»Familie stirbt in Flammeninferno«) nicht mehr zu lesen war. Dann setzte sie sich an den Tisch, stützte den Kopf in die Hände und schloss die Augen. Sie versuchte nachzudenken, aber ihr Kopf war leer, keine Gedanken, keine Bilder, nur eine Stimme in der Dunkelheit, die ständig wiederholte: »Ralph … Er liegt im Sterben …« Worte, die keinen Sinn ergaben.

Als sie den Kopf hob, kam ihr das Zimmer so fremd vor, als hätte sie es bereits verlassen, als wäre es Teil ihrer Vergangenheit wie eine Geschichte, die längst vorbei war. Ein kleiner, hell erleuchteter Raum. Vier Stühle um einen Holztisch, den sie vom Sperrmüll gerettet und abgeschliffen hatte. Gut gefüllte Vorratsschränke, Regale mit Küchenkräutern, an der Wand ein Kalender mit dem Monat Dezember und dem Foto eines Baums, der seine kahlen Äste in eine leere Winterlandschaft reckt. An der Tür ein kleines Whiteboard, darauf mit rotem Stift die Einkaufsliste: Milch, Mülltüten, Telefonkarten, Geburtstagskarten für Claire, Martin und Anna. Die Küche war gemütlich und zugleich funktional wie die Kajüte eines großen Linienschiffs. Abends, wenn Marnie von der Arbeit nach Hause zurückkehrte, schaute sie stets zu dem erleuchteten Fenster hinauf, und dann schien ihre Wohnung dort oben in einem Meer von Dunkelheit zu schwimmen.

Vielleicht sollte sie den Anruf einfach ignorieren und so tun, als habe es ihn nie gegeben. Dadurch könnte ihr Leben im selben Takt weitergehen, in dem gleichmäßigen Rhythmus, der sie in den letzten Monaten getröstet hatte. Während sie noch mit diesem Gedanken spielte, traf sie jedoch bereits die ersten Vorbereitungen. Sie goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein, erwärmte sie in der Mikrowelle und überlegte, was sie unbedingt noch erledigen musste; vorsichtig, um bloß nicht einzubrechen und in die gefährliche Tiefe gezogen zu werden, glitt sie im Geist über die Eisfläche der neuen Gegebenheiten. Sie musste ein paar Anziehsachen einpacken. In Schottland war es im Dezember ziemlich kalt. Also Wanderschuhe und dicke Pullis, Handschuhe und Thermo-Socken. Das Zwiebelprinzip, Kleidungsstücke zum Übereinandertragen, hatte ihre Mutter ihr stets empfohlen, wenn Marnie sich ans Kofferpacken machte, was sie fast ihr ganzes Leben lang getan hatte – so kam es Marnie zumindest vor. Ralph liegt im Sterben, hatte Oliver gesagt. Aber das konnte einfach nicht wahr sein, es war vollkommen unmöglich. Sie durfte ihren Reisepass nicht vergessen, obwohl es nur ein Inlandsflug war. Ein paar Bücher. Ihr Notizheft. Leichtes Gepäck. Wie lange würde sie überhaupt bleiben? Einen Tag? Zwei? Oder länger? Ralphs Gesicht flackerte vor ihrem inneren Auge auf, so voller Leben und jugendlichem Elan, mit unendlich viel Zeit, die noch vor ihm lag; er lächelte sie an, während sie verwirrt in ihrer Küche saß. Und plötzlich stieg eine entsetzliche Panik in ihr auf. Er durfte nicht sterben! Er durfte noch nicht gehen. Tampons, Zahnbürste, Make-up, Migränetabletten. Sie hatte nicht einmal gefragt, was passiert war. War er von einem Auto überfahren worden? Oder hatte er einen Schlaganfall, sodass sein lebhaftes Gesicht jetzt ganz gelähmt war oder einseitig schief? Ob sie ihn überhaupt wiedererkennen würde?

Acht Uhr. Seit Olivers Anruf waren nicht mehr als fünfzehn Minuten verstrichen. Sie musste Elaine Bescheid geben, dass sie ein paar Tage nicht zur Arbeit kommen würde. Elaine würde nicht gerade begeistert sein. Marnie arbeitete in einem Marionettenmuseum in Soho, nur wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt, und Elaine war die Besitzerin des Museums. Eine kleine, dicke Amerikanerin undefinierbaren Alters, die mit ihren Katzen in Chichester lebte, in senfgelben Leggings und kratzigen Wollpullis herumlief, ihr oft prall gefülltes Portemonnaie in einer Plastiktüte bei sich trug und mit Hochgeschwindigkeit redete. Eine intelligente Person und offensichtlich stinkreich, auch wenn es Marnie ein Rätsel war, woher sie das Geld hatte. Das Museum, viel zu klein, dunkel, staubig und skurril, um diesen Namen zu verdienen, war eines von Elaines Hobbys, die sie nach gelegentlich aufflackernden Anfällen von Begeisterung und beträchtlichem finanziellem Aufwand wieder vernachlässigte. Sie erwartete nicht, damit Geld zu verdienen, und sie verdiente auch keines. Das Museum lag versteckt in einer kleinen Seitenstraße. Elaine machte keine Werbung dafür, und daher wusste kaum jemand, dass es überhaupt existierte. Oft erschien den ganzen Tag über kein einziger Besucher; Marnie verbrachte dann die Zeit damit, die zum Verkauf angebotenen Artikel neu zu arrangieren, die Exponate abzustauben, Fenster zu putzen und sich Kaffee zu kochen. Manchmal stahl sie sich für eine halbe Stunde davon, drehte das »Geöffnet«-Schild auf »Geschlossen« und bummelte durch Soho. Die Sexshops mit den Lederkorsetts und all den bizarren Hilfsmitteln der Lust ließ sie links liegen; stattdessen schlenderte sie durch Läden mit indischen Hochzeitsschals oder durch Antiquariate mit abgegriffenen Kupferstichbänden.

Trotzdem legte Elaine Wert darauf, dass Marnie zwischen halb zehn und achtzehn Uhr im Museum blieb, außer mittwochs und sonntags, den Ruhetagen. Dann konnte man es für Veranstaltungen und Feste mieten, aber seit Marnie hier arbeitete, hatte das noch nie jemand getan. Die Räume waren viel zu klein, die Treppe zu schmal, es gab keine Küche und nur eine enge Toilette, eingeklemmt zwischen sizilianischen Marionetten und Regalen mit winzigen Fingerpuppen.

Marnie wählte die Nummer, und schon nach dem ersten Klingelton hob Elaine ab.

»Hallo.«

»Elaine, ich bin’s, Marnie. Ich habe Sie hoffentlich nicht geweckt.«

»Unsinn, es ist doch schon nach acht. Was glauben Sie, wann ich aufstehe?«

»Ich habe ein Problem. Ich muss mir ein paar Tage frei nehmen.«

»Sind Sie krank?«

»Nein, ich nicht. Aber ein Freund von mir.« Sie zögerte. »Ein guter Freund. Ich muss nach Schottland.«

»Wann?«

»Heute noch.«

»Oh!« Elaine stieß einen leisen, unwilligen Seufzer aus. Marnie hörte, wie sie mit ihren Stummelfingern auf eine Tischplatte trommelte. »Tja, was sein muss, muss sein. Dann werde ich eben eine Vertretung für Sie finden müssen. Das Museum kann ja nicht einfach geschlossen bleiben.«

»Ich wüsste jemanden, der für mich einspringen könnte. Sie ist noch jung, nicht mal zwanzig, aber sie ist …« – Marnie zögerte kurz – »… verantwortungsbewusst. Und sie kennt das Museum. Ich habe sie schon öfter mal mitgenommen. Es gefällt ihr.«

»Und wer ist diese Perle?«

»Eva. Meine … Ähm … Meine Nichte. So was in der Art.«

Das erschien ihr einfacher, als zu sagen, dass Eva ihre Ex-Stieftochter war.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie Geschwister haben.«

»Hab ich auch nicht. Ach, es ist kompliziert.«

»Und diese Eva, wann könnte sie anfangen?«

»Sofort. Sie wohnt bei mir. Ich könnte ihr also schnell noch alles zeigen, bevor ich aufbreche.«

»Hm. Verantwortungsbewusst, sagen Sie?«

Diesmal schob Marnie die Bedenken beiseite und gab sich entschiedener. »Ja.«

»Haben Sie sie schon gefragt?«

»Ich dachte, ich frage erst mal Sie. Aber sie ist ganz bestimmt einverstanden. Sie sucht nämlich Arbeit.«

Auch das stimmte nicht ganz. Eva hatte in den vergangenen zehn Tagen angefangen, sich über eine Arbeit Gedanken zu machen, oder vielmehr den Vorsatz gefasst, darüber nachzudenken.

»Also gut. Wenn Sie sich für sie verbürgen.«

»Das tue ich.«

»Und … Marnie …«

»Ja?«

»Ihr Freund … Hoffentlich geht es ihm bald wieder besser.«

»Danke.« Für einen Moment wurde Marnie bewusst, was sie da eigentlich vorhatte, und ihr stockte der Atem, obwohl sie nicht nur Angst verspürte, sondern auch eine geheimnisvolle, prickelnde Erregung. Es gab Augenblicke im Leben, da schwanden alle Gewissheiten und man stand ganz allein vor dem Abgrund des Zweifels. Sie streckte eine Hand aus, um den Tisch zu berühren, und drückte ihre nackten Zehen auf den Fliesenboden. Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber das Einzige, was ihr in den Sinn kam, war: »Er heißt Ralph.« Als sie den Namen laut aussprach, wurde sein Bild schärfer. Wann hatte sie zum letzten Mal seinen Namen gesagt?

Elaine wechselte wieder in ihren gewohnten forschen Tonfall.

»Gut. Und geben Sie dieser Eva meine Telefonnummer, für alle Fälle.«

»Natürlich. Danke, Elaine.«

»Alles Gute!«

»Danke. Ihnen auch.«

Marnie kochte noch eine Kanne Kaffee, diesmal besonders starken. Sie machte Milch warm und goss sie mit dem Kaffee in zwei Becher. In einen davon gab sie einen Teelöffel Zucker. Die beiden Becher in einer Hand, klopfte sie an Evas Tür. Sie wartete. Klopfte erneut.

»Hm?«

»Eva?« Sie versuchte die Tür mit dem Fuß aufzustoßen, aber die öffnete sich nur einen Spaltbreit. Irgendetwas lag im Weg. »Guten Morgen.«

»Wie spät?«

»Ich bring Kaffee für euch zwei.«

Marnie zwängte sich durch den Türspalt, stieg über Berge verstreuter Kleidung und trat auf Gegenstände, die unter ihren Füßen knirschten – eine CD-Hülle, ein Handy, eine Brieftasche –, bis sie am Futonbett angelangt war, in dem Eva und ihr Freund Gregor schliefen. Sie konnte Gregors braunen Lockenkopf ausmachen, ein blinzelndes Auge, eine herunterhängende Hand, deren Finger den zugemüllten Teppich berührten, während Eva unsichtbar war. Sie hatte sich ein paillettenbestickes Kissen, das Marnie vor vielen Jahren genäht hatte, vollständig über den Kopf gezogen und sich in die Bettdecke gewickelt. Nur drei dunkellila lackierte Zehen lugten darunter hervor. Und da war noch jemand im Zimmer. Er lag auf dem Fußboden, mit Boxershorts und nur einem Socken bekleidet; ein T-Shirt von Eva bedeckte sein Gesicht. Durch das T-Shirt drang sporadisch ein Pfeifen, und die haarlose Brust hob und senkte sich in friedlichem Schlummer.

Die Vorhänge waren zugezogen, und in der Luft lag ein säuerlicher Geruch, durchsetzt von Tabak und Parfüm. Marnie rümpfte die Nase. Bevor Eva bei ihr aufgekreuzt war, war das ihr kleines Atelier gewesen. Sie hatte alle ihre Utensilien und Materialien in Schuhschachteln und großen Tüten unter ihrem Bett und auf dem Kleiderschrank verstaut. Dafür lagen jetzt Evas und Gregors Sachen im Zimmer verstreut wie Saatgut auf dem Feld. Es war ein mathematisches Rätsel, wie die beiden mit ihren wenigen Habseligkeiten so viel Unordnung zustande brachten.

»Ich hätte dich nicht geweckt, wenn ich nicht in einer Notlage wäre.«

Unter dem Kissen ein Geräusch wie eine Frage. Gregors Finger schlossen sich zur Faust, die unter die Decke zurückgezogen wurde. Er stieß einen gequälten Seufzer aus. Der Junge am Boden drehte sich auf die andere Seite.

»Ich habe Arbeit für dich, Eva, hörst du?«

»Arbeit?«

»Ja. Du hast doch gesagt, du suchst einen Job. Ich habe einen.«

»Ich bin im Winterschlaf.«

»Eva, ich stelle zwei Becher Kaffee hier auf den Boden. Ich wusste nicht, dass ihr einen Gast habt. Pass auf, dass sie nicht umkippen! Ach, hier sind meine Kaffeebecher alle geblieben. In einigen wächst ja schon der Schimmel. Hör zu, Eva, ich muss für ein paar Tage verreisen.«

Evas Kopf kam unter dem Kissen hervor und drehte sich in Marnies Richtung. Ihre Augen waren immer noch fest geschlossen.

»Wann?«

»Heute. In wenigen Stunden. Du wirst mich vertreten.«

Evas Augen öffneten sich einen Spaltbreit.

»Ach ja?«

»Ja.«

»In deinem Museum?«

»Genau.«

»Oh.«

Die Augen schlossen sich erneut.

»Schlaf bloß nicht wieder ein, Eva! Ich mach jetzt das Licht an, okay? In einer halben Stunde gehen wir zusammen los. Ich zeige dir alles, und du bleibst dann gleich dort.«

»In einer halben Stunde!«

»Ja. Bitte, Eva! Es ist wichtig.«

»Warum?«

»Weil ich losmuss, bevor …«

»Nein.« Eva setzte sich auf und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wohin musst du denn?«

»Das sage ich dir, wenn du aufgestanden und angezogen bist.«

»Marnie!«

»Zehn Minuten. Ich mach dir inzwischen was zu essen.«

»Okay.«

»Trink deinen Kaffee, bevor er kalt wird!«

»Ja, ja.«

Marnie schloss die Zimmertür hinter sich. Sie zog einen schwarzen Kordrock an, ein dünnes T-Shirt, einen hellgrauen Pulli mit V-Ausschnitt und alte schwarze Stiefel. Dann holte sie ihre Reisetasche aus dem Schrank. Der Gepäckabschnitt vom letzten Flug klebte noch am Griff, und in einer Seitentasche fand sie ein kleines Deospray und eine Haarbürste. Sie warf Slips, BHs, mehrere Paar Socken und Kosmetiksachen hinein. Ohne groß nachzudenken, nahm sie eine Jeans aus dem Schrank, drei Blusen und einen weiteren Pulli. Ihren Morgenmantel, den sie gerade ausgezogen hatte, packte sie ebenfalls ein. Was noch? Shampoo, Zahnbürste. Ihren Reisepass, der erst in sechs Jahren ablief. Vor vier Jahren hatte sie sehr viel jünger ausgesehen. Ihre Gesichtszüge waren weicher gewesen. Sie nahm ihren grauen Mantel mit Gürtel aus dem Schrank und warf ihn auf die Reisetasche.

Im Vorbeigehen klopfte sie noch einmal an Evas Tür, dann schob sie zwei Panini in den Ofen. Ein Panino mit Marmite-Aufstrich und geriebenem Käse war derzeit Evas Lieblingsfrühstück (davor waren es Zimt-Bagel gewesen). Sie war eine schlanke junge Frau mit schmalen, fast zerbrechlich wirkenden Hand- und Fußgelenken, schmal auch im Gesicht, an Hüften und in der Schulter. Aber am Ende eines anstrengenden Tages aß sie wie ein Scheunendrescher. Unerklärlich, wohin sie das alles steckte. Sie trieb kaum Sport und war faul wie eine Katze, die sich in der Sonne räkelt. Eva und ihre jüngere Schwester Luisa waren wahrscheinlich der Hauptgrund gewesen, warum Marnie so lange mit Fabio, dem Vater der beiden, zusammengeblieben war. Vielleicht waren die Mädchen sogar der Grund, aus dem sie sich überhaupt erst in ihn verliebt hatte. Dies und die Sehnsucht nach einem eigenen Kind, die in ihrem gesamten Körper brannte. Als sie die Mädchen kennenlernte, waren sie neun und sieben Jahre alt: feingliedrige Mädchen mit dunklen Augen und Strubbelkopf, die eineinhalb Jahre zuvor die Mutter verloren hatten und nach Liebe hungerten. Jedes auf seine Art so hilflos, dass Marnie geradezu überwältigt war von einem mütterlichen Beschützerinstinkt, den sie nie ganz abgelegt, sondern nur zu kaschieren gelernt hatte. Luisa, ein sanftes, rührend schüchternes Wesen, hatte sofort Vertrauen zu ihr gefasst. Sie war zu Marnie und Fabio ins Bett geklettert und hatte auf dem morgendlichen Weg in die Schule ihre Hand in Marnies Hand geschoben. Sie hatte sich von Marnie das widerspenstige Haar zu Zöpfen flechten lassen und mit ihr zusammen etwas zum Anziehen ausgesucht. Eva dagegen hatte Marnie zunächst ignoriert, sich dann in Fabios Gegenwart über sie lustig gemacht und Marnies Geduld mit Provokationen auf die Probe gestellt. Sie hatte nach Marnie geschlagen, ihr einmal sogar ins Gesicht gespuckt und sie angefaucht wie eine wilde Katze, bevor sie sie endlich in einem Strom von Tränen akzeptierte.

Marnie hatte die beiden Mädchen durch die schwierigen Jahre der Pubertät begleitet. Sie hatte ihnen über Liebeskummer, die einsetzende Menstruation, Schulprüfungen, die ersten Freundschaften mit Jungs und den ersten Kater nach einer durchzechten Nacht hinweggeholfen. Sie hatte ihnen gezeigt, wie man englische und italienische Gerichte kocht, wie man mit Öl- und Aquarellfarben malt, wie man näht, stickt, zerbrochenes Geschirr und Steckdosen repariert. Und die Mädchen hatten ihr Florenz, Siena und Pisa gezeigt und Marnies italienische Grammatik verbessert. Marnie hatte mit ihnen Segeltouren unternommen wie früher ihre eigene Mutter mit ihr. Die Mädchen lachten, wenn ihnen die salzige Gischt ins Gesicht spritzte, und wenn sich das kleine Boot in den Wellen aufbäumte, lächelten beide auf dieselbe Weise. Damals hatte Marnie sich vorgenommen, diese Momente des Glücks niemals zu vergessen. Sie hatte die beiden getröstet, wenn sie weinten, mit ihnen gekichert und herumgealbert. Das gewünschte eigene Kind mit Fabio hatte sie nie bekommen, und erst ganz allmählich – wie im Nebel, der sich langsam lichtet – erkannte sie, dass Fabio außer ihr noch andere Frauen hatte, mit denen er gleichfalls keine Kinder bekam. Die überschwängliche, reumütige Zärtlichkeit, mit der er nach jedem Abenteuer wieder zu ihr zurückgekehrt war, hätte schon viel früher ihren Verdacht erregen müssen. Ihn zu verlassen war ihr leichtgefallen, die Mädchen zu verlassen hingegen war die schwerste Entscheidung ihres Lebens gewesen. Als es so weit war, hatten die beiden allerdings gerade begonnen, sich von zu Hause abzunabeln. Dann, vor wenigen Wochen, war Eva plötzlich mit einer kleinen Tasche und einem großen, zerzausten polnischen Freund hier aufgetaucht. Sie würde gern eine Weile bleiben, hatte sie lässig erklärt, und sich nach einer Arbeit umsehen, bevor sie auf die Reise gehen wolle. Das sei doch kein Problem? Und Marnie, die ihre Freude und Dankbarkeit hinter einer ebenso beiläufigen Miene verborgen hatte, hatte geantwortet, das gehe schon klar. Eva könne bleiben, solange sie wolle.

Jetzt rieb sie Käse über die Panini, schob sie in den Toaster und rief durch die Küchentür hinaus:

»Eva! Jetzt komm endlich!«

»Nur eine Minute.«

»Du hattest schon fünfzehn.«

Als Eva schließlich auf hochhackigen Schuhen in die Küche stakste, trug sie einen kurzen grünen Glockenrock, gemusterte Strümpfe, eine orangerote langärmelige Bluse – halb aufgeknöpft, sodass das pinkfarbene Top darunter hervorschaute –, eine Halskette, glitzernde Armreife und klimpernde Ohrringe. Dazu ein Nasenpiercing. Ihre Fingernägel waren zinnoberrot lackiert, die Augenlider türkis geschminkt, die Wimpern dunkelblau getuscht, und ihre Lippen glänzten in einem satten Rot.

»Ach, du meine Güte!«, sagte Marnie in einem Anflug von Heiterkeit trotz des Anrufs von vorhin. »Da tun einem ja die Augen weh.«

»Ich dachte, es wäre gut, wenn ich mich ein bisschen zurechtmache.« Eva sprach fließend Englisch, obwohl ihre Intonation immer noch klang wie ein melodisches Maschinengewehr.

»Wer ist der junge Mann, der auf dem Boden in deinem Zimmer liegt?«

»Ach, ich weiß nicht mehr«, sagte Eva vage. »Obwohl er mir gesagt hat, wie er heißt. Wir haben ihn gestern Abend kennengelernt. Er hat seinen Zug nach Hause verpasst. Ist das für mich?«

Eva biss mit herzhaftem Appetit in das Panino, dessen geschmolzener Käse lange Fäden zog. Auf ihrem Schlüsselbeinknochen prangte eine gemalte kleine Spirale – oder war es ein Tattoo?

»Du siehst aus wie eine Warnblinkleuchte. Aber zum Glück ist es im Museum dunkel, das dämpft die Farben. Außerdem wird ohnehin kein Besucher kommen, der sich abgeschreckt fühlen könnte. An manchen Tagen ist es sehr ruhig.«

Eva setzte sich auf einen Stuhl.

»Und jetzt erzähl! Wohin musst du, so ganz in Schwarz und Grau wie eine Nonne?«

»Einen kranken Freund besuchen.«

»Einen Freund?«

»Jemand, den ich von früher kenne.«

»Länger als Dad?«

»Viel länger.«

»Mysteriös. Wie krank ist er denn?«

Marnie antwortete nicht. Trotz Evas Besorgnis fand sie die richtigen Worte nicht. Sie schluckte, biss sich auf die Lippen und starrte aus dem Fenster. In dem stärker werdenden Regen eilten drei junge Frauen vorbei; dann eine Politesse mit gesenktem Kopf; ein Vater mit Kind, das einen bunten Schal um den Hals trug und eine Pudelmütze, die bis an die Augenbrauen in die Stirn gezogen war.

»Ist es so schlimm?«, fragte Eva. »Oje, oje.« Sie hatte etwas Mütterliches an sich. Tröstende Worte murmelnd, strich sie Marnie mit ihrer kleinen, beringten Hand über die Schulter.

»Ich weiß nicht, wann ich wieder da bin, aber ich bleibe nicht lange. Vielleicht ein paar Tage. Vielleicht bin ich auch schon morgen wieder zurück. Ich rufe dich an. Wirst du zurechtkommen?«

»Natürlich komme ich zurecht.«

»Und du wirst …?«

»… die Wohnung pfleglich behandeln und nachts nicht zu viel Krach machen und darauf achten, dass bei deiner Arbeit alles glattläuft. Leihst du mir deine pinkfarbene Wolljacke?«

»Ja«, sagte Marnie. »Ich rechne fest damit, dass du meinen Kleiderschrank plünderst. Das gibt mir das Gefühl, immer noch deine Stiefmutter zu sein.«

»Du wirst immer meine Stiefmutter bleiben. Meine zweite Mutter.«

»Dann ist es ja gut. Wir müssen los.«

Aber sie zögerte noch. Dann nahm sie einen etwas schief getöpferten, gestreiften Keramikbecher von der Anrichte sowie ein Gläschen Muskatnüsse und ein Glas Honig vom örtlichen Imker aus dem Vorratsschrank. Eva verfolgte alle ihre Bewegungen genau, stellte aber keine Fragen.

Das Museum war von Dickens’scher Enge, aber gerade das hatte für Elaine seinerzeit wahrscheinlich den Ausschlag gegeben. Sie war ganz angetan von diesem kuriosen, typisch englischen Touch, frei von jeglichem Komfort, den verzogenen Jalousien und dem engen Treppenaufgang. Wenn sich jemand den Kopf an den Deckenbalken stieß, war sie jedes Mal entzückt. Bei ihr selbst bestand diese Gefahr nicht, denn sie war viel zu klein. Das schmale dreistöckige Haus lag eingekeilt zwischen einem Bürogebäude aus den sechziger Jahren und einem heruntergekommenen Mietshaus. Nach hinten ging es auf einen winzigen Innenhof, den Marnie von dem Krempel befreit hatte, der sich dort angesammelt hatte (ein kaputtes Kinderdreirad, ein Haufen Dachziegel, Dosen mit eingetrockneter Farbe, eine morsche Tür). Sie hatte vor, den Hof mit Stauden in Kübeln zu verschönern und vielleicht sogar einen Apfelbaum zu pflanzen. Sie würde ein Vogelhäuschen kaufen. In einer Ecke des Hofs hatte sie sogar einen Komposthaufen angelegt, wo sie den Satz des Besucherkaffees, Teebeutel und Orangenschalen entsorgte. Von dem Zwang, sich eine wohnliche Atmosphäre zu schaffen, hatte Marnie sich noch nie befreien können. Selbst wenn sie nur eine Nacht in einem anonymen Hotelzimmer verbrachte, räumte sie stets ihre Sachen aus der Reisetasche in die Schubfächer und legte Zahnbürste, Haarbürste, Gesichtscreme und Shampoo so zurecht, als bliebe sie länger. Ralph hatte sie immer damit aufgezogen und eine »Glucke« genannt. Dünn und unordentlich, wie er war, hatte er sich zu ihren Füßen gelegt und gesagt, sie solle sich bloß nicht einfallen lassen, ihn ebenfalls zu entsorgen.

»Die Glühbirnen gehen ständig kaputt«, sagte Marnie und sperrte die Tür auf. »Im Schrank sind neue.« Sie schaltete das Licht ein, und sofort erwachten die von den Deckenbalken hängenden und auf den Regalen sitzenden Marionetten zum Leben. An die unheimliche Wirkung der zahlreichen Puppen, die sie aus gemalten Augen beobachteten, die schief grinsenden Münder halb aufgerissen, mit spindeldürren, hängenden Armen und eingeknickten Beinen, hatte sie sich nie ganz gewöhnen können. Dabei waren sie ihr längst vertraut. Marnie kannte ihre Namen, ihr Alter (einige waren ein paar hundert Jahre alt), ihre Herkunft. Sie konnte den Besuchern erklären, welche der Marionetten aus Sizilien stammten, welche aus Indonesien und welche von hier. Viele Kostüme hatte sie selbst restauriert. Den japanischen Seidenkimono zum Beispiel hatte sie am Rücken wieder zusammengesteppt, für einen der alten hölzernen Krieger im hintersten Raum hatte sie ein neues Schwert und für die Kurtisane aus Hickory-Holz mit den zinnoberrot bemalten Wangen einen Fächer gebastelt. Bei dem großen, abgewetzten Drachen am Eingang, den die Kinder so liebten, hatte sie die Nähte ausgebessert und Rolands Rüstung auf Hochglanz poliert. Manchmal, wenn sie allein war, nahm sie eine Marionette herunter und bewegte sie über den Fußboden. Die rautenförmigen Füße trommelten auf die Dielen, die Arme gingen ruckartig nach oben, als wollten sie Schläge abwehren. Einige Puppen, so die siebzig Zentimeter große Prinzessin aus Birma, waren aufwändig geschmückt, andere, vor allem die im oberen Stock, waren einfache Handpuppen. Unter ihnen topsy-turvy dolls, die zwei Gesichter hatten, eines oben, das andere unten, und einige, die sie an die Puppe aus Pappmaché erinnerten, die sie in der Schule gemacht hatte, indem sie Zeitungsschnitzel in Wasser und Klebstoff eingeweicht und über eine grobe Form aus Knetmasse modelliert hatte. Es gab unbewegliche Figuren an Führungsstäben und andere, die die Bezeichnung Marionette letztlich nicht verdienten. Ihr Lieblingsstück war ein kleiner Hund mit flacher Schnauze und konturlosem Kopf aus Papua-Neuguinea, dessen brüchiger, beinloser Rumpf aus Baumrinde gestaltet war.

Marnie drehte die Heizung auf, legte Stapel mit Broschüren und Postkarten auf die Besuchertheke, zeigte Eva, wo Kaffee und Tee waren und wie die Kasse bedient wurde. Man konnte hier für wenig Geld Marionetten kaufen: Tiere mit lustigen Gesichtern, schnurrbärtige Schurken, Könige mit Kronen, Harlekine mit überrascht hochgezogenen Augenbrauen und sogar ein aufklappbares, leuchtend buntes Miniaturtheater mit winzigen Pappfiguren, die man bemalen und an Führungsstäben bewegen konnte. Als Kind wäre Marnie begeistert gewesen, und jedes Mal, wenn sie eine Marionette verkaufte, schwelgte sie in nostalgischer Wehmut.

»Glaubst du«, sagte Eva und fuhr prüfend mit dem Zeigefinger über das Regal mit den Pappmasken, »glaubst du, dass du und Dad jemals wieder …?«

»Nein.«

»Das ist aber sehr … Wie sagt man?«

»Unmissverständlich?«

»Das habe ich, glaube ich, nicht gemeint. Du hättest uns nicht verlassen dürfen.«

»Ich habe nicht euch verlassen, sondern ihn. Außerdem hatte er sich innerlich schon längst von mir verabschiedet, als ich gegangen bin. Du weißt, wie es war. Aber jetzt ist wirklich nicht der richtige Moment, um darüber zu reden.«

»Ich weiß. Ich fange immer an zu reden, wenn der andere gerade im Aufbruch ist. Eine schlechte Angewohnheit. Keine Ahnung, woher das kommt.«

»Eva, ich muss jetzt wirklich los. Meinst du, du wirst das hier schaffen?«

»Mach dir keine Sorgen! Vergiss nicht, ich bin inzwischen erwachsen.«

»Und Gregor, wird er …«

»Ob er bleibt? Ja. Das hast du schon mal gefragt. Aber er wird sich zu benehmen wissen, okay? Wir werden uns beide zu benehmen wissen. Wir werden weder deine Weinvorräte plündern, noch das Mobiliar kurz und klein schlagen.«

»Dann geh ich jetzt also.«

»Ja, gut.« Eva kniff die Augen zusammen. »Musst du nicht ein Flugzeug erwischen?«

»Ja.«

Marnie streckte die Hand aus und zupfte ein imaginäres Haar von Evas Schulter, nur weil sie sie berühren und den vertrauten Geruch einatmen wollte – nach Nikotin, gemischt mit den Aromen von Kamille und Zitrone, ein frischer, sauberer Duft. Sie umarmten sich. Evas weiches schwarzes Haar streifte Marnies Hals, und ihr warmer Atem strich wie frisches Gras über ihre Wange.

»Viel Glück«, sagte Eva zum Abschied.

Als das Flugzeug abhob, lehnte Marnie den Kopf an das verschmierte Oval der Fensterscheibe. Ihre Stirn vibrierte sanft im Einklang mit den Motoren. Der Himmel war verhangen und grau. Sie erhaschte einen kurzen Blick auf Häuser und Hügel und die sich dahinschlängelnde Themse. Irgendwo da unten ging der Tag weiter, allerdings ohne sie. Eva war jetzt in dem dunklen Museum, trommelte mit den lackierten Fingernägeln gelangweilt auf den Tisch oder lächelte mit ihrem vollen, rot geschminkten Mund den Besuchern zu. Währenddessen saß der schweigsame, blasse, kräftige Gregor in ihrer Wohnung, wo es nach Bier und Tabak und polnischem Essen roch. Ihre Mutter lag unter einem kleinen Flecken Erde, auf die ein winterlicher Nieselregen fiel. Wie die beiden anderen, die allerdings vor so langer Zeit gestorben waren, dass ihre Gräber bereits abgeflacht und mit Gras überwuchert waren, eins davon so klein, dass es für das menschliche Auge kaum sichtbar war. Und dann war da noch David, obwohl Marnie versuchte, nicht an ihn zu denken und die Erinnerung an ihn in die trüben Tiefen ihres Unterbewusstseins zu verbannen. Dort regte sie sich nur gelegentlich und schickte dunkle Wolken empor, in denen Marnie keinerlei Gestalt, sondern nur eine vage Bedrohung erkennen konnte. Vor ihr lag die Begegnung mit Ralph und Oliver. Ihre Vergangenheit hatte sich in die Zukunft katapultiert und wartete dort auf sie. Nach Monaten der friedlichen Untätigkeit, einer Zeit der Heilung und allmählichen Bewältigung, befand sie sich nun erneut auf einer Reise. Und obwohl sie auf dieser Reise Abschied nehmen musste, spürte sie eine kribbelnde Erregung. Etwas war in Gang gekommen; das Leben verschob sich unter ihren Füßen.

2 Zwei

Sie war in einer anderen Welt gelandet. Hier herrschte ein Winter, der London noch nicht erreicht hatte und wahrscheinlich nie erreichen würde, jedenfalls nicht in dieser Strenge. Als sie aus dem Flugzeug stieg, schlug ihr schneidend kalte Luft entgegen, sodass die Nase zu schmerzen und die Fingerspitzen zu pochen begannen und sie Kinn und Mund mit dem Schal bedeckte. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden, und der Mond schwebte als schiefe Sichel über der bereiften Landschaft, obwohl der Nachmittag noch nicht fortgeschritten war. Beiderseits der Landebahn erstreckten sich Felder. Auf einer Wiese grasten Pferde, vom Fluglärm offenbar nicht beeinträchtigt. Ein anderes Feld war gepflügt und wirkte im Zwielicht der Dämmerung wie ein mit Eisschollen bedecktes Meer. Dahinter zeichneten Kiefern und Birken ihre Umrisse in den Himmel. Marnies abgetragene Stiefel rutschten auf dem spiegelglatten Asphalt.

Das Flughafengebäude glich einer Baracke. In der Ankunftshalle wurde das Gepäck bereits auf ein ruckartig anspringendes Laufband geladen. Eine quietschende Tür führte in die von einer nackten Glühbirne beleuchtete Toilette. Marnie betrachtete ihr Gesicht im Spiegel, aber nicht aus Eitelkeit oder Besorgnis, sondern um sich ihr Aussehen in Erinnerung zu rufen. Sie rechnete beinahe damit, dass ihr das Gesicht einer Fremden entgegenstarren würde – oder das Gesicht der jüngeren Marnie, die Ralph damals gekannt hatte. Aber nein, das war zweifellos sie: mit Krähenfüßen in den Augenwinkeln, den ersten feinen Kerben oberhalb der Lippe, schwachen Falten zwischen Nasenwurzel und Mundwinkeln, mit dem Haar, das mit den Jahren dunkler geworden war, und ihren – von jeher – ruhigen Augen. Ihr Herz schlug langsam und gleichmäßig, ihre Hände zitterten nicht. Sie hatte einen klaren Kopf, auch wenn sie sich dem Geschehen seltsam entrückt fühlte. Sie beugte sich vor, bis sie die Flecken in ihrer Iris und die kaum sichtbare Äderung ihrer hellen Haut sehen konnte. Einige Zeit nachdem sie bei Fabio eingezogen war, noch bevor er sich anderen Frauen zuwandte, hatte er ihr erklärt, er habe sie bei der ersten Begegnung gar nicht richtig wahrgenommen. Doch dann sei sie ihm »ans Herz gewachsen«, und eines Tages habe er festgestellt, dass er sie schön finde. Und Ralph hatte einmal gesagt, vor ihr sei ihm noch keine Frau begegnet, die sich unsichtbar machen könne. Als sie eingewandt hatte, das sei ihr gar nicht bewusst, hatte er ungläubig den Kopf geschüttelt. »Du bist eine Beobachterin«, hatte er gesagt. »Du hältst dich gern im Hintergrund und beobachtest das Geschehen, ohne selbst gesehen zu werden. Du bist eine Spionin, Marnie.«

Marnie verließ die Toilette und nahm ihre Reisetasche vom Gepäckband, straffte die Schultern und ging durch die Schwingtür hinaus in die Halle, deren schmutziger weißer Fliesenboden von Neonröhren beleuchtet wurde. Es gab nur einen einzigen Schalter für Autovermietung. Die anderen Reisenden schienen alle genau zu wissen, wohin sie wollten, denn sie liefen zielstrebig hinaus in die kalte Abenddämmerung zu einem Wagen auf dem Parkplatz jenseits der Straße oder umarmten einen wartenden Partner. Ein kleiner Junge stürzte Hals über Kopf auf seine zurückkehrende Mutter zu. Dabei zerriss die Papiertüte, die er bei sich trug, und kleine grüne Äpfel rollten über den Boden in alle Richtungen. Er blieb stehen, und sein Mund zitterte. Marnie bückte sich, um die Äpfel aufzuklauben, und beneidete plötzlich die Frau, die von einem Sohn mit einem Armvoll Äpfel abgeholt wurde. Sie schaute sich unsicher um. Ob Oliver käme? Würde sie ihn überhaupt erkennen? Und er sie? Sie blickte forschend in fremde Gesichter, aber kein Funken von Wiedererkennen. Niemand beachtete sie. Sie stellte die Reisetasche ab, holte ihr Handy hervor und schaltete es ein. Keine neuen Nachrichten. Sie ging zur Tür, spähte hinaus in die Dämmerung.

»Marnie Still!« Es war eher ein Befehl als eine Frage.

Marnie drehte sich um und sah sich einer dicken Frau mit struppig grauer Topffrisur gegenüber, deren Gesicht wie zerknittertes Leinen von zahllosen Fältchen durchzogen war, die Augen von einem frappierenden Hellblau. Sie erinnerte Marnie an die in Tusche gezeichnete Squaw in einem ihrer Kinderbücher, allerdings eine Squaw, die nicht zueinander passende Kleidungsstücke kombinierte: Gummistiefel zur khakifarbener Drillichhose und ein schwarzes Herrenjackett (dessen linke Tasche zerrissen war) über einem dicken grauen Fleece-Pullover.

»Oliver konnte nicht kommen«, sagte die Frau in breitem Dialekt, reichte Marnie eine schwielige Männerhand und drückte so fest zu, dass Marnie der Ring ins Fleisch schnitt. »Ich bin Dorothy.«

»Hallo. Schön, dass Sie mich abholen.«

»Oder Dot.«

»Wie bitte?«

»Ralph meint, das passt besser zu mir.« Bei der Erwähnung von Ralphs Namen wechselte Dots Miene von Ernst zu mädchenhafter Sanftheit. Marnie kannte diesen Gesichtsausdruck älterer Frauen, wenn sie von Ralph sprachen, Frauen, die bei seinem ruppigen Charme wehmütig wurden und ihm nichts entgegenzusetzen hatten.

»Ist Ralph …?«

»Das Auto steht dort drüben.«

Es war ein klappriger kleiner Rover, dessen Beifahrertür eingedrückt und mit Klebeband gesichert war. Marnie stellte ihre Tasche in den Kofferraum neben eine rostige Bügelsäge und eine Dose Grundierungsfarbe, bevor sie über den Fahrersitz ins Wageninnere kletterte. Es roch nach Hund und Nikotin.

»Leider funktioniert die Heizung nicht.«

»Macht nichts«, sagte Marnie tapfer und zog den Mantelkragen bis zum Kinn hoch. »Die Fahrt dauert ja nicht lange, oder?«

»Eineinhalb, zwei Stunden.«

»Oh.«

»Holprige Straße. Und Hochwasser.«

Dot sprach offenbar nur selten in ganzen Sätzen. Sie ließ die Verben weg und die Fragezeichen, sodass ihre Worte wie schnelle Bälle angeflogen kamen und man sich nur noch wegducken konnte, um nicht getroffen zu werden.

»Hochwasser? Dann hat es also viel geregnet.«

»Kann man wohl sagen. Zigarette?«

»Nein, danke.«

Dot steckte sich eine Zigarette in den Mundwinkel, zündete sie aber nicht gleich an. Sie startete den Motor, der schnaubte und stotterte, ehe sich der Wagen dann doch zügig in Bewegung setzte. Die Scheinwerfer beleuchteten eine schmale Fahrbahn.

»Sind Sie eine Freundin von Ralph?«

»Freundin?« Dot bog links ab, in eine noch schmalere Straße. »Hoffe ich doch.«

»Was genau hat er?«

Aber Dot antwortete nicht. Sie drückte den Zigarettenanzünder, und als er heraussprang, hielt sie die rot glühende Metallspirale an ihre Zigarette. Ein beißender Geruch erfüllte den Wagen. Rauch kräuselte aus Dots kleinem geschlossenem Mund.

»Oliver hat am Telefon gesagt, Ralph liegt im Sterben.«

»Der ist doch kein Arzt«, blaffte Dot und warf Marnie einen empörten, vom Rauch getrübten Blick zu. Die Frau konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten.

»Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen«, sagte Marnie leise mehr zu sich selbst. Sie fuhren jetzt bergauf zu einem flachen Plateau, und der Wind rüttelte an dem leichten Wagen. Marnie konnte zwar nicht viel erkennen, hatte aber den Eindruck, dass sich zu beiden Seiten der Straße eine weite Landschaft erstreckte. »Ich wusste gar nicht, dass er immer noch an mich denkt.«

Natürlich denkt er an mich, machte sie sich klar. Wenn er nach wie vor meine Gedanken heimsucht wie ein Geist, der keine Ruhe findet, dann wird es umgekehrt wohl ähnlich sein. Wir könnten Gespenster spielen.

Dot antwortete nicht. Sie beugte sich über das Lenkrad, die Zigarette in den Fingern der rechten Hand, einen Rauchschleier vor dem wettergegerbten Gesicht. Marnie beobachtete, wie die Aschespitze immer länger wurde und Dot schließlich in den Schoß fiel.

»Hat er Krebs?«, fragte Marnie schließlich.

»Er ist sehr dünn. Das war er zwar schon immer, aber jetzt ist er nur noch Haut und Knochen. Haut und Knochen und dann dieses Lachen. Ich weiß gar nicht, wie in seinem armseligen Körper noch Raum für dieses Lachen sein kann, aber das ist es.« Sie wandte Marnie so plötzlich den Kopf zu, als hielte sie sie für eine Schwindlerin. »Sie kennen doch sein Lachen, oder?«

»Ja, ich kenne es. Kannte es.«

»Kichert wie ein kleiner Junge.«

»Stimmt.«

Dot warf ihre Kippe auf den Boden und schaltete das Radio ein. Es zischte und knisterte, und nur gelegentlich drang ein Schwall Musik daraus hervor. Sie drehte am Suchknopf, aber bei anderen Sendern war der Empfang auch nicht besser, und schließlich schaltete sie es wieder aus. Marnie nahm es als Hinweis, dass Dot sich nicht unterhalten wollte, weder über Ralph noch über sonst irgendetwas. Daher ließ sie sich tiefer in den Sitz sinken, vergrub das Gesicht in ihrem Schal, verschränkte die Arme vor der Brust, um sich zu wärmen, und schaute aus dem Fenster.

Der Mond war fast vollständig hinter den Wolken verschwunden, die Landschaft huschte schemenhaft vorüber, und nur ab und zu entdeckte Marnie ein paar Häuser in der Ferne. Der klapprige Rover quälte sich die Hügel hoch, gelegentlich wurden sie von einem Wagen überholt, oder ein entgegenkommendes Fahrzeug beleuchtete für einen kurzen Augenblick das Moor. In dem kalten, stinkenden Auto neben der wortkargen Dot, auf dem Weg zu einem sterbenden Mann, der ihr fremd geworden war, überkam Marnie plötzlich Furcht. Und da war noch etwas, etwas Düsteres, Schweres, was sie bedrückte. Sie hatte Heimweh, aber nicht nach ihrer Wohnung in Soho, auch nicht nach dem italienischen Zuhause, das sie sich erst aufgebaut und dann verlassen hatte. Es war Heimweh nach ihrem verlorenen Ich, nach ihrer toten Mutter, nach ihrer Kindheit in dem heruntergekommenen Haus am Meer, wo sie nachts bei stürmischem Wind im Bett gelegen hatte, wohlbehütet und verschanzt vor der Welt.

Es begann zu regnen. Zuerst fielen nur einzelne dicke Tropfen, dann goss es so heftig, dass die Scheibenwischer kaum noch nachkamen und die abgenutzten Gummis über das Glas quietschten. Der Regen klatschte aufs Dach, überflutete die Straße und spritzte rund um die Reifen in hohem Bogen empor. Fast hätte man meinen können, sie bewegten sich unter Wasser. Dot beugte sich noch weiter vor, bis ihre Nase fast die regenüberströmte Scheibe berührte und ihr Körper sich gegen das Lenkrad zu pressen schien. Zwischen ihren Lippen steckte eine neue Zigarette in einem überraschend schrägen Winkel. Rauch kräuselte sich vor ihrem Gesicht, Asche rieselte auf ihren Kragen und hinterließ eine graue Spur auf ihrem Hals.

»Möchten Sie vielleicht eine kurze Pause einlegen?«, wagte Marnie zu fragen, als das Auto zum dritten Mal auf den schlammigen Seitenstreifen geriet und die Reifen im Matsch durchdrehten.

»Passiert schon nichts«, sagte Dot.

Aber Marnie fühlte sich gar nicht sicher – nicht in dieser Blechkiste, die viel zu leicht wirkte, um die Spur zu halten, und auch nicht in sich selbst. Sie presste die Stirn an das Fenster und suchte nach Anhaltspunkten in der Landschaft, die ihr in der regennassen Dunkelheit wie ein riesiger Ozean erschien. Ralph liebte solche Fahrten ins Unbekannte, Marnie nicht. Sie musste die Dinge planen und auf alles vorbereitet sein. Ralphs Bild tauchte vor ihr auf – Ralphs Gesicht von früher –, und auf einmal kam es ihr so vor, als reise sie in die Vergangenheit, zurück zu ihrem alten Ich.

Während der Wagen die holprige Fahrt fortsetzte, lehnte sich Marnie zurück und schloss die Augen. Schlaf übermannte sie, und sie spürte, wie sie in einen Traum sank, in dem Ralph einen Pullover trug, den ihre Mutter für ihn gestrickt hatte. Er war sehr jung in diesem Traum, fast noch ein Kind, und er weinte untröstlich. Sie wollte ihn umarmen, aber plötzlich war er verschwunden und an seine Stelle war ein Fremder mit gezwirbeltem Schnurrbart und kalten Augen getreten, der eine Fliege trug. Er sah aus wie Salvador Dalí oder wie ein Schurke in einer Komödie. Dann war sie wieder im Auto, neben Dot, die sich standhaft übers Lenkrad beugte. Marnie blinzelte mehrmals, um den Traum abzuschütteln, und rieb sich mit den Fäusten die Augen, die vor Müdigkeit und vom Zigarettenrauch brannten. Sie fühlte sich benommen und hatte keine Ahnung, wie lange sie geschlafen hatte. Die Zigarette, die Dot zwischen den Lippen hatte, war vielleicht noch dieselbe wie in dem Moment, als Marnie die Augen zugefallen waren, vielleicht aber hatte sie inzwischen noch einige mehr geraucht. Die Landschaft draußen wirkte unverändert schwarz, nass und leer.

Sie musste noch einmal eingeschlafen sein, denn Dot legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte mit lauter, aber keineswegs unfreundlicher Stimme: »Marnie! Marnie, wachen Sie auf! Wir sind da.«

Marnie richtete sich verwirrt auf und strich sich ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren. Das Auto stand vor einem kleinen, weiß getünchten Haus am Ende eines zerfurchten Wegs. Die Fenster im oberen Stock waren dunkel, doch im Erdgeschoss schimmerte Licht hinter den zugezogenen Vorhängen, und aus dem Schornstein stieg Rauch auf. Nach wie vor trommelte der Regen aufs Wagendach.

»Entschuldigung«, sagte sie. Sie war ganz klamm vor Kälte, ihre Zunge wie gelähmt, sie fühlte sich wie benebelt und völlig unvorbereitet auf das, was vor ihr lag. »Wie spät ist es?«

»Viertel vor sieben, so ungefähr. Schaffen Sie’s mit Ihrer Tasche?«

»Kommen Sie nicht mit rein?«

»Ich? Nein.«

»Aber ich …« Marnie unterbrach sich. Was gab es da noch zu sagen? »Vielen Dank, dass Sie mich hergebracht haben.«

»Gern geschehen«, erwiderte Dot.

»Bevor Sie gehen, sagen Sie mir noch eins: Ist er …? Ich meine – werde ich ihn wiedererkennen?«

Dot bedachte sie mit einem langen Blick.

»Er ist Ihr Freund.«

Dot stieg aus und hielt ihr die Fahrertür auf. Marnie kletterte über den Fahrersitz nach draußen. Es verschlug ihr den Atem, als ihr der kalte Regen ins Gesicht peitschte und wie Nadelstiche auf den Wangen brannte. Sie hob ihre Tasche aus dem Kofferraum und wartete, bis Dot den Wagen auf dem Weg zurückgesetzt hatte und verschwunden war. Eiskaltes Wasser lief Marnie in den Kragen, ihre Haare waren im Nu klatschnass. Sie wandte sich zum Haus, das so schlicht war wie eine Kinderzeichnung: klein und rechteckig, jeweils zwei Fenster mit Vorhängen oben und unten, in der Mitte eine blau gestrichene Tür mit Türklopfer. Auf der einen Seite stand eine Birke mit blätternder Rinde, auf der anderen ein Holzschuppen, neben dem zwei kleine Pkws hintereinandergeparkt waren. Sie holte tief Luft, bückte sich nach ihrer Tasche und ging, den Pfützen ausweichend, zum Eingang. Sie hob die Hand, betätigte dreimal den Türklopfer, trat einen Schritt zurück und wartete.

Worauf musste sie sich gefasst machen? Dass Ralph, zum Skelett abgemagert, über die Schwelle trat? Oder dass Oliver ihr mit ernstem, taxierendem Blick gegenüberstand? Doch es öffnete eine kleine Brünette, ein hübsches, adrettes Wesen, und lächelte sie an.

»Sie sind bestimmt die Freundin? Ich bin die Pflegerin. Ich wollte gerade gehen. Mr Fenton erwartet Sie schon. Er wird gleich kommen. Scheußliches Wetter, nicht?« Damit spannte sie einen kleinen Regenschirm auf wie eine wohltätige Mary Poppins und war fort. Marnie fand sich in einem engen Flur wieder, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.

Die Situation erschien ihr so unwirklich, dass sie sich fast benommen fühlte. Marnie zog Handschuhe, Schal und Mantel aus, den sie neben eine Jacke und einen Regenmantel an die Garderobe hängte. Sie entledigte sich ihrer Stiefel und schlüpfte in die mitgebrachten Hausschuhe. Von der Diele führte eine Holztreppe nach oben. Links befand sich eine geschlossene, rechts eine halb geöffnete Tür, die anscheinend in den Wohnraum führte. Marnie ging vorsichtig darauf zu.

»Hallo?«, fragte sie leise. »Oliver?«

Das Feuer im Kamin züngelte und warf ein bizarres flackerndes Licht. Daneben stand ein tiefer Lehnstuhl mit einem umgekehrt aufgeschlagenen Buch, auf der anderen Seite ein kleines, abgewetztes Sofa mit einer karierten Decke über der Lehne; zwischen den Sitzmöbeln stand eine Packkiste, die als Tisch diente, mit einer Flasche Whisky und einem leeren Glas darauf. Auf dem Boden lagen Stapel von Büchern und ein Laptop mit grün blinkendem Licht. Am hinteren Ende des Zimmers hatte man eine unglaublich winzige Küche unter die Deckenbalken gequetscht, bestehend aus einem Metallherd mit zwei Kochplatten, darüber Regale mit Töpfen und Pfannen, einer Spüle – randvoll mit Geschirr – und einem kleinen Holztisch, auf dem sich Zettel, Zeitschriften und zum Teil noch ungeöffnete Briefe häuften. Daneben lag Gartenwerkzeug – Gartenschere, Drahtzange, Arbeitshandschuhe, eine Gartenschaufel, an der noch Erde klebte, eine Rolle Zwirn – und auf einem der Stühle eine kleine Säge. Neben der Tür stand ein Wäschekorb, der von Betttüchern überquoll.

Marnie blieb unschlüssig stehen. Sie glaubte hinter der nach wie vor geschlossenen Tür eine Stimme zu hören. Sie legte ein Holzscheit ins Feuer, ging zur Spüle, krempelte die Ärmel hoch und begann aufzuräumen. Das schmutzige Geschirr stellte sie auf den Tisch, bevor sie das Abtropfbrett schrubbte und Wasser ins Spülbecken laufen ließ. Als Kind hatte ihre Mutter sie auf einen Stuhl gehoben, ihr eine Schürze um die schmale Taille gebunden und ihr gesagt, man müsse zunächst immer die Gläser und das Besteck abwaschen und den Schaum gut abspülen, bevor man sich an die Tassen, Teller und Schüsseln und zuletzt an das Reinigen der Töpfe und Pfannen mache. Als sie so dastand, die Arme bis zu den Ellbogen im Spülwasser, während der Dampf ihr ins Gesicht stieg, das ganz rot und feucht wurde, dachte Marnie an ihre Mutter. Jedes Mal wenn Marnie sich verloren fühlte, wie in diesem Augenblick, versuchte sie sich vorzustellen, was ihre Mutter an ihrer Stelle getan hätte, und dann war es manchmal, als höre sie in ihrem Kopf den leisen Widerhall einer Stimme. Es war ein unheimliches Gefühl, als würde sie zwei Leben gleichzeitig leben oder als folge sie Spuren, die ihre Mutter für sie gelegt hatte. Als trete sie in die Fußstapfen ihrer Mutter, als wiederhole sie deren Worte, als könnten sich ihre Gedanken nicht von ihrer Mutter lösen, obwohl die längst tot war und nur in Träumen und Erinnerungen wiederkehrte. Marnie hob die Hände aus der schaumigen Lauge und betrachtete sie: kräftige Hände, mit einem einzigen Ring am rechten Ringfinger, mit kurz geschnittenen, unlackierten Nägeln und kräftigen Knöcheln. Es waren die zupackenden Hände ihrer Mutter, wie geschaffen, um zu tragen und zu stützen. Wenn sie sich in diesem Moment in einem Spiegel betrachten könnte, würde sie darin auch das Gesicht ihrer Mutter erblicken. »Marnie«, würde sie sagen, leise und deutlich, mit derselben Stimme wie Marnie, und ihr dabei fest in die Augen schauen. »Wenn du etwas tust, dann tue es mit ganzem Herzen oder gar nicht.«

»Marnie.« Sie fuhr herum. Spülwasser spritzte auf die Fliesen. Ihr Herz klopfte, und ihre Beine zitterten, als wäre ihr Blutzuckerspiegel im Keller und sie müsse so schnell wie möglich etwas essen, um nicht zusammenzubrechen.

»Oh«, sagte sie, und ihre Stimme klang heiser. Sie fühlte sich furchtbar verlegen. »Hallo, Oliver.«

»Warum um Himmels willen wäschst du ab?«

»Weil es einfacher ist, wenn ich mich nützlich machen kann.«

»Nützlich machen?«

»Ja. Warum siehst du mich so an?«

»Du hast dich überhaupt nicht verändert.«

Marnie spürte, dass sie errötete. »O doch.«

»Ja, natürlich, so habe ich es nicht gemeint.«

»Nein. Schon gut.«

Sie standen sich gegenüber, durch die gesamte Länge des Raums getrennt, und betrachteten sich gegenseitig, vorsichtig, unschlüssig, ob sie aufeinander zugehen und sich die Hand geben, sich umarmen oder auf die Wange küssen sollten. Waren sie Fremde oder Freunde, die sich nach langer Zeit wiedertrafen? Ob sie ihn erkannt hätte, wenn sie ihm ganz zufällig auf der Straße begegnet wäre? Marnie schien es, als hätte sich ein neues Bild über das von einst gelegt und als könne sie alle beide zugleich, aber keines davon besonders deutlich sehen. Der schlaksige junge Mann war füllig geworden. Sein Gesicht, das Marnie als schmal in Erinnerung hatte, war fleischig und hatte den erwartungsvollen Ausdruck verloren. Wenn er lächelte, erschien zwar immer noch ein Grübchen auf seiner Wange, aber er hatte jetzt Falten im Gesicht und Tränensäcke unter den Augen. Sein braunes Haar war nach wie vor struppig, aber kürzer als früher und von silbernen Strähnen durchzogen, und die Bartstoppeln waren grau. Er trug verwaschene Jeans und einen hellbraunen Rollkragenpulli mit zerrissenen Ärmeln und keine Schuhe. Die Zeit hat ihn zerknittert und zerzaust. Und er sieht müde aus, dachte Marnie. Als trüge er ein Gewicht auf den Schultern, das seinen Bewegungen die Leichtigkeit und Anmut geraubt hat, die er früher besaß. Von Gefühlen überwältigt, biss sie sich auf die Lippen; dann fuhr sie sich mit den nassen Händen über den Rock, strich sich die Haare aus dem Gesicht und ging auf ihn zu.

»Da bin ich also«, sagte sie und schwieg. Es war ihr wichtig, nicht mit albernen, unüberlegten Sätzen herauszuplatzen. Aber was konnte sie sagen? Die unausgesprochenen Worte vieler Jahre schnürten ihr die Kehle zu, sodass sie nur kurze, alberne Fetzen herausbrachte.

»Ich wusste, dass du kommen würdest. War Dot rechtzeitig da?«

»Ja. Wer ist sie?«

»Eine Nachbarin. Eine einsame Frau, die sich mit allen anlegt und ihre Gänse und ihre Hunde liebt. Und vermutlich auch Ralph.«

Bei der Erwähnung des Namens Ralph fühlte sie sich auf sichererem Boden. Seinetwegen war sie ja schließlich hier. Dies war das Wichtigste, dem nichts entgegenstehen durfte.

»Sie hat mir nicht gesagt, was ihm fehlt.«

Oliver seufzte und rieb sich mit der Hand übers Gesicht – eine Geste, die Marnie so vertraut war, dass sie fast einen kleinen Schrei ausgestoßen hätte. »Komm, ich zeig dir, wo du schläfst, dann können wir etwas trinken und alles bereden.«

»Ist er da drin?« Sie wies mit dem Kopf auf die geschlossene Tür, nur einen Meter entfernt.

»Er schläft jetzt. Er hatte einen schlechten Tag und ist völlig erschöpft.«

»Also gut, zeig mir mein Zimmer!«

Er nahm ihre Tasche, und sie folgte ihm die schmale, steile Treppe hinauf.

»Eigentlich ist es Ralphs Zimmer«, sagte Oliver. »Aber wir fanden es besser, dass er unten schläft, neben dem Wohnzimmer, wo er sich am liebsten aufhält.«

»Es kommt mir nicht richtig vor, dass ich sein Zimmer nehme.«

»Nicht richtig?«

»Seltsam«, verbesserte sie sich. »Zu intim und so traurig.«

Oliver schaute sie nur an. Sie konnte die Worte hören, die er nicht aussprach: Dies ist seltsam, intim und traurig.

»Gut«, sagte sie. »Danke.«

»Das Bett ist frisch überzogen, und wenn du frierst, im Schrank sind Decken. Das Fenster geht auf den See. Morgen früh wird er zu sehen sein.«

»Ein See?«

»Nur ein kleiner, der diesen Namen kaum verdient, gleich hinter der Wiese. Das Bad liegt gegenüber. Der Boiler ist leider sehr klein. Das heiße Wasser reicht gerade mal für eine schnelle Dusche. Ich lass dich mal für ein paar Minuten allein, ja? Ich bin unten.«

»Gut.«

Sie gingen so höflich miteinander um, förmlich und wachsam.

»Hast du Hunger? Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist.«

»Jetzt, wo du es sagst, schon. Eigentlich habe ich heute noch gar nichts Richtiges gegessen. Aber mir reicht ein Stück Brot.«

»Ich mache uns ein Sandwich, ja?«

»Danke.«

Marnie hörte seine Schritte auf der Treppe, hörte, wie er vor Ralphs Zimmer stehen blieb, bevor er ins Wohnzimmer ging. Sie zog die schweren Vorhänge auf, sah aber nur ihr eigenes Gesicht, das sich in der Scheibe spiegelte. Regenschwere Dunkelheit brandete gegen die Scheiben wie das Meer, und der Wind strich tosend um das kleine Haus. Die Luft im Zimmer war abgestanden und schwer. In Streifen fiel das Licht der Lampe auf das niedrige Bett, die knorrigen Fußbodendielen, den schweren Holzschrank, die Kohlezeichnung an der weiß getünchten Wand, an die sie sich gut erinnerte, auf die Teekanne mit der geschwungenen Tülle auf dem Fensterbrett. Auf dem Sims des kleinen Kamins stand ein Foto aus alten Zeiten, das sie kaum anzuschauen wagte, um die Kontrolle über ihre Gefühle nicht zu verlieren. Eine Wand wurde von einem Bücherregal eingenommen, gebaut aus Brettern und Backsteinen, darin eine Shakespeare-Gesamtausgabe, eine Tschechow-Biografie, ein dicker Band Die Vogelwelt Großbritanniens und ein weiterer über Bäume; Pablo Nerudas Liebessonette, ein Buch über den Spanischen Bürgerkrieg, ein Italienisch-Wörterbuch. Weitere Bände stapelten sich auf dem Boden: ein Roman von Charles Dickens, eine Lyrik-Anthologie, der Katalog einer Holbein-Ausstellung (die auch Marnie besucht hatte; vielleicht waren sie ja beide am selben Tag dort gewesen und hatten Rücken an Rücken die großen Gemälde betrachtet), eine Broschüre über die Gletscherschmelze, ein Buch über imaginäre Zahlen, eine Bastelanleitung für Mobiles, ein Buch über das Schachspiel und eines mit Zaubertricks für Anfänger. Einen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, als wäre Ralph hier bei ihr und wolle sie mit seiner anfallartigen Begeisterung für die unterschiedlichsten Dinge überzeugen.

Am Fußende des Betts standen ein Paar Schuhe, und Marnie bemerkte die dunkleren Abdrücke von Ralphs Fersen und Zehen in den Einlegesohlen. Eingeklemmt in die Schranktür der Ärmel eines weißen Hemds. Ein Bademantel hing am Türhaken, und aus einer plötzlichen Regung heraus stand sie auf und schmiegte das Gesicht hinein. Beim Einatmen des halb vertrauten, halb fremden Geruchs fuhr sie zusammen. Für einen Moment bekam sie kaum Luft. Um Fassung ringend, zog sie ihr Handy aus ihrer Umhängetasche, um Eva anzurufen. Aber sie hatte keinen Empfang.

Bevor sie nach unten ging, räumte Marnie ihre wenigen Sachen aus der Reisetasche in die kleine Kommode – vielleicht um den Augenblick hinauszuzögern. Die meisten Schubladen waren leer, nur die oberen beiden enthielten einige T-Shirts und Unterwäsche. Sie machte sie schnell wieder zu, denn sie wollte nicht indiskret sein. Ihren Waschbeutel trug sie in das ungeheizte Badezimmer, wo sie sich die Zähne putzte und das Gesicht wusch, erst warm, dann kalt. Leise, um Ralph nicht zu stören, ging sie schließlich die Treppe hinunter.

Oliver bereitete die Sandwiches. Er hatte mehrere dicke Scheiben Weißbrot abgeschnitten und mit Mayonnaise bestrichen, die er nun mit Hühnchenbruststreifen und Avocadoscheiben belegte.

»Du könntest uns etwas zu trinken einschenken«, sagte er, ohne den Kopf zu drehen.

»Was möchtest du denn?«

»Es gibt Whisky und Wein. Ich bin in den letzten Tagen auf den Whiskygeschmack gekommen. Aber im Kühlschrank steht auch eine Flasche Weißwein, wenn du möchtest. Die Gläser sind im Schrank, dort in der Ecke.«

»Whisky ist prima. Seit wann bist du schon hier?«

»Wir sind vor ein paar Tagen angekommen. Seitdem geht es mit ihm rapide bergab.«

»Ihr seid gemeinsam angereist?«

»Ralph wohnt nicht hier. Er lebt derzeit in Holland und kommt nur gelegentlich her.« Sein ruhiger, durchdringender Blick ruhte auf Marnie. »Der Ort erinnert ihn an glückliche Zeiten.«

»Aha« war alles, was Marnie herausbrachte. Und nach einer Weile: »Das wusste ich nicht. Ich weiß gar nichts. Ich weiß nur, was du am Telefon gesagt hast, und das ist nicht viel.«

»Schenk uns ein Glas Whisky ein! Wir setzen uns dann gleich an den Kamin.«

»Ich habe Ralph seit Jahren nicht gesehen, Oliver.«

»Ich weiß.«

»Ist das zu viel Whisky?«

»Nein, ich glaube, wir haben ihn beide nötig. Im Gefrierfach ist Eis. Hier, dein Sandwich … Es sieht nicht besonders professionell aus.«

»Danke.«

Marnie setzte sich in den tiefen Lehnstuhl, Oliver auf das Sofa neben dem Kamin. Sie schnupperte an ihrem Whisky, der nach Moder und Desinfektionsmittel roch, und nahm einen kräftigen Schluck. Er brannte in der Kehle, und als es nachließ, biss Marnie in das dick geschnittene Weißbrot mit der gummiartigen Hühnchenbrust und den weichen Avocadoscheiben.

»Köstlich«, sagte sie. Jetzt, da sie wohlbehütet im Sessel vor dem warmen Feuer saß und in Olivers vom Leben gezeichnetes, freundliches Gesicht blickte, hätte sie am liebsten angefangen zu weinen. Sie zwang ihre Gedanken zurück zu Ralph, zurück in die Gegenwart. »Also, jetzt erzähl!« Oliver holte tief Luft. »Zunächst einmal: Warum ist er so krank?«

»Pankreas-Karzinom. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Aber er hat inzwischen überall Metastasen.«

»Und es gibt keine …«

»Nein.«

»Er ist noch so jung. Wie lange?«

»Wie lange er schon krank ist oder wie lange er noch zu leben hat?«

»Wie lange er noch zu leben hat.«

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