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Das Evangelium der Grabtuchräuber

Für M.W. und R.W.

und in Erinnerung an die schönen Tage in Brasilien

Ein Mann kann mit den Mächten der Zeit harmonieren, er kann zu ihnen in Kontrast stehen.

Das ist sekundär.

Er kann an jeder Stelle zeigen, wie er gewachsen ist.

Damit erweist er seine Freiheit – physisch, geistig, moralisch,

vor allem in der Gefahr.

Wie er sich treu bleibt: Das ist sein Problem.

Auf den Marmorklippen

Ernst Jünger

Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder

Stärkeren oder Höheren dar …

der Fortschritt ist nur eine moderne Idee.

Der Antichrist

Friedrich Nietzsche

Personenregister

Peter Gernot Privatdetektiv, ehemaliger Bodyguard, mit bitteren Erfahrungen im Afghanistankrieg
Serena Özmir Sekretärin und Assistentin mit Migrationshintergrund und losem Mundwerk
Dietmar Schlesinger enfabrikant, ein mysteriöser Auftraggeber, der Angst um seine Tochter hat Baumaschin
Sybille von Battenberg seine Stieftochter, das Entführungsopfer
Hartmut Kaufmann Berliner Antiquitätenhändler, Mittelsmann eines geheimnisvollen Auftraggebers, der am Turiner Grabtuch interessiert ist
Marsianer okkulte Sekte, die bereits Unternehmen infiltriert hat und eine zweite Finanzkrise auslösen will
H.C. Twister der Großkyros der Marsianer, der das Evangelium des Joseph von Arimathia auf sich bezieht
Alfredo Carnelivari Kirchendiener im Turiner Dom
Konstantinos Markarios Bischof aus Urfa, Grabtuchkäufer
Ludwig Möckler Staatssekretär im Innenministerium, Freund von Schlesinger
Bertram Wassermann Bankvorstand, unterstützt die Einschaltung eines Privatdetektivs
Pater Lendres Prälat im Vatikan, will das Grabtuch zurückholen
Rolf Moor Freund von Peter Gernot, ehemaliger Marketingleiter bei VW do Brasil
Minou seine Frau, Gefangene der Marsianer
Costa Pereira Kyros in Brasilien, Leiter der Colonia Orgon
Mario Paresi Polizist der Schweizergarde
Murat brasilianischer Polizeileutnant
Joseph von Arimathia Mitglied des Sanhedrin, der Jesus in ein Grabtuch hüllt

Prolog

La Santa Sindone

Ein Streichholz flammte auf. Salvatore Cantona schüttelte den Kopf und sorgte sich um das, was kommen würde. Mit was für Idioten hatte sich sein Sohn da eingelassen? Sie brauchten kein Licht, um den Weg zum Schrein zu finden. Der Alte stand im Mittelgang des Doms Giovanni Batista. Es war nach Mitternacht und er war mit den Männern seines Sohnes hierhergekommen, um aus dem Turiner Dom die berühmteste Ikone der Christenheit zu stehlen – La Santa Sindone, das Grabtuch Christi. Alles an dem Grabtuch war geheimnisvoll. Wie kam das Antlitz des Gepeinigten auf das Tuch? Wie hatte das Gesicht, das zweifellos so aussah, wie man sich Christus vorstellte, Jahrhunderte überdauern können? Es war kein Gemälde, das stand fest. Aber dies war auch das einzige. Alles andere war höchst umstritten und so hielt sich die Kirche mit Einschätzungen zurück und nannte es eine Ikone, aber keine Reliquie. Doch Millionen gläubiger Christen waren von seiner Echtheit überzeugt.

Seinem Sohn zuliebe beaufsichtigte Salvatore Cantona den ersten Teil der Aktion. „Auf niemanden kann ich mich so verlassen wie auf meinen Vater“, hatte er gesagt. Einst war der Alte der Capo dei Capi gewesen, ein Fürst, wenn man ihn nach den Regeln des Machiavelli einstufte. Er kannte dessen Regeln, wenn er auch nie ‚Il Principe‘ gelesen hatte. Er sah auf das fluoreszierende Ziffernblatt seiner Uhr. Es war soweit. Im Elektrizitätswerk von Turin würde es eine Explosion geben. Gutes bewährtes Semtex. Sein Sohn kümmerte sich um den gefährlichen Teil dieses Geschäfts. In Turin würden gleich die Lichter ausgehen. Der nächste Akt konnte beginnen.

Ein Schatten näherte sich ihm. Der Kirchendiener. Er hatte ihnen die Tür geöffnet und vorhin das Streichholz entzündet.

„Ich habe den Stromkreislauf der stationären Alarmanlage unterbrochen“, flüsterte er hastig.

Ein unnötiger Kommentar. So war es vereinbart. Auch diese Alarmanlage, die mit dem Polizeirevier in Verbindung stand, würde tot bleiben. Salvatore Cantona nickte nur. Was sollte man von einem Kirchendiener auch erwarten? Ein nützlicher Idiot. Man brauchte immer einen von der Gegenseite, der mitmachte. Im inneren Kreis des Feindes ein Ohr, wenn nicht sogar eine Hand zu haben, gehörte schließlich zu den Regeln. Im Grunde war der Kirchendiener ein armes Schwein. Der Gerichtsvollzieher saß ihm im Nacken. Er war das Bauernopfer und wusste nicht einmal, dass er am Ende seines Erdendaseins angelangt war. Wie geplant, nahm sich der Gorilla seines Sohnes nun der Sache an. Salvatore Cantona sah den Stahl aufblitzen, murmelte ein Ave Maria und drehte den Rosenkranz in seiner Hand.

Schatten huschten zur Königstribüne in der hinteren Kapelle. Der nächste Akt. Die Panzerglasscheiben würden sie mit dem Schlüssel des Kirchendieners öffnen. Obwohl er im Mittelgang stehenblieb, sah er alles genau vor sich. Das heilige Tuch lag unter der Königstribüne in einer Vitrine aus Glas und Aluminium: 4,46 Meter lang, 1,38 Meter breit, 0,28 Meter tief. Oberflächlich betrachtet sah der Schrein wie ein überdimensionaler Altar aus. Sie würden, ohne Alarm auszulösen, aus der silbernen, mit Halbedelsteinen geschmückten Truhe die kostbare Ikone entnehmen. Alles lief nach Plan. Er nickte bestätigend, sich selbst aufmunternd. Ganz gewiss, dem Sohn unterlief kein Fehler. Wie abgesprochen, wandte er sich dem Ausgang zu. Seine Arbeit war getan.

Er ging aus der Kirche auf die Piazza San Giovanni, die nun im Dunkel lag. Das Palatinische Tor gegenüber lag als Schatten im Mondlicht. Er hörte aufgeregte Stimmen. Sie kümmerten ihn nicht. In der Ferne lärmten die Sirenen von Polizei und Feuerwehrwagen.

Salvatore Cantona wandte sich gemessenen Schrittes der Via XX Settembre zu, ging am Geschäft Arte Antica vorbei zum Ristorante La Campania. Er öffnete die Tür. Der Wirt eilte herbei und verbeugte sich. Salvatore Cantona war hier Stammgast. Er hob grüßend die Hand und setzte sich wie immer an den Tisch gleich am Eingang. Der Wirt hatte Kerzen auf die Tische gestellt, die ein romantisches warmes Licht verbreiteten. Nur noch wenige Gäste saßen im Restaurant. Man war bei Kaffee und Cognac angelangt. Respektvoll sah man zu ihm herüber und steckte die Köpfe zusammen. Er war eine imposante Erscheinung. Ein fleischiges dunkles Gesicht mit silbergrauen Haaren. Den mächtigen Körper verbarg ein maßgeschneiderter dunkler Zweireiher. Oh ja, man kannte ihn in Turin. Er galt als ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er hatte sich den Ruf mühsam genug erarbeitet.

Er sah auf die Straße zur Ragtime Bar gegenüber. Dort brannte noch Licht. Die Neonreklame glühte aufreizend und bedrohlich. Ein Signal für eine andere Generation. Er dachte an die Männer im Dom. Der Schlussakt. Sie würden nun das Tuch entnommen haben und das Feuer legen. Ein Feuer wie einst im Jahr 1997, das die Sakristei verwüstete. Keine große Sache diesmal. Es sollte nur die Spuren verwischen und Rätsel aufgeben, ob das Grabtuch mit verbrannt war. Ein wenig Arbeit für die Polizei. Sie würden mit ihren kriminaltechnischen Möglichkeiten dahinterkommen, dass es nicht verbrannt war. Aber das kostete Zeit.

Der Wirt kam mit einem Tablett zurück und brachte den Kaffee und das Gläschen Amaretto. Seit er in die Jahre gekommen war und die Verantwortung abgegeben hatte, ließ er sich ein bisschen gehen und erlaubte sich diese kleine Sünde.

Va bene?“, fragte der Wirt.

Cantona hatte nicht zu bestellen brauchen und der Wirt hätte sich auch die Frage ersparen können. Es geschah aus Respekt. Der Alte hob die Hand, legte sie sacht auf den Tisch zurück und nickte. Er trank zuerst den Espresso. Er schmeckte, wie er zu sein hatte. Neben der Tasse lag wie immer eine Romeo & Julietta No. 3. Der Wirt reichte ihm eilfertig Feuer. Er zog genüsslich den Rauch ein, bedachte alles noch einmal. Es war so abgelaufen, wie es sein Sohn geplant hatte. Ein guter Sohn, wenn man davon absah, dass er der Verwilderung der Sitten keinen Einhalt geboten hatte.

„Du versteht das nicht, Vater. Es sind andere Zeiten.“

Das mochte so sein. Aber sie gefielen ihm nicht. Aber es war wohl notwendig, sich zu ändern, wenn alles beim Alten bleiben sollte. Wer sagte das noch einmal? Richtig. Der Fürst in „Il Gattopardo“. Guiseppe Tomasi di Lampedusa. Was für ein Schriftsteller. Was für ein Mann. Er fühlte sich dem Fürst sehr nahe. Er saugte den Rauch ein und sah hinüber zur Piazza San Giovanni. Die Männer mussten nun den Dom verlassen haben. Er wusste genau, wie es dort abgelaufen war.

Vor dem Palatinischen Tor stand der kleine Lieferwagen mit dem Namen eines Olivenexporteurs. Der Wagen war gestohlen und nicht einmal der Name stimmte. Mit ihm würden die Männer Turin verlassen und auf dem kleinen Landgut bei Asti abwarten, dass die Aufregung abebbte.

Er war bei den Planungen dabei gewesen – als Zuhörer und als Ratgeber. Der Junge verzichtete nicht auf seinen Rat. Das Grabtuch galt als hinreichend gesichert. Hinreichend? Es gab nichts auf der Welt, was hinreichend zu sichern war. Das hätten die Verantwortlichen doch wissen müssen. Polizei, Sicherheitsfirmen oder die bischöfliche Verwaltung, wer auch immer. War nicht auch die Mona Lisa einmal aus dem Louvre entwendet worden? Ein braver Patriot hatte sie nach Italien zurückführen wollen. Natürlich hatten sie ihn geschnappt. Er war kein Profi. Aber immerhin. Mit guter Planung und einem Leck beim Sicherheitspersonal konnte man dies wiederholen. Ein technisches Problem, das lösbar war. Ein anderes war schwieriger – die Kosten-Nutzen-Relation zu deichseln. Man musste einen Klienten finden, der bereit war dafür zu zahlen. Für etwas Millionen hinzublättern, das man sich nur insgeheim im Keller anschauen konnte. Natürlich gab es solche Gimpel. Sie zu finden war ein Kunststück. Sein Sohn hatte sie gefunden. Der Alte kannte die Einzelheiten nicht. Marian hatte von mehreren Bietern gesprochen und von einem orthodoxen Erzbischof aus der Türkei, der ihnen den Einstieg in das Kokaingeschäft ermöglichen würde. Der Alte mochte dieses Geschäft nicht. Sie verdienten auch mit Prostitution, Schutzgeldern und Glücksspiel genug Geld. Verdammt gutes Geld. Aber wie sagte der Fürst? Man musste sich ändern, wenn alles beim Alten …

Er war auch gegen den Raub des Grabtuches gewesen. Nicht weil er daran glaubte, dass es das Antlitz Christi zeigte. Aber es war viel Glauben damit verbunden und den sollte man achten … und die Heilige Mutter Kirche. Er bewegte die Perlen des Rosenkranzes in seiner Rechten und murmelte ein Ave Maria. Jawohl, man legte sich nicht mit den eigenen Leuten an, mit dem mächtigen Gebäude des Glaubens, in dem auch für Leute wie ihn, Salvatore Cantona, Platz war. Ihn reute nicht der Tod des Kirchendieners. Wenn man sich zu einem Plan entschlossen hatte, musste man mit Kollateralschäden, so nannte es der Sohn, rechnen.

Der Wirt erschien und brachte, wie immer, das zweite Glas Amaretto. Mehr als dieses zweite Glas gönnte er sich niemals. Er fühlte den Amaretto warm in sich herunterlaufen und genoss die Symbiose aus Mandelgeschmack und dem Rauch der Havanna. Salvatore Cantona strich sich dabei behaglich mit der Linken über die andere Hand. Alte faltige Hände. Er sah um sich. Die letzten Gäste waren im Begriff zu gehen. Sie nickten ihm ehrerbietig zu. Nun war er allein. Er genoss die Stimmung im La Campania. Das Ristorante war ein wenig wie er selbst. Dunkel, alt und voller Traditionen. Ein Ristorante im Stil der zwanziger Jahre. Die Wände waren mit viel Holz ausgekleidet, das mit den Jahrzehnten verwittert aussah. Auch die schwarz-weißen Fotos an den Wänden, die von Turin und dem Landleben am Anfang des vorigen Jahrhunderts erzählten, mochte er. Er kannte diese Zeit aus den Erzählungen seines Vaters. Sie waren Pachtbauern in der Nähe von Catania gewesen. Die Guardia Zivil hatte sie vertrieben, als die Barone anderes mit dem Land vorhatten und zu großer Felderwirtschaft übergingen. Die kleinen Pachtbauern wurden nicht mehr gebraucht. Also waren sie in den Norden gegangen. Zu den Fremden. Es war eine schlimme Zeit gewesen. Sein Vater war Kommunist und hatte in den Bergen gegen die Faschisten gekämpft. Er war in den Kellern der Turiner Polizei umgekommen. Er, Salvatore Cantona, war niemals Kommunist gewesen. Er hatte sich immer als Geschäftsmann verstanden. Andere hatten ihn anders wahrgenommen und einen gefährlichen Mann genannt. Eine Zeitlang hatte sich die Polizei für ihn interessiert. Aber beweisen hatten sie ihm nie etwas können.

Nein, für Ideologien und Politik interessierte er sich nicht. Er wusste, dass es nur eine Sache gab, die wirklich zählte: Geld. Viel Geld. Daraus ergab sich alles andere. Macht und Weiber. Mit beidem war er nun fertig. Es war ein gutes Leben gewesen. Alles in allem. Wenn er da oben vor dem höchsten Richter Rechenschaft ablegen musste, würde er für seine Sünden einstehen. Nur mit der Grabtuchgeschichte hätte er eigentlich lieber nichts zu tun gehabt. Vielleicht zeigte das Grabtuch doch das Antlitz Christi?

Er erhob sich seufzend. Wie es sich für einen guten Kunden gehörte, legte er neben dem Rechnungsbetrag auch ein gutes Trinkgeld auf den Tisch. Dies war er seinem Ruf schuldig. Der Wirt verbeugte sich und hielt ihm die Tür auf. Als er am Musikgeschäft Murato vorbeiging, glaubte er ein Lied aus der Heimat zu hören. Eine canzone, wie sie bei Hochzeiten gesungen wurde. Er schüttelte sich und ging weiter zur Piazza Castello. Aus der Ragtime Bar hinter ihm hörte er nun „King Creole“ von Elvis Presley. In seiner Jugend war dies einer seiner Lieblingshits gewesen. Längst entschwundene Tage hinter einem Dickicht von guten und schlimmen Erlebnissen. Ein infernalischer Lärm ließ ihn stehenbleiben. Ihm kamen Polizeiwagen mit Sirenengeheul entgegen. Dahinter die Feuerwehr. Na also, es wurde auch Zeit, dass sie kamen. Sie würden das Feuer bald gelöscht haben und dann rätseln, was passiert war. Der Alte freute sich auf die Schlagzeilen, die die Presse am nächsten Morgen bringen würde. Zweifellos hatte sein Sohn einen Jahrhundertdiebstahl gedeichselt, aber was würden die weiteren Kosten sein, was der Nutzen?

Kardinal Severino Feretti legte den Füllfederhalter beiseite, faltete die gepflegten, schönen Hände und starrte auf das, was er niedergeschrieben hatte. Die Beichte des Salvatore Cantona, bevor er ihm die letzte Ölung verabreicht hatte. Worte, die im Herzen der Kirche verschlossen bleiben würden.

Feretti erinnerte sich gut jener Tage, als das Grabtuch geraubt wurde. Die Weltpresse hatte sich überschlagen. Die Fernsehstationen hatten stundenlange Sonderberichte gesendet. Einen Jahrhundertraub hatten sie den Coup genannt. Dabei war alles so einfach abgelaufen. Von Pater Lendres kannte er den anderen Teil der Geschichte. Aber auch er kannte nur den Mantel. Den inneren Fluss jener Ereignisse hatte ihm am Vortag ein anderer erzählt. Ein ehemaliger Offizier der Vatikanpolizei hatte den Kontakt hergestellt. Er zögerte, dem Heiligen Vater davon Mitteilung zu machen. Eine grauenhafte Geschichte. Aber es musste sein. Der Heilige Stuhl musste wissen, in welcher Gefahr sich die Kirche befunden hatte. Man würde daraus lernen müssen. Denn dort draußen, irgendwo in der Welt, konnte sich wieder jemand anmaßen, in der Nachfolge Christi zu stehen und den Anspruch der heiligen Kirche infrage zu stellen.

Aber welch blutigen Ereignissen musste er die Worte geben. Er hoffte, dass niemand in der Kurie sie als „Räuberpistole“ abqualifizieren würde. Es konnte wieder passieren. Die Sehnsucht nach Glauben und dem Wundermann waren dem Menschen mitgegeben. „Folgt mir nach und euch ist das Himmelreich sicher“, wirkte als Botschaft zu allen Zeiten verführerisch. So vielen war der Glaube an die Kirche abhandengekommen, und dennoch lechzten sie nach Erlösung.

Er hörte wieder die Stimme. Eine heisere Stimme. Manchmal lakonisch, dann wieder spöttisch und zynisch. Die Stimme des Peter Gernot. Ein Mann, der in einen Strudel gerissen wurde, einer, der schlimme Dinge erlebte und tat. Dennoch vermochte Kardinal Feretti ihn nicht zu verurteilen. Das mochten andere tun. Die Mucker. Von denen gab es auch in der Kirche genug. Die Summe der Erfahrungen, die unglückliche Jugend als verachteter Bastard in einer großbürgerlichen Familie, die Erlebnisse in Afghanistan, der tragische Tod der Paschtunin Djamila hatten einen Gerechtigkeitssinn in ihm wachsen lassen, der das gesellschaftlich akzeptierte Maß überstieg. In dem naiven Glauben, so etwas wie der heilige Georg zu sein, kämpfte er gegen die Drachen. Dass er als ein anderer daraus hervorging, war der Preis. Kardinal Feretti hoffte, dass Peter Gernot dies noch begreifen würde. Er war, so empfand es der Kardinal, ein Engel mit dem Flammenschwert. Ein schmutziger Engel, gewiss.

Er hörte wieder die Stimme. Manchmal lakonisch, dann wieder spöttisch und zynisch – unterbrochen von einem heiseren Lachen.

1

Unter stillen Wassern lauert die Gefahr

Es begann ganz harmlos in Athen. Vielleicht wissen Sie ja, wie es dort unterhalb der Akropolis aussieht. Ich saß in der Taverne Diogenes am Lysikrates Square in der Plaka und trank einen aromatischen Weißwein aus Makedonien. Ich war im Frühjahr aus Afghanistan zurückgekommen, wo ich mit meinem Freund und Bruder im Geist, Faiz, so etwas Ähnliches aufgezogen hatte wie Reinhard Erös, der das Einzige tut, was in dem schönen und unglücklichen Land Sinn macht: Den Kindern das geben, was die verdammten Taliban hassen, nämlich Bildung. Leider waren wir damit nicht lange erfolgreich. Faiz war Paschtune, wir kamen einem usbekischen Warlord in die Quere und er starb in meinen Armen. Ich hatte die Nase voll von Afghanistan und meiner Rolle als männliche Mutter Teresa. Das Land hatte mir schon meine große Liebe genommen und nun auch den Freund, und ich glaubte, damit genug gezahlt zu haben. Schließlich ziert mich seitdem ein schlohweißer Haarschopf und die Narben auf meiner Brust stammen auch nicht von einer Schönheitsoperation.

Da ich keine besondere Ausbildung und nur einige Jahre als Bodyguard gearbeitet hatte, kam ich auf die Idee, in Berlin ein Detektivbüro aufzumachen. Irgendetwas muss man schließlich tun. Als wichtigstes Kapital brachte ich meine zwei Meter, hundert Kilo und einen durchtrainierten Körper ein, was sich als sehr nützlich erwies.

Als einer der Erben des Baukonzerns Gernot bin ich finanziell unabhängig. Sie werden die Schilder überall auf der Autobahn gesehen haben. Ich kann es mir also erlauben, genüsslich zu chillen, wenn mal wochenlang kein Auftrag hereinkommt. Manchmal gebe ich auch den Aufpasser für den einen oder anderen Politiker oder Schauspieler.

Warum ich mich überhaupt mit einem so zweifelhaften Geschäft wie einer Detektei abgebe? Meine Sekretärin behauptet, dass ich einen Artuskomplex habe. Sie wissen schon, dieser legendäre englische König, der seine Ritter ausschickte, um das Böse zu bekämpfen. Klingt überaus schmeichelhaft und romantisch. Die Wahrheit ist viel profaner.

Mein Vater hat meine Mutter, eine schlichte kleine Verkäuferin, sitzengelassen und sie musste sich unter erbärmlichen Umständen als Putzfrau durchschlagen. Ich bin nie das Bild losgeworden, als meine Mutter mit mir den großen Gernot in seinem schicken Büro am Hafen aufsuchte und ihn um Hilfe anflehte. Auf den Knien bettelte sie um ein bisschen Unterstützung. Er wies ihr kalt die Tür. Am selben Abend nahm sie mich schluchzend in die Arme und verpflichtete mich zu etwas, was ich nie loswurde: „Werde nie so wie dein Vater! Versage niemals jemandem deine Hilfe. Vergiss niemals, woher du kommst.“

Das waren ihre Worte, und so bin ich das geworden, was ich bin. Wenn jemand an meine Tür klopft, erinnere ich mich an ihre Mahnung. Wohlmeinende nennen mich deswegen einen verkappten Samariter, andere einen Trottel. Natürlich bin ich so manchem Narren aufgesessen und ausgenutzt worden. Aber eigentlich fühle ich mich in meiner Haut ganz wohl. Ich bin also nicht in einer feinen Gegend an der Rothenbaumchaussee aufgewachsen, sondern auf den Straßen von St. Pauli, was sicher meinen manchmal rustikalen Ton erklärt. Wenn man mir trotzdem eine gehörige Portion Bildung nachsagt, so liegt dies an meinem Lesehunger. Ich verschlinge Bücher. Geschichte, Kunst, Philosophie, Politik und immer wieder die wunderbaren Sachen von Wolfe, Faulkner, Fitzgerald und Hemingway – Nathanael West nicht zu vergessen. Ja, ihr Kinder aus großbürgerlichem Haus, mit dem Klavier im Wohnzimmer, auch ein Arbeiterjunge braucht nicht dumm zu bleiben. Ich kann quatschen wie ein Hamburger Jung aus dem Hafenviertel, aber komme auch in den piekfeinen Salons der Hanseaten zurecht.

Irgendwann erinnerte sich mein Erzeuger daran, dass auch ein Bastard für ihn nützlich sein kann. Es ist gut, immer ein zweites Pferd im Rennen zu haben, und mein Stiefbruder brachte zum Sieg nicht die besten Voraussetzungen mit. Vater adoptierte mich, als meine Mutter starb. Offiziell hieß es Herzschwäche. Geliebt habe ich Vater deswegen noch lange nicht. Als dann mein Halbbruder in Afghanistan umkam, war ich ihm umso wertvoller. Seinen Laden habe ich trotzdem nicht übernommen. Das Geld, das ich jedes Jahr einstreiche, ist die Dividende für meine armselige Jugend. Doch zurück zum unschuldigen Anfang meines Kriegszuges gegen die Grabtuchräuber.

Ich war nach Athen gekommen, um mir das neue Akropolis-Museum anzusehen, das von der Konzeption sehr beeindruckend ist, mich aber enttäuschte. Ich kann gut verstehen, dass die Griechen sauer auf Lord Elgin sind, denn den größten Teil des Parthenon-Frieses kann man in London im British Museum bewundern. Das schöne neue Museum unterhalb der Akropolis ist ein Stein gewordener Vorwurf gegen die Engländer. Die heilige Mutter Melina Mercouri kapierte nicht, wie die Briten ticken. Selbst wenn sie das Lied von Piräus vor dem Buckingham Palast gesungen hätte, wären die Briten nicht mit dem Parthenon-Fries herausgerückt.

Ich saß im Diogenes, was eigentlich kein so guter Name für eine Taverne ist, da dieser, wie bekannt, eher anspruchslos in einer Tonne hauste und sich selbst vom großen Alexander nicht beeindrucken ließ. Aber das Lamm dort war ganz ordentlich und der Wein passabel. Man konnte auf der Terrasse der Taverne sitzen und in den kleinen Park starren, und, wenn die Nacht herabsank, im Gebüsch die letzten schläfrigen Rufe der Vögel hören.

Ich saß gesättigt und besinnlich im Halbdunkel und trank den nicht sehr teuren Wein, der klar, rein und kalt war, und hatte nichts anderes zu tun, als die kleinen Wasserperlen auf der Flasche zu betrachten. Ich hatte den Kerl gleich bemerkt. Ich kannte ihn aus dem Hotel Grand Bretagne, wo ich bereits den Eindruck gehabt hatte, dass er mich ansprechen wollte. Er sah aus wie Stewart Granger, wenn Ihnen der Name noch etwas sagt. Dieser Ami-Schauspieler, der sich nicht zu schade war, in Karl-May-Filmen mit Lex Barker und Pierre Brice einen in die Jahre gekommenen britischen Gentleman zu spielen. Er hatte dieses schmale britische Gesicht, graue Schläfen und stahlblaue Augen, die sicher so manche Dame aus der besseren Gesellschaft um den Verstand gebracht hatten.

Ich war gerade beim Espresso angelangt, als er das Glas hob und mir lächelnd zuprostete. Ich tat es ihm mit meinem Whisky nach, der zwar nur ein Johnnie Walker Red war, aber zusammen mit dem Espresso mein Mahl gut im Magen verteilte. Er erhob sich und kam mit seinem Glas zu mir an den Tisch. Dunkler Anzug, silberfarbene Krawatte. So hatte ein Gentleman auszusehen. Ich dagegen in schwarzer Lederjacke, schwarzen Jeans und Sneakers sah doch etwas nach Prekariat aus.

„Mein Name ist Dietmar Schlesinger“, stellte er sich vor. Es klang, als hätte er den Titel Lord nur aus Höflichkeit verschluckt. „Ich habe Ihren verstorbenen Herrn Vater sehr gut gekannt.“

Er konnte ja nicht wissen, dass dies für mich keine Referenz war. Mein Vater hatte in seinen Geschäften niemals Skrupel gehabt. Er hatte mit viel Einsatz den Typus Raubtierkapitalist verkörpert. Wir waren uns mit herzlicher Verachtung zugetan gewesen.

„Sie scheinen mich auch zu kennen.“

„Ja. Sie betreiben ein Detektiv- und Sicherheitsbüro in Berlin.“

Er hatte sich also über mich klug gemacht. Aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was der feine Herr von mir wollte.

„Ist das ein Zufall, dass Sie mich hier treffen?“, kam ich gleich zu des Pudels Kern.

„Nein. Ihre Sekretärin Frau Özmir hat mir verraten, dass Sie hier in Athen im Grand Bretagne abgestiegen sind.“

Serena Özmir konnte man entweder als Biest oder als Sirene bezeichnen. Ich hatte Mühe, meine Bewunderung für sie zu verbergen. Sie hatte, was in Neukölln nicht gerade eine Seltenheit war – Migrationshintergrund. Mutter war Deutsche, Vater Türke. Mit ihrem langen brünetten Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte, und den endlosen Beinen sah sie aus wie ein Model, worauf sie sich erstaunlich wenig einbildete. Sie war tüchtig, eloquent, belesen und hatte ein loses Mundwerk und … war meine schärfste Kritikerin. Wenn sie mich ärgern wollte, nannte sie mich ‚Mister Coolness‘. Reine Boshaftigkeit, da ich mit Steve McQueen nur die Augenfarbe gemeinsam hatte. Mit seinem schmächtigen Körper würde man in meinem Geschäft bald Probleme bekommen. Wahrscheinlich war sie nun der Meinung gewesen, dass ich mal wieder arbeiten sollte und sie mehr zu tun bekam, als sich ihre Fingernägel zu polieren.

„Sie sind mir nachgefahren?“, staunte ich. Dass mir ein Auftrag hinterherrannte, hatte ich bis dahin noch nicht erlebt.

„So ist es. Es ist dringend und eine sehr delikate Angelegenheit. Ich wollte Sie, weil mir Ihre Schwester vorgeschwärmt hatte, wie tüchtig und erfahren Sie sind.“

Meine Schwester leitete mit ihrem Mann das Gernot-Bauunternehmen. Sie hatte meine volle Hochachtung. Es war nicht irgend so eine Bauklitsche, sondern ein Konzern mit ein paar Tausend Mitarbeitern, der auf allen Kontinenten sowohl Straßen, Staudämme als auch Hotelpaläste baute. Sie war sogar erfolgreicher als mein Erzeuger, obwohl sie nicht dessen krumme Geschäfte machte. Vielleicht war gerade das der Grund für ihren Erfolg.

„Sie wissen ja, wie das bei Geschwistern ist. Sie übertreibt manchmal ganz gern, wenn es um ihren Stiefbruder geht. Ich bin nämlich das schwarze Schaf der Familie Gernot.“

„Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Ich habe mich über Sie erkundigt. Sie sind ein echter Gernot.“

Da haben Sie es. Ich hatte das Gefühl, dass sein Lob auch die Machenschaften meines Vaters einbezog, der sich mit allen Diktatoren oder korrupten Regierungen der Welt prächtig verstanden hatte, wenn diese einen Palast oder Straßen für ihre Rolls Royce brauchten.

„Na schön. Dann mal heraus damit, was Sie auf dem Herzen haben.“

Er winkte dem Kellner zu und bestellte noch eine Flasche Wein und räusperte sich.

„Also, ich gehe davon aus, dass Sie dies sehr diskret behandeln, selbst wenn Sie den Auftrag nicht annehmen.“

„Versteht sich“, grummelte ich. Das war kein guter Anfang. Ich mag keine Leute, die gleich am Anfang meine Diskretion in Zweifel ziehen.

„An Geld wird es nicht scheitern.“

Noch so ein Fauxpas. Jetzt wedelte er noch mit seiner dicken Brieftasche. Musste der Kerl so lange herumdrucksen?

„Meine Stieftochter ist verschwunden. Ich möchte, dass Sie das Kind suchen.“

„Dafür gibt es die Polizei.“

„Sie ist volljährig und etwas wild und hatte einen … etwas unstandesgemäßen Umgang, verkehrte mit Hippies und Koksern. Wir konnten das Kind nicht mehr bändigen.“

Ich hatte schon lange nichts mehr von Hippies gehört. Die siebziger Jahre lagen verdammt lange zurück. Und was sollte schon aus einem Mädchen werden, dessen Vater von „bändigen“ sprach?

„Wie alt ist Ihre Tochter und seit wann ist sie verschwunden? Kam eine Lösegeldforderung?“

„Nein. Bisher nicht. Sie ist zweiundzwanzig, studiert Archäologie. Aber sie studiert nicht sehr eifrig. Sie treibt sich meistens mit ihren Cliquen in Cannes, St. Tropez oder Ibiza herum.“

„Hat sich ihr Verhalten in letzter Zeit stark verändert?“

„Ja. Sie ist seit einem Jahr total durch den Wind. Lässt sich nichts sagen. Verschwindet manchmal für Tage. Aber bisher kam sie immer wieder zurück. Ihre Mutter ist verzweifelt, findet überhaupt keinen Zugang mehr zu ihr. Meine Frau ist eine von Hohenstein. Sie war schockiert über das Verhalten von Sybille. So wie Bille benimmt man sich nicht in ihren Kreisen. Disziplin und Haltung sind für meine Frau die Grundvoraussetzungen für ein standesgemäßes Leben.“

Die Schlesingers wurden mir immer unsympathischer.

„Seit wann ist sie fort?“

„Seit einem Monat haben wir nichts mehr von ihr gehört.“

„Wohnte sie bei Ihnen?“

„Ja und nein. Sie hat ein Zimmer bei uns, aber auch eine Penthousewohnung am Kurfürstendamm. Wir selbst wohnen im Grunewald.“

Er nannte mir die Adresse. Die feinste Gegend Berlins. Nun ja, wenn die Tochter schon am Kurfürstendamm wohnte, dann musste das heimische Nest noch reicher ausgepolstert sein.

„Sie sind Ihrer Aussprache nach zu urteilen kein Berliner.“

„Nein. Ich komme aus dem Rheinland, aus Düsseldorf. Ich habe dort eine Baumaschinenfabrik. Dadurch kam auch der Kontakt mit Ihrem Vater zustande. Meine Frau ist in Potsdam geboren. Ihr Ururgroßvater war Kammerherr beim deutschen Kaiser. Unser Haus im Grunewald ist unser Zweitwohnsitz. Im Herbst und Winter gehen wir nach Düsseldorf, wo ich mich auch wohler fühle.“

„Nun zu Ihrer Tochter. Was verstehen Sie unter ‚Hippies‘?“

„Na, Herumtreiber, Playboys, die von dem Geld ihrer Väter leben. Ihnen geht es allein um Spaß!“

Jeder hat seine Lebensphilosophie. Wenn die Väter so dumm waren und die Späße ihrer missratenen Söhne bezahlten, was war daran auszusetzen? Ich maße mir nicht an, darüber zu richten.

„Aber Sie wissen nicht genau, ob sie Drogen nimmt?“

„Nein. Aber ihr Verhalten hat sich verändert. Und was tun die denn dort auf Ibiza? Man hört ja so einiges.“

„Ich würde Ihnen trotzdem raten, ihr Verschwinden der Polizei zu melden.“

„Damit meine Tochter in die Presse kommt? Die Tochter des Großindustriellen Schlesinger spurlos verschwunden? Nein, die Schande würde meine Frau nicht ertragen. Außerdem ist sie volljährig und niemand kann sie daran hindern, das zu tun, woauf sie Lust hat. Nein. Ich möchte, dass Sie sich um sie kümmern.“

Es war die übliche Geschichte vom verwöhnten, aber wilden Töchterlein. Ich hatte große Lust abzulehnen. Andererseits hatte Serena recht. Es konnte nicht schaden, dass die Detektei mal wieder etwas zu tun bekam, was nicht mit Ehebruch und Unterschlagung zu tun hatte. Ich versprach ihm, es mir bis zum nächsten Tag zu überlegen. Wir verabredeten uns zum Frühstück im Grand Bretagne.

Man merkte ihm die Erleichterung an, als er sich von mir verabschiedete. Er hatte seine Verantwortung auf andere Schultern abgeladen. Sein Gang wirkte beschwingt, als er zum Lysikrates-Denkmal hinunterging. Sein Schatten wanderte noch kurz an der gegenüberliegenden Hauswand entlang.

Ich blieb noch eine Weile sitzen und dachte über meinen neuen Auftraggeber nach. Warum wollte er gerade mich als Detektiv? Dass er mir nach Athen nachgereist war, schien mir auch sehr merkwürdig. Ich nahm mein Handy und sprach Serena Özmir auf die Mailbox, dass sie alles über einen Dietmar Schlesinger, Baumaschinenhersteller, in Erfahrung bringen solle. Wenig später rief die kleine Hexe zurück.

„Na, Chef, hat er Sie erwischt?“

„Schickst du mir die Klienten nun schon in den Urlaub nach?“

„Ich will, dass mir die Firma Gernot auch morgen noch mein Gehalt für mein Nichtstun zahlen kann. Alles, was ich im Internet in Erfahrung bringen konnte, liegt bereits auf Ihrem Schreibtisch. Der Kerl ist stinkreich. Als ich ihm sagte, dass Sie sich noch mindestens vier Wochen in Griechenland herumtreiben, hat er gleich zum Telefon gegriffen und einen Flug bei der Olympic Air geordert. Haben Sie denn schon eine hübsche Griechin ins Bett gekriegt? Sie stehen doch auf die Schwarzhaarigen mit langen Nasen.“

„Du bist entlassen!“

„Prima. Dann kann ich endlich wieder ohne Höschen herumlaufen.“

Mit solchen lockeren Sprüchen kam sie oft. Aber ich hatte schon herausgehört, dass sie mit ihrem Kleinod höchst achtsam umging. Entgegen ihren kessen Sprüchen war sie so wählerisch wie ein Amsterdamer Juwelenhändler. Sie provozierte mich nur gern. Wir hatten ein Verhältnis, in dem es dauernd knisterte, aber mehr hatte ich nicht zugelassen. Ich duzte sie zwar, worauf sie bestanden hatte, aber sie siezte mich. Jedenfalls meistens. Ich war nicht so dumm, eine tüchtige Sekretärin und Assistentin gegen eine kapriziöse Geliebte einzutauschen.

„Jedenfalls bist du die schamloseste Person, die ich je kennengelernt habe.“

„Da kennen Sie meine Freundinnen nicht.“

„Du kannst mir ja mal die Luder vorstellen. Na gut, ich schau mal, ob ich morgen den Flieger nach Berlin bekomme.“

„Bin ich wieder eingestellt?“

Das Biest wusste genau, dass ich nie wieder eine so tüchtige Sekretärin bekommen würde, die mir außerdem so manche Ermittlung bei Ehebruchsfällen abnahm. Ich knurrte, dass ich ihr eines Tages doch noch mal den Hintern versohlen würde.

„Keine leeren Versprechungen!“, erwiderte sie hell lachend. „Wir sehen uns übermorgen, Chef.“

Sie hatte aufgelegt, ohne dass ich ihr noch eins auf den Deckel geben konnte. Meistens behielt sie das letzte Wort.

Ich machte mich zum Grand Bretagne auf. Es war eine warme erotische Nacht. Die Sterne leuchteten wie in der Zauberflöte, wenn die Königin der Nacht trällert. Leider hatte ich kein Mädchen dabei und an Serena ohne Höschen zu denken, verbot ich mir gefälligst. Man hat schließlich als Chef so seine Grundsätze. Es war lange her, dass ich mit einer Frau zusammen gewesen war, wenn man von den zufälligen One-Night-Stands mit einigen blondbeinigen Dummchen absah, die sich in meinen hart erarbeiteten Waschbrettbauch verguckt hatten. Seit Djamila, die in Afghanistan gestorben war, verkniff ich es mir, in Beziehungen allzu viel zu investieren. Das Land hatte mir einiges abverlangt. Und immer noch wurde dort gestorben. Seit Alexander dem Großen gab es nichts Neues am Hindukusch.

Ich sah zur Akropolis hoch, die erhaben und zart ihre Schönheit den Scheinwerfern darbot. Aber leider war selbst sie bei genauer Betrachtung ein Schwindel der Herrschenden gewesen. Nach Afghanistan hatte ich begriffen, dass wir von denen da oben belogen werden, von den Politikern, den Finanz- und Wirtschaftsbossen und von den Medien, die glaubten, die Wahrheit zu kennen und doch auch ‚embedded‘ hinters Licht geführt wurden. Es war alles ein Schwindel, damit Idioten wie ich an das Schöne und Gute und Erhabene glaubten.

Das Hotel Grand Bretagne leuchtete wie ein Christbaum gegenüber dem Syntagma-Platz. Wenn man die Empfangshalle betrat, konnte man nicht glauben, dass dieser Staat eigentlich pleite war. Ein Tempel der Reichen. Louis-Quinze-Sessel unter goldverzierten Säulen, auf denen dunkel gekleidete Herren lümmelten, die den Beruf ausübten, in dem ich mich auch schon gelangweilt hatte. Bodyguards. Die Blumenbouquets auf den Marmortischen waren so groß wie die Statuen der griechischen Götter im Nationalmuseum.

Ich fuhr in den achten Stock zu der Bar, von der man einen wunderschönen Ausblick über Athen hatte und bei einem Chivas innig mit der Akropolis flirten konnte. Ich gestehe, ich hatte mich in sie verknallt. Sie stand dort schon mehr als zweitausend Jahre, und ich hoffte, dass sie noch in weiteren zweitausend Jahren dort steht, aber wetten würde ich darauf nicht. Also ein Grund mehr, ihren Anblick in mein Herz aufzunehmen. Manchmal bin ich so sentimental. Ein Erbe meiner Mutter, die auch glaubte, dass mein Paps, der Bautycoon, sie ehelichen und zu einer ehrbaren Frau machen würde. Mit einigen Whiskys gab ich mich dem göttlichen Ausblick hin. Ich wusste, ich würde immer wieder nach Athen zurückkehren.

Als ich am nächsten Morgen den Frühstücksraum betrat, der neben der Bar im obersten Stock lag und einem kostenlos offerierte, was diese Stadt einzigartig machte, nämlich der Anblick einer großartigen Vergangenheit, winkte Schlesinger mir zu. Ich setzte mich zu ihm, und der Ober brachte mir Orangensaft, den meine trockene Kehle auch verdammt nötig hatte.

„Nun, werden Sie den Auftrag annehmen?“, bedrängte er mich sogleich. Auch an diesem Morgen sah er aus, als müsse er gleich am Empfang des Staatspräsidenten teilnehmen. Seriös bis auf die Knochen.

„Schon möglich“, erwiderte ich vage, stand auf und ging ans Buffet und häufte mir drei Spiegeleier und Lachs auf den Teller. Kaum saß ich, als er seine nächste Frage abschoss.

„Wie werden Sie es angehen?“, nervte er.

„Mir erst einmal ein Bild von Ihrer Tochter machen. Wie lebt sie? Wer sind ihre Freunde? Wie wird sie von denen beurteilt? Was studiert sie eigentlich?“

„Sagte ich Ihnen doch: Archäologie.“

Ein Studium, das die Garantie enthielt, nur mit Vitamin B einen Job zu bekommen – eine Art Freizeitbeschäftigung.

„Beste Freundin oder fester Freund?“

„Eine Irene von Bergheim. Eine Zeitlang war sie mit Dietmar von Grünfeld zusammen. Ein guter Junge. Meine Frau hätte sich gefreut, wenn daraus etwas Ernstes entstanden wäre. Die Grünfelds gehören zum Hochadel, haben riesige Ländereien in Bayern und Österreich.“

„Hat das gute Kind auch normale Freunde?“

„Was meinen Sie mit normal?“, fragte er erstaunt und zog die Augenbraue bis zum akkuraten Seitenscheitel hoch.

„Ohne das ‚von‘ in der Mitte und ohne Raubritterahnen.“

„Lassen Sie das nicht meine Frau hören“, sagte er pikiert. „Als eine ehemalige Hohenstein ist sie stolz auf ihre Ahnen, insbesondere auf den Haushofmeister des Kaisers. Es gab unter ihren Altvorderen einen General, der bei Jena und Auerstedt gegen Napoleon dabei war.“

„Auf eine solche Ahnengalerie wäre ich nicht gerade stolz. Immerhin hat ihn Napoleon mächtig verdroschen. Aber mit Ihrer Frau werde ich noch sprechen müssen.“

„Warum? Was soll dabei herauskommen? Ich beantworte Ihnen gern alle Fragen“, sagte er nun sichtlich beunruhigt.

„Mütter wissen meist mehr über ihre Töchter.“

„Sybille ist eher ein Vaterkind. Meine Frau hat schon lange keinen Zugang mehr zu ihr. Aber wenn Sie unbedingt mit ihr sprechen müssen, dann sollten Sie despektierliche Kommentare über die Aristokratie unterlassen. Sie hält Sie sonst für einen Roten, und das ist für sie schlimmer, als wenn Sie in der Bunten mit heruntergelassenen Hosen abgebildet wären. Sie würde Ihnen sofort den Auftrag entziehen, und ich kann alles wieder glattbügeln.“

Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Der Kerl hatte Schiss vor seiner Frau. Manche Männer sind so blöd und holen sich den Ärger ins Bett.

„Was ist Ihre Tochter für ein Mensch?“

„Was meinen Sie?“

„Ist sie lustig, eher extrovertiert als introvertiert? Wofür interessiert sie sich außer für Archäologie und Party machen?“

„Vor zwei Jahren hätte ich gesagt: eher introvertiert. Doch in letzter Zeit kann sie ganz schön auf den Putz hauen. Wenn ich es mir recht überlege, habe ich seit zwei Jahren keine Ahnung, was sie so treibt.“

Es war immer dasselbe. Eltern wissen meist nicht, was ihre Kinder umtreibt. Mein Kind, das unbekannte Wesen.

„Sie ist ja auch nicht meine leibliche Tochter“, setzte er seufzend hinzu. Sollte wohl eine Entschuldigung sein, war es aber nicht.

„Ich denke, sie ist ein Vaterkind.“

„Das war einmal. In den letzten beiden Jahren hat sie sich auch von mir sehr zurückgezogen.“

„Was wissen sie von ihren beiden adligen Freunden?“

„Irene und Dietmar? Nun, Irene studiert Kunstgeschichte, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Dietmar will Diplomat werden und hat sich für Politikwissenschaft eingeschrieben.“

Ich hatte es also mit den Sprösslingen der deutschen Elite zu tun. Ich band ihm nicht auf die Nase, dass ich vor meiner Bodyguardzeit auf nichts anderes verweisen konnte als ein paar Jahre in einer Beatband.

„Studieren die beiden in Berlin?“

„Irene studiert in Berlin“, bestätigte Schlesinger. „Dietmar dagegen, so glaube ich, in München. Ich bin mir aber nicht sicher. Er muss jedoch öfter in Berlin sein. Meine Frau sagte mir einmal, dass sie ihn bei einem Empfang in der Russischen Botschaft getroffen habe. Er macht, glaube ich, ein Praktikum bei irgendeinem Abgeordneten der Christlich-Sozialen.“

Wir redeten noch ein wenig über dies und das, über die Finanzkrise der Griechen, die Situation in Deutschland, und ich bekam mit, dass er, worüber ich mich nicht wunderte, in seinen Ansichten so schwarz war wie eine bayrische Winternacht. Als ich ihm sagte, was meine Arbeit kostet, bekam der Herr Multimillionär große Augen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die wirklich ‚Gestopften‘, wie Serena sie nannte, sich am Vorbild von Dagobert Duck orientierten. Von nichts kommt nichts.

„Zweitausend pro Tag plus Spesen? Ist das nicht ein bisschen viel?“

„Ich arbeite immer nur an einem Fall“, erklärte ich gelassen. Es stimmte. Jedenfalls meistens. Um die Bagatellfälle, die hereinkamen, wie Beschattung einer Ehefrau, die sich einen jungen Lover angeschafft hatte, oder Überprüfung eines Optikergehilfen, der angeblich vom Verkaufspreis etwas abzweigte, kümmerte sich Serena. Sie stellte sich in solchen Fällen meistens intelligenter an als ich. Frauen sind nun einmal die besseren Spione, war ihre Meinung dazu. An einem Mangel an Selbstvertrauen litt sie wirklich nicht.

„Wie lange werden Sie für den Fall brauchen?“

„Keine Ahnung. Sie bekommen am Ende jeder Woche einen Lagebericht. Wenn es Ihnen zu viel wird, können Sie jederzeit sagen, dass Schluss ist.“

„Vierzehntausend Euro pro Woche!“, konnte er sich nicht beruhigen.

„Politiker a.D. bekommen fünftausend und mehr für eine Rede, die nur eine Stunde dauert.“

„Können wir nicht einen Pauschalpreis vereinbaren?“

„Können wir. Aber nicht in diesem Stadium. Sprechen wir noch einmal in einer Woche darüber.“

Er trennte sich diesmal sichtlich unzufrieden von mir. Aber ich dachte nicht daran, meine Zeit für kleines Geld zu verkaufen. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass die Wertschätzung einer Arbeit sehr viel mit der Höhe des Honorars zu tun hatte. Es konnte deswegen nicht hoch genug sein.

Ich rief also das Schätzele in Berlin an. Serenas Vater hatte eine Zeitlang ‚beim Daimler‘ in Sindelfingen ‚geschafft‘, und davon war eine Spur in ihrem Tonfall hängengeblieben. Ich sagte ihr, dass sie ihren hübschen Hintern bewegen und mir die Adressen von dieser Bergheim und dem Grünfeld beschaffen sollte.

„Dann haben Sie ihn also an der Angel!“, freute sie sich.

„Ja. Und den neuen Computer, den du haben wolltest, kannst du auch bestellen.“

„Wurde auch höchste Zeit. Die alte Kiste hier ist so langsam wie eine Weinbergschnecke. Da haben wir es ja jetzt mit richtig feinen Pinkeln zu tun. Bin ich dabei?“

„Du kümmerst dich gefälligst um die Fremdgängerin und um den umtriebigen Optikerbubi.“

„Immer muss ich mich mit dem schlechten Ende der Wurst abfinden.“

„Du bist genauso herzig wie Marilyn Monroe.“

„Was meinen Sie denn damit wieder, Big Boss?“

„Schau dir ‚Manche mögen’s heiß‘ an, dann weißt du es. War übrigens ein Zitat von Marilyn.“

„Aber Sie sind nicht Tony Curtis“, erwiderte sie pampig.

Wo sie recht hatte, hatte sie recht.

Ich nahm den Abendflieger nach Berlin, natürlich Holzklasse. Mein neuer Auftraggeber saß in der Businessklasse. Er nickte mir kühl zu, als ich an ihm vorbeiging. Das Portemonnaie drückte ihn wohl immer noch, was meine Laune beträchtlich steigerte.

Als ich in Berlin auf meinen Koffer wartete, hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Seit Afghanistan habe ich so einen siebten Sinn, was das betrifft. Es war nicht Schlesinger, der mit seinem Handgepäck gleich durch den Zoll gegangen war. Ich sah mich vorsichtig um, konnte jedoch nichts Verdächtiges entdecken und schalt mich einen Narren. Seit meinem Afghanistan-Abenteuer hatte ich immer ein Kribbeln im Nacken, wenn mir Gefahr drohte. Aber warum zum Teufel sollte mir in Berlin Gefahr drohen?

Als ich mein rotes Cabrio aus der Tiefgarage holte, war ich das Kribbeln los, und ich erfreute mich an dem sonoren Brummen meines TR 6, einem Oldtimer aus den Siebzigern, als die Engländer noch die aufregendsten Roadster der Welt bauten. Er konnte röhren wie Janis Joplin und brummen wie Kris Kristoffersen, wenn dieser sich einen verkaterten Sonntagmorgen in Erinnerung rief.

Ich jagte auf die Stadtmitte zu. Berlin erschien mir an diesem Abend so schön wie Athen. Es fing also ganz harmlos an. Noch hatte ich keine Ahnung, dass auf mich der Teufel wartete.

2

Ein nicht ganz koscheres Angebot

Schätzele empfing mich am nächsten Morgen mit einem strahlenden Lächeln. Ihr Rock war wieder mal kürzer als der von Sharon Stone in ‚Basic Instinct‘. Ich hätte nicht einen Euro darauf wetten wollen, dass sie ihr Höschen anhatte.

Mein Büro lag in Neukölln, nicht gerade Berlins feinste Gegend. Ich hatte dort eine alte Fabrikhalle gekauft und für meine skurrilen Bedürfnisse umgebaut. Ich war der stolze Besitzer eines Loft, wie man das auf ‚Deutsch-Chic‘ nennt. Ein langgezogener Bau aus roten Klinkern. Das Dach hatte ich mit schönen Biberschwanzziegel neu decken lassen. Die Wände innen waren neu verputzt und mit überdimensionalen Schwarz-Weiß-Fotos der alten Bluesgrößen dekoriert. B.B. King, John Lee Hooker, Howlin‘ Wolf, Bo Diddley, Muddy Waters – die ganze alte Bande. Serena hatte das Privileg, mit ihrem Computer auf dem blinkenden Stahltisch inmitten dieser prächtigen Kerle zu träumen. Zu ihrer Rechten stand eine Tonanlage nebst Mischpult und riesigen Boxen, die auch in jeder Edeldisco Achtung abgenötigt hätte. Dahinter, abgetrennt, hatte ich mein Büro mit einem leeren Schreibtisch. Daneben stand meine ‚Schießbude‘, an der ich mich jeden Morgen austobte. Gene Krupa hätte an meinem Schlagzeug seine Freude gehabt. Die Wände waren mit Instrumenten dekoriert: Gitarre, Trompete, Kornett, Saxophon, Posaune, Klarinette – was man so braucht, um eine Jam Session abzuziehen. Was ich jeden Samstagmorgen mit ein paar Kumpels aus dem Blue Note auch tat. Alte Jazzer, die einen Stiefel vertragen konnten.

Daneben lag das Konferenzzimmer mit Miller-Stühlen und einem riesigen Tisch, nur das Foto von Miles Davis wies hier auf meine alte Musikkarriere hin. Unser Besprechungszimmer war mit altmodischen Chesterfield-Sesseln möbliert, weil man darin so prächtig ‚chillen‘ konnte. Ich weiß, der Kontrast haut einen um. Dahinter war mein Schlafzimmer nebst Bad. Aber ich schlief meistens im Hotel, da ich mich nicht mit dem Aufräumen und anderem Hauskram belasten wollte. Die ganze Pracht, nebst Garage, hatte ich mit einer Alarmanlage gesichert, die mit einer Wach- und Schließgesellschaft verbunden war. Sie hatte schon mehrmals anrücken müssen. Doch meine Investition hatte sich gelohnt. Noch nie hatte man die Stahltüren und Rollläden überwinden können.

„Oh, Mister Coolness gibt uns endlich die Ehre. Na, wie war es mit den griechischen Jungfrauen?“, fragte Serena und schlug ihre langen Beine aufreizend langsam übereinander, damit ich rote Ohren bekam. Ihre scheinbare Schamlosigkeit war nur ihre Art zu kompensieren, dass sie in ihrer Kindheit ein Kopftuch hatte tragen müssen.

„Keine Ahnung. Die, die ich getroffen habe, waren aus Marmor und zweitausendvierhundert Jahre alt.“

„Da hätten Sie es hier besser haben können. Also, die Adressen von Irene von Bergheim und von dem Grünfeld liegen auf Ihrem Schreibtisch. Übrigens, im Besprechungszimmer wartet ein Typ auf Sie.“

„Was für ein Typ?“

„Sehen Sie selbst. Der Laden brummt. Langsam können Sie sich mit dem Gedanken meiner Gehaltserhöhung beschäftigen.“

„Damit du dir noch einen Fetzen kaufst, der so breit wie Elvis’ Gürtel ist?“

„Sagen Sie nur, das gefällt Ihnen nicht.“

Ich betrat das Besprechungszimmer und warf mich in den Sessel. Ein weißbärtiger Mann stand auf und reichte mir seine Hand herüber. Er sah aus wie der Eismann. Weißer Leinenanzug, etwas zerknittert. Ein Panamahut. Weißes Hemd, aus dem sein weißes Brusthaar herausquoll. Manche Frauen mögen das. Jesuslatschen an den nackten Füßen. Er spielte wohl so eine Art Westentaschen-Moustaki.

„Was kann ich für Sie tun?“

Sein Händedruck fühlte sich wie ein Abwaschlappen an.

„Hartmut Kaufmann. Ich möchte Sie engagieren.“

„Ach ja?“, gab ich zurück. Serena hatte recht. Die Detektei Gernot schien mächtig in Mode zu kommen. „Worum geht es?“

„Also, das Büro einer Detektei habe ich mir anders vorgestellt.“

„Denke ich mir. Jeder hat seinen Tick, nicht wahr?“

Er nickte nicht sehr überzeugt. „Ich bin Antiquitätenhändler“, fuhr er fort. „Mein Geschäft auf dem Kurfürstendamm werden Sie vielleicht kennen.“

Ich hatte keinen Schimmer. Nicht einmal einen blassen. Trotzdem setzte ich ein Gesicht auf, als sei ich im Bild. Man sollte einen Kunden nicht gleich am Anfang enttäuschen.

„Ein Klient ist an mich mit dem Wunsch herangetreten, dass ich ihm das Turiner Grabtuch besorgen soll. Sie haben sicher davon gehört, dass es seit dem Brand in der Basilika San Giovanni verschwunden ist.“

Hatte ich nicht. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass das Grabtuch eine Basilika in Turin schmückte. Er merkte, dass ich damit mein Wissen nicht belastet hatte.

„Aber Sie werden doch vom Turiner Grabtuch gehört haben?“, empörte er sich.

Ich bin nicht gerade ein Kirchgänger, aber auch kein Banause. Natürlich hatte ich vage etwas von dem Grabtuch gespeichert.

„Soll da nicht das Antlitz Christi drauf zu sehen sein?“

„Richtig. Es ist das Tuch, in das Joseph von Arimathia Christus gelegt hat. Markus 15, 46.“

„Na schön. Es ist also geklaut worden, und nun will es die Kirche zurückhaben. Aber warum wendet sich Ihr Klient ausgerechnet an einen Berliner Antiquitätenhändler?“

„Weil mein Klient nicht die Kirche ist und ich als Fachmann für Artefakte des 1. Jahrhunderts nach Christi gelte.“

„Und was will Ihr Klient mit dem Staubfänger?“

Er zuckte zusammen und warf mir einen empörten Blick zu. Das „Wie können Sie nur!“ verkniff er sich aber.

„Keine Ahnung! Vielleicht ist er ein besonders frommer und reicher Mann, der in seiner Privatkapelle spirituelle Zwiesprache halten will.“

Die Geschichte war so glaubhaft wie Dan Browns Märchenerzählungen. Aber natürlich gab es überall Spinner.

„Und ich soll Ihnen das Tuch besorgen?“

„Nein. Nicht einmal das. Sie sollen nur herausbekommen, wer es gestohlen hat. Um den Rest kümmern wir uns.“

„Hört sich nicht sehr koscher an.“

„Nein. Aber es ist für Sie ein gutes Geschäft. Ich glaube nicht, dass Ihnen schon oft im Erfolgsfall eine Prämie von hunderttausend Euro angeboten wurde. Sie bekommen natürlich auch Ihr normales Honorar …, nur dafür, dass Sie die Diebe ausfindig machen.“

Es hörte sich gut an. Zu gut.

„Dass man Sie wegen Hehlerei drankriegen könnte, ist Ihnen bewusst?“

Kaufmann zuckte mit den Achseln.

„Das Risiko deckt mein Honorar ab“, sagte er mit zynischem Grinsen. Er griff in die Jackentasche und holte ein Scheckheft heraus, schrieb ein paar Zahlen hinein, unterschrieb und reichte mir den Scheck.

Dreißigtausend Euro, las ich verblüfft.

„Eine Anzahlung. Das dürfte wohl sogar die Spesen abdecken.“

Ich legte den Scheck so vorsichtig vor mir auf den Tisch, als wäre er eine Dynamitpatrone. In meinem Kopf machte es Klickediklack. Zweitausend am Tag, plus die Aussicht auf einen fetten Bonus. Da kam ganz schön was zusammen. Außerdem war der Fall interessanter, als nach einem verwöhnten Gör zu suchen. Ich konnte ja das eine tun, ohne das andere zu lassen. In die Abschlussverhandlungen über das Grabtuch sollte ich mich ja nicht einmischen. Ich brauchte meine Lizenz nicht zu riskieren.

Als er dann sagte, dass ich exklusiv an dem Fall zu arbeiten hätte, kamen mir doch ein paar unangenehme Gedanken.

„Was meinen Sie mit exklusiv?“, fragte ich vorsichtig.

„Sie sollen sich auf diesen Job konzentrieren. Ich brauche schnell Ergebnisse!“

„Ich habe laufende Aufträge.“

„Bei denen Sie so gut verdienen wie an unserem Auftrag?“, fragte er ironisch.

„Ich habe gerade gestern einem Klienten zugesagt, dass ich mich um seine Angelegenheit kümmere.“

„Sagen Sie ihm ab.“

„Das wäre schlecht für mein Image.“

„Der Schlesinger-Fall könnte schlecht für Ihr Image sein. Lassen Sie die Finger davon. Sie werden mit dem Grabtuchfall in den nächsten Tagen genug zu tun haben und genug verdienen. Ich verlange in einer Woche erste Resultate. Die Zeit drängt.“

Was zum Teufel wusste der Kerl von dem Schlesinger-Fall? Auf jeden Fall hatte er sich verschätzt. Wenn ich einen Auftrag angenommen hatte, erledigte ich ihn auch. Und im Übrigen galt: Leck mich …!

„Wie sind Sie auf mich gekommen?“, überging ich sein Geschwätz.

„Mein Klient ist gut informiert. Sie sind gestern aus Athen gekommen, stimmt’s?“

Ich nickte erstaunt. Er erhob sich und sah mich an, als wäre ich weniger als Nichts und er Marlon Brando. Kaufmann hielt den Blick wohl für hart. Ich ließ ihn in dem Glauben. Er verabschiedete sich, ohne mir seine Waschlappenhand zu geben und hielt mich nun wohl für seinen Knecht. Geld genug hatte er für meine Arbeit investiert. Manche glauben, dass jeder seinen Preis hat.

Als ich Serena den Scheck auf den Schreibtisch legte, bekam sie Augen wie die Medusa von Caravaggio.

„Dieser Kaufmann ist wirklich ein Goldesel. Wen müssen wir dafür umbringen?“

„Schlimmer. Wir müssen das Grabtuch von Turin finden.“

„Was für ein Grabtuch?“

„Mit was für ungebildeten Mitarbeitern muss ich mich herumschlagen! Googel das mal. Vielleicht kann dies deine Halbbildung auffrischen! Ich mach mich mal zu den Hohensteins auf.“

„Sie sind als Chef die krasseste Fehlbesetzung. Aber wenn ich die Summe sehe, kriege ich ein feuchtes Höschen.“

„Serena, du bist ein Ferkel. Bring den Scheck gleich zur Bank, die wird sich über unseren neuen Kontostand freuen!“

Ich schwang mich wieder in meinen TR 6 und brauste in den Grunewald. Ich ließ ordentlich Gummi auf dem Asphalt zurück.

Was Repräsentation anbetraf, hätte mein Erzeuger von den Schlesingers noch etwas lernen können.

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