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Das Elixier der Unsterblichkeit

Gabi Gleichmann

Das Elixier der
Unsterblichkeit

Roman

Aus dem Norwegischen
von Kerstin Hartmann
und Wolfgang Butt

Carl Hanser Verlag

Innerhalb der Geschichte der menschlichen Wesen wiederholt sich nie etwas, auch was auf den ersten Blick gleich erscheinen mag, erweist sich kaum als ähnlich; ein jeder Mensch ist ein Stern für sich, alles geschieht gleichzeitig überall und nirgendwo, alles wiederholt sich unendlich oft und bleibt unwiederholbar.

Danilo Kiš Enzyklopädie der Toten

Für meine Söhne: Marcel, Danilo, Maximillian und Felix.

Dies ist – beinahe – euer Hintergrund.

Die Zukunft liegt bei euch.

Stammbaum

PROLOG

Lange wollten sich die Wörter nicht einfinden. Vor mir im Bett lag Mutter, stumm und in sich gekehrt, nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidet. Ihr Blick war starr auf einen Punkt an der Decke gerichtet. Sie atmete flach, bewegte sich kaum. Ich hielt ihre Hand und wartete darauf, dass sie meine drückte, doch ihre Hand blieb kalt und leblos.

Es war ein Tag im November, vor zehn Jahren, der Himmel war hoch und blau. Ein launischer Wind wehte, und eine dünne Schicht frisch gefallenen Schnees bedeckte Oslo. Die Sonne schien, aber der Wind brachte einen Hauch von Winterkälte, und auf dem Kontinent rissen die Menschen mit bloßen Händen die Mauer nieder, die Europa jahrzehntelang geteilt hatte.

Vater hatte schon ungewöhnlich früh am Vormittag angerufen und in gemessenem Tonfall erklärt, dass Mutter in schlechter Verfassung sei und ich unter den gegebenen Umständen darauf verzichten solle, sie zu besuchen. Zunächst fühlte ich mich erleichtert.

Dass es Mutter schlechtging, dass ihre Schmerzen unerträglich waren und sie im Sterben lag, hatte ich seit fast fünfzehn Jahren täglich gehört. Was Leiden anging, war Mutter nicht gerade das, was man diskret nennt. Um ihr unablässiges und mit den Jahren immer bitterer werdendes Lamentieren auszuhalten, entwickelte ich eine leichtsinnige Strategie. Ich hörte ihr einfach nicht mehr zu. Mit der Zeit wurde ich ziemlich gleichgültig und redete mir ein, dass zu Besorgnis über ihre Gesundheit kein Grund bestehe, solange sie in der Lage war zu klagen. Ich hätte wohl etwas mehr Anteilnahme aufbringen sollen.

Im gleichen Augenblick, in dem Vater eilig hinzufügte, dass es ihr zu schlecht gehe, um ans Telefon zu kommen, erkannte ich, mit einer Stärke und Klarheit, wie ich sie viele Jahre nicht erlebt hatte, dass Mutter im Begriff war, uns zu verlassen. Erst da ging mir auf, wie schlecht ich auf diesen Moment vorbereitet war und dass ich dies bis an mein Lebensende bereuen würde.

Nicht ahnend, dass Mutter in Wahrheit nur noch eine halbe Stunde der ihr bemessenen Zeit blieb, drückte ich auf den Klingelknopf der Tür meines Elternhauses. Vater empfing mich mit trauriger Miene, die das Bedeutungsgeladene und Feierliche des Augenblicks unterstrich. Ich setzte mich ans Bett und betrachtete Mutter. Ihr Gesicht war weiß, durchsichtig, das ungekämmte Haar hing in die Stirn und gab ihr ein mädchenhaftes Aussehen.

Wer liegt dort eigentlich? Sie ist mir so vertraut, so nah, und doch so fern. Während ich Mutter beobachtete, suchte ich fieberhaft nach Bildern von ihr in meiner Erinnerung. Vergeblich. Sie war nirgendwo zu finden.

Plötzlich wurde mir klar, dass ich mich geschämt hatte, weil Mutter sich von der Welt isoliert und in ihr Schlafzimmer eingeschlossen hatte, damit niemand sie stören konnte, während sie in den finstersten Gefilden der Einbildung Umgang pflegte mit ihren Dämonen. Deshalb hatte ich sie sorgfältig verstoßen und selbst die liebsten Erinnerungen an sie verdrängt. Entsetzen überkam mich angesichts meiner Ichbezogenheit, und ich wollte mit ihr reden, offen reden über Dinge, die nie ausgesprochen worden waren. Aber so sehr ich mich auch mühte, die Wörter versagten mir den Dienst.

Vater stand reglos und steif da. Dann schlich er schnell hinaus in die Küche, um in einer alltäglichen Beschäftigung vorübergehend Linderung zu finden.

Im Schlafzimmer herrschte ein einfältiges Schweigen. Beschämt und vom Ernst des Augenblicks ergriffen, wollte ich Mutter trösten. Zärtlich streichelte ich ihre Wangen, war aber unfähig, etwas zu sagen.

Stattdessen ergriff Mutter das Wort. Langsam öffnete sie den Mund und murmelte, dies sei der schlimmste Tag ihres Lebens gewesen. Der 12. Dezember 1944. Dann sagte sie, immer noch kaum hörbar, etwas von einem gewissen Lipot, dem frommsten aller Jungen, die sich im Haus versteckten und den die Deutschen an diesem Tag brutal ermordet hatten. Seine Leiche lag zwei Wochen auf der Straße, bevor die Freunde es im Schutz der Dunkelheit wagten, sie zum jüdischen Friedhof zu bringen. Mutter sprach verworren und unzusammenhängend. Ich lauschte aufmerksam. Ihre Stimme wurde immer schwächer.

»Wie konnte Gott das zulassen«, seufzte sie. »Du musst der Welt davon erzählen, du musst alles erzählen.«

Ich spürte eine Verpflichtung und versprach ihr, eines Tages von dem abgesonderten kleinen Universum zu berichten, das unsere Heimstatt auf Erden war. Aber Mutter hörte nicht zu. Sie war schon aufgebrochen, hinaus aus dem Leben, sie schwebte mit einem ergebenen Lächeln davon und ließ sich von einer Leere verschlingen.

1.
DIE QUELLEN

DER ERZÄHLER

Zuerst ein paar Worte über meinen Großonkel, den Freudenspender unserer frühen Kindheit. Es gibt so viel über ihn zu sagen, dass ich nicht annähernd alles im Kopf behalten kann, denn das Thema ist so umfassend, dass es die Grenzen meiner Erinnerung und meines Verstandes bei weitem überschreitet. Wenn ich also jetzt versuche, von ihm zu erzählen, wird es höchst unvollständig sein.

Wir verehrten ihn, als mein Zwillingsbruder Sasha und ich klein waren. Wenn wir am Küchentisch saßen und ich ihn ansah, kam es mir manchmal so vor, als wäre die ganze Welt nicht groß genug, um meiner Bewunderung Raum zu geben. Er lehrte uns all das über unsere Familie, was wir als Kinder nicht wussten und auch nicht wissen konnten, und weihte uns in die unzähligen Geheimnisse ein, in die er selbst von jenseits des Grabes Einsicht gewonnen hatte. Er war ein fabelhafter Erzähler. Mit seinen die Phantasie beflügelnden Anekdoten, von denen er über ein unerschöpfliches Arsenal zu verfügen schien, nährte er unsere Faszination und brachte uns ständig zum Lachen. Wann immer er auftauchte, stets unangemeldet, verwandelte sich unser Alltag in ein Fest, und Sasha und ich, die wir uns sonst immer in den Haaren lagen, schlossen eine Art Waffenruhe.

Alle nannten ihn Fernando, und sie sprachen es aus, als wäre er ein spanischer Herzog. Alle außer Großmutter, die ihn schlicht und einfach Franci nannte. Sein wirklicher Name war Franz Scharf.

Großmutter hasste Fernando mit unauslöschlicher Glut. Warum das so war, vermochte ich damals nicht zu ergründen – erst viel später wurde es mir klar. Die Ursache des Konflikts verlor sich in einem mystischen Dunkel. Möglicherweise hatte Großmutter sie selbst vergessen. Dennoch war sie unversöhnlich, und sie machte nie ein Hehl aus ihren Gefühlen. Sie warf ihm zwar nichts direkt Ehrenrühriges oder Bösartiges vor, doch ließ sie keine Gelegenheit aus, triumphierend darauf hinzuweisen, dass er kein richtiger Verwandter, sondern nur mit einer ihrer zahlreichen Cousinen verheiratet gewesen war, noch dazu mit der unsympathischsten.

Dass mein Großonkel eine enge Beziehung zu uns hatte, lag an seinem einsamen Dasein. Seine Frau und seine beiden Töchter, die halbwüchsigen Zwillinge Anci und Manci, waren in den hohen Schornsteinen von Auschwitz in Rauch aufgegangen.

»Das ist sehr traurig«, sagte er eines Tages und suchte unseren Blick. »Aber so ist es.«

Es war der 24. Oktober, ich weiß es noch genau. Herbstbleiche Sonnenstrahlen fielen durch die Gardine. Aber plötzlich färbte sich der helle Himmel schwarz. Mein Großonkel räusperte sich und begann zu weinen. Die Luft in der Wohnung war geschwängert vom Geruch angebrannter Suppe, eine von Großmutters Spezialitäten. Fernandos Tränen waren nicht aufzuhalten. Seine Schultern bebten und seine Augen röteten sich. An diesem Tag hätten seine Töchter Geburtstag gehabt. Er öffnete den Mund, um zu sprechen, bekam aber einen Hustenanfall, sodass seine Worte auseinanderbrachen und in der Luft zerstoben.

Mehr äußerte er hierüber nie. Aber mein Zwillingsbruder Sasha und ich hatten verstanden.

Ein andermal erzählte er, langsam und beinahe flüsternd, dass er sein ganzes Leben eine Frau geliebt habe, eine einzige Frau, mehr als alles andere. Dass es nicht seine eigene Frau gewesen sein konnte, begriffen wir sogleich, denn nach einigen Sekunden fügte er hinzu: »Und sie war genau die, die ich nicht bekommen konnte. Für mich wäre ihre Liebe genug gewesen.«

Die Küchentür stand offen, und mein Großonkel warf verstohlene Blicke zu Großmutter hin, die am Herd stand und mit sich selbst redete. Aus irgendeinem Grund musste ich grinsen. Vielleicht verstand ich intuitiv, dass dies seine Art war, uns in verdeckten Worten anzudeuten, was er in seinem Herzen trug.

»Mein liebes Kind, lach nicht, sie zu lieben ist das einzig Gute, was ich je getan habe. Du findest es sicher seltsam, dass ein alter Mann wie ich Leidenschaft empfinden kann. Aber wenn alles andere abnimmt, nachgibt und sich verflüchtigt, hart bedrängt und schließlich besiegt vom erbarmungslosen Ansturm der Zeit, dann brennt die Flamme der Liebe weiter bis zum Tod.«

Obwohl meinen Großonkel keine Blutsverwandtschaft mit uns verband, wusste er alles, selbst über unsere entferntesten Vorfahren. Er maß der Vergangenheit größtes Gewicht bei. In seinen Augen war sie der wesentlichste Aspekt des Daseins. Manchmal, wenn er uns von unseren mittelalterlichen Vorfahren erzählte, betrachtete er uns stolz, strich uns übers Haar und seufzte mit einem in die Ferne gerichteten Lächeln. Aber es kam auch vor, dass er verärgert war, weil mein Zwillingsbruder Sasha und ich so wenig über unsere eigene Geschichte wussten. Ich erinnere mich besonders an eine Gelegenheit, als er ausgesprochen empört war darüber – ja, er betrachtete es als eine ausgeklügelte Bosheit unsererseits –, dass wir nicht bis in alle Einzelheiten vertraut waren mit dem traurigen Schicksal unserer entlegenen Verwandten Shoshana Spinoza; sie war, wenngleich erst ein aufblühendes junges Mädchen, als sie starb, eine der bahnbrechenden Erfinderinnen in der Geschichte der Physik.

Manchmal habe ich den Verdacht, dass mein Großonkel, der seine Zwillingstöchter im Krieg verloren hatte, den unbewussten Wunsch hegte, Sasha und ich würden mit der Geschichte abrechnen. Vor allem glaube ich, dass er der Meinung war, unser familiäres Milieu könnte uns zu schwachen, ängstlichen, unentschlossenen und bedrückten Menschen machen, sodass er seinen Einfluss auf unsere Gemüter dahin gehend nutzen wollte, uns in eine ganz andere Richtung zu lenken, uns Lebensmut, Tatkraft und Eroberungslust einzuflößen.

Fernando war jederzeit bereit, unserem Unwissen abzuhelfen und irgendeinen Verwandten vor dem Vergessen zu retten, indem er aus uns unbekannten Dokumenten zitierte oder uns Geheimnisse anvertraute, die in den dunkelsten Winkeln der Vergangenheit verborgen waren und die ein wohlwollender Geist ihm aus einer anderen Sphäre zugeflüstert hatte. Die Worte meines Großonkels fielen auf fruchtbaren Boden, weder Sasha noch ich reagierten jemals mit Skepsis auf seine Familienchroniken. Als Erzähler war er unwiderstehlich. Wir saßen da mit offenem Mund, erfüllt von Stolz und Bewunderung über die märchenhafte Welt, die er um sich her zum Leben erweckte.

Ich selbst war so begeistert von den Geschichten meines Großonkels, dass ich sie auswendig lernte. Manchmal, wenn er sich in einem Detail oder einem Datum irrte, konnte ich ihn sogar verbessern.

Nur Großmutter, die zuweilen vor sich hin murmelte, dass sie Fernando seit langem durchschaut habe, konnte die Zuverlässigkeit seiner historischen Quellen in Frage stellen. Wenn sie ihn manchmal, nach Sashas und meinem Dafürhalten überaus taktlos, nach diversen Sachverhalten ausfragte, wurde er häufig verlegen. Er saß dann nur schweigend mit gesenktem Blick und einem etwas schuldbewussten Lächeln da.

Doch sobald Großmutter das Zimmer verließ, nahm sein Gesicht wieder glückliche und entspannte Züge an und zeigte keine Spur von Bedrücktheit. Er bat uns dann, etwas näher zu rücken, und sagte vertraulich: »Die Wirklichkeit übertrifft die Phantasie. Wenn man weiß, was geschehen ist, braucht man keine Geschichten zu erfinden. Außerdem ist es leichter, einen Lügner einzuholen als einen lahmen Hund.«

DER SPIRITISMUS

Am meisten faszinierte es uns, wenn mein Großonkel, zuweilen erst auf dringliche Bitten und immer unendlich geheimnisvoll, uns offenbarte, wie er als Mitglied einer spiritistischen Gesellschaft durch ein erfahrenes Medium regelmäßig Kontakt mit den Toten aufnahm. Die Gesellschaft nannte sich Ad Astra, und die Sitzungen wurden jeden zweiten Mittwochabend in der Wohnung von Adalbert Nagyszenti abgehalten, einem freudianischen Psychoanalytiker, der aufgrund seines bürgerlichen Hintergrunds und seiner politischen Einstellung vier Jahre in einem stalinistischen Umerziehungslager im nordöstlichen Ungarn interniert gewesen war. Anschließend hatte man ihm Berufsverbot erteilt, sodass er sich jetzt als Nachtwächter eines Schrottlagers in einem schäbigen Arbeitervorort durchschlug. Hier trafen sich die vorurteilsfreisten und phantasievollsten Köpfe Budapests. Die Teilnehmer saßen um einen runden Tisch in einem Saal mit vorgezogenen Gardinen und ohne Spiegel. Die Zusammenkünfte wurden bei flackerndem Kerzenlicht mit der Lesung geheimer Texte auf Lateinisch eröffnet, was angeblich die Empfänglichkeit der Teilnehmer für spirituelle Erfahrungen förderte. Nach diesen Vorbereitungen fiel das Medium, eine blasse, magersüchtige Frau in gehobenem mittlerem Alter, in Trance und vermittelte den Kontakt mit der Geisterwelt.

Mein Großonkel hatte von Ad Astra zum ersten Mal bei Doktor Kisházy reden hören, einem ebenso liebenswürdigen wie skrupellosen praktischen Arzt, der seinen dürftigen kommunalen Lohn dadurch aufbesserte, dass er gegen saftige Bezahlung alle möglichen Pillen verschrieb, um die die Patienten ihn baten. Es störte ihn nicht, dass diese Medikamente auch gefährlich sein konnten. Denn er lebte in der unerschütterlichen Überzeugung, dass die Menschheit die Welt nicht durch die Abschaffung von Krankheiten bereichern würde, sondern nur dadurch, dass sie das Problem der zunehmenden Überbevölkerung zu lösen versuchte. So war Doktor Kisházy nicht unbedingt ein Sinnbild von Mitgefühl mit den Schwerkranken. Dagegen konnten ihm angesichts einiger Strophen Dantes Tränen in die Augen treten, und vor einem guten Glas Tokaier zerfloss sein Gesicht in Glückseligkeit. Er machte kein Hehl daraus, dass ihm weiße Weine mehr am Herzen lagen als die Gesundheit seiner Patienten, und er konnte mit verbundenen Augen schon nach dem ersten Schluck jeden Riesling aus dem Siófok-Gebiet erkennen.

Aus einem unbekannten Grund hielt mein Großonkel große Stücke auf Doktor Kisházy und war ihm für jeden Rat dankbar. Er vertraute ihm an, dass seine Gedanken in letzter Zeit immer häufiger um den Tod seiner armen Töchter kreisten, was zum Teil darauf zurückzuführen war, dass es ihm schon immer schwergefallen war, sich mit der launischen Ungerechtigkeit abzufinden, die das Leben mancher Menschen so kurz macht und sie hinwegrafft, bevor sie aufgeblüht sind. Er erzählte ihm auch, dass die starken Beruhigungspillen, die er seit Jahren nahm, seine inneren Dämonen nicht mehr in Schach halten konnten und dass er jede Nacht Albträume hatte – meistens sah er seine Töchter bei lebendigem Leib in einem Krematoriumsofen brennen. Ein düsterer mentaler Zustand werde durch noch stärkere Pillen auf keinen Fall erträglicher, konstatierte der Arzt und schlug ihm einen Besuch bei der spiritistischen Gesellschaft vor, die von seinem Schwager geleitet wurde. Ein direkter Kontakt mit den toten Mädchen könnte Fernandos trauerndes Herz dazu bringen, sich aus seiner eingesunkenen Brust zu befreien und frei wie das Herbstlaub über Budapests Boulevards zu schweben. Er versprach, einen Empfehlungsbrief zu schreiben. Zunächst verhielt mein Großonkel sich abweisend, denn er glaubte nicht an die Geisterwelt und sah keinen Anlass zum Besuch der spiritistischen Gesellschaft. Aber die Albträume verschwanden nicht und er sehnte sich danach zu wissen, was mit seinen Töchtern geschehen war.

Eines Mittwochabends lenkte mein Großonkel ein wenig widerwillig seine Schritte zur Wohnung von Adalbert Nagyszenti. Der Psychoanalytiker empfing ihn in einem Schottenmusteranzug und bat ihn sogleich in einen angrenzenden Raum, in dem fünf Personen um einen runden Tisch saßen. Er wurde neben dem Medium plaziert, das sich offenbar in Trance befand und ein unverständliches Kauderwelsch von sich gab. Die Séance war anscheinend schon einige Zeit im Gange. Im Halbdunkel konnte Fernando die Gesichter der anderen Teilnehmer kaum erkennen. Aber er begriff rasch, dass der distinguierte ältere Herr, der ihm gegenübersaß, Kontakt zu seinem einzigen Sohn zu erlangen suchte, von dem er fürchtete, er sei irgendwann Ende der vierziger Jahre in einem Arbeitslager in Nordsibirien ums Leben gekommen. Fernando wusste nur allzu gut, was Kolyma war, was Leiden war, was der Tod war. Er bekam einen Magenkrampf, als er den Namen Josef Stalin hörte. Danach senkte sich Schweigen über den Raum. Der Hausherr fragte nach ein paar Minuten mit gedämpfter Stimme, mit wem mein Großonkel in Kontakt zu kommen wünsche. Fernando flüsterte, es seien seine Töchter, ohne aber ihre Namen zu nennen. Das Medium versank noch tiefer in Trance und schnippte rhythmisch mit den knöchernen Fingern, um die dienstwilligen Geister um Beistand zu bitten, die Töchter des Gastes auf der anderen Seite zu finden. Die Frau wiederholte ihre Bitte mehrere Male. Doch so sehr sie es auch versuchte, es gelang ihr nicht, einen Kontakt herzustellen. Nachdem eine halbe Stunde vergangen war, konnte das Ergebnis nicht niederschmetternder sein. Das bekräftigte den Verdacht meines Großonkels, es handle sich beim Spiritismus einzig darum, durch geschickte Manipulationen leichtgläubigen armen Teufeln weiszumachen, sie könnten mit ihren lieben Dahingeschiedenen sprechen. Er wollte schon aufgeben und die Séance verlassen, als hinter ihm eine schwache, entfernte Stimme vernehmbar wurde: »Anci und Manci sind beschäftigt.« Fernando verzog keine Miene, denn er war überzeugt, es sei ein simpler Trick. Die anderen im Raum waren verblüfft, und auch das erfahrene Medium machte große Augen.

Dann fuhr die Stimme fort: »Die Mädchen sind beschäftigt, sie lesen Kapitän Nemos Abenteuer. Aber sie lassen ihren Vater grüßen. Ich bin Shoshana Spinoza. Wenn der Vater der Mädchen mehr über das Dasein auf der anderen Seite erfahren will, beantworte ich seine Fragen gern bei der nächsten Zusammenkunft.«

Meinem Großonkel fiel die Kinnlade herunter. Dies war bemerkenswert. Mehr als bemerkenswert. Es konnte sich nicht um einen Trick handeln. Er sah ein, dass sein Verdacht gegen die Spiritisten übertrieben gewesen war. Denn niemand im Raum kannte die Namen der Mädchen oder wusste, dass das letzte Geburtstagsgeschenk, das sie von ihm erhalten hatten, Jules Vernes Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer war. Dies war also eine klare und exakte Botschaft. Es gab wirklich Kontakt mit der anderen Seite.

Nach dem Besuch bei der Gesellschaft Ad Astra ging Fernando nach Hause. Es schlug zwölf Uhr, als er seine kleine Wohnung betrat. Er setzte sich auf das ungemachte Bett und konnte nicht aufhören, an Shoshana Spinoza und das, was sie aus der Geisterwelt mitgeteilt hatte, zu denken. Als er sich schließlich vorbeugte, um die Schuhe auszuziehen, fiel sein Blick auf eine Zeitung, die unter dem Bett lag. Er hob sie auf und erstarrte. Das konnte nicht wahr sein. Der Artikel auf der Seite, die er vor sich hatte, handelte von der Jungfernfahrt des amerikanischen Atom-U-Boots Nautilus zum Nordpol und war von einer Journalistin namens Hannah Sós-Szipoa verfasst. Mein Großvater erfasste in Sekundenschnelle, dass Hannah Sós-Szipoa ein Anagramm von Shoshana Spinoza war. Er spürte, wie ihm die Zeitung aus den Händen glitt und wie hinter ihm jemand schwer atmete. Einen Augenblick lang fuhr ihm der Schreck in die Glieder, er zitterte am ganzen Körper und wagte nicht, sich umzudrehen, nicht weil er fürchtete, ihm könnte Schlimmes widerfahren, sondern weil er meinte, allmählich wahnsinnig zu werden. Aber ebenso plötzlich erkannte er, dass er nicht vom Wahnsinn befallen war, sondern dass ihn die Vorahnung von einer neuen Welt überkommen hatte, einer jenseitigen Welt, gegen die seine Vernunft sich lange gesträubt hatte, einer Welt, in der er ein anderer Mensch werden würde, nicht in dem Sinne, dass ein neues Wesen aus seinem Inneren hervorgehen würde, wie ein Schmetterling aus der Larve, sondern dass er, um die Gesetze der neuen Welt zu verstehen, das Dasein mit anderen Augen betrachten musste.

So hielt das Mystische Einzug in Fernandos Leben. Er war so ergriffen von seinen Erlebnissen an diesem Abend, dass er, der geborene Skeptiker, mit den Lehren des dialektischen Materialismus vertraut, an die Unsterblichkeit der Seele und die Fähigkeit des Menschen, nach dem Tod zu kommunizieren, zu glauben begann. Und überall, nicht nur zu Hause bei uns, sondern in Parks, wo Leute Schach spielten, in Bussen und in der U-Bahn, in Doktor Kisházys Wartezimmer, überall fand mein Großonkel willige Opfer, die seinen leidenschaftlichen und wortmächtigen Darlegungen über das Leben auf der anderen Seite des Grabes zuhören mussten.

Shoshana Spinoza erzählte viel mehr über unsere Familie und unsere Vorväter als über die Töchter meines Großonkels. Sie enthüllte Fernando auch verblüffende Dinge über den Ursprung des Universums und Götter, die am Anbeginn der Zeiten lebten. Sie sprach von der Zeit, als die Erde noch wüst und leer war, beschrieb bis ins Detail die sechs Welten, die untergingen, bevor unsere Welt geschaffen wurde, die siebte, letzte und vollkommene. Sie erklärte auch die Zahl Sieben, die heiligste und geheimnisvollste aller Zahlen, ihre Mystik und Kraft als Auswirkung der Ordnung in der Schöpfungsfolge. In unserem eigenen Universum, erzählte sie, sei alles nach dem Prinzip der Sieben geordnet: die Tage, die Farben, die Himmelssphären, die Engel, die Liebe.

Die Auskünfte, die mein Großonkel uns über Shoshanas Botschaften vermittelte, waren nicht selten ein wenig widersprüchlich. Dies hänge damit zusammen, erklärte er uns, nachdem Großmutter ihn zur Rede gestellt hatte, dass es ihm versagt sei, alles, was er wisse, zu enthüllen. Denn er habe eine Art Schweigegelöbnis abgelegt, als er Mitglied in der spiritistischen Gesellschaft wurde. Aber alle Geschichten, die unsere ferne Verwandte Shoshana Spinoza betrafen, so schwer verständlich sie auch sein mochten, schlugen uns in ihren Bann.

DAS RÄTSEL DER EWIGEN WIEDERKEHR

Mein erstes mystisches Erlebnis hängt mit Shoshana Spinoza zusammen. Eines Mittwochabends, ich war sechs Jahre alt und es waren noch sieben Tage bis Heiligabend, oder ich war sieben Jahre alt und es waren noch sechs Tage bis zu den Weihnachtsgeschenken, eins von beiden, egal, eines Mittwochabends weihte Shoshana Spinoza in den Räumen der spiritistischen Gesellschaft meinen Onkel in das Rätsel der ewigen Wiederkehr ein. Es fiel ihm schwer, seinen Eifer zu bändigen, und schon am nächsten Nachmittag enthüllte er uns das Rätsel. Er genoss es maßlos, davon zu erzählen. Außer Großmutter, die nur ein zerstreutes Interesse zeigte, waren alle hingerissen, ich auch, selbst wenn ich nicht viel begriff, weil ich klein war, außerdem verstand ich nicht so gut Deutsch, und ich glaube mich zu erinnern, dass Fernando von der ewigen Wiederkehr auf Deutsch erzählte, denn wenn er aufgeregt war, sprach er zuweilen Deutsch. Aber ich stellte keine Fragen, ich lächelte nur und war entzückt.

Später hörten wir meinen Großonkel noch oft von diesem Rätsel reden. Er erzählte gern davon und immer mit der gleichen Begeisterung, als wäre es das erste Mal.

Was ist denn das Rätsel der ewigen Wiederkehr?

»Nietzsche hatte unrecht«, erklärte Fernando, »denn er dachte, dass sich alles eines Tages wiederholt, wie wir es erlebt haben, und dass es so weitergeht bis in alle Ewigkeit. Das würde bedeuten, dass Hitler und Stalin stets aufs Neue auf der Bühne der Geschichte erschienen und unschuldige Menschen ermordeten. Aber Shoshana stellt das Rätsel der ewigen Wiederkehr in einen ganz anderen Zusammenhang. Sie sagt, dass der Mensch in einem vollendeten Universum immer die Möglichkeit zu einem neuen Leben bekommt, das wir nicht danach gestalten können, wie unsere früheren Leben gewesen sind, sondern so, wie sie hätten sein sollen. Deshalb kehrt der Mensch auf die Erde zurück und erhält die Möglichkeit zu neuen Lebensläufen, mal in dem einen, mal in dem anderen Körper. Alle leben mit anderen Worten mehrere verschiedene Menschenleben.«

Glaubte ich das?

Selbstverständlich. Zwar hatte ich keine Ahnung, wer dieser Nietzsche war oder was er behauptet hatte. Aber jedes Wort aus dem Mund meines Onkels war Wahrheit für mich. Es kam mir nie in den Sinn, auch nur das geringste Detail in Frage zu stellen. Er war das männliche Vorbild, das mir in meiner frühen Kindheit die wertvollsten Einsichten vermittelt hatte.

Und wer kann im Übrigen beweisen, dass Nietzsche recht hatte und dass das Rätsel der ewigen Wiederkehr nicht das Gleiche ist wie das Reinkarnationsprinzip?

PISS-BARUCH

Nachdem er uns das Rätsel der ewigen Wiederkehr erklärt hatte, wandte mein Großonkel sich mir zu und legte mir die Hand auf die Stirn. Seine Stimme war heiser vor Erregung, als er sagte, Shoshana Spinoza habe angedeutet, dass ich in einem früheren Leben unser Urahn Baruch gewesen sei. Mein Bruder Sasha hörte aufmerksam zu. Ich sah sofort, dass er neidisch war. Er war immer neidisch auf mich, als wir klein waren. Denn obwohl wir Zwillinge waren und uns vom Aussehen her glichen wie zwei Beeren, waren wir sehr verschieden und aufgrund dieser Verschiedenheit anfänglich eine Plage und später eine wahre Gefahr füreinander.

Vielleicht waren Fernandos Worte nichts als Phantasien. Aber seine überzeugende Ausdrucksweise und der einnehmende Klang seiner Stimme verursachten mir ein wohliges Gefühl im ganzen Körper. Meine Knie begannen zu zittern und ich hatte ein mystisches Erlebnis. Ich meinte, plötzlich schwerelos zu sein und Baruch in meinem Gewebe, in meinem Blut und in meinem Gehirn zu spüren.

Später in der Nacht, im Traum, war ich unser Urahn Baruch und schwang König Alfonso Henriques’ schweres Schwert auf dem Schlachtfeld in Galicien. Ich verbreitete Schrecken unter den Soldaten des Feindes, sie lagen auf den Knien und flehten zitternd um Gnade. Stolze portugiesische Ritter bewunderten mich für meine Stärke, und ich genoss die Süße des Triumphs. Eine warme Woge überspülte mich.

Ich schlug die Augen auf und entdeckte, dass ich ins Bett gepinkelt hatte. Ich bekam Herzklopfen und schämte mich. Auch Sasha wurde wach. Er machte das Licht an und sah, dass das Bett nass war. Er wurde wütend, nannte mich Piss-Baruch, Hurensohn, Dreckschwein und Arschloch. Dann spuckte er mir ins Gesicht. Während der weiße Schleim seiner Spucke langsam an meiner linken Backe hinabglitt, drohte Sasha damit, mir eine Tracht Prügel zu verpassen, weil ich auch seinen Teil des Bettes nass gemacht hatte. Auch würde er allen, die er kannte, erzählen, dass ich mich vollgepinkelt hätte. Keiner meiner Freunde würde jemals noch Lust haben, mit mir zu spielen. Ich fühlte mich schrecklich gedemütigt.

Dieser Augenblick hat sich für immer in mein Gedächtnis eingeätzt. Ich kann noch Sashas Beleidigungen in meinen Ohren hören, ich höre sie klar und deutlich, und ich sehe sein höhnisches Gesicht. Mein Bruder hat nie verstanden, welche Macht seine Worte über mich hatten. Noch Jahre später quälte mich der grauenvolle Gedanke, dass Sasha kränkend, verurteilend und herabsetzend über mich reden könnte und ich meine Freunde verlieren und als Außenseiter enden würde, für immer zur Einsamkeit verdammt.

Ich bebe noch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe.

DER MORD AN KENNEDY

Großmutter quälte Großvater ständig mit Fragen. Die gewöhnlichste war, ob er ihr überhaupt zuhöre und sich etwas mache aus dem, was sie zu sagen habe. Großvater konnte Großmutter nicht leiden. Er hatte sie in ihrer ganzen fünfundvierzig Jahre dauernden Ehe nicht leiden können, und es hatte nicht die geringste Stunde des Glücks gegeben. Für ihn waren er und seine Frau zwei lebenslänglich Gefangene, aneinandergekettet im Fegefeuer. Er grübelte viel über den kurzen Rausch der himmelstürmenden Liebe nach. Wenn er nun dieses schöne Mädchen im rot gepunkteten Kleid auf jener Bootsfahrt auf der Donau an einem warmen Sonntag im Sommer 1918 nicht getroffen hätte – wie viele triste Streitereien, wie viele traurige Augenblicke, wie viele herabsetzende Worte wären ihm erspart geblieben. Deshalb antwortete er immer, kratzbürstig wie ein alter Schrubber, dass es ihm egal sei, was sie zu sagen habe. Großmutter war jedoch nicht bereit, sich damit abzufinden. Da sie einer Familie von Dickköpfen entstammte, denen zu widersprechen sich nicht lohnte, wiederholte sie ihre Frage unaufhörlich. Ihr Geplapper ging ihm auf die Nerven. Somit war Großmutter für Großvater tagtäglich eine Quelle der Qual und Irritation.

Wo befanden Sie sich, als Kennedy ermordet wurde? Es gibt wohl kaum einen Menschen, der im November 1963 älter als zehn Jahre war und heute nicht weiß, was er gerade tat, als er die Nachricht vom Tod des amerikanischen Präsidenten hörte.

Ich selbst war im Schlafzimmer, saß auf einem Stuhl neben Großvater. Er lag im Bett, denn er hatte Schmerzen in der Brust. Wir hörten Radio. Die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Willi Boskovsky spielten Ungarische Rhapsodien von Franz Liszt. Plötzlich wurde die Sendung von der dramatischen Nachricht aus Dallas unterbrochen.

Für mich hatte der Mord am Präsidenten der USA keine Bedeutung, aber in Großvaters erstauntem Blick blitzte ein Funke offener Angst auf. Er fasste sich an die Brust.

»Hast du Schmerzen, Großvater?«, fragte ich. »Tut dir etwas weh?«

»Das Leben«, antwortete er, ohne zu zögern.

Einige Monate später diskutierte ich mit meinem Großonkel über die Sache. Er wies den Gedanken zurück, dass Großvater der Mord an Kennedy nahegegangen sei – sie kannten sich ja nicht.

Stattdessen hielt er mir einen inspirierten und mitreißenden Vortrag darüber, wie man aus der Lebenslinie der Hand das Schicksal eines Menschen ablesen kann, ebenso das Schicksal der Familie, denn alles ist in der Handfläche eingeschrieben, klar und deutlich. Dies sei eine ganze Wissenschaft, behauptete er, deren Bedeutung und deren Möglichkeiten, die Zukunft vorherzusagen, immer mehr zunehme.

Großvater habe also im gleichen Augenblick, in dem das Radio die Nachricht vom Mord an Kennedy brachte, in einer der Linien seiner Handfläche den Tag und die Stunde seines eigenen Todes gesehen.

»Aber nicht die Vorahnung seines herannahenden Todes hat ihn niedergeschlagen gemacht«, erklärte Fernando, »sondern das Erschrecken darüber, dass das Leben keinen Sinn hat, wenn es so ist, dass zugleich mit dem vergänglichen Staub des Körpers auch die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sterben, das Bewusstsein und die Intuition, all das, was das innerste Wesen des Menschen ausmacht.«

UTOPIEN UND FAMILIENERBE

Obwohl Großvater und das Leben sich selten einig waren, hatte er nicht die Gewohnheit, sich zu beklagen. Doch war seine Sicht des Daseins alles andere als heiter. Hinter seinen Worten tat sich zuweilen ein Weltbild auf, das nachtschwarz und angsterfüllt war wie bei Kafka oder Beckett.

»Die schönsten Utopien«, so pflegte er seine Lebenserfahrung zusammenzufassen, »sollten am besten auf dem Reißbrett bleiben. Einmal verwirklicht, haben sie die unglückselige Tendenz, sich schnell in ihr Gegenteil zu verkehren.«

Aber Großvater fand es unwürdig, sich selbst zu bemitleiden. »Jeder Idiot«, pflegte er zu sagen, »ist in der Lage, sich unglücklich zu fühlen.«

Nur ein einziges Mal hörte ich ihn über sein Los klagen, und zwar als das Radio an jenem kühlen Novembertag, an dem das Gehirn des amerikanischen Präsidenten im Schoß seiner Ehefrau Jackie landete, wieder Liszts Ungarische Rhapsodien zu spielen begann. Er stand vom Bett auf, rückte das Bruchband zurecht, ging zum Kleiderschrank und holte einen mitgenommenen Koffer heraus, der mit handgeschriebenen Texten und alten Dokumenten gefüllt war. Dann sagte er wie nebenbei, er wünsche, dass ich sie später lesen solle. Ich glaube, er meinte, nach seinem Tod. Großvaters Worte waren geprägt von einer vorgetäuschten Gleichgültigkeit, um seine Trauer zu verbergen, als er hinzufügte, er bedauere viele Entscheidungen, die er in seinem Leben getroffen habe, aber Enttäuschung empfinde er nur darüber, nicht mit der großen Nase seines Vaters ausgestattet gewesen zu sein.

Eine unmäßig große Nase vererbte sich in unserer Familie und offenbarte sich bei einem Mitglied in jeder Generation. Obwohl die Nase geradezu entstellend war, schienen die Kinder, die damit geboren wurden, Günstlinge des Schicksals zu sein. Sie waren immer ungewöhnlich glückhaft und erfolgreich in allem, was sie unternahmen. Die Nase brachte ihrem Träger Glück. Aber sonderbarerweise erlitten alle einen tragischen Tod.

DAS TESTAMENT

Eine Woche nach Großvaters Tod versammelte sich die gesamte Familie bei uns zu Hause zur Testamentseröffnung. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass alle zusammenkamen. Vater und Tante Ilona, seine Schwester, lagen im Streit miteinander, und sie hatte zwischen sich und dem Rest der Familie einen unüberwindlichen Graben ausgehoben. Vaters Bruder, Onkel Carlo, war während des Volksaufstands 1956 aus Ungarn geflohen – als bewaffnete Banden auf der Jagd nach Kommunisten auf den Straßen wüteten und Gewalt und Blutvergießen für die Bewohner Budapests etwas Alltägliches wurden –, denn er fürchtete, im Menschengewimmel erkannt und vom rachelüsternen Pöbel gelyncht zu werden, weil er AVH-Mann gewesen war, ja mehr als das, hoher Offizier beim Staatssicherheitsdienst, und gefoltert und mit seinen bloßen Händen Menschen umgebracht hatte, die das Rákosiregime als Faschisten und Kriegsverbrecher abgestempelt hatte.

Die Stimmung bei uns war ausgelassen. Es glich mehr einer Kindstaufe als einer Gedenkstunde für ein liebes Familienmitglied. Mutter servierte Kaffee und Gebäck aus der Konditorei Gerbeaud. Alle waren begeistert über den Luxus, den es bedeutete, in einer von Entbehrung beherrschten Zeit dieses köstliche und teure Gebäck zu essen.

Der Konditor musste sich an diesem Tag selbst übertroffen haben, denn Onkel Carlo, der in Wien lebte und das Original in der Konditorei Sacher genießen konnte, erklärte mit der Überzeugungskraft des selbsternannten Connaisseurs, Gerbeaud stelle die beste Sachertorte der Welt her. Und er fügte hinzu, welcher Trost es ihm sei, dass die Kommunisten, denen es gelungen sei, das Land gründlich zu ruinieren, es nicht geschafft hätten, die berühmte ungarische Konditoreitradition zu zerstören. Alle lachten – außer Großmutter, die für den Humor ihres jüngsten Sohnes nie viel übriggehabt hatte. Wir Kinder lachten auch, obwohl wir keine Vergleichsmöglichkeit hatten. Süßigkeiten gab es bei uns zu Hause selten. Es war das zweite Mal, dass ich das Glück hatte, Gerbeauds himmlisch gute und höllisch teure Kuchen zu kosten.

Die ausgelassene Stimmung wurde angespannt, als es Zeit wurde, Großvaters Letzten Willen zu hören. Alle starrten auf Vater, den neuen Paterfamilias, als er langsam den Umschlag öffnete, der das Testament enthielt. Dann und wann drehten Tante Ilona und Onkel Carlo die Köpfe und schielten zu Großmutter hinüber, die ganz hinten im Zimmer saß. Sie wirkte nervös. Sie schnaubte nur zu allem und zeigte offen ihr Missvergnügen mit der Zusammenkunft. Wahrscheinlich war sie von den Umständen – dass Großvater Vater ohne ihr Wissen ein Testament zur Aufbewahrung übergeben hatte – überrumpelt worden.

Alles stand da, auf einem vergilbten Papier aufgezeichnet, wer was aus Großvaters dürftiger Hinterlassenschaft erben sollte, ferner seine Wünsche die Beerdigung betreffend. Das Testament umfasste sechs Zeilen und ein kurzes Postskriptum, in dem er sich dafür entschuldigte, so wenig hinterlassen zu haben.

Kleider und Schuhe sollten verbrannt werden. Die Armbanduhr, das einzig Wertvolle, das er besaß, fiel meinem Bruder Sasha zu. Den abgewetzten, mit allerlei Papieren gefüllten Koffer hinterließ er mir. Den Ehering, hieß es, habe er Großmutter oft zurückgeben wollen. Jetzt bekam sie ihn endlich. Als letztes, wenngleich nicht unwichtiges Detail unterstrich er, dass er nicht auf einem jüdischen Friedhof landen wolle. Als Toter wolle er kein Jude mehr sein.

Vater legte das Testament nieder. Eine Minute lang sagte keiner etwas. Es war offensichtlich, dass Vater und seine Geschwister enttäuscht waren. Nicht weil Großvater ihnen nichts vererbt, sondern weil er nicht einmal ihre Namen genannt hatte. Alte Wunden wurden aufgerissen, altes Unrecht wurde aufgerührt. Die Gewissheit, vom Vater nicht geliebt worden zu sein, war ein Dämon, den seine Kinder nie beschwören konnten, er tauchte immer wieder auf.

In Vaters Gesicht zeigte sich keine Gefühlsregung, er war ein Meister der sparsamen Mimik. Onkel Carlo stand auf, schob den Stuhl zurück, tat ein paar Schritte, blieb stehen, sah sich im Zimmer um und konstatierte, dass es nach acht Jahren im Exil auf jeden Fall wert gewesen sei, nach Ungarn zurückzukommen, um Gerbeauds schmackhafte Kuchen zu kosten. Tante Ilona fiel es schwer, ihre Gefühle im Zaum zu halten. Sie fing an, darüber zu reden, dass ihre einzige Erinnerung an den Vater darin bestand, dass er ständig schimpfte, drohte und sich ironisch über seine Kinder ausließ, aber sie biss sich auf die Lippen und verstummte. Dann nahm sie sich zusammen und trank ein Glas Wasser, um ihr Herz zu beruhigen oder überhaupt irgendetwas zu tun. »Das Leben ist hart«, stellte sie wehmütig fest. »Aber man darf nicht alles so dramatisch nehmen. Dieses Testament hat sowieso keinerlei praktische Bedeutung.«

In gewisser Weise hatte Tante Ilona recht. Das Testament erwies sich als überflüssig. Das Schicksal, das Großvater stets stiefmütterlich behandelt hatte, wollte es noch einmal anders als er.

Die Kleider verkaufte Großmutter noch an seinem Sterbetag auf einem nahe gelegenen Flohmarkt. Die Armbanduhr hatte Großvater sowohl Sasha als auch mir versprochen. Er pflegte uns dieselben Worte ins Ohr zu flüstern: »Du bist das beste Kind. Du wirst die goldene Zwiebel erben.« Deshalb empfand ich es als recht und billig, dass mein Bruder Sasha sie nie bekam. Denn Großmutter brachte die Uhr zusammen mit dem Ehering rasch ins Pfandhaus. Und ebenso rasch entledigte sie sich der Quittung, denn sie war der Meinung, keine Rücksichten nehmen zu müssen.

Auch Großvaters letzter Wunsch wurde nicht erfüllt. Schon am Tag nach seinem Tod wurde er in der hintersten Ecke des jüdischen Friedhofs beerdigt, denn Großmutter hatte herausgefunden, dass es dort am billigsten war.

DER KOFFER

Also erbte nur ich etwas von Großvater. Aber ich hatte es nicht eilig, den kleinen Koffer zu öffnen. Ich glaubte zu wissen, was er enthielt. Zuweilen hatte ich Großvater Aufzeichnungen in ein blaues Notizbuch machen sehen, doch konnte ich für diese Schreibereien kein Interesse aufbringen.

Vater nahm den Koffer an sich und rührte ihn dreißig Jahre nicht an. Nach Mutters Tod, kurz bevor er sich das Leben nahm, übergab Vater mir den Koffer. Ich öffnete ihn und erkannte, dass ich mich all die Jahre getäuscht hatte.

Der Koffer enthielt nicht Großvaters Aufzeichnungen, sondern allerlei historische Dokumente über die Familie Spinoza, viele allerdings schwer zu deuten, sodass man sich unmöglich darauf stützen konnte. Ich fand ein gewaltiges Durcheinander von Briefen, Tagebüchern aus verschiedenen Jahrhunderten, Geburtsurkunden, Testamenten, Verträgen, Nachlassverzeichnissen und ungeordneten Papieren. Ganz zuunterst lag ein Buch in einem fleckigen braunen Couvert. Es waren die geheimen Aufzeichnungen meines entfernten Vorfahren, des Philosophen Benjamin Spinoza: Das Elixier der Unsterblichkeit.

Mehr als die Hälfte der Blätter in Großvaters blauem Notizbuch war herausgerissen. Die einzige Aufzeichnung, die das Buch noch enthielt, lautete: »Wie soll man mit der Vergangenheit umgehen, mit all den Dingen, die verblassen und uns entgleiten? Diesen Erinnerungen, die unaufhaltsam in der Zeit verschwinden, immer unklarer, immer fragmentarischer und durchsichtiger. Manchmal entwickeln die Erinnerungen ein Eigenleben, werden zu Phantasien, die sich in Bewegung setzen, sich mit Geschmack und Farbe und Duft umgeben, mit allen Kennzeichen des Sinnlichen, und sich nach und nach von der Vergangenheit befreien und in eine ganz andere Wirklichkeit übergehen, eine Vergangenheit, die es nie gegeben hat, die aber doch in deutlichen Bildern lebt, welche vielleicht deutlicher sind als die wahren Erinnerungen.«

WAS IST DIE WAHRHEIT?

Mein Name ist Ari und ich bin der Letzte in der langen Stammtafel der Familie Spinoza: Der Stammbaum hat keine weiteren männlichen Zweige, und wenn ich – so die Prognose meines Arztes – in einigen Monaten ruhig einschlafe, findet diese Familiensaga ihr wohlverdientes Ende. Ich liege in einem Krankenhaus, mein Schicksal ist besiegelt und die Erinnerungen stürmen auf mich ein. All diese Erinnerungen, von denen ich glaubte, sie seien verblasst und entschwunden in der Zeit, haben sich in Bewegung gesetzt, sie leben ihr eigenes Leben und das Vergangene wächst aus ihnen auf, unsere verwirrende, vieldeutige Vergangenheit.

Inwiefern ist unsere Vergangenheit verwirrend und vieldeutig? Hier gleich ein Beispiel: Wie starb der Philosoph Benjamin Spinoza?

Immanuel Kant macht geltend – in seinem Werk Träume eines Geistersehers –, dass er sich an einem Apfelbaum erhängte. Dagegen vertritt Bertrand Russell die Auffassung, er sei an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs gestorben, und Isaiah Berlin schreibt in einem Brief an einen israelischen Kollegen, er sei in der Nordsee ertrunken. Marx und Engels behaupten, er sei im Gefängnis gestorben. Das Gleiche meint Lenin, der darüber hinaus erklärt, er sei von der Inquisition zu Tode gefoltert worden.

Wer von diesen Denkern kannte die Wahrheit?

»Die Wahrheit«, pflegte mein Großonkel zu sagen, »die Wahrheit ist, dass es so etwas wie eine einzige Wahrheit nie gegeben hat. Es gibt viele Wahrheiten. Diese Wahrheiten stellen sich gegenseitig in Frage, sie spiegeln einander, fordern sich gegenseitig heraus und sind blind füreinander.«

Um die Wahrheit zu sagen: Wer kann mit Sicherheit behaupten und beweisen, dass einer dieser Denker unrecht hatte, dass nicht alles, was sie behaupteten, gleichzeitig geschah und dass Benjamin Spinoza in Wirklichkeit auf alle diese Arten starb?

Wer kann garantieren, dass die Geschichte eindeutig ist, immer ein und dieselbe?

2.
DER LEIBARZT

EIN KOMET MIT DOPPELTEM SCHWEIF

Es gab eine Legende in unserer Familie, die mein Zwillingsbruder Sasha und ich liebten, als wir klein waren, als die Welt noch offen und verlockend labyrinthisch war und ich noch die Fähigkeit besaß, sie mit den optimistischen Augen des Kindes zu betrachten. Dass ich nie müde wurde, diese Legende zu hören, beruhte vor allem auf der unübertroffenen Erzählergabe meines Großonkels. Mit gut gewählten Worten und theatralischen Gesten gelang es ihm, die ganze mittelalterliche Geschichte der Iberischen Halbinsel mit blutigen Schlachten, grausamen Herrschern, scheinheiligen Priestern und intriganten Adligen heraufzubeschwören. Dieser Legende zufolge, mit deren Hilfe er die ferne Vergangenheit unserer Familie lebendig werden ließ, begann die Geschichte der Spinozas vor sechsunddreißig Generationen in der provinziellen, isolierten und von Unterdrückung gelähmten Kleinstadt Espinosa in der Region León, unweit der Stadt Burgos in Spanien.

Der Rabbi in Espinosa hieß Judah Halevy. Er hatte dunkle, intelligente Augen und ein fein geschnittenes Gesicht. Seine Hände waren weich und wohlgeformt wie bei den meisten Dienern des Herrn, denn statt körperlicher Arbeit widmete er sein Leben dem unermüdlichen Studium der heiligen Schriften. Seine Gelehrsamkeit war groß, er hatte sich nicht vergeblich tagein, tagaus über das wacklige Pult gebeugt und sich dadurch vorzeitig einen krummen Rücken geholt. Bei den Juden in Espinosa und den umliegenden Dörfern war er beliebt, nicht nur seiner Weisheit wegen, sondern ebenso wegen seines gefälligen Wesens. Er scherzte mit allen, brachte die Armen und Kranken zum Lachen und ließ sie für eine Weile ihr Elend vergessen. Es war augenscheinlich, dass er das Leben voller Hoffnung und die Welt voller Vertrauen als Heimstatt des Guten betrachtete.

Judit, die Ehefrau des Rabbis, war die Tochter eines Schuhmachers, der nur zwei Finger an der rechten Hand hatte und schwerhörig war; er starb früh an der Ruhr, ohne mehr zu hinterlassen als den poetischen Klang seines gallischen Nachnamens: de Narbonne. Aber Judah machte sich nichts daraus, dass Judit keine Mitgift erhalten hatte, er heiratete sie, weil er so verliebt in sie war. Darüber runzelten viele die Stirn, nicht nur, weil man erwartet hatte, er würde die Tochter des reichsten Kaufmanns der Stadt heiraten, sondern mehr noch, weil Liebe zu jener Zeit in diesem Teil der Welt ein weder geachtetes noch sonderlich bekanntes Phänomen war.

Judah und Judit ähnelten einander. Es bestand ein innerer Gleichklang zwischen ihnen, eine Fähigkeit, in gemeinsamen Bahnen zu denken und sich den gleichen Impulsen hinzugeben. Oft suchten sich auf dem Tisch ihre Hände, begegneten sich ihre Fingerspitzen, nur um der Berührung willen. Es war selbstverständlich für sie, dass sie zusammengehörten, es lag in der Natur der Dinge.

Judah pflegte zu sagen: »Judit trug einen Teil meines Wesens in sich, und der andere Teil wollte sich damit vereinen.«

Im zweiten Sommer nach der Hochzeit wurde Judit schwanger. Im Frühjahr gebar sie eine Tochter, die den Namen Edita erhielt. Das Mädchen hatte einen schiefen Kopf und starb nach vier Tagen. Ein Jahr später brachte Judit einen Sohn zur Welt. Auch er lebte nur vier Tage. Judit weinte und war untröstlich. Judah versuchte, ihr mit heiteren Anekdoten aus der Thora wieder Mut zu machen.

Im fünften Jahr gebar sie einen zweiten Sohn. Während er seinen ersten Atemzug tat und seine Huldigung ans Leben herausbrüllte, tat sie ihren letzten.

»Verblutung«, konstatierte die Hebamme, eine erfahrene Frau, deren Kunst aber an diesem Morgen nichts vermochte.

Als Judah hörte, dass Judit tot war, erbleichte er und der kalte Schweiß brach ihm aus. Was sollte er tun – weinen über den Verlust seiner Ehefrau oder lachen vor Freude über die Gnade, die ihm widerfahren war, endlich einen Sohn bekommen zu haben?

»Meine geliebte Frau lebt nicht mehr«, murmelte er kaum hörbar. »Sie war die Beste in der Welt. Nie mehr werde ich ihr schönes Gesicht schauen.« Er blickte gen Himmel und hob die Stimme: »O mein Herr, was habe ich Böses getan? Warum strafst du mich so hart? Warum hast du mir Judit genommen?«

Der Himmel schwieg. Es war Judah klar, dass seine Fragen nicht beantwortet werden würden. Denn er verstand das Rätsel des Schweigens: Wo immer der Allmächtige sich befindet, herrschen absolutes Schweigen, ein gesegnetes Licht und Unendlichkeit. Aber in diesem Augenblick wünschte er nichts sehnlicher, als eine Antwort zu erhalten.

Die Hebamme holte das Neugeborene, das zottig war wie ein Bär. Judah sah sie ratlos an und bekam kein Wort heraus. Sie konnte offenbar seine Gedanken lesen, denn sie versuchte sogleich, ihm Trost zu spenden, indem sie ihn an den Kometen erinnerte, der sich am Abend zuvor am Himmel offenbart hatte.

»Er ist behaart am ganzen Körper geboren«, sagte sie, »und ich muss dich, lieber Rabbi, kaum daran erinnern, was in unseren heiligen Büchern steht: ›Wer haarig geboren ist, wird im Leben Großes ausrichten.‹ Der Komet zeugt davon, dass dein Junge einem König dienen wird.«

Judah sah das Kind an und entdeckte zu seinem Entsetzen, dass der Kleine eine unfassbar große Nase hatte. »Armer Junge«, seufzte er. Er fürchtete, dass mit dem Kind etwas nicht in Ordnung sei, und musterte es ängstlich. Doch er sah nichts, was Anlass zur Sorge geben konnte, abgesehen von dem vielen Haar und der gigantischen Nase.

Da äußerte die Hebamme ein paar Worte, vielleicht nur aus Freundlichkeit, Worte, die durch die Fähigkeit der erfahrenen Frau, sich des einfachen Ausdrucks zu bedienen, um etwas Großes zu sagen, dem Rabbi das Gefühl vermittelten, Zeuge eines Wunders geworden zu sein: »Der Allmächtige hat dir die größte aller Gaben geschenkt, einen wohlgestalten Sohn.«

Judah änderte den Tonfall: »Mein kleiner Liebling, wie schön du bist. Guter Gott, wie dankbar bin ich, dass Du mir einen so prächtigen kleinen Jungen geschenkt hast. Dein Name soll Baruch sein, der Gesegnete«, sagte er und brach in Tränen aus.

Am Abend vor Baruch Halevys Geburt – es war das Jahr 1129 – wurde der Oktoberhimmel von einem Kometen mit doppeltem Schweif erleuchtet. Er wogte wie ein blaues Feuer über Südeuropa. Die Menschen fielen auf die Knie und beteten zu Gott. Hunde bellten, Frauen menstruierten, Dächer hoben sich von den Häusern, Hähne legten Eier, Ratten verschlangen sich gegenseitig. Ein berühmter Bischof in Rom sah furchterregende Gestalten, die sich am Himmel näherten, und glaubte, die Ankunft der apokalyptischen Reiter zu erleben, die Krieg, Hunger, Pest und Tod mit sich führen. Sein Haar wurde weiß und er verlor die Stimme. Man sperrte ihn in ein Irrenhaus.

In seines Alters Herbst, während ruhiger Augenblicke, wie er sie an frühen Morgen erlebte, meinte Baruch eine Stimme zu hören, die ihm zuflüsterte, der Komet mit dem doppelten Schweif habe die Geburt seines Geschlechts angekündigt.

DIE EROBERUNG LISSABONS

Um drei Uhr am Nachmittag des 24. Oktober 1147 ertönte ein letztes Mal die strenge Stimme des Muezzins von Lissabons größter Moschee: »Allahu akbar.« Der Ausrufer konnte seinen Ruf jedoch nicht zu Ende bringen, denn ein eifriger Kreuzfahrer aus den Reihen der anglo-normannischen Truppen stürmte die Stufen des Minaretts hinauf und schlug dem alten Araber kurzerhand den Kopf ab. Dies war das Ende der vier Monate währenden blutigen Belagerung der Stadt. Die Mauren kapitulierten bedingungslos. Der Katholizismus hatte gesiegt. Die Herolde verkündeten, dass alle Soldaten das Recht hatten, Kriegsbeute zu machen, wie es herkömmlicher Brauch war, mit Ausnahme von Dingen, die König Alfonso Henriques zustanden, dem Eroberer Lissabons. Die Stadt hallte wider von Freudenbekundungen. Ein neues Reich wurde aus der Taufe gehoben.

Diese Ereignisse wurden von Osbernus in lateinischen Chroniken beschrieben, die unter dem Titel De expugnatione Lyxbonensi (Über die Eroberung Lissabons) gesammelt sind.

Mein Großonkel erzählte Sasha und mir, Osbernus sei ein englischer Priester gewesen, und er schrieb ihm eine Reihe von Eigenschaften zu, die alle, bis auf eine, unvorteilhaft waren. Doch was an ihm positiv war, ist eine andere Geschichte, auf die ich bei nächster Gelegenheit zurückkommen werde. Osbernus hatte, trotz seiner ausländischen Herkunft, eine hohe Stellung am portugiesischen Hof inne, denn er war listig und schmeichelte der Eitelkeit des Königs mit zahllosen Preisliedern über dessen Heldenmut. Der Priester, in des Königs Gunst, schwieg sich über seinen Hintergrund aus. Statt – wie es damals üblich war – mit seinen hohen Beschützern zu prahlen, ließ er alle Welt ahnen, dass er über geheime Kontakte zu den Machthabern in London verfügte.

Fernando fand Osbernus’ Chroniken über die Eroberung Lissabons schwülstig, übertrieben und heroisierend. Er meinte, der englische Priester habe ein verlogenes Bild von der Natur der Kreuzfahrer gezeichnet, indem er sie als mutige, gutherzige und rechtgläubige Männer darstellte, die für den christlichen Glauben kämpften. In Wahrheit seien sie Männer ohne Ehre gewesen, bereit, für ein Stück Fleisch einen Menschen zu töten.

»Die Reconquista, die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel, war nicht der Kampf eines liebevollen, friedfertigen Christentums gegen die Barbarei des Islam«, erklärte mein Großonkel. »Es handelte sich vielmehr um einen Raubkrieg in der Absicht, die Mauren abzuschlachten, ihre Kultur zu vernichten und ihre Reichtümer zu stehlen.«

Mein Großonkel nahm kein Blatt vor den Mund, wenn er von Alfonso Henriques sprach, dem Gründer und ersten König Portugals, den er einen blutrünstigen Tyrannen nannte. Um unser Interesse zu befeuern – er wusste, dass Großmutter es nicht mochte, wenn dieses Thema zur Sprache kam, und dass wir deshalb umso aufmerksamer zuhörten –, erzählte er manchmal von den raffinierten Foltermethoden, die der König praktizierte. Ich konnte den Gedanken kaum ertragen, dass selbst loyale Untertanen langsam zu Tode gequält wurden, als wären sie verschworene Feinde gewesen. Fernando sprach mit solchem Kenntnisreichtum und solcher Einfühlungskraft – oder lag es nur an der Glut in seinen Augen? –, dass ich lange glaubte, er habe Alfonso Henriques von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden und sei dem Tod in den dunklen Verliesen der Königsburg nahe gewesen.

Erst viel später, als ich mir ein klareres Bild von den Dingen gemacht hatte, erkannte ich, dass auch mein Großonkel die Chroniken des Osbernus kaum gelesen haben konnte, denn die erste Übersetzung aus dem Lateinischen erschien erst ein paar Jahre nach seinem Tod.

MOSES VERSPRECHEN

Ein Jahr nach der Eroberung Lissabons zeigte sich Baruch Halevy, dem Sohn des Rabbis, eine der eigentümlichsten Erscheinungen seines jungen Lebens. Am Nachmittag setzte er sich, um auszuruhen, unter eine Zypresse an der Landstraße, die verlassen in der Sonnenhitze dalag. Er nickte ein und erwachte davon, dass Fliegen über sein Gesicht krochen. Er sah einen alten Wanderer von Salamanca näher kommen. Der Mann ging langsam, nach vorn gebeugt und geduckt. Der Stock, auf den er sich stützte, war ein gebogener Ast, und seine Füße schlurften über den Boden. Staub bedeckte sein Gesicht, und sein weißer Bart war vom Wind zerzaust. Unter dem linken Arm trug er zwei große Steintafeln.

Baruch hob die Hand zum Gruß. Der alte Wanderer blieb einen Meter vor ihm stehen. Baruch fühlte, wie seine Haut brannte, als der Greis ihn ansah. Der Wanderer blickte in das schüchtern-ernste, fast traurige Gesicht des jungen Mannes, wie um sich zu versichern, dass er die richtige Person vor sich hatte.

Dann fragte er: »Bist du Baruch, der Sohn des Rabbis Judah, des Gesegneten?«

Baruch antwortete mit einem Nicken.

»Hör gut zu, was ich dir zu sagen habe«, fuhr der Mann fort und beugte sich vor, sodass sein zerfurchtes Gesicht dem des jungen Mannes ganz nahe kam.

Baruch spürte den warmen Atem des alten Wanderers und sah ihm tief in seine dunklen, bodenlosen Augen.

»Ich bin Moses, der Prophet der Juden. Ich kehre jedes tausendste Jahr auf die Erde zurück, um den Willen des Herrn zu verkünden. Was du glaubst oder nicht glaubst, ist gleichgültig. Befolge nur meine Worte. Morgen sollst du das Haus deines Vaters verlassen und nach Westen wandern. Der Herr will, dass du der Welt begegnest. Deine Reise wird lang sein und viele Prüfungen erwarten dich auf deinem Weg. Aber du wirst alle bestehen. Wenn du nur deinen Teil dieser Abmachung einhältst, wird der Herr seinen Teil einhalten. Du wirst dich fragen, was du zu tun hast. Du sollst die Zehn Gebote befolgen, die auf meinen Steintafeln eingeritzt sind, du sollst nach ihnen leben und eine jüdische Gemeinde gründen, aus der viele große Männer und Frauen hervorgehen und alle Enden der Erde erobern werden. Eines Tages wirst du das große Geheimnis finden, nach dem die Menschen seit Anbeginn der Zeiten gesucht haben. Dieses Geheimnis wird von deinen Kindern und Kindeskindern tausend Jahre lang gehütet werden. Solange deine Nachkommen ihre Verpflichtung einhalten, werden sie erhobenen Hauptes unter den Menschen auf der Erde wandeln, und der Herr wird über sie wachen. Wenn aber jemand den Willen des Herrn verrät, wird dein Geschlecht ausgelöscht werden von der Erde. Hast du verstanden?«

Der Greis wiederholte mit Nachdruck: »Hast du verstanden?«

Die Frage löste bei Baruch den kindlichen Impuls aus, mit einer Gegenfrage zu antworten: »Was geschieht, wenn ich mich weigere, meinen Vater zu verlassen?«

»Du hast meine Worte gehört.« Das Gesicht des Alten wurde hart, seine Stimme und sein Tonfall waren wie Eis, es klang wie eine unverhüllte Drohung. »Wenn du den Willen des Herrn verrätst, wird dein Geschlecht von der Erde ausgelöscht und du wirst die verbleibenden Tage deines erbärmlichen Lebens blind und kinderlos in Espinosa fristen.«

Baruch wusste nicht, was er glauben sollte. Waren die Worte des alten Wanderers wahr? Sollte er all dem Sonderbaren, das er gehört hatte, Glauben schenken? Er müsste seinen Vater fragen, der stets wusste, was wahr und was unwahr war, stets bereit, unnötige Zweifel auszuräumen und in allen Fragen Gewissheit zu erlangen.

In seiner Unschuld antwortete Baruch: »Ich muss wohl zuerst mit meinem Vater sprechen und hören, was er sagt …«

Der Alte unterbrach ihn brüsk: »Weder du noch deine Nachkommen dürfen jemals ein Wort über dies alles zu irgendeinem Menschen sagen. Nur der älteste Sohn in jeder Generation darf in das Geheimnis eingeweiht werden. So lautet die Abmachung. Der Allmächtige hat dir den Weg gezeigt. Füge dich seinem Willen.«

»Aber was ist denn das große Geheimnis? Enthülle es mir, Lieber. Sonst …«

»Du wirst das Geheimnis finden, glaube mir. Du findest es, wenn die Zeit reif ist.«

Der Greis sagte nichts mehr, er wanderte weiter. Baruch fand, dass er langsamer ging als eine Schildkröte. Es dauerte lange, bis er hinter einer Anhöhe verschwunden war.

Baruch wagte kaum zu atmen. Alles war still um ihn her, nicht der geringste Windhauch. Die Hitze war unerträglich. Plötzlich befielen ihn Kopfschmerzen, und eine dunkle Furcht stieg in ihm auf. Er fühlte sich verwirrt und konnte nicht mehr klar denken. War der alte Wanderer mit den Steintafeln wirklich Moses? Oder war es der Teufel, der sich in dem gebrechlichen Körper des Alten eingenistet hatte, um ihn von seinem Vater fortzulocken? Baruch war immer ein guter Sohn gewesen, folgsam wie ein Lamm. Nie hatte er vor dem Vater etwas verborgen, nie etwas geheim gehalten. Am liebsten wäre er nach Hause gelaufen, um dem Vater von seiner merkwürdigen Begegnung zu berichten, aber er fühlte, dass er den Vater damit einer großen Gefahr aussetzte. Wenn die Worte des Greises wahr waren, dann würde sein Geschlecht für alle Zukunft von der Erde ausgelöscht werden.

Als es Abend wurde, waren Baruchs Zweifel verflogen. Er war überzeugt, Moses begegnet zu sein, den Worten des Propheten folgen und Espinosa verlassen zu müssen. Er verspürte schon seit geraumer Zeit die Sehnsucht, sein Zuhause und die starre Eintönigkeit der Tage hinter sich zu lassen. Er war bereit, aus seinem Winterschlaf zu erwachen.

An diesem Abend ging er früh zu Bett und murmelte Gebete vor sich hin, solange er sich wach zu halten vermochte. Mitten in der Nacht kam es ihm vor, als würde der Raum von blendendem Lichtschein erleuchtet, und erneut hörte er die Stimme des Propheten sagen, dass er gen Westen aufbrechen solle und dass seine Nachkommen tausend Jahre lang freie Menschen sein würden. Jetzt sah er seine Berufung und seine Zukunft deutlich vor sich.

DER AUFBRUCH

Am nächsten Morgen erklärte Baruch seinem Vater ohne Umschweife, dass er einen seltsamen und betörenden Traum gehabt habe, in dessen Folge er unverzüglich nach Westen aufzubrechen gedenke. Als der Vater fragte, wovon der Traum gehandelt habe, fing Baruch an zu stottern. Einen Augenblick lang wurde er vom Dämon des Selbstzweifels ergriffen und wäre beinahe seinem Vorsatz untreu geworden und damit für immer an das Kaff Espinosa und an den Vater gebunden geblieben. Ängstlich strich er sich mit der rechten Hand über den Flaum am Kinn und versuchte, Mut zu fassen. Ich muss mir selbst treu bleiben, dachte er. Dann antwortete er, der Traum habe davon gehandelt, dass er nach Lissabon gehen solle.

Judah Halevy betrachtete seinen Sohn. In dem schüchternen Neunzehnjährigen konnte er sich selbst sehen, wie er einst als rastloser Jüngling in Gayonga vor seinem Vater gestanden und unter großer Selbstüberwindung erklärt hatte, er wolle nicht Schneider werden, wie die Familientradition es vorsah, sondern Rabbiner. Er werde nach Espinosa gehen, um zu studieren. Da kam ihm in den Sinn, dass es Baruch, der immer ein Träumer gewesen war und sich nur für Pflanzen interessiert hatte, nicht nur an jeglichem praktischen Talent, sondern auch an Welterfahrung mangelte. Er war noch ein Junge und nicht reif genug für das Erwachsenenleben. Er versuchte, seinen Sohn zu überreden, mit dem Aufbruch zumindest bis nach Pessach zu warten, damit sie gemeinsam seine Zukunft planen könnten. Doch er argumentierte vergebens. Schließlich wusste er sich keinen anderen Rat mehr, als um seiner eigenen Beruhigung und um des Wohls seines Sohnes willen an Baruchs Gefühle zu appellieren.

»Wenn du deinen Vater ehrst, der sein Leben der Aufgabe gewidmet hat, dich allein großzuziehen, dann bleibst du in Espinosa«, sagte Judah.

»Vater, habt Nachsicht mit mir, wenn ich Euch enttäusche. Aber ich muss mich aufmachen und Euch verlassen und darf Euch nicht länger zur Last fallen. Ich weiß, dass Ihr geduldig seid, und Eure Vaterliebe erwärmt mir das Herz. Aber ich habe ein Licht gesehen und muss mich von diesem phantastischen Lichtstrahl forttragen lassen und meiner Zukunft entgegengehen.«

Baruch erstaunte ob seiner eigenen Worte; er wusste nicht, woher sie kamen. Aber sie flogen ihm mit verblüffender Leichtigkeit zu, als er sie brauchte. Und nichts von allem, was er bis dahin erlebt hatte, konnte sich mit der erwartungsvollen Klarheit und dem Gefühl heiteren Ernstes messen, die ihn jetzt erfüllten. Baruch blickte forschend in das Gesicht des Vaters und wusste, dass dieser ihn verstand.

Einige Stunden später versammelten sich die Freunde und Nachbarn des Rabbis in seinem Haus zu einer Gebetsstunde. Mehrere Psalmen wurden vorgetragen, und alle beteten zum Allmächtigen, er möge mit väterlicher Güte auf den Jüngling blicken und ihn beschützen.

Der Vater strich Baruch übers Haar, beschwor ihn, ein guter Jude zu bleiben, den Sabbat zu halten und Gebetsriemen zu tragen. Nie dürfe er vergessen, dass nicht die Kopfbedeckung den Juden ausmache. Dann zitierte er ein kurzes Stück auf Aramäisch aus dem Talmud und erklärte, dies sei der jahrhundertealte Rat gelehrter Rabbiner an einen jungen Mann, der ins Leben hinaustritt: Sei gefasst auf viele harte Prüfungen, aber wenn du den Schwachen Barmherzigkeit erweist, brauchst du nie in Angst vor den Starken zu leben.

Die letzten Worte, die Baruch seinen Vater sagen hörte, lauteten: »Wenn jemand einen Stein auf dich wirft, so vergelte es ihm mit Brot.«

Zum Abschied küsste ihn der Vater mit seinem faltigen Mund, umarmte ihn und drückte ihn so fest an sich, als wollte er ihn nie wieder loslassen. Der Aufbruch schmerzte Baruch, der die hängenden Schultern seines Vaters sah, seinen gekrümmten Rücken, sein von Tränen feuchtes Gesicht. Zugleich spürte er, dass er keine Wahl hatte. Seine Zukunft war vorherbestimmt, wenngleich in undurchdringlicher Nacht verborgen. Er ging mit entschlossenen Schritten und blieb erst stehen, als er zu der alten Eiche auf dem Hügel vor der Stadt gelangt war. Dort wandte er sich um und warf einen letzten Blick auf Espinosa. Von hier oben erschien ihm die Stadt klein und unbedeutend.

Zwanzig Tage lang folgte Baruch dem Lauf eines Flusses in Richtung Lissabon. Er wanderte durch üppige Buchenwälder und schattige Täler, die nach Wiesenblumen dufteten, überquerte sprudelnde Bäche und schäumende Flüsse. Mit großen Augen sah er den zwischen den Baumstämmen flatternden Vögeln zu und studierte das Treiben der Käfer und Ameisen im Moos. Berstend vor Neugier sog er diese phantastische Welt in sich auf und malte sich aus, was er mit seinem jungen Leben anfangen würde. Am Fluss löschte er seinen Durst. Brot kaufte er von Bauern, die nicht selten unwirsch und grob waren; wenn sie erkannten, dass Baruch Jude war, behandelten sie ihn wie ein Waldungeheuer und riefen ihm zu, sich fernzuhalten. Auf einer Lichtung richtete er seinen Pfeil auf einen Hasen und empfand eine unerwartete Freude, als die leichtfüßige Kreatur dem Tod entging. Er sammelte Heilkräuter, wie er es von einer Nachbarin gelernt hatte. Die Frau, die wie eine Mutter für ihn gewesen war, hatte als Kind mit ihrem Vater León und Kastilien durchstreift, wo sie ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf wunderwirkender Tinkturen und Medikamente bestritten. Es kam vor, dass Baruch sich im Dunkel der Nacht verirrte und nicht wusste, wo er war. Einmal erkundigte er sich nach dem Weg nach Lissabon, aber der Bauer war ein Scherzbold und wies ihn in eine ganz andere Richtung. Baruch wurde wütend, als er bemerkte, dass er genarrt worden war. Die meiste Zeit empfand er jedoch ein eigentümliches Gefühl von Freiheit.

Die letzten drei Tage seiner Reise glichen dem mühevollen Anstieg auf eine Anhöhe bei Gegenwind. Erschöpft, doch von Freude erfüllt, erreichte Baruch Lissabon. Seine Beine schmerzten und seine Rückenmuskulatur war verkrampft. Aber er vergaß seine Müdigkeit, als die Strahlen der Morgensonne in den Stadtkern fielen und die Kronen der uralten Palmen erglühen ließen. Umbrafarbene Wände schimmerten unter einem blauen Himmel. Als Baruch durchs Stadttor schritt, begann sein Herz zu hämmern. Er sah Frauen mit Körben voller Gemüse auf dem Weg vom Markt, ein paar aufdringliche Bettler, einen einbeinigen Jungen, der hilflos am Boden lag, einen älteren Mann, der eine ausgemergelte Kuh hinter sich her zog, magere Gesellen, die schwere Steine schleppten, Kaufleute, die mit fliegenden Händlern feilschten, er sah Mönche, Trinker und Soldaten. Aus einer Schmiede drangen laute Flüche. Die Stadt wimmelte von Leben und wirkte mindestens zehnmal so groß wie seine Heimatstadt. Verwirrt, wie er war, merkte er kaum, dass er vor einem maurischen Haus eine Wache anstieß. Der Mann war erbost und schrie: »Lümmel, was glaubst du, wer du bist?«, verlangte eine Entschuldigung und fragte ihn nach seinem Namen. Baruch war einen Moment sprachlos. Von Stummheit geschlagen stand er da und sah den immer erzürnteren Wächter an, der ihn vor die Brust stieß, sodass er fast gefallen wäre.

Schließlich antwortete er: »Baruch de Espinosa.«

BEI DEM ZORNIGEN SCHMIED

Schon am Nachmittag desselben Tages fand Baruch Arbeit als Gehilfe bei dem Meisterschmied Martes, der wegen seines hitzigen Temperaments gefürchtet, wegen seiner handwerklichen Kunst jedoch weithin respektiert wurde. Niemand im ganzen Land konnte so scharfe Schwerter herstellen wie er. Es war ein hartes Dasein in der Schmiede, die Arbeit war mühsam, die Kost kärglich, und Baruch lebte in ständiger Angst vor dem Meister, der im Zorn mit fürchterlichen Flüchen um sich warf. Zu allem Überfluss sprach Martes, ein riesenhafter Kerl mit schwarzem Schnauzbart und mächtigen Fäusten, nicht ungern dem Anisschnaps zu, und wenn er trank, war er eine wahre Geißel für seine Umgebung. Er suchte sich dann unter den Gehilfen einen Sündenbock aus und verfolgte ihn stundenlang mit Sticheleien und Beschimpfungen, zuweilen auch mit derben Fußtritten und Faustschlägen.

Da er von seinem Vater stets in hohem Maße beschützt worden war, empfand Baruch die Schmiede als eine kleine, glühende Hölle. Besonders schwer fiel es ihm, sich an die Feindseligkeit und das Misstrauen zu gewöhnen, die ihm entgegenschlugen. Anfangs glaubte er bei jeder Kränkung, die ihm widerfuhr, er bilde sie sich nur ein oder habe etwas missverstanden, weil er den Dialekt in Lissabon nicht gut genug beherrschte. Doch schließlich wurde ihm klar, dass den anderen seine Anwesenheit in der Schmiede offenbar ein Dorn im Auge war und sie sich wie ein feindlich gesinntes Gericht verhielten. Sie redeten nur in Ausnahmefällen mit ihm und schienen es zu genießen, in seinem Beisein verletzende Worte und verächtliche Kommentare fallen zu lassen. Dies alles geschah, ohne dass es Aufsehen erregte. Baruch schwieg und litt, denn wo hätte er Hilfe suchen sollen? Zumal der Meister der Auffassung war, niemand in der Schmiede habe zu klagen, solange nicht der halbe Kopf abgeschlagen war.

Einer der jungen Männer sagte Baruch ins Gesicht, der Priester auf der anderen Straßenseite habe sie alle schwören lassen, nicht mit ihm zu verkehren, weil die Juden Christus gekreuzigt hätten.

»Der Jude ist wie ein Aussätziger«, verkündete der Priester. »Kommt man mit ihm in Berührung, landet man in der Hölle. Armut, Pest und Unmoral, alles Unheil, dessen Sklaven wir auf dieser Erde sind, ist die Schuld des Juden.«

In dieser düsteren Zeit in der Schmiede wurde die Freundschaft mit dem ein Jahr älteren Lehrling Raimundo Baruchs einzige Zuflucht und einziger Trost. Raimundo war früh Waise geworden. Sein Vater, ein Glöckner, der auch als Totengräber arbeitete, hatte seine Mutter erschlagen, weil sie skandalöse Liebesaffären mit anderen Männern hatte – das behaupteten jedenfalls die Nachbarn –, und war nach Estremadura geflohen. Dort starb er kurz darauf eines eigenartigen Todes; ein wild gewordener Ochse quetschte ihn gegen ein Gatter und zertrampelte ihn. Raimundo meinte, es sei ein Gesetz Gottes, dass derjenige, der fremdes Blut vergossen hatte, am Ende in seinem eigenen Blut erstickte. Baruch hatte dazu keine Meinung.

Raimundo war kurzsichtig und blinzelte oft, was ihm ein geheimnisvolles Aussehen verlieh. Er hatte ein ebenmäßiges Gesicht mit schütterem Flaum unter dem Kinn. Er war stark wie ein Bär und konnte Steine heben, die über hundert Kilo wogen. Dabei war er außerordentlich geschmeidig und konnte spielend leicht zehn Meter auf den Händen gehen. Baruch bewunderte Raimundo sehr, der nie mit den Wölfen heulte, sondern Baruch verteidigte, wenn seine Quälgeister sich über ihn hermachten. Dazu bedurfte es zweifellos eines gewissen Mutes. Raimundo riskierte viel, und sein Eintreten für den Juden war für viele in der Schmiede eine Provokation. Er zog sich die Verachtung der anderen zu und verlor seine früheren Freunde.

An den Abenden, wenn die Lehrlinge sich in dem dunklen, nach Schweiß und Urin stinkenden Keller ausgestreckt hatten, pflegte Isidoro, der älteste unter ihnen, die anderen mit schwülstigen Erzählungen über seine Abenteuer mit den schönsten Frauen Lissabons zu unterhalten. Die Lehrlinge genossen seine saftigen, wenn auch nicht ganz wahrheitsgemäßen Geschichten und konnten nicht genug davon bekommen. Nur Raimundo und Baruch, die eine schmale Pritsche teilten, hatten anderes im Sinn als die Frauenkörper, mit denen Isidoro die Phantasie der Lehrlinge ins Wallen brachte. Sie fühlten eine seltsame Begierde in sich aufsteigen, eine Begierde, die sich ihrer Kontrolle entzog. Wenn sie sicher waren, dass die anderen im Keller eingeschlafen waren, streichelten sie einander. Raimundo war stets einen Schritt voraus und ließ seine Hände über Baruchs Penis gleiten. Die zärtliche Berührung seines Freundes ließ Baruch für eine Weile die stinkende Schmiede vergessen.

Sie hatten sich feierlich versprochen, ihr Geheimnis für sich zu behalten. Keiner von beiden ahnte, dass Isidoro oft nur so tat, als schliefe er, und sie heimlich beobachtete.

Eines Tages war Raimundo an der Reihe, dem Meister zu missfallen. Er sah, wie Martes, der den Vormittag in Gesellschaft zweier Kaufleute beim Anisschnaps verbracht hatte, in die Schmiede taumelte und zu Boden fiel. Raimundo half ihm auf die Beine, doch statt sich zu bedanken, überhäufte Martes ihn mit Beschimpfungen und erklärte, er wisse sehr wohl, was nachts im Keller vor sich gehe. Dann schrie er so laut, dass alle es hören konnten, er habe genug von Raimundos und Baruchs Ferkelei, und am liebsten würde er die Köpfe des Nichtsnutzes und des Juden vor aller Augen in die Ablaufrinne stecken, damit sie entehrt in ihrer Erbärmlichkeit dastünden. Raimundo fühlte sich gedemütigt. Obwohl auch er Angst vor dem unberechenbaren Meister hatte, behielt sein Selbstgefühl die Oberhand, und er hieß Martes zu schweigen, sich ins Bett zu legen und wieder nüchtern zu werden. Da warf der Schmied einen schweren Hammer nach ihm. Zum Glück konnte Raimundo noch den Kopf einziehen, sodass der Hammer ihn um einige Zentimeter verfehlte.

Am Abend, nachdem alle in der Schmiede sich schlafen gelegt hatten, flüsterte Raimundo Baruch ins Ohr, er sei es leid, wie ein räudiger Hund behandelt zu werden, und schlug vor, aus der Schmiede zu fliehen und sich von der Armee anwerben zu lassen. Baruch war einverstanden, denn er würde seinem Freund bis ans Ende der Welt folgen. Eine schwere Last fiel den beiden von der Brust, als sie mitten in der Nacht aus dem Haus schlichen und der Schmiede den Rücken kehrten.

NACH GALICIEN

Es war ein diesiger Morgen. Lieblich lag Lissabon vor ihnen ausgebreitet. Leichten Sinnes, wie lange nicht mehr, erreichten sie den Rekrutierungsplatz der Armee. Raimundo mit seiner imponierenden Erscheinung wurde sofort angenommen. Aber für Baruch hatte der Offizier, ein richtiger Riese, der etwas Gefährliches an sich hatte, nur ein Schnauben übrig. An dem schmächtigen jungen Mann war nur die Nase groß, aber die war dafür wahrhaft gigantisch. Er taugte nicht zum Fußsoldaten in Alfonso Henriques’ Armee.

Baruch fuhr die Angst in die Glieder bei dem Gedanken, seinen Freund zu verlieren. Er verlangte mit Nachdruck, dem König dienen zu dürfen. Nach einer Weile gab der Offizier nach und schickte ihn zu einer Ausbildung als Feldscher, bevor die Armee nach Galicien aufbrach.

König Alfonso Henriques begegnete seinem Heer vor den Toren der Stadt. Es war eine bunt gemischte Schar. Viele hatten sich in der Hoffnung auf Belohnung und Beförderung anwerben lassen. Andere kamen aus Regionen, die der König erobert hatte und wo die Männer aufgefordert worden waren, sich zum Dienst in der Armee zu melden.

Alfonso Henriques war vierzig Jahre alt, über zwei Meter groß und hatte mächtige Schultern. Er war sonnengebräunt und trug einen dunklen Bart und einen schwarzen Schnauzer, dessen Spitzen nach oben gedreht waren. Alle hatten großen Respekt vor ihm und hüteten sich, ihn zu verärgern, denn es war allgemein bekannt, dass er aufbrausend war und kein Erbarmen kannte mit denen, die ihm nicht gehorchten. Wenn er zornig wurde, und das kam oft vor, verprügelte er Männer ohne Ansehen der Person wegen der geringsten Kleinigkeit.

Der König stellte sich auf einen Hügel und brachte die Soldaten mit einer Geste seiner mächtigen Fäuste zum Schweigen. Er hatte eine kräftige, durchdringende Stimme und sprach lange zu seinen Männern. Mit großer Autorität lobte er die Soldaten und versprach ihnen herrliche Siege. Aber er nahm auch die Gelegenheit wahr, die Zaudernden anzuspornen und ihnen Mut einzuflößen angesichts dessen, was sie erwartete. Als er fragte, ob alle bereit seien, Leib und Leben für ihren König zu opfern, schrien die meisten Ja. Auch Baruch und Raimundo schworen Alfonso Henriques begeistert die Treue.

Am folgenden Tag wurde der Feldzug nach Galicien eingeleitet, mit dem der König die Grenzen Portugals nach Norden auszuweiten trachtete. Der Marsch nach Norden dauerte fünfzehn Tage. Eines Nachts lag Baruch schlaflos im Dunkeln, obwohl er erschöpft war. Er blickte auf zu den Sternen über Galicien und dachte zum ersten Mal seit langem an seinen Vater und an den Sabbat, den er seit seinem Aufbruch von zu Hause nicht gehalten hatte. Er hörte das Wiehern der Pferde und schnappte vereinzelte Wörter von Soldaten auf, die im Schlaf redeten. In seinem Herzen hegte er weder Zweifel noch Befürchtungen angesichts der Kämpfe des kommenden Tages, des ersten Angriffs in seinem Leben. Er spürte die Gewissheit, dass alles, was geschah, im Einklang mit der Logik des Lebens geschehen würde. Dann und wann drang das Rufen alter Nachteulen an sein Ohr. Ihm schien, als wollten die klugen Vögel verkünden, dass Baruchs großer Tag gekommen war.

AUF DEM SCHLACHTFELD

Die Schlacht begann um neun Uhr am Vormittag auf dem weiten Feld vor der Stadt Pontevedra. Alfonso Henriques vertraute der Geschicklichkeit der schnellen Reiter. Im Sattel seines stolzen Streitrosses fühlte er sich unüberwindlich. Er blickte über sein Heer hin, das zum Angriff bereitstand. Aber die Sonne verbarg sich hinter den Bergen, und Nebel legte sich wie ein Schleier über das Feld. Alles erschien seltsam und entrückt.

Der König zog sein neues Schwert. Es war eine magische Waffe, die zu heben zehn Männer gebraucht wurden. Alfonso Henriques jedoch kannte das Geheimnis des Schwertes und wusste, welchen Griff man beherrschen musste, damit es in der Hand nicht mehr wog als eine Feder und die Klinge auch den härtesten Stein durchschlug. Nur war er nicht allein mit diesem Wissen. Meister Martes, der das Schwert geschmiedet hatte, war ja bei der Arbeit nicht selten betrunken, und dann verplapperte er sich ungehemmt.

Den Portugiesen standen armselige Verbände galicischen Fußvolks gegenüber, die sich in einem betrüblichen Zustand befanden. Bevor die Trompeten zur Attacke bliesen, galoppierte Alfons Henriques allein auf den Feind zu, um den schlecht ausgerüsteten Galiciern einen Schrecken einzujagen. Aber vor allem war er darauf aus, die magische Kraft seines neuen Schwertes zu erproben. Es war indessen nicht wohlbedacht, allein vorweg zu reiten, denn als er sich den galicischen Soldaten näherte, traf ihn ein Pfeil in die Brust oberhalb des rechten Lungenflügels. Der König fiel vom Pferd und brach sich bei dem Sturz ein Bein und mehrere Rippen. Er brüllte auf, nicht vor Schmerz, denn den spürte er noch nicht, sondern vor Zorn. Sein Pferd galoppierte davon. Plötzlich hob sich der Nebel, und im portugiesischen Lager brach Verwirrung aus. Als die Soldaten ihren König am Boden liegen sahen, verließ sie der Mut. Wie gelähmt und mit panischen Blicken sahen sie, wie eine Schar galicischer Soldaten sich Alfonso Henriques näherte.

Baruch erkannte die Gefahr und stürmte aufs Feld, um dem König Hilfe zu leisten. Obwohl er klein war, bewegte er sich schnell und erreichte den König vor den Galiciern. Er warf einen raschen Blick auf die feindlichen Soldaten, deren gebräunte Gesichter verschlossen waren wie die von Bauern. Sechs von ihnen kamen mit gezogener Waffe auf ihn zu. Baruch packte Alfonso Henriques’ schweres Schwert, hob es mit einem Ruck vom Boden und parierte den Schlag des ersten Galiciers. Es tönte wie Glockenklang, als die Klingen sich trafen, dann trennte er den Feind in der Mitte durch. Er erschlug noch zwei weitere Galicier. Das Schwert traf den einen, wo die Nackenmuskeln von den breiten Schultern aufstiegen, dem anderen durchbohrte er mit der Spitzes des Schwertes den Unterleib. Die drei übrigen wurden von Angst gepackt und ergriffen die Flucht. Da spannten zwölf galicische Soldaten ihre Bogen und schossen auf Baruch, doch die Pfeile fielen zu Boden, bevor sie ihr Ziel erreichten. Baruch fühlte sich von einer beschützenden Kraft umgeben und spürte, dass nichts ihm schaden konnte. Er half dem König auf und brachte ihn in Sicherheit.

Die Wunde in Alfonso Henriques’ Brust bereitete dem König jetzt ungeheure Schmerzen. Er bekam Fieber, verlor viel Blut und schwebte zwischen Leben und Tod. Als Baruch bemerkte, dass die Portugiesen tatenlos dastanden, brüllte er sie an, den Feind anzugreifen und für ihren König zu kämpfen. Er wunderte sich über die Kraft seiner Stimme. Um den Eindruck seiner befehlenden Worte zu mildern, fügte er leise hinzu: »Geht schonend mit den Galiciern um, sie sind auch nur Menschen.«

Dann mischte er Blätter eines getrockneten Heilgewächses, die er in seinem Ranzen mit sich führte. Er säuberte die Wunde in Alfonso Henriques’ Brustkorb und presste die dunkelroten Kronblätter hinein.

Nachdem die Galicier kapituliert hatten, fuhr ein Wagen über das Schlachtfeld und sammelte die Gefallenen aus Alfonso Henriques’ Armee ein. Die Verluste an diesem Tag beliefen sich auf zwanzig Bogenschützen und Fußsoldaten, eine Handvoll Reiter und eine geringere Anzahl von Lasttieren. Ganz oben auf dem Wagen landete ein furchtbar verstümmelter Körper, es war der des kurzsichtigen Raimundo.

Sein Tod war ein schwerer Schlag für Baruch. Am meisten schmerzte ihn, sich nicht von seinem Freund verabschiedet zu haben.

DES KÖNIGS LOB

Als der König wieder zu Kräften kam, berichtete ihm sein Chronist und ständiger Begleiter Osbernus von dem selbstlosen Einsatz des kleinen Juden. Als gläubiger Katholik hatte der König keine besonders hohe Meinung von Juden. Sie sind feige und hinterhältig, diese Mörder Christi – diese Gewissheit hatte er mit der Muttermilch eingesogen. Sein Leben lang hatte Alfonso Henriques Juden verspottet und verfolgt. »Wer einen Juden tritt, der tritt den Teufel«, pflegte er zu sagen. Doch dieser junge Jude machte ihn nachdenklich. Er war kein Soldat, er war nicht einmal ein richtiger Mann, hatte keine Stellung, keinen Besitz, kein Ansehen, er war nichts. Dennoch hatte er sein Leben riskiert, um ihn zu retten. Und er hatte übermenschliche Kräfte gezeigt, als er das magische Schwert gehoben und den Feind in die Flucht geschlagen hatte. Auch hatten Pfeile ihm nichts anhaben können. Dann hatte der Jude an seiner Seite gesessen, Tag und Nacht, hatte bei ihm gewacht und seine Wunde geheilt.

Alfonso Henriques’ Erfahrung aus einem langen Leben auf den Schlachtfeldern hatte ihn gelehrt, dass nur wenige Menschen angesichts des Todes wahre Stärke und Würde zeigen. Einen Moment lang überlegte er, ob der kleine Jude ein Dämon sein könnte. Er sprach darüber mit Osbernus, aber der englische Priester, der Gefallen an Baruch gefunden hatte und ihm nahe sein wollte, zerstreute des Königs Verdacht. Da Alfonso Henriques tapfere Männer achtete und Handlungskraft zu schätzen wusste, ließ er Baruch, auch wenn er ein Jude war, kommen und lobte ihn vor seinen engsten Vertrauten für seinen Mut und seine Entschlossenheit. Auch versprach er dem kleinen Juden eine üppige Belohnung.

ES WIRD RECHT GESPROCHEN

Bei der siegreichen Heimkehr des Königs nach Lissabon strömten die Menschen in Scharen zum Schloss, um ihre Glückwünsche darzubringen. Alfonso Henriques genoss die Süße der Macht und der Herrlichkeit. Doch schon bald drangen widrige Neuigkeiten an sein Ohr. Ein vertrauter Lakai wusste zu berichten, der Arzt Antunes habe während der Abwesenheit des Herrschers sehnsuchtsvolle Blicke auf die jüngste der königlichen Mätressen geworfen. Das wunderschöne maurische Mädchen habe seine Avancen ohne Scham erwidert. Der König sah den Lakaien ungläubig an und wollte der Sache nicht ohne weiteres Glauben schenken. Der Arzt musste doch mehr als jeder andere wissen, wie viel ihm das maurische Mädchen, die Lieblingstochter des vertriebenen Kalifen, bedeutete. Er rief einen anderen loyalen Diener hinzu. Dieser sprach von heißen Blicken der Begierde, die die hellen Sommerabende erfüllt hätten. Auch ein dritter Lakai bestätigte, dass Antunes und das maurische Mädchen unziemlich aufgetreten seien. Der König zweifelte nicht länger. Seine Nasenlöcher weiteten sich, er witterte einen Verrat, von dem er längst eine Ahnung hätte haben müssen.

Alfonso Henriques war wutentbrannt über das arglistige Verhalten des Arztes und der Mätresse. Doch er hatte noch andere Gründe, außer sich zu geraten, und diese waren ernster als eine Liebesaffäre am Hof. Was sein Blut in Wallung brachte, war die Sache mit Costa und Benvindo.

Die Brüder waren hervorragende Männer und tapfere Krieger, deren Einsatz der König Erfolge auf vielen Kriegszügen zu verdanken hatte. Aufgrund ihrer Verdienste hatte Alfonso Henriques sie in seinen Rat gewählt und ihnen weitläufige Ländereien in der Nähe von Mafra zugeteilt, die dem maurischen Feind abgenommen worden waren. Durch stattliche Geldgeschenke hatte er die einstmals armen Männer zu reichen Grundbesitzern gemacht. Von Hochmut befallen, vor allem aber aus hemmungsloser Gier, veruntreuten Costa und Benvindo den Sold der Ritter. Verbittert über die gewissenlosen Brüder, wandten sich mehrere Generäle an den König und beklagten sich über sie. Alle erwarteten, dass Alfonso Henriques einschreiten und den Brüdern eine Lektion erteilen würde. Aber er sah den Zeitpunkt für eine Bestrafung nicht gekommen, solange der Feldzug in Galicien andauerte.

Der König war grundsätzlich der Auffassung, dass er als Herrscher von Zeit zu Zeit seine Macht schonungslos demonstrieren müsse, um seinen Untertanen Furcht einzuflößen. Niemand sollte auf die Idee kommen, man könne ungestraft gegen ihn konspirieren, während er in fernen Ländern Kriege führte. Er hielt Costa und Benvindo aber weiterhin für zu wertvoll, um unter dem Fallbeil zu landen. Also beschloss er, den Arzt und die Mätresse zu opfern und ihnen einen hohen Preis für ihren Verrat abzuverlangen. Die Leute sollten sehen, welche Folgen ein Treubruch am König unweigerlich nach sich ziehen würde.

Alfonso Henriques berief seinen Rat ein und verlangte nachdrücklich, dass auch Costa und Benvindo sich einfinden sollten. Dann ließ er sechs bewaffnete Soldaten Antunes und das maurische Mädchen zum Verhör holen. Die Temperatur am Hof stieg.

Die junge Mätresse kleidete sich schlicht, wie es unter ehrbaren arabischen Frauen Sitte war. Sie fand sich vor dem König ein, verneigte sich tief und erkannte am strengen Ausdruck seines Gesichts, dass er nicht gnädig gestimmt war. Als sie die Anklage hörte, stand sie wie versteinert, weinte nur und schluchzte, der Atem stockte ihr, und sie konnte kein vernünftiges Wort herausbringen.

Alfonso Henriques schloss daraus, dass die junge Frau – ihr Name war Fatima – schweigend ihre Schuld eingestanden habe, sonst hätte sie die Anklagen erbittert von sich gewiesen. Ob sie sich von dem Arzt hatte verleiten lassen oder selbst die Initiative zu der Affäre ergriffen hatte, spielte keine Rolle. Sie war schuldig und würde verurteilt werden.

Als Freund harter Strafen ließ Alfonso Henriques sie lebendig, ohne Essen und Trinken, in einem kleinen Seitengang des Palasts einmauern. Es heißt, man habe noch Jahrhunderte später in mondhellen Nächten Fatimas Schluchzen und Weinen durch die dicke Wand hören können.

Der Arzt Antunes mühte sich, einen guten Eindruck zu machen. Er trat selbstsicher auf und wies jede Schuld von sich. Er könne nicht begreifen, wie irgendjemand auf der Welt imstande sei, seine Freundlichkeit gegenüber einer jungen Frau, die ihn wegen leichter gesundheitlicher Probleme um medizinischen Rat gefragt habe, falsch auszulegen.

»Diese böswilligen Gerüchte, die gewisse Leute über mich in Umlauf bringen, sind absurde und infame Erfindungen«, erklärte er. »Es handelt sich um eine Verschwörung in der Absicht, meinen Namen in den Schmutz zu ziehen. Die Denunzianten müssen für ihre Lügen bestraft werden. Euer Gnaden, Ihr seid der hervorragendste Mann in Portugal. In Eurer Weisheit wisst Ihr sehr wohl, dass Ihr Euch nicht auf Leute verlassen könnt, die falsche Gerüchte verbreiten.«

Alfonso Henriques hörte ihm mit gerunzelter Stirn zu. Er hegte keine Illusionen, jeder Zug in Antunes’ heimtückischem Gesicht verriet ihm, dass der Arzt log. Bevor das Urteil gesprochen wurde, ergriff er das Wort. Er wandte sich seinem Rat zu und heftete die Blicke auf die Brüder Costa und Benvindo.

»Wenn ein Untertan sich unehrerbietig verhält, wenn er lügt, stiehlt, begierige Blicke auf eine Mätresse des Königs wirft oder gar Unzucht mit ihr treibt, sind das nicht Zeichen von Dummheit. Es sind Zeichen von Verrat, und die Strafe für dieses Verbrechen ist der Tod.«

Er wartete einen Moment auf eventuellen Widerspruch. Aber niemand sagte etwas, alle schwiegen. Daraufhin befahl er, dass der Hof und der Rat am nächsten Morgen vollzählig der Folterséance beiwohnen sollten, denn er erwarte ein unvergessliches und unterhaltendes Erlebnis.

Die blutbespritzte Folterkammer im Keller des Palasts war dunkel und feuchtkalt, mit kleinen Fensteröffnungen und wuchtigen Gewölben. Die Luft war gesättigt von muffigen Gerüchen, und die Atmosphäre war beklemmend. In einer Ecke flackerte ein Feuer. Darum hatten sich die Mitglieder des Rates versammelt, einige in Ritterkleidung, andere in kostbaren Gewändern, die sie als Adlige auswiesen. Sie schienen in einer ernsthaften Diskussion begriffen und flüsterten erregt miteinander. Die Hofdamen, anlässlich des Ernstes der Stunde zurückhaltend gekleidet, lehnten mit vor Angst schwachen Knien an den Wänden.

Der Henker, ein kräftiger Mann mit bleichem Gesicht und strähnigem schwarzem Haar, erinnerte Baruch an einen Ochsen. Er war stark und plump und etwas einfältig, durch seine schwarze Kleidung wirkte er aber auch gefährlich.

Auf einem hohen Stuhl neben der Tür saß Alfonso Henriques. Mit kühl berechnendem Blick sah er sich in der Folterkammer um. Er schien zufrieden. Offenbar konnte ihm an diesem Morgen nichts größere Genugtuung verschaffen als das Blut, die Schreie und der Tod des Antunes. Zu seinen Füßen lag ein knurrender großer Wachhund. Auf der linken Seite, hinter einem wackligen Pult, machte Osbernus Aufzeichnungen über alles, was im Keller vor sich ging.

Baruch stand rechts vom König, den Blick niedergeschlagen. Er bebte angesichts der bevorstehenden Folterzeremonie. Der Anblick der Folterkammer war grauenerregend, und durch nichts in seinem bisherigen Leben war er darauf vorbereitet. Er würde sich zeitlebens an jede Einzelheit erinnern.

Der König nahm an, dass sich die selbstsichere Haltung des Arztes in der Folterkammer verflüchtigen würde. Aber Antunes hielt den Kopf erhoben. Entweder war er ein mutiger Mann, oder er rechnete mit einer wundersamen Rettung im letzten Augenblick.

Nachdem Alfonso Henriques erklärt hatte, dass es für ein so schwerwiegendes Verbrechen keine Gnade geben könne, begann die Folterung damit, dass der Arzt geblendet wurde. Die bleichen Wangen des Henkers wurden noch weißer, als er zu Werke schritt. Es sah aus, als hätte er Mitleid mit seinem Opfer. Von Antunes’ Stirn tropfte der Schweiß, und ein Rinnsal von Urin bildete sich auf seiner Hose, aber er gab keinen Laut von sich.

Danach öffnete ein Folterknecht die Pulsadern des Arztes. Das dunkle, zähflüssige Blut wurde in einer Schale aufgefangen. Doch es floss allzu langsam aus dem mageren Körper des Arztes, weshalb auch an den Beinen ein Aderlass erforderlich wurde, damit das Leben ihn verließe. Jetzt endlich konnte man aus der Kehle des sterbenden Antunes schwaches Ächzen und Stöhnen vernehmen.

Obwohl es kalt war im Keller, war Baruch schweißgebadet, während er den Henker sein Werk verrichten sah. Er hörte kaum, dass der König ihm befahl, das Blut mit einem Kräuterextrakt zu vermischen und ein Heilmittel gegen Verrat daraus herzustellen.

Ein anderer Folterknecht trennte mit einem Schwerthieb den Kopf des toten Arztes vom Körper. Der Kopf wurde auf einen Pfahl gespießt und von Soldaten fortgebracht, die ihn auf einem Hügel vor der Stadt zur Schau stellen sollten. Anschließend lud der König alle Mitglieder des Rates und des Hofes zu Brot, Käse und Wein in den Festsaal ein. Wie ausgehungerte Tiere stürzten sie sich auf Speis und Trank.

»Es geht doch nichts über gutes Essen«, bemerkte Alfonso Henriques und fügte mit einem höhnischen Lachen hinzu: »Besonders, wenn man Blut hat fließen sehen.«

HEILMITTEL GEGEN VERRAT

Ein Kräuterextrakt gegen Verrat erforderte die Künste eines Zauberers. Baruch fürchtete um sein Leben. Er wusste nur zu gut, dass er weder über das Wissen noch über die Erfahrung verfügte, einen solchen Trank herzustellen. Er wusste auch, was ein Misslingen nach sich zöge, nämlich dass man ihn umgehend zu den Folterknechten in den Keller des Schlosses verfrachten würde. Das Erlebnis in der Folterkammer gab seiner Phantasie genügend Nahrung, um ihn in düstere Stimmung zu versetzen. Er wagte nicht, sich jemandem anzuvertrauen, hatte der englische Priester Osbernus ihn doch gewarnt: Vertraulichkeit verwandelte sich oft in Klatsch, der alsbald am Hof die Runde machte. Er nahm seine Zuflucht zu Gebeten und mischte das geronnene Blut in einem großen Kupferkessel mit verschiedenen Kräutern, deren heilende Wirkung er kannte. Er fügte zwei Liter Quellwasser hinzu und rührte die Mischung langsam und ohne Unterbrechung drei Tage und drei Nächte über einem schwachen Feuer. In der ganzen Zeit tat er kein Auge zu. Als er fertig war, probierte er die rötliche Flüssigkeit. Seine Wangen begannen zu glühen, als er einen Schluck nahm. Es schmeckte bitter.

Baruchs Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als er das Mittel gegen Verrat präsentieren sollte. Alfonso Henriques und der Rat waren im großen Saal des Palasts versammelt. Die Brüder Costa und Benvindo lehnten an der Wand, sie sahen nachdenklich aus. Auch der Chronist Osbernus war anwesend. Er warf ängstliche Blicke zu Baruch hinüber, denn er wusste um die Launenhaftigkeit, mit der der König sein Reich regierte.

Kardinal Berenguer las zur Einleitung einen Text über Papst Damasus I., den Heiligen, dessen man an diesem Tag gedachte. Es folgte ein kurzes Gebet, dann war der Augenblick gekommen, in dem Baruch den magischen Kräuterextrakt vorführen sollte. Er hatte indessen kaum zu sprechen begonnen, als Alfonso Henriques ihm ungeduldig ins Wort fiel.

»Ich bin überzeugt, dass jedes Mitglied des Rates mit mir übereinstimmt: Dieses bedeutungsvolle Mittel sollte von den Tapfersten unter uns ausprobiert werden. Costa und Benvindo, tretet vor.«

Die Brüder machten lange Gesichter. Costa starrte kleingläubig vor sich hin. Benvindo öffnete den Mund, aber ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte. Sie gingen mit zaudernden Schritten zu Baruch und nippten schweigend von dem Gebräu. Dann knieten sie vor dem König nieder.

Unter den Mitgliedern des Rates wurde Gemurmel laut. Bevor jemand sich äußern konnte, befahl Alfonso Henriques den Herren, ebenfalls zu Baruch zu gehen und von dem Mittel zu trinken. Es wurde totenstill. Alle wussten, dass das einzig Vernünftige war, sich zu fügen.

Mit zitternder Hand gab Baruch jedem Mitglied des Rates einen Löffel von dem Kräuterextrakt. Es war offensichtlich, dass keiner von dem bitteren Geschmack angetan war, denn alle sahen gequält aus. Aber sie schluckten folgsam das rötliche Getränk und knieten vor dem König nieder.

Als alle Untertanen derart gegen Verrat geimpft waren, griff der König nach einem Lederbeutel an seinem Gürtel und warf ihn Baruch zu. »Hier hast du zehn Goldmünzen als Lohn für deine Arbeit. Von heute an bist du mein Leibarzt. Aber bedenke: Alles an meinem Leibarzt – nicht nur seine Medizin, auch der Gesichtsausdruck, die Gebärden, die Kleidung, die Rede, die Blicke, die Art, mich zu berühren –, alles muss mir gefallen.«

Der Triumph war unerwartet. Baruch verschlug es den Atem. Aber er fasste sich und brachte seine Dankbarkeit mit einer Beredtheit zum Ausdruck, die ihn selbst überraschte. »Ich danke Eurer Hoheit für die ehrenvolle Aufgabe, die Ihr mir in Eurem großen Wohlwollen zugedacht habt. Ich werde zu unserem Herrn beten, dass er Eure Gesundheit erhalten und die Ehre Eurer Hoheit mehren möge. Ich werde Euch mein Leben lang dienen, in demütiger Unterwerfung unter Euren wohlmeinenden Rat und in freiwilligem Gehorsam. Möge unser Herr Euch in seine heilige Gnade einschließen.«

HERAUS AUS DEM DUNKEL DER GESCHICHTE

Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts tritt in Lissabon ein junger Jude aus dem Dunkel der Geschichte hervor. Er nennt sich Baruch de Espinosa. Es gibt keine Porträts und keine Lebensbeschreibungen von ihm. Was ich über diesen Mann weiß, von dem ich im sechsunddreißigsten Glied abstamme, habe ich von meinem Großonkel gehört. Er war es, der meinem Zwillingsbruder Sasha und mir erzählte, dass Baruch der Leibarzt des Königs Alfonso Henriques war, was unserem jüdischen Ahnvater viele für die damalige Zeit ungewöhnliche Privilegien verschaffte.

Im Jahr 1158 verbreitete sich ein Gerücht – das weit über die Grenzen Portugals hinausgelangte –, dass Baruch de Espinosa, der Leibarzt des Königs, die übernatürliche Macht besitze, Krankheiten auszutreiben und mit seiner Medizin alte impotente Männer in virile Stiere zu verwandeln. Viele sahen in ihm eine Art Erlöser, vom Himmel als Antwort auf die Gebete und Rufe der Verzweifelten gesandt. An manchen Tagen sammelten sich die Kranken zu hunderten vor dem Palast und flehten um Hilfe. Auch königliche Sendboten aus fernen Ländern rangelten um einen Platz auf der Bank vor seinem Laboratorium, um seine Medizin in ihre Heimat bringen zu können.

Baruchs Kräuterextrakte wurden mit Erfolg gegen Leiden wie Kopfschmerzen, starke Blutungen, Gliederschmerzen aller Art, Nierensteine, Gallensteine und Krämpfe angewendet. Sie wurden auch beim Ziehen von Zähnen reichlich eingesetzt, und eigens für die Hofdamen gab es einen Extrakt zur Linderung von Menstruationsschmerzen.

Meinem Großonkel zufolge gelang es Baruch, mit Hilfe eines Absuds aus einem Teil Baldrian, zwei Teilen Salbei und Blut aus dem linken Flügel einer neugeborenen weißen Taube, den ältesten Sohn des Königs wieder zum Leben zu erwecken. Der Junge war gestorben, nachdem er sich an Wildkastanien vergiftet hatte. Mein Großonkel behauptete auch, Baruch habe ein geheimes Kraut gezüchtet, das den Tod abschreckte, sodass er sich fernhielt.

Unser Ahnvater verfasste ein Dutzend Schriften über Krankheiten und verschiedene Pflanzen, deren Nutzaspekt er eingehend beschrieb. In seinen Schriften wies er vielfach darauf hin, dass die Natur nichts hervorbringe, was ewig sei, nur Gott könne das Unendliche erschaffen.

Viele Jahre seines Lebensabends widmete Baruch dem Studium des Chamäleons. Diese Echse war für ihn so faszinierend und bemerkenswert, dass er ein ganzes Buch über ihr Aussehen, ihre Eigenschaften und innere Beschaffenheit sowie über die magischen Kräfte des kleinen Warmzünglers verfasste. Besonders erstaunlich war für ihn die Tatsache, dass das Chamäleon die Farbe nicht nur wechselt, wenn es sich Gegenständen von verschiedener Farbe nähert, sondern auch dann, wenn es Angst hat oder von anderen Sinnesregungen beeinflusst wird.

PARACELSUS UND AMARAL

Der Arzt und Alchemist Paracelsus hatte während einiger Monate im Herbst 1538, nach einem aufreibenden Rechtsstreit, der ihn zur Flucht aus seiner Heimatstadt Basel zwang, den Lehrstuhl für Medizin an der Universität Lissabon inne. Durch Zufall erfuhr er von Baruch und seinem Wirken. Ein glatzköpfiger Professor mit finsterem Gesicht und schlechten Zähnen, der Religion lehrte und im Dienst der Inquisition stand, warnte ihn jedoch und erklärte, die Schriften des Juden seien mit ketzerischen Lehren gespickt. Das machte Paracelsus nur noch neugieriger. Der Schweizer war ein Rebell, der der Schulweisheit den Rücken kehrte und neues Wissen suchte, vor allem in der Natur und in einer verborgenen Gelehrsamkeitstradition, die in der jüdischen Kabbala und in ägyptischer Weisheit wurzelte.

Wann immer Paracelsus ein paar freie Stunden hatte, stieg er hinunter in das Kellermagazin der königlichen Schlossbibliothek, wo Baruchs Schriften aufbewahrt wurden. Allerdings hatten Ratten in dem schimmeligen Keller große Teile dieser Arbeiten gefressen, und einige Abhandlungen waren so vom Alter mitgenommen, dass der Alchemist sie kaum entziffern konnte. Von ketzerischen Spuren, die sich gegen Gott versündigten oder den König beleidigten, fand er keine Anzeichen. Dagegen entdeckte er einzigartige naturwissenschaftliche Beobachtungen, die Inhalt und alleiniges Ziel dieser Schriften waren. Paracelsus erkannte, dass er Zugang zu einer wahren Schatzkammer erhalten hatte, hinterlassen von einem Bahnbrecher der Naturwissenschaft und Jahrhunderte hindurch von Menschenhand unberührt geblieben.

Im folgenden Jahr diente Paracelsus als Arzt am Hof von Aragonien. Von dort schrieb er einen Brief an das Sanctum Officium in Lissabon, in dem er beteuerte, nicht einmal die strengste Zensur könne in Baruch de Espinosas Schriften Irrlehren oder etwas dem heiligen Glauben Zuwiderlaufendes entdecken. Er fügte hinzu, dass alle, die ein wenig mehr Kenntnis von der Wahrheit hätten, sich fragen sollten, ob dem Urheber dieser Schriften nicht eher Beifall zuteilwerden sollte als Missachtung, eher Bewunderung als Misstrauen.

Einige Wochen später erhielt Paracelsus eine kurze Antwort, unterzeichnet vom Hauptzensor der Inquisition, Tristan Alonso de Navias. Nach eitel Lobesworten und dem Ausdruck höchster Bewunderung für die Arbeiten des Schweizer Alchemisten und Arztes beendete der Zensor seinen Brief mit der Bemerkung, Schweigen sei die beste Reaktion auf sein Ansinnen, denn alle Schriften aus jüdischer Hand seien ein für alle Mal als unvereinbar mit der herrschenden katholischen Weltordnung befunden worden.

Paracelsus’ Handeln zeugte von Mut. Allerdings war mein Großonkel nicht überzeugt davon, dass der Schweizer ausschließlich von edlen Motiven geleitet war, als er sich in Baruchs Arbeiten vertiefte. Fernando meinte, Paracelsus habe sich nicht nur inspirieren lassen, sondern sich frei aus den Texten des Leibarztes bedient, besonders bei der Schrift über das Chamäleon, aus der er in Philosophiae et Medicinae utriusque compendium (Basel 1568) wörtlich an die dreißig Seiten zitiert habe, ohne die Quelle anzugeben.

Es waren Gerüchte im Umlauf, so wusste mein Großonkel zu berichten, Tristan Alonso de Navias Großmutter sei Jüdin gewesen, und um diese schändliche Tatsache zu verdecken, habe der Hauptzensor der Inquisition sich mit Leib und Seele der Ausmerzung aller Spuren der Juden verschrieben. Doch es kann auch daran gelegen haben, dass er überzeugt war, nicht mehr lange zu leben. De Navia glaubte, von einer unheilbaren Krankheit befallen zu sein, und dachte an nichts anderes als den Tod. Dies vertraute er nur seinem alten Beichtvater an, einem bigotten Priester, der vorgab, ihm in seinen Prüfungen beizustehen, in Wirklichkeit aber das Hirn des Hauptzensors mit Geschichten über die Bosheit der Juden vergiftete und ihm einredete, er könne als wahrer Katholik nur ins Paradies gelangen, wenn er zur Ausrottung der Juden beitrüge.

Der Befehl, der de Navias Unterschrift und das Siegel der Inquisition trug, ausgefertigt am 19. April 1540, war klar und leicht verständlich: »Nach Sonnenuntergang sollen alle jüdischen Schriften und Bücher in Lissabon auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Und das Feuer soll die ganze Nacht nicht ausgehen.«

Baruch de Espinosas Schriften standen ganz oben auf Tristan Alonso de Navias Liste. Mit freudiger Genugtuung, in die sich Schrecken mischte, wurde er Zeuge, wie die Arbeiten des jüdischen Leibarztes von den Flammen verzehrt wurden.

Heute wird der Name meines Urahns in wissenschaftlichem Zusammenhang nicht genannt. Dagegen wird er in der umfangreichen Biographie Alfonso Henriques (Lissabon, Bertrand 1999) von Diogo Freitas do Amaral, dem früheren Außenminister Portugals, erwähnt.

Dem Buch zufolge war das Regime des ersten portugiesischen Königs gewalttätig und willkürlich. Amaral beschreibt das gefährliche Milieu um Alfonso Henriques mit lebendiger Anschaulichkeit: moralisches Chaos, Willkür, Intrigen und Mordlust. Er schildert vor allem die Charakterlosigkeit des Königs und die Gewalt am Hofe. Ratgeber, die für eine maßvolle Machtausübung eintraten, und alle, die sich in die Politik einmischten, wurden hingerichtet, Verwandte wurden bedenkenlos aus dem Weg geräumt. Die Beseitigung von Menschen, die dem König nicht behagten, erfolgte zumeist mit Hilfe schnell wirkender Gifte aus Baruchs Laboratorium.

Auch wenn alle am Hof Anlass hatten, Baruchs natürliche Freundlichkeit und seine wunderwirkende Medizin zu schätzen, schreibt Amaral, so wurde er doch von vielen gefürchtet.

»Der Jude führt Böses im Schilde«, wurde hinter seinem Rücken geflüstert. Viele meinten, Baruch sei zu jeder noch so ruchlosen Tat bereit, um dem König zu gefallen und dadurch seine eigenen Interessen und die der Juden zu fördern. Wieder andere gingen noch weiter und behaupteten, sein medizinisches Wissen sei unbedeutend, er sei nichts als ein jüdischer Giftmischer.

EIN GUTER JUDE

Während der Osterfeiertage im Jahre 1160 wurde Baruch vom König aufgefordert, ihn zur Kirche zu begleiten und die Predigt Kardinal Berenguers zu hören. Der Kardinal sprach voller Pathos und scheute keine Derbheiten, als er die Abfälligen verurteilte, die Jesus Christus den Rücken gekehrt und sich in die Sandgrube des Müßiggangs, der Verantwortungslosigkeit und der Unmoral begeben hatten.

Die salbungsvolle Predigt über das vergeudete Leben weckte Baruchs Interesse, und er lauschte aufmerksam. Als Berenguer die lateinischen Worte »Ibi dissipavit substantiam suam, vivendo luxuriose« herausschleuderte, fühlte Baruch sich getroffen. Der Text stammte aus dem fünfzehnten Kapitel des Lukas-Evangeliums und handelte vom verlorenen Sohn, der in ferne Länder fuhr und »daselbst sein Gut umbrachte mit Prassen«. Baruch befiel das schlechte Gewissen darüber, jahrelang seinen Vater vergessen und sein Judentum vernachlässigt zu haben.

Er ging an diesem Abend früh zu Bett, erwachte aber kurz nach Mitternacht und sah eine Lichtgestalt an seinem Lager stehen. Es war der Vater, der gekommen war, um Abschied von ihm zu nehmen, denn seine Erdenzeit war abgelaufen. Er strich Baruch übers Haar und bat ihn, ein guter Jude zu bleiben, den Sabbat zu halten und Gebetsriemen zu tragen. Dann verschwand Rabbi Judah Halevy ebenso lautlos, wie er gekommen war.

Baruch lag schlaflos im Bett, während die laue Luft der Frühjahrsnacht durch die offenen Fenster hereinströmte. Die Gedanken schwirrten in seinem Kopf, und nichts vermochte ihn vor den mahlenden Mühlen der Qual und der schmerzhaften Hiebe des Gewissens zu retten.

Plötzlich fielen ihm die Worte Moses wieder ein: »Du sollst die Zehn Gebote befolgen, die auf meinen Steintafeln eingeritzt sind, du sollst nach ihnen leben und eine jüdische Gemeinde gründen, aus der viele große Männer und Frauen hervorgehen und alle Enden der Erde erobern werden. Eines Tages wirst du das große Geheimnis finden, nach dem die Menschen seit Anbeginn der Zeiten gesucht haben. Dieses Geheimnis wird von deinen Kindern und Kindeskindern tausend Jahre lang gehütet werden. Solange deine Nachkommen ihre Verpflichtung einhalten, werden sie erhobenen Hauptes unter den Menschen auf der Erde wandeln, und der Herr wird über sie wachen. Wenn aber jemand den Willen des Herrn verrät, wird dein Geschlecht ausgelöscht werden von der Erde.«

Baruch beschloss, am nächsten Morgen den König um Erlaubnis zu bitten, im Schloss den Talmud zu studieren und den Sabbat zu feiern. Danach schlief er friedlich ein.

Alfonso Henriques bewilligte seinem Leibarzt das Privileg, die erste jüdische Gemeinde in Lissabon zu gründen, und sie sollte unter dem besonderen Schutz des Königs stehen. Um am Sabbat Gottesdienst halten zu können, war die Anwesenheit von mindestens zehn erwachsenen jüdischen Männern erforderlich. Baruch erhielt die Erlaubnis, einen Rabbiner einzusetzen und fünf jüdische Familien aus León, die ein bescheidenes Gewerbe betrieben oder als Hausierer von Dorf zu Dorf zogen, einzuladen, sich in der Stadt niederzulassen: Castro, Halevi, Abravanel, Sarfati und Peralta.

Binnen kurzer Zeit entstand ein kompliziertes Netz von Verwandtschaftsbeziehungen und Besitztümern zwischen diesen Familien, die im Laufe der nächsten vierhundert Jahre vielfach untereinander heirateten.

VERHEIRATET UND UNGLÜCKLICH

Rabbi Mordechai Montefiori war daran gelegen, dass Lissabons jüdische Gemeinde wuchs. Beharrlich versuchte er, Baruch zu einer Heirat zu überreden. Der Rabbi betonte, dass man nur als Mitglied einer Familie ein vollwertiges jüdisches Leben führen könne, und versicherte Baruch, er habe bereits eine perfekte Frau für ihn gefunden.

Montefiori hatte kluge Augen. Seine Gestalt und seine Gesten waren von respekteinflößender Würde. Er sprach deutlich und bestimmt und betonte jede Silbe mit Sorgfalt. Als der Rabbi diese perfekte Frau beschrieb, die voller Unschuld und von stillem Wesen war, klang er sicher und nahm kaum Notiz davon, dass Baruch kein Interesse zeigte. Nicht einmal in seinen wildesten Träumen hätte er sich vorstellen können, dass der Leibarzt des Königs, Lissabons attraktivster jüdischer Junggeselle, in der Tiefe seines Herzens ein Geheimnis barg, nämlich eine Vorliebe für Männer.

Kurz darauf wurde Baruch im Haus des Rabbiners einer jungen Frau mit Namen Marianne Castro vorgestellt. Sie schielte, und bevor Baruch es sich versah, ließ diese Eigenart seine Erinnerung aufflammen, und Raimundo trat wie eine rätselhafte Erscheinung vor sein inneres Auge. Er dachte nur an seinen Freund, während er Marianne betrachtete. Sie hatte ein schönes Gesicht und den Körper eines Jünglings, breite Schultern, flache Brüste und große Füße. Sie saßen schweigend eine halbe Stunde beieinander und wussten sich nichts zu sagen. Der Rabbi hielt es für ein gutes Zeichen, denn zwei Menschen, die über tausend gleichgültige Dinge reden, sind eigentlich nicht füreinander bestimmt.

Baruch glaubte, er sei der einzige in Lissabon, der sich zu seinem eigenen Geschlecht hingezogen fühlte. Ferner fürchtete er, dass diese Neigung gegen Moses Gesetze verstieß und folglich bekämpft werden müsse. Also beschloss er nach kurzer Bedenkzeit, Marianne zu heiraten. Der Rabbi zeigte ein breites und herzerwärmendes Lächeln – er lächelte sonst nie – und offenbarte Baruch, dass Marianne die Tochter seiner Schwester sei.

Drei Tage später wurde die Hochzeit gefeiert. Der Rabbi hielt eine kleine Predigt. Er erklärte, durch eine Fügung des Himmels sei es den Juden vergönnt, in Lissabon eine Gemeinde zu gründen, und es sei die Pflicht der Jungverheirateten, sich die Vermehrung ihres Geschlechts angelegen sein zu lassen.

Nach der Trauung ging das Paar sofort zu Bett. Es sah fast so aus, als täten sie es, um dem Rabbi zu Willen zu sein. Baruch hatte noch nie eine nackte Frau gesehen und war nervös. Marianne bebte vor Erregung. Sie führte seine Finger an die empfindlichsten Stellen ihres Körpers, die Brustwarzen, und bekam eine Gänsehaut, als er sie berührte. Der Duft ihres Haars, ihr Atem, ihre warme Haut ließen den Dämon der Hemmung aus Baruchs Körper weichen, und er suchte hungrig nach Befriedigung. Erst im Morgengrauen schliefen sie ein.

Baruch fühlte sich glücklich. Im ersten Monat liebten sie sich wie Besessene. Aber Marianne wurde schwanger, und je runder ihr Bauch wurde, desto mehr verlor Baruch das Interesse an ihr. Als sie nach einer Pause von Wochen um seinen Besuch im Bett bat, entdeckte er zu seinem Erschrecken, dass ihr inzwischen angeschwollener und weicher Körper ihn ekelte.

Baruchs Gedanken kreisten um seinen Freund Raimundo, und er wurde immer verwirrter durch die starken Gefühle und die heiß aufwallenden Erinnerungsbilder von der Kellerpritsche in der Schmiede. Nach und nach erreichte ihn eine Botschaft aus dem Dunkel seines Unbewussten und er gelangte zu der Einsicht, dass hier Kräfte am Werk waren, gegen die er nichts vermochte, so sehr er es auch versuchte. Er sah ein, dass eheliches Glück für ihn nicht existierte und die Heirat ein verhängnisvoller Fehler gewesen war. Tag für Tag machte er sich Vorwürfe, auf den Rabbi gehört zu haben. Aus schierem Selbsterhaltungstrieb teilte er seine Gedanken mit niemandem, denn er wusste, dass man ihn nicht verstehen würde und dass eine Scheidung undenkbar war. Auch war ihm daran gelegen, seine Ehe nach außen hin glücklich erscheinen zu lassen, insbesondere vor dem König, der den Juden gegenüber so großzügig gewesen war und seine schützende Hand über sie hielt.

Marianne fühlte sich mehr und mehr verschmäht. Zunächst glaubte sie, Baruch leide an einer Krankheit, von der sie nichts wusste, aber aus Feingefühl unterließ sie es, ihn zu bedrängen. Voller Begehren näherte sie sich ihrem Mann, päppelte ihn mit Erdnüssen und gekochten Schafshoden – einer Spezialität, die ihrer Mutter zufolge ein wirkungsvolles Potenzmittel war. Aber nichts schien seine Begierde wecken zu können.

Eines Tages, als Baruchs Kälte immer unerträglicher wurde, forderte sie ihn ohne Umschweife auf, einen Trank herzustellen, der auf gewisse Teile des menschlichen Körpers eine wohltuende Wirkung hätte. Da sie nicht mehr in der Lage war, seiner Männlichkeit Leben einzuhauchen, dachte sie dabei vor allem an jenes Organ, das sie kichernd die einäugige Schlange nannte. Aber Baruch antwortete, er lehne es ab, einen solchen Trank zuzubereiten.

Der Schmerz darüber, nicht mehr begehrt zu werden, und eine immer stärker werdende Sehnsucht nach körperlicher Berührung raubten Marianne den Schlaf und nahmen ihr den Appetit. Die Wochen vergingen, und sie wurde immer verzweifelter. Schließlich konnte sie mit ihrem Liebeskummer nicht mehr an sich halten. Sie ging zu ihrer Mutter, obwohl sie wusste, dass diese ein Klatschweib war und ihre Zunge schärfer als ein Reibeisen. Eindringlich bat sie die Mutter, niemandem ein Wort von dem zu erzählen, was sie ihr anvertrauen wolle. Die Mutter schwor hoch und heilig, zu schweigen, was in ihrem Fall fast einer Garantie gleichkam, dass sich der Tratsch wie ein Lauffeuer verbreiten würde. Marianne eröffnete ihrer Mutter unter Tränen, dass sie in den letzten Monaten keinerlei eheliche Freuden habe genießen können. Der einzige Rat, den die Mutter ihr gab, war der, ihren Mann zum Hahnrei zu machen. Aber auf dem Ohr war Marianne taub.

Bereits am selben Nachmittag machte in den jüdischen Kreisen Lissabons ein Gerücht die Runde. Es ging unter den Frauen von Mund zu Mund und wurde unermüdlich mit neuen Details ausgeschmückt. Dem boshaften Klatsch zufolge hatte der Leibarzt des Königs mit seinen Kräuterexperimenten den Zorn des Teufels geweckt. Der Leibhaftige ließ in Baruchs Körper eine eisige Kälte fahren, die ihn unheilbar impotent machte und sein Glied austrocknen und einschrumpfen ließ. Gleichzeitig habe, so das Gerücht, der Fürst der Finsternis in Mariannes Schoß ein unauslöschliches Feuer entfacht, sodass sie vor Begierde brannte und jeden Tag fünf Männer zwischen ihren Schenkeln brauchte, um des Nachts Ruhe zu finden.

Bald kannten alle Juden der Stadt die Geschichte des Paares de Espinosa. Manche machten sich lustig darüber, dass Baruch jeden Tag von seiner Frau betrogen wurde. Anderen tat er leid. Ein paar Frauen waren auch eifersüchtig auf Marianne. Niemand zweifelte indessen am Wahrheitsgehalt des Gerüchts, denn es entsprang ja einer sicheren Quelle.

Das bösartige Gerede drang auch an Baruchs Ohr. Er wurde aschfahl und fühlte sich unendlich gekränkt. Das also war der Dank dafür, dass er in Lissabon eine jüdische Gemeinde errichtet hatte. Er spie auf den Boden und bereute einen Augenblick lang, beim König die Erlaubnis erwirkt zu haben.

Bald aber richtete sich sein Zorn gegen Marianne. Er hatte sie im Verdacht, sich bei ihrem Onkel Montefiori beklagt zu haben, diesem heuchlerischen Rabbi, der seiner Gemeinde Moralpredigten auftischte, selbst aber ein verkappter Hurenbock war. Baruch glaubte, der Rabbi habe den Gerüchten Nahrung gegeben. Zugleich tat ihm Marianne ein wenig leid, denn er stellte sich auch vor, dass hiernach kein jüdischer Mann in Lissabon sie ohne Hintergedanken würde ansehen können.

Eine Weile überlegte er, ob er den Juden in der Stadt zeigen sollte, wo die Grenze war, sah jedoch schnell ein, dass es schon zu spät war und ein böser Ausfall die Lage nur verschlimmern würde. Am Ende sah er keinen anderen Weg, als um seiner eigenen Ruhe und Position und der Sicherheit und Zukunft seiner Familie willen seinen Stolz hinunterzuschlucken und so zu tun, als wäre nichts gewesen. Bei alledem wurde ihr erstes Kind in Mariannes Bauch immer größer und stärker und wartete darauf, im königlichen Schloss von Lissabon zur Welt zu kommen.

Baruch sah es als schicksalsgegeben an, dass er die Leidenschaft für Marianne verloren hatte, die ihrerseits umso fruchtbarer war. Sie brachte sechs Kinder zur Welt, die in Nächten gezeugt wurden, in denen es Baruch gelang, das Bild Raimundos zu verdrängen und seine Selbstverachtung zu überwinden, um ebenso widerwillig wie hastig seine eheliche Pflicht zu erfüllen.

Zuerst bekam das Paar drei Jungen, die gesund und kräftig waren; sie wurden von Marianne mit liebevoller Fürsorge aufgezogen. Danach brachte sie Drillinge zur Welt. Drei Mädchen, die binnen weniger Tage starben.

Nach der schweren Schwangerschaft mit den Mädchen und der anstrengenden Geburt, als Mariannes Brüste prall waren von Milch, erlitt sie eine Art Vergiftung, die ihre Nerven stark angriff. Nach und nach verlor sie den Sinn für die Wirklichkeit. Baruch vermutete, dass es sich bei dem, was sich in ihrem Kopf abspielte, um eine angeborene Geisteskrankheit handelte. Mit jeder Woche, die verging, verirrte sie sich tiefer im Labyrinth ihrer Verwirrung. Am Ende erinnerte sie sich an nichts mehr. Die Zärtlichkeit, die sie ihren Söhnen gegenüber empfunden hatte, übertrug sie auf Vögel und verbrachte Tage damit, Hühner zu hypnotisieren. Sobald sie Baruch erblickte – sie bildete sich ein, er sei ein zerlumpter Bettler, der heimtückische Fallen stellte, um all die goldenen Eier ihrer Hühner zu stehlen –, fauchte sie wie eine Katze, begann Streit und schleuderte Verwünschungen in alle Himmelsrichtungen.

Baruch schämte sich für Mariannes verwirrtes Verhalten. Aber statt nach einem Heilmittel zu suchen, wurde er noch kälter und legte einen totalen Mangel an Mitgefühl mit seiner Frau an den Tag.

Als die Hofdamen sich beim König beschwerten, sie könnten Mariannes lautes Schreien und ihre vulgären Ausfälle nicht mehr ertragen, entschuldigte Baruch sich peinlich berührt und versprach, sich des Problems anzunehmen.

Er bat zwei Soldaten der Leibgarde des Königs, ihm zu folgen und Marianne am Bett festzubinden, danach verschloss er die Tür des Schlafgemachs. Er bestellte eine ältere jüdische Frau, die zweimal am Tag kam, Marianne wusch, ihr Essen gab und mit ihr redete. Sie sprachen über Hühner, denn die verwirrte Frau des Leibarztes fand an keinem anderen Thema Gefallen.

In ihren einsamen Stunden wurde Marianne von einem Albtraum heimgesucht, in dem sie aus dem Bett stieg, die Tür öffnete, das Zimmer verließ, ins Hühnerhaus ging und entdeckte, dass ihre Lieblinge nicht mit ihr reden wollten.

Eines Morgens, zwei Monate nachdem Baruch sie ans Bett hatte binden lassen, entdeckte die Betreuerin, dass Marianne verschwunden war. Sie erschrak und lenkte ahnungsvoll ihre Schritte zum Hühnerhaus. Dort lag ein Dutzend Hühner mit abgeschnittenen Köpfen auf dem Boden. Es dauerte einige Augenblicke, bis die Frau Marianne entdeckte, die mit einem dicken Seil um den Hals an der Decke hing. Drei Soldaten waren nötig, um ihren erstarrten Körper herunterzuholen.

Als Baruch die Nachricht vom Tod seiner Frau erhielt, fühlte er sich in gewisser Weise erleichtert. Er machte sich nicht einmal die Mühe, Trauer über ihren Tod zu heucheln. Statt sich seiner Kinder anzunehmen, schloss er sich im Laboratorium ein, und es war streng verboten, ihn zu stören. Dort schlief er und nahm seine Mahlzeiten ein. Manchmal vergingen mehrere Tage, ohne dass er das Laboratorium verließ. Im Beisein der Kinder ließ er verlauten, das Leben des Königs und die Suche nach dem großen Geheimnis seien das einzige, was ihm etwas bedeute.

DER ABSCHIED DES KÖNIGS

Im Herbst seines Lebens verließen Alfonso Henriques die Kräfte. Er litt an einer mysteriösen Krankheit, die ihn von innen her auffraß, vor allem seine Rückenwirbel. Seine Haut wurde trocken und dünn wie Pergament. Er verlor den Appetit und schwitzte stark, auch wenn er still lag. Er konnte nicht mehr ausreiten, was ihn sehr schmerzte. Immer häufiger musste er die Tage liegend verbringen. In seiner Verbitterung über sein beeinträchtigtes Leben spie er Drohungen gegen eingebildete und wirkliche Feinde aus und verhängte grausame Strafen.

Jeden Morgen und Abend gab Baruch ihm einen geheimen Absud aus dem Kopf einer Schildkröte, dem Urin einer Eidechse, der Leber eines Meerschweinchens und Kamillenblättern. Doch nichts schien zu helfen.

Eines Morgens war Alfonso Henriques in besonders schlechter Stimmung. »Glaubst du«, sagte er und sah Baruch vorwurfsvoll an, »ich habe vor, mich mit so übel schmeckenden Mixturen vergiften zu lassen? Ich vermute, dass du es bist, mein eigener Leibarzt, der mich krank macht. Wie kann ich wissen, dass du dich nicht mit meinem Sohn und den Feinden verschworen hast, die um mich herumschleichen und nur darauf hoffen, meine Leiche in den Sarg legen zu können?«

»Königliche Hoheit«, erwiderte Baruch und verneigte sich tief, »Ihr kennt meine Loyalität und meine Treue. Solche Dinge liegen mir fern.«

»Du, Baruch de Espinosa!« Der König setzte sich im Bett auf. »Entweder bist du ein Dummkopf oder ein Schurke – oder beides zugleich. Du bist das Vertrauen nicht wert, das ich dir jahrzehntelang erwiesen habe. Ich weiß nicht, warum ich dich zu meinem Leibarzt ernannt habe. Du verkommener Jude, du bist nichts als ein Giftmischer, der meinen Tod wünscht. Aber den Gefallen werde ich dir nicht tun, das merke wohl!«

»Euer Exzellenz«, versuchte Baruch, »ich gebe nie die Hoffnung und den Glauben auf, dass Eure Gesundheit sich mit Hilfe meiner Medizin bessert, vor allem aber mit Hilfe Gottes, der Wunder tut und das Unmögliche bewirkt. Exzellenz haben noch ein langes Leben vor sich. Denn es gibt niemanden, der Eure Königliche Hoheit ersetzen kann.«

»Ich gebe keinen Deut auf Glauben und Hoffnung eines Giftmischers«, schrie der König und verbot Baruch, sich ihm je wieder zu nähern.

Am Ende ging alles sehr schnell. Die Zeit reichte nicht einmal, den Kardinal zu holen, um Alfonso Henriques die Beichte abzunehmen, ihm Absolution zu erteilen und ihn auf die letzte Reise vorzubereiten. Es gab ein unbeschreibliches Durcheinander am Hof, als die Leute erfuhren, dass der König gestorben war. Das Schloss widerhallte von Jammern, Schluchzen und Klagerufen.

TOD EINES GIFTMISCHERS

Baruch trauerte lange um seinen König. Für ihn war es, als hätte er einen Vater verloren.

Bis zu seinem eigenen Tod durfte er auch dem neuen König Sancho als Leibarzt dienen. Baruch bildete sich ein, sein Wissen mache ihn unentbehrlich. In Wahrheit handelte es sich eher darum, dass der Monarch sentimental war: Als er ein Kind war, hatte Baruch ihm einmal das Leben gerettet, nachdem er sich an Wildkastanien überessen hatte.

Es gibt verschiedene Darstellungen von Baruchs Tod.

Der Königsbiographie Amarals zufolge starb er an einer eigentümlichen, genetisch bedingten Magenkrankheit, die auch seine drei Söhne geerbt hatten.

Mein Großonkel vertrat eine andere Meinung. Er sagte: »Alles geht eine Zeitlang, aber am Ende geht es schief.« Ihm zufolge hatte der Winter des Lebens Baruch fett und schwerfällig werden lassen. Er suchte ständig nach einem Zugang zur Vergangenheit und strebte danach, gegen innere Widerstände, zunehmende Mattigkeit und Hoffnungslosigkeit ankämpfend, sich mit dem zu versöhnen, was er selbst als Todsünden ansah: seine abweichende Sexualität und die Lieblosigkeit gegenüber seinen Nächsten. Kurzsichtig und leicht verwirrt von Altersdemenz, verwechselte Baruch eines Tages zwei Flaschen. Die eine enthielt seine Magenmedizin, die andere eine von König Sancho bestellte Giftmischung, die dem aufsässigen Prinzen Braga zugedacht war. Der Leibarzt starb unter unsäglichen Qualen.

Ich selbst neige dazu, der Version meines Großonkels zu glauben. Denn alle Spinozas, die mit großer Nase geboren werden, sterben eines tragischen Todes.

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