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Das Böse in uns, Ausgelöscht

Über dieses Buch

In »Das Böse in uns« jagt FBI-Agentin Smoky Barrett einen Serienkiller, der Filme von seinen Taten online stellt. Anscheinend will der Mörder Rache nehmen, denn jedes Opfer hatte eine Sünde begangen. Smoky steht als Nächste auf seiner Liste.

Auch in »Ausgelöscht« hat Smoky es mit dem abgrundtief Bösen zu tun: Sie muss mit ansehen, wie eine blutverschmierte Frau aus einem fahrenden Auto gestoßen wird. Sie ist nur noch eine leblose Hülle: Jemand hat die zentralen Nervenbahnen ihres Gehirns durchschnitten. Und sie wird nicht die Letzte sein …

Über den Autor

Cody Mcfadyen, geboren 1968, unternahm als junger Mann mehrere Weltreisen und arbeitete danach in den unterschiedlichsten Branchen. Er ist verheiratet, Vater einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Kalifornien. DIE BLUTLINIE war sein erster Roman und sorgte weltweit für großes Aufsehen. Mit DER TODESKÜNSTLER, DAS BÖSE IN UNS und AUSGELÖSCHT hat er die außergewöhnliche Thriller-Reihe um Smoky Barrett fortgesetzt.

Cody Mcfadyen

Das Böse in uns

Ausgelöscht

Zwei Smoky-Barrett-Romane in einem E-Book

Aus dem Englischen
von Axel Merz (»Das Böse in uns«),
Angela Koonen und Dietmar Schmidt (»Ausgelöscht«)

BASTEI ENTERTAINMENT

Das Böse in uns

Thriller

Für Hyeri – für ihre Sanftmut

Danksagung

Mein Dank geht wie stets an Liza und Havis Dawson für die kompetente und begeisterte Repräsentation. Liza danke ich für das geduldige Zuhören, wenn ich wieder mal das Bedürfnis hatte, zu jammern oder zu schimpfen. Dank an Chandler Crawford, dass sie meine Werke übers Meer in andere Länder getragen und dort großes Interesse daran geweckt hat. Herzlichen Dank auch an Danielle Perez und Nick Sayers für ihre redaktionelle Arbeit. Und Dank an die vielen Leser, die mir geschrieben oder E-Mails geschickt haben. Ihr seid der Treibstoff für den Motor, Leute. Ich schreibe so lange weiter, wie ihr meine Bücher lest.

Teil 1: Die Ruhe vor dem Sturm

KAPITEL 1

Sterben ist eine einsame Sache.

Das Leben aber auch.

Wir alle verbringen unser Leben im tiefsten Innern einsam und allein. Ganz gleich, wie viel wir mit den Menschen teilen, die wir lieben, irgendetwas halten wir stets zurück. Manchmal ist es eine Kleinigkeit – zum Beispiel, wenn eine Frau sich an eine heimliche, längst vergangene Liebe erinnert. Sie erzählt ihrem Gatten, sie habe keinen Mann inniger geliebt als ihn, in ihrem ganzen Leben nicht, und das stimmt auch. Allerdings hat sie einen anderen Mann genauso sehr geliebt.

Manchmal ist das Geheimnis in unserem Innern etwas Riesiges und Düsteres – ein Ungeheuer, das direkt hinter uns lauert und dessen heißen Atem wir zwischen den Schulterblättern spüren. Ein Beispiel: Ein Student erlebt auf dem College, wie eine Frau von mehreren Kerlen nacheinander vergewaltigt wird, doch unser Student sagt kein Wort, zu keinem Menschen. Jahre später wird er Vater einer Tochter. Je mehr er sie liebt, desto größer werden seine Schuldgefühle. Trotzdem wird er seine inneren Qualen niemandem anvertrauen. Er wird eher Folter und Tod erleiden als die Wahrheit sagen.

In tiefster Nacht – in den Stunden, wenn jeder von uns alleine ist – kommen diese alten Geheimnisse und klopfen bei uns an. Einige klopfen lautstark, andere leise, kaum vernehmlich. Doch ob laut oder leise, sie kommen. Keine verschlossene Tür kann sie aufhalten. Sie haben den Schlüssel zu unserem Innersten. Wir reden mit ihnen, flehen sie an, wir verfluchen sie, schreien sie an. Wir wünschen uns, mit jemandem über diese Geheimnisse reden zu können, sie jemandem anvertrauen zu können, nur einem einzigen anderen Menschen, um ein klein wenig Erleichterung zu finden.

Wir wälzen uns im Bett hin und her oder gehen im Zimmer auf und ab oder nehmen Drogen oder heulen den Mond an, bis endlich der Morgen dämmert. Mit dem neuen Tag verstummt das Jaulen und Kreischen unserer dunklen Geheimnisse; sie kapseln sich wieder ein in unserem Innern, und wir tun unser Bestes, mit ihnen weiterzuleben. Der Erfolg bei diesem Unterfangen hängt von der Art und Größe des Geheimnisses ab und dem, der es in sich trägt. Nicht jeder ist dazu geschaffen, mit Schuld zu leben.

Jung oder Alt, Mann oder Frau, jeder hat Geheimnisse. Das habe ich gelernt. Das habe ich erfahren. Ich weiß es von mir selbst.

Jeder.

Ich blicke auf das tote Mädchen auf dem metallenen Untersuchungstisch und frage mich: Welche Geheimnisse hast du mitgenommen, von denen nie jemand erfahren wird?

Sie ist viel zu jung, um tot zu sein. Anfang zwanzig. Wunderschön. Langes, dunkles, glattes Haar. Ihre Haut hat die Farbe von hellem Kaffee; sogar im harten Licht der Leuchtstoffröhren sieht ihre Haut glatt und makellos aus. Hübsche, zarte Gesichtszüge. Eine Angloamerikanerin mit leichtem Latino-Einschlag. Ihre Lippen sind blass im Tod, doch sie sind voll, ohne dick zu sein. Ich stelle mir vor, wie diese Lippen bei einem Lächeln ausgesehen haben, das in ein Lachen übergeht – ein weiches, melodisches Lachen. Sie ist klein und schlank; das sehe ich durch das Laken hindurch, das sie vom Hals abwärts bedeckt.

Ich habe viele Ermordete gesehen, doch jedes Mal erschüttert es mich aufs Neue. Ob Täter oder Opfer, gut oder böse, jeder war ein Mensch mit Hoffnungen, Träumen und Lieben. Doch wir leben in einer Welt, in der die Karten gegen das Leben spielen. Die Welt gibt uns reichlich Gelegenheit zu sterben: Krebs, ein Unfall auf der Autobahn, ein Herzanfall mit einem Glas Wein in der Hand und einem erstickten Lächeln im Gesicht. Mörder betrügen dieses System. Sie helfen den Dingen auf die Sprünge, beschleunigen sie, nehmen ihren Opfern etwas, das auch so schwer genug zu behalten und deshalb umso kostbarer ist. Und das macht mich rasend. Ich habe es gehasst, als ich es zum ersten Mal gesehen habe, und ich hasse es heute noch mehr.

Ich habe seit langem mit dem Tod zu tun. Ich arbeite beim FBI in Los Angeles und leite seit zwölf Jahren ein Team, dessen Aufgabe darin besteht, den schlimmsten Abschaum zu jagen. Serienkiller. Kinderschänder und -mörder. Männer, denen es Lust bereitet, Frauen zu Tode zu foltern, und die dann Sex mit den Leichen ihrer Opfer haben. Ich jage lebende Albträume, und es ist jedes Mal schrecklich. Doch es ist überall, und es ist unausweichlich.

Aus diesem Grund muss ich jetzt meine Frage stellen:

»Was machen wir hier, Sir?«

Assistant Director Jones ist mein langjähriger Mentor, mein Boss und der Verantwortliche für sämtliche Aktivitäten des FBI im Großraum Los Angeles. Nur haben wir jetzt ein Problem: Wir sind nicht in Los Angeles. Wir sind in Virginia, nicht weit von Washington D. C.

Das ist der Grund für meine gefühllose Frage, was wir hier eigentlich verloren hätten.

Diese arme Frau mag tot sein, und die Unumstößlichkeit ihres Todes geht mir nahe, doch ich bin nicht für sie zuständig. Sie ist keine von meinen Toten.

AD Jones mustert mich mit einem Seitenblick, teils nachdenklich, teils verärgert. Jones sieht genau wie der Mann aus, der er ist: ein erfahrener Cop, ein narbiger Veteran. Er sorgt für die Einhaltung der Gesetze, und er führt Menschen. Jones hat ein kantiges, ausdrucksstarkes Gesicht, müde, aber harte Augen und einen militärischen Haarschnitt ohne Rücksicht auf Mode oder irgendwelche Kinkerlitzchen. Jones ist auf seine Weise ein attraktiver Mann, dreimal geschieden; die Frauen stehen auf ihn. Doch hier steckt mehr dahinter. Ein Schatten in einer Stahlkassette.

»Eine Bitte von ganz oben, Smoky«, sagt Jones. »Von Director Rathbun persönlich.«

»Tatsächlich?«

Ich bin ehrlich überrascht. Warum hier? Warum ich? Und warum geht AD Jones auf diese unübliche Bitte ein? Er war nie ein bürokratischer Sesselfurzer, sondern hat Befehle unnachgiebig hinterfragt, wenn er das Gefühl hatte, fragen zu müssen. AD Jones mag zwar »Bitte von ganz oben« gesagt haben, doch wir wären trotzdem nicht hier, hätte er nicht den Eindruck, dass es einen guten Grund dafür gibt.

»Ja«, antwortet er. »Rathbun hat einen Namen fallen lassen, den ich nicht übergehen konnte.«

Die Tür zur Leichenhalle schwingt auf, ehe ich die naheliegende Frage stellen kann.

»Wenn man vom Teufel spricht«, murmelt AD Jones.

FBI Director Samuel Rathbun betritt den Raum allein – schon wieder etwas Ungewöhnliches. Leute seines Ranges reisen normalerweise mit Gefolge; das war schon vor dem elften September so. Nun kommt Rathbun zu uns und streckt zuerst mir die Hand entgegen. Ich ergreife sie, schüttle sie und schaue ihm verwirrt ins Gesicht.

Sieht so aus, als wäre ich hier die Ballkönigin, geht es mir durch den Kopf. Aber warum?

»Agentin Barrett«, sagt Rathbun in jenem Bariton, der sein Markenzeichen und politisch sehr vorteilhaft ist. »Danke, dass Sie so kurzfristig gekommen sind.«

Sam Rathbun, normalerweise »Sir« genannt, ist für einen FBI-Chef eine durchaus erträgliche Mischung äußerer und innerer Qualitäten. Er hat das erforderliche gute Aussehen und den politischen Durchblick, doch er verfügt auch über polizeiliche Fronterfahrung. Er hat als Cop angefangen, nebenbei ein Abendstudium in Jura absolviert und ist irgendwann beim FBI gelandet. Ich würde nicht so weit gehen, ihn »aufrichtig« zu nennen – sein hoher Rang verhindert diesen Luxus –, doch er lügt nur, wenn es unbedingt sein muss. Dem Vernehmen nach ist er ziemlich rücksichtslos, was mich nicht überraschen würde, und er soll ein Gesundheitsfanatiker sein. Er raucht nicht, trinkt nicht, verzichtet auf Kaffee und Cola und joggt jeden Morgen fünf Kilometer.

Tja, jeder hat so seine Fehler.

Ich muss den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu sehen. Ich bin nur knapp einsfünfzig; deswegen bin ich daran gewöhnt.

»Überhaupt kein Problem, Sir«, lüge ich, dass sich die Balken biegen.

Denn genau genommen war es ein Problem. Ein verdammt großes Problem sogar. Doch AD Jones ist derjenige, der die Nebenwirkungen zu spüren bekommt, wenn ich mich störrisch zeige.

Rathbun nickt AD Jones zu. »Guten Tag, David«, sagt er.

»Guten Tag, Sir.«

Ich vergleiche die beiden Männer mit einigem Interesse. Sie sind ungefähr gleich groß. AD Jones hat braunes Haar, kurz geschnitten auf eine Weise, die sagt: »Ich hab keine Zeit, mich mit Äußerlichkeiten aufzuhalten.« Rathbuns Haar ist schwarz, durchsetzt mit grauen Strähnen und sorgfältig frisiert. Ein sehr attraktiver Mann in den besten Jahren, ein Macher durch und durch. AD Jones ist vielleicht zehn Jahre älter als Rathbun und hat mehr Falten um die Augen, während Rathbun aussieht wie jemand, der morgens joggt und seinen Sport liebt. Jones hingegen sieht aus wie jemand, der morgens joggen könnte und es vorzieht, stattdessen eine Zigarette zu rauchen und eine Tasse Kaffee dazu zu trinken – und zum Teufel mit jedem, dem das nicht passt. Rathbuns Anzug sitzt besser, und er trägt eine Rolex am Handgelenk. Jones trägt eine Uhr, für die er wahrscheinlich nicht mehr als dreißig Dollar bezahlt hat – vor zehn Jahren. Die Unterschiede sind also deutlich. Doch was mich trotz allem viel mehr interessiert, sind die Ähnlichkeiten der beiden.

Jeder hat den gleichen müden Blick – einen Blick, den man bekommt, wenn man heimlich eine schwere Last zu tragen hat. Beide haben die Gesichter von Pokerspielern, die nie alles auf den Tisch legen.

Zwei Männer, mit denen das Leben für eine Frau nicht einfach wäre, überlege ich. Nicht, weil sie schlechte Kerle wären, sondern weil sie davon ausgehen, dass man um ihre Liebe weiß, und das muss reichen. Liebe ja, Blumen nein.

Director Rathbun wendet sich wieder zu mir. »Ich komme gleich zur Sache, Agentin Barrett«, sagt er. »Sie sind hier, weil ich gebeten wurde, Sie bei dieser Sache hinzuzuziehen. Von jemandem, dem ich diese Bitte nicht abschlagen kann.«

Ich werfe einen raschen Blick zu AD Jones. Ich muss an seine Worte denken, Director Rathbun habe »einen Namen fallen lassen«.

»Dürfte ich fragen von wem, Sir?«

»Gleich.« Er nickt in Richtung der Leiche. »Sagen Sie mir, was Sie sehen.«

Ich drehe mich zu der Toten um, konzentriere mich.

»Eine junge Frau, Anfang zwanzig. Wahrscheinlich Opfer eines Verbrechens.«

»Wie kommen Sie darauf?«

Ich deute auf mehrere Blutergüsse am linken Oberarm der Toten. »Die Hämatome sind rot bis dunkelrot, sodass sie sehr frisch sein müssen. Sehen Sie die Umrisse der Finger? Die Hämatome wurden durch die Hand eines Menschen verursacht. Man muss sehr fest zupacken, um derartige Blutergüsse zu verursachen. Andererseits ist der Leichnam kalt. Das bedeutet, dass die Frau seit wenigstens zwölf Stunden tot sein muss, angesichts der Blutergüsse eher zwanzig Stunden – allerdings weniger als sechsunddreißig Stunden, denn das Opfer befindet sich noch im Zustand der Leichenstarre.« Ich zucke die Schultern. »Sie war jung, und jemand hat sie kurz vor ihrem Tod so fest am Arm gepackt, dass Spuren zurückgeblieben sind. Sehr verdächtig.« Ich blicke Rathbun mit einem schiefen Grinsen an. »Oh, beinahe hätte ich es vergessen … aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Frau keines natürlichen Todes gestorben, sonst wäre ich nicht hier.«

»Gut beobachtet, wie ich es nicht anders erwartet habe«, sagt Rathbun. »Sie haben recht, Agentin Barrett. Die Frau wurde ermordet. An Bord eines Passagierflugzeugs auf dem Weg von Texas nach Virginia. Niemand hat bemerkt, dass sie tot war, bis sämtliche Passagiere die Maschine verlassen hatten und die Stewardess versucht hat, die Frau zu wecken.«

Ich starre ihn an. Ich bin sicher, dass er mich auf den Arm nimmt. »Ein Mord in zehntausend Metern Höhe? Das ist ein Witz, Sir, oder?«

»Leider nein.«

»Woher wissen wir, dass sie ermordet wurde?«

»Die Art und Weise, wie sie gefunden wurde, lässt keinen anderen Schluss zu. Doch ich möchte, dass Sie sich alles mit eigenen Augen anschauen, ohne Voreingenommenheit.«

Ich wende mich erneut der Leiche zu. Ich bin jetzt schon fasziniert von diesem Fall. »Wann ist es passiert? Wann genau wurde die Frau gefunden?«

»Ihr Leichnam wurde vor zwanzig Stunden entdeckt.«

»Haben wir bereits eine Todesursache?«

»Die Autopsie steht noch aus.« Director Rathbun blickt auf seine Uhr. »Der Gerichtsmediziner müsste bald hier sein. Wahrscheinlich wurde er aufgehalten, weil er zuvor eine Verschwiegenheitsvereinbarung unterschreiben muss.«

Dieser außergewöhnliche Umstand bringt mich zu meiner ursprünglichen Frage zurück: »Warum ausgerechnet ich, Sir? Oder besser gefragt, warum Sie? Was ist so Besonderes mit dieser Frau, dass es die Einbindung des FBI-Chefs in die Ermittlungen erfordert?«

»Das werde ich Ihnen gleich sagen. Aber zuerst möchte ich, dass Sie sich etwas ansehen. Haben Sie Geduld, Agentin Barrett.«

Als hätte ich eine Wahl.

Rathbun geht zu der Leiche und hebt das Laken von der Brust der Toten. Er hält es hoch.

»Sehen Sie her«, sagt er.

AD Jones und ich treten zum Kopfende des Untersuchungstisches, sodass wir den Leichnam von oben nach unten betrachten können. Ich sehe kleine Brüste mit braunen Warzen, einen flachen Bauch, um den ich die Frau beneiden würde, wäre sie noch am Leben. Mein Blick gleitet tiefer und gelangt ungestraft zum Schambereich, eine der vielen Würdelosigkeiten, die Tote über sich ergehen lassen müssen.

Und dann halte ich schockiert inne.

»Sie hat einen Penis!«, sprudelt es aus mir hervor.

AD Jones sagt nichts.

Director Rathbun lässt das Laken zurückgleiten, langsam und behutsam, eine beinahe väterliche Geste.

»Das ist Lisa Reid, Agentin Barrett. Sagt Ihnen der Name etwas?«

Ich runzle die Stirn, während ich versuche, die Verbindung herzustellen. Ich kenne nur einen Namen, der die Anwesenheit von Director Rathbun rechtfertigen würde.

»Sie meinen … wie beim Kongressabgeordneten Reid aus Texas?«

»Ganz recht. Lisa wurde als Dexter Reid geboren. Mrs. Reid hat speziell Sie angefordert. Sie ist mit Ihrer … äh, Geschichte vertraut.«

Sein Unbehagen amüsiert mich, doch ich lasse mir nichts anmerken.

Vor drei Jahren haben mein Team und ich einen Serienkiller gejagt, einen Psychopathen namens Joseph Sands. Wir waren ihm ganz dicht auf den Fersen, als er eines Nachts in mein Haus einbrach. Er fesselte mich an mein Bett und vergewaltigte mich wieder und wieder. Dann zerschnitt er mit einem Jagdmesser meine linke Gesichtshälfte, raubte mir für immer meine Schönheit und ließ eine unauslöschliche Reliefkarte aus Schmerz und Narbengewebe zurück.

Die Narbe fängt an meinem Haaransatz an, mitten auf der Stirn. Von dort verläuft sie senkrecht nach unten und zwischen den Augenbrauen hindurch, ehe sie in einem nahezu perfekten Neunzig-Grad-Winkel nach links wegführt. Ich habe keine linke Augenbraue mehr – die Narbe hat sie ersetzt. Von dort aus verläuft sie weiter über meine Schläfe und beschreibt eine träge Schlangenlinie über meine Wange nach unten. Von dort führt sie messerscharf zu meiner Nase und über den Nasenrücken und zieht sich über den Nasenflügel zum Kieferknochen, um von dort aus am Hals entlang bis zum Schlüsselbein zu verlaufen, wo sie endet.

Ich habe eine weitere Narbe, perfekt und gerade, die unter meinen linken Auge anfängt und sich bis zum Mundwinkel zieht. Sie ist das Geschenk eines anderen Psychopathen, der mich gezwungen hat, mir diese Wunde eigenhändig zuzufügen, mit einem Messer, während er mir sabbernd und grinsend zuschaute.

Das aber sind nur die sichtbaren Narben. Unter dem Kragen meiner Bluse gibt es weitere, hinterlassen von Mr. Sands’ Jagdmesser und dem kirschroten Ende einer brennenden Zigarre. Ich verlor in jener Nacht mein Gesicht – doch das ist noch das Geringste, was Sands mir gestohlen hat. Er war ein hungriger Dieb und ein Feinschmecker, und er aß nur die kostbarsten Speisen.

Ich hatte einen Ehemann, einen wunderbaren Mann namens Matt. Sands fesselte ihn an einen Stuhl und ließ ihn dabei zuschauen, wie er mich vergewaltigte und mein Gesicht verstümmelte. Anschließend bekam ich den Logenplatz und durfte zusehen, wie er Matt folterte und tötete. Wir weinten beide, schrien beide – und dann war Matt nicht mehr da. Schreien war das Letzte auf dieser Welt, was wir gemeinsam taten.

Es gab noch einen letzten Diebstahl, den schlimmsten, allerschlimmsten von allen. Meine zehn Jahre alte Tochter Alexa. Ich hatte es irgendwie geschafft, mich zu befreien, und war mit meiner Waffe hinter Sands her gewesen. Er riss Alexa zu sich hoch, als ich auf den Abzug drückte, und die Kugel, die für ihn gedacht war, tötete meine eigene Tochter. Ich durchlöcherte Sands mit den restlichen Kugeln im Magazin und lud schreiend nach, um weiter auf ihn zu schießen. Ich hätte bis ans Ende aller Tage auf ihn gefeuert, wenn sie mich gelassen hätten.

Nach jener Nacht folgten sechs Monate, die ich am Rande des Suizids verbrachte, eingehüllt in Verzweiflung und Irrsinn. Ich wollte sterben, und ich wäre wohl auch gestorben. Doch ich wurde gerettet, weil vorher jemand anders starb.

Meine beste Freundin aus der Zeit an der Highschool, Annie King, wurde nur aus einem einzigen Grund von einem Irren ermordet: Er wollte, dass ich ihn jagte. Er vergewaltigte Annie auf brutalste Weise und schlitzte sie mit einem Fischmesser auf. Als er mit ihr fertig war, band er Annies zehn Jahre alte Tochter, Bonnie, mit ihrer Mutter zusammen. Bonnie war drei Tage lang an die Leiche ihrer Mutter gefesselt, bevor sie gefunden wurde. Drei Tage und Nächte Wange an Wange mit ihrer ausgeweideten, toten Mutter.

Ich erfüllte Annies Mörder seinen Wunsch: Ich jagte ihn und tötete ihn ohne jeden Skrupel.

Als es vorbei war, bekam mein Leben wieder einen Sinn: Annie hatte mir Bonnie anvertraut, wie sich herausstellte. Normalerweise wäre es eine zum Scheitern verurteilte Beziehung gewesen, denn ich war ein seelischer Krüppel, und Bonnie hatte das Grauen, das sie erlebt hatte, die Sprache geraubt. Doch das Schicksal kann sehr launisch sein. Aus Flüchen erwächst manchmal Segen. Wir waren beide zerbrochen, Bonnie und ich; zusammen aber halfen wir uns gegenseitig, wieder gesund zu werden. Bonnie fing zwei Jahre nach ihrem grauenerregenden Erlebnis wieder zu sprechen an, und ich habe meinen Lebenswillen zurück, ja, es kommt sogar vor, dass ich mich am Leben erfreue, was ich vor nicht allzu langer Zeit für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten habe.

Ich habe gelernt, mit meiner körperlichen Entstellung zu leben. Ich habe mich selbst nie als schön empfunden, doch hübsch war ich. Ich bin klein und habe lockiges braunes Haar, das mir bis zu den Schultern reicht. Ich habe »mundgerechte Titten«, wie Matt sie zu nennen pflegte, und einen Hintern, der größer ist, als ich ihn gerne hätte, obwohl er für sich genommen anziehend scheint. Ich habe mich stets wohlgefühlt in meiner Haut und war mit meinem Aussehen ganz zufrieden. Sands’ Werk jedoch hatte zur Folge, dass ich jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaute, zitterte und Schweißausbrüche bekam. Nach jener Nacht bürstete ich mein Haar nach vorn, um die Narben zu verdecken. Heute binde ich es zu einem Pferdeschwanz nach hinten, dicht am Kopf anliegend, eine Herausforderung an die Welt: Schau hin! Und ich scheiß drauf, wenn es dir nicht gefällt, was du siehst.

Das alles – meine »äh, Geschichte«, wie Director Rathbun es nennt – ist in Zeitungen und Zeitschriften im ganzen Land breitgetreten worden und hat mich bei Gut und Böse zu einer Art gruseliger Berühmtheit gemacht.

Darüber hinaus hat meine Entstellung eine obere Karrieregrenze beim FBI für mich festgelegt. Es gab mal eine Zeit, da wurde ich als Nachfolgerin von AD Jones gehandelt. Das ist vorbei. Meine Narben verleihen mir ein gutes Gesicht für eine Jägerin – oder jemanden, der Jäger ausbildet (man hat mir tatsächlich einen entsprechenden Posten in Quantico angeboten, aber ich habe abgelehnt), doch was das administrative Gesicht des FBI angeht und Fotoshootings mit dem Präsidenten, wird es so weit nicht kommen.

Ich bin mit alledem im Reinen, schon seit geraumer Zeit. Ich würde nicht sagen, dass ich meine Arbeit genieße – genießen ist nicht das richtige Wort –, doch ich bin stolz darauf, einen guten Job zu machen.

»Ich verstehe«, antworte ich. »Warum haben Sie zugestimmt?«

»Der Kongressabgeordnete Reid ist mit dem Präsidenten befreundet, und dessen zweite Amtszeit neigt sich bekanntlich dem Ende zu. Reid ist Spitzenkandidat für die Nominierungswahlen der Demokraten, wie Sie sicherlich wissen.«

»Präsident Allens Partei«, spricht AD Jones das Offensichtliche aus.

Langsam kristallisiert sich ein Bild heraus. Der Name, den Rathbun hat fallen lassen – der Name, den AD Jones nicht ignorieren konnte –, ist der des Präsidenten. Und Dillon Reid ist nicht nur ein Freund des Präsidenten, er ist sein möglicher Nachfolger.

»Das wusste ich nicht«, sage ich leise.

Director Rathbun hebt die Augenbrauen. »Sie wussten nicht, dass Dillon Reid ein Kandidat der Demokraten ist? Schauen Sie sich denn keine Nachrichten an?«

»Nein. Die Nachrichten sind immer nur schlecht. Warum sollte ich mir da die Mühe machen?«

Rathbun starrt mich ungläubig an.

»Es ist nicht so, als würde ich nicht zur Wahl gehen«, füge ich hinzu. »Wenn die Zeit gekommen ist, sehe ich mir die Kandidaten und ihre Programme an. Es ist nur so, dass ich mich nicht für den Mist interessiere, der vorher passiert.«

AD Jones lächelt schwach. Director Rathbun schüttelt den Kopf.

»Nun, jetzt, wo Sie es wissen, hören Sie gut zu«, sagt er.

Die Vorreden sind vorbei; jetzt ist die Zeit gekommen, die Befehle auszugeben.

»Im Verlauf dieser Ermittlung werden Sie sich zu keinem Zeitpunkt von der Politik oder politischen Erwägungen hindern lassen, aufrichtig und ehrlich zu arbeiten. Außerdem erwartet man Rücksicht und Diskretion von Ihnen. Ich werde Sie mit ein paar wichtigen Fakten vertraut machen. Sie werden diese Informationen für sich behalten. Sie werden sie nicht schriftlich niederlegen, nicht in einer Notiz, nicht in einer E-Mail. Sie werden diese Fakten nur an jene Mitglieder Ihres Teams weitergeben, die darüber Bescheid wissen müssen, und Sie werden dafür Sorge tragen, dass diese Personen ebenfalls den Mund halten. Ist das so weit klar?«

»Jawohl, Sir«, antworte ich.

AD Jones nickt.

»Ein transsexuelles Kind ist politisches Dynamit für jeden, besonders für einen demokratischen Kongressabgeordneten in einem Bundesstaat mit überwiegend republikanischen Stammwählern. Die Reids haben dieses Problem dadurch gelöst, dass sie offiziell jegliche Verbindung zu ihrem Sohn abgebrochen haben. Er wurde zwar nicht enterbt, doch wann immer sie gefragt werden, lautet ihre Antwort, dass er zu Hause nicht willkommen sei, solange er sein transsexuelles Leben führe. Es war in den Schlagzeilen, und es verschwand wieder aus den Schlagzeilen, und damit war die Sache mehr oder weniger erledigt.«

»Aber es war gelogen, oder?«, fragt AD Jones.

Ich blicke ihn überrascht an.

Rathbun nickt. »Die Wahrheit ist, die Reids liebten ihren Sohn. Es war ihnen völlig egal, ob er schwul, transsexuell oder Marsianer war.«

Und jetzt verstehe ich. »Die Eltern haben geholfen, die Geschlechtsumwandlung zu finanzieren, habe ich recht?«

»So ist es. Nicht direkt, versteht sich, aber sie haben Dexter Geld gegeben, wann immer er etwas brauchte – in dem Wissen, dass er es für seine sexuelle Verwandlung benutzen würde. Abgesehen davon hat Dexter heimlich jedes Weihnachten bei seiner Familie verbracht.«

Ich schüttle ungläubig den Kopf. »Ist diese Lüge tatsächlich so bedeutsam?«

Rathbun schaut mich an und lächelt. Es ist das Lächeln eines Erwachsenen gegenüber einem Kind, das einen soeben mit seiner Naivität bezaubert hat. Ist sie nicht süß?

»Sehen Sie nicht den Kampf der Kulturen, der in diesem Land entbrannt ist? Nun, stellen Sie sich diesen Kampf zehnmal verbissener vor, und Sie wissen, wie es in Teilen des Südens aussieht. Es könnte den Ausschlag geben, ob man zum Präsidenten gewählt wird oder nicht. Ja, diese Lüge ist bedeutsam.«

Ich überdenke seine Worte. »Ich verstehe«, sage ich. »Aber das alles interessiert mich nicht.«

Rathbun runzelt die Stirn. »Agentin Barrett …«

»Moment bitte, Sir. Ich sage nicht, dass ich nicht bereit bin, Vertraulichkeit zu wahren. Ich sage nur, dass ich sie nicht wahren werde, nur weil der Kongressabgeordnete Reid gerne Präsident werden möchte. Das interessiert mich einen Scheißdreck. Ich wahre die Vertraulichkeit, weil eine Familie, die ihren Sohn verloren hat, es so von mir möchte.« Ich nicke in Richtung von Lisas Leichnam. »Und weil Lisa den Anschein macht, als wäre es ihr ebenfalls lieber so.«

Rathbun starrt mich für einen Moment an. »Meinetwegen«, sagt er schließlich und fährt fort: »Mrs. Reid wird Ihre Kontaktperson zur Familie sein. Wenn Sie mit dem Abgeordneten sprechen müssen, wird sie einen Termin vereinbaren. Erforderliche Genehmigungen beispielsweise, was die Durchsuchung von Lisas Wohnung angeht. In allen diesen Dingen ist Mrs. Reid Ihre Ansprechpartnerin. Halten Sie sich vom Abgeordneten Reid fern, es sei denn, es ist absolut notwendig.«

»Und wenn am Ende alles darauf hindeutet, dass er der Täter ist?«, frage ich. »Was dann?«

Rathbuns Lächeln ist humorlos. »Dann zähle ich darauf, dass Sie sämtliche politischen Notwendigkeiten ignorieren.«

»Wer kümmert sich um die Medien?«, fragt AD Jones.

»Ich selbst. Ich möchte nicht, dass einer von Ihnen mit der Presse spricht. Kein Kommentar, basta.« Er sieht mich an. »Das gilt ganz besonders für Agentin Thorne.«

Er meint damit Callie, ein Mitglied meines Teams. Sie ist berüchtigt dafür, dass sie sagt, was sie will und wann sie es will.

Ich muss grinsen. »Keine Sorge, Sir. Sie hat Wichtigeres zu tun.«

»Wie das?«

»Sie heiratet nächsten Monat.«

Er stutzt. »Tatsächlich?«

Callie ist beim FBI als eingefleischte Junggesellin bekannt. Ich gewöhne mich allmählich an die ungläubigen Mienen, wenn ich die Neuigkeit verkünde, dass sie in den Stand der Ehe treten will.

»Ja, Sir.«

»Es geschehen tatsächlich noch Zeichen und Wunder. Bestellen Sie ihr meine besten Wünsche. Aber passen Sie auf, dass sie ihr Mundwerk im Zaum hält.« Er wirft einen Blick auf seine Rolex. »Ich werde Sie jetzt zu Mrs. Reid bringen. Der Gerichtsmediziner müsste in Kürze hier sein. Die Ergebnisse der Autopsie gehen an mich und an Ihr Team, an niemanden sonst. Noch Fragen?«

AD Jones schüttelt den Kopf.

»Nein, Sir«, sage ich. »Aber ich denke, ich sollte allein mit Mrs. Reid sprechen. Sozusagen von Mutter zu Mutter.«

Er runzelt die Stirn. »Erklären Sie mir bitte genauer, was Sie damit meinen.«

»Statistisch gesehen stören Männer sich stärker an Transsexuellen als Frauen. Ich sage nicht, dass der Kongressabgeordnete Reid seinen Sohn nicht geliebt hat, doch falls Lisa jemanden hatte, dem sie sich wirklich nahe gefühlt hat, dann wette ich, dass es ihre Mom war.« Ich zögere. »Außerdem wird es vermutlich noch einen weiteren Grund dafür geben, dass Mrs. Reid nach mir verlangt hat.«

»Und welchen?«

Ich blicke auf Lisas Leichnam. Lisa verkörpert ein neues Geheimnis – ein Geheimnis, das die Toten enthüllen, das die Alten kennen und das die Jungen stets aufs Neue ignorieren: Das Leben ist zu kurz, ganz gleich, wie lang es ist.

Mein Lächeln ist ohne jeden Humor, als ich Jones antworte. »Weil ich ebenfalls ein Kind verloren habe, Sir. Es ist ein Club, zu dem nur Mitglieder Zutritt haben.«

KAPITEL 2

Ich beobachte, wie der Wagen hinter dem Leichenschauhaus eintrifft. Er ist schwarz, wie nicht anders zu erwarten – die bevorzugte Farbe bei Regierungsfahrzeugen, ein beinahe tröstlicher Anblick in seiner Beständigkeit. Die hinteren Fenster sind dunkel getönt, sodass niemand von draußen hineinblicken kann.

Es ist halb fünf nachmittags, und die Dämmerung setzt allmählich ein in dieser Gegend von Virginia, die sich trotz ihrer Nähe zu Washington D. C. ihre eigene Identität bewahrt hat. Es ist hier stiller als in der Hauptstadt, und man fühlt sich irgendwie sicher, ob es nun wahr ist oder bloß Einbildung. Es ist eine Mischung aus Vorstadt und City, die eine Illusion von Komfort liefert. Wie so viele Städte im Osten hat sie ihr eigenes Gesicht, ihre ureigene Mischung aus Charakter und Geschichte.

Es ist Ende September, und ein solches Wetter wie hier habe ich an der Westküste noch nie erlebt. Die Luft ist beißend, eine Kälte, die einen Winter mit Schnee prophezeit. Keinen so schlimmen Winter wie beispielsweise in Buffalo, New York, aber auch keinen von diesen erbärmlichen kalifornischen Wintern.

Überall wachsen Bäume, junge und alte. Es sind so viele, dass unschwer zu erkennen ist, wie beliebt Bäume in dieser Stadt sind. Ich kann sogar den Grund dafür sehen. Der Herbst ist eine richtige, eine sichtbare Jahreszeit in Alexandria, Virginia. Eine Jahreszeit kräftiger, satter Farben. Die Blätter verfärben sich bunt – ein spektakulärer Anblick.

Der Wagen hält, die hintere Tür öffnet sich, und ich steige ein. Es wird Zeit, dass ich mich auf den Grund meines Hierseins konzentriere.

Director Rathbun hat mir kurz und knapp das Wichtigste über Rosario Reid erzählt: »Sie ist achtundvierzig Jahre alt. Mit sechsundzwanzig bekam sie Dexter, ein Jahr, nachdem sie den Kongressabgeordneten geheiratet hatte. Die beiden kennen sich seit der Highschool, doch sie haben nach dem Collegeabschluss noch ein paar Jahre gewartet, bevor sie in den Stand der Ehe getreten sind.

Rosarios Urgroßvater kam aus Mexiko in die Vereinigten Staaten und errichtete ein kleines Rinder-Imperium in einer Zeit, als das für Mexikaner in Texas gar nicht einfach war. Der Mann scheint seinen Schneid vererbt zu haben: Mrs. Reid ist knallhart. Sie hat in Harvard Jura studiert und ist Anwältin, und sie geht ihren Gegnern gerne an die Kehle. Während Mr. Reid damit beschäftigt war, eine politische Karriere einzuschlagen, hat Mrs. Reid den Unterprivilegierten zu ihrem Recht verholfen. Sie hat eine ganze Reihe von aufsehenerregenden Fällen gewonnen, über die ich keine Einzelheiten weiß, außer dass mächtige Firmen regelmäßig den Kürzeren gezogen haben. Als Mr. Reid beschloss, für den Kongress zu kandidieren, brach seine Frau ihre Zelte als Anwältin ab und organisierte seinen Wahlkampf.« Rathbun schüttelte bewundernd den Kopf. »Wer sie in Washington kennt, hütet sich davor, sie wütend zu machen, Agentin Barrett. Sie ist eine der nettesten Frauen, die ich kenne, aber sie kann skrupellos zuschlagen, wenn man ihrem Mann in die Quere kommt.«

Ich finde das alles faszinierend, sogar bewundernswert. Doch Menschen, die im Licht der Öffentlichkeit stehen, neigen schnell dazu, sich mit einer Aura des Geheimnisvollen zu umgeben, wenn man sie lässt. Ich möchte selbst ein Gespür für Rosario Reid bekommen. Die Mutter zu verstehen wird mir helfen, das Kind zu verstehen. Ich muss herausfinden, ob und wie viel sie mir gegenüber lügt – und falls sie lügt, aus welchen Gründen. Aus Liebe zu ihrem Kind? Aus politischer Zweckdienlichkeit? Oder einfach so?

Mrs. Reid nickt mir zu, als ich die Wagentür von innen zuziehe. Sie klopft an die Trennscheibe und signalisiert dem Fahrer loszufahren; dann drückt sie auf einen Knopf, von dem ich annehme, dass er die Gegensprechanlage abschaltet. Der Wagen setzt sich in Bewegung, und wir nehmen uns einen Moment Zeit, um einander zu beschnuppern.

Rosario Reid ist unbestreitbar eine attraktive Frau. Sie besitzt die klassischen Züge einer Latino-Schönheit; sie wirkt sinnlich und kultiviert zugleich. Als Frau erkenne ich, dass sie Maßnahmen ergriffen hat, um diese Schönheit in Schranken zu halten. Ihre Haare sind kurz und streng geschnitten, und sie hat graue Strähnen, die nicht nachgetönt wurden. Kein Maskara hebt ihre Wimpern hervor. Ihr Sohn hat die vollen Lippen von ihr geerbt, doch sie hat Liner benutzt, um den Amorbogen ein wenig zu begradigen. Sie trägt eine schlichte weiße Bluse, eine marineblaue Jacke und dazu passende Hosen, alles perfekt maßgeschneidert und dazu angetan, ihre sinnliche Ausstrahlung zu dämpfen.

Diese oberflächlichen Attribute verraten mir eine Menge über ihre Loyalität gegenüber ihrem Ehemann. Rosario tut das Gegenteil von dem, was die meisten Frauen in ihrer Situation tun würden: Sie maskiert ihre angeborene Sinnlichkeit, und sie dämpft ihre Schönheit mit zurückhaltendem Professionalismus. Tweed anstatt Seide.

Warum? Damit sie für die weibliche Wählerschaft des Kongressabgeordneten akzeptabel ist. Mächtige Frauen dürfen attraktiv sein, doch niemals sinnlich oder gar sexy. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber es ist so. Selbst für mich. Ich vertraue einer Frau wie Rosario Reid in einer Machtposition mehr, als ich einer Frau vertrauen würde, die aussieht wie ein Model von Victoria’s Secret.

Überlegen Sie selbst.

Außerdem ist sie stark. Sie gibt sich äußerlich gefasst, doch die Intensität ihrer Trauer ist offensichtlich, als ich ihr in die Augen schaue. Sie weint nicht in der Öffentlichkeit. Trauer ist für diese Frau Privatsache – noch etwas, das wir neben unseren toten Kindern gemeinsam haben.

Sie bricht das Schweigen als Erste. »Danke, dass Sie gekommen sind, Agentin Barrett.« Ihre Stimme klingt gemessen und leise, weder zu hoch noch zu tief. »Ich weiß, dass dies eine ungewöhnliche Situation ist. Ich habe immer darauf geachtet, die politische Macht meiner Familie nicht für persönliche Dinge auszunutzen.« Sie zuckt die Schultern, und ihre Trauer verleiht der Geste eine schreckliche Eleganz. »Jetzt habe ich eine Ausnahme gemacht, weil mein Kind tot ist.«

»Ich würde an Ihrer Stelle das Gleiche tun, Mrs. Reid. Ich möchte Ihnen mein Mitgefühl aussprechen. Ich weiß, dass es sich wie ein Klischee anhört, und ich weiß, dass es unter diesen Umständen unangemessen sein mag, aber es tut mir wirklich leid. Dexter …« Ich unterbreche mich stirnrunzelnd und schaue sie an. »Ich bin mit solchen Dingen nicht vertraut, Ma’am. Soll ich ›er‹ oder ›sie‹ sagen? Soll ich von Dexter oder von Lisa sprechen?«

»Lisa wollte ihr Leben lang eine Frau sein. Also sollten wir sie auch so behandeln … jetzt, nachdem sie tot ist.«

»Ja, Ma’am.«

»Lassen wir die Förmlichkeit, wenn wir unter uns sind, einverstanden? Wir sind zwei Mütter zweier toter Kinder, Smoky. Weit und breit sind keine Männer mit ihrem Imponiergehabe und ihrer Wichtigtuerei.« Sie zögert, fixiert mich mit grimmigem Blick. »Wir müssen die Köpfe zusammenstecken und schmutzige Arbeit bewältigen, und das erfordert Vornamen und keine Floskeln, meinen Sie nicht auch?«

Wir Frauen sind es, die unsere Kinder begraben. Wir sind diejenigen, die den Saum unserer Kleider durch den Friedhofsdreck ziehen. Das will sie damit sagen.

»Okay, Rosario.«

»Gut.« Ich merke, wie sie meine Narben betrachtet. »Ich habe darüber gelesen, was Sie durchgemacht haben, Smoky. In den Zeitungen und Illustrierten. Ich muss gestehen, ich bewundere Sie seit Jahren.«

Ihr Blick ist fest, als sie diese Worte sagt. Sie zuckt nicht zurück vor den Narben in meinem Gesicht, keine Spur. Wenn sie Unbehagen in ihr wecken, versteckt sie es besser, als Director Rathbun es getan hat.

Ich nicke ihr zu, damit sie weiß, dass ich es zu schätzen weiß. »Danke. Aber es ist nichts Bewundernswertes daran, diejenige zu sein, die nicht getötet wurde.«

Sie runzelt die Stirn. »Das ist sehr hartherzig. Sie haben weitergemacht. Sie haben weiter diesen Job getan, der Sie derartigen Gefahren aussetzt. Und Sie machen Ihre Arbeit gut. Sie leben weiter in dem Haus, in dem das Schreckliche passiert ist – was ich im Übrigen gut verstehen kann. Ich bin sicher, vielen Leuten geht es anders, aber ich verstehe Sie.« Sie lächelt traurig. »Ihr Zuhause ist der Ort, wo Sie Ihre Wurzeln geschlagen haben. Wie ein Baum, den man nicht verrückt. Ihre Tochter wurde dort geboren, und diese Erinnerung ist mächtiger als all die schmerzlichen Dinge, die Sie dort erlebt haben, nicht wahr?«

»Ja«, gestehe ich leise.

Ich merke, wie diese Frau mich einnimmt. Ich mag sie. Sie ist ehrlich. Ihr Einfühlungsvermögen sagt viel über ihren Charakter aus. Sie ist eine Person, die weiß: Familie ist Zuhause, Familie ist das Dach, das vor der Welt schützt. Liebe mag der Leim sein, der alles zusammenhält, doch die Abfolge gemeinsamer Augenblicke ist die wahre Seele der Dinge.

Wir fahren mit gemächlicher Geschwindigkeit einen großen Kreis um das Leichenschauhaus herum. Ich merke, wie meine Blicke erneut von dem bunten Laub der Bäume angezogen werden. Es sieht aus, als würden sie brennen.

»Ich habe genau wie Sie den Mann geheiratet, den ich in der Schule geküsst habe«, sagt Rosario und blickt aus dem Fenster. »Haben Sie Bilder von meinem Dillon gesehen?«

»Ja. Er ist sehr attraktiv.«

»Das war er schon damals. Und so jung. Er war meine erste Liebe.« Sie wirft einen Seitenblick zu mir, zeigt ein leichtes Lächeln. Es lässt sie für einen Moment aussehen wie achtzehn – einen strahlenden, kurzen Moment lang. »Er war mein erster Mann in allem.«

Ich erwidere ihr Lächeln. »Wie Matt für mich.«

»Wir sind eine aussterbende Art, Smoky. Frauen, die ihre Highschool-Liebe heiraten, die ihre Liebhaber an den Fingern einer Hand abzählen können. Glauben Sie, dass wir besser dran sind? Oder schlechter?«

Ich zucke die Schultern. »Ich denke, Glück ist das Persönlichste, was es geben kann. Ich habe Matt nicht geheiratet, um Keuschheit oder Treue zu demonstrieren. Ich habe ihn geheiratet, weil ich ihn liebte. So einfach ist das.«

Etwas von dem, was ich soeben gesagt habe, lässt ihre Gefasstheit ein wenig ins Wanken geraten. Ihre Augen werden feucht, auch wenn keine Tränen fließen.

»Das haben Sie großartig ausgedrückt. Ja. Glück ist etwas Persönliches. Das traf mit Sicherheit auf meine Tochter zu.« Sie dreht sich im Sitz und sieht mich an. »Wussten Sie, dass es viel gefährlicher ist, transsexuell zu sein, als irgendeiner anderen diskriminierten Minderheit anzugehören? Die Wahrscheinlichkeit, dass eine transsexuelle Person einem Hassverbrechen zum Opfer fällt, ist viel größer als bei Schwulen, Muslimen, Juden oder Afroamerikanern.«

»Ja, das weiß ich.«

»Und die Transsexuellen wissen es ebenfalls, Smoky. Die Jungen und Männer, die zu Frauen werden, die Mädchen und Frauen, die zu Männern werden – sie wissen, dass man sie ausgrenzen und verunglimpfen wird, vielleicht schlagen, vielleicht sogar umbringen. Sie tun es trotzdem. Und wissen Sie warum?« Ihre Hände zittern, und sie verschränkt sie im Schoß. »Sie tun es, weil es für sie keine andere Möglichkeit gibt, glücklich zu werden.«

»Erzählen Sie mir von Lisa«, bitte ich sie.

Denn das ist es, was sie in Wirklichkeit möchte. Das ist der Grund für mein Hiersein. Sie will, dass ich Lisa sehe, dass ich Lisa kennenlerne. Sie will, dass ich verstehe, was sie verloren hat, dass ich es fühle.

Sie schließt für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnet, sehe ich die Liebe darin. Rosario Reid ist eine starke Frau, und sie hat ihr Kind mit all ihrer Kraft geliebt.

»Ich werde zuerst über Dexter sprechen, denn so kam er zur Welt – als Junge. Er war ein freundlicher, hübscher Junge. Ich weiß, alle Eltern denken, dass ihre Kinder übers Wasser wandeln können, doch Dexter hatte tatsächlich keinen einzigen bösen Wesenszug. Er war ein kleiner, zierlicher Junge, aber nicht schwach. Sanft, aber nicht naiv. Verstehen Sie?«

»Ja.«

»Ich nehme an, ›Muttersöhnchen‹ wäre das Stereotyp, um ihn zu beschreiben, und bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Doch Dexter hat sich nie hinter meinem Rock versteckt. Er hat seine Zeit wie jeder andere Junge verbracht, draußen, an der frischen Luft, und er hat sich mehr als einmal Ärger eingefangen. Er hat in der Little League gespielt und fing mit zehn Jahren an, Gitarre zu lernen; er hatte die eine oder andere Prügelei mit anderen Jungs. Kein Grund zu der Annahme, dass er zu irgendetwas anderem als einem prächtigen jungen Mann heranwachsen könnte. Ich musste ihn nur ganz selten bei seinem vollen Namen rufen.«

Sie geht davon aus, dass ich weiß, wovon sie redet, und sie hat recht. Es ist die universelle Sprache aller Mütter. Jedes Kind weiß, dass es in Schwierigkeiten steckt, wenn Mom den Vor- und Nachnamen zusammen benutzt. In ernsten Schwierigkeiten. Volle Deckung, und immer hübsch kleinlaut.

Rosario blickt mich an. »Wie alt war Ihre Tochter, als sie starb?«

»Zehn.«

»Das ist ein wundervolles Alter. Die letzten zwei, drei Jahre, ehe sie anfangen, Geheimnisse vor der Mutter zu haben.« Sie seufzt, doch es ist mehr Melancholie als Trauer. »Ich dachte, ich würde Dexter in- und auswendig kennen, aber natürlich kennt keine Mutter ihren Sohn, sobald er in die Pubertät kommt. Sie fangen an, sich abzugrenzen. Entsetzt von der Vorstellung, die Mutter könnte erfahren, dass sie masturbieren und Frauen im Sinn haben – schließlich ist die Mutter eine Frau. Ich war darauf vorbereitet. So laufen die Dinge nun mal. Doch Dexters Geheimnisse waren ganz andere als das, was ich erwartet hatte.«

»Wie kam es heraus? Woran haben Sie erkannt, dass er ein Problem …« Ich unterbreche mich hastig. »Entschuldigung. Ist es falsch, es ein ›Problem‹ zu nennen?«

»Das kommt darauf an. Für diejenigen, die sich der Vorstellung widersetzen, dass es transsexuelle Menschen gibt, ist es die Veränderung an sich, die das Problem darstellt. Für die Transsexuellen besteht das Problem darin, dass ihr Körper und ihre innere sexuelle Identität nicht übereinstimmen. Wie dem auch sei – ich würde sagen, ›Problem‹ ist angemessen. Um Ihre Frage zu beantworten: Dexter hat sich als Knabe wahrscheinlich sehr lange unwohl in seiner Haut gefühlt. Er fing an zu … zu experimentieren, als er gerade vierzehn war.«

»Experimentieren? Inwiefern?«

Ihre Hände zittern wieder, suchen einander und finden sich im Schoß. Sie schweigt sekundenlang, und ich sehe, dass sie einen inneren Kampf austrägt.

»Es tut mir leid«, sagt sie schließlich. »Es ist nur, dass … Dexters Persönlichkeit, die Dinge, die ich so sehr an ihm geliebt habe, waren so unübersehbar in der Art und Weise, wie er seine ersten Ausflüge zur Erkundung seiner sexuellen Identität unternahm. Es waren BHs und Höschen, verstehen Sie?«

»Er hat Büstenhalter und Höschen getragen?«

»Ja. Ich fand sie eines Nachmittags ganz unten in der Schublade, in der seine Unterwäsche lag. Vergraben und versteckt. Zuerst dachte ich, es sei meine Wäsche, aber so war es nicht, verstehen Sie? Das meine ich damit, wenn ich von seiner Persönlichkeit spreche. Wir haben Dexter Taschengeld gegeben, natürlich, und er hat in der Nachbarschaft ein paar Jobs übernommen, Rasen gemäht und so weiter. Er hatte sein eigenes Geld, mit dem er sich seine eigene Unterwäsche gekauft hat. Verstehen Sie? Er war vierzehn, und er war voller Zweifel wegen dem, was mit ihm geschah. Ich weiß aus späteren Gesprächen, dass er sich schuldig fühlte, schmutzig. Doch er war auch überzeugt, dass es nicht richtig wäre, die Sachen von mir zu stehlen, sondern dass es nur eine ehrenhafte Möglichkeit gäbe, nämlich sein eigenes Geld zu nehmen und sich die Sachen selbst zu kaufen. Es war ihm unendlich peinlich, hat er mir später erzählt, doch er konnte ausgesprochen stur sein, wenn es um Richtig oder Falsch ging.«

Ich kann es mir vorstellen. Ein junger, zierlicher Knabe, der mit brennenden Wangen ein Höschen und einen BH kauft, weil es nicht richtig wäre, sie von seiner Mutter zu stehlen.

Ich stelle mir vor, wie ich selbst mit vierzehn war. Wäre ich so aufrecht gewesen an seiner Stelle? Hätte ich den Mumm gehabt, mich in eine so peinliche Lage zu begeben?

Verdammt, nein. Mom hätte eine Garnitur Unterwäsche verloren.

»Ich verstehe«, sage ich zu Rosario. »Was ist danach passiert?«

Sie verzieht das Gesicht. »O Gott. Drei furchtbare Jahre, das ist passiert. Wissen Sie, ich stamme aus einer mexikanischamerikanischen Familie. Katholisch und erzkonservativ. Auf der anderen Seite war ich Anwältin und an Gesetze und Strukturen gewöhnt – und daran, Geheimnisse zu bewahren. Und das tat ich denn auch. Die Sache blieb zwischen Dexter und mir.«

»Verständlich.«

»Ja. Es dauerte eine Weile, bis ich es aus ihm herausgeholt hatte, und um fair zu sein, Dexter war ziemlich konfus deswegen. Er wusste selbst nicht so recht, was mit ihm geschah. Er erzählte mir, dass er sich manchmal ›seltsam‹ fühle, zum Beispiel, wenn er in den Spiegel schaue und einen weiblichen Körper zu sehen erwarte, keinen männlichen. Ich war zutiefst schockiert. Ich schnappte mir die Unterwäsche und schickte ihn postwendend zu einem Psychologen.«

»Aber die Dinge nahmen ihren Gang.«

»Der Psychologe meinte, Dexter hätte eine Geschlechts-Dysphorie, auch bekannt als gestörte Geschlechtsidentität. Hochtrabende Worte, die nichts anderes aussagten, als dass Dexter sich stark mit dem anderen Geschlecht identifizierte.«

»Ich bin mit diesem Thema vertraut. Es kann von einer leichten Obsession bis hin zu der Gewissheit reichen, dass das Individuum im falschen Körper gefangen ist und eigentlich dem anderen Geschlecht angehört.«

»Ganz recht. Der Psychologe hat Dexter ›behandelt‹. Er wollte Psychopharmaka als Bestandteil seiner Therapie einsetzen, doch ich untersagte es. Dexter war ein kluger, aufmerksamer, freundlicher Junge, ein Einserschüler, der nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten war – warum um alles in der Welt sollte ich zulassen, dass man ihn unter Drogen setzte?« Sie winkt ab. »Es war alles umsonst. Die Behandlung bestand mehr oder weniger darin, seinen Zustand zu benennen und mit ihm daran zu arbeiten, ›gegen den Zwang anzukämpfen‹. Aber es hat nichts verändert.«

»Wann hat er beschlossen, den Weg der sexuellen Umwandlung einzuschlagen?«

»Oh, das hat er mir erzählt, als er neunzehn war. Ich glaube allerdings, er hatte den Entschluss bereits früher gefasst. Er hatte bis dahin lediglich herauszufinden versucht, wie er es bewerkstelligen konnte, ohne dass es seinen Vater und seine Mutter allzu sehr schmerzte. Nicht, dass wir es ihm leicht gemacht hätten, trotz allem.« Sie schüttelt den Kopf. »Dillon ging an die Decke. Wir hatten es ihm viele Jahre vorenthalten, und er liebte das Spiel der Politik so sehr. Unsere Enthüllung traf ihn völlig unvorbereitet.«

»Wie kam Dexter damit zurecht?«

Sie lächelt. »Er blieb ruhig. Ruhig und gefasst und voll innerlicher Gewissheit.« Sie zuckte die Schultern. »Er hatte einen Entschluss gefasst, und er würde ihn durchsetzen. Die Stärke seines Vaters.«

Und deine, Rosario.

»Sprechen Sie weiter.«

»Er sagte, ihm wäre klar, dass diese Sache ein Problem für uns wäre, besonders für seinen Vater. Sein Lösungsvorschlag lautete, dass wir ihn öffentlich enterben sollten. Er sagte, es sei ihm wichtig, dass seine Entscheidung uns so wenig wie möglich beeinträchtigt. Können Sie sich das vorstellen?« Ihre Stimme ist voller Trauer und Erstaunen. »Ich erinnere mich noch genau, wie er gesagt hat: ›Dad, was du tust, ist wertvoll. Du hilfst vielen Menschen. Ich möchte nicht, dass du diese Arbeit wegen mir aufgeben musst. Aber ich werde das auch nicht für dich aufgeben. Das ist der beste Kompromiss.‹ Ich denke, das ist dann schließlich zu Dillon durchgedrungen … dass sein Sohn bereit war, sich öffentlich kasteien zu lassen, damit sein Vater in der Politik bleiben konnte. Ich sage nicht, dass es so glatt gelaufen ist, wie es sich jetzt vielleicht anhört, aber …«

»Dexter kam durch.«

»Ja.« Sie schaut mich an, und ich sehe nichts als tiefen Schmerz, durchsetzt mit Bedauern und vielleicht ein wenig Selbstvorwürfen. »Die Einzelheiten sind nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir als gute politische Familie, die wir geworden waren, genau das taten, was Dexter vorgeschlagen hatte. Wir errichteten einen Treuhandfonds, und Dexter zog aus. Als er dann tatsächlich als Frau zu leben anfing … wissen Sie Bescheid über diesen Teil des Prozesses?«

»Ja. Man muss ein Jahr als Mann oder Frau gelebt haben, bevor man eine Genehmigung zur Geschlechtsumwandlung erhält.«

»Genau. Es gibt keine chirurgischen Eingriffe, ehe man nicht das ganze Jahr überstanden hat. Für Dexter bedeutete das, als Frau gekleidet zur Arbeit zu gehen, als Frau auszugehen und so weiter. Die Wartezeit von einem Jahr soll dafür sorgen, dass man erkennt, ob man sich absolut sicher ist.«

»Das ergibt Sinn.«

»So sehe ich das auch. Und Dexter dachte ebenfalls so. Wie dem auch sei, als dieses Jahr begann, gaben wir unser perfekt formuliertes Statement ab. Dass wir unseren Sohn immer noch liebten, aber nicht mit seiner Entscheidung einverstanden wären. Es war ein Meisterstück der Täuschung.« Sie stockt, während sie nach Worten sucht. »Sie kommen nicht aus dem Süden, Smoky, oder? Darum können Sie wahrscheinlich auch nicht verstehen, wie groß die Unterschiede sind. Verstehen Sie mich nicht falsch – es gibt genügend liberale Intellektuelle in Texas, aber ich würde nicht gerade sagen, dass sie die Mehrheit bilden.«

»Verstehe.«

Rosario schüttelt den Kopf. »Nein. Sie haben eine Vorstellung, vielleicht ein Klischee. Aber Sie können nicht begreifen, wie es wirklich ist, wenn Sie nicht dort aufgewachsen sind. Sie stellen sich wahrscheinlich Tabak kauende Hinterwäldler mit Gewehrhalterungen in ihren Trucks vor. Die gibt es bei uns auch, zugegeben, aber das zutreffendere Bild ist das eines gebildeten, sehr intelligenten, sympathischen Individuums, das ohne mit der Wimper zu zucken predigt, dass Homosexualität eine Abscheulichkeit sondergleichen ist. Diese Person hat in der Regel einen Freund, eine Freundin, irgendjemanden, mit dem sie zusammen aufgewachsen ist – und dieser Jemand ist der Meinung, Schwule sollten mehr Rechte haben. Die beiden können trotz dieses trennenden Grabens Freunde sein, sehr gute Freunde sogar.« Sie hebt eine Augenbraue. »Aber wenn der liberale Freund der Schwule wäre? Oh nein. Und Transsexuelle? Ach du meine Güte! Missgeburten, Launen der Natur, vielleicht für beide Freunde in meinem Beispiel. Wir haben große Fortschritte gemacht im Süden, und ich liebe das Land. Es ist meine Heimat. Aber der Süden ist auch ein Gewohnheitstier, das sich großen Veränderungen mit aller Kraft widersetzt.«

»So langsam verstehe ich.«

»Dennoch kam Dexter, wie ich bereits sagte, immer noch an Weihnachten nach Hause«, fährt Rosario fort. »Allerdings stets heimlich.« Sie stockt. »Furchtbar, nicht wahr? Dass wir unser Kind wegen unseres politischen Ehrgeizes aufgegeben haben.«

Ich denke über ihre Worte nach. Diese Frau verdient eine ehrliche Antwort und keine abgedroschene, leere Floskel.

»Ich finde«, sage ich vorsichtig, »dass alles andere Dexter verletzt hätte. Er war überzeugt, das tun zu müssen, was er tat, doch er machte sich auch Sorgen, dass es die politische Karriere Ihres Mannes beeinträchtigen könnte. Ich meine, er hat ›öffentlich enterben‹ gesagt. Anscheinend hat er nicht erwartet, dass einer von Ihnen beiden ihn tatsächlich enterben würde, oder?«

Sie sieht mich verblüfft an. »Nein. Nein, ich glaube nicht.«

»Dann war er sicher, dass Sie und Ihr Mann ihn liebten. Ich sage nicht, dass es alles entschuldigt, doch es ist sehr viel mehr als nichts, Rosario.«

Trauer ist manchmal einfach, manchmal komplex. Sie umfasst Selbstzweifel, Unsicherheit, Was-wäre-wenn, Wenn-doch-nur. Sie ähnelt Bedauern, doch sie ist viel stärker als Bedauern. Sie kann in einem einzigen Augenblick verschwinden oder bis zum Tod anhalten. Ich sehe dies alles in Rosarios Gesicht, und ich bin froh darüber, denn es bedeutet, dass ich ihr etwas Wahres sagen konnte. Lügen schmerzen, die Wahrheit jedoch bewegt uns.

Rosario braucht einen Moment, bis sie sich wieder unter Kontrolle hat. Immer noch keine Tränen.

»Also schön. Unser Kind hat dieses Jahr überstanden, und das war das Ende von Dexter. Ein Sohn starb, und eine Tochter wurde geboren. Noch dazu eine schöne Tochter. Lisa erblühte, sowohl innerlich als auch nach außen hin. Sie war schon immer ein glückliches Kind gewesen, doch nun schien sie zu strahlen. Sie war … zufrieden. Und Zufriedenheit lässt sich nur schwer erreichen, Smoky.«

Mir fällt auf, wie leicht sie über die Geschlechtsumwandlung hinweggeht, wie locker ihr »Lisa« und »sie« über die Lippen kommen. Dexter wurde zu Lisa – nicht nur für sich selbst, auch für seine Mutter.

»Wie hat Ihr Mann sich verhalten?«

»Er hat sich nie recht wohlgefühlt mit der Vorstellung. Doch ich will nicht das Bild eines klischeebehafteten Intoleranten von ihm malen. Dillon liebte Dexter und gab sich alle Mühe, auch Lisa zu lieben. Er hielt es für sein eigenes Versagen, wenn es ihm nicht gelänge, nicht für ein Versagen Lisas.«

»Lisa hat das ebenfalls gesehen, nehme ich an.«

Rosario nickt und lächelt. »Sie hat es gesehen. Sie war … glücklich. Die Hormone schlugen sehr gut an, und sie traf eine kluge Entscheidung, was ihre Brustoperation anging. Sie entschied sich für Implantate, die zu ihrer Figur passten, nicht zu groß und nicht zu klein. Sie gewöhnte sich an Make-up wie ein Fisch ans Wasser, sie bewegte sich ohne sichtliche Anstrengung wie eine Frau, und sie hatte einen guten Geschmack. Selbst der Stimmunterricht, für manche das Schwierigste überhaupt, hat ihr keine Probleme bereitet.«

Männer haben tiefere Stimmen, weil ihre Stimmbänder während der Pubertät länger werden. Diese Verlängerung ist nicht reversibel, und sie erfordert, dass Männer, die sich in Frauen verwandeln wollen, lernen müssen, mit höherer Stimme zu reden.

»Hatte sie vor … wollte sie bis zur letzten Konsequenz gehen?«

Nicht alle Transsexuellen entscheiden sich für eine Operation ihrer Genitalien.

»Sie hatte sich noch nicht entschieden.«

»Warum war Lisa in Texas?«, frage ich. »Soweit ich informiert bin, lebte sie hier, in Virginia. War Sie bei Ihnen zu Besuch?«

»Sie kam zur Beerdigung ihrer Großmutter nach Texas«, sagt Rosario. »Dillons Mutter.«

»Waren Sie und der Kongressabgeordnete auf dieser Beerdigung?«

»Ja. Es war eine kleine, private Beisetzung, ohne Pressevertreter und Fernsehteams. Zum Glück befinden wir uns nicht in einem Wahlkampf. Wir feierten den Gottesdienst, und Lisa flog am nächsten Tag nach Hause. Sie hätte morgen eigentlich wieder arbeiten müssen.«

»Was hat sie beruflich gemacht?«

»Sie hatte ein eigenes Reisebüro. Einen Einmannbetrieb, aber die Geschäfte liefen gut. Lisa hatte eine profitable Nische gefunden. Urlaub speziell für Schwule, Lesben und Transsexuelle.«

»Wissen Sie, ob Lisa Feinde hatte? Hat sie erwähnt, dass sie von jemandem belästigt wird?«

»Nein. Ich will die Frage nicht einfach abtun, Smoky – es war das Erste, woran ich gedacht habe –, aber mir ist nichts dergleichen aufgefallen.«

Vielleicht wärst du überrascht, geht es mir durch den Kopf, doch ich sage nichts.

All diese nächtlichen Geheimnisse, die großen wie die kleinen, die anklopfen, wenn der Mond hinter einer Wolke verschwindet – auch Kinder haben sie schon, und die Eltern sind üblicherweise die Letzten, die davon erfahren.

»Was ist mit Ihnen oder Ihrem Mann? Ich nehme an, Sie beide haben Feinde – jeder Prominente hat Feinde. Aber gibt es etwas Besonderes, das erst kurze Zeit zurückliegt?«

»Etwas Besonderes? Ich wünschte, ich könnte diese Frage bejahen. Nun ja … Dillon bekommt hin und wieder verrückte Briefe. Ich lese sie alle, ehe ich sie an den Secret Service weiterleite. Der letzte Brief dieser Art kam vor sechs oder sieben Monaten. Irgendein Irrer drohte Dillon, ihn allein mittels der Kraft seiner Gedanken umzubringen. Aber im Moment gehen wir gerichtlich nicht gegen so etwas vor. Ehrlich gesagt, tun wir das kaum einmal. Deshalb konnte Dillon ja für die Demokraten einen Sitz im Kongress erringen – weil er diese Art von Konfrontation vermied.«

Ich überlege, was ich sie sonst noch fragen könnte, doch mir will im Moment nichts einfallen.

Meine nächsten Worte lege ich mir sorgfältig zurecht. »Rosario, ich möchte, dass Sie eines wissen: Ich werde alles tun, um denjenigen zu finden, der für Lisas Tod verantwortlich ist. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich ihn schnappe – ich habe vor langer Zeit gelernt, in dieser Hinsicht niemals Versprechungen zu machen –, aber mein Team und ich sind sehr, sehr gut. Wir brauchen Freiheiten, um unsere Arbeit zu tun. Ich bin bereit, gewisse Zugeständnisse zu machen, was politische Dinge angeht, doch letzten Endes arbeite ich weder für Sie noch für Ihren Mann, sondern für Lisa.«

»Lisa ist alles, was zählt.«

»Ich will nicht gefühllos erscheinen. Ich will lediglich sicher sein, dass ich meine Prioritäten deutlich gemacht habe.«

»Das haben Sie, und es klingt sehr vernünftig, Smoky.« Sie greift in ihre Jackentasche und reicht mir ein gefaltetes Blatt Papier. »Das sind meine sämtlichen Nummern. Sie können sich zu jeder Tages- und Nachtzeit bei mir melden, selbst wenn es um die kleinste Kleinigkeit geht.«

Ich nehme das Blatt entgegen. Sie klopft ein weiteres Mal gegen die Trennwand, das Signal, uns zum Leichenschauhaus zurückzubringen. Die Sonne geht unter, und der blutrote Himmel vermischt sich mit den feuerroten, brennenden Herbstbäumen.

Der Winter kommt. Der Winter ist immer noch hier. Wie der Tod.

»Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Smoky?«

»Sie können mir jede Frage stellen, die Ihnen auf dem Herzen liegt, Rosario.«

Sie schaut mich an, und endlich sehe ich ihre Tränen. Keine stille Trauer, keine schrille Hysterie, nur ein nasser Strom aus dem Augenwinkel.

»Sind Sie je darüber hinweggekommen?«

Diese Frau verdient die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit, also sage ich sie ihr.

»Niemals.«

KAPITEL 3

»Callie, Alan und James sind auf dem Weg hierher«, berichtet mir AD Jones. »Sie müssten in wenigen Stunden eintreffen.«

Wir sind draußen vor dem Autopsieraum und beobachten durch eine Glasscheibe, wie der Gerichtsmediziner den Leichnam von Lisa Reid öffnet, um uns bei der Suche nach dem Killer zu helfen. Es ist die letzte, die endgültige Entweihung. Eine Autopsie ist ein seelenloses Geschäft, die Reduktion eines menschlichen Wesens auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Fleisch.

Inzwischen ist es nach neunzehn Uhr, und allmählich spüre ich die Trennung von zu Hause.

»Ziemlich eigenartig, hier zu sein«, bemerke ich.

»Ja«, pflichtet AD Jones mir bei und schweigt einen Moment. »Meine zweite Frau und ich haben vor ein paar Jahren einmal darüber gesprochen, hierher zu ziehen.«

»Tatsächlich?«

»Ja. Hier gibt es noch richtige Jahreszeiten. Weiße Weihnachten, eine erwachende Natur im Frühling, und den Herbst … Sie haben ja die Bäume gesehen …« Er zuckt die Schultern. »Ich hatte nichts dagegen. Dann ging die Ehe den Bach hinunter, und ich hab’s offenbar vergessen.«

Er verstummt wieder. Das ist die Geschichte unserer Beziehung. In unerwarteten Augenblicken gibt Jones kleine Happen persönlicher Informationen preis. Häufig sind es bittersüße Erinnerungen, so wie jetzt. Er hat eine Frau geliebt, und sie haben darüber gesprochen, in eine Stadt zu ziehen, wo sie im Herbst das Laub zusammenharken und im Winter Schneemänner bauen können. Und jetzt ist er wegen einer Leiche hier. Träume entwickeln sich – aber nicht unbedingt zum Besseren.

»Dr. Johnston ist ein merkwürdiger Typ«, sage ich leise und wechsle das Thema.

»Ja.«

Dr. Johnston, der Gerichtsmediziner, ist Mitte vierzig und ein Riese. Kein Fett, sondern Muskeln. Seinen Bizeps könnte ich nicht mal mit beiden Händen umfassen. Seine Oberschenkel sind so dick, dass er seine Hosen wahrscheinlich maßschneidern lassen muss. Sein Haar ist wasserstoffblond und kurz geschoren. Sein Gesicht ist grobschlächtig und wirkt brutal. Seine große Nase ist mehrmals gebrochen und schief, und auf seiner Stirn pulst eine Ader wie ein lebendiges Metronom, ein faszinierender Anblick. Er könnte professioneller Bodybuilder sein oder ein Hufeisenverbieger vom Jahrmarkt.

Er ist ganz versunken in seine Arbeit an Lisa. Ich sehe, wie seine muskulösen Arme sich bewegen, während er ihren Brustkorb öffnet. Das Geräusch ist selbst durch die Scheibe hindurch beunruhigend. Als würde jemand Styroporbecher zertreten. Ich kann nicht hören, was er sagt, doch seine Lippen bewegen sich unablässig, während er seine Befunde in ein Mikrofon diktiert, das über dem Untersuchungstisch hängt.

»Wie war Ihre Unterhaltung mit Mrs. Reid?«, erkundigt sich AD Jones.

»Gut. Schrecklich«, antworte ich und erstatte ihm Bericht.

»Sie hatten recht. Ich meine, was den Grund angeht, aus dem sie nach Ihnen gefragt hat.«

»Ja.«

Johnston beugt sich vor und schaut in Lisa. In sie hinein. Ich habe wesentlich schlimmere Dinge gesehen, doch aus irgendeinem Grund steigt bei diesem Anblick Übelkeit in mir auf.

»Was halten Sie bis jetzt von der Sache, Smoky?«

Ich weiß, warum Jones mir diese Frage stellt und was er hören will. Er möchte, dass ich das tue, was ich am besten kann. Dass ich meine besondere Gabe einsetze.

Ich mache diesen Job, weil ich eine spezielle Fähigkeit besitze: Ich begreife die Männer, die ich jage, kann mich in sie hineinversetzen. Es hat nichts mit Hellseherei oder anderen übernatürlichen Dingen zu tun, nehme ich an, doch wenn ich ausreichend Fakten kenne, formt sich in meinem Kopf nach und nach ein Bild. Ein dreidimensionales Bild, angereichert mit Emotionen und Gedanken und – am wichtigsten – mit Hunger. Ein Hunger, den ich in meinem eigenen Mund zu schmecken glaube. Dunkle Aromen, so fühlbar, dass ich sie beinahe herunterschlucken kann.

Ich habe mit talentierten Männern gearbeitet, darunter AD Jones, die mir geholfen haben, diese Gabe zu verfeinern. Mit der Zeit habe ich begriffen, dass es darauf ankommt, das Unnatürlichste von allem zu tun, nämlich dann genauer hinzusehen, wenn normale Menschen sich abwenden würden.

Es ist, als würde man in Öl tauchen. Es ist so trüb um einen herum, dass man nichts sehen kann, solange man untergetaucht ist, doch man spürt die Glätte, die einen umhüllt. Manchmal tauche ich zu tief. Manchmal macht es mir innerlich Angst, und manchmal lerne ich etwas Neues über mich selbst.

Vor fünf Jahren habe ich einen Mann gejagt, der ausschließlich junge brünette Frauen ermordete. Keine von ihnen war älter als fünfundzwanzig, und alle waren bemerkenswert schön. Selbst im Tod waren sie noch anziehend, sogar für mich, die ich selbst eine Frau bin. Sie waren wie geschaffen, Männern den Verstand zu vernebeln.

Der Psycho, der diese Frauen umbrachte, empfand das Gleiche. Er vergewaltigte sie und tötete sie dann mit bloßen Händen. Er prügelte sie zu Tode, langsam, methodisch, mit konzentrierter Hingabe. Es ist eine persönliche, sehr intime Art und Weise, ein anderes menschliches Wesen zu töten.

Ich stand über seinen Opfern und sah hin. Ich sah hin, und ich sah ihn. Den Killer. Ich sah weiter hin, bis ich ihn spüren konnte. Er war ein Mann im Blutrausch, in wilder Raserei, in einer überwältigenden Mischung aus sexueller Begierde und Wut. Letzten Endes, so wurde mir bewusst, wollte er Sex mit den Frauen, um den Mond vom Himmel zu schütteln.

Ich stand benommen da und stellte zu meinem Entsetzen fest, dass ich ein wenig feucht zwischen den Beinen war. Ich war zu tief hinabgetaucht. Ich hatte zu intensiv gefühlt, was er gefühlt hatte.

Ich stürmte ins nächste Badezimmer und kotzte mir die Eingeweide aus dem Leib.

So schlimm es auch gewesen sein mochte, es half. Ich wusste, dass wir nach einem Mann suchten, der besonnen und durchtrieben zugleich war und dennoch die Kontrolle über sich verlor, wenn er den richtigen Auslöser in die Hand bekam.

Wir fingen unseren Mann. Wir hatten seine DNA, doch meiner tiefen Einsichten wegen bekamen wir obendrein noch sein Geständnis. Stacy Hobbs war eine neue Agentin im FBI-Büro Los Angeles, und sie war genau das, was ich brauchte. Vierundzwanzig, brünett, eine Ablenkung für jeden Mann in dreihundert Metern Umkreis.

Ich ließ Stacy sich genauso anziehen und schminken wie die Frauen, die der Hurensohn umgebracht hatte. Ich sagte ihr, wie sie in der Ecke stehen musste, wie sie ihn anschauen, ihre Hüfte vorrecken und verführerisch lächeln sollte. Ich sagte ihr darüber hinaus, dass sie kein Wort sagen durfte.

Sein Name lautete Jasper St. James, und er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Ich sah, wie er die Fäuste ballte. Beobachtete, wie sein Mund sich öffnete. Seine Lippen verzogen sich wie die eines Vampirs. Er fing an zu schwitzen und murmelte leise vor sich hin.

»Hure. Miststück. Hure.« Immer wieder.

In vorangegangenen Befragungen war er so kühl gewesen, wie jemand nur sein konnte.

Ich schlug die Beine übereinander – ein Zeichen an Stacy. Sie tat, was ich ihr gesagt hatte: Sie blickte Jasper direkt in die Augen und fuhr sich mit der Zunge langsam, obszön und nass über die Lippen. Dann drehte sie sich um und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.

Und Jasper schrie auf. Es war ein Schrei voll verzweifelter Wut, wie ein Raubtier ihn ausstoßen mag, wenn die sicher geglaubte Beute ihm aus den Fängen schlüpft. Es war nur ein einziger Schrei, ein Kreischen, ein hohes, schrilles Geräusch, als hätte jemand ihm die Eier mit einer Zange zerquetscht.

Ich beugte mich über den Verhörtisch und sah ihn an.

»Es muss sich ja verdammt geil angefühlt haben«, sagte ich mit dunkler, rauchiger Stimme, »den Frauen in die Augen zu sehen, wenn sich die Angst darin spiegelte … das Wissen, dass sie sterben müssen.«

Ich erinnere mich an seinen Blick, aus dem Entsetzen, Faszination und Hoffnung sprachen. Beinahe konnte ich seine Gedanken hören: Kann es sein, dass sie mich wirklich versteht? Ist das möglich?

Ja. Es war möglich, wenngleich nicht auf die Art und Weise, wie er dachte. Ich fühlte es, ich verstand es, doch letzten Endes war mein Verstehen rein synthetisch; einzig Jaspers Liebe war echt.

Er plapperte und schwafelte, schwitzte und zitterte. Er erzählte mir alle seine Geheimnisse. Er war so glücklich, dass er sich mitteilen konnte, so dankbar, endlich ein Publikum gefunden zu haben. Ich lauschte und nickte und tat so, als fühlte ich mit ihm.

Mir kam der Gedanke, dass Jasper wahrscheinlich genau das Gleiche getan hatte, um die Frauen zu ködern. Machte ihn das zu meinem Opfer? Unsere Ziele unterschieden sich nicht allzu sehr. Jasper wollte die Frauen vernichten, und ich wollte Jasper vernichten. Der Unterschied zwischen uns war nur der, dass Jasper es verdient hatte.

Keiner dieser Gedanken hatte sich in meinem Gesicht gespiegelt. Ich hatte Jasper mit ungeteilter Aufmerksamkeit zugehört. Einmal hatte ich sogar seine Hand gehalten, als er weinte. Armer Jasper, hatte ich geflüstert. Armer, armer Jasper.

Als ich an jenem Abend nach Hause kam, legte ich mich in die Badewanne, bis das Wasser kalt wurde.

AD Jones bittet mich, erneut in dieses Öl zu springen, hineinzutauchen und so zu fühlen wie der Mann, der Lisa umgebracht hat.

»Ich habe noch nicht genügend Informationen«, sage ich. »Keine emotionale Komponente. Die Tat als solche ist dreist und sehr riskant. Das hat eine Bedeutung für unseren Mann. Es ist entweder eine Botschaft, oder es steigert den Nervenkitzel. Oder beides.«

»Was für eine Botschaft?«

Der Gedanke ist wie aus dem Nichts in meinem Kopf. »›Ich bin vollkommen.‹ Oder: ›Der Grund für mein Tun ist die Vollkommenheit.‹«

AD Jones runzelt die Stirn. »Ich verstehe nicht.«

»Es ist wie ein Mord in einem abgeschlossenen Raum. Er hat während des Fluges getötet, in zehntausend Metern Höhe, eingeschlossen in der Kabine und umgeben von Zeugen. Ich vermute, er hat Lisa bereits zu Beginn des Fluges getötet, sodass er die ganze Zeit neben ihrer Leiche sitzen und den Nervenkitzel genießen konnte. Es muss eine unwiderstehliche Verlockung für ihn gewesen sein. Würde es jemand bemerken? Falls ja, gab es keinen Ausweg. Keine Fluchtmöglichkeit. Nur jemand, der perfekt ist, kann so etwas zustande bringen, kann den Mut aufbringen, kann seine Angst besiegen. Er fühlte sich sicher – entweder aufgrund seiner Fähigkeiten oder weil das, was er getan hat, richtig war.«

»Was noch?«

»Er ist gerissen, diszipliniert und zu langfristigem, akribischem Planen imstande. Er ist älter, aber noch kein alter Mann. Mitte bis Ende vierzig, schätze ich.«

»Wieso?«

»Ein Jüngerer wäre nicht so selbstsicher und routiniert.« Ich seufze. »Wir werden die anderen Passagiere befragen, aber ich kann jetzt schon garantieren, dass sämtliche Personenbeschreibungen ungenau sein werden.«

»Sie meinen, er hat eine Verkleidung benutzt?«

»Ja. Aber er wird sich nur geringfügig verändert haben, durch eine andere Haarfarbe beispielsweise, oder gefärbte Kontaktlinsen. Der Unterschied wird wohl eher in der Persönlichkeit liegen. Er wird ein charakteristisches Verhalten einstudiert haben, das in den Erinnerungen der Zeugen hervorsticht … etwas, das ihre Aufmerksamkeit gefesselt und jegliche andere Beobachtung überdeckt hat.«

»Was macht Sie da so sicher?«

»Alles andere wäre nicht perfekt. Nur Perfektion reicht aus, nur Vollkommenheit.«

Johnston hat sich inzwischen daran gemacht, Lisas Gesicht vom Schädel zu schälen, damit er ihren Kopf öffnen und zum Gehirn vordringen kann. Ich beschließe, dies zum Anlass zu nehmen, etwas anderes zu tun. Ich rufe Bonnie über ihr Handy an, ein Geschenk von mir. Es ist halb neun Ortszeit, also ist in Kalifornien Mittag. Bonnie nimmt das Gespräch gleich beim ersten Läuten entgegen.

»Hi, Smoky!«

»Hi, Süße. Wie geht’s?«

»Gut. Elaina hat Makkaroni mit Käse gemacht.«

Elaina Washington ist die Ehefrau von Alan, einem Mitglied meines Teams. Sie ist eine Latina, dazu geboren, den Menschen in ihrer Umgebung Liebe und Unterstützung zukommen zu lassen. Elaina kann diese Liebe ausdrücken, indem sie einen in die Arme nimmt und tröstet, genauso gut aber auch dadurch, dass sie mit einem schimpft, wenn man es braucht. Sie war die Erste, die mich im Krankenhaus besuchte nach jener grauenhaften Nacht, als Sands meine Familie abgeschlachtet hatte. Sie hielt mich einfach nur in den Armen, während ich mich ausweinte, und dafür werde ich sie immer lieben.

Elaina passt auf Bonnie auf, wenn ich unabkömmlich bin, so wie jetzt. Außerdem erteilt sie meiner Adoptivtochter privaten Schulunterricht.

»Das ist großartig, Baby«, sage ich.

»Alan ist weggefahren. Heißt das, du bleibst auch länger weg?«

»Sieht so aus. Tut mir leid, Kleines.«

»Hör auf damit, Momma-Smoky.«

Bonnie ist weit über ihr Alter gereift. Der Mord an ihrer Mutter und das, was danach kam, haben sie innerlich fürchterlich verwundet, und die Narben haben eine erschreckende emotionale Reife hervorgerufen. Außerdem ist Bonnie künstlerisch talentiert – sie malt –, und die Tiefe ihrer Einsichten sind die eines erwachsenen, weisen Menschen. Es ist erschreckend und faszinierend zugleich. Doch »Momma-Smoky«, wie sie mich anredet, wenn sie mich zu trösten versucht – manchmal auch ohne ersichtlichen Grund –, bringt mich jedes Mal aufs Neue zum Lächeln. Es ist die Stimme eines jungen Herzens. Die Stimme eines Kindes.

»Womit soll ich aufhören, Bonnie?«

»Dich für etwas zu entschuldigen, wofür du nichts kannst. Die Leute werden schließlich nicht nach irgendeinem Plan ermordet. Du schnappst Leute, die andere ermorden, also lebst du auch nicht nach irgendeinem Plan. Ich hab kein Problem damit.«

»Danke. Es tut mir trotzdem leid, dass ich nicht bei dir sein kann.«

Ich höre das Geräusch von AD Jones’ Schuhen auf den Fliesen und drehe mich um. Er schaut mich an und nickt in Richtung des Fensters, hinter dem die Autopsie vorgenommen wird.

»Ich muss jetzt aufhören, Liebes. Ich ruf dich morgen wieder an, okay?«

»Smoky?«

»Ja?«

»Heiratet Tante Callie wirklich?«

Ich kann nur mit Mühe ein Lachen zurückhalten. »Sie heiratet wirklich. Gute Nacht, Honey.«

»Nacht. Ich liebe dich.«

»Ich dich auch.«

Dr. Johnston deutet auf eine Schale, in der Lisas Herz liegt.

»Das Herz war punktiert. Es war ein winziges Loch auf der rechten Seite des Brustkastens.« Er zeigt uns die Stelle. Das Loch ist tatsächlich sehr klein, doch der Bluterguss, der dadurch entstand, ist so groß wie meine beiden Hände nebeneinander. Ober- und unterhalb des Loches sehe ich vertikale Schnitte. Ich habe die Wunde vorhin übersehen; dass »Lisa« ein Mann war, hatte mich dann doch zu sehr geschockt.

»Das ergibt Sinn«, sagt AD Jones. »Lisa hatte einen Fensterplatz, und der Killer saß rechts von ihr.«

»Was könnte eine Wunde wie diese hervorrufen?«, frage ich.

»Alles, was lang, spitz und zylindrisch ist. Der Killer benötigt Kraft, Entschlossenheit und grundlegende Kenntnisse der Anatomie.« Er macht eine Faust und führt eine schnelle Bewegung aus, um den Vorgang zu demonstrieren. »Ein sauberer Stoß durch die Lunge hinauf ins Herz, und fertig.«

»Sie muss unter Drogen gestanden haben, damit er sie auf diese Weise im Passagierraum des Flugzeugs töten konnte«, sage ich nachdenklich.

Johnston nickt zustimmend mit dem massigen Schädel. »Ja. Der Tod wäre sehr schnell eingetreten, doch er wäre auch extrem schmerzhaft gewesen. Es wäre eindeutig zum Vorteil des Täters gewesen, das Opfer vorher zu betäuben.«

Ich denke darüber nach. »Es muss ein Mittel gewesen sein, das er oral verabreichen konnte«, sage ich. »Nichts deutet auf Gewaltanwendung hin oder darauf, dass er ihr eine Spritze gesetzt hat. Irgendwelche Theorien?«

»GH B, Ketamin oder Rohypnol kämen infrage, aber sie würden auch Probleme mit sich bringen. Jedes dieser Mittel kann zu Übelkeit und Erbrechen führen. Bei Ketamin können außerdem Krämpfe auftreten.« Er verschränkt die massigen Arme vor der Brust. »Nein, ich an seiner Stelle hätte es ganz nach der alten Schule gemacht. Ich hätte Chloralhydrat genommen.«

»Ein präparierter Drink«, wirft AD Jones ein.

»Es klappt am besten mit Alkohol. Der Mageninhalt der Toten roch tatsächlich danach. Es wirkt rasch, und falls er ihr eine Überdosis verabreicht hat, wurde sie ziemlich schnell bewusstlos.«

»Stimmt«, sage ich. »Er musste sich schließlich nicht sorgen, dass sie an einer Überdosis sterben könnte. Ich nehme an, dass Sie die Tote auf alle diese Wirkstoffe untersuchen?«

»Selbstverständlich. Ich beeile mich mit den Analysen. Die Ergebnisse müssten morgen Nachmittag vorliegen, zusammen mit dem Autopsiebericht.«

Mir kommt noch ein Gedanke. »Wie hat er wohl die Mordwaffe an Bord geschmuggelt? Den Gegenstand, den er ihr ins Herz gebohrt hat.«

Dr. Johnston zuckt die Schultern. »Das ist nicht mein Fachgebiet, tut mir leid.«

Ich gebe ihm meine Handynummer. »Rufen Sie mich an, sobald Sie alle Ergebnisse haben, und ich schicke jemanden vorbei. Machen Sie eine einzige Kopie für sich, und verwahren Sie die in einem Safe.« Ich sehe ihm in die Augen. »Wir haben es hier mit einem Fall für die Bundesbehörden zu tun, Dr. Johnston. Erstens, weil er sich an Bord eines Flugzeugs über dem Territorium der USA ereignet hat. Zweitens, weil ein Kongressabgeordneter darin verwickelt ist und möglicherweise ein Anschlag auf Dillon Reid selbst bevorsteht. Und drittens, weil es sich um ein Verbrechen aus Hass handeln könnte.«

»Warum diese Geheimhaltung?«, fragt Johnston.

»Den Reids zuliebe«, antworte ich. »Sie dient nicht irgendeiner Vertuschung – ich möchte, dass Sie das wissen. Mein oberstes Ziel ist es, den Täter zu fassen.«

Johnstons Lächeln ist ein klein wenig müde. »Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen, Agentin Barrett, aber keine Sorge. Ich bin nicht an Konspirationen interessiert. Ich habe in meiner Karriere bereits drei Todesfälle untersucht, die mit Politik zu tun hatten, unter anderem den Tod eines sehr mächtigen Mannes und eines männlichen Prostituierten. Ich bin mit den Gepflogenheiten vertraut.«

»Ich danke Ihnen.« Ich blicke auf den Leichnam von Lisa Reid auf dem Untersuchungstisch aus mattem Edelstahl. »Gibt es sonst noch etwas Beweiserhebliches?«

»Ja. Etwas sehr Ungewöhnliches. Ich wollte gerade darauf zu sprechen kommen.« Johnston nimmt eine weitere Schale und hält sie mir hin. »Ich habe das hier im Körper der Toten gefunden. Der Mörder hat die Wunde auf ihrer rechten Seite geweitet, um es einzuführen. Sie haben die Schnitte gesehen?«

»Ja.«

»Er hat es geschickt angestellt. Die Schnitte wurden erst nach Eintreten des Todes vorgenommen, als der Blutfluss zum Stillstand gekommen war. Dann hat der Täter das da in ihren Körper eingeführt.«

Ich starre in die Schale und sehe ein ungefähr daumenlanges silbernes Kreuz.

»Wo sind die Handschuhe?«, frage ich.

Johnston nickt zu einer Schachtel mit Einweg-Handschuhen aus Latex auf einer Arbeitsfläche. Ich streife mir ein Paar über; dann greife ich in die Schale und nehme das Kreuz heraus.

»Es ist schwer«, sage ich. »Massiv. Eine Silberlegierung, nehme ich an.«

Das Kreuz ist schlicht, ohne besondere Verzierungen. Es ist ungefähr fünf Zentimeter lang und zweieinhalb Zentimeter breit. Ich drehe es um und schaue mir die Rückseite an. Da scheint irgendeine Gravur zu sein, doch sie ist zu klein, als dass ich sie mit bloßem Auge lesen könnte.

»Haben Sie ein Vergrößerungsglas?«, frage ich.

Johnston holt eine Lupe und reicht sie mir. Ich halte sie über das Kreuz und sehe nun ein Symbol – sehr klein, sehr einfach: ein Schädel mit darunter gekreuzten Knochen, das universale Zeichen für »Gift«. Die Gravur befindet sich auf der Rückseite, in Kopfhöhe des Kreuzes. Entlang dem Querbalken erkenne ich ein paar Ziffern.

»Hundertdreiundvierzig«, lese ich vor.

»Was soll das bedeuten?«, fragt AD Jones.

»Keine Ahnung.« Ich lege das Kreuz in die Schale zurück. »Ich möchte, dass wir dieses Detail vorerst auf jeden Fall zurückhalten, Doktor – falls der Mord irgendwie bis zu den Medien durchdringt.«

»Selbstverständlich.«

»Sonst noch etwas?«

Er schüttelt den Kopf. »Im Augenblick nicht.«

AD Jones blickt auf die Uhr und zeigt mit dem Finger auf mich. »Dann fahren wir jetzt zum Flughafen. Ihr Team landet in Kürze, und ich muss zurück nach Kalifornien.«

Wir danken Dr. Johnston, verabschieden uns und gehen durch den Flur zum Ausgang. Unsere Schuhe pochen laut auf dem Linoleum, ein unheimliches Geräusch, wenn man unsere Umgebung berücksichtigt.

»Wie sieht Ihr Schlachtplan aus?«, erkundigt sich AD Jones.

»Das Übliche. Umfassende Spurensicherung in dem Flugzeug, in dem Lisa Reid ermordet wurde. Befragung sämtlicher Passagiere und Erstellen eines ersten groben Profils. Anschließend …« Ich zögere. »Anschließend müssen wir uns daran machen, so schnell wie möglich weitere potenzielle Opfer zu identifizieren.«

Ich verzichte darauf, das Offensichtliche (und Besorgniserregendste) zu äußern.

Ein Totenschädel und die Zahl 143. Und es gibt nur eines, das ein Killer zählen würde.

Was unweigerlich zur nächsten Frage führt: Wie weit wird er noch zählen?

KAPITEL 4

Es ist nach dreiundzwanzig Uhr, und es ist ungemütlich kalt geworden. Ich hasse die Kälte.

Der Wind ist nicht schneidend, doch er weht beständig, und die Böen, die über den Asphalt jagen, haben meine Wangen taub werden lassen.

Der Mond steht riesig und aufgedunsen an einem wolkenlosen Himmel. Ich muss daran denken, dass er genauso auch schon auf die Höhlenmenschen herabgeschienen hat. Der Mond war lange vor mir da, und er wird noch lange nach mir da sein.

Wir haben ungefähr eine Stunde benötigt, um den privaten Flughafen in Washington D. C. zu erreichen. Er liegt abseits und einsam – bloß ein einzelner Hangar und eine Landebahn. Von hier aus werden mein Team und ich zum Dulles International Airport fahren, wo das Flugzeug steht, in dem Lisa Reid ermordet wurde.

Mich fröstelt, und ich lege die Arme um den Oberkörper, während ich beobachte, wie der private Learjet über das Vorfeld rollt. Es ist ein weißer Jet, und ich habe selbst schon viele Male darin gesessen.

AD Jones scheint die Kälte nichts auszumachen. Er raucht – eine Angewohnheit, die ich aufgegeben habe und immer noch vermisse, insbesondere, wenn ich jemanden meine frühere Marke rauchen sehe, wie AD Jones es tut. Ich war loyal gegenüber meinen Marlboros, und im Gegenzug waren sie immer für mich da. Sie gaben mir Trost, und ich gab ihnen Jahre meines Lebens. Es war ein einvernehmliches Arrangement, bis mir klar wurde, dass es keines war.

»Smoky?«

»Ja?«

»Da ist noch eine Sache, über die ich mit Ihnen reden muss.« Jones zieht an seiner Zigarette, inhaliert den Rauch, hält ihn in der Lunge und stößt ihn in einer Wolke wieder aus. Ich sehe ihm neidvoll zu und warte. »Ich möchte, dass Sie mich auf dem Laufenden halten. Täglich. Washington ist ein anderes Spielfeld als das, auf dem Sie gewöhnlich arbeiten. Director Rathbun ist ein anständiger Kerl, aber wenn es hart auf hart geht, zieht er den Schwanz ein und wirft Sie den Löwen zum Fraß vor, falls es ihm weiterhilft.« Sein Blick ist durchdringend. »Lassen Sie sich nicht täuschen, Smoky. Sie sind entbehrlich für ihn.«

»Ich kann auf mich aufpassen, Sir.«

»Ich weiß. Halten Sie trotzdem die Augen offen.«

»Aye, aye.« Ich schlage die Hacken zusammen und salutiere übertrieben.

Er findet es nicht lustig. »Das ist kein Witz, Smoky. Leute in solchen Positionen machen Karriere, indem sie andere für ihre Zwecke benutzen und dann wegwerfen. Sie sind eine begabte Ermittlerin, und Sie sind weiß Gott ein harter Brocken. Aber es mangelt Ihnen an Erfahrung in diesem Spiel.«

»Okay, okay. Ich habe verstanden.«

»Es gibt ein Gebiet, auf dem er Ihnen wirklich helfen kann, und das sind die Medien. Tun Sie genau das, was er gesagt hat – beantworten Sie keine Fragen der Journalisten. Verweisen Sie alle an Rathbun. Sie haben schon früher mit den Medien zu tun gehabt, ich weiß, aber wenn das hier nach außen dringt, gibt es eine Tsunamiwelle. Das FBI hat Spezialisten, die nur dafür bezahlt werden, sich um solchen Mist zu kümmern. Überlassen Sie denen die Arbeit.«

»Großes Indianerehrenwort.«

»Und sorgen Sie dafür, dass Callie die Klappe hält.«

»Ich habe alles unter Kontrolle, Boss.«

Der Blick aus seinen Augen ist voller Zweifel. Er schnippt seine Zigarette in die Nacht.

»Die Maschine wartet. Gehen wir.«

»Mann, ist das kalt hier oben, Schnuckelmaus!«, beschwert Callie sich in dem Augenblick, in dem ihre hochhackigen Schuhe den Asphalt berühren. »Warum sind wir hier und nicht daheim an einem zivilisierten Ort mit zivilisiertem Wetter und planen meine bevorstehende Hochzeit?«

Ich muss lächeln, wie immer. Ich werde einfach nicht immun gegen Callie. Ich glaube, nicht viele Leute schaffen das.

Callie kommt aus Connecticut und ist ein schlanker, langbeiniger, hochgewachsener Rotschopf mit dem Aussehen eines Models, und das scheint mit zunehmendem Alter eher besser zu werden. Sie ist gerade vierzig geworden und wenn überhaupt, ist sie heute noch attraktiver als vor fünf Jahren.

Callie ist sich ihrer Schönheit bewusst, und sie ist sich bei weitem nicht zu schade, diese Tatsache zu ihrem Vorteil zu nutzen. Doch letztendlich sind Äußerlichkeiten ohne Bedeutung für sie. Es ist ihr Verstand, den sie unendlich geschärft hat. Sie hat einen Master-Abschluss in Forensik mit Kriminologie als Nebenfach, und sie jagt seit mehr als zehn Jahren mit mir gemeinsam Serienkiller.

Callie hat einen Sinn für Humor, den nicht jeder zu schätzen weiß oder versteht. Ihre Angewohnheit beispielsweise, alles und jedes mit »Zuckerschnäuzchen« oder ähnlichen Begriffen anzureden, geht manchen Leuten auf den Geist. Ich nehme an, Callie hat es sich angewöhnt, um ihren Spaß zu haben und andere zu ärgern – vor allem Letzteres. Gerüchte besagen, dass sie einen Eintrag in der Personalakte hat, weil sie den Director des FBI, Mr. Rathbun höchstpersönlich, mit »Zuckerschnäuzchen« angeredet hat. Es würde mich nicht im Geringsten überraschen.

Callies Humor ist nicht böswillig. Er besagt nicht mehr und nicht weniger als: Wenn du dich selbst zu ernst nimmst, wirst du es in meiner Gegenwart schwer haben, also entspann dich … Zuckerschnäuzchen.

Und dann gibt es noch die andere Seite von Callie. Die dunklere Seite, die Kriminelle zu sehen bekommen. Callie ist unbarmherzig in ihrer Suche nach der Wahrheit, denn die Wahrheit bedeutet ihr alles. Würde ich ein Verbrechen begehen, würde Callie mich jagen – obwohl sie mich liebt. Es wäre schmerzlich für sie, aber sie würde mich zur Strecke bringen. Alles andere würde ihrem ganzen Wesen widersprechen, und gerade Callie ist nicht der Mensch, der im Widerspruch mit sich selbst steht.

Sie hat beschlossen, Samuel »Sam« Brady zu heiraten, den Chef des Sondereinsatzkommandos beim FBI Los Angeles. Es ist ein Schachzug, der jeden überrascht hat. Callie ist jahrelang auf Männerfang gewesen und hat jede Beute, die sie dabei gemacht hat, in vollen Zügen genossen. Sie war ein weiblicher Schwerenöter. Emotionale Langlebigkeit war nie Bestandteil von Callies Beziehungen.

Sie ist unglaublich reserviert, was ihre privatesten Dinge angeht, doch ich kenne einige ihrer Geheimnisse. Beispielsweise ihre Medikamentensucht. Sie ist abhängig von Vicodin, ein Mittel, das sie seit einer Wirbelsäulenverletzung nehmen muss, die sie vor zwei Jahren erlitten hat und die sie beinahe verkrüppelt hätte. Ich weiß auch, dass Callie sich deshalb so gegen die enge Bindung zu einem Mann gesperrt hat, weil sie mit fünfzehn schwanger wurde und gezwungen war, ihr Kind wegzugeben. Inzwischen hat sie sich mit ihrer lange verloren geglaubten Tochter ausgesöhnt, und vielleicht ist das mit ein Grund, dass ihre Einstellung sich geändert hat. Ich weiß es nicht. Callie gewährt mir stets nur kurze Einblicke in ihr geheimes Ich – kleine Schätze, die sie mir im Laufe der Jahre anvertraut hat.

Callies größte Geschenke an mich waren ihr unersättliches Verlangen, den Augenblick zu genießen, das Hier und Jetzt, und ihre unverbrüchliche Freundschaft. Ich kann mich auf Callie verlassen, immer und jederzeit. Sie war es, die mich in der Nacht gefunden hat, in der Joseph Sands meine Familie ausgelöscht hatte. Sie war es, die mir die Waffe entwand und mich ohne eine Sekunde des Zögerns an sich zog. Sie war es, die mich hielt, während ich weinte und schrie und ihren makellosen Anzug mit meinem Blut, meinen Tränen und meinem Erbrochenen ruinierte.

»Politischer Hokuspokus«, gehe ich nun auf ihre Frage ein. »Abgesehen davon mag ich die Kälte genauso wenig wie du.«

»So schlimm ist es gar nicht«, rumpelt eine tiefe Bassstimme. »Wenigstens liegt kein Schnee. Ich kann Schnee nicht ausstehen.«

Alan Washington ist das älteste und erfahrenste Mitglied meines Teams. Alan ist nicht direkt zum FBI gegangen, sondern hat zehn Jahre beim Morddezernat des Los Angeles Police Department gearbeitet. Er ist Afroamerikaner, ein beeindruckender Bursche, ein Berg von einem Mann, der an einen Football-Verteidiger erinnert oder an eine mächtige, knorrige Eiche – die Sorte Mann, die einen dazu bringt, zur anderen Straßenseite zu wechseln, wenn er einem nachts entgegenkommt. Sein Aussehen verbirgt, was in ihm steckt: Alan ist ein Denker mit einem großen Herzen und einer Genauigkeit, die an Pedanterie grenzt. Er kann sich tagelang mit Details aufhalten – geduldig, ohne ärgerlich zu werden und ohne nach Abkürzungen zu suchen –, und er kann komplizierte Dinge auseinanderpflücken, bis nur noch einfache, verständliche Sachverhalte übrig sind. Darüber hinaus ist Alan der geschickteste Vernehmungsspezialist, den ich kenne. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er die hartgesottensten Straßenschläger in zitternde, weinerliche, plappernde Wracks verwandelt hat.

Der eindeutigste Hinweis auf Alans Wesen jedoch ist die Tatsache, dass er mit Elaina verheiratet ist und sie unübersehbar und abgöttisch liebt, mit einer Mischung aus Stolz und Staunen. Auch Matt hat mich so geliebt; es ist ein gutes Gefühl, und es verrät viel über den Charakter eines Mannes.

Alan lächelt mich an und tippt sich an einen nicht existierenden Hut.

»Gott sei gepriesen für kleine Gefälligkeiten«, sage ich und grinse.

Die nächste Stimme, die ich höre, trieft vor Missbilligung.

»Warum sind wir hier?«

Die Frage kommt vom letzten Mitglied meines Teams. Der Tonfall – unfreundlich und ungeduldig, kalt und direkt – macht mich wütend, wie jedes Mal.

James Giron ist ein Genie, aber so unleidlich, wie ein Mensch nur sein kann. Manchmal, wenn er nicht dabei ist, nennen wir ihn Damien – wie den Sohn des Teufels in Das Omen. Er hat nicht einen Hauch von Umgangsformen, zeigt keinerlei Interesse daran, einem Gegenüber irgendwelche Höflichkeiten zu erweisen, und kennt keine Rücksicht auf die Gefühle anderer. James hat das Konzept der Gedankenlosigkeit in neue Höhen katapultiert.

Er ist ein Buch mit leeren Seiten. Ich weiß nicht, ob er überhaupt ein Privatleben besitzt. Ich habe ihn noch nie über einen Song oder einen Film reden hören, der ihm gefallen hat. Ich weiß nicht, welche Fernsehprogramme er sich anschaut, falls überhaupt. Ich weiß nichts von persönlichen Beziehungen. James lässt seine Seele zu Hause, wenn er zur Arbeit erscheint.

Was er mitbringt, ist sein Verstand. James ist ein Genie im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat die Highschool mit fünfzehn abgeschlossen, seine Eignungstests mit Auszeichnung absolviert und das College mit einem Doktortitel in Kriminologie verlassen, als er gerade zwanzig war. Mit einundzwanzig kam er zum FBI, was von Anfang an sein Ziel gewesen war.

James hatte eine ältere Schwester, Rosa. Sie wurde von einem Serienkiller ermordet, als James zwölf war. Am Tag ihrer Beerdigung beschloss er, zum FBI zu gehen und den Rest seines Lebens mit der unerbittlichen Jagd auf Psychos zu verbringen wie den, der seine Schwester getötet hatte. Es ist die einzige wirkliche Information, die ich über James besitze – und der einzige Hinweis, dass James Giron menschlich ist.

Meist reiben James und ich uns aneinander. Wir empfinden keinerlei Sympathie für den jeweils anderen; wir sind wie zwei positive Pole, die sich gegenseitig abstoßen. Bis auf eine Ausnahme – James besitzt die gleiche Fähigkeit wie ich: Auch er kann in den wirren Geist menschlicher Bestien blicken, die aus purem Vergnügen morden.

»Weil jemand tot ist und jemand mit der entsprechenden Macht befohlen hat, dass wir den Mord untersuchen sollen«, antworte ich James auf seine Frage, warum wir hier sind.

Er runzelt die Stirn. »Das ist nicht unser Zuständigkeitsbereich. Wir haben hier gar nichts zu suchen.«

Ich blicke zu AD Jones hinüber. Er funkelt James mit einer Mischung aus Resignation und Unglauben an.

»Hör auf zu jammern, Damien«, sagt Callie. »Oder ich lade dich nicht zu meiner Hochzeit ein.«

James schnaubt. »Soll das eine Drohung sein?«

»Offenbar glaubst du, es wäre keine.« Callie grinst. »Aber glaub mir, deine Mama wäre sehr enttäuscht. Sie und ich hatten eine wunderbare Unterhaltung am Telefon. Sie freut sich sehr darauf, endlich die Leute kennenzulernen, mit denen du zusammenarbeitest.«

James starrt sie finster an. »Nenne mich nicht Damien.«

Ich unterdrücke ein Grinsen und gestatte mir ein Gefühl von Zufriedenheit wegen Callies Triumph über James. Ich habe seine Mutter nie kennengelernt, aber ich weiß, dass er jedes Jahr am Geburtstag seiner Schwester mit seiner Mutter zusammen Rosas Grab besucht, also sieht es zumindest so aus, als stünden sie sich nahe.

»Möchtest du uns gleich hier einweisen?«, fragt Alan mich und unterbricht damit das Wortgefecht.

»Warten Sie einen Augenblick«, sagt AD Jones. Er schaut mich an. »Denken Sie daran, was ich gesagt habe. Und halten Sie mich auf dem Laufenden.«

»Jawohl, Sir.«

Ein letztes Nicken, und er entfernt sich ohne ein weiteres Wort.

»Wir haben drüben einen Wagen stehen«, sage ich. »Steigen wir ein und schalten die Heizung an, und ich erzähle euch alles.«

Es ist ein großer Crown Victoria, ein wenig verbeult und zerkratzt, aber noch gut in Schuss. Alan klemmt sich hinters Steuer, und ich nehme auf dem Beifahrersitz Platz. James und Callie steigen hinten ein.

»Mach bitte warm«, sagt Callie und reibt sich die Arme, während sie theatralisch erschauert.

Alan lässt den Motor an und dreht die Heizung hoch. Die hubraumstarke Maschine grummelt im Leerlauf vor sich hin, während erhitzte Luft aus den Düsen strömt wie ein warmer Wind aus einem Höhleneingang.

»Besser so?«, fragt Alan.

Callie schnurrt. »Hmmm. Viel besser.«

Alan sieht mich an. »Das Rednerpult gehört dir, Chef.«

Als ich geendet habe, sitzen alle nachdenklich und schweigend da. James starrt aus dem Fenster. Callie tippt sich mit einem rot lackierten Fingernagel gegen die Schneidezähne.

»Ziemlich dramatisch«, sagt sie schließlich. »Die arme Frau an Bord einer Maschine umzubringen, zehntausend Meter über der Erde …«

»Ein wenig zu dramatisch«, pflichtet Alan ihr bei.

»Ja«, räume ich ein. »Trotzdem hat er es getan. Er hat sie im Flugzeug getötet.«

»Sie?«, schnaubt Alan.

Ich runzle die Stirn. »Rechtlich gesehen, ja. In ihrem Führerschein steht ›weiblich‹. Gibt es ein Problem damit?«

Alan hebt die Hände, packt das Lenkrad und drückt zu. Einmal. Pustet die Luft aus und seufzt geräuschvoll.

»Hör zu«, sagt er dann. »Ich mag Transsexuelle nicht. Ich finde sie … unnatürlich.« Er zuckt die Schultern. »Ich kann nichts dafür. In meiner Zeit beim LAP D habe ich ein paar Transen-Morde aufgeklärt. Ich hab meine Arbeit gemacht und hatte Mitgefühl mit den Familien … ein Mensch ist schließlich ein Mensch. Aber das ändert nichts daran, dass Transsexuelle mir insgeheim zuwider sind. Manchmal schlüpft es mir halt raus.«

Ich starre meinen Freund schockiert an. Ich bin absolut und hundert Prozent sprachlos. Ist das wirklich Alan, den ich da reden höre? Außerhalb eines Vernehmungszimmers ist Alan der gelassenste und toleranteste Mensch, den ich kenne – zumindest habe ich das bis gerade eben gedacht.

»Meine Güte, wo haben wir denn diese Schwäche so lange versteckt?«, fragt Callie und gibt damit wieder, was ich denke.

»Er ist homophob«, sagt James, und das Gift in seiner Stimme überrascht mich. »Stimmt’s? Du magst Schwule nicht, hab ich recht, Alan?«

Alan dreht sich auf dem Fahrersitz um, bis er James in die Augen blicken kann. »Ich sehe nicht gerne zu, wenn Kerle knutschen, falls du das meinst. Abgesehen davon bin ich nicht homophob. Es ist mir völlig egal, mit wem du vögelst, James. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen einem Schwulen und jemandem, der sich die Titten oder den Lümmel abschneidet.« Er verzieht das Gesicht. »Abgesehen davon ist das meine Sache, okay? Ich sage nicht, dass es richtig ist oder irgendeinen Sinn macht. Ich habe auch keine Lust, groß darüber zu diskutieren. Elaina hat mir schon gesagt, was sie davon hält, und es hat sich trotzdem nichts bei mir geändert. Was meine Arbeit jedoch nicht beeinflusst.«

»Komm schon, sag die Wahrheit!«, fordert Callie ihn eifrig auf. »War es eine Frau, die du abgeschleppt hattest? Heiße Küsse und wildes Gegrapsche, und dann hast du ihr zwischen die Beine gegriffen und hattest plötzlich einen Schwanz in der Hand?«

Alan stöhnt auf. »Oh Mann. Hätte ich doch die Schnauze gehalten!«

»Genau«, sage ich. »Du hättest besser den Mund gehalten. Wenn du solche Kommentare in Gegenwart der Familie von dir gibst …«

Er nickt zerknirscht. »Ja. Tut mir leid.«

»Also nicht homophob, eh?«, sagt James beißend.

Ich schaue ihn überrascht an. Sein Gesicht zeigt, dass er wütend ist. Er lässt die Sache nicht auf sich beruhen.

»Das sagte ich doch schon.«

»Blödsinn.«

Alan sieht aus, als würde er aufbrausen, dann aber seufzt er nur. »Meinetwegen. Du musst mir ja nicht glauben. Ändert allerdings nichts an der Wahrheit.«

James starrt Alan wütend an. Er zittert am ganzen Leib. Ich habe keine Ahnung, was das soll.

»Ach ja? Dann verrate mir doch eins …« Er stockt, zögert, atmet tief ein und aus. »Dann verrate mir doch, was du hierzu sagst: Ich bin schwul.«

Stille erfüllt das Wageninnere. Ich höre die anderen atmen, und ich höre das Geräusch der Heizung.

»Das ist ja ätzend«, sagt Callie und tut so, als äße sie Popcorn aus einer Tüte. »Mach weiter. Hör jetzt bloß nicht auf, Schnuckelchen.«

Ich für meinen Teil bin sprachlos.

James und schwul?

Es ist nicht die Enthüllung an sich, die mich schockiert. Es ist vielmehr die Tatsache, dass James überhaupt etwas über sich preisgibt. Es ist einfach zu persönlich. Es ist genauso irritierend, als würde er uns erzählen, was seine Lieblings-Eiskrem ist.

In gewisser Hinsicht bin ich überrascht, wie gut er seine Homosexualität bis jetzt verborgen hat. Wir haben es nicht zum ersten Mal mit Opfern aus der Schwulenszene zu tun. Doch James hat nie die leiseste Andeutung in dieser Richtung gemacht, nicht den kleinsten Hinweis gegeben.

Andererseits gilt das auch für Alan.

»Warum erzählst du uns das ausgerechnet jetzt?«, fragt Alan.

»Ich weiß es nicht!«, schnaubt James. »Aber lenk jetzt nicht ab. Beantworte meine Frage!«

Alan mustert James von oben bis unten. Die Andeutung eines Lächelns spielt um seine Mundwinkel. »Na schön, unter diesen Umständen muss ich dir sagen … also, ich mag dich immer noch nicht.«

Callie prustet los. Es klingt albern.

James’ Wut scheint sich ein wenig zu legen. Er starrt Alan in die Augen, sucht nach einem verräterischen Zeichen, dass er die Unwahrheit gesagt haben könnte.

»Und das ist alles, was du dazu zu sagen hast?«, fragt er schließlich.

»Ja. Alles.«

In diesem Moment geschieht etwas Bewegendes. Alan streckt den Arm über den Sitz nach hinten aus und legt James eine mächtige Pranke auf die Schulter. Es ist eine sanfte Geste, beruhigend und beinahe freundlich. Was mich daran schockiert, ist James’ Reaktion. Kein Zusammenzucken, kein Abwenden, keine Abwehr. Stattdessen sehe ich etwas anderes, eine Art von … was?

Erleichterung, wird mir klar. Es ist Erleichterung. Es ist James wichtig, was Alan von ihm denkt.

»Ehrlich, Mann«, sagt Alan erneut, mit einer Stimme, die genauso sanft ist wie die Geste.

Der Moment zieht sich in die Länge. Dann schüttelt James die Hand ab. »Schön«, sagt er und funkelt Callie und mich an. »Ich will nichts mehr darüber hören, okay?«

Ich hebe die Hand und gebe ihm mein großes Pfadfinderehrenwort. Callie nickt, doch gleichzeitig rutscht sie auf dem Sitz von James weg, so weit es geht.

»Was zum Teufel soll das?«, fragt er misstrauisch.

»Keine Sorge, mein Bärchen«, sagt sie. »Ich hab kein Problem damit, dass du schwul bist, ehrlich nicht. Aber ich heirate bald, und … na ja, es heißt, ihr schwulen Hühner wärt ansteckend. Vorsicht ist besser als Nachsehen.«

Ich hätte beinahe losgeprustet. James starrt Callie grübelnd an, bevor er schließlich seufzt. »Du bist eine Idiotin.«

Erneut spüre ich Erleichterung bei ihm. Callie behandelt ihn genauso wie immer, und dieses Ärgernis ist für James nach seinem »Outing« etwas Tröstendes.

Und was ist mit mir?, frage ich mich. Was erwartet er von mir?

Ich schaue in seine Richtung, doch James starrt wieder aus dem Fenster, als wäre nie etwas gewesen. Er wirkt entspannt.

Mir wird klar, dass er sich keine Gedanken gemacht hat, wie ich reagieren würde. Er wusste, dass ich ihn akzeptieren würde.

Und das gibt mir ein gutes Gefühl.

»Nachdem wir die Beichten jetzt aus den Füßen hätten, könnten wir vielleicht zurück zum Geschäft kommen?«, fragt Callie. »Wir wollen schließlich nicht das Wichtigste vergessen: die Planung meiner Hochzeit.«

»Was hat das Geschäft mit deiner Hochzeit zu tun?«, frage ich sie verwirrt.

Callie verdreht die Augen. »Nun ja, es sieht so aus, als müssten wir zuerst einen Killer schnappen. Also dann – hopp, hopp.«

Ich muss kichern. Callie sorgt sich nicht wirklich um ihre Hochzeit. Es ist ihre Art: Sie lebt, um die Ernsten zu erheitern und die Dunkelheit zu erhellen.

»Fahren wir nach Dulles«, sage ich. »Sie halten das Flugzeug für uns am Boden fest. Wir können unterwegs über alles reden.«

Alan setzt den Wagen in Bewegung, und ich muss daran denken, dass vor allem Bewegung das Leben vom Tod unterscheidet. Leben ist Bewegung. Ständig passiert irgendetwas. Ständig ist man unterwegs. Ständig zwängt man sich durch irgendwelche Lücken, ob der Moment nun geeignet ist oder nicht. Alans unerwarteter Ausbruch in Bezug auf Transsexuelle, James’ Outing – beides, ob gut oder schlecht, bedeutet Leben, und die häufigen Unbehaglichkeiten des Lebens sind bei weitem der geordneten, friedvollen Ereignislosigkeit des Totseins vorzuziehen.

KAPITEL 5

Wir haben ungefähr eine Dreiviertelstunde bis zum Dulles International Airport benötigt. Ein einheimischer Cop, der auf uns gewartet hat, brachte unseren Wagen durch eine Sicherheitsschranke und zeigte uns den Weg zum Flugzeug. Inzwischen ist Mitternacht durch, doch wie alle großen internationalen Flughäfen lebt und atmet der Dulles Airport auch außerhalb gewöhnlicher Uhrzeiten. Während Alan den Wagen zu unserem Ziel lenkt, sehe ich Flugzeuge starten. Sie springen förmlich aus einem Meer von Lichtern in den Nachthimmel hinauf.

Die Maschine, in der Lisa Reid ermordet wurde, wurde in einen Wartungshangar gebracht. Der Hangar ist riesig, eine Halle aus Stahl und Beton – was bedeutet, dass es im Innern kalt ist. Die Außentemperaturen sinken immer weiter, und mir wird bewusst, dass ich nicht für dieses Wetter angezogen bin.

Das Innere des Hangars ist hell erleuchtet. Die späte Stunde und die nackte Zweckmäßigkeit des Baus in Verbindung mit der Kälte erzeugen ein Gefühl von Einsamkeit.

»Schätze, wir fahren einfach rein«, murmelt Alan und tut es auch sogleich.

»Wer ist das?«, fragt Callie, als wir vor der Maschine halten.

Wir werden von einer blonden Frau erwartet, die ich noch nie gesehen habe. Sie ist ungefähr in meinem Alter, und sie trägt eine schwarze Jacke, schwarze weite Hosen und eine weiße Bluse. Ihre Garderobe sieht schlicht aus, doch sie sitzt zu gut, um von der Stange zu sein. Die Frau ist mittelgroß, vielleicht einsfünfundsechzig, und attraktiv, ohne wirklich schön zu sein. Ihr Gesicht mit den intelligenten blauen Augen ist eine Studie in Ausdruckslosigkeit.

»Sieht nach Chefetage aus, wenn ihr mich fragt«, murmelt Alan.

Die Frau kommt gleich zu mir, als ich aus dem Wagen steige. »Agentin Barrett?«

»Die bin ich. Und wer sind Sie?«

»Rachel Hinson. Ich arbeite für Director Rathbun.«

»Okay.«

»Sie haben das Flugzeug für maximal vierundzwanzig Stunden«, sagt sie ohne weitere Umschweife. »Bis zum Ablauf dieser Frist wird niemand sonst diesen Hangar betreten. Niemand wird Sie belästigen.« Sie deutet auf einen Rollwagen in der Nähe. »Forensische Ausrüstung, einschließlich Kameras, Beweismittelbeuteln und der Akte, die von der örtlichen Polizei angelegt wurde, ehe wir den Fall übernommen haben. Ich fungiere als Supervisor.«

Ich habe mir bereits gedacht, dass das kommen würde.

»Nein«, sage ich mit freundlicher, doch entschiedener Stimme.

Hinson legt die Stirn in Falten und starrt mich an. »Wie bitte?«

»Ich habe Nein gesagt, Agentin Hinson. Dies ist mein Fall. Meine Ermittlungen. Mein Team und ich sind die Einzigen, die an Bord dieses Flugzeugs gehen werden.«

Sie tritt vor mich hin, ganz nah, und benutzt ihren Größenvorteil bei dem Versuch, mich einzuschüchtern. Es ist ein kluger Schachzug, aber es ist zugleich ein alter Trick, und er lässt mich kalt.

»Ich fürchte, ich muss darauf bestehen«, sagt sie und funkelt mich aus ihren blauen Augen von oben herab an.

Es ist ein ziemlich beeindruckender Anblick, das muss ich ihr lassen.

»Rufen Sie Director Rathbun an«, sage ich.

»Warum?«

»Weil er der Einzige ist, der dieses Problem lösen kann. Es geht hier nicht um Machtspielchen, Hinson. Okay, vielleicht ein klein wenig. Aber die Wahrheit ist, Sie stehen nur im Weg, und Ihre Motive für Ihre Anwesenheit sind eine Ablenkung. Wir können im Augenblick niemanden gebrauchen, der uns bei der Arbeit ständig über die Schulter gafft.«

Sie weicht nicht zurück, verlagert jedoch ihr Gewicht auf das rechte Bein. Ich sehe, dass sie über meine Worte nachdenkt. Sie wägt ihre Befehle, uns im Auge zu behalten, gegen die Frage ab, ob es klug ist, Director Rathbun zu belästigen. Sie ist nicht nervös deswegen; sie denkt bloß nach. Hinson ist es gewöhnt, nach eigenem Ermessen zu handeln.

»Hören Sie«, sage ich, um ihr ein wenig zu helfen. »Sie wissen, dass ich nicht nur hier bin, weil Director Rathbun mich herbefohlen hat.«

»In funktioneller Hinsicht schon.«

»In funktioneller Hinsicht vielleicht, aber nicht in tatsächlicher. Ich bin hier, weil die Frau des Kongressabgeordneten nach mir gefragt hat.«

Ein unmerkliches Lächeln umspielt Hinsons Lippen, ein leichtes Aufweichen ihrer geschäftsmäßigen Ausdruckslosigkeit. Es ist ein respektvolles Lächeln, eine Anerkennung meiner nicht ganz subtilen Art, keine Namen zu nennen.

»Schön, Agentin Barrett«, sagt sie, und jetzt tritt sie zurück. Sie greift in ihre Innentasche, und ich erhasche einen kurzen Blick auf ihre Waffe, die in einem Schulterhalfter steckt. Sie zückt eine schlichte weiße Visitenkarte und reicht sie mir. Auf der Karte steht »Hinson« in schwarzer Schrift, gefolgt von einer Telefonnummer und einer E-Mail-Adresse. Weiter nichts.

Ich sehe sie an. »Kurz und bündig, würde ich sagen.«

Sie zuckt die Schultern. »Ich kann an zwei Händen abzählen, wie oft ich diese Karte ausgegeben habe. Bitte rufen Sie mich an, wenn Sie irgendetwas brauchen. Sie erreichen mich zu jeder Tages- und Nachtzeit unter dieser Nummer, sieben Tage die Woche.«

Sie wendet sich um und geht ohne ein weiteres Wort; ihre flachen Absätze klackern über den kalten Beton des Hangars.

Die erste Runde ist an mich gegangen, doch ich muss an AD Jones’ Warnung denken, und ich bin absolut sicher, dass er recht damit hatte.

»Hmmm«, macht Alan. »Was soll man zu so einer sagen? Unangenehm? Angsteinflößend? Oder beides?«

»Nimm sie als das, was sie ist«, sage ich leise.

»Und das wäre?«

»Nützlich. Nützlich zu sein ist ihre höhere Bestimmung. Und jetzt lass uns endlich unseren Tatort in Augenschein nehmen.«

»Ich war noch nie in einem völlig leeren Flugzeug«, sagt Callie. »Es ist irgendwie unheimlich.«

»Zu still«, bemerkt Alan.

Beide haben recht. Unter normalen Umständen haben Flugzeuge ihre eigene Lärmkulisse, wie eine leise murmelnde Menge. Hier aber herrscht Grabesstille.

»Was ist das überhaupt für eine Maschine? Eine 727?«, fragt Alan.

»Eine 737-800«, sagt James. »Mittelgroß, schlanker Rumpf, hundertzweiundsechzig Passagiere in zwei Klassen. Länge neununddreißig Meter, Flügelspannweite vierunddreißig Meter. Leergewicht einundvierzig Tonnen. Reichweite voll beladen fünfeinhalbtausend Kilometer bei einer Reisegeschwindigkeit von ungefähr Mach null Komma sieben.«

Alan verdreht die Augen. »Danke, Besserwisser.«

»Wo hat sie gesessen?«, frage ich.

Alan schaut in die Akte. »Zwanzig F. Ein Fensterplatz.«

Ich runzle die Stirn. »Eine Frage dazu: Wie hat unser Freund es hingekriegt, einen Sitzplatz direkt neben ihr zu ergattern? Da musste er doch vorher wissen, wo sie sitzen wird. Wir müssen herausfinden, wo und wie sie ihren Flug gebucht hat.«

»Es gibt zu viele Unbekannte in der Gleichung«, bemerkt James.

Ich sehe ihn an. »Soll heißen?«

»Die Art und Weise des Mordes. Das kann nur funktionieren, wenn sie einen Fensterplatz hat.« Er nimmt Alan die Akte aus den Händen und zieht ein Foto hervor. »Er hat sie gegen das Fenster gelehnt zurückgelassen, mit einer Decke über dem Kopf, als würde sie schlafen. Das hätte nicht funktioniert, hätte sie in einem Mittelsitz gesessen, oder am Gang.«

»Und?«

»Worauf ich hinauswill … es gibt eine ganze Reihe verschiedener Möglichkeiten, wie er herausgefunden haben könnte, wo sie sitzt. Er könnte jemanden bestochen oder sich ins System gehackt haben. Anschließend könnte er den Sitzplatz neben ihr reserviert oder den Passagier, der ursprünglich dort sitzen sollte, zum Tausch überredet haben – sucht es euch aus. Allerdings gibt es seit dem elften September praktisch keine Möglichkeit mehr, in dieser Richtung irgendetwas im Voraus zu arrangieren. Beispielsweise, dass man auch wirklich einen Fensterplatz bekommt.«

Jetzt begreife ich, was James sagen will. »Er hat deiner Meinung nach also nicht von vornherein geplant, sie im Flugzeug zu töten.«

Er nickt. »Bestimmt nicht.«

Es ist ein winziges Detail, doch es ist eines von den Puzzlesteinchen, die uns dabei helfen, jenen Mann zu sehen, der das getan hat.

Er hat damit angefangen, dass er die Entscheidung traf, Lisa Reid zu töten – nicht damit, sie an Bord eines Flugzeugs zu töten. Er hat sie beobachtet, ist ihr nachgeschlichen, hat Informationen über sie gesammelt. Er fand heraus, dass sie eine Reise unternehmen wollte, dass sie einen Fensterplatz im Flugzeug hatte – und erst dann, nicht vorher, begann er an seinem Plan zu arbeiten, sie an Bord zu töten. Wären die Ereignisse nicht so abgelaufen, wie er es gebrauchen konnte, hätte er Lisa woanders umgebracht.

»Der Ort war von Bedeutung für ihn«, überlege ich laut, »aber er war keine Bedingung. Lisa war der bedeutsamere Faktor. Sie war der Schlüssel.«

»Warte«, sagt Callie. »Es gibt eine weitere Möglichkeit.«

»Und die wäre?«

»Dass es willkürlicher Mord war. Vielleicht war der Ort ein entscheidender Faktor für den Täter. Er hat einen Mittelsitz gebucht und von vornherein geplant, den Passagier zu töten, der neben ihm am Fenster saß – und das war rein zufällig Lisa. Vielleicht hat der Täter ein Problem mit der Fluggesellschaft oder mit Flugreisen im Allgemeinen. Ich habe selbst schon das eine oder andere Mal Mordgelüste gegenüber einem unsympathischen Fluggast verspürt.«

»Möglich und definitiv ein bestürzender Gedanke«, räume ich ein. »Aber unwahrscheinlich. Die Tatsache, dass es Lisa Reid war – eine transsexuelle Person und Tochter eines Kongressabgeordneten und seiner Frau?« Ich schüttle den Kopf. »Das ist kein Zufall. Er liebt es, zu planen und zu kontrollieren. Die Auswahl eines Opfers ist ein integraler Bestandteil dieser Prozesse. Ich könnte mich irren, aber … es fühlt sich für mich nicht nach Zufall an.«

Callie denkt darüber nach; dann nickt sie. »Ich glaube, du hast recht.«

Wir bewegen uns den Mittelgang hinunter. Die 737-800 hat die klassische Aufteilung, zwei Reihen zu je drei Sitzen auf jeder Seite. Die Luft ist kühl, aber noch nicht kalt. Flugzeuge sind gut isoliert. Wir treffen bei 20F ein.

»Wie weit ist die Spurensicherung gekommen, Callie?«, frage ich.

Sie blättert in der Akte. »Vollständige fotografische Erfassung des Tatorts sowohl vor als auch nach Entfernung der Leiche. Sie haben das Gepäck abgeholt. Es steht unten im Hangar. Das ist bis jetzt so ziemlich alles.«

»Irgendjemand hat sich ganz schnell eingeschaltet«, meint Alan.

Ich nehme mir einen Moment Zeit und schaue mich um. Nichts Außergewöhnliches. Keine Eingebung. Noch nicht. Das ist es. Das ist der Ort, genau hier, wo ein Mensch einen anderen ermordet hat. Ein Leben hat in diesem Sitz am Fenster geendet. Wenn man an die Seele glaubt – und das tue ich –, ist dies der Ort, wo die Essenz des Wesens Lisa Reid für alle Ewigkeit verschwunden ist.

Wie immer bin ich betroffen von der Unangemessenheit des Ortes, an dem der Tod eingetreten ist, berücksichtigt man die Wahrheit des Todes selbst. Ich habe einmal eine hübsche junge Frau gesehen, die im Dreck lag. Nackt. Jemand hatte sie erwürgt. Ihre Zunge hing aus dem geschwollenen, zerschlagenen Mund. Ihre offenen Augen starrten zum Himmel hinauf. Sie hatte noch immer einen Rest ihrer einstigen Schönheit, doch er verblasste rasch. Obwohl sie tot war, versank alles andere neben ihr in Bedeutungslosigkeit. Es gab keinen Dreck, keinen Wald, keinen Boden, keinen Himmel, nichts außer ihr. Es gibt auf der ganzen Welt keine Leinwand, die ein beendetes Leben einfangen könnte. Der Tod ist sein eigener Rahmen.

»Da ist Blut auf dem Sitzpolster«, sagt Callie und reißt mich aus meinen Gedanken. »Am einfachsten wäre es, das ganze Polster mitzunehmen, ihres, seins, und dann nach Fingerabdrücken zu suchen. Das wäre eine gute Vorgehensweise. Allerdings nur, wenn unser Freund keine Handschuhe getragen hat. Anschließend alles mit dem Staubsauger absaugen. Das wär’s mehr oder weniger, wenn ihr mich fragt.«

»Ich könnte mir vorstellen, er hat irgendetwas mitgenommen«, wirft James ein.

Ich drehe mich zu ihm um. »Und was?«

»Eine Trophäe. Er hat das Kreuz in ihrem Körper zurückgelassen. Also hat er wahrscheinlich auch etwas von ihr mitgenommen. Er hat ein Faible für Symbole.«

Nicht alle Serienkiller nehmen Trophäen, aber ich muss James beipflichten.

»Es könnte alles Mögliche gewesen sein«, sagt Alan. »Schmuck … etwas aus ihrer Brieftasche … eine Haarlocke …« Er zuckt die Schultern. »Irgendwas.«

»Wir sehen uns ihre Habseligkeiten an und versuchen herauszufinden, ob etwas fehlt«, sage ich.

»Es wird immer kälter, Süße«, sagt Callie. »Wie sieht dein Schlachtplan aus?«

Callie hat recht. Ich habe eine erste Witterung von diesem Psycho aufgenommen, doch hier gibt es sonst nichts, das mir weiterhelfen könnte.

»Du und James, ihr bleibt hier und nehmt euch den Tatort vor. Ruft mich an, sobald ihr fertig seid. Alan, du setzt mich bei Lisas Wohnung ab. Anschließend befragst du die Zeugen … Stewardessen, Passagiere, jeden Einzelnen. Versuch außerdem herauszufinden, wie der Kerl sein Flugticket gekauft hat. Hat er bar bezahlt? Mit einer Kreditkarte? Falls er eine Kreditkarte benutzt hat, dann wahrscheinlich mit einer falschen Identität. Wie hat er es angestellt?«

»Verstanden.«

Callie nickt ebenfalls.

Ich werfe einen letzten Blick auf das Fenster, neben dem Lisa Reid gestorben ist; dann wende ich mich ab und verlasse den Tatort für immer. Das Bild wird irgendwann verblassen, das weiß ich schon jetzt. Eines Tages werde ich in einem Flugzeug an einem Fensterplatz sitzen und nicht einmal mehr an Lisa Reid denken.

Eines Tages.

KAPITEL 6

Alan und ich fahren auf dem Freeway zurück nach Alexandria. Unterwegs herrscht kaum Verkehr; nur wenige andere Fahrzeuge sind auf der Straße. Ihre Fahrer haben wahrscheinlich den gleichen Wunsch wie wir: Sie würden gern im Bett liegen und schlafen.

Alan fährt schweigend. Wir haben die Heizung voll aufgedreht, um die Kälte zu vertreiben. Es ist dunkel – stockdunkel und still.

»Was hat die Kälte nur an sich, dass sie die Dinge stiller erscheinen lässt, als sie normalerweise sind?«, überlege ich laut.

Alan schaut kurz zu mir herüber und lächelt. »Die Dinge sind stiller in der Kälte«, sagt er. »Du bist an L. A. gewöhnt. Da wird es normalerweise nie kalt genug, um Mensch und Tier in die Häuser zu treiben. Hier schon.«

Er hat recht. Ich habe diese Erfahrung als Mädchen gemacht, im Alter zwischen sechs und zehn Jahren, bevor meine Mom an Krebs erkrankte. Damals machten wir oft lange Camping-Reisen mit dem Auto. Mom und Dad stimmten ihren Urlaub aufeinander ab, und wir verbrachten zwei Wochen damit, kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten zu trekken, von einem Campingplatz zum nächsten.

Ich erinnere mich an das Anstrengende bei diesen Reisen: das nicht enden wollende Surren der Räder auf dem Asphalt, das Vorbeirauschen der Welt und die intensive, beinahe schmerzhafte Langeweile. Ich erinnere mich an Spiele, die ich mit meiner Mom im Wagen gespielt habe. I-Spy. »Pididdles« zählen – Fahrzeuge, bei denen nur ein Scheinwerfer brennt. Schräge Lieder, laut und falsch gesungen.

Innerhalb fünf Jahren sah ich große Teile der Vereinigten Staaten: Den Rocky Mountain National Park. Yellowstone. Mount Rushmore. Wir überquerten den Mississippi in verschiedenen Staaten und aßen Gumbo in New Orleans, wo der riesige Fluss ins Meer mündet.

Einmal war Dad besonders ehrgeizig und fuhr im Herbst den ganzen Weg hinauf bis in den Norden des Staates New York. Er wollte uns die Catskill Mountains zeigen, wo angeblich Rip Van Winkle gelebt hat, die Figur aus Washington Irvings Kurzgeschichtensammlung. Es war eine unerträglich lange Fahrt, und wir waren gereizt und völlig am Ende, als wir endlich ans Ziel kamen. Wir fuhren auf den Campingplatz, und ich stieg aus dem Wagen, so schnell ich konnte.

Die Laubbäume in den Catskills waren unglaublich. Ihre Blätter leuchteten in den sattesten Farben. Es war kalt, so kalt wie hier und jetzt, und ich erinnere mich an die beißende Luft auf meinen Wangen und an die weißen Wölkchen meines kondensierenden Atems in der Luft.

»Da muss man im Wald pinkeln«, hatte meine Mutter geschimpft, »und dabei kriegt man dann auch noch ’ne Gänsehaut am Hintern!«

»Ist es nicht trotzdem wunderschön?«, hatte mein Dad geantwortet, mit hörbarer Ehrfurcht in der Stimme, ohne Moms Zorn zu bemerken.

Das liebte ich so an meinem Vater: Er war jung geblieben, unendlich jung, wenn es darum ging, die Welt zu bestaunen. Meine Mom war vorsichtiger. Sie blieb mit den Füßen auf dem Boden, was wichtig war; Dad jedoch hielt unsere Köpfe in den Wolken, was seinen eigenen Wert besaß.

Ich weiß noch, wie Mom sich zornig zu ihm umdrehte, um eine Bemerkung zu machen, die ihr jedoch auf den Lippen erstarb, als sie die Freude auf seinem Gesicht entdeckte. Sie folgte seinem Blick und sah endlich, was auch er sah, wurde angesteckt von seinem Staunen und stolperte mitten hinein in seinen Traum.

»Das ist es«, sagte sie leise. »Das ist es wirklich.«

»Darf ich mir die Gegend angucken?«, fragte ich.

»Sicher, Kleines«, antwortete Dad. »Aber geh nicht zu weit weg. Bleib in der Nähe, hörst du?«

»Okay, Daddy.« Ich sprang davon und rannte unter die Bäume.

Ich hielt Wort und blieb in der Nähe. Ich musste nicht weit laufen, nur ungefähr fünfzig Schritte, und ich war plötzlich mutterseelenallein, einsamer als je zuvor im Leben. Ich blieb stehen, um dieses Gefühl in mich aufzunehmen – nicht so sehr aus Angst, eher aus Interesse. Ich war auf eine kleine Lichtung gelangt, die umsäumt wurde von mächtigen Bäumen mit blutrotem Herbstlaub, das an den Zweigen verrottete. Ich breitete die Arme aus, legte den Kopf weit in den Nacken, schloss die Augen und lauschte der Stille und dem Schweigen des Waldes.

Jahre später stand ich vor der Leiche einer jungen Frau in den Wäldern von Angeles Crest, erinnerte mich an die Stille und das Schweigen und fragte mich, wie es sein mochte, mitten in diesem Nichts getötet zu werden, umgeben von dieser Einsamkeit – einer gewaltigen Kathedrale für die eigenen Schreie der Qual und der Angst.

Damals, auf jener Fahrt nach New York, war ich zehn Jahre alt. Es war die letzte Reise, die wir unternahmen, bevor meine Mom krank wurde. Wenn ich an meine Eltern denke, sehe ich sie stets in dem Alter von damals vor mir, dreißig und einunddreißig Jahre alt, jünger, als ich heute bin. Wenn ich an meine Kindheit denke, denke ich an diese Camping-Touren, an I-Spy und an Pididdles und »Sind wir bald da?« und das Lamentieren meiner Mutter. Ich erinnere mich an das Staunen meines Vaters, an Moms Liebe zu ihm, an das Herbstlaub und die Bäume und die Zeit, als die Stille noch Schönheit enthielt und keine Erinnerungen an Tod.

Lisa wohnt in einem Neubau, fast im Zentrum von Alexandria. Die Reihenhäuser sind schmuck, passen aber nicht so recht in die Umgebung.

»Irgendwie wie Kalifornien in Virginia«, meint Alan und spricht meine Gedanken aus.

Das Haus hat seine eigene kleine Auffahrt. Es ist verputzt und mit braunem Holz verkleidet. Noch ist niemand hier gewesen. Noch gibt es kein gelb-schwarzes Absperrband an der Tür. Wir parken den Wagen in der Auffahrt, steigen aus und gehen zur Tür. Alan will sich Lisas Haus mit mir zusammen ansehen, ehe er sich auf die Jagd nach den Zeugen macht.

Wir sind noch einmal beim Leichenschauhaus vorbeigefahren, wo ich Lisas Schlüssel geholt habe. Ich probiere einen nach dem anderen im schwachen Licht der Straßenlaternen, doch keiner will passen.

»Der da vielleicht?« Alan zeigt auf einen goldfarbenen Schlüssel.

Ich schiebe ihn ins Sicherheitsschloss, und es dreht sich mit einem hörbaren Klicken. Ich stecke den Schlüsselbund in die Jackentasche, und wir ziehen beide unsere Waffen.

»Ladys first«, sagt Alan.

Das Haus hat zwei Gästezimmer, von denen eines als Arbeitszimmer dient. Wir sehen uns rasch in diesen beiden Zimmern sowie im Gästebad und im Elternschlafzimmer um, bevor wir unsere Waffen wieder einstecken.

»Hübsche Wohnung«, sagt Alan.

»Ja.«

Alles ist in gedämpften Erdfarben gehalten, unaufdringlich, ohne langweilig zu sein. Überall finden sich Farbtupfer, angefangen bei kastanienroten Wurfkissen auf dem Sofa bis hin zu weißen Baumwollvorhängen mit blauem Blumenmuster entlang den Säumen. Alles ist sauber und frei von Gerüchen. Keine Haustiere, keine schmutzige Wäsche, kein stehen gebliebenes Essen. Lisa hat nicht geraucht. Der Wohnzimmertisch aus Holz ist übersät mit einem bunten Allerlei von Magazinen und Büchern. Lisa war ordentlich, aber nicht pedantisch.

»Ist es okay, wenn ich jetzt fahre?«, fragt Alan.

Ich schaue auf die Uhr. Es ist fünf.

»Klar. Aber bevor du dich auf die Suche nach den Zeugen machst oder den Geldstrom analysierst, mach bitte eine Datenbankanfrage nach Morden mit der gleichen oder einer ähnlichen Signatur.«

»Du meinst das Kreuz?«

»Das Kreuz oder auch nur die Symbole auf dem Kreuz. Ich glaube zwar nicht, dass wir auf Verbrechen stoßen, die lange zurückliegen, aber es wäre möglich, dass sich in der jüngeren Vergangenheit nicht aufgeklärte Morde finden.«

Er runzelt die Stirn. »Du meinst, der Killer ist bereits längere Zeit am Werk und hat jetzt erst beschlossen, ins Licht zu treten?«

»Genau.«

»Ziemlich dumme Idee, wenn du mich fragst.«

»Hoffen wir, dass du recht hast.«

Ich bin allein. Ich lasse das Licht ausgeschaltet. Die Morgendämmerung hat eingesetzt, und ich will das Wohnzimmer so sehen, wie Lisa es gesehen hätte. Ich setze mich auf die Couch, braune Mikrofaser, ein Sofa wie tausend andere, sieht man davon ab, dass dieses Sofa Lisa gehörte. Sie hat hier auf diesem Sofa gesessen, wieder und wieder. Ich kann ihren Lieblingsplatz sehen – ein Kissen, das ein klein wenig abgenutzter ist als die anderen.

Gegenüber der Couch steht ein mittelgroßer Fernseher mit Flachbildschirm in gemütlichem Abstand von der Sitzecke. Ich stelle mir vor, wie Lisa hier sitzt, die Lichter aus, und wie Schatten über ihr Gesicht tanzen. Ich sehe eine Flasche Nagellack auf dem Wohnzimmertisch und muss lächeln. Sie hat ferngesehen, während sie sich die Fingernägel lackiert hat. Ich entdecke ein Buch auf einem Beistelltisch, eine humorvolle Liebesgeschichte. Vielleicht hat sie in dem Buch gelesen, während ihre Fußnägel getrocknet sind. Unschuldige Laster.

Diese Wohnung war ein Zufluchtsort, ein Heiligtum; dennoch werde ich sie auf den Kopf stellen. Ich glaube, dass ich zumindest in dieser Hinsicht den Killern, die ich jage, sehr ähnlich bin. Ich werde mich durch dieses Haus bewegen und Türen und Schubladen öffnen, werde Lisas E-Mails lesen und in ihren Arzneischrank schauen. Ich werde sämtliche Grenzen zu ihrer Privatsphäre überschreiten, bis es nichts mehr zu finden gibt.

Früher einmal konnte Lisa den Schlüssel umdrehen und die Welt draußen daran hindern, ihre Geheimnisse zu entdecken, aber das ist vorbei. Die Killer, die ich jage, beziehen ihre Machtphantasien aus der Vorstellung, sämtliche Barrieren niederzureißen, die ihr Opfer um sich herum errichtet hat, bis es schutzlos und voller Todesangst vor ihnen steht.

Meine Motive sind offensichtlich reiner, doch ich habe bereits vor langer Zeit gelernt, dass ich mit meiner Arbeit nicht weiterleben könnte, wäre ich unehrlich zu mir selbst, und die Wahrheit ist: Auch ich spüre einen Anflug dieser Macht, den Nervenkitzel eines Voyeurs, wenn ich das Heim eines Opfers durchsuche und alles durchwühle. Ich kann hinschauen, wohin ich will, anfassen, was ich will, jede Tür aufmachen, die ich öffnen will. Es ist berauschend, dieses Gefühl der umfassenden Kontrolle, und ich kann beinahe verstehen, warum es für Psychopathen so anziehend ist.

Ich stehe auf und gehe in die Küche. Sie ist klein, funktionell und sehr sauber. Braune Granitarbeitsflächen. Ein Kühlschrank aus Edelstahl mit dazu passender Mikrowelle, Ofen und Geschirrspüler. Ich öffne ein paar Schränke und schaue hinein. Weißes Porzellan, sauber und sorgfältig gestapelt.

Der Kühlschrank ist fast leer. Ich sehe eine Einkaufsliste an der Kühlschranktür. Darauf steht: Mineralwasser, Binden, Mac und Käse.

Das brauchst du jetzt alles nicht mehr, Lisa.

Die Küchenschubladen liefern keine Erkenntnisse. Besteck, ein Telefonbuch, ein paar Stifte und Haftnotizen. Ich bin nicht allzu überrascht. Lisa war ein Mensch, der es gewöhnt war, sich in der Öffentlichkeit zu verstellen. Sie hat ihre Geheimnisse sicherlich nicht hier aufbewahrt, wo ein Gast sie zufällig finden kann.

Ich gehe weiter ins Schlafzimmer. Es ist mittelgroß und mit flauschigem, beigefarbenem Teppichboden ausgelegt. Das Bett beherrscht den Raum, ein California Kingsize. Die irdenen Farbtöne aus dem Wohnzimmer finden ihre Fortsetzung. Lisa hatte ihren Stil gefunden, was das Dekor angeht: Feminin, ohne mädchenhaft zu wirken.

Ich gehe zum Nachttisch, zumeist der Ort, an dem Frauen ihre Geheimnisse aufbewahren. Ich öffne die oberste Schublade und werde nicht enttäuscht. Dort liegen ein Plastikbeutel voll Marihuana und Blättchen zum Zigarettendrehen. Außerdem eine Flasche Babyöl und ein Magazin mit Fotos von muskulösen nackten Männern. Ich schaue mich um und sehe den CD-Player.

Ich stelle mir vor, wie Lisa eine CD einlegt, sich einen Joint ansteckt und inhaliert, während sie durch die Seiten des Magazins blättert, bis sie den richtigen visuellen Anreiz findet … sich zurücklehnt, das Babyöl nimmt …

An diesem Punkt trennen sich unsere Wege, Lisa.

Meine Hände haben einen anderen Tastsinn, wenn sie in die dortigen Regionen wandern. Ich hatte niemals einen Penis, und ich wollte niemals einen, auch wenn ich Penisse in den Händen gehalten habe. Ich weiß, wie sie sich anfühlen, wie sie riechen, wie sie schmecken … doch ich weiß nicht, wie es ist, einen Penis zu berühren und zu spüren, dass es der eigene ist.

Hat es dir etwas ausgemacht? Du hast dich zu Männern hingezogen gefühlt, du hast dich danach gesehnt, eine Frau zu sein. Wenn du deinen Penis berührt hast, war er dir fremd? Hast du ihn in deiner Phantasie in etwas anderes verwandelt?

Ich versuche mich in Lisa hineinzuversetzen, zu empfinden, wie sie empfunden haben mag, doch die Erfahrung bleibt mir verschlossen.

Ich nehme mir die nächste Schublade vor und finde lediglich ein paar Taschentücher.

Ich gehe zur Kommode und durchsuche weitere Schubladen. Sie sehen aus wie meine eigenen. Ich sehe keinerlei Männersachen. BHs, Höschen, T-Shirts, Jeans. Genauso der begehbare Kleiderschrank – eine Mischung aus Kostümen, Hosenanzügen und tonnenweise Schuhen. Lisa hatte einen guten Geschmack, ein klein wenig zu schrill, um klassisch zu sein, und trotzdem relativ unaufdringlich. Freche Anspielungen, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen.

Ich verlasse das Schlafzimmer und wende mich dem angrenzenden Bad zu. Erneut springt es mich förmlich an: Dies ist die Wohnung einer Frau. Make-up, Luffa, Seife mit Lavendelduft. Badeperlen, pinkfarbene Damenrasierer, ein Handcremespender. Selbst der Toilettendeckel ist heruntergeklappt. Hat sie im Sitzen gepinkelt? Oder im Stehen?

Der Arzneischrank ist der eines gesunden Menschen. Ich sehe Aspirin, Pflaster, Verbandmull und dergleichen. Keine Antidepressiva, keine verschreibungspflichtigen Schmerzmittel – überhaupt keine Medikamente, was mich verblüfft, bis es mir aufgeht: Lisa hat ihre Medikamente mitgenommen auf ihre Reise nach Texas.

Unter dem Waschbecken sind ein Wischlappen und Badreiniger. Auf dem Fußboden steht eine digitale Waage, und ich steige aus Gewohnheit darauf, immer noch in dem Bemühen, Lisa zu sein. Ich stelle mir vor, wie ich die Lügen der Anzeige ignoriere, so wie Lisa es getan hätte. Ein letztes Innehalten, ein Blick in die Runde, und ich verlasse das Bad, um mich in ihrem Arbeitszimmer umzusehen.

Das Büro ist in den gleichen dunklen Erdtönen gehalten wie die gesamte Wohnung. Vor dem Fenster steht ein Schreibtisch. Lisa konnte nach draußen schauen, wenn ihr danach war, während ihr Flachbildschirm gleichzeitig vor dem grellen Sonnenlicht geschützt wurde. Der Schreibtisch selbst besteht aus dunklem Holz und ist weder besonders massiv noch ausgesprochen zierlich, sondern irgendwo dazwischen. Offenbar stand Lisa auf Holz. Ich habe nur sehr wenig Metall an ihren Möbeln gesehen.

Neben dem Schreibtisch steht ein Aktenschrank. An der Wand gegenüber ein hohes Bücherregal, ebenfalls aus dunklem Holz. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf die Buchrücken. Es handelt sich fast ausnahmslos um Reiseführer für Schwule und Lesben.

Ein Blick in den Aktenschrank enthüllt nichts von unmittelbarem Interesse. Wir müssen alles gründlich durchgehen, doch das ist nicht der Grund, warum ich jetzt hier bin. Ich suche nach etwas, irgendetwas, das mir ins Auge springt, das uns helfen könnte, die richtige Fährte aufzunehmen.

Ich sehe mir den Schreibtisch genauer an. Er ist sauber, nichts außer einer kleinen Schale und einem Stift darin. Ich schließe die Augen, versuche mir Lisas morgendliche Routine vorzustellen. Ich schlüpfe aus den Schuhen, weil sie wahrscheinlich barfuß im Haus umhergelaufen ist – der Grund für den dicken Teppichboden überall.

Ich stelle mir vor, wie sie aufwacht, zur Kaffeemaschine geht, sich einen heißen Kaffee einschenkt und mit verschlafenen Augen an den Schreibtisch kommt, vor dem Computer Platz nimmt …

Nein. Falsch.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Lisa und mir. Wenn ich morgens erwache, mögen meine Haare eine Katastrophe sein, ich habe Ränder unter den Augen, ich denke vielleicht sogar, dass ich meine Oberlippe mit Wachs enthaaren muss – aber ich muss niemals befürchten, dass jemand unangekündigt vor meiner Haustür steht und herausfindet, dass ich in Wirklichkeit gar keine Frau bin.

Lisa hatte genau diese Sorge. Eine beständige Sorge. Ich schließe die Augen und kehre an den Ausgangspunkt zurück.

Ich stelle mir vor, wie sie aufwacht. Ihr erster Weg führt sie ins Bad. Duschen, Beine rasieren, falls nötig, Zähneputzen. Haare machen. Make-up auflegen – nichts besonders Schickes, nur so viel, dass es ein Frauengesicht ist, das ihr aus dem Spiegel entgegenblickt. Wir alle sind auf die eine oder andere Weise Sklaven des Spiegels, doch für Lisa hatte er eine noch viel weiter reichende Bedeutung.

Die Kleidung ist leger, eine weite Jogginghose und ein T-Shirt sind okay, doch das Gesicht muss fertig sein, bevor sie sich einen Kaffee einschenkt. Es ist das Erste, was sie am Morgen nach dem Aufwachen tut – sie bereitet sich auf die Möglichkeit vor, dass Gott weiß wer sie sieht.

Jetzt passt auch der Rest: der Kaffee, der barfüßige Weg in dieses Arbeitszimmer.

Ich setze mich vor ihren PC und schalte ihn ein. Der Desktop-Hintergrund ist ein atemberaubendes Bild der ägyptischen Pyramiden vor einem wolkenlos blauen Himmel.

Ich öffne den Webbrowser und gehe den Verlaufsordner durch, um herauszufinden, welche Seiten Lisa besucht hat. Es ist eine Mischung aus Shopping und Geschäft. Ich entdecke ihre eigene Webseite, Rainbow Travels. Die erste Seite zeigt ein Foto von Lisa, lächelnd und hübsch. Hätte ich nur dieses Bild, ich würde im Traum nicht auf den Gedanken kommen, sie könnte mal ein Mann gewesen sein.

Fotos …

Ich stehe auf, gehe aus dem Arbeitszimmer zurück ins Wohnzimmer, ins Schlafzimmer … Ich hatte recht. Keine Fotos an den Wänden. Keine Bilder von ihrer Familie, keine Schnappschüsse von Rosario oder Dillon, nicht mal ein Foto von ihr selbst. Ein Picasso-Kunstdruck und ein Schwarzweiß-Poster von Ansel Adams. Mehr nicht.

Das macht mich nachdenklich. Warum keine Fotos? War die Vorstellung unangenehm für sie, jeden Tag ihre Eltern zu sehen? Oder war es einfach eine Fortsetzung ihrer Bemühungen, die Eltern vor ihrem eigenen Leben zu schützen? Damit kein Besucher einen Zusammenhang herstellen konnte?

Ich kehre ins Arbeitszimmer zurück, setze mich wieder vor den Computer und sehe ihre E-Mails durch. Massenhaft geschäftliche Korrespondenz, E-Mails im Zusammenhang mit Online-Käufen … aber auch hier gibt es merkwürdigerweise nichts, rein gar nichts Persönliches.

Es ist wie eine Cyberspace-Version der fehlenden Familienfotos.

Allmählich entwickle ich eine Vorstellung von Lisa, die Rosarios Annahme vom zufriedenen Leben ihrer Tochter widerspricht. Zugegeben, das Haus ist hübsch. Lisa hatte ihr eigenes Reiseunternehmen, sie hatte einen Flachbildfernseher und Marihuana und Babyöl, alles schön und gut – doch in mir regt sich der Verdacht, dass diese Wohnung ein Ort der Einsamkeit war, ein Ort der täglichen Routine und des Verlassenseins.

Ich finde keine E-Mails an Freundinnen oder Freunde, und auch Lisa selbst hat keine erhalten. Keine Besuche auf Dating-Seiten, nicht der geringste Hinweis darauf, dass sie nach draußen gegangen wäre.

Ich stoße einen Seufzer aus und lehne mich im Bürosessel zurück. Ich bin unzufrieden. Wo ist Lisa in dieser Wohnung? Wo ist ihre Seele?

Mein Fuß berührt irgendetwas unter dem Schreibtisch. Stirnrunzelnd schiebe ich den Sessel zurück, beuge mich vor und hebe es auf. Als ich sehe, was ich da gefunden habe, geht mein Puls schneller.

Es ist ein braunes, in Leder gebundenes Notizbuch, auf dessen Vorderseite in goldenen Buchstaben das Wort »Journal« geprägt ist.

»Endlich kommen wir einen Schritt weiter«, murmle ich.

Der erste Eintrag liegt eine Woche zurück. Lisa hat eine hübsche, geschwungene, gut zu lesende Handschrift. Ich fange an zu lesen.

Ich weiß überhaupt nicht, warum ich diese Tagebücher führe. Vielleicht, um meine Einsamkeit zu dokumentieren. Ich weiß es wirklich nicht.

Jedenfalls hilft es, sich dann und wann hinzusetzen und die Worte zu schreiben: Ich bin einsam. Ich bin einsam. Ich bin so verdammt einsam.

Gestern habe ich in der Bibel gelesen, im ersten Brief an die Korinther. Ich habe darin gelesen und musste weinen. Ich weinte, weinte, weinte. Ich konnte nicht anders. Da steht:

Liebe ist langmütig, Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie ist nicht ungehörig, sie ist nicht selbstsüchtig, sie lässt sich nicht zum Zorn reizen, sie trägt das Schlechte nicht nach. Die Liebe erfreut sich nicht am Unrecht, sondern an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles und hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.

Ich las diese Zeilen, und für einen Moment hatte ich das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Es schmerzte so sehr, dass ich glaubte, zerspringen zu müssen.

Es war die Frage, die diese Zeilen in mir aufsteigen ließ: Werde ich jemals einen Menschen haben, dem ich diese Worte sagen kann? Jemals im Leben? Wird irgendwann einmal jemand so für mich empfinden?

Gibt es einen Mann da draußen, der mich küsst und der herausfindet, was ich bin, und mich trotzdem weiter küsst und bei mir bleibt?

Und wenn es ihn gibt – werde ich ihn erkennen, wenn er mir begegnet?

Ich weiß, ich weiß. Ich bin auf einer Reise, und es ist ein Marathon und kein Sprint. Aber manchmal habe ich Zweifel. Zweifel an mir selbst. Zweifel an meinen eigenen Entscheidungen. Manchmal – ich schäme mich, es zu sagen – habe ich sogar an Gott meine Zweifel.

Wie kann ich Gott anzweifeln? Gott ist der Einzige, der immer für mich da gewesen ist.

Verzeih mir, Gott.

Manchmal fühle ich mich nur so schrecklich einsam.

Ich lese diese Zeilen und schlucke mühsam. Dann gehe ich zum nächsten Eintrag. Er ist zwei Tage nach dem ersten datiert.

Nana ist tot. Keine Überraschung, aber es tut trotzdem weh. Nana war Rassistin. Nana hätte mich nicht akzeptiert, wie ich jetzt bin – ich habe sie trotzdem geliebt, ich konnte nicht anders. Immerhin hat sie mein Geheimnis stets bewahrt. Das große Geheimnis. Sie hat mich weiter geliebt, selbst nach dieser schrecklichen Sache, jenem schmachvollsten Akt, den ich jemals begangen habe...

Ich runzle die Stirn. Der Eintrag ist zu Ende. Ich streiche mit dem Finger über die Innenseite und merke, dass Seiten aus dem Tagebuch herausgerissen wurden. Ich blättere die weiteren Seiten durch.

Dann sehe ich es.

Und erstarre.

Meine Hände zittern, als ich das Tagebuch weiter aufklappe, um genauer hinzusehen, um sicher zu sein, dass ich tatsächlich sehe, was ich sehe.

Ganz oben auf einer Seite. Ein handgemaltes Symbol.

Ein Schädel und gekreuzte Knochen.

Darunter steht:

WAS SAMMLE ICH? Das ist die Frage, und diese Frage ist der Schlüssel. Beantworte sie schnell, oder es werden noch mehr Menschen sterben.

Ich lasse das Tagebuch auf den Schreibtisch fallen. Mein Herz schlägt rasend schnell.

Das ist er. Er war hier, in ihrer Wohnung. Der Mann aus dem Flugzeug.

Der Mann, der Lisa umgebracht hat.

KAPITEL 7

»Also lässt er Hinweise zurück.«

Alan meint es als Feststellung, und er hört sich nicht gerade glücklich an.

»Und er hat eine Frist gesetzt. Schnappt mich, oder ich töte weiter.«

In dem Augenblick, als mir klar wird, dass der Täter ein Serienkiller ist, bleibt alles stehen. Es ist ein Augenblick vollkommener Stille. Der Atem stockt, die Erde hört auf sich zu drehen, und ein leises Summen erfüllt meinen Kopf und pulsiert durch meine Adern.

Es ist ein furchtbarer, aber notwendiger Augenblick, in dem ich die Bürde meines Berufs auf mich lade: Bis ich ihn (oder sie, Singular oder Plural) gestellt habe, geht das Töten weiter. Jeden Mord, der von nun an begangen wird, habe auch ich zu verantworten.

Es ist eine Sache zu wissen, dass die Psychopathen, die wir jagen, so lange töten, bis wir sie erwischen. Doch es ist eine vollkommen andere Sache, wenn sie dir klipp und klar sagen, dass sie bereits das nächste Opfer ins Visier genommen haben. Es ist eine ganz andere Größenordnung, was den Druck betrifft.

»Verdammt.« Alan seufzt. »Ich bin diese Arschlöcher leid. Begreifen die denn niemals, dass sie bloß ganz gewöhnliche Mörder sind?«

»Für sie ist es jedes Mal neu.«

»Ja, klar. Was hast du jetzt vor?«

Ich habe zuerst Alan angerufen, ohne großartig darüber nachzudenken. Ich musste mit jemandem reden, musste jemandem erzählen, was ich gefunden habe. Inzwischen verebbt der Adrenalinschock allmählich.

»Woran arbeitest du gerade, Alan?«, frage ich.

»Der Kerl hat sein Flugticket mit einer Kreditkarte bezahlt. Es ist eine gültige Karte, ausgestellt vor ein paar Jahren. Ich habe eine Adresse und bin auf dem Weg dorthin.«

Meine Zuversicht sinkt.

»Wie lautet der Name auf der Kreditkarte?«

»Richard Ambrose.«

»Der echte Richard Ambrose ist tot, Alan, wer immer er war.«

»Ich weiß.«

Hätte der Killer seine Identität völlig neu erfunden, wäre die Kreditkarte erst in jüngerer Zeit ausgestellt worden.

»Er hat wahrscheinlich jemanden gefunden, der seiner eigenen Personenbeschreibung nahekam«, überlege ich laut. »Das hilft uns vielleicht ein Stück weiter.«

»Möchtest du, dass ich zu diesem Ambrose fahre? Oder soll ich zu dir kommen?«

»Fahr zu Ambrose, ich komme hier schon zurecht.«

»In Ordnung. Ned und ich sehen uns die Sache an, dann melden wir uns bei dir.«

In seiner Zeit beim Morddezernat hat Alan von seinem Mentor gelernt, dass das Notizbuch der beste Freund eines Ermittlers ist und dass ein Freund einen Namen haben sollte. Alan gab seinem Notizbuch den Namen »Ned«. Dieser Name ist bis heute geblieben. Im Laufe der Zeit habe ich viele Inkarnationen Neds aus den unterschiedlichsten Innentaschen kommen sehen. Ned war stets ein zuverlässiger Freund.

»Okay, Alan.«

»Bist du sicher, dass du zurechtkommst?«

»Absolut. Mach weiter wie geplant.«

»Eieieiei«, murmelt Callie, nachdem ich ihr alles erzählt habe. »Unser verrückter Hänsel, der uns eine Spur aus blutigen Brotkrumen hinterlässt.«

James hatte recht: Der Killer nimmt irgendetwas von seinen Opfern. Er hat es selbst geschrieben.

»Wie kommt ihr voran?«, frage ich.

»Wir sind mit dem Staubsaugen fertig. Keine Ahnung, wie sehr uns das weiterhilft, bevor nicht ein Labor den Inhalt des Beutels untersucht hat. Ich konnte keine Fingerabdrücke finden, nur ein paar verwischte Bereiche auf den Lehnen, wo man normalerweise Abdrücke erwarten würde.«

»Er hat sie wahrscheinlich selbst abgewischt.«

»Ja. Ein Dummkopf ist er nicht. Aber das hatten wir ja gleich vermutet.«

»Jede Wette, dass er im System ist.«

»Wieso?«

»Er lässt bewusst Hinweise für uns zurück, Callie. Wir sollen wissen, dass er da ist. Er will, dass wir ihn jagen. Warum macht er sich dann die Mühe, seine Fingerabdrücke zu verwischen? Ich nehme an, weil er weiß, dass sie uns direkt zu ihm führen würden.«

»Hmmm. Falls ja, ist es zwar nicht unmittelbar beweisdienlich, aber es hilft weiter. Es bedeutet, dass der Kerl entweder aktenkundig oder Regierungsangestellter ist … oder dass er beim Militär war.«

»Das ist doch schon was. Noch mehr?«

»Bis jetzt nicht. Wir werden gleich die Sitzkissen abnehmen. Und ich muss noch das Gepäckfach über der Sitzreihe nach Fingerabdrücken untersuchen, dann sind wir hier fertig.«

»Ich möchte, dass ihr als Nächstes hierherkommt. Wir müssen das Haus nach Spuren absuchen.«

Callies Antwort ist ein übertrieben dramatisches Seufzen. »Keine Ruhepause für die zukünftige Braut, oder wie?«

Ich muss kichern. »Entspann dich. Marilyn arbeitet doch sicher noch an der Logistik des schönsten Tages in deinem Leben?«

Marilyn ist Callies Tochter, und sie hat die Planung der Hochzeitsfeier übernommen.

»Es ist nicht Marilyn, um die ich mir Sorgen mache. Es ist ihre Gehilfin.«

Ich runzle die Stirn. »Ihre Gehilfin?«

»Kirby Mitchell.«

Ich hebe die Augenbrauen. »Du meinst … unser Strandhase Kirby?«

»Kennst du sonst noch eine Kirby?«

Kirby Mitchell ist ein exzentrischer weiblicher Bodyguard. Ich hatte sie vor ein paar Jahren angeheuert, um ein potenzielles Opfer zu beschützen. Kirby ist Anfang dreißig, einsfünfundsechzig groß, blond und blauäugig. Sie sieht aus wie eines der hübschen, braun gebrannten kalifornischen Strandbunnys. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine ganz andere Kirby. Sie ist in Wirklichkeit eine Ex-CIA-Agentin – oder »irgendwas in der Art«, wie sie gerne immer wieder sagt. Gerüchten zufolge hat sie in Zentral- und Südamerika mehrere Jahre als Auftragskillerin für die Regierung der Vereinigten Staaten gearbeitet, bevor sie sich in dieser Branche selbstständig gemacht hat. Ich hege nicht die geringsten Zweifel an den Gerüchten um Kirby. Sie ist trotz ihres Zahnpasta-Lächelns und ihrer ständig guten Laune ein eiskalter Profi und tödlich wie eine Klapperschlange.

Außerdem ist sie loyal und humorvoll und hat es irgendwie fertiggebracht, sich in unser Team einzuschmuggeln.

»Wieso ausgerechnet Kirby?«, frage ich.

»Für einen weiblichen Profikiller hat sie einen sehr guten Geschmack, Smoky. Superb.«

»Verstehe.«

»Allerdings benötigt sie jemanden, der auf sie aufpasst, weißt du?«

»Oh ja, ich weiß.«

Kirby ist skrupellos, wenn es um die Umsetzung spontaner Entschlüsse geht, und ihr moralischer Kompass benötigt hin und wieder den einen oder anderen Stubser.

Callie seufzt. »Ich bin sicher, dass alles in Ordnung kommt. Wenn jemand versucht, sich ungebührlich an uns zu bereichern, soll Kirby ihm nicht allzu sehr wehtun, hab ich ihr gesagt.«

»›Nicht allzu sehr wehtun?‹«, frage ich.

Ich kann Callie beinahe grinsen hören. »Welchen Sinn hat es, eine Profikillerin als Hochzeitsplaner zu beschäftigen, wenn du sie nicht einmal dazu benutzen kannst, Dienstleister einzuschüchtern?«

Ich rufe Rosario Reid an und informiere sie in aller Kürze über unsere bisherigen Ergebnisse. Sie schweigt ein paar Sekunden.

»Er … er war dort? Der Mann, der meine Lisa ermordet hat, war in ihrer Wohnung?«

»Ja.«

Neuerliches Schweigen. Ich weiß, was sie empfindet. Trauer, Wut, unbezähmbaren Hass. Den ohnmächtigen Wunsch, den Mistkerl zu zerquetschen, der ihrer Tochter das angetan hat, der ungestraft durch Lisas Wohnung und durch ihr Leben spaziert ist und ihr, Rosario, das Kind nahm.

»Rosario, ich muss diese Frage stellen: Wissen Sie vielleicht, worüber Lisa in ihrem Tagebuch geschrieben hat? Das große Geheimnis, das sie erwähnt?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

Wirklich nicht? Oder lügst du mich an?

Ich lasse das Thema auf sich beruhen – für den Augenblick.

Rosario seufzt. »Was werden Sie als Nächstes tun?«, fragt sie.

»Sobald meine Leute mit dem Flugzeug fertig sind, kommen sie hierher in Lisas Wohnung. Sie werden das Haus von oben bis unten auf den Kopf stellen.«

»Ich verstehe.« Wieder Schweigen. »Danke, dass Sie mich auf dem Laufenden halten, Smoky. Bitte rufen Sie mich an, wenn Sie irgendetwas brauchen.«

Sie legt auf. Mir wird jetzt erst bewusst, dass sie mich nicht danach gefragt hat, was sonst noch in Lisas Tagebuch geschrieben steht.

Vielleicht bist du am Ende ja doch zu Unehrlichkeit imstande, Rosario? Vielleicht fürchtest du dich insgeheim davor herauszufinden, dass Lisa nicht ganz so glücklich war, wie sie dir immer erzählt hat?

Ich kann es ihr nicht verdenken. Auch ich will, dass die Erinnerungen an meine Alexa so makellos sind wie nur möglich.

Mein Handy summt. Es ist Alan.

»Richard Ambrose ist tot«, sagt er ohne Umschweife. »Seine Leiche liegt noch hier im Haus.«

Ich fluche in mich hinein. Diese Sache gleitet mir aus der Hand.

»Gib mir die Adresse, Alan. Ich nehme mir ein Taxi und komme zu dir.«

KAPITEL 8

ist es fast zehn Uhr morgens, und so langsam fühle ich mich wie jemand, der eine Nacht durchgemacht hat. Meine Augen sind trocken, ich habe einen schlechten Geschmack im Mund und Schmerzen, die ich normalerweise gar nicht kenne.

Ich konzentriere mich auf das Wetter und den Himmel, um mich wachzurütteln. Die Kälte hat die Luft gereinigt, und der Himmel ist unglaublich blau. Als ich aus dem Taxi steige, erfasst mich der Wind. Er ist beißend, doch nicht unangenehm. Die Sonne brennt kalt vom Himmel – nur Licht, keine Wärme.

Richard Ambrose hat in einem mittelgroßen älteren Haus gewohnt. Es besitzt ein weit vorspringendes Schrägdach – typisch für Häuser in Gegenden, in denen viel Schnee fällt. Das Äußere ist größtenteils grauer Stein, aufgehellt an verschiedenen Stellen mit blauen und weißen Säumen. Das Haus steht inmitten eines großen umzäunten Gartens voller Herbstblätter.

Es ist eine stille, bezaubernde Gegend. In mir steigen Visionen von Apfelcider an Halloween auf, an Kinder, die diese Blätter auf dem Rasen zu einem Haufen zusammenkehren, um anschließend darauf zu springen. Ich gehöre nicht zu jenen Kaliforniern, die der Meinung sind, dass Kalifornien allen anderen Bundesstaaten überlegen sei oder gar der einzige Ort, an dem man es aushalten kann. Ich kann verstehen, wie anziehend ein Ort wie dieser wirken muss, was für eine Ausstrahlung er besitzt. Ich könnte mir sogar vorstellen, hier zu leben – wäre nicht der verdammte Schnee.

Ich hasse den Schnee.

Ich bezahle das Taxi und schicke es fort, und dann stapfe ich durch das raschelnde Herbstlaub zur Betonveranda. Ich sehe, wie der Nachbar zur Linken hinter einem Vorhang hervorspäht. Die Vordertür ist aufgebrochen. Ich trete ein und finde mich umhüllt vom widerlichen, süßlichen Geruch nach Tod und Verwesung.

»O Gott …« Ich schlucke mühsam, um den Brechreiz zu unterdrücken, und zwinge mich, die Tür hinter mir zu schließen.

Das Innere des Hauses ist warm – wärmer, als es sein sollte, als hätte jemand die Heizung hochgedreht.

Ist das ein kleines Geschenk an uns?, frage ich den Killer. Hast du das Haus mit Absicht in eine Sauna verwandelt, damit der Leichnam zu stinken anfängt?

Ich atme tief durch die Nase ein und aus und kämpfe gegen den Würgereiz an, der mich erfasst. Ich habe keine Maske, die ich aufsetzen könnte, und kein Menthol, das ich mir unter die Nase reiben kann. Das Atmen ist ein weiterer Trick: Atme den Gestank in vollen Zügen ein und überlaste den Riechnerv, bis er den Dienst quittiert. Doch nichts funktioniert zu hundert Prozent – nichts außer einer Gasmaske. Der Geruch des Todes ist zu durchdringend.

Das Innere des Hauses passt zum Äußeren. Antike Einrichtungsgegenstände. Ich sehe überall dunkle Hartholzdielen, und obwohl das Holz glänzt, ist es verkratzt und abgenutzt – edles, altes Holz. Die Wände sind Feinputz, und die Lampen sind ebenso alt wie authentisch.

»Alan?«, rufe ich gedämpft.

»Oben«, kommt seine Antwort.

Die Treppe in den ersten Stock liegt der Haustür gegenüber. Sie ist schmal und zu beiden Seiten von einer Wand gesäumt. Ich steige die Stufen hinauf, die ohne Ausnahme knarren und quieken – noch mehr von diesem alten Holz. Der Gestank nach verwesendem Fleisch wird von Sekunde zu Sekunde stärker.

Ich erreiche den oberen Absatz und finde mich vor einer Wand wieder. Ein Flur führt nach rechts und links.

»Wo bist du?«, rufe ich erneut.

»Elternschlafzimmer!«, ruft er zurück. Seine Stimme kommt von links.

Ich wende mich nach links und lausche den Dielen, die protestierend knarzen, als ich über sie hinweggehe. Es klingt wie ein mürrischer alter Mann. Ich komme an einem Kunstdruck an der Wand vorbei, eine Zeichnung von Picasso, Don Quichotte auf seinem Pferd.

Ich erreiche das Schlafzimmer, trete ein.

»Gottverdammt!«, entfährt es mir, und ich verziehe das Gesicht.

Alan steht am Fuß des Bettes und starrt auf etwas hinunter, das einmal ein Mensch gewesen ist.

Ambrose liegt auf dem Rücken, die Arme an den Seiten. Er ist nicht mehr aufgedunsen. Seine Haut hat eine cremige Konsistenz, an anderen Stellen ist sie bereits schwarz, und Körperflüssigkeiten sind über die Matratze gelaufen und tropfen auf beiden Seiten des Bettes zu Boden. Der Gestank hier drin ist überwältigend.

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