Logo weiterlesen.de
Das Auge von Tibet

Eliot Pattison

DAS AUGE
VON TIBET

Shan ermittelt

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Thomas Haufschild

Bild

Für Barbara

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Danksagung

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Anmerkung des Verfassers

Glossar der fremdsprachigen Begriffe

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

Danksagung

Im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte haben zahlreiche Tibeter, Kasachen, Uiguren und Chinesen mich vertrauensvoll in ihre Geschichten eingeweiht und mir dadurch tiefe Einblicke in das Dasein der verschiedenen Völker gewährt, die auf dem Staatsgebiet des heutigen China leben. Ihnen allen bin ich für die vielen Informationen und Anregungen zu aufrichtigem Dank verpflichtet, doch aus naheliegenden Gründen müssen ihre Namen ungenannt bleiben.

Ferner bedanke ich mich bei Natasha Kern, Michael Denneny und Kate Parkin für die verläßliche Unterstützung und die weisen Ratschläge, mit denen sie mich sicher durch die Untiefen des Verlagswesens gelotst haben. Besonderer Dank gebührt auch Christina Prestia, Dr. Scott Pattison und Ed Stackler.

Am Ende dieses Buches findet sich ein Glossar der häufiger benutzten fremdsprachigen Begriffe.

Kapitel Eins

Alles in Tibet hängt mit dem Wind zusammen. Nur der Wind läßt die Gebetsfahnen und ihre Fürbitten gen Himmel flattern, nur der Wind bringt Kälte, Wärme und lebenspendendes Wasser über das Land, und nur der Wind versetzt sogar die Berge in Bewegung, indem er Wolken über die steilen Hänge treibt. Shan Tao Yun stand auf einem hohen Felsvorsprung, ließ den Blick in die Ferne schweifen und mußte an einen Lama denken, der einst zu ihm gesagt hatte, erst in Tibet werde die menschliche Seele sich ihrer selbst bewußt, denn hier wehe der Wind unaufhörlich über die Menschen hinweg und veranlasse sie, sich ihm und der Welt entgegenzustemmen, wodurch ihre Seelen definiert würden und an Konturen gewännen. Nach fast vier Jahren in Tibet glaubte Shan dem Lama. Es war, als würde hier, im höchstgelegenen aller Länder, der Planet unter Ächzen und Stöhnen seine Rotation beginnen, seine Bewegung erlernen und das Dasein der Menschen so schwierig wie nirgendwo sonst gestalten.

Die Lamas hatten Shan eine Übung gelehrt, die Windsuche hieß und der Erleuchtung diente. Erweitere dein Bewußtsein auf die Luft um dich herum, und lasse dich darin treiben. Vergegenwärtige dir die Welt, die sie mit sich trägt, und nimm ihre Botschaften in dich auf. Um die Reise sicher fortsetzen zu können, würden Shan und seine Begleiter noch mehrere Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit abwarten müssen, und so ließ er sich mit übergeschlagenen Beinen auf seinem Platz hoch über dem Tal nieder und begann mit der Meditation. Trocknendes Heidekraut, spürte Shan. Ein Falke, der weit über das Tal aufstieg. Der liebliche und zugleich scharfe Duft des Wacholders, verbunden mit einem Anflug von Schneekälte. Das ferne Geschnatter der Erdhörnchen auf den mit Felsen übersäten Hängen. Und plötzlich, im Norden, ein einzelner verzweifelter Reiter, der eine wallende Staubwolke hinter sich herzog.

Als Shan eine Hand an die Stirn hob, um das Licht abzuschirmen und die sich nähernde Gestalt besser beobachten zu können, ertönte hinter ihm ein kurzer Warnruf. Er drehte sich um und sah, daß Jowa, sein tibetischer Führer, auf einen alten Mann wies, der auf die Kante des Vorsprungs zuging und dabei unter der breiten Krempe seines braunen Huts hinaus ins Tal starrte.

»Lokesh!« rief Shan und sprang auf, um seinen alten Freund zu packen, der nicht einmal zu bemerken schien, daß Shan seinen Arm nahm. Der alte Tibeter blinzelte kopfschüttelnd und behielt den Blick unverwandt auf den Reiter gerichtet, der vom anderen Ende des Tals herannahte.

»Geschieht das wirklich?« fragte Lokesh zögernd, als würde er seinen Augen nicht trauen. Am Vortag hatten sie auf dem Kamm eines Hügels eine große Schildkröte erspäht, was als gutes Omen galt. Lokesh wollte ihr unbedingt ein Opfer darbringen und mußte sich später entschuldigen, denn als sie das vermeintliche Tier endlich erreichten, hatte es sich bereits wieder in einen Felsen verwandelt.

»Die Gestalt ist von dieser Welt«, bestätigte Shan und sah ebenfalls zum Horizont.

»Der Reiter hat Angst«, sagte Jowa hinter ihnen. »Er schaut immer wieder über die Schulter zurück.« Shan wandte den Kopf und sah, daß er ihr abgewetztes Fernglas hervorgeholt und auf den Fremden gerichtet hatte. »Wenn er so weitermacht, ist das Pferd bald tot.« Der Tibeter sah wieder seine Gefährten an und schüttelte den Kopf. »Jemand ist hinter ihm her«, sagte er beunruhigt und reichte das Fernglas an Shan weiter.

Shan erkannte, daß der Reiter eine dunkle chuba trug, den schweren Schaffellmantel der dropkas, der Nomaden, die das ausgedehnte Hochland im Nordwesten Tibets durchstreiften. Die Staubwolke hinter dem Pferd des Nomaden war so undurchdringlich, daß Shan keinen Hinweis auf einen Verfolger ausmachen konnte. Er suchte die Landschaft ab. In drei Richtungen ragten meilenweit nur schneebedeckte Gipfel in den klaren blauen Himmel empor und beschatteten die zerklüfteten grasbedeckten Hügel am gegenüberliegenden Ende des Tals. Weder auf der langgezogenen, vom trockenen Herbstgras braunen Ebene, die sich unterhalb von ihnen erstreckte, noch auf dem schmalen, ungepflasterten Pfad, den sie in der Morgendämmerung verlassen hatten, war außer dem einzelnen Reiter irgendein Lebenszeichen zu entdecken.

Shan blickte nach unten auf ihren verbeulten alten Lastwagen der Marke Jiefang, der etwa dreißig Meter abseits des Weges hinter einem großen Felsen versteckt stand, gab dann das Fernglas zurück und trat in den Schatten des Überhangs, unter dem sie nach ihrer nächtlichen Fahrt Zuflucht gesucht hatten.

Nach drei Metern, an der dunkelsten Stelle des Lagers, ließ Shan sich auf die Knie nieder. Neben der Asche des kleinen Feuers, in dem sie sich als einzige warme Mahlzeit des Tages Gerstenmehl geröstet hatten, steckte in einem winzigen Steinhaufen ein einsames Weihrauchstäbchen, und auf einer gefalteten Decke aus Yakfilz verharrte schweigend im Lotussitz ein Mann in einer kastanienbraunen Robe. Sein graues Haar war kurz geschoren, und sein schmales Gesicht wäre vielen Betrachtern vermutlich alt vorgekommen. Shan hingegen fiel beim Gedanken an Gendun niemals das Wort »alt« ein, so wie er auch nie auf die Idee gekommen wäre, die Berge als »alt« zu bezeichnen.

Der Lama hatte die Augen fast vollständig geschlossen und befand sich in einem Zustand, der für ihn dem Schlaf am nächsten kam. Während der Nacht, wenn sie in dem alten Lastwagen unterwegs waren, lehnte Gendun es rundheraus ab, sich zur Ruhe zu begeben, und auch bei Tag, wenn seine drei Begleiter rasteten, legte er sich nicht zum Schlafen nieder, sondern versank lediglich in tiefer Meditation.

»Rinpoche«, flüsterte Shan und sprach ihn damit als ehrwürdigen Lehrer an. »Wir müssen vielleicht vorzeitig aufbrechen. Es gibt Schwierigkeiten.«

Gendun ließ durch nichts erkennen, ob er ihn gehört hatte.

Shan schaute zu Jowa, der mit dem Fernglas abermals die Gegend hinter dem Reiter absuchte, und wandte sich dann wieder Gendun zu. Erst da bemerkte er, daß der Lama mit seinen Fingern ein mudra gebildet hatte, eines der Symbole zur Konzentration der inneren Kraft und gleichzeitig ein Ausdruck der Verehrung Buddhas. Die Handgelenke lagen über Kreuz, die Handteller wiesen nach außen, und die kleinen Finger waren verschränkt, um die Form einer Kette anzudeuten. Es war ein ungewöhnliches mudra, das Shan bei Gendun noch nie zuvor gesehen hatte. Der Name des Symbols lautete Seelenbezwinger. Shan erschauderte kurz und erhob sich dann, um wieder an Jowas Seite zu treten.

Der junge Tibeter blickte den Abhang hinauf, der hinter ihnen lag, als suche er nach einer Möglichkeit, den Berg hinaufzuklettern. Sie wußten beide, daß es für die Angst des Reiters wahrscheinlich eine ganz bestimmte Erklärung gab. Shan sah erneut zu ihrem Lastwagen. Sie konnten bloß hoffen, daß niemand das Fahrzeug bemerken würde. Es wäre wirklich mehr als ärgerlich, hier oben auf diesem abgelegenen Plateau erwischt zu werden, so kurz vor ihrem Ziel. Nicht nur wegen der Qualen, die ihnen beim Büro für Öffentliche Sicherheit drohten, sondern vor allem, weil sie damit Gendun und die anderen Lamas enttäuschen würden, von denen sie ausgesandt worden waren.

Lokesh seufzte. »Ich dachte, es würde länger dauern«, sagte er und berührte die Perlen, die an seinem Gürtel hingen. »Diese Frau«, fügte er geistesabwesend hinzu, »sie muß noch immer zur Ruhe gebracht werden.«

Zur Ruhe gebracht werden. Diese Worte führten Shan ein weiteres Mal vor Augen, wie verschieden sie alle waren und wie unterschiedlich sie die seltsame Aufgabe zu betrachten schienen, die man ihnen zugewiesen hatte. Shan war in ihrem gemeinsamen Bergrefugium von Gendun und einigen anderen Lamas aus seiner Meditationszelle gerufen worden. Die Männer hatten auf Kissen rund um ein knapp zweieinhalb Meter durchmessendes Mandala gesessen, das erst an jenem Nachmittag fertiggestellt worden war. Vier Mönche hatten sechs Monate an diesem detaillierten Lebenskreis gearbeitet, dessen Hunderte von komplizierten Figuren allesamt aus buntem Sand bestanden. In einer großen Kohlenpfanne hatte wohlriechender Wacholder gebrannt, und Dutzende von Butterlampen hatten die Kammer erhellt. Aus einem Raum unter ihnen war wie ferner Donner ein leises Grollen zu vernehmen gewesen. Es hatte von einer riesigen Gebetsmühle gestammt, die sich nur durch die vereinten Kräfte zweier starker Mönche in Drehung versetzen ließ. Eine Viertelstunde lang hatten sie sich in stummer Ehrerbietung auf das Mandala konzentriert, dann hatte Gendun, der dienstälteste Lama, das Wort ergriffen.

»Du wirst im Norden gebraucht«, hatte er Shan mitgeteilt. »Eine Frau namens Lau ist getötet worden. Eine Lehrerin. Und ein Lama wird vermißt.« Sonst nichts. Die Lamas interessierten sich kaum für den Rest der Welt und waren sehr zögerlich, etwas als Tatsache anzuerkennen. Gendun hatte ihm die grundlegende Wahrheit des Ereignisses verkündet; alles Weitere wäre den Lamas ohnehin nur als reines Gerücht erschienen. Gemeint hatten sie folgendes: Dieser Lama und die Tote mit dem chinesischen Namen waren für sie von entscheidender Bedeutung, und Shan sollte nun alle anderen Wahrheiten rund um diesen Mord herausfinden.

Shan hatte nicht gewußt, wie lange die Reise dauern würde. Als er weisungsgemäß an dem geheimen Durchgang erschienen war, der zurück in die Außenwelt führte, hatte er angenommen, er solle das der Einsiedelei am nächsten gelegene Dorf am nördlichen Ende des Tals von Lhadrung aufsuchen. Auch war ihm keinesfalls klar gewesen, daß Gendun beabsichtigte, ihn zu begleiten. Selbst als der Lama persönlich am Ausgang aufgetaucht war, hatte Shan zunächst geglaubt, sein Lehrer wolle ihn verabschieden. Dann jedoch hatte er Genduns Füße gesehen. Der Lama hatte unter seinem Gewand nicht etwa die üblichen Sandalen getragen, sondern schwere Schnürstiefel.

Sie waren bis zum Anbruch der Dämmerung gegangen und hatten Lokesh an der alten Hängebrücke getroffen, die das geheime Kloster mit dem Rest der Welt verband. Der alte Tibeter und Shan hatten sich herzlich umarmt. Während der gemeinsamen Haft im Arbeitslager von Lhadrung waren sie gute Freunde geworden. Dann waren sie zu dritt eine weitere Stunde gewandert, bis ein Lastwagen neben ihnen gehalten hatte. Shan hatte anfangs an einen reinen Zufall gedacht, an den Gefallen eines freundlichen Fahrers. Doch der Fahrer war Jowa gewesen. Gendun hatte sich zum erstenmal in der Nähe einer modernen Maschine befunden und das Fahrzeug mit großen Augen gemustert. Er hatte erst den Lastwagen gesegnet, danach Jowa und war eingestiegen. Jowa hatte Shan mit einem mißmutigen Blick bedacht, dann den Motor angelassen und war zwölf Stunden ohne Pause gefahren. Seitdem waren sechs Tage vergangen.

Shans Verwirrung hatte immer mehr zugenommen. Vergeblich rechnete er jeden Tag aufs neue mit ein paar klärenden Worten von Gendun. Lokesh dagegen schien nie am Zweck ihrer Reise zu zweifeln. Seiner Ansicht nach würden sie die tote Lehrerin zur Ruhe bringen, sich also an die Seele der Frau wenden und sicherstellen, daß sie ein Gleichgewicht erlangt hatte und zur Wiedergeburt bereit war. In seinen Augen mußte die Frau sich an ihren Tod gewöhnen, so wie auch die Lebenden sich nach einer folgenschweren Veränderung auf die neuen Umstände einstellen mußten. Genaugenommen war das eigentliche Problem nicht der Tod an sich, denn für Lokesh und Gendun stellten Tod und Geburt zwei Seiten ein und derselben Münze dar. Aber ein Tod, auf den man nicht angemessen vorbereitet war, konnte eine Wiedergeburt schwierig werden lassen. Als damals im Arbeitslager einer der Mönche durch einen Steinschlag ums Leben gekommen war, war Lokesh zehn Nächte hintereinander wach geblieben, um der unvorbereiteten Seele so lange beizustehen, bis sie erkannt hatte, daß sie sich um eine Wiedergeburt bemühen mußte.

Shan blickte ein weiteres Mal ins Tal hinunter. Der Reiter kam nach wie vor mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf sie zu und beugte sich nun weit nach vorn, als würde er den Boden absuchen.

»Womöglich ist es einer deiner Freunde«, sagte Shan zu Jowa, der früher selbst ein Mönch gewesen war, bis das Büro für Religiöse Angelegenheiten ihm die Lizenz zur weiteren Ausübung dieser Tätigkeit verweigert hatte. Jowa glaubte nicht, daß ihre Aufgabe darin bestand, eine Seele zur Ruhe zu bringen. Man hatte eine Lehrerin ermordet, und ein Lama war verschwunden; genau das wurde den Tibetern von den Chinesen ständig angetan. Nach Jowas Verständnis hatte man ihn und die anderen gegen einen Feind ausgesandt. Shan beobachtete, wie ihr Fahrer sich unbewußt über die tiefe Narbe strich, die von seinem linken Auge bis zum Unterkiefer verlief. Während der Jahre in Tibet hatte Shan zahlreiche solcher Männer kennengelernt. Er kannte ihre unerbittlich harten Blicke und die Art, wie sie sich umwandten, wenn ihnen auf der Straße ein Chinese begegnete. Er wußte, welche Narben die Truppen der Öffentlichen Sicherheit hinterließen, die verächtlich Kriecher genannt wurden und gerne mit Peitschen aus Stacheldraht auf unliebsame Demonstranten einprügelten. Zu den Häftlingen der Zwangsarbeitsbrigade, aus der Shan vier Monate zuvor entlassen worden war, hatten viele Männer wie Jowa gehört.

Allerdings war Shan bereits während des ersten Tages ihrer Reise klargeworden, daß sich mit Jowa noch eine weitere grundlegende Wahrheit verband. Als sie auf eine Gruppe von Reitern getroffen waren, denen der ehemalige Mönch verstohlen eine Parole zuraunte, woraufhin die Männer sie auf einen Pfad abseits der Straße nach Lhasa führten, hatte Shan begriffen, daß Jowa ein purba war, ein Angehöriger der geheimen tibetischen Widerstandsbewegung, die sich nach dem rituellen Dolch der buddhistischen Zeremonien benannt hatte. Statt dem Mönchsgelübde folgte Jowa inzwischen einem anderen Schwur, dem heiligen Versprechen, die verbleibende Zeit seiner gegenwärtigen Inkarnation dem Kampf zur Erhaltung Tibets zu widmen.

»Nein, das ist keiner von uns«, stellte Jowa fest. »So nicht«, fügte er rätselhaft hinzu. »Falls es Soldaten sind, gehe ich zu dem Lastwagen«, sagte er mit leiser, nachdrücklicher Stimme. »Ich werde die Flucht nach Süden ergreifen und die Verfolger auf mich ziehen. Gendun und Lokesh kommen nicht schnell genug voran. Ihr müßt weiter nach oben klettern und euch verstecken.«

»Nein«, sagte Shan und ließ dabei den Reiter nicht aus den Augen. »Wir bleiben zusammen.«

Lokesh setzte sich an den Rand des Vorsprungs und streckte die Beine aus, als würde die nahende Bedrohung entspannend auf ihn wirken. Er nahm seine mala, die Gebetskette, vom Gürtel und ließ die Perlen wie unbewußt durch die Finger gleiten. »Ihr zwei seid stark«, sagte der alte Mann. »Gendun braucht euch. Ich bleibe beim Lastwagen. Wenn die Soldaten kommen, ergebe ich mich und behaupte, ich sei ein Schmuggler.«

»Nein«, wiederholte Shan. »Wir bleiben zusammen.« Jowa war für ihn unverzichtbar, denn der Fahrer kannte sich in der realen Welt aus, der Welt der Kriecher, der Kontrollpunkte und Armeepatrouillen. Lokesh hingegen besaß unersetzliche Kenntnisse der anderen Welt, in der die Lamas lebten. Um an den Ort des Todes zu gelangen, mußten sie Jowas Welt durchqueren, doch dann, dessen war Shan sich sicher, würde er die Antworten in der Welt der Lamas suchen müssen. Lokesh wäre selbst ein Lama geworden, hätte sein Weg als Novize ihn nicht vor langer Zeit, noch vor der Invasion der Chinesen, aus seinem Kloster in den Dienst der Regierung des Dalai Lama geführt.

Shan sah, daß Jowa die Leinentasche abnahm, die über seiner Schulter und der dicken Wollweste hing, und dann die Hand um den Griff der kurzen Klinge an seiner Taille legte. Über den Priester in seinem Innern verlor Jowa kein Wort, doch am Lagerfeuer erzählte er bisweilen stolz von seiner Abstammung, die sich bis zu den khampas zurückverfolgen ließ, den nomadischen Hirtenstämmen des östlichen Tibet, die seit Jahrhunderten als furchtlose Krieger bekannt waren. Mittlerweile beobachtete Jowa nicht länger den Reiter, sondern die Staubwolke hinter dem Mann. Soldaten verfügten über Maschinengewehre, doch wie Tausende Tibeter vor ihm würde auch Jowa ihnen nur mit seinem Messer entgegenstürmen, falls das nötig war, um wahrhaftig zu bleiben.

»Aber der Weg«, sagte Shan auf einmal. »Wieso reitet er mitten auf dem Weg?«

Jowa trat an seine Seite und nickte langsam. »Du hast recht«, entgegnete er und klang dabei verwirrt. »Ein Nomade auf der Flucht würde als erstes die Straße verlassen.« Er vollführte eine ausholende Geste in Richtung der Wildnis, die jenseits des holprigen Pfades lag. Sie befanden sich auf der kargen, windumtosten Changtang, der riesigen leeren Hochebene, die sich über viele hundert Meilen quer durch Zentral- und Westtibet erstreckte und den Nomaden seit jeher als Versteck gedient hatte.

Lokesh neigte den Kopf und schaute nach Süden zum anderen Ende des Tals. »Er läuft nicht vor jemandem weg. Er läuft zu jemandem hin

Sie sahen den Reiter an dem Felsen vorbeigaloppieren, hinter dem ihr Lastwagen versteckt war. Der Mann kam wieder in Sicht und zügelte dann plötzlich sein Pferd. Während das Tier gemächlich einen Kreis abschritt, konzentrierte der Nomade seine Aufmerksamkeit auf den Weg.

»Ich dachte, du hättest die Reifenspuren verwischt«, sagte Shan zu Jowa.

»Das habe ich auch, zumindest für chinesische Augen.«

Der Fremde stieg ab und führte sein Pferd zu dem Felsen. Kurz darauf stand er neben dem leeren Fahrzeug. Nachdem er sein Reittier an der Stoßstange angebunden hatte, umkreiste er argwöhnisch den Wagen und stieg auf die hintere Kante der offenen Ladefläche, wobei er sich an einer der metallenen Streben festhielt, an denen bei Bedarf eine Plane verschnürt werden konnte. Er ging zu den Fässern, die dort standen, und hob die Deckel an. Dann sprang er wieder hinunter und musterte den oberhalb gelegenen Hang, der überwiegend mit losem Geröll bedeckt war. Zwischen den Felsen wand sich der einsame Ziegenpfad empor, den Shan und die anderen im Morgengrauen zu Fuß erklommen hatten.

»Manchmal haben die Soldaten tibetische Scouts«, sagte Jowa und berührte Shan an der Schulter, um ihn aufzufordern, sich in den Schatten des Felsüberhangs zu begeben.

Der dropka eilte nun mit schnellen Schritten den Pfad hinauf. Shan widerstand dem Impuls, Gendun auf die Füße zu zerren, um mit ihm den Bergkamm zu erklettern und zu verschwinden. Die beiden anderen konnten sich wenigstens irgendeine Rechtfertigung ausdenken, denn sie verfügten über gültige Papiere. Bei Shan und Gendun war die Angelegenheit komplizierter. Der Lama hatte sein ganzes Leben in völliger Abgeschiedenheit vom Rest der Welt verbracht und vor Shan noch nie einen Chinesen zu Gesicht bekommen. Für die Behörden existierte er überhaupt nicht. Shan dagegen wußte genau, was es bedeutete, ins Fadenkreuz der Funktionäre zu geraten. Er war ein ehemaliger Untersuchungsbeamter der Regierung, den man in ein tibetisches Arbeitslager verbannt hatte, und seine Freilassung war lediglich inoffiziell erfolgt. Falls man ihn außerhalb Lhadrungs ergriff, würde er als entwichener Strafgefangener gelten. Jowa stieß Shan zu Gendun in den dunkelsten Winkel des Verstecks und baute sich dann schützend vor ihnen auf. Seine Hand lag erneut auf dem Griff der Waffe.

Der Nomade erreichte den Vorsprung, auf dem sie sich verbargen, machte ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung, drehte sich dann um und kam genau auf sie zu. Er gelangte zu dem Überhang, näherte sich dem Schatten und schirmte seine Augen vor dem Tageslicht ab, um einen Blick in die Höhle zu werfen. »Seid ihr da?« rief er laut und mit vor Angst bebender Stimme. Er war von schmächtiger Statur und trug auf seinem dichten schwarzen Schopf eine dreckige Fellmütze. Unter der chuba war ein verblichenes rotes Hemd zu sehen. Er legte den Kopf auf die Seite und kniff die Augen zusammen, als sei er sich noch immer unschlüssig, was dort vor ihm lauern mochte. Orte wie dieser dienten oft Raubtieren oder gar Bergdämonen als Behausung. Er blickte auf den nördlichen Teil des Weges zurück, als würde er dort nach etwas suchen. Dann legte er in einer demütigen Geste die Handflächen aneinander und tastete sich in die Dunkelheit voran.

»Wir beten für euch«, rief er laut und verängstigt und blieb dann mit erleichtertem Seufzen stehen, als Lokesh einen Schritt vortrat. Der Mund des Fremden verzog sich zu einem schiefen Lächeln, wie Shan zunächst meinte, bis er erkannte, daß der Mann ein Schluchzen unterdrückte. »Für eure sichere Reise.«

Lokesh war der bei weitem empfindsamste Tibeter, den Shan je kennengelernt hatte. Er trug seine Gefühle so mit sich herum wie andere Leute ihre Kleidung, völlig offen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, etwas davon zu verbergen. Im Arbeitslager hatte einer der Mönche aus ihrer Baracke gesagt, Lokesh habe glühende Kohlen in sich, die immer wieder unvermutet aufloderten, sobald eine plötzliche Gemütsregung oder Erkenntnis sie anfachte. Wenn das geschah, stieß Lokesh unwillkürlich kleine Stöhnlaute aus oder kreischte sogar auf. Das Geräusch, das er nun von sich gab, glich einem langgezogenen hohen Wimmern, als habe er an dem Nomaden irgend etwas Furchterregendes erblickt. Gleichzeitig vollführte er mit der Hand eine abwehrende Bewegung vor der Brust, als wolle er etwas von sich weisen.

Jowa trat neben Lokesh. »Was willst du?« herrschte er den Fremden mit lauter Stimme an und versuchte gar nicht erst, sein Mißtrauen zu verbergen. Niemand hätte von ihrer Reise wissen dürfen.

Der Nomade sah den purba verunsichert an und machte dann einen weiteren Schritt auf sie zu. Im selben Moment wich Lokesh zur Seite, so daß der dropka sich auf einmal Auge in Auge mit Shan befand, hinter dem wiederum Gendun der Sicht des Fremden entzogen war.

»Ein Chinese!« stieß er erschrocken hervor.

»Was willst du?« wiederholte Jowa. Er trat hinaus in die Sonne und ließ den Blick über das ganze Tal schweifen.

Der dropka folgte Shan und Lokesh aus dem Schatten, lief einmal um Shan herum und wandte sich dann wieder an Jowa. »Du bringst einen Chinesen mit, um unserem Volk zu helfen?« fragte er in vorwurfsvollem Tonfall.

Lokesh legte Shan eine Hand auf die Schulter. »Shan Tao Yun war im Gefängnis«, sagte er strahlend, als wäre dies eine besondere Glanzleistung gewesen.

Die Wut in den Augen des Nomaden verwandelte sich in Verzweiflung. »Jemand würde kommen, hieß es.« Er flüsterte fast. »Jemand, der uns rettet.«

»Aber genau das macht unser Shan«, rief Lokesh aus. »Er rettet Menschen.«

Der Nomade zuckte enttäuscht die Achseln. Er schaute das Tal hinauf und schloß die rechte Hand um die Kette mit Plastikperlen, die an seiner roten Schärpe hing. »Früher, wenn Unheil drohte«, sagte er mit abwesender Stimme, als würde er nicht länger zu den drei Männern sprechen, »wußten wir, wie man einen Priester finden kann. Wir hatten sogar einmal einen echten Priester, aber die Chinesen haben ihn uns weggenommen.«

Der Ausdruck auf dem Gesicht des Nomaden war Shan in Tibet schon häufig begegnet. Es lag Trauer und Verwirrung darin. Außenseiter hatten der Welt dieser Menschen Schreckliches angetan, und der stolze, unabhängige tibetische Charakter konnte die daraus resultierende Hilflosigkeit nicht bewältigen. Shan folgte dem Blick des Fremden zurück zum oberen Ende des Tals.

Jemand tauchte zwischen den Staubschwaden auf, ein Reiter, dessen Pferd sich kurz vor dem Zusammenbruch zu befinden schien. Das Tier bewegte sich wankend und ungleichmäßig voran, als sei ihm vor Erschöpfung schwindlig.

»Als ich jung war«, wandte der Nomade sich nun in neuem, drängendem Tonfall an Lokesh, »gab es einen Schamanen, der die Lebenskraft eines Menschen zur Heilung eines anderen benutzen konnte. Manchmal opferten sich die Alten, um ein krankes Kind zu retten.« Er sah sich verzweifelt nach dem anderen Reiter um. »Ich würde meines mit Freuden geben, um ihn zu retten. Kannst du das tun?« fragte er und kam näher, um Lokesh ins Gesicht zu blicken. »Du hast die Augen eines Priesters.«

»Warum bist du hergekommen?« fragte Jowa erneut, allerdings nun weitaus freundlicher.

Der Mann griff unter sein Hemd und zog eine Schnur aus Yakhaar hervor, an der ein silbernes gau hing, eines jener kleinen Medaillons, in denen man ein Gebet nah am Herzen tragen konnte. Er legte beide Hände darum und sah wieder das Tal hinauf, nun jedoch nicht zu dem Reiter, sondern in Richtung der fernen schneebedeckten Gipfel. »Sie haben meinen Vater ins Gefängnis geworfen, und er ist gestorben. Sie haben meine Mutter in eine Stadt gesteckt, ohne ihr Lebensmittelmarken zu geben, und sie ist verhungert.« Er sprach ganz langsam, und sein Blick wanderte von den Bergen zu dem Boden unter seinen Füßen. »Sie haben gesagt, es würde für unsere Kinder nur in der Klinik ärztliche Versorgung geben. Also habe ich meine Tochter dorthin gebracht, als sie Fieber bekam, aber man sagte mir, die Medizin sei in erster Linie für die kranken chinesischen Kinder bestimmt, und so ist sie gestorben. Dann haben wir einen Jungen gefunden, und er hatte niemanden, und wir hatten niemanden, und so haben wir ihn als unseren Sohn aufgenommen.« Eine Träne glitt über seine Wange.

»Wir wollten mit unserem Sohn doch nur in Frieden leben«, sagte er, und seine Stimme erhob sich kaum über das Geräusch des Windes. »Aber unser alter Priester hat immer gesagt, es sei eine Sünde, etwas zu sehr zu wollen.« Er schaute mit leerer und trostloser Miene zu dem anderen Reiter. »Es hieß, ihr würdet kommen, um die Kinder zu retten.«

Bei diesen Worten lief ein Schauder über Shans Rücken. Er sah Lokesh an, der sogar noch tiefer ergriffen zu sein schien.

»Wir sind wegen einer Frau namens Lau hier«, erwiderte Shan sanft.

»Nein«, sagte der Nomade mit beunruhigender Gewißheit. »Es ist wegen der Kinder, damit sie nicht mehr alle sterben müssen.«

Auf dem Weg unter ihnen, etwa hundert Meter vor dem großen Felsen, stolperte das zweite Pferd heran und blieb dann stehen. Sein Reiter, der in eine dicke Filzdecke gewickelt war, sackte im Sattel zusammen und fiel wie in Zeitlupe zu Boden.

Der Reiter stieß ein Geräusch aus, das mehr als ein Stöhnen oder ein Angstschrei war. Es klang wie der Ausdruck tiefsten animalischen Leidens.

Shan lief los. Springend und strauchelnd eilte er den Hang hinab. Zweimal stürzte er dabei zwischen den Felsen schmerzhaft auf die Knie und landete schließlich auf allen vieren im dürren Gras. Als er aufstand, blickte er sich um. Keiner der anderen war ihm gefolgt.

Das erschöpfte Pferd stand zitternd da, seine mit blutigem Schaum verschmierte Nase berührte fast den Boden. Dicht neben ihm lag der in schwarzen Yakfilz gehüllte Reiter. Vorsichtig hob Shan einen Zipfel der Decke an und erblickte Dutzende von Zöpfen, in deren Enden jeweils eine Holzperle geflochten war. Bei gläubigen Frauen war dies eine althergebrachte Sitte: hundertacht Zöpfe und hundertacht Perlen, die gleiche Anzahl wie in einer mala. Die Frau atmete flach. Ihr Gesicht war mit Staub und Tränen befleckt. Ihr Blick zeugte von dermaßen großer Erschöpfung, daß sie Shan gar nicht wahrzunehmen schien. Unter der Decke, die sie wie einen Umhang trug, befand sich eine weitere Decke, in der ein längliches Bündel quer über ihren Beinen lag.

Shan drehte sich um. Jowa und Lokesh arbeiteten sich langsam den Pfad hinunter. Der Fahrer führte den Nomaden an einer Hand und Lokesh dreißig Schritte hinter ihm Gendun, als wären die beiden Männer blind.

Shan hob die zweite Decke und erstarrte. Darin lag ein Junge mit übel zugerichtetem Gesicht. Eines der Augen war komplett zugeschwollen. Langsam schlug Shan die Decke vollständig zurück. Ihm stockte der Atem. Überall war Blut, durchtränkte das Hemd und die Hose des Kindes.

Er wollte den Jungen samt Decke anheben, um die Frau von seinem Gewicht zu befreien, aber die Decke hatte sich in den Zügeln verfangen. Als Shan versuchte, das Durcheinander zu entwirren, stellte er fest, daß die Frau sich die Zügel um den Unterarm gewickelt hatte. Ihr Handgelenk war purpurrot angelaufen, und die Hand hing in unnatürlichem Winkel schlaff herab.

Also hob Shan den Jungen aus der Decke und legte ihn auf das trockene Gras. Der Mund des Kindes verzog sich, aber es blieb absolut stumm. Der Kleine war höchstens zehn Jahre alt und brutal mißhandelt worden. Quer über seinen Schultern hatte etwas das Hemd aufgeschlitzt. Er war bei Bewußtsein, und obwohl er starke Schmerzen verspüren mußte, lag er still und leise da und verfolgte mit seinem unverletzten Auge, wie Shan ihn untersuchte. Sein Blick verriet weder Angst noch Wut oder Schmerz. Er war bloß traurig und verwirrt.

Der Junge hatte sich gewehrt. Seine Handflächen waren von tiefen Schnitten durchzogen, also hatte er vermutlich die Waffe des Angreifers gepackt. Sein Hemd war am Hals aufgerissen, und einige Knöpfe fehlten. Auch die Brust des Jungen wies eine tiefe Wunde auf, die durch die Rippen gedrungen war und aus deren klaffender Öffnung dunkles Blut sickerte. Sein linkes Hosenbein war unterhalb des Knies zerrissen, und ihm fehlte ein Schuh.

Shan blickte erneut in das eine Auge, das ihn, ohne zu blinzeln, aus dem zerschmetterten Gesicht des Kindes anstarrte. Dann sah er auf seine Hände. Sie waren über und über mit dem Blut des Jungen bedeckt. Einen Moment lang wurde er von der eigenen Hilflosigkeit übermannt und beobachtete einfach nur, wie das Blut von seinen Fingerspitzen auf die braunen Grashalme tropfte.

Schließlich tauchte Lokesh neben ihm auf. Der alte Tibeter hatte einen der Schnürbeutel mitgebracht, in denen ihre Vorräte verstaut waren. Er holte daraus eine Plastikflasche mit Wasser hervor, hielt sie dem Jungen an den Mund und stimmte einen leisen, eintönigen Singsang an, dessen Silben Shan nicht vertraut waren. Bevor man ihn aus seinem gompa, seinem Kloster, in den Dienst des Dalai Lama nach Lhasa berufen hatte, war Lokesh bei einem Lama-Heiler in die Lehre gegangen. Während der Jahrzehnte im Straflager hatte er seine Ausbildung fortgesetzt, indem er andere Häftlinge behandelt und immer neue Kenntnisse von den alten Heilern erworben hatte, die gelegentlich hinter Gittern landeten, wenn sie andere Tibeter ermutigten, ihre Traditionen zu ehren.

Lokesh nickte der Frau zu, ohne die Litanei zu unterbrechen. Allmählich schienen seine Worte sie wieder ins Bewußtsein zurückzurufen. Als ihr Blick sich belebte und sie dem alten Tibeter ein gequältes Lächeln zuwarf, beugte Lokesh sich zu Shan herüber. »Ihr Handgelenk ist gebrochen«, sagte er leise. »Sie braucht Tee.«

Unterdessen hatte Jowa dafür gesorgt, daß Gendun neben dem Lastwagen im Gras Platz genommen hatte. Nun eilte er mit einem rußbeschmutzten Topf und einem in Leinen gewickelten Dungfladen herbei und entzündete daraus ein Feuer. Als der Topf auf den kleinen blauen Flammen stand, blickte Lokesh erwartungsvoll auf, und Jowa bedeutete Shan, ihm bei der größeren Decke zur Hand zu gehen. Vorsichtig befreiten sie die Frau aus ihrer mißlichen Lage. Dann folgte Shan dem Beispiel des Fahrers, stellte seinen Fuß auf eine der Kanten des langen Filzrechtecks und hob die gegenüberliegende Ecke an, so daß aus der Decke ein Windschutz entstand, wie Lokesh ihn benötigte, um das Kind genauer untersuchen zu können. Der alte Tibeter brach das heilende Mantra ab, nahm den linken Arm des Jungen, legte ihm die mittleren drei Finger seiner langen knochigen Hand auf das Handgelenk und schloß die Augen. So lauschte er mehr als eine Minute, ließ dann den Arm des Kindes sinken und wiederholte die Prozedur auf der rechten Seite. Sein Ziel war, die zwölf Pulse zu finden, auf denen in der tibetischen Medizin jede Diagnose basierte. Zum Abschluß betastete er zwischen Daumen und Zeigefinger das Ohrläppchen des Kleinen, schloß abermals die Augen und nickte langsam.

Der Junge sah ihm lediglich dabei zu, ohne zu blinzeln, ohne zu sprechen oder in irgendeiner Form den Schmerz auszudrücken, der ihn peinigte. Der Nomade kniete schweigend neben ihm; über sein dunkles, ledriges Gesicht rannen Tränen.

Lokesh beendete die Untersuchung und warf dem Jungen einen bekümmerten Blick zu. Als würde ihm nachträglich noch etwas einfallen, hob er langsam das zerrissene Hosenbein des Kindes an und betrachtete die Haut darunter. Der Hieb mit der Klinge hatte anscheinend nur den Stoff zerfetzt, aber das Bein nicht berührt.

»Wir dürfen nicht hier draußen bleiben«, warnte Jowa und sah sich nervös auf dem Pfad um.

»Es hätte uns alle das Leben kosten können«, sagte der Nomade mit hohler Stimme. »Es war der wandelnde Tod.«

»Du hast es gesehen?« fragte Shan.

»Ich habe die Schafe von der Weide geholt, und meine Frau hat das Lager aufgeschlagen. Als ich dort ankam, hörte ich auf einem unterhalb gelegenen Sims die Hunde bellen. Ich nahm eine Fackel und folgte dem Geräusch. Einer der Hunde war tot. Dann habe ich die beiden gefunden. Im ersten Moment dachte ich, sie wären ebenfalls tot.«

Jowa brachte der Frau einen Becher Tee. Sie schlug die Augen auf, hob die rechte Hand und verzog vor Schmerz das Gesicht. Jowa hielt ihr das Gefäß an den Mund und ließ sie trinken.

»Tujaychay«, sagte sie mit heiserer Stimme. Danke. Dann nahm sie den Becher mit ihrer unverletzten Hand und leerte ihn.

»Der Junge sollte von einer Quelle unten am Weg Wasser holen«, sagte sie, und ihre Stimme klang nun kräftiger. »Er hätte schon längst wieder da sein müssen. Ich konnte bereits die Schafe vom Berg kommen hören, und ich mußte doch unbedingt mit dem Kochen beginnen. Dann bellten plötzlich unsere Hunde, als würden sie einen Wolf verscheuchen wollen.« Jowa fing an, aus dem Leinenstoff eine Schlinge für ihren Arm zu fertigen. »Ich rannte los. Als ich auf einem Felsvorsprung ankam, sah ich zum erstenmal, wie das Ungeheuer Alta angriff. Es hatte sich auf seinen beiden Hinterbeinen aufgerichtet. Sein Fell sah aus wie das eines Leoparden. Ich lief schneller. Dann bin ich gestolpert und habe mir den Kopf gestoßen. Ich stand auf und rannte weiter. Als ich kam, drehte es sich um. Seine Vorderbeine hatten Klauen, die wie die Hände eines Menschen aussahen, und eine davon hielt ein Messer. Doch es ließ das Messer fallen und nahm einen glänzenden Stock, so lang wie der Arm eines Mannes. Es packte den Stock mit beiden Klauen und schlug mich, als ich die Hand hob. Ich stürzte, und meine Hand brannte wie Feuer. Dann kroch ich zu dem Jungen und warf mich über ihn. Das Ungeheuer kam auf uns zu und schwang den Stock, aber der Blitz hielt es zurück.«

»Der Blitz?«

»Im Norden. Ein einzelner Blitz. Eine Botschaft. Auf diese Weise sprechen die Dämonen miteinander«, sagte die Frau mit angsterfüllter Stimme. »Das Ungeheuer wich zurück. Dann wurde alles schwarz. Als ich wieder aufwachte, dachte ich zuerst, wir seien beide gestorben und in einer der dunklen Höllen gelandet, doch mein Mann war da und sagte, es sei inzwischen Nacht.«

»Haben Sie das Gesicht dieses Wesens gesehen?« fragte Shan.

Der Blick der Frau war unverwandt auf den Jungen gerichtet, der offenbar Alta hieß. Sie schüttelte den Kopf. »Das Ungeheuer hatte kein Gesicht.«

Diese Worte ließen Lokesh leise aufstöhnen. Shan drehte sich um. Der alte Tibeter hielt das Handgelenk des Jungen, starrte jedoch besorgt den Weg hinauf, als rechne er jeden Moment mit dem Auftauchen des gesichtslosen Dämons.

Shan beugte sich über das Kind. »Alta, hat es etwas zu dir gesagt? Wußtest du, wer das war? Es war ein Mensch. Es muß ein Mensch gewesen sein.«

Der Junge blickte ihn reglos an, und sein Auge wirkte wie ein harter schwarzer Kiesel. Er ließ durch nichts erkennen, ob er Shan gehört hatte.

»Es hatte die Gestalt eines Leoparden angenommen«, sagte die Frau. »Falls es wie ein Mensch aussehen will«, fügte sie unheilvoll hinzu, »verwandelt es sich eben in einen Menschen.«

»Es gibt eine alte Dämonin«, warf der Nomade beinahe geistesabwesend ein. »Hariti die Kinderfresserin. Manchmal wird sie sehr hungrig. Sobald sie erst mal getötet hat, kann sie nicht mehr aufhören.« Hariti war eine Dämonin des alten Tibet, wußte Shan. Früher hatten die Mönche ihr jeden Tag einen kleinen Anteil der Nahrung geopfert, um so ihre Gier auf Kinder zu besänftigen.

Shan betrachtete Lokesh, der wiederum den Jungen ansah. Der alte Mann legte dem Kind kurz eine Hand auf den Kopf, griff dann in seinen Beutel und holte einen Ledersack daraus hervor, in dem mehrere kleinere Behälter verstaut waren. Er öffnete drei dieser Säckchen, entnahm jedem eine Prise Pulver und gab dieses dann in den dampfenden Topf. »Gegen die Schmerzen«, sagte Lokesh. »Er hat sehr starke Schmerzen.«

»Was können wir tun?« fragte die Frau.

Lokesh warf Shan einen traurigen Blick zu und wandte sich dann zögernd wieder an die Frau. »Es gibt Worte, die gesprochen werden müssen.«

Der Satz schien die beiden dropkas wie ein Hieb zu treffen. Die Frau stöhnte auf und krümmte sich. Der Mann vergrub das Gesicht in den Händen. Es gibt Worte, die gesprochen werden müssen. Lokesh meinte die Riten zum Übergang einer Seele. Der verwirrte matte Blick des Jungen lag immer noch auf Shan.

Plötzlich keuchte die Frau erschrocken auf. Shan hob den Kopf und sah, daß sie über seine Schulter starrte. Dort stand Gendun und stellte in seinem Lächeln Buddhas umfassende Gleichmut zur Schau. Der Nomade stieß einen überraschten Schrei aus und verneigte sich, so daß seine Stirn das Gras zu Genduns Füßen berührte.

Shan begriff, daß weder der dropka noch seine Frau Gendun bislang bemerkt hatten. Vielleicht hielten sie ihn für eine Erscheinung oder glaubten, Lokesh habe ihn herbeigezaubert. Der Lama legte dem Nomaden eine Hand auf den Kopf und richtete ein kurzes Gebet an den Mitfühlenden Buddha. Dann wiederholte er das Ganze bei der Frau, die daraufhin etwas ruhiger wurde. Wir hatten sogar einmal einen echten Priester, hatte der Mann gesagt. Aber die Chinesen haben ihn uns weggenommen.

Gendun kniete sich neben den Jungen und nahm seine Hand. Dann kam Lokesh an seine Seite, und Gendun legte ihm die andere Hand auf den Kopf und segnete den Heiler. Schweigend musterte der Lama das Kind eine geraume Weile, derweil Shan begann, die Wunden zu waschen.

»Ich habe keine Gebete für den Gott dieses Jungen«, sagte Gendun schließlich mild und entschuldigend zu der Frau.

Sie warf ihrem Mann einen ängstlichen Blick zu. »Wir lehren ihn unsere Überzeugungen. Er hat eine mala.« Mit großer Anstrengung und unter offensichtlichen Schmerzen beugte sie sich vor und schob den Ärmel des Jungen nach oben. Verwirrt starrte sie auf sein nacktes Handgelenk. »Sie ist weg. Das Ungeheuer hat seine Gebetskette genommen.« Beschämt wich sie den Augen des Lama aus. »Es war sein Wunsch, nach den Lehren Buddhas zu leben.«

»Aber betet er noch in Richtung Sonnenuntergang?« fragte Gendun.

Die Frau sah zu Boden, als erfülle das Gespräch sie mit Furcht. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. »Er hat gesagt, jener Gott habe den Tod seines Clans zugelassen.«

Shan war verblüfft. Der Junge war ein Moslem. Aber woran hatte Gendun das erkannt?

Anstatt den Kopf des Kindes zu berühren, hob Gendun nun sanft dessen Handrücken an seine eigene Wange. »Welcher Gott auch immer im Herzen dieses Jungen wohnt, ich werde dafür beten, er möge ihm Kraft geben, um den Schmerz der Gegenwart und Vergangenheit zu bewältigen, und Weisheit, um den vor ihm liegenden Pfad zu erkennen.«

Die folgende Stille wurde durch das Krächzen eines Raben unterbrochen. Als sie sich umwandten, sahen sie ihn oben auf dem Felsen sitzen. Der Vogel ließ die Menschen nicht aus den Augen. Der Nomade trat einen Schritt vor, als wolle er etwas zu dem Tier sagen, schaute dann jedoch zurück zu Gendun und blieb stumm, als könne der Lama damit nicht einverstanden sein.

»Wir müssen aufbrechen«, sagte Jowa stockend und mit einem unschlüssigen Blick auf den Nomaden. »Nach Norden. Ins Kunlun-Gebirge.«

»Diese Leute brauchen Hilfe«, protestierte Shan.

»Ja, geht nach Norden«, sagte der dropka und nickte energisch. »Wir haben von den Morden gehört. Deshalb sind wir ja über die Berge geflohen. Es hieß, ihr würdet dorthin reisen, um die Kinder zu retten.«

Jowa war die Ungeduld deutlich anzumerken. Shan begriff, was in ihm vorging. Der Fahrer wußte, daß die dropkas in diesem entlegenen Winkel Tibets in einer Welt des Aberglaubens lebten, die sich nur wenig von der Zeit vor dem Buddhismus unterschied, als noch Schamanen das Land regiert hatten. Dem Jungen war etwas Schreckliches zugestoßen, aber solche Leute würden sogar hinter einem Steinschlag einen wütenden Dämon vermuten, und eine menschenähnliche Gestalt mit Fell konnte sich leicht als Wolf oder Leopard herausstellen. »Wir müssen uns um die getötete Lehrerin kümmern«, sagte Jowa.

Der Nomade nickte erneut. »Um Lau«, sagte er. »Unser Alta ist einer ihrer Schüler.«

Lokesh zuckte zusammen und sah Gendun an. »Lau war die Lehrerin dieses Jungen?« fragte der Lama.

»Er gehörte zur zheli.« Der Mann nickte. »Lau hat uns mit ihm bekannt gemacht, als wir sagten, wir wollten den Kindern helfen.« Bei diesen Worten sah der Nomade den Jungen an.

»Die zheli?« fragte Shan. Es war kein tibetisches Wort, obwohl der Nomade ansonsten tibetisch sprach.

Doch der Mann schien ihn nicht gehört zu haben. Lokesh seufzte und flößte dem Jungen mehr Tee ein. Dann trug er das Kind an einen windgeschützten Fleck bei den Felsen, der von der Sonne beschienen wurde. Dort lauschte der alte Tibeter abermals dem Herzen, der Schulter und dem Hals des Kleinen und schüttelte zuletzt den Kopf. In seinen Augen standen Tränen.

Wortlos und hilflos saßen sie da, während das Licht im Auge des Jungen immer schwächer wurde. Einen schrecklichen Moment lang lag furchtbare Angst in seinem Blick, als sei ihm plötzlich sein Schicksal doch noch bewußt geworden. Er stieß ein Geräusch aus, eine einzige Silbe und dann nichts mehr. Es war womöglich der Anfang einer Frage oder eines Gebets. Vielleicht war es auch nur ein Ausdruck seiner Schmerzen. Aber es kam nichts hinterher, als habe die Anstrengung den letzten Rest seiner Kräfte aufgezehrt. Weinend drückte die Frau die Hand des Kleinen an ihre Wange.

Shan kniete neben Alta nieder und beugte sich vor, um irgendwie Trost zu spenden. Doch kurz darauf wich er wieder zurück. Er bekam kein Wort über die Lippen und war wie betäubt angesichts der eigenen Hilflosigkeit und der grausamen Mißhandlung, die der Junge erlitten hatte.

Auch über den Nomaden senkte sich ein hartes düsteres Schweigen. Immer wieder öffnete und schloß er den Mund, als wolle er etwas sagen, doch der überwältigende Schmerz hatte sich seiner Zunge bemächtigt. Endlich, als der Blick des Jungen sich auf den dropka richtete, fand dieser seine Stimme wieder und begann zärtlich von Frühlingsweiden zu erzählen, von bunten Blumen und jungen Vögeln auf den Südhängen. Es war eigentlich nichts Konkretes, nur schöne Erinnerungen aus ihrem gemeinsamen Leben. Das Antlitz des Kindes wurde ganz friedlich.

Jowa, dessen Gesicht ebenfalls von Kummer gezeichnet war, verließ sie und stieg auf die Felsen, um Wache zu halten. Gendun und Lokesh beteten. Der Nomade saß, über den Kleinen gebeugt, da und redete immer weiter, nahezu flüsternd. Und nach einer Stunde gab der Junge namens Alta ein langgezogenes leises Stöhnen von sich und starb.

Lange Zeit sprach niemand ein Wort. Schließlich wischte die Frau das Gesicht des Jungen ab und verbarg es unter der Decke.

»Nach dem Brauch seines Volkes«, sagte Shan langsam, weil er nicht sicher war, wie die Eltern reagieren würden, »sollte er vor Einbruch der Dunkelheit beerdigt werden.«

Der Nomade nickte, und Shan holte eine Schaufel aus dem Lastwagen. Während er das Grab aushob, sammelte die Frau Steine, um die Stelle durch einen kleinen Felshaufen zu markieren. Als der Junge dann in seiner Decke beigesetzt wurde, sprach Gendun mit sanfter Stimme ein buddhistisches Totengebet.

Der dropka harrte lediglich fünf Minuten an der Grabstätte aus, seufzte tief und ging dann, um die Pferde zu holen.

Shan half der Frau, die Steine am oberen Ende des kleinen Hügels aufzuschichten. »Es ist ein kasachisches Wort«, sagte sie und bezog sich dabei auf die Sprache eines der moslemischen Völker, die nördlich des Kunlun-Gebirges lebten. »Eine zheli ist ein Seil, das man zwischen zwei Bäume oder Pflöcke spannt, um daran die Stricke der Jungtiere anzubinden. So lernen die Kleinen einander kennen und gewinnen erste Eindrücke ihrer Welt. Lau hat mit diesem Wort ihren Unterricht für die Waisen bezeichnet, ihre ganz besonderen Kinder, denen sie Halt zu geben versuchte.«

»Ihr Mann sagte, wir seien gekommen, um die Kinder zu retten. Hat er damit die zheli gemeint?«

Die Frau nickte. »Als dieser andere Junge starb, wurde uns klar, daß wir fliehen mußten. Aber wir waren nicht schnell genug.«

Neben Shan stöhnte Lokesh auf und beugte sich vor. »Noch ein toter Junge?« fragte er bestürzt. »Noch einer von Laus Schülern?«

»Zuerst Lau«, sagte sie. »Dann ein kasachischer Junge in der Nähe von Yutian.«

»Kannst du dich an seinen Namen erinnern?« fragte Lokesh drängend. Shan sah seinen Freund verwirrt an. Es klang, als würde Lokesh an einen ganz bestimmten Jungen denken.

Die Frau schüttelte den Kopf. »Zur zheli gehören zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Kinder. Kasachen, Tibeter. Und Uiguren«, fügte sie hinzu und benannte damit die größte von Chinas moslemischen Minderheiten. Dann drehte sie sich um und nickte ihrem Mann zu, der die beiden Pferde brachte. Er hatte den Tieren die Sättel abgenommen und schaute nach Norden auf die schneebedeckten Gipfel des Kunlun. »Unser Alta war ein Kasache«, sagte sie leise

»Ein Lama«, richtete Shan sich an den Mann. »Haben Sie von einem vermißten Lama gehört?«

Der Nomade schüttelte den Kopf. »Es gibt hier schon seit vielen Jahren keine Lamas mehr. Alle vermissen sie«, sagte er. Anscheinend hatte er die Frage falsch verstanden. Sein Blick blieb auf die Berge gerichtet. »Ihr müßt euch beeilen«, fügte er auf einmal schroff, beinahe unfreundlich hinzu. »Der Tod geht weiter um. Eine Dämonin hat die zheli gefunden und wird nicht mit dem Morden aufhören.«

Shan starrte ihn schweigend an.

»Altas Seele ist in Gefahr«, fuhr der dropka fort und klang wieder so elend und verzweifelt wie zuvor. »Ein kleiner Junge wie er und dann so unvorbereitet.« Ein Windstoß fegte über sie hinweg und schien dem Mann die Worte von den Lippen zu reißen. Er hielt inne und sah Gendun an. Der Nomade befürchtete, die Seele des Kindes würde hilflos umherstreifen, da ihr jeglicher Halt durch Glaube oder Familie fehlte. Auf diese Weise wäre sie leichte Beute für alle Wesenheiten, die ihr hier draußen auflauern mochten.

Gendun erwiderte den Blick des Mannes einen Moment lang und sprach dann mit Jowa, der ihm ein Stück Leinwand und einen Bleistiftstummel brachte, dessen Ende er zuvor im Feuer geschwärzt hatte. Der Lama zog sich hinter einen abseits gelegenen Felsvorsprung zurück und begann unter Rezitation eines Mantras mit der Arbeit. Jowa hörte zu und beobachtete ihn eine Weile, holte dann einen alten Besen von der Ladefläche des Lastwagens, klemmte ein Ende unter eines der Räder und brach den Stiel ab.

Als Gendun zurückkehrte, legte er das Stück Stoff vor den Nomaden auf den Boden. Der Mann stieß einen Laut der Überraschung aus und hob den Kopf seiner Frau an, damit auch sie sah, was der Lama ihnen dort gebracht hatte. Unterdessen band Jowa die Leinwand an den Besenstiel. Es handelte sich um einen sehr alten und selten angewandten Zauber. Er bestand aus der Zeichnung eines Skorpions, in dessen Maul Flammen loderten. Aus den Schultern des Tiers ragten Dämonenköpfe hervor, zu deren beiden Seiten etwas geschrieben stand. Eine Bannformel gegen Dämonen, der durch die Worte eines Lamas Macht verliehen worden war.

Der Mann erhob sich und nickte feierlich. »Wir werden eine Ziege freikaufen, Rinpoche«, sagte er. »Unser alter Priester hätte uns bestimmt dazu geraten.« Durch den Freikauf eines zur Schlachtung vorgesehenen Tiers, das daraufhin zumeist mit einem Band am Ohr gekennzeichnet wurde, beschwichtigte man die Gottheiten, die vor den Buddhisten in Tibet geherrscht hatten.

»Dann solltet ihr das auch tun«, entgegnete Gendun ernst.

Jowa ließ den altersschwachen Motor des Lastwagens an und bog auf den Pfad ein. Shan beobachtete indessen, daß Gendun sich wieder hinter den Felsvorsprung zurückzog. Er folgte ihm und fand den Lama im Gras sitzend vor, die Augen nach Süden, in Richtung der Einsiedelei gewandt, in der er fast sein gesamtes Leben verbracht hatte.

»Ich fürchte, es hat bereits angefangen«, sagte der Lama und bedeutete Shan, neben ihm Platz zu nehmen. »Wir haben es betreten, aber wir kommen zu spät.«

»Was haben wir betreten, Rinpoche?« fragte Shan.

Gendun ließ den Blick über die Berge schweifen und seufzte. »Es hat keinen Namen«, sagte er. »Es ist die Heimat der Dämonen, die Kindern nach dem Leben trachten.«

Shan wußte, daß Gendun mit dieser Beschreibung keinen konkreten Ort meinte, sondern vielmehr von einer Geisteshaltung sprach, vom Bestandteil einer haßerfüllten Seele, der sich seinem Verständnis auf ewig entziehen würde.

»Es ist ein einsames Land.« Gendun betrachtete das windumtoste Plateau. »Hier wurde ich geboren.«

»Hier?« fragte Shan und folgte dem Blick des Lama. »Auf der Changtang?«

Unter allen verlassenen und abgeschiedenen Regionen Tibets war die Changtang-Hochebene die verlassenste und abgeschiedenste.

Gendun nickte. »Im Schatten des Kunlun-Gebirges. Aber als ich jung war, Xiao Shan, gaben meine Eltern mich zu den Mönchen, denn der Krieg brach über das Land herein, und die Mönche nahmen mich mit nach Lhadrung.« Xiao Shan. Gendun benutzte die alte chinesische Anrede für eine jüngere Person, wie es sonst vielleicht sein Vater oder Onkel getan haben würde. Kleiner Shan. Der Lama sah zu einer schwarzen Wolke, die über die Berghänge glitt und vermutlich einen Schneesturm mit sich brachte. »In meiner Erinnerung war dies eine glücklichere Gegend. Jetzt jedoch …« Der Lama wies auf den Pfad und seufzte. »Jetzt jedoch glaube ich, daß diese Straße uns an einen Ort führen wird, an dem du nicht sein solltest, Xiao Shan.« Es klang wie eine Entschuldigung. Gendun wollte damit andeuten, daß dermaßen viele Morde zwangsläufig das Interesse der Behörden wecken mußten. »Ich weiß, wie es um die Sache zwischen dir und den anderen Chinesen steht.«

Drei Tage zuvor hatte Shan Brennmaterial für ihr Lagerfeuer gesammelt und bei seiner Rückkehr gerade noch mitbekommen, daß Jowa dafür plädierte, ihn zurückzuschicken. »Er wurde nie offiziell entlassen, sondern hat lediglich die Erlaubnis erhalten, sich frei im Bezirk Lhadrung zu bewegen«, hatte der purba dem Lama erklärt. »Außerhalb von Lhadrung gilt er nach wie vor als Krimineller, als entflohener Strafgefangener. Die Soldaten können das überprüfen.« Als Gendun nichts darauf erwiderte, hatte Jowa die Stimme erhoben. »Man wird ihn hinter das Gefängnis führen und ihm dort eine Kugel in den Kopf schießen. Und wir anderen werden uns wegen der Beherbergung eines flüchtigen Verbrechers verantworten müssen.«

»Sollten wir alle uns demnach lieber von der Furcht gefangennehmen lassen?« hatte Gendun ihn ruhig gefragt und dann Shan zugenickt, der sich mit einem Arm voller Dungfladen genähert hatte.

»Das ist bloß die Art der Regierung, mir ihre Wertschätzung zu bezeugen«, hatte Shan mit gezwungenem Lächeln festgestellt und dabei an die Mönche und Lamas im Arbeitslager gedacht, die sich bisweilen bei ihren Aufsehern dafür bedankten, daß man sie einem so unerbittlichen Test ihres Glaubens unterzog. Damit hatte das Gespräch geendet, und Shan hatte den Gedanken verworfen, seinerseits Jowa darum zu bitten, Gendun nach Hause zu bringen. Ihm war bewußt, welches Schicksal ihm selbst drohte, falls er in die Fänge der Behörden geriet. Aber er wußte auch, was in einem solchen Fall mit Gendun geschehen würde, der nicht nur keine offizielle Identität besaß, sondern zudem gesetzeswidrig ein Priester war. Es gab spezielle Orte für Leute wie Gendun, Orte ohne Licht und Wärme, Orte, an denen manchmal medizinische Experimente vorgenommen wurden oder Psychiater im Auftrag der Partei bestimmte Techniken ausprobierten, um reaktionäre Priester in dankbare neue Proletarier zu verwandeln.

Ich weiß, wie es um die Sache zwischen dir und den anderen Chinesen steht. Gendun bezog sich nicht nur auf die physische Gefahr. Shan erinnerte sich an ihre letzte gemeinsame Lehrstunde, während der sie auf einem Felsen außerhalb der Einsiedelei gesessen hatten. Vier Monate lang hatte Gendun ihm erzählt, daß die Entlassung aus einem Gefängnis nicht automatisch die Freiheit bedeutete, denn schließlich hätten drei Jahre Sklavenarbeit seelische Narben hinterlassen, die nie mehr ganz heilen würden. Die größte Gefahr für Shan bestünde darin, sich wie ein Flüchtling zu verhalten, denn ein Flüchtling war nur ein Häftling ohne Zelle. Als der Lama dann vorsichtig durchblicken ließ, Shans größte Chance auf Heilung läge vermutlich außerhalb Chinas in irgendeinem anderen Land, hatte Shan ihm den zwei Monate alten Brief eines Beauftragten der Vereinten Nationen gezeigt, in dem man ihm politisches Asyl im Westen in Aussicht stellte, sofern er bereit sein würde, öffentlich über die Arbeitslager und Pekings systematische Vernichtung der Kulturgüter auszusagen. Vorausgesetzt, ihm gelang die Flucht aus China. Aber da ließe sich bestimmt etwas machen, hatte der purba gesagt, der den Brief zu ihm geschmuggelt hatte.

Nun streckte Shan die Hand aus, an der noch immer Altas Blut klebte. So sprachen sie oft miteinander, nicht mit Worten, sondern durch Gebärden und Symbole. Es sterben hier Kinder, sagte diese Geste, und Gendun nickte bekümmert. Falls Shan nun floh, würde es ihm niemals gelingen, den furchtbaren Anblick des sterbenden Jungen zu vergessen, der ihn stumm, verängstigt und verwirrt angestarrt hatte.

»Das einzig Konstante ist die Veränderung«, sagte Gendun. Dieser Satz war eine Art persönliches Mantra zwischen ihnen geworden, seit sie ganz am Anfang ihrer gemeinsamen Tage festgestellt hatten, daß diese Lehre nicht nur in Genduns buddhistisch geprägtem Leben eine Rolle spielte, sondern auch in den taoistischen Lektionen aus Shans Jugend auftauchte. Zusammen hatten sie erkannt, daß Shans Weg alles andere als gleichbleibend verlief und daß der verdorrte Geist, mit dem er aus China eingetroffen war, vorerst neue Wurzeln in Tibet geschlagen hatte, obwohl unter dem toten Holz noch so manche der alten Schößlinge verborgen lagen und sich mit den neuen Trieben verbanden.

Jowa drückte auf die Hupe des Lasters, doch Gendun schien es nicht zu hören. Shan sah, daß er die Hände fest verschränkt hatte, als würde er etwas in ihnen bergen.

Der Lama streckte die Arme aus, und als Shan ihm die eigene Hand entgegenhielt, ließ Gendun etwas hineinfallen. Eine Feder. Eine fünf Zentimeter lange Feder, die am unteren Ende ein zartes schwarzbraunes Muster aufwies, dann schneeweiß wurde und an der Spitze mit winzigen schwarzen Punkten übersät war, als hätte jemand sie flüchtig mit Tinte bestäubt. Fasziniert beobachtete Gendun, wie sie auf Shans Handfläche sank. Dann stand er auf und ging zum Wagen.

Jowa gab schonungslos Gas, als wäre ihnen jemand dicht auf den Fersen. Der uralte Lastwagen polterte durch Schlaglöcher, rutschte immer wieder in die tief ausgefahrenen Furchen des Weges oder mußte unter heftigem Rütteln plötzlich zum Stehen gebracht werden, wenn im Schein des Standlichts die Überreste eines Steinschlags vor ihnen auftauchten. Jowa weigerte sich, die Scheinwerfer einzuschalten, denn die Gebirgspatrouillen der Soldaten waren gelegentlich auch nachts unterwegs.

Shan hatte die Feder in dem gau verstaut, das er um den Hals trug. Während der Wagen sich weiter durch die Finsternis vorantastete, schloß Shan die Hand um das Medaillon und begann nachzudenken. Stellte die Feder einen Hinweis dar? Oder gar ein gutes Omen? Dann jedoch sah er wieder den sterbenden Jungen vor sich und verneinte die Frage. Wahrscheinlich sollte dieses Zeichen der Schönheit ihm lediglich etwas Halt geben, je näher er sich mit der Scheußlichkeit der Morde auseinandersetzen mußte.

Stunden später, nachdem Shan und Lokesh abermals einen Felsbrocken von der Straße gerollt hatten und wieder auf die Ladefläche des Lastwagens kletterten, gesellte Jowa sich zu ihnen und überprüfte die Fässer, die mit Seilen an dem metallenen Fahrzeugrahmen festgezurrt waren. Die meisten der Behälter enthielten Salz, das in den Lagerstätten des Zentralplateaus gewonnen wurde und in dieser Region schon seit Jahrhunderten zu den wichtigsten Handelsgütern zählte. Direkt hinter dem Führerhaus standen jedoch unter einer ölbefleckten Plane zwei leere Fässer verborgen, die Shan und Gendun als Versteck dienen sollten, falls sie auf eine Patrouille stießen. Dies war bereits ihr dritter Wagen, denn schon zweimal hatten sie ihren Weg durch das Gebirge nur auf dem Pferderücken fortsetzen können, jeweils geführt von Männern, die allein mit Jowa sprachen. Jeder der Wagen hatte ähnliche Salzfässer geladen, einschließlich zweier Attrappen mit sorgfältig präparierten, knapp zehn Zentimeter hohen und mit Salz gefüllten Einsätzen, die den Hohlraum vollständig tarnten. Lokesh und Jowa würden mit ihren Papieren vermutlich als Salzhändler durchgehen können, aber Shan und Gendun blieb nur die Möglichkeit, sich zu verstecken.

Jowa half, Lokesh in eine Decke zu wickeln. Obwohl auf den vorderen Sitzen genug Platz war, hatte der alte Tibeter sich im Verlauf der Reise fast jedesmal dafür entschieden, lieber hinten bei Shan zu bleiben. Während er sich mit dem Rücken an das Führerhaus lehnte, kehrte Jowa zum hinteren Ende des Fahrzeugs zurück. Dort hielt er einen Moment inne und stützte sich gegen eine der metallenen Streben.

»Kurz vor Sonnenaufgang werden wir jemanden treffen«, verkündete er durch die Dunkelheit.

»Wen?« fragte Shan.

»Jemanden, der uns dorthin bringen wird«, erwiderte Jowa in dem distanzierten, beinahe ablehnenden Tonfall, den er Shan gegenüber stets an den Tag legte.

»Wohin?«

»An den Ort, an den wir uns begeben müssen.«

Shan seufzte. »Du glaubst noch immer, ich würde nicht hierhergehören.«

»Man hat mir gesagt, ich solle dich herbringen, also bringe ich dich her.«

»Warum?«

Jowa stieß ein hohles, bitteres Lachen aus. »Für die alten Lamas gibt es kein Warum. Der Frau war bestimmt, ermordet zu werden. Dir war bestimmt, an diesen Ort zu kommen.«

»Nein, ich meine, warum du? Du hättest dich weigern können.«

»Ich kenne diese Gegend. Vor einigen Jahren habe ich hier oben dabei geholfen, die Armee zu beobachten.«

»Du hättest dich weigern können«, wiederholte Shan.

Diesmal dauerte es etwas länger, bis Jowa antwortete. Als er dann das Wort ergriff, klang seine Stimme sanfter. Nicht unbedingt freundlich, aber auch nicht abweisend. »Die Lamas werden alt. Ich weiß nicht, was ohne sie aus Tibet werden soll. In zwanzig, dreißig Jahren – wer wird dann in die Einsiedlerklausen steigen? Wer wird dann im Innern eines Berges leben, weil die Seele des Landes Hilfe braucht?«

»Du womöglich.«

»Nein. Ich nicht. Niemand wie ich. Die Chinesen haben mich auf einen anderen Weg geführt. Ich bin vom Haß vergiftet«, stellte er sachlich fest, als spräche er von einer körperlichen Beeinträchtigung. »Ich habe eine Waffe abgefeuert.« Er blickte zum Mond empor, und zum erstenmal glaubte Shan Traurigkeit auf dem Gesicht des purba zu entdecken. »Wie könnte ich je hergehen und mich in einen Berg setzen, wo ich doch eine Waffe abgefeuert habe?« Jowa hatte sich diese Frage offenbar schon viele Male gestellt. »Und wer bleibt sonst noch übrig?« Er sprang von der Ladefläche und verharrte im Mondschein. »Als man mir die Mönchslizenz entzogen hat und ich in den Untergrund ging«, sagte er, an den Mond gewandt, »war ich noch fest davon überzeugt, Tibets größtes Problem sei der mangelnde Widerstand. Es kam mir so vor, als würden wir uns jedem Konflikt dermaßen wortreich entziehen, daß wir am Ende für gar nichts mehr eintraten.« Er schüttelte den Kopf und schaute weg, in Richtung der dunklen Gipfel. »Heute …« Er zuckte die Achseln. »Im Gefängnis beschloß ich, wir seien wohl zu wenige, um offenen Widerstand zu leisten, und müßten uns daher auf den Schutz der Lamas beschränken und so unsere Traditionen dem Zugriff Pekings entziehen. Aber die Sache ließ mir keine Ruhe. Unsere Traditionen sind die Lamas, und die Lamas sind genauso sterblich wie wir anderen auch. Wir können versuchen, Peking aufzuhalten, aber die Zeit werden wir nicht besiegen. Falls die Lamas nicht überleben, falls das, wofür sie stehen, nicht weitergegeben wird, was für einen Sinn hat dann alles noch?«

Shan erkannte, daß Jowa ihm tatsächlich in gewisser Weise erklärte, weshalb er das ungleiche Trio auf dieser rätselhaften Mission begleitete. Im Mondlicht sah Shan ihn erneut die Achseln zucken. »Sie bitten uns so gut wie nie um etwas. Es ist unmöglich, einfach nein zu sagen.«

Doch Shan wußte, daß Jowa auch die tieferen Zusammenhänge durchaus begriff. Die Lamas taten nichts aus reinem Zufall. Sie hatten sich nicht an Jowa gewandt, weil er einen Lastwagen fahren konnte oder als Widerstandskämpfer mit dieser Region vertraut war. Sie hatten sich an ihn gewandt, weil er Jowa war.

»Dieser Nomade und seine Frau«, sagte Shan, als Jowa sich anschickte zu gehen. »Wie konnten sie über uns Bescheid wissen? Das alles hätte doch geheim bleiben müssen. Ich dachte, die Nachricht wäre durch die purbas nach Lhadrung gelangt, und niemand sonst hätte von unserer Reise erfahren.«

»So ist es auch gewesen. Die purbas wissen, wie man ein Geheimnis bewahrt.«

»Die beiden sagten, wir seien gekommen, um die Kinder zu retten. Zwei Jungen sind bereits tot.«

»Eine Lehrerin ist gestorben und ein Lama verschwunden. Mehr hat man mir nicht gesagt.« Jowa ging um die Ecke des Wagens. Kurz darauf erwachte dröhnend der schwere Motor zum Leben.

Shan nahm eine Mütze vom Boden, eine zerlumpte wattierte Armeemütze mit dicken Ohrenklappen. Er setzte sie auf und lehnte sich gegen eines der seitlichen Fässer, so daß er den Mond im Auge behalten konnte. Die purbas hatten ihnen die geheime Botschaft vom Tod der Frau gebracht. Inzwischen reiste mit den Nomaden allerdings ein weiteres Geheimnis Richtung Süden, das von Kindern und Tod handelte und von den Fremden aus Lhadrung, die zu Hilfe eilten.

Sie kamen an einem Wasserfall vorbei, der wie ein Strom aus glitzernden Diamanten wirkte. Neben Shan ertönte ein leises kehliges Brummen. Lokesh war eingeschlafen. Shan vergrub die Hände tief in den Jackentaschen, um sich zu wärmen, und umfaßte dabei das kleine Tongefäß, das Gendun ihm am Abend ihrer Abreise gegeben hatte. Es enthielt heiligen Sand aus dem Mandala. Shan schloß den Griff fest darum und starrte zum Himmel.

Der Mond, den er dort sah, war nicht mehr derselbe Mond wie im Tiefland, im China seines ersten Lebens. Wie so vieles andere in seinem zweiten Dasein, seinem tibetischen Leben, war der Mond hier wesentlich absoluter als damals in Peking. In Tibet leuchtete er dermaßen strahlend und rein, wirkte so unglaublich nahe, daß man geneigt war, den alten Geschichten zu glauben, nach denen umherstreifende Seelen sich manchmal im Mondgebirge verirrten.

Es gab Nächte, in denen Shan sich in solch einem Mond verlor und stundenlang von der Schönheit des Anblicks gefangengenommen wurde. Heute nacht jedoch ließ der tote Junge ihm keine Ruhe und lenkte ihn von der Schönheit ab. Ihr müßt euch beeilen, hatte der Mann gesagt. Der Tod geht weiter um. Jeder andere hätte das als Aufforderung zur Flucht verstanden, um selbst dem drohenden Verhängnis zu entgehen. Shan hingegen begriff es als Aufforderung, sich dem Tod zu stellen. Eine Woge der Hilflosigkeit schlug über ihm zusammen, und er wußte, daß sein Antlitz in diesem Moment genauso traurig und verwirrt wirkte wie bisweilen die Mienen der Tibeter. Bei ihrem Aufbruch sieben Nächte zuvor hatten sogar einige der Lamas auf diese Weise dreingeschaut. Nach allem, was sie ihm erzählt hatten und was Gendun ihm immer noch fortwährend erzählte, hätten sie genausogut die Worte des Nomaden wählen können. Ihr müßt euch beeilen. Der Tod geht weiter um. Mehr konnten die Lamas nicht begreifen. Mord war ein unbekanntes Land für sie, und Shan fungierte als ihr Abgesandter.

Kapitel Zwei

Nach Mitternacht, als sie wieder einmal halten mußten, um Felsen aus dem Weg zu räumen, glaubte Shan weit vor ihnen ein Geräusch zu vernehmen. Es war ein metallisches Rattern, wie von einer Maschine. Er hörte es auch nur ganz kurz. Dann war alles wieder still, und Shan war sich nicht sicher, ob er seinen Ohren trauen durfte. Hier in der dünnen Hochgebirgsluft war auf den Schall nicht immer Verlaß. Es konnte ein Wagen auf der einsamen Straße vor ihnen sein. Oder ein Flugzeug irgendwo in der Ferne. Niemand kam auf das Geräusch zu sprechen, aber als sie ihre Arbeit beendet hatten, überprüfte Jowa mit einer kleinen Laterne die beiden leeren Fässer und bestand dann darauf, daß Gendun und Lokesh die Plätze tauschten. Falls er dreimal hintereinander hart bremste, sollten Gendun und Shan sich sofort verstecken.

Doch als es soweit war, blieb nicht genug Zeit für ein Warnsignal. Der plötzliche Halt des Wagens riß Shan aus tiefem Schlummer. Dann hörte er Jowa ärgerlich etwas rufen, anscheinend an jemanden auf der Straße gewandt.

Schnell half er Gendun in eines der Fässer, schloß den Deckel und spähte vorsichtig über das Dach des Führerhauses. Jowa schaltete die Scheinwerfer ein. Neben einem schweren roten Lastwagen befand sich ein halbes Dutzend Männer. Das Fahrzeug war ungefähr so groß wie Jowas Lastwagen, allerdings längst nicht so alt. Die Motorhaube stand offen, und auf dem Weg verstreut lagen ein Ersatzrad sowie mehrere metallische Gegenstände, bei denen es sich um Teile des Motors handeln konnte.

Die Fremden gehörten weder zur Öffentlichen Sicherheit noch zur Armee, stellte Shan erleichtert fest. Er sah, daß Jowa mit einem von ihnen sprach, einem großen, breitschultrigen Chinesen, der ein weißes Hemd trug. Jowa deutete auf den roten Wagen und die Straße, die durch das Rad und die Metallteile blockiert wurde.

Zwei der Männer, beide mit hellbraunen Hemden und Hosen bekleidet, beugten sich über das Rad und schauten immer wieder zu dem Mann mit dem weißen Hemd. Ein weiterer Mann hatte einen Fuß auf die vordere Stoßstange des roten Lasters gestellt und schaute zum Himmel. Die letzten beiden Fremden standen direkt hinter dem Mann, der mit Jowa sprach. Sie alle waren Han-Chinesen, und obwohl ihre Körperhaltung nicht militärisch steif wirkte, ließen ihre forschenden Blicke Shan sofort an Soldaten denken. Er nahm den Lastwagen genauer in Augenschein. Auf der Fahrertür war ein Emblem zu sehen, das in dem trüben Licht aus zwei nach oben ausgestreckten Armen zu bestehen schien, deren Hände sich trafen.

Leise stieg Shan von der Ladefläche und schlich sich im Dunkeln und außerhalb des Sichtfelds der Fremden an der abgewandten Seite ihres eigenen Wagens bis zur Beifahrertür nach vorn, um dort einen weiteren Blick über die Haube zu werfen. Was kam ihm an diesen Männern nur so eigentümlich vor? Sie waren gut gekleidet, trugen alle die gleichen ordentlichen braunen Sachen, außer der Mann in dem weißen Hemd, der mit Jowa sprach. Sie schienen nicht bewaffnet zu sein; drei von ihnen hatten lediglich große Schraubenschlüssel in den Taschen stecken, und einer hielt einen Hammer. Zwei der Männer trugen dicke Holzstäbe am Gürtel, die wie Schlagstöcke aussahen. Im Führerhaus des anderen Lastwagens entdeckte Shan eine Gestalt auf dem Beifahrersitz, deren Gesicht nicht zu erkennen war. Hin und wieder leuchtete dort ein orangeroter Punkt auf, und aus dem Fenster stieg eine Rauchwolke empor. Shan sah zu dem Mann, der in den Himmel blickte. Das Ungeheuer sei von einem Blitz weggerufen worden, hatte die Frau gesagt. Auf diese Weise sprachen die Dämonen miteinander.

Die Reparatur würde nur noch wenige Minuten dauern, hörte Shan den Mann mit dem weißen Hemd zu Jowa sagen. Aber niemand schien am Motor zu arbeiten. Der Mann fragte, wohin Jowa unterwegs sei. Nach Norden, lautete die Antwort, um dort Salz zu verkaufen. Die beiden Männer hinter dem Sprecher zogen sich ein Stück zurück, als wollten sie sich außerhalb von Jowas Reichweite halten, und gingen dann im Bogen auf den Lastwagen der Tibeter zu.

»Können wir Ihnen behilflich sein?« fragte Jowa laut und behielt die beiden Männer im Blick, die sich nun seiner offenen Fahrertür näherten.

»Im Norden ist nichts«, stellte der Fremde mit dem weißen Hemd in skeptischem Tonfall fest. Keiner seiner Begleiter hatte bislang ein Wort gesagt. »Nur Banditen.«

Lokesh stieg aus dem Wagen und trat an Jowas Seite. Der Mann mit dem weißen Hemd starrte ihn durchdringend an.

Shan wurde klar, daß er sich womöglich geirrt hatte. Die Öffentliche Sicherheit trat nicht zwangsläufig uniformiert auf. Aber sie trug Maschinenpistolen, nicht Schraubenschlüssel.

»Bist du ein Bandit, alter Mann?« fragte der breitschultrige Chinese mit humorlosem Grinsen. Seine tiefe Stimme hallte von der Felswand wider. »Wo wollt ihr hin, daß ihr mitten in der Nacht hier herumschleicht?«

»Salz«, erwiderte Lokesh krächzend und tat dann etwas, das Shan während ihrer Zeit im Gefängnis oft an ihm beobachtet hatte. Sein Kopf begann zu zittern, gefolgt von seinem Arm, als hätte er sich nicht mehr unter Kontrolle und würde unter einer Alterskrankheit leiden. »Gutes tibetisches Salz. Wir reisen so weit, wie es nötig ist, um unser Salz zu verkaufen.« Noch immer zitternd, trat der alte Tibeter auf den Mann zu, der einen Schritt zurückwich und irgendwie erschrocken wirkte. »Wollen Sie es nicht vielleicht kaufen, damit wir umdrehen und heimfahren können? Dieser alte Lastwagen tut meinen Knochen weh. Ich will nach Hause.«

Der Chinese umkreiste Lokesh einmal vollständig, ohne ihn aus den Augen zu lassen, und stieß dann ein leises Lachen aus. »Man braucht Papiere, um etwas verkaufen zu dürfen, alter Mann. Ich wette, ihr habt keine Papiere. Deshalb fahrt ihr auch nur nachts.«

Shan überlegte angestrengt. Falls diese Fremden Straßenräuber waren – was konnten die Tibeter ihnen anbieten, um sie zu beschwichtigen? Ein altes Fernglas. Eine Wochenration Vorräte. Eventuell sogar den Wagen und die Salzfässer. Einen beklemmenden Moment lang sah er vor seinem inneren Auge, wie die Chinesen mit dem Wagen wegfuhren, während Gendun weiterhin in seinem Faß steckte.

Die beiden Männer gingen zum hinteren Ende des Fahrzeugs und leuchteten mit ihren Laternen die Ladefläche aus. Der Mann in Weiß schaute zum Führerhaus seines eigenen Wagens und zu der glimmenden Zigarette, die dort in der Dunkelheit hing.

Plötzlich stand Shan im hellen Schein zweier Laternen, die von hinten auf ihn gerichtet wurden. Er erstarrte wie ein verschrecktes Tier. Die Männer packten ihn an den Ellbogen und zogen ihn zu dem Mann mit dem weißen Hemd.

Der Anführer umkreiste Shan wie zuvor Lokesh und stellte sich dann dicht vor ihn. Die Enttäuschung war ihm deutlich anzusehen. Er beugte sich nah an Shans Ohr. »Dreh diesen verdammten Heuschrecken niemals den Rücken zu«, flüsterte er. »Sonst hauen sie dir einen Felsen auf den Schädel und behaupten, es sei ein Steinschlag gewesen.« Heuschrecken. So wurden die Tibeter oftmals von den Chinesen bezeichnet. Es war eine Anspielung auf das Geräusch ihrer eintönig summenden Mantras. Der Mann sah sich mit breitem Grinsen um. Offenbar hatte ihn sein eigener Ratschlag auf eine Idee gebracht. Dann baute er sich vor den drei Männern auf.

»Ich glaube nicht, daß wir euch heute nacht nach Norden durchlassen können«, verkündete er. Die Männer, die vorgeblich an dem Reifen gearbeitet hatten, standen auf, als hätten sie lediglich auf dieses Stichwort gewartet.

Shan sah zu Jowa, der sehr angespannt wirkte. Dann steckte er die Hände in die Taschen und schlurfte gemächlich ein Stück nach vorn, bis er vor Jowa stand. »Das solltet ihr aber«, sagte er leutselig.

Der Mann mit dem weißen Hemd schien amüsiert zu sein. Er zog eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und zündete sich eine an. »Warum denn, Genosse?« Er stellte sich seitlich hin, als wolle er sichergehen, daß Shan die Männer hinter ihm bemerkte.

»Weil die Volksbefreiungsarmee hinter uns her ist«, teilte Shan ihm lakonisch mit.

Das Grinsen des Mannes wurde noch breiter. »Hinter euch drei und einem uralten Lastwagen?« fragte er zweifelnd.

»Du kennst doch die Armee.« Shan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Manchmal wollen sie einfach bloß in Übung bleiben.«

Er erwiderte den Blick des Mannes unbeirrt, und dessen Grinsen verschwand. Der Fremde nickte einem seiner Leute zu, woraufhin dieser zum Lastwagen rannte und mit dem Schatten neben der Beifahrertür verschmolz. Dann starrte er Shan, Lokesh und Jowa ein weiteres Mal durchdringend an, als wolle er sich ihre Gesichter einprägen. Nach einem kurzen Blick zum Führerhaus des roten Lasters schnippte er mit den Fingern.

Seine Männer brachen sofort in hektische Aktivität aus. Nach weniger als einer Minute war die Straße frei.

»Seid vorsichtig, Genossen«, warnte der Mann mit frostiger Stimme. »Hier lauern überall Banditen.«

Jowa wich zum Wagen zurück und ließ dabei die Fremden nicht aus den Augen. Shan zog Lokesh zur Beifahrertür. Wenige Sekunden später saßen sie auf ihren Plätzen und fuhren davon.

Eine Viertelstunde lang folgten sie den Serpentinen über einen hohen Gebirgskamm und hielten unmittelbar hinter der Gratlinie, um Gendun aus seinem Faß zu helfen. Als Lokesh ausstieg, berührte Jowa Shans Arm. »Ich weiß nicht, wer das war«, sagte er. »Zuerst dachte ich, es seien Soldaten.«

Shan begriff, daß Jowa ihn um eine Erklärung bat. »Wir sind hier nicht weit von der indischen Grenze und der Straße nach Pakistan entfernt. Das waren Schmuggler. Vielleicht haben sie auf eine Lieferung gewartet.« Jowa zog die Landkarte hervor und stieg ebenfalls aus, um sie im Schein des Standlichts zu konsultieren. Shan wandte den Kopf und warf einen Blick durch die Heckscheibe. Auf der Ladefläche war niemand zu sehen. Er schaute in den Außenspiegel. Dort entdeckte er Lokesh, der mitten im Mondlicht allein auf dem Boden saß. Shan sprang heraus und lief zum hinteren Ende des Fahrzeugs.

Lokesh hielt seine Gebetskette an die Brust gepreßt und zählte hastig die Perlen ab. Shan stieg auf die Ladefläche. Die beiden Fässer waren leer. Gendun war verschwunden.

Mit geballten Fäusten verharrte Shan neben dem Faß, in dem sie Gendun versteckt hatten. An einem Brett über dem Faß hing ein kleines weißes Stück Stoff. Eine khata, ein Gebetsschal. Shan band ihn los und betrachtete ihn verwirrt.

»Wo ist Gendun?« rief er voll Sorge, lief zu Lokesh und packte dessen Schulter.

Lokesh blickte zum Himmel empor und musterte die Sterne, als könnten sie ihm Genduns Aufenthaltsort verraten. »Er ist nicht mehr da«, stellte er mit verzagter Stimme fest.

Shan rannte ein Stück den Weg entlang und rief dabei Genduns Namen. Seine Hand verkrampfte sich um die khata. Der Lärm scheuchte einen Vogel von seinem Schlafplatz auf und ließ ihn quer über das Antlitz des Mondes fliegen. Shan drehte sich um und sah, daß inzwischen Jowa auf der Ladefläche stand und die leeren Fässer anstarrte. Er lief zurück und ging neben Lokesh in die Hocke. »Wo ist Rinpoche?« wiederholte er verzweifelt. »Haben diese Männer ihn gefangengenommen?«

»Lokesh, versteh doch …«, rief Jowa hinter Shan. »Er ist unser …« Seine Stimme erstarb, und sein Blick richtete sich auf den dunklen Horizont. Der Wind schien zuzunehmen. Es war ein kalter Wind, und er roch nach Schnee.

»Vielleicht haben wir ihn verloren«, sagte Shan mit brüchiger Stimme. »Er könnte auf der steilen Straße vom Wagen gefallen sein.«

»Man hat ihn bestimmt entführt«, erklärte Jowa. »Das waren diese Mistkerle in dem roten Lastwagen. Und wir sind einfach weggefahren.«

»Manchmal«, sagte Lokesh mit einem langgezogenen Seufzen, »wird ein Lama einfach nur fortgerufen.« Seine Stimme klang ruhig, aber sein Blick war freudlos. Er sah den Gebetsschal in Shans Hand, dessen Ende im Wind flatterte, und griff danach. Shan ließ los. Der alte Tibeter legte sich die khata auf den Oberschenkel und strich zaghaft darüber, während er zugleich dankbar lächelte. Er schien sich vergewissern zu wollen, daß ihr Reisegefährte tatsächlich der Gendun aus Fleisch und Blut gewesen war. Shan ließ sich neben ihm zu Boden sinken, doch das Herz wurde ihm so schwer, daß er kein Gebet über die Lippen bekam.

Gendun war vermutlich bei den Fremden in dem roten Lastwagen, die wie Angehörige der Öffentlichen Sicherheit gewirkt hatten und einen Mann wie den Lama innerhalb weniger Stunden mit Haut und Haaren verschlingen konnten, falls ihnen der Sinn danach stand. Bestenfalls irrte Gendun nun allein durch die Bergwildnis. Ausgerechnet Gendun, der bis vor einer Woche kaum etwas von der Außenwelt mitbekommen hatte. Mit plötzlichem Schmerz erinnerte Shan sich an ihr erstes Treffen in der versteckten Einsiedelei. Gendun hatte sich über die Uhr an Shans Handgelenk gewundert. Als Shan sie ihm reichte, hatte Gendun daran gelauscht und den Kopf geschüttelt, nicht nur wegen des technischen Wunderwerks, sondern auch als Reaktion auf die Vorstellung, daß jemand glauben konnte, Bedarf für einen solchen Gegenstand zu haben. »Ach, ihr Chinesen«, hatte er lächelnd gesagt.

Jowa wendete den Wagen und fuhr langsam wieder zurück, während Shan auf dem Trittbrett stand, sich am Außenspiegel festhielt und immer wieder Genduns Namen rief. Jowa schaltete die Scheinwerfer ein. Nach ungefähr einer Meile hielt er an und stellte den Motor aus. Schweigend saß er am Lenkrad, umklammerte es fest und verzog gequält das Gesicht. Shan sah ihn kurz an. Was war der Grund für diesen Schmerz? Litt Jowa darunter, daß er als Krieger keinen Feind fand, oder mußte er an seine eigenen Worte denken, daß nämlich alles keinen Sinn mehr hatte, wenn die Lamas nicht überlebten?

»Was ist, wenn es auf diese Weise endet?« fragte Jowa. Seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern. »Der letzte der Alten verschwindet einfach. Und die Welt taumelt weiter voran, ein Körper ohne Seele.« Er sah zu einer hohen Klippe, die sich vor dem Himmel abzeichnete, ein riesiger schwarzer Umriß in einer Landschaft voller Schatten. »Was ist, wenn er der Letzte war?« fragte er die Berge, so leise, daß Shan ihn fast nicht hören konnte.

»Es hieß, ein Lama würde vermißt«, erinnerte Shan ihn. »Lau sei getötet worden, und ein Lama würde vermißt.«

Jowa nickte. »Demnach wird der Hunger deiner Dämonin immer größer«, sagte er mit hohler Stimme. »Bislang drei Morde und zwei verschwundene Lamas.«

Langsam fuhren sie zu Lokesh zurück, der noch immer am Wegrand saß und betete. Jowa stieg aus, nahm im Mondschein neben ihm Platz und entzündete ein Weihrauchstäbchen, während Shan auf die Ladefläche stieg.

»Was hast du vor?« rief der purba, als Shan mit der alten Leinentasche wieder zum Vorschein kam, die seine wenigen Habseligkeiten enthielt.

»Ich kehre um«, sagte Shan. »Ich werde erst dann weiterreisen, wenn ich weiß, daß Gendun sich in Sicherheit befindet.«

»Das kannst du nicht«, wandte Jowa ein.

»Ich muß.« Shan hockte sich neben Lokesh, der ihn mit einem bekümmerten Blick bedachte.

»Das kannst du nicht«, wiederholte Jowa. »Du wurdest geschickt. Gendun hat gesagt, du wirst im Norden gebraucht.«

»Diese Frau und die Jungen sind tot«, sagte Shan. »Sie sind tot und Gendun nicht. Noch nicht.«

Lokesh, dessen Augen nun unverwandt auf die glühende Spitze des Weihrauchstäbchens gerichtet waren, schüttelte langsam den Kopf. »Es war diesen bösen Männern bestimmt, heute nacht auf der Straße zu sein. Und es war Gendun bestimmt, heute nacht zu verschwinden.«

»Vielleicht ist das ja auch meine Bestimmung«, gab Shan zu bedenken.

»Nein«, sagte Lokesh. »Deine Bestimmung ist es, die Reise fortzusetzen.« Die Gewißheit in seiner Stimme ließ nicht den leisesten Zweifel.

»Lokesh, mein Freund«, sagte Shan. Er kniete sich hin und legte dem Alten eine Hand auf die Schulter. »Ich bin dermaßen oft zerrissen und wieder zusammengenäht worden, daß ich mir wie ein zerlumpter alter Flickenteppich vorkomme. In mir paßt so vieles noch immer nicht zusammen, daß ich mich bisweilen regelrecht wundere, wie meine Seele dies jemals heil überstehen soll.« Er registrierte die Qual in seiner Stimme, doch er konnte nichts dagegen tun.

»Und du glaubst, Gendun wird die Teile zusammenfügen, Xiao Shan?« fragte Lokesh.

»Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß unter allen Dingen, die ich auf dieser Welt kennengelernt habe, die Lamas das Beste darstellen.«

Shan stand auf, nahm die Riemen der Leinentasche, die noch zu seinen Füßen stand, und ließ den Blick über die Berge schweifen, deren Schneekappen im Mondlicht schimmerten. Der Wind blies stetig und kalt und erinnerte ihn daran, daß Gendun zum Schutz vor den Elementen nur sein Gewand und ein dünnes Stück Leinen besaß. In der Ferne heulte ein Tier.

»Wir werden hier auf Xiao Shan warten«, sagte Lokesh zu Jowa, als wäre Shan schon aufgebrochen, und reckte das Weihrauchstäbchen wie eine Fackel in die Höhe. »Xiao Shan wird zurückkehren. Irgendwo auf einem hohen Berg wird er begreifen, daß nicht wir für Gendun verantwortlich sind, sondern Gendun für uns.«

Shan bemerkte, daß er die Hand um das gau geschlossen hatte, das kleine Kästchen, das sein Gebet und seine Feder enthielt. Gendun hatte etwas gespürt, als er Shan am letzten Nachmittag die Feder gab und betonte, daß ihre Reise unerwartete Wendungen nehmen könnte. Langsam, beinahe unbewußt, ließ Shan sich neben seinen beiden Gefährten nieder.

Sie beteten, bis das Weihrauchstäbchen abgebrannt war. Dann stiegen sie wieder in den Wagen. Shan stellte sich auf die Ladefläche, packte eine der Metallstreben und starrte dem schwarzen Gebirge entgegen, während sie weiter in die Nacht vordrangen.

Er schlief unruhig und schreckte oft aus Alpträumen hoch, in denen er Gendun in Gefahr wähnte, zerschmettert am Fuß einer Steilwand liegen sah oder in den Händen der Öffentlichen Sicherheit erblickte, deren Schergen ihn mit elektrischen Viehtreibern mißhandelten. Auch als der Lastwagen unvermittelt eine weite Kurve beschrieb und auf einen holprigen Schotterweg einbog, wachte Shan kurz auf, döste dann aber wieder ein, während am östlichen Himmel bereits die ersten grauen Vorboten der Dämmerung zu sehen waren.

Schließlich fiel er doch noch in einen tiefen Schlummer, aus dem ihn weder das Morgenlicht noch der Halt des Lastwagens erwachen ließen. Erst als direkt neben dem Fahrzeug plötzlich der gellende Schrei eines großen Tiers erklang, zuckte Shan zusammen und stieß sich den Kopf an einem der Fässer.

»Ende der Straße«, rief Jowa hinter dem Lastwagen, wo er mit Shans Leinentasche stand. Shan wankte zu der offenen Heckklappe, hielt sich den schmerzenden Kopf und stieß beim Hinunterklettern beinahe mit Lokesh zusammen. Der alte Tibeter stand dicht an die Rückwand des Fahrzeugs gepreßt und spähte vorsichtig um die Ecke. Er grüßte Shan mit einem furchtsamen Nicken und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder der Beobachtung zu.

Shan betastete seine Stirn und stellte beiläufig fest, daß an seinen Fingern ein wenig Blut klebte. Im trüben Licht der Dämmerung konnte er erkennen, daß sie sich anscheinend in einem Gewirr aus riesigen Felsblöcken und Gesteinsformationen befanden. Zwischen den Felsen lag stellenweise Schnee. Nein, kein Schnee, verbesserte er sich, nachdem er einen der hellen Flecken etwas länger betrachtet hatte. Das war Sand.

Er ging um den Wagen herum und erstarrte. Keine drei Meter vor ihm stand ein großes braunes Geschöpf mit zwei großen Höckern auf dem Rücken und einem Ledergeschirr am Kopf. Ein Kamel. Lokesh wagte sich ein Stück vor, hielt sich jedoch weiterhin hinter Shan und sah ihm über die Schulter. Das Kamel schnaubte verächtlich, stieß noch einen lauten Schrei aus und schüttelte sich, was ein unerwartetes Klingeln hervorrief. An den Enden des Geschirrs waren kleine Glocken befestigt.

Lokesh brach in lautes, keuchendes Gelächter aus. Shan drehte sich um und sah seinen Freund erstaunt an. Das Lachen konnte bedeuten, daß Lokesh verängstigt, verwirrt oder gar – was selten vorkam – hoch erfreut war.

Aus dem Schatten hinter ihnen ertönte ein knapper herrischer Ruf. Das Kamel schien die Stimme oder das Wort zu erkennen und trat mit erwartungsvollem Blick zwei Schritte vor. Shan sah sich nach dem Urheber der Stimme um. Er konnte hinter den Felsblöcken nun deutlicher eine mit Schotter gefüllte Rinne ausmachen, die sich leicht abschüssig zwischen den Gesteinsformationen und hin zu einer Reihe kleinerer Grate und langgezogener niedriger Berge erstreckte, die mit Geröll und Flecken graugrüner Vegetation bedeckt waren.

»Ai yi!« rief Lokesh in lautem Flüsterton und näherte sich Shan, als wolle er bei ihm Schutz suchen. Die kleineren Felsen erwachten zum Leben. Im Licht der aufgehenden Sonne hatten mehrere der dunklen Umrisse an Konturen gewonnen. Sie waren aus Fleisch, nicht aus Stein. Stille Gestalten, die sich unter graubraunen Umhängen zusammengekauert hatten. Langsam standen sie nun auf, als würde die Wärme der Sonne sie aus dem Winterschlaf erwecken. Doch als Shan ihre Gesichter sah, wurde ihm klar, daß die Fremden nicht träge, sondern nur vorsichtig waren.

»Jowa!« rief einer von ihnen, richtete sich vollends auf und ließ den Umhang fallen. Er war Tibeter, schien einige Jahre jünger als Jowa zu sein und trug am Ärmel seines Gewands einen kastanienbraunen Stoffstreifen. Dieses Symbol des Widerstands wurde zumeist von Mönchen getragen, deren Lizenz der Behördenwillkür zum Opfer gefallen war. Es diente als Hinweis auf die Farbe jener Robe, deren Träger von Rechts wegen mit einer Genehmigung des Büros für Religiöse Angelegenheiten ausgestattet sein mußten. Der Tibeter schaute von Jowa zurück zu einem hochgewachsenen Mann mit Schaffellweste, dessen dichtes schwarzes Haar grau gesprenkelt war und teilweise von einer randlosen braunen Kappe bedeckt wurde. Im Schatten neben ihm stand eine dritte Gestalt, ein hagerer, finster blickender Mann, der blaue Jeans und Schuhe aus Leinen trug. Seine Nase war schief, als sei sie ihm einst gebrochen worden.

Der junge Tibeter sprang vor und umarmte Jowa, der sich sogleich umdrehte und in Richtung der Berggipfel wies, die sie letzte Nacht hinter sich gelassen hatten. Daraufhin zog der junge Mann eine primitive Landkarte aus der Tasche, auf der Jowa mit einem Bleistiftstummel einige Eintragungen vornahm. Als Jowa fertig war, nickte der junge Mann und kletterte auf den Fahrersitz des Lastwagens. Unmittelbar darauf erwachte stotternd der Motor zum Leben, und der alte Jiefang setzte sich ächzend und widerwillig in Bewegung. Mit zunehmender Geschwindigkeit bog er auf den gewundenen Pfad ein, der zurück über die Berge führte.

»Er wird nach Gendun Ausschau halten«, sagte Jowa zu Shan. Seine Stimme klang hohl und leer. »Falls er unterwegs Tibeter trifft, wird er sie ebenfalls um Hilfe bitten.«

Als er den Lastwagen verschwinden sah, mußte Shan gegen eine Woge von Gefühlen ankämpfen. Das Fahrzeug war seine letzte Verbindung zu Gendun, das letzte Bindeglied zu seinem neuen Leben im Hochgebirge Zentraltibets und zu den Mönchen, die ihm zu einer zweiten Familie geworden waren, wie er sie seit mehr als dreißig Jahren, seit der Ermordung seines Vaters durch die Roten Garden, nicht mehr gekannt hatte. Für Shan sei der Zeitpunkt gekommen, die Berge zu verlassen, hatte einer der Mönche an jenem Abend beim Mandala zu ihm gesagt. Vielleicht nicht für immer, aber zumindest für eine Weile. Um zu erkennen, wer er war, hatte der Mann gemeint. Shan war kein Mönch, obwohl er bei ihnen lebte. Doch er war auch kein Chinese mehr. Betrachte es als Pilgerreise, hatte ein anderer Mönch vorgeschlagen. Aber Buddhisten wurden normalerweise zum Gipfel des Bergs Kailas oder zu anderen heiligen Stätten geschickt, an denen die Geister der Gottheiten residierten. Am Ende von Shans Wallfahrt standen Tod und Verwirrung, und womöglich warteten nur Leid und Argwohn auf ihn.

Er wußte, daß das Vertrauen der Mönche ihn ehren sollte. Aber in jenem Augenblick fühlte er sich alles andere als geehrt. Er verspürte nur Müdigkeit und Angst. Angst um Gendun. Angst wegen der Morde an den Jungen, die aus völlig unbekannten Motiven erfolgt waren. Angst, daß man ihn aufhalten würde, bevor er sich des Vertrauens würdig erweisen könnte. Stell dir vor, du wärest in einem Geisterpalast und würdest hundert Türen vor dir sehen, hatte einer seiner buddhistischen Lehrmeister einst zu ihm gesagt. Nur eine dieser Türen ist für dich bestimmt, aber wie lange wird es dauern, bis du sie erkennst? Heute sah er sich diesen hundert Türen gegenüber, und neunundneunzig davon führten in den Untergang. Shan widerstand dem Impuls, dem Lastwagen hinterherzulaufen, sich auf die Ladefläche zu schwingen und wieder in sein Faß zu kriechen.

Die beiden Fremden kamen näher, hielten jedoch sofort wieder inne, als plötzlich schnelles Hufgetrappel ertönte. Ein Reiter galoppierte heran. Er trug einen zerlumpten Fellmantel und eine rote Wollmütze und schwang sich vom Rücken seines braunweißen Pferdes, noch bevor das Tier ganz zum Stehen gekommen war. Schweigend verharrte der Neuankömmling vor dem älteren Mann, neigte respektvoll den Kopf und nahm dann die Mütze ab. Darunter kam eine Frau zum Vorschein, die ihr schwarzes Haar hinter den Ohren zu zwei kurzen Zöpfen geflochten hatte. Das Kamel brüllte laut, rannte blindlings auf sie zu und stieß Lokesh dabei zu Boden. Die Frau strich dem Tier einmal kurz, aber liebevoll über den Kopf, lief dann zu Lokesh und reichte ihm die Hand, um ihm wieder auf die Beine zu helfen.

»Großvater«, sagte sie sanft auf tibetisch und benutzte die traditionelle respektvolle Anrede für eine ältere Person. »Bitte verzeiht ihr, sie ist nur eine bata, eine Einjährige, und muß noch viel lernen.« Der Klang ihrer Stimme zeugte von Ruhe und Kraft.

Lokesh brach abermals in sein keuchendes Gelächter aus. »Ich hab so ein Tier schon mal auf einem Bild gesehen«, sagte er vom Boden aus und schüttelte die hilfreich ausgestreckte Hand der Frau, als habe sie ihn auf diese Weise begrüßen wollen. »Ich dachte damals, es sei ein mythisches Geschöpf, eine jener Gestalten, wie sie die Götter in den Visionen der Sterblichen annehmen. Aber meine Frau sagte, es sei lediglich ein Pferd mit gebrochenem Rücken.«

»Nein, Großvater«, entgegnete die Frau und zwinkerte. Sie war jung, nicht älter als fünfundzwanzig, und im Schein der aufgehenden Sonne schimmerte ihr Haar rötlich. »Sie ist bloß ein Esel, der zwei Schildkröten verschluckt hat.«

Vorsichtig stützte sie Lokesh beim Aufstehen und bürstete dann den Staub von seinem Rücken. Die zwei anderen Männer beeilten sich nun und holten ein weiteres Kamel sowie mehrere kleine, stämmige Pferde hinter den Felsen hervor. Der ältere der beiden überprüfte die Sättel der Tiere und führte dann zwei Pferde zu Shan und Lokesh. Auf halbem Weg blieb er neben der Frau stehen. »Du solltest nicht hier sein, Jakli«, sagte er streng. »Es ist zu gefährlich für dich.«

Die junge Frau ging einen Schritt auf ihn zu. »Sie war meine Freundin, Akzu«, erwiderte sie. »Und meine Lehrerin.«

Die Worte ließen den Mann das Gesicht verziehen. »Du schuldest dieser Frau überhaupt nichts. Sieh nur, was sie dir angetan hat.«

»Und doch verdanke ich ihr viel«, erwiderte die Frau namens Jakli und klang dabei auf merkwürdige Weise zugleich eigensinnig und betrübt.

Der Mann mit Namen Akzu sah sie wortlos an. Dann erschien ein trauriges Lächeln auf seinem Gesicht. »Komm her, Mädchen.« Er breitete die Arme aus. »Sie sollen alle verdammt sein, daß sie dich von uns ferngehalten haben. Es ist zu lange her.«

Als die Frau ihn umarmte, schien eine Wolke sich auf Akzus noch immer lächelndes Antlitz zu legen, als würde er sich unfreiwillig an etwas erinnern, das er lieber vergessen hätte.

Schließlich begann Akzu, das junge Kamel mit Gepäck zu beladen. Shan beobachtete ihre neuen Führer. Der Anblick des Tiers hatte ihm einen regelrechten Schock versetzt. Zwar wußte er durchaus, wie Kamele aussahen, aber ihm war bis zu diesem Moment nicht wirklich klar gewesen, welch große Strecke mittlerweile hinter ihm und seinen Gefährten lag. Dieses Land hier war anders. Die Leute waren anders. Keiner der beiden Männer hatte tibetische Gesichtszüge. Sie waren nach Norden gereist, rief Shan sich ins Gedächtnis, und zwar so tief ins Kunlun-Gebirge, daß sie den Lebensraum eines anderen Volkes erreicht hatten. Wie zur Bekräftigung dieser Erkenntnis rief der Mann neben dem Kamel seinem Begleiter mit der krummen Nase etwas zu. Shan verstand kein Wort. Es schien sich um den Dialekt einer Turksprache zu handeln, wie sie unter den Moslems in Chinas äußerstem Westen üblich war. Diese Leute waren Uiguren, überlegte Shan, oder vielleicht auch Kasachen, genau wie die ermordeten Jungen.

Der Mann mit der krummen Nase kam näher und legte dem Kamel eine Hand auf den Hals. »Du bist derjenige, der über die Öffentliche Sicherheit Bescheid weiß, nicht wahr?« sagte er auf Mandarin zu Jowa.

Der purba warf Shan einen kurzen und eindeutig unbehaglichen Blick zu.

»Es heißt, du würdest die Geheimnisse des Büros für Öffentliche Sicherheit kennen.« Der Mann ließ nicht locker.

Jowa runzelte die Stirn. »Bei meinem letzten Gefängnisaufenthalt war in meiner Zelle ein Häftling, der früher für die Öffentliche Sicherheit gearbeitet hat«, räumte er zögernd ein. »In Lhasa … als Teil eines Experiments zur Rekrutierung von Tibetern. Aber das Experiment schlug fehl, und so mußte man ihn irgendwo verschwinden lassen. Er wußte, daß er erst in vielen Jahren wieder freikommen würde, also beschloß er, seine Kenntnisse weiterzugeben, damit seine Zeit bei den Kriechern nicht völlig wertlos gewesen wäre.«

Der Mann lachte, als sei dies ein besonders guter Witz. »Angeblich hast du eine Lastwagenkolonne der Öffentlichen Sicherheit zerstört.«

»Die Fahrzeuge wurden leider sehr ungünstig geparkt. Es gab eine Lawine.«

»Aber das warst du.«

»Die Felsen und der Schnee haben den Schaden angerichtet«, behauptete Jowa ungerührt. »Manchmal werden die Berggeister wütend.« Der Mann lachte erneut. Jowa warf Shan einen zweiten verlegenen Blick zu. Die tibetischen Widerstandskämpfer hatten schmerzlich lernen müssen, daß es sich nicht auszahlte, die Chinesen offen anzugreifen oder eindeutige Sabotage zu betreiben. Solche Aktionen zogen stets schwerwiegende Vergeltungsmaßnahmen nach sich, unter denen fast immer nur Unschuldige zu leiden hatten.

»Man sagt, du könntest ungesehen die Kontrollpunkte der Öffentlichen Sicherheit passieren«, fuhr der Mann fort, trat an Jowas Seite und half ihm, die Tasche auf den Rücken des Kamels zu heben. »Sogar bei elektronischer Überwachung.«

Die Worte schienen Jowa und Shan gleichermaßen zu überraschen. Der Mann reiste nach Art des siebzehnten Jahrhunderts und sprach zur selben Zeit von computerisierten Sicherheitssystemen, die aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert stammten.

»Unsichtbare Kontrollpunkte unterscheiden sich nicht sonderlich von allen anderen«, erklärte Jowa noch immer recht widerstrebend. »Man muß bloß wissen, wie man sie aufspürt.« Shan war verblüfft. Nur Jowa und der Tibeter, der mit dem Lastwagen weggefahren war, gehörten zu den purbas, doch die anderen Leute kannten die Geheimnisse der Widerstandsbewegung.

Das Kamel schüttelte den Kopf, so daß die Zügel herabfielen.

»Gut für dich«, sagte der Mann und klopfte Jowa auf die Schulter. »Gut für uns.«

Als er sich vorbeugte, um die Zügel wieder aufzuheben, rutschte ein Stück Papier aus seiner Tasche. Eine Landkarte.

Der Wind riß die Karte hoch empor und ließ sie ein kurzes Stück vor Shan auf den von der Sonne beschienenen Fleck in der Mitte der freien Fläche fallen. Shan trat ins Licht und hob die Karte auf.

Im selben Moment schienen die beiden Moslems zum erstenmal sein Gesicht zu bemerken. Shan streckte die Karte dem Mann mit der krummen Nase entgegen, der ihn lediglich wütend anstarrte. Akzu stieß einen leisen Fluch aus. Shan steckte die Karte unter einen der Geschirriemen des Kamels und ging zurück zu seiner Tasche. Er kam nur zwei Schritte weit, dann stellte sich ihm der Mann mit der krummen Nase in den Weg.

»Wer ist das?« rief er, an Jowa gewandt, jedoch ohne Shan aus den Augen zu lassen. Sein ausgestreckter Zeigefinger war wie eine Waffe auf Shan gerichtet. Dann hob er die Hand, riß Shan die Mütze vom Kopf und warf sie zu Boden.

»Ich heiße Shan.«

Er nahm die Mütze und setzte sie wieder auf. Der Mann schlug sie abermals herunter.

»Du bist ein Chinese«, stellte der Mann anklagend fest.

»Gewissermaßen«, erwiderte Shan ruhig und hob die Mütze zum zweitenmal auf. Sobald er sie sich über die Ohren gezogen hatte, schlug der Mann sie ihm zum drittenmal vom Kopf.

»Ihn sollten wir herbringen«, sagte Jowa, ohne sich allerdings von der Stelle zu rühren. »Wegen dieser Frau namens Lau.«

»Niemand hat etwas von einem Chinesen gesagt.«

»Und ich habe nicht mit einem Uiguren gerechnet«, gab Jowa zurück. »Es hieß, wir würden von Kasachen erwartet.«

Der Mann deutete auf seinen älteren Begleiter. »Die Kasachen und Uiguren haben viele gemeinsame Interessen. Das meiste davon gilt auch für die purbas

Akzu baute sich wachsam vor ihnen auf. Sein Blick huschte zwischen Shan und dem Uiguren hin und her. »Es gibt jetzt Wichtigeres zu tun«, sagte er dann und bedeutete seinem Kameraden, sich von Shan zu entfernen. Shan starrte die beiden Fremden an. Sie wollten Jowa, begriff er. Jowa, der wußte, wie man die Patrouillen der Öffentlichen Sicherheit überlistete.

»Wir werden uns auch allein zurechtfinden«, sagte eine ruhige Stimme hinter ihm. Es war Lokesh. Er hob Shans Mütze auf und gab sie ihm.

»Bestens«, sagte der Uigure und wies auf die Gebirgsausläufer unter ihnen. »Nach Nordwesten. Ruft einfach immer schön laut, dann wird Laus Geist euch schon finden.«

Schweigend beobachteten sie, wie Shan und Lokesh ihre Taschen schulterten und zu Fuß in die angewiesene Richtung aufbrachen. Jowa murmelte etwas und folgte ihnen.

Die junge Frau packte die Zügel ihres Pferdes und schloß im Laufschritt zu Shan auf. »Mein Name ist Jakli«, sagte sie und nahm Shans Tasche. »Ich bringe euch zu Tante Lau.«

Shan lächelte dankbar. »Ich muß wissen, wie sie ums Leben gekommen ist.«

»Sie ist im Fluß ertrunken, glaubt zumindest die Anklägerin.« Jakli warf dem älteren Mann einen verunsicherten Blick zu. »Aber das stimmt nicht«, fügte sie eilig hinzu. »Lau wurde durch einen Kopfschuß getötet, wie bei einer Hinrichtung. Falls die Anklägerin die Leiche zu Gesicht bekäme, würde sie die Sache doch nur vertuschen. Also haben wir Lau versteckt. An diesem Punkt solltet ihr ansetzen.«

Bevor Shan etwas darauf erwidern konnte, galoppierte ein Pferd an ihnen vorbei. Darauf saß Akzu und verstellte ihnen den Weg. »Du hast schon genug Schwierigkeiten, Jakli«, sagte er. »Plaudere bloß keine Geheimnisse aus. Du kennst diesen Chinesen doch gar nicht.«

»Wenn die alten Priester diesen Mann geschickt haben, dann brauchen wir ihn auch«, sagte Jakli. Ihr Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.

»Die alten Priester werden weich«, murmelte der Uigure.

Jaklis Augen funkelten wütend. »Nachdem sie jahrzehntelang ihren Glauben sogar noch im Gefängnis bewahrt haben, werden sie weich? Nachdem sie mit ansehen mußten, wie ihre Klöster in Schutt und Asche gelegt wurden, werden sie weich? Nachdem man ihnen die Daumen abgeschnitten hat, damit sie keine Rosenkränze mehr beten können, werden sie weich?« Sie berührte Lokesh am Arm und sah ihm ins Gesicht. »Großvater«, sagte sie. »Ihr seid früher Priester gewesen.«

»Eine Zeitlang«, sagte Lokesh und schenkte ihr ein breites Lächeln.

»Erzählt es ihm. Wie viele Jahre habt Ihr im Gefängnis verbracht?«

»Fünfunddreißig«, sagte der alte Tibeter weiterhin lächelnd.

Jakli umschloß seine Hand und sah ihn an. Lokesh erwiderte den Blick erstaunt. Dann wandte sie sich wieder dem Uiguren zu. »Sie werden nicht weich«, sagte sie mit unverminderter Entschlossenheit. »Sie werden weise. Ihr Blick wird geschärft. Und da unsere Priester alle verschwunden sind, müssen wir uns eben anderweitig der Weisheit versichern.«

»Ich weiß genau, was vor sich geht«, lautete die mürrische Antwort.

»Nein. Du bist blind.« Sie drehte sich zu Shan um. »Dieser Mann wird Fat Mao genannt«, sagte sie und wies auf den dürren Uiguren. »Er glaubt, jeder Chinese sei sein Feind. Doch in Wirklichkeit sind Mörder, Tyrannen und Lügner unsere Feinde, wie auch immer sie aussehen mögen.« Die kalte Wut in ihrer Stimme überraschte Shan. Nicht so Fat Mao. Er zuckte zusammen, als fürchte er den Sturm, den er heraufbeschworen hatte. Ein kurzer Ruck am Zügel ließ sein Pferd ein Stück zurückweichen.

»Shan hat ganz besondere Fähigkeiten«, verkündete Lokesh. »Er sieht die Wahrheit, wo andere nichts erkennen.«

»Na großartig«, warf der Uigure ein, hielt sich jedoch sorgfältig von Jakli fern. »Es sterben Menschen. Die Clans werden zerschlagen, und ihr bringt uns einen Hellseher.«

»Er hat sich der Wahrheit bedient, um diesen Mann aus dem Gefängnis zu befreien«, sagte Jowa und deutete auf Lokesh. »Und als letzten Frühling ein Mönch wegen Mordes hingerichtet werden sollte, hat Shan die Wahrheit herausgefunden. Durch seine Ermittlungen wurden der Mönch freigelassen und die wirklichen Mörder bestraft.«

»Du meinst, es wurden statt dessen andere Tibeter hingerichtet.«

»Nein. Die Schuldigen waren chinesische Beamte und Soldaten.«

Fat Mao starrte erst Jowa und dann Shan an, als sei er nicht sicher, ob diesen Worten zu trauen war.

»Und dennoch«, ertönte eine Stimme hinter ihnen. Sie gehörte dem alten Kasachen namens Akzu. Er trat an die Seite des berittenen Uiguren. »In deiner Stimme schwingt keinerlei Freundlichkeit für diesen Mann mit«, sagte er zu Jowa.

Der Widerstandskämpfer sah zu Boden. »Die Chinesen haben meine Familie ausgelöscht und meinen Lama getötet«, sagte er schroff. Shan hörte ihn zum erstenmal von seinem Leid berichten. »Aber ich kenne die Lamas, die darum gebeten haben, er möge herkommen. Für sie würde ich sogar den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei begleiten.«

Der alte Kasache seufzte vernehmlich. »Aber wir können euch nicht zu Lau bringen. Das ist jetzt unwichtig. Lau wird uns vergeben.«

»Ich werde sie hinbringen, Akzu«, sagte Jakli. »Das habe ich versprochen.«

»Ich weiß, was du versprochen hast, Nichte, aber in der Zwischenzeit hat sich manches geändert. Wir brauchen diesen Mann«, sagte Akzu und deutete in Richtung Jowa.

»Ich will damit sagen, ich habe es Tante Lau versprochen«, erklärte Jakli. »Ich habe es nach ihrem Tod geschworen.«

Akzu verzog das Gesicht. Er strich dem Pferd über die Nüstern und sah Jakli bekümmert an.

Noch bevor er etwas sagen konnte, stieß der Uigure einen lauten Schrei aus. »Soldaten!«

Im nächsten Moment hörte auch Shan, weshalb der Mann aufgeschreckt war. In einiger Entfernung war ein tiefes schnelles Rattern zu vernehmen, das rasch lauter wurde. Akzu rannte zu den Kamelen, packte ihre Zügel und drängte sie zurück in den Schatten bei den Felsen. Jowa und der Uigure taten das gleiche mit den Pferden. Jakli nahm Lokeshs Hand und zog ihn hastig zwischen zwei große Felsblöcke. Als Shan sich zu ihnen gesellte, erhaschte er einen flüchtigen Blick auf die Maschine, die sich näherte, einen der grauen Helikopter der Volksbefreiungsarmee. Der Hubschrauber folgte dem Verlauf der Bergflanken und überflog die Senke in weniger als zweihundert Metern Höhe. Shan und die anderen preßten sich dicht an die Felsen.

Nachdem die Maschine verschwunden war, sprach eine Weile niemand ein Wort. »Diese Mistkerle«, sagte Fat Mao schließlich und schaute zu Akzu. »Wir müssen auf dem schnellsten Weg zurück.«

Shan sah, daß Jakli regungslos stehenblieb und in Richtung des Horizonts starrte. Der Blick ihrer grünen Augen verriet Furcht, doch Shan spürte, daß sie nicht etwa Angst um sich selbst hatte, sondern sich vielmehr um andere sorgte, die ohne Deckung im Gebirge überrascht werden könnten.

»Es tut mir leid, Nichte«, sagte Akzu und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß, daß wir bei Laus Bestattung gesagt haben, wir würden ihr helfen, aber seither ist vieles anders geworden. Der Clan des Roten Steins wurde hintergangen.«

Die Worte rissen Jakli aus ihrer Erstarrung. »Hintergangen?« fragte sie, und die Sorge auf ihrem Antlitz nahm noch zu.

»Es war dieses Schwein namens Bajys. Er hat unsere Gastfreundschaft ausgenutzt und uns belogen. Den Jungen in seiner Begleitung hat er ermordet, und dann ist er zu den Chinesen gerannt.« Akzu warf Fat Mao einen bedeutungsvollen Blick zu. »Bestimmt wird er plaudern wie ein Wasserfall, um sich ihren Schutz zu erkaufen.«

»Ein Junge ist tot?« fragte Shan. Niemand schien ihn zu hören.

Jakli ließ sich auf einen nahen Felsen sinken. Ihr Gesicht verlor sämtliche Farbe.

»Das Opfer war keiner von uns«, sagte Akzu zu ihr, »sondern eines von Laus Kindern. Ein guter Junge. Er hieß Khitai, und er war erst neun Jahre alt. Die Pferde mochten ihn. Bajys hat ihn in den Kopf geschossen.«

Neben Shan schnappte jemand wie unter großen Schmerzen nach Luft. Lokesh hielt sich den Bauch, als hätte man ihm einen Tritt verpaßt. »Khitai?« fragte er. Er hielt sich an Shans Schulter fest, als würde ihm schwindlig. »Khitai war bei euch?«

Jakli und Akzu sahen erst Jowa, dann Shan fragend an. Das erste Opfer hatte bei Akzus Clan gelebt. Schon als der Nomade von diesem Mord berichtete, hatte Lokesh nach dem Namen des Jungen gefragt, und als er ihn nun durch Akzu erfuhr, schien er ihn wiederzuerkennen. Als sei Lokesh in erster Linie wegen Khitai mitgekommen.

»Er war ein kasachischer Junge«, sagte Akzu und musterte Lokesh verwirrt.

Der alte Tibeter schien ihn gar nicht zu hören. Er gab ein leises Stöhnen von sich und versank in Gedanken.

Jakli wandte sich an Shan. »Ich werde euch zu Lau bringen«, bekräftigte sie. »Akzu wird euren Freund Jowa ins Lager des Roten Steins mitnehmen.«

Shan drehte sich zu Lokesh um. Der Alte kniete inzwischen auf einem Felsen, sah in Richtung der schneebedeckten Gipfel und ließ den Blick über den Horizont wandern. Aus irgendeinem Grund wußte Shan, daß Lokesh nach Gendun suchte, daß er den Lama plötzlich dringend brauchte. Es hat bereits angefangen, hatte Gendun gesagt. Er mußte die Morde an den Kindern gemeint haben, als habe er damit gerechnet. Vielleicht hatte er auch darauf gehofft, Shan könne durch die Aufklärung von Tante Laus Tod Schlimmeres verhindern.

Während er sich seinem alten Freund näherte, sah Shan, daß Lokesh die Finger aneinandergelegt hatte, und glaubte im ersten Moment, es handle sich um ein mudra. Doch als er neben Lokesh niederkniete, erkannte er seinen Irrtum. Der Tibeter rang in stummem Schmerz die Hände. Shan konnte den Grund dafür nicht verstehen. Er legte dem Alten einen Arm um die Schultern und sprach ein paar tröstende Worte. Lokesh schien ihn gar nicht zu bemerken.

»Dieser Junge«, sagte Shan und wandte sich wieder an Jakli. »Hat er zur zheli gehört?«

Erstaunt erwiderte sie seinen Blick. »Ja. Er war eines der Waisenkinder aus der Schule in Yutian und hat an Laus Unterricht teilgenommen. Diese Kinder sind keine gewöhnlichen Waisen. Sie stehen nicht nur ohne Familie da, auch ihr Clan existiert nicht mehr. Aber die zheli ist kein offizieller Teil der Schule. Eher so eine Art Ersatzclan anstelle der verlorenen Bindungen.«

»Hast du diesen Jungen gekannt?« fragte Shan seinen alten Freund. »Hat Gendun diesen Jungen gekannt?«

Langsam schüttelte Lokesh den Kopf, ohne seine Augen von den Bergen abzuwenden. Seine Miene zeugte von großer Verzweiflung.

Jakli betrachtete sie beide und wirkte immer verwirrter.

»Khitai«, rief Lokesh plötzlich mit mutloser Stimme, aber diesmal war es nicht nur ein Ausdruck der Qual. Es schien, als würde er den toten Jungen rufen wollen, so wie ein besorgter Vater nach seinem vermißten Kind rief.

»Warum ein Kind?« fragte Shan beinahe flehentlich. »Kinder sind doch nur …« Seine Stimme versagte ihm den Dienst.

Als er Jakli ansah, wurde ihm ihre zunehmende Wut bewußt. »Die Kinder sind alles, was noch übrig ist«, sagte sie, und Shan begriff, was gemeint war: Pein und Verfolgung hatten die Clans vernichtet, bis auf diese letzten überlebenden Kinder.

»Ich habe nie an Dämonen geglaubt«, meldete sich hinter ihm zaghaft Akzu zu Wort. Sein Blick war auf Lokesh gerichtet, und sein trauriger, wissender Gesichtsausdruck schien zu besagen, daß er den alten Tibeter nur zu gut verstand. »Mein Großvater hat immer erzählt, die Dämonen schliefen in der Erde und würden manchmal mit hemmungslosem Blutdurst erwachen. Dann bräche ihre Zeit an, eine Zeit der Zerstörung, wie es andererseits Zeiten der Blüte oder Schöpfung gibt. Niemand könne sie aufhalten, so wie auch niemand der aufgehenden Sonne Einhalt gebieten kann. Man müsse diese Phase in stillem Leid ertragen und warten, bis die Dämonen ihren Appetit gestillt hätten. Ich sagte ihm, ich würde nicht an so etwas glauben. Für mich seien Dämonen lediglich Mythen aus alten Tagen.

Aber als mein Großvater sich dann weigerte, seine Tiere von den Weiden zu treiben, die unser Clan seit fünfhundert Jahren nutzte, und chinesische Bauern auf sein Land zu lassen, damit diese den Boden mit ihren Maschinen umpflügen konnten, wurde ich eines Besseren belehrt. Ein Dämon kam und warf Granaten in sein Zelt, während er und meine Großmutter schliefen. Dann hat der Dämon mit einem Maschinengewehr die gesamte Herde niedergemäht, sogar die Lämmer.« Shan wandte den Kopf und sah, daß Jowa und Fat Mao mittlerweile dicht neben ihnen standen und mit zornigen Mienen der Erzählung lauschten. »Ich habe die Leichen gefunden, als ich ins Tal ritt, um gemeinsam mit meinem Großvater Lieder zu singen. Der Boden war mit Blut getränkt. Und seit jenem Tag glaube ich an Dämonen«, sagte Akzu dermaßen ruhig und sachlich, daß Shan ein kalter Schauder über den Rücken lief. »Der Dämon ist entfesselt und hat es auf die Waisen abgesehen. Ich glaube, er will zu Ende bringen, was er mit den Eltern der Kinder begonnen hat. Dreiundzwanzig Waisen hatte Lau«, verkündete Akzu unheilschwanger und blickte zum nördlichen Horizont. »Wer weiß, wie viele es am Ende noch sein werden?«

Der alte Kasache meinte nicht nur den Verräter Bajys, denn ein Mann wie Akzu wußte, daß es nie bloß um eine einzelne Person ging. Die Dämonen des modernen China waren die irrationalen, unberechenbaren politischen Fieberanfälle, die bei ihrem plötzlichen Auftreten manche mit Haß infizierten und anderen eine solche Furcht einflößten, daß ihnen Verrat und Mord als einzige Auswege erschienen. Vielleicht war Shan ursprünglich geschickt worden, um den Dämon aufzuspüren, der Lau getötet hatte, doch derselbe Dämon machte sich inzwischen womöglich über die Kinder her. Shan legte Lokesh eine Hand auf die Schulter und sah erst Jowa, dann Akzu an. »Wir müssen euch in dieses Lager begleiten«, teilte er dem alten Kasachen mit. »Wir müssen uns an den Ort begeben, an dem Khitai gestorben ist.«

Akzu starrte Shan durchdringend an und wandte sich dann an Jakli. »Es kann durchaus sein, daß der Dämon alle diese Kinder töten will. Ich werde nicht zulassen, daß unser Clan sich deswegen in Gefahr begibt«, sagte er mit entschlossenem Blick und drehte sich wieder zu Shan um. »Und falls du ihm in die Quere kommst, wird er dich ebenfalls töten.«

Kapitel Drei

Es tröstete Shan, daß auf der Erde noch Gegenden wie jene existierten, die sie soeben durchritten, Orte, die man niemals würde urbar machen können. Manche behaupteten, solche Regionen seien gut für den Planeten, andere waren eher von der vorteilhaften Wirkung auf das Seelenheil der Menschen überzeugt. Shan hingegen hatte einst einen alten Priester einer winzigen, nahezu ausgestorbenen tibetischen Sekte getroffen, für den solche Unterscheidungen irreführend waren. Nachdrücklich betonte der Priester, eine Seele könne nur in freier, uneingeschränkter Umgebung gedeihen. Wenn man die Gottheiten des Landes in Ketten lege, würden die Seelen der Menschen grau und leer. Der Lama hatte zwar sein ganzes Leben im Hochgebirge zugebracht, kannte jedoch trotzdem die chinesischen Asphaltstraßen, die für ihn, so beteuerte er selbstsicher, nichts anderes als unwissentlich angelegte Fesseln auf der Oberfläche des gesamten Planeten waren. Sobald sich mit dem letzten Stück Asphalt die letzte Straßenverbindung quer über die Kontinente schloß, sei das Ende der Welt gekommen.

Sie ritten drei Stunden im Schatten der Felswände voran, galoppierten über einige niedrige Pässe, die ungeschützt im hellen Sonnenlicht lagen, und hielten sich am Rand einer breiten Senke, auf deren offenen Weideflächen ein Reiter keinerlei Deckung gehabt hätte.

Unterwegs erkundigte Shan sich bei Jakli nach Tante Lau. Sie war ihre Lehrerin, erfuhr er, und bis vor kurzem auch Angehörige des örtlichen Landwirtschaftsrats, eines Gremiums, das von den einheimischen Anbaubetrieben gewählt wurde und die Gemeindeverwaltung in Fragen von Ackerbau und Viehzucht unterstützte. Lau war ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt und selbst eine Waise gewesen. Ohne eigene Familie wurde sie dennoch »allen eine Mutter«, wie Jakli es ausdrückte und dann ihrem Pferd die Sporen gab, als Akzu sich mit tadelndem Stirnrunzeln zu ihr umwandte. Hier, zwischen den Felsen, hallte jedes Geräusch bis weit in die Ferne wider, und Shan war nicht entgangen, wie besorgt der alte Kasache den Blick über das Gelände schweifen ließ.

Über Akzu und Fat Mao hatte sich grimmiges Schweigen gesenkt. Zuerst dachte Shan, sie seien noch immer wütend über seine Anwesenheit, aber dann erreichten sie eine Weggabelung, an der Akzu auf den weniger benutzten der beiden Pfade einbog, und Shan erkannte, daß die Männer nervös, ja sogar ängstlich waren. Selbst die Pferde schienen nur widerwillig diese Richtung einschlagen zu wollen und mußten mit fester Zügelhand zwischen die beiden Felsen am Anfang des Wegs dirigiert werden. Zuvor hatte Akzu eine kurze Pause eingelegt, um die Glocken vom Geschirr des Kamels abzuschneiden.

Jakli ritt vor Shan. »Eine Abkürzung«, sagte sie, über die Schulter gewandt. Doch auch sie war nervös, wie er ihren Augen deutlich ansah.

Vom Schatten einer weiteren Felswand aus betrachtete Shan den ungefähr acht Kilometer langen Talkessel. Die Gegend war nicht so fruchtbar wie die Täler Zentraltibets, aber es gab gleichwohl genug Vegetation und Wasser, um die kleinen Herden der Nomaden zu ernähren. Wenigstens in der Theorie, dachte Shan, denn eigentlich hätte er Schafe, Ziegen oder Yaks und vielleicht sogar die flachen Filzzelte eines Hirtenlagers vor sich sehen müssen. Aber das Gelände war leer, ohne jedes Lebenszeichen.

Der Pfad stieg in Richtung des Bergrückens an, der das südliche Ende des Tals begrenzte, und auf dem Kamm tauchte zwischen den Felsen eine schmale Spalte auf. Akzu hob den Arm und ließ die Kolonne anhalten. Dann stieg er ab und führte sein Pferd zu der Öffnung. Dicht daneben drückte er sich an die Wand und spähte vorsichtig hindurch. Einen Moment später huschte er, sichtlich erleichtert, an der Spalte vorbei und bedeutete den anderen, ebenfalls abzusteigen und ihm zu folgen. Shan schwang sich unbeholfen aus dem Sattel und schloß sich den Gefährten an, doch auf Höhe der Öffnung blieb er stehen.

Das Objekt der Angst dominierte die Landschaft jenseits des Bergrückens. Es handelte sich um eine Anlage, die auch aus mehr als drei Kilometern Entfernung noch riesig wirkte. Hinter einem langen hohen Drahtzaun, der in gleichmäßigen Abständen mit Wachtürmen versehen war, erstreckte sich ein Komplex aus niedrigen, leuchtendweißen Gebäuden und Zementbunkern.

»Als ich noch klein war«, sagte eine leise Stimme hinter Shan, »gab es auf dem Nachbarhügel unseres Sommerlagers ein Skorpionnest. Meine Brüder wollten die Tiere ausräuchern.«

Shan warf Jakli einen verwirrten Blick zu und schaute dann zurück zu dem Komplex. Er wußte, wie ein chinesisches Gefängnis aussah, doch das hier war kein Gefängnis. Es verfügte zwar über viele Wachtürme, war ansonsten aber zu neu und sauber. In dieser Einrichtung steckte so viel von Pekings Geld, daß es sich keinesfalls um einen gewöhnlichen Bestandteil des Gulags handeln konnte. Andererseits glich es auch keinem der Armeestützpunkte, die er kannte. Alles hier schien aus Zement zu bestehen. Im Innern des Areals ragten in regelmäßiger Folge kleine Gebäude von der Größe eines Geräteschuppens aus dem Boden.

»Nein, sagte mein Vater«, fuhr Jakli fort. »Laßt sie am Leben. Ich möchte nicht, daß ihr unachtsam das Land durchstreift.«

Shan hob eine Hand an die Stirn, um seine Augen vor dem hellen Schein der mittlerweile hoch am Himmel stehenden Sonne zu schützen. In der Mitte des Geländes entdeckte er eine große Radarantenne. Dahinter waren grellweiße Kuppeln aufgereiht. Eine Kommunikationsanlage mit Satellitentechnik. Die kleinen Gebäude waren nicht etwa Schuppen, sondern die Eingänge zu einem unterirdischen Komplex.

»Bei uns heißt dieser Ort die Pilzschüssel. Eines Nachts habe ich einen der Tests beobachtet«, sagte Jakli. »Das Ding stieg hoch in den Himmel empor, wie eine Sternschnuppe, die nach Hause zurückkehren will.«

Shan fröstelte auf einmal und konnte den Anblick nicht länger ertragen. »Es tut mir leid«, sagte er unwillkürlich.

Jakli erwiderte seinen Blick mit einem kleinen weisen Lächeln. »Das ist unser Skorpionnest.«

Tibet und der westliche Teil Chinas sollten als Puffer fungieren, als Schutzzone gegen zukünftige Bedrohungen, hatte ein hoher General einst im Beisein von Shan anläßlich eines Banketts in Peking geäußert. Das hieß vor allem, daß die ausgedehnte Wildnis als Versteck für die wichtigsten Waffen des Landes diente. Viele Politiker in der Hauptstadt prahlten damit, daß Tibet aus Peking regelmäßig Milliardensummen erhielt. Nur ein Bruchteil dieses Betrags wurde nicht für die Aushöhlung von Bergen ausgegeben, in denen man dann Truppen stationierte und geheime Abschußanlagen für Nuklearraketen errichtete, wie jene, die Shan soeben gesehen hatte. Die Pilzschüssel. Benannt nach den weißen Kuppeln, die im Anschluß an Pekings Überfall aus dem Boden zu sprießen begannen, und vielleicht auch nach dem Erscheinungsbild der bösen Geister, die in den Sprengköpfen der Raketen wohnten.

Also hatten sie die Wildnis doch gezähmt, dachte Shan. Womöglich hatte der alte Priester ja recht. Wenn ein heiliges Land auf solche Weise in Ketten gelegt wird, könnte dies das Ende von allem bedeuten. Aus irgendeinem Grund mußte Shan an das leise Grollen denken, das in ihrer Einsiedelei in Lhadrung allgegenwärtig war, das Geräusch der riesigen Gebetsmühle, für deren Betrieb rund um die Uhr zwei Mönche sorgten, in einer kleinen Kammer in der Wand eines namenlosen Berges im fernen Tibet. Die geheime unterirdische Maßnahme der Lamas zum Schutz der Welt.

Nun verstand er, weshalb die Weiden komplett entvölkert waren. Stützpunkte wie dieser lagen stets inmitten militärischer Sperrgebiete, in denen man ständig mit Patrouillen der Armee rechnen mußte. Zu Zeiten der chinesischen Kaiser hatte man viele Orte allein für die Herrscherfamilie und einige hohe Beamte reserviert. Normalen Bürgern war das Betreten und manchmal sogar das simple Betrachten bei Todesstrafe untersagt. China hatte noch immer seine Verbotenen Städte. Wer als Zivilist in einer solchen Zone ertappt wurde, konnte nicht auf Gnade hoffen.

Als Shan sich zum Gehen wandte, entdeckte er auf dem Hang neben der Spalte einen großen, rot bemalten Felsen. Ein weiterer dieser Felsen lag auf dem Abhang am Ende der Senke. Auf diese traditionelle Weise wurden die Heimstätten der jeweiligen Schutzgötter des Landes markiert, die in den Bergen wohnten. Einige Tibeter hatten das große Wagnis auf sich genommen, diese Felsen anzumalen, als würden sie den Stützpunkt mit wachsamen Gottheiten eingrenzen wollen.

»Eine solche Gefahr«, sagte Shan zu Jakli, »nur um Zeit zu gewinnen.« Er sprach kaum lauter als ein Flüstern, als reiche der bedrohliche Schatten der Pilzschüssel weit über das Tal hinaus.

»Sie haben Akzu doch gehört«, stellte Jakli sachlich fest. »Wir werden so viele Abkürzungen wie nötig nehmen, bis der Verrat aufhört.« Sie blickte zurück in die Senke. »Die Patrouillen sind faul. Zu dieser Jahreszeit interessieren sie sich in erster Linie für Tiere.«

»Tiere?«

»Ohne die Hirten ist die Gegend hier wie ein riesiges Wildgehege. Generäle reisen aus Peking an, um Steinböcke und Antilopen zu schießen. Hin und wieder sogar Schneeleoparden.«

»Trotzdem, falls man euch entdeckt …«

»… werden wir das Jagdwild«, beendete sie den Satz mit gekünsteltem Lächeln und umfaßte mit ausgestreckten Fingern ihren Hals, um eine Jagdtrophäe an der Wand nachzuahmen. »Und hängen dann im Teezimmer irgendeines Generals in Peking. Seltene Konterrevolutionäre, in freier Wildbahn zur Strecke gebracht.«

Shan sah sie an und versuchte zu ergründen, wie sie in das komplizierte Gefüge der von Akzu geleiteten Gruppe paßte. »Akzu ist Ihr Onkel«, sagte er. »Aber Sie leben nicht bei Ihrem Clan.«

»Zur Zeit wohne ich in der Stadt. In Yutian. Man hat mir eine Stelle in der Fabrik gegeben. Ich mache Hüte.«

Er fragte sie nach dem Clan und nach Akzu. Die Frage schien Jakli zu bekümmern. Nach kurzem Zögern erklärte sie ihm, daß der zähe alte Kasache ihr Oberhaupt war, der Älteste unter den letzten Mitgliedern des Clans des Roten Steins. Früher hatte der Rote Stein viel Einfluß und ausgedehnte Weidegründe im Norden besessen. Doch die Regierung hatte den Clan kurzerhand enteignet und die Menschen aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. Vor dreißig Jahren waren Akzu und Jaklis Vater mit rund hundert Überlebenden in die Grenzregion entlang des Kunlun-Gebirges gezogen. Das karge Land war aufgrund des rauhen Klimas nur dünn besiedelt und damals nahezu in Vergessenheit geraten. An einem solchen Ort hofften sie ungestört leben zu können und dem Zugriff der Behörden zu entkommen. Heute waren von dem Clan nur noch drei Familien übrig, die gemeinsam in einem Lager am Rand der Wüste lebten und dem Boden mit Mühe und Not ein bescheidenes Dasein abrangen. Tante Lau, erklärte Jakli, sei keine wirkliche Verwandte und auch keine Angehörige des Clans gewesen, sondern eine Kasachin, eine weise, herzensgute Frau, die beschlossen hatte, die zheli unter ihre Fittiche zu nehmen, und die von allen geliebt wurde.

Von fast allen, hätte Shan beinahe hinzugefügt. »Zuerst dachte ich, Sie würden aus Tibet stammen«, sagte er.

»Die Gegend hier ist schon seit vielen tausend Jahren ein Grenzgebiet, und das Blut der Völker hat sich vermischt. Mein Vater war Kasache. Akzu ist sein Bruder. Meine Mutter war Tibeterin. Sie starb, als ich noch ganz klein war. Mein Vater ist vor zehn Jahren spurlos verschwunden.« Jakli zuckte die Achseln. »Wenn ich kann, reite ich mit den Leuten meines Vaters. Im Frühling begleite ich sie gern in die Wüstenoase, um dort mit ihnen Kamele abzurichten.«

»Sie sprechen sehr gut tibetisch.«

»Mein Vater hat meine Mutter über alles geliebt und mich stets ermutigt, ihre Traditionen am Leben zu erhalten. Tante Lau war mir dabei behilflich, als sie von meiner Mutter erfuhr.«

»Lau hat Sie in den buddhistischen Lehren unterwiesen?« fragte Shan.

»Nicht wirklich. Die Entdeckung meines persönlichen Gottes könne ich nur für mich allein bewerkstelligen, hat sie gesagt. Aber sie kannte sich mit der tibetischen Lebensweise aus, so wie sie auch über kasachische und uigurische Bräuche Bescheid wußte. Sie sagte, es sei zwar wichtig, die von der Regierung propagierte neue Lebensweise zu verstehen, aber darüber dürfe man nicht die alten Traditionen vergessen.«

Shan musterte die junge Frau und fragte sich, ob der Wortlaut dieses letzten Satzes von Lau oder von Jakli selbst stammte. Die von der Regierung propagierte neue Lebensweise zu verstehen bedeutete nicht, diese Lebensweise für sich selbst anzunehmen. »Ich wußte gar nicht, daß in Tibet auch Kasachen leben.«

Jakli lächelte und sah ihn mit funkelnden grünen Augen an. »Nun, offenbar ist es aber doch so.« Sie drehte sich im Sattel um und deutete auf die Bergkette, die sie soeben hinter sich ließen und in deren Schutz der Raketenstützpunkt verborgen lag. »Allerdings ist dieser letzte Gebirgskamm dort die Grenze. Wir befinden uns in der autonomen Region Xinjiang.«

Shan hielt an und ließ den Blick über die trockene, zerklüftete Landschaft schweifen. Der klare Himmel leuchtete kobaltblau. In seinem Rücken erstreckten sich vom östlichen bis zum westlichen Horizont die majestätischen schneebedeckten Zentralgipfel des Kunlun. In einer Lücke zwischen zwei Bergspitzen hatte er zuvor das gewaltige Karakorum-Gebirge erspäht, das am oberen Ende des Himalaja die fast unüberwindliche Grenze zu Indien und Pakistan darstellte. Nördlich von seinem gegenwärtigen Standort entdeckte Shan einen bräunlich flimmernden Schleier, den er nun als Ausläufer der Takla Makan erkannte, jener riesigen Wüste, von der das südliche Xinjiang dominiert wurde.

Vor knapp vier Jahren hatte man ihn in diese Wüste verschleppt, und der Anblick der flirrenden Luft rief bei ihm verworrene Erinnerungen an Sand, Stacheldraht und Injektionsnadeln wach. Mochten die Kasachen in dieser Wüste auch ihre Kamele abrichten, das Büro für Öffentliche Sicherheit widmete sich dort völlig anderen Dingen. Man hatte Shan geschlagen und verhört und unter Drogen gesetzt und wieder verhört, bis von ihm nur noch eine leere, zitternde Hülle übrig gewesen war, mehr tot als lebendig. Dann hatte man sich seiner entledigt und ihn als menschliches Wrack in ein lao gai Zwangsarbeitslager nach Tibet verfrachtet.

»Sind Sie schon mal in Xinjiang gewesen?« fragte Jakli, als würde sie ihm seine schreckliche Erfahrung ansehen.

»Ich kenne Xinjiang nicht«, gab Shan schnell zurück und trieb sein Pferd an. Ihn überfiel die irrationale Angst, seine Folterer aus dem Wüstengefängnis könnten jeden Moment um die nächste Ecke biegen. Während seiner Haft bei den Kriechern hatte Shan einige Tage lang einen Zellengenossen gehabt, dem es gelungen war, aus einem der berüchtigten lao gai Straflager bei den Kohlengruben Xinjiangs auszubrechen, bevor man ihn in der Wüste wieder erwischte. Der Mann besaß keine Papiere, und niemand machte sich die Mühe, seine Abstammung zu überprüfen, was im Jargon der Kriecher bedeutete, die eintätowierte Registrierungsnummer des Häftlings zu ihrer Quelle zurückzuverfolgen und so die Geschichte seiner politischen Vergehen und das für ihn zuständige Arbeitslager herauszufinden. Einer der Offiziere bezeichnete ihn als »vogelfrei« und somit für die neuen Rekruten geeignet. Als Shan ihn zum letztenmal sah, kauerte der Mann nackt und mit den eigenen Exkrementen besudelt in der Ecke seiner Zelle und schlug mit dem Kopf gegen die Wand.

Nachdem die Pilzschüssel bereits zwei Wegstunden hinter ihnen lag, erreichten sie ein kleines grünes Tal, an dessen Rändern Kiefern und Pappeln wuchsen. Die Tiere schienen plötzlich neue Kraft zu schöpfen und beschleunigten den Schritt. In einiger Entfernung bellte ein Hund. Die Pferde und Kamele begannen zu traben. Hinter einer Wegbiegung kam schließlich das Lager des Roten Steins in Sicht.

Auf dem Grund des fruchtbaren Tals standen auf einer Lichtung drei runde Zelte aus dickem Filz. Hinter ihnen, vor einem steilen Hang, hatte man die Ruinen zweier Steingebäude mit provisorischen Dächern aus Segeltuch versehen und nutzte sie nun als Viehställe. Die Ruinen sahen anders aus als die Trümmerfelder, die Shan aus Zentraltibet gewohnt war. Hier wiesen die Steine und Ziegel weder Brandspuren auf, noch hatten die Bomben und Granaten der Volksbefreiungsarmee sie mit zahllosen Splittern verwüstet. An diesen uralten Häusern hatten lediglich der Zahn der Zeit und die Kräfte der Natur genagt.

Die kleine Karawane der Neuankömmlinge wurde zunächst nur von einem Lamm bemerkt, das auf dem Pfad herumtollte, dann von einem jungen Mädchen, das ihm nachjagte. Sowohl das Lamm als auch das Mädchen stießen einen überraschten Schrei aus, drehten sich um und rannten zu den Zelten zurück. Vier große Hunde, darunter ein riesiger schwarzer tibetischer Mastiff, bellten erst warnend, liefen den Reitern dann aber freudig entgegen.

Als Shan und Lokesh abstiegen, waren Akzu und Jowa bereits in dem mittleren Zelt verschwunden. Das junge Mädchen tauchte wieder auf und warf ihnen aus großen Augen neugierige Blicke zu. Drei Frauen, von denen eine das graue Haar mit einem rotkarierten Kopftuch zusammengebunden hatte, sahen von ihrer Beschäftigung auf. Sie saßen auf Decken am Boden und zerbrachen weichen Käse in kleine Bröckchen, damit diese in der Sonne trocknen würden. Die ältere Frau rief Jakli aufgeregt etwas zu, und eine ihrer jüngeren Gefährtinnen sprang auf, packte ein weißes Kleid, das an einem Ast hing, und lief in die mittlere Jurte. Am Eingang des Zeltes erschienen zwei Männer mit markanten wettergegerbten Gesichtern und buschigen schwarzen Schnurrbärten. Sie lächelten Jakli zu und bedachten Shan mit mißtrauischen Blicken. Das seien Akzus Söhne, erklärte Jakli, nachdem sie die beiden begrüßt hatte.

»Jakli!« rief ein Junge von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren aus dem näheren der beiden Ställe, als die Frau ihr Pferd am Zügel auf die Lichtung führte. Quer über seinen Schultern lag ein Zicklein. Vorsichtig stellte er das Tier neben einer älteren Ziege ab, rannte dann zu Jakli und umarmte sie.

»Mein jüngster Cousin Malik«, sagte sie zu Shan. »Er verbringt dermaßen viel Zeit mit den Tieren, daß wir ihn manchmal Seksek Ata nennen. So heißt der Schutzgeist der Ziegen.«

Das Lächeln des Jungen wich einem angespannten Gesichtsausdruck. Als er Jakli dann zum zweitenmal in die Arme schloß, wollte er nicht seine Freude zum Ausdruck bringen, sondern getröstet werden, erkannte Shan.

Jakli drückte ihn fest an ihre Schulter und küßte ihn sanft auf den Kopf. »Khitai war dein Freund«, sagte sie traurig.

Aus dem linken Zelt ertönte ein wütender Aufschrei. Im Eingang stand eine Frau mit wirrem Haar und wildem Blick, wies auf Shan und rief zornig etwas in ihrer turksprachigen Mundart. Jakli stellte sich vor ihn, als wolle sie ihn vor der kreischenden Frau beschützen, und drängte ihn dann weg in Richtung der Ställe. Die Frau trat einen Schritt ins Sonnenlicht hinaus und schrie weiter hinter Shan her.

»Sie ist verrückt«, sagte Jakli leise, als Shan sich erkundigte, was die Frau rief. »Sie sagt, Sie seien hinter den Kindern her. Sie sagt, Sie hätten die Kinder getötet.« Jakli zog an seinem Arm, aber Shan rührte sich nicht von der Stelle. »Vor vielen Jahren war sie schwanger. Man erklärte ihr, sie müsse das Kind in einer Klinik der Regierung zur Welt bringen. Dort gab man ihr eine Spritze, und sie schlief ein. Als sie aufwachte, trug sie das Baby nicht mehr in ihrem Bauch. Es war tot. Später stellte sie fest, daß man sie außerdem sterilisiert hatte.«

Die wütende Frau sammelte einige Kiesel auf und warf damit nach Shan. »Danach hat sie sich verändert«, fuhr Jakli fort. »Im Winter sitzt sie einfach da, hält eine zusammengerollte Decke im Arm und singt ihr ein besik zhyry vor.«

»Besik zhyry?« fragte Lokesh und ließ die Frau nicht aus den Augen.

»Die Kasachen haben für alles Lieder. Hochzeiten, Geburten, Pferderennen, den Tod eines Freundes, den Tod eines Pferdes«, erwiderte Jakli. »Sie singt Wiegenlieder, wie man sie sonst einem Baby vorsingen würde.«

Schweigend standen sie da. Einige der Kiesel trafen Shan am Bein.

»Jedesmal wenn ein Kind stirbt, glaubt sie, es sei ihr Kind gewesen«, fügte Jakli leise hinzu.

Im Licht bemerkte Shan, daß die Kleidung der Frau verdreckt war. An ihren schulterlangen Zöpfen hingen Reste getrockneter Blätter.

Als ihn ein größerer Stein am Knie traf, ließ Shan sich von Jakli wegführen. Doch gleich darauf blieb sie stehen. An einem Pfad, der auf den Hang oberhalb der Ställe führte, wartete Malik. Jakli wandte sich zu der Wahnsinnigen um, als würde sie sich lieber mit dieser Frau auseinandersetzen, als Malik zu folgen, stieß dann einen leisen Seufzer aus und bedeutete Shan, auf den Pfad einzubiegen. Während sie sich dem Jungen näherten, sah Shan, daß er einen kleinen Heidekrautzweig in der Hand hielt. Jakli bückte sich und hob ebenfalls einen solchen Zweig auf. Shan tat es ihr nach.

Unterwegs huschte plötzlich eine dunkle Gestalt an ihnen vorbei. Die Wut der Frau schien sich verflüchtigt zu haben und tiefen Schluchzern gewichen zu sein, die fast wie das Blöken eines der Tiere klangen.

In stummer Prozession folgten sie dem Verlauf des Pfades: erst die dunkle, gehetzt blickende Frau, dann Malik, Shan und Jakli. Nach ungefähr hundert Schritten betraten sie eine kleine Einfriedung dicht unter dem Kamm der Erhebung, einen geschützten Ort, der im Norden durch eine große Felsplatte abgeschirmt wurde und nach Süden in Richtung Tibet einen kilometerweiten Ausblick auf das Kunlun-Gebirge bot. Weiter hinten, im Schatten der Felsplatte, wölbte sich ein anderthalb Meter langer Erdhügel auf.

Links neben dem Grab waren die Pflanzen niedergedrückt. Die Frau hatte hier geschlafen, begriff Shan. Am Kopfende des kleinen Hügels lagen einige Rindenstreifen, auf denen jemand Speisenopfer dargebracht hatte, und am Fußende steckten zwei große Federn und mehrere Heidekrautzweige in der Erde. Shan und Jakli folgten Maliks Beispiel und fügten ihre Zweige in gleicher Weise hinzu.

Die Frau saß am oberen Teil des Grabes, wiegte sich vor und zurück und sang mit schmerzverzerrter Miene ein zärtliches Lied, ohne auf Shan zu achten.

Shan kniete hilflos am Fuß des Grabes nieder und wußte nicht, was er tun sollte. Kurz darauf kniete Jakli sich leise neben ihn und stimmte flüsternd ein kasachisches Gebet an. Malik stand hinter ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Shan hörte ein Geräusch. Er drehte sich um und sah, daß Lokesh, Jowa und Akzu den Pfad heraufkamen.

L

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Auge von Tibet" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen