Logo weiterlesen.de
Dark Escort – Rhett

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel eins
  7. Kapitel zwei
  8. Kapitel drei
  9. Kapitel vier
  10. Kapitel fünf
  11. Kapitel sechs
  12. Kapitel sieben
  13. Kapitel acht
  14. Kapitel neun
  15. Kapitel zehn
  16. Kapitel elf
  17. Kapitel zwölf
  18. Kapitel dreizehn
  19. Kapitel vierzehn
  20. In der nächsten Folge

Dark Escort – Die Serie

Die Begleiter des Escort Services Beautiful Entourage sind ihr Geld absolut wert. Viele Frauen finden die gutaussehenden, durchtrainierten jungen Männer schlichtweg unwiderstehlich. Doch sie arbeiten hoch professionell und haben strenge Regeln aufgestellt, die nicht gebrochen werden dürfen. Niemals.

1. Keine Küsse.

2. Keine Gefühle.

3. Kein Sex. Absolut keinen Sex.

Über diese Folge

Rhett fiel es eigentlich nie schwer, die Regeln einzuhalten. Als jedoch die hübsche Aspen seine Dienste in Anspruch nimmt, um ihr Image bei ihrer Familie aufzupolieren, wird die Sache kompliziert. Vorher hatte er nie Probleme damit, Arbeit und Privates zu trennen. Nun ist er sich nicht mal mehr sicher, wo überhaupt die Unterschiede sind.

Dieser Liebesroman ist der erste Teil der neuen Reihe »Dark Escort«. In jedem eBook steht die Geschichte eines anderen Escorts im Fokus. Hol dir Rhetts Geschichte jetzt, um zu erfahren, ob er Aspen widerstehen kann, oder nicht.

Über die Autorin

USA-Today-Bestsellerautorin E. L. Todd lebt im sonnigen Kalifornien und hat bereits über einhundert Bücher veröffentlicht. Sie schreibt Liebesromane in verschiedenen Genres über Contemporary Romance, New Adult Romance bis Romantic Fantasy.

Die Reihe um den Escortservice ist allerdings die erste, die ins Deutsche übersetzt wurde.

Neben Büchern liebt E. L. Todd Kaffee, Eis und eigentlich alles mit viel Zucker.

E. L. Todd

Dark Escort

Rhett

Aus dem Englischen von
Anita Nirschl

Kapitel eins

Rhett

Der Frühling rückte näher, und allmählich taute New York City aus dem eisigen Griff des Winters auf. Mit jedem Tag schmolzen die Schneeflecken und wurden kleiner. Schließlich verschwanden sie völlig. Der einzige Grund, warum mir das überhaupt auffiel, war, weil ich den Winter hasste. Die beißende Kälte ging mir durch und durch und ließ meine Knochen steif werden. Meine gefrorenen Hände verkrampften sich, und es war unmöglich, mit meinen Freunden Basketball zu spielen. Wir konnten zwar die Halle im Fitnessstudio benutzen, aber die war natürlich ständig ausgebucht.

Ich warf einen Blick auf mein Handy, um nach der Uhrzeit zu sehen. Es war halb sechs, und Tyler war noch nicht da. Ich saß in einer Nische unserer üblichen Bar, mein Bier unberührt vor mir, eine dicke Schaumkrone obendrauf.

Ich hasste Schaum.

Wie immer, wenn ich nichts zu tun hatte, checkte ich E-Mails und SMS und fragte mich, ob ich gerade was verpasste. Herumzusitzen und nichts zu tun fiel mir schwer. Ich musste mich immer beschäftigen. Wenn ich nicht produktiv war, war das für mich pure Zeitverschwendung. Manche Leute behaupteten, ich hätte eine erstaunliche Arbeitsmoral. Aber die meisten dachten wahrscheinlich, dass ich kein Leben habe.

Endlich kam Tyler herein und entdeckte mich. Er trug ein langärmeliges graues Shirt und eine dicke schwarze Jacke darüber. Seine dunkle Jeans verschwand in schwarzen Stiefeln. Er bestellte ein Bier bei der Kellnerin hinter der Bar, die ihm ein interessiertes Lächeln schenkte. Dann setzte er sich zu mir an den Tisch. »Hey, Mann.«

Ich nickte ihm zu. »Wie geht’s?«

Er hielt einen Finger hoch, während er in einem einzigen Zug sein Bier zur Hälfte austrank. Dann stellte er das Glas auf den Tisch. Direkt neben den Untersetzer. Er lächelte zufrieden. »Ich könnte mich ausschließlich von Bier ernähren. Ernsthaft.«

»Sonst nichts?«, ging ich darauf ein, um ihm den Gefallen zu tun. »Wasser ist verzichtbar?«

»In Bier ist doch Wasser, oder etwa nicht?«

»Stimmt.«

»Dann könnte ich es.«

»Essen ist auch ziemlich wichtig«, meinte ich. »Wäre schwierig, ohne Essen zu leben.«

»Dann lass mich das umformulieren.« Er nahm einen weiteren Schluck, bevor er fortfuhr. »Ich könnte von Bier leben und auf jede andere Flüssigkeit verzichten.«

»Dann wärst du ständig betrunken.«

Er zuckte die Schultern. »Betrunken bin ich sowieso besser zu ertragen.«

Gegen meinen Willen hoben sich meine Mundwinkel zu einem Lächeln. »Wie lief’s gestern Abend?«

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Urgh …«

»So schlimm?«, fragte ich mit einem Lachen.

»Das kann man sich echt kaum vorstellen.«

Ich nahm nun auch einen Schluck von meinem Bier. »Na, rück schon raus damit.«

»Okay, wir kommen also auf diese Hochzeit, und alles läuft wie geschmiert. Sie stellt mich als ihren Freund vor, und ich mache meinen Job und hab ständig den Arm um ihre Taille. Ihre Freundinnen mustern mich interessiert, und ich höre, wie sich ein paar von ihnen zuflüstern, wie süß sie mich finden.«

»Klingt so weit ganz gut …«

Mahnend hob Tyler einen Finger. »Wart’s ab.«

Erwartungsvoll schaue ich ihn an.

»Wir bringen die Zeremonie und das Essen hinter uns. Ich lerne ihre Eltern kennen, und sie mögen mich. Alles läuft großartig. Aber dann taucht ihr Ex auf.«

»Hatte sie dich nicht seinetwegen als Begleiter engagiert?«

»Richtig«, antwortete Tyler. »Offenbar hat er sie mit ihrer Freundin betrogen, und sie wollte ihm beweisen, dass sie über ihn hinweg ist.«

»Hat es funktioniert?«

»Der Kerl wollte mir sofort eine reinhauen.«

»Was?«, fragte ich ungläubig. »Ohne ein Wort zu sagen? Er hat dich einfach angegriffen? Was soll das denn?«

»Keine Ahnung, Mann.« Er trank sein Bier aus und gab der Barkeeperin ein Zeichen für ein weiteres. »Ich hab mich umgedreht, und da ging er schon auf mich los.«

»Und was hast du gemacht?«

»Was glaubst du denn?«, schnauzte er. »Ich hab ihn vermöbelt.« Er deutete auf sein Gesicht. »Ich kann mir das hier doch nicht ruinieren lassen. Damit verdiene ich meine Brötchen. Das versaut mir keiner.«

Ich nickte zustimmend. »Und dann?«

»Die Leute haben uns auseinandergezerrt, aber er war ziemlich übel zugerichtet. Sie haben einen Krankenwagen gerufen, weil er eine Gehirnerschütterung hatte. Mein Date hat sich mit Tränen in den Augen um ihn gekümmert. Lange Rede, kurzer Sinn, sie sind wieder zusammen.«

»Na, wenigstens hatte die Sache ein Happy End.« Ich grinste.

»Schätze, ja«, stimmte er zu. »Aber es war ein Fehler von ihr, ihn zurückzunehmen. Wer einmal fremdgeht, tut’s immer wieder.«

»Das glaube ich nicht. Nicht immer.«

Ein sarkastisches Lachen umspielte seine Lippen. »Wenn ein Kerl nicht die Eier in der Hose hat, offen und ehrlich zu sagen, was er vorhat, dann wird er auch ganz allgemein nicht offen und ehrlich sein. Dann versteckt er sich lieber und vertuscht seine Fehler. Jedes Verhalten hat Auswirkungen auf die generelle Lebenseinstellung. Wenn jemand einmal gelogen hat, wird er auch bei anderen Gelegenheiten lügen. Wenn jemand einmal fremdgegangen ist, dann wird er keiner seiner Partnerinnen treu sein. Glaub mir, ich kenn mich damit aus.«

Ich vermutete, seine Philosophie hatte etwas mit dem schlimmen Ende seiner Beziehung vor einigen Jahren zu tun. »Ich bin ja ganz deiner Meinung. Aber ich glaube auch, dass manche Menschen sich ändern können. Es ist zwar selten, aber es kommt vor.«

»Hab ich noch nie erlebt«, sagte er kopfschüttelnd.

»Vielleicht musst du einfach nur genauer hinsehen.«

Die Barkeeperin brachte das zweite Bier. »Das Glas ist frisch aus dem Eisschrank.« Sie schenkte ihm ein neckisches Lächeln, und ich hätte schwören können, dass sie mit den Wimpern klimperte.

»Danke, Brooke«, sagte Tyler mit einem Lächeln. »Du kümmerst dich immer so aufmerksam um mich.«

Sie stand einen Augenblick lang da, als erwartete sie, dass etwas geschah. »Nun, lass mich wissen, wenn du noch was brauchst.«

»Mach ich«, antwortete er. »Danke!«

Als sie fort war, sah ich ihn an. »Sie steht auf dich.« Ich legte meinen Arm auf die Rückenlehne der Bank und schaute aus dem Fenster.

»Ich weiß.« Er nahm einen Schluck, dann stützte er die Ellbogen auf den Tisch.

»Kein Interesse?«

Er schüttelte den Kopf. »Nö.«

Tyler hielt sich bedeckt, was sein Privatleben anging. Falls es eine Frau gab, mit der er ausging, würde er es mir vermutlich nicht erzählen. Was kurios war, denn wir waren seit Jahren beste Freunde. Nach seiner letzten ernsthaften Beziehung war er nicht groß in der Dating-Szene unterwegs gewesen.

»Was gibt’s bei dir Neues?«, fragte er.

»Eigentlich nichts.«

»Irgendwelche aus dem Ruder gelaufenen Escort-Dates?« Mit einem einzigen Zug leerte er auch sein zweites Bier zur Hälfte. Beim Trinken hatte ich noch nie mit ihm mithalten können.

»Nein, ich habe lange Zeit dieses Mädchen begleitet, damit ihre Familie ihr nicht ständig im Nacken sitzt, aber das ist jetzt beendet.«

»Warum?«, fragte er. »Brauchte sie dich nach den Feiertagen nicht mehr?«

»Nein. Sie hat den Vertrag verletzt.«

Er schüttelte leicht den Kopf und warf mir einen wissenden Blick zu. »Wenn ich für jede Vertragsverletzung ein Fünf-Cent-Stück bekommen hätte, könnte ich gut ohne diesen Job leben.«

Ich lachte leise. »Stimmt.«

»Also, was war es? Wollte sie dich küssen? Oder Sex?«

»Weder noch«, entgegnete ich. »Sie hat mir gesagt, dass sie in mich verliebt ist.«

Er seufzte genervt. »Und sie hat gehofft, dass du genauso empfindest?«

»Leider.«

»Das ist es, was ich nicht kapiere.« Er fing an, mit den Händen zu gestikulieren, wie immer, wenn er sich über etwas aufregte. »Alle Frauen denken, wir würden unsere Meinung ändern. Dass wir die Regeln aufstellen, nur um sie zu brechen. Es ist, als würden sie uns dadurch nur noch mehr wollen.«

»Es gibt Schlimmeres, als dass die Frauen uns wollen«, grinste ich.

»Aber wir führen hier ein Geschäft«, erwiderte er. »Es ist ein Austausch von Gütern. Wir spielen den perfekten Freund oder was auch immer wir für sie sein sollen, und sie bezahlen uns dafür. Dann gehen wir wieder getrennte Wege. Wir sind ein Begleitservice, kein Beziehungsservice.«

Ich war absolut und vollständig seiner Meinung. Aber ich verstand auch, dass Gefühle kompliziert sein konnten. »Ich denke, sie gewöhnen sich an uns und wollen, dass unsere Dienste unbegrenzt weitergehen. Das ist alles.«

»Wie dem auch sei, es ist nervig.« Er trank sein zweites Bier aus. »Köstlich.«

Ich war immer noch bei meinem ersten. »Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, würde ich sagen, du hast ein Alkoholproblem.«

»Das waren doch nur zwei Bier.«

»Soll das heißen, du bestellst dir kein drittes?«, fragte ich herausfordernd.

Gereizt, weil ich sein Verhalten so gut vorhersagen konnte, sah er mich aus schmalen Augen an. »Nein, werde ich nicht.«

Ich lachte. »Elender Lügner.«

»Wen kümmert’s, wie viel Bier ich trinke?«

»Mich«, antwortete ich ehrlich. »Ich will nicht, dass du in den Rinnstein stolperst und vom Bus überfahren wirst.«

»Als ob dich das nicht freuen würde.« Er schaute aus dem Fenster.

»Ich muss zugeben, dass die Welt dann ein besserer Ort wäre, aber es würde mir trotzdem was ausmachen – ein bisschen zumindest.«

Er verdrehte die Augen. »Ach, halt die Klappe, Rhett. Ohne mich bist du doch aufgeschmissen.«

Das stimmte. Es war schön, jemanden zu haben, dem man alles anvertrauen konnte, ohne verurteilt zu werden. Er war mir gegenüber nicht ganz so offen, aber ich wusste, dass es nichts Persönliches war. Nicht jeder hatte Freunde, die wie Familie für einen waren. Ich gehörte zu den wenigen Glücklichen. »Das würde ich jetzt nicht sagen, aber ich würde dich doch schmerzlich vermissen.«

»Schon besser«, brummte er. »Hattest du eigentlich schon dieses Date?«

Ich hatte über gemeinsame Freunde ein Mädchen kennengelernt, und wir würden morgen miteinander ausgehen. »Noch nicht.«

»Sie ist ziemlich süß. Ich hoffe, du kommst zum Schuss.«

Ich zuckte die Schultern.

»Du wirkst nicht gerade begeistert.«

»Jedes Mal, wenn ich einer Frau sage, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, wird sie komisch.«

Er stieß mit seinem leeren Glas mit mir an. »Wem sagst du das.«

»Ich bin schließlich kein Callboy«, beschwerte ich mich. »Es wird nicht einmal geküsst. Aber sobald ich das Wort Escort ausspreche, lodern Eifersucht und Wut in ihren Augen auf. Und das war’s dann.«

»Lüg doch einfach«, schlug er vor. »Sag, du bist … Taxifahrer oder so was.«

»Taxifahrer?«

»Weißt du nicht, was ein Taxifahrer ist?«, fragte er. »Die fahren in der Stadt rum und …«

»Ich weiß, was ein Taxifahrer ist, Tyler.«

»Gut. Sag ihnen einfach, dass du das machst.«

»Ich bin sicher, da stehen die Frauen drauf …«

»Oh, ich hab’s!« Er schnippte mit den Fingern. »CIA-Agent. Darauf stehen die Weiber.«

Ich bedachte ihn mit einem ernsten Blick. »Sehe ich vielleicht aus wie ein CIA-Agent?«

Er legte den Kopf schief. »Woher soll ich das wissen? Ich hab noch nie einen gesehen.«

Ich trank mein Bier aus und ging nicht weiter darauf ein. »Hoffentlich springt wenigstens eine heiße Nummer dabei raus.«

»Durststrecke?«

»Eigentlich nicht«, antwortete ich. »Aber ich hoffe bei jedem Date, dass was geht.«

»Und wenn nicht?«

Ich überlegte. »Wenn sie mir gefällt, bitte ich sie um ein weiteres Date. Wenn nicht, dann war’s das.«

»Weißt du, wir könnten zu einem richtigen Escort-Service werden und haufenweise Kohle dafür kassieren, dass wir die Frauen zum Orgasmus bringen.«

»Als bessere Callboys?«, fragte ich.

»Wir benutzen ohnehin nicht unsere richtigen Nachnamen, also was macht das schon?«

»Könntest du das wirklich beruflich tun?«, fragte ich. »Denn ich will eines Tages mal heiraten und Kinder haben. Ich würde mich ziemlich schämen, wenn ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen würde. Das hier ist wenigstens mehr freundschaftlich als alles andere.«

Er grinste. »Die Kohle wäre der Hammer …«

»Nein, danke. Ich verzichte.« Ich warf ihm einen bedeutsamen Blick zu. »Und ich weiß, du würdest dich auch schämen.«

»Vielleicht … vielleicht auch nicht.« Er musterte die Bar und wandte sich dann wieder zu mir. »Also, wie schlimm fändest du es, wenn ich mir noch ein Bier bestelle?«

»Gar nicht«, antwortete ich ernst. »Wie immer.«

Wieder stieß er mit seinem leeren Glas gegen meines. »Ich wusste doch, dass du aus gutem Grund mein Freund bist.«

***

Ich saß an einem Tisch in der Nähe des Fensters und wartete auf mein Date. Ich hatte angeboten, sie abzuholen, aber sie hatte darauf bestanden, mich im Restaurant zu treffen. Ich stellte keine Fragen. Was immer die Lady wünschte, bekam sie auch.

Endlich trat sie durch die Eingangstür und suchte den überfüllten Raum nach mir ab. Das Kratzen von Silberbesteck auf Porzellan und das Gemurmel leiser Unterhaltungen war zu hören. Auf jedem Tisch standen schwach brennende Kerzen, und Kerzenleuchter an der Decke spendeten gedämpftes Licht.

Ich stand auf, damit sie mich sehen konnte. Ich trug Stoffhosen und ein Hemd, da ich zwar gepflegt, aber nicht übermäßig steif wirken wollte. Die Hände in den Hosentaschen, wartete ich darauf, dass sie mich bemerkte.

Als sie es tat, kam sie in meine Richtung, ein nettes Lächeln auf den Lippen. »Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe.«

»Kein Problem.« Ich begrüßte sie mit einer Umarmung und schob ihr dann den Stuhl möglichst bequem hin. Ich kannte jede existierende Benimmregel, und ich wusste mich wie ein Gentleman zu benehmen. Das war schließlich mein Job. Es war mittlerweile meine zweite Natur.

»Danke!« Sie setzte sich und stellte ihre Handtasche auf den Stuhl neben sich, während ich ihr gegenüber Platz nahm. »Ich habe eine Flasche Wein bestellt. Ich hoffe, du magst Rotwein.«

»Ich mag alles mit Alkohol«, sagte sie sofort.

»Dann werden wir gut miteinander auskommen.« Ich kannte Laura nicht besonders gut, gerade gut genug, um sie zu duzen. Aber sie schien cool zu sein. Und natürlich war sie hübsch.

Wir machten eine Weile Small Talk und unterhielten uns über Sport und Fernsehsendungen. Sie hatte als junges Mädchen Geige gespielt, aber damit aufgehört, als sie in die Highschool kam. Bald darauf übernahm Cheerleading die Hauptrolle in ihrem Leben. Und dann, auf dem College, hatte sie nichts anderes getan, als zu lernen. Ich erzählte ihr ein wenig über mich, ließ dabei allerdings die Tatsache aus, dass ich ein Escort war, und versuchte, mich an unverfängliche Themen zu halten.

Wie immer langweilte ich mich ziemlich. Laura war sehr nett und bildschön, aber ich spürte nicht diese gewisse Anziehungskraft, dieses erste Prickeln des Frisch-verliebt-Seins. Anscheinend konnte ich keine richtige Verbundenheit zu jemandem empfinden. Das war seltsam, denn eigentlich kam ich mit jedem, den ich traf, gut aus. Ich hatte keine Vorurteile und hielt mich nicht für etwas Besseres als andere. Aber ich empfand einfach nichts – Punkt.

Sie kam auf ihren Job zu sprechen, obwohl ich sie nicht danach gefragt hatte. Sie war Verkäuferin in einem Juwelierladen in SoHo. Wie es schien, machte ihr das Spaß. Sie kannte sich mit Diamanten aus und wie man ihre Qualität bestimmte. Es war ein Gebiet, über das ich nicht das Geringste wusste.

»Was machst du eigentlich beruflich?«, fragte sie. »Tyler hat es mir gar nicht gesagt.«

Zu lügen wäre der leichte Ausweg. Ich könnte mir etwas ausdenken, wir würden das Essen zu Ende bringen, und dann würde ich sie wahrscheinlich flachlegen. Sie war eindeutig interessiert, ihr Bein streifte unter dem Tisch immer wieder das meine, und sie schaute in meine blauen Augen, als fiele es ihr zu schwer, den Blick abzuwenden. »Ich bin ein Escort«, sagte ich schlicht, ohne lang um den heißen Brei herumzureden.

Sie starrte mich an, als hätte sie mich nicht verstanden. »Wie bitte?«

»Ich bin ein Escort«, wiederholte ich. Ich schämte mich nicht dafür, und es war mir egal, ob die Leute mich deshalb verurteilten.

»Du meinst … du hast für Geld Sex mit Leuten?« In ihrer Stimme lag Verachtung. All ihr Interesse war völlig verschwunden.

»Nein, niemals«, entgegnete ich ruhig. »Die Leute engagieren mich hauptsächlich, damit sie so tun können, als hätten sie einen Freund. Dadurch halten sie sich die Familie vom Hals oder machen ihre Expartner eifersüchtig. Abgesehen von Händchenhalten und unschuldigen Berührungen gibt es kein Küssen oder etwas anderes Körperliches. Es ist sehr professionell.«

Sie nickte langsam. »Ich verstehe …«

Jepp, ich hatte sie verloren.

Manche Frauen störten sich nicht daran und fanden es interessant. Anderen dagegen, wie dieser hier, war die Vorstellung sofort zuwider. Das sah ich in ihren grünen Augen und an ihren steifen Schultern. »Ich mache das schon eine ganze Weile. Ich spiele nicht immer nur den Angebeteten von jemandem, auch Gesellschaft zu leisten gehört zum Service. Ich habe einen Kunden, mit dem ich mich einmal in der Woche zum Schachspielen im Park treffe. Ich mache verschiedene Dinge dieser Art.«

Wieder nickte sie. »Okay …«

Sofort war ich gereizt, ließ es mir aber nicht anmerken. Womit ich meinen Lebensunterhalt verdiente, war nicht so ungewöhnlich. Es war nicht alltäglich, das gebe ich zu, aber es machte mich nicht zu einem schlechten Menschen. Wenn die Leute verstehen würden, was ich machte, dass ich anderen tatsächlich half, dann würden sie nicht so auf mich herabblicken.

Zum Glück waren wir mit dem Essen fertig, und die Mappe mit der Rechnung lag auf dem Tisch. Ich schob das Geld hinein, damit wir getrennt unserer Wege gehen konnten und einander nie wiederzusehen brauchten.

Laura blieb stumm, die Lippen fest zusammengekniffen.

Ihr gefiel der Rest von mir, meine Hobbys und meine Persönlichkeit. Aber all das war unbedeutend neben der Tatsache, wie ich mein Geld verdiente. Ich bemühte mich, es nicht als Beleidigung aufzufassen. Jeder Mensch war anders, und manche Leute konnten mit so etwas Ungewöhnlichem einfach nicht umgehen. »Nun, es war schön, dich kennenzulernen, Laura.« Ich stand auf, um sie zu umarmen.

Sie schnappte sich ihre Handtasche und drehte sich weg. Ohne sich für das Essen oder den Abend zu bedanken, ging sie hinaus. Sie schaute sich nicht einmal um. Das Letzte, was ich von ihr sah, war ihr blondes Haar, als sie zur Tür hinaus verschwand.

Kapitel zwei

Aspen

Seit ich zurückdenken kann, schenken Harper und ich uns Blumen zum Geburtstag. Wir legen sie gleich morgens vor die Tür, damit unser Geburtstag schon nach dem Aufwachen gut anfängt – ganz egal, wie alt wir uns fühlen.

Ich betrat den Blumenladen an der Ecke Fifth und Lankershim und begutachtete die Sträuße. Die meisten Menschen nehmen sich sehr viel Zeit, um die richtige Geburtstagskarte auszusuchen. Sie sind so versunken in ihrer Suche, dass leicht eine halbe Stunde vergehen kann, ohne dass sie merken, wie viel Zeit sie bereits verschwendet haben. So geht es mir, wenn ich Blumen für meine beste Freundin aussuche. Sie müssen perfekt sein.

Sie dürfen nicht die gleiche Farbe haben wie im Jahr zuvor, und es dürfen auch nicht die gleichen Blumen sein. Ich bezweifle, dass Harper es überhaupt bemerkt, da sie keine Blumenexpertin ist und nicht gerade das beste Gedächtnis hat, aber das macht keinen Unterschied. Mir ist es wichtig.

Langsam ging ich durch die Reihen und musterte die verschiedenen Sträuße und Gestecke. Vorzugsweise wollte ich ihr etwas in einer Vase besorgen, die sie dann gleich auf ihren Küchentisch stellen konnte. Sie bräuchte ihnen nicht einmal mehr Wasser zu geben.

Ich musterte gerade ein paar bordeauxrote Blütenblätter als ich eine Stimme hörte, die meinen Körper in Alarmbereitschaft versetzte.

»Wir müssen unbedingt Lilien haben«, sagte die Frau. »Rosen sind kitschig und abgedroschen. Ich kann gar nicht mehr zählen, auf wie vielen Hochzeiten ich dieses Jahr schon war, wo man mit Rosen erschlagen wurde.« Sie hatte die Stimme eines Modepüppchens, das jedes Wort mit einer affektierten Geste aus dem Handgelenk unterstrich. Ohne sie anzusehen, wusste ich, dass sie ein Paar Dreihundert-Dollar-Schuhe trug und andere mit dem, was sie für ihre Handtasche bezahlt hatte, ihre monatliche Hypothekenrate zahlen könnten.

Ich befand mich im hinteren Teil des Ladens, war also praktisch eingesperrt. Falls ich mich bewegte, würde ich über die Blumengestecke hinweg zu sehen sein.

»Welche Blumen mag John denn?«, fragte ein anderes Mädchen. Es war Casey, ihre beste Freundin.

Ich hasste es, seinen Namen zu hören. Es war, als durchbohrte mich ein vergifteter Pfeil und spritzte sein tödliches Gift unter meine Haut. Mein Herz klopfte heftig, als die Erinnerungen durch mich hindurchströmten. Doch inzwischen lösten die Bilder vor meinem inneren Auge nichts als Bedauern aus.

»Oh, John ist das egal.« Ich konnte praktisch vor mir sehen, wie sie sich ihr blondes Haar über eine Schulter warf. »Er tut, was immer ich sage, ohne Fragen zu stellen.« Sie sagte das, als wäre es etwas, worauf man stolz sein konnte: dass ihr Mann entweder zu schwach oder zu dumm war, um sie infrage zu stellen. Ich war mir nicht sicher, warum ich überhaupt je mit John zusammen gewesen war. Mir war ein Mann mit Rückgrat lieber.

Ich musste von hier verschwinden. Ihre Stimme klang wie Fingernägel, die über eine Tafel kratzen. Bei jedem ihrer Worte brannten meine Augen. Wie konnte John den Klang ihrer Stimme nur ertragen? Ich nahm an, das spielte keine Rolle, weil er ihr vermutlich sowieso nur zuhörte, wenn sie mit dem Rücken auf einer Matratze lag und er sie vögelte.

»Würden Sie gern einen Blick auf unsere Gestecke werfen?«, fragte die Floristin.

Das darf doch nicht wahr sein! Was jetzt?

»Ja, machen wir das«, antwortete sie.

Am liebsten hätte ich die Flucht ergriffen. Wenn ich unbemerkt hätte hinausschlüpfen können, hätte ich es getan. Aber das schien nicht möglich zu sein.

Ich drehte den Kopf zur Seite und täuschte besonderes Interesse an einer Vase mit Rosen vor, da ich wusste, dass sie sie keines Blickes würdigen würde. Das schien mir eine sichere Möglichkeit zu sein, mein Gesicht zu verbergen.

»Die meisten davon sind hässlich«, murmelte sie Casey zu. Aber wenn ich es gehört hatte, dann auch die Floristin.

Ihre rücksichtslose Art verstärkte meine Selbstzweifel. Ich konnte so schlecht über sie reden, wie ich wollte, aber im Endeffekt hatte John sie mir vorgezogen. Also hatte ich anscheinend noch schlimmere Fehler. Allerdings wusste ich nicht, welche, denn er hatte es mir nie gesagt.

»Die hier sind okay«, sagte sie, als sie wenige Schritte von mir entfernt stehen blieb. »Was denkst du, Cass?«

Ich berührte leicht die Rose, als zöge ich sie ernsthaft in Erwägung.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Miss?«, wandte sich die Floristin an mich.

Verdammt, lassen Sie mich in Ruhe! »Nein, danke. Ich sehe mich nur um«, murmelte ich mit immer noch abgewandtem Gesicht.

»Wie bitte?«, fragte sie nach. Wahrscheinlich hatte sie mich nicht verstanden, da ich sie beim Sprechen nicht angesehen hatte.

»Ich komme zurecht«, sagte ich ein bisschen lauter.

»Also, oh mein Gott!« Als meine Erzfeindin die Worte aussprach, wusste ich genau, warum. »Casey, rate mal, wer hier ist?« Ihr Flüstern verwandelte sich in aufgeregtes Sticheln.

Sie hatte mich entdeckt. Und es gab nichts, was ich dagegen tun konnte.

»Hey, Aspen«, sagte sie begeistert, als wäre sie absolut hocherfreut, mich allein und in die Ecke gedrängt zu erwischen. »Kaufst du dir vielleicht gerade selber Blumen? Als kleines Trostpflaster gegen den Kummer?«

»Ich wette, sie lässt sie sich sogar selbst liefern«, fügte Casey hinzu. »Damit es so aussieht, als wären sie eine Überraschung von jemand anders.«

Ich war in meinem Leben ja schon einigen miesen Zicken begegnet, aber die beiden übertrafen alles. Ich drehte mich zu ihnen um und brachte ein aufgesetztes Lächeln zustande. »Ich kaufe Blumen für meine beste Freundin. Sie hat Geburtstag.« Diese Bitches konnten mich nicht einschüchtern, selbst wenn sie es darauf anlegten.

»Oh, wie reizend«, sagte Isabella mit einem falschen Lächeln. Ihr blondes Haar rahmte ihr Gesicht ein, und das hautenge Kleid, das sie trug, betonte ihren perfekten Körper. Jedes Mal, wenn ich sie sah, egal ob morgens oder spätabends, war sie wie ein Hollywoodstar gekleidet. »Wenigstens hast du jemanden, mit dem du Zeit verbringen kannst.«

»Ja, es ist schön, Freunde zu haben, die nicht sofort schlecht über einen reden, sobald man ihnen den Rücken zukehrt – nicht, dass du wissen könntest, wie das ist.«

»Na ja, John kannst du damit jedenfalls nicht meinen, denn der hat sich ständig über dich beschwert, als er dich mit mir betrogen hat«, sagte Isabella.

»Ooh!«, feixte Casey. »Das hat gesessen!«

Das war mies. Echt mies. Ich behielt eine stoische Miene bei und tat so, als hätte sie mich nicht gerade mit einem Tennisschläger ins Gesicht geschlagen. »Und bei seiner nächsten Geliebten wird er sich über dich beschweren, sobald er genug von dir hat.«

»Nun, ich bin nicht so schlecht im Bett wie du«, konterte Isabella. »Also wird er von mir nicht genug bekommen.«

Zu wissen, dass John unser Privatleben jedem unter die Nase rieb, der es hören wollte, schmerzte am meisten. Und die Tatsache, dass er sich über Momente, die ich intim und wunderschön fand, beklagt und was auch immer darüber gesagt hatte, reichte aus, um mir Tränen in die Augen zu treiben. Aber ich riss mich zusammen, da ich diesen Hexen diese Genugtuung nicht geben wollte. »Viel Spaß damit, die Blumen für deinen großen Tag auszusuchen. Aber merk dir auch gleich schon mal die, die du zu deiner Scheidung haben willst.« Gelassen ging ich davon, den Kopf hoch erhoben.

»Pass auf, dass dir beim Rausgehen die Tür nicht auf den fetten Hintern knallt.«

Ich blieb noch einmal kurz stehen. »Wenn du durchgepasst hast, dürfte ich kein Problem haben.« Ich schenkte ihr ein Lächeln, während sich ihr Gesicht vor Wut verzerrte. Sie machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber ich ging hinaus, bevor sie Gelegenheit bekam, noch hässlicher auszusehen, als sie ohnehin schon war.

***

Durch meine Position als stellvertretende Geschäftsführerin bei Refined Oil and Gas war ich stark eingespannt. Ich ging nicht besonders oft mittagessen, einfach weil ich nicht die Zeit dazu hatte, und Pausen waren etwas völlig Unbekanntes. Aber wenigstens verging so die Zeit schnell.

Ich kümmerte mich um sämtliche Finanzen, kontrollierte den Vertrieb und wendete Gerichtsprozesse ab. Ich war außerdem verantwortlich für die Forschung, und gegenwärtig arbeiteten wir an neuen Methoden sauberer Energie. Obwohl Öl außerordentlich profitabel war, würde die Firma langfristig nicht überleben, wenn sich das Klima wie abzusehen veränderte oder uns die Ressourcen ausgingen. Mein Boss war nicht immer mit mir einer Meinung, aber ich wusste, dass es die beste Entscheidung war.

Sein Widerstand gegen die Forschung hatte finanzielle Gründe. Es kostete eine Menge Geld, College-Studenten für das Forschungsprogramm zu rekrutieren. Wir fanden Wissenschaftler auf der ganzen Welt, besonders in Indien, und bezahlten ihnen einen Haufen Kohle, damit sie uns einen Haufen Kohle einbrachten.

Mein Boss war engstirnig, und in etwas zu investieren, das erst nach seinen Lebzeiten Profit abwerfen würde, war nichts, was ihn interessierte. Es machte keinen Unterschied, dass er Kinder hatte oder etwas anderes, für das es sich zu arbeiten lohnte. Er war ein sehr egoistischer Mann.

Und er war mein Vater.

Meine Gegensprechanlage meldete sich. »Mr Lane möchte Sie in seinem Büro sehen.«

»Danke, Jane!« Ich verließ mein Büro und ging hinüber zu seiner Seite des Gebäudes. Sein Büro war so groß wie ein durchschnittliches Haus. Die Fenster reichten vom Boden bis zur Decke, und er hatte eine Indoorgolfanlage darin installieren lassen. Wann immer er über die Freisprechanlage telefonierte, schlug er den Golfball durch die Gegend.

Nachdem ich geklopft hatte, winkte er mich herein. Er saß an seinem Schreibtisch, sein Jackett über die Lehne seines Sessels gehängt. Hosenträger hielten seine Hose oben. Er war schon immer übergewichtig, seit ich mich erinnern konnte. Aber trotz meiner Ermutigungen hatte er sich nie die Mühe gemacht, auf sich zu achten oder ins Fitnessstudio zu gehen.

»Wie war dein Tag bisher, Dad?«

Er ignorierte meine Worte vollständig. »Warum erfahre ich erst jetzt von einer Zwei-Millionen-Dollar-Investition in das Forschungsprogramm?«

Wir hatten das bereits diskutiert – unzählige Male. Aber ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. »Wir können nicht erwarten, dass unsere Wissenschaftler ohne das richtige Equipment etwas entdecken. Sie haben den Antrag schon mehrmals gestellt, weil ihre Laborgeräte und Instrumente nicht mehr auf dem neusten Stand sind.«

Er rieb sich die Schläfen und dann die Augen, wie immer, wenn er extrem genervt war oder kurz davor war zu schreien. »Aspen.« Seine Stimme hallte von den Wänden wider. »Ich habe dir dieses Geld für saubere Energien gegeben, und trotzdem haben sie noch nichts entdeckt. Sie kassieren nur ihre Schecks und treiben Unsinn.«

»Ich erkundige mich täglich nach dem Stand der Forschungen. Ich versichere dir, sie arbeiten hart. Die meisten von ihnen machen unbezahlte Überstunden.«

Er wischte meine Worte mit einer Handbewegung fort. »Das ist eine Verschwendung von Ressourcen, Aspen.«

»Nein, ist es nicht«, entgegnete ich ruhig.

»Öl ist das, woran Geld verdient wird.«

»Und Öl wird nicht immer da sein.« Ich merkte, dass ich allmählich gereizt klang.

»Das ist nicht mein Problem.«

Ich hatte diese Unterhaltung schon zu oft geführt, um es noch zählen zu können. »Bei allem Respekt, aber es ist dein Problem. Diese Firma wird in Zukunft nicht überleben können, ohne sich anzupassen und weiterzuentwickeln. Wir müssen uns mit der Welt verändern. Der Klimawandel ist das größte Problem, dem wir uns gegenübersehen.«

»Der Klimawandel ist Quatsch.« Er zündete sich eine Zigarre an und inhalierte.

Manchmal wollte ich am liebsten kündigen. Aber ich wusste, dass die Firma bald mir gehören würde, und dann würde ich mich nicht mehr mit ihm herumstreiten müssen. Ich konnte mehr Gelder in die Forschung stecken und dieses Unternehmen stärker machen. Aber solange er noch da war, war Geld alles, was ihn interessierte. »Zwei Millionen Dollar kann man bei deinem Vermögen getrost vernachlässigen.«

»Aber ich habe bereits Millionen Dollar in dieses Programm gesteckt, ohne dass meine Investition Profit abwirft.«

»Weil solche Dinge Zeit brauchen«, antwortete ich ruhig.

Er stöhnte und rieb sich erneut die Schläfe. Er hatte besonders schlechte Laune.

»Dad, sie werden bald etwas entdecken, und dann werden die Menschen jeden Preis dafür zahlen, es zu bekommen. Vergiss das nicht.« Geld war die einzige Sprache, die er verstand.

»Das solltest du besser hoffen.« Er öffnete seine Schreibtischschublade und blätterte ein paar Papiere durch. Dann warf er eine Zeitung auf den Schreibtisch. »Hast du das schon gelesen?«

Ich warf einen Blick darauf, nahm die Zeitung jedoch nicht.

»Ich habe dich etwas gefragt, Aspen.« Mit kalten und unversöhnlichen Augen starrte er mich an. Ich konnte nicht das Geringste von mir selbst in ihm wiedererkennen. Es war, als wäre ich adoptiert, was ich manchmal sogar hoffte.

Er schob mir die Zeitung entgegen. »John und Isabellas Hochzeitsanzeige. Du solltest mal einen Blick drauf werfen.«

Ich behielt meine stoische Miene bei und tat so, als hätten seine Worte mich nicht zutiefst getroffen.

»Ist dir klar, wie beschämend das hier für mich ist?«

Ich sah ihm mit schmalen Augen ins Gesicht, aber ich explodierte nicht. Ich schrie nicht all die Dinge, die ich herausschreien wollte. Ich bewahrte Ruhe und tat so, als bedeuteten mir die Beleidigungen nichts. Es waren hohle Geschosse, die direkt durch mich hindurchgingen.

»Du verlobst dich mich John, und dann verlässt er dich wegen einer anderen? Und jetzt heiratet er sie auch noch?«

Ich hatte nichts darauf zu sagen. Es war nicht meine Schuld. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass John mich betrog. Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich nicht bei ihm geblieben. Ich hätte seinen Heiratsantrag nicht angenommen.

»Noch dazu deine eigene Cousine?« Er ließ nicht locker. »Und jetzt weiß die ganze Welt davon und denkt, dass du einen Narren aus dir gemacht hast – dass ich ein Narr bin.« Er nahm die Zeitung und riss sie vor Wut in Fetzen. »Es ist demütigend.«

Mein Atem beschleunigte sich, aber ich zeigte keinerlei Emotion.

»Du wirst doch nicht etwa gleich losheulen.« Er bedachte mich mit einem angewiderten Blick. »Ich habe dir doch gesagt, dass du niemals in meiner Gegenwart weinen sollst.«

»Ich weine nicht.« Meine Stimme war leise, deshalb räusperte ich mich und sprach lauter. »Ich weine nicht.«

»Gut. Denn das nervt. Vielleicht ist John deshalb gegangen.«

Ich wandte den Blick ab und blieb stark.

Er schwieg lange Zeit und rieb sich die Schläfe, als kämpfte er gegen Kopfschmerzen. »Ich habe … viel über dieses Fiasko nachgedacht.«

Ich hielt den Atem an.

»Ich halte es wirklich nicht für eine gute Idee, dass du das Gesicht dieser Firma bist. Du hast mir schon einmal Schande gemacht. Du wirst es wieder tun.«

Die Worte drangen wie Messer in meine Lungenflügel, und ich konnte nicht mehr atmen. Es war eine Todesdrohung, ein Versprechen, alles zu ruinieren, wofür ich gearbeitet hatte. Ich glaubte an diese Firma und wusste, dass sie die Welt verändern konnte. Und ich war die Person, die nötig war, um dieses Schiff zum Erfolg zu steuern. Wie konnte er mir das wegnehmen? »Ich bin mehr als qualifiziert –«

»Hier geht es nicht um deine Qualifikation. Du machst großartige Arbeit – hinter den Kulissen. Ich brauche jemanden, der Stärke repräsentiert. Du hattest seit über einem Jahr keinen Freund. Du arbeitest nur die ganze Zeit. Wenn das amerikanische Volk dich ansieht, dann sieht es keine starke Führungspersönlichkeit. Es sieht eine schwache Person, die es nicht einmal schafft, dass ein Mann ihr die Treue hält. Wie willst du es schaffen, dass dir eine Million Menschen die Treue halten?«

Seine Worte trafen mich genau da, wo es wehtat. Aber ich behielt einen ruhigen Tonfall. »Mein Privatleben hat nichts mit meiner Arbeitsmoral zu tun. Und was zwischen John und mir passiert ist, war nicht meine Schuld. Er war der verlogene Dreckskerl, nicht ich.«

»Image ist alles, Aspen. Wann begreifst du das endlich?« Seine Stimme war kalt. »Solange du nicht mein Vertrauen und dein positives Image zurückgewinnst, kann ich dir die Firma nicht übergeben, wenn ich in Ruhestand gehe. Du kannst deine Position auf unbeschränkte Zeit behalten, aber ich werde die Firma nicht in deine Hände geben. Es tut mir leid. Ich wünschte, die Sache läge anders.«

Das glaubte ich keine Sekunde lang. Ich wollte protestieren und schreien. Ich wollte seinen Schreibtisch umstoßen und aus dem Fenster werfen. Die Hände zu Fäusten geballt, konnte ich mich gerade noch davon abhalten, ihn anzuschreien. Ich holte tief Luft und brachte den Ärger in mir zum Schweigen, da ich wusste, dass Streiten mich nicht weiterbringen würde.

»Du kannst jetzt gehen, Aspen.« Er paffte einen weiteren Zug von seiner Zigarre und wandte sich dann wieder seinem Computer zu.

Ich stand einen Augenblick lang da und dachte an all die Dinge, die ich meinem Vater, meinem schlimmsten Kritiker sagen wollte. Aber jedes Gefühl und jede Emotion war sinnlos. Ich könnte aus vollem Halse schreien, und doch würde er niemals auf mich hören. Das hatte ich zwar schon lange geahnt, aber nie akzeptiert, dass es die Wahrheit war – bis jetzt.

Mein Vater interessierte sich nicht für mich – nicht im Geringsten.

***

»Tut mir so leid, dass ich spät dran bin.« Ich war zu spät im Restaurant angekommen, weil ich nach dem Nachhausekommen geweint hatte und dann eingeschlafen war. Ich hatte nicht einmal Zeit gehabt zu duschen, deshalb hatte ich nur schnell das Erstbeste übergeworfen, was ich gerade finden konnte. Ich hatte mir das Gesicht gewaschen, aber es kam mir so vor, als könnte nichts die Tränenspuren verschwinden lassen.

»Schon in Ordnung.« Harper hielt ihren Drink hoch. »Irgendein alter Knacker hat mir einen Mai Tai ausgegeben. Also war ich gut unterhalten.«

Ich zwang mich zu einem Kichern. »Wer sagt, dass man nicht auch alleine Spaß haben kann?«

»Wer hat was von allein gesagt?« Sie wedelte mit ihrem Glas vor mir. »Das hier war mein bester Freund, bis du aufgetaucht bist. Und wir hatten jede Menge Spaß.«

»Ich hoffe, ich störe euch nicht«, neckte ich sie.

»Ich bring euch beide schon unter einen Hut.« Sie stellte ihren Drink ab und wandte mir dann ihre ganze Aufmerksamkeit zu. »Danke für die Blumen. Sie waren wunderschön – wie immer.«

»Ich hoffe, sie haben dir einen guten Start in den Tag beschert.«

»Und ob«, antwortete sie. »Sie stehen jetzt auf meinem Küchentisch. Ich habe vielleicht keinen Mann, aber ich habe eine Freundin, die mich mehr liebt, als irgendein Mann es je könnte.«

»Darauf trinke ich.« Ich hielt ein unsichtbares Glas hoch und stieß damit gegen ihres. »Wo wir gerade von Liebe sprechen …« Ich nahm die kleine Tüte neben mir und reichte sie ihr. »Alles Liebe zum Geburtstag.«

»Das wär doch nicht nötig gewesen«, wehrte sie ab. »Du hast mir doch schon Blumen geschenkt.«

»Halt die Klappe«, sagte ich lachend. »Tu nicht so, als würdest du es nicht wollen.«

»Du hast recht«, antwortete sie verschmitzt. Sie nahm das Papier heraus und fand einen Bilderrahmen in der Tüte. »Ooh, das war, als wir bei David Letterman im Publikum waren.«

»Es ist ein gutes Foto«, sagte ich. »Du siehst unglaublich gut darauf aus.«

Sie betrachtete das Bild und lächelte. »Da bin ich schön gebräunt.«

Ich lachte, dann tippte ich gegen die Tüte. »Da ist noch was drin.«

Sie holte einen weiteren Bilderrahmen hervor, doch er war leer. Verwirrt starrte sie ihn einen Moment lang an, bevor sie die versteckten Eintrittskarten darin entdeckte. »Du hast Karten für Kevin Hart besorgt?«

»Jepp.«

»Oh mein Gott! Ich liebe ihn!« Sie kreischte so laut, dass alle im Restaurant es hörten.

»Ich weiß.« Wir hatten seine Comedy-Specials schon mindestens zwanzigmal auf Netflix angesehen.

»Er ist der lustigste Kerl auf diesem Planeten«, sagte sie. »Mit Abstand.«

»Und wir machen dort ein Foto und stecken es dann in diesen Bilderrahmen.«

»Ooh!« Ihr Augen strahlten vor Freude. »Das ist so lieb.«

»Ich wusste, es gefällt dir.«

Sie kam um den Tisch herum und umarmte mich. »Es gefällt mir nicht, ich liebe es!«

Ich erwiderte ihre herzliche Umarmung und fühlte mich besser, als ich mich den ganzen Tag gefühlt hatte. Es war schön, von jemandem umarmt zu werden, der mich liebte, jemandem, dem ich etwas bedeutete. Ich hatte eine Million Probleme am Hals, aber ich behielt sie für mich, weil es ihr Geburtstag war. Ich würde ihr nicht mit meinen Problemen die Laune verderben.

Sie kehrte wieder auf ihre Seite des Tisches zurück. »Das schreit nach Fajitas!« Sie schnippte mit den Fingern wie eine Flamencotänzerin.

»Das hier ist ein italienisches Restaurant«, erwiderte ich und musste mir ein Lachen verkneifen.

»Ehrlich gesagt hatte ich schon ein paar Mai Tais. Das hatte ich vergessen zu erwähnen …« Wieder schnippte sie mit den Fingern.

»Nun, wir können ja probieren, trotzdem welche zu bestellen.« Der Gedanke war lustig. Ich konnte mir vorstellen, was unser Kellner für ein Gesicht machen würde, wenn wir diese lächerliche Bestellung aufgaben. Der arme Kerl würde es bereuen, für unseren Tisch zuständig zu sein.

Sie nahm die Speisekarte und überflog die Auswahl. »Was ist das Fettigste, Kalorienhaltigste, das sie hier haben?«

Ich nahm meine eigene Speisekarte. »Die Lasagne sieht ziemlich mörderisch für die Taille aus.«

»Dann werde ich genau die nehmen.« Sie warf ihre Speisekarte auf den Tisch. »Ich habe Geburtstag, also darf ich heute reinhauen wie ein Schwein.«

»Wie stilvoll«, neckte ich.

»Als ob du nicht auch Lasagne bestellen würdest.« Sie warf mir einen bedeutsamen Blick zu und schlürfte dann ihren Mai Tai.

Ehrlich gesagt hatte sie recht. »Du kennst mich einfach zu gut.«

»Ich bin wie dein fester Freund. Ich lass dich nur nicht ran.«

»Leider«, sagte ich mit einem Kichern.

»Lad mich zum Essen ein, und ich denk drüber nach.« Sie zwinkerte mir zu.

»Blumen, Eintrittskarten und Essen … Mann, du bist echt schwer ins Bett zu kriegen.«

»Jetzt weißt du, warum ich noch Single bin.«

Der Kellner kam an unseren Tisch und nahm unsere Bestellung auf.

»Zweimal die fettigste Lasagne, bitte.« Harper reichte ihm die Speisekarten.

Seine Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln. »Ich werde dem Koch Bescheid geben, dass er sie entsprechend zubereitet.«

»Falls es noch nicht reicht, kann er einfach Fett darübergießen«, sagte ich. »Es wird uns trotzdem schmecken.«

Er lachte nachsichtig. »Wird gemacht, Ladys. Irgendein besonderer Anlass?«

»Meine beste Freundin hat heute Geburtstag«, sagte ich. »Und sie sieht besser aus denn je.«

Mit einer Geste, die eindeutig sagte: »Ach, hör schon auf«, warf Harper sich das Haar über eine Schulter.

»Wenn das so ist, dann geht die nächste Runde auf mich«, sagte er. »Alles Gute zum Geburtstag!«

»Wow … Danke!«, antwortete Harper.

Der Kellner ging davon, und Harper beugte sich vor, um seinen Hintern anzustarren, als hütete er die Geheimnisse des Universums. »Er hat einen hübschen Arsch.«

Ich lachte. »Na, dann mach dich an ihn ran.«

Sie zuckte die Schultern. »Ich würde heute Nacht ohnehin nur deprimiert sein, sobald ich heimkomme. Da kann ich mir genauso gut einen Kerl mit nach Hause nehmen, um mich abzulenken.«

»Hey, Moment mal.« Ich hob die Hand. »Da kaufe ich dir all diese hübschen Dinge und bekomme nichts dafür, aber er gibt dir einen einzigen Drink aus, und schon darf er dir an die Wäsche?«

»Hey.« Sie zeigte auf mich. »Leg du dir so einen Hintern zu, dann können wir drüber reden.«

Ein herzhaftes Kichern entschlüpfte meiner Kehle. »Du hast recht. Damit kann ich nicht mithalten.«

»Nicht, dass du nicht außerordentlich attraktiv wärst«, beschwichtigte sie mich. »Wenn ich ein Kerl wär, würd ich’s mit dir treiben.«

Ich warf mir das Haar über die Schulter, genau wie sie es vorhin getan hatte, und bedachte sie mit demselben Gesichtsausdruck. »Ach, hör schon auf.«

Lachend schlug sie mit der Hand auf den Tisch. Dann nahm sie einen weiteren Schluck von ihrem Drink. »Also, wie war dein Tag? Es kommt mir so vor, als würden wir die ganze Zeit nur über mich reden.«

»Es ist schließlich dein Geburtstag. Da sollten wir über dich reden.«

»Stimmt«, antwortete sie. »Aber ich bin langweilig. Also, wie war dein Tag?«

Schlicht und einfach grauenhaft. »Gut.« Ich trank mein Wasser aus, damit ich etwas zu tun hatte.

»Nur gut?«, fragte sie. »Normalerweise wenn ich dich etwas frage, bist du gar nicht mehr zum Schweigen zu bringen.«

Der Nachteil, eine beste Freundin zu haben, ist, dass sie einen so gut kennt. Harper konnte besser in mir lesen als ich selbst. Das war gefährlich, da ich ihr mit meinem Mist nicht den Geburtstag versauen wollte. Ich konnte bis morgen damit warten, meine Probleme bei ihr abzuladen. »Na ja, ich hab mir eine neue Topfpflanze für mein Büro besorgt. Die macht das Ganze wirklich gleich viel freundlicher.« Ich behielt eine ausdruckslose Miene bei und tat so, als wäre alles normal.

Ihre Augen verengten sich argwöhnisch.

Verdammt! »Zum Mittagessen hatte ich einen Salat. Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, schließlich kann ich Salat aus gutem Grund nicht ausstehen, und die Salatblätter und das fettarme Dressing waren wirklich widerlich. Ich hätte lieber einen Burger nehmen sollen. Was hab ich mir nur dabei gedacht?«

Harper kaufte mir die Sache immer noch nicht ab. »Aspen, was ist passiert?«

Warum musste sie mich nur so verdammt gut kennen? »Schon in Ordnung, wirklich. Ich hatte einfach nur einen langen Tag.«

Sie beugte sich über den Tisch näher zu mir und musterte mein Gesicht, als wäre ich ein Gemälde in einer Kunstausstellung. »Hast du geweint?«

»Nein!«

»Aspen, du sagst mir besser gleich, was los ist, oder ich ziehe es dir aus der Nase.«

»Das kann bis morgen warten.«

Sie verdrehte die Augen. »Aspen, mein Geburtstag ist mir egal, und das weißt du. Der einzige Grund, warum ich ihn feiere, ist, weil du mich dazu zwingst. Wenn es nach mir ginge, würde ich bis Mitternacht allein in meiner Wohnung sitzen und mich betrinken.« Sie hatte diesen feurigen Ausdruck in den Augen, als wolle sie mich in Stücke reißen. »Und jetzt raus damit, Schwester!«

»Ehrlich, das kann warten«, beteuerte ich. »Wir haben gerade so viel Spaß.«

Sie warf mir diesen verärgerten Blick zu, mit dem sie mich sonst immer ansah, bevor sie einen Wutanfall bekam. »Zwing mich nicht dazu, eine Szene zu machen. Das werde ich nämlich tun.«

Seufzend verdrehte ich die Augen. »Na schön.«

Sie beugte sich vor und bereitete sich darauf vor, meine Geschichte zu hören.

Ich erzählte ihr alles, angefangen damit, dass ich dieser Hexe Isabella über den Weg gelaufen war, bis hin zu dem Streit mit meinem Vater. Als ich fertig war, stieß ich heftig den Atem aus.

»Oh mein Gott!« Harper schlug mit den Fäusten auf den Tisch. »Das war ja ein Tag aus der Hölle!«

»Hölle ist noch untertrieben.«

»Du hättest ihr das hübsche Näschen einschlagen sollen.«

Ich war eher von der friedliebenden Sorte. »Reine Zeitverschwendung. Außerdem glaube ich nicht, dass ich mich dadurch besser fühlen würde.«

»Was findet er nur an der? Die ist eine totale Schlampe.«

Isabella hatte erwähnt, dass John mich als furchtbar schlecht im Bett bezeichnet hatte. Zugegeben, ich bin kein abenteuerlustiger Typ, und John war mein erster Liebhaber gewesen, daher hatte ich nicht viel Erfahrung. Aber es schockierte mich, dass er mir das ankreidete. Es verletzte mich wirklich, obwohl es das nicht sollte, deshalb verschwieg ich es Harper. Ich schämte mich, weil ich wusste, dass John recht hatte. »Na ja, jeder hat eben so seine Vorlieben, oder nicht?«

»Aber noch wütender bin ich auf deinen Vater. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht von so einem eiskalten Tyrannen gehört.«

Ich hob unsicher die Schultern, nicht sicher, was ich sagen sollte.

»Alles, was ihn interessiert, ist, wie sich das auf ihn auswirkt. Hat er dich je gefragt, wie du dich fühlst?« Sie schrie regelrecht. »Seine Tochter wurde wegen einer anderen abserviert, und alles, was ihn interessiert, ist sein Image. Es war nicht einmal deine Schuld. John war der Blödmann, nicht du.«

»Dad sieht das anders.«

»Und es hat absolut nichts mit deiner Arbeitsmoral zu tun. Das ist nicht fair!« Wieder schlug sie mit der Hand auf den Tisch. Sie war wütender darüber als ich.

»Er war noch nie ein emotionaler Mensch. Alles, was ihn interessiert, ist Geld, und dass ich öffentlich blamiert wurde, schadet offensichtlich irgendwie seinem Bankkonto.«

»Ich schlage ihn k. o.«, sagte sie ernst. »Ich haue ihm direkt vor den Medien eine rein, mal sehen, wie sich das auf sein Bankkonto auswirkt.«

Unwillkürlich schlüpfte mir ein Lachen über die Lippen. Die Vorstellung, wie Harper, ein eins fünfzig großes und keine fünfzig Kilo schweres Mädchen, meinen Vater verprügelt, war außerordentlich belustigend. »Ich würde eine Menge Geld zahlen, um das zu sehen.«

»Das würde diesem Tyrannen eine Lehre sein …« Sie schüttelte den Kopf, während Wut in ihren Augen loderte.

Der Kellner brachte die Teller. »Extra fettig, wie gewünscht.«

»Gut gemacht«, sagte ich. »Das gibt ein saftiges Trinkgeld.«

Harper sah ihren Teller an. »Da ist so viel Käse drauf, dass ich einen Monat lang Verstopfung haben werde, aber das ist mir egal.«

Ich gab mir Mühe, über ihre Unverblümtheit nicht zu lachen.

Der Kellner wirkte belustigt. Auf seinen Lippen lag ein leichtes Schmunzeln. »Vielleicht könnten wir das ausgleichen, indem wir morgen zusammen frühstücken gehen, mit viel Kaffee und Ballaststoffen.«

Ich mochte diesen Kerl. Er war witzig und weder arrogant noch ordinär.

»Mir gefällt der Gedanke«, antwortete Harper mit flirtendem Augenaufschlag.

»Um zehn hab ich Feierabend«, sagte er. »Hast du da schon was vor?«

»Nun ja, ich sollte eigentlich mit meiner Rakete ins Weltall fliegen, aber ich könnte umdisponieren«, erwiderte Harper.

»Das ist sehr großzügig von dir«, sagte er charmant.

»Oh, Moment mal!« Sie schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Ich kann nicht. Ich bin heute Abend mit meiner Freundin unterwegs. Sie braucht mich. Wie wär’s mit morgen?«

»Nein, nein.« Ich wischte ihre Worte fort. »Das ist schon in Ordnung, wirklich. Geh ruhig mit ihm aus.«

»Aber –«

»Sie wird um zehn so weit sein«, sagte ich zu dem Kellner.

Er lächelte. »Ich freue mich schon drauf, Harper.« Dann ging er davon.

Sie warf mir diesen gewissen Blick zu, den ich schon seit Jahren kannte. »Ich kann auch morgen mit ihm ausgehen.«

»Nein.« Da würde ich nicht nachgeben. »Du kannst ohnehin nichts tun. Mein Leben ist im Moment nicht gerade fantastisch, aber daran ist niemand schuld.«

»Eigentlich ist John daran schuld«, wandte sie wütend ein.

»Wie auch immer«, wischte ich es beiseite. »Ehrlich, ich will, dass du mit ihm ausgehst. Schließlich hat er einen hübschen Hintern und so. Betrachte ihn als ein zusätzliches Geschenk von mir.«

Ihre Lippen formten sich langsam zu einem Lächeln. »Bist du sicher?«

»Absolut«, sagte ich bestimmt.

»Okay.« Sie ließ das Thema fallen. »Kommen wir wieder darauf zurück, dass ich dir die Meinung sage. Warum kündigst du nicht einfach? Du hast einen Master in Betriebswirtschaft. Du könntest woanders arbeiten.«

Der Gedanke war mir schon viele, viele Male in den Sinn gekommen. »Das kann ich nicht. Diese Firma ist mir wichtig.«

»Warum?«

»Sie hat all die Ressourcen, um saubere und erneuerbare Energien zu erforschen. Wir könnten etwas Besseres als Solarenergie finden, das sich für alle Arten von Maschinen einsetzen lässt, egal ob Kernkraftwerke oder Busse. Der Klimawandel ist ein ernstes Problem, und die Firma meines Vaters könnte gewaltige Veränderungen bewirken. Wenn wir etwas Besseres finden, können andere Unternehmen es uns gleichtun – überall auf der Welt. Hier geht es nicht um Macht oder Geld. Es geht um die Zukunft.«

Sie lächelte. »Wenn deine Augen so leuchten und deine Wangen glühen, dann weiß ich, dass du mit besonderer Leidenschaft bei der Sache bist.«

Es war mir ein wenig peinlich, dass ich so leicht zu durchschauen war, aber ich ging nicht weiter darauf ein. »Ich kann nicht einfach kündigen. Ich bin der einzige Grund, warum in der Firma überhaupt Forschung betrieben wird. Wenn ich gehe, wird mein Dad das Programm einstampfen und nach noch mehr Öl bohren. Da er am Ende seines Lebens steht, interessiert ihn nur der unmittelbare Profit. Die zukünftigen Generationen bedeuten ihm nichts. Ich kann nicht kündigen. Das steht nicht zur Debatte.«

Sie nahm ihr Glas und stieß mit mir an. »Es sind Menschen wie du, die mir den Glauben an die Menschheit wieder zurückgeben. Ich bin stolz auf dich.«

Ihre berührenden Worte ließen mich erröten. »Ich tue nur, was ich für richtig halte. Ich will eines Tages mal Kinder haben. Das hier geht sie etwas an. Und meine Enkel … und meine Urenkel … und die Wale, Eisbären und die Vögel Oregons. Es geht uns alle an.«

Sie stieß einen Seufzer aus. »Diese Unterhaltung wird gerade extrem deprimierend.«

Ich lachte, obwohl es nicht lustig war. »Das tut mir leid.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dark Escort" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen