Logo weiterlesen.de
Dark Elements – Bittersüße Tränen

image

image

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

In der prickelnden Vorgeschichte ihrer neuen Serie The Dark Elements entführt die Bestsellerautorin Jennifer L. Armentrout ihre Leser in die fantastische und unwiderstehliche Welt der Wächter und Dämonen.

Dez ist nicht nur Jasmines Schwarm, er ist ein Gargoyle-Wächter, genau wie sie, und er hilft ihr, sich ihrem Schicksal zu stellen: Dämonen zu bekämpfen und das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse aufrechtzuerhalten. Er bedeutet ihr alles ... bis zu dem Moment, in dem er ohne ein Wort verschwindet – kurz nachdem Jasmines Vater verkündet hat, dass sie füreinander bestimmt sind. Wie soll Jasmine das nicht persönlich nehmen?

Jetzt ist er zurück, drei Jahre älter, zehnmal sexier und bereit, genau dort weiterzumachen, wo Jasmine und er aufgehört haben. Nur wird Jasmine das Risiko nicht noch einmal eingehen, sich auf ihn einzulassen. Dez hat sieben Tage Zeit, all ihre Bedingungen zu erfüllen und sich ihr Vertrauen zu verdienen. Sieben Tage voller schrecklicher Gefahren und süßer Versuchungen. Sieben Tage, um ihr Herz zurückzugewinnen – oder es ein weiteres Mal zu brechen ...

Verpassen Sie auch nicht Steinerne Schwingen, den ersten Band von Jennifer L. Armentrouts The Dark Elements-Serie bei HarperCollins YA!

Für all meine Leser, die mir das Schreiben ermöglichen.

Ich danke euch von Herzen.

1. KAPITEL

Nichts in der Welt ist so schön wie das Fliegen, wie das Gefühl, wenn kühle Luft durch mein Haar streicht, meine warme Haut liebkost und den Schwung meiner Wirbelsäule zwischen meinen Flügeln nachzeichnet. Ich war so hoch oben, so weit über den Gipfeln der Adirondack Mountains, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte, sobald ich die Augen öffnete, die Sterne berühren oder noch weiter in den Himmel hochfliegen.

Was allerdings problematisch werden könnte. Aus irgendeinem Grund zweifelte ich daran, dass die Alphas es gutheißen würden, wenn eine Wächterin ganz plötzlich ihre Himmelspforte durchbrach. Allein der Gedanke daran entlockte mir ein Lachen, das emporstieg und vom Wind davongetragen wurde. Man kann nicht einfach in den Himmel fliegen. Es gab auf der ganzen Welt Portale, die all jenen Zutritt gewährten, die wussten, wie man sie findet, und Grund hatten, ihre Schwelle zu überschreiten.

Während der letzten drei Jahre habe ich – sehr zum Leidwesen meines Vaters – jeden Abend im Himmel verbracht. Den weiblichen Vertretern unserer Art war es eigentlich nicht gestattet, allein zu fliegen oder überhaupt etwas anderes zu machen, als Kinder zur Welt zu bringen, zu erziehen und zu unterrichten – aber keiner der Männer war so schnell wie ich; zumindest keiner, der in der Nähe war oder eine Rolle spielte oder ...

Ich verdrängte diesen Gedanken, bevor er mich runterziehen und diese herrliche Frühsommernacht ruinieren konnte.

Die Kämme der Adirondacks weit unter mir kamen mir gar nicht so groß und versteinert vor. Nein. Sie erschienen mir eher weich, fast wie Marshmallows. Zwischen den Gipfeln glitzerten Seen wie schimmernde Flächen aus Onyx, und der Wald war dicht und nahezu unbewohnbar. Einmal war ich zu allen sechsundvierzig Gipfeln der Adirondacks geflogen, bis nach Kanada und danach zurück zum Washington County.

Eine Windbö erfasste die Unterseite meiner Flügel, sodass ihre Spitzen kribbelten, während die Strömung mich emportrug, als wäre ich in einer Blase gefangen. Einen Moment lang schnürten der Atmosphärenwechsel und die klare Luft mir die Kehle zu, und ich bekam nicht genug Sauerstoff.

Ganz kurz verspürte ich einen Anflug von Panik, doch er verschwand in dem Moment, in dem mein Instinkt meinem Gehirn die Kontrolle über meinen Körper abnahm.

Ich trudelte abwärts, die Flügel eng am Körper, die Augen weit aufgerissen, der Verstand ebenso wohltuend leer wie meine Brust, frei von quälenden Schmerzen, die ansonsten immer schwärten wie eine unbehandelte Wunde. Diese Momente waren selten, wenn es keine Verpflichtung gegenüber meiner Art gab oder eine tödliche Bedrohung oder Erinnerungen an jene, die ich geliebt und verloren hatte. Ich genoss diese kurzen, herrlichen Augenblicke.

Und wie immer war auch dieser viel zu schnell vorbei.

Auf halbem Wege zurück zur Erde breitete ich meine Flügel aus, um meinen Sinkflug zu verlangsamen und nicht gegen die Steilwand eines der Berge zu prallen. Nachdem ich einige Kilometer über die Gipfel geschwebt war, tauchte ich in das Tal über Greenwich ab und glitt im Tiefflug über die kleine Stadt hinweg.

Auch nach sechs Jahren war es noch immer ein seltsames Gefühl, sich keine Sorgen darum zu machen, von Menschen gesehen zu werden. Es gab doch nichts Schöneres, als einen Menschen oder auch zwei zu Tode zu erschrecken, indem man wie ein riesiger Greifvogel auf sie herabstieß.

Die Wächter hatten die Schatten verlassen und sich der Welt der Menschen zu erkennen gegeben. Damals war ich zwölf Jahre alt gewesen, und wie zu erwarten, hatte es die Menschheit leicht verstört, dass ihre Legenden keine Mythen, sondern Realität waren.

Viele tausend Jahre hatte man meine Art für nichts weiter als Steinskulpturen auf Dächern von Häusern oder Kirchen gehalten: Gargoyles. Und genau genommen sind wir auch genau das – wenngleich die Darstellungen von Gargoyles ausgesprochen übertrieben sind. Selbst die hässlichsten Wächter haben keine Knollennase oder aus dem Mund ragende Reißzähne. Wenn man es genauer betrachtet, sind diese Bilder sogar äußerst beleidigend.

Aber natürlich strotzten die Menschen vor Unwissenheit. Ebenso wie sie das wahre Wesen unserer Art falsch einschätzten, hatten die Menschen auch keinerlei Ahnung, dass Dämonen überall sind. Einige sahen aus wie sie, während andere nicht darauf hoffen durften, sich jemals zu integrieren. Doch vor sechs Jahren änderte sich alles, als es nämlich in der Hölle eine Revolte gab. Normalerweise wäre das unbemerkt an der Oberwelt vorbeigegangen, doch dummerweise hatte der Obermacker Hunderttausende – wenn nicht Millionen – von Dämonen aus der Hölle vertrieben, sodass sie das Reich der Menschen in nie zuvor erlebten Massen überschwemmten. Niemand, nicht mal die Alphas, schien zu wissen, was genau den Aufstand ausgelöst hatte, aber seither waren die dämonischen Aktivitäten auf der gesamten Erde astronomisch angestiegen. Dämonen hatten sich auch früher schon unter die Menschen gemischt, während wir in den Schatten und in unserer menschlichen Gestalt geblieben waren, jetzt allerdings gab es einfach zu viele Dämonen, die zu viele Probleme bereiteten und viel zu menschlich wirkten.

Die Alphas – die das Sagen haben – hatten verfügt, dass die Wächter die Schatten zu verlassen hatten, da wir aufgrund der wachsenden Dämonenpopulation nicht länger im Verborgenen handeln konnten.

Alphas waren so etwas wie ein moderner Mythos – ich hatte nie einen mit eigenen Augen gesehen, doch ich hatte sie gespürt, damals, als sie zu meinem Vater gekommen waren und mit ihm gesprochen hatten. Sie waren die Mächtigsten aller Engel und auch die furchterregendsten. Alphas waren weder nett noch freundlich, auch nicht an guten Tagen, und für sie war alles entweder schwarz oder weiß, gut oder böse, richtig oder falsch.

Da sie uns erschaffen haben, konnten sie uns auch wieder auslöschen, wann immer sie es wollten. Ich schob diesen Gedanken beiseite – die Vorstellung, vernichtet zu werden, war ein echter Stimmungskiller.

Nachdem die Panik und das Chaos sich gelegt hatten, waren Millionen von Fragen aufgetaucht, die wir nicht beantworteten, und wir alle wurden Meister im Ausweichen. Die meisten Menschen hielten uns für so etwas wie Nessie oder Bigfoot – eine Legende, die Realität geworden war.

Wenn sie nur wüssten ...

Es gab Regeln, an die sich selbst Dämonen zu halten hatten, und die wichtigste war, dass die Menschen das Böse in der Welt nicht erkennen durften. Irgendein Blödsinn über freien Willen und so ... dass die Menschen darauf vertrauen müssen – und zwar ohne einen Beweis –, dass Himmel und Hölle existieren. Ich fand das dämlich. Hätten Wächter und Menschen sich zusammengetan, hätten viele Leben gerettet werden können, einschließlich dem meiner Mutter.

Aber so war es nun mal. Die Menschen hielten uns Wächter entweder für Superhelden, die normale Verbrechen bekämpften, oder für die Wiedergeburt des Teufels.

Man kann nicht immer Glück haben.

Ich landete auf dem flachen Dach unseres Stammhauses nur eine Sekunde, bevor ich einen Schatten am Himmel wahrnahm, der sich mit hoher Geschwindigkeit näherte. Ich war mehr als überrascht, als ich die majestätische Silhouette meines Vaters erkannte. Er hätte gar nicht da sein dürfen! Schnell streifte ich meine wahre Haut ab und nahm meine menschliche Gestalt an, nur knapp einen Atemzug, ehe er sich hockend auf den Sims niederließ.

Ein Blick reichte, um mir sicher zu sein, dass es zu spät war.

Ja. Er wusste es.

Dumm gelaufen.

Mein Vater erhob sich zu voller Größe, annähernd zwei Meter fünfzehn. Seine Flügel, die mehrere Spannen zu jeder Seite maßen, kräuselten sich, als er vom Sims auf das Dach trat, das unter dem plötzlichen Gewicht bebte. In seiner wahren Gestalt war er ein einschüchternder Anblick. Seine Haut hatte die Farbe von Granit und fühlte sich auch ebenso hart an, was ihn und alle anderen Wächter nahezu unverwundbar machte. Zwei dunkle Hörner, die sich emporwanden und zu jeweils einem nadelspitzen Ende verjüngten, teilten seine Mähne aus schwarzem Haar. Seine Nase war flach, die Nasenlöcher schmal, und seine Augen, die normalerweise die Farbe des Himmels bei der Dämmerung hatten, leuchteten jetzt stahlblau.

Er war mein Vater, aber als Oberhaupt des New Yorker Clans war er auch der mächtigste aller Wächter hier. Selbst mir war klar, dass man sich besser unauffällig verhielt, wenn er schlechte Laune hatte – und ganz offensichtlich war es mal wieder so weit.

Sein Kinn war leicht nach vorne gestreckt, seine Augen blitzten. „Jasmine.“

Beim Klang meines Namens straffte ich automatisch die Schultern und stand stocksteif da. „Dad?“

„Du warst wieder unterwegs.“ Das war keine Frage.

Bei ihm klang es eher, als hätte ich im Gazastreifen abgehangen, statt nur einen Ausflug über die Berge zu machen. Ich entschied mich, ihm wie üblich einfach auszuweichen. „Ich dachte, du wärst in New York City.“

„War ich auch.“ Er schritt auf mich zu und nahm dabei seine menschliche Gestalt an. Das Funkeln in seinen Augen ließ nach, während sich die Flügel in seine Haut zurückzogen und seine Gesichtszüge menschlicher wurden. Doch das hieß nicht, dass er weniger furchteinflößend war; ich musste all meinen Mut zusammennehmen, damit ich nicht seinem bohrenden Blick auswich.

Das dunkle Haar und die Größe hatte ich von meinem Vater geerbt, der Rest allerdings – die helle Haut und die extrem weiblichen Rundungen – stammten eindeutig von meiner Mutter.

„Wo sind deine Schwester und Claudia?“, wollte er wissen.

Mit annähernd zweiundvierzig Jahren war Claudia die älteste weibliche Vertreterin unseres Clans und quasi unsere Ziehmutter. Die meisten Gargoylefrauen wurden nicht so alt, da sie entweder bei einer Geburt starben oder von Dämonen entführt wurden. Ohne sie würden die Wächter früher oder später aussterben.

„Danika ist bei Claudia.“ Wir lenkten sie immer abwechselnd ab, damit sich die jeweils andere rausschleichen konnte. „Vielleicht holen sie etwas Lernstoff nach.“ Wahrscheinlicher aber war, dass Danika gerade mit ihrem Kopf gegen eine Wand hämmerte, denn uns beiden war klar, dass das Haus, so schön es auch war, doch nichts anderes als ein Gefängnis war.

Am Himmel schob sich der Vollmond hinter eine Wolke, als wollte er mich verspotten. Ich atmete tief ein. „Okay, es tut mir leid, ich war aber nicht weit weg, nur bis ...“

„Das ist mir egal.“ Er wischte meinen Einwand beiseite, und sofort richteten sich die feinen Härchen an meinem Körper auf. Unbehagen stieg in mir auf. Seit wann war es ihm egal, wenn ich mich wegschlich? Er legte eine Hand auf meine Schulter und drückte sie sanft. „Es wird sich bald etwas verändern. Von heute an wirst du nicht einfach wegfliegen können, wenn du Lust dazu hast.“

Fragend zog ich eine Augenbraue hoch. „W…was willst du damit sagen?“

Er lächelte, und ein Teil der Spannung, die auf mir gelastet hatte, verflüchtigte sich. Wenn er lächelte, bedeutete das etwas Gutes, und seit dem Tod meiner Mutter tat er das nicht oft. Anders als bei den meisten Paarungen unter Wächtern hatte sich bei meinen Eltern eine Liebesbeziehung entwickelt, die weit über die Pflichten unserer Art hinausging. Früher hatte ich gehofft, dass mir mal etwas Ähnliches passieren würde.

„Ich habe gute Nachrichten für dich, Jasmine.“ Er fuhr mit der Hand meinen Rücken hinab und schob mich in Richtung der Tür, die zur obersten Etage unseres Hauses führte. „Du wirst dich sehr freuen.“

„Echt?“ Jetzt war ich aufgeregt wie ein kleines Kind vor seinem Geburtstag. „Nimmst du mich mit nach New York? Oder nach Washington?“ Meine Flüge mitten in der Nacht mal außen vorgelassen, habe ich nur diesen winzig kleinen Teil der Welt gesehen, und es gab so vieles, das ich noch sehen wollte. Am liebsten wäre ich wie ein Flummi auf und ab gesprungen. „Oder lässt du mich endlich ohne Leo und eine ganze Horde Wächter in die Mall gehen? Mit so vielen Leuten im Schlepptau kann man einfach nicht einkaufen. Außerdem machen sie anderen Angst, und das ist mir peinlich.“

Seine Mundwinkel zuckten, während er wartete, dass sich die Tür öffnete. Unser Haus, das so groß war, wie ich eine Highschool vermutete, war so gut gesichert wie Fort Knox. „Nein. Es ist etwas viel Besseres.“

„Noch besser?“ Heiliger Strohsack, ich stand kurz vor einem Schlaganfall!

Sobald wir uns im Inneren des Gebäudes befanden, drehte er sich zu mir um. Voller Wärme schaute er mich an. Meine Nerven waren bis zum Äußersten gespannt. „Dez ist wieder da.“

Blut schoss mir so schnell in den Kopf, dass ich fürchtete, jeden Moment ohnmächtig zu werden. Ich musste mich verhört haben. Das war unmöglich! „Was?“

Das Lächeln meines Vaters wurde noch breiter. „Er ist wieder da, Jasmine.“

Es rauschte laut in meinen Ohren.

„Und er erhebt Anspruch auf dich“, fuhr er fort und ignorierte dabei völlig die Tatsache, dass ich kurz davor war, auf diesem Dach mein Leben auszuhauchen. „Das Paarungsritual wird in sieben Tagen vollzogen.“

2. KAPITEL

Ich freute mich absolut nicht.

Jede meiner Zellen war im Panikmodus.

Dez war wieder da, nachdem er vor drei Jahren einfach abgehauen war. Kein „Hey, ich mache mich vom Acker. Schönes Leben noch!“, kein „Auf Wiedersehen!“, gar nichts. Er war einfach verschwunden ...

Ich versuchte zu schlucken, hatte allerdings einen Riesenkloß im Hals. Seit drei Jahren hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Kein einziger Anruf, keine Mail, kein Brief. Nichts. Ich hatte ja nicht mal gewusst, ob er noch lebte oder tot war. Niemand in unserem Clan hatte das. Sein plötzliches Verschwinden war für mich ebenso grausam gewesen wie der Tod meiner Mutter. Fort, aus und vorbei, von einer Sekunde auf die andere.

Seitdem hatte sich zu Hause alles verändert.

„Atmest du noch?“, fragte eine Stimme irgendwo hinter mir. Meine Schwester. „Jasmine?“

Ich war so damit beschäftigt, mich zusammenzureißen und nicht komplett auszuflippen, dass ich keine Ahnung hatte, ob ich atmete oder nicht. Ich starrte mein Spiegelbild an: Hellblaue Augen blickten mir aus einem Gesicht entgegen, das im Kontrast zu meinen dunklen Haaren viel zu blass war. Selbst meine Lippen sahen blutleer aus. Meine Wangenknochen wirkten zu kantig, zu hart.

Ich erinnerte nicht mehr, was in der vergangenen Stunde geschehen war, alles war verschwommen. Seltsamerweise wusste der ganze Clan, dass Dez wieder da war, und sie alle kamen in der Sekunde auf mich zugestürzt, in der ich das Haus betrat. Ich war unter die Dusche verfrachtet worden, die ich offenbar sehr nötig gehabt hatte. Danika hatte meine Haare getrocknet, da ich selbst dazu nicht in der Lage gewesen wäre, und sie fielen mir in langen Locken über den Rücken. Dann hatte Claudia, die entweder gar nicht bemerkt hatte, dass ich mich herausgeschlichen hatte, oder sich entschieden hatte, es in Anbetracht der augenblicklichen Geschehnisse einfach zu ignorieren, mir ein blaues Kleid gebracht, das ich nie zuvor gesehen hatte. Es lag sehr eng an, und wenn ich mich darin zu tief bückte, würden meine Brüste quasi herausfallen und Hallo sagen.

Es war Tradition, dass man sich aufbrezelte, wenn ein Gargoylemann Anspruch auf eine Gargoylefrau erhob. Das komplette Ritual war barbarisch und in vielerlei Hinsicht einfach nur falsch. Ein Teil von mir verstand die Notwendigkeit, sich zu paaren und Nachkommen zu gebären. Unsere Art starb aus, und das, was die Wächter taten, war eine Notwendigkeit, um das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse aufrechtzuerhalten, und so weiter und so fort. Der andere Teil von mir fragte sich, warum zum Teufel ich mich zu etwas verpflichten sollte, das früher oder später höchstwahrscheinlich mit meinem Tod enden würde.

Nachdem ein Gargoylemann seinen Anspruch erhoben hatte, erhielten wir sieben Tage Bedenkzeit, um einzuwilligen oder abzulehnen. Beide Parteien sollten sich bewusst in der Zeit werden, dass eine Paarung eine lebenslange Verpflichtung darstellte. Bei uns gab es so etwas wie Scheidungen oder Trennungen nicht. Wir wurden nicht gezwungen, einzuwilligen, und der Gargoylemann, selbst wenn er vor dem gesamten Clan blamiert war, musste unsere Ablehnung akzeptieren. Wir lehnten so lange ab, bis wir einwilligen wollten, und es gab tatsächlich Wächterinnen wie Claudia, die immer wieder Nein gesagt hatten, weil sie bisher nicht den Richtigen gefunden hatten, aber ...

Doch mein Vater hatte vor drei Jahren seine Absicht verkündet, Dez und mich zu vereinigen. Das war in der Nacht gewesen, bevor Dez verschwunden war.

Ich holte tief Luft, allerdings war das Kleid einfach zu eng und schnürte meine Taille ein. „Er ist zurückgekommen“, flüsterte ich, war mir aber nicht sicher, warum ich überhaupt glaubte, das sagen zu müssen. Vielleicht, weil es sich so irreal anfühlte.

Danikas Spiegelbild tauchte über meiner Schulter auf. Wir hatten die gleichen Gesichtszüge, nur dass sie eine jüngere Version von mir war. „Ja, ist er.“

Ich kniff die Augen zu und zählte bis zehn. „Hast du ihn schon gesehen?“

„Nein.“

Warum fragte ich sie das überhaupt? Egal, spielte keine Rolle.

Danika legte eine Hand auf meine Schulter. „Alle warten unten auf dich. Der gesamte Clan.“

Meinetwegen konnte der gesamte Clan von der Spitze des Algonquin Peak springen.

Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich weder mein Spiegelbild noch das meiner Schwester. Bilder von mir und Dez liefen vor meinem geistigen Auge ab. Zuerst sträubte ich mich gegen sie, aber dann ließ ich ihnen freien Lauf.

„Dez“ war die Kurzform eines Namens, den ich nie würde aussprechen können. Er gehörte einem Clan der Westküste an, und eigentlich hätten wir uns nie über den Weg laufen sollen. Doch als er zehn Jahre alt war, wurde sein gesamter Clan bei einem brutalen Dämonenangriff ermordet. Aufgrund einiger verwandtschaftlicher Beziehungen seiner Mutter zu unserem Clan kam er dann nach New York. Am ersten Abend bei uns war er trotzig und verschlossen, fast wie ein wildes Tier, das man in die Ecke gedrängt hatte. Er hatte seine wahre Gestalt angenommen und fauchte jeden an, schlug jedem die Klauen entgegen, der sich zu nahe an ihn heranwagte. Als mein Vater gerade woandershin hinschaute, bot ich ihm meinen Pudding vom Abendessen an.

Zuerst wollte er absolut nichts von mir wissen. Er verkroch sich in den hintersten Winkel der Bibliothek und hätte mir mit seinen Krallen fast den Arm zerfetzt. Ich hatte furchtbare Angst, aber gleichzeitig auch schreckliches Mitleid mit ihm. Ich brachte es nicht über mich, einfach vor ihm wegzulaufen. Stattdessen setzte ich mich in sicherer Distanz gegenüber von ihm hin und redete einfach über alles, was mir in den Sinn kam. Stundenlang erzählte ich ihm von meinen Puppen, meinen Hausaufgaben und meinen Lieblingsbüchern, und dann schließlich nahm er den Pudding von mir an. Nachdem er aufgegessen hatte und um Nachschlag bat, brachte ich ihn in die Küche. Ich blieb die ganze Nacht bei ihm und sah dabei zu, wie er alles vertilgte, was die Köchin ihm vorsetzte. Es war seltsam, doch ich fühlte mich zu diesem fremdartigen, stillen Jungen hingezogen.

Seit diesem Abend waren wir unzertrennlich gewesen – zumindest während der folgenden acht Jahre.

Wo er auch hinging, ich folgte ihm, und umgekehrt genauso. Er war bei mir gewesen, als ich zum ersten Mal in luftigen Höhen über die Berge hinwegflog, und ich war bei ihm, als er zum ersten Mal zusammenbrach und den Verlust seiner Familie beweinte – seiner gesamten Familie. Als ich mir zum ersten Mal die Flügel verletzte und wie ein Baby heulte, war es Dez gewesen, der mich zurück in Sicherheit brachte und sich um mich kümmerte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dark Elements - Bittersüße Tränen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen