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Daring Hearts

NINA ROWAN

Daring Hearts

Das Rätsel der Liebe

Der Klang der Leidenschaft

Ein Traum von Verlangen

Zu diesem Buch

Das Rätsel der Liebe

Lydia Kellaway besitzt ein einzigartiges Talent für Mathematik und ist daher in der viktorianischen Gesellschaft eine Außenseiterin. Als sie erfährt, dass Alexander Hall, Viscount Northwood, im Besitz eines Medaillons ist, das ein gefährliches Geheimnis ihrer Vergangenheit birgt, sucht sie ihn auf. Doch Northwood ist nur bereit, den Anhänger zurückzugeben, wenn Lydia ihn in einem Wettstreit des Geistes schlägt. Sie lässt sich darauf ein, ohne zu ahnen, dass dabei auch ihr Herz auf dem Spiel steht.

Der Klang der Leidenschaft

Um die Vormundschaft für ihren kleinen Sohn wiederzuerlangen, braucht die junge Witwe Clara Whitmore dringend einen Ehemann. Als der Pianist und Lebemann Sebastian Hall sie um einen Gefallen bittet, schlägt sie ihm einen Handel vor: Sie hilft ihm, wenn er sie im Gegenzug heiratet. Sebastian lässt sich darauf ein, ohne zu ahnen, dass die entzückende Clara bald schon seine Gefühlswelt auf den Kopf stellen wird. Denn was als Zweckehe beginnt, erwächst schon bald zu einer tiefen Leidenschaft …

Ein Traum von Verlangen

Lady Talia Hall hegt schon lange tiefe Gefühle für ihren Jugendfreund James Forester. Doch der scheint in ihr nur die kleine Schwester seines besten Freundes zu sehen. Eines Tages nimmt sie all ihren Mut zusammen und gesteht James ihre Liebe – nur um von ihm zurückgewiesen zu werden. Tief verletzt stürzt sich Talia in ihre wohltätige Arbeit. Als James erfährt, dass sie durch ihr Engagement in Gefahr geraten könnte, setzt er alles daran, sie zu beschützen. Doch kann er sich auch seinen eigenen Gefühlen stellen und Talias gebrochenes Herz heilen?

Das Rätsel der Liebe

Ins Deutsche übertragen
von Katrin Harlaß

1

London

März 1854

Jede Quadratmatrix ist eine Nullstelle ihres eigenen charakteristischen Polynoms.

Lydia Kellaway hielt ihr Notizbuch fest an die Brust gepresst, als die Kutsche dahinrumpelte. Laut hallte das Klappern der Pferdehufe von der lückenlosen Reihe imposanter Stadtpalais wider, die die Mount Street säumten wie eine Festungsmauer. Der trübe Schein von Gaslaternen brannte sich durch die mitternächtliche Finsternis und bildete auf dem Pflastersteinbelag der Straße schmutzig gelbe Pfützen.

Besorgnis und Angst schnürten ihr die Kehle zu, und sie holte tief Luft, als sie an Nummer zwölf hinaufblickte, in dessen dunkle Fassade die Fenster erleuchteter Zimmer helle Vierecke schnitten. Im ersten Stock zeichnete sich die Silhouette eines Mannes ab. Aufrecht und hochgewachsen stand er da, vollkommen regungslos, wie eingefroren in der Zeit.

Im Schein einer Straßenlaterne öffnete Lydia ihr Notizbuch und blätterte durch die mit unzähligen Notizen, Gleichungen und Diagrammen bedeckten Seiten.

Auf einer dieser Seiten stand sein Name, gefolgt von einer durchnummerierten Liste. Hier waren alle Punkte aufgezählt, die mit dem Gerede und den Vermutungen über seine Familie zusammenhingen.

Während sie ihre Notizen noch einmal durchging, verspürte sie plötzlich ein leichtes Prickeln im Nacken, als würde sie beobachtet. Kopfschüttelnd klappte sie das Notizbuch zu und stieg, sich selbst scheltend ob ihrer Furcht vor den Schatten, entschlossen die Treppe hoch.

Gerade wollte sie nach der Glocke greifen, da wurde die Tür aufgerissen. Eine in leuchtend grüne Seide gekleidete Frau kam aus dem Haus gestürmt und wäre beinahe mit Lydia zusammengeprallt.

»Oh!« Die Frau taumelte mit weit aufgerissenen Augen rückwärts. In dem Licht, das plötzlich aus dem Foyer drang, konnte Lydia sehen, dass ihr Gesicht rot und verquollen und nass von Tränen war.

»Ich … ich bitte um Verzeihung, ich –«

Die Lippen fest zusammengepresst, schüttelte die Frau heftig den Kopf, drängte sich an Lydia vorbei und eilte die Treppe hinunter.

Durch die geöffnete Tür war ein Fluch zu hören. Ein dunkelhaariger Mann durchquerte mit langen Schritten die Eingangshalle. Seine spürbare Anspannung umgab ihn wie eine Aura. »Talia!«

Ohne Lydia auch nur eines Blickes zu würdigen, lief er der Frau hinterher die Treppe hinab. »Herrgott, Talia, so warte doch wenigstens auf die Kutsche!«

Die Frau wandte den Kopf und schleuderte ihm über die Schulter hinweg eine scharfe Erwiderung entgegen, begleitet von einem wütenden Blick. Lydia konnte nicht genau verstehen, was sie sagte, doch ihr schneidender Ton brachte den Mann dazu, abrupt stehen zu bleiben. Wieder stieß er einen Fluch aus. Dann kehrte er zurück zum Haus und rief nach einem Diener, der bereits Sekunden später die Straße hinunter hinter der Frau herrannte.

»John!« Der hochgewachsene Mann rief nach einem zweiten Bediensteten. »Machen Sie sofort die Kutsche fertig und bringen Sie Lady Talia nach Hause!«

Er kam die Treppe hoch und ging an Lydia vorbei, wobei er sie leicht streifte. Beinahe schien es, als würde er ihr die Tür vor der Nase zuschlagen. Doch dann hielt er inne, drehte sich um und starrte sie an: »Wer, zum Teufel, sind Sie denn?«

Lydia blieben vor Schreck die Worte im Halse stecken.

Das war er. Alexander Hall, Viscount Northwood. Sie wusste es. Mit jeder Faser ihres Körpers wusste sie, dass dies der Mann war, den sie suchte, obgleich sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte.

Seine Kleidung war trotz der ungewöhnlich späten Stunde und seiner offensichtlichen Verärgerung in tadellosem Zustand. Die Bügelfalten in seiner schwarzen Hose verliefen akkurat und scharf wie Messerklingen. Polierte Goldknöpfe hielten die seidene Weste über dem blütenweißen Hemd zusammen.

Seine dunklen Augen betrachteten Lydia. Dieser Blick – scharf, abschätzend, eindringlich – nahm ihr die Luft.

»Nun?«, forderte er.

Jede Quadratmatrix ist eine Nullstelle ihres eigenen charakteristischen Polynoms.

Das Medaillon. Jane. Das Medaillon.

»Lord Northwood?«

»Ich hatte gefragt, wer Sie sind.«

Sein rauer Bariton ging ihr durch Mark und Bein. Sie neigte leicht den Kopf, um seinem Blick zu begegnen. Scharfe Schatten ließen seine ausgeprägt slawischen Gesichtszüge hervortreten, die schrägen Wangenknochen, die glattrasierte Kinnpartie.

»Mein Name ist Lydia Kellaway«, erwiderte sie und versuchte, jedes Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen. Sie sah die Straße hinunter. Vorn an der Ecke hatte der Diener Lady Talia eingeholt. Hinter dem Haus kam eine Kutsche in Sicht und näherte sich den beiden. »Geht es ihr gut?«

»Meine Schwester ist wohlauf«, schnappte Lord Northwood ungehalten. »Und abgesehen davon ist sie das widerborstigste, eigensinnigste Geschöpf, das jemals auf Erden gelebt hat.«

»Liegt das in der Familie?«, fragte Lydia, ohne nachzudenken. Dies stand in so krassem Gegensatz zu ihrer sonstigen Verhaltensweise, dass sie vor Scham über und über rot wurde. Nicht gerade eine gute Idee, den Mann zu verärgern, von dem sie etwas wollte.

Sie glaubte fast, seine Zähne knirschen zu hören, als er gereizt das Kinn anspannte.

Sein Blick folgte dem ihren die Straße hinunter bis zu jener Stelle, wo es dem Diener und dem Kutscher offenbar mit vereinten Kräften gelungen war, Lady Talia dazu zu bewegen, in die Kutsche zu steigen. Der Diener winkte Lord Northwood triumphierend zu, bevor er ebenfalls auf den Kutschbock kletterte. Dann fuhr der Wagen davon.

Northwoods Zorn schien langsam abzuflauen, und Lydia fasste wieder Mut. Zwar hatte sie sich keinen Plan zurechtgelegt für den Fall, dass sie mitten in einen Familienstreit hineinplatzte. Trotzdem konnte sie jetzt auf gar keinen Fall wieder gehen.

Sie drückte den Rücken durch und nahm eine entschlossene Haltung an. Dann sah sie dem Viscount direkt in die Augen. »Lord Northwood, bitte verzeihen Sie die späte Stunde, aber ich muss Sie dringend sprechen. Es geht um ein Medaillon, dass Sie kürzlich erworben haben.«

»Ein was?«

»Ein Medaillon. Ein Anhänger, der an einer Kette um den Hals getragen wird.«

Er runzelte die Stirn. »Sie suchen mich zu dieser Stunde auf, um nach einer Halskette zu fragen?«

»Die Angelegenheit ist furchtbar wichtig.« Sie legte ihre Hand an den Türpfosten, um zu verhindern, dass er ihr die Tür vor der Nase zuschlug. »Bitte, darf ich hereinkommen?«

Er starrte sie eine Weile schweigend an, dann rieb er sich übers Kinn.

»Kellaway.« Eine steile Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen. »Verwandt mit Sir Henry Kellaway?«

Lydia nickte schnell. »Das war mein Vater. Er ist vor einigen Monaten gestorben.« Trauer, beschwert mit der Last der Vergangenheit, senkte sich auf ihr Herz wie ein großer, kalter Stein.

»Mein Beileid«, sagte Lord Northwood. Sein Blick wanderte über ihr Trauerkleid, und seine Züge wurden etwas weicher.

»Vielen Dank. Woher kannten Sie ihn?«

»Die Ausstellung im Kristallpalast. Achtzehneinundfünfzig. Wir hatten beide damit zu tun.« Wieder sah er sie eine Weile schweigend an. Fast konnte sie sehen, wie seine Gedanken in die Vergangenheit zurückwanderten. Dann ging er einen kleinen Schritt zur Seite und hielt ihr die Tür auf.

Lydia betrat die Eingangshalle und registrierte, dass der Viscount ihr kaum Platz machte. Er bewegte sich nicht einmal, als ihre Schulter seinen Arm streifte. Die leichte Berührung ließ sie wegzucken. Ihr Herz krampfte sich zusammen.

»Wie kommen Sie darauf, ich sei im Besitz der Kette, die Sie suchen?«, fragte er.

»Ich vermute nicht, dass Sie sie haben, Mylord. Ich weiß es. Sie haben sie vor ein paar Tagen im Laden von Mr Havers gekauft, zusammen mit einer russischen Ikone.« Sie hob den Kopf. »Meine Großmutter hatte das Medaillon verpfändet.«

Lord Northwood löste sich vom Türpfosten und kam auf sie zu. Lydia wich erschrocken zurück, doch dann wurde ihr klar, dass er ihr nur den Mantel abnehmen wollte. Sie schlug die Kapuze zurück und begann, an der Schließe zu nesteln.

Er stand hinter ihr, nahe genug, um die Wärme seines Körpers zu spüren, nahe genug, um mit ihrem nächsten Atemzug womöglich die Luft einzuatmen, die er gerade ausgeatmet hatte.

»Gehen wir in den Salon, Miss Kellaway. Sie sollten mir das genauer erklären.«

Lydia folgte ihm in den großen, eleganten Raum und setzte sich auf ein Sofa, wobei sie bewusst vermied, ihr Notizbuch nervös in den Händen zu drehen. Lord Northwood ließ sich ihr gegenüber in einem Sessel nieder. Ein stoisch schweigender Diener kam herein, servierte ihnen Tee, ging wieder hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Lord Northwood nahm einen Schluck von dem heißen Getränk, stellte seine Tasse auf dem niedrigen Tisch ab, lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. Rein äußerlich wirkte er lässig, doch Lydia bemerkte eine gewisse Anspannung. Er erinnerte sie an einen Raubvogel, der seine Flügel ausbreitet und das Gefieder schüttelt, bevor er losfliegt.

»Also?«

»Ich fand diese Quittung im Schreibtisch meiner Großmutter.« Sie blätterte suchend in ihrem Notizbuch und nahm schließlich einen kleinen Zettel heraus. »Ich wusste nicht, dass sie überhaupt etwas vom Schmuck meiner Mutter verpfändet hatte.«

Er nahm den Beleg entgegen. Dabei streifte seine Hand kurz die ihre, und sie konnte trotz der Handschuhe, die sie trug, deutlich die harten Fingerknöchel spüren. Sie riss den Arm zurück, als hätte sie sich verbrüht, ballte ihre Hand zur Faust und ließ sie neben sich auf das Sofa sinken.

»Ihre Großmutter hatte einen Monat Zeit, um das Pfand wieder einzulösen«, bemerkte Lord Northwood, nachdem er sich den Zettel angesehen hatte.

»Das ist mir durchaus bewusst. Und ich hätte es sogar an ihrer statt getan, wenn ich von der Transaktion gewusst hätte. Ich dachte, Mr Havers hätte die Kette vielleicht noch nicht zum Verkauf ausgelegt, oder, falls doch, dass sich noch kein Käufer gefunden hätte. Als ich in seinen Laden kam, teilte er mir jedoch mit, er hätte sie letzten Donnerstag verkauft.«

»Und wie haben Sie den Namen des Käufers herausgefunden?«

Wieder verfärbten sich ihre Wangen. »Mr Havers lehnte – und dies sicher mit Recht, wie ich vermute – jegliche Auskunft über den Namen des Käufers ab«, erläuterte sie. »Während er mit einem anderen Kunden beschäftigt war, entdeckte ich hinter dem Ladentisch sein Kassenbuch. Es gelang mir … nun ja … ich lieh es mir kurz aus und suchte mir die nötigen Informationen heraus.«

Ein Lächeln zupfte an seinem Mundwinkel. Leicht fasziniert beobachtete sie, wie sich auf seiner Wange ein Grübchen bildete, was den ernsten, kantigen Gesichtszügen beinahe etwas Jungenhaftes verlieh. »Sie haben Mr Havers’ Kassenbuch entwendet?«

»Ich habe es nicht entwendet.« Sie sträubte sich ein wenig gegen diesen unerquicklichen Ausdruck. »Ich habe es mit aus dem Laden genommen, das stimmt, aber nur für etwa zehn Minuten. Ich gab einem kleinen Jungen einen halben Schilling dafür, dass er es wieder zurückbringt und an seinen Platz legt, ohne dass Mr Havers etwas bemerkt. In dem Buch waren ganz eindeutig Sie als Käufer des Medaillons eingetragen. Befindet es sich noch in Ihrem Besitz, Mylord?«

Northwood ließ eine Hand in die Tasche seiner Weste gleiten. Lydia hielt den Atem an, als er die silberne Kette herauszog und das Medaillon auf seinen Handteller gleiten ließ.

Er betrachtete es eingehend und strich mit dem Daumen über die polierte Oberfläche mit der feinen Gravur.

»Ist das ein Phönix?«

»Es ist ein Fenghuang, ein Glücksvogel. Er symbolisiert Tugend, Macht und Anmut.«

Er drehte das Medaillon um und besah sich die Rückseite. »Und der Drache?«

»Wird der Fenghuang zusammen mit dem Drachen dargestellt, symbolisieren die beiden die eheliche Verbindung von … Mann und Frau.«

Er sah sie aus dunklen Augen an. »Von männlich und weiblich.«

Lydia schluckte, um die plötzliche Trockenheit aus ihrem Mund loszuwerden. »Der … der Fenghuang selbst repräsentiert Yin und Yang. Feng ist der männliche Vogel, huang der weibliche. Zusammen mit dem Drachen stehen die beiden für eheliche Harmonie.«

»Und die Frau?«, fragte Northwood.

»Die Frau ist das Yin, und der Vogel Huang –«

»Nein.« Er klappte das Medaillon auf, drehte es in ihre Richtung und zeigte ihr das darin enthaltene Miniaturporträt. »Diese Frau.«

Sie sah nicht auf das Bild. Sie konnte nicht. Stattdessen starrte sie Lord Northwood an. In seinen Augen blitzte etwas Komplexes und seltsam Vertrautes auf, als ob er die Antwort auf seine Frage bereits wüsste, aber doch aus ihrem Munde hören wollte.

»Diese Frau«, sagte Lydia, »ist meine Mutter.«

Er klappte das Medaillon wieder zu. »Sie ist sehr schön.«

»Sie war es.«

Sinus zweimal Theta ist gleich zweimal Sinus Theta mal Cosinus Theta.

Lydia wiederholte die trigonometrische Identität so lange, bis die Bedrohung durch verstörende Gefühle vorüber war.

Dann fragte sie: »Warum haben Sie Mr Havers das Medaillon abgekauft?«

»Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen.«

»Und das werden Sie auch nie wieder. Mein Vater ließ es speziell anfertigen. Es ist aus reinem Silber, obwohl Sie das sicher wissen.«

»Ich erkenne hervorragende Handwerkskunst, wenn ich sie sehe«, sagte er, wobei er den Blick von dem Medaillon löste und auf sie richtete. »Und diese Kette muss in der Tat sehr kostbar sein, wenn Sie das mitten in der Nacht hierher geführt hat.«

Lydia nickte. Sie langte in ihre Tasche, nahm ein kleines Figürchen heraus und reichte es ihm. »Dies hier brachte mein Vater vor vielen Jahren von einer Reise in die chinesische Provinz Yunnan mit. Es ist ein Elefant aus Jade, recht hochwertig. Ich würde Ihnen dieses Stück gerne im Austausch gegen das Medaillon anbieten.«

»Und warum hat Ihre Großmutter nicht die Figur anstelle der Kette verpfändet?«

Lügen wäre zwecklos. Zumindest bei diesem Mann.

»Es ist nicht ganz so wertvoll«, gestand sie ein.

»Sie erwarten von mir, dass ich mich auf einen unfairen Tausch einlasse?«

»Nein. Mein Vater besitzt außerdem diverse chinesische Handschriften und ein oder zwei Gemälde – falls Sie an mehrere Gegenstände gedacht hatten?«

Northwood schüttelte den Kopf. »Ich sammle weder chinesische Kunst noch Antiquitäten, Miss Kellaway. Das bringt uns nicht weiter. Wie ich bereits sagte: Ich habe das Medaillon gekauft, weil ich es einzigartig fand.«

»Es muss aber doch irgendetwas geben, das Sie gerne hätten.«

»Was sonst könnten Sie mir denn anbieten?«

Obwohl die Frage unschuldig klang, schlug der in Northwoods Stimme mitschwingende Unterton kleine Wellen in ihrem Inneren. Und in deren Kielwasser durchströmte sie Wärme, doch war es nicht jene Zärtlichkeit, die von Gefühlen des Herzens erweckt wird, sondern eher eine Hitze, gesäumt von Wildheit und Kontrollverlust. Gefahr.

Ihre Augen brannten.

Das Medaillon. Das Medaillon.

»Ich … ich verfüge im Moment nicht über die nötigen Mittel, um es von Ihnen zurückzukaufen«, räumte sie ein, »obgleich mir kürzlich eine bezahlte Stellung angeboten wurde. Ich könnte Ihnen einen Schuldschein ausstellen im Austausch gegen –«

»Es gibt niemanden, dem ich zutraue, einen Schuldschein einzulösen.«

»Ich versichere Ihnen, Mylord, ich würde niemals –«

»Niemanden, Miss Kellaway.«

Lydia atmete hörbar aus, außerstande, angesichts seiner Entschiedenheit auch nur die geringste Empörung zu empfinden. Sie selbst würde auch nicht darauf vertrauen, dass jemand einen Schuldschein einlöste. Beinahe achtundzwanzig Jahre Leben hatten sie das gut genug gelehrt.

»Ebenso würde ich niemals Geld annehmen, das Sie … verdienen?«, fügte er hinzu.

In dieser Feststellung schwang eine Frage mit, und zwar eine, die Lydia unter gar keinen Umständen beantworten wollte. Wenn sie ihm erzählte, dass man ihr einen Posten in der Redaktion einer mathematischen Zeitschrift angeboten hatte, würde er sie höchstwahrscheinlich entweder auslachen oder … Augenblick mal.

»Wie ich hörte, Mylord, leiten Sie den Aufbau einer Ausstellung der Royal Society of Arts. Ist das richtig?«

Er nickte. »Eine internationale Bildungsausstellung, die ich vor gut einem Jahr vorgeschlagen habe. Sie soll im Juni eröffnen. Die Vorbereitungen laufen bereits.«

Eine internationale Ausstellung. Lydias Finger schlossen sich fester um das Notizbuch.

»Wird sich ein Teil der Ausstellung zufällig auch mit … Mathematik beschäftigen?«, fragte sie.

»Wir planen, mathematische Instrumente aus aller Welt zu zeigen.«

»Ich verstehe.« Sie versuchte, den Angstschauer zu unterdrücken, der durch ihren Körper rieselte. Falls er ihr Angebot akzeptierte, müsste sie keine öffentliche Rolle spielen. Alles, was sie zu tun hätte, könnte vor der Eröffnung abgewickelt werden. Vielleicht würde noch nicht einmal jemand außer Lord Northwood überhaupt davon erfahren.

»Lord Northwood, ich möchte Ihnen im Austausch für das Medaillon meine Mithilfe bei Ihrer Ausstellung anbieten.«

»Wie bitte?«

»Ich besitze ein Talent für Mathematik, und ich bin ziemlich sicher, dass ich Ihnen eine gute Beraterin sein könnte.«

»Sie besitzen ein Talent für Mathematik?«

Er sah sie an, als sei sie das absonderlichste Geschöpf, dem er je begegnet war. Lydia ertrug solche schiefen Blicke schon seit ihrer Kindheit und war sie gewohnt. Doch dass Lord Northwood sie jetzt auf ebensolche Weise betrachtete, traf sie unerwartet hart.

»Ungewöhnlich, ich weiß«, erwiderte sie und versuchte, möglichst entspannt zu klingen. »Aber so ist es nun mal. Ich habe den Großteil meines Lebens mit Zahlen zugebracht und damit, nützliche Lehrsätze zu entwickeln und zu beweisen. Ich kann Sie zu Wirksamkeit und Wert der mathematischen Exponate beraten.«

»Wir werden bereits beraten, von einem Unterausschuss der Society, der aus Mathematikern und Professoren besteht.«

Lydia sank der Mut. »Oh.« Sie nagte an ihrer Unterlippe und blätterte in ihrem Notizbuch. »Was ist mit der Buchführung? Brauchen Sie vielleicht jemanden, der die Abrechnung macht?«

»Nein. Und selbst wenn – ich würde es niemals gestatten, dass Sie im Austausch gegen das Medaillon arbeiten.«

»Nun, ich würde trotzdem gerne –«

Bevor sie ihren Satz beenden konnte, schoss Northwood mit der Geschwindigkeit eines Alligators, der nach seiner Beute schnappt, aus dem Sessel hoch. Mit zwei Schritten war er bei ihr und entriss ihr das Notizbuch. Lydia keuchte erschrocken auf. Er begann, die Seiten durchzusehen, und sein Blick wurde immer finsterer.

»›Alexander Hall, Lord Northwood‹«, las er laut. »›Vor zwei Jahren infolge eines Skandals aus Sankt Petersburg nach London zurückgekehrt.‹ Was ist das hier?«

Eine intensive Röte kroch an Lydias Hals hoch. »Ich bitte um Verzeihung, Mylord. Es war nicht meine Absicht, irgendjemanden zu verletzen.«

»Dafür ist es jetzt ein bisschen spät, Miss Kellaway. Sie haben Informationen über mich gesammelt? Um das Medaillon zurückzubekommen?«

»Es war der einzige Weg, wie ich –«

»Ein aufgeblasener Wichtigtuer? Wo haben Sie gehört, dass ich ein aufgeblasener Wichtigtuer bin?«

Lydia wurde ganz heiß vor Scham. Zudem beschlich sie das alarmierende Gefühl, dass ihre Chancen, das Medaillon zurückzubekommen, allmählich dahinschmolzen wie Schnee in der Sonne. »Äh … eine Freundin meiner Großmutter. Sie meinte, Sie seien bekannt dafür, sich in recht hohen Kreisen zu bewegen, hier wie in Sankt Petersburg.«

Als er nichts erwiderte, fügte sie hinzu: »Sie sagte außerdem, Sie hätten beim Aufbau Ihres Handelsunternehmens Großartiges geleistet.«

Falls das Kompliment geeignet war, die vorangegangene Beleidigung zu entschärfen, so gab er es nicht zu erkennen. Stattdessen wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Buch zu.

»›Mutter in Skandal verwickelt.‹« Zorn verhärtete seine Gesichtszüge. »Sie haben wirklich gut recherchiert, nicht wahr, Miss Kellaway?«

Lydia wusste nicht, was sie sagen sollte. In ihrer Brust wirbelten Scham und Bestürzung durcheinander. Northwood sah den Rest des Buches durch. Auch als er die hastig hingekritzelten Gleichungen und Theoreme studierte, änderte sich sein Ausdruck nicht im Geringsten.

»Was ist das hier?«, fragte er noch einmal.

»Meine Notizen. Ich trage das Buch jederzeit bei mir, damit ich Dinge aufschreiben kann, die mir in den Sinn kommen.«

Northwood klappte das Buch zu.

»Es ist spät, Miss Kellaway.« Er klang erschöpft und angespannt zugleich. »John sollte inzwischen mit der Kutsche zurück sein. Wenn Sie in der Eingangshalle warten würden. Er sorgt dafür, dass Sie sicher nach Hause kommen.«

Wenn sie jetzt ging, würde er ihr niemals wieder ein Treffen gewähren, so viel war klar.

»Bitte, Mylord, ich bin sicher, wir können eine Einigung erzielen.«

»So, sind Sie das?« Er starrte sie durchdringend an. Ihr wurde ganz unbehaglich zumute und sie begann, verlegen hin und her zu rutschen. Seine Blicke glitten über ihren Körper, verweilten auf ihren Brüsten, ihren Hüften. »Was für eine Art von Einigung?«

In seiner Stimme, deren Klang in ihr nachhallte wie der tiefe Ton eines Cellos, lag dunkle Andeutung. Eigentlich hätte sie sich gekränkt fühlen sollen. Stattdessen durchlief ein Kribbeln ihren Körper und konzentrierte sich in ihrem Unterleib.

Doch es gab nichts mehr, das sie ihm noch hätte anbieten können.

»Lord Northwood«, fragte sie schließlich, »was schlagen Sie vor?«

Alexander dachte einen Moment lang nach und betrachtete schweigend die Frau, die vor ihm saß. Wer war sie? Warum machte sie ihn so … neugierig? Und warum fegte Empörung durch sein Innerstes wie ein Gewittersturm, weil sie von dem Skandal wusste?

»Ich schlage vor, Miss Kellaway«, sagte er schneidend, »Sie werfen Ihr vermaledeites Notizbuch in den Kamin und lassen mich verdammt nochmal in Ruhe.«

Ihre Augen weiteten sich. »Ihnen ist doch sicher klar, dass dies keine Option ist«, erwiderte sie leise.

Er lachte humorlos. So viel zu der Idee, sie zu verscheuchen. »Den Versuch war es zumindest wert.«

Er könnte ihr das verfluchte Medaillon einfach wiedergeben. Das jedenfalls würde ein Gentleman tun. Obwohl er den Verdacht hegte, dass sie die Geste nicht annehmen würde. Sie würde auf Bezahlung bestehen oder einen Austausch gegen etwas anderes.

Er dehnte die Schultern, um die Spannung zu lockern, die in seinen Muskeln saß. Sein Ärger wegen der Sache vorhin mit Talia war noch nicht ganz verraucht, und jetzt diese Miss Kellaway … Kein Wunder, wenn es ihm so schien, als wären Frauen die Ursache aller Probleme.

Die Ursache seiner Probleme waren sie mit Sicherheit.

»Was hier drin steht, stimmt.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf das Notizbuch. »Meine Mutter ist mit ihrem Liebhaber durchgebrannt. Der noch dazu jünger war als sie. Die bessere Gesellschaft war entsetzt. Seitdem gelten wir als Familie von wirklich außerordentlich schlechtem Ruf.«

»Und, trifft das zu?«

»Was denken Sie?«

»Ich weiß nicht. Ich gebe nichts auf Gerüchte. Sie lassen sich so schlecht beweisen.«

»Sie aber brauchen Beweise, nicht wahr?«

»Selbstverständlich. Schließlich baut die gesamte Mathematik genau darauf auf: Beweis von Theoremen, deduktive Schlussfolgerungen. Es ist die Grundlage meiner Arbeit.«

»Und das ist alles hier in diesem Buch?« Wieder blätterte er ungläubig darin herum. Hastig hingeworfene Gleichungen, Tabellen und Diagramme füllten die Seiten, einige verwischt, andere durchgestrichen, wieder andere eingekreist oder mit einem Sternchen versehen.

»Das sind Notizen, Ideen für Abhandlungen«, erklärte Lydia. »Außerdem einige Denkaufgaben und Rätsel, die ich mir zu meiner eigenen Erbauung ausgedacht habe.«

Alexander lachte.

Lydia runzelte die Stirn. »Was ist so amüsant?«

»Nun ja, die meisten Frauen – tatsächlich die übergroße Mehrzahl von ihnen – finden Freude am Sticken oder am Einkaufen«, meinte Alexander. »Und Sie entwickeln mathematische Denkaufgaben?«

»Ja, gelegentlich schon. Dürfte ich jetzt bitte mein Buch wiederhaben?«

Ihr Blick verfinsterte sich noch mehr, und sie streckte fordernd die Hand aus. »Sie sollten das alles nicht so belustigend finden, Mylord. Ein komplexes Problem zu entwerfen, kann große Befriedigung bereiten.«

»Ich kann Ihnen tausend andere Methoden nennen, wie man sich Befriedigung verschaffen kann.«

Sie riss den Mund auf und starrte ihm mit schockgeweiteten Augen an, als ihr schlagartig die Anspielung bewusst wurde. Er hielt ihr das Notizbuch hin, ließ es aber nicht los. Lydia packte es am anderen Ende, wobei sie verzweifelt versuchte, die Fassung zu wahren. »Nun«, sagte sie und hob trotzig das Kinn, »ich wage zu behaupten, dass Sie nicht imstande sind, auch nur eine meiner Aufgaben zu lösen.«

Er hörte die Herausforderung in ihrer Stimme und reagierte darauf, als hätte sie ihn soeben gebeten, um tausend Pfund zu wetten. Er ließ das Notizbuch los.

»Nicht?«, fragte er. »Wie sicher sind Sie sich dessen?«

»Ziemlich sicher.« Sie presste das Buch an ihre Brust.

»Sicher genug, um Ihr Medaillon in die Waagschale zu werfen?«

Sie zögerte einen Augenblick, dann nickte sie kurz. »Selbstverständlich. Allerdings würde ich darauf bestehen, dass wir die Parameter eines Zeitrahmens festlegen.«

Die Parameter eines Zeitrahmens.

Die Frau war seltsam genug, um faszinierend zu sein.

»Sollte es Ihnen nicht gelingen, mein Rätsel innerhalb von fünf Minuten zu lösen«, fuhr Lydia fort, »müssen Sie das Medaillon auf der Stelle zurückgeben.«

»Und wenn Sie verlieren?«

»Dann dürfen Sie bestimmen, was ich Ihnen schulde.«

Er musterte sie mit einem Blick, der jede andere Frau vermutlich völlig aus der Fassung gebracht hätte. Und obgleich sie die Prüfung schweigend über sich ergehen ließ, schien irgendetwas an der Oberfläche ihres Wesens diesen Blick abzulenken, wie angelaufenes Silber, das jeden Lichtstrahl abweist.

»Lord Northwood«, hakte sie nach. Ihre Finger umklammerten das Notizbuch so fest, dass sich die Ecken umbogen.

Was könnte sie berühren? Was könnte eine Reaktion auslösen? Was könnte die Fassade aus Steifheit und Blässe durchbrechen?

»Einen Kuss«, sagte er.

Lydias Augen weiteten sich, und in der blauen Tiefe spiegelte sich Schock wie Gewitter hinter Glas.

»Ich … ich verstehe nicht ganz.«

»Sollten Sie verlieren, gewähren Sie mir das Vergnügen eines Kusses.«

Auf ihren Wangen erschienen hektische rote Flecken. »Das ist eine höchst unangemessene Forderung, Mylord.«

»Keineswegs. Ich hätte etwas weit weniger Angemessenes vorschlagen können.« Er verkniff sich ein Schmunzeln, als das Rot auf ihren Wangen einen Ton dunkler wurde. »Trotzdem, es sollte als Beweis für Ihren Lehrsatz über meinen schlechten Ruf genügen.« Er deutete mit dem Kopf auf das Notizbuch. »Sie können es in Spalte vier hinzufügen.«

Er wusste, er benahm sich höchst unmanierlich, doch er hatte die letzten beiden Jahre damit verbracht, sich stets und ständig zusammenzunehmen, jedes seiner Worte abzuwägen und seine Gedanken zu kontrollieren. Jetzt hatte das Erröten dieser Frau etwas in ihm ausgelöst. Dieses Etwas wollte sie aus dem Konzept bringen, es wollte sich schlecht benehmen und sehen, wie sie reagierte. Und war nicht schlechtes Benehmen genau das, was die Gesellschaft von ihm erwartete?

»Nehmen Sie mein Angebot an?«, fragte er.

»Selbstverständlich nicht.«

»In Ordnung. Dann werde ich John anweisen, Sie nach Hause zu bringen.«

Er wandte sich zur Tür. »Warten Sie!« Nicht im Geringsten überrascht, drehte er sich wieder um.

»Mylord, es gibt doch gewiss etwas –«

»Sie kennen mein Angebot, Miss Kellaway.«

Lydia schob sich mit zitternder Hand einige Haare aus der Stirn. Die braunen Strähnen glitzerten leicht golden. Er fragte sich, wie sie wohl aussehen mochte, wenn sie ihre strenge Frisur löste.

Lydia, die Wangen immer noch gerötet, nickte steif. »Also gut.«

»Dann lesen Sie mir eins von Ihren Rätseln vor.«

»Wie bitte?«

Er deutete auf ihr Notizbuch. »Lesen Sie mir eins vor.«

Sie sah ihn verständnislos an, als wäre sie außerstande, den Grund für diese Aufforderung zu erkennen. Er überlegte, was sie wohl sagen würde, wenn er ihr erklärte, dass er den Klang ihrer Stimme mochte, zerbrechlich und sanft, doch unterlegt mit einer Heiserkeit, die ihm direkt ins Blut ging.

»Nur zu«, ermutigte er sie.

Unsicher betrachtete Lydia ihr Notizbuch. Northwood hatte sie völlig aus der Fassung gebracht. Mit einer solchen Wendung der Ereignisse hatte sie nicht gerechnet, als sie dieses kleine Scharmützel plante, und jetzt wusste sie nicht, wie sie reagieren sollte.

»Also gut.« Sie räusperte sich, blätterte kurz und schlug eine Seite auf. »Eine Frau ist auf dem Weg zum Markt, um Eier zu verkaufen. Sie durchquert das Gelände einer Garnison. Dabei muss sie an drei Wachposten vorbei.«

Sie hielt inne und sah ihn an. Als ihre Blicke sich trafen, blitzte leise Verwirrung in ihren Augen auf. Alexander nickte ihr aufmunternd zu.

»Dem ersten«, fuhr Lydia fort, »verkauft sie die Hälfte der Eier und ein halbes dazu. Dem zweiten verkauft sie die Hälfte der verbleibenden Eier und ein halbes dazu. Dem dritten verkauft sie wiederum die Hälfte vom Rest und ein halbes dazu. Als sie auf dem Markt ankommt, hat sie noch sechsunddreißig Eier. Wie viele Eier hatte sie, als sie losging?«

Alexander überlegte kurz. Dann stand er auf und ging zu dem Schreibtisch auf der anderen Seite des Raumes. Er öffnete die oberste Schublade, förderte einen Stift zutage und streckte die Hand nach dem Notizbuch aus. Sie gab es ihm.

Er strich ein leeres Blatt Papier auf dem Schreibtisch glatt und vertiefte sich in ihre akkurate Handschrift.

In seinem Kopf formte sich ein Bild – Lydia Kellaway, an einem ebensolchen Schreibtisch sitzend, das lange Haar lose über die Schultern fallend, eine kleine Falte zwischen den Augenbrauen, völlig vertieft darin, ein Rätsel zu entwerfen, mit dem sie die Leute zu verblüffen hoffte. Vielleicht war es spät in der Nacht, und sie trug nichts außer einem wallenden, weißen Untergewand, unter dem ihr nackter Körper …

Alexander schüttelte energisch den Kopf. Er las die Aufgabe nochmals durch und fing an, einige mathematische Berechnungen anzustellen.

Komische Zahl, ein halbes Ei dazu, dreiundsiebzig Eier vor dem letzten Wachposten …

Er rechnete weiter, wobei er halb bewusst registrierte, wie er sich allmählich entspannte, wie der hartnäckige Ärger, der sich in ihm festgesetzt hatte, nachließ. Er bemerkte, dass er zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder Vergnügen an etwas fand.

Er schrieb eine Zahl auf das Blatt und kreiste sie ein. Dann hielt er es Lydia hin.

»Sie hatte zweihundertfünfundneunzig Eier.«

Lydia trat an den Tisch, um seinen Lösungsweg in Augenschein zu nehmen. Eine verwirrende Mischung aus Siegesfreude und Bedauern wallte in Alexander auf, als er den Blick hob und den Ausdruck der Enttäuschung auf ihrem Gesicht bemerkte. Sie hatte nicht erwartet zu verlieren.

Nein. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er gewinnen würde.

»Das ist korrekt, Lord Northwood.«

Er warf den Stift auf den Tisch und richtete sich auf.

Lydia sah ihn an. Ihre Miene zeigte einen Anflug von Skepsis. Ihre Haut war hell wie Milch. Große, von dichten Wimpern beschattete Augen dominierten das herzförmige Gesicht. Die Wangenknochen schwangen sich anmutig hinunter zu einem zierlichen Kinn. Ihre Lippen waren voll und wohlgeformt.

Sie hätte schön sein können, wäre da nicht diese verkrampfte, spröde Art gewesen, dieser zusammengepresste Mund, dieser angespannte Blick. Diese geisterhafte Blässe, die durch das Schwarz ihres Kleides noch betont wurde, dessen strenger, schlichter Schnitt ihre Kurven und geschmeidigen Rundungen nicht ganz verbergen konnte und Anlass für Vermutungen gab.

Sein Herz schlug einen Takt schneller. Er trat näher, stand jetzt direkt vor ihr. Lydia schluckte, und die schlanke Säule ihres Halses erbebte. Empfand sie Furcht? Oder erschauerte sie innerlich vor Erwartung? Er konnte es nicht sagen. Sie blickte ihn einfach nur an, die dichten dunklen Wimpern über den blauen Augen schimmerten wie ein Fächer aus Federn.

Er hob die Hand, ergriff eine lose Strähne ihres Haars und rieb sie zwischen den Fingern. Stark und weich. Wie schade, dass sie es so streng frisiert trug. Als er die Hand wieder senkte, streiften seine Fingerknöchel ihre Wange. Ein sichtbares Erzittern durchlief ihren Körper.

»Also dann?«, murmelte Alexander leise und umfasste ihre Schultern, die sich unter seinen großen Händen schmal und zerbrechlich anfühlten. Er blickte auf Lydia hinunter. Die Muskeln in seinem Oberkörper strafften sich. Die Luft im Raum wurde zum Schneiden dick, lud sich mit Hitze auf. Sein Herz schlug viel zu schnell, und ihn beschlich plötzlich ein vages Gefühl des Unbehagens – als ob der seltsamen Kraft oder was immer es auch sein mochte, das da zwischen ihm und Lydia Kellaway vibrierte, auch etwas Unheimliches innewohnte.

Er atmete ihren Duft ein. Es war nicht der widerlich süßliche Geruch nach Blumen oder Parfüm. Nein, sie roch so unverfälscht und rein wie frisch gewaschene Wäsche.

Sie öffnete die Lippen, behielt jedoch ihre steife Haltung bei, die Arme ließ sie herabhängen, ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Alexander fragte sich, ob sie sich wohl jemals gestattete, diese distanzierte Anspannung zu lockern. Er hielt sie immer noch bei den Schultern, und einen Moment lang war es ganz still. Dann hob er die rechte Hand und berührte über dem Kragen des Kleides ihren Hals.

Lydia erbebte, als sein Daumen über die nackte Haut fuhr, auf und ab, auf und ab. Es war die einzige Bewegung in der vollkommenen Stille, die sie und diesen Mann umgab. Ihre Wangen überflutete ein Rot, wie es die aufgehende Sonne an den Himmel malt. Wieder schluckte sie, doch ihr Gesicht zeigte keine Regung, ihre Haltung entspannte sich nicht.

Im Gegenteil. Sie schien sich noch stärker anzuspannen. Alexanders Daumen glitt höher zu jener intimen empfindsamen Stelle hinter ihrem Ohr, die anderen Finger umfassten sanft ihren Nacken. Sein Handballen legte sich auf den Punkt, an dem Schulter und Hals sich treffen. Ihre Haut war zart und weich, wie feinste Seide. Lose Locken ihres dunklen Haares strichen über seinen Handrücken.

Verlangen. Heiß und schwer schwemmte es über ihn hinweg wie eine mächtige Woge. Der Wunsch, ihr die Kleider vom Leib zu reißen und ihre nackte Haut zu berühren. Wie als Erwiderung begann auch ihr Puls schneller zu gehen. Sein Pochen unter Alexanders Hand glich dem Flattern von Schmetterlingsflügeln. Mit einem dumpfen Geräusch fiel ihr Notizbuch auf den Teppich.

Er beugte sich über sie. Sie machte keine Bewegung auf ihn zu, wich aber auch nicht zurück. Die Röte auf ihren Wangen wurde intensiver. Ihr Brustkorb hob sich in einem tiefen Atemzug. Unzählige Schattierungen von Blau durchzogen ihre Augen. Als sie ausatmete, konnte er den Lufthauch auf seinen Lippen spüren. Seine Hände packten ihre Schulter, ihren Nacken fester.

Verwerfungen in seinem Innersten begannen sich zu glätten, Risse schlossen sich. An ihrer Stelle erfüllte ihn das Verlangen, diesen seltsamen Zustand des Zueinanderhingezogenwerdens zu verlängern, das Rätsel noch zu bewahren, was geschehen würde, wenn sich ihre Lippen schließlich trafen.

»Später«, flüsterte er.

Das leise Wort durchbrach die Spannung wie ein Kieselstein, der in einen stillen, dunklen Teich geworfen wird. Lydia wich zurück.

»Was?« Die Frage klang gepresst, dünn.

Alexander ließ die Fingerspitzen noch einen Augenblick auf ihrer warmen Haut verharren, ehe er seine Hand von ihrem Hals nahm.

»Später«, wiederholte er. »Ich werde die Begleichung der Schuld zu einem späteren Zeitpunkt von Ihnen einfordern.«

Lydia sah ihn fassungslos an. Dann wich sie zurück, ihre Hände waren noch immer zu Fäusten geballt. »Das ist inakzeptabel, Mylord. Es widerspricht unserer Abmachung.«

»Tut es das? Wir hatten zu keinem Zeitpunkt vereinbart, dass die Bezahlung sofort zu erfolgen hat.«

»Das war implizit.«

»Ah, Ihr Fehler, Miss Kellaway. Es ist höchst gefährlich, davon auszugehen, dass der Gegner dieselben unausgesprochenen Gedanken hegt … Im Grunde ist jede Unterstellung gefährlich.«

Er konnte beinahe spüren, wie Zorn von ihr Besitz ergriff. Einen Moment lang stand sie stumm und reglos da, dann legte sich etwas über ihr Gesicht – sie hatte die Kontrolle wiedergewonnen.

Sie wandte sich ab und ging zur Tür. Ihre Schritte wirkten entschlossen, den Rücken hielt sie kerzengerade. Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich noch einmal zu ihm um.

»Obgleich ich zum Beweis eines Theorems in der Regel einen etwas systematischeren Ansatz vorziehe, Mylord, weiß ich Ihre Unterstützung durchaus zu schätzen.«

Er schaute ihr nach, als sie im Dunkel der Eingangshalle verschwand. Dann trat ein kleines Lächeln auf seine Lippen. Er hob ihr Notizbuch auf und steckte es in die Tasche.

2

Angenommen, eine lineare Differenzialgleichung solle die Gefühle zweier Liebender beschreiben, dann würde diese Gleichung durch die jedem der beiden Liebenden zugeordneten Variablen wie folgt bestimmt: a = Ar + bJ und J = cR + dJ …

Lydia starrte auf das Blatt mit den Berechnungen, das auf ihrem Schoß lag. Dann legte sie es beiseite und schlang die Arme um die Taille.

Die Gefühle zweier Liebender …

Gefühle waren das eine, Empfindungen etwas vollkommen anderes. Eine Erinnerung wollte in ihr emporsteigen – die Erinnerung daran, wie es sich einst angefühlt hatte, wild zu sein und nackt und zügellos.

Es war so lange her, doch sie wusste noch, wie sehr sie damals darüber gestaunt hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich frei gefühlt – bis sie hatte erkennen müssen, dass der Preis für solche Leidenschaft zu hoch war.

… bestimmt durch die jedem der beiden Liebenden zugeordneten Variablen …

Niemals wäre sie imstande, jenen Empfindungen eine Variable zuzuordnen, die sie seit ihrer Begegnung mit Lord Northwood immer noch aufwühlten.

Jeder Herzschlag hallte laut in ihrem Körper wider und entfaltete eine träge Süße. Ihre Brüste fühlten sich prall und schwer an, ihre Haut prickelte, ihre Schenkel vibrierten vor freudiger Erwartung.

Sie schloss die Augen. Scham rieselte unter ihre Haut und erstickte einen Teil des sehnsuchtsvollen Verlangens nach einem Mann, den sie kaum kannte. Den sie niemals haben konnte. Niemals wollen durfte.

Drei, vier, fünf: das kleinste pythagoreische Tripel.

Ihr Puls ging langsamer. Ihr Atem nahm wieder einen ruhigen, gleichmäßigen Rhythmus an. Die verstörenden Empfindungen der vergangenen Nacht verblassten hinter der präzisen Form eines perfekt konstruierten rechtwinkligen Dreiecks.

»Du bist aber schon früh wach.«

Lydia blickte erschrocken auf. In der Tür zu ihrem Arbeitszimmer stand, eine Hand fest um den Knauf ihres Stockes gelegt, Charlotte Boyd. Die helle Haut ihrer Großmutter zeigte nur flüchtige Spuren des Alters, und die fein geschnittenen Gesichtszüge ließen immer noch die einstige jugendliche Schönheit erahnen.

»Ich konnte nicht schlafen.« Lydia strich sich das Haar aus der Stirn und hoffte inständig, dass ihre Miene nichts von ihren Gedankengängen verraten möge.

»Mrs Driscoll sagt, in einer halben Stunde gibt es Frühstück.« Mrs Boyd nahm Lydia gegenüber Platz und richtete den scharfen Blick ihrer blauen Augen auf sie. »Du bist doch nicht etwa immer noch aufgebracht wegen des Medaillons?«

Lydia unterdrückte ein ärgerliches Prusten. »Natürlich bin ich das.«

»Um Himmels willen, Lydia, ich sagte doch, du sollst das Medaillon vergessen. Es ist ebenso töricht wie sentimental, und weder du noch Jane sollten diesem Ding irgendeine Bedeutung beimessen außer seinem materiellen Wert. Mr Havers hat uns ein hübsches Sümmchen dafür gezahlt.«

»Es gehörte meiner Mutter«, erwiderte Lydia, der die abschätzigen Worte ihrer Großmutter einen schmerzhaften Stich versetzten. »Daher verstehst du sicher, warum es so wichtig für mich ist. Warum es für Jane so wichtig ist. Papa hätte niemals gewollt, dass es verkauft wird.«

»Deinen Eltern wäre es bestimmt wichtiger gewesen, Jane eine ordentliche Ausbildung zu ermöglichen, als irgend so ein Schmuckstück zu behalten.« Mrs Boyd runzelte gereizt die Stirn. »Ich hatte gehofft, du würdest das auch so sehen.«

»Du hättest nicht gerade das Medaillon verpfänden müssen, um Jane auf eine Schule zu schicken«, murrte Lydia.

»Du weißt ganz genau, wie teuer Queens Bridge ist, Lydia. Wir müssen alle verfügbaren Mittel einsetzen, damit Jane dort aufgenommen wird. Und wir brauchen keine alte Halskette.«

Ich schon.

Lydia spreizte die Finger, richtete sich gerade auf und sah ihre Großmutter direkt an. Es war nicht der geeignete Zeitpunkt, um über Janes Ausbildung zu streiten. Lydia hatte andere Dinge im Kopf. »Ich habe herausgefunden, dass Alexander Hall das Medaillon hat. Lord Northwood.«

Mrs Boyd erwiderte den Blick, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Ihre Augen nahmen einen leicht irritierten Ausdruck an.

»Viscount Northwood? Soll das ein Scherz sein?«

»Nein, ganz und gar nicht. Er hat die Kette von Mr Havers gekauft. Er fand sie interessant.«

»Du hast mit ihm gesprochen?«

»Ich war gestern Abend bei ihm. Ich habe ihn gebeten, das Medaillon zurückzugeben.«

Mrs Boyd war fassungslos. »Du bist zu Lord North –«

Lydia hob eine Hand, um die bevorstehende Tirade im Keim zu ersticken. »Ehe du mir Vorhaltungen machst: Niemand hat mich gesehen, niemand hat uns gehört. Ich war sehr vorsichtig.«

»Also wirklich, Lydia! Was soll denn vorsichtig daran sein, einen Mann wie ihn privat zu treffen? Hast du denn in all den Jahren nichts gelernt? Was in aller Welt ist nur mit dir los?«

»Es hätte dir klar sein müssen, dass ich mich von diesem Medaillon niemals freiwillig trennen würde«, sagte Lydia. »Vor allem nicht nach Papas Tod.«

»Du hast es jahrelang keines Blickes gewürdigt!« Vor Ärger erhob sich Mrs Boyd und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei sie sich schwer auf ihren Stock stützte. »Im Ernst, Lydia, da Lord Northwood jetzt weiß, dass wir in einer Pfandleihe waren und dass wir … oh mein Gott, was, wenn es öffentlich bekannt wird?«

»Er wird es niemandem erzählen.«

»Woher in aller Welt willst du das wissen?«

Sie wusste es nicht. Und irgendwie doch. »Er ist kein Klatschmaul. Er würde niemals einfach so das Ansehen einer anderen Person beschmutzen.«

»Bist du dir da so sicher?«

»Würdest du denn so etwas tun?«

»Nun, ich –«

»Natürlich nicht. Weil du die möglichen Konsequenzen kennst. Genau wie Lord Northwood.«

Sie warf ihrer Großmutter einen fragenden Blick zu. Mrs Boyds Lippen bildeten wieder einen schmalen Strich, doch sie schien keinen Streit vom Zaun brechen zu wollen. Vielleicht, weil sie wusste, dass Lydia die Wahrheit sagte.

Lydia fröstelte. Sie rieb sich die Arme und schob die dunkle Bedrohung aus der Vergangenheit beiseite. Obwohl sie in ständiger Angst vor übler Nachrede lebte, konnte sie dem Verlangen nicht widerstehen, mehr über Lord Northwood zu erfahren.

»Ist es wahr?«, fragte sie. »Ist seine Mutter tatsächlich mit einem anderen Mann auf und davon?«

»Ach Gott, diese schlimmen Gerüchte.« Mrs Boyd winkte ab. »Sie sind der Grund, warum die meisten Leute immer noch nichts mit ihnen zu tun haben wollen, obwohl sie ziemlich reich sind. Aber um deine Frage zu beantworten: Ja, es stimmt. Soweit ich weiß, wurde die Gräfin, die weithin als ein Muster an Schicklichkeit galt, bei einer Affäre mit einem jungen russischen Soldaten ertappt. Sie brannte mit ihm durch, und der Earl reichte die Scheidung ein. Sehr zu Recht, wie ich zugeben muss. Northwood kehrte nach London zurück, doch die Sache war noch nicht ausgestanden. Schrecklich, fürwahr, dass er sich mit den Nachwehen eines solchen Skandals herumschlagen muss. Sie haben sich bis heute nicht davon erholt, die ganze Familie nicht.«

»Was geschah mit der Gräfin?«

»Sie wurde von sämtlichen Familiengütern verbannt, obwohl sie, glaube ich, niemals einen Versuch unternommen hat, zurückzukommen. Ich denke, sie lebt immer noch in Sünde, wahrscheinlich in den riesigen Weiten Russlands.« Die Augen ihrer Großmutter verengten sich zu neugierigen, schmalen Schlitzen. »Wie ist er denn so?«

»Lord Northwood?« Lydia suchte nach den richtigen Worten. »Höflich, wie mir scheint. Und unnachgiebig.«

Voller Zorn.

Unwiderstehlich. Gutaussehend. Verführerisch …

Lydia schnitt den Gedanken ab. Auf solche Art und Weise durfte sie an keinen Mann denken, und an Lord Northwood schon gar nicht.

»Hm.« Mrs Boyd stieß die Spitze ihres Gehstocks auf den Fußboden. »Wie ich höre, haben Lord Rushtons Söhne so etwas Gewisses im Blut, sie haben Kosaken und dergleichen im Stammbaum. Der Earl entstammt einer uralten Familie, deren Linie bis in die Zeiten William des Eroberers zurückgeht, glaube ich. Reine englische Abstammung auf seiner Seite. Aber nicht von der Mutter her. Aus dem russischen Erbteil kommt eine gewisse Derbheit. Lady Chilton war bereits vor dem Skandal darüber besorgt, dass ihre Tochter Lord Northwood heiraten sollte.«

Ein unangenehmes Gefühl stieg in Lydia hoch. Hätte sie es mit einer Farbe beschreiben müssen, hätte sie sich für Bräunlich-Grün entschieden: fauliges, von einer Schlammschicht ersticktes Gras.

»Lord Northwood wird Lady Chiltons Tochter heiraten?«

»Nicht mehr, nein. Die beiden waren miteinander verlobt, früher einmal. Doch dann hat sich Lady Rushton diesen entsetzlichen Fehltritt geleistet, und Lord Chilton hob die Verlobung auf. Er lehnte es ab, eine Verbindung mit den Halls einzugehen, ungeachtet ihres Reichtums.«

Lydia atmete hörbar aus und stellte fest, dass ihre Hände leicht zitterten.

»Alle vier Söhne Lord Rushtons und auch die Tochter haben den Großteil ihres Lebens in Russland verbracht«, betonte Mrs Boyd. »Es ist also kein Wunder, dass die Nachfrage nach ihnen eher gering ist. Wie man hört, sind sie alle ein wenig … unzivilisiert.«

Lydia biss sich auf die Zunge, um eine gepfefferte Erwiderung zu unterdrücken. Obwohl sie sich dafür hasste, musste sie es zugeben: Der Kommentar ihrer Großmutter zu Alexander Hall war nicht ganz falsch.

Ungeachtet seiner tadellosen Erscheinung hatte in den Augen des Viscount etwas Animalisches geglitzert, etwas Ungezügeltes, etwas, dass einen an wilde Reiter denken ließ, an silberne Säbel und die unendliche Weite der russischen Steppe.

Gewiss, Lord Northwoods Benehmen war äußerst unschicklich gewesen. Doch so weit, ihn als unzivilisiert zu bezeichnen, wollte Lydia nicht gehen.

Noch nicht.

»Sophie!«, flüsterte Jane Kellaway.

Das Dienstmädchen, das am Herd beschäftigt war, drehte sich verblüfft um. »Miss Jane, Sie sollten nicht hier unten sein. Ihre Großmutter –«

»Ist wieder ein Brief für mich da? Hat der Botenjunge einen gebracht?«

Seufzend zog Sophie ein zerknittertes Stück Papier aus der Tasche ihrer Kittelschürze und gab es Jane. Dann schob sie das Mädchen energisch Richtung Tür und zischte: »Wenn sie dahinterkommt, wirft sie mich raus, Miss.«

»Sie wird schon nichts merken.«

Den Brief fest an die Brust gedrückt, eilte Jane die Treppe hinauf in ihr Schulzimmer. Vorfreude loderte in ihr auf, als sie das Siegel brach. Sie faltete das Blatt auseinander. Es enthielt einen kurzen Text in akkurater Handschrift, deren exakte Buchstaben an eine Marschkolonne schwarzer Ameisen erinnerten.

Liebe Jane!

Ich danke Dir für deine jüngsten Erläuterungen betreffend die Zwergwespe – ein äußerst interessantes, wenn auch, Deiner Beschreibung zufolge, recht widerwärtiges kleines Insekt.

Besonders bemerkenswert finde ich, dass die weiblichen Zwergwespen im Fliegen gewandter sind als die Männchen. Darin mag vielleicht eine Lektion für uns alle liegen.

Ich füge ein Rätsel bei, das man Akrostichon nennt. Zugegebenermaßen bin ich ein wenig verstimmt ob der Tatsache, dass Du das letzte so schnell gelöst hast.

Ergebenst,

C.

Jane grinste. Sie war in der Tat ziemlich stolz darauf, dass sie die Lösung des letzten Rätsels so schnell gefunden hatte. Sie steckte den Brief hinter das beigefügte Blatt und vertiefte sich in das neue.

»Jane, hast du mein Notizbuch gesehen?«

Der Klang von Lydias Stimme ließ Jane zusammenzucken. Hektisch faltete sie den Brief zusammen und steckte ihn unter den Arm. Dann linste sie verstohlen in Richtung ihrer Schwester, um zu prüfen, ob diese die linkische Bewegung mitbekommen hatte. Doch Lydia blickte sich suchend im ganzen Zimmer um.

»Dein Notizbuch? Du hast es verloren?«

»Ich habe es verlegt«, korrigierte Lydia.

Jane sah aus dem Fenster, um zu sehen, ob draußen Kamele vorbeiflogen, denn das Universum war mit Sicherheit aus den Fugen geraten, wenn Lydia Kellaway ihr Notizbuch verlegt hatte. »Wann hast du es denn zuletzt benutzt?«

»Oh … gestern Abend.« Lydia kaute auf ihrer Unterlippe, und ihre Augen nahmen einen seltsam verzweifelten Ausdruck an. »Na ja, kein Grund zur Sorge. Ich bin sicher, es taucht wieder auf.« Sie lächelte zu Jane herüber. »Mrs Driscoll sagt, es gibt Löffelbiskuit zum Tee.«

»Das wäre schön.« Jane würzte ihre Stimme mit einer Prise Enthusiasmus. Sie mochte Löffelbiskuit, aber den Nachmittagstee fand sie furchtbar langweilig, besonders jetzt, da Papa nicht mehr da war, um Tangram mit ihr zu spielen.

»Vielleicht können wir sie ja überreden, uns einen Klecks von ihrer kostbaren Erdbeermarmelade zukommen zu lassen.« Wieder lächelte Lydia, doch ihr Gesichtsausdruck blieb angespannt. Das mochte zum Teil an dem verschwundenen Notizbuch liegen, aber eigentlich war diese Anspannung immer da.

Jane erinnerte sich an eine Geologiestunde, in der sie sich Gesteinsadern angeschaut hatten – Linien aus Quartz oder Salz, die sich mitten durch einen Felsen zogen. Sie glaubte, durch ihre Schwester liefe auch so eine Ader, nur, dass sie nicht glänzte oder schimmerte. Die Ader, die sich durch Lydia zog, bestand aus etwas Hartem, Sprödem, einem Material, das nur in jenen seltenen Momenten an die Oberfläche trat, wenn sie sich unbeobachtet glaubte.

Den Grund dafür hatte Jane noch immer nicht gefunden. Sie hegte jedoch die Vermutung, dass es mit ihrer Mutter zusammenhing.

»Hast du den Farn gegossen?«, fragte Lydia.

Jane ging, den hastig gefaltenen Brief immer noch unter dem Arm, zum Fenster hinüber, wo auf einem Tischchen eine Glasglocke stand. Darunter wuchs in einer Schicht aus Kieseln und Erde ein zerzauster Farn, dessen grüne Wedel bereits begannen, an den Rändern braun zu werden. Sie hob die Glasabdeckung hoch und goss etwas Wasser in den Untersetzer.

»Er sieht ein bisschen traurig aus, findest du nicht auch?«, fragte sie und zupfte einige tote Teile ab.

Lydia kam zu ihr herüber, um sich die Pflanze näher anzusehen. »Vielleicht sollten wir ihn woanders hinstellen? Oder er braucht mehr Luft oder andere Erde? Ich muss schon sagen, Jane, ich habe noch nie so richtig verstanden, wie ein Farn unter solch einer gläsernen Haube gedeihen soll.«

Jane machte das Fenster einen Spaltbreit auf, um frische Luft hereinzulassen, und die beiden betrachteten eine Weile lang schweigend die Pflanze.

»Ich denke, wir müssen weitere Nachforschungen anstellen«, meinte Lydia schließlich. »Ich gehe morgen ohnehin in die Bibliothek, also werde ich mal nachsehen, ob sie irgendwelche Bücher über die Pflege und Aufzucht von Farnen haben. Wollen wir jetzt unsere Übungen zur schriftlichen Division fortsetzen?«

Sie breitete ein Übungsheft und mehrere Blatt Papier auf dem Tisch aus, der den größten Teil des winzigen Raumes einnahm, welcher zuerst als Janes Kinderzimmer gedient hatte und jetzt als Schulzimmer genutzt wurde.

Während Lydia abgelenkt war, griff Jane sich ein Buch und steckte den Brief zwischen die Seiten. Dann stellte sie es ins Regal, zwischen zwei dicke Enzyklopädien.

Plötzlich überkam sie der drängende Wunsch, Lydia von all den Briefen zu erzählen, die dort versteckt waren. Doch angesichts der Zielstrebigkeit, mit der sich ihre Schwester im Zimmer zu schaffen machte, verließ sie der Mut.

Abgesehen davon war sie fest entschlossen, die Anweisungen des Absenders in Bezug auf strenge Geheimhaltung zu befolgen, denn diese anonymen Briefe und die beigefügten Rätsel waren nach dem Tod ihres Vaters eine willkommene Ablenkung, und sie wollte nicht, dass das aufhörte.

Sie ging hinüber zu Lydia. »Ist alles in Ordnung?«

»Aber natürlich. Warum sollte es das nicht sein?«

»Du wirkst ein wenig verstimmt.«

»Ich bin nicht verstimmt. Jetzt komm und setz dich. Wir wollen noch einmal Dividenden und Divisoren durchnehmen.«

Jane setzte sich an den Tisch und nahm einen Stift zur Hand. »Hat es was mit Großmama zu tun?«

»Es ist alles in Ordnung, Jane. Wirklich.«

Doch Jane bemerkte den irritierten Ausdruck in den Augen ihrer Schwester sehr wohl. Sie wusste nicht, was Lydia von ihrer Großmutter erwartete oder nicht erwartete. Sie selber wünschte sich jedenfalls, sie alle wären etwas weniger ernst und würden das Leben wieder mehr genießen.

Ihre Tage glichen einer dem anderen: Frühstück, Unterricht, Mittagessen, ein Spaziergang, Tee. Und ihre kurzen Ausflüge führten sie auch nicht unbedingt an furchtbar interessante Orte, sondern nur in den Park oder in die Bibliothek oder zum Einkaufen.

»Jane.«

Sie blickte hoch. »Verzeih. Ich habe nicht aufgepasst.«

»Weißt du noch, was ein Rest ist?«

»Eine Zahl, die übrig bleibt.«

»Gut. Diese Aufgabe wird einen Rest haben. Doch jetzt fängst du erst einmal mit der ganzen Zahl an, und dann multiplizierst du sie mit dem Divisor. Das Interessante an der schriftlichen Division ist nämlich, dass man damit gleichzeitig Division, Multiplikation und Substraktion üben kann, verstehst du?«

»Lyddie?«

»Hmm?«

»Ist es schlimm, ein Geheimnis zu haben?«

Lydia wirkte beinahe erschrocken. »Ein Geheimnis? Was für eine Art von Geheimnis?«

»Oh, nichts, das jemandem wehtun könnte. Bloß … na ja, du weißt schon. Ein Geheimnis eben. Eine Sache, von der niemand etwas weiß. Wie zum Beispiel, dass man eine Tüte mit Süßigkeiten unter seinem Bett versteckt hat …«

»Also … nun ja … ich denke, das hängt davon ab, was es für ein Geheimnis ist. Aber wenn es niemandem schadet, es zu wahren, dann nein. Dann denke ich nicht, dass es schlimm ist.« Lydia streckte die Hand aus und strich Jane eine Haarlocke aus der Stirn. »Hast du irgendwo Süßigkeiten versteckt?«

»Nein.« Jane schenkte ihrer Schwester ein gewinnendes Lächeln. »Und wenn, dann würde ich dir etwas davon abgeben.«

»Lieb von dir.« Lydia zwickte Jane zärtlich in die Wange. »Aber auch in diesem Fall müsstest du wissen, wie du sie gerecht aufteilst. Und zu diesem Zweck musst du lernen, wie man dividiert.«

Jane verzog in gespieltem Ärger das Gesicht. Dann wandte sie ihre volle Aufmerksamkeit der Aufgabe zu. Sie mochte Mathematik. Und trotzdem: Wenn sie Lydia reden hörte, dann kam es ihr manchmal so vor, als drehe sich die ganze Welt nur um Zahlen und um nichts sonst.

Jane nahm an, dass dies auf die eine oder andere Weise sogar stimmte. Trotzdem hatte sie das deutliche Gefühl, dass die Welt von etwas weit Mysteriöserem angetrieben wurde als von Addition und Subtraktion.

Von etwas, das eher wie Rätsel war, Scherzfragen und Puzzles.

Von Geheimnissen.

3

Das Medaillon schwang hin und her. In dem silbernen Gehäuse fing sich Sonnenlicht. Alexander hob die Kette hoch, um die Gravur zu betrachten. Dann fuhr er mit dem Daumennagel in die Rille zwischen den beiden Hälften und öffnete sie.

Aus dem kleinen Hohlraum blickte ihn das Miniaturporträt einer Frau mit sperlingsbraunem Haar an. Auf ihren Lippen lag der Anflug eines Lächelns, der das betont Herrische ihrer Haltung etwas milderte. Die andere Seite des Deckels enthielt das Bildnis eines Mannes mit hageren, stark ausgeprägten Gesichtszügen, einem sorgfältig gestutzten Bart und strenger Miene.

Alexander sah plötzlich Lydia Kellaway vor sich, um den Hals dieses Medaillon, um das sich ihre Finger ab und an zärtlich schlossen, wenn sie an ihre geliebten Eltern dachte.

Er selbst würde seinen Eltern niemals solche Gefühle entgegenbringen, weder seinem Vater, der die Familie mit eiserner Faust regierte, noch seiner Mutter, einer wunderschönen, aber eiskalten Person, die ihnen mit ihrer überaus peinlichen Affäre einen solchen Schock versetzt hatte.

Manchmal konnte Alexander es immer noch nicht glauben. Gräfin Rushton, die Frau mit der wohlklingenden Stimme und einer Haut wie Porzellan, erhaben über jeglichen Fehltritt, hatte sich mit einem gemeinen Soldaten eingelassen.

Nun, zumindest hatte sie genug Verstand besessen wegzulaufen, dachte Alexander. Denn anderenfalls hätte er sie eigenhändig hinausgeworfen, als die Affäre ans Licht kam.

Ein Ächzen unterbrach seine Grübelei. Sebastian, sein neunundzwanzig Jahre alter Bruder, ließ sich müde und unrasiert in einen Sessel plumpsen, fuhr sich mit einer Hand durch das wirre Haar und gähnte herzhaft.

»Spät geworden?«, fragte Alexander knapp.

Sebastian zuckte mit den Schultern und starrte auf den Tisch, als müsse dort jeden Augenblick wie aus dem Nichts das Frühstück erscheinen. Er gähnte noch einmal, dann stemmte er sich wieder hoch und ging hinüber zur Anrichte, wo eine Kanne mit Kaffee stand.

»Wo warst du?«, wollte Alexander wissen.

»Konzert im Eagle. Ihr Pianist hatte abgesagt, und sie baten mich einzuspringen. Ich dachte, ich schlafe besser hier, um Talia und den Alten nicht zu stören.«

»Du hältst es für eine gute Idee, im Eagle aufzutreten, dieser zwielichtigen Kaschemme?«

Sebastian stöhnte genervt und nahm einen Schluck Kaffee. »So zwielichtig ist es gar nicht. Außerdem interessiert es niemanden, Alex.«

»Mich schon.«

»Nun, dann bist du der Einzige.«

In Alexander kochte Enttäuschung hoch. Er selbst tat seit der Scheidung ihrer Eltern alles in seiner Macht Stehende, um den guten Ruf der Familie wiederherzustellen. Seine beiden Geschwister jedoch trugen nicht das Geringste dazu bei. Sebastian scherte sich einen Dreck um die Meinung anderer Leute, und wenn Talia die Wahl hätte, würde sie sich ganz auf ihren Landsitz zurückziehen und überhaupt nicht mehr in London blicken lassen.

Alles blieb an Alexander hängen. Er vertrat die Familie bei gesellschaftlichen Anlässen, in Klubs, bei Geschäftsterminen. Immer musste er so tun, als wäre nichts geschehen, als hätte ihre Mutter sie nicht mit Schimpf und Schande verlassen. Als wäre die enge Verbindung der Familie mit Russland nicht eine immer schwerer zu tragende Bürde.

»Ich habe Vater gestern ausrichten lassen, dass ich ihn bezüglich der Verwaltung unseres Grundbesitzes in Floreston zu sprechen wünsche«, teilte er Sebastian mit. »Es gibt da eine Diskrepanz zwischen Einnahmen und Ausgaben, und außerdem sind einige Probleme mit Pächtern zu klären.«

»Wenn du Lord Rushton sprechen möchtest, dann gehst du am besten zu ihm.« Sebastian fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Du findest ihn in der King Street, Nummer neunundvierzig, Picadilly, falls du das vergessen haben solltest. Er verbringt den Vormittag mit ziemlicher Sicherheit in seinem Gewächshaus.«

»Und Talia? Was hat sie heute für Pläne?«

»Ich glaube, sie geht zu einem Treffen des Vereins für Armenschulen.« Sebastian sah ihn über den Rand der Kaffeetasse hinweg an. »Sie erzählte mir gestern, du hättest ihr wieder einen Vortrag übers Heiraten gehalten.«

»Ich habe ihr keinen Vortrag gehalten. Aber sie muss endlich begreifen, dass eine gute Verbindung nicht nur ihr helfen würde, sondern der ganzen Familie. In finanzieller wie gesellschaftlicher Hinsicht.«

»Sie wäre umgänglicher, wenn du sie damit in Ruhe lassen würdest«, meinte Sebastian. »Und außerdem solltest du dir wohl eher Gedanken um deinen eigenen Ehestand machen.«

Alexanders Miene verfinsterte sich. »Du glaubst, ich hätte die Zeit, mir eine passende Frau zu suchen?«

»Alles, was du dir suchen musst, Alex, ist ein süßes, einfältiges junges Ding. Davon gibt es Gott weiß wie viele. Und noch besser wäre es, wenn der Vater des Mädchens ganz zufällig leere Taschen hätte. Du brauchst nichts weiter zu tun. Du musst sie nur heiraten und flachlegen.« Sebastian zog spöttisch eine Augenbraue hoch. »Wobei keines von beidem dich allzu viel Zeit kosten dürfte.«

»Niederträchtiger Schuft«, grollte Alexander. »Es würde nur deshalb nicht allzu viel Zeit kosten, weil ein solches Täubchen vor Schreck in Ohnmacht fallen würde, bevor ich überhaupt richtig zur Sache käme.«

Sebastian grinste. »Du musst deiner Gattin ja nicht regelmäßig beiwohnen, Hauptsache, sie schenkt dir einen Sohn. Ansonsten wird Mrs Arnott glücklich sein, sich weiterhin um dich kümmern zu dürfen. Wie man hört, bevorzugt sie dich angeblich nicht nur deines Geldes wegen.«

Alexander seufzte. Seine gelegentlichen Bordellbesuche waren der Notwendigkeit geschuldet, Diskretion zu wahren, außerdem einem äußerst mangelhaft ausgeprägten Interesse an den Komplikationen, die eine Affäre mit sich brächte.

Abgesehen davon hegte er einen großen Widerwillen dagegen, ein »süßes, einfältiges junges Ding« zu ehelichen – ganz gleich, wie sehr die Familie von einer solchen Verbindung profitieren würde. Schon der bloße Gedanke brachte ihm sofort in ihrer ganzen Hässlichkeit die üble Erfahrung mit Lord Chilton und dessen Tochter wieder zu Bewusstsein.

»Heiraten und flachlegen, Alex. Mehr musst du nicht tun.«

Alexander verließ kopfschüttelnd das Speisezimmer, einigermaßen zufrieden, wenigstens die gute Laune seines Bruders wiederhergestellt zu haben – wenn man es denn so nennen konnte.

Von seinen drei Brüdern hatte sich Alexander mit Sebastian immer am engsten verbunden gefühlt, und das ungeachtet ihres unterschiedlichen Temperaments. Es mochte zum Teil daran liegen, dass die anderen beiden Zwillinge waren, zwischen denen ein ganz besonderes Band bestand. Darüber hinaus schätzte Alexander insgeheim seit jeher Sebastians entspannte, sorglose Einstellung zum Leben.

Eine Einstellung, die er, Alexander, nie hatte ausprägen können.

Und so sehr sie sich auch oft wegen Sebastians lässiger Haltung in Bezug auf den Familienskandal stritten, musste Alexander doch zugeben, dass er seinen Bruder ein wenig beneidete. Sebastian tat einfach, was er wollte. Was andere dachten, interessierte ihn nicht im Geringsten.

Er war ja auch nicht derjenige, den man gezwungen hatte, all seine Pläne aufzugeben. Er war nicht derjenige, der nach London hatte zurückkehren müssen, um den Trümmerhaufen wegzuräumen, den der Weggang ihrer Mutter und die nachfolgende Scheidung hinterlassen hatten. Er war nicht derjenige, der die Demütigung einer geplatzten Verlobung mit einer Debütantin hatte ertragen müssen.

Alexander war es, er allein.

Er rieb sich den Nacken, um die beständige Anspannung zu lockern, die die Last der Verantwortung dort erzeugte. Nachdem er sich fertig angekleidet hatte, ging er hinüber zu dem Tisch, auf dem er Lydias Notizbuch abgelegt hatte, und nahm es zur Hand.

Sie war nicht die nette, doch wenig inspirierende Tochter eines Landadligen. Ihren Aufzeichnungen nach zu urteilen, wusste sie weit mehr über Primzahlen und Differenzialgleichungen als über Mode und Etikette.

Vielleicht war dies der Grund, weshalb Alexander sie bisher noch nie getroffen hatte. Ihr Vater, Sir Henry Kellaway, war zwar ein bekannter Gelehrter gewesen und hatte sich eines guten Rufes als Kenner der chinesischen Geschichte und Literatur erfreut, gleichzeitig aber auch äußerst zurückgezogen gelebt.

Vielleicht Lydias wegen?

Bei diesem Gedanken runzelte Alexander die Stirn. Er befahl dem Kutscher anzuspannen und gab ihm die Adresse in der East Street, die auf der Innenseite des Einbands vermerkt war.

Unterwegs blätterte er in dem Notizbuch. Es schien kein Prinzip zu geben, nachdem die hastig hingeworfenen Notizen geordnet waren – nur Seiten über Seiten mit mathematischen Gleichungen und geometrischen Zeichnungen.

Dies folgt, wenn r die größte der Lösungen von a + ar = b + βr, a + ar = c + gr, et cetera. Sei (k-a):(a-k), nennen wir es r, der größte in der Menge-

Alexander lachte kurz auf. Seltsam hatte er sie genannt? Miss Kellaway war mehr als seltsam, wenn ihr Gehirn in der Lage war, solch gewundene Gedankengänge nicht nur zu verstehen, sondern sogar selbst zu produzieren.

Einige Worte auf der nächsten Seite erregten seine Aufmerksamkeit.

Variablen als Maßeinheiten der Liebe.

Das Wort Liebe war dick unterstrichen. Dann folgte eine Reihe von Berechnungen und Notizen, die für Alexander kaum Sinn ergaben. Das einzige, was ihm bekannt vorkam, waren einige Differenzialgleichungen sowie Verweise auf die Ilias, Romeo & Julia und Petrarca.

Er klappte das Notizbuch zu. Was sollte er damit anfangen? Er hätte gerne eine Idee gehabt, aber es fiel ihm beim besten Willen nichts ein.

Kurze Zeit später stieg Alexander gegenüber einem bescheidenen Stadthaus aus Backstein aus der Kutsche. Vor einem schmiedeeisernen Zaun lief, die Hosen von einem um die Hüfte gebundenen Strick zusammengehalten, ein Zeitungsjunge emsig auf und ab. Vorne an der Ecke hatte eine Obsthändlerin ihren Stand aufgebaut. Gerade scheuchte sie einen Hund davon, der um Futter bettelte.

Die Tür des Stadthauses öffnete sich, und heraus trat, mindestens ein halbes Dutzend Bücher auf dem Arm, eine Frau. Nein, nicht eine Frau. Lydia Kellaway. Sie war ganz in Schwarz gekleidet. Ihr Oberkörper ragte starr wie ein Ast aus der gebauschten Stoffwolke ihrer Röcke empor.

Doch trotz dieser Kleidung war deutlich zu erkennen, dass ihr Körper sowohl schlank war wie auch recht beachtliche Rundungen aufwies, was Alexander in der Überzeugung bestärkte, dass eine unbekleidete Lydia Kellaway üppig, weich und so verführerisch sein musste wie die Sünde selbst.

Er überquerte die Straße, wobei er mit jedem Schritt das heftige Pochen seines Herzens spürte.

Ein braunhaariges Mädchen, vielleicht zehn oder elf Jahre alt und so addrett wie eine Ziernadel an einem frisch gestärkten Schürzchen, erschien neben Lydia und hielt ihr die Tür auf.

»Jane, könntest du bitte –« Lydia verstummte abrupt, als ihr Blick auf Alexander fiel, der genau auf sie zuschritt. Sie straffte sich und begann, verlegen an ihren Büchern herumzufummeln.

»Miss Kellaway.«

»Lord Northwood.«

Grundgütiger! Allein der Klang ihrer Stimme brachte sein Blut in Wallung. Gefühlvoll, unterlegt mit einer kaum wahrnehmbaren Heiserkeit, wie ein guter Brandy, der weich und warm die Kehle hinunterrinnt und sein Aroma entfaltet. Ihn überkam das dringende Verlangen, diese Stimme seinen Vornamen aussprechen zu hören, zu spüren, wie sie auf seiner Haut schmolz.

»Sie gestatten?« Er trat auf sie zu und nahm ihr die Bücher ab, wobei seine Finger leicht ihre Arme und die behandschuhten Finger berührten. Der Duft, der sie umgab, stieg ihm in die Nase und erfüllte seinen Kopf.

»Vielen Dank.« Lydia hob eine Hand und rückte ihren Hut gerade. Die Anspannung ließ Farbe auf ihre blassen Wangen treten. Einige Locken ihres dunkelbraunen Haars hatten sich selbstständig gemacht und ringelten sich vorwitzig über Hals und Stirn.

Sie legte eine Hand auf die Schulter ihrer kleinen Begleiterin, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Das Mädchen warf Alexander einen neugierigen Blick zu, dann ging es zurück ins Haus. Die Stirn leicht gerunzelt, sah er ihm nach.

»Meine Schwester«, erklärte Lydia. »Bitte verzeihen Sie, dass ich sie weggeschickt habe. Ich möchte nicht, dass sie etwas erfährt von den jüngsten … Ereignissen.«

»Ereignissen?«

»Ja, die … kommen Sie doch bitte herein.« Sie ging ihm voran in den Salon.

Während er die Bücher auf dem Tisch ablegte, ließ Alexander seinen Blick durch den Raum schweifen, über die abgewetzten Brokatbezüge des Sofas und der Sessel, die sich hier und da ablösende Tapete, die vergilbten chinesischen Schriftrollen. Auf den blank polierten Oberflächen war nicht ein einziges Körnchen Staub zu sehen, doch die Möbel zeigten deutliche Spuren von Alter und Abnutzung.

»Ich hatte vor, im Laufe des Tages Kontakt mit Ihnen aufzunehmen, Mylord.« Lydia, die vor dem Fenster stand, wandte sich zu ihm um und begann, ihre Handschuhe auszuziehen. »Ist mein Notizbuch bei Ihnen? Ich fürchte, ich habe es gestern bei Ihnen vergessen.«

Alexander riss seinen Blick von ihren schmalen weißen Händen los und zog das Notizbuch aus der Tasche. Lydia atmete erleichtert auf und kam zu ihm herüber.

»Oh, danke. Ich habe so vieles darin notiert. Ich wüsste nicht, was –« Sie verstummte abrupt, als sie bemerkte, dass er ihr das Buch nicht entgegenstreckte.

Auf ihrer Stirn erschien eine steile Falte, und sie stieß einen gereizten Seufzer aus. »Ich nehme doch nicht an, Sie stellen jetzt eine ganz und gar unpassende Forderung, bevor Sie mir mein Notizbuch zurückgeben.«

»Hm. Das hatte ich eigentlich nicht vor. Aber der Gedanke ist in der Tat faszinierend.«

»Lord Northwood!«

Mit einem breiten Grinsen gab Alexander ihr das Notizbuch. Als sie es entgegennahm, berührten sich ihre Hände. Sie errötete leicht und zog den Arm zurück.

Ihre Reaktion hatte nichts mit Schüchternheit zu tun, so viel war klar. Das Ganze wirkte eher, als hätte sie nicht die geringste Ahnung, was sie mit ihm anfangen sollte, und dieser Mangel an Wissen brächte sie in Verlegenheit.

Lydia biss sich auf die Unterlippe und hielt den Blick auf seine Brust geheftet. Er nahm die Gelegenheit wahr, sie in dem Lichtstrahl, der durch das Fenster fiel, eingehender zu betrachten. Jetzt bemerkte er Details, die ihm gestern Abend nicht aufgefallen waren.

Den sanften Schwung ihrer Augenbrauen, die blassen Sommersprossen auf den Nasenflügeln, die vollen Lippen – nein, die hatte er schon bemerkt, als er ihr nahe genug gekommen war, um ihren Atem zu spüren. Doch jetzt waren sie ungeschminkt, und er konnte ihre natürliche Farbe sehen. Es war ein leichtes Aprikosenrot. Vermutlich schmeckte sie auch so, süß und saftig wie eine Aprikose.

Verdammt.

Alexander trat einen Schritt zurück und versuchte, seine Erregung in den Griff zu bekommen, zwang sich, seine Augen nicht gierig über Lydia Kellaways Körper wandern zu lassen, mit seinem Blick die Rundung ihrer vollen Brüste nachzuzeichnen, den Schwung ihrer Taille, der herrlichen Hüften …

Halt.

Er musste unbedingt aufhören, sie so anzustarren. Daher wandte er seine Aufmerksamkeit den Büchern zu, die er auf dem Tisch abgelegt hatte. Für einen Mann, der sich einiges auf seine Selbstkontrolle einbildete, benahm er sich gerade wie ein lüsterner Grünschnabel.

Entschlossen ignorierte er seine körperlichen Reaktionen und konzentrierte sich auf den Titel des Buches, das zuoberst auf dem Stapel lag. Introductio in analysin infinitorum. Einen nach dem anderen nahm er die Bände zur Hand und las die Titel. Die mathematische Analyse der Logik. Gedanken über das Studium der Mathematik als Bestandteil einer liberalen Erziehung.

Alexander legte die Bücher wieder auf den Stapel, dann hob er den Kopf. Miss Kellaway beobachtete ihn unter gesenkten Wimpern hervor. Sie nagte immer noch an ihrer Unterlippe.

»Lesen Sie auch noch etwas anderes außer Abhandlungen über Mathematik?«

»Ja, gelegentlich. Magazine, Bücher.«

»Petrarca?«

Ein überraschtes Blinzeln. »Wie bitte?«

»Sie lesen Petrarca, oder nicht? Shakespeare? Homers Ilias

»Wie kommen Sie –« Ihr Gesicht nahm einen bestürzten Ausdruck an, und sie wich zurück. »Sie haben mein Notizbuch gelesen?«

»Eher nicht. Denn hätte ich es gelesen, würde dies implizieren, ich hätte es verstanden. Dem ist aber nicht so. Was mir allerdings auffiel, waren ihre Anmerkungen bezüglich einiger großer Liebesgeschichten.«

»Lord Northwood, das ist eine grobe Verletzung meiner Privatsphäre!«

»Mmm. So wie Sie die meine verletzten, als Sie um Mitternacht in mein Haus stürmten? Oder die Klatschgeschichten über mich aufspürten? Oder sich wie eine Diebin in Mr Havers Laden schlichen und sich illegalerweise meinen Namen aus seinem Kassenbuch besorgten?«

»Nun, ich –« Auf ihren Wangen erschienen zwei vollkommen identische, kreisrunde rosa Flecke, und Alexander fragte sich, ob es auf der ganzen weiten Welt wohl noch eine Frau gab, die so oft errötete wie Miss Kellaway.

Sie räusperte sich verlegen und nestelte an der Brosche, die sie am hohen Halsausschnitt ihres Kleides trug. »Ich meine, ich hatte nicht vor –«

»Jedenfalls«, fiel Alexander ihr ins Wort, »will es sich mir nicht recht erschließen, was an ein paar hingekritzelten Namen und Gleichungen so privat sein soll. Ich meine, wenn Sie erotische Gedichte verfasst hätten oder –«

»Lord Northwood.« Trotz der Tatsache, dass ihr Teint jetzt tiefrosa war, hob sie den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. »Zufälligerweise glaube ich daran, dass romantische Beziehungen auf einer mathematischen Grundlage beruhen.«

Er starrte sie verblüfft an. Diese Eröffnung überraschte ihn genauso, als hätte sie ihm soeben gestanden, dass sie in der Tat erotische Gedichte schrieb – nur in einem anderen Notizbuch.

»Eine mathematische Grundlage für romantische Beziehungen?«, wiederholte er völlig verständnislos.

»Ein Verhaltensmuster, ja. Ich verwende historische Beispiele wie Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Helena und Paris und so weiter, um meine Thesen zu überprüfen und Beweise aufzustellen.«

Sie meinte es tatsächlich ernst. Da stand sie, presste ihr verfluchtes Notizbuch an die Brust, klapperte unschuldig mit den Wimpern, und der Blick aus ihren blauen Augen war ohne jeden Arg.

»Beweise … wofür?«, gelang es ihm zu fragen.

»Muster von Anziehung und Abstoßung. Laura zum Beispiel. Obgleich sie eine verheiratete Frau war und seine Annäherungsversuche standhaft zurückwies, hörte Petrarca nicht auf, ihr nachzustellen. Er schrieb ihr Sonette. Ich glaube, ich kann die Beziehung zwischen diesen beiden beschreiben, indem ich ihren Gefühlen verschiedene Variable zuordne und Differenzialgleichungen bilde.«

Alexander war sprachlos. Die Frau versuchte wahrhaftig, Liebe in Zahlen auszudrücken.

»Lydia, ich dachte, du wolltest –«

Beide drehten sich gleichzeitig zu der älteren Frau um, die, begleitet vom Klacken ihres Gehstocks mit Elfenbeingriff, ins Zimmer kam und in einiger Entfernung stehen blieb.

»Großmama, das ist Viscount Northwood.« In Lydias Stimme lag eine kaum wahrnehmbare Enttäuschung. »Lord Northwood, meine Großmutter, Mrs Charlotte Boyd.«

»Mrs Boyd.« Alexander nickte der Angesprochenen höflich zu und versuchte, sich seine Verärgerung über die Störung nicht anmerken zu lassen. Wie in drei Teufels Namen konnte man Liebe in Zahlen ausdrücken? »Es ist mir ein Vergnügen.«

»Lord Northwood.« Mrs Boyd sah von ihm zu Lydia und wieder zu ihm. In ihrem Blick lag etwas Abschätzendes, Berechnendes. »Lydia hat mir gebeichtet, dass sie Sie … zu Hause belästigt hat.«

In der Tat.

»Ich bitte Sie in aller Form für diese Dreistigkeit um Entschuldigung«, fuhr sie fort.

»Dazu besteht keinerlei Anlass, Mrs Boyd. Miss Kellaway und ich sind zu einer Übereinkunft gelangt.« Er blickte kurz zu Lydia hinüber.

»Ach ja?« Mrs Boyds Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Und darf ich fragen, um welche Art von Übereinkunft es sich handelt?«

»Im Grunde ist es keine große Sache«, warf Lydia ein. »Ich übernehme einige buchhalterische Aufgaben für Lord Northwood. Im Austausch gegen das Medaillon.«

Alexander musterte die ältere Frau aufmerksam, um zu sehen, ob sie die Lüge durchschaute. Doch seltsamerweise schien Mrs Boyd eher erfreut zu sein als argwöhnisch.

»Nun, ich bin der Auffassung, dass es sich für eine Frau nicht gerade schickt, anderen Leuten die Bücher zu führen«, räumte sie ein. »Doch abgesehen davon können Sie sicher sein, dass Lydia äußerst akkurat und gründlich zu Werke gehen wird. Sie hatte schon immer ein Faible für Zahlen, Mylord.«

»Das ist mir bereits aufgefallen.« Wieder blickte er zu Lydia. »Ich sollte mich besser auf den Weg machen. Man erwartet mich noch in dieser Stunde in den Büroräumen der Royal Society.«

Auf dem Weg zurück zur Kutsche hallten Sebastians Worte in ihm nach.

Such dir ein süßes, einfältiges junges Ding.

Alexander würde Lydia Kellaway nicht als süß bezeichnen. Sie war nicht süß, sondern scharf und pfeffrig. Und was das Einfältigsein betraf … Er musste beinahe lachen. Der Kopf dieser Frau quoll ja geradezu über von viel zu vielen Gedanken und Theorien. Und jung? Sie musste bereits an die Dreißig sein.

Er starrte aus dem Fenster. Nein. Miss Kellaway war zu direkt, zu eigensinnig, zu kratzbürstig. Und davon abgesehen ausgesprochen seltsam. Ebensowenig entstammte sie einer prominenten Familie. In seinen Kreisen würde man diese Verbindung äußerst abwegig finden. Es wäre nicht das, was man von ihm erwartete.

Und doch hatte ihn seit langer Zeit keine Frau mehr derartig fasziniert, falls überhaupt jemals. Lydia Kellaway war ihm nach wie vor ein komplettes Rätsel, aber er war fest entschlossen, es zu lösen.

Er brachte sie dazu, rot zu werden. Rot! Wie lange war es her, seit sie – Lydia Kellaway, das mathematische Wunderkind, das mit acht Jahren bereits Differenzial- und Integralrechnung beherrschte – errötet war? Zumindest auf eine Weise, die ein freudiges Kribbeln auslöste und das Bedürfnis zu lächeln.

Und wenn Lord Northwood sie ansah, flatterte ihr Herz wie Blütenblätter im Frühlingswind.

Was mochte er wohl denken, wenn er sie betrachtete? Gefiel ihm, was er sah? Die Hitze in seinem Blick ließ es vermuten. Doch er war weitaus erfahrener in solchen Dingen als sie, und so war das alles vielleicht nur ein Spiel für ihn.

Vielleicht aber auch nicht.

Sie presste die Hände aufs Gesicht. Selbst jetzt konnte sie noch die Wärme spüren, die mit der Röte in ihre Wangen gestiegen war. Irgendwo tief in ihrem Inneren, an einem Ort, an den zu denken sie sich nur äußerst selten gestattete, bewahrte sie die Erinnerung daran auf, wie sich fleischliches Verlangen anfühlte. Wie es war, wenn Hitze durch ihr Blut wallte, wenn sich Spannung in ihrem Schoß ausbreitete.

Doch das hier … diese Leichtigkeit, diese anschwellende Brandung unter ihrem Herzen … das war völlig neu. Willkommen. Wundervoll.

Gefährlich.

Lydia schloss die Augen. Sie hasste dieses warnende Gewisper in ihrem Kopf, diese Mahnung, dass sie es sich noch nicht einmal in ihrer Fantasie gestatten durfte zuzugeben, welche Empfindungen Lord Northwood in ihr auslöste. Geschweige denn, sie zu genießen.

»Lydia.«

Die Stimme ihrer Großmutter unterbrach ihre Gedanken. Sie schlug die Augen auf, setzte sich gerade hin und verschränkte die Arme über der Brust. Scham bohrte sich mit scharfen Krallen in ihr Herz, obwohl sie nichts Unrechtes getan hatte.

»Würdest du mich bitte in den Salon begleiten?«, sagte Mrs Boyd. »Ich habe mit dir zu reden.«

»Worüber?«

»Ich würde gerne einige Dinge mit dir besprechen, bevor ich morgen früh zur Bank gehe. Zehn Minuten, bitte.«

Damit drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Ihre eisigen Worte verbannten jeden Gedanken an Lord Northwood aus Lydias Kopf. Sie strich die Falten ihres Kleides glatt und schob einige Locken, die sich selbstständig gemacht hatten, aus Nacken und Stirn wieder unter das strenge Haarband zurück.

Auf dem Weg in den Salon bemächtigte sich ihrer eine dunkle Vorahnung. Ihre Großmutter stand auf ihren Stock gestützt neben dem Kamin und wartete auf sie.

»Könntest du mir bitte erklären, was das zu bedeuten hat?«, sagte Lydia.

»Wie oft hast du Lord Northwood getroffen?«

»Getroffen? Zweimal, glaube ich. Warum?«

»Vermutlich wirst du ihn bald öfter treffen, wenn du seine Buchhaltung übernimmst«, fuhr Mrs Boyd fort. »Meine Freundin, Mrs Keene, behauptet, er sei ganz versessen darauf, die Ehre seiner Familie wiederherzustellen. Das ist einer der Gründe, warum er so hart für die Royal Society of Arts arbeitet und so viel für die Organisation der geplanten Bildungsausstellung tut. Er ist nicht nur Vizepräsident der Gesellschaft, sondern auch Direktor der Ausstellung. Darüber hinaus hat er diverse Anstrengungen unternommen, um eine angemessene eheliche Verbindung für seine Schwester zu arrangieren.«

Aha. Dies war höchstwahrscheinlich der Grund, warum die junge Frau gestern Nacht so aufgebracht aus dem Haus gestürmt war.

»Ich bin überzeugt, ihm wird Erfolg beschieden sein«, erwiderte Lydia. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Lord Northwood irgendetwas, das er sich vornahm, nicht gelang.

»Allerdings«, fuhr Mrs Boyd fort, »habe er bisher kein Interesse erkennen lassen, eine Frau für sich selbst zu finden, heißt es.«

»Und?«

»Einigermaßen seltsam, findest du nicht? Schließlich ist er derjenige, der einen Erben zeugen muss. Andererseits, so vermute ich, ist ihm sehr wohl bewusst, dass keine von den höhergestellten Familien eine ihrer Töchter mit ihm verheiratet sehen möchte. Nicht nach dem so überaus bedauerlichen Verhalten seiner Mutter. Und vor allem nicht jetzt, nachdem Lord Chilton darauf bestanden hat, dass seine Tochter die Verlobung mit ihm löst.«

Anspannung kroch Lydias Wirbelsäule hinauf. »Was willst du damit sagen?«

»Ich will gar nichts sagen, Lydia«, erwiderte Mrs Boyd. »Angesichts der Tatsache, dass du dich unterstanden hast, ihn ohne Begleitung aufzusuchen, teile ich dir lediglich alles mit, was mir über den Mann bekannt ist. Ich hoffe doch sehr, dass dir Janes Ausbildung genauso sehr am Herzen liegt wie dieses alberne Medaillon.«

Lydia musste angesichts dieses abrupten Themenwechsels verwundert blinzeln.

»Aber natürlich«, stimmte sie zu. »Jane und ihre Ausbildung bedeuten mir alles. Du weißt das.« Sie spürte, wie sich ihre Nackenmuskeln verspannten. »Wie kommst du auf die Idee, es könnte anders sein?«

»Ich weiß, dass du sie gern hast, Lydia. Und du hast –«

»Gern hast?« Guter Gott. Wusste ihre Großmutter denn nicht, dass sie Jane Tag für Tag mehr liebte, mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag?

»Und du hast das bisher gut gemacht mit ihr«, fuhr Mrs Boyd fort. »Sie ist zwar immer noch ein wenig unbekümmert, doch abgesehen davon ein wohlerzogenes Mädchen mit guten Manieren und Sinn für Respekt. Trotzdem ist es nun an der Zeit, dass sie eine andere Art von Unterricht bekommt. Dass sie Dinge lernt, die ihr einen Platz in der feinen Gesellschaft sichern.«

»Aber sie entwickelt sich doch prächtig unter meiner Anleitung. Wir haben angefangen, die Odyssee zu lesen. Wir beschäftigen uns mit den Ländern, die zum Empire gehören, sie lernt Bruchrechnen und Algebra –«

»Lydia, Jane braucht Anleitung durch Lehrer, die rein intuitiv weit bessere gesellschaftliche Umgangsformen beherrschen als du. Wenn sie einmal vorteilhaft heiraten soll, muss sie die notwendigen Anstandsregeln lernen.«

»Aber sie ist noch nicht mal zwölf«, protestierte Lydia. »Ich selbst habe nicht einen einzigen Gedanken an Etikette oder, Gott bewahre, das Heiraten verschwendet, bevor ich aufs Internat kam.«

»Nun, vielleicht hättest du ja früher damit anfangen sollen.« Ihre Großmutter hielt kurz inne, und als sie weitersprach, lag geschliffene Schärfe in ihrer Stimme. »Strengere Disziplin hätte dir vermutlich ganz gut getan.«

Lydia zuckte zusammen und umklammerte mit einer Hand die Lehne eines Stuhls.

Cosinus Theta plus Gamma ist gleich Cosinus Theta mal Cosinus Gamma plus Sinus Theta mal Sinus Gamma.

»Ich weiß, wir haben darüber gesprochen, sie nach Queens Bridge zu schicken. Aber selbst mit dem Geld, das wir für das Medaillon bekommen haben, ist es zu teuer …« Lydia versagte die Stimme. Etwas im Gesicht ihrer Großmutter löste einen Anflug von Panik in ihr aus.

»Ich habe die Angelegenheit mit Mrs Keene besprochen, deren Meinung ich überaus schätze und der ich vorbehaltlos vertraue«, erklärte Mrs Boyd. »Mrs Keene hat eine verwitwete Tante, Lady Montague. Die Baronin wohnt in Paris, und ihr verstorbener Gatte hinterließ ihr sowohl sein Vermögen als auch seinen guten Namen. Mrs Keene korrespondierte mit ihr über eine Mädchenschule, die sie soeben im Viertel St. Germain eröffnet hat.«

»Nein.«

Mrs Boyd presste die Lippen fest aufeinander. »Ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt, Lydia.«

»Du kannst Jane nicht so weit weg auf die Schule schicken. Nach Frankreich.« Der Anflug von Panik verstärkte sich. Ihr Herz schlug hart gegen die Rippen. »Das kannst du ihr nicht antun.«

Das kannst du mir nicht antun.

»Ich tue ihr gar nichts an, Lydia«, erwiderte ihre Großmutter. »Es ist zu ihrem Besten.«

»Nein. Es ist zu weit weg. Sie wird nicht –«

»Lieber Himmel, Lydia, es ist Paris, nicht der afrikanische Urwald«, fiel ihr Mrs Boyd ins Wort. »Wie ich bereits sagte: Wir können es uns nicht leisten, sie auf eine der besseren Londoner Schulen zu schicken, und Queens Bridge schon gar nicht. Lady Montague dagegen hat mir dank meiner Freundschaft mit Mrs Keene sowie aus ihrem Wunsch heraus, eine starke Anfangsklasse zu bilden, das überaus großzügige Angebot unterbreitet, Jane ein Stipendium zu gewähren.«

»Und du hast angenommen?«

»Ich habe es vor, ja.« Mrs Boyd seufzte und zupfte nervös an ihren Ärmelaufschlägen aus Spitze. »Lydia, ich möchte doch auch nicht, dass Jane uns verlässt. Aber wenn wir keinen Weg finden, wie wir sie auf eine Londoner Schule schicken können – eine exklusive Schule, wohlgemerkt, wo ihr die Bildung und Erziehung zuteilwird, die wir ihr nicht geben können – dann bleibt mir keine andere Wahl.«

Sie hob den Kopf, und die beiden Frauen blickten sich eine ganze Weile lang stumm in die Augen. Lydias Herz verkrampfte sich, schrumpelte regelrecht zusammen. Zwischen ihr und ihrer Großmutter schien sich ein tausend Jahre breiter Abgrund aufzutun, bis an die Ränder angefüllt mit Bedauern und dem Schmerz des Verlustes.

Sie wünschte, ihre Mutter wäre hier. Nicht die Frau mit dem gequälten, verbogenen Geist, sondern die Mutter, wie sie sie in Erinnerung hatte, bevor sich die Dunkelheit auf sie herabgesenkt hatte. Die Theodora Kellaway mit dem fröhlichen Lachen und der Seelenruhe, den sanften Händen und dem langen Haar, das dick war und golden glänzte wie Weizen.

Und sie wünschte, auch ihr Vater wäre hier. Sie vermisste seine Sichtweise und die ruhige, ernsthafte Art, mit der er die Dinge anzugehen pflegte. Trotz allem hatte er für sie und Jane immer nur das Beste gewollt.

»Du willst mich immer noch bestrafen, stimmt’s?« Die Frage brach aus ihr heraus, rau und bröckelig.

»Es geht hier nicht um dich«, erwiderte ihre Großmutter. »Es geht um Jane.«

»Natürlich geht es um mich! Du willst, dass ich niemals vergesse, was passiert ist, als du mich weggeschickt hast, oder etwa nicht?«

»Lydia!« Mrs Boyd stieß ihren Gehstock auf den Fußboden. »Wie kannst du es wagen, mir zu unterstellen, dass diese Sache in irgendeiner Weise mit der Torheit zu tun hat, die du begangen hast? Lady Montagues Schule wurde zwar erst kürzlich eröffnet, doch wird sie Jane mit Sicherheit einen Ort bieten, an dem sie sowohl hervorragend unterrichtet wie auch gebührend beaufsichtigt wird.«

Lydia starrte ihre Großmutter fassungslos an. Mrs Boyd, der offenbar klar wurde, was sie da eben gesagt hatte, verstummte abrupt. Lydia bebte vor Zorn.

»Nein.« Sie ballte die Hände zu Fäusten. Ihre Augen füllten sich mit den brennend heißen Tränen der Wut.

»Lydia –«

»Nein. Ich werde das nicht zulassen. Ich werde nicht erlauben, dass du mir Jane wegnimmst!«

Mit diesen Worten stürmte sie hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Auf dem Korridor blieb sie stehen. Die Finger in den Stoff ihrer Röcke gekrallt, holte sie tief Luft. Ihr Herz raste.

Die große Standuhr in der Eingangshalle tickte laut. Über die Treppe krochen finstere Schatten. Der Spiegel warf sie in einer unheildrohenden Mischung aus Hell und Dunkel zurück.

Ärger und Schmerz wühlten in Lydia, verzehrten gierig die letzten Reste von Scham. Sie riss die Vordertür auf, lief die Treppe hinunter und den Gehsteig entlang, schneller und schneller, bis sie rannte. Die kühle Nachtluft prickelte auf ihrem Gesicht. Sie lief, bis ihre Lungen schmerzten. Dann verlangsamte sie ihre Schritte und schlang keuchend die Arme um ihren Oberkörper, gegen den Schmerz und gegen die Kälte.

Erschöpft ließ sie sich auf der Treppe eines unbeleuchteten Stadthauses niedersinken, legte den Kopf auf die Knie und versuchte, wieder zu Atem zu kommen und ihr wie rasend hämmerndes Herz zu beruhigen.

Erinnerungen stiegen in ihr hoch, doch sie schob die Bilder energisch beiseite. Sie wollte nicht die ausgezehrte Gestalt ihrer Mutter sehen, das bleiche, verzweifelte Gesicht ihres Vaters, den Zorn ihrer Großmutter.

Sie wollte nicht dieses kaltgrüne Augenpaar sehen, dessen Blicke sie immer noch durchbohren konnten wie scharfe Glassplitter.

Sie erschauerte, als die Kälte sich bis in die Mitte ihres Körpers fraß und schließlich ihr Herz ergriff.

Nach scheinbar endlos langer Zeit hob sie den Kopf. Dicke Nebelschwaden verdeckten den Himmel, erstickten das Licht des Mondes und der Sterne.

Lydia stand auf und ging in die Dorset Street. Dort standen mehrere schwarze Einspänner und warteten auf Kundschaft.

Einer der Kutscher musterte sie neugierig, bevor er auf ihre Frage hin zustimmend nickte. Er half ihr in den Wagen und schlug die Tür hinter ihr zu.

Lydia schloss die Augen, als sich die Kutsche Richtung Oxford Street in Bewegung setzte.

Wenn p eine Primzahl ist, dann gilt für jede natürliche Zahl a, dass ap – a ohne Rest durch p teilbar ist.

Ableitung uv ist gleich u mal Ableitung v plus Ableitung u mal v.

»Mount Street Nummer zwölf, Miss.«

Lydia öffnete die Augen. Hinter mehreren Fenstern des großen Hauses aus Backstein brannte Licht. Es war töricht von ihr, noch einmal hierherzukommen, das wusste sie. Trotzdem bat sie den Kutscher zu warten. Dann stieg sie die Eingangstreppe hoch und läutete. Keine Antwort. Ihr Herz zog sich zusammen. Sie läutete noch einmal.

Die Tür öffnete sich, und ein Diener in tadelloser Haltung erschien. »Ja?«

»Zu Lord Northwood, bitte. Ich bin Lydia Kellaway.«

»Einen Moment.« Er trat zur Seite, damit sie an ihm vorbei in die Eingangshalle treten konnte. Dann ging er lautlos die Treppe hinauf und verschwand.

Einen Augenblick später fiel vom Obergeschoss ein Rechteck aus Licht auf die Treppe, und Lord Northwood kam Stufe für Stufe zu ihr herunter, jeder seiner Schritte so selbstsicher, als sei er ein Forscher, der den Boden unter seinen Füßen für sein Land in Besitz nähme. Das Fehlen jeglichen Zögerns und die Stärke, die er ausstrahlte, ließen in Lydia den fast schmerzhaften Wunsch entstehen, ein ebensolches Selbstvertrauen zu besitzen.

»Miss Kellaway?« Er legte die Stirn in Falten und blickte durch die halb geöffnete Tür hinaus auf die Kutsche. »Geht es Ihnen gut?«

»Ich … ich habe keinerlei –«

»Kommen Sie herein. Ich kümmere mich darum.« Er winkte dem Diener und wies ihn an, den Kutscher zu bezahlen. Dann wandte er sich wieder Lydia zu. »Was führt Sie her?«

»Ich bin gekommen …« Lydia atmete tief durch. Dann hob sie den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. »Ich bin gekommen, um meine Schuld einzulösen.«

Ob sie sich noch genauso anfühlte?

Sie sah nicht mehr genauso aus. Natürlich war sie älter geworden, die Linien ihres Gesichtes schärfer. Neugier und Erwartung waren aus ihrem Blick und ihren Bewegungen gewichen. Strenge Beherrschtheit hatte sie ersetzt.

Seit Joseph nach London zurückgekehrt war, hatte er sie nur ein einziges Mal schwächeln sehen – nach dem Begräbnis ihres Vaters, als sie draußen vor der Kirche stand, zusammen mit dem Mädchen. Das Mädchen hatte sich umgedreht, die Arme um Lydias Taille geschlungen und hemmungslos geschluchzt.

Da hatte Lydia ganz deutlich selbst mit den Tränen gekämpft, hatte ihre Selbstbeherrschung einen Riss bekommen.

Doch noch bevor sich das Mädchen wieder von ihr löste, hatten sich Gleichmut und beruhigende Gelassenheit wie eine Maske über Lydias Gesicht gelegt. Das Mädchen. Jane. Ein farbloser Name, obgleich sie recht hübsch war. Und intelligent war sie auch, wollte man den Briefen glauben, die sie schrieb. Trotzdem würde er noch eine gewisse Zeit brauchen, um die tatsächliche Tiefe ihrer Gedankengänge auszuloten.

»Sir? Wir sind da.« Der Kutscher starrte ihn fragend an.

Er nickte und bedeutete dem Mann, sich wieder auf den Kutschbock zu setzen. »Zurück nach Bethnal Green.«

Während die Kutsche davonfuhr, sah er Lydia Kellaway in dem Haus in der Mount Street verschwinden, neben sich die schlanke Silhoutte eines Mannes.

Joseph lachte leise in sich hinein. Sie mochte älter geworden sein, doch ihre Bedürfnisse waren anscheinend immer noch dieselben. Allerdings schwang sie sich soeben über ihren Stand auf, wenn er die Gegend so betrachtete.

Oder doch nicht?

Er wusste, dass die finanziellen Verhältnisse der Kellaways schon immer angespannt waren, auch vor Sir Henrys Tod. Was, wenn Lydia einen Weg gefunden hatte, Geld zu verdienen, indem sie die Vorzüge ihres Körpers nutzte statt die ihres Geistes?

Elegante Stadtpalais hier in der Mount Street. Gehörten alle reichen Leuten. Er würde bald herausfinden, wer in Nummer zwölf wohnte.

4

Alexander gab Anweisung, Tee in den Salon zu bringen. Dann musterte er Lydia, die sich erschöpft auf das Sofa niederließ. Als sie die Hände hob, um ihre zerzausten Haare zu ordnen, die im Nacken nur locker von einem Band zusammengehalten wurden, bemerkte er, dass sie zitterten. Ihre sonst so makellose Haut verunzierten rote Flecken, die Augen waren verquollen. Sie starrte zu Boden, und ihr Brustkorb hob und senkte sich gequält mit jedem Atemzug.

Alexander wurde überschwemmt von einer Woge der Leidenschaft und dem Drang, sie zu beschützen. Die Hände fest um das blank polierte Holz der Lehne gelegt, stand er hinter einem Stuhl.

Am liebsten hätte er Lydia an sich gerissen, um zu spüren, dass sie sich an ihn lehnte, und um aus der Welt zu schaffen, was immer ihr solchen Kummer bereitete. Diese Erkenntnis und die Intensität des Gefühls beunruhigten ihn. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, unfähig, den Blick von ihr zu wenden.

»Miss Kellaway.« Er zwang sich, ruhig zu sprechen. Er musste um jeden Preis wissen, was vorgefallen war, doch er wollte sie nicht verschrecken. »Hat Ihnen jemand ein Leid zugefügt?«

Sie lachte. Es war ein tonloses, heiseres Geräusch. »Nicht so, wie Sie denken.«

»Sie können mir die Wahrheit sagen.«

»Das ist die Wahrheit.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja.« Sie nickte. Ihre Finger krampften sich fortwährend in den Stoff ihres Rocks, zogen und zerrten an den Falten. »Ich bin nicht … Es ist nicht das, was Sie vielleicht vermuten.«

»Was ist es dann?«

»Eine persönliche Angelegenheit, ein … es spielt keine Rolle.«

»Für mich schon.«

»So? Tut es das?« Sie hob den Kopf, das Blau ihrer Augen verdunkelt von Ärger und Frustration. »Wollen Sie nicht, dass ich meine Schuld begleiche? Denn deshalb bin ich hier. Nehmen Sie sich, was Ihnen zusteht. Küssen Sie mich.«

Alexander schüttelte den Kopf. »Nicht auf die Art.«

»Ihre Forderung war nicht an eine Bedingung geknüpft.«

»Jetzt ist sie es.«

Ein Klopfen an der Tür. Der Diener trat ein, in den Händen ein Tablett mit Tee. Alexander nickte dankend und entließ ihn. Nachdem die Tür sich geschlossen hatte, schenkte er zwei Tassen Tee ein, gab in eine davon etwas Zucker und drückte sie Lydia in die Hand.

»Was für eine Bedingung?«, fragte sie.

»Ich werde Sie auf gar keinen Fall küssen, wenn Sie so offensichtlich in Nöten sind. Abgesehen von der Tatsache, dass ein solches Vorgehen die völlig falsche Wirkung haben dürfte. Der Kuss würde Ihren Kummer nur noch größer machen und … nun, ich glaube nicht, dass mein Stolz einen solchen Schlag verkraften könnte.«

Der Hauch eines Lächelns umspielte ihre Lippen. »Ihr Stolz scheint recht gut in der Lage zu sein, noch weit Schlimmeres zu verkraften, Mylord.«

»Mag sein. Trotzdem verspüre ich keinerlei Neigung, es herauszufinden.«

Mit gerunzelter Stirn sah er zu, wie sie von ihrem Tee trank. Ihre Lippen berührten das dünne Porzellan des Tassenrandes, ihr Kehlkopf bewegte sich, als sie schluckte.

Alexander wartete einige weitere, schier endlos scheinende Minuten, um ihr die Möglichkeit zu geben, ihre Fassung wiederzugewinnen. Dann fragte er noch einmal: »Was ist passiert?«

Das Blau ihrer Augen verfinsterte sich zu einem dunklen Lapislazuli, und sie schüttelte den Kopf. Als sie sprach, war ihre Stimme schwer von Kummer.

»Ich fühle mich manchmal so … so schrecklich machtlos.«

Alexander hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er auf diese einfache Feststellung reagieren sollte. Einerseits ergab sie, verkündet von einer Frau mit einem derart brillanten, scharfsinnigen Geist, keinen Sinn. Andererseits verbrachte ebendiese Frau ihre Zeit damit, Gleichungen über die Liebe aufzustellen, was, wie Alexander klar war, nirgendwohin führen würde.

Stille breitete sich aus, waberte zwischen ihnen wie ein lebendes Wesen.

Schließlich räusperte er sich. Einen Moment lang wünschte er, Sebastian wäre hier. Sebastian würde etwas zu erwidern wissen. Sein Bruder besaß die Gabe, jeder Frau das Gefühl zu geben, sicher und beschützt zu sein. Sie verließen sich auf ihn, vertrauten ihm. Alexander hingegen stand in dem Ruf, ein unnahbarer Einzelgänger zu sein, was zum Teil durchaus auf Tatsachen beruhte, vor allem nach der Katastrophe seiner geplatzten Verlobung.

Lydia verzog den Mund und stellte die Tasse zurück auf den Unterteller. »Aber das spielt jetzt wohl keine Rolle, oder?«

»Welche Art von Macht schwebt Ihnen denn vor?«

»Keine, die ich jemals haben kann. Warum sich also die Mühe machen, sie zu benennen?«

Er betrachtete sie, den Schwung ihres Halses, die Art, wie ihre Wimpern zarte Schatten auf die Wangenknochen warfen. »Sie besitzen einen ausgezeichneten, scharfen Verstand. Und Ihre Begabung für Mathematik hat Ihnen Respekt in den höchsten akademischen Kreisen eingebracht.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen. Ihr Name steht für hohes Ansehen, Miss Kellaway.«

»Mein Name steht für eine Kuriosität, Mylord. Wie der eines südamerikanischen Tapirs oder eines Zirkusartisten.«

Er schüttelte den Kopf. »Da irren Sie sich.«

»Ach wirklich?« Sie strich sich eine Haarlocke aus der Stirn. »Ich möchte nicht klingen, als würde ich mich selbst bemitleiden. Oder als wüsste ich meine Geistesgaben nicht zu schätzen. Ich bitte Sie lediglich um eines: Hören Sie auf, mich davon überzeugen zu wollen, meine Fähigkeiten würden mir die Autorität über irgendetwas anderes verleihen als mathematische Gleichungen. Dem ist nämlich nicht so. Das habe ich bereits vor langer Zeit erkannt.«

»Und doch bitten Mathematiker und Universitätsprofessoren Sie um Ihren Rat, was deren Arbeit angeht.«

»Genau das ist es ja. Die Arbeit. Unser Diskurs ist rein akademisch.« Als sich ihre Blicke wieder trafen, meinte er zu sehen, wie sich etwas in ihr verhärtete. »Was ich zu sagen versuche, Lord Northwood, ist, dass meine mathematischen Fähigkeiten ein vom Rest meiner Existenz ziemlich losgelöstes Leben führen. Die Beherrschung eines Lebensbereiches überträgt sich nicht automatisch auf einen anderen.«

»Kann es aber.«

»Nicht in meinem Fall. Wenn ich Gleichungen löse oder Lehrsätze beweise, verspüre ich eine große Macht. Doch sie endet an den Grenzen der Zahlenwelt.«

Alexander atmete hörbar aus. »Ich kann wahrlich nicht behaupten, ein fleißiger Student gewesen zu sein. Doch selbst mir ist klar, dass die Mathematik keine in sich abgeschlossene Welt ist. In der Schule habe ich gelernt, welche mathematischen Formeln der Kunst der Renaissance zugrunde liegen. Es gibt Verbindungen zwischen Mathematik und Musik, die ich nicht einmal im Ansatz verstehe. Die Verwaltung eines Familienbesitzes von der Größe des unseren erfordert einen permanenten Abgleich zwischen Einnahmen und Ausgaben, die Berechnung der Pacht und –«

Lydia hob die Hand. »Das ist ja alles gut und schön, Mylord, aber bitte verstehen Sie doch, dass meine Erfahrungen mich zu anderen Schlüssen führen. In meiner Welt hat die Mathematik in der Tat ihre Grenzen.«

Wie du.

Die beiden Worte platzten unvermittelt in seine Gedanken. In ihm rührte sich zornige Ungeduld. Er stand auf und begann, nervös im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Was wollen Sie, Miss Kellaway?«

»Ich habe nicht … ich wusste nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Ich dachte –«

»Nein.« Er spuckte das Wort förmlich aus. Hart. Endgültig. Er wandte sich zu ihr um, die Hände zu Fäusten geballt. »Was wollen Sie?«

»Von Ihnen?«

»Für sich.«

»Ich verstehe nicht.«

»Was wollen Sie? Was würde Ihnen helfen, dieses Gefühl von Macht zu erlangen, das so schwer zu bekommen ist?«

Sie blinzelte. Ihr Gesicht schien sich zu verschließen, als versuche sie, zehn Milliarden Gedanken zu unterdrücken, die alle gleichzeitg in ihr aufkeimten. »Ich weiß es nicht.«

»Sie wissen es. Was ist es?«

»Ich bin keine Närrin, Sir. Ich kenne meinen Platz. Ich weiß, wo ich hingehöre. Von etwas zu träumen, das niemals sein kann, ist unlogisch und widersinnig.«

»Und was genau veranlasst Sie zu glauben, dass es niemals sein kann?«

In der Tiefe ihrer Augen blitzte Erheiterung auf, ganz schwach zwar, doch war das Glitzern äußerst vielversprechend. Sollte Lydia Kellaway sich jemals zu einem befreiten, ungezügelten Lachen hinreißen lassen, wäre das etwas Wunderschönes.

»Sie sind ein Romantiker, nicht wahr, Lord Northwood?«, fragte sie. »Jemand, der glaubt, dass Dinge geschehen können, indem man sie sich einfach nur wünscht.«

»Oder indem man dafür sorgt, dass sie geschehen.«

»Sie haben gut reden.«

»Was soll denn das nun wieder heißen?«

»Noch bevor wir … bevor ich Ihre persönliche Bekanntschaft machte, hatte ich schon von Ihnen gehört. Und obgleich es mir ernst war, als ich sagte, dass ich keine Klatschgeschichten mag, kann ich doch einige Elemente erkennen, die der Wahrheit entsprechen.«

»Und wie sieht diese Wahrheit aus, Miss Kellaway?«

»Die Wahrheit ist, dass Sie seit zwei Jahren versuchen, die Ehre Ihrer Familie wiederherzustellen, und zwar auf eine sehr öffentliche und unmissverständliche Art und Weise.«

Sie blickte auf ihre Teetasse hinunter und fügte leise hinzu: »Ganz im Gegensatz zu Ihrem Vater. Ihre Arbeit für die Royal Society of Arts, die Erarbeitung von Handelsbestimmungen, Ihr Engagement in zahlreichen Wohltätigkeitsorganisationen, Vorträge, Mitgliedschaften in Klubs, und jetzt sogar eine internationale Ausstellung … dies alles ist Ausdruck Ihrer Philosophie. Sie möchten Veränderungen erreichen.«

Sie wirkte resigniert, als ob diese dicht gedrängte Aufzählung seiner vielfältigen Bemühungen sie selbst irgendwie mutlos gemacht hätte. Als ob sie von etwas gesprochen hätte, dass sie sich wünschte, doch niemals besitzen würde. Alexander nahm seinen Gang durchs Zimmer wieder auf. Es war seine Art, mit dem dumpfen Gefühl des Unbehagens umzugehen, das an ihm zu nagen begann.

»Das mag ja alles stimmen«, räumte er schließlich ein. »Obwohl ich in dieser Angelegenheit kaum eine andere Wahl hatte. Würde ich nichts tun, würde niemand etwas tun.«

»Oh, Sie hatten eine Wahl, Lord Northwood. Man hat immer eine Wahl.«

»Nein. Angesichts der derzeitigen Schwierigkeiten mit Russland rückt meine Familie durch ihre Verbindungen dorthin in ein zunehmend schlechteres Licht. Was für eine Wahl habe ich in dieser Sache?«

»Sie können wählen, wie Sie mit einer solchen Art von Intoleranz umgehen.«

Alexander drehte den Kopf und sah sie an. Aufs Neue überwältigte ihn der Eindruck, dass in Lydia Kellaways Haltung etwas höchst Beständiges, gleichzeitig aber auch äußerst Unvollkommenes lag. Sie erinnerte ihn an eine von Rissen und Sprüngen durchzogene griechische Amphore.

»Was für eine Wahl haben Sie denn getroffen, Miss Kellaway?«, fragte er.

Sie schwieg einen Moment. Nur über ihr Gesicht huschte flüchtig ein Ausdruck purer Emotion.

»Keine, die ich näher zu erläutern gedenke.« Sie nahm noch einen Schluck Tee. Dann stand sie auf und strich ihren Rock glatt. »Ich bitte um Verzeihung, dass ich ein weiteres Mal hier eingedrungen bin. Es war rücksichtslos und äußerst unbedacht.«

»Ich finde, Sie sollten öfter rücksichtslos und unbedacht sein, Miss Kellaway.«

»Ein extrem abwegiger Gedanke.«

»So?«

»Ja.« Ihre Züge verhärteten sich, und sie hob trotzig das Kinn. »Ich bin kein junges Mädchen mehr, Mylord«, sagte sie entschieden. »Die Tage meiner Rücksichtslosigkeit sind lange vorbei.«

»Lassen Sie mich ganz offen sein«, erwiderte er. »Ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass es in Ihrem Leben jemals Zeiten der Rücksichtslosigkeit gegeben hat.«

»Gut.« Sie ging zur Tür.

»Sagen Sie mir, was Sie wollen, Miss Kellaway.«

Sie blieb stehen und straffte die Schultern, drehte sich aber nicht um. »Diese Diskussion werde ich mit Ihnen nicht führen.«

»Sagen Sie mir, was Sie wollen, und ich gebe Ihnen das Medaillon zurück.«

Sie fuhr herum, das Gesicht rot vor Zorn. »Wie können Sie es wagen, mich auf diese Weise zu manipulieren!«

»Es ist ein fairer Handel.«

»Das ist es nicht. Kein Handel ist fair, wenn der Gewinner gleichzeitig verliert.«

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, dass Ihnen die Dinge, um die es hier geht, rein gar nichts bedeuten«, gab Lydia zurück. »Das Medaillon bedeutet Ihnen nichts und mir alles. Meine Wünsche bedeuten Ihnen nichts und mir alles. Also sage ich Ihnen, was Sie hören wollen und bekomme das Medaillon zurück. Und verliere dennoch, oder etwa nicht? Und Sie bekommen trotzdem, was Sie wollen.«

»Dann vergessen wir das Medaillon. Sagen Sie es mir einfach.«

»Warum wollen Sie es wissen?«

»Weil ich nicht glauben kann, dass die Antwort nichts lautet.«

»Sie möchten wissen, was ich will? Was ich niemals haben kann?« Sie ging mit steifen Schritten auf ihn zu. »Also gut. Ich sage Ihnen, was ich will. Und dann wird Ihnen klar werden, welch unergiebiger Akt der Vergeblichkeit es für eine Frau wie mich ist, irgendetwas zu wollen, das über das hinausgeht, was sie bereits hat.«

Alexander blieb unbewegt. »Sagen Sie’s.«

Ihre Augen blitzten. »Ich will das Medaillon meiner Mutter zurück. Ich will meine Mutter zurück. Ich will, dass sie wieder ganz und heil ist und dass sie niemals die Entsetzlichkeiten hätte erleiden müssen, die ihr eigener Geist ihr zugefügt hat. Ich will, dass mein Vater die Karriere hätte machen können, die ihm zugestanden hätte. Ich will, dass meine Schwester das normale, glückliche Leben leben kann, das ich nie kannte. Reicht das? Nein? Dann weiter. Ich will, dass meine Großmutter aufhört, Janes Zukunft in Stein zu meißeln. Ich will den Primzahlsatz von Legendre beweisen. Ich will irgendetwas tun. Ich –«

Alexander trat auf sie zu und nahm ihr Gesicht in beide Hände. Er blickte sie direkt an, sah das Brennen des Schmerzes auf ihren Wangen und das Lodern des Zornes in ihren Augen. Wieder durchfuhr ihn Verlangen wie ein Blitz, mächtig genug, ihn seinen eigenen Eid brechen zu lassen. Und noch ehe sie wieder Luft holen konnte, neigte er den Kopf und küsste sie.

Ihr Körper bebte unter seinen Händen, ein hartes, gereiztes, wütendes Zittern. Doch sie entzog sich ihm nicht. Alexander presste die Lippen fester auf ihre. Hitze breitete sich in seiner Brust aus, als er versuchte, in ihren Mund einzudringen. Weich, weich, weich. Ihre Lippen waren so voll, so geschmeidig, bildeten solch einen Kontrast zu der Unbeugsamkeit ihres Körpers. Er ließ seine Zunge hervorschnellen und leckte über ihren Mundwinkel. Sie erschauerte, und obwohl ihre Schultern steif blieben, begannen ihre Lippen nachzugeben, sich zu öffnen.

Er nahm den Geschmack von Tee und Zucker wahr, den Geschmack von Lydia. Seine Hände packten ihre Schultern fester. Er zog sie näher an sich, so dass die Rundungen ihrer Brüste seinen Oberkörper berührten. Sie keuchte. Es war ein erstickter, kehliger Ton. Er löste in Alexander den unbezwingbaren Wunsch aus, herauszufinden, welche Laute sie machen würde, läge sie nackt und willig unter ihm.

Das Bild brannte sich in sein Bewusstsein ein. Er drängte sich gegen sie, legte die Hände auf ihre schlanke Taille und fühlte ihr unfassbar steifes Korsett. Er wollte es ihr vom Körper reißen, ihre nackte Haut auf seiner spüren, ihre Brüste umfassen, sie vor Lust stöhnen hören.

Heiß. Oh Gott, sie war so heiß. Er glaubte zu spüren, wie sich die Hitze ihrer Haut durch den Stoff des Kleides brannte. Und sie erwiderte den Kuss. Ihre Zunge glitt über seine Zähne, ihre Hände krallten sich in sein Hemd. Doch der Kuss war weder sanft noch verführerisch. Er war voller Zorn, Frustration und wilder Verbitterung.

Sie presste sich enger an ihn, löste eine Hand von seinem Hemd und ließ sie mit weit auseinandergespreizten Fingern hinunter auf seinen Bauch wandern. Ihre Handfläche liebkoste ihn, hitzig, fordernd. Ihre Fingernägel kratzten über seine Brust. Sie biss ihn in die Unterlippe. Ein leichter Schmerz durchfuhr ihn, was seine Erregung nur weiter steigerte.

Doch noch während sein Körper sich fast schmerzhaft nach ihr zu sehnen begann, mischte sich plötzlich ein Gefühl des Unbehagens in Alexanders immer stärker werdendes Begehren. Sein Gehirn war bereits zu vernebelt, um es vollständig zu erfassen, aber er spürte instinktiv, dass irgendetwas nicht stimmte.

Mit beinahe übermenschlicher Anstrengung hob er den Kopf und schob sie mit aller Kraft von sich weg. Ihre Augen schossen indigoblaue Blitze auf ihn ab, ihre geröteten Lippen teilten sich, und sie atmete hörbar ein.

»Nicht rücksichtslos genug für Sie?«, fragte sie, die Stimme zum Zerreißen angespannt.

»Miss –«

»Sie halten mich wohl für eine alte Jungfer?«, schnappte sie. »Ausgetrocknet wie ein Stück Leder. Unbenutzt, einsam. Sie denken –«

»Sagen Sie mir nicht, was ich denke.« Seine Stimme klang rau, heiser, enttäuscht. Er sah sie stumm an, die Hände verkrampft, außerstande, dieses Unbehagen abzuschütteln, diese dunkle Vorahnung, dieses Gefühl, in etwas weit Komplexeres verwickelt zu werden, als er jemals geahnt hatte.

»Sie glauben, ich sei für ein Leben in Einsamkeit bestimmt«, fuhr Lydia fort. »Mit Lehrbüchern und Gleichungen und Formeln als meine einzigen Begleiter. Ein kaltes, intellektuelles, nur vom Verstand beherrschtes Leben.«

»Ich –«

Lydia trat näher, und ein sichtbares Beben erschütterte ihren schlanken Körper. »Es wäre wohl das Beste, wenn Sie das einfach weiterhin glauben würden, Mylord.«

»Warum?«

»Weil es für uns beide viel zu gefährlich ist, etwas anderes zu glauben.«

Und bevor er reagieren oder etwas erwidern konnte, war sie fort. Mit einem harten Klicken fiel die Tür ins Schloss.

5

»Miss Jane! Sie müss’n aufhör’n, hier runterzukomm’!« Sophie, das Dienstmädchen, stand am Spülbecken. Jetzt drehte sie sich um und strich sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus der schweißnassen Stirn. Aus dem Speisezimmer duftete es nach Toast und Schinken.

Jane trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Sie musste schnell wieder in ihr Zimmer zurück, bevor Grandma und Lydia zum Frühstück herunterkamen. »Ist er schon da?«

»Muss jede Minute hier sein, Miss. Aber –«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Mit einem gereizten Seitenblick auf Jane ging das Dienstmädchen nachsehen. Draußen stand der Botenjunge, ein sommersprossiger kleiner Kerl mit kupferroten Haaren, in den Händen eine Kiste mit Bestellungen.

»Moin, Sophie. Mann, siehst du heute wieder hübsch aus.«

»Wirst du wohl den Mund halten, Tom.« Sophie warf Jane einen verlegenen Blick zu, während sie die Tür aufhielt und den Jungen hereinließ.

Tom stellte die Kiste auf dem Küchentisch ab. »Miss Jane, stimmt’s?«

Jane nickte und trat auf ihn zu. »Hast du einen Brief für mich, Tom?«

»Freilich.« Er zog ein leicht zerknittertes Papier aus der Jackentasche und gab es ihr.

Jane betrachtete den leicht verschmierten Namen auf der Vorderseite. »Wer gibt dir die, Tom?«

»Das wissen Sie nich, Miss?«

»Sollte ich?«

»Ich … na ja, ich dachte, Sie wüssten, wer Ihnen die schreibt, Miss. Ich bekomm sie von Mr Krebbs. Er hat ’ne Pension drüben in Bethnal Green, um die Ecke von wo ich wohn. Gibt mir ab und zu ’n Brief für Sie mit. Und ’n bisschen Trinkgeld auch. Mehr weiß ich leider nicht, Miss.«

»Von Mr Krebbs sind die Briefe bestimmt nicht.«

»Glaub ich auch nich, Miss.«

»Das wär dann alles, Tom. Danke.« Sophie gab dem Jungen seine obligatorische Münze und schob ihn energisch zur Tür hinaus. Dann wandte sie sich wieder Jane zu, eine Sorgenfalte auf der Stirn. »Sind Sie sicher, Miss, dass das alles rechtens ist? Mit den Briefen und so?«

»Alles in Ordnung, Sophie. Es ist nur ein Spiel.«

Mit diesen Worten rannte sie aus der Küche. Noch im Laufen riss sie den Brief auf.

Liebe Jane,

ich hatte es mir beinahe schon gedacht, dass dieses Rätsel zu leicht für Dich ist.

Lehrer. Natürlich, das ist die Antwort. Hier ist ein anderes.

Ich schätze, dieses wird schwerer zu lösen sein, auch, weil es viel kürzer ist:

Der Silben drei hat das gesuchte Wort.

Verschwindet ganz, nimmst du ihm eine fort.

Auf bald,

C.

Ein Wort mit drei Silben …

»Jane, pass doch auf, wo du hinläufst.«

Sie blickte hoch. Ihre Großmutter kam mit energischen Schritten den Korridor entlang. Sie machte ein finsteres Gesicht.

»Was tust du hier?«, wollte sie wissen. »Wo ist Mrs Driscoll?«

»Oh.« Jane faltete hastig den Brief zusammen und versteckte ihn in den Falten ihres Kleides. »Ich … ich weiß nicht. Ich war unten bei Sophie.«

»Wozu?«

»Ich wollte wissen, ob … ob wir noch Marmelade für unseren Toast haben.«

Jane hätte beinahe einen verlegenen Knicks gemacht, so fadenscheinig kam ihr die Ausrede vor.

Die Miene ihrer Großmutter wurde noch eine Spur finsterer. »Wir haben immer Marmelade für unseren Toast. Was hast du da in der Hand?«

»Das?« Jane sah den Brief an, als hätte sie ihn selbst soeben erst bemerkt. »Ach, nur ein … ein mathematisches Problem. Eine Aufgabe von Lydia, die ich lösen soll.«

»Nun, dann schlage ich vor, du widmest dich in deinem Zimmer dieser Aufgabe, statt im Haus umherzuwandern.«

»Ja, Madam.« Hastig drückte sich Jane an ihrer Großmutter vorbei und lief die Treppe hinauf.

Zurück in ihrem Schulzimmer fragte sie sich, wohin das alles wohl noch führen mochte – wer C war, und was er von ihr wollte, mal abgesehen von dem Briefwechsel.

Vielleicht sollte sie weitere Erkundigungen einziehen, Sophie näher befragen und den Botenjungen. Die Identität des Absenders herauszufinden, wäre genau dasselbe, wie ein Rätsel zu lösen. Vielleicht lief die ganze Sache ja genau darauf hinaus. Vielleicht sollte sie dieses schwierigste aller Rätsel lösen.

Die Wonne, geliebt zu werden. G = Gewinn.

Die Reaktion auf den Reiz des Partners. I = Instinkt.

Der Prozess des Vergessens. V = Vergessen.

Wenn sie bestimmte Annahmen über das Verhalten von Individuen traf und die Variablen einem positiven linearen System zuordnete, sodann das lineare Modell x1(t) = -a1x1(t) + b1x2(t) lautete …

Die Wonne, geliebt zu werden.

Lydia ließ den Stift sinken und sah aus dem Fenster. Ihr Herz vibrierte wie die Saiten einer Violine. Keine Gleichung der Welt konnte diese Art von Wonne beschreiben. Kein Lehrsatz der Welt konnte Lord Northwoods Bedürfnis erklären, sie zu berühren. Es war beinahe mit Händen zu greifen gewesen, so stark, dass sie es hatte spüren können, obwohl sie weit weg von ihm auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers gestanden hatte.

Sie schob ihre Aufzeichnungen beiseite und ging nach unten. Die Unruhe in ihr, die Hitze, heraufbeschworen durch die Erinnerungen, waren ihre eigene Schuld. Energisch verschloss sie ihr Verlangen in die tiefsten Tiefen ihres Inneren und sperrte es so zu all den anderen Fehlern, die dort unter der Kruste der Zeit verborgen lagen.

Die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters stand halb offen, also klopfte sie an, bevor sie eintrat. Der Anblick von Sir Henrys Schreibtisch aus Zedernholz und der mit unzähligen Abhandlungen über chinesische Geschichte und den Werken chinesischer Literatur vollgestopften Bücherregale schnürte ihr die Kehle zu. Ihr war, als läge hier immer noch ein Hauch des süß-herben Duftes seines Pfeifentabaks in der Luft. An den Wänden hingen Federzeichnungen und Gemälde aus der Tang-Dynastie. Sie zeigten Reiter auf munteren Pferden, nebelverhangene Bergspitzen und zierliche Eisvögel.

Am Fenster, in die Ecke eines Sofas gekuschelt, saß Jane, auf dem Schoß ein Buch über Schmetterlinge. Lydia ließ sich neben ihr nieder, zog das Mädchen an sich und gab ihm einen Kuss auf das weiche, braune Haar. Die engen Klammern, die ihr Haar umschlossen, lösten sich ein wenig, als sie den frischen Duft von Pfirsichseife einatmete.

»Geht es dir gut?«, fragte sie.

»Ich vermisse ihn so.«

»Ich auch.«

Gemeinsame Erinnerungen legten sich um die beiden wie ein wärmender Mantel – Sir Henry, wie er ihnen geduldig beibrachte, chinesische Schriftzeichen zu malen, ihnen Geschichten von den vielen Reisen seiner Jugend erzählte, mit ihnen Rätsel löste und Spiele spielte.

Während Lydias Kindheit hatte ihr Vater den größten Teil seiner Zeit auf Reisen oder mit seiner Arbeit verbracht. Trotzdem war er all die Jahre auch immer um ihr Wohl besorgt gewesen und hatte in seiner Unterstützung für ihre Ausbildung niemals nachgelassen. Nach Janes Geburt hatte er das Reisen aufgegeben und sich nur noch der Lehre und seinen Studien gewidmet. Seine stille, von Ernsthaftigkeit erfüllte Gegenwart hatte Lydia nach einer einsamen Kindheit und dem Tod ihrer Mutter unglaublich gut getan.

Jane – und dafür war Lydia unendlich dankbar – hatte dagegen immer nur die beständige Liebe und Hingabe Sir Henrys erlebt.

Jane klappte ihr Buch zu und legte den Kopf an Lydias Schulter. »Denkst du, Grandma wird mich wirklich wegschicken?«

Lydia sah ihre Schwester an. »Woher weißt du das?«

»Ich konnte nicht schlafen. Da bin ich die Treppe runter, um mir ein Glas Milch zu holen. Ich habe gehört, wie ihr im Salon miteinander gesprochen habt.«

»Du hättest uns nicht belauschen dürfen.«

»Würdest du etwa nicht lauschen, wenn du jemanden über dich reden hörst?«

Lydia kicherte. Da war etwas dran. »Doch, vermutlich schon.«

»Glaubst du, sie wird es tun?«, fragte Jane noch einmal. »Glaubst du, sie wird mich auf diese Schule in Paris schicken?«

Lydia suchte nach einer passenden Antwort. Sie durfte Großmutters Autorität nicht untergraben, aber lügen konnte sie auch nicht. Also entschied sie sich, der Frage auszuweichen.

»Wie würdest du dich denn fühlen, wenn sie es täte?«

Als Jane nichts erwiderte, wurde Lydia das Herz schwer. Am liebsten wäre ihr gewesen, Jane hätte ohne Umschweife gesagt, dass sie nicht gehen wolle. Doch ihre Schwester gehörte nun mal zu den Menschen, die immer erst sorgfältig nachdachten, bevor sie antworteten.

»Ich weiß es nicht«, sagte Jane schließlich. »Ich würde dich natürlich schrecklich vermissen, und unser Haus auch. Aber es ist … ich meine, eigentlich fahren wir niemals irgendwo hin, verstehst du?«

»Das stimmt nicht ganz. Wir –«

»Doch, es stimmt, Lydia.« In Janes Stimme schwang Enttäuschung mit. »Der einzige Ort, den ich außerhalb von London kenne, ist Brighton. Wir haben diesen Ausflug gemacht, weißt du noch? Paris wäre zumindest interessant.«

»Ja, wäre es«, räumte Lydia ein. Trotzdem spürte sie, wie ihr Herz versteinerte.

»Und außerdem würde ich gerne Klavierspielen lernen und Französisch, ehrlich gesagt.« Jane wandte den Kopf und sah Lydia direkt an. »Oh, Lyddie, ich wollte dich nicht traurig machen.«

»Hast du nicht.« Lydia umarmte ihre Schwester. »Ich verstehe, was du meinst. Als ich ein paar Jahre älter war als du, ging ich auch weg, um zu lernen. Nach Deutschland.«

»Hat es dir gefallen?«

Lydias Magen zog sich zusammen. Die Erinnerung an dieses eine Jahr trug sie in sich wie einen Diamanten – strahlend, kalt und hart. Einerseits hatte sie sich in dieser Zeit für Dinge geöffnet, die sie sich niemals hätte vorstellen können. Andererseits … hatte sie damals sich selbst zerstört und die, die ihr am nächsten standen.

»Es gefiel mir, neue Dinge zu lernen«, sagte sie. »Alles war so anders, so interessant. Aber leicht war es nicht. Ich sprach nur wenig Deutsch. Ich fand nicht viele Freunde. Ich vermisste mein Zuhause. Ich fühlte mich oft einsam.« Ich war einsam.

Lydia war schon einsam gewesen, bevor Sir Henry zugestimmt hatte, sie nach Deutschland zu schicken. Ihre Großmutter musste sich um ihre Mutter kümmern, ihr Vater war entweder auf Reisen oder beschäftigt … Einsamkeit war in der Tat ihr einziger Begleiter gewesen.

Bis er kam. Der Mann mit den kalten, grünen Augen und der verdorbenen Seele. Sie erschauerte.

»Was ist passiert, während du dort warst?«, fragte Jane.

»Was –«

»Ich habe gehört, wie du zu Grandma gesagt hast, dass sie dich für etwas bestrafen will, das passiert ist. War das in Deutschland? Was war es?«

Panik stieg in Lydia hoch. Sie legte den Arm ganz fest um Jane und küsste sie noch einmal aufs Haar. »Nichts, weswegen du dir Sorgen machen müsstest. Das ist alles lange her.«

Sie gab ihre Schwester frei und erhob sich. »Würdest du gerne das Diorama in Regent’s Park sehen? Heute Nachmittag? Es hat erst letzte Woche eröffnet.«

»Oh ja, bitte!« Jane strahlte.

»Gut. Dann laufe jetzt nach oben und beende deinen Aufsatz in Geografie. Wir gehen nach dem Mittagessen.«

Jane stürmte aus dem Zimmer.

Lydia nahm das Buch zur Hand, das auf dem Sofa liegen geblieben war. Vielfarbige Schmetterlinge leuchteten ihr von den einzelnen Seiten entgegen, jede Abbildung ausgearbeitet bis ins feinste Detail. Zwischen den letzten Seiten lugte ein gefaltetes Blatt Papier hervor. Lydia schob es wieder an seinen Platz zurück.

Sie versuchte, sich ein Leben ohne Jane vorzustellen. Es gelang ihr nicht. Sicher, da war ihre Arbeit. Doch abgesehen davon hatte sich beinahe alles, was sie in den vergangenen elf Jahren getan hatte, um ihre Schwester gedreht.

Sie durfte Jane nicht verlieren. Noch nicht jetzt. Nicht einmal, wenn Jane gehen wollte.

Als sie gemeinsam aus der Kutsche stiegen und in die kalte Nachtluft hinaustraten, schloss Talias Hand sich so fest um Alexanders Arm, dass sich ihre Fingerspitzen hart hineinbohrten. Er wandte sich zu seiner Schwester um und ignorierte den plötzlichen Anfall von Reue, der ihn bei ihrem Anblick überkam. In dem blassblauen Seidenkleid, das haselnussbraune Haar zu einer perfekten Frisur aufgesteckt, sah sie zugleich reizend und zerbrechlich aus.

Sie hatte ein bisschen zu viel Reispuder aufgelegt, was ihren Zügen ein kühles, maskenhaftes Aussehen verlieh.

Er legte seine Hand auf ihre. »Talia, es nützt überhaupt nichts, wenn du dich aufführst, als wärst du auf dem Weg zum Galgen.«

»Fünfhundert Pfund, Alex. Ich habe Mr Sewell vom Schulkomitee gesagt, dass er am Montag einen Scheck von dir bekommt.«

»Ich lege noch hundert Pfund drauf, wenn du wenigstens so tun könntest, als ob du dich amüsierst.«

Sie lockerte ihren Griff, als versuche sie ganz bewusst, sich zu entspannen. »Falls Lord Fulton hier sein sollte, gehe ich auf der Stelle.«

»Was ist mit Fulton?«, wollte Sebastian wissen, der nach ihnen aus der Kutsche geklettert war.

»Alex hat letzte Woche gegenüber seiner Lordschaft den Eindruck erweckt, ich sei offen für einen Heiratsantrag«, erwiderte Talia.

Sebastian gab ein Geräusch von sich, das eine Mischung zwischen Prusten und Lachen war. »Fulton? Guter Gott, Alex, was willst du denn damit erreichen? Dass unsere Talia schnurstracks in ein Kloster geht?«

»Ich muss schon sagen, diese Idee finde ich weitaus attraktiver als Lord Fulton«, stimmte Talia, die sich zu Sebastian umgewandt hatte, ihrem jüngeren Bruder zu. »Dein Bruder hat sich die Freiheit genommen, Lord Fulton seinen Vorschlag zu unterbreiten, ohne ihn vorher mit mir zu besprechen.« Sie schoss einen vernichtenden Blick auf Alexander ab. »Höchstwahrscheinlich, weil ihm klar war, wie meine Antwort lauten würde. Und so fand ich mich im Theater als Gegenstand allgemeiner Witzeleien wieder. Alle wussten davon. Alle außer mir. Es war demütigend.«

»Du könntest es schlechter treffen«, murmelte Alexander.

»Oh, tatsächlich? Lord Fulton glaubt, es würde sowieso kein anderer um meine Hand anhalten. Meines russischen Erbteils wegen. Er behauptet, der Erste und Einzige zu sein, der großzügig über diesen Makel hinwegzusehen gedächte. Hast du das gewusst?«

Alexander runzelte die Stirn. »Das hat er gesagt?«

Talia warf Sebastian einen entnervten Blick zu. Ihr Bruder zwinkerte zurück.

»Du bist die, die Ja sagen muss, altes Mädchen. Nicht er.«

Er deutete mit einem Kopfnicken auf Alexander. »Fultons Schwester packt übrigens so langsam die Verzweiflung, wie man hört. Sie ist nicht mehr ganz taufrisch, weißt du, und zudem hat sie breite Hüften. Und offensichtlich ist sie auch ein bisschen verdreht im Kopf.«

»Klingt nach der idealen Partie für dich, Alex.« Talia tauschte einen spöttischen Blick mit Sebastian, und ihre Anspannung ließ etwas nach. »Angesichts der Tatsache, dass du zweiunddreißig bist, tätest du möglicherweise gut daran, dich auf deine eigenen Heiratsaussichten zu konzentrieren, statt dich andauernd in meine einzumischen.«

Sie betraten die Empfangshalle, und Alexander wandte sich ab. Er wusste nicht, ob seine Gereiztheit dem Benehmen seiner Geschwister geschuldet war oder den angeblichen Äußerungen Lord Fultons. Er seufzte. Er hatte seine Schwester bestochen, damit sie mit ihm auf diesen Ball ging, und das entsprach eigentlich nicht seiner Vorstellung davon, wie man sich in der Gesellschaft zu bewegen hatte. Doch das widerspenstige Ding ließ ihm einfach keine andere Wahl.

Nachdem der Butler sie in Empfang genommen hatte, begaben sie sich in den gut gefüllten Ballsaal, in dem elegant gekleidete Damen und Herren hin und her wogten wie eine Armada von Segelschiffen in einem Hafen. Die Luft war erfüllt von Musik, Lachen und zahllosen Stimmen.

»Ah, Lord Northwood. Lady Talia. Und Mr Hall.« Seine Frau am Arm, steuerte der Marquess of Hadley, Präsident der Royal Society of Arts, auf sie zu. »Wir haben Sie gar nicht erwartet.«

»Nun, wie Sie wissen, hat die Gesellschaft einen Teil der heutigen Eintrittsgelder zur Finanzierung unserer Bildungsausstellung vorgesehen, Mylord«, erwiderte Alexander höflich.

Hadley musste husten, und das Lächeln seiner Gattin begann leicht zu zittern.

»Jaja, gewiss«, erwiderte der Marquess. »Es ist nur, Sie wissen schon, diese äußerst unangenehme Sache mit Russland. Die Dinge scheinen sich jetzt ernsthaft zuzuspitzen.«

Lady Hadley winkte ab und zog ihr Lächeln etwas breiter. »Ach, das ist doch alles halb so schlimm. Wie nett, dass Sie drei gekommen sind. Amüsieren Sie sich gut.«

Wohl eher nicht, dachte Alexander. »Talia, begleite doch Lady Hadley«, schlug er seiner Schwester vor.

Seine Schwester warf ihm einen halb wütenden Blick zu, schloss sich dann jedoch zusammen mit Sebastian Hadleys Gattin an, die auf eine Gruppe von Gästen am Kamin zustrebte.

»Was meinten Sie mit äußerst unangenehme Sache?«, wandte sich Alexander an den Marquess.

»Das Kuratorium wünscht ein Treffen einzuberufen, um über den, äh, möglicherweise drohenden Krieg mit Russland zu sprechen«, erklärte Lord Hadley. »Sie sind besorgt, dass sich die Angelegenheit auf die Ausstellung auswirken könnte. Der Termin soll Ende der Woche bekannt gegeben werden.«

»Was genau befürchten Sie denn?«

»Der französische Gesandte bei der Ausstellung, Monsieur Bonnart, deutete an, es gäbe in der französischen Öffentlichkeit zunehmend antirussische Tendenzen. Er möchte unter allen Umständen vermeiden, dass das Engagement seines Landes im Rahmen der Ausstellung den Eindruck erweckt, es bestünden gegenteilige Sympathien.«

Alexander runzelte die Stirn. »Es ist doch keine russische Ausstellung.«

»Das weiß ich, Northwood, doch es ist in der Tat die beabsichtigte Einrichtung einer russischen Abteilung, welche eine gewisse Skepsis auslöst. Die Franzosen haben der Society nicht unerhebliche finanzielle Mittel zugesagt. Wir wollen lediglich Irritationen vermeiden, Sie verstehen?«

»Ich denke nicht, dass es Irritationen geben wird«, erwiderte Alexander. »Lord Hadley, bitte setzen Sie die Mitglieder des Kuratoriums darüber in Kenntnis, dass ich eine Rede zu dem Thema halten werde, die ihre Befürchtungen ganz und gar zerstreuen wird.«

Er beendete das Gespräch mit einem höflichen Nicken und ging, um sich einen Drink zu holen.

Es war ihm nicht entgangen, dass sich die antirussischen Ressentiments während der zurückliegenden Monate verstärkt hatten, insbesondere nach dem vernichtenden Sieg der russischen Marine über einen türkischen Flottenverband im letzten November. Der Vorgang hatte eine Welle der Antipathie gegenüber dem Zaren ausgelöst und jenen in die Hände gespielt, die vehement dafür eintraten, Russland den Krieg zu erklären. Nun schien es, als stünde dies unmittelbar bevor.

Lustlos kippte Alexander einen Brandy hinunter. Die Bemerkungen Lord Hadleys hatten in ihm ein tiefes Unbehagen hinterlassen. Er selbst hatte als Vizepräsident der Königlichen Gesellschaft offiziell vorgeschlagen, anlässlich des hundertsten Jahrestages ihres Bestehens diese Ausstellung auszurichten. Doch insgeheim hatte er dafür noch ein anderes Motiv gehabt.

Die Bildungsausstellung sollte sich nicht nur den positiven Aspekten des britischen Schulwesens widmen, sondern auch internationale Aussteller präsentieren, um den freien Handel Großbritanniens mit anderen Ländern zu fördern. Und abgesehen davon sollte sie auch zu Alexanders ganz privatem Triumph werden. Er hoffte, die Zurschaustellung leuchtender Ideale würde ein positives Licht auf ihn selbst werfen und so die dunklen Schatten des Skandals zerstreuen, die auf seiner Familie lagen.

Wenn allerdings jemand einen Zusammenhang zwischen seinen engen Verbindungen mit Russland und dem derzeitigen politischen Klima herstellte … nun, er würde weder zulassen, dass das Kuratorium es gegen ihn benutzte, noch, dass es die Ausstellung beeinträchtigte. Nicht nach allem, was er für deren Zustandekommen getan hatte.

Er war eben auf dem Weg zurück zur Bar, um sein Glas auffüllen zu lassen, als ihn etwas innehalten ließ. Er sah genauer hin. Dort drüben stand ein gut aussehender Mann mit blondem Haar und redete auf Talia ein. Die Körperhaltung seiner Schwester wirkte steif, abwehrend. Sie stand leicht nach hinten geneigt, weil der Mann ihr offensichtlich viel zu nahe kam.

Alexander straffte sich und wollte zu ihr gehen, als ihm jemand die Hand auf den Arm legte. Sebastian schüttelte den Kopf.

Jetzt nahm der blonde Mann Talia sogar beim Arm und beugte sich noch näher zu ihr, wobei er ununterbrochen weiter auf sie einredete. Talia, das Gesicht von Widerwillen verzerrt, versuchte, sich ihm zu entziehen. Alexander schüttelte Sebastians Hand ab und ging mit energischen Schritten auf seine Schwester zu.

Doch noch bevor er sie erreichte, blieb ein großer, schlanker Mann mit sonnenhellen Strähnen im braunen Haar neben den beiden stehen. Eine einzige flüssige Bewegung, und Lord Castleford hatte den Arm des blonden Mannes gepackt und den lästigen Gesprächspartner von Talia weggedreht. Dann trat er zwischen die beiden und schirmte Talia mit seinem Körper ab, wobei er leise etwas murmelte. Der Jüngere zog die Schultern ein und verdrückte sich hastig.

Beinahe gleichzeitig legte Lord Castleford mit vollendeter Eleganz eine Hand auf Talias Rücken und schob sie sanft, aber bestimmt auf die Tanzfläche. Musik setzte ein.

Alexander blickte sich um und stellte fest, dass Lord Castleford die Situation offenbar mit solcher Behändigkeit entschärft hatte, dass niemand außer den unmittelbar Beteiligten den unerfreulichen kleinen Zwischenfall bemerkt zu haben schien.

»Ich sah ihn kommen«, erklärte Sebastian. »Und er ist weitaus diskreter vorgegangen, als du es je gekonnt hättest. So, und jetzt darfst du mir wieder vorwerfen, dass ich mich einen Dreck um die öffentliche Meinung schere.«

Er zog eine Augenbraue hoch und ging mit langen Schritten davon. Alexander wartete, bis die Musiker eine Pause machten. Dann ging er zu seinem Freund hinüber und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. »Willkommen daheim, du alter Landstreicher. Schön, dich wiederzusehen.«

»Schön, wieder hier zu sein, North.«

Alexander sah seine Schwester an. Sie schüttelte beinah unmerklich den Kopf, als wolle sie ihm signalisieren, dass der Zwischenfall mit dem anderen Mann schon nicht mehr von Bedeutung war.

Alexander wandte sich wieder Lord Castleford zu. »Wie lange warst du diesmal weg?«

»Über ein Jahr, aber ich plane für den Herbst bereits die nächste Expedition. Nach Malaya. Und du? Wie ich von Lady Lydia höre, organisierst du eine Bildungsausstellung für die Royal Society of Arts?«

»So ist es.«

»Alexander, Lord Castleford wäre eine große Hilfe bei der Vitrine, die sich mit dem Erziehungswesen in China beschäftigt«, warf Talia ein. »Er hat große Teile des Landes bereist, weißt du? Und er hat ebenfalls zugestimmt, mir bei der Überarbeitung meines Lehrplanentwurfs für die Armenschulen zu helfen.«

Alexander blickte seinen Freund fragend an. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass du dich so für Bildung und Erziehung interessierst. Wenn ich mich recht entsinne, galt deine Vorliebe im Studium eher dem Kricketspiel.«

Castleford grinste. »Wir können doch nicht alle so strebsam sein wie du, North. Du hast vermutlich immer noch die Lateinische Grammatik, die wir in Eton benutzten?«

»Allerdings, und ich ziehe sie regelmäßig zurate«, konterte Alexander. »Ich wette, du könntest nicht mal mehr ein einziges Verb deklinieren, selbst, wenn dein Leben davon abhinge.«

»Salva animum tuum.«

»Abi.«

»Jungs«, unterbrach Talia sie. Obgleich ihre Stimme ernst klang, schien sie sich das erste Mal an diesem Abend zu amüsieren. »Hört mal zu. Wir haben doch am nächsten Wochenende unser Kinderfest, Alexander. Die gesamten Einnahmen sollen den Armenschulen zugutekommen. Ich habe Lord Castleford eingeladen. Und ich hatte gehofft, du wärst auch da.«

»Ja, es steht in meinem Kalender.«

Auf Talias Gesicht erschien ein Lächeln, und Alexander hätte sich fast erschreckt. Seine Schwester hatte ihn seit Jahren nicht mehr angelächelt. Es war, als hätte jemand ein Licht in ihr angezündet, und dessen heller Schein fiele auch auf ihn. »Lord Northwood?« Eine junge Frau in einem grünen Seidenkleid blieb am Rande ihrer kleinen Runde stehen und blickte freudestrahlend zu ihm hoch. »Wir hatten gehofft, Sie heute Abend hier zu treffen. Wir haben ja schon so viel von der Ausstellung gehört.«

»Miss Cooper. Darf ich vorstellen –«

»Lord Castleford, ich weiß. Wir kennen uns bereits.« Miss Coopers Blick glitt über Alexanders Studienfreund und blieb an Talia hängen. »Und auch Ihnen einen guten Abend, Lady Talia.«

Talia begrüßte die andere Frau mit einem steifen Nicken. Dann umfasste Castleford elegant ihren Ellenbogen, murmelte eine Entschuldigung und führte sie hinüber zu der Tafel mit Erfrischungen.

Einen genervten Seufzer unterdrückend, wandte sich Alexander Miss Cooper zu, die ihn erwartungsvoll anblickte. »Wie geht es Ihren Eltern, Miss Cooper?«

»Sehr gut, danke. Mutter fährt nächste Woche nach Paris. Sie hat vor, eine berühmte Modeschöpferin aufzusuchen. Lady Dubois hat sie ihr empfohlen, eine gute Freundin. Ich würde sie liebend gerne begleiten, habe aber bereits diverse gesellschaftliche Verpflichtungen hier in London. Werden Sie denn auch zum Ball von Lady Whitmore kommen?«

»Das habe ich noch nicht entschieden. Richten Sie Ihren Eltern bitte meine besten Grüße aus.«

Er trat einen Schritt zurück, um höflich anzudeuten, dass er die kurze Unterhaltung für beendet hielt, doch Miss Cooper machte einen Schritt nach vorn und schloss auf diese Weise den kleinen Abstand wieder, den er geschaffen hatte.

»Es würde mich wirklich überaus freuen, Sie dort zu treffen«, fuhr sie unbeirrt fort. »Und ich glaube, Mutter würde Sie gerne einmal zum Tee einladen, bevor sie abreist.«

Wieder dieser erwartungsfrohe Blick. Alexander deutete eine Verbeugung an.

»Danke vielmals, Miss Cooper. Ich freue mich auf Ihre Einladung. Genießen Sie den Rest des Abends.« Mit diesen Worten wandte er sich ab, noch bevor sie etwas erwidern konnte, und lenkte seine Schritte in den Spielsalon.

Er spürte, wie sich sein Nacken anspannte, während er sich durch die Anwesenden drängte. Eigentlich hätte er Miss Cooper um einen Tanz bitten müssen. Eigentlich hätte er ihr anbieten müssen, ein Glas Champagner zu holen. Eigentlich hätte er ihr sagen müssen, dass sie wunderschön aussah. Er hätte mit ihr flirten müssen, verdammt noch mal.

Und noch vor einer Woche hätte er vermutlich genau das getan.

Vor seiner Bekanntschaft mit Miss Kellaway.

Er blieb mitten im Spielsalon stehen, verschränkte die Arme über der Brust und klopfte mit den Fingern auf die Oberarme. Vor seinem geistigen Auge erschien ein Bild Lydias: gerötete Wangen, zornige Augen und heiße Verzweiflung.

»Sie ist viel hübscher als Fultons Schwester.« Sebastian stellte sich neben ihn.

»Natürlich ist sie hübscher als … oh.« Alexander räusperte sich. »Du meinst Miss Cooper. Nun … ja. Das ist sie.«

Sebastian warf ihm einen verschmitzten Blick zu. »Von wem sollte ich wohl sonst sprechen?«

»Du könntest irgendeins von diesen jungen Hühnern meinen, würde ich sagen.« Alexander wappnete sich gegen weitere neugierige Fragen. Zwar hatte er Sebastian von seinem Zusammentreffen mit Lydia Kellaway erzählt, ebenso von dem Medaillon, sein wachsendes Interesse an dieser Frau jedoch hatte er verschwiegen.

»Du solltest dich wirklich mit einer von ihnen etwas näher befassen«, fuhr Sebastian fort. »Hier gibt es jede Menge davon. Viele nette Miss Coopers. Hübsch und ein bisschen dumm. Ich kann dir versichern, die Gesellschaft solcher Frauen ist die reinste Freude. Die Nichte von Lady Welbourne ist zum ersten Mal in der Stadt und soll recht liebreizend sein, wie man hört. Geh doch morgen auf die Dinnerparty Ihrer Ladyschaft, dann mache ich dich mit ihr bekannt.«

»Morgen habe ich jede Menge anderer Dinge zu tun. Ein Treffen mit Vaters Anwälten. Briefe diktieren, die Floreston Manor betreffen.«

Sebastian schwieg einen Moment. Dann baute er sich direkt vor seinem älteren Bruder auf. Alexander unterdrückte das Bedürfnis, einen Schritt zurückzugehen, um sich dem zu entziehen, was jetzt unweigerlich folgen würde.

»Dass du der Erstgeborene bist, bedeutet nicht, dass du dich ausschließlich der Pflicht hingeben musst, Alex«, sagte Sebastian. »Es bedeutet nicht, dass du die Verantwortung immer und jederzeit über alles andere stellen musst.«

Alexander sah über Sebastians Schulter hinweg auf die zahlreichen Glücksspiele, die an den Tischen im Gange waren.

»Wenn ich es nicht tue«, gab er steif zurück, »wer tut es denn dann?«

Sebastian schwieg, und Alexander blickte ihm stumm in die Augen. Beide dachten sie an Rushton. Alexander erstickte die Verbitterung, die beim Gedanken an ihren Vater in ihm aufflammen wollte, im Keim.

»Im Übrigen warst du es«, fuhr er fort, »der mir nahegelegt hat zu heiraten. Und welchen Grund könnte es für mich geben, das zu tun, wenn nicht den, die Zukunft unserer Familie und unseres Titels zu sichern? Welchen, wenn nicht die Pflicht?«

Sebastian trat zurück, und ein Anflug von Enttäuschung huschte über sein Gesicht. »Du könntest es für dich tun.«

»Sei nicht albern.«

»Um Himmels willen, Alex. Pflicht heißt nicht, dass du stets und ständig zum Zerreißen gespannt sein musst wie eine Sprungfeder.« Sebastian fuhr sich ratlos mit der Hand durchs Haar. »Es gibt kein Gesetz, das dir verbietet, ein kleines bisschen Spaß zu haben. Willst du nicht später noch mit mir ins Eagle kommen?«

Alexander zögerte, während in seiner Seele die Versuchung einen Kampf mit der allgegenwärtigen Angst ausfocht, was die Leute sagen könnten. Er schüttelte den Kopf. Sebastian gelang es nicht, seine tiefe Enttäuschung zu verbergen.

»Na gut«, meinte er. »Tu, was immer dich glücklich macht. Ach nein, das wirst du ja niemals, oder? Du wirst immer nur tun, was du tun musst

Alexander blickte seinem Bruder nach, der hinüber zu den Spieltischen ging. Ungeachtet all der Anstrengungen, die er in den letzten Jahren unternommen, all der Arbeit, der er sich gewidmet hatte, wusste er im Grunde nicht einmal genau, was er wirklich wollte.

Allerdings wusste er sehr genau, was er nicht wollte. Er wollte keine Frau wie Miss Cooper heiraten, deren Leben sich einzig und allein um die neueste Mode und gesellschaftliche Anlässe drehte. Er wollte keine Verbindung eingehen, die ihn an die Ehe seiner Eltern erinnerte, in der es nur starre Förmlichkeit und Kälte gegeben hatte. Er wollte sich nicht langweilen.

Nun, vielleicht wusste er ja am Ende doch, was er wollte. Er wollte ein Frau heiraten, die interessant war und klug. Die sein Blut in Wallung brachte. Die ihn herausforderte und dazu zwang, den Blick über den eigenen Tellerrand zu richten. Eine Frau, deren Schönheit durch den Ausdruck hellwacher Intelligenz in ihren Augen nur gesteigert wurde.

Eine Frau, die ihm seit dem Tag, an dem sie in sein Leben getreten war, nicht mehr aus dem Kopf ging.

Eine Frau wie Lydia Kellaway.

Alexander sah zu seinem Bruder hinüber, der an einem Kartentisch saß und gerade herzlich über die Bemerkung eines Mitspielers lachte. Vielleicht sollte er Sebastians Rat tatsächlich annehmen und sehen, was passierte.

Alexander wusste nicht, welche Folgen es haben würde, wenn er begann, um Lydia Kellaway zu werben. Er wusste nicht, ob sie ihm einen Korb geben würde. Er wusste nicht, was sein Vater dazu sagen würde. Alles, was er wusste, war, dass er es unendlich genießen würde. Ja, er wagte sogar zu glauben, es könnte ihn unter Umständen glücklich machen.

6

Die Sonne stand tief über dem Horizont und warf ihr fahles Licht auf nackte Bäume, an denen sich die ersten Knospen zu entfalten begannen. Straßenverkäufer boten Blumen, Orangen, Kuchen, Törtchen und scharf gewürzte grüne Erbsen feil. Die Rufe eines Obstverkäufers weckten Lydias Aufmerksamkeit, und sie lenkte ihre Schritte zu dem kleinen Karren, um zwei Äpfel zu kaufen.

»Und im Zoo werden wir eine leckere kalte Limonade trinken«, versprach sie Jane, während sie langsam die New Road hinunterschlenderten. Beide genossen sie den verabredeten Dienstagnachmittagsspaziergang.

»Meinst du, das Nilpferd wird draußen sein?«, fragte Jane. »Und die Orang-Utans?«

»Das werden wir gleich sehen. Wie ich hörte, haben sie auch ein neues Tier aus Afrika. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, wie es heißt.«

Sie legte Jane eine Hand auf die Schulter und schob sie beiseite, um einer eleganten schwarzen Kutsche auszuweichen, die sich von hinten näherte, doch das Gefährt kam kurz hinter ihnen zum Stehen. Eine alte Angst rollte sich in ihr auf wie eine Giftschlange. Ohne sich umzusehen beschleunigte Lydia ihre Schritte.

»Miss Kellaway.« Die tiefe Stimme ließ sie innehalten. Sie wandte sich um und erkannte den Mann, der aus der Kutsche stieg.

Ihr Griff um Janes Schulter wurde fester. »Lord Northwood.«

Er kam auf sie zu. Sein dunkles Haar glänzte in der Sonne, ein schwarzer Mantel bedeckte die Brust und die breiten Schultern. Lydia konnte die Ehrfurcht, die ihre Schwester erfasste, als der Viscount sich näherte, beinahe körperlich spüren.

»Einen guten Morgen Ihnen beiden.« Er lächelte Jane freundlich zu. »Sie müssen Miss Jane sein.«

»Ja, Sir.«

»Das ist Lord Northwood«, erklärte Lydia ihrer Schwester, wohl wissend, dass sie Jane noch nicht einmal ansatzweise würde erklären können, wie sie die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht hatte. Sie sah ihn an.

Er betrachtete sie. Eindringlich. Ihr Herz machte einen Sprung.

Was sehen Sie, wenn Sie mich anschauen, Lord Northwood?

»Was führt Sie her, Mylord?«, fragte sie, schärfer als beabsichtigt.

»Ich dachte, ich könnte Sie unter Umständen überreden, meine Kutsche mit mir zu teilen.« Er nickte zu dem eleganten Gefährt hinüber. »Es wäre mir eine Freude, Sie mitzunehmen, ganz gleich, wohin Sie wollen.«

»Eigentlich genießen wir gerade unseren kleinen Spaziergang, und –« Lydia verstummte, als sie merkte, wie Jane an ihrer Hand zog.

Sie blickte nach unten. Als sie den flehentlichen Ausdruck in den hellgrünen Augen sah, gab sie sofort nach. Weder ihre Schwester noch sie selbst hatten jemals die Gelegenheit gehabt, in einer solch luxuriösen Kutsche zu fahren.

»Wir wollen in den Zoologischen Garten.«

»Ausgezeichnet. Falls es Ihnen recht ist, wäre es mir eine große Freude, Sie zu begleiten. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal im Zoo war.«

»Bitte, Lyddie, sag Ja?«, drängte Jane.

»Nur, wenn es Seiner Lordschaft keine Umstände macht.«

»Dann hätte ich es nicht angeboten.« Lord Northwood öffnete den Kutschenschlag und half den beiden nacheinander in das mit Samt ausgeschlagene Innere. Dann rief er dem Kutscher einige Anweisungen zu und stieg ebenfalls ein. In dem Augenblick, als er Lydia und Jane gegenüber Platz nahm, schien die Kutsche zu schrumpfen, und Lydia spürte plötzlich seine volle Präsenz, und das viel stärker, als ihr recht war.

»Sie interessieren sich für Tiere, Miss Jane?«, fragte Alexander.

»Ja, Sir. Obwohl, eigentlich mehr für Insekten.«

»Insekten?«

Jane nickte. »Unser Vater hat mich oft in die Ausstellungen der Königlichen Gesellschaft für Entomologie mitgenommen. Die erste war über Schmetterlinge. Dann haben wir noch eine über Spinnen gesehen und eine über die Insekten Nordamerikas. Wir waren sogar in einem Flohzirkus. Man sollte nicht glauben, dass Flöhe dressiert werden können, aber es geht, wissen Sie?«

Northwood sah sie nachdenklich an. »Dann dürfte Sie vielleicht eine Abteilung in der Ausstellung der Society of Arts interessieren, die ich derzeit vorbereite. Wir planen eine umfassende Präsentation zu Flora und Fauna, darunter auch einige neu entdeckte Arten von tropischen Insekten.«

»Oh, gehen wir hin, Lydia?«

»Natürlich. Du könntest einen Aufsatz über die Neuentdeckungen schreiben.«

Jane verdrehte die Augen Richtung Lord Northwood. Der grinste breit. »Sie lässt niemals locker, was?«

»Selten. Sie unterrichtet mich schon, seit ich noch ganz klein war.« Janes Ausdruck verschloss sich ein wenig. »Aber unsere Großmutter sagt, ich brauche eine breitere Ausbildung, also werden sie mich fortschicken.«

Lydia spürte, wie Northwood den Blick auf sie heftete. Es war, als glitten seine Fingerspitzen über ihr Gesicht. Sie rutschte unbehaglich hin und her und presste eine Hand auf die Magengegend, als ein stechender Schmerz sie durchzuckte.

»Fortschicken«, wiederholte Northwood. Es war keine Frage, doch Jane nickte zustimmend.

»Sie glaubt, ich brauche mehr Unterweisung in … welches Wort hat sie nochmal benutzt, Lyddie?«

»Gesellschaftliche Umgangsformen.«

»Gesellschaftliche Umgangsformen werden vollkommen überschätzt, wenn Sie mich fragen«, sagte Northwood lächelnd zu Jane.

»Unsere Großmutter meint, ich bräuchte mehr davon.«

»Und Sie können sie ihr nicht beibringen?«, wandte sich Northwood an Lydia.

»Jane ist jetzt in einem Alter, in dem sie mehr über Etikette und Anstandsregeln lernen muss. Also wird unsere Großmutter sie auf eine Schule nach Paris schicken, wo sie Unterricht in Französisch, Musik und Tanzen bekommt.«

Northwood sah Lydia weiter durchdringend an, als wüsste er, dass diese unmissverständliche Anordnung von Mrs Boyd unter ihrer Haut prickelte wie tausend spitze Nadeln. Als wüsste er, dass dies die Quelle ihrer Verzweiflung gewesen war in jener Nacht, als sie ihn aufgesucht hatte, um ihre Schuld zu begleichen. Zu keinem anderen Menschen hatte sie gehen wollen in dieser Nacht, nur zu ihm.

»In London herrscht kein Mangel an Musik- und Tanzlehrern«, sagte er nach einer Weile. »Wie es sich trifft, gibt mein Bruder Sebastian Klavierunterricht. Falls Sie den Wunsch hegen, dass Ihre Schwester umgehend mit der Ausbildung beginnt, wäre es mir eine Freude, sie nächste Woche miteinander bekannt zu machen.«

Lydia bemerkte, wie Jane erneut an ihrem Arm zog, spürte die eindringliche Bitte, die im Blick ihrer Schwester lag.

»Nun, ich … ich danke Ihnen, Mylord«. Sie sah ihm eine Sekunde lang direkt in die Augen. »Das ist überaus großzügig von Ihnen. Ich werde die Angelegenheit mit meiner Großmutter besprechen.«

Northwood und Jane tauschten einen Blick. Er zwinkerte ihr zu, und sie lächelte breit zurück.

Angesichts des offensichtlichen Einverständnisses zwischen den beiden wollte Lydia ein leichtes Unwohlsein beschleichen, doch sie schob das Gefühl mit rücksichtsloser Entschlossenheit beiseite. Nichts würde jemals aus ihrer Bekanntschaft mit Lord Northwood erwachsen, außer vielleicht Klavierunterricht für Jane. Es bestand also keinerlei Grund zur Sorge.

Sie umrundeten Regent’s Park auf dem Outer Circle, bis die Kutsche schließlich an der Einfahrt zum Carriage Drive haltmachte. Northwood stieg zuerst aus, um Lydia und Jane aus dem Wagen zu helfen. Dann wies er den Kutscher an, sich um die Eintrittskarten zu kümmern.

Sie passierten das Eingangsgebäude und nahmen den Hauptweg, der mitten hineinführte in das üppige Grün der Gärten, direkt in Richtung der neuen, glasüberdachten Vogelvoliere. Ein dichtes Gewirr von Blumen und Bäumen säumte den Weg, der sich alsbald in mehrere schmalere, kiesbestreute Pfade aufteilte, die zu den verschiedenen Gehegen und Häusern führten.

Jane lief mit leichten Schritten voraus.

»Sie ist ein nettes Mädchen«, bemerkte Northwood zu Lydia, während sie Jane hinüber zu den großzügigen Freiflächen folgten, wo in verschiedenen Gehegen Hirsche, Alpakas und diverse Arten von Gazellen, aber auch Pelikane zu sehen waren. Hier und dort standen fahrbare, große Käfighäuser auf dem Rasen, in denen kleinere Vögel zwitschernd umherflatterten.

»Ja, das ist sie. Sie hat einen wachen Verstand und ein gutes Herz.«

»Wie ihre Schwester.«

Lydia gestattete sich ein kleines Lächeln. Wie lange war es her, dass jemand ihr ein Kompliment gemacht hatte, aus welchem Motiv heraus auch immer?

»Sie sind ein Schmeichler, Mylord.«

»Ich sage niemals etwas, das ich nicht auch so meine.«

Lydia blieb stehen, er neben ihr. So sehr sie seine Gesellschaft auch schätzte – diese Situation war irgendwie irreal. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich nur rein zufällig hier getroffen hatten, war äußerst gering, und noch geringer war die, dass er tatsächlich vorgehabt hatte, in den Zoo zu gehen. Die Erkenntnis traf sie wie ein Keulenschlag.

Sie sah ihm in die Augen. »Warum sind Sie wirklich hier, Mylord?«

»Meine Schwester Talia – Sie, ähm, Sie haben sie neulich nachts getroffen – engagiert sich sehr für die Armenschulen.«

Lydia blinzelte überrascht. Diese Aussage kam unerwartet. »Oh. Das ist sehr anständig von ihr.«

»Das ist es. Sind Sie mit dem Thema vertraut?«

»Ich habe von den Armenschulen gehört, ja. Doch weiß ich nichts Genaues über ihren Zweck.«

»Es ist ein Versuch, Kinder von der Straße zu holen«, erklärte Northwood. »Die Schüler entstammen ausnahmslos verarmten Familien. Ihre Väter sitzen entweder bereits im Gefängnis oder begehen Verbrechen, die sie früher oder später dorthin bringen werden. Talia liegt diese Aufgabe sehr am Herzen.«

»Das klingt in der Tat nach einer guten Sache.«

»Ist es auch. Talia und einige ihrer Freunde haben für den nächsten Samstag eine Wohltätigkeitsveranstaltung organisiert. Es ist ein Kinderfest mit Spielen und so weiter. Alle Einnahmen gehen an die Armenschulen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie hinkämen.«

Besorgnis wallte in Lydia auf. »Oh, ich weiß nicht, ob –«

»Ich bin sicher, Ihrer Schwester würde es sehr gefallen«, unterbrach er sie. »Ich glaube, es gibt auch Drachensteigen, Tanz und Kutschfahrten. Talia hat mehrere Monate mit den Vorbereitungen zugebracht. Sie hat sogar Sebastian überredet, Klavier zu spielen.«

Und noch bevor sie etwas einwenden konnte, fügte er hinzu: »Meine Kutsche holt Sie um elf Uhr ab. Und ich bringe Sie nach Hause, wann immer Sie möchten. Im Ernst, es könnte sogar Ihnen gefallen.«

Lydia kaute einen Augenblick nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Sie sah zu ihrer Schwester, die vor ihnen her in Richtung der Tiergehege hüpfte. Dann nickte sie. »Es würde mir gefallen, Mylord, und Jane mit Sicherheit auch. Wir gehen nämlich nicht oft zu solchen Veranstaltungen.«

Lord Northwood zog erstaunt die Augenbrauen hoch, und da erst bemerkte sie die Wirkung ihres hastigen Kommentars.

»Warum nicht?«, fragte er.

»Es ist … nun ja, ich habe nicht gerade viel Zeit für solche Dinge.« Hatte sie nie gehabt. Schmerz durchbohrte ihre Brust wie eine scharfe Klinge, als die Erinnerung an ihre eigene dunkle Kindheit in ihr aufstieg, in der kein Platz gewesen war für so oberflächliche Vergnügungen wie Kinderfeste und Drachensteigen.

Jane war völlig anders aufgewachsen – darauf hatte Lydia großen Wert gelegt –, doch nach vergnüglichen Anlässen für ihre Schwester hatte auch sie nicht gerade oft und gerne gesucht.

»Weil Sie zu beschäftigt sind mit Ihren Gleichungen?«, fragte Northwood.

Der ironische Unterton in seiner Stimme verletzte sie ein wenig, und sie wandte den Blick ab. »Ich bestehe nicht nur aus Zahlen, Lord Northwood.«

»Und warum bestärken Sie dann diesen Eindruck immer wieder?«

»Was soll das heißen?«

»Sie wollen doch, dass die Leute denken, Sie bestünden aus nichts weiter als Ihren überragenden mathematischen Fähigkeiten.«

»Nein, ich –«

»Nein? Es ist kaum vierzehn Tage her, da haben Sie alles nur Mögliche unternommen, damit auch ich genau das glaube.«

»Um ehrlich zu sein, es ist genau das, was jeder von mir glaubt.«

»Ich nicht.«

Sie starrte ihn verblüfft an. »Sie nicht?«

»Nein. Weil es nicht stimmt. Ihr Schicksal ist nicht das einer kalten, gefühllosen Intellektuellen. Und ich glaube keine einzige Sekunde lang, dass Sie glücklich sind mit Ihren Lehrbüchern und Zahlen und sonst nichts.«

Lydia schluckte. Da lag etwas in seinem Blick, das über Verwirrung und reine Neugier hinausging. Eher schien es, als wüsste er, dass unter ihrem dicken Panzer etwas Verletzliches und schmerzvoll Zartes lag. Etwas, dass er um jeden Preis zu schützen gedachte. Etwas, das nur auf ihn gewartet hatte.

»Warum sollten Sie so etwas glauben?«, fragte sie mit zittriger Stimme.

Er trat zu ihr. So nahe, dass sich die kühle Frühlingsluft aufzuheizen begann, so nahe, dass sie seine Absichten deutlich spüren konnte. Sein ganzer Körper strahlte sie aus. Seine Stimme nahm einen dunkleren Ton an und strich über ihre Haut wie eine sanfte Liebkosung.

»Wenn Sie mit einem solchen Leben zufrieden wären, hätten Sie mich nicht geküsst und auf diese Art berührt, die nach mehr verlangte«, murmelte er.

Ihr Gesicht brannte. »Womit ich einen erschreckenden Mangel an Urteilsvermögen offenbarte.«

»Womit Sie offenbarten, was Sie fühlten. Was Sie wollen.«

»Ich sagte Ihnen bereits, was ich will. Und das war es nicht.«

Und das sind Sie nicht.

Sie konnte sich nicht überwinden, die Worte auszusprechen. Es wäre eine Lüge, gesteigert in die zehnte Potenz. Sie straffte die Schultern und trat von ihm zurück.

»Halten Sie von mir, was Sie wollen, Mylord. Aber bitte erinnern Sie sich immer an das eine: Ich sagte, es wäre das Beste, wenn Sie mir glauben würden. Wenn Sie mich meinem Schicksal überlassen würden, meinem Leben in der Einsamkeit des Geistes. Denn alles andere würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Schlechteren sein.«

Sie wandte sich ab. Er packte sie am Arm, eine besitzergreifende Geste, die ihr Herz in den Grundfesten erschütterte.

»Nichts, was zwischen uns beiden geschieht, wird jemals zum Schlechteren sein, Miss Kellaway.« In seiner Stimme lag absolute Überzeugung. »Nichts.«

»Verkürzen Sie Ihre Aussage, Mylord, und Sie haben die Wahrheit.« Sie riss den Arm aus seinem Griff. »Nichts zwischen uns beiden wird jemals sein.«

»Sie irren sich.«

Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Wie sehr sie doch wünschte, sie würde sich irren! Wie sehr sie doch wünschte, sie könnte den verschlossenen Teil ihres Selbst öffnen und ihn einlassen! Je mehr Zeit sie in seiner Gegenwart verbrachte, desto öfter stellte sie sich vor, wie herrlich es wäre herauszufinden, was sie beide miteinander haben könnten.

Selbst, wenn es nur für eine einzige Nacht wäre.

Der Gedanke ließ Lydia erbeben. Ohne den Viscount noch einmal anzusehen, drehte sie sich um und lief ihrer Schwester nach. »Jane!«

Jane winkte ihr aufgeregt zu und bedeutete ihr, sich zu beeilen. Lydia beschleunigte ihre Schritte und hoffte gegen alle Wahrscheinlichkeit, Northwood würde sich abschütteln lassen.

»Sieh nur!« Jane deutete aufgeregt in Richtung einer abgeschirmten Terrasse, wo die Eingänge zu mehreren Höhlen für Löwen, Tiger, Geparden und einen Jaguar zu erkennen waren. »Wussten Sie eigentlich, Lord Northwood, dass die Löwen aus einem Land kommen, das Nubien heißt? Es liegt in Afrika. Und sehen Sie nur, die Leoparden! Ich glaube, die stammen aus Indien. Hab ich nicht recht, Lydia? Na ja, zumindest der eine da. Lord Northwood, wussten Sie, dass die alten Griechen glaubten, Giraffen wären eine Mischung aus Leopard und Kamel?«

Northwood blieb neben Lydia stehen. »Nein, das wusste ich nicht. Obwohl ich schon einmal auf einem Kamel geritten bin.«

»Wirklich? Wo?«

»Als ich noch ein kleiner Junge war, nahm mein Vater die ganze Familie auf eine Reise nach Ägypten mit. Kamele sind dort so normal wie für uns hier die Kutschen.«

»Und wie war das so, auf einem Kamel zu reiten?«

»Wie in einem Boot, das kurz davor ist zu kentern. Es war mit Sicherheit eines der seltsamsten Dinge, die ich je gemacht habe.«

Jane grinste und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Löwengehege zu. Lydia und Northwood blieben ebenfalls stehen und beobachteten, wie die großen Katzen auf weichen Pfoten hin und her liefen, die Vordertatzen in den Boden krallten und ihre geschmeidigen Muskeln streckten.

»Warum Paris?«, fragte Northwood unvermittelt.

Lydia seufzte. »Sie sind unbarmherzig.«

»Ein Grund mehr, es mir zu sagen.«

»Es geht Sie nichts an, Mylord.«

»Das weiß ich. Aber ich bin neugierig. Warum Paris?«

»Weil wir es uns nicht leisten können, Jane auf eine Schule hier in London zu schicken und Lady Montague ihr ein Stipendium angeboten hat.«

»Und warum glaubt Ihre Großmutter, Sie könnten sie nicht angemessen erziehen?«

Lydia blickte verstohlen zu ihrer Schwester. Jane war auf dem Weg zum Bärenzwinger und malte dabei mit einem Stock Linien in den Gehweg. Ihr langes Haar, das im Licht der Frühlingssonne schimmerte, fiel wie ein Tuch aus Seide über ihre Schultern.

Northwood glaubte also, ihr Schicksal zu kennen? Er glaubte zu wissen, was sie wollte, was sie brauchte, welche Art von Leben sie führen sollte? Nun, vielleicht würde er seine Meinung ändern, wenn sie ihm von ihrer Vergangenheit erzählte.

»Weil ich selbst niemals eine solche Erziehung erhalten habe.«

»Auch nicht von Ihrer Mutter?«

Obwohl die Frage nicht ganz unerwartet kam, rammte sie sich doch wie ein Speer in Lydias Herz. Sie keuchte schmerzvoll auf und blieb stehen, um Atem zu schöpfen, sich wieder zu beruhigen.

»Miss Kellaway?« Northwood nahm sie sanft beim Ellenbogen. »Geht es Ihnen gut?«

Sie nickte und blickte kurz in die Richtung, die Jane eingeschlagen hatte, um sich zu vergewissern, dass sie noch in Sichtweite war. »Meine Mutter war ja nicht einmal in der Lage, auf sich selbst aufzupassen, geschweige denn, mir Anstandsregeln beizubringen.«

»Was war denn los mit ihr?«

Lydia schwieg. Seine Hand hielt immer noch ihren Arm umfasst. Die Wärme seiner Haut schien sich durch seinen Handschuh und den Stoff ihres Kleides zu brennen. Er stand dicht bei ihr, zu dicht. Er musterte sie angestrengt und nachdenklich zugleich, als versuche er, ein komplexes Rätsel zu lösen. Seine Präsenz fühlte sich groß an, stark, beständig.

Und plötzlich schoss Lydia ungefragt ein Gedanke durch den Kopf. Ein Mann von solch beeindruckender Statur würde mit Leichtigkeit jede Wahrheit aushalten, die sie ihm entgegenschleuderte. Er würde mühelos jedes einzelne der Geständnisse verkraften, die sie sich so gerne von der Seele reden würde.

»Sie hatte … Probleme.« Lydia hob eine zitternde Hand und tippte sich an die Schläfe. »Hier. Sie wurde geisteskrank. Eine überaus seltene Mischung von Melancholie und Wahnsinn. Ab und an bekam sie Wutausbrüche, dann wieder folgten Phasen kompletter Umnachtung. Es fing an, als ich ungefähr fünf war. Mein Vater erzählte mir später, sie hätte mehrere Fehlgeburten gehabt und eine Totgeburt. Dadurch … scheint etwas in ihr zerbrochen zu sein.« Sie schwieg einen Augenblick.

»Sie fing an, sich in ihrem Zimmer einzuschließen, und wollte nicht mehr herauskommen. Sie wurde wegen der geringsten Kleinigkeit schrecklich wütend und schimpfte mich aus, zum Beispiel wegen eines Grasflecks auf meinem Kleid. Vorher hatte sie so etwas nie getan. Dann wieder verließ sie das Haus und blieb tagelang verschwunden. Keiner wusste, wo sie war. Meine Großmutter zog zu uns, um sich um sie zu kümmern. Das half eine Weile, doch dann wurde es selbst für sie zu schrecklich. Sie überzeugte meinen Vater, meine Mutter in ein Sanatorium zu schicken, damit sie die medizinische Versorgung bekäme, die sie brauchte.«

Sein Griff um ihren Arm wurde fester. »Hat es funktioniert?«

»Anfangs schien es zumindest so.« Lydia hielt ihren Blick immer noch auf Jane geheftet, die jetzt vor dem Bärenzwinger stand und einen riesigen Braunbären betrachtete. »Manchmal konnte sie für eine Weile nach Hause. Dann wurde es wieder schlimmer. Also suchte meine Großmutter eine andere Einrichtung, den nächsten Arzt, eine neue Behandlungsmethode. Sie reisten kreuz und quer durch ganz Europa. Schließlich, als sich die Gerüchte zu verdichten begannen, holte meine Großmutter die Erlaubnis ein, sie für immer aus London fortzubringen. Sie gingen nach Frankreich, an einen Ort bei Lyon, von dem sie in ihrer Kirche gehört hatte. Dort war meine Mutter knapp drei Jahre.«

»Hat es geholfen?«

»Eine Zeit lang schien sie dort zufrieden zu sein. Meine Großmutter blieb bei ihr. Mein Vater besuchte sie, so oft er konnte. Und dort ist sie auch gestorben.«

Bei den letzten Worten breitete sich eine seltsame Leere in Lydia aus, obwohl sie spüren konnte, wie Lord Northwoods ganzer Körper vor Entsetzen erbebte.

»Es tut mir leid.«

»Das muss es nicht. Sie war so lange die Gefangene ihres eigenen Geistes, dass es sich beinahe anfühlte, als wäre sie endlich wieder frei. Doch meine Großmutter brachte es beinahe um. Ein Kind zu verlieren, eine Tochter, wenn auch eine, die so krank war wie meine Mutter …«

Behutsam entzog sie ihm ihren Arm. Sein Gehirn schien das Gesagte zu verarbeiten, alles noch einmal zu durchdenken, was sie ihm soeben erzählt hatte. Lydia wandte sich ab und wollte hinüber zu Jane.

»Lydia.«

Sie blieb stehen. Der Klang seines Baritons hallte in den tiefsten Tiefen ihres Inneren wider.

»Wo waren Sie, als Ihre Mutter in Frankreich war?«, fragte er.

Sie blickte ihn nicht an. »Nicht bei ihr.«

Alexander Hall. Viscount Northwood.

Lydia stieg tatsächlich gesellschaftlich auf. Die Frage war, ob sie einfach nur die Hure dieses Mannes war, oder ob sie es darauf anlegte, mehr zu sein.

Spielte das eine Rolle?

Joseph beobachtete, wie das Mädchen Jane wieder in die feine Kutsche stieg, dicht gefolgt von Lydia.

Ja, es spielte eine Rolle. Jetzt, da Sir Henry tot war, kümmerten Lydia die Folgen ihres Verhaltens, die Schäden, die es möglicherweise in ihrem Charakter hinterlassen hatte, vielleicht nicht länger.

Und in diesem Fall würde sein Plan womöglich nicht aufgehen.

Wenn Lydia allerdings wegen mehr als nur Geld hinter Lord Northwood her war … nun, dann konnte dies für alle Beteiligten nur von Nutzen sein.

Insbesondere für ihn selbst.

7

Jane ließ die Beine baumeln und betrachtete das dramatische Ölgemälde über dem Kamin. Es zeigte eine Tigerjagd. In der Flanke des Tieres steckte ein Pfeil, über sein Fell rann Blut, und das Gesicht war zu einer wütenden, fauchenden Fratze verzerrt. Jane mochte es ganz und gar nicht.

Sie schwang das andere Bein nach vorn und fragte sich, ob der Botenjunge wohl heute Morgen einen neuen Brief an Sophie übergeben hatte. Lydia hatte sie die ganze Zeit umhergescheucht und sie ermahnt, sich zu beeilen. Daher hatte sie keine Gelegenheit gehabt, unter vier Augen mit dem Dienstmädchen zu sprechen. Lydia legte ihrer Schwester eine Hand aufs Bein, um das nervöse Gezappel zu beenden. Jane atmete hörbar aus und nahm sich noch ein Stück von dem Kuchen, den man ihnen zusammen mit dem Tee serviert hatte. In einer Ecke des riesigen Salons stand Mr Halls Klavier. Es war schwarz und so blitzeblank poliert, dass sie vermutlich ihr Spiegelbild darin erblicken würde, ginge sie näher heran. Was, wenn sie Abdrücke auf den Tasten hinterließ?

Sie wischte sich die Hände an ihrem Rock ab. Erst war sie in der Kutsche eines Viscounts gefahren, und jetzt saß sie hier, im Salon eines Earls, und wartete auf ihre erste Klavierstunde bei dessen Sohn. Ganz schön viel für eine Woche.

Sie blickte Lydia an. »Wo hast du es gefunden?«

»Was?«

Jane deutete auf das Notizbuch in Lydias Schoß. »Ich dachte, du hättest es verloren … äh, ich meine verlegt.«

»Ich habe es von … nun, ich hatte es irgendwo vergessen und es wurde mir zurückgegeben. Glücklicherweise.«

»Tut mir schrecklich leid. Ich bin zu spät.« Die Tür flog auf, und herein kam schnellen Schrittes ein Mann mit ungekämmten dunklen Haaren und schief sitzender Krawatte. »Miss Kellaway? Sebastian Hall.« Er streckte die Hand aus. »Ich hoffe, Sie haben nicht allzu lange gewartet?«

»Ganz und gar nicht. Wir waren viel zu früh. Das ist meine Schwester Jane.«

»Es ist mir ein Vergnügen, Miss Jane.« Er warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu. Sie fand es gut, dass er nicht so furchtbar bieder und korrekt zu sein schien. »Hatten Sie schon einmal Klavierunterricht?«

»Nein, Sir.« Sie rutschte unbehaglich hin und her. Plötzlich war sie gar nicht mehr so erpicht auf die Klavierstunden. Mr Hall schien sehr nett zu sein, doch dieser Raum hier war viel zu groß, viel zu nobel. Und dieses schreckliche Gemälde!

»Nun, ich hoffe, es wird Ihnen gefallen«, sagte Mr Hall.

»Ich schlage vor, wir gehen kurz das Programm und die Termine durch. Und danach können wir gleich anfangen.« Er sah zu Lydia. Die nickte, stand auf, und ging mit ihm hinüber ans Klavier.

Jane folgte ihnen leicht widerwillig. Mr Hall schlug ein Buch auf und begann, seine Musiktheorie zu erklären und was Jane in den ersten Wochen lernen würde.

Sie schaute wieder auf das Gemälde und musste an die Tiere denken, die sie im Zoo gesehen hatten. Warum in aller Welt sollte irgendjemand einen Tiger töten wollen?

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befanden sich mehrere Fenster, durch die Sonnenlicht hereinflutete. Jane fragte sich, ob sie wohl auf den Garten hinausgingen.

Während Lydia und Mr Hall sich in eine Diskussion darüber vertieften, welche Bücher angeschafft werden mussten, erkundete Jane den großen Raum. Neben den Fenstern befand sich ein kleiner Alkoven mit einer niedrigen Tür, die vermutlich nach draußen führte. Dort standen mehrere Tische, darauf etliche Tabletts aus Metall. Sie waren voller Erde, aus der grüne Keimlinge sprossen. Jane trat näher, um die Pflänzchen zu betrachten.

Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein groß gewachsener, breitschultriger Mann kam herein. Sein schwarzes Haar war grau gesprenkelt wie von Raureif. Er hielt den Kopf gesenkt und hantierte mit irgendeinem seltsamen Gerät. Als er aufblickte, gewahrte er Jane und runzelte verärgert die Stirn.

Sie zuckte zusammen. Das musste der Earl sein! Das Gesicht des Mannes war ernst und hart, um Augen und Mund hatte er tiefe Falten.

Jane stand wie erstarrt. Ihr Herz hämmerte.

»Wer bist du denn?«, wollte eine tiefe, fordernde Stimme wissen.

»Er … Jane Kellaway, Sir … Mylord. Mr Hall gibt mir Klavierunterricht.«

»Und was tust du dann hier

»Mr Hall … er bespricht gerade alles Nötige mit meiner Schwester.«

»Nimmt sie auch Klavierunterricht?« Der Earl feuerte die Worte ab wie Gewehrkugeln.

»Nein, Si- Mylord.«

»Sollte er dann nicht mit dir reden?«

Jane kratzte sich an der Stirn, hörte jedoch sofort wieder damit auf. Sicher war es unhöflich, sich in Gegenwart eines Earls zu kratzen.

»Ich … na ja, gewiss weiß Mr Hall, was er tut.«

Der Earl starrte sie einen Moment lang verblüfft an. Dann gab er ein kurzes Lachen von sich. Es klang eingerostet und humorlos, als ob er schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelacht hätte. »Bist du da so sicher, ja?«

Jane schaute hinüber zu Lydia und Mr Hall, die immer noch in ihr Gespräch vertieft waren, und zuckte mit den Schultern. Der Earl maß sie mit strengem Blick. Er erinnerte sie an das Konterfei eines grausamen Ritters, das sie einmal in einem Balladenbuch gesehen hatte.

»Und jetzt raus mit dir«, befahl er. »Ich habe zu tun.«

Sein grantiger Ton ließ sie erschauern, aber sie blieb, wo sie war. »Sind das alles Ihre Pflanzen?«

»Wessen denn sonst?«

»Und was ist das?« Jane deutete auf das merkwürdige Gerät in seinen Händen.

Der Earl hob es ein Stückchen hoch. Es handelte sich um eine lange Metallröhre, an deren einem Ende etwas befestigt war, das wie ein Griff aussah. »Eine Wasserspritze. Damit kann man feuchten Nebel auf Keimlinge sprühen. Recht nützlich … falls es einem gelingt, das verfluchte Ding in Gang zu bringen.«

Er drückte den Griff, doch der blieb auf halbem Wege im Zylinder stecken. Rushton warf dem Gerät einen wütenden Blick zu, als hätte es ihn soeben zutiefst beleidigt. Jane musste ein Lächeln unterdrücken.

»Das ist doch immer so, oder?«, meinte sie. »Die meisten Dinge sind nur dann nützlich, wenn sie auch funktionieren.«

»Ach ja? Und wie wirst du dich später einmal nützlich machen?«

Das hätte Jane gerne selber gewusst. »Ich habe mich noch nicht entschieden.«

Der Earl gab ein verächtliches Grunzen von sich und widmete sich wieder seinen Pflanzen. Jane sah ihm eine Weile zu.

»Ich würde gerne Insekten studieren«, sagte sie schließlich.

Er bellte wieder sein rostiges Lachen. »Du würdest gerne die Geißel meines Gartens studieren? Finde einen Weg, wie man die lästigen Viecher los wird – dann wärst du in der Tat von Nutzen.«

Sein Tonfall deutete an, dass Jane bis zu jenem Tag, an dem ihr das gelang, auch selbst nichts weiter sein würde als eine lästige Plage. Sie wusste nicht, weshalb, aber seine Worte versetzten ihr einen schmerzhaften Stich. Eigentlich konnte es ihr vollkommen egal sein, was dieser Mann von ihr dachte, auch wenn er ein Adliger war. Papa hatte immer gesagt, der Charakter eines Mannes sei wichtiger als seine gesellschaftliche Stellung.

»Kennen Sie sich mit Farnen aus, Mylord?«, fragte sie.

Er sah sie an, als hätte sie ihn gefragt, ob er wüsste, wie man Earl wird.

»Selbstverständlich«, erwiderte er. »Warum?«

»Na ja, ich habe einen Farn. Er sieht ein bisschen mitgenommen aus. Er wird ganz braun. Ich weiß nicht, was ich falsch mache, aber vielleicht können Sie es mir sagen?«

Lord Rushton räusperte sich vernehmlich. Dann befahl er: »Bring ihn das nächste Mal mit, wenn du herkommst.«

»Jane?« Das war Lydias Stimme. Sie klang angespannt. »Bist du … oh.« Sie blieb stehen und legte eine Hand auf Janes Schulter.

»Mein Vater, der Earl of Rushton«, sagte Mr Hall, der ihr gefolgt war.

Lydias Finger schlossen sich fester um Janes Schulter. »Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Mylord.«

Der Earl warf Lydia unter seinen buschigen Augenbrauen hervor einen stechenden Blick zu. Dann nickte er schroff und wandte sich ab. Jane versuchte, sich Lydias Griff zu entwinden, der allmählich schmerzhaft wurde.

»Nun komm schon.« Lydia schob Jane in Richtung des Klaviers, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte: »Ich hoffe wirklich, du hast ihn nicht gestört.«

»Er bellt zwar laut, aber er beißt nicht«, sagte Mr Hall ganz unverblümt. Er klang beinahe amüsiert. »Außer seine eigenen Kinder. Nehmen Sie bitte Platz, Miss Jane. Wir wollen anfangen.«

Sie setzte sich an das Instrument, ließ jedoch den Earl nicht aus den Augen. Schließlich fiel mit einem lauten Klicken die Tür ins Schloss, und er war fort.

Jane wandte ihre volle Aufmerksamkeit dem Klavier zu. Mr Halls Anweisungen entsprechend versuchte sie, ihre Finger dazu zu bringen, mit ihrem Verstand zu kooperieren, lernte Tonarten und machte Grundübungen zu den Tonleitern. Eine Stunde später verließ sie zusammen mit Lydia das vornehme Palais, mit einem Notenheft und dem vagen Gefühl, dass ihr Talent für Musik nicht sonderlich ausprägt war.

»Es braucht eben alles seine Zeit«, sagte Lydia aufmunternd, während sie in einer Mietdroschke nach Hause fuhren. »Wenn du erst einmal Lieder lernst, dann wird es mit Sicherheit interessanter, glaub mir.«

»Hast du Klavierunterricht gehabt?«, fragte Jane.

»Nein.« Lydia sah aus dem Fenster. »Ich war viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt.«

Janes Blick wanderte zu dem Notizbuch, das Lydia wie immer auf dem Schoß hielt. So sehr sie ihre Schwester auch liebte – manchmal fragte sie sich, ob es in ihrem Leben noch etwas anderes gab als die Mathematik und Janes Ausbildung. Lydia hatte nie geheiratet. Sie hatte keine Freundinnen, die zum Tee kamen. Gesellschaftliche Anlässe besuchte sie äußerst selten und auch nur dann, wenn Großmama darauf bestand. Nicht einmal aus Einkaufen oder Theater schien sie sich etwas zu machen.

Jane fand, im Leben sollte es noch andere Dinge geben als nur Zahlen. Und ganz besonders in Lydias.

»Wo hast du eigentlich Lord Northwood kennengelernt?«, fragte sie wie aus heiterem Himmel.

Lydia warf ihr einen verblüfften Blick zu. »Oh … ich kann mich nicht erinnern. Warum?«

»Sein Vater ist ganz schön streng. Aber er selbst wirkte nicht so. Und Mr Hall auch nicht.«

»Was hast du zu ihm gesagt? Zu Lord Rushton?«

»Ich habe mit ihm über seine Keimlinge geredet. Dann fragte ich ihn, was mit meinem Farn nicht stimmen könnte. Und wie es scheint, hat er ein Problem mit Insekten. Er war nicht … na ja, er war nicht so, wie man sich einen Earl vorstellt.«

»Was hattest du denn gedacht, wie er sein müsste?«

»Majestätisch, glaube ich. Als käme er gerade von einer Einladung bei Hof. Aber er war eher mürrisch als königlich. Ich glaube nicht, dass die Königin ihn oft einlädt.«

»Seiner schlechten Laune wegen?« Lydia musste lächeln. »Papa wurde auch einmal am Hof empfangen, wusstest du das? Als man ihn zum Ritter schlug. Das war lange vor deiner Geburt.«

»Warst du bei der Zeremonie dabei?«

»Nein, aber Mutter hat mir davon erzählt. Sie sagte, es sei überwältigend gewesen, wenn auch sehr ernst und steif. Ich glaube, sie hätte am liebsten einen derben Witz erzählt, nur um zu sehen, was passiert.«

Jane grinste. »Mochte sie Witze?«

»Sie lachte gerne, ja.« Eine sanfte, bittersüße Erinnerung blitzte in Lydias Augen auf. Jane wusste, dass ihre Mutter vor mehr als zehn Jahren gestorben war, kurz nach ihrer Geburt, und auch, dass Lydia sie schon lange vorher verloren hatte. Trotzdem sprach ihre Schwester nicht oft von der Krankheit – sie hatte nur von den schönen Tagen erzählt, als ihre Mutter noch gesund und munter gewesen war, ihre Augen vor Glück geleuchtet hatten und ihr Lachen erklungen war wie helle Glocken.

»Sie wollte, dass alles hell und freundlich ist«, sagte Lydia. »Fröhlich.«

»Nicht wie Papa«, erwiderte Jane. »Oder du«, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.

»Nein.« Lydia legte einen Arm um Jane und zog sie an sich. »Ich war schon immer eher wie Papa. Ernsthaft, akademisch. Aber insgeheim wollte ich mehr so sein wie sie.«

»Warum?«

Lydia hauchte einen leichten Kuss auf Janes Schläfe. »Weil ich dachte, das Leben wäre dann leichter.«

»Aber ihr Leben war doch gar nicht leicht«, widersprach Jane.

»Nein, das stimmt. Ich habe mich geirrt.«

Unvermittelt drückte Lydia ihre Schwester ganz fest an sich und presste eine Wange auf ihr Haar. Jane versteifte sich zuerst, dann schlang sie beide Arme um Lydias Taille und umarmte sie.

»Vermisst du sie noch?«

»Die ganze Zeit.«

»Ich wünschte, ich würde sie auch vermissen.« Janes Stimme klang ganz klein, und ein Hauch von Scham lag darin. »Aber ich habe sie ja nie kennengelernt. Ich meine, ich wünschte, sie wäre noch hier, aber ich habe sie überhaupt nicht gekannt, oder gewusst, wer sie war … ist es schlimm, dass ich sie nicht vermissen kann?«

»Aber nein. Nein. Und außerdem hast du sie gekannt. Viel zu kurz zwar, und nicht auf eine Art, die wir uns alle gewünscht hätten, aber du hast sie gekannt.«

»Alles wäre anders, wenn sie nicht gestorben wäre, stimmt’s?«, fragte Jane. »Wenn sie nicht krank geworden wäre.«

Lydias Griff wurde noch fester, und Jane konnte ihr Herz schlagen hören. Es hämmerte so laut, dass sie aufblickte.

»Ja.« Nur dieses eine Wort. Kurz, gepresst. Lydia starrte über Janes Kopf hinweg aus dem Fenster. »Alles wäre anders«, wiederholte sie. Ihr Körper versteifte sich. Jane runzelte die Stirn und drückte die Hand ihrer großen Schwester ganz fest.

Eine seltsame, unangenehme Empfindung keimte in ihr auf – das Gefühl, Lydia wolle sich vielleicht gar nicht vorstellen, wie anders alles gekommen wäre, wäre ihre Mutter nicht gestorben.

Die Luft im Gewächshaus war feuchtheiß und stickig. Plötzlich fand Alexander seine Krawatte zu eng, seinen Mantel zu schwer. Er widerstand dem Drang, den Hemdkragen zu lockern, während er durch die Reihen blühender Pflanzen schritt, bis ganz nach hinten, wo sein Vater stand und nachdenklich einen Topf Erde betrachtete.

»Sir.« Alexander blieb in einiger Entfernung stehen. Ein altbekanntes Gefühl überkam ihn – eine seltsame Mischung aus Stolz und Unzulänglichkeit, deren tiefere Schichten er niemals zu ergründen gedachte. Dieses Gefühl stellte sich in Gegenwart von Lord Rushton immer ein, solange er zurückdenken konnte, eine Tatsache, die ihn seit dem letzten Streit mit seinem Vater nur noch mehr ärgerte.

Rushton hob den Kopf. »Northwood. Was führt dich her?«

»Was hast du über den Krieg gehört?«

»Das, was du auch gehört hast.«

»Der Earl of Clarendon behält sich für den Fall, dass tatsächlich eine offizielle Kriegserklärung ausgesprochen werden sollte, das Recht vor, jeden Engländer, der in Russland wohnt, als Staatsfeind zu betrachten«, erklärte Alexander. »Ich habe eine Nachricht nach Sankt Petersburg geschickt und Darius darüber informiert, obgleich ich vermute, dass er es bereits weiß.«

Der Earl stellte mit einem verdrossenen Schnaufen den Blumentopf beiseite und nahm eine Wasserkanne zur Hand. Er trug einen einfachen schwarzen Mantel, darunter eine ebensolche Weste – für Firlefanz und Glitzer hatte der Earl noch nie etwas übrig gehabt – und sein bleigraues Haar zeigte noch die Spuren des Kamms. Obwohl er mit seinem kräftigen Oberkörper und den breiten Schultern immer noch sehr imposant wirkte, war seine Gestalt doch während der letzten beiden Jahre dünner geworden, sein Gesicht hager und von Sorgenfalten zerfurcht.

»Dein Bruder hegt keinerlei Absichten, seine Pläne zu ändern«, sagte er.

»Ich weiß. Aber wenn du ihm schreiben würdest, wäre er vielleicht eher bereit, die Folgen zu bedenken.«

»Wenn er weiterhin bei Hofe wohnen bleibt«, meinte Rushton, »ist er dort weniger in Gefahr, als er es hier wäre.«

»Ich bin überzeugt, dass Darius ganz gut auf sich selbst aufpassen kann, ob er nun bei Hofe wohnt oder nicht. Abgesehen davon mache ich mir Sorgen wegen der Folgen, die das alles für uns hier haben könnte.«

»Als da wären?«

»Zum einen Talia. Sie ist im heiratsfähigen Alter, und sie –«

»Genau wie du.« Sein Vater schoss einen bedeutungsvollen Blick auf ihn ab.

»Aber Talia ist –«

»Lass das Mädchen in Ruhe, Northwood. Es ist der Mangel an eigenen Aussichten, der dir Sorgen machen sollte, besonders nach dem Chilton-Debakel.«

Verbitterung stieg in Alexander hoch. Sie alle hatten mit den Peinlichkeiten leben müssen, die auf seine geplatzte Verlobung gefolgt waren. Angesichts dieser Katastrophe auf der einen und dem Weggang ihrer Mutter auf der anderen Seite fiel es schwer zu glauben, irgendeinem der Halls würde es gelingen, eine vorteilhafte Ehe zu schließen. Das musste selbst Lord Rushton zugeben.

Da Alexander jedoch nicht wusste, wie er den Vorwurf seines Vaters entkräften sollte, entschied er sich, das Thema zu wechseln. »Talia hat den Wunsch geäußert, wieder einmal Floreston Manor zu besuchen.«

Rushtons Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Ich hätte dieses unselige Anwesen schon vor Jahren verkaufen sollen.«

»Das würde sie dir niemals verzeihen.« Keiner von ihnen hatte das Herrenhaus mehr besucht, seit ihre Mutter auf und davon war. Doch Alexander wusste, dass es der einzige Ort war, an dem Talia sich als Kind glücklich gefühlt hatte.

Schon damals war seine Schwester ihm ein Rätsel gewesen – ein Kind mit bronzefarbenem Haar, das durch die Flure von Floreston Manor und die Gärten von Sankt Petersburg huschte wie ein Waldgeist.

Er seufzte. Daran hatte sich nichts geändert, im Gegenteil, auch wenn ihre elfenhafte Jenseitigkeit vom Gewicht der vielen dunklen Schatten, die auf ihrer Seele lasteten, beinahe erdrückt wurde.

»Sebastian hat zugestimmt, uns zu begleiten, falls du gewillt bist, das Haus wieder zu öffnen«, fuhr er fort. »Und wir werden Castleford einladen.«

Statt einer Antwort schnitt der Earl tote Blätter von einer Pflanze ab.

»Talia würde es wirklich guttun«, beharrte Alexander. Und dir auch. »Sie mag es nicht, während der Saison in London zu sein.«

Endlich ein kurzes Nicken. »Also gut.«

»In Ordnung. Dann überlasse ich es dir, die notwendigen Vorkehrungen zu treffen.« Eins war so gut wie das andere, wenn es den alten Herrn nur dazu brachte, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit seinen vermaledeiten Pflanzen.

Er hatte sich bereits zum Gehen gewandt, als die Stimme seines Vaters ihn noch einmal innehalten ließ.

»Was ist mit deiner Ausstellung, Northwood?«

»Das Kuratorium hat seine Besorgnis im Hinblick auf die Beziehungen mit Frankreich zum Ausdruck gebracht, die angesichts der recht umfangreichen russischen Komponente zunehmend angespannt sind. Ich erwarte dennoch fürs Erste keine Schwierigkeiten.«

Sein Vater sah ihn mit herabgezogenen Mundwinkeln an, und die Worte schienen laut vom kondenswasserbeschlagenen Glasdach des Gewächshauses widerzuhallen.

Fürs Erste.

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