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Dämmerschoppen

Inhaltsübersicht

Die Drehtür

Sprachdenkmäler

Weitsichd

Volksmund

Auf der anderen Seite der Barrikade

»U-Boote« in Berlin

Gröfaz und Reichswasserleiche

Unwörter

Metamorphosen

Der »lange Weller«

Täve

Gummistiefel und Gurken

Gert Fröbe aus Zwickau

Der Pianist

Wie es kam, daß ich für Angelika Domröse sang

Der Minister und meine Ohren

Überraschungsangriff

Drushba

Der alte Čapék

Carossi

»Ein Wunder!«

Hermann hießr!

Tauschland

Mut

Der 9. Oktober 1989

Einmalig

Wandel

Perpetuum mobile der Macht

Einladung

Werteverlust

Zeitensprünge

Perfekt

Eine Frage des Gedächtnisses

Ereignis

Der Meister

Die Vernissage

Post

Der Künstler

Die Gräfin vom Ku’damm

Essen in England

Ein Getränk

Wie ich zwei Weltstars kennenlernte

Die Audienz

Moses

Das Ende der Andacht

Abgeguckt

Glasers Sprüche

Ein polnischer Tscheche in Deutschland

Hamburger Impression

Erinnerung

Toleranz

Zwischen allen Stühlen

Die neue Höflichkeit

Die neue Zeit

Der Beweis

Baufreiheit

Es ging nicht immer seinen Gang

Die erste Reihe

Menschen an der Pleiße

Der Drache aus Dresden

Logik

Lafontaine im Gewandhaus

Ein Glück

Ausstellungseröffnung

Geduld

Die Drehtür

Ich mag die alten Drehtüren aus dunkelbraunem Holz und Glas. Sie strahlen Ruhe aus, Bedächtigkeit. Gutmütig drehen sie ihre Runden, ruhen in sich, haben so gar nichts von der Nervosität der Pendeltüren. Sie sind die stillsten unter den Türen. Man kann sie nicht im Zorn zuknallen. Sie bewegen sich nur, wenn ein Mensch herantritt und sanft Hand anlegt. In den Pausen sind die Drehtüren Stehtüren.

Was haben sie nicht alles schon erlebt? Demokratien und Diktaturen. Einige sogar zwei Revolutionen.

Die alten Drehtüren werden immer seltener. In Leipzig sind die letzten der typisch deutschen Renovierungssucht seit der Wende zum Opfer gefallen. Ein paar neue sind hinzugekommen. Doch was ist so ein großes chromblitzendes Etwas, das sich geisterhaft von allein bewegt, sobald man in seine Nähe kommt, und das den Rhythmus der Schritte vorgibt, was sind diese modernen Eingangsschleusen gegen eine alte Drehtür ...

In Paris, Prag und Wien hab ich ein paar gesammelt. Sie gehören mir, niemand weiß es, und ich lasse sie ja auch dort.

Eine Drehtür steigert die Spannung. Man fällt nicht einfach mit der Tür ins Haus. Der Auftritt im Hotel, Kaffeehaus oder Bankgebäude wird vorbereitet. (Wobei die Türen vermutlich bei den Banken nur eingebaut wurden, damit der Räuber mit dem erbeuteten Geld nicht so schnell flüchten konnte!)

Ein weiterer Vorteil ist, daß es in Räumen mit solchen Türen nicht zieht! Den Zug fängt die Drehtür ab. Und somit ist sie auch eine Windfangtür!

Die Drehtür ist eine Art Kreisverkehr für Fußgänger, sie sorgt in einem Atemzug für unseren reibungslosen Ein- und Ausgang. Man kommt sich im Gehege nicht ins Gehege.

Ich erinnere mich, daß mir in meiner Kindheit nicht ganz geheuer war, wenn ich mit Schulkameraden eine Drehtür benutzte und sich plötzlich zwei als solche entpuppten, die einen gern ärgerten. Dann paßten sie jenen Moment ab, bei dem man in seinem Drehtürfach gefangen war und stoppten mit Gewalt die Drehung. Ich war dem hilflos ausgesetzt, konnte weder vor noch zurück und hoffte, daß bald jemand käme, der mich aus der kurzen Gefangenschaft erlöste.

Eine Drehtür zwingt den Benutzer zur Langsamkeit. Hektische Menschen kommen damit nicht klar und werden von der Tür sofort mit Einklemmen bestraft. Wer das Entreé rasant schaffen will, kann sich unter Umständen am Ausgangspunkt wiederfinden. Charlie Chaplin hat es in einem seiner Filme wunderbar komisch gezeigt.

Es gibt einen Witz von einem Betrunkenen, dem der Mann an der Bar wegen seines Zustandes nichts mehr ausschenkt. Er verläßt das Lokal, gerät aber durch den Schwung der Drehtür wieder in den gleichen Raum. Es bleibt dabei, daß er kein Glas mehr bekommt. Nachdem der Mann zum dritten Mal an der selben Theke landet, fragt er den Barkeeper verwundert: »Sagen Sie mal, gehören Ihnen denn alle Kneipen in der Straße!?«

Die Drehtür, diese Kreisfläche im Übergang, ist exterritoriales Gebiet. Man ist nicht mehr draußen, aber auch noch nicht drin. Es gibt eine kurze Phase des Alleinseins, des Nachdenkens, wenn der Benutzer seine stille halbe Runde dreht. Wenn er den Raum betritt, steht vielleicht schon jemand da und wartet, daß das Viertel frei wird. Man lächelt sich kurz an, und das Türenkarussell dreht sich weiter.

Wir leben unentwegt mit Menschen in gegenläufigen Bewegungen. Die Hälfte der Menschen geht oder fährt immer an der anderen Hälfte vorbei.

An der Drehtür wollen die einen raus und die anderen rein. Und manche sind auch draußen und kommen nie wieder rein.

Sprachdenkmäler

Wenig erinnert daran, daß jahrhundertelang deutsche Juden in unserem Land lebten, einige erhalten gebliebene Synagogen und vor allem Friedhöfe.

Aber noch auf einem anderen Gebiet spiegelt sich das einstige Leben wider: in unserer Sprache!

Einer meiner jüdischen Freunde schickte mir eine Liste mit umgangssprachlichen Begriffen und Redewendungen, von denen ich bei einer ganzen Reihe nie vermutet hätte, daß ihre Wurzeln im Hebräischen liegen. Diese Formulierungen gebrauchen wir bis zum heutigen Tag. Viele sind vom Hebräischen – mehr oder weniger verändert – ins Jiddische übernommen worden. Jiddisch entstand im Mittelalter, eine Mischsprache aus mittel- und oberdeutschen, aus semitischen und slawischen Elementen. Es gilt als die Umgangssprache der Ostjuden und wurde vor allem in Rußland, Polen und Galizien gesprochen. Mit der verstärkten Einwanderung um die Jahrhundertwende kam auch Jiddisch wieder mehr unter die Deutschen. Besonders groß ist der Anteil solcher Entlehnungen noch heute im Berliner Dialekt. In der Hauptstadt lebten die meisten ostjüdischen Familien, die ganze »Mischpoke«, wie die Familie im Jiddischen genannt wird. »Mischpacha« heißt sie auf Hebräisch.

Wenn Sie jemanden veralbern oder »veräppeln« wollen – und das kommt in den besten Familien vor –, dann hat das nichts mit »Äppeln« zu tun, es geht auf »ewil« zurück: »Dummkopf«.

Irgendwann kamen Sie sich bestimmt auch schon »belemmert« vor, d. h. Sie waren überrascht oder verdattert. In diesen Zeiten oft ein Normalzustand. Aber wer weiß schon, daß »b’li emor« »sprachlos« bedeutet!?

»Dufte« ist für mich der Inbegriff der »Berliner Schnauze«. In meiner Jugend sprach man von »duften Bienen«, von denen es in der Hauptstadt reichlich gab. »Dufte« aber kommt vom hebräischen »tow«, das »gut« oder »fein« bedeutet.

Wenn es irgendwo »haarig« zugeht, dann heißt das, eine ganz bestimmte Sache wird gefährlich. Und »harog« bedeutet auch »töten«.

Wenn mein Berliner Freund Pepe in den sechziger Jahren wissen wollte, ob das Mädchen, mit dem er mich im Café Corso sah, meine neue Freundin war, dann fragte er: »War det deine Ische?« Das Wort leitet sich ab von »Ejschess«, im Hebräischen »Weib« oder »Ehefrau«.

Auch »kess« hätte ich als Sprachschöpfung der Hauptstädter angesehen ... eben wegen der kessen »Berliner Jören«. Der achte Buchstabe des hebräischen Alphabets heißt »chess«, und daher stammt diese Bezeichnung.

Oder »Kies«, ein Synonym für »Geld« und ein berühmter Begriff aus dem Rotwelschen, der Gaunersprache, geht auf das Wort »kiss« zurück, das »Tasche« oder »Geldtasche« bedeutet.

»Ohne Moos nichts los!« – die Erfahrung haben Sie bestimmt auch schon gemacht! Heute mehr denn je! Der Spruch will nicht zum Ausdruck bringen, daß das Leben ohne das niedrige grüne Gewächs im Wald nicht lebenswert ist – jeder weiß, daß Scheine und klingende Münzen die Voraussetzung für angenehme Stunden sind. Die hebräische Vokabel für Geld ist »moess«.

Wenn es jemandem finanziell immer besser geht oder eine große Erbschaft angetreten wird, dann sagt man mitunter: »Mensch, hat der vielleicht einen Massel!« Jedem ist klar, daß hier einem Menschen das Glück hold ist. Von »mazal« wird dieses Wort abgeleitet. Genauso bekannt ist auch das Gegenteil von Glück, wenn einen scheinbar unentwirrbare Probleme plagen, dann gerät man in einen üblen »Schlamassel«!

Benimmt sich jemand besonders daneben oder gibt wunderliche Dinge von sich, dann sagen wir mitunter etwas deftig, der oder die hat »eine Macke«. »Maka« heißt »Hieb« oder »Schlag«, und tragischerweise kann sich auch unter ungünstigen Umständen nach einem entsprechenden Schlag solch ein Spätschaden einstellen ...

Vielleicht wohnt dieser Jemand in einem »Kaff«, einem »gottverlassenen Nest« also, und der Huf eines Pferdes hat ihn einst getroffen und die Denkstörung ausgelöst ... »Kfar« heißt »Dorf«, und dieses Wort steht in Israel vor dem Namen der jeweiligen kleinen Ortschaft. Mein Freund Alfred Glaser wohnte z. B. bis zu seinem Tode in Kfar Monasch.

Manchmal fühlen wir uns »mies«, vielleicht auch deshalb, weil sich jemand ausgesprochen »mies« benahm. »Miuss« heißt übersetzt »ekelhaft« oder »häßlich«.

Ein »Nassauer« stammt nicht etwa aus Nassau! Wer so genannt wird, ist ein »Schlitzohr« und lebt gern auf Kosten anderer. Man kann nicht gerade behaupten, daß dieser Typ Mensch auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten steht. »Nasson« heißt auf hebräisch »geben« oder »schenken«, und der »Nassauer« nimmt sehr gern und schlaucht sich so durchs Leben.

In heutigen Zeiten wird das Wort »Pleite« wieder häufiger gebraucht. Man macht »pleite« oder ist es. »Pleitje« heißt in der Sprache der Hebräer »Flucht«, und die folgt oft auf dem Fuß. Erinnern wir uns nur an den berühmten Pleitier Schneider!

Manchen »Ramsch« wollen uns die Kaufleute noch als »Schnäppchen« unterjubeln. Doch »ramo« heißt »betrügen«, und da kommen wir der Sache schon viel näher! Auch »Tinnef« könnten wir die sogenannten »Schnäppchen« nennen, und »tinnuf« bedeutet schlicht und einfach »Dreck«.

Zu Silvester wünscht man sich einen »Guten Rutsch« – selbst diese Formulierung stammt aus dem Hebräischen. Hier bedeutet »rosch« »Anfang«.

Aber die »Sauregurkenzeit«, die ist doch total auf deutschem Mist gewachsen? Irrtum! Der eingedeutschte Begriff leitet sich von »zarot«, »Sorgen«, und »jakrut«, »Teuerung«, ab.

In meiner Jugend war das Wort »Schäker« noch sehr verbreitet. Wer gern »schäkerte«, der »poussierte« oft mit dem anderen Geschlecht. Ein Witz aus den sechziger Jahren ging so: Walter Ulbricht war im Krankenhaus hervorragend gesund gepflegt worden. Die nette Krankenschwester durfte sich etwas von ihm wünschen.

Sie wünschte sich die Öffnung der Mauer für einen Tag.

Drauf der sächselnde Parteichef: »Na, du kleiner Schäker, du willst wohl mit mir alleine sein!?«

Wenn mein Freund Pepe über einen Witz besonders lachte, dann meinte er: »Det is ne Schote!« – »Schote« heißt »Narr«.

Leute, die viel »Stuß« reden, können einem mit der Zeit ganz schön zu schaffen machen. Auch das ist ein Wort aus jener Sprache, »schtut« bedeutet entweder »Unsinn« oder »Torheit«.

Dies sind bei weitem nicht alle Wörter und Redewendungen, die unser Sprachschatz aus dem Hebräischen bzw. Jiddischen in sich birgt, aber diese Beispiele zeigen, wie nahe einst Juden und Nichtjuden zusammenlebten und wie aufmerksam sie einander zuhörten.

Weitsicht

Im »Leipziger Jüdischen Familienblatt« vom Juli 1931 fand ich folgenden Witz:

Ein jüdischer Herr auf dem Finanzamt. Er hat Streit mit dem Steuerbeamten. Es kommt zu keiner Einigung über die zu zahlende Summe. Schließlich sagt er:

»Na, warten Sie nur, wenn das Dritte Reich da ist!«

Der Beamte lacht. »Ausgerechnet Sie sagen das? Was haben Sie denn Gutes zu erwarten?«

»Dann ist am Finanzamt ein Schild angebracht: Juden Eintritt strengstens verboten!«

Das war sozusagen vorgezogener Galgenhumor.

Volksmund

Ephraim Carlebach war einst ein bedeutender Rabbiner in Leipzig und gründete die Israelitische Schule in der Gustav-Adolf-Straße. Den Festvortrag im Jahr 1992 zur Gründung der nach ihm benannten Stiftung, die sich vor allem dem Leben und Werk jüdischer Leipziger widmet, hielt sein Neffe, Rabbiner Dr. Felix Carlebach aus Manchester. Ein Mann, schon über die Achtzig, aber mit einer Begeisterung auslösenden Jugendlichkeit. Temperamentvoll erzählte er vom Leben im Vorkriegs-Leipzig, sprach über die bedeutenden Leistungen in Kunst und Kultur, die großen Konzerte, die Theaterpremieren und Ausstellungen.

Schließlich kam er auf eine Schande besonderer Art zu sprechen: 1936 rissen die Nazis bei Nacht und Nebel das Denkmal von Felix Mendelssohn Bartholdy ab. In der Nacht vom 9. zum 10. November ... genau zwei Jahre vor dem Novemberpogrom 1938.

Und er erinnerte sich, welch schwarzen Humor der Volksmund, auf Mendelssohn gemünzt, für diese Barbarei parat hatte:

»Er war eine Kanone und er wird eine Kanone!«

Auf der anderen Seite der Barrikade

Friedl Heilbronner, eine Schwester des berühmten Regisseurs Max Ophüls, erzählte mir drei Begebenheiten aus der Geschichte ihrer Familie, die sich mir für immer eingeprägt haben.

Zunächst die heitere: Irgendwann im ersten Viertel dieses Jahrhunderts stand ihr Vater Leo Oppenheimer an einem 1. Mai in der Tür seines Konfektionshauses in Saarbrücken und schaute sich den Zug der Demonstranten an. Zu seiner großen Verwunderung entdeckte er plötzlich seinen eigenen Sohn Max darunter. Der hatte damals seinen Familiennamen noch nicht abgelegt. Stolz trug der Sohn des Unternehmers ein Transparent durch die Straßen: »Nieder mit dem Kapitalismus!«

Auch die Familie Oppenheimer mußte Deutschland nach dem Sieg der Nationalsozialisten verlassen. Leo Oppenheimer wurde bei einer Razzia in Frankreich im Keller eines Hauses entdeckt. Die SS-Leute fragten ihn als erstes, wovon er denn lebe, und dann mußte er seine Taschen ausleeren. Er sagte, daß er noch Reste seines Vermögens, das er mit seinem Konfektionsgeschäft in Saarbrücken verdient hatte, besitze. Sofort wurde einer der SS-Männer hellhörig und fragte nach dem Firmennamen.

»Bamberger und Hertz«.

»Das sind Sie?«

»Ja.«

Der SS-Mann zog aus seiner Tasche einen kleinen Reklamespiegel der Firma Bamberger und Hertz. Seine Eltern hatten dort stets alle Kleidung für ihn eingekauft. Der Schwarzuniformierte leistete sich einen Anflug von Menschlichkeit, nahm Oppenheimer das Geld und sagte: »Hau ab!«

Der Tochter Friedl Heilbronner gelang die Flucht nach Argentinien. Auf der Überfahrt sprach sie ein Deutscher an, sie meinte aber zu ihm, daß er nicht viel Freude an einem Gespräch mit ihr haben werde. Die Frage, was sie nach Argentinien führe, beantwortete sie mit einem knappen: »Das verdanke ich Ihrem Führer!« Daraufhin erzählte ihr der Mann, daß er von Beruf Ingenieur wäre und in Auschwitz zu tun gehabt hätte.

Das Fazit dessen, was er wußte, formulierte er so: Er habe jeden Glauben an die Menschheit verloren und könne mit seiner Familie nur noch im Urwald leben.

»U-Boote« in Berlin

Auf einem Klubabend für den »Verband ehemaliger Leipziger« in Tel Aviv lernte ich Inge Deutschkron kennen. Ich hatte schon von ihrem Buch »Ich trug den gelben Stern« gehört. Wieder nach Leipzig zurückgekehrt, las ich den spannenden und bewegenden Bericht über ihr Leben als jüdisches Mädchen in der Illegalität.

Mit ihrer Mutter überlebte Inge Deutschkron die Nazizeit mitten in Berlin. Die beiden zählen zu den etwa 1200 Jüdinnen und Juden in der Hauptstadt, die als »U-Boote« – so nannten sich die Untergetauchten – den Vernichtungslagern entgingen.

Und es hätten noch mehr überleben können, wenn SS und Gestapo nicht unentwegt auf der Jagd gewesen wären und wenn es nicht Menschen wie Stella Kübler und Rolf Isaaksohn gegeben hätte, die, um ihren Kopf zu retten, mit der Gestapo gemeinsame Sache machten ... Hunderte jüdische Frauen und Männer, die genaue Zahl läßt sich wohl nie mehr feststellen, haben diese beiden »Greifer« auf dem Gewissen.

Stella war eine schöne Frau. Sie wurde aber von jenen, die durch sie im KZ landeten, und von den Untergetauchten nur »Das blonde Gift« oder »Das blonde Gespenst« genannt. Peter Wyden aus den USA, der als Schüler in Berlin noch Peter Weidenreich hieß, hat ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben. Er ging mit ihr in die Goldschmidt-Schule und beschreibt sie als die »Marilyn Monroe unserer Schule«. Alle Jungs waren in Stella Goldschlag verknallt. Sie war künstlerisch begabt, konnte gut singen und schauspielern. Die Ausreise gelang der Familie nicht mehr, und so landete Stella schließlich als Zwangsarbeiterin in der Rüstungsindustrie.

Irgendwann wurde auch sie ein »U-Boot«, wurde von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Sie glaubte, daß sie ihre Eltern vor der Deportation retten könnte und ging deshalb auf Jagd nach jüdischen Frauen und Männern ... Für diesen Zweck erhielt sie sogar einen Revolver.

Ihre Eltern konnte sie nicht retten, aber ihr eigenes Leben erkaufte sie sich mit dem Tod unzähliger Menschen.

Nach dem Krieg war sie zehn Jahre in einem Straflager der Russen. Danach stand Stella Kübler in Westberlin noch einmal vor Gericht und wurde zu weiteren zehn Jahren Haft verurteilt. Peter Wyden, der ehemalige Mitschüler, hat sie in einer westdeutschen Kleinstadt aufgespürt und mit ihr gesprochen. Sein 1993 erschienenes Buch liest sich wie ein Kriminalroman. Nur ist die Geschichte nicht erfunden, die tragische Verstrickung einer deutschen Jüdin in die Vernichtung Berliner Juden hat sich tatsächlich so zugetragen. Wydens Klassenkameradin wurde vom Opfer zum Täter.

Ich las »Stella« zufälligerweise vor Ort, während eines mehrtägigen Gastspiels in Berlin. Ich saß in einem Café am Olivaer Platz, als ich las, daß es Stella an einem Tag gelungen war, aus einem der Cafés dort fast zwanzig Juden zu verhaften. Und ich schaute unwillkürlich zur Tür, als könnte »Das blonde Gift« noch in den Raum treten.

Mit ihrem Partner Rolf Isaaksohn oder allein war die bildschöne Frau zwischen Staatsoper und Café Kranzler unterwegs und hatte einen untrüglichen Instinkt für auftauchende »U-Boote«. Einige ihrer Opfer kannte sie sogar persönlich. Es gab wilde Verfolgungsjagden, bei denen sie von Gestapobeamten unterstützt wurde. Ein erschütternder Roman.

Ich dachte während des Lesens oft an Inge Deutschkron, die unter Umständen eines der Opfer von Stella hätte sein können. Inge Deutschkron lebt und arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin in Tel Aviv und Berlin. Während meines Aufenthaltes in der Hauptstadt hätte ich sie gern getroffen, sie in unsere Vorstellung zu den »Wühlmäusen« eingeladen und mit ihr über »Stella« gesprochen.

Leider bekam ich über ihre Telefonnummer keine Verbindung. Nach Erkundigungen erfuhr ich, daß sie inzwischen wegen zunehmender Drohanrufe und Beschimpfungen einen anderen, nicht öffentlichen Anschluß besaß.

Meine Frau besuchte mich in Berlin, und ich holte sie am nächsten Tag vom Bahnhof Friedrichstraße ab. Mit der S-Bahn fuhren wir Richtung Westen. Ich erzählte ihr die Geschichte von Inge Deutschkron, die sich wieder schützen mußte.

Bei der Nennung dieses Namens blickte eine Frau zu uns auf. Dann kommentierte sie leise das Gesagte, was ihr augenscheinlich bekannt war: »Sie hat ja auch allen Grund.«

»Kennen Sie Frau Deutschkron?«

»Eine Schulfreundin von mir.«

Unglaublich. In dem riesigen Berlin mit über drei Millionen Einwohnern begegneten wir in der S-Bahn ausgerechnet einer Freundin von Inge Deutschkron! Nun erzählte ich ihr in aller Kürze, denn uns blieben nur wenige Haltestellen bis zum Savignyplatz, wo und warum ich Inge Deutschkron kennengelernt hatte und daß ich mich mit der Geschichte jüdischer Familien in Leipzig beschäftige. Ich sagte ihr auch, daß ich sehr beeindruckt sei von Peter Wydens Buch.

»Peter Wyden ist mein Cousin.«

Meine Frau und ich sahen uns verblüfft an. Da hatte der Zufall auf ganz besondere Weise Regie geführt! Nun erzählte Ursula F., wie sie selbst als »U-Boot« in Berlin überlebt hatte.

In »Stella« ist auch ihre Geschichte aufgeschrieben.

Im August 1944 entdeckte sie am S-Bahnhof Gesundbrunnen ein Mann namens Behrend. Er war einer von Stellas jüdischen Gestapo-Kollegen. Ursula F. kannte ihn und war vor ihm schon gewarnt worden. Sie floh. Er verfolgte sie. In ihrer Verzweiflung sprang sie vor den einfahrenden Zug. Sie wurde schwer verletzt und kam ins jüdische Krankenhaus, wo sie mit Fieberschüben monatelang zwischen Leben und Tod schwebte. Dies alles rettete ihr aber schließlich das Leben, denn sie war nicht transportfähig. Im Juni 1945 konnte sie das Krankenhaus verlassen, für immer gehbehindert, aber am Leben! Ihre Eltern wurden in Auschwitz ermordet.

Savignyplatz. Wir mußten aussteigen, verabschiedeten uns in Eile und standen ganz benommen von dem Erzählten auf dem S-Bahnhof. Gerade so ein S-Bahnhof hatte das Schicksal von Ursula F. einst bestimmt ...

Gröfaz und Reichswasserleiche

Bei Gedenktagen und Gedenkreden über die unseligen Jahre deutscher Vergangenheit wird einer garantiert immer vergessen: der Volksmund. Sein Widerstand im Witz wird nirgends erwähnt. Niemand stiftet ihm ein Denkmal.

Ralph Wiener schreibt in seinem Buch »Als das Lachen tödlich war« über den Flüsterwitz im sogenannten Dritten Reich: »Er war ein Akt des Widerstandes von Menschen, die ansonsten ohnmächtig dem sie bedrückenden System gegenüberstanden.«

Wenn der Volksmund auch nicht in der vordersten Reihe des Kampfes gegen den Nationalsozialismus zu finden war, so blitzte der Geist pointierter Wortspiele doch in den zwölf Jahren in Wohnzimmern, auf Straßen, in Kneipen, Bussen und Läden verstohlen auf. Ein umgemünzter Begriff der täglichen Propaganda oder ein Witz unter Freunden, Bekannten oder Verwandten – das war ein Vertrauensbeweis, der im schlimmsten Fall zu einem Beweis vor Gericht werden konnte.

Und auch wegen eines Lachens konnte man ein Urteil kassieren. Die auffordernde launige Frage »W

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