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Cuba Linda

Für Armando und die Anderen

»Der Mensch kann nicht von der Geschichte leben. Man braucht materielle Güter, geistige Nahrung und tatsächliche Zukunftsaussichten um leben zu können, aber vor allem einen Freiraum, den wir alle unter dem Begriff ›Freiheit‹ kennen.«

Vladimir Roca, Félix Bonne, René Gómez, Marta Beatriz Roque

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Inhalt

Das Rumherz

Rumbero

Cuba Linda

Dignidad

Hambre

Der Letzte der Schmetterlinge

Für Glück

Nachwort von Bernhard Lassahn

Glossar

 

Das Rumherz

Kuba, Havanna 1991

El Africano sah den jungen Mann als Erster. Sie nannten ihn so, weil er sehr schwarz war und irgendeine Rolle bei den Santerias spielte.

»Sieh dir das an«, sagte er und deutete nach vorn durch die verschmierte Scheibe.

Sein Partner hob den Blick von der Zigarette, die er aus Granma-Papier drehte, und folgte mit den Augen dem ausgestreckten Zeigefinger.

»Könnte was dran sein«, sagte er und fuhr mit der Zunge über das Papier.

Der Afrikaner ließ den Wagen an.

Der junge Mann ging langsam die Infanta hinunter in Richtung Malecon. Er hielt den Kopf gesenkt, aber ihm entging nichts. Über seiner linken Schulter trug er eine Tasche mit der Aufschrift einer ausländischen Sportartikelfirma. Als er den Polizeiwagen aus der Calle D in die Infanta einbiegen sah, wusste er, das er etwas falsch gemacht hatte.

Er hätte diese auffällige Tasche nicht mitnehmen sollen. Er sah, dass der Wagen von der Brigada Especial war. In ihr dienten die Härtesten und Grausamsten und dabei die Intelligentesten. Sie fuhren auf der anderen Straßenseite langsam in Richtung Cerro, und er dachte, dass alles in Ordnung war. Er zwang sich, nicht den Kopf zu drehen und ging schneller.

Am Ende der Straße, hinter dem Malecon, sah er das Meer, grau, mit hohen Wellen und weißer Gischt, die über die Ufermauer drängte. Der Himmel darüber war niedrig, fast schwarz. Es war Dezember und sehr stürmisch und kühl. Als er das Motorengeräusch hinter sich hörte, wusste er, dass nicht alles in Ordnung war. Er lächelte ein wenig und fühlte sich müde.

Sie stoppten ihn vor dem schmutzigblauen Gebäude von Radio Progreso – eine weiße Hand, die sich ihm durch das Seitenfenster des Wagens entgegenstreckte und eine nachlässige Geste vollführte. Er blieb stehen und sie stiegen aus. Sie kamen ihm irgendwie lächerlich vor in ihren zu engen blauen Uniformen. Es war ihnen verboten, dick zu werden, weil es keinen Stoff gab, um sie neu einzukleiden. Ihre Augen und die tschechischen Automatiks an ihren Hüften waren so lächerlich wie der Tod. Er stand still und sah ihnen entgegen.

Der afrikanisch aussehende Mann war klein und hager und hatte drei Streifen auf dem Ärmel, der andere war ein Weißer mit hellen Augen und zwei Streifen. Sie bewegten sich, als hätten sie alle Zeit der Welt.

»Wie heißt du?«, fragte der Afrikaner.

»Juan Velasquez«, sagte der junge Mann. Er war spanischer Abstammung und der Afrikaner nahm es wahr. Er sah es in seinen Augen.

»Was hast du in deiner Tasche?«

Juan Velasquez biss sich auf die Unterlippe und wich den Augen des Mannes aus. »Mein Herz«, sagte er leise.

Der Weiße lachte. Es klang nicht spöttisch oder bedrohlich, er stand einfach nur da, mit den Händen an den Hüften, und lachte. Der Afrikaner bewegte eine Hand, und Juan gab ihm die Tasche.

»An den Wagen.«

Er kannte die Zeremonie, er legte beide Hände gegen die Dachkante und spreizte die Beine. Der Weiße hörte mit dem Lachen auf und klopfte ihn ab, und als er das Schweizer Messer fand, sagte er: »Ein Luxuskubaner.« Seine Stimme war tief und dunkel und ohne die üblichen harten Kanten. Juan Velasquez spürte Kälte zwischen den Schulterblättern, die langsam über sein Rückgrat kroch. Er starrte angestrengt über das Dach des Polizeiwagens und sah die Cafeteria Las Vegas auf der anderen Straßenseite mit der Schlange von Leuten davor. Es schien Kaffee zu geben. Einige blickten kurz herüber und drehten sich dann schnell wieder weg.

»Oka«, hörte er die dunkle Stimme. Er löste sich von dem Wagen und wandte sich um.

Der Weiße hielt sein Messer und seinen Ausweis in den Händen und der Afrikaner zog den Verschluss der Tasche auf.

»Wie ich’s mir gedacht habe«, sagte er ruhig, »ein mieser kleiner Schwarzhändler.«

Eine Flasche vom besten Añejo-Rum verließ die Sporttasche und der Afrikaner stellte sie mit dramatischer Langsamkeit auf die Kühlerhaube des Wagens.

»Ein echter Kubaner, das muss ich schon sagen. Ein Herz aus Rum. Das hast du ganz nett gesagt, mein Sohn.«

»So echt ist der gar nicht, ich habe noch nie einen Kubaner getroffen, der so ein Ding in der Tasche hatte, und mit Taschen kenne ich mich aus.«

Der Weiße hatte das Schweizer Messer aufgeklappt und sein Erstaunen war echt beim Anblick der nützlichen Gerätschaften, die nach und nach aus den roten Griffschalen klickten. Zwei Messerklingen, Dosenöffner, Korkenzieher, Flaschenöffner, eine kleine Schere, eine Säge, Schraubenzieher, Dorn, eine Lupe, Pinzette, Zahnstocher und einiges mehr.

»Und sein Rumherz hat einen Haken«, sagte der Afrikaner. In seiner Stimme war eine kleine, harte Kante. »Diesen Rum gibt es nur in Devisenläden zu kaufen, und wie dir sicher bekannt ist, dürfen Kubaner keine Dollars besitzen. Wo hast du ihn her?«

Er war einen Schritt näher getreten und blickte Juan in die Augen. Du würdest es verstehen, wenn ich es dir erzähle, dachte der junge Mann, diese Dinge passieren jeden Tag in Havanna, du kennst sie besser als ich, aber ich muss Celia aus der Sache heraushalten, und was wirklich geschehen ist, würdest du sowieso nicht verstehen.

Juan Velasquez schloss für einen Moment die Augen und er fühlte den Wind, der an seiner dünnen Jacke zerrte und kalt über seine Haut strich. An einem solchen Tag, mit dem Wind, den sie El Norte nennen, hatte er Celia kennengelernt. Er war von der Arbeit gekommen und am Hotel Habana Libre vorbeigegangen, und sie hatte ihn angesprochen, schüchtern und mit leiser Stimme, eine zierliche Mulata mit grünen Augen. Im ersten Augenblick hatte er sie für eine von den Jineteras gehalten, die immer um das Hotel herumstreichen, aber dann war ihm eingefallen, dass Huren keine Kubaner ansprechen, weil die keine Dollars haben. Und sie benutzte die offizielle Anrede, »Compañero«, Genosse.

»Compañero, entschuldige, ich kenne mich nicht mehr aus, vielleicht kannst du mir helfen.«

Er hatte sie angesehen, ruhig und genau, wie es seine Art war, und als er den Wind nicht mehr spürte, hatte er gedacht, wenn hier einer Hilfe braucht, bin ich es, Chica. Als er sprach, achtete er sorgsam auf seine Worte, er wollte alles richtig machen und nichts verderben.

Sie war vor zwei Tagen aus einem Dorf im Landesinneren gekommen und wohnte bei einer Freundin in La Quintica im Barrio Cerro. Sie hatte sich verlaufen und wusste nicht, welchen Bus sie nehmen musste, um zurückzufahren.

»Gar keinen«, hatte er gesagt und Verstehen und Zustimmung in ihren grünen Augen gesehen. In La Quintica konnte man nicht leben. Wer in dieser Elendssiedlung hauste, die von den Leuten Suciolismo genannt wurde, war ganz unten angekommen.

»Ich werde mir Arbeit suchen«, sagte sie, »arbeiten kann ich, und wenn ich genug Geld gespart habe, miete ich mir eine Wohnung. Sie muss nicht groß sein, aber sie muss ein richtiges Bad haben.«

Den Traum vom Bad trug sie mit sich herum, seit sie in einem Film eine Schauspielerin in einer Badewanne gesehen hatte, die ganz mit Schaum gefüllt war.

»Diesen Schaum muss ich haben, ohne den geht es nicht, und wenn ich eine Tienda überfallen muss, das Zeug muss her.«

Sie mussten beide lachen, aber er erzählte ihr nicht, dass sie keine Wohnung finden würde. Es gab keine. Wenn sie doch eine fand, würde irgend jemand eine solide Bestechungssumme von ihr verlangen. Und sie würde sehr viel Geld verdienen müssen, um alle nötigen Dinge auf dem Schwarzmarkt einzukaufen. Er sagte ihr nicht, dass sie keine Chance hatte, und diese keine Chance dachte er weiter und weiter und es war schrecklich am Schluss, und er musste es abschütteln wie ein nasser Hund.

Am Abend hatte sie ihre Wohnung. Sie standen an der niedrigen Ufermauer des Malecon und er hielt sie in seinen Armen, und das Meer unter ihnen war glatt und still, als hätte es den Wind nie gegeben. Die frühe Dunkelheit schützte sie und er konnte ihr alles sagen, was er sich aufgespart hatte für einen solchen Augenblick.

In der Mittagspause am nächsten Tag fuhr er mit dem Lastwagen der staatlichen Zementfirma, für die er arbeitete, raus nach La Quintica und holte sie ab. Sie freute sich, als er kam, und während der Fahrt nach Centro Habana verwechselte er einige Male die Gänge, es krachte furchtbar in dem alten Getriebe, aber das war nur, weil sie ihn küsste und in seinen schwarzen Locken herumspielte und wunderbare Dinge sagte.

Als sie in der Calle Espada ankamen, sagte sie: »Ich habe ein bisschen Angst.«

Er küsste die Innenfläche ihrer Hand. »Das ist ganz natürlich, und wenn du mir genau sagst, wovor du Angst hast, kann ich besser auf dich achtgeben.«

»Vor deiner Mutter.«

»Ay, Chica, sie ist eine wunderbare Frau, eine Campesina vom Land mit großem Herzen.«

»Aber sie ist weiß, und ich bin eine Negerin.«

»Du bist die hässlichste alte Negerin, die ich kenne und meine Mutter hasst alte Negerinnen, weil die Zigarren rauchen und Rum trinken und auf die Santerias gehen.«

Für die Dauer eines Wimpernschlags sah er tiefes Erschrecken in ihren Augen, aber dann war es weg und sie sagte: »Du widerlicher Spanier mit deinem widerlichen schönen, weißen Gesicht.«

Als sie die Wohnung betraten, sagte Juans Mutter: »Komm rein, hija, und fühl’ dich wie zu Hause.« Sie war eine rundliche Frau mit grauen Strähnen in dem schwarzen Haar und Lachfalten in den Augenwinkeln.

Das Mädchen lächelte und sagte: »Ich danke Ihnen, Señora.«

Juan zeigte ihr das Zimmer. Es war groß genug für zwei, wenn sie sich lieben, sehr hell, mit roten Vorhängen an den Fenstern, einem kleinen Bücherregal, einem Schrank und einem breiten, bequem aussehenden Bett. Alles sah sehr aufgeräumt und wie frisch geputzt aus.

An einer Wand hing ein hoher Spiegel mit geschnitztem Holzrahmen. Sie stellten sich davor und fanden, dass sie mit Sicherheit das bestaussehende Paar im ganzen Viertel waren. Nur zum Anziehen braucht sie ganz schnell etwas Neues, dachte Juan, in diesen alten, zerschlissenen Klamotten kann ein Mädchen sich nicht wohlfühlen.

Er führte sie über den Flur, an dessen Ende er eine Tür öffnete. »Zu Ihren Diensten, meine Dame.«

Es war ein Bad, rosa und blau gekachelt, mit einer Badewanne, in der zwei Leute, wenn sie gern eng beieinander lagen, ausreichend Platz fanden.

»Das ist noch schöner, als ich mir vorgestellt habe«, sagte sie leise.

»Das freut mich, aber es fehlt das Wichtigste.« Sie sah ihn fragend an. »Der Badeschaum.«

»Du Quatschkopf.« Sie legte die Arme um seinen Hals und küsste ihn, und der Nachbar von gegenüber, der sie durch das geöffnete Fenster sah, drehte ein bisschen an dem Lautstärkeregler seines Radios. Ein Bolero klang zu ihnen herüber, die weiche, warme Stimme des Brasilianers Roberto Carlos, und sie vergaßen für eine Weile den Badeschaum und einiges mehr.

Als Juan Velasquez ein paar Tage später wieder klar denken konnte, rief er eine Nummer in Habana Vieja an und fragte nach Manuel. Am Abend klopfte er an die Tür eines verfallenen Hauses aus dem 18. Jahrhundert und eine alte Frau führte ihn in ein anderes verfallenes Haus, in dem er eine längere und ernsthafte Konferenz mit zwei Männern abhielt, die ihm eine Zigarette anboten.

Am nächsten Abend erhielt er einen Anruf und traf sich mit einem der beiden Männer in der Buchhandlung Maxim Gorki. Von dort fuhren sie in einem alten Buick nach San Francisco de Paula, und als Juan wieder zu Hause war, trieb ihn aufgeregte Eile.

Er hatte Glück, es gab gerade Wasser. Er traf seine Vorbereitungen, und als er fertig war, rief er: »Es ist angerichtet, Princesa de los ojos verdes.«

Sie kam herein, und ihre Augen wurden groß. »Du musstest es nicht für mich tun«, sagte sie ohne viel Stimme.

Er grinste. »Ich hab’s für mich getan.«

Sie sah ihn an, ein wenig scheu, schamvoll, als gehöre es sich nicht, vor einem Mann im hellen Licht der Lampe die Kleider herunter zu lassen, und er sagte: »Rein mit dir.«

Seine Stimme klang heiser. Sie knöpfte langsam ihre Bluse auf, streifte sie über die Schultern und ließ sie fallen, immer mit den Augen auf seinem Gesicht, und dann glitt sie aus dem Rock, mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung, und aus dem kleinen Nichts, das sie darunter trug.

Seine Kehle wurde eng. Er erblickte sie so zum ersten Mal außerhalb des Halbdunkels seines nächtlichen Zimmers, sah die vollkommen glatte, dunkle Haut, auf der ein zarter Glanz lag, die filigrane Eleganz der Gliedmaßen, die eine Spur zu lang schienen, und diese apfelförmigen Rundungen, wie sie nur die Mulatas haben.

Sie trat langsam an die Badewanne, hob das rechte Bein und tauchte die Zehen hinein, vorsichtig wie eine Katze, die ihre Krallen nach etwas Unbekanntem ausstreckt.

Juan Velasquez setzte sich auf den Rand der Badewanne und über Wolken von Schaum leuchteten sonderbar hell die grünen Augen, und er vergaß sehr schnell, dass er ein Viertel seines Monatslohnes ausgegeben hatte.

Er musste jetzt mehr verdienen, das war ihm klar.

Mit den freiwilligen Überstunden, zu denen sie alle im Betrieb verpflichtet waren, brachte er es auf 160 Pesos. Die Hälfte davon gab er seiner Mutter. Den Rest schluckte der Schwarzmarkt. 10 Pesos für eine Schachtel Zigaretten Populares, die offiziell 1,60 kostete, 40 Pesos für eine Flasche gepanschten Rum. Manchmal erwischte er ein halbes Huhn oder ein Pfund Bohnen. Selten etwas Milchpulver oder gemischten Kaffee. Hinter all diesen bolsa negra-Geschäften stand die Angst vor dem Gefängnis. Er hatte gelernt, damit zu leben, aber oft lag er nachts wach und dachte, dass er es vielleicht schaffen könnte bis Miami. Viele hatten es geschafft, aber viele waren auch ertrunken auf dem Weg nach drüben in ihren kleinen Booten und auf den Flößen und Gummischläuchen. Die meisten wurden von der Küstenwache abgefangen und landeten in Gefängnissen oder Arbeitslagern. Er dachte an seine Mutter und seine Schwester und daran, dass sie den Druck und die endlosen Verhöre nicht durchstehen würden, wenn er sich absetzte.

Jetzt hatte er eine Sorge mehr, aber die hatte grüne Augen und wenn er sie in seinen Armen hielt, nachts, in dem bequemen alten Bett, war alles gut.

Er machte jetzt noch mehr freiwillige Überstunden und brachte 190 Pesos nach Hause. Einige Male war er am Steuer des alten Zementlasters fast eingeschlafen. Aber er hatte ein Ziel. Ein Paar Schuhe für sein Mädchen. Dafür brauchte er Dollars und einen Touristen, einen Ausländer, der mit Celia in einen der Devisenläden ging und vorgab, ihr die Schuhe zu schenken.

An einem windigen Sonntagnachmittag standen sie vor dem Kino Payret am Parque Central und warteten auf die Öffnung der Kasse. Unter dem Kino gab es einen Jazzclub. Juan hatte erfahren, dass der alte Sandoval kommen würde, er wollte diesen Mann, dem die Jahre anscheinend nichts anhaben konnten, am Piano erleben und alles seinem Mädchen zum Geschenk machen. In der Schlange vor der Kasse stand ein Ausländer, ein älterer Mann, der sich mit einem dunkelhäutigen Jungen unterhielt, von dem Juan wusste, dass er ein großer Congatrommler war. An seinem Akzent hörte er, dass es sich bei dem Mann um einen Deutschen handelte. Die Kasse wurde geöffnet, die Leute drängten nach vorn und es wurden genau fünfzehn Karten verkauft.

Es gab Proteste und Fragen und die Kassiererin sagte: »Schon alles besetzt.«

»Verdammt«, schrie ein alter Mann, »wer sind wir denn? Wir sind das Volk und nicht die, die jetzt schon gemütlich da unten in dem Club sitzen! Wir haben hier stundenlang gestanden in dem Wind und gewartet und genau gesehen, wer sich da schon runtergeschlichen hat.«

»Tut mir leid«, sagte die Kassiererin, »tut mir wirklich leid«. Sie sah aus, als meinte sie es ernst.

Die Leute schrien alle durcheinander und über dem Geschrei hörte Juan die tiefe, ruhige Stimme des Deutschen. »Vamonos, das sehen wir uns an.« Er öffnete die Glastür des Kinos und die Leute folgten ihm durch die Halle. Vor der Treppe, die zu dem Jazzclub hinunterführte, stand ein Junge in der Uniformjacke der Kartenabreißer. Er öffnete die Sperrkette und ließ ein paar Leute durch, die Karten vorzeigten, aber einige zeigten gar nichts vor und gingen die Treppe hinunter, ohne ihn auch nur anzusehen. Er ließ sie mit einem Kopfnicken passieren. Großkotze, dachte Juan, Söhne und Töchter von Parteiärschen, und der alte Mann, der vorher ›wir sind das Volk‹ geschrien hatte, sagte: »Klar, so läuft das hier. Na, das kennen wir ja.«

»Tut mir leid«, sagte der Junge leise und sah ihn scharf an, und Juan empfand Mitleid und Sympathie für den kleinen Kartenabreißer. Weil er den Blick deuten konnte: Halt bloß die Schnauze, Alter, hier laufen zivile Greifer rum!

Der alte Mann hatte verstanden und blickte kurz hinter sich. »Muss dir nicht leid tun, Chico, kannst nichts dafür. Aber lass doch wenigstens diesen Ausländer rein«, er deutete auf den Deutschen, »der ist von ziemlich weit hergekommen und jetzt steht er vor verschlossener Tür. Was soll der bloß von Kuba denken?«

»Das ist richtig«, sagte der Junge nach einigem Zögern und wandte sich an den Deutschen. »Sie bezahlen ja mit Dollars, gehen Sie einfach an die Kasse und holen Sie sich eine Karte, kein Problem.«

Juan sah, wie der Mann die Farbe wechselte. Röte kroch an seinem Hals hoch und breitete sich schnell über sein Gesicht. »Wie war das?«, fragte er leise. Die Leute starrten ihn an, und es wurde sehr still. »Ich mit meinen Scheißdollars«, seine Stimme wurde lauter, »kriege, was ich will und die Leute hier«, er deutete auf die Umstehenden, »denen das Land und dieses Kino und der verdammte Jazzclub gehört, kriegen einen Scheißdreck. Danke für dein Angebot, junger Mann, besten Dank.«

Er ließ den Rest seiner Zigarre auf den Boden fallen und trat ihn aus, und der Junge drehte an den Knöpfen seiner Uniformjacke herum.

»Schon gut«, sagte er etwas ruhiger, »hab’ den Falschen angeschrieen, tut mir leid. Viel Glück, Junge.«

Er wandte sich ab und ging in Richtung Ausgang, und ein paar Leute applaudierten zaghaft.

Das ist mein Mann, dachte Juan.

»Komm, mein Mädchen, mit dem will ich reden.«

»Warum? Meinst du, dass er ein Held ist?«

»Aber nein, Ausländer haben hier Narrenfreiheit, weil das Land ihre Dollars braucht.«

»Aber ich hätte so gern die Musik gehört.«

»Ich auch. Komm!«

Sie folgten dem Deutschen, der in Richtung Parque Central ging, einem Platz mit ein paar hohen Palmen, schütteren Grasflächen und Steinbänken, auf denen alte Männer saßen. Der Deutsche blieb bei dem Baseball-Debattierclub stehen – ein oder zwei Dutzend Männer, die laut und mit Temperament den kubanischen Baseball auseinandernahmen und so die Zeit herumbrachten. Juan wusste, dass es gefährlich war, Ausländer anzusprechen, das hier war Touristenland, auf der einen Seite das Hotel Inglaterra und auf der anderen das Plaza und dazwischen kreisten Wagen der Brigada Especial.

Er sprach den Mann auf deutsch an, und der Mann lachte: »Sie sind in dieser Woche schon der Dritte.«

»Was meinen Sie?«

»Der dritte Kubaner, der deutsch wie ein Sachse spricht. DDR-Ausbildung, nehme ich an.«

»Ja«, sagte Juan, »ich war vier Jahre in Leipzig, Schlosser mit Schweißerbrief.«

Der Mann hatte aufgehört zu lachen und sah ihn nachdenklich an. Juan bemerkte eine Spur von Traurigkeit in seinen hellen Augen.

»Sie sprechen ausgezeichnet deutsch«, hörte er die tiefe Stimme, »aber ich kann nichts für Sie tun, gar nichts.«

Juan fühlte, wie das Blut ihm ins Gesicht stieg und ganz langsam der Mann in ihm starb. Er sieht’s mir an, dachte er, er sieht mir den verdammten Bettler an, und war froh, dass Celia nicht verstand.

»Schon gut«, sagte er mit einiger Mühe, »tut mir leid, vergessen Sie’s.« Er nahm Celias Hand und zog sie mit sich, und sie gingen in Richtung auf die Bushaltestelle am anderen Ende.

»Was war?«, fragte Celia.

»Nichts von Bedeutung.«

Sie sah ihn von der Seite an, aber er wich ihren Augen aus und blickte starr nach vorn, ohne viel zu sehen. Hinter sich hörte er die Stimme des Deutschen. »Warten Sie!«

Er drehte sich um, immer noch mit Celias Hand in der seinen. Ein paar Leute blickten verstohlen herüber.

»Entschuldigen Sie bitte, wenn Sie mögen.« Juan dachte, dass der Mann zu laut sprach. »Ich werde es Ihnen erklären, kommen Sie, ich lade Sie beide auf einen Drink im Inglaterra ein.«

Juan schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass Kubaner da reindürfen.«

Der Deutsche lachte leise und ohne Überzeugung, und wieder war in seinen Augen diese Spur von Traurigkeit. »Doch, doch«, sagte er mit falscher Munterkeit, »ein Kubaner darf in einem kubanischen Hotel in Begleitung eines Ausländers, der mit Dollars bezahlt, einen Drink nehmen. Kommen Sie.«

»Aber da hocken doch bestimmt Typen von der Staatssicherheit herum, ich will mit denen nichts zu tun haben.«

»Was will er?«, fragte Celia und drückte seine Hand.

»Der Herr lädt uns auf einen Drink im Hotel Inglaterra ein.«

»Das da drüben?« Sie machte eine kleine Bewegung mit ihrer freien Hand.

»Ja«, sagte er und wollte ihr sagen, dass sie da nicht hingehen sollten, weil zivile Greifer sie beobachten würden und dass es ein großer Haufen Scheiße sei, auf die Gnade eines Ausländers angewiesen zu sein. Ein Drink, ein Rum oder ein Bier, die es für Kubaner schon lange nicht mehr gab, und sie müssten nehmen, was er ihnen zahlte. Das geht nicht, meine Prinzessin mit den grünen Augen, ich stehe da wie ein Idiot, ich bin dein Mann, dein Mann, verstehst du, el hombre de la mano vacia, der Mann mit den leeren Händen, erspar es mir, ich reiß mir den Arsch auf, um dich glücklich zu machen, aber das hier geht nicht.

Sie betrachtete das große, schöne, alte Gebäude auf der anderen Seite und Juan sah ein jähes Leuchten in ihren Augen, das gleich wieder verschwand, und sie sagte: »Gehen wir.«

Sie durchquerten den Park, und als sie vor dem Hotel ankamen, sah er einen Uniformierten vor der Tür stehen und ein paar Figuren in Guayaberas, die gelangweilt an ihren Schnurrbärten herumzupften und scharf gebügelte Hosen trugen. Der Deutsche ging ihnen voran. Er öffnete die Tür, und sie betraten das Hotel Inglaterra. Rotgesichtige Europäer saßen in der Halle und blickten sie ohne Neugier an, und ein paar dicke Mexikaner, die schon ziemlich hinüber waren, lachten zu laut und ließen eine Flasche herumgehen.

Von irgendwo aus dem Hintergrund klang Musik herüber, ein Klavier, jemand spielte das Lied von der Negra Tomasa, die einen Kerl mit ihrer schwarzen Magie vollkommen verzaubert hatte, jeder Kubaner kannte es, und Juan lächelte ein wenig und drückte Celias Hand. Das Lächeln verließ sein Gesicht, als sie an dem älteren Mann in der beigen Guayabera vorbeigingen, der sie scharf und ganz offen musterte.

»Kommen Sie«, sagte der Deutsche und machte eine einladende Handbewegung.

Celia blieb stehen, als sie die Bar betraten, und Juan fühlte, wie alles an ihr starr und steif wurde. Langsam löste sich ihre Hand aus der seinen.

»Ay«, sagte sie leise und Juan dachte, verdammt, ach verdammt, und er sah den hohen Räum mit den spanischen Kacheln an den Wänden, den Azulejos, die eine eigene Leuchtkraft zu haben schienen, und weiter hinten die goldene Statue der Fandango-Tänzerin mit einem sehr lebendigen Schwung in den Hüften, und hinter der langen Theke hantierten junge Männer in weißen Jacken mit Flaschen und Gläsern und silbern glänzenden Gerätschaften.

Der Pianist, ein grauhaariger, dunkler Mann in einem mitternachtsblauen Jackett, verließ mit einem eleganten Schlenker die Negra Tomasa, und seine Finger tupften etwas in die Tasten, das aus einer anderen Zeit zu kommen schien. Dabei blickte er auf das Mädchen in dem verwaschenen Kleid, das steif im Eingang der Bar stand.

»Duke Ellington«, sagte er mit einem breiten Lächeln. Das Mädchen lächelte zurück und ließ sich mit ihrem Begleiter von einem Ausländer an einen Tisch führen. Sehr schnell kam ein Kellner, der wie maßgeschneidert aussah in seiner roten Jacke mit den goldenen Knöpfen und mit weißen Zähnen den Deutschen anlächelte. »Señor?«

Ein Schatten glitt über das Gesicht des Mannes. Seine rechte Hand vollführte eine Bewegung, die Celia und Juan galt. Das Lächeln verblasste, und die Augen des Kellners wurden stumpf. »Sie wünschen?«, fragte er steif und ohne die beiden direkt anzusehen. Juan spürte, wie seine Kiefermuskeln hart wurden, und er bedauerte, diese Einladung angenommen zu haben. »Rum mit Eis«, sagte er etwas zu laut, »und für die Dame einen Mojito.«

Der Deutsche bestellte Whisky. Als der Kellner gegangen war, sagte er in seiner Sprache: »Es tut mir leid.«

»Nicht nötig«, Juan schüttelte den Kopf, »es sind die Umstände und die Dollars, irgendwie kann ich es verstehen. Aber Sie wollten mir etwas erklären.«

»Vergessen Sie es. Lassen Sie uns in aller Freundschaft ein paar Drinks nehmen und sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann.«

Juan blickte dem Mann aufmerksam in die Augen und was er sah, gefiel ihm nicht. Die Augen wichen seinem Blick aus. »Sie wollen sich drücken«, sagte er, »warum?«

Das Mädchen hatte den Stimmungsumschwung bemerkt und beobachtete still die beiden Männer, von denen der eine ihr jetzt ein wenig fremd erschien mit dieser so seltsam klingenden Sprache, von der sie nicht gewusst hatte, dass er sie sprach. Er und dieser Fremde hatten etwas gemeinsam, das sie verband oder zu Feinden machen konnte und sie gehörte nicht dazu. Für einen kurzen, heftigen Moment war sie sich ihrer Hautfarbe und ihres Aussehens bewusst. Sie fühlte eine jähe, dumpfe Müdigkeit und wandte sich ab, um wieder die Leute in der Bar anzusehen und den Pianisten, der ihr zulächelte. Ein eleganter, dunkler Mann in einem mitternachtsblauen Jackett.

»Sie haben recht«, sagte der Deutsche, »ich will mich drücken. Vergessen wir diese blöde Erklärung, sie würde Ihnen nicht gefallen und auch nichts ändern.«

Juan schüttelte leicht den Kopf.»Ich kann es ertragen, ich kann eine Menge ertragen, und ob es mir gefällt oder nicht, spielt keine Rolle, wenn es ehrlich ist. Und das, was Sie sagen wollten, betrifft auch mich, und darum habe ich ein Recht, es zu erfahren.«

Der Mann sah ihn lange und nachdenklich an. »Nun gut, wenn Sie darauf bestehen. Aber es könnte Sie kränken.«

»Das Risiko gehe ich ein, aber ich denke, dass Wahrheit nicht kränkt.« Pathos, dachte Juan, als er das sagte, aber so sind wir Latinos: große Worte für kleine Dinge.

»Wir werden sehen, junger Mann. Wissen Sie, ich bin hier kein normaler Mensch, ich bin immer der Ausländer mit den Dollars, ich bin der Schlüssel zu den Devisenläden, und keiner sucht meine Bekanntschaft ohne Hintergedanken. Und ich muss mitansehen, wie Menschen Fremde in ihrem eigenen Land werden, weil man die guten Plätze, Restaurants, Strände, Bars, das gute und reichliche Essen den Ausländern gibt, und sie selbst dürfen den Mangel verwalten. Das erzeugt Abneigung und Hass, ich habe es erlebt. Und es macht mich traurig, sehen zu müssen, wie sie ihre Würde aufs Spiel setzen, um an ein Paar Tennisschuhe, ein Stück Seife oder eine Schachtel Zigaretten zu kommen. Es macht mich traurig und krank.«

Der Deutsche blickte ihm sehr genau ins Gesicht und suchte nach einer Reaktion auf seine Worte, suchte den Zorn oder den Hass, deren verlängerter Arm ein Messer sein konnte, aber die dunklen Augen des Kubaners waren leer und flach und ganz ohne Leben. Ich habe ihn verletzt, dachte er, ich habe ihn tief verletzt, warum habe ich nicht mein verdammtes Maul gehalten. Durch die Geräusche, die Stimmen, das Klappern von Gläsern und Kaffeetassen hörte er, wie der Pianist jetzt Ellingtons Caravan spielte. Der junge Mann ihm gegenüber schien durch ihn hindurchzublicken, und sein spanisches Gesicht war sehr weiß, mit rötlichen Flecken auf den Wangenknochen.

»Ich scheiß auf die Würde«, sagte Juan so leise, dass der Deutsche ihn kaum verstand, »von meiner Würde kriegt mein Mädchen nichts zum Anziehen. Es tut mir natürlich leid«, sein Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln, »wenn der Verlust meiner Würde Sie krank und traurig macht, aber Ihre Traurigkeit darf mich nicht interessieren, mich interessiert nur, wie ich meinem Mädchen ein paar anständige Klamotten verschaffen kann. Und dazu sind Sie der Schlüssel, genau, wie Sie gesagt haben.«

»Gut rausgegeben, ich weiß Ihre direkte Art zu schätzen, und Wahrheit kränkt ja bekanntlich nicht.« Der Deutsche lächelte. »Ich werde Ihrem Mädchen etwas zum Anziehen verschaffen. Sie ist sehr schön, Sie müssen ein glücklicher Mann sein.«

»Danke«, sagte Juan Velasquez, und die rötlichen Flecken verblassten langsam auf seinem Gesicht. Er wandte sich an Celia. »Komm her.«

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