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Operation Heartbreaker 6: Crash – Zwischen Liebe und Gefahr

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Suzanne Brockmann

Operation Heartbreaker 6:
Crash – Zwischen Liebe
und Gefahr

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Verena Bremer

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PROLOG

Crash Hawken rasierte sich auf der Herrentoilette.

Zwei volle Tage lang hatte er im Krankenhaus in Washington D.C. Wache gehalten. Mit Dreitagebart, langem Haar und verbundenem Arm sah er jetzt noch gefährlicher aus als sonst.

Er hatte das Krankenhaus nur verlassen, um sein Hemd zu wechseln – jenes Hemd, das durchtränkt gewesen war mit dem Blut von Admiral Jake Robinson. Bei dieser Gelegenheit hatte er sich auch die Datei angesehen, die Jake ihm per E-Mail geschickt hatte. Wenige Stunden, bevor der Admiral in seinem eigenen Zuhause niedergeschossen worden war.

Niedergeschossen.

In seinem eigenen Zuhause.

Obwohl Crash dabei und in das Feuergefecht verwickelt gewesen war, ja, obwohl er selbst verwundet worden war, erschien ihm das alles immer noch vollkommen unglaublich.

Eigentlich war er davon überzeugt gewesen, dass die schrecklichen Weihnachtstage des letzten Jahres durch nichts mehr übertroffen werden konnten.

Er hatte sich geirrt.

Er würde Nell anrufen müssen, um ihr zu sagen, dass Jake verwundet war. Sie würde es wissen wollen. Sie verdiente es zu erfahren. Und Crash würde diese Gelegenheit nutzen, ihre Stimme zu hören, sie vielleicht sogar wiederzusehen. Voller Verzweiflung gestand er sich ein, was er monatelang vor sich selbst zu verbergen versucht hatte: Er wollte sie sehen. Himmel, er verzehrte sich danach, Nell lächeln zu sehen.

Die Tür der Herrentoilette ging auf, als Crash gerade den Einwegrasierer abwusch, den er im Krankenhausshop erstanden hatte. Er sah in den Spiegel und blickte direkt in Tom Fosters ungehaltenes Gesicht.

Wie wohl die Chancen standen, dass der Commander der Federal Intelligence Comission, kurz FInCOM, nur zufällig hier hineingestolpert war, um seine Blase zu erleichtern?

Wahrscheinlich eher schlecht.

Crash nickte ihm zu.

„Was ich nicht verstehe“, setzte Foster an, als sei die Unterhaltung, die sie vor zwei Tagen begonnen hatten, nie unterbrochen worden. „Wie kann es sein, dass Sie als Einziger mehr oder weniger unversehrt aus einem Raum mit fünfeinhalb Toten kommen und nicht wissen, was passiert ist?“

Crash schob den Plastikschutz über die Rasierklinge. „Ich habe nicht gesehen, wer den ersten Schuss abgefeuert hat“, erwiderte er möglichst ruhig. „Ich habe nur gesehen, wie Jake getroffen wurde. Danach weiß ich genau, was passiert ist.“ Er drehte sich um und sah Foster direkt an. „Ich habe die Schützen erledigt, die versucht haben, Jake zu töten.“

Schützen. Nicht Männer. In dem Moment, in dem sie das Feuer auf Jake Robinson eröffnet hatten, hatten sie ihre Identität verloren. Sie waren nichts weiter als Zielscheiben geworden. Und als solche hatte Crash sie getötet – einen nach dem anderen, und ohne mit der Wimper zu zucken.

„Wer könnte dem Admiral nach dem Leben trachten?“

Crash schüttelte den Kopf und gab Tom Foster die gleiche Antwort, die er ihm schon vor zwei Tagen gegeben hatte: „Ich weiß es nicht.“

Das war nicht gelogen. Er wusste es tatsächlich nicht. Aber er hatte eine Computerdatei voller Informationen, die ihm helfen würden, denjenigen zu finden, der dieses Mordkomplott ausgeheckt hatte. Denn es gab ohne Zweifel eine Verbindung zwischen dieser verschlüsselten E-Mail, die Crash am Morgen vor dem Anschlag erhalten hatte, und dem Attentat. Jake hatte gegen die Schmerzen und seine Bewusstlosigkeit angekämpft, um sicherzustellen, dass Crash dies klar war.

„Kommen Sie schon, Lieutenant! Sie haben doch zumindest eine Vermutung.

„Ich bedaure, Sir, aber ich habe es noch nie für sinnvoll erachtet, in einer solchen Situation Spekulationen anzustellen.“

„Drei der Männer, die Sie in Admiral Robinsons Haus gebracht haben, hatten falsche Namen und Identitäten. War Ihnen das bekannt?“

Crash hielt dem wütenden Blick des anderen Mannes stand. „Bei dem Gedanken daran wird mir übel. Ich habe den Fehler gemacht, meinem Captain zu vertrauen.“

„Ah, nun ist es also die Schuld Ihres Captains!“

Crash kämpfte gegen den Ärger an, der in ihm hochkochte. Aber wenn er wütend wurde, würde er damit niemandem einen Gefallen tun. Das wusste er von den unzähligen Malen, die er auf dem Schlachtfeld gestanden hatte. Emotionen würden nicht nur seine Hände zittern lassen, sondern auch seine Wahrnehmung ins Wanken bringen. In einem Kampf konnten Gefühle tödlich sein. Und Foster war ganz offensichtlich hier, um zu kämpfen. Also musste Crash loslassen. Sich entspannen. Abstand gewinnen.

Er sorgte dafür, dass er nichts mehr fühlte. „Das habe ich nicht gesagt.“ Seine Stimme war ruhig und gelassen.

„Wer auch immer auf Robinson geschossen hat, wäre ohne Ihre Hilfe niemals durch den Sicherheitszaun gekommen. Sie haben diese Männer hereingeholt, Hawken! Sie sind dafür verantwortlich.“

Crash schien äußerlich völlig ruhig. „Darüber bin ich mir im Klaren.“ Man hatte ihn benutzt. Wer auch immer „man“ war, hatte ihn benutzt, um in Jakes Zuhause zu gelangen. Wer auch immer hinter diesem Anschlag steckte, hatte von seiner persönlichen Beziehung zum Admiral gewusst.

Er war noch keine drei Stunden zurück auf dem Stützpunkt in Washington gewesen, als Captain Lovett ihn in sein Büro gerufen und gefragt hatte, ob er daran interessiert wäre, an einem Spezialeinsatz teilzunehmen. Angeblich hatte Admiral Robinson zusätzlichen Schutz angefordert.

Crash hatte geglaubt, Sinn der Operation sei es, den Admiral zu beschützen. Dabei gab es in Wahrheit ein ganz anderes Ziel: seine Ermordung.

Er hätte wissen müssen, dass etwas faul war. Er hätte das Ganze abwenden sollen, bevor es überhaupt angefangen hatte.

Er war verantwortlich.

„Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, Sir.“ Er musste sich nach Jakes Zustand erkundigen. Er würde sich in den Warteraum setzen und auf seine Genesung hoffen. Zumindest würde er beten, dass sein langjähriger Mentor bald von der Intensivstation auf eine andere Station verlegt werden konnte. Bis dahin würde er die Zeit nutzen, um all die Informationen, die Jake ihm mit dieser Datei zugespielt hatte, im Geiste zu sortieren. Und wenn das geschehen war, würde er losziehen und den Mann finden, der ihn benutzt hatte, um an Jake heranzukommen.

Aber Tom Foster stellte sich ihm in den Weg und blockierte die Tür. „Ich habe noch einige Fragen, wenn es Ihnen nichts ausmacht, Sir. Wie lange sind Sie nun schon beim SEAL-Team Twelve?“

„Mit Unterbrechungen etwa acht Jahre“, erwiderte Crash.

„Und während dieser Zeit haben Sie auch immer wieder eng mit Admiral Robinson zusammengearbeitet – bei Operationen, die keine Standardeinsätze waren. Korrekt?“

Crash zeigte keine Reaktion. Er wirkte wie versteinert, blinzelte nicht einmal, und gab sich alle Mühe seine Überraschung zu verbergen. Wie in aller Welt war Foster an diese Information geraten? Crash konnte die Menschen, die von seiner Zusammenarbeit mit Jake Robinson wussten, an einer Hand abzählen. „Ich fürchte, dazu kann ich nichts sagen.“

„Sie müssen gar nichts sagen. Wir wissen, dass Sie mit Robinson in der sogenannten Gray Group zusammengearbeitet haben.“

Crash wählte seine Worte vorsichtig: „Ich verstehe wirklich nicht, inwiefern das für Ihre Untersuchungen von Bedeutung sein sollte.“

„Das sind Informationen, die der FInCOM von der Navy selbst zugespielt wurden“, sagte Foster. „Sie erzählen uns also nichts, was wir nicht schon längst wissen.“

„Die FInCOM beteiligt sich ebenfalls an verdeckten Operationen“, erwiderte Crash und versuchte, dabei so vernünftig wie möglich zu klingen. „Sie werden daher verstehen, dass ich nicht darüber sprechen darf, ob ich Teil der Gray Group bin oder nicht.“

„Vernünftig“ war allerdings eindeutig kein Gemütszustand, den Tom Foster heute einzunehmen gedachte. Seine Stimme wurde lauter, als er drohend näher an Crash herantrat. „Ein Admiral wurde angeschossen. Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Informationen egal welcher Art zurückzuhalten.“

Crash gab nicht nach. „Es tut mir leid, Sir. Ich habe Ihnen und den anderen Agenten bereits alles gesagt, was ich sagen kann. Ich habe Ihnen die Namen der Toten genannt, soweit ich sie kannte. Sie haben einen Bericht über mein Gespräch mit Captain Lovett vorliegen, ferner einen Bericht über alles, was unmittelbar vor den Schüssen auf den Admiral geschehen ist …“

„Was genau ist der Grund dafür, dass Sie Informationen zurückhalten, Lieutenant?“ Fosters Hals hatte sich beinahe lila gefärbt.

„Ich halte überhaupt nichts zurück.“ Außer den schockierenden Informationen, die Jake ihm vor dem Attentat in der streng geheimen, verschlüsselten Datei zugespielt hatte.

Aber wenn Crash dieser Sache auf den Grund gehen wollte – und das wollte er –, dann machte es überhaupt keinen Sinn, mit dem, was Jake ihm hatte sagen wollen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und außerdem musste Crash die Informationen dieser Datei ganz genauso vertraulich behandeln wie alle anderen Informationen, die er von Jake erhielt. Und das wiederum bedeutete, dass er mit niemandem darüber sprechen konnte, selbst wenn er das gewollt hätte. Mit niemandem außer mit seinem Oberbefehlshaber – dem Präsidenten der Vereinigten Staaten.

„Wir wissen, dass Jake Robinson Ihnen am Morgen des Attentats eine streng geheime Datei zugesandt hat. Sie werden mir diese Informationen sobald wie möglich aushändigen müssen.“

Crash erwiderte den Blick des anderen Mannes ganz ruhig. „Ich bedaure, Sir, aber Sie wissen ebenso gut wie ich: Selbst wenn ich Zugriff auf besagte Datei hätte, dürfte ich Ihnen den Inhalt nicht mitteilen. Meine Arbeit für den Admiral unterlag stets der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe. Mein Befehl lautete, Admiral Robinson – und nur ihm – Bericht zu erstatten.“

„Ich befehle Ihnen, mir diese Datei auszuhändigen, Lieutenant.“

„Bedaure, Commander Foster. Selbst wenn ich besagte Datei hätte, fürchte ich, hätten Sie nicht den nötigen Rang, mir einen solchen Befehl zu erteilen.“ Diesmal war es an Crash, bedrohlich nahe auf den kleineren Mann zuzutreten. Mit gesenkter Stimme sagte er: „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen. Ich möchte sehen, wie es Jake geht.“

Foster trat einen Schritt zur Seite und hielt Crash mit einer Hand die Tür auf. „Ihre Sorge um Robinson ist herzerwärmend. Oder das wäre sie zumindest, wenn wir nicht hieb- und stichfeste Beweise hätten, dass Sie der Mann waren, der als Erster auf Admiral Robinson geschossen hat.“

Crash hörte die Worte zwar, die aus Fosters Mund kamen, aber sie ergaben keinen Sinn. Ebenso wenig wie die Beamten der örtlichen und der Bundespolizei und die FInCOM-Agenten in dunklen Anzügen, die vor der Tür der Herrentoilette standen.

Sie warteten offensichtlich auf jemanden.

Auf ihn.

Crash sah Foster an und verstand mit einem Schlag, was dieser gerade gesagt hatte. „Sie glauben, ich hätte …“

„Wir glauben nicht, wir wissen es.“ Foster lächelte dünn. „Der Bericht der Spurensicherung ist heute eingegangen.“

„Sind Sie Lieutenant William R. Hawken, Sir?“ Der uniformierte Officer, der auf ihn zutrat, war hochgewachsen und noch sehr jung. Sein Gesichtsausdruck war vollkommen ernst.

„Ja“, erwiderte Crash. „Ich bin Hawken.“

„Übrigens – die Kugel, die man aus Ihrem Arm entfernt hat, kam aus Captain Lovetts Waffe“, informierte ihn Foster.

Crash wurde schwindelig, aber er zeigte keine Regung nach außen. Sein eigener Captain hatte also versucht, ihn umzubringen. Sein eigener Captain war Teil dieser Verschwörung.

„Lieutenant William R. Hawken, Sir“, wiederholte der Officer. „Ich nehme Sie hiermit fest.“

Crash stand vollkommen regungslos da.

„Der Bericht der Spurensicherung ergibt eindeutig, dass die Kugeln, die in vier der fünf Toten gefunden wurden, aus Ihrer Waffe stammen. Genau wie die Kugel, die aus dem Brustkorb des Admirals entfernt wurde“, fügte Foster hinzu. „Frischt das unter Umständen Ihre Erinnerung etwas auf? Wissen Sie nun wieder, wer als Erster geschossen hat?“

„Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern“, leierte der Officer herunter. „Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen Anwalt …“

Das war unmöglich. Kugeln aus seiner Waffe …? So war es nicht gewesen. Er blickte in die dienstbeflissenen Augen des jungen Officers. „Was genau wird mir vorgeworfen?“

„Sir, gegen Sie wird Anklage wegen Verschwörung, Verrat und dem Mord an einem Admiral der US Navy erhoben.“

Mord?

Crashs gesamte Welt schien in sich zusammenzustürzen.

„Admiral Robinson ist seinen Verletzungen vor etwa einer Stunde erlegen“, verkündete Tom Foster. „Der Admiral ist tot.“

Crash schloss seine Augen. Jake war tot.

Lass es nicht an dich heran. Halt es von dir fern. Bewahre Distanz.

Der junge Officer schloss die Handschellen um Crashs Handgelenke, aber Crash spürte es kaum.

„Haben Sie denn nichts zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“, fragte Foster.

Crash antwortete nicht. Er konnte nicht antworten. Jake war tot.

Er war wie betäubt, als sie ihn aus dem Krankenhaus zu einem wartenden Wagen führten. Um ihn herum waren überall Kameras und Reporter. Crash versuchte nicht einmal, sein Gesicht zu verbergen.

Man half ihm, ins Auto zu steigen. Irgendjemand drückte seinen Kopf nach unten, damit er ihn sich nicht am Türrahmen stieß. Jake war tot, und Crash hätte es verhindern müssen. Er hätte schneller sein müssen. Er hätte klüger sein müssen. Er hätte seinem Instinkt folgen müssen, der ihm von Anfang an gesagt hatte, dass irgendetwas nicht stimmte.

Crash starrte aus dem Wagenfenster, während der Fahrer das Auto durch die nasskalte Dezembernacht lenkte. Er versuchte, sein Gehirn zum Funktionieren zu bewegen. Er begann, die Informationen auseinanderzupflücken, die Jake ihm in der Datei geschickt hatte und die er vollständig und fehlerlos in seinem Kopf gespeichert hatte.

Crash würde denjenigen, der für das Attentat auf und den Mord an Jake Robinson verantwortlich war, nicht nur finden. Er würde ihn finden, jagen und auslöschen.

Er zweifelte keine Sekunde daran, dass er Erfolg haben würde. Oder er würde dabei sterben.

Jesus Maria! Und er hatte gedacht, letzte Weihnachten sei der absolute Tiefpunkt gewesen.

1. KAPITEL

Ein Jahr zuvor

T hanksgiving war gerade erst vorbei, aber die Straßen waren bereits über und über mit Girlanden, Tannenzweigen und Weihnachtsbeleuchtung geschmückt.

Die fröhlichen Farben und das festliche Glitzern schienen Nell Burns’ gedrückte Stimmung zu verhöhnen, während sie ihren Wagen durch die Straßen der Hauptstadt lenkte. Sie war heute früh nach Washington D.C. gekommen, um einige Erledigungen zu machen. Sie hatte neues Aquarellpapier und frische Farben für Daisy gekauft, im Reformhaus diese widerlichen Meeresalgen besorgt und die festliche Admiralsuniform aus der Reinigung abgeholt. Es war über eine Woche her, seit Jake in der Stadt gewesen war, und wahrscheinlich würde er so bald nicht wiederkommen.

Ihre härteste und unangenehmste Aufgabe hatte Nell sich bis zuletzt aufgehoben. Aber jetzt gab es keine Ausrede mehr.

Während sie langsam an dem Hochhaus vorbeifuhr, überprüfte sie noch einmal die Adresse, die sie auf einen Zettel gekritzelt hatte.

Direkt vor dem Haus war ein Parkplatz frei, und sie lenkte ihren Wagen hinein. Nachdenklich stellte sie den Motor ab und zog die Handbremse an.

Aber anstatt auszusteigen, blieb Nell hinter dem Steuer sitzen. Was um Himmels willen sollte sie sagen?

Es war schlimm genug, dass sie in wenigen Minuten an William Hawkens Tür klopfen würde. Seit zwei Jahren arbeitete sie nun schon als Daisy Owens persönliche Assistentin, und sie hatte den charismatischen Navy SEAL, den ihr Boss als eine Art Ziehsohn betrachtete, insgesamt vier Mal getroffen.

Und jedes Mal hatte er ihr den Atem geraubt.

Es war nicht einmal so sehr die Tatsache, dass er umwerfend aussah …

Na ja, um ehrlich zu sein: Es war ganz genau die Tatsache, dass er umwerfend aussah. Er sah auf eine unglaubliche, dunkle, mysteriöse, grüblerische, wunderschöne Art absolut umwerfend aus. Er hatte Wangenknochen, über die man Gedichte hätte schreiben können, und seine Nase schien von adeliger Herkunft zu zeugen. Und seine Augen … Stahlblau und so atemberaubend intensiv, als könnte man die Kraft seines Blicks mit den Händen greifen. Wann immer er sie ansah, hatte sie das Gefühl, als könne er direkt durch sie hindurchsehen. Als würde er ihre Gedanken lesen wie ein offenes Buch.

Seine Lippen erinnerten an die düsteren Liebesromane, die sie als junges Mädchen gelesen hatte. Sie umspielte ein harter, entschlossener Zug. Als sie sie zum ersten Mal sah, hatte diese merkwürdige Beschreibung mit einem Schlag Sinn ergeben. Seine Lippen waren elegant geschwungen, aber sie wirkten irgendwie angespannt. Vor allem, weil er so gut wie nie lächelte.

Eigentlich konnte sich Nell nicht daran erinnern, William Hawken jemals lächeln gesehen zu haben.

Seine Freunde – zumindest seine Kameraden aus dem SEAL-Team – nannten ihn Crash. Nell war sich nicht sicher, ob dieser in sich gekehrte, stille Mann überhaupt Freunde hatte.

William Hawken trug diesen Spitznamen bereits seit seiner Ausbildung zum SEAL, das hatte Daisy ihr erzählt. Sein Schwimmkumpel Cowboy hatte damals scherzhaft begonnen, ihn Crash zu nennen – eine Anspielung auf seine Fähigkeit, sich immer und überall vollkommen geräuschlos fortzubewegen. Das war, als würde man einen sehr großen Mann „Maus“ oder „Floh“ rufen, aber seit jener Zeit kannte man William Hawken nur noch als Crash.

Nell würde sich auf gar keinen Fall, unter gar keinen Umständen mit einem Mann einlassen, dessen Kollegen ihn Crash nannten. Egal, wie ekelerregend attraktiv und faszinierend er war.

Außerdem würde sie niemals etwas mit einem Navy SEAL anfangen. Soviel sie wusste, war SEAL gleichbedeutend mit Superman. Eigentlich stand die Abkürzung für sea, air und land – Meer, Luft und Boden. Die SEALs waren nämlich ausgebildet, um in allen drei Elementen problemlos eingesetzt werden zu können. Sie waren aus den Kampfschwimmereinheiten, den Underwater Demolition Teams, im Zweiten Weltkrieg hervorgegangen und verstanden sich auf das Beschaffen geheimer Informationen ebenso gut wie auf das Sprengen von allem Möglichen.

Sie waren die härtesten, klügsten und tödlichsten Krieger, die Besten der Besten. Sie arbeiteten in kleinen Gruppen von sieben oder acht Männern und verfolgten ihre Ziele mit äußerst unkonventionellen Methoden.

Admiral Jake Robinson war als SEAL in Vietnam gewesen. Die Geschichten, die er zu erzählen hatte, waren genug, um Nell restlos davon zu überzeugen, dass es reiner Wahnsinn gewesen wäre, sich mit einem Mann wie Crash einzulassen.

Natürlich ließ sie bei diesen Überlegungen eine entscheidende Tatsache außer Acht: Der Mann, um den es hier ging, hatte kaum jemals mehr als drei Worte mit ihr gewechselt. Nein, Halt! Als er sie das erste Mal traf, hatte er vier Worte gesagt: „Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Er hatte eine leise, tiefe Stimme, die so verdammt gut zu seinem vorsichtigen Auftreten passte. Niemals zuvor in ihrem Leben war sie so kurz davor gewesen zu zerschmelzen, wie damals, als er sie so begrüßt hatte.

Als sie sich zum zweiten Mal trafen, hatte er nur drei Worte gesagt. „Schön, Sie wiederzusehen.“ Die beiden anderen Male hatte er ihr nur zugenickt.

Mit anderen Worten: Er flehte sie nicht gerade an, mit ihm auszugehen.

Und ganz gewiss tat er nichts derart Lächerliches wie sich die Anzahl ihrer Zusammentreffen zu merken oder die Wörter zu zählen, die sie zu ihm gesagt hatte.

Wenn sie Glück hatte, war er gar nicht zu Hause.

Aber dann würde sie wiederkommen müssen.

Daisy und Jake Robinson, ihr langjähriger Lebensgefährte, hatten Crash in den letzten Wochen bereits mehrmals zum Abendessen auf ihre Farm eingeladen. Doch Crash hatte immer wieder abgesagt.

Nell hatte die Fahrt in die Stadt unternommen, um ihm zu sagen, dass er unbedingt kommen musste. Obwohl er nicht ihr leibliches Kind war, war er doch eine Art Sohn für Daisy und Jake, die ansonsten kinderlos waren. Und nach allem, was Daisy ihr erzählt hatte, wusste Nell, dass auch er die beiden als seine Familie betrachtete. Seit er zehn Jahre alt war, hatte er seine Ferien bei dem etwas exzentrischen Paar verbracht. Daisy hatte ihm ihr Haus und ihr Herz geöffnet, als seine eigene Mutter gestorben war.

Aber jetzt hatte man bei Daisy einen bösartigen Tumor gefunden, den man nicht operieren konnte. Die Krankheit war bereits weit fortgeschritten. Daisy wollte nicht, dass Crash davon am Telefon erfuhr, und Jake weigerte sich, von ihrer Seite zu weichen.

Daher hatte Nell sich bereit erklärt, die undankbare Aufgabe zu übernehmen.

Verdammt, was sollte sie nur sagen?

„Hallo, Billy, ähm, Bill! Ich bin Nell Burns … Erinnern Sie sich?“

Crash starrte die Frau an, die vor seiner Tür stand. Er trug nichts als ein Handtuch um seine Hüften. Während er die Enden des Badetuchs mit einer Hand zusammenhielt, strich er sich mit der anderen das nasse Haar aus den Augen.

Nell lachte nervös auf. Sie konnte ihren Blick nicht daran hindern, über seinen halbnackten Körper zu streifen, bevor er zu seinem Gesicht zurückkehrte. „Nein, wahrscheinlich erinnern Sie sich nicht an mich. Vor allem nicht so, aus dem Zusammenhang gerissen. Ich arbeite für …“

„Meine Cousine Daisy“, unterbrach er sie. „Natürlich weiß ich noch, wer Sie sind.“

„Daisy ist Ihre Cousine?“ Sie war ehrlich überrascht und vergaß für einen kurzen Moment alle Nervosität. „Ich wusste gar nicht, dass Sie tatsächlich miteinander verwandt sind. Ich dachte immer, sie hätte … Ich meine, Sie wären …“

Die Nervosität war zurück und, anstatt den Satz zu beenden, winkte sie mit einer Hand so elegant wie möglich ab.

„… ein Streuner, den Daisy und Jake irgendwo aufgegabelt haben?“, vollendete er den Satz an ihrer Stelle.

Sie bemühte sich, nicht ertappt zu wirken, aber ihr heller Teint machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Crash musste die Röte auf ihren Wangen bemerken. Wenn sie ehrlich war, war sie bereits rot angelaufen, als sie bemerkt hatte, dass er nichts als ein Handtuch trug.

Eine erwachsene Frau, die immer noch errötete! Das war wirklich etwas Besonderes. Und es war der tausendste Grund, warum er sich von ihr fernhalten sollte.

Sie war einfach zu nett.

Als sie sich kennenlernten, als Crash zum allerersten Mal in ihre Augen sah, hatte sein Puls begonnen zu rasen. Es gab überhaupt keinen Zweifel daran, dass er körperlich auf sie reagierte, stark auf sie reagierte. Jake hatte ihm Nell damals auf einer von Daisys Abendgesellschaften vorgestellt. Schon als er den Raum betreten hatte, war ihm Nells blondes Haar und ihre zierliche, durchtrainierte Figur aufgefallen, die durch ein klassisches schwarzes Cocktailkleid betont wurde. Aber erst als er ihr gegenüberstand, als sie sich begrüßten, war er in ihren blauen Augen versunken. Im nächsten Moment ertappte er sich dabei, wie er darüber nachdachte, sie an der Hand zu nehmen und nach oben zu führen. Am liebsten hätte er sie in eines der Gästezimmer gezogen, sie gegen die geschlossene Tür gedrückt und …

Das Erschreckende daran war, dass Crash spürte, dass diese überwältigende körperliche Anziehungskraft auf Gegenseitigkeit beruhte. Nell hatte ihn mit einem Blick angesehen, den er bereits zuvor bei anderen Frauen gesehen hatte.

Es war ein Blick, der sagte, dass sie bereit war, mit dem Feuer zu spielen. Zumindest dachte sie, dass sie bereit war. Aber er würde auf gar keinen Fall eine Frau verführen, von der Daisy und Jake so liebevoll gesprochen hatten. Sie war einfach zu nett.

Im Moment konnte er jedoch nur einen Anflug jenes Blickes von damals in ihren Augen entdecken. Sie war schrecklich nervös – und traurig, wurde ihm schlagartig bewusst. Wie sie so vor ihm stand, wirkte es, als kämpfe sie gegen Tränen an.

„Ich hatte gehofft, Sie hätten ein paar Minuten Zeit, um mit mir zu sprechen“, sagte sie schließlich. Für eine Person von ihrer zarten Statur hatte sie eine verführerisch tiefe, leicht raue Stimme. Sie klang unbeschreiblich sexy. „Vielleicht könnten wir ja irgendwo hingehen und einen Kaffee trinken oder …?“

„Dafür bin ich wohl kaum richtig angezogen.“

„Ich kann warten. Ich gehe so lange runter.“ Sie zeigte mit ihrem Kinn über ihre Schulter auf den Aufzug hinter ihr in dem etwas heruntergekommen wirkenden Hausflur. „Ich warte einfach draußen, bis Sie angezogen sind.“

„Das hier ist keine sehr sichere Gegend“, erwiderte er. „Sie kommen besser rein und warten hier.“

Crash öffnete die Tür ein Stück weiter und trat zur Seite, um sie hereinzulassen. Sie zögerte für einen Moment. Damit konnte er die Idee, dass sie hergekommen war, um ihn zu verführen, wohl aufgeben.

Er war sich nicht sicher, ob er darüber erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

Endlich trat sie ein, streifte ihren gelben Regenmantel ab und hängte ihn an die Garderobe neben der Tür. Darunter trug sie Jeans und ein langärmeliges Oberteil mit einem tiefen runden Ausschnitt, das ihren honigblonden Bob und ihren langen, eleganten Hals betonte. Sie wirkte zerbrechlich. Ihre Nase war winzig und ihre Lippen perfekt geformt. Ihr Kinn jedoch zeugte von einem starken, eigenwilligen Charakter.

Sie war nicht im klassischen Sinne schön. Doch die Intelligenz und Lebendigkeit, die in ihren Augen funkelten, machten sie für Crash beinahe unwiderstehlich.

Er beobachtete, wie sie sich in seiner Wohnung umsah. Als sie das grün und lila karierte Sofa und die beiden passenden Sessel entdeckte, konnte sie ihre Überraschung kaum verbergen.

„Das Apartment war möbliert“, beeilte er sich zu sagen.

Zunächst schien sie etwas überrascht, doch dann lachte sie los. Sie war unglaublich hübsch, wenn sie lachte. „Sie können wohl Gedanken lesen.“

„Ich wollte nicht, dass Sie denken, dass ich mir dieses lilagrünkarierte Monstrum selbst ausgesucht habe.“

In Crashs Augen schien Erheiterung zu funkeln und, wenn sie sich nicht getäuscht hatte, zuckten seine Mundwinkel sogar, als würde er lächeln. Himmel, war es tatsächlich möglich, dass William Hawken Humor hatte?

„Ich ziehe nur rasch etwas über“, murmelte er und verschwand den Korridor hinunter.

„Lassen Sie sich Zeit“, rief sie ihm nach.

Je schneller er war, desto eher würde sie ihm sagen müssen, warum sie hergekommen war. Und wenn es nach ihr ginge, hätte sie das am liebsten in alle Ewigkeit verschoben.

Nell schlenderte zum Fenster und schluckte ihre Tränen hinunter. Das gesamte Mobiliar in dieser Wohnung schien angemietet zu sein. Selbst auf dem Fernseher klebte ein Aufkleber mit dem Namen des Ausleihservices. Es erschien Nell ziemlich trostlos, so zu leben – umgeben von dem Geschmack anderer Leute. Als sie aus dem Fenster sah, begann es gerade zu regnen.

„Wollen Sie wirklich rausgehen?“

Crashs Stimme drang von dicht hinter ihrer Schulter an ihr Ohr. Sie schrak zusammen.

Er war in eine schwarze Armeehose geschlüpft; darüber trug er ein schwarzes T-Shirt. Mit seinem dunklen Haar und seinem blassen Teint wirkte er, als sei er gerade einem Schwarz-Weiß-Film entsprungen. Sogar seine Augen wirkten heute mehr grau als blau.

„Wenn Sie möchten, kann ich uns auch Kaffee machen“, fuhr er fort. „Ich habe Bohnen da.“

„Tatsächlich?“

Seine Augen funkelten wieder amüsiert auf. „Ja. Sie denken wahrscheinlich, der Typ hat keine eigenen Möbel, dann trinkt er wohl auch Instantkaffee. Aber nein! Wenn ich die Wahl habe, mahle ich frisch. Das ist eine Angewohnheit, die ich von Jake übernommen habe.“

„Um ehrlich zu sein, wollte ich gar keinen Kaffee“, gestand Nell. Sein Blick war zu intensiv, als dass sie ihm hätte standhalten können. Stattdessen richtete sie ihre Augen zurück auf das karierte Sofa. Ihr Magen rumorte, und sie befürchtete, dass ihr gleich übel werden würde. „Vielleicht könnten wir uns ja einfach … Sie wissen schon, hinsetzen und ein wenig unterhalten?“

„Einverstanden“, erwiderte Crash. „Setzen wir uns.“

Nell ließ sich auf dem äußersten Rand des Sofas nieder, während er in dem Sessel am Fenster Platz nahm.

Sie musste daran denken, wie schrecklich es wäre, wenn irgendein fast Fremder in ihre Wohnung käme, um ihr zu sagen, dass ihre Mutter nur noch ein paar Monate zu leben habe.

Nells Augen füllten sich unaufhaltsam mit Tränen. Eine entkam ihr. Nell wischte sie rasch weg, doch Crash hatte sie bereits bemerkt.

„Hey.“ Er kam um den gläsernen Couchtisch herum und setzte sich neben sie aufs Sofa. „Geht es Ihnen nicht gut?“

Es war, als würde ein Damm brechen. Sobald die Tränen einmal begannen zu laufen, würden sie nicht mehr aufhören.

Sie schüttelte wortlos ihren Kopf. Es ging ihr überhaupt nicht gut. Jetzt, da sie hier auf seinem Sofa in seinem Wohnzimmer saß, wurde ihr klar, dass sie dem Ganzen nicht gewachsen war. Sie konnte einfach nicht, konnte es ihm unter keinen Umständen sagen. Wie sollte sie ihm etwas so Furchtbares beibringen? Sie bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen.

„Nell, haben Sie irgendwelche Probleme?“

Sie antwortete nicht. Sie konnte nicht antworten.

„Hat Ihnen jemand etwas angetan?“, fragte er.

Als sie weiter schluchzte, berührte er sie, erst vorsichtig, dann entschlossener. Er legte den Arm um ihre Schulter und zog sie zu sich heran.

„Egal, was es ist, ich kann Ihnen helfen“, sagte er leise. Sie spürte, wie seine Finger zärtlich durch ihr Haar strichen. „Alles wird wieder gut – ich verspreche es.“

In seiner Stimme lag so viel Zuversicht. Er hatte keine Ahnung, dass, sobald sie den Mund öffnete, sobald sie ihm sagte, warum sie gekommen war, nichts mehr gut werden würde. Daisy würde sterben. Nichts würde jemals wieder gut werden.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Es tut mir so leid.“

„Ist schon gut“, erwiderte er sanft.

Er fühlte sich so warm an und sie sich in seinen Armen so geborgen. Er roch nach Seife und Shampoo, frisch und sauber, unschuldig wie ein Kind.

Die ganze Situation war absurd. Sie heulte sonst nie. Die ganze letzte Woche über hatte sie sich zusammengerissen. Es war ihr auch gar keine Zeit geblieben, um zusammenzubrechen. Sie hatte viel zu viel damit zu tun gehabt, Arzttermine zu vereinbaren, um weitere Meinungen einzuholen und zusätzliche Untersuchungen zu veranlassen. Außerdem hatte sie eine dreiwöchige Lesereise durch den Südwesten der USA absagen müssen. Absagen – nicht verschieben. Das war hart gewesen. Nell hatte stundenlang mit Dexter Lancaster, dem Anwalt von Jake und Daisy, telefoniert. Die rechtlichen Auswirkungen der Absage waren weitreichend. Nichts an der jetzigen Situation war leicht.

Daisy war in Wirklichkeit nicht nur Nells Boss. Daisy war ihre Freundin. Und sie war gerade erst fünfundvierzig Jahre alt! Sie hätte genauso gut noch weitere vierzig Jahre leben können. Es war einfach verdammt ungerecht.

Nell holte tief Luft. „Ich habe schlechte Nachrichten für Sie.“

Crash wurde vollkommen ruhig. Er hörte auf, durch ihre Haare zu streichen. Es schien ihr durchaus möglich, dass er auch aufgehört hatte zu atmen.

Doch dann sprach er. „Ist jemand gestorben?“

Nell schloss die Augen. „Dass ist mit Abstand das Schwerste, was ich jemals tun musste.“

Er zwang sie, sich aufzurichten und hob ihr Kinn an, sodass er ihr direkt in die Augen sehen konnte. Er hatte Augen, die manch einer Furcht einflößend gefunden hätte – beinahe übernatürlich hell und durchdringend. Als er sie so forschend anblickte, war ihr, als könnte sein Blick sie verbrennen. Gleichzeitig aber erkannte sie in diesen Augen seine nur allzu menschliche Verletzlichkeit.

Als sie schließlich ihren Mund öffnete, sprudelte es alles aus ihr heraus. „Bei Daisy wurde ein inoperabler Gehirntumor festgestellt. Er ist bösartig und hat bereits gestreut. Die Ärzte geben ihr noch zwei Monate – allerhöchstens. Wahrscheinlich weniger. Wochen. Vielleicht auch nur Tage.“

Wenn sie auch vorhin schon gedacht hatte, dass er still geworden war, so war dies noch nichts gewesen im Vergleich zu dem Zustand, den er nun eingenommen hatte. Weder in seinem Gesicht noch in seinen Augen war eine Regung zu entdecken. Es war, als hätte er seinen Körper vorübergehend verlassen.

„Es tut mir so leid“, flüsterte sie und streckte ihre Hand aus, um ihm sanft über die Schläfe zu streichen.

Ihre Worte oder ihre Berührung schienen ihn zurückzuholen, von wo auch immer er gewesen war.

„Ich habe das Thanksgiving-Dinner verpasst“, sagte er mehr zu sich selbst als zu ihr. „Als ich an diesem Morgen zurück in die Stadt kam, hatte ich eine Nachricht von Jake auf meinem Anrufbeantworter. Er bat mich, zum Essen auf die Farm zu kommen. Aber ich hatte vier Tage lang nicht geschlafen und dachte, nächstes Jahr …“ Plötzlich stiegen Tränen in seinen Augen auf. Sein Schmerz war nicht zu übersehen. „Oh mein Gott! Gott, wie hat Jake das alles nur aufgenommen? Er muss schrecklich leiden …“

Crash stand ruckartig auf und hätte sie dabei unabsichtlich fast von der Couch geschubst.

„Entschuldigen Sie mich“, sagte er. „Ich muss … Ich werde …“ Er drehte sich zu ihr um und sah sie eindringlich an. „Sind die Ärzte sicher?“

Nell nickte und biss sich auf die Unterlippe. „Sie sind sicher.“

Es war erstaunlich. Er atmete einmal tief durch, fuhr mit den Händen über sein Gesicht, und im nächsten Moment war er wieder völlig Herr seiner selbst. „Fahren Sie jetzt sofort hinaus zur Farm?“

Nell wischte sich ebenfalls die Tränen aus den Augen. „Ja.“

„Vielleicht sollte ich besser mein Auto nehmen, falls ich zum Stützpunkt zurückbeordert werde. Sind Sie denn in der Lage, selbst zu fahren?“

„Ja. Und Sie?“

Crash antwortete nicht. „Ich muss nur schnell ein paar Sachen zusammenpacken, dann komme ich nach.“

Nell stand auf. „Lassen Sie sich ruhig etwas Zeit. Kommen Sie doch einfach ein, zwei Stunden vor dem Abendessen. Dann haben Sie Gelegenheit …“

Doch wieder schien er sie gar nicht zu hören. „Ich weiß, wie schwer das für Sie gewesen sein muss.“ Er öffnete die Wohnungstür und hielt ihr ihren Mantel hin. „Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.“

Er stand da, so unglaublich distanziert, so unerreichbar und so schrecklich allein. Nell konnte es kaum ertragen. Sie nahm ihm den Mantel ab und schloss ihn in ihre Arme. Er erwiderte ihre Umarmung nicht, sondern fühlte sich steif und unnachgiebig an. Aber sie schloss die Augen und weigerte sich, sich davon einschüchtern zu lassen. Er brauchte das. Verdammt, sie brauchte das. „Es ist vollkommen okay zu weinen“, flüsterte sie ihm zu.

Seine Stimme klang heiser, als er ihr antwortete. „Weinen ändert auch nichts. Vom Weinen bleibt Daisy auch nicht am Leben.“

„Sie weinen nicht für Daisy, sondern für sich selbst“, erwiderte Nell. „Damit Sie lächeln können, wenn Sie sie sehen.“

„Angeblich lächle ich nicht genug. Daisy sagt immer, ich würde nicht genug lächeln.“ Plötzlich schlossen sich seine Arme fest um Nell, sodass sie fast um Atem ringen musste.

Sie erwiderte seine Umarmung ebenso stark. Wenn er doch nur weinen könnte … Aber sie wusste, dass das nicht geschehen würde. Die Tränen, die in seinen Augen aufgeblitzt waren und der Schmerz, der über sein Gesicht gehuscht war, waren Ausnahmen gewesen. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass er solche Gefühlsbekundungen normalerweise unter allen Umständen vermied.

Sie hätte ihn den ganzen Nachmittag über in ihren Armen gewiegt, wenn er sie gelassen hätte. Doch er trat viel zu früh einen Schritt zurück und sah sie mit erneut regungsloser und unnahbarer Miene an.

„Ich sehe Sie dann nachher“, sagte er zur Verabschiedung, ohne ihr dabei in die Augen zu blicken.

Nell nickte und schlüpfte in ihren Regenmantel. Er schloss die Tür leise hinter ihr, und sie fuhr im Aufzug hinunter in die Eingangshalle. Als sie auf die graue Straße hinaustrat, wurde der Regen stärker.

Der Winter nahte. Und zum ersten Mal in ihrem Leben ertappte sich Nell bei dem Gedanken, dass der Frühling sich ruhig Zeit lassen konnte.

2. KAPITEL

Du solltest nicht versuchen, ein genaues Abbild des Welpen zu zeichnen“, sagte Daisy. „Mal nicht so sehr das ab, was eine Kameralinse sehen würde, sondern eher das, was du selbst siehst … was du fühlst.

Nell spähte über Jakes Schulter und begann zu kichern. „Jake fühlt ein Erdferkel.“

„Das ist keineswegs ein Erdferkel. Das ist ein Hund.“ Jake sah Daisy Hilfe suchend an. „Ich finde, ich habe mich gar nicht so schlecht angestellt, oder, Baby?“

Daisy küsste ihn auf den Scheitel und erwiderte: „Es ist ein wunderbares, sehr schönes … Erdferkel.“

Während Crash die Szene, die sich in Daisys Atelier abspielte, vom Türrahmen aus beobachtete, packte Jake Daisy und zog sie auf seinen Schoß. Als er begann sie zu kitzeln, fing der Welpe an zu bellen und untermalte so Daisys Gelächter.

Nichts hatte sich geändert.

Es waren inzwischen drei Tage vergangen, seit Nell Crash von Daisys Krankheit erzählt hatte. Er war sofort zur Farm gefahren, obwohl er sich vor dem Zusammentreffen mit Daisy und Jake gefürchtet hatte. Beide weinten, als sie ihn sahen. Crash stellte ihnen Frage über Frage in dem Versuch, einen Ausweg zu finden oder das Ganze doch noch als einen riesigen Fehler zu entlarven.

Wie konnte es sein, dass Daisy sterben sollte? Sie sah beinahe genauso wie immer aus. Ihre Ärzte hatten ihr zwar das Todesurteil überbracht, doch trotzdem war sie noch dieselbe Daisy – farbenfroh, ehrlich, leidenschaftlich und begeisterungsfähig.

Crash konnte sich einreden, dass die dunklen Ringe unter ihren Augen von einer durchmalten Nacht stammten. Daisy gönnte sich schließlich häufig keinen Schlaf, wenn sie eine kreative Eingebung hatte. Auch für ihren plötzlichen Gewichtsverlust ließ sich eine Erklärung finden. Crash musste sich nur einreden, dass Daisy endlich einen Weg gefunden hatte, die zwanzig Pfund zu viel an den Hüften loszuwerden, über die sie sich schon immer beschwert hatte.

Aber was er nicht übersehen konnte, waren die vielen Döschen und Flaschen mit Medikamenten, die sich auf der Küchenablage breitgemacht hatten. Schmerzmittel. Die meisten enthielten Schmerzmittel, von denen Crash sicher war, dass Daisy sich weigerte, sie einzunehmen.

Daisy hatte Crash deutlich zu verstehen gegeben, dass er, Jake und Nell lernen mussten, erst dann zu trauern, wenn sie einmal nicht mehr war. Bis dahin würde sie keine traurigen Gesichter und verheulten Augen dulden. Sie hatte schließlich keine Zeit zu verschenken. Daisy verhielt sich indes so, als sei jeder neue Tag ein Geschenk. Als würde sie in jedem Sonnenuntergang ein Kunstwerk sehen und jeden gemeinsamen fröhlichen Moment wie einen Schatz empfinden.

Dabei war es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Tumor ihre Fähigkeit zu laufen, zu malen und sogar zu sprechen beeinträchtigen würde.

Aber während er sie jetzt beobachtete, war Daisy genau dieselbe wie immer.

Jake küsste sie leicht und zärtlich auf die Lippen. „Ich werde mein Erdferkel mit in mein Büro nehmen und Dex zurückrufen.“

Dexter Lancaster war einer der wenigen Bekannten, die von Daisys Krankheit wussten. Dex hatte zur gleichen Zeit wie Jake in Vietnam gedient. Allerdings war er kein SEAL; der Anwalt war bei der Army gewesen.

„Bis später, Baby. In Ordnung?“, fügte Jake hinzu.

Daisy nickte und glitt von seinem Schoß, während sie mit einer Hand ihre widerspenstigen dunklen Locken bändigte und mit der anderen an seinen grauen Schläfen verweilte.

Jake war einer jener Männer, die im Alter nur immer besser aussahen. In seinen Zwanzigern hatte er unverschämt gut ausgesehen und in seinen Dreißigern und Vierzigern war er unwiderstehlich attraktiv gewesen. Doch nun, mit Anfang fünfzig, ließen seine Lachfältchen sein Gesicht nur noch stärker und reifer wirken. Seine tiefblauen Augen blitzten vor Wärme und Witz, aber sie konnten durchaus auch derart wütend dreinblicken, dass sie Stahl zum Schmelzen brachten. Mit seiner Aufrichtigkeit und seinem unvergleichlichen Sinn für Humor hätte er jede, wirklich jede Frau erobern können.

Aber Jake wollte Daisy Owen.

Crash hatte Fotos von Daisy und Jake von damals gesehen, als sie sich gerade kennengelernt hatten. Er war ein junger Navy SEAL auf dem Weg nach Vietnam, und sie noch ein Teenager in dünnen Baumwollkleidchen, die sie selbst färbte und die auf den Straßen von San Diego ihre Zeichnungen und Handarbeiten verkaufte.

Ihr dunkles Haar, das in langen Locken über ihre Schultern fiel, ihre haselnussbraunen Augen und ihr geheimnisvolles Lächeln machten es dem Betrachter leicht zu verstehen, was Jake an ihr gefiel. Sie war wunderschön, aber ihre Schönheit war nicht nur oberflächlich.

In einer Zeit, in der Hippies uniformierten Männern auf die Stiefel spuckten, brachte Daisy Jake Achtung entgegen. In einer Zeit, in der Fremde zu ungehemmten Liebhabern wurden, um sich kurz darauf zu trennen und nie wiederzusehen, näherten die beiden sich erst vorsichtig einander an. Die ersten Male, die sie sich trafen, verbrachten sie auf langen Spaziergängen durch die Straßen der Stadt, tranken heiße Schokolade und unterhielten sich Nächte hindurch.

Als Daisy Jake schließlich eines Abends doch in ihr winziges Apartment einlud, blieb er gleich für zwei Wochen. Und als er aus Vietnam zurückkam, zog er ganz bei ihr ein.

Während all der Zeit, die Crash bei den beiden verbracht hatte, hatte er Jake und Daisy nur ein einziges Mal über etwas streiten hören.

Jake war gerade fünfunddreißig geworden, und er wollte, dass Daisy und er heirateten. Seiner Meinung nach hatten sie lange genug unverheiratet zusammengelebt. Aber Daisys Ansichten über die Ehe waren unerschütterlich. Es war ihre Liebe, die sie miteinander verbinden sollte, nicht ein dummes Stück Papier.

Sie hatten sich erbittert gestritten, bis Jake den Raum verließ – für etwa eineinhalb Minuten. Crash war überzeugt, dass dies höchstwahrscheinlich der einzige Kampf war, den Jake jemals in seinem Leben verloren hatte.

Crash beobachtete die beiden. Jake küsste Daisy erneut – diesmal länger und begehrlicher. Drüben am Fenster beugte Nell ihren hellblonden Kopf tief über ihren Zeichenblock, um den beiden etwas Privatsphäre zu gönnen.

Aber als Jake sich erhob, sah Nell auf und fragte: „Sind Sie oder ich heute mit dem Mittagessen dran, Admiral?“

„Sie. Aber wenn Sie möchten, übernehme ich das gerne.“

„Kommt gar nicht infrage!“, protestierte Nell. „Sie können Ihre komischen Algenburger jeden zweiten Tag machen. Heute bin ich dran, und es gibt überbackene Käsetoasts mit Speck.“

„Wie bitte?“ Jake klang, als hätte Nell angekündigt, die Toasts mit Arsen anstatt mit Speck zu versehen.

„Vegetarischen Speck aus dem Reformhaus natürlich“, beruhigte ihn Daisy mit einem Kichern in der Stimme. „Räuchertofu. Kein echtes Fleisch.“

„Gott sei Dank!“, sagte Jake und griff sich theatralisch an die Brust. „Ich hätte von dem Gedanken daran alleine schon beinahe einen Herzinfarkt von zu viel Cholesterin bekommen.“

Crash atmete tief durch und betrat den Raum.

„Hallo“, begrüßte ihn Jake, der ihn auf seinem Weg nach draußen begegnete.

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