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Crafael

1. Kapitel

Sijrevan, im Hornung 1044

Kälte hüllte ihn ein.

Kälte, so eisig wie der Schnee des Winters, in dem der Dunkle Herrscher in die Highlands eingefallen war. Clennan stöhnte leise und versuchte Herr über den grellen Schmerz zu werden, aus dem sein ganzer Körper zu bestehen schien.

Erinnerungen prasselten auf ihn ein und mühsam kämpfte er gegen die Schwärze, die sich an ihn heranschlich. Die weiche Dunkelheit, die ihn gefangen hielt, entließ ihn nur zögerlich aus seinen Klauen. Gesprächsfetzen flogen an ihm vorbei und in seiner Brust loderte ein heißes, verzehrendes Feuer.

„Clennan!“

Jemand rief seinen Namen.

Er wollte erwachen und doch nicht zurückkehren in die Wirklichkeit, die nur Leid und Elend bereithielt.

Gram und Tod.

Die Geräusche wurden deutlicher. Stimmen, Geschrei. Der Klang von Eisen auf Eisen, Laute eines Kampfes. Das Heulen des Windes. Die Erde bebte.

Clennans Kehle schien wie zugeschnürt. Keine Luft ... kein Atmen.

Er riss die Augen auf und starrte in das Gesicht seines jüngsten Bruders. Leblos und blass lag Ahearns toter Leib neben ihm und sein Anblick ließ die Erinnerungen zurückkehren - ob er wollte oder nicht.

An Ahearn, an Machair und Kendrick.

Seine Brüder.

Seine Familie.

Seine Kameraden.

An alle die gefallen waren.

Nach Luft ringend wandte Clennan den Blick vom Gesicht Ahearns ab und starrte zu dem düsteren Februarhimmel hinauf. Er hatte sie alle verloren, in nur einer Schlacht ... in einem Augenblick.

Als Kendrick fiel, hatten Machair und Ahearn sich seinen Mördern entgegen gestürzt, doch das Heer des Dunklen hatte auch ihre Leben gefordert und ihre toten Körper waren in bizarrem Gleichklang zu Boden gestürzt.

Clennan metzelte ein halbes Dutzend Schattenkrieger nieder, ehe er seine Brüder erreichte. Doch es war vergebens gewesen. Ihm war eine Bestie in den Weg getreten, die mit fünffingrigen Klauen nach ihm griff. Es waren keine Hände, die Waffen hielten, sondern Krallen - scharf wie Messer - die tosenden Schmerz durch seinen Körper jagten.

Er war gestürzt und Dunkelheit hatte ihn umfangen.

Sterben war alles, was er noch wollte.

Doch das Schicksal war nicht bereit gewesen, ihn klaglos gehen zu lassen und mit ihm die Linie seiner Ahnen. Die Hölle hatte ihn wieder ausgespien. Er war zurückgekehrt für den Moment - als wolle das Schicksal ihn verhöhnen.

Clennan hob den Kopf und stemmte sich mühsam auf einen Ellenbogen. Sein Körper schrie vor Schmerz.

Was für ein Leben sollte er führen auf diese Weise?

Teilnahmslos betrachtete er seinen geschundenen Leib und den blutigen Stumpf seines rechten Oberschenkels, aus dem zähflüssig und dennoch zu rasch das Blut sickerte.

Mit nur noch einem gesunden Bein, nicht mehr fähig zu kämpfen, nicht mehr fähig zu laufen. Inmitten seiner toten Brüder und Kameraden.

Blutend und dem Tode näher als dem Leben.

Das leise Stöhnen der Sterbenden und Verletzten um ihn her, raubte ihm die Sinne und durch einen roten Nebel erkannte er die tosenden Fluten des schwarzen Heeres, das über die Highlands herfiel.

Kreaturen der Hölle, wie er sie nie zuvor erblickt hatte.

Sie suchten die Menschen heim und brachten Seuchen, Finsternis und Tod über das Land.

Sijrevan starb ... und mit ihm die Linie der McCallahans.

Der Krieg mit dem Dunklen hatte ihm die Eltern genommen und nun auch seine Brüder. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann er selbst ihnen folgen würde. Clennan spürte, wie das Leben pulsierend aus ihm herausfloss und ein bitteres Lächeln legte sich auf seine Lippen.

So hatte er sich sein Ende nie vorgestellt.

Er hatte mit dem Schwert in der Hand sterben wollen, durchbohrt von der Waffe seines Feindes – nicht gepfählt von irgendwelchen seltsamen Wesen.

Verblutend in Dreck und Exkrementen.

Das Beben unter ihm nahm an Stärke zu und ein Grollen stieg tief aus der Erde empor. Dann vernahm er eine Stimme, die er hier draußen auf dem Schlachtfeld – inmitten von Tod und Verderben - nie hatte hören wollen.

„Clennan!“

Leandra rief seinen Namen und sein Herz machte einen holprigen, entsetzten Schlag. Die Erde vibrierte vom Hufschlag dutzender Pferde, die sich in seine Richtung bewegten. Übelkeit stieg in ihm auf. Resignation folgte ihr auf dem Fuße.

Ergeben ließ Clennan sich zurücksinken und drückte den Kopf gegen den kalten, gefrorenen Boden. Er war dieses Leben leid, das keines war. Sollte es sein Schicksal sein unter den trommelnden Hufen den Tod zu finden, war er bereit seinen Göttern entgegen zu treten.

Schwindel erfasste ihn.

„Clennan.“

Kühle Hände glitten über sein Gesicht und er spürte Leandras warmen Atem auf seiner Haut. Aus dem Nebel von Schmerz und einer roten Sonne tauchte ihr Gesicht in der Dunkelheit auf. Als der Schleier vor seinen Augen sich hob, war ihm, als sähe er seine Mutter Marsaili vor sich.

Das weizenfarbene Haar mit den weißen Fäden umspielte ihr blasses Gesicht und besorgt musterte sie ihn aus Augen, die ihn immer an einem warmen Maihimmel erinnerten. Lächelnd hob er die Hand, um ihre Wange zu berühren.

Sie fehlte ihm.

Bald würde er wieder bei ihr sein und ihre Umarmung spüren.

Er fiel in das Dunkel.

***

„Clennan!“

Hart schlug Leandra ihrem Bruder ins Gesicht. Seine Lider flatterten kurz, doch die tiefe Bewusstlosigkeit ließ ihn nicht los. Mit zusammengebissenen Zähnen gab sie den Druiden, die sie und ihre Krieger begleiteten, ein Zeichen. Sie hasteten an ihr vorüber, fielen neben ihr auf die Knie und begannen sich an Clennans blutigem Bein zu schaffen zu machen, um die Blutung zu stoppen.

Leandras Blick wanderte über das Schlachtfeld.

Dutzende toter Körper bedeckten die Ebene. Mutige, starke Männer ... treuergebene Highlander ihres Clans, die hier den Tod gefunden hatten. Die Kehle schnürte sich ihr zu, als sie ihren jüngsten Bruder Ahearn in unmittelbarer Nähe zu Clennan entdeckte.

Ahearn, der ihr am Morgen noch scherzhaft das Haar zerzaust und sie an sich gedrückt hatte. Seine schönen, blauen Augen auf ewig gebrochen, der Blick leer und tot. Leandra spürte den galligen Geschmack, der in ihrer Kehle emporkroch und das Gefühl ohnmächtiger Wut, weil sie nichts hatte tun können.

Der Tod war längst zu einem Teil ihres Lebens geworden. Dennoch fiel es ihr schwer, ihn zu akzeptieren. Schmerzhaft brannte sich die trockene Hitze des Verlustes durch ihren ganzen Körper und hinterließ nichts anderes als verbrannte Leere.

Wo waren die anderen?

Wo waren Machair und Kendrick?

Sie erhob sich und stolperte zwischen den toten Leibern hindurch. Menschen, Pferde ... hier und da eines dieser fremdartigen Wesen.

Obgleich die vier Brüder sie die Kunst des Schwertkampfes gelehrt hatten, hatte Clennan ihr untersagt, sich selbst in diesen Krieg zu stürzen der im Winter über sie gekommen war.

Als ihrem ältesten Bruder oblag es seiner Entscheidung, wer in den Kampf zog. Er hatte ihr verboten, das Schlachtfeld zu betreten.

Doch der Dunkle war zu ihnen gekommen und die Ebene vor Callahan-Castle war schwarz von den Höllenkreaturen, die der Herr der Finsternis mit sich führte.

Sie hatte getan was Clennan ihr befahl!

Widerwillig und mit knirschenden Zähnen hatte sie auf der Mauerkrone des Burgwalls ausgeharrt, als sie sah wie ihr ältester Bruder unter dem Hieb eines Plagua fiel. Eònraig, der Fürst der Alben, der sich ihnen erst vor wenigen Tagen angeschlossen hatte, schlug der riesigen Schreckgestalt den Schädel vom Rumpf.

Dennoch bedeutete es keinen Trost für Leandra, diese seltsam monströse Kreatur sterben zu sehen.

In ihrer Welt gab es keine Genugtuung mehr.

Keine Wiedergutmachung.

Trauer und Ohnmacht beherrschten ihre Seele.

Entgegen dem Befehl ihres Bruders war sie hinaus gestürzt in das Kampfgetümmel, gefolgt von der Leibgarde, die Clennan ihr zur Seite gestellt hatte.

Zum ersten Mal hatte ihr Schwert Blut gekostet und sie spürte, dass mit jedem fallenden Wesen dieses Höllenheeres etwas Neues in ihr erwachte. Etwas, das fremd und bedrohlich war und sich dennoch vertraut anfühlte.

Die Erde unter ihren Füßen bebte wie unter Hammerschlägen und Leandra hastete weiter durch den düsteren Tag, an dem selbst die Sonne ihr Antlitz von Sijrevan abzuwenden schien.

Als sie Machair fand, bohrte sich ein heißer, gleißender Schmerz durch ihre Brust. Wenige Schritte entfernt gewahrte sie den zweitältesten Bruder Kendrick. Beide waren grausam zugerichtet und besudelt von ihrem eigenen Blut.

Der Schmerz in ihr wurde unerträglich.

Ihr Inneres schien sich nach außen zu kehren und ihr Leib verweigerte ihr das Atmen. Leandra sackte auf die Knie hinab und presste eine Faust gegen den Mund. Trotzdem stieg ein Schrei in ihrer Kehle empor. Sie konnte Blut schmecken, als sie sich auf die Fingerknöchel biss.

Es war nicht gerecht! Einfach nicht gerecht!

Sie waren alle noch so jung. Viel zu jung.

Wie konnte der Dunkle ihr mit solcher Leichtigkeit drei Brüder nehmen? Wohingegen ihre eigenen Krieger kaum in der Lage waren die Schattenkreaturen unter der Herrschaft des Dunklen auszulöschen.

Zorn durchflutete sie.

Beim letzten vollen Mond war ihre Mutter gestorben - kurz, nachdem Leandras Vater auf dem Schlachtfeld den Tod gefunden hatte. Sein Verlust hatte ihr das Herz gebrochen und sie zerstört.

Wie konnten die Götter es zulassen, ihr nun auch noch die Brüder zu rauben? Entschieden schüttelte sie den Kopf. Das Gesicht vor Verzweiflung verzerrt, die Hände zu Fäusten geballt, hockte sie inmitten von Tod und Verderben.

Roter Zorn pumpte durch ihre Adern und sie schaukelte, auf den Knien hockend, vor und zurück.

Clennans Leben hing am seidenen Faden, aber ihn würde sie nicht gehen lassen.

Ihn nicht!

Die Erde unter ihr bäumte sich rumpelnd auf. Wie aus weiter Ferne vernahm sie das Donnern der Brandung, die gegen die Klippen unter Callahan-Castle schlug. Felsbrocken lösten sich aus den steilen Wänden und fielen hinab in das tosende Meer.

Die Feste, errichtet auf dem höchsten Punkt der Ländereien ihres Clans, Hunderte von Metern über dem Meer, schien sich allen Elementen entgegen zu lehnen und trotzig auf das Heer des Dunklen hinab zu blicken. Die Mauern ihres Heimes waren stark. Sie beherbergten immer noch ein paar Dutzend Menschen, die darum beteten, nicht den Tod zu finden.

Kinder, Frauen, Alte.

Es waren Menschen, die nicht kämpfen konnten. Die Schwachen, die Armen, die Unschuldigen.

Leandra schloss die Augen.

Sie biss die Zähne zusammen.

Sie war nicht bereit ihr Volk im Stich zu lassen. Nicht an diesem Tag, der endgültig die Dunkelheit über Sijrevan zu bringen schien.

Solange sie noch atmete, würde die Linie der McCallahans nicht weichen! Selbst wenn der letzte Funken Leben ihren Leib verlassen mochte, würde ihre Seele keine Ruhe finden, sondern zurückkehren, um dieser Welt endlich Gerechtigkeit zu bringen.

Sie spürte, wie etwas näher kam.

Leandras Finger schlossen sich um den Schwertgriff in ihrer Hand, während sie aufmerksam den Blick hob.

Eine der Schattenkreaturen stürmte auf sie zu. Der Leibwächter, der dem Wesen in den Weg sprang, wurde von dem Plagua einfach von den Füßen gefegt. Ein zweiter Krieger fand röchelnd den Tod, während die Kreatur unbeirrt seinen Weg zu Leandra fortsetzte.

Wortlos sprang sie auf, schwang ihre Waffe mit einer Aufwärtsbewegung nach oben und ließ die Schneide bis zum Heft in die Brust der Kreatur gleiten. Die junge Highlanderin blickte in bizarre, schwarze Augen, in denen deutliche Überraschung stand. Braunes Blut spritzte ihr ins Gesicht. Mit einem Ruck zog Leandra ihr Schwert aus dem sterbenden Ungeheuer.

Roter Nebel begann sie einzuhüllen.

Sie sah, wie die Kreaturen in ihrer Nähe zu Boden stürzten, als die Erde sich plötzlich hob. Ein grauenvolles Kreischen erfüllte die Luft um sie herum.

Dann erschütterte ein donnernder Schlag die ganze Welt.

Leandra strauchelte.

Eine Windböe zerrte an ihren Kleidern und wollte sie zu Fall bringen. Zornig stemmte sie sich dagegen, wehrte den nächsten Angriff einer heraneilenden Schattenkreatur ab und parierte den krallenbewehrten Hieb. Die Schneide ihres Schwertes glitt in den Hals des Wesens. Der Plagua gurgelte erstickt und stürzte zu Boden.

Ein tiefes Grollen erklang hinter Leandra und voller Zorn fuhr sie auf dem Absatz herum, bereit dem nächsten Schattenkrieger den Garaus zu machen. Doch es war keines der Insektenwesen, das sie ansah.

Den Kopf in den Nacken gelegt, starrte sie ungläubig zu dem gigantischen Drachen hinauf, dessen Pranken sich in den von Blut durchtränkten Boden gruben.

Sie hörte die angsterfüllten Schreie der Druiden, die sich immer noch über Clennan beugten. Das Gebrüll der Krieger, die nicht wussten, wie sie diesem neuerlichen Gegner zu begegnen hatten.

Die glänzenden, braunen Schuppen des gepanzerten Riesen waren undurchdringlich für die Waffen der Menschen. Leandra blinzelte und schüttelte den Kopf. Wo das Licht des Feburartages eben noch einen schillernden Grünton auf seiner Panzerung erzeugte, verfärbten die Schuppen des Drachen sich plötzlich zu einem dunklen Kupferrot. Die Farbe seines Leibes schien sich mit seiner Wut zu verändern.

Er beugte den langen Hals.

Seine alten, dunklen Augen betrachteten Leandra und ihre Blicke trafen sich.

Das Schwert in ihrer Hand sank zu Boden und die Spitze bohrte sich in den blutigen Schlamm, während unsichtbare Ketten für den Bruchteil eines Augenblickes ihren Brustkorb umklammerten. Enger und enger zogen sie sich zusammen ... sie spürte, wie sich etwas in ihr löste, wie die Fesseln um ihren Leib sich weiteten und zerbrachen.

Donchuhmuire.

Ein Flüstern.

Sein Name erklang in ihrem Kopf ... in ihrem Herzen ... in ihrer Seele.

Alt wie die Welt selbst.

Ihr Rücken brannte, als würde sich glühendes Eisen in ihre Haut bohren und Leandra fiel hinab auf die Knie. Tief durchatmend füllten sich ihre Lungen mit Luft. Sie spürte, wie ihre Seele wanderte, sich teilte und zusammenfügte. Sie spürte, wie der Geist des Drachen in sie drang und ihr Herz füllte.

Sie war angekommen.

Sie waren eins.

***

Der Späher der Dunkelalben zog sich in den Schatten der Bäume zurück, dessen Schutz er für einen Augenblick der Unachtsamkeit verlassen hatte. Das Schlachtfeld bebte unter den Schritten des Drachen, der seine gigantischen Schwingen entfaltete und ein markerschütterndes Kreischen von sich gab.

Das Heer des Dunklen geriet ins Stocken, während zwischen dem Drachen und der vor ihm knienden Kriegerin etwas geschah, das zwar nicht zu sehen, aber doch für alle fühlbar war.

Als ginge ein Ruck durch die ganze Welt.

Mit schmalen Augen starrte Kundschafter Fianor hinüber zu den Kreaturen des Dunklen, die begannen, vor dem Drachen zurückzuweichen. Der Sieg war dem Heer der Finsternis so gut wie sicher gewesen und sie hätten Sijrevan überrannt, wenn die junge Lady McCallahan nicht hinausgetreten wäre in die Düsternis dieses Tages.

Die Lethargie, die bereits von den Highlandern Besitz ergriffen hatte, war neuem Mut gewichen und sie erwehrten sich stärker denn je der Angriffe des Schattenheeres.

Keiner der Männer wollte die Maid der McCallahans auf dem Schlachtfeld fallen sehen. Sie liebten Leandra - und Leandra liebte ihr Volk.

Das Auftauchen des Drachen kehrte den Siegeswillen der dunklen Kreaturen ins Gegenteil und der Dunkelalb erkannte ein halbes Dutzend weiterer Giganten, die sich über den Rand der Klippe auf die Ebene schoben. Sie würden nicht die Letzten sein, die kamen.

Chryamae, die Herrin der Dunkelalben und Seherin ihres Volkes, hatte es vor vielen Monden prophezeit.

Etwas würde dem Dunklen entgegen treten.

Etwas das er nicht bezwingen konnte.

Sie hatte von einer Allianz gesprochen. Einem Bündnis zwischen den Auserwählten und einer Urgewalt. Der Herr der Finsternis konnte keinen Sieg über dieses Bündnis davon tragen.

Nicht jetzt, nicht hier.

Erst in ferner Zukunft würde sich die letzte Schlacht entscheiden und alle Welten erschüttern. Welchen Ausgang sie nahm, blieb selbst jenen verborgen, die das zweite Gesicht trugen.

Sorgfältig tätschelte Fianor dem nervösen Pferd den Hals und versuchte es zu beruhigen. Er musste wissen, was weiter geschah, ehe er aufbrach, um Lord Crafael Bericht zu erstatten. Sacht lenkte er den Hengst wieder an den Waldrand und starrte die Anhöhe hinab auf die seltsame Szenerie.

Inmitten all der Toten kniete Lady Leandra.

Schwer stützte sie sich auf die Waffe, deren Spitze sich in den aufgeweichten Boden gegraben hatte. Trotz der Entfernung konnte Fianor erkennen wie Leandras Fingerknöchel weiß hervortraten, während ihre Hände den Griff des Schwertes umklammerten.

Ihr Kopf sank auf die Brust hinab.

Sich krümmend vor Pein stürzte Leandra mit schmerzverzerrtem Gesicht nach vorn und ihre Hände gruben sich in Schlamm, Blut und Dreck. Ein wilder Schrei entrang sich ihrer Kehle und vereinte sich mit dem Kreischen des Drachen, der sich in diesem Moment qualvoll zu winden begann.

Der Stoff von Leandras Kleid riss, wie unter den Schlägen einer neunschwänzigen Katze, und der Dunkelalb sah ungläubig dabei zu, wie eine unsichtbare Macht die Highlanderin zu verbrennen schien.

Als der Drache den Kopf senkte und sie ihre Hand gegen seine gigantische Schnauze legte, war es als beginne Sijrevans Erde zu leuchten.

Rote Linien wurden sichtbar auf heller Haut.

Linien, die dunkler wurden, sich schwärzten, sich vereinten und schließlich das Bildnis des dunklen Drachen zeigten.

Fianor ließ sein Ross rückwärts in die Finsternis der Wälder zurückweichen.

Sie trug das Zeichen!

Hastig lenkte er sein Pferd zwischen den Bäumen hindurch und wandte sich gen Osten. Er musste eilen, so rasch die Hufe ihn tragen würden. Er musste dem Herrn der Dunkelalben davon berichten.

2. Kapitel

Sijrevan, im Hornung 1044

 

Der Wind schlug Leandra ins Gesicht, als der Drache sich vom Boden erhob und sie seinen Hals umklammerte. Ein seltsames Gefühl ergriff von ihr Besitz. Trotz all der Trauer und Verzweiflung, die ihr innewohnten, war da auch diese Gewissheit endlich vollständig zu sein. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich nicht länger zerrissen und einsam unter all den Menschen ihres Stammes.

„Drachenkriegerin.“

Was anfangs nur ein Flüstern gewesen war, getrauten sich die kriegerischen Highlander laut auszusprechen. Schwerter schlugen im Takt auf Schilde und Leandra begegnete einer ungewohnten Mischung aus Argwohn und Ehrfurcht.

Doch in den Augen der Menschen las sie auch Hoffnung und Mut ... etwas, das in den Monaten voller Angst und Tod fast erloschen schien.

Das Volk Sijrevans begann wieder zu glauben.

An einen Sieg, an eine Zukunft, an so etwas wie Frieden.

Der Drache unter ihr gab einen wilden Schrei von sich und Leandra krallte sich mit ihren Fingern in die ledrigen Schuppen seiner Panzerung. Leichter Schwindel erfasste sie, während der Boden sich mehr und mehr entfernte. Sie konnte kaum noch erkennen, wie eine Handvoll Männer ihren verletzten Bruder zurück in die Feste trug.

Bauern und Knechte, die vor dem Schattenheer in den Schutz der Mauern von Callahan-Castle geflohen waren, rannten nun mit Forken und Knüppeln bewaffnet hinaus auf das Feld. Bereit, den nach wie vor kämpfenden Kriegern zur Seite zu stehen.

Stolz erfüllte Leandra.

Ihr Volk zeigte wahre Stärke, indem es zueinanderstand. Es waren nicht nur die Drachen, die sich dem Clan der McCallahans und ihren Verbündeten zur Seite stellten, es waren die Menschen, die dafür Sorge trugen, dass das Heer der Finsternis zurückzuweichen begann.

Donchuhmuires Schwingen trugen sie höher und höher, fort von Kriegsgeschrei und Schlachtengetümmel und sie konnte sehen, was ihr am Boden verborgen blieb. Leandra wurde sich voll des Entsetzens darüber bewusst, wie gewaltig die Armee des Dunklen tatsächlich war.

Die sijrevanischen Highlands, die sich in den letzten, friedlichen Sommern noch endlos und grün erstreckt hatten, so weit das Auge reichte, waren nun schwarz von den Kreaturen der Hölle. Klarer denn je sah sie, dass den sijrevanischen Völkern kein Sieg gewiss war.

Sie alle würden sterben.

Längst hatten Alben, Highlander und die Menschen des Tieflandes sich verbündet, um gemeinsam zu kämpfen. Doch selbst wenn sich ihnen die Dunkelalben aus dem Osten anschließen würden, war kaum noch daran zu glauben, dass sie den Herrn der Finsternis tatsächlich bezwingen konnten.

Ein Grollen erklang in der Brust des Drachen, und als Leandra den Blick hob, sah sie die dunkle, graue Wolkendecke über sich.

Sie erschrak.

Ängstlich duckte sie sich hinab auf den Giganten und versuchte ihn zur Umkehr zu bewegen, wie sie es bei ihrem Pferd getan hätte. Entschlossen schlug sie ihm die Fersen in den Hals.

Dohchuhmuire reagierte nicht.

Sie würden dagegen stoßen.

Sie würden stürzen.

Er selbst musste sich dessen doch bewusst sein!

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie empor und schnappte nach Luft, als die Wolken auf sie niederzufallen schienen.

Sie tauchten ein in weichen Nebel, der sie von allen Seiten umhüllte. Leandra fühlte sich blind und taub, aller Sinne beraubt. Sie hatte keine Ahnung, wo oben und unten war. Selbst ihr Verstand schien sich aufzulösen.

Fühlte sich so der Tod an?

War sie gestorben?

Betäubt setzte sie sich auf.

Im nächsten Augenblick hob Donchuhmuire sich und seine Reiterin mit kräftigen Flügelschlägen über die Wolken hinauf.

Leandra erstarrte.

Stille.

Frieden.

Atemlos und ohne Regung spürte sie kaum, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen.

Nie war die Luft so klar und gut gewesen, die Welt so bar jeden Lautes. Unter ihr lag eine Wolkendecke wie frisch gefallener Schnee, die in Dutzenden Facetten von Gelb, Grau und Rosa zu brennen schien.

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