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Cotton Reloaded - Sammelband 01

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist COTTON RELOADED?
  3. Über die Autoren
  4. Impressum
  5. Cotton Reloaded 01 - Der Beginn
  6. Cotton Reloaded 02 - Coutdown
  7. Cotton Reloaded 03 - Unsichtbare Schatten

Was ist COTTON RELOADED?

Dein Name ist Jeremiah Cotton. Du bist ein kleiner Special Agent beim G-Team des FBI, ein Rookie, den niemand ernst nimmt. Aber du willst mehr. Denn du hast eine Rechnung mit der Welt offen. Und wehe, dich nennt jemand »Jerry«.

Eine neue Zeit. Ein neuer Held. Eine neue Mission. Erleben Sie die Geburt einer digitalen Kultserie: COTTON RELOADED ist das Remake von JERRY COTTON, der erfolgreichsten deutschen Romanserie, und erzählt als E-Book-Reihe eine völlig neue Geschichte.

COTTON RELOADED erscheint monatlich. Die einzelnen Folgen sind in sich abgeschlossen. COTTON RELOADED gibt es als E-Book, Audio-Download (ungekürztes Hörbuch) und als Read&Listen E-Book (Text in Verbindung mit Hörbuch).

Dieser Sammelband enthält die Folgen 1-3 von COTTON RELOADED.

Die Autoren

Mario Giordano, geboren 1963 in München, studierte Psychologie in Düsseldorf, schreibt Romane, Jugendbücher und Drehbücher (u.a. TATORT, SCHIMANSKI, POLIZEIRUF 110, DAS EXPERIMENT mit Moritz Bleibtreu). Seine digitale Thriller-Serie APOCALYPSIS begeisterte nicht nur als E-Book und multimediale App viele Tausend Leser, sondern avancierte auch als Buch zum SPIEGEL-Bestseller. Mario Giordano lebt in Köln.

Peter Mennigen wuchs in Meckenheim bei Bonn auf. Er studierte in Köln Kunst und Design, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Seine Bücher wurden von Bastei Lübbe, Rowohlt, Ravensburger und vielen anderen Verlagen veröffentlicht. Neben erfolgreichen Büchern und Hörspielen schreibt er auch Drehbücher für Fernsehshows und TV-Serien.

Jan Gardemann, geboren 1961 in Hamburg, jobbte nach Erreichen des Fachabiturs im Bereich Grafik und Gestaltung, unter anderem im Hamburger Hafen und als Modedesigner. Er unternahm ausgedehnte Reisen durch Europa und später durch Afrikas Wüste und nach Bali. Seit 1991 arbeitet er als freiberuflicher Autor. Heute lebt er mit seiner Frau und ihren drei gemeinsamen Kindern in einem kleinen idyllischen Ort zwischen Hamburg und Hannover.

COTTON RELOADED

Der Beginn

Mario Giordano

Du rennst und rennst und rennst.

Daran vor allem erinnerst du dich immer noch jede Nacht. Die ganze südliche Lexington rauf, und dann zack rechts rein in die 26. Straße, wo es plötzlich schattig wird zwischen den eng stehenden Backsteinhäusern mit den Feuerleitern.

Du erinnerst dich an die paar Touristen, die die Feuerleitern fotografieren, als gäbe es die nirgendwo sonst. Was ist an diesen Feuerleitern so toll?, schießt es dir durch den Kopf.

Dann hast du sie schon wieder vergessen, die Leitern und die Touristen, denn du rennst und hast keinen Blick für irgendwas sonst. Erinnern wirst du dich erst viel später, dann aber an jede verdammte Einzelheit dieses Morgens, und das jede Nacht.

Im Augenblick nimmst du kaum etwas um dich herum wahr. Die Bilder huschen nur so durch dich hindurch, hinterlassen kaum mehr als eine Kratzspur in deinem Gedächtnis, ebenso wenig wie die Coffeeshops, die schmuddeligen Immobilienagenturen und die verwanzten Delis, die verrammelten Läden für Medizintechnik, die Typen von der Müllabfuhr, die dir irgendwas hinterhergrölen und überhaupt all die Leute, die du im Zickzack umkurvst oder anrempelst. Ist dir im Augenblick so was von egal.

Du rennst einfach weiter. Deine Beine und die Lunge brennen, aber du hast immer noch genug Kraft für zwei, drei Blocks oder mehr. Wenn es sein muss, rennst du diesem schwarzen Drecksack bis nach Timbuktu hinterher, also viel weiter als bis nach Grinnell, Iowa, oder sogar New York City.

Du wirst diesen Mistkerl da vorne mit deiner Geldbörse nicht entwischen lassen. Und wenn du ihn hast, wird deine Kraft immer noch reichen, um die Scheiße aus ihm rauszuprügeln.

Vierhundert. Drei. Und. Fünfzig. Dollar. Sind da drin, dein ganzes Gespartes. Du wolltest dir coole Sachen dafür kaufen, die es original nur in New York City gibt: neues Board, neue Sneakers und ein Geschenk für Meg, irgendwas Nettes, vielleicht einen Ring, wenn’s reicht, mal sehen.

Aber daraus wird wohl nix, denn jetzt hat der Drecksack da vorne dein Geld, und er ist verdammt schnell auf den Beinen. Er wird dich abhängen, wenn du ihn nicht bald kriegst. Also, was jetzt? Aufgeben und sich nachher von Dad sein Das-musste-ja-so-kommen-Gesicht abholen?

Niemals.

Du warst öfters mit Dad jagen, und es gefällt dir, bis auf das Schießen. Du kannst zwar mit der Waffe umgehen, bist sogar richtig gut mit der alten Browning, aber dein Problem ist, dass du dich immer in die Lage des Wildes hineinversetzt. Immer musst du dir vorstellen, wie es ist, gejagt zu werden. Deshalb hast du inzwischen ein Gefühl dafür, wann der Punkt erreicht ist, an dem die Flucht zur Panik wird. Und bei dem Drecksack keine zwanzig Meter vor dir ist es definitiv so weit. Der hat inzwischen kein klares Fluchtziel mehr, den treibt nur noch die nackte Angst. Du erkennst es daran, wie er sich immer wieder hastig nach dir umdreht. Es ist nur noch eine Frage der Kondition.

Also rennst du weiter. An der 2nd Avenue biegt der Drecksack links ab, dann gleich wieder rechts in die 26. und geradeaus zwei Blocks bis zum Franklin D. Roosevelt Drive. Vierspurige Straße. Der morgendliche Stoßverkehr wälzt sich wie glitzerndes Treibgut am Ufer des East River entlang und presst Autos und Menschen in die Stadt.

Und was macht dieser Hurensohn, der dein Geld hat? Rennt da einfach rüber. Jede Nacht erinnerst du dich, wie er zwischen den Wagen hindurch rüberflitzt, als wäre es nichts, und wie er über die Betontrennung in der Mitte hechtet und dann weiter Richtung Fluss sprintet. Und du hinterher, denn aufgeben wirst du auf jetzt keinen Fall. Nicht so kurz vor dem Ziel.

Seltsam, aber du erinnerst dich immer noch an jede Einzelheit dieses Morgens. Es ist ein schöner, milder Spätsommertag, der noch einmal Hitze verspricht. Die Luft ist rein und klar. Du hast dich noch gewundert, wie sauber die Luft in New York ist, diesem Moloch. Das hattest du dir alles anders vorgestellt. Aber es ist ja auch dein erstes Mal in der Stadt, die niemals schläft.

New York City, Mann! Vor zwei Tagen bist du mit deinen Eltern aus Grinnell, Iowa, hierhergekommen, um deine tolle Schwester zu besuchen. Du bist ein Landei, ein Redneck aus einer Kleinstadt im Mittelwesten, aus dem platten, mit endlosen Maisfeldern glasierten Nirgendwo, das noch vor hundertachtzig Jahren wilde Prärie war. Savanne, hohes Gras, Tausende von Büffeln, unverfälschte Natur, Jagdgebiet der Iowa und Sioux.

Und heute nichts als Mais für Coca-Cola.

Du gehst noch zur Highschool, ein mittelmäßiger Schüler, der weit unter seinen Möglichkeiten bleibt. Sagen deine Lehrer. Meg sagt, es liegt an deinem Jähzorn, der dich manchmal überfällt wie ein Unwetter und dem man nicht ausweichen kann. Du bist seit einem Jahr mit Meg zusammen. Sie ist ein hübsches Mädchen, unkompliziert, mit ansteckendem Lachen. Sie tut dir gut, sagt deine Mutter, und wie es im Moment aussieht, wirst du sie in ein paar Jahren heiraten, wenn du nach der Highschool in das Geschäft deines Vaters eintreten wirst, einen Handel für Angel- und Jagdbedarf. Sichere Sache - geangelt und gejagt wird immer. Du hast eben nicht Lauras Ehrgeiz, die unbedingt aufs College wollte, bloß weg aus Grinnell. Laura, die Überfliegerin, seit einem Jahr in der PR-Abteilung von Brodmann & Campbell. Du weißt nicht mal, was genau PR überhaupt ist. Du weißt nur, dass deine Schwester in einem schicken Büro mit Blick über Lower Manhattan arbeitet. Wie das schon klingt. Du könnest kotzen.

Aber wenn du ehrlich bist, wenn nachts die endlosen Güterwaggons mit dem Maissirup für Coca-Cola quälend langsam an deinem Fenster vorbeirattern – katumm, katumm, katumm –, dann spürst du, dass es dir nicht anders geht als Laura. Dass dir was fehlt. Dass das nicht alles sein kann. Dass dein Platz irgendwo ganz woanders ist, jedenfalls nicht in Grinnell, Iowa. Du hast bis vor zwei Tagen bloß absolut keinen Schimmer gehabt, wo.

Inzwischen weißt du es. Und da liegt das Problem. Deswegen der Streit mit deinem Vater letzten Abend, die ganze Scheiße mit dem Geld, die ganze Rennerei.

Alles nur wegen Laura.

Laura hat ein kleines Apartment in Queens, 40. Straße Ecke 47. Avenue. Es gibt schlechtere Gegenden. Ein unscheinbarer vierstöckiger brauner Kasten am Rande eines Gewerbegebiets. Ein Railroad Apartment, ein Schlauch von Wohnung, mehr ein unterteilter Flur mit zwei Zimmern und einem Bad, in dem dein Onkel Caleb erstickt wäre. Und beim Anblick der Küche sind deiner Mum fast die Tränen gekommen.

Na, egal. Dass New York teuer ist, muss man dir nicht erklären. Jedenfalls wohnt ihr da jetzt zu viert für die paar Tage, und das bedeutet natürlich Stress. Die ersten beiden Tage bist du mit Mum und Dad einfach nur durch Manhattan gelaufen. Ihr habt euch alles angesehen. Und du hast sofort kapiert: Das ist es. New York City, deine Stadt. Es war dir klar, vom ersten Moment an.

Letzten Abend hast du deinen Eltern erklärt, dass du nach der Highschool nach New York gehen wirst. Deine Entscheidung steht fest. Das gab natürlich Ärger, vor allem mit Dad. Was wird aus dem Laden? Was ist mit Megan? Das sind doch wieder nur Spinnereien. Die ganze Leier.

Du kannst deine Eltern verstehen, aber wenn sie dir so kommen, schaltest du immer auf stur, und eins kommt zum anderen. Ihr habt euch gestritten wie nur was, du und Dad. So sehr, dass du dich die ganze Nacht nicht beruhigen konntest, und beim ersten Tageslicht hast du es nicht mehr ausgehalten, bist einfach raus, zu Fuß bis nach Brooklyn und über die Brooklyn Bridge rüber nach Manhattan. Du wolltest allein sein mit dieser Stadt, die gerade erwachte und dir undeutliche Verheißungen zuraunte. Du wolltest verstehen. Eine Entscheidung treffen.

Und die Stadt hat dir gezeigt, was sie von Rednecks wie dir hält, indem sie dir den Drecksack geschickt hat.

Der Typ ist inzwischen langsamer geworden. Auch ihm geht offenbar die Puste aus. Du siehst, wie er durch ein Tor zu einem Parkplatz rennt, also zögerst du nicht lange, spurtest zwischen den hupenden Autos hindurch über den Franklin D. Roosevelt Drive zur Waterside Plaza und rennst einfach weiter auf den Parkplatz neben dem Anleger mit den Megajachten. Das große Schild »United Nations International School« nimmst du nur am Rande wahr. Ein Wachmann schreit euch hinterher und rennt dann ebenfalls los. Egal. Gleich hast du den Drecksack und dein Geld.

Es ist noch keine zwanzig Minuten her, dass der Typ dich auf dem Union Square abgezockt hat, als du Idiot nichts Besseres zu tun hattest, als in aller Öffentlichkeit dein Geld zu zählen. Aber wer rechnet um halb acht morgens auch schon mit so was. Ein schwarzer Jugendlicher, kaum älter als du, in einem Kapuzensweater. Du hast ihn noch aus dem Augenwinkel kommen sehen, aber zu spät. Er hat dir die Geldbörse einfach aus der Hand gerissen, und ab durch die Mitte. Manhattan zeigt dir den Stinkefinger.

Aber jetzt hast du den kleinen Scheißkerl. Er ist nämlich gestolpert, und das war’s. Hinter dem Komplex der internationalen Schule, am Ende des Piers, erwischst du ihn an der Kapuze und reißt ihn zu Boden. Du denkst noch, dass er ein Messer haben könnte, aber er hat keins. Er wehrt sich, tritt nach dir, hat aber keine Chance, denn du bist ein kräftiger Bursche. Wie ein Berserker drischt du auf ihn ein, schreist irgendwas, bis er die Geldbörse endlich loslässt. Erst dann lässt du ihn ebenfalls los.

In diesem Moment siehst du zum ersten Mal sein Gesicht. Du siehst die Angst in seinen Augen und irgendwo tief dahinter einen Kummer, der dich plötzlich lähmt. Er ist nicht viel älter als du - wohl aber der Kummer, den du in seinen Augen siehst. Für einen Moment steht die Welt still, alles ist ruhig. Ihr rennt nicht mehr, steht nur keuchend voreinander.

»Wie heißt du?«, fragst du schließlich und wunderst dich über dich selbst.

»Raschid«, sagt er.

Dann hat der Wachmann euch erreicht und zieht einen Taser.

Raschid macht sich aus dem Staub. Du nicht. Du bleibst stehen. Der East River blinzelt dir in der Morgensonne entgegen, und du kriegst kaum mit, dass der Wachmann dich hart am Arm packt und dich etwas fragt.

»Was?«

»Deinen Namen, Junge!«

Du murmelst deinen Namen und zeigst dem Wachmann die Geldbörse, die du dir zurückgeholt hast. Er glaubt dir erst nicht und will dich den Cops übergeben, aber als du ihm den genauen Betrag in der Geldbörse nennen kannst und ihm das Foto von dir und Meg zeigst, das zwischen den Scheinen steckt, glaubt er dir doch.

»Du bist vom Union Square bis hier rüber gerannt?«

»Ja.«

»Nicht schlecht, Junge. Du lässt nicht so schnell locker, was?«

»Kann man so sagen.«

Er scheint zu überlegen, ob du ihn verarschst, aber dann lässt er dich laufen. Und du denkst: Mann, das ist der beste Tag meines Lebens.

So kann man sich irren.

Es ist Viertel nach acht. Du solltest jetzt deine Eltern anrufen, aber du hast kein Handy, und ohnehin sind sie bereits unterwegs. Heute ist der große Tag, heute zeigt Super-Laura ihnen ihr tolles Büro. Aber weil du jetzt dein Geld zurückhast und weil heute ja der beste Tag deines Lebens ist, willst du es nicht übertreiben. Also machst du dich auf den Weg, um sie zu treffen.

Du nimmst den Z-Train vom East River Park bis zur Fulton Street und gehst den Rest zu Fuß. Manhattan zwinkert dir zu, du hast die Prüfung bestanden. Die Stadt schnurrt dich an, sie gehört jetzt dir. Du denkst noch kurz an Raschid und den Schmerz in seinen Augen, dann wünschst du ihn zum Teufel.

Um kurz nach halb neun durchquerst du die Lobby des Nordturms der Twin Towers und reihst dich in die Schlange vor den Fahrstühlen ein. Alle fünf Meter steht ein Schwarzer und zeigt dir, wo du langgehen musst, dabei ist doch eh alles mit gelbem Absperrband markiert.

Brodmann & Campbell belegen die gesamte 94. Etage des Nordturms. Oben wirst du dich durchfragen müssen. Es gibt verschiedene Fahrstühle. Einige fahren ganz rauf, andere nicht. Die Schlange vor dem Direktfahrstuhl ist lang, und der verdammte Lift lässt sich Zeit. Aber Zeit hast du eben nicht, nicht heute Morgen. Du platzt fast vor Hochgefühl, willst deinen Triumph teilen, ihn hinausposaunen.

Und du willst dich bei Dad entschuldigen. Du willst keinen Streit mehr, nicht heute.

Also scherst du aus der Schlange aus und nimmst den Expressfahrstuhl zur Skylobby im 44. Stock. Dort willst du umsteigen und dann weiter rauf in den 94. zu Laura, Mum und Dad.

Aber so weit kommst du nicht mehr.

Als du im 44. Stock aussteigst, schlägt Flug AA 11 hoch über dir zwischen dem 93. und 99. Stock ein und tötet deine Eltern und deine Schwester auf der Stelle. Aber das weißt du in diesem Moment noch nicht. Du hörst nur die Explosion über dir, die wie ein Donnerschlag durch den Nordturm wettert und ihn zum Schwingen bringt wie eine gigantische Glocke. Die Leute in den Fluren schreien und kreischen und versuchen zu begreifen, was passiert ist.

Und du rennst wieder los, denn eines ist dir klar: Was immer das war, es kam von oben, wo gerade deine Eltern und deine Schwester sind. Du rennst durch den Flur in die Skylobby und siehst Rauch, sehr viel Rauch, viel zu viel Rauch. Und Gebäudeteile, die draußen beinahe schwerelos durch die Luft wirbeln. Wie ein Irrer stürmst du ins Treppenhaus, wo dir von oben schon die ersten Leute entgegenkommen, die auf der Flucht sind, Panik und Entsetzen in den Augen. Eine vernünftige Antwort auf die Frage, was denn eigentlich passiert sei, bekommst du in dem Tumult nicht.

Gegen den Strom spurtest du weiter die Treppen hinauf, aber im 56. Stock flutet Rauch das Treppenhaus, und selbst von hier spürst du bereits die Gluthitze. Im 61. Stock ist dann Schluss. Der Rauch wird zu dicht, die Hitze unerträglich. Ein Mann mit Schnittwunden im Gesicht hält dich fest, brüllt dich an, dass da oben alles in Flammen stehe. Du willst zu Mum und Dad und Laura, hast aber keine Chance. Du kommst nicht mehr weiter. Die einzige Hoffnung ist, dass sie es irgendwie noch ins Treppenhaus geschafft haben, oder dass sie gar nicht im Turm sind …

Ja, das ist es! Sie haben sich vertrödelt, haben noch länger als sonst auf dich gewartet, sind zu spät losgefahren und sitzen jetzt ahnungslos irgendwo in der U-Bahn, während du hier gerade in der Scheiße steckst.

Du hörst, wie eine völlig verstörte Frau etwas von einem Flugzeug brabbelt, aber das glaubst du nicht, obwohl sie behauptet, die Maschine sogar noch gesehen zu haben. Du glaubst es einfach nicht. Du stellst dir nur Mum, Dad und Laura in der U-Bahn vor und machst, dass du runterkommst.

Es geht nur langsam voran. Keine Panik, nur Schock und Ratlosigkeit. Ein Mann hat sogar noch seinen Kaffeebecher in der Hand. Du willst nur noch raus aus dem Turm, aber dann hörst du die Frau rufen. Ihre Stimme dringt schwach aus einem der Büros ins Treppenhaus. Sie ruft um Hilfe, stetig und in gleichmäßigen Abständen wie ein automatisches Notsignal. Aber es ist kein Signal, es ist eine menschliche Stimme. Warum hilft der Frau niemand?

Du überlegst kurz, verlässt den Flur und suchst nach ihr. Ätzender Rauch hängt wie Wolken unter der Decke und sickert in die Flure. Wer hier gearbeitet hat, ist längst im Treppenhaus. Nur diese Frau nicht, deren Stimme unerschütterlich um Hilfe ruft.

Sie steckt im Fahrstuhl fest, der auf halber Höhe zwischen dem 60. und 61. Stock stecken geblieben ist. Ein Wunder, dass die Stahlseile noch halten, bei der mörderischen Hitze da oben.

»Keine Sorge, Ma’am, ich bin da!«, rufst du ihr durch die halb offene Tür zu. Du kannst sie sehen. Sie ist Mitte vierzig, elegantes Businesskostüm, kurze dunkle Haare.

Und sie sitzt im Rollstuhl.

Ach du Scheiße, auch das noch.

»Sind Sie verletzt?«

»Nein. O Gott, endlich kommt jemand.«

»Wie ist Ihr Name, Ma’am?«

»Sarah Granger … Sarah.«

»Bleiben Sie ganz ruhig, ich hol Sie da raus.«

Du stemmst die Fahrstuhltür weit genug auf, dass du in die Kabine kriechen kannst. Du ziehst die Frau raus. Du weißt nicht mehr, wie du die Kraft aufgebracht hast, aber du befreist Sarah Granger aus der gottverdammten Kabine.

Sie ist viel leichter, als du gedacht hast. Als sie schließlich keuchend neben dir im Flur liegt, gibt es ein hässliches Geräusch im Fahrstuhlschacht, ein metallisches Schnappen, ein Sirren, Stahl, der auf Stahl schrammt.

Dann geht die Kabine ab, rauscht in die Tiefe.

»Danke, Junge«, sagt Sarah tonlos.

Du musst sie tragen, den ganzen Weg, die ganzen Treppenstufen, Stockwerk für Stockwerk. Ein Mann kommt dir zu Hilfe, Theo, ein Grieche. Er ist Fensterputzer und wollte eigentlich ganz rauf, als es passierte. Gemeinsam tragt ihr Sarah hinab, wo die Luft allmählich besser wird. Aber es geht nur langsam voran. Im Treppenhaus hat sich eine Schlange gebildet, die sich nur träge nach unten windet. Erst im 11. Stock begegnet ihr den ersten Feuerwehrleuten. Unten in der Lobby wollen Sanitäter dir Sarah abnehmen, aber sie hält deine Hand fest, ganz fest. Und was machst du? Du entwindest ihr deine Hand und erklärst ihr, dass du und Theo bald nachkommen. Denn ihr wollt doch wieder rauf und nach weiteren Verschütteten suchen, das habt ihr unterwegs beschlossen.

Sarah hat Angst um dich. Du spürst ihren Händedruck immer noch, als du mit Theo zurück in den Turm rennst. Ihr kommt nicht weit. Denn kurz darauf passiert, was alle Welt live mitverfolgt hat: `Der Nordturm stürzt zusammen, 102 Minuten nach dem Einschlag. Du hörst noch das Geräusch, als ob die Hölle sich öffnen würde – über dir. Der Turm schreit dir seine Agonie entgegen.

Du blickst Theo an, voller Entsetzen.

Dann wird alles schwarz.

*

Jede Nacht, wenn du daran zurückdenkst, fragst du dich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn es schwarz geblieben wäre. Wenn du dort gestorben wärst. Begraben, zerquetscht und erstickt von Tausenden Tonnen Beton, Stahl, Elektroschrott, Verträgen, Memos, Kaffeetassen, Putzmitteln, Sandwiches und ID-Karten, vermischt mit den Leichen deiner Familie. Im Schutt mit ihnen vereint.

Aber was hilft’s, du bist eben nicht gestorben.

Irgendwann geht das Licht wieder an, die Sonne flutet in die Kaverne, die sich wie durch ein Wunder über dir gebildet und dich geschützt hat. Nur dich. Ein staubiges Gesicht unter einem Bauhelm blickt zu dir herab und ruft: »Scheiße, das glaub ich nicht! Ein Wunder! Da lebt noch einer! Ein Junge!«

Sie ziehen dich raus, ein staubbedecktes, halb verdurstetes, geblendetes Gespenst mit gebrochenen Beinen. Einer der Feuerwehrleute sagt erschüttert: »Junge, sag was. Ich flehe dich an, sag was!«

Aber dein Mund ist völlig ausgetrocknet vom Staub. Erst als sie dir endlich Wasser geben, geht es.

»Wie heißt du, Junge?«, fragt der Feuerwehrmann erneut. »Sag mir deinen Namen.«

Und du sagst: »Cotton … Jeremiah Cotton.«

11 Jahre später

»Was sagst du dazu, Cotton? Stimmt’s oder hab ich recht?« Joe Brandenburg wartete die Antwort gar nicht erst ab und schwadronierte munter weiter. »Ich sehe das so, Cotton … eh, hörst du mir überhaupt zu? Also, ich sehe das so: Wenn der Chief mir immer die ganze Drecksarbeit aufbrummt, muss er sich nicht wundern, wenn sein bester Mann sich nebenbei woanders schadlos hält. Verstehst du? Bisschen was nebenbei laufen hat. Ist doch nur fair, oder? Jeder muss sehen, wo er bleibt. Wir können jeden Tag von irgendeinem cracksüchtigen Arschloch abgeknallt werden. Muss ich dir ja nicht erzählen. Darum heißt es: Der kluge Mann baut vor und schafft den Absprung, bevor es zu spät ist. Ich bin jedenfalls nicht scharf drauf, bis zur Rente Streife zu fahren. Wenn ich das schon höre: Rente! Erleben wir ja doch nicht. Wir sind das Papier, mit dem sich die Gesellschaft den Arsch abwischt, ist doch so. Eh, Partner, verdammt, pennst du oder was?«

Cotton tat so, als konzentriere er sich auf den Verkehr, während er in die Bayard Street einbog. Er kannte Joe Brandenburgs Leier auswendig.

»Eines werden wir jedenfalls niemals erleben, Joe«, sagte Cotton.

»Und was?«

»Dass du mal für eine Minute die Schnauze hältst.«

Brandenburg griente ihn an. »Hast du Interesse, ein paar Scheinchen nebenher zu machen, Partner? Yuki hat noch eine Freundin. Eine ganz süße.«

»Verpiss dich, Joe.«

»Verpiss dich selbst, Jerry.«

»Du sollst mich nicht Jerry nennen. Nenn mich niemals Jerry, hörst du!«

»Wieso eigentlich? Jerry ist doch ein geiler Name … Jedenfalls, wenn man aus Iowa kommt. Was hast du für ein Problem mit Jerry, Jerry?«

Cotton ging nicht weiter darauf ein. Das Jerry-Spiel gehörte zur Routine der nächtlichen Streifenfahrten.

»Du bist ein Spießer, Cotton, ein verdammter Spießer und Korinthenkacker, weißt du das? Du solltest dich geehrt fühlen. Weißt du, warum ich dir das überhaupt anbiete?«

»Weil ich weiß und nicht schwul bin?«

»Weil du ein verdammter Redneck bist, Cotton. Genau wie ich. Ein echter Proll.«

»Ich bin nicht wie du, Joe.«

»Nee, ist klar. Du bist natürlich was Besseres, Cotton. Leck mich.«

So ging das nun schon seit Stunden. Jeden Tag, es hörte nie auf. Joe Brandenburg war ein ewig sprudelnder Born von Nörgeleien, sexistischen Zoten, Schwulenwitzen, Vorurteilen, Gewaltfantasien, kruden Rassentheorien und garantiert risikolosen Geschäftsideen, der wie die Niagarafälle bis in alle Ewigkeit über Cotton herabbrandete. Jedenfalls, solange er mit Brandenburg auf Streife fahren würde.

Aber das ließ sich ebenso wenig ändern wie das Wetter, und das Wetter wurde vom Chief gemacht. Zu Anfang hatte Cotton noch überlegt, Brandenburg wegen seiner schmutzigen kleinen Deals auffliegen zu lassen. Aber Partner war Partner, und man scheißt seinen Partner nicht an, alte Regel. Also blieb Cotton nichts anderes übrig, als Joes Sermon irgendwie über sich ergehen zu lassen.

Joe Brandenburg mochte ein korruptes Arschloch sein, aber davon abgesehen war er in Ordnung. Man konnte sich auf ihn verlassen. Wenigstens das.

Cotton war inzwischen seit fünf Jahren beim NYPD. Es war eine klare Entscheidung gewesen, obwohl Sarah unermüdlich versucht hatte, es ihm auszureden. Er solle doch studieren, Arzt oder Anwalt werden bei seinen Fähigkeiten, und sein Talent nicht als Cop vergeuden, und so weiter.

Aber Cotton war stur geblieben.

An dem Tag im September, an dem »Jerry« gestorben war, hatte er beschlossen, Polizist zu werden. Das hatte er sich in den dunklen, endlosen Stunden unter dem Schutt des World Trade Centers überlegt. Rette mich, Gott, und ich gehe zur Polizei und mache die Welt ein bisschen besser. So was in der Art.

Seitdem war er jedenfalls nie wieder nach Grinnell, Iowa, zurückgekehrt. Megan hatte ihn noch einmal besucht, hatte viel geweint, und das war es dann gewesen.

Sarah hatte ihn aufgenommen und im Jahr darauf adoptiert. Sie hatte keine Kinder, aber ein großes Apartment in Brooklyn. Park Slope, feine Gegend, wo man berühmte Autoren und Schauspieler im Coffeeshop antreffen und vornehm ignorieren konnte. Vor fünf Jahren war Cotton bei Sarah ausgezogen und lebte nun in Williamsburg zwischen chassidischen Juden, Musikern, Intellektuellen und Künstlern, die in den 90er-Jahren wegen der hohen Mieten in Manhattan hierher gezogen waren und die nun ihrerseits die Mieten in dem ehemaligen Arbeiterviertel hochtrieben. Doch Cotton gefiel es, und solange er von seinem mickrigen Gehalt als Cop das winzige Apartment in der Hewes Street bezahlen konnte, würde er dort bleiben.

»Halt hier mal«, riss Brandenburg ihn aus seinen Gedanken.

»Was ist?«

»Jetzt halt schon an, Mann!«

Cotton hielt vor einem einstöckigen Backsteingebäude in der Mulberry Street. Unten ein geschlossenes vietnamesisches Restaurant, im oberen Stockwerk drei Fenster mit roten Vorhängen, aus denen trübes Licht sickerte.

»Bin gleich zurück«, sagte Brandenburg.

»Was soll das, Joe?«

Brandenburg schnalzte mit der Zunge. »Du hörst mir nicht zu, Partner. Muss nur mal kurz nach dem Rechten sehen. Die kleine Yuki ist mir noch was schuldig.«

Cotton erinnerte sich. Brandenburg hatte ihm von den vier Chinesinnen erzählt, die als »Japan-Juwelen« firmierten und ihren Service im Netz mit Fotos anboten, die so gar nichts mit der Realität da oben zu tun hatten. Wie in allen US-Bundesstaaten außer Nevada war Prostitution auch in New York illegal, wurde aber weitestgehend geduldet. Vor allem dank Polizisten wie Brandenburg, die regelmäßig »nach dem Rechten« sahen.

Cotton stöhnte. »Muss das sein so kurz vor Schichtende?«

»Dauert nicht lange, Partner. Ist rein geschäftlich.«

Brandenburg stieg aus und verschwand in dem Haus. Cotton ließ den Motor laufen und überlegte, ob er eine rauchen sollte. Seit drei Wochen hatte er keine Zigarette mehr angerührt, und mit jeder weiteren Schicht mit Joe Brandenburg wurde es zur Qual. Er konzentrierte sich auf die Fenster mit den roten Vorhängen, aber außer undeutlichen Schatten war nichts zu erkennen.

Cotton schaltete die Scheinwerfer aus, stellte den Motor ab und blickte die Mulberry Street entlang.

Die kleine Straße im Herzen von Chinatown war um diese Nachtzeit ungefähr so belebt wie ein Feldweg in Iowa. Cotton liebte diese Stunde, in der New York für einen kurzen Moment den Atem anhielt. Eine Zeit lang verfolgte er die Meldungen im Funk, aber außer einer Kokainrazzia im Village war alles ruhig. Dennoch konnte er sich nicht entspannen. Er blickte auf die Uhr. Brandenburg war erst seit fünf Minuten weg.

Cotton beschloss, noch weitere fünf Minuten zu warten und ihn dann da rauszuholen. Er wollte nicht noch mehr Ärger mit dem Chief seit der Razzia vergangene Woche, als er einen Crackdealer ein bisschen zu hart angefasst hatte.

Er war gerne Polizist und hatte die Entscheidung nie bereut, trotz Sarahs abfälligen Bemerkungen, wenn er sie sonntags besuchte. Dennoch fehlte ihm immer noch etwas. Das Gefühl aus jenen Septembertagen vor elf Jahren, gerufen zu werden, hatte ihn nie verlassen. Er war nicht ganz falsch beim NYPD. Aber er war noch nicht da angekommen, wo er hingehörte, so viel stand fest. Er hatte sich an der FBI-Akademie beworben, und an der Marine Corps Base in Quantico, aber sie hatten ihn beinahe ausgelacht. Keine Chance ohne Hochschulabschluss und mindestens drei Jahre Berufserfahrung.

Für einfache Cops war das System ungefähr so durchlässig wie Stahlbeton. Hätte er sich früher überlegen müssen. Hatte er aber nicht. Cotton hatte einfach den Deal eingehalten, den er unter den Trümmern des unverwundbaren Amerikas mit seinem Schicksal geschlossen hatte.

Scheiß der Hund drauf.

Als er den Kopf wieder hob, sah er die Frau. Asiatin. Anfang dreißig. Zierlich. Schulterlanges schwarzes Haar, energische Bewegungen, soweit Cotton es im Licht der Straßenlaternen erkennen konnte. Eng geschnittenes Businesskostüm, aber dazu unpassend hohe Schuhe. Sie stieg vor ihm aus einem Taxi und kam die Mulberry zügig auf seiner Seite zurück. Cotton fragte sich, warum sie sich nicht bis zu ihrem Ziel hatte fahren lassen. Als sie an ihm vorbeikam, schenkte sie ihm einen kurzen Blick, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Ein blasses, strenges Gesicht mit hohen Wangenknochen und vollen Lippen. Ein kühler Blick, der in ein, zwei Sekunden alles wahrnehmen konnte.

Cotton wollte ihr noch lässig zunicken, aber da sah sie ihn schon nicht mehr an, als würde sie ihn von einer imaginären Liste lauernder Gefahren und Möglichkeiten streichen.

Verdammt. Dieser Blick machte ihn fertig.

Ein wenig frustriert, weder als gefährlich noch interessant eingestuft zu werden, beobachtete Cotton die Frau weiter durch den Innenspiegel und überlegte, was ihn sosehr an ihr beunruhigte. Im ersten Moment hielt er sie für eine Edel-Prostituierte, die von einem Job kam. Aber das war es nicht, was ihn so beunruhigte. Erst als sie am Ende der Mulberry in die Bayard abbog, kam er darauf.

Sie war bewaffnet gewesen. Er hatte die typische kleine Ausbuchtung unter ihrem Jackett bemerkt, die das Holster einer .38er verursachte.

Cotton schaute hinüber zu dem Haus, wo Brandenburg immer noch »nach dem Rechten« sah. Er zögerte. Überlegte. Verwarf den Gedanken, seinem Impuls nachzugeben und der Frau zu folgen - und stieg dann doch aus.

Als er die Bayard Street erreichte, sah er, wie die Frau in einem Haus verschwand. Kurz darauf wurde ein Fenster im zweiten Stock hell.

Cotton blickte auf das Klingelschild, aber es gab keine Namen, nur Apartmentnummern. Er überlegte, was er tun sollte. Natürlich sollte er verdammt noch mal zurück zum Wagen gehen, Brandenburg Beine machen und sich auf den Feierabend freuen. Eine schöne junge Frau mit einer .38er unter der Jacke nachts allein auf der Straße war an sich noch kein Anlass, die Pferde scheu zu machen. Er sollte zum Wagen zurückkehren. Nicht gut, sich unabgemeldet vom Dienstwagen zu entfernen. Gar nicht gut.

Dennoch wurde Cotton das seltsame Gefühl nicht los.

Neben dem Haus befand sich ein kleiner Parkplatz, mit einem Maschendrahtzaun gesichert. Cotton zählte fünf Autos, alle mit Kennzeichen des Staates New York. Seitlich gab es einen Nebeneingang ins Haus. Cotton überprüfte das Tor zu dem Parkplatz und stellte fest, dass es nicht verschlossen war. Als er den Boden hinter dem Tor mit der Taschenlampe ableuchtete, entdeckte er das geknackte Schloss. Konnte Zufall sein, denn mehr als fünf Autos passten ohnehin nicht auf den kleinen Hof, also war keines geklaut worden. Vielleicht hatte einer der Mieter nur seinen Schlüssel vergessen und war ungeduldig geworden. Keine Seltenheit in dieser Stadt.

Inzwischen hatte Cotton einen Entschluss getroffen. Nach dem Rechten zu sehen, war schließlich sein Job. Im schlimmsten Fall machte er sich zum Affen, aber wenigstens würde er die Frau kennenlernen. Vielleicht ergab sich ja was. New York war voller Überraschungen.

Cotton schlüpfte durch das Tor auf den Parkplatz und zwängte sich an den Autos vorbei zum Nebeneingang. Er wunderte sich nicht einmal über das uralte Zylinderschloss, ein Cisa 02500 Standard. Selbst in Manhattan besaßen viele Häuser und Wohnungen immer noch keine Sicherheitsschlösser.

Er brauchte nicht mal eine Minute, dann war er im Haus. Ohne Licht zu machen, schlich er die steile Treppe hinauf. Das Treppenhaus wirkte überraschend modern und schien frisch renoviert zu sein. Auf jedem Stockwerk gab es vier Apartments mit stabilen Türen und modernen Sicherheitsschlössern.

Als Cotton den ersten Stock erreicht hatte, hörte er von oben einen erstickten Laut, dann ein rumpelndes Geräusch. Es war das Geräusch eines menschlichen Körpers, der zu Boden fiel.

Cotton zog seine Waffe und stürmte die Stufen hinauf. Die Tür des Apartments am Ende des zweiten Stocks stand einen Spalt weit offen. Licht sickerte von irgendwo aus der Wohnung in den Flur. Von drinnen kam kein Laut mehr.

So leise wie möglich schob Cotton die Tür auf und bewegte sich mit gezogener Waffe auf das Licht im Wohnzimmer zu. Die Einrichtung der Wohnung war schlicht, aber geschmackvoll. Replikas antiker chinesischer Schränke und Truhen, eine aufgeräumte saubere Küche. Im Flur hingen alte gerahmte Familienfotos ordentlich in einer Reihe. Das einzige Licht kam von einer kleinen chinesischen Stehlampe im Wohnzimmer, Cotton konnte sie genau sehen.

»Madam?«, rief er. »Madam, hören Sie mich? Ich bin Officer Cotton vom NYPD. Ich komme jetzt zu Ihnen rein, okay?«

Vielleicht hätte er die Klappe halten sollen, trotz der Vorschriften, aber die Frau war ja ebenfalls bewaffnet, und er hatte keine Lust, wegen nichts über den Haufen geknallt zu werden. Nicht so kurz vor Dienstschluss.

Als er das Wohnzimmer erreichte, sah er, dass die Frau niemanden mehr über den Haufen schießen würde. Sie lag mit dem Gesicht auf dem Boden. Auf ihrem Hinterkopf blühte eine hässliche rote Wunde.

Und das war es dann. Denn ehe Cotton die Bewegung im Augenwinkel wahrnehmen und reagieren konnte, kam auch schon der Schlag. Der Mann musste sich im Schatten hinter der Tür versteckt haben. Cotton wirbelte herum, aber das Letzte, was er sah, war eine behaarte Männerfaust und ein goldenes Blitzen.

Dann war nur noch Dunkelheit.

*

Brandenburgs Stimme aus dem Funkgerät in seiner Jacke holte ihn zurück.

»Eh, Partner, wo steckst du? Melde dich, verdammt!«

Stöhnend kam Cotton zu sich und sah zunächst nur den blutüberströmten Kopf der Frau direkt vor sich. Mühsam richtete er sich auf und tastete seine schmerzende Schläfe ab. Blut blieb an seiner Hand kleben, nicht gerade wenig. Es rann seinen Hals hinab in den Kragen und hatte bereits die Uniform versaut. Das Blut war noch nicht geronnen, auch das der Frau nicht. Der pochende Schmerz in der Schläfe ließ kaum einen klaren Gedanken zu.

»Verdammt, Cotton! Wenn du mich verarschen willst …«

Damit wusste nun das ganze Department, dass sie beide Mist gebaut hatten.

Mechanisch griff Cotton zum Funkgerät.

»Ganz ruhig, Joe, ich bin hier.«

»Scheiße, was heißt das? Wo steckst du?«

»Bayard Ecke Mulberry. Das Haus neben dem Parkplatz. Ich hab hier einen 10-34. Am besten bringst du gleich die Kavallerie mit.«

»Sag das noch mal.«

Cotton atmete durch. Da der Funkverkehr ohnehin über die Zentrale lief, konnte er es auch gleich offiziell machen.

»Police Officer Cotton meldet einen 10-34. Eine Leiche, Täter flüchtig. Erbitte 10-70.«

»Wiederholen Sie das, Officer Cotton«, kam es prompt von der Zentrale.

Cotton wiederholte es und gab die Adresse durch, während er den Puls der Frau fühlte. Aber sie war so tot, wie man mit einem zertrümmerten Hinterkopf nur sein konnte. Ihr Körper war bereits eiskalt, aber noch hatte die Leichenstarre nicht eingesetzt.

Na los, du bist noch nicht fertig. Konzentrier dich.

Fluchend und noch immer halb benommen tastete Cotton nach seiner Waffe, die nicht weit von ihm auf dem Fußboden lag. Offenbar hatte der Täter es zu eilig gehabt, um ihm damit den Rest zu geben. Als Cotton sich nach seiner Dienstwaffe bückte, sah er etwas unter dem Sofa der Toten liegen. Ein Handy. Ausgeschaltet. Ohne groß zu überlegen, steckte Cotton seine Dienstwaffe zurück ins Holster und schob das Handy der Frau in die Hosentasche. Dann durchsuchte er die Handtasche der Toten, die neben der .38er auf einem Stuhl lag, um herauszufinden, wer sie war. Die Waffe rührte er nicht an.

Er entdeckte ein kleines Etui mit Kreditkarten, einem Führerschein und einer ID-Karte der Firma, bei der die Frau offenbar beschäftigt gewesen war. Die Karte mit dem Magnetstreifen zeigte auf der Vorderseite das Logo einer Softwarefirma namens »Cyberedge – IT-Solutions«, einen alphanumerischen Code und das Foto und den Namen der Toten. Sie hieß Maggie Huang, war 32 Jahre alt und in dieser Wohnung gemeldet. Und nun war sie tot, und er war zu spät gekommen, weil er einem Impuls nicht nachgegeben hatte.

Cotton steckte Kreditkarten und Führerschein zurück in die Tasche. Die Firmenkarte behielt er, ebenso das Handy. Irgendetwas stank hier zum Himmel, und er wollte der Sache selbst nachgehen, soweit er konnte. Beim NYPD gab es viele Joe Brandenburgs.

»Verdammt, Partner, was hast du da für eine Scheiße angerichtet?«

Cotton wandte sich um. Brandenburg stand in der Tür zum Wohnzimmer und sah sich um, ohne auch nur einen Schritt näher zu kommen.

»Er kann nicht weit sein«, sagte Cotton und richtete sich auf.

»Wer?«

»Ihr Mörder, du Idiot!«

Brandenburg blieb immer noch wie angewurzelt in der Tür stehen. Er starrte Cotton an, als rede er wirres Zeug.

In diesem Moment wusste Cotton, dass er ein Riesenproblem hatte.

*

Fünf Minuten später waren die Kollegen vom Abschnitt Manhattan-Süd an Ort und Stelle und verhafteten ihn. Standardvorgehensweise. Cotton nahm es ihnen nicht einmal übel. Ein Arzt stellte den Tod der Frau fest und versorgte Cottons Platzwunde. Dann legte Worzcek, so ziemlich der unsympathischste Officer des NYPD, ihm schweigend Handschellen an, verlas ihm monoton seine Rechte und führte ihn ab. Sie brachten ihn jedoch nicht zur Wache des 5. Reviers, sondern ins Hauptquartier des NYPD in der Park Row.

»Anweisung vom Captain«, sagte Worzcek grimmig. Kein Wort des Bedauerns.

»Was soll das, Worzcek?«, fragte Cotton. »Glaubt ihr Jungs wirklich, ich bieg mal eben um die Ecke, erschlage eine wildfremde Frau und leg mich noch ein bisschen dazu?«

Worzcek sagte nichts. Cotton hatte ihn noch nie leiden können.

Im Hauptquartier nahmen sie seine Fingerabdrücke und eine Speichelprobe. Dann setzten sie ihn in einen Vernehmungsraum und ließen ihn mit einem Kaffee, seinem Brummschädel, der blutverschmierten Uniform und dem Bild der toten Frau in seinem Kopf allein. Und ihrem Handy und der ID-Karte in der Hosentasche. Man hatte ihn nicht mal gefilzt. Zum Glück. Er saß schon tief genug in der Patsche.

Cotton war sicher, dass man ihn über eine versteckte Kamera beobachtete, also hielt er die Hände schön brav gefaltet auf dem Tisch, prokelte sich nur hin und wieder Blutkrusten vom Kragen und versuchte, sich an den Augenblick zu erinnern, als bei ihm die Lichter ausgegangen waren. Der Schlag aus dem Nichts. Die behaarte Faust. Das goldene Aufblitzen. Von einem Ring vielleicht?

Nach einer gefühlten Ewigkeit ging die Tür auf, und eine junge Frau trat ein. Hochgesteckte blonde Haare, dunkler Hosenanzug wie eine Bankerin. Ihren Bewegungen nach eine Schwimmerin. Sie war schlank und etwas größer als Cotton. Sehr attraktiv. Schmales nordisches Gesicht mit großen Linien. Augen wie Gletscher. Sie sah wirklich sehr gut aus, trug ihre Bluse einen Knopf offener als nötig und schien genau zu wissen, warum. Alles an ihr strahlte Kühle und Überlegenheit aus. Ihre Bewegungen verrieten keinerlei Unsicherheit.

Als sie sich vor Cotton an den Tisch setzte und eine kleine Aktenmappe mit seinem Namen darauf ablegte, wehte ein Hauch von Issey Miyake zu Cotton herüber. Einen Tick zu orientalisch für eine große Blonde, fand Cotton, und auch für das FBI. Zumal der Duft nicht mehr topaktuell war.

»Finden Sie irgendetwas komisch, Officer Cotton, oder warum grinsen Sie?«, fragte die Frau mit ruhiger, angenehmer Stimme.

»Ich habe nicht gegrinst.«

»Doch.« Sie sah ihn unverwandt an und stellte sich vor. »Ich bin Special Agent Philippa Decker. Ich leite diese Untersuchung.«

»Warum ist das ein Fall fürs FBI?«

»Ich stelle hier die Fragen, Officer Cotton.«

Die ganze Zeit sah sie ihn an. Cotton wusste, dass sie seine Körpersprache studierte und auf die kleinen, unbewussten, verräterischen Signale achtete. Cotton machte sich nicht einmal die Mühe, seine Mimik zu kontrollieren. Er wusste, dass es nichts nutzte. Er achtete nur darauf, seine Hände locker auf dem Tisch zu behalten.

Decker öffnete die Mappe und warf einen Blick auf seine Personalakte. Cotton kannte das Spiel und merkte, dass er langsam die Geduld verlor.

»Schießen Sie schon los. Ich würde gern nach Hause und duschen.«

Special Agent Decker blickte auf. »Wie haben Sie es gemacht, Officer Cotton?«

Cotton blieb so ruhig, wie man mit einem Beweisstück in der Hosentasche bleiben konnte. »Ach, kommen Sie, Agent Decker. Ich will nur nach Hause. Es war eine beschissene Schicht.«

»Wie haben Sie die Frau getötet?«

Die Hübsche meinte es tatsächlich ernst. Sie lehnte sich zurück.

»Sie sitzen in der Tinte, Officer Cotton.«

»Ich war es nicht. Wieso hätte ich die Frau umbringen sollen?«

»Sagen Sie es mir, dann sind wir ein gutes Stück weiter.«

»Ich war es nicht, verdammt!«

»Wer dann?«

»Hab ihn nicht erkannt.«

»Dann lassen Sie mal hören.«

Cotton atmete durch. »Officer Brandenburg war kurz um die Ecke, sich einen Kaffee holen. Da habe ich diese Frau gesehen …«

Er berichtete ihr alles, an das er sich erinnerte. Oder fast alles. Brandenburgs Abstecher zu den »Japan-Juwelen« verschwieg er ebenso wie das Handy der Frau in seiner Hosentasche.

Decker hörte ihm ruhig zu, ohne ihn zu unterbrechen oder sich Notizen zu machen. Nur manchmal hob sie die Augenbrauen.

»Und das soll ich Ihnen glauben, Officer Cotton?«, sagte sie schließlich. »Laufen Sie jeder Frau hinterher, die an Ihrem Wagen vorbeikommt?«

Cotton zuckte mit den Achseln. »Wenn sie eine Knarre unter der Jacke trägt. Wer war sie überhaupt?«

Philippa Decker ging nicht darauf ein. Stattdessen wollte sie alles noch einmal von ihm hören. Und noch einmal. Und noch einmal. Zwischendurch hakte sie nach. Wo Brandenburg denn seinen Kaffee geholt habe, da doch sämtliche Coffeeshops im Umkreis von einer halben Meile noch geschlossen hatten. Woran Cotton im Dunkeln erkannt habe, dass die Frau eine Waffe trug. Wo genau das aufgebrochene Vorhängeschloss lag. Warum er keine Meldung gemacht hatte, als er aus dem Wagen gestiegen war.

Cotton schluckte den aufsteigenden Zorn herunter und versuchte, sich an weitere Details zu erinnern. Aber je öfter er seinen Bericht wiederholte, desto mehr verschwammen seine Erinnerungen. Er brauchte Ruhe, um sich konzentrieren zu können.

Doch mit jeder neuen Runde erkannte er, dass Philippa Decker trotz ihrer äußerlichen Coolness unter großem Druck stand. Er sah es an ihren Schultern, an der Art und Weise, wie sie zwischendurch ihre Hände knetete. Offenbar war dies kein gewöhnlicher Mordfall, und er, Cotton, war zurzeit ihre einzige Spur. Das machte ihn wieder wach.

»Wollten Sie gerade noch etwas hinzufügen, Officer Cotton?«

»Nein.«

»Zu blöd, dass Sie sich nicht an den Mann erinnern können, der Sie angeblich niedergeschlagen hat, nicht wahr?«

»Ja. Zu blöd.«

»Eine behaarte Faust, ein Aufblitzen, vielleicht von einem Ring … Woher haben sie das? Aus einem Schundroman?«

Cotton setzte zu einem gereizten Hinweis auf seine Platzwunde am Kopf an, als ihm etwas einfiel.

»Wie viele Wagen standen noch auf dem Parkplatz neben dem Haus, als Sie kamen?«

»Vier, wieso? Wir haben die Halter bereits überprüft.«

»Als ich das Haus betrat, waren es fünf. Der Parkplatz war voll. Der fehlende Wagen gehört wahrscheinlich dem Täter.«

Decker verließ kommentarlos den Raum und kam kurz darauf mit einer kleinen Liste der vier Wagen und ihrer Kennzeichen zurück. Ein Nissan Almera, ein Lincoln Navigator, ein Hyundai Sonata und ein älterer Volkswagen Jetta. Cotton konzentrierte sich und stellte sich die Wagen vor, so wie er sie gesehen hatte.

»Ein weißer Toyota Avalon«, sagte er schließlich. »Er stand zwischen dem Nissan und dem Volkswagen.«

»Kennzeichen?«

Cotton schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Es war dunkel, und mein Fokus war bei der Frau.«

Philippa Decker verzog spöttisch das Gesicht. »Ihr Fokus, natürlich.« Sie wirkte plötzlich müde. »Sie können gehen, Officer. Verziehen Sie sich.«

Das ließ Cotton sich nicht zweimal sagen. Aber sein Blick blieb noch einmal auf der Aktenmappe hängen.

»Was steht eigentlich in meiner Akte?«

»Gehen Sie nach Hause, Officer.«

*

Vor der Zentrale wartete Brandenburg in seinem alten Mercury Sable auf ihn.

»Du siehst beschissen aus, Partner.«

Cotton ließ sich kommentarlos auf den Beifahrersitz fallen.

»Hast du … Ich meine, hast du ihnen was gesagt über …«

»Tu mir einen Gefallen, Joe, nur dieses eine Mal, ja? Halt einfach die Klappe und bring mich nach Hause.«

Nach einer heißen Dusche fühlte er sich etwas besser. Bis auf das Bild der toten Maggie, das ihm nicht aus dem Kopf ging.

Er legte ihr Mobiltelefon und ihre Firmenkarte auf den kleinen Küchentisch und begann mit der Untersuchung. Das Handy war ein brandneues Modell ohne erkennbare Spuren von Benutzung. Eine Verizon-SIM-Karte. Das Gerät ließ sich zwar einschalten, aber da Cotton ohne PIN-Code nicht weiterkam, schaltete er es sofort wieder aus, um nicht geortet zu werden. Inzwischen bereute er, das Handy an sich genommen zu haben. Sämtliche verwertbaren Fingerabdrücke und möglicherweise auch DNA-Spuren hatten sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in seiner Hosentasche aufgelöst. Aber das war nicht mehr zu ändern. Er würde sich etwas einfallen lassen müssen.

Cyberedge war laut Handelsregister in der Thomas Street eingetragen und hatte für eine Softwarefirma eine ungewöhnlich nichtssagende Webseite, die keinerlei Aufschluss über die Produkte des Unternehmens lieferte. Seltsamerweise überraschte Cotton das nicht. Er nahm an, dass Cyberedge speziell angepasste Sicherheitssoftware verkaufte. Aber warum Maggie Huang deswegen bewaffnet sein musste, erklärte das auch nicht.

Er legte sich eine Zeit lang aufs Bett und versuchte, sich auf das Gesicht der Frau, den Augenblick des Faustschlags und den weißen Toyota zu konzentrieren. Und auf die Frage, warum das FBI den Fall so schnell an sich gezogen hatte.

Maggie Huang. Cotton sprach ihren Namen leise aus. Er hatte sie nur ganz kurz gesehen, dafür aber in den letzten Augenblicken ihres Lebens. Er war zu spät gekommen. Er fand, dass er Maggie etwas schuldig war.

Das Telefon riss ihn aus seinen Gedanken.

»Ich wollte mich nur bedanken, Partner, dass du mich da rausgehalten hast.«

»Lass stecken, Joe.«

»Ich hab mich mal umgehört, warum das FBI so schnell vor Ort war.«

Cotton richtete sich im Bett auf.

»Scheint sich um eine Mordserie zu handeln«, fuhr Brandenburg fort. »Da killt einer junge Chinesinnen.«

Cotton erinnerte sich. Er hatte vor zwei Wochen in einem internen Memo darüber gelesen, aber der Meldung weiter keine Beachtung geschenkt, da die Morde in drei verschiedenen Bundesstaaten verübt worden waren.

»Aber bis jetzt gab es keinen Mord in New York City.«

»Bis jetzt, Partner. Tathergang und Opferprofil scheinen jedenfalls zu passen.«

»Die Opfer waren alles Prostituierte. Unsere Tote auch?«

»Frag mich was Leichteres. Worzcek sagt, das FBI lässt keinen mehr ran. Selbst an den Tatort lassen sie nur noch ihre eigenen Leute.«

»Verstehe. Danke, Joe.«

»Ich werde wohl ein bisschen auf Yuki und ihre Schwestern aufpassen müssen.«

»Sie sind Schwestern?«

»Mein Angebot steht noch, Partner.«

Nachdem Brandenburg aufgelegt hatte, rief Cotton eine Freundin in der Verwaltung des FBI an, mit der er zwei- oder dreimal ausgegangen war, und fragte sie nach Special Agent Decker.

»Sagt mir nichts. Ist sie hübsch?«

»Kannst du für mich herausfinden, zu welcher Abteilung sie gehört, Sam?«

Samantha seufzte. »Du weißt, dass mich das meinen Job kosten kann, oder?«

»Ich wäre dir was schuldig, Sam.«

»Ja, ich weiß schon. Dinner bei Rube’s, und dann bringst du mich schön brav nach Hause, und das war’s mal wieder. Danke, ich verzichte, Cotton.«

»Bitte, Sam. Es ist wichtig.«

Fünf Minuten später hatte Cotton eine Information, die ihn elektrisierte. Er steckte seine private Glock 22 ein und verließ eilig seine Wohnung.

*

Nur zwei Blocks entfernt betrieb Kyle Rickenback einen kleinen Laden für gebrauchte Computer und Elektroschrott. Für etwas anderes hielt Cotton den Krempel jedenfalls nicht, der sich in Kyles Laden bis zur Decke stapelte und die Durchgangswege blockierte. Aber Kyle hatte Qualitäten. Er reparierte die uralten Fernseher der Nachbarschaft, bis sie vollends den Geist aufgaben. Kyle konnte so ziemlich alles, was sich an eine Steckdose anschließen ließ, wieder ans Laufen kriegen. Was elektronische Geräte betraf, hatte er ein magisches Händchen. Für kompliziertere Fälle hatte er die geeignete Software.

»Und ich dachte, es wird ein guter Tag«, stöhnte Kyle, als Cotton den Laden betrat, und schob mit dem Fuß bemüht unauffällig einen kleinen Karton unter ein Regal.

»Du musst mir einen Gefallen tun.« Cotton hielt ihm das Handy hin.

Kyle rührte es nicht an. »Und ich soll bloß keine Fragen stellen, stimmt’s?«

Cotton grinste ihn an. »Wie lange brauchst du dafür?«

»Komm heute Nachmittag wieder.« Kyle seufzte und griff nach dem Handy, aber Cotton ließ es noch nicht los.

»Jaja, schon klar«, sagte Kyle. »Keine Sorge, das Ding kriegt keiner außer mir zu sehen. Sonst noch was?«

»Ich brauche kurz deinen Wagen.«

»Sag mal, hast du sie noch alle, Cotton?«

*

Als Cotton sich kurz darauf in Kyles Schrottkarre dem Haus in der Bayard Street näherte, sah er keinen Streifenwagen mehr und auch keinerlei Absperrung. Dafür einen nagelneuen Lieferwagen ohne Firmenschild. Der Parkplatz neben dem Haus war mittlerweile leer. Cotton fuhr einmal um den Block, erwischte eine Parklücke in Sichtweite des Hauseingangs und wartete ab. Viel tat sich nicht. Das Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang. Ein Mord brachte New York City nicht aus dem Takt. Das Einzige, was seine Aufmerksamkeit wirklich fesselte, war der schwarze Bolide, der hinter dem Lieferwagen parkte. Ein Dodge Challenger. 6,1 Liter V8-Motor, 425 PS, in unter fünf Sekunden von 0 auf 60 Meilen pro Stunde. Eine Bestie von Auto, pure bösartige Beschleunigung. Brandenburg hätte sich sonst was abgeschnitten für diesen Wagen. Cotton allerdings auch. Selbst in Manhattan war der Dodge etwa so unauffällig wie ein Raumschiff. Cotton nahm an, dass er einem Triadenboss gehörte.

Nach einer Weile traten zwei Männer aus dem Haus, blickten sich kurz um und luden Umzugskartons in den weißen Lieferwagen. An sich nichts Ungewöhnliches, hätten sie nicht dunkle Anzüge und Sonnenbrillen getragen.

»Jungs, warum hängt ihr euch nicht gleich ein Schild um, hallo, ich bin beim FBI und ich hab auch die Filme alle gesehen«,

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