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Geliebte Betrügerin / Wenn die Sonne glühend im Meer versinkt / Pikante Schlagzeilen

Leslie LaFoy

Geliebte Betrügerin

PROLOG

Nun, verehrte Leserinnen und Leser, sollten Sie bisher noch nichts von EMVM, dem neuesten Trend der Superreichen, gehört haben, wird es wirklich höchste Zeit. EMVM steht für „Einsiedlerischer Millionär verschenkt Millionen“ und ist im Moment absolut angesagt. Meine Mission wird es sein, Sie in allen Details darüber zu informieren und meine Reporterohren für Sie offen zu halten.

Gerade versuche ich herauszufinden, welcher Glückspilz diesmal in den unerwarteten Genuss eines Geldsegens kommen wird. Obwohl ich bereits im Besitz brandheißer Informationen bin, muss ich mich jedoch noch eine Weile in Schweigen hüllen.

Sollte einer von Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, sich auf der gleichen Spur befinden wie ich, sollten wir uns unbedingt mal auf einen Caffè Latte verabreden und Informationen austauschen. Ich verspreche Ihnen, Sie werden es nicht bereuen.

Sam Balfour legte den Zeitungsausschnitt auf den Schreibtisch seines Onkels. „Hast du das gelesen?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort: „Diese furchtbare Person wird keine Ruhe geben, bis sie etwas herausgefunden hat. Zum Glück sieht es nicht so aus, als ob sie irgendetwas ahnt. Sonst würde sie ihre Leser nicht regelrecht um Informationen anbetteln. Vielleicht sollte ich sie mal anrufen. Dann würdest du endlich mit diesem absurden Spielchen aufhören.“

S. Edward Balfour IV., der von seinem Neffen nur Onkel Ned genannt wurde, schob den Zeitungsausschnitt lächelnd zur Seite und nahm stattdessen eine dunkelgrüne Aktenmappe aus der Schreibtischschublade. „Bevor du dich mit dieser Reporterin zum Kaffee verabredest, tu mir doch bitte den Gefallen und erledige das hier.“

Sam seufzte und sah sich die Mappe genauer an. Die grüne Farbe wies darauf hin, dass wieder irgendjemand beschenkt werden sollte. Wie viele dieser Papiere lagen eigentlich noch bei seinem Onkel in der Schublade?

„Ich kann sagen, was ich will, du hörst sowieso nicht auf mich“, fuhr Sam fort. Dabei will ich dich doch nur schützen.“

„Mein lieber Neffe, ich weiß deine Besorgtheit zu schätzen“, erwiderte Ned, „aber ich werde Maureens Projekt auf jeden Fall weiterführen. Sie hätte es so gewollt. Bitte kümmere dich darum, dass die übliche Summe bis zum Ende der Woche überwiesen wird.“

Sam warf einen Blick auf die Zeitung, die sein Onkel gerade las, und sah, dass er einen Leserbrief eingekringelt hatte. Es war der Lokalanzeiger irgendeiner Kleinstadt. „Hast du schon wieder einen neuen Kandidaten im Visier? Wie findest du die bloß immer? Und wo bitte schön ist denn dieser Ort? Von dem habe ich echt noch nie gehört.“

„Ich kann ja dich anstelle von Bruce hinschicken, dann wirst du es selbst herausfinden.“

„Nein, danke. Ich würde mich lieber einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt unterziehen, als noch weiter in diese unsinnigen Projekte verwickelt zu sein“, sagte Sam und sah ein, dass es wohl unmöglich war, Santa Ned, wie er seinen Onkel scherzhaft nannte, von seinem Vorhaben abzubringen. Er klemmte sich die Aktenmappe unter den Arm. „Ich sage Bruce Bescheid, dass er den Firmenjet nehmen soll.“

„Du brauchst das gar nicht so schnippisch zu sagen. Bruce ist ein hervorragender, sehr diskreter Mitarbeiter.“

„Wenn du meinst“, erwiderte Sam und wollte gerade hinausgehen, als er noch hinzufügte: „Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich mir wünschen soll, dass diese Emily Raines eine gute oder eine schlechte Wahl ist. Ich habe keine Ahnung, was besser für dich wäre.“

„Ach, Sam. Du denkst zu viel nach. Du solltest lernen, auf dein Herz zu hören. Die wahre Freude besteht doch im Schenken, nicht in dem, was nachher damit passiert. Das liegt nicht mehr in unserer Hand.“

1. KAPITEL

Emily Raines stützte sich auf das schwere Bodenschleifgerät, für das sie immer noch keine Steckdose gefunden hatte, und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Was sie sah, versetzte sie schlagartig ins antike Griechenland, obwohl nirgendwo halb nackte Nymphen emsig Rosenblätter verstreuten. Auch der rote Porsche auf der anderen Straßenseite besaß nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem historischen Triumphwagen. Der Mann jedoch, der da gerade aus dem Auto stieg, war zweifelsohne ein griechischer Gott.

Er war groß, hatte breite Schultern, schmale Hüften und dunkles Haar, das gerade lang genug war, um in der leichten Brise wehen zu können. Fasziniert beobachtete sie, wie der Fremde mit einer legeren Geste seine Jacke aus dem Auto nahm.

Der Anblick seines perfekt geformten Pos zauberte ein Lächeln auf Emilys Lippen, und sie überlegte, ob er sich absichtlich eine derart figurbetonte Hose hatte schneidern lassen. Wenn der gut aussehende Unbekannte noch auf der Suche nach einer Nymphe wäre, würde sie wohl nicht Nein sagen …

„Emily!“

Die Stimme ihrer Freundin Beth riss sie aus ihrem Tagtraum, obwohl sie lieber noch eine Weile in ihrer Fantasiewelt voll halb durchsichtiger Togen, samtweicher Liegen und süßer Weintrauben verweilt hätte.

„Also wirklich“, sagte Beth, „deine Unentschlossenheit wird uns noch mal teuer zu stehen kommen.“

Der Fremde sah suchend die Straße auf und ab. Vielleicht hatte er sich ja verirrt? „Jetzt sei doch nicht so pessimistisch!“ Sollte sie hinausgehen und ihre Hilfe anbieten?

„Das hat doch nichts mit Pessimismus zu tun! Ich versuche nur, realistisch zu sein“, entgegnete Beth und wedelte mit den Unterlagen, die sie in den Händen hielt. „Die Kostenvoranschläge für das neue Dach liegen alle um die fünfzehntausend Dollar. Du musst dich jetzt endlich für eine Dachdeckerfirma entscheiden und solltest dabei auch mal ein bisschen energischer verhandeln.“

„Welche der Firmen schien denn größeres Interesse an dem Auftrag zu haben?“, fragte Emily, ohne dabei den Adonis aus den Augen zu lassen. Als dessen Blick auch noch auf ihr Gebäude fiel, fing ihr Herz an, schneller zu schlagen.

„Ehrlich gesagt kamen sie mir beide nicht besonders begeistert vor.“

Jetzt überquerte er die Straße. Sie musste sich etwas einfallen lassen. „Magst du vielleicht mal nach den Handwerkern sehen? Ich komm dann nach. Es sieht so aus, als ob wir Besuch bekommen würden.“

Beth warf einen flüchtigen Blick durch die gläserne Eingangstür, strich sich eine Locke ihres knallroten Haars aus dem Gesicht und zwinkerte Emily zu. „Schrei, wenn du Hilfe brauchst“, meinte sie und verschwand im hinteren Teil des Gebäudes.

Ha, als ob sie in einer solchen Situation Hilfe nötig hatte! Emily warf noch schnell einen Blick zur Tür und begann dann langsam, das Stromkabel des Bodenschleifers abzurollen. Als die Tür bimmelnd geöffnet wurde, drehte sie sich betont lässig um und versuchte ein ebenso überraschtes wie entspanntes Lächeln aufzusetzen.

„Hallo“, sagte der Adonis.

Beim Klang seiner tiefen, sinnlichen Stimme begann ihr Herz unkontrollierbar wild zu klopfen. „Hi“, hörte sie sich entgegnen und bemerkte seinen bewundernden Blick, der langsam über ihr T-Shirt hinunter zu ihrer abgeschnittenen Jeans und ihren Lederstiefeln glitt. Genauso genussvoll sah er wieder an ihr empor, und ihre Blicke trafen sich. Ein verschmitztes Lächeln umspielte seinen Mund, und in seinen Augen lag Lust, aber auch Betretenheit, weil er sie so angestarrt hatte.

Emily erwiderte sein Lächeln und versuchte die Erregung in ihrer Stimme zu verbergen. „Kann ich Ihnen helfen?“

Sein Anflug von Schuldbewusstsein verschwand sofort. „Ich bin Cole Preston und suche meine Großmutter, Ida Bentley, die heute Morgen hierherkommen wollte. Haben Sie sie vielleicht gesehen?“

Also war er doch kein gänzlich Unbekannter. Emily schmunzelte. „Ida ist eine gute Freundin und wirklich eine bemerkenswerte Frau“.

Er lächelte traurig. „Nun ja, in letzter Zeit ist sie geistig nicht mehr ganz so auf der Höhe. Vor allem in finanziellen Angelegenheiten.“

In Emilys Magen machte sich ein flaues Gefühl breit, doch sie versuchte diplomatisch zu bleiben. „Na ja, ab und zu ist sie ein wenig zerstreut“.

„Ein wenig?“, entgegnete er. „Jetzt untertreiben Sie aber.“

„Also, für eine Dame über achtzig hat sie sich doch gut gehalten“, verteidigte Emily ihre ältere Freundin. „Sie ist immer tadellos gekleidet, und sie hat außerdem viele Ideen zur Gestaltung der Kurse, wenn das Zentrum mal fertig ist.“

„Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Kurse zum Modernen Ausdruckstanz“, bemerkte Cole in einem kühlen und distanzierten Ton, der unmissverständlich seine Missbilligung zum Ausdruck brachte.

„Ja, natürlich. Ihre Großmutter war schließlich zu ihrer Zeit eine begnadete Tänzerin. Sie hat mir die alten Zeitungsausschnitte gezeigt: Sie ist wirklich viel herumgekommen!“

„Das war damals. Heute sieht das anders aus, diese Zeit ist vorbei.“

Vorbei? „Wie bitte?“ In ihr stieg der Verdacht auf, dass die alte Dame aufs Abstellgleis abgeschoben werden sollte.

„Ich bin es leid, dass es immer wieder Menschen gibt, die meiner Großmutter einreden wollen, dass sie noch tanzen kann.“

So viel zu ihrer tollen Fantasie über den griechischen Adonis, mit dem sie gerne ihre Trauben geteilt hätte. Dieses Exemplar sah zwar aus wie ein Märchenprinz, aber der schicke Anzug und der durchtrainierte Körper konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er das Einfühlungsvermögen eines Holzklotzes hatte. Der Gedanke, dass sie sich so einfach von seinem perfekten Äußeren hatte täuschen lassen, machte sie wütend.

Energisch beschäftigte sich Emily erneut mit dem Kabel des Bodenschleifers und verabschiedete sich innerlich seufzend von der aufregendsten Fantasie, die sie seit langer Zeit gehabt hatte.

„Offensichtlich sehen wir die Fähigkeiten Ihrer Großmutter unterschiedlich“, entgegnete sie schulterzuckend. „Auf jeden Fall ist sie höflicher und unvoreingenommener als ihr Enkel.“

Bevor er etwas erwidern konnte, fügte sie hinzu: „Ich habe Ida heute noch nicht gesehen, Mr. Preston. Vielleicht ist sie drüben im Café oder im Souvenirladen, dort sollten Sie es zuerst versuchen.“

„Nun ja, vielleicht ist es ganz gut, dass sie noch nicht hier ist“, gab Cole zurück, ohne sich von Emilys abweisenden Haltung beeindrucken zu lassen. „Das ist doch eine hervorragende Gelegenheit, um das Geschäftliche zu besprechen.“

Das Geschäftliche? Sie machte keine Geschäfte, sondern leitete ein gemeinnütziges Kulturzentrum für ältere Menschen aus der näheren Umgebung. Zumindest war das der Plan. Allerdings mussten sie sich erst einmal um die Sanierung dieses Gebäudes kümmern. Doch das ging diesen Mann gar nichts an.

Sie versuchte, so cool wie möglich zu bleiben, und stützte sich auf den Griff des Bodenschleifgeräts. Als sie bemerkte, dass er sie erneut von Kopf bis Fuß musterte, bekam sie jedoch sofort weiche Knie.

Emily begutachtete noch einmal seine perfekt durchtrainierten Beine, die breiten Schultern und den herrlichen Kontrast seines dunklen Haars zum schneeweißen Hemdkragen. Cole Preston sah wirklich unverschämt gut aus.

Eigentlich war sie nicht der Typ für eine Affäre. Aber was hatte sie zu verlieren? Schließlich war sie kein junges Mädchen mehr, das vom galanten Ritter auf einem weißen Ross träumte, mit dem sie Hand in Hand in den Sonnenuntergang reiten konnte. Cole Preston war sexy, aufregend und ohne Zweifel an ihr interessiert. Es wäre doch jammerschade, sich eine derartige Gelegenheit entgehen zu lassen.

Nein, es wäre nicht nur schade, sondern geradezu ein Verbrechen! Das wäre so, als würde man ein Paar perfekt sitzende und figurschmeichelnde Jeans einfach wieder ins Regal zurücklegen. Manchmal muss man einfach dankbar zugreifen, wenn einen etwas Verführerisches über den Weg läuft.

Sie räusperte sich leise. „Um was für eine geschäftliche Angelegenheit handelt es sich denn, Mr. Preston?“

„Ich bin auf der Suche nach einer gewissen Emily Raines.“

Eine gewisse Emily Raines. Besonders höflich war er ja wirklich nicht gerade.

„Ich bin Emily Raines“, erwiderte sie trocken.

Er sah sie verdutzt an und wirkte einen Moment lang etwas unsicher.

Schnell fügte sie hinzu: „Worüber wollten Sie denn mit mir sprechen, Mr. Preston? Wie Sie sehen, habe ich gerade alle Hände voll zu tun. Draußen wartet ein Elektriker, der mir erklären will, wie viel es kosten würde, dieses marode Gebäude auf den Stand des zwanzigsten Jahrhunderts zu bringen.“

„Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten“, sagte er mit einem anmaßenden Lächeln, „wir leben bereits im einundzwanzigsten Jahrhundert“.

„Was Sie nicht sagen, Mr. Preston. Leider kann ich es mir nicht leisten, hier alles mit supermodernem Schnickschnack einzurichten, die veraltete Technik des zwanzigsten Jahrhunderts muss wohl ausreichen.“

Taxierend blickte er sich um. „Und woher nehmen Sie eigentlich das Geld für die Handwerker?“

Langsam aber sicher machte seine Unverfrorenheit sie wütend. Verärgert lehnte Emily sich gegen den Schreibtisch, verschränkte die Arme und entgegnete kühl: „Die Benimmkurse finden drüben in der Highschool statt“.

„Wie bitte?“, entgegnete er stirnrunzelnd.

„Ich sagte, die Benimmkurse finden drüben in der Highschool statt. Eigentlich sind sie nur für junge Mädchen aus der Stadt gedacht, aber da Sie offensichtlich nicht die geringste Ahnung von sozialer Etikette haben, dürfen Sie sicherlich auch daran teilnehmen.“

Er hörte auf zu lächeln, und in seinen Augen konnte sie ein zorniges Aufblitzen sehen.

„Der Unterricht hat gerade angefangen. Wenn Sie sich beeilen, schaffen Sie es vielleicht noch rechtzeitig. Wahrscheinlich lernen Sie dort auch, dass es äußerst unhöflich ist, Fremde nach ihren persönlichen Finanzen zu fragen.“

Dieses Mal konterte er geistesgegenwärtig. „Lernt man da auch, dass es verboten ist, senile ältere Damen um ihr Geld zu bringen?“.

Darum ging es also. Sie hatte sich in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen und daher auch keinen Grund, sich ihm gegenüber zu rechtfertigen. Allerdings würde sie es ihm nicht so leicht machen. Wenigstens sollte er seine Anschuldigung offen aussprechen.

„Was genau meinen Sie damit, Mr. Preston?“

„Genau das, was ich gesagt habe. Ich denke, dass Sie meine Großmutter um ihr Geld bringen oder es zumindest versuchen.“

Emily atmete tief durch und zählte innerlich bis fünf. „Und wie kommen Sie darauf?“

„Warum sonst sollte sie gewillt sein, Geld in dieses … dieses …“ Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah er sich noch einmal in dem heruntergekommenen Büro um.

„Dieses Gebäude war früher eine Lagerhalle“, sagte Emily, „und ich bin gerade dabei, es in ein Kulturzentrum für ältere Mitbürger umzuwandeln. Sie sollten wissen, dass ich niemanden auch nur um einen Cent dafür gebeten habe …“

„Und wenn es nach mir geht, werden Sie das auch nicht.“

Langsam hatte sie die Nase voll von seinem aufgeblasenen Gehabe. „Lassen Sie mich mal bitte eines klarstellen, Mr. Preston. Abgesehen von ihrer Zeit und ihrem künstlerischen Talent hat ihre Großmutter nichts in dieses Projekt gesteckt, und ich würde auch jedwede finanzielle Zuwendung ablehnen.“

„Aber natürlich …“ Er unterdrückte ein zynisches Lachen.

Wenn der Bodenschleifer nicht anderthalb Tonnen schwer gewesen wäre, hätte sie ihm die Maschine am liebsten um die Ohren gehauen. „Stellen Sie eigentlich immer die Rechtschaffenheit von Menschen infrage, denen Sie gerade erst begegnet sind?“

„Nur wenn ich glaube, dass diese Menschen Profit aus den langsam nachlassenden geistigen Fähigkeiten meiner Großmutter schlagen wollen.“

Offensichtlich war es vollkommen zwecklos, sich mit diesem Mann auf eine Diskussion einzulassen. Er wollte nur das glauben, was in sein Konzept passte, und nichts, was sie sagte, würde daran etwas ändern. So gesehen musste sie sich gar nicht länger mit Höflichkeiten aufhalten. „Sie sind der unmöglichste …“

Der Türgong ertönte, und Emily hielt abrupt inne. Sie warf Cole soeben einen warnenden Blick zu, als eine vertraute Stimme in fröhlichem Ton sagte: „Oh, ich hatte gehofft, dass ihr beiden euch begegnen würdet.“

„Ja, wir waren gerade dabei, uns kennenzulernen“, bemerkte Emily, während Cole Preston seiner gertenschlanken Großmutter, die ihr silbern glänzendes Haar zu einem eleganten Dutt hochgesteckt hatte, einen Kuss auf die Wange drückte. „Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, warum du uns beide miteinander bekannt machen wolltest“, fügte Emily hinzu.

Ida schmunzelte und nahm den Arm ihres Enkels. „Hunde, die bellen, beißen nicht, meine Liebe. Wahrscheinlich glaubt der gute Cole immer noch, dass er mich dazu bewegen kann, in so eine grauenvolle Rentnersiedlung zu ziehen. Doch da kann der Junge noch so lange mit den Füßen stampfen und mit den Zähnen knirschen. Daraus wird nichts!“

Ein Altenheim? Langsam fügten sich die einzelnen Teile des Puzzles in ein vollständiges Bild zusammen. Emily machte sich innerlich bereit auf die nächste Runde des sympathischen Spielchens zwischen ihr und Cole Preston. „Meinen Sie betreutes Wohnen?“

„Ja“, antwortete er mit einem kurzen Nicken, „sie wäre dort bestens aufgehoben“.

„Wer sagt das? Sie etwa?“

Ida lachte. „Ja, Kindchen, genauso habe ich mir das vorgestellt. Mach ihm die Hölle heiß. Sag mal, weißt du eigentlich, wo Beth steckt? Ich habe ihr etwas von diesem herrlichen Jojobaöl aus Santa Fe mitgebracht“, sagte sie und griff nach ihrer schicken Gucci-Tasche.

Emily fand es unbegreiflich, wie eine so großzügige, warmherzige Frau mit einem so ungehobelten Kerl verwandt sein konnte. „Beth ist hinten und kümmert sich um die Handwerker.“ Sie versuchte, Coles selbstgefälligen Blick zu ignorieren.

Ida nickte und verschwand durch die Hintertür des Büros. Beim Hinausgehen fügte sie noch hinzu: „Cole, sei doch bitte so lieb, und hilf Emily mit dieser schweren Maschine, wofür auch immer die gut ist.“

Er rührte sich nicht. Obwohl es nicht so aussah, als ob er vorhatte, ihr zu helfen, fauchte Emily: „Wenn Sie das Ding auch nur anfassen, sind Sie tot!“

„Keine Sorge. Ich würde keinen Finger krumm machen, um Ihnen zu helfen“, entgegnete er frech. „Sonst könnte man vielleicht denken, ich würde Sie bei Ihren kriminellen Machenschaften unterstützen.“

„Ja, so ein Verdacht wäre wahrscheinlich hinderlich bei Ihrem fiesen Plan, Ihre Großmutter in ein Altersheim abzuschieben.“

„Ich will meine Großmutter doch nicht abschieben“, gab er empört zurück und sah plötzlich nachdenklich und bedrückt aus.

Der traurige Blick in seinen Augen machte Emily erneut bewusst, wie attraktiv sie Cole Preston eigentlich fand. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, und sie senkte verlegen den Blick. Die immense Wut, die sie noch vor einem Moment gefühlt hatte, war plötzlich wie weggeblasen. Verdammt, dieser Mann brachte sie ganz durcheinander! Sie versuchte, sich an das Spielchen zu erinnern, das sie nun schon seit einiger Zeit miteinander spielten.

In der ersten Runde war es darum gegangen, dass er dachte, ältere Menschen wären zu nichts weiter zu gebrauchen, als sabbernd in einem Sessel zu sitzen. In der zweiten Runde hatte er sie beschuldigt, eine Betrügerin zu sein und Ida finanziell ausnehmen zu wollen. Die dritte Runde hatte damit begonnen, dass er von seinem Plan erzählte, seine Großmutter in einem Altersheim unterzubringen.

Wie gut, endlich hatte sie den roten Faden wiedergefunden!

„Sind Sie das einzige Enkelkind?“, fragte sie ihn unumwunden.

Der nachdenkliche Blick in seinen Augen verschwand sofort wieder. „Ich bin Idas einziger lebender Verwandter“, sagte er in ernstem Ton. „Ich bin doch verantwortlich dafür, dass es ihr gut geht und sie sich in ihrem Alter nicht in dubiose finanzielle Abenteuer stürzt.“

„Mit dubiosen finanziellen Abenteuern meinen Sie wahrscheinlich Spenden für gute Zwecke, wie zum Beispiel …“, Emily machte eine kurze Pause, um ihren Worten eine größere Dramatik zu verleihen, „… ein Kulturzentrum für Senioren?“

„Sie können sich in eine lange Schlange von raffgierigen Schmeichlern einreihen, die alle ganz scharf auf das Geld meiner Großmutter sind.“

Seine Unverschämtheit kannte wirklich keine Grenzen. „Darum geht es also“, sagte Emily mit einer Stimme, die vor Zorn eiskalt war, „derartige Spenden für gute Zwecke würden dann wohl von Ihrem Erbe abgehen“.

„Auf das Geld meiner Großmutter bin ich nicht angewiesen“, erwiderte Cole Preston und klang jetzt wirklich beleidigt. „Ich bin selbst sehr wohlhabend.“

„Das behaupten Sie zumindest“, ergänzte Emily und zuckte mit den Schultern. Wie einfach man diesen Mann doch aus der Reserve locken konnte! Aber das geschah ihm ganz recht, schließlich versuchte er das Gleiche schon seit einigen Minuten mit ihr. „Es ist ja wohl nicht weiter kompliziert, sich einen Porsche zu mieten, und der schicke Anzug und die italienischen Schuhe können auch geliehen sein. Man kann nie wissen, der schöne Schein trügt ja oft.“

„Ich versichere Ihnen, in meinem Fall gibt es keinen Unterschied zwischen Realität und Erscheinung.“

Bla, bla. Als ob es sie interessierte, ob er Geld hatte oder nicht. „Würde Sie es sehr schockieren, wenn ich Ihnen jetzt sage, dass Sie nicht die einzige Person in diesem Raum sind, die finanziell abgesichert ist?“

Er lachte, allerdings klang es eher geringschätzig als wirklich amüsiert. „Guter Versuch, Miss Raines. Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen? Wenn Sie wirklich jemanden zum Besten halten wollen, müssen Sie noch so einiges dazulernen. Ich habe nämlich Nachforschungen über Sie angestellt, und …“

„Nachforschungen?“ Das war ja wirklich die Höhe.

„Als meine Großmutter zum ersten Mal ihr Interesse an diesem …“, erneut schaute er sich im Büro um.

„Kul-tur-zen-trum“, erwiderte Emily ärgerlich. „So schwer ist das nun auch wieder nicht, Mr. Preston. Ein Wort mit vier Silben. Sie sollten versuchen, es sich zu merken.“

„Mein Assistent hat Nachforschungen über Sie angestellt, Miss Raines.“

Sein Assistent? Er selbst wollte sich wohl nicht die Finger mit so etwas schmutzig machen. „Und, hat Ihr Schnüffler etwas Spannendes über mich herausgefunden?“

„Sie sind Restauratorin und auf Kirchenfenster aus Bleiglas spezialisiert und haben wohl einen relativ guten Ruf in der Branche.“

Emily verkniff sich zu erwidern, dass ihr Ruf um einiges besser als „relativ gut“ war. Sie war eine Expertin auf ihrem Gebiet, sogar das renommierte Smithsonian Institute vermittelte sie. Aber das schien ja wohl nicht zu interessieren.

„Mein guter Ruf als Restauratorin macht mich also automatisch verdächtig? Verraten Sie mir auch, wie Sie zu dieser brillanten Schlussfolgerung gekommen sind?“

Er zuckte mit den Schultern. „Für eine Künstlerin scheinen Sie ja nicht schlecht zu verdienen.“

„Was soll das denn heißen?“

„Ihr Kreditrahmen lässt allerdings vermuten, dass Sie nicht annähernd genug verdienen, um sich den Kauf eines so großen Gebäudes leisten zu können. Keine seriöse Bank würde Ihnen einen Kredit dafür gewähren.“

Seine Unverfrorenheit kannte offenbar keine Grenzen. So einfach würde sie sich aber nicht aus der Reserve locken lassen. „Fallen diese Art von Informationen nicht unter das Datenschutzgesetz?“

„Natürlich, aber nicht für einen Brancheninsider wie mich. Meine Quellen haben mir außerdem mitgeteilt, dass Sie für dieses Gebäude in bar bezahlt haben. Woher haben Sie so viel Geld, Miss Raines?“

Brancheninsider? Quellen? Emily mustere ihr Gegenüber noch einmal eindringlich.

Cole Preston hatte eine fein geschwungene Nase, schöne Augenbrauen, ein markantes, männliches Kinn und dunkle Augen mit langen Wimpern. Und dann sein Mund … Wenn er nicht gerade verärgert das Gesicht verzog, waren seine Lippen voll und weich. Ein bisschen erinnerte er sie an den Schauspieler Hugh Jackman. Er sah wirklich unglaublich gut aus. Gleichzeitig war er allerdings unerträglich unhöflich und arrogant. Sie durfte sich von seinem blendenden Äußeren nicht täuschen lassen, sondern musste ihm unbedingt Grenzen setzen.

„Ich sage es Ihnen jetzt noch einmal klar und deutlich. Meine persönlichen Finanzen gehen Sie überhaupt nichts an, und es ist mir vollkommen gleichgültig, ob Sie ein Insider oder Outsider oder was weiß ich für eine Sorte Geschäftsmann sind.“

„Das sehe ich anders.“

„Na, dann tun Sie sich mal keinen Zwang an. Sie können ruhig ihren persönlichen Privatdetektiv auf mich ansetzen, das macht mir gar nichts aus.“ Vielleicht würde er ja damit irgendein Gesetz verletzen, und sie könnte ihn deswegen verklagen. „Sagen Sie Bescheid, wenn Ihr Schnüffler etwas Interessantes herausfindet.“

„Ich bin mir sicher, dass es da so einiges aufzudecken gibt. Wahrscheinlich eine lange Liste mit Namen von älteren und gut betuchten Mitbürgern.“

Eine lange Liste mit Namen? Sie hatte lediglich Interesse an einem einzigen Namen, und zwar dem ihres geheimnisumwobenem Geldgebers. Sie hatte den anonymen Spender von fünfzigtausend Dollar bei sich „Secret Santa“ getauft, und sie hätte liebend gern einen Namen und eine Adresse, um sich persönlich für dieses unglaubliche Geschenk zu bedanken. Ohne diese großzügige Spende hätte sie ihren Traum von einem Kulturzentrum niemals realisieren können.

„Wie ich schon sagte“, erwiderte sie, griff nach dem Kabel des Bodenschleifers und steckte es in die nächste Steckdose, „tun Sie, was Sie nicht lassen können“. Sie hielt einen Moment inne und fügte in spöttischem Ton hinzu: „Die goldene Regel eines jeden Betrügers ist es wohl, so zu tun, als ob man überhaupt kein Geld brauchte. Wenn dieser Holzboden hier erst mal richtig glänzt, kann ich den alten Damen der Stadt vielleicht sogar ihren Bingogewinn abluchsen … und dann geht’s ab nach Vegas, um das Geld zu verprassen“.

„So, jetzt werden Sie auch noch sarkas…“

Ohne ihn ausreden zu lassen, schaltete Emily den Bodenschleifer ein, dessen ohrenbetäubender Lärm den Rest von Coles Worten verschluckte. Allerdings hatte Emily nicht damit gerechnet, dass das schwere Gerät ganz plötzlich einen gewaltigen Satz nach vorn machen würde. Die scharfen Schleifblätter frästen sich unkontrolliert in den Boden. Verzweifelt versuchte sie, die Maschine unter Kontrolle zu bringen, während es Cole Preston gerade noch gelang, zur Seite zu springen.

Das Gerät machte eine abrupte Linkskurve, obwohl Emily sich verzweifelt an den Griffen festhielt und wie wild daran zerrte. Geistesgegenwärtig zog Cole das Kabel aus der Steckdose.

„Sie sind wirklich eine Gefahr für die Allgemeinheit“, japste er, ganz außer Atem.

„Immer noch besser, als so ein mieser Enkelsohn zu sein“, entgegnete Emily mit schamrotem Gesicht. Ihre Hände zitterten noch vor Schreck.

Cole starrte sie nur stumm an.

„So, und jetzt bewegen Sie Ihren lahmen Hintern raus aus meinem Kul-tur-zen-trum!“

Wütend drehte er sich um und verließ das Büro ohne ein weiteres Wort. Emily sah ihm hinterher und bemerkte plötzlich, dass der Duft seines Aftershaves noch in der Luft hing. Eigenartig, dass ihr das nicht schon früher aufgefallen war. Sie roch ein sinnliches Holzaroma mit dem leisen Hauch einer ihr unbekannten Blume. Seufzend versuchte sie, sich wieder zu konzentrieren.

Wenigstens habe ich mir nichts von ihm gefallen lassen und ihm ordentlich Paroli geboten, dachte sie und machte sich auf die Suche nach Ida und Beth. Das mit dem „lahmen Hintern“ war ihr einfach so rausgerutscht, obwohl sein Allerwertester wirklich alles andere als lahm war.

Sie musste plötzlich lachen, als sie sich vorstellte, dass er ihre Beleidigung vielleicht wörtlich genommen hätte. Wahrscheinlich würde er gleich nach dem nächsten Spiegel suchen, um nachzusehen, ob sein Hintern wirklich so lahm aussah. Es war zwar ein alberner Gedanke, aber trotzdem amüsant. Sie hegte den leisen Verdacht, dass dies nicht ihre letzte Begegnung mit Cole Preston gewesen war.

Immerhin hatte sie die erste Runde ihres Schlagabtauschs gewonnen.

2. KAPITEL

Cole Preston ging zusammen mit seiner Großmutter die Straße entlang. Sie hatte darauf bestanden, mit ihm gemeinsam ein Picknick der Gemeinde zu besuchen. Eigentlich hatte er darauf keine Lust, der Tag war bisher ja sehr unerfreulich verlaufen. Er versuchte sich einzureden, dass er schon schlechtere Tage erlebt hatte, eine ganze Menge sogar. Nur dass ihm im Moment keiner einfiel.

Nein, eigentlich hatte der ganze Ärger bereits gestern begonnen, als seine Großmutter ihn ganz unverhofft angerufen und von ihm verlangt hatte, dass er einen Teil ihrer Aktien verkaufen sollte. Sie brauche das Geld, um es dem großartigen gemeinnützigen Projekt einer neuen Freundin zu spenden.

Natürlich hatten daraufhin alle Alarmglocken in seinem Kopf geschrillt. Zwei Stunden später hatte er in seinem Wagen gesessen und war nach Clearwater gefahren, dem Städtchen in dem seine Großmutter lebte. Vorher hatte er sich noch mit Wendy gestritten. Sie war sehr verärgert darüber, dass er den gemeinsamen Abend in der Oper einfach so absagte. Und das nur, um in irgend so eine Kleinstadt zu fahren und sich um Familienangelegenheiten zu kümmern.

Es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis er den Feierabendverkehr rund um Kansas City hinter sich lassen konnte, und auch die achtzig Meilen auf der schmalen, holprigen Landstraße in diese furchtbare Kleinstadt hatten sich endlos hingezogen.

Bei seiner Ankunft saß Ida auf dem Sofa, mit einem Heizkissen im Nacken. Sie hatte gerade mehrere Schmerztabletten genommen und ihm endlos von ihrer liebenswerten neuen Freundin Emily Raines vorgeschwärmt. Obwohl sie unter ständigen Rückenschmerzen litt, hatte seine Großmutter sich außerdem in den Kopf gesetzt, wieder mit dem Tanzen anzufangen.

Liebenswert? Also liebenswert war diese Emily Raines nun wirklich nicht. Obwohl man ihr lassen musste, dass sie wirklich verdammt gut aussah. Sie hatte süße blonde Locken, endlos lange Beine und sinnliche Rundungen an genau den richtigen Stellen. Herrlich, wie sich ihr enges T-Shirt an ihren perfekten Busen schmiegte. Dazu noch ein strahlendes Lächeln, eine süße Stupsnase und unglaublich schöne grüne Augen. Ohne Zweifel, Grams neue Freundin war wirklich eine Augenweide.

Aber liebenswert war sie auf keinen Fall. Auf der gestrigen Fahrt nach Clearwater hatte ihn sein Assistent Jason angerufen, um ihm die Ergebnisse seiner Nachforschungen mitzuteilen. Sie war eine Künstlerin mit nomadisch anmutendem Lebensstil, die nie länger als ein halbes Jahr an einem Ort verweilte.

Im vergangenen Jahr war sie plötzlich in diesem Städtchen aufgetaucht und hatte ein riesiges heruntergekommenes Gebäude mit einem Batzen Bargeld erstanden. Angeblich sollte daraus ein Kulturzentrum für Senioren entstehen. Eine mehr als eigenartige, verdächtig klingende Geschichte.

Leider schien das außer Jason und ihm keiner so zu sehen. Seine Großmutter war felsenfest davon überzeugt, dass ihre neue Freundin Emily ein richtiger kleiner Engel war. Wie man jemanden mit so einer spitzen Zunge für einen Engel halten konnte, war ihm ein Rätsel. Für einen Racheengel vielleicht.

Die Tatsache, dass Ida eine so gute Meinung von Emily hatte, warf seine gesamten Pläne über den Haufen. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, hierherzukommen, die Machenschaften dieser Betrügerin aufzudecken, sie anzuzeigen und seine Großmutter endlich davon zu überzeugen, einen ihrem Alter angemessenen Lebensstil in einem dieser luxuriösen Ressorts für Rentner zu führen. So einfach, wie er sich das gedacht hatte, würde es aber offensichtlich nicht werden.

Und dann auch noch dieses erste Treffen mit Emily Raines am Morgen! Wie hatte das nur dermaßen schiefgehen können? Seine Großmutter hatte sich nach ihrer Rückkehr unglaublich über sein in ihren Augen unmögliches Verhalten aufgeregt. Er hatte ihr versprechen müssen, in Zukunft netter zu ihrer neuen Freundin zu sein. Nur sehr widerwillig hatte er zugestimmt. Da war ihm plötzlich ein genialer Plan B eingefallen.

Gab es nicht die Redensart, dass man seine Feinde noch besser kennen sollte als seine Freunde? Genau das hatte er jetzt vor. Grams sollte ruhig denken, dass er klein beigab, wenn er sich bei Emily Raines entschuldigte. Schließlich kam es ganz allein auf das Resultat an.

Er würde dieser Betrügerin schon noch auf die Schliche kommen! Und er würde verhindern, dass sie seine Großmutter um ihr Geld brachte. Natürlich durfte er sich nicht anmerken lassen, dass seine Freundlichkeit nur ein Vorwand war, um ihr das Handwerk zu legen.

Seine Großmutter unterbrach ihn in seinem Gedankengang und blieb vor der Rasenfläche der öffentlichen Bibliothek von Clearwater stehen. „Wie schön, Alma ist bereits hier“, verkündete sie fröhlich.

Cole nickte gedankenverloren, und sein Blick glitt über die kleine Menschenmenge, die sich zu diesem offiziellen Picknick eingefunden hatte. „Da hinten steht deine neue Freundin Emily“, erwiderte Cole und betrachtete interessiert Emilys engen langen Jeansrock und die knappe Bluse, die ihr aufregendes Dekolleté betonte.

„Vergiss bitte nicht dein Versprechen, Cole“, ermahnte Ida ihn und winkte einer eleganten silberhaarigen Freundin zu.

„Natürlich vergesse ich es nicht“, erwiderte er. „Ich werde die Gelegenheit nutzen, um mich bei ihr zu entschuldigen.“

Zufrieden strahlte Ida ihn an. „Es freut mich zu sehen, dass mein lieber Enkelsohn endlich Vernunft angenommen hat.“

Lächelnd gab Cole seiner Großmutter einen Kuss auf die Wange, bevor er sich umdrehte und auf sein langbeiniges Opfer zuging.

Emily schien ihn offenbar bereits bemerkt zu haben und sah ihn herausfordernd an, während sie langsam an einem roten Plastikbecher nippte. Er blieb vor ihr stehen, und sie zog amüsiert eine ihrer perfekt gezupften Augenbrauen hoch. „Sind Sie hier, um zu verhindern, dass ich mit den Leihgebühren für die Bibliothek durchbrenne?“

Schlagfertig war sie ja, das musste man ihr lassen. Aber das waren wohl die meisten Betrüger. Er atmete tief durch und räusperte sich. „Ich möchte mich bei Ihnen für mein Verhalten von heute Morgen entschuldigen. Vielleicht können wir ja noch mal von vorn beginnen.“

Sie zog die Augenbraue noch etwas höher und verkniff sich ein Lachen. „Ida hat Ihnen ganz schön die Leviten gelesen, hm?“

„Das war nicht nötig, ich habe selbst gemerkt, dass ich mich danebenbenommen habe.“ Seine Reue entsprach zwar nicht der Wahrheit, würde sie aber in Sicherheit wiegen. „Meine Großmutter war sehr verärgert über mein unhöfliches Verhalten.“

Emily nahm noch einen Schluck aus ihrem Plastikbecher und sah ihn mit einem ernsten Blick ihrer grünen Augen an. „Nur um das klarzustellen, ich habe Ida nichts von unserem Gespräch erzählt.“

„Ich weiß“, erwiderte er, „offenbar hat sie beim Hinausgehen zufällig einen Teil unseres Streits mit angehört.“

„Jetzt wissen Sie wenigstens, dass ich keine Klatschtante bin.“

Das wäre wohl sein geringstes Problem. „Meine Großmutter hat recht“, fuhr er fort, „ich war sehr unhöflich. Es tut mir leid“. Er streckte die Hand aus. „Friede?“

Täuschte er sich, oder sah sie ihn wirklich für einen kurzen Moment skeptisch an? Vielleicht durchschaute sie seinen Plan?

„Die Entschuldigung ist angenommen“, sagte sie und nahm seine Hand.

Er spürte die Wärme ihrer Haut, und plötzlich schien sein Verstand für einen kurzen Moment auszusetzen. Eine Welle der Erregung ging von der Berührung aus, wanderte seinen Arm hoch und durchdrang jede Faser seines Körpers.

Es hatte zwischen ihnen gefunkt. Und zwar ganz gewaltig. So etwas hatte er schon seit einer Ewigkeit nicht mehr erlebt.

„Möchten Sie auch etwas essen?“

Es dauerte einen Augenblick, bis er wieder klar denken konnte. Es ließ ihre Hand los und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Emily lächelte ihn an, und dieses Mal wusste er genau, was sie gerade dachte. Sie war sich ihrer Wirkung auf ihn völlig bewusst, wahrscheinlich hatte sie das Prickeln ebenfalls gespürt. Er sah es in ihren Augen.

„Man sagt“, flüsterte sie heiser, „dass Alma Roger das beste Brathähnchen der ganzen Stadt macht“.

Die verführerische Art und Weise, in der sie diesen belanglosen Satz sagte, jagte ihm einen wollüstigen Schauer über den Rücken. Es war vollkommen klar, was sie eigentlich sagen wollte, und es hatte mit den Kochkünsten der älteren Dame rein gar nichts zu tun. Er lächelte und fragte sich insgeheim, ob er von nun an beim Wort „Brathähnchen“ immer an heißen Sex denken würde.

„Nun, das sollten wir unbedingt probieren“, erwiderte er und folgte ihr zu dem reich gedeckten Büfett, das unter den alten Eichen vor dem Bibliothekseingang aufgebaut war. Beiläufig legte er ihr die Hand auf den Rücken und genoss die Wärme, die von ihr ausging. „Es ist mindestens fünfzehn Jahre her, dass mir echte Hausmannskost vorgesetzt wurde.“

Sie blickte über die Schulter und sah ihm in die Augen. „Sie kommen wohl nicht oft nach Hause?“

Nach Hause? „Clearwater ist nicht mein Zuhause“, erwiderte er. Da das sogar in seinen Ohren sehr harsch klang, fügte er schnell hinzu: „Ich habe hier nie gelebt. Großmutter ist vor etwa fünf Jahren hierher gezogen, als sie endgültig mit dem Tanzen aufgehört hat.“

Emily reichte ihm einen Pappteller und ein mit einer Serviette umwickeltes Besteckset, was ihn zwang, seine Hand von ihrem Rücken zu nehmen. Sofort vermisste er die Wärme, die von Emily ausgegangen war. Nur mit Mühe konnte er der Versuchung widerstehen, sie erneut zu berühren und dann ganz fest an sich zu ziehen … Unbewusst hatte er bereits einen Schritt nach vorn gemacht, als endlich die Stimme der Vernunft sich meldete und er wieder zur Besinnung kam.

Er hielt inne und atmete einmal tief durch. Wie hatte diese Frau es nur geschafft, ihn so schnell zu bezirzen? Offensichtlich hatte es nicht mehr gebraucht als ein Lächeln und eine hingehauchte Bemerkung. Sie musste wirklich eine gerissene Betrügerin sein! Schließlich war es ihr fast gelungen, einen so erfahrenen Mann wie ihn um den Finger zu wickeln. Aber nur fast. Von nun an würde er auf der Hut sein.

„Wirklich? Wenn man Ida zuhört, scheint es fast so, als ob Clearwater der Heimatort ihrer ganzen Familie ist“, sagte sie und nahm sich einen knusprigen Hähnchenschenkel.

Eigentlich war Clearwater für ihn nichts weiter als eine unbedeutende Kleinstadt, die er aus familiären Gründen gezwungenermaßen besuchte. Aber es war natürlich ungeschickt, ihr das so direkt zu sagen, wenn er den schönen Schein wahren wollte. „Großmutters Schwester, meine Großtante Imogene, hat vor Jahren jemanden aus Clearwater geheiratet, dessen Familie schon seit Ewigkeiten hier ansässig war. Da er nie von hier wegziehen wollte, hat Imogene seitdem hier gelebt. Die beiden hatten keine Kinder, und nach ihrem Tod hat meine Großmutter das Haus geerbt.“

Er biss herzhaft in den Hähnchenschenkel auf seinem Teller und fuhr kurz darauf fort: „Eigentlich hatte ich Grams geraten, das Haus zu verkaufen oder gewinnbringend zu vermieten. Aber sie musste natürlich ihren Willen durchsetzen und hat stattdessen ihr New Yorker Apartment verkauft, um hierher zu ziehen. Es gefällt ihr hier, sagt sie, und sie finde es toll, dass sie mit dem bloßen Auge von einem Ende der Stadt zum anderen sehen kann. Also ich persönlich kann das nicht nachvollziehen.“

„Ich schon“, erwiderte Emily, nahm sich eine Riesenportion des hausgemachten Kartoffelsalats und beäugte interessiert den Tomatensalat. „Je älter man wird, umso schwerer ist es, sich im Gewusel einer Großstadt zurechtzufinden“, fügte sie hinzu. „In einer Kleinstadt ist die Welt überschaubarer. Aber ehrlich gesagt hat Ida auf mich nie wie eine alte Frau gewirkt. Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich über solche Dinge Gedanken macht.“

„Sie scheinen sich ja gut auszukennen. Sind Sie eine Art Expertin für ältere Leute?“, fragte Cole mit gespielter Naivität, während er sich Krautsalat auf den Teller tat.

Sie schüttelte den Kopf, und das Sonnenlicht schimmerte in ihren goldenen Locken. „Nicht wirklich. Ich spreche da eher aus eigener Erfahrung. Als ich ein Teenager war, ist meine Großmutter zu uns gezogen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass sie vor allem das Autofahren in der Großstadt furchtbar fand. Das ist einfach zu viel Stress in diesem Alter.“

„Also, ich finde das auch stressig. Macht mich das zu einem Greis?“, erwiderte er schelmisch.

Sie sah ihn an, und ihr Blick glitt an seinem Körper entlang. „Nicht wirklich.“

Obwohl die Vernunft ihm sagte, dass er sich nicht von ihr einwickeln lassen sollte, wurde sein Verlangen nach ihr immer stärker. Er beschloss, seinen Verstand zu ignorieren, und lächelte sie offen an.

Emily erwiderte sein Lächeln, legte den Löffel zur Seite und strich sich mit der Fingerspitze gedankenverloren über die vollen Lippen. „Wo wohnen Sie denn eigentlich?“

„In Kansas City“, antwortete er. Er würde sich auf ihr Spielchen einlassen, nahm sich aber fest vor, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Dafür war es schließlich hilfreich, ihr etwas näherzukommen. Am besten richtig nah. „Der Stadtteil heißt Blue Ridge“, fuhr er fort. „Es ist ein relativ geräumiges Apartment mit großem Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern, zwei Bädern und einem fantastischen Ausblick.“

„Hört sich ja an wie der Traum jedes Immobilienmaklers.“ Sie versuchte gar nicht erst, den ironischen Unterton zu verbergen.

Er zuckte mit den Schultern und wandte sich der Schüssel mit dem Tomatensalat zu. „Der Kauf war eine sehr gute Investition. Ich bin zwar nicht oft dort, aber in ein paar Jahren wird der Wert der Immobilie um einiges gestiegen sein.“

„Ida hat mir erzählt, dass Sie viel reisen. Sind Sie im Vertrieb tätig?“

„Nein, ich bin ein Risikokapitalge…“ Eine starke Windböe wehte ihm fast den Teller aus der Hand, er konnte ihn gerade noch festhalten. Überrascht sah er sich um. Der heftige Windstoß hatte sämtliche Plastikteller und Papierservietten durcheinandergewirbelt und auf dem Rasen vor der Bibliothek verteilt. „Was ist denn hier los?“

„Es ist wohl die übliche Kaltfrontpassage. Ich hatte noch gar nicht damit gerechnet“, sagte Emily, während sie mit einer Hand versuchte, die Alufolie auf dem Teller mit den Schokoladencookies am Wegfliegen zu hindern. Das war schwieriger als gedacht, daher stellte sie ihren Teller auf den Tisch und zog die Folie mit beiden Händen zurecht. „Wenigstens wird sie schnell vorüberziehen. Man sollte ja immer die positive Seite sehen.“

„Was für eine Passage?“, fragte Cole verdutzt, während rundherum die älteren Damen zum Büfett eilten und die Herren die Plastikstühle zusammenklappten.

Emily, der der Wind die blonden Locken zerzaust hatte, runzelte die Stirn. „Na, Sie wissen schon. Eine Kaltfront eben. Trockene kalte Luft stößt auf warme feuchte Luft. Diese Windböen sind nur die Vorboten eines herannahenden Sturms, der orkanartige Ausmaße haben kann. Davor muss man sich wirklich in Acht nehmen.“

„Aber …“, ein weiterer Windstoß erfasste sie, und Cole musste seinen Teller mit beiden Händen festhalten. Erstaunt sah er nach oben. „Es ist keine einzige Wolke am Himmel zu sehen.“

„Dann schauen Sie doch mal in die Richtung, aus der die Windböe gekommen ist.“

Er blickte sich um und entdeckte in der Ferne tatsächlich eine riesige, graue und Furcht einflößende Wolkenwand, die langsam auf sie zukam. „Sieht aus, als ob das Picknick vorbei wäre.“

„Ach, Sie sehen also nicht nur umwerfend aus, sondern haben auch noch eine erstaunlich schnelle Auffassungsgabe“, sagte sie und zwinkerte ihm zu.

So, sie fand ihn also auch attraktiv. Warum erschien ihm das auf einmal so wichtig? Sie war schließlich nicht die erste Frau, die ihm Komplimente machte. Aber bei ihr … Irgendetwas war anders als sonst. Er sah ihr zu, wie sie sich über den Tisch beugte und eine Schüssel Kartoffelsalat mit einem Deckel verschloss.

„Wenn Sie Hunger haben, sollten Sie sich beeilen, bevor hier alles abgeräumt wird“, meinte sie und riss ihn damit abrupt aus seinen erotischen Gedanken. Genau in diesem Augenblick eilte wie auf Kommando eine Schar älterer Damen auf die Picknicktische zu. Eine schnappte sich den Kartoffelsalat, die Nächste verschwand mit dem Krautsalat und den Tomaten, und auch der Teller mit den Cookies wurde innerhalb einer halben Minute abgeräumt.

Zuletzt eilte eine Dame mit bläulich schimmernder Dauerwelle herbei, bedeckte schnell die riesige Schüssel, in der sich die Hähnchenschenkel befanden, und trat zur Seite, damit ihr Ehemann die restlichen Teller und das Besteck abräumen konnte. Mit vollen Händen eilten die beiden zu einem Wagen, der am Straßenrand geparkt war.

„Sehen Sie, jetzt ist es zu spät“, lachte Emily und versuchte sich die wild wehenden Locken aus dem Gesicht zu streichen.

„Grundgütiger! Das ging ja so schnell wie ein militärisch organisierter Überraschungsangriff!“

Sie begann zu lachen. Ein derart warmes, lebenslustiges und von Herzen kommendes Lachen hatte er lange nicht mehr gehört. Das gelöste Gefühl begann sich sofort auf ihn zu übertragen, und er stimmte mit ein.

„Sie sollten Ida nach Hause bringen, bevor der Sturm richtig losgeht“, meinte sie schließlich, während sie mit einer Hand ihren Teller hochhob, um mit der anderen das Tischtuch wegzuziehen.

Grams! Seine Großmutter hatte er ganz vergessen. Er war wirklich ein grauenvoller Enkel. Cole sah sich suchend um und befürchtete für einen Moment, dass sie in dem ganzen Durcheinander verloren gegangen war. „Ach, sie steht dort drüben an der Treppe und hilft dabei, die Stühle zusammenzuräumen“, stieß er schließlich erleichtert hervor. Er warf seinen halb vollen Teller in den nächsten Abfalleimer und wandte sich erneut an Emily. „Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

„Danke, das geht schon.“ Sie legte die Tischdecke zusammen und machte sich daran, den nächsten Tisch abzudecken. „Vielleicht sollten Sie erst einmal Ida nach Hause bringen. Wenn Sie möchten, können Sie danach gern noch mal wiederkommen und mithelfen, die Tische und Stühle in den Abstellraum der Bibliothek zu bringen.“

„Ja, natürlich. Ich bin gleich wieder da.“

„Ich werde hier auf Sie warten“, sagte sie mit einem Lächeln, das ein erneutes Kribbeln in seinem Magen auslöste.

Cole nickte und versuchte seinen Blick von Emilys Bluse zu lösen, dessen oberster Knopf sich durch einen Windstoß gelöst hatte. Er hatte sich gerade umgedreht, um zu gehen, als sie ihm hinterherrief.

„Hey!“

Er drehte sich um und sah, wie sie ihm einen Schlüssel entgegenhielt.

„Sie sind doch zu Fuß hergekommen. Es ist wohl einfacher für Ida, wenn Sie mit meinem Wagen fahren.“ Sie warf ihm den Autoschlüssel zu. „Es ist ein grüner Range Rover, er steht auf der anderen Straßenseite. Aber nicht an meinem Radio rumdrehen!“

„Zu Befehl“, salutierte er schmunzelnd und überquerte den Rasen. „Grams!“, rief er, als er endlich bei seiner Großmutter angekommen war. Er hielt den Autoschlüssel hoch. „Ich fahr dich mal lieber schnell nach Hause, bevor der Sturm richtig losgeht.“

Ida lächelte und sah die Straße hinab. Sein roter Porsche stand lediglich sechs Häuserblöcke weiter. „Du hast doch nicht etwa ein Auto gestohlen?“, fragte sie lachend und ihre Augen blitzten schelmisch.

„Emily war so nett, uns ihren Wagen zu borgen, damit du nicht so weit laufen musst.“

„Das sieht ja fast so aus, als ob sie deine Entschuldigung angenommen hätte.“

Cole machte eine unbestimmte Kopfbewegung und lächelte.

„Sie ist eben eine sehr nette junge Dame“, fügte seine Großmutter hinzu und winkte im Gehen noch einmal ihren Bekannten zu.

Cole nahm Idas Arm, und gemeinsam überquerten sie die Straße. Nett? Nun ja, er musste zugeben, dass sie gewisse soziale Fähigkeiten hatte und auch sonst wie ein angenehmer und umgänglicher Mensch wirkte. Doch ob diese Nettigkeit wirklich echt oder nur Fassade war, würde sich noch zeigen. Schließlich konnte das alles zu ihrer Masche als Betrügerin gehören. Menschen wie seine Großmutter würden ihr Geld ja niemals an jemanden verschenken, der unhöflich war.

Auf der anderen Seite hatte er bisher keine Beweise dafür gefunden, dass Emily wirklich Böses im Schilde führte. Und normalerweise konnte er Menschen ganz gut einschätzen. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass seine Großmutter recht hatte. Er hoffte es jedenfalls.

Nur die Zeit würde zeigen, ob er Emily Raines vertrauen könnte. Eines stand jedoch schon fest: Sie war eine der begehrenswertesten Frauen, die er jemals getroffen hatte. Und sollte sich herausstellen, dass der schöne Schein doch getrogen hatte, wollte er zumindest die Gelegenheit für eine aufregende Affäre genutzt haben.

Er spielte mit dem Autoschlüssel in seiner Hand und lächelte. Es ging doch nichts über ein privates Dinner zu zweit, um sich besser kennenzulernen. Da konnte man sich auf jeden Fall besser näherkommen als bei einem öffentlichen Picknick mit älteren Damen und Herren. Er würde versuchen, die unerwartet günstige Gelegenheit zu nutzen.

Emily blieb auf der obersten Treppenstufe zur Bibliothek stehen. Sie wartete, bis Cole die Tür zumachte und ihr folgte. Immer diese Entscheidungen. Sollte sie ein Risiko eingehen oder diesen Mann besser auf Abstand halten? Sie musste sich für eine Vorgehensweise entscheiden, und zwar schnell.

So leicht würde er wohl nicht lockerlassen, und sie glaubte nicht, dass sein Misstrauen ihr gegenüber sich so einfach in Luft auflösen würde. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass sie sich beim Picknick am Nachmittag etwas nähergekommen waren und einen Draht zueinander gefunden hatten. Sollte sie noch einen Schritt weiter gehen? Oder würde ihre forsche Art ihn verschrecken? Vielleicht war es besser, noch ein wenig abzuwarten.

„Ist die Tür abgeschlossen?“, fragte sie ihn und schaute kurz aus dem Fenster des Nordflügels der Bibliothek. Sie sah, wie der Wind dunkle Wolken vor sich hertrieb.

„Ja.“

Ach, warum denn nicht! „In zwanzig Minuten geht der Sturm wahrscheinlich richtig los“, erwiderte sie. „Ich kann Sie mit dem Auto zu Idas Wohnung fahren. Sie könnten sonst aber auch gern mit zu mir kommen, ich mach uns eine Kleinigkeit zu essen. Nichts Besonderes. Leider wird es wohl nicht annähernd an die leckere Hausmannskost heranreichen, die vorhin in den Mülleimer gewandert ist. Aber immerhin besser als nichts.“

„Sieht so aus, als ob ich mich zwischen einer Dose Hühnersuppe bei meiner Großmutter und einem Snack bei einer umwerfenden jungen Frau entscheiden muss. Diese Entscheidung fällt mir wirklich nicht schwer.“

„Na, dann los“, rief sie und huschte die Treppen hinunter zu ihrem Auto. Sie hoffte nur, dass keine der älteren Damen gerade aus dem Fenster schaute und zusah, wie dieser gefährlich attraktive Typ in ihr Auto stieg. Die Gerüchteküche des kleinen Städtchens würde morgen sonst auf Hochtouren laufen.

Ach was, eigentlich kann’s mir egal sein, dachte sie, während sie sich hinter das Lenkrad ihres Wagens schwang und den Motor startete. Cole setzte sich auf den Beifahrersitz und schlug die Tür zu. Er machte das Radio an, aus dem laute Rapmusik dröhnte.

Sie schaltete es sofort wieder aus und sah ihren Beifahrer skeptisch an. „Sie haben also doch an meinem Radio rumgedreht?“

Cole grinste frech. „Wenn Sie es mir nicht ausdrücklich verboten hätten, wäre ich natürlich nie auf diese Idee gekommen“.

Lachend parkte sie aus und bog auf die Hauptstraße ab. Sie fuhren in Richtung des Kulturzentrums, in dem sich auch ihre kleine Wohnung befand. Ein paar Minuten später waren sie bereits am Ziel, und Emily lenkte den Wagen in die Tiefgarage des Gebäudes. Sie stiegen aus und gingen zum Fahrstuhl.

Emily drückte auf einen altertümlichen Knopf, und die Aufzugstüren öffneten sich schwerfällig. „Wie alt ist dieses Ding?“, fragte Cole erstaunt, als seine Begleiterin die schweren Eisengitter zur Seite schob.

„Der ist noch von anno dazumal. Keine Angst, er wurde letztes Jahr gründlich überholt. Wir werden es schon bis zum zweiten Stock schaffen“, rief sie laut, um das Quietschen des Fahrstuhls zu übertönen.

„Vielleicht hätten wir besser die Treppe nehmen sollen.“

„Ach, kommen Sie. Das Leben steckt voller Abenteuer. Man muss auch mal ein Risiko eingehen, sonst wird es langweilig.“

„Allerdings.“

Sie hatte den Eindruck, dass er auf dem Weg nach oben den Atem anhielt und sehr erleichtert war, als sie endlich vor ihrer Wohnungstür standen.

3. KAPITEL

„Kommen Sie rein, aber bitte nicht erschrecken“, sagte Emily und hängte den Autoschlüssel an einen Haken neben der Tür. „Ich bin nicht etwa ausgeraubt worden. In den letzten Jahren bin ich so oft umgezogen, dass ich irgendwann beschlossen habe, mich nicht mit unnötigen Möbeln und Krimskrams zu belasten.“

„Sieht so aus, als hätten Sie alles, was man braucht“, entgegnete Cole und sah sich um. In der Mitte des Wohnzimmers stand ein Esstisch und neben dem Fenster ein gemütlich aussehendes Sofa mit einem kleinen antiken Beistelltisch. Sein Blick fiel durch die offene Schlafzimmertür auf ein französisches Bett, neben dem rechts ein einzelnes Nachtschränkchen stand. „Der ganze unnütze Kram, den die meisten Menschen in ihre Wohnungen stopfen, steht sowieso meistens nur im Weg rum.“

„Danke, das ist nett von Ihnen. Ich weiß, dass es sehr spartanisch aussieht, wie in einem Kloster oder so. Es fehlt nur noch die Bibel auf dem Nachttischchen.“

Automatisch sah er erneut ins Schlafzimmer. Emily lachte. „Lassen Sie sich nicht aufs Glatteis führen!“ Cole lächelte verlegen, und sie ging in die Küche. „Setzen Sie sich, ich mach uns schnell was zu essen. Möchten Sie ein Glas Wein?“

„Sehr gern.“

„Ich habe nur Rotwein da“, sagte Emily und holte zwei Gläser aus dem Schrank. „Trinken Sie lieber Zinfadel oder Merlot? Dazu gibt es Weintrauben, Käse und Crackers.“

„Ehrlich gesagt, ich bin kein Weinexperte“, erwiderte Cole und machte es sich auf dem großen braunen Ledersofa gemütlich. Es war eines der wenigen Einrichtungsstücke, die Emily nicht auf dem Flohmarkt erstanden hatte. „Ich schließe mich Ihnen an und vertraue auf Ihr Urteil.“

Vorsichtshalber stellte sie beide Flaschen aufs Tablett und suchte nach dem Korkenzieher.

„Diese Fenster sind wirklich sehr schön.“

„Ja, die sind das Schmuckstück dieser Wohnung“, erwiderte sie und betrachtete stolz die vier riesigen, stuckverzierten Fenster. Jedes Mal, wenn sie die Fenster ansah, vergaß sie die Nachteile ihrer Altbauwohnung – die verrosteten Leitungen, die quietschenden Türen, die lästige Nachtspeicherheizung – und sah stattdessen den Charme des Apartments mit seinen hohen Decken und dem wunderschönen Parkettboden.

Emily riss sich aus ihren Gedanken und kümmerte sich weiter um das Essen. „Vorhin beim Picknick wollten Sie mir gerade erzählen, was Sie beruflich machen, als wir vom Sturm überrascht wurden.“

„Ich arbeite als Risikokapitalgeber.“

„Ah, und was genau ist das?“, fragte sie. Draußen begann es eben zu blitzen und zu donnern.

„Ich habe mich darauf spezialisiert, Geld an vielversprechende Jungunternehmen zu verleihen, die sich vergrößern möchten“, erklärte er, während der Sturm anfing, über dem Städtchen zu wüten. „Ich schaue mir deren Businesspläne genau an, berate sie und stelle ihnen dann die benötigte Summe zur Verfügung. Auf diese Weise kann das Unternehmen gewinnbringend expandieren, während ich mich zurücklehne und dabei zusehe. Nach einer bestimmten Zeit zahlt das Unternehmen den Kredit mit einem guten Zinssatz zurück.“

„Da sind Sie wahrscheinlich viel unterwegs.“

„Allerdings. Ich investiere nie in eine Firma, ohne mir diese ganz genau anzusehen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich in etwa so viel Zeit in der Luft verbringe wie ein Berufspilot.“

„Ach, wirklich“, neckte sie ihn, „dann kennen Sie ja sicherlich auch alle Piloten und Stewardessen beim Vornamen?“

„Mein Pilot heißt Bob, der Kopilot heißt Randy, und Collette ist die Flugbegleiterin.“

„Sie besitzen ein Privatflugzeug?“

„Ja, eine Chessna Citation.“

Du meine Güte! Er war ja wirklich steinreich. Wahrscheinlich war er noch nie in seinem Leben in einer so bescheidenen Wohnung gewesen. Und sie setzte ihm auch noch unreife Weintrauben vor, dazu einen Wein aus dem Supermarkt und ein paar trockene Cracker. „Ihre Investitionen scheinen ja offenbar erfolgreich zu laufen“, nahm sie das Gespräch wieder auf und trug das Tablett mit dem armseligen Abendessen ins Wohnzimmer.

„Es läuft ganz gut“, antwortete er, nahm ihr den Merlot und den Korkenzieher ab und fügte hinzu: „Mein Vater wäre wahrscheinlich nicht enttäuscht, wenn er sehen würde, was ich aus meinem Erbe gemacht habe.“

„Ist er schon lange tot?“, fragte sie und setzte sich neben ihn aufs Sofa.

„Seit sieben Jahren. Er war Herzchirurg und hatte einen Infarkt. So etwas nennt man wohl Ironie des Schicksals.“

„Was ist mit Ihrer Mutter?“, hakte sie nach und sah zu, wie er mit einer eleganten Bewegung die Flasche Wein öffnete.

„Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich noch in der Highschool war. Meine Mutter starb während meines ersten Semesters an der Universität. Im Frühling vor zehn Jahren.“

„Das tut mir wirklich leid.“

Er zuckte mit den Schultern und schenkte den Wein ein. Während er ihr das Glas reichte, sagte er: „Ich habe nie verstanden, warum sie unbedingt an einer Wildwassertour mit Schlauchbooten teilnehmen musste. Und das, obwohl sie nicht schwimmen konnte.“

„Vielleicht wollte sie auf diese Weise ihre Angst vorm Wasser überwinden?“

„Wer weiß. Wir haben nie miteinander darüber gesprochen. Meistens ging es nur um Unterhaltszahlungen und Kindergeld.“ Er schenkte sich ebenfalls ein Glas Wein ein, stellte die Flasche zurück aufs Tablett und lehnte sich zurück. „Was ist mit Ihren Eltern? Leben sie noch?“

„Ja, Gott sei Dank, ihnen geht es gut. Meine Mutter unterrichtet Modedesign an der Universität von New Mexico und mein Vater ist Sozialkundelehrer an einer Highschool.“

„Hört sich nach coolen Eltern an.“

„Ja, das sind sie. Na ja, so cool wie ältere Hippies eben sein können. Als ich noch ein Teenager war, fand ich das so richtig peinlich. Dazu kam noch, dass meine Großmutter im hohen Alter ihre Vorliebe für die Freikörperkultur entdeckte und begann, diese auch außerhalb des FKK-Strandes auszuleben. Sie ist halt gern mal nackt durch die Stadt gelaufen.“

Emily lachte und schüttelte den Kopf, als sie an ihre leicht verrückte, aber glückliche Familie dachte. „Wenn man zurückschaut, war es wohl nicht so furchtbar, wie ich es damals fand. Aber das ist ja meistens so.“

Cole nickte und beugte sich vor, um sich von Käse und den Crackern zu nehmen. „Warum sind Sie denn nicht dem Beispiel Ihrer Eltern gefolgt und arbeiten im Bildungswesen?“

„Es ist nicht so, dass ich das nicht versucht hätte“, erwiderte sie. „Nach der Schule habe ich angefangen, Kunstgeschichte und Pädagogik zu studieren, um Kunstlehrerin zu werden. Allerdings sind in den letzten Jahren an den meisten Schulen die Mittel dafür stark gekürzt worden. Kunst und Kultur scheinen nicht mehr so gefragt zu sein, da stellt man lieber mehr Lehrer für Mathe und Wirtschaft ein.“

Schulterzuckend schenkte sie sich Wein nach. „Mit der Lehrerlaufbahn ist es also nichts geworden, daher bin ich zurück an die Universität gegangen, um einen Masterabschluss in Kunstgeschichte zu machen. In den Semesterferien habe ich dann ein Praktikum bei einem Restaurationsprojekt gemacht, das vom Smithsonian Institute und der Rockefeller-Stiftung finanziert wurde. Dabei habe ich meine Faszination für das Restaurieren und Instandsetzen von schönen antiken Gegenständen entdeckt. Die Mitarbeiter der Stiftung haben mich davon überzeugt, an einem ihrer speziellen Restaurationsprogramme teilzunehmen.“

„Was sind das für Programme?“

„Da gibt es alles Mögliche, über das ganze Land verteilt. Es fängt bei Denkmalpflege an, aber es gibt auch Projekte, die sich mit Kunsthandwerk oder mit darstellender oder bildender Kunst beschäftigen. Manchmal werden auch naturwissenschaftliche Forschungen mit einbezogen. Das bekannteste Projekt der Rockefeller-Stiftung befindet sich in Williamsburg, Virginia. Dort wird gerade das historische Stadtzentrum restauriert.“

„Hört sich spannend an.“

„Das ist es auch“, sagte sie lächelnd. „Ich habe meine ersten Erfahrungen in diesem Bereich bei der Restaurierung von Kirchenfenstern gesammelt, das war in einer Kathedrale in Washington D. C. Danach habe ich in einem alten Eisenbahndepot in Seattle gearbeitet. Ehrlich gesagt waren es in den letzten Jahren so viele Projekte, dass ich gar nicht alle aufzählen kann.“

„Sie sind ja ganz schön herumgekommen.“

„Das stimmt, aber irgendwann ist man es leid, immer nur aus dem Koffer zu leben. Es hat natürlich auch Vorteile. Ich glaube, ich habe mehr von Amerika gesehen als viele andere Leute. Wenn Sie eine Restaurantempfehlung in irgendeiner Stadt brauchen, fragen Sie mich ruhig.“

Er lächelte und sah sie herausfordernd an. Der Schalk blitzte in seinen dunklen Augen. „Dann werde ich Sie mal auf die Probe stellen. San Francisco?“

„Vergessen Sie all die klassischen Restaurants. Dort muss man unbedingt an den Hafen, zu den kleinen Imbissen entlang des Fisherman’s Wharf. Die Muschelsuppe da ist köstlich. Die beste, die ich je gegessen habe.“

„Gibt es da auch diese leckeren Krabbenpuffer?“

„Wenn Sie wirklich gute Krabbenpuffer essen wollen, müssen Sie nach Annapolis, Maryland fahren. Ich kann mich auf Anhieb nicht an den Namen des Lokals erinnern, aber Sie können es nicht verfehlen, wenn Sie am Pier entlanggehen. Es ist ein kleines mit Schindeln verkleidetes Häuschen mit gelben Türen und Fenstern. Sehr rustikal, aber dort gibt es die besten Krabbenpuffer der Welt. Mehr Krabben als Puffer. Und wenn Sie sich satt gegessen haben, müssen Sie unbedingt eine Führung in der nahe gelegenen Marineakademie mitmachen. Die haben eine tolle Skulptur von John Paul Jones im Kellergewölbe der Kapelle.“

„Wer ist das denn? Sollte ich den kennen?“

„John Paul Jones, der Kapitän und Revolutionsheld“, erwiderte Emily. Als sie seinen ratlosen Blick sah, fuhr sie fort: „Das hatten Sie doch sicherlich im Geschichtsunterricht. Die Seeschlacht zwischen der Bonhomme Richard und der H. M. S. Serapis, davon gibt es ein sehr berühmtes Gemälde.“

Er schüttelte den Kopf, und sie seufzte.

„Aber vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg haben Sie schon mal gehört?“

„Natürlich. Aber ehrlich gesagt ist meine letzte Geschichtsstunde schon eine Weile her.“

„John Paul Jones war derjenige, der den berühmten Satz gesagt haben soll: ‚I have not yet begun to fight‘ – Ich habe noch gar nicht angefangen zu kämpfen.“

„Ach, der! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“

Emily verdrehte die Augen und fuhr fort: „Sein Sarkophag steht in der Rotunde unter der Kapelle der Marineakademie. Er ist sehr kunstvoll aus Marmor gefertigt, verziert mit Neptuns Dreizack und einer Anspielung auf Davy Jones. Den kennen Sie aber?“

„Selbstverständlich.“ Er lachte und nahm sich noch ein Stück Käse. „Der Sänger der Monkees, so ein kleiner Engländer.“

„In der Seemannssprache ist Davy Jones eine Bezeichnung für den Teufel des Meeres. Sie sind wirklich ein Kulturbanause!“

„Ja, ich weiß.“ Seinem Lachen hörte man an, dass ihn das nicht im Geringsten störte. Er zwinkerte ihr zu. „Wenn es irgendwann mit der Kunst nicht mehr so gut läuft, können Sie ohne Probleme als Fremdenführerin arbeiten.“

„Genau, man sollte sich immer eine Option offenhalten.“

„Arbeiten Sie hier in Clearwater auch gerade an so einem Restaurationsprojekt?“

Emily entging nicht, dass er weiterhin versuchte, Informationen über sie zu sammeln, auch wenn es nun eher unauffällig und in freundlichem Ton geschah. „In meiner Werkstatt liegt gerade ein kleinerer Auftrag, der vor ein paar Tagen geliefert worden ist. Abgesehen davon steht gerade keine Restauration an. Auf diese Weise kann ich mich auf die Fertigstellung des Seniorenzentrums konzentrieren. Die Eröffnung soll am vierten Juli stattfinden, und bis dahin ist noch einiges zu tun.“

Cole sah sie erstaunt an, und für einen Moment glaubte Emily, einen Funken Anerkennung in seinen Augen zu sehen.

„Sagen Sie, wie kommt eigentlich eine junge Frau aus New Mexico, die schon durch ganz Amerika gereist ist, auf die Idee, hier in Kansas sesshaft zu werden?“

„Das war Zufall. Im letzten Jahr habe ich längere Zeit an einer Kirche in Wichita gearbeitet und habe an den Wochenenden ein paar Ausflüge in die nähere Umgebung unternommen. Am vierten Juli, dem Unabhängigkeitstag, kam ich nach Clearwater und sah hier eines der schönsten Feuerwerke meines Lebens. Dieses Spektakel sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. In ein paar Wochen ist es wieder so weit, vielleicht können Sie ja so lange hierbleiben? Ich verspreche Ihnen, es ist wirklich einzigartig.“

„Mal sehen“, äußerte er sich vage. „Im Moment laufen meine Geschäfte zwar ganz gut, aber manchmal ändert sich das schneller, als man denkt. Mal abgesehen von dem alljährlichen Feuerwerksspektakel – gibt es noch andere Gründe, um hier zu leben?“

„Die Immobilienpreise sind unglaublich günstig hier, und …“

„Das liegt wohl daran, dass es hier kaum Nachfrage gibt“, unterbrach Cole sie mit einem spöttischen Lächeln. „Ohne die Touristen am Wochenende wäre hier überhaupt nichts los.“

„Das sehe ich anders. Kansas City wächst enorm schnell und ist auch nicht allzu weit entfernt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Clearwater mal irgendwann zu einem Vorort der Großstadt werden könnte. In zwanzig Jahren werde ich meine Immobilie für das Doppelte oder Dreifache verkaufen können.“

„Zwanzig Jahre? Da muss man ja ganz schön lange warten, bis sich die Investition gelohnt hat.“

Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern. „Geld ist nicht alles. Es gibt noch andere Dinge, die für diesen Ort sprechen. Wenn man viel reist, ist Kansas der ideale Bundesstaat, weil er genau in der Mitte des Landes liegt. Egal, wo man hinfliegen will, man ist nie allzu lang unterwegs. Je weniger Zeit man im Flugzeug verbringt, umso besser. Und ich bin zwar ab und zu gern mal in der Großstadt …“, sie trank noch einen Schluck Wein, „schließlich gibt es da immer etwas zu tun und viel zu sehen. Aber irgendwie … Nun ja, ich fühle mich dort nicht zuhause. Es reicht mir, eine große Stadt in der Nähe zu haben, sodass ich mal schnell hinfahren kann. Aber ich wohne lieber an einem Ort, an dem der Bäcker um die Ecke meinen Namen kennt und weiß, welche Brötchen ich am liebsten mag.“

Cole sah sie beunruhigt an. „In kleinen Städtchen wissen die Leute aber alles über einen. Es gibt keine Geheimnisse.“

„Das stimmt. Aber wenn man nichts zu verbergen hat, kann einem das doch egal sein. Außerdem muss man doch nichts darauf geben, was die Leute so erzählen.“

„Da haben Sie auch wieder recht. Trotzdem möchte ich beim Einkaufen lieber unerkannt bleiben.“

„Warum das denn?“

„Keine Ahnung. Das ist irgendwie einfacher.“

Emily lachte. „Also, ich finde es nicht besonders schlimm, wenn jemand zu mir im Supermarkt ‚Hallo‘ sagt.“

„Jedem das Seine. Mir ist es lieber, im Supermarkt ungestört meinen halben Liter Milch zu kaufen, zu bezahlen, den Laden zu verlassen und nach Hause zu gehen.“

„Wo Sie den halben Liter Milch dann ganz ungestört allein trinken können“, neckte sie ihn.

„Wie kommen Sie denn darauf, dass ich allein lebe? Sie sind ganz schön frech.“

Emily beugte sich zu ihm und sagte in einem bewusst naseweisen Ton: „Für zwei Leute hätten Sie wahrscheinlich einen ganzen Liter Milch gekauft. Außerdem, wenn Sie eine Frau oder Freundin hätten, würde die wahrscheinlich die Milch kaufen gehen.“

„Na, so was, Sie könnten ja auch als Privatdetektivin arbeiten“, erwiderte er scherzhaft. „Glauben Sie aber bloß nicht, dass ich wie ein Mönch lebe.“

„Auf diesen Gedanken wäre ich nie gekommen.“ Jemand, der so gut aussah wie er, konnte sich wahrscheinlich vor Frauen nicht retten.

Er sah ihr tief in die Augen und lächelte. „Und was ist mit Ihnen? Kaufen Sie einen ganzen oder einen halben Liter Milch?“

„Ich kaufe nur einen Viertelliter“, gestand sie.

„Oh nein! Dann sind Sie vielleicht eine Nonne?“

„Nur wenn die Kirche in der letzten Zeit die Regeln geändert hat.“ Sie trank noch einen Schluck Wein. „Ich mag einfach keine Milch. Nur gelegentlich ein klein bisschen zu meinem Müsli.“

„Es gibt also keinen Mann, dem Sie morgens die Milch stibitzen könnten?“

Sie war überrascht und fragte sich, ob ihn das wirklich interessierte. Schließlich war es nicht gerade relevant für seine Nachforschungen, ob sie liiert war. Waren sie vielleicht gerade dabei, sich auch persönlich näherzukommen? „Nein, ich habe keinen Freund. Schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Wie sieht es bei Ihnen aus, haben Sie eine feste Beziehung?“

Er überlegte einen Moment und runzelte die Stirn. „Es gibt da jemanden, aber das ist nichts Festes. Nur eine Art amüsanter Zeitvertreib.“

„Meine Güte, das hört sich ja richtig romantisch an.“

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