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Club Kalaschnikow

Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

Informationen zum Buch

Die Primaballerina Katja Orlowa hat nicht den besten aller Ehemänner. Als reicher Casinobesitzer verkehrt er in den höchsten, aber auch zwielichtigsten Kreisen und gilt als notorischer Schürzenjäger. Eines Abends, als er sie aus dem Theater abholt, wird er vor ihren Augen erschossen. Der Verdacht fällt auf seine stille, schüchterne Geliebte. Bei ihr findet sich die Tatwaffe. Doch Katja beginnt bald an der Schuld der jungen Frau zu zweifeln – erst recht, als ein zweiter Mord geschieht …

»Das ist große Kriminalliteratur!« Literaturen.

»Ein Kriminalroman, der den Leser permanent in Atem hält.« Deutsche Welle.

Polina Daschkowa

Club Kalaschnikow

Kriminalroman

Aus dem Russischen von Margret Fieseler

Vor mir steht nicht einfach eine schwache Verdünnung des Bösen, wie man sie aus jedem Menschen gewinnen kann, sondern das konzentrierte Böse ohne Beimischungen, ein riesiges, bis zum Rand gefülltes und versiegeltes Gefäß.

Wladimir Nabokow

Kapitel 1

In einer warmen Septembernacht bog ein weißer Ford vom »Prospekt Mira« in eine der stillen Nebenstraßen ab. Aus den halbgeöffneten Fenstern des Autos dröhnte ohrenbetäubend laut Popmusik. Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Wagens beleuchteten für einen Moment die Silhouette der jungen Frau am Steuer. Der Mann neben ihr war nicht zu sehen, er lag fast auf dem weichen Sitz. Sein Kopf fiel der Frau dauernd auf die Schulter. Laut und falsch sang er mit dünner Tenorstimme den ausgelassenen Schlager mit.

»Hör auf, Gleb«, sagte die Frau stirnrunzelnd und schaltete den Kassettenrecorder aus.

»Musik, sag ich!« Der Mann stieß auf und stellte den Recorder wieder an.

Der Schlager donnerte über die ganze Straße.

»Hättest du nicht wenigstens bei meiner Premiere nüchtern bleiben können? Gleich im ersten Akt einzuschlafen! Sogar geschnarcht hast du.«

»Das ist eine dreckige Verleumdung. Ich schnarche überhaupt nicht! Niemals. Und im zweiten Akt habe ich nicht geschlafen, sondern meiner Begeisterung Ausdruck verliehen!« Er mußte wieder aufstoßen.

»Stimmt«, die Frau nickte, »aber am Büfett. Du hast deiner Begeisterung so laut Ausdruck verliehen, daß es sogar im Zuschauerraum und auf der Bühne zu hören war.«

»Na und, ich darf doch wohl mal auf ein Glas Kognak rausgehen und ein Häppchen essen. Das ist mein gutes Recht. Du bist unser Star, die geniale Primaballerina. Und ich der Gatte im Hintergrund, der Kaufmann und Mäzen. Übrigens, Katja, ich hab am Büfett allerlei Leute getroffen. Was glaubst du wohl, wen zum Beispiel?« Gleb schob die feuchten Lippen vor und schmatzte dreimal.

»Wen denn?« fragte Katja gleichgültig.

»Deinen bekloppten Verehrer. Deshalb hab ich ja auch Stunk gemacht, weil ich die Schnauze gestrichen voll hatte. Der hat mich genervt, das hab ich ihm direkt gesagt: du nervst mich, hab ich gesagt.« Gleb fluchte kräftig und stieß wieder auf.

Katja gab keine Antwort, sie hielt auf dem riesigen finsteren Hof Ausschau nach einem Parkplatz. Sie war zu müde, um den Wagen in die Garage zu fahren.

»Hör mal, verehrte Diva, du willst doch dieses Gestrüpp nicht etwa ins Haus schleppen?« Gleb machte eine Kopfbewegung zum Rücksitz, auf dem sich die Blumensträuße türmten. »Das stinkt fürchterlich, ich muß davon niesen.«

Katja parkte exakt an der Bordsteinkante. Sie warf einen Blick zu den dunklen Fenstern ihrer Wohnung empor und wunderte sich. Noch vor einer Minute, als sie auf den Hof fuhr, hatte sie Licht im Wohnzimmer bemerkt. Jetzt war alles dunkel geworden. War Shannotschka doch über Nacht geblieben, um ihnen ein festliches Abendessen zu servieren? Hatte sie gehört, wie der Wagen vorfuhr, das Licht gelöscht und sich im Dunkeln versteckt, um dann plötzlich die Lichter über dem gedeckten Tisch aufflammen zu lassen, wenn Gleb und sie die Wohnung betraten? Aber es würde keine Feier geben. Gleb war sturzbetrunken, er würde unflätig fluchen, aufstoßen, rülpsen und zudringlich werden, Shannotschka würde beleidigt sein und weinend davonrennen, wie immer.

Nach der Premiere hatte es ein üppiges kaltes Büfett gegeben. Gleb Kalaschnikow war zwischen Blazern, burgunderroten Jacketts und nackten parfümierten Schultern umherflaniert, hatte Kognak und Champagner getrunken, die blutjungen Tänzerinnen des Corps de Ballet löffelweise mit Kaviar gefüttert und sie mit obszönen Anspielungen eingeladen, sich in seinem Casino als Striptease-Tänzerinnen etwas dazuzuverdienen. Er hatte Narrenfreiheit. Die Premiere war von ihm gesponsert, das Waganow-Ballett existierte von seinem Geld. Er war der allmächtige Chef, Herr über die leibeigenen Künstler.

Katja hatte keine Lust, in den Bankettsaal zu gehen, nicht einmal für ein paar Minuten. Sie schminkte sich absichtlich lange ab, nahm eine heiße Dusche, zog sich an und saß dann einfach mit geschlossenen Augen im Sessel. Die Muskeln schmerzten und summten wie Kabel unter Strom. Ihr Körper durchlebte alles noch einmal, wiederholte im Geist jeden Schritt. Lady Macbeth wirbelte über die Bühne und drehte sich in der Todespirouette. Ein schwereloser Engel des Todes. Katja tanzte so, daß die Zuschauer die Mörderin liebten, sich an ihr erfreuten, sie verstanden und entschuldigten, um dann plötzlich zur Besinnung zu kommen, sich zu wundern und dabei vielleicht etwas Neues, Wichtiges bei sich zu entdecken.

Es war eine gelungene Aufführung gewesen, alles andere war ohne Bedeutung. Durch ihren Kopf schossen bereits alle möglichen dummen Gedanken: Gleb hatte sich betrunken und randalierte, man klopfte an ihre Tür, das Handy auf dem Schminktisch klingelte ununterbrochen. Sie mußte hinaus. Es gab kein Entrinnen.

Katja öffnete die Augen und sah in den Spiegel. Sie hatte schon seit langem bemerkt, daß ihr Gesicht sich mit jeder neuen Rolle veränderte – ein anderer Ausdruck in den Augen, ein neuer Zug um den Mund. Mit jeder Heldin durchlebte sie ein ganzes Leben, von der Geburt bis zum Tod. Eben noch war sie zusammen mit der blutrünstigen Lady Macbeth gestorben, und nun mußte sie neu geboren, wieder sie selbst werden, Jekaterina Filippowna Orlowa, eine müde Frau von dreißig Jahren mit überstrapazierten Muskeln.

Ganz ohne Make-up konnte sie nicht in den Bankettsaal gehen. Blitzlichter würden aufflammen, und danach würde in irgendeiner Boulevardzeitschrift ein doppelseitiges Foto mit einer grünlich-blassen, erschöpften, ungeschminkten Primaballerina erscheinen. Und an ihrer Seite Gleb: betrunken, mit rotem Gesicht und verrutschter Krawatte, mit irrem Blick und einem zweideutigen Grinsen auf den feuchten Lippen. Seht her, Leute, das strahlende Paar, die Crème der Moskauer Bohème, weidet euch an ihrem Anblick! Ihr braucht sie nicht zu beneiden. Nur aus der Dunkelheit des Zuschauerraumes wirkt die Primaballerina wie eine Märchenschönheit. In Wirklichkeit sieht sie älter aus als sie ist, hat dunkle Ringe unter den Augen, eine von der Schminke welke Haut, blasse Lippen und hervorstehende Schlüsselbeine. Ihr Mann ist ein Grobian und Raufbold, fast schon ein Alkoholiker, Kinder haben sie keine und werden wohl auch keine mehr bekommen.

Katja kämmte ihre langen kastanienbraunen Haare und drehte sie im Nacken zu einem straffen Knoten. Wieder schrillte das Telefon, sie zuckte zusammen und zerkratzte sich mit der Haarnadel schmerzhaft den Hals.

Ein heiseres Flüstern erklang im Hörer: »Er macht sich doch gar nichts aus dir. Geh besser von selbst, bevor es zu spät ist …«

Katja drückte auf den Knopf und warf das Handy weg, als hätte sie einen Stromschlag erhalten.

Noch vor zwei Wochen, als sie morgens um acht zum ersten Mal von einem solchen Anruf geweckt worden war, hatte sie sich gesagt: nicht nervös werden, gar nicht beachten. Wenn man eine Primaballerina ist, einen reichen Mann hat, eine Fünfzimmerwohnung, ein Haus auf Kreta, zwei Autos und noch vieles mehr, gibt es immer Leute, die einen kränken und einschüchtern möchten. Beim ersten Mal hatte die heisere Frauenstimme geflüstert: »Heute wirst du dir auf der Bühne ein Bein brechen, du Dörr-Giselle«, – und sofort aufgelegt.

Mit übermenschlicher Anstrengung lächelte Katja ihrem bleichen Spiegelbild zu. Noch etwas Lippenstift, eine dünne Schicht Puder, ein paar Tropfen Parfum. Und nur keine Panik.

Sie stand auf und betrachtete sich in dem riesigen Spiegel. Ein glatter Rock aus dünnem schwarzem Leder, ein schlichter milchfarbener Kaschmirpullover, schwarze Pumps mit halbhohem Absatz. Vielleicht ein bißchen zu korrekt und alltäglich, aber sie hatte nicht die Absicht, sich lange am Büfett aufzuhalten. Sie war müde und wollte schlafen.

»Katja!« heulte Gleb auf, als er sie im Bankettsaal erblickte. »Meine Süße, mein Schnuckel, komm her, laß dich küssen!«

Mit ausgebreiteten Armen torkelte er auf sie zu. Die Menge trat auseinander, auf den Gesichtern las Katja taktvolle Gleichgültigkeit und leisen Spott. Manche wandten sich ab, als sei nichts geschehen. Andere blickten Katja mit aufrichtigem Mitgefühl an. Ein Blitzlichtgewitter blendete sie. Gleb trat einer Musikwissenschaftlerin auf den Fuß, die Dame schrie auf, wich zurück, eine hohe Schale mit Früchten stürzte zu Boden. Apfelsinen und Äpfel hüpften wie Tennisbälle übers Parkett.

Man beglückwünschte und küßte Katja. Ihr Tanzpartner Mischa Kudimow schützte sie mit seiner zuverlässigen Schulter vor einer dreisten Videokamera.

»Alles war großartig, Katja, wir haben uns prima geschlagen. Ich bin völlig erledigt. Dieser widerliche kleine Reporter mit dem Ohrring fliegt jetzt endgültig raus! Ich bin gleich wieder da.«

Mischa ging zu dem hünenhaften Wachmann, der mit gelangweiltem Gesicht an der Tür stand, und flüsterte ihm kurz etwas zu. Darauf schnappte sich der Wachmann ein geschlechtsloses Geschöpf in zitronengelbem Spitzenjackett und mit einem riesigen falschen Brillanten im Ohr. Katja erkannte ihn, es war einer der schlimmsten Skandalreporter des Moskauer Fernsehens. Er hatte Katja vorhin seine Videokamera direkt unter die Nase gehalten, um eine möglichst häßliche Perspektive zu bekommen.

Was will der mit klassischem Ballett, der fotografiert doch sonst nur Rockstars, dachte Katja und blickte dem zitronenfarbenen Jackett hinterher.

Eine halbe Stunde später war es ihr gelungen, Gleb ins Auto zu bugsieren. Weitere zwanzig Minuten später fuhr ihr weißer Ford vor ihrem Haus vor.

Mit ein paar Blumensträußen vom Rücksitz im Arm gingen sie auf den Hauseingang zu. Gleb schlingerte und schwankte und sang die ganze Zeit den dummen Schlager. Plötzlich stolperte er und fiel mit seiner ganzen betrunkenen Schwere auf seine Frau. Katja konnte ihn gerade noch auffangen und sich selber auf den Beinen halten. Die Sträuße mit den großen, in Zellophan gehüllten Rosen fielen raschelnd auf den Asphalt. Im selben Moment ertönte ein gedämpfter Schuß. Oben im dritten Stock, in einem dunklen, sperrangelweit geöffneten Fenster, bauschte sich sanft ein heller Vorhang.

* * *

Konstantin Iwanowitsch Kalaschnikow, russischer Volkskünstler, Träger des Leninpreises für herausragende Verdienste um die sowjetische Filmkunst, Oscar-Preisträger für die beste männliche Hauptrolle des Jahres 1989 in dem weltweit beachteten Film »Die Hinterhöfe des Imperiums«, Abgeordneter der Staatsduma und Professor, saß in einem Café auf der Place Saint-Michel und schlürfte in kleinen Schlucken einen Milchkaffee.

Vor langer Zeit, im Jahr 1964, hatte der magere, schmalgesichtige Konstantin Kalaschnikow in einem Film über den Bürgerkrieg einen weißen Offizier gespielt, war hoch zu Roß durch die Steppe gesprengt und einen malerischen Tod durch den Hieb eines Rotarmistensäbels gestorben. Abends nach den Dreharbeiten verschlang er im schäbigen Hotel des kleinen Steppenkaffs die Bücher von Hemingway. In der wilden kasachischen Steppe tat es gut, von Paris zu lesen. Paris bestand aus fliederfarbenem Dunst und zahllosen kleinen Cafés. Im Hotel bekam man Frikadellen aus Brotteig und trockenen gelben Hirsebrei zu essen. Kalaschnikow las Hemingway, wanderte in Gedanken durch Paris und hob sein junges edles Gesicht dem zarten Nebel des Montmartre entgegen.

Im Nebenzimmer sang hinter der dünnen Hotelwand die Schauspielerin Nadja Lutschnikowa ein Lied des verbotenen jungen Liedermachers Alexander Galitsch: »Die Wolken fliegen nach Abakan …« Nadja spielte eine rote Partisanin. Im Film wurde sie von Konstantin verhört und belästigt und verpaßte ihm eine schallende Partisanenohrfeige. Dann wurde sie erschossen, der Weißgardist Konstantin kommandierte »Feuer«, während sich auf seinem Gesicht widersprüchliche Gefühle malten: eine Mischung aus Klassenhaß und heimlicher, hoffnungsloser Verliebtheit.

Tief in der Nacht siedelte Konstantin in Nadjas Zimmer über. Ihre Zimmergenossin, die Regieassistentin Galotschka, zog zum Kameramann Slawa, und Slawas Zimmergenosse, der junge Beleuchter Wolodja, übernachtete bei der alleinstehenden Bibliothekarin des Steppenkaffs. Die Sprungfedern der Hotelbetten quietschten unanständig, aber niemand hörte es.

Nadja hatte einen kleinen Flakon »Chanel Nr. 5«. Noch viele Jahre danach erinnerte der schwere süße Duft dieses Parfums Konstantin nicht an Paris, sondern an die kasachische Steppe und an das schmutzige Hotel mit den quietschenden Betten.

Ein halbes Jahr später ließen er und Nadja sich in aller Stille trauen. Sie war im sechsten Monat, ihr Bauch wölbte sich schon merklich, und die Angestellte im Standesamt blickte sie mißbilligend an.

Den Sohn nannten sie Gleb.

Die berühmte Fotografie von Hemingway – männliches Gesicht, Bart, grober Rollkragenpullover – hing in ihrer Moskauer Wohnung über dem Sofa. Auf dem Sofa lag ein kariertes Plaid. Sofa, Plaid und diese Fotografie – mehr besaßen sie nicht.

Ein Jahr darauf wurde Kalaschnikow die Rolle des Felix Dzierżyński angeboten. Dann beauftragte man ihn damit, das Begrüßungsgedicht auf dem Parteitag vorzutragen. Noch ein Jahr später erhielt er den Titel »Verdienter Künstler«, arbeitete an einem der besten Theater Moskaus und drehte einen Film nach dem anderen.

Die Wohnung füllte sich mit Möbeln, und auch Kalaschnikow ging in die Breite. Nadja hörte auf zu filmen, kochte kalorienarme Diätsuppen, raspelte Möhren und zog Gleb auf.

Ende der siebziger Jahre durfte Kalaschnikow nach Paris. Er sollte Lenin spielen. Zwar hatte er keinerlei Ähnlichkeit mit dem Führer aller Proletarier, aber für den Regisseur – Parteimitglied und der Tradition des sozialistischen Realismus verpflichtet – hatte das keine Bedeutung. In Kalaschnikows Interpretation geriet Lenin zu einem hochgewachsenen eleganten Intellektuellen.

Paris bestand tatsächlich aus aquarellfarbenem Dunst und kleinen Cafés. Konstantin schritt durch die Gassen, von denen er bei seiner Hemingway-Lektüre geträumt hatte, und fühlte sich, als sei er wieder achtzehn. Die Zeit drehte sich rückwärts, es roch nach Ewigkeit. Er saß im Café auf der Place Saint-Michel und blickte in die riesigen, blauverschleierten Augen von Schurotschka Lwowaja. Schurotschka war die letzte Nachfahrin eines alten Adelsgeschlechts, viele hielten sie für die schönste und eleganteste Schauspielerin Rußlands. In dem Film über Lenin spielte sie Inessa Armand.

Nach Hause zurückgekehrt, ließ Konstantin sich von Nadja scheiden und heiratete Schurotschka. Genau ein Jahr lang blickten die blauverschleierten Augen der Fürstin nur ihn an. Doch im folgenden Frühling bekam Konstantin eine Gastritis. Die Fürstin konnte außer Würstchen nichts kochen. Zur Gastritis gesellte sich eine nervöse Erschöpfung. Konstantin entdeckte plötzlich, daß das Leben aus einer Million widerwärtiger alltäglicher Kleinigkeiten bestand, die ihm wie Schwärme von Taigamücken das heiße Blut aussaugten und sich in seine zarte Künstlerseele verbissen.

Wenn er morgens ins Theater zur Probe wollte oder vor einer Tournee seinen Koffer packte, konnte er keine einzige saubere Socke finden, an den Hemden fehlten die Knöpfe, Pullover und Hosen waren, vermengt mit den Büstenhaltern und Strumpfhosen der Fürstin, unordentlich in die Fächer des Wandschranks gestopft.

Konstantin begann sich nach Nadjas geraspelten Möhren und Diätsuppen zu sehnen. Die Fürstin ihrerseits vermißte ihren vorherigen Mann, den Chefredakteur einer großen Parteizeitung. Sie war nicht weniger talentiert und berühmt als Konstantin, die Mißlichkeiten des Alltags verletzten ihre zarte Seele ebenfalls. Und der Chefredakteur war zwar ein langweiliger Funktionär, aber dafür erlaubten ihm seine gesellschaftliche Stellung und seine Einkünfte, eine Hausangestellte zu beschäftigen.

Kalaschnikow kehrte gerade rechtzeitig zu seiner geduldigen Nadja zurück. Die Gastritis war noch nicht chronisch geworden, die nervöse Erschöpfung noch nicht in eine schwere Depression übergegangen. Bald sah er wieder jünger und schlanker aus, und seine Hemden strahlten vor Sauberkeit. Die gleichaltrige Nadja wirkte neben ihm wie eine ältere Tante neben ihrem verwöhnten und vergötterten Neffen.

Kalaschnikow hatte Dzierżyński, Lenin, Frunse und sogar den jungen Breshnew spielen müssen. Er war jedoch keineswegs ein Kriecher und Speichellecker. Mit der Verkörperung der Parteiheroen verdiente er sich das Recht, mit nonkonformistischen Regisseuren zu drehen, auf der Bühne politisch anzügliche Witze zu machen, Bücher zu lesen, die von der sowjetischen Zensur verboten waren, und durch die Welt zu reisen. Zu seinen Fans gehörten viele hohe ZK-Funktionäre und deren Frauen, Schwiegermütter und Schwäger.

Manchmal gelang es ihm, seinen weniger erfolgreichen Kollegen zu helfen und durchzusetzen, daß ein, wie es hieß, »ideologisch unkorrekter« Film in die Kinos kam, zumindest in einige kleinere Provinzkinos, und nicht im Regal verstaubte. Im übrigen wußte er stets, wie weit er bei seiner edlen Fürsprecherrolle gehen durfte. Sobald er spürte, daß es nicht angebracht und gefährlich war, »eine Lippe zu riskieren«, zog er es vor zu schweigen. Man lud ihn zu Regierungsbanketten ein, er vertrat die sowjetische Kultur im Ausland und war Dauergast auf diplomatischen Empfängen.

Sein Sohn Gleb aber lebte das ausgelassene und schwierige Leben eines Heranwachsenden, veranstaltete Partys mit Kartenspiel und hübschen Mädchen, war ein nimmermüder Witzeerzähler, kannte jede Automarke und konnte mit geschlossenen Augen eine amerikanische Markenjeans von einem polnischen Imitat unterscheiden.

In der Schule war er schlecht, doch seine Faulheit und seine Streiche waren vergessen und vergeben, sobald Kalaschnikow in der Schule erschien, den Lehrerinnen charmant zulächelte und dem Direktor die Hand drückte. Im Schatten der väterlichen Popularität war Gleb vor allen Unannehmlichkeiten geschützt, und der Volkskünstler machte sich um den Jungen keine Sorgen.

Nadja raspelte immer noch Möhren für Mann und Sohn, kochte Suppen, hielt die riesige Wohnung blitzblank, legte im Sommer auf der Datscha Beete mit Dill und Salat an und zog bei den üppigen Gelagen zu Hause die Schürze nicht aus. Ihre Juliennes, ihre Piroggen mit Dörrfisch, ihre mit Äpfeln gefüllten Gänse, Spanferkel und Sahnetorten waren in Moskauer Film- und Theaterkreisen berühmt.

Längst hätte man schon ein Hausmädchen anstellen und Nadja entlasten können. Aber Nadja war in all diesen Jahren zu einer fanatischen Hausfrau geworden. Sie brachte es nicht fertig, die Sauberkeit im Haus und die Ernährung von Mann und Sohn jemand anderem anzuvertrauen.

Allmählich verwandelte sie sich auch äußerlich, wurde zu einer dicken, ältlichen Matrone. Man vergaß, daß auch sie einmal eine Schauspielerin gewesen war, die an Talent nicht hinter ihrem Mann zurückgestanden hatte. Natürlich wußte Nadja, daß Konstantin sie betrog. Er brauchte den Zustand der Verliebtheit wie die Luft zum Atmen. Anders konnte er nicht arbeiten. Aber Verliebtheit und Familie sind zwei Paar Schuhe. Konstantin würde nicht fortgehen. Er war an das wohlgeordnete, bis ins letzte organisierte, bequeme Leben gewöhnt, an die gemütliche stille Nadja, die ihn hätschelte wie ein neugeborenes Kälbchen und sich nichts anderes wünschte. Welche andere Frau wäre zu solcher Selbstaufopferung in der Lage gewesen? Welches junge Ding würde die Hemdenstapel bügeln, die Pullover aus Alpaka und Kaschmir eigenhändig im Waschbecken waschen, die hellen Wildlederstiefel vom Novemberschlamm säubern, kiloschwere Einkaufstaschen vom Markt schleppen, zweimal in der Woche ein paar Dutzend Gäste bewirten und dann, wenn sie gegangen waren, bis vier Uhr morgens die Wohnung aufräumen und das Geschirr spülen? Welches junge Ding würde sich um Konstantins Verdauung kümmern, mit allen unerfreulichen medizinischen Details? Verliebtheit ist Poesie, der Alltag jedoch ist schmutzige, undankbare Prosa. Besonders der Alltag des genialen Schauspielers Konstantin Iwanowitsch Kalaschnikow.

Doch Nadja irrte sich. Sie hatte nicht bedacht, daß man die Einkaufstaschen auch in den Kofferraum eines Autos stellen, die Hemden von einer gutbezahlten Hausangestellten bügeln lassen und die zarten Alpaka-Pullover in eine teure chemische Reinigung bringen kann, daß der Alltag, wenn genügend Geld vorhanden ist, keine heroischen Anstrengungen mehr verlangt.

Das Unglück trat in Gestalt einer rothaarigen Schauspielschülerin, der zwanzigjährigen Margarita Krestowskaja, in Nadjas Leben. Die malachitfarbenen Mandelaugen dieser jungen Frau, ihre zierliche Figur, ihr roter sinnlicher Mund erwiesen sich als weitaus bedeutsamer als die langjährigen gemütlichen Gewohnheiten.

Margarita war stürmisch und unvernünftig. Kalaschnikow fühlte sich wie ein kleiner Junge unter dem Weihnachtsbaum – er kneift die Augen zu, und als er sie wieder öffnet, ist nicht mehr die siebenundfünfzigjährige, dicke, treue Nadja an seiner Seite, sondern die frische, fröhliche Margarita. Ein herrliches, kostbares Geschenk, ein Jungbrunnen für das reife Alter.

Das Wohnungsproblem wurde leicht und schnell gelöst. An Geld mangelte es nicht. Nadja siedelte widerspruchslos, wie betäubt, in eine solide kleine Zweizimmerwohnung um. Saubere Luft, Ruhe, eine Heilquelle nur zwei Schritt vom Haus entfernt – war das nicht genau das Richtige in ihrem Alter?

Ihr Sohn Gleb wurde Geschäftsmann, und auch Konstantin war seit längerem aktiv in irgendeinem komplizierten Geschäft tätig, das mit Film, Fernsehen und Werbung zu tun hatte. Sohn und Ex-Mann kümmerten sich aufrichtig darum, daß es Nadja auf ihre alten Tage an nichts fehlte.

Während er allein in seinem Pariser Lieblingscafé saß, dachte Kalaschnikow plötzlich daran, daß er in all den vielen Jahren Nadja kein einziges Mal mit nach Paris genommen hatte. Sie war alt geworden, ohne Paris gesehen zu haben.

Übrigens war es ihre eigene Entscheidung gewesen. Sie selbst hatte beschlossen, sich für sein Talent und seine Karriere zu opfern. Niemand hatte sie dazu gezwungen. Sie war einmal eine Schönheit gewesen, eine begabte Schauspielerin, und hatte alles fürs Waschen und Kochen aufgegeben – freiwillig. Wer war denn schuld, daß sie alt, dick und langweilig geworden war? Niemand. Nadja beschuldigte auch niemanden, nur ihr Blick wurde mit den Jahren immer stumpfer.

Konstantin seufzte und runzelte die Stirn. Schon seit drei Jahren mußte er sich immer dieselben tröstenden Wahrheiten wiederholen: Man kann nicht aus Mitleid bei einem Menschen bleiben, Liebe läßt sich nicht zwingen und so weiter. Er war schließlich Künstler, durch und durch. Er konnte nicht atmen ohne frische Leidenschaften, ohne starke Gefühle, ohne Margaritas junges, strahlendes Gesicht. Er konnte es nicht – und basta. Er sehnte sich ununterbrochen nach ihr, sogar Paris kam ihm ohne sie leer und fade vor. Heute früh um halb drei würde ihr Flieger landen. Sie hatte ein paar Tage freigenommen, um ihn zu besuchen, einfach so, weil sie ihn vermißte. Jetzt war schon Mitternacht, er würde noch eine halbe Stunde im Café sitzen und dann den Boulevard Saint-Germain hinuntergehen, bis zu der Stelle, wo er seinen Mietwagen, einen kleinen silberfarbenen Renault, geparkt hatte, um von dort zum Flughafen zu fahren und seine Prinzessin abzuholen.

Der Wirt an der Theke rieb sorgfältig die Gläser ab. Die Wand hinter ihm war mit Geldscheinen aus verschiedenen Ländern beklebt. Den alten sowjetischen Zehnrubelschein mit dem Leninprofil hatte Kalaschnikow ihm 1979 geschenkt. Bei jedem Besuch schenkte er dem Wirt dieses Cafés einen Geldschein zum Andenken. In Rußland wechselte das Geld ständig. Der Wirt nahm den Schein, nickte ohne die Andeutung eines Lächelns und sagte: »Merci, Monsieur.« Aber nie erinnerte er sich an ihn, nie erkannte er ihn wieder.

Die Pariser interessieren sich überhaupt nur für sich selbst. Es gibt keine hochmütigere Stadt auf der Welt. So oft hatte sein Theater schon hier gastiert, so viele seiner Filme waren im französischen Fernsehen gelaufen, und trotzdem erkannten sie ihn nicht. Sie sahen ihn und sahen ihn doch nicht.

Kalaschnikow beklagte sich gern über die Bürde seines weltweiten Ruhms. Ob er in New York, in Quebec oder in Rom war, immer drehte sich jemand nach ihm um, lächelte, nannte seinen Namen oder den Namen einer Filmfigur. Durch Moskau konnte er überhaupt nicht mehr zu Fuß gehen, die Verkäuferinnen in den Geschäften erstarben schon seit zwanzig Jahren vor Ehrfurcht und glotzten ihn mit offenem Mund an, die Verkehrspolizisten verpaßten ihm keine Strafzettel, sondern baten um ein Autogramm.

»S’il vous plaît, Monsieur?« Der Wirt hob seinen Blick von den Gläsern und schaute ihn fragend und ernst an. »Encore café?«

Kalaschnikow zuckte zusammen. Offensichtlich hatte er stumpf in dieses schmallippige französische Gesicht gestarrt, ohne es zu sehen, und dabei seinen Gedanken nachgehangen. Die Kaffeetasse war schon lange leer.

»Oui, Monsieur, café au lait«, erwiderte er mechanisch, starrte weiter unverwandt in die glänzenden schwarzen Augen des Wirts und fügte dann in fließendem Französisch hinzu: »Erkennen Sie mich nicht? Ich bin schon viele Male bei Ihnen gewesen. Ich bin ein sehr bekannter russischer Schauspieler.«

»Nein, Monsieur, ich kenne Sie nicht. Möchten Sie den Kaffee mit Zucker?«

Was ist nur in mich gefahren? wunderte sich Kalaschnikow. Wie dumm von mir.

In der Tasche seines Jacketts trillerte das Handy. Er erkannte sofort die Stimme seiner Schwiegertochter Katja, wunderte sich und schielte auf seine Armbanduhr. Hier war es Mitternacht, in Moskau also zwei Uhr morgens.

»Konstantin Iwanowitsch, Gleb ist ermordet worden.«

»Was sagst du da?«

»Er ist vor anderthalb Stunden erschossen worden, vor unserem Hauseingang. Bitte komm sofort nach Moskau.«

* * *

Olga Guskowa konnte die Metro nicht ausstehen. Selbst wenn man nicht zu den papagaienbunten Mosaiken und Deckenmalereien, zu den Segelfliegern, Kolchosbauern und Pionieren hinaufschaute, spürte man die Anwesenheit dieser Spukbilder eines trivialen Optimismus. Riesige Kristallleuchter hingen über den Bahnsteigen und schwankten, als wollten sie den Leuten jeden Moment auf den Kopf fallen. Aus der Tiefe der Vorhölle, aus dem schwarzen Tunnel trug der Wind den Geruch nach versengtem Gummi herbei, flackerten Feuer auf.

»Vorsicht, die Türen schließen sich …«

Im Zug roch es aufdringlich nach Parfum. Olga verzog das Gesicht und setzte sich in eine entfernte Ecke. Die Gerüche, Geräusche und Blicke peinigten sie so heftig, als wäre ihr die Haut abgezogen und jeder Nerv bloßgelegt. Sie holte ein dünnes Gebetbuch aus ihrem Rucksack, öffnete es aufs Geratewohl und begann mit tief gesenktem Kopf zu lesen.

»… und lösche die Flamme meiner Leidenschaften, denn ich bin niedrig und verflucht. Und erlöse mich von den vielen und grausamen Erinnerungen …« Ihre Lippen zitterten kaum merklich. Sie wiederholte im stillen die Worte, die sie auswendig wußte.

»Vorsicht, die Türen schließen sich. Nächste Station – Kurskaja«, teilte die mechanische Stimme mit.

Sie mußte das Gebetbuch wieder in den Rucksack stecken, aussteigen und eine andere Linie nehmen. Es war schon spät, die Metro wurde bald geschlossen. Wenn sie den Anschlußzug bekam, würde sie in einer halben Stunde zu Hause sein. Dann mußte sie die Oma Iwetta füttern, waschen und zu Bett bringen, noch ein Weilchen mit ihr reden oder vielmehr der immer gleichen Predigt lauschen, daß sie, Olga, nicht richtig lebe. Mit zusammengebissenen Zähnen und zustimmendem, verstehendem Kopfnicken würde sie zuhören müssen, sonst gab Oma Iwetta keine Ruhe, stöhnte die ganze Nacht, täuschte einen Herzanfall vor und zwang sie, den Notarzt zu rufen. Dann mußte Olga sich beim Arzt entschuldigen und demütig seinen schroffen Tadel wegen des überflüssigen Notrufs zu der alten Närrin hinnehmen. »Was haben Sie sich dabei gedacht, sehen Sie denn nicht selbst, daß Ihre … wer ist sie? Ihre Oma? Ihre Oma ist geistig verwirrt, aber das Herz ist so gesund, da könnte man neidisch werden.«

Natürlich wußte Olga sehr gut, daß die Oma ein gesundes Herz hatte. Auch, daß sie geistig verwirrt war und daß die Notärzte ihre kostbare Zeit verschwendeten, daß ihre Bezahlung miserabel ist und daß vielleicht gerade jetzt, während sie sich mit Olgas debiler Oma abplagten, ein junger Mensch im Sterben lag und vergeblich auf ihre Hilfe wartete. Das alles wußte Olga, sie würde ihnen nicht widersprechen, sondern bereitwillig ihren letzten zerdrückten Fünfziger hergeben. Entschuldigen Sie, aber mehr habe ich nicht. Ein Fünfziger war wirklich nicht viel, aber sie würden ihr verzeihen. Sie würden sich in dem armseligen Ein-Zimmer-Käfig umschauen und begreifen, daß Olga nicht mehr geben konnte.

Wenn Olga den Notarzt nicht holte, rannte Oma Iwetta ins Treppenhaus, trommelte an die Türen der Nachbarn und brüllte: »Zu Hilfe! Ich sterbe!«, und dann riefen die Nachbarn die Miliz.

Also lieber den obligatorischen abendlichen Monolog der Alten ertragen, letztendlich dauert alles zusammen – Essen, Waschen und die Predigt über den Sinn des Lebens – nicht mehr als eine Stunde. Danach konnte sie sich endlich in der Küche einschließen und allein sein.

Als sie zur Wagentür ging, berührte sie jemand vorsichtig an der Schulter: »Sie haben etwas verloren.«

Ein älterer Mann reichte ihr ein kleines Farbfoto.

»Ja, danke.«

Ohne hinzusehen, nahm Olga das Foto.

Das lächelnde Gesicht von Gleb Kalaschnikow verschwand in einer Tasche des abgeschabten Rucksacks. Eine Minute zuvor war das Foto aus dem Gebetbuch herausgefallen.

* * *

»Ein Auftragsmord. Wie aus dem Bilderbuch.« Jewgeni Tschernow, Chefermittler der Moskauer Staatsanwaltschaft, zertrat seinen Zigarettenstummel und fixierte den graublau dämmernden Morgenhimmel. »Ein Kopfschuß, nur ein einziger, aber der war tödlich. Keinerlei Spuren, nicht einmal eine Waffe.«

»Keine Waffe – das ist auch nicht schlecht. Womöglich ist es doch kein Auftragsmord? Also, wenn hier kein Profi am Werk war, dann haben wir vielleicht doch eine Chance, den Mörder zu finden«, sagte Major Kusmenko nachdenklich.

»Ach, das kannst du dir von der Backe putzen.« Tschernow machte eine verächtliche Handbewegung. »Manchmal wirft auch ein Profi die Waffe nicht weg. Aber wenn hier kein Profikiller am Werk war … Nein, Wanja, wir tappen im Dunkeln, im Stockfinstern, denk an meine Worte. Nicht die Spur einer Spur, verdammt noch mal, nicht ein Fitzelchen.«

Tschernow von der Staatsanwaltschaft und Kusmenko von der Miliz waren als letzte am Tatort zurückgeblieben. Alle übrigen Mitglieder des Einsatzkommandos waren bereits weggefahren, den Toten hatte man ins Leichenschauhaus gebracht. Es war klar, daß man diesen Mord nicht zügig würde aufklären können. Keine Zeugen, außer der Frau des Ermordeten. Und sie hatte nur auf den sterbenden Mann in ihren Armen geachtet und in dem dichten dunklen Gebüsch niemanden bemerkt.

Vor anderthalb Stunden hatte der Polizeihund eine Spur aus dem Gebüsch am Sandkasten des Kinderspielplatzes aufgenommen. Die Spur riß an der Straßenbahnhaltestelle ab. Die letzte Straßenbahn fuhr gegen ein Uhr nachts. Der Schuß war um halb eins gefallen. Morgen früh würden natürlich alle Straßenbahnfahrer befragt werden, die diese Strecke gefahren waren. Vielleicht würde sich einer an einen späten Fahrgast erinnern, doch es stand keineswegs fest, daß der Mörder der einzige Fahrgast gewesen war, und es stand auch nicht fest, ob der Fahrer genügend Zeit gehabt hatte, ihn genauer zu mustern.

»Wir sollten doch noch mal mit der Ballerina reden.«

Wanja Kusmenko reckte sich ausgiebig und knackte mit den Gelenken.

»Die ist mir ein bißchen zu abgeklärt. Eine richtige eiserne Lady. Der eigene Mann wird buchstäblich in ihren Armen erledigt, und sie vergießt keine Träne. Übrigens, diese Umarmung macht mir sehr zu schaffen. Schließlich hätte die Kugel leicht danebengehen und sie treffen können. Vielleicht hat man ja auf sie gezielt?«

»Machst du Witze? Kalaschnikow ist der Besitzer eines Nachtclubs mit Striptease, ein Raffzahn, Raufbold und Säufer, die Mafia geht bei ihm ein und aus. Und wer ist sie? Sie schwenkt auf der Bühne ihre hübschen Beine und dreht diese, wie heißt das noch, Pirouetten. Übrigens, sie ist deshalb so ruhig, weil die Ballerinen eine Selbstbeherrschung haben wie die Astronauten. Da kenne ich mich aus. Meine Tochter hat zwei Jahre Ballettunterricht gehabt, das ist ein Drill, schlimmer als beim Militär. Sie hat’s nicht ausgehalten und das Handtuch geworfen. Und überhaupt, Wanja, ich hab das im Gefühl, wir beide sind da in einen aussichtslosen Fall geschlittert.«

»Bald kommt der große Kalaschnikow aus Paris zurück, wedelt mit seinem Abgeordnetenmandat, läuft von General zu General oder gleich zum Minister – mit dem schwitzt er ja regelmäßig in der Sauna. Dann ist es wirklich zappenduster. Die hauen uns so auf die Löffel, daß wir für den Rest unseres Lebens Sterne sehen. Der Genius des russischen Films hat seinen einzigen Sohn verloren! Finden Sie den Mörder! Und die schmutzige Wäsche, die man in der Presse waschen wird – Horror!«

»Er hätte seinen einzigen Sohn nicht ins Glücksspielgeschäft lassen dürfen«, knurrte Tschernow, »das fördert nicht gerade ein langes Leben. Diese reichen Säcke werden selten alt, meist haben sie nicht mal genug Zeit, um erwachsen zu werden. Erst wollte er seinen Sprößling ja beim Film unterbringen, aber das hat nicht geklappt. Kalaschnikow selber ist ein klasse Schauspieler, keine Frage. Aber Talent überspringt oft eine Generation.«

»Was ist, fahren wir?«

Tschernow machte einen Schritt auf das Auto zu.

»Fahr du, ich will mich noch mal mit der Ballerina unterhalten. Und auch mit diesem Nervenbündel, ihrer Hausangestellten, und zwar gleich«, meinte Kusmenko nachdenklich, »ich hab da so einiges nicht ganz verstanden.«

»Die wird jetzt nicht gerade auf dich warten, Wanja. Im übrigen wirst du mit ihr später noch genug zu bereden haben. Also sei ein Kavalier und laß die trauernde Witwe in Ruhe. Gib ihr Zeit, zur Besinnung zu kommen. A propos, eine knifflige Frage zur Kontrolle: weißt du, daß Kalaschnikow einen Paten hat?«

»Valera Lunjok. Die berühmte Moskauer ›Autorität‹1 Valeri Borissowitsch Lunko, geboren 1959, Nationalität russisch, dreimal vorbestraft, Anführer einer großen kriminellen Organisation, die einen Teil des Glücksspielbusiness kontrolliert«, ratterte Major Kusmenko herunter, ohne Luft zu holen, »darunter auch das Casino ›Sternenregen‹, das dem verstorbenen Gleb Konstantinowitsch Kalaschnikow gehörte.«

»Eins plus, Major«, sagte Tschernow lächelnd, »und wer vom jungen Banditengemüse hat ein Auge auf die Führungsposition von Lunjok allgemein und auf den ›Sternenregen‹ im besonderen geworfen?«

»Mehr als einer. Das ist ein fetter Brocken. Allerdings ist nach meinen Erkenntnissen der letzte Anschlag von einem jungen Kaukasier inszeniert worden, der ›Autorität‹ Golbidse, Spitzname Täuberich. Er kontrolliert die Hotelprostitution und findet es völlig logisch, sich auch noch die Nachtclubs unter den Nagel zu reißen.«

»Eins minus«, meinte Tschernow kopfschüttelnd, »Täuberich ist keine ›Autorität‹, die ›Diebe im Gesetz‹ betrachten ihn nicht als einen der ihren. Er ist eine ›Apfelsine‹ – er hat sich seine Diebeskrone gekauft.«

»Meinst du, das spielt heutzutage noch eine Rolle? Übrigens hat Täuberich in den ›Sternenregen‹ einen Spitzel eingeschleust, einen kriminellen Aristokraten, den georgischen Erbfürsten Nodar Dotoschwili. Lunjoks Leute haben ihn entdeckt, und Kalaschnikow ist auf die Idee verfallen, Nodarik sein bestes Pferd im Stall, die Striptease-Königin Ljalja Rykowa, unterzuschieben. Ljalja hat den Fürsten an den Spieltisch gelockt, wo er beim Black Jack fünfzigtausend Dollar in den Sand gesetzt hat.«

»Deine Nachrichtenagentur funktioniert wirklich gut, Wanja«, bemerkte Tschernow ironisch. »Und was weiter?«

»Nichts weiter. Nodar ist zwar ein Fürst, hängt aber trotzdem sehr an seinem Geld. Kalaschnikow hatte Mitleid, hat ihm Zahlungsaufschub gegeben. Jetzt steht Täuberichs Mann bei unserem Nachtclubbesitzer tief in der Kreide. Und von Ljalja kommt er auch nicht los. Hat sich verliebt. Auch dafür hat Kalaschnikow Verständnis und hat Ljalja freigegeben, damit der Fürst nicht zähneknirschend mitansehen muß, wie sie öffentlich ihren Striptease tanzt. Das alles wird sowohl vor Täuberich wie vor Lunjok geheimgehalten.«

»Und der Anschlag?« fragte Tschernow.

»Der Anschlag ist vorher passiert, bevor Nodarik im Casino auftauchte. Eine saubere Sache war das, ohne Schießerei und Schlägerei. Einfach ein Gespräch. Einer von meinen Männern war dabei. Ich habe Täuberich ja schon lange auf dem Kieker und finde, langsam wird es Zeit, daß unser gefiederter Freund einen Platz in unserem Taubenschlag bekommt.«

Kusmenko kniff wie eine Katze die Augen zusammen.

»Und jetzt, bei diesem Mord, schnappe ich mir das Vögelchen.«

»Das dürfte kaum seine Arbeit gewesen sein.« Tschernow zuckte mit den Achseln. »Was hätte er davon? Ja, der Erbfürst – der hätte allen Grund gehabt, Kalaschnikow umzubringen, so wie die Lage war. Er hätte nicht einmal einen Killer engagieren müssen, er selber hätte ihn einfach aus dem Gebüsch abknallen können. Was ist denn nun, Wanja, fährst du mit oder nicht? Ich rate dir gut, warte ab und laß die Ballerina vorläufig in Frieden.«

»Wahrscheinlich hast du recht, Shenja«, erwiderte der Major nach kurzem Nachdenken. »Ich bin wohl zu hitzig. Ich möchte Golbidse einfach zu gern erwischen. Schon so lange. Gut, fahren wir. Soll die Ballerina sich erst mal erholen.«

Kapitel 2

Draußen dämmerte es. Katja wußte, sie würde nicht mehr einschlafen. Ständig sah sie Glebs totes Gesicht vor sich. Sie spürte noch sein Blut auf ihren Händen, hörte den halblauten Knall aus dem Gebüsch. Sonderbar, daß ein so kurzes Geräusch so lange in den Ohren klingen und sich mit der hallenden Stille des Zimmers vermischen konnte.

Katja drückte ihre Zigarette aus und stellte den Wasserkocher an. Sie trug einen warmen Frotteemantel und wollene Socken, trotzdem zitterte sie vor Kälte.

Sie konnte nicht die ganze Nacht so sitzen bleiben. Irgendwie mußte sie diese schrecklichen leeren Stunden ausfüllen. Verschwommen war ihr bewußt, daß sie unter Schock stand. Wenn der Schock nachließ, würde sie weinen können, aber jetzt war sie dazu noch nicht fähig. Sie wußte nicht, wohin mit sich.

In der Wohnung war es totenstill. Shannotschka war auf dem Sofa im Wohnzimmer unter einer dünnen Wolldecke eingeschlafen.

Der Wasserkocher begann leise zu bullern und schaltete sich automatisch aus. Katja warf zwei Teebeutel auf einmal in den großen Keramikbecher, tat Zucker dazu und erstarrte aufs neue, die heiße Tasse umklammernd. War es falsch gewesen, dem mürrischen Major von der Miliz nichts von den anonymen Anrufen zu erzählen? Oder hatte sie das richtig gemacht? Aber welche Rolle spielte das jetzt noch! Gleb war in ihren Armen ermordet worden. Sie hatte gespürt, wie sein Körper sich heftig aufgebäumt hatte und gleich darauf erschlafft war. Gleb hatte keine Zeit mehr gehabt, zu begreifen, sich zu wundern oder zu erschrecken.

Einen Augenblick zuvor hatte er noch geflucht, einen blödsinnigen Schlager gesungen, und dann auf einmal waren seine Augen, die fröhlichen, betrunkenen, vertrauten graublauen Augen mit den grüngeränderten Pupillen, den geschwollenen Lidern und den kurzen rötlichen Wimpern, fremd und kalt geworden, hatten durch Katja hindurch ins Nichts gestarrt.

Sie kannten einander seit früher Kindheit. Katjas allererste, verschwommene Erinnerungen waren bereits mit Gleb Kalaschnikow verbunden.

Ein stiller, durchsichtiger Sommer, das Quietschen einer Schaukel, bunte Lichtflecke im Sand, eine riesige Veranda mit einem Mosaik aus blauem, rotem und gelbem Glas, ein spitzer Zaun weit hinten am Ende eines Datschengrundstücks, die Zweige eines Nußbaums, die glänzenden klebrigen Blütenblätter von Hahnenfuß, so leuchtend gelb, daß es weh tat sie anzuschauen. Katja war drei Jahre alt, Gleb fünf. Ein rundlicher kleiner Junge mit dicken Lippen und mit Haaren von der Farbe der Hahnenfußblüten, der ihr schon sehr erwachsen und klug vorkam. Er wußte alles, hatte vor nichts Angst. Einmal brachte er ihr einen lebendigen Igel, in einen zerbeulten Strohhut eingewickelt. Der Igel hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt und schnaufte leise und nervös.

»Hier, halt mal, paß auf, daß er nicht wegläuft. Ich hole Milch.«

Die Kindheitserinnerungen zerbröselten wie eine alte Filmrolle, schmolzen wie die Spur des Atems auf einer kalten Glasscheibe. Wem diese Datscha gehörte, wer bei wem zu Besuch war, ob der Igel seine Milch bekommen hatte oder ob er weggelaufen war – es war nicht wichtig. Später gab es noch viel mehr – Weihnachtsfeiern für die Kinder im »Haus des Films«, irgendwelche Partys der Erwachsenen, ein Stück Nußtorte, das gemeinsam unterm Tisch geteilt und gegessen wurde (»Aber nicht weitersagen, Gleb, eigentlich darf ich das nicht. Nur noch ein kleines Stückchen.«).

Dann kamen die ersten Partys ohne die Erwachsenen, Katja war vierzehn, Gleb sechzehn. Alle Mädchen außer Katja waren Zufallsgäste. Sie rauchten affektiert, liefen zum Spiegel in der Diele, um sich die Nase zu pudern, lachten übertrieben laut, und eine Mollige mit weißblonden Löckchen verschwand im Bad, um zu weinen. Katja hörte ihr bitteres Schluchzen, schaute hinein und tröstete sie.

»Ich sterbe ohne ihn.« Das Mädchen schniefte, verschmierte mit den Fäusten schwarze Tuschebäche über die Wangen.

Irgendeine wollte immer sterben wegen Gleb Kalaschnikow. Eine Ira aus der Parallelklasse, ein stilles Ding, versuchte sich die Pulsadern aufzuschneiden. Katja konnte gar nicht begreifen, wieso. Was fanden sie alle an ihm? Er war nicht besonders groß, ziemlich kräftig, grob, mit dicken Lippen. Er fluchte wie ein Bierkutscher, erzählte immer dieselben Anekdoten – wie sich jemand bis zur Besinnungslosigkeit besoffen hatte, irgendwo versumpfte, wieder zu sich kam, fast bei der Miliz landete oder bei einer fremden Frau im Bett aufwachte. Nächtelang konnte Gleb Karten spielen, mit einem abgebrochenen Streichholz in den Zähnen stochern, auf dem Gesicht einen so abwesenden, stumpfen Ausdruck, daß einem gruselig wurde. Aber die Iras und Swetas schmolzen vor Rührung, verdrehten die Augen, puderten sich die Nase und liefen ins Bad, um sich auszuheulen.

Für Katja war Gleb wie ein naher Verwandter, fast wie ein Bruder. Beide waren sie Einzelkinder. Katjas Vater, der Schriftsteller und Drehbuchautor Filipp Orlow, war seit seiner Jugend mit Glebs Vater befreundet. Viele Jahre lang sprachen sie davon, daß es nicht übel wäre, die Kinder miteinander zu verheiraten. Sie meinten es nicht ernst, aber es war dennoch mehr als ein Scherz. Tatsächlich wäre es sogar sehr praktisch gewesen. Man hätte keine neuen Verwandten kennenlernen, keine fremden, außenstehenden Personen in den gemütlichen Familienkreis aufnehmen müssen. Glebs Mutter, Tante Nadja, pflegte zu sagen, jedem anderen Mädchen außer Katja würde sie als Schwiegermutter die Hölle heiß machen. Sie kannte Katja seit dem Säuglingsalter und liebte sie wie eine eigene Tochter.

Gleb und Katja lachten über die rosigen Träume der Erwachsenen. Katja war für Gleb wie ein guter Kumpel oder eine jüngere Schwester. Gleb war für sie so etwas wie die beste Freundin. Sie fühlten sich miteinander wohl, vergnügt, ruhig, aber nicht mehr. Gleb zu heiraten – das wäre das gleiche wie die eigene Kindheit zu heiraten.

Katja studierte am Moskauer Institut für Choreographie, Gleb am Filminstitut. Beide hatten ihre eigenen Affären, manchmal machten sie sich den Spaß, ihre Erfahrungen auszutauschen.

Seit ihrem sechsten Lebensjahr tanzte Katja klassisches Ballett. Den größten Teil ihres Lebens hatte sie im Repetiersaal an der Ballettstange verbracht. Um sich gerade zu halten und nicht zu fallen, um ohne Atempause Dutzende von sauberen Pirouetten zu drehen, um für einige endlos scheinende Augenblicke im Pas balloné über der Erde zu schweben und dann leicht und fest auf der Spitze des straff ausgestreckten, einem angespitzten Bleistift ähnelnden Fußes zu landen – dafür mußte man schwerer schuften als ein Bergmann unter Tage.

Als Katja noch ein ganz kleines Mädchen war, mit dünnen, nach Ballerinenart auswärts gestellten Beinen, mit einem langen schutzlosen Hals, mit großen, klaren, schokoladenbraunen Augen, da hatte sie schon gewußt: ein Leben ohne Ballett gab es für sie nicht. Ballett aber bedeutet, sich ununterbrochen, tagtäglich Gewalt anzutun.

Den großen Tänzer Assaf Messerer hatten Ärzte nach einer minutenlangen Variation im »Schwanensee« untersucht und waren schockiert: Puls, Atmung und alle übrigen Werte paßten in keinerlei biologisches Schema. Messerers Körper hätte nach allen medizinischen Erkenntnissen vor Überdruck explodieren müssen. Aber der Körper eines Ballettänzers explodiert nicht, sondern fliegt empor und schwebt über der schweißigen, schmutzigen, erbarmungslosen Erde. Doch auch beim elegantesten, inspiriertesten Flug muß man kühl und exakt den Atem für jede Bewegung berechnen.

Alles, was nicht Ballett war, nahm Katja nur am Rande wahr, wenn es sie berührte, dann nicht allzusehr, wenn es sie kränkte, dann nicht bis zu Tränen. Manchmal verliebte sie sich in ihren Partner, gerade so sehr, daß der Pas de deux sich mit der warmen, leuchtenden Luft der Verliebtheit füllte, aber niemals verlor sie den Kopf. Leicht und schnell, wie die klassischen Schrittfolgen, entwickelten und lösten sich ihre Beziehungen. Jedesmal landete Katja auf der ausgestreckten Fußspitze, stand fest auf der Erde, litt nicht ein einziges Mal ernsthaft, und wenn jemand ihretwegen litt, so interessierte es sie nicht.

1987 wurde ein Teil der Absolventen des Choreographischen Instituts in das neugegründete Theater für Klassisches Russisches Ballett eingeladen. Die zwanzigjährige Katja Orlowa hatte die Hauptrolle im Ballett »Frau Terpsichore« zu tanzen. Es war ein schwieriges, pompöses Stück von drei Stunden Länge, halb Konzert, halb Schauspiel; die Musik hatte ein avantgardistischer Komponist geschrieben, der gerade in Mode war, die Choreographie stammte von einem berühmten alten Ballettmeister. Kostüme und Bühnenbild waren von postmodernen Künstlern entworfen worden. Man hatte ein neues Kapitel in der Geschichte des Balletts schreiben wollen, aber heraus kam nur eine üppige Show, ein prächtiges Schauspiel – nicht mehr.

Mit dieser Premiere wurde die erste Spielzeit des wiedergeborenen Theaters eröffnet. Nach der Vorstellung gab es ein Festessen.

Mit zwanzig war Katja die lauten Szene-Partys noch nicht leid, ihr gefiel die rasche, oberflächliche Konversation, das flüchtige Lächeln, ihr eigenes Bild in den Spiegeln und in den entzückten oder neidischen fremden Blicken. Noch war ihre Seele nicht vom fiebrigen Gift der verfliegenden Zeit infiziert. Daß ein Ballettleben kurz ist, wußte sie nur theoretisch. Ihr schien, vor ihr läge nichts als diese helle, erfolgreiche Gegenwart und sie würde niemals älter als zwanzig sein.

In jener Nacht beim Festessen trug sie ein schlichtes enges Kleid aus dunkelblauem Samt, in den Ohren und an den Fingern blitzten die antiken Brillanten ihrer Urgroßmutter, das lange kastanienbraune Haar war im Nacken zu einem schweren Knoten zusammengefaßt. Sie gefiel sich selbst über die Maßen, und das war wichtiger als alles andere auf der Welt, wichtiger sogar als die eben getanzte Premiere und die glänzende Improvisation am Schluß, die sie dreimal hatte wiederholen müssen, wichtiger als die riesigen Blumensträuße, die sich in ihrer Garderobe häuften.

Man gratulierte ihr, küßte sie, stellte ihr irgendwelche Leute vor. Blitzlichter flammten auf. Im Bankettsaal war so viel Prominenz, daß es einem vor den Augen flimmerte. Ständig kam jemand mit Diktaphon zu Katja gerannt, stellte respektvolle oder boshafte Fragen von einer Frauenzeitschrift oder einem neuen Blättchen der Demokraten. Der Champagner brannte süß auf ihren Lippen, und da plötzlich versengte ihr etwas ganz Neues, Mächtiges das Herz.

Katja begriff zunächst gar nicht, woher dieser sonderbare Schwindel kam, weshalb die Knie plötzlich nachgaben und die Haut unter dem kühlen Samt des Kleides erst heiß, dann eiskalt wurde, als hätte sie hohes Fieber. Erst nach einer Weile bemerkte sie den hartnäckigen, unverwandten Blick aus der Tiefe des Saales. Kaum hatte sie ihn bemerkt, verstummte sie mitten im Satz, vergaß die netten zufälligen Gesprächspartner, mit denen sie gerade fröhlich die Premiere erörtert hatte. Alles um sie herum versank. Übrig blieb nur dieser Blick aus fremden hellgrauen Männeraugen. Er hüllte Katja von Kopf bis Fuß ein, näherte sich, schwebte durch die Menge zu ihr herüber, verdeckte und schob alles andere weg, es gab keine Rettung.

»Ich verstehe überhaupt nichts vom Ballett, aber Sie haben genial getanzt. Möchten Sie noch etwas Champagner?«

Ein ruhiges Lächeln, eine tiefe Stimme, ein Anzug in der Farbe der Augen, das schon leicht ergraute, stellenweise schüttere Haar zu einem kurzen Igel geschnitten. Er hatte sich noch nicht vorgestellt, da faßte er sie schon beim Arm, führte sie in den Nachbarsaal, wo erhitzte Paare Rock’n’Roll tanzten und eine wild zappelnde Band ohrenbetäubend laut aufspielte.

»Ich möchte keinen Champagner, ich möchte auch nicht tanzen«, sagte Katja tonlos, nur mit den Lippen.

»Auch gut, dann machen wir uns unauffällig aus dem Staub.«

Sein Name war Jegor Barinow. Er war Wirtschaftswissenschaftler, Professor und Leiter einer riesigen Abteilung an der Akademie der Wissenschaften, schrieb bissige, kluge Artikel in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Damals, 1987, war er dreiundvierzig, für einen Politiker also noch recht jung. Den Namen Jegor Barinow kannte ganz Moskau. Er gehörte zur Mannschaft der jungen Reformer um Gorbatschow.

In dem dunklen einsamen Taxi küßten sie sich gierig. Ravels »Bolero«, der im Radio lief, klang ihr auch später, in der riesigen leeren Wohnung, in der warmen fremden Stille, noch in den Ohren.

Am Morgen küßte er ihre verschlafenen, leicht verquollenen Augen und kochte brasilianischen Kaffee – selbst für Katja eine exotische Kostbarkeit. Das Tablett mit den zerbrechlichen antiken Tassen brachte er ihr direkt ans Bett, lächelte, streichelte sie zärtlich, fuhr mit den Fingern durch ihr aufgelöstes Haar und ließ sie nicht zur Besinnung kommen.

Auf dem Toilettentisch im Schlafzimmer standen allerlei Cremetiegel und Parfumflakons. Auch eine Massagebürste lag dort, in der sich einige fremde blonde Haare verfangen hatten.

»Ja, ich bin verheiratet. Mein Sohn ist schon erwachsen, nur zwei Jahre jünger als du. Meine Frau lebt ihr eigenes Leben, sie ist Mikrobiologin, auch Professorin, reist in der ganzen Welt herum, im Augenblick ist sie gerade mit unserem Sohn in Washington. Wir haben von Anfang an nicht zusammengepaßt, zwischen uns ist längst alles vorbei. Für mich gibt es jetzt nur dich, alles andere ist nicht wichtig.«

Katja empfand es genauso: Wirklich, es ist nicht wichtig. Konnte denn irgend etwas wichtiger sein als das ausgelassene, trunkene Glück, das jede Zelle ihres Körpers, jede Sekunde ihres Lebens und ihres Tanzes ergriff, auf den Kopf stellte und mit neuem Sinn erfüllte? Zu Katjas perfekt ausgefeilter Ballettechnik gesellte sich nun etwas, das vorher nicht da war.

Ihre Heldinnen – Odette aus »Schwanensee«, Mascha aus dem »Nußknacker«, Giselle – strahlten jetzt so viel Gefühl und Liebe aus, daß die Zuschauer wie verzaubert waren und am Ende in begeisterten Applaus ausbrachen.

Jegor Barinow wurde zum Ballettexperten, saß bei den Aufführungen in der ersten Reihe, ging in der Pause zu Katja in die Garderobe, küßte ihr erhitztes Gesicht und kehrte mit einem geheimnisvollen Lächeln und Schminkspuren im Gesicht in den Saal zurück. Wenn der Vorhang fiel, trug er vor aller Augen riesige Blumenkörbe auf die Bühne und stellte sie vor die Solistin.

Katja begann sich für Wirtschaft und Politik zu interessieren, sah regelmäßig fern, las zum Erstaunen ihrer Eltern die »Moskowskije Nowosti« und »Ogonjok« und hörte die neuen demokratischen Radiosender. Sie verschlang jeden Artikel ihres geliebten Jegor und erregte sich über seine Gegner, die ihr allesamt hinterlistig und unbegabt erschienen.

Ihre ganze Freizeit verbrachten sie miteinander, spielten Tennis, galoppierten auf den Rassehengsten der berühmten Pferdefarm von Istra durch die stillen Wälder um Moskau, mieteten sich Luxussuiten in den Nomenklatura-Hotels oder bummelten einfach durch die Stadt.

Barinow, der ehemalige Komsomol-Funktionär und jetzige Demokrat, bediente sich ausgiebig an der alten Futterkrippe der Partei. Ihm stand alles zur freien Verfügung. Sogar Katja, die im elitären Filmmilieu groß geworden war, verblüffte das wilde süße Leben ihres dreiundvierzigjährigen Märchenprinzen.

»Aber natürlich, Kleines, das ist doch eine ganz andere Ebene«, sagte Jegor, verteilte Räucheraal auf die Teller, schälte gekonnt eine – nie zuvor gesehene – Kiwi, klickte mit seinem Ronson-Feuerzeug und zündete sich eine echte englische Dunhill an.

Ende 1987 waren die Regale der Geschäfte leer, und auch die Sonderzuteilungen fielen dürftig aus. Sogar Tee, Zucker und Grieß wurden zur Mangelware. Die Schlangen vor den Geschäften wurden immer länger, die Menschen immer resignierter.

Katja brauchte nicht anzustehen, benutzte fast nie öffentliche Verkehrsmittel, wußte aber aus den Gesprächen im Theater, in der Garderobe oder auf der Straße um die katastrophale Situation. Die Mädchen aus dem Corps de Ballet trugen gestopfte Strumpfhosen. Der Kauf von einem Paar Stiefel wurde zu einem Ereignis, das in seiner Bedeutsamkeit mit einer Hochzeit, einem Begräbnis oder der Geburt eines Kindes vergleichbar war. Katjas Vater brachte aus der Kantine des Filmverbandes nun keinen Kaviar oder Stör mehr mit, sondern Butter und bulgarische Zigaretten.

Auf dem Puschkinplatz fanden spontane Kundgebungen statt, die Menschen, die sich an das halbsatte sowjetische Schweigen gewöhnt hatten, öffneten erstaunt ihre hungrigen Münder, lauschten den fremden verrückten Reden, schrien selber und glaubten fest daran, daß diese Reden, dieses Geschrei schrecklich wichtig und bedeutsam für Rußlands Zukunft seien. Jetzt endlich meinte man die langersehnte Wahrheit zu hören, alle würden sie verstehen und gut und ehrlich werden, und ein vollkommen anderes Leben würde beginnen.

Gorbatschow traf sich mit Reagan. Die Moskauer, die gerade noch gierig die druckfrischen Seiten von »Ogonjok« und »Nowy Mir« gelesen hatten, saßen gebannt vor dem Fernseher, schlürften Tee aus Apothekenkräutern und warteten, was die beiden Präsidenten der beiden Supermächte vereinbaren würden. Jedes ihrer Worte gewann epochale Bedeutung, ließ die Erdachse vibrieren.

Ein bunter Herbst glühte auf und verlosch, ein nackter eisiger November fegte mit Erkältungswinden vorbei, der Winter brach herein. Dann kam der April mit Nachtfrösten, mit klaren, märchenhaft blauen Breschen im niedrigen Moskauer Himmel. Die silbrigen Weidenkätzchen verschwanden und machten den trockenen, fiedrig-feinen Mimosen Platz, dann tauchten die ersten Veilchen auf, zerdrückte zarte Sträußchen in einem Kranz von elastischen Blättern, straff umwickelt mit schwarzem Zwirn.

Katja studierte »Romeo und Julia« ein, tanzte die Hauptrollen in den besten Aufführungen und bereitete einen Chopin-Abend zu Ehren des 19. Parteitages vor.

Diesen Parteitag erwarteten alle mit abergläubischem Schrecken, es hieß, von ihm hinge alles ab, man fürchtete sich vor Hungersnot und Bürgerkrieg. Barinow trat im Fernsehen auf und gab auf die bohrenden Fragen des Reporters forsche Antworten. Am folgenden Tag wurde die Sendung in ganz Moskau diskutiert, auch im Theater. Die ältliche Kostümbildnerin schielte vielsagend zu Katja hinüber. Die Ballettmädchen platzten fast vor Neid: nicht genug, daß sie die Primaballerina ist, sie hat auch noch ein Verhältnis mit dem berühmten Barinow.

Barinows Frau kehrte mit dem Sohn aus Washington zurück und fuhr bald darauf wieder weg. Katja hatte es nicht einmal mitbekommen.

Ende Mai 1988 flog Barinow nach Athen zu einer internationalen Konferenz und brachte wenige Tage vor dem Abflug noch das Wunder fertig, Katja ein Visum zu beschaffen. Die Konferenz dauerte nur vier Tage, von Athen aus fuhren sie für eine Woche in einen kleinen Badeort.

In dem winzigen Hotel duftete es morgens nach Blumen und Meer. Sie frühstückten in gemütlichen kleinen Restaurants, aßen gegrillte Meeresfrüchte, tranken leichten herben Wein. Einmal machten sie einen Ausflug in ein Bergdorf zu einem Volksfest.

Im gleißenden Sonnenlicht saßen alte, schwarz gekleidete Frauen vor ihren finsteren kleinen Häusern aus grobem grauem Stein, lächelten versonnen und häkelten schneeweiße Spitzendeckchen. Auf einer offenen Bühne tanzte ein Ensemble in Volkstracht vor den deutschen und englischen Touristen Sirtaki. Der Rhythmus des Tanzes wurde allmählich schneller, die Zuschauer merkten gar nicht, wie sie mitgerissen wurden, im Takt mit den Füßen stampften und in die Hände klatschten. Jemand sprang auf die Bühne, reihte sich unbeholfen in den Reigen ein. Auch Katja hielt es nicht länger, sie schlüpfte durch die Menge und sprang auf die Bühne. Die griechischen Tänzer traten auseinander, starr vor Erstaunen und Entzücken. Man applaudierte ihr lange, wollte sie auf die Bühne zurückholen, aber sie tauchte in der erregten Menge unter, bahnte sich den Weg zu ihrem Tisch und vergrub ihr Gesicht an Jegors heißer starker Schulter.

Den ganzen Sommer über war Katja mit ihrer Balletttruppe auf Tournee – Sofia, Warschau, Prag, Berlin. Als sie in Berlin auf der Bühne der »Komischen Oper« die Julia tanzte, erblickte sie plötzlich Jegor im überfüllten Zuschauersaal. Er hatte sich zwei Tage freigenommen, um nach Deutschland zu fliegen.

Unmerklich kam der Herbst heran.

Sie spielten wieder Tennis in Lushniki, galoppierten auf braunen Hengsten über das bunte Herbstlaub. Leicht und fröhlich flog der feuchte Grippemonat November vorüber. Es näherte sich Katjas Lieblingsfest, Neujahr. Seit ihrer Kindheit war sie daran gewöhnt, sich lange darauf vorzubereiten, genau zu überlegen, welches Kleid sie anziehen und wem sie was schenken sollte und vor allem – mit wem sie es feiern würde. Katja war überzeugt, daß man in der Silvesternacht die Zukunft wie ein lebendiges warmes Geschöpf in der Hand halten würde, wie ein neugeborenes Kätzchen; wenn man es verschreckte – durch unpassende Kleidung, durch schlechte Laune, durch fremde Gäste –, so wäre das nachträglich nicht wiedergutzumachen.

Am einunddreißigsten Dezember fand vormittags eine Kindervorstellung statt. Man gab den »Nußknacker«. Um zwei Uhr schminkte Katja sich ab, duschte, zog sich um, wünschte den Kollegen ein frohes neues Jahr und fuhr nach Hause. Die Geschenke lagen schon seit dem Sommer bereit. Katja hatte alles während der Tournee gekauft. Die Moskauer Geschäfte waren 1988 noch immer hoffnungslos leer.

Bis gegen neun wollte sie mit den Eltern feiern und dann zu Jegor fahren. Seine Frau war schon wieder im Ausland, der Sohn hatte seine eigenen Kumpel und würde in den nächsten Tagen nicht zu Hause sein. Sie würden das neue Jahr zu zweit feiern, nur sie beide. Am nächsten Tag, wenn sie sich ausgeschlafen hatten, wollten sie einen guten Freund von Jegor besuchen, den Presse-Attaché der norwegischen Botschaft. Der charmante, liebenswürdige Hansen mit seinem grauen Bärtchen und seinem kleinen Bierbauch gab am ersten Januar eine Party für die engsten Freunde – ein leichtes Büfett, Obst, Musik, gute Laune …

Gegen sieben erschienen die Kalaschnikows bei Katjas Eltern, Onkel Kostja, Tante Nadja und Gleb. Die Eltern wollten das neue Jahr zusammen begrüßen, die Kinder hatten ihre eigenen Pläne. Gleb beabsichtigte, auf die Datscha nach Peredelkino zu fahren, wo ihn bereits eine lustige Runde erwartete. Er hatte schon ein paar seiner Mädchen dorthin geschickt, damit sie alles vorbereiteten und den Tisch deckten.

Um acht rief Jegor an.

»In meiner Abteilung hat man überraschend beschlossen, noch eine kleine Feier zu veranstalten, ich hab versucht, mich loszueisen, aber es geht nicht. Kannst du etwas später kommen, so gegen elf? Ich umarme dich, mein Liebes.«

Um halb neun wünschte Gleb allen ein frohes neues Jahr, verteilte seine Geschenke und verschwand auf die Datscha. Katja saß wie auf Kohlen. Um viertel vor zehn hielt sie es nicht länger aus, wünschte ebenfalls allen alles Gute und verteilte ihre Geschenke. Dann warf sie sich ihren Pelzmantel über, rannte hinaus ins Schneegestöber und fegte den Schnee von ihrem blauen Lada. Schließlich konnte sie ja auch zu Jegor ins Institut fahren.

Kurz nach zehn parkte sie ihren Wagen in einer Seitenstraße nicht weit vom Arbat, hüllte sich in ihren Pelz und lief zu dem alten Gebäude der Akademie. Die Türen standen weit offen, die Fenster leuchteten hell, in der Aula war rund um eine riesige, festlich geschmückte Tanne eine laute Kostümparty im Gange. Katja rannte nach oben in den dritten Stock. Ihr fiel gar nicht auf, daß es dort ganz still war und von einer Feier nichts zu merken.

Barinows Vorzimmer war leer. An den Wänden hingen Girlanden aus rosa und hellblauem Seidenpapier. Die Tür zum Büro war abgesperrt. Katja verschnaufte ein wenig und dachte, die Feier sei sicher schon vorbei und Jegor erwarte sie schon bei sich zu Hause, am gedeckten Wohnzimmertisch unterm Weihnachtsbaum.

Da vernahm sie plötzlich ein abgerissenes heiseres Stöhnen, ein hastiges Flüstern, das weiche Lachen einer Frau. Sie hielt den Atem an. Nach dem Lachen ertönte deutlich eine tiefe, samtene Stimme:

»Genau, Sweta-Mäuschen. Die Strumpfhose brauchen wir nicht, und der BH ist auch überflüssig, das ziehen wir jetzt alles aus.«

Laute Rockmusik, die aus der Aula heraufbrandete, übertönte die übrigen Worte. Katja stürzte aus dem Vorzimmer, rannte zur Treppe. Ihr entgegen stürmte eine Hexe auf einem Besenstiel, mit angeklebter Plastiknase und verrutschter Perücke. Hinter der Hexe tänzelten zwei kleine Teufel mit Hörnern aus Pappe und Schwänzen aus Draht. Sie faßten Katja an den Händen und drehten sie im Kreis. »Happy New Year!« brüllte ihr die Hexe heiser ins Gesicht und brach in gurgelndes, baßtiefes Gelächter aus. Katja schrie auf, ihr schien, Hexe und Teufel seien echt. Sie stürzte zurück ins Vorzimmer, fiel in einen Ledersessel und zündete sich eine Zigarette an.

Der Mann im Büro war nicht Jegor, das mußte einer seiner Mitarbeiter sein. Nur die Stimme war ähnlich. Irgend jemand anders vergnügte sich dort mit dem »Sweta-Mäuschen« auf dem gepolsterten Ledersofa.

Katja wußte, daß zweimal wöchentlich eine Masseurin namens Sweta zu Jegor ins Büro kam. Er hatte Probleme mit der Bandscheibe und brauchte die Massagen dringend. Offenbar hatte sie gerade heute ihren Termin. Ohne die Massage war Jegor kein richtiger Mensch, die Schmerzen im Rücken waren zu quälend. Er hatte selbst noch gesagt, daß Sweta käme, damit er an Neujahr munter und frisch sei, ohne Schmerzen im Kreuz. Und er hatte auch gesagt, daß Sweta so robust sei wie ein Fünfkämpfer und ständig mit ihm flirte. Mächtige Arme habe sie, viel weißes, saftiges Fleisch und überhaupt kein Gehirn. Er spöttelte bissig über den viel zu kurzen Rock und das viel zu tiefe Dekolleté der Masseurin, über ihre vergeblichen Versuche, ihn zu verführen, ihn, den Ästheten und Intellektuellen, den ironischen, feinsinnigen Liebhaber alles Schönen.

Katja hatte sie nie gesehen. Was ging sie auch eine Masseurin an?

Bestimmt war es jemand anders, der dort im Büro der leidenschaftlichen, üppigen Masseurin Sweta die Strumpfhose auszog. Jegor war längst zu Hause und wartete auf Katja. Sie mußte ihn anrufen.

Sie nahm den Hörer ab und wählte seine Nummer, die sie auswendig wußte. Im Büro stand ein Parallelapparat, er begann laut zu rattern, und eine Sekunde später ging das Türschloß.

Barinow, rot und verschwitzt, in Socken, mit aufgeknöpftem Hemd und lose um den Hals baumelnder Krawatte, tastete mit hilflosen, zitternden Fingern nach dem Reißverschluß seiner Hose. Seine Augen huschten unstet hin und her, im Bemühen, Katja nicht anzusehen. Hinter ihm, im Halbdunkel des Büros, rannte etwas Großes, Nacktes, Weißes umher.

Katja warf den quäkenden Hörer auf die Plastikplatte des Schreibtischs, drückte ruhig ihre Zigarette aus und ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer.

Jetzt nur nicht nach Hause! Es war zehn vor elf, noch siebzig Minuten bis zum neuen Jahr. Katja ließ den Motor an, jagte durch den großflockigen, flaumigen Schnee über den hellerleuchteten Kalininprospekt. Sie weinte nicht. Das hätte noch gefehlt, bei einem solchen Schneetreiben am Steuer zu weinen! Erst an der Ringstraße merkte sie, wohin sie fuhr.

In Peredelkino blieb ihr Lada in einer Schneewehe stecken. Voller Schnee, rotwangig, mit riesigen glänzenden Augen, flog Katja in das strahlend helle, warme Wohnzimmer der Kalaschnikowschen Datscha.

»Katja! Mein Engel!« Der beschwipste, erhitzte Gleb schwenkte sie im Kreis, küßte sie ab und wunderte sich überhaupt nicht, stellte ihr keine einzige Frage.

Eine Menge Leute waren da, der Tisch bog sich unter den leckeren Speisen, die Mädchen lachten, jemand machte sich auf, um Katjas Auto aus der Schneewehe zu schieben. Gleb zog ihr die durchnäßten Stiefel von den Füßen. Er wußte, wie wichtig es war, die kostbaren schmalen Füße einer Ballerina warm zu halten, und begann sie mit den Händen zu reiben und mit seinem Atem zu wärmen. Dann holte er die riesigen Filzstiefel seines Vaters.

»Ihr seid wohl verrückt geworden!« schrie jemand. »Es ist fünf vor zwölf!«

Gorbatschows Gesicht verschwand vom Bildschirm des Fernsehers, und die Kremluhr tauchte auf. Champagnerkorken knallten, man stieß miteinander an. Gleb küßte Katja auf den Mund. Das Jahr 1989 hatte begonnen. Alle liefen nach draußen, um Knaller zu zünden und »hurra« zu schreien. In der verschlafenen, halbleeren Siedlung bellten verzweifelt die Hunde.

Als man sich heiser gebrüllt und im tiefen Schnee müde gelaufen hatte, als der Garten und die umliegenden Straßen mit dem buntem Konfetti der Knallbonbons übersät waren, kehrte man ins Haus zurück, löschte das Licht und zündete Kerzen an. Zur schmeichelnden Musik von Freddie Mercury wiegten sich langsam die Paare. Katja merkte auf einmal, daß sie in den riesigen Filzstiefeln und im seidenen Abendkleid mit Gleb tanzte. Glebs Lippen flüsterten ihr kitzelnd etwas Lustiges und Zärtliches ins Ohr, seine Hände, diese vertrauten, warmen Hände, berührten sie behutsam, hielten sie sicher, wärmten sie und ließen sie alles Schlechte, Kalte, Schmutzige vergessen. Nichts Schlimmes war geschehen. Nichts Schlimmes.

Die Paare zogen sich nach und nach zurück und verteilten sich über das geräumige zweistöckige Haus. Katja und Gleb blieben allein zurück. Sie standen nicht mehr im Wohnzimmer, sondern bereits in dem kleinen Schlafzimmer von Glebs Eltern, die Musik war längst verklungen, sie umarmten sich, eng aneinander gepreßt, während draußen langsam große Schneeflocken fielen. Bevor sie noch recht zur Besinnung kamen, küßten sie sich schon, und Glebs geschickte Finger zogen die Spangen aus Katjas Haar, öffneten den Reißverschluß des Seidenkleides, und seine weichen Lippen glitten heiß über Katjas langen Hals und ihre zarten Schlüsselbeine.

Als Katja die Augen öffnete, war es draußen hell – ein sonniger, frostiger Tag. Von den Gästen waren einige schon gefahren, andere zu einem Spaziergang aufgebrochen. Im Haus war es still. Katja wollte aufstehen, sich waschen, Kaffee kochen, aber Gleb zog sie an sich, und alles wiederholte sich, doch nun ohne die fieberhafte nächtliche Hast, ohne Angst und Zweifel.

»Wie dumm wir beide doch waren«, flüsterte Gleb, »gut, daß wir es noch rechtzeitig gemerkt haben.«

Jetzt, acht Jahre später, als sie im ungewissen Licht der Morgendämmerung in der sauberen, kalten Küche saß, wurde Katja bewußt, daß sie sich an diese erste gemeinsame Nacht, an dieses Neujahrsfest, deutlicher erinnerte als an alle folgenden Jahre ihres schwierigen Ehelebens. Gut so – sollte alles Schmutzige, Häßliche, was später zwischen ihnen war, verschwinden und in Vergessenheit geraten.

Katja stand auf und warf sich einen großen gestrickten Schal über den Bademantel. Gleb war tot, er würde nie zurückkehren. Dort stand noch seine Lieblingstasse, er hatte sie aus England mitgebracht, aus der Baker Street, und nur aus ihr seinen Tee getrunken. In der Diele im Spiegelschrank hingen seine Sachen. Das Kopfkissen im Schlafzimmer hatte noch seinen Geruch bewahrt, und im Gitter des Rasierapparates steckten seine kurzen harten Bartstoppeln. Wie viele rührende Kleinigkeiten, wieviel alltäglichen Krimskrams hinterläßt ein Mensch! Das Herz wird einem warm und beginnt schmerzhaft zu zucken – wenn man diesen Menschen geliebt hat, wenn man ihm das Schlechte verziehen hat und sich nur an das Gute erinnert.

Katja dachte plötzlich, daß es viel leichter sei, einen Toten zu lieben und ihm zu verzeihen als einem Lebendigen.

Kapitel 3

Ljalja Rykowa schlüpfte leise unter der Bettdecke hervor, bibberte in der morgendlichen Kälte und schlich barfuß ins Bad. Der aristokratische Mafioso schnarchte nicht nur, er war auch noch ein Frischluftfanatiker und riß die ganze Nacht die Fenster weit auf. Dabei war es schon September, und bis zum Morgen war das Zimmer so ausgekühlt, daß der armen Ljalja die Zähne klapperten.

Fürst Nodar schmatzte im Schlaf und schnarchte ganze Tonleitern. Die jammervollen, heiseren Töne waren sogar im Badezimmer zu hören und übertönten das Geräusch des rauschenden Wassers. Ljalja verzog angewidert das Gesicht, riegelte die Tür ab und reckte sich vor dem riesigen Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte und vom heißen Dampf schon leicht beschlug. Durch den feinen Dunst sah Ljalja noch schöner, noch verführerischer aus.

Ein echter Striptease unterscheidet sich von Pornographie durch das Flair des Geheimnisvollen. Aber wem sollte sie das erklären? Den groben, gierigen Kerlen, die zu sabbern begannen, wenn sie Ljaljas appetitlichen Körper betrachteten? Was bedeutete ihnen die raffinierte, exquisite Schönheit des erotischen Spiels, das so alt ist wie die Welt? Sie sind schon zufrieden, wenn du mit den Hüften wackelst, deinen Busen schwingen läßt, den Kopf in den Nacken wirfst und Ekstase mimst – dann greifen sie bereitwillig in die Tasche und zahlen.

Ljalja kletterte ins heiße Schaumbad und seufzte tief. Das Leben war ungerecht. Soviel Abgeschmacktes ringsum! Warum mußte sie, die schöne Ljalja mit der feinen Seele, sich jeden Abend vor groben Ganoven ausziehen? War sie etwa weniger wert als alle diese Schönheitsköniginnen, Supermodels und Filmstars? Bestimmt nicht.

Sie stellte sich gern vor, sie sei auf einem Ball, in einem Kleid von Dior, umringt von Milliardären, Diplomaten, Präsidenten, Hollywoodstars und anderen Berühmtheiten. Ljalja schreitet vorbei, in der einen Hand ein Champagnerglas, in der anderen eine Zigarettenspitze. Das Kreuz leicht durchgedrückt, die Schultern zurückgeworfen, das Kinn hoch erhoben, ein Bein aus der Hüfte heraus nach vorn gesetzt. Um ihren zarten Hals schmiegt sich ein antikes Brillantencollier in Platinfassung. Sie blickt niemanden an, denkt ihre eigenen, erhabenen Gedanken, und alle ringsum erbleichen und sind von Amors Pfeil getroffen.

Nein, die vollkommene, exquisite, zarte Ljalja war nicht auf die Welt gekommen, um sich jede Nacht vor betrunkenen Männern auszuziehen. Allerdings, sie hatte nichts anderes gelernt. Und sie war eine ausgezeichnete Striptease-Tänzerin. Sie verdiente nicht schlecht, und die Jungs von der Wachmannschaft paßten genau auf, daß niemand Ljalja einfach so, ohne Bezahlung und ohne Erlaubnis, angrapschte. Wenn der Chef sie manchmal anderen Männern, die für ihn wichtig waren, zur Verfügung stellte, dann war auch das nicht umsonst. Und sie hatte dabei immer irgendeinen kniffligen Auftrag zu erfüllen. Ljalja gefiel das. Sie kam sich nicht nur schön, sondern auch klug vor.

Mit Fürst Nodar hatte sie allerdings ihre liebe Not. Zwar war er vom ersten Moment an bereit, sein Leben für sie hinzugeben, wälzte sich mit orientalischer Leidenschaft zu ihren Füßen, sang zur Gitarre alte georgische Lieder, hielt aber gleichzeitig sein Geld sehr sorgsam beisammen.

Kalaschnikow hatte sie sofort vorgewarnt: Mit Liebe allein macht man den Fürsten nicht kirre. Man muß ihn mit etwas Handfesterem ködern, am besten mit Geld. Und Ljalja schaffte es, sie machte Nodar auf »Black Jack« heiß, obwohl er anfangs vor dem grünen Tuch zurückschrak wie vor der Pest. Er erzählte, sein Urgroßvater, ein georgischer Fürst und Offizier, hätte Staatsgelder verspielt und sich deswegen erschossen. In seinem Abschiedsbrief hatte er seinen adligen Nachkommen als letzten Willen ans Herz gelegt, niemals Karten anzurühren.

Ljalja stellte das Wasser ab. Der Fürst hatte aufgehört zu schnarchen und sprach jetzt mit jemandem. Zuerst dachte Ljalja, es sei ein Telefongespräch. Die Worte konnte sie nicht verstehen, aber Nodars Intonation und Stimme gefielen ihr nicht. Der Fürst sprach rasch, aufgeregt, mit starkem Akzent. Sie hatte schon vor längerer Zeit bemerkt, daß sein georgischer Akzent sich immer dann bemerkbar machte, wenn er aufgeregt oder verängstigt war. Dann ertönte ein leises Poltern und ein kurzes unterdrücktes Stöhnen. Ljalja zuckte zusammen. Nodar war nicht allein im Zimmer.

»Nei-ein!« heulte er. »Ich weiß nichts!«

Im Schlafzimmer fand offenbar eine scharfe Auseinandersetzung statt.

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