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Chiemsee Blues

Ostern am Chiemsee. Zur Hochsaison zieht es die Touristen in Scharen ins idyllische Prien. Doch ausgerechnet am Karfreitag wird in einem Aussichtspavillon am See eine abgetrennte Frauenhand gefunden – ausgestellt wie ein Kunstobjekt.

Kommissar Hattinger ist nicht begeistert. So hatte er sich die Feiertage nicht vorgestellt. Anstatt ein geruhsames Osterfest mit Freundin Mia und Tochter Lena zu verbringen, ist er nun den restlichen Körperteilen auf der Spur, die nach und nach rund um den Chiemsee auftauchen. Doch trotz der grausigen Spur, die der Mörder hinterlässt, tappt die Polizei im Dunkeln. Hattinger und sein Team sehen sich ohnmächtig einem ebenso perfiden wie gerissenen Täter gegenüber, der ihnen immer einen Schritt voraus zu sein scheint. Für die Presse ein gefundenes Fressen. Die Einheimischen werden nervös, die Touristen bekommen es mit der Angst und Hattinger mit privatem Ärger zu tun. So hat jeder seinen Blues, bis das Ermittler-Team den entscheidenden Hinweis erhält ...

 

Thomas Bogenberger liefert mit seinem Debüt einen fesselnden und humorvollen Krimi, in dem er seinen geschärften Blick für bayerische Gepflogen- und Eigenheiten beweist, ohne in Klischees abzudriften.

 

Thomas Bogenberger wurde 1952 in Traunstein geboren. Nach dem Umweg über ein abgeschlossenes Medizinstudium zog es ihn zurück auf die Bühne, wo er als 16-Jähriger seine Karriere als Musiker begann. Heute komponiert und schreibt er Film-, Hörspiel- und Theatermusik und lebt in seiner alten Heimat Prien am Chiemsee.

Thomas Bogenberger

Chiemsee Blues

Mit einer kleinen Sprachkunde von
Thomas Bogenberger

PENDRAGON

1

Karfreitag

Hattinger hatte gerade Mias neuen schwarzen Spitzen-BH aufgehakt. Sie saß vor ihm auf dem breiten roten Sofa und wandte ihm ihren dezent gebräunten, rehschlanken Rücken zu. Kein Gramm Fett zu viel, dachte er, mit einem leisen Anflug von Neid, während er mit den Daumen sanft zu beiden Seiten ihrer Wirbelsäule entlang massierte. Da musste er langsam aufpassen, wenn er figurmäßig noch mithalten wollte. Aber gut, er war ja auch ein paar Jahre älter. Vielleicht doch mal wieder ein bisschen Sport ...?

Zielstrebig entspannt wanderten Hattingers Hände um Mias Hüften herum und strichen über ihren festen Bauch.

Mia seufzte wohlig. Ein Gefühl, das sie seit einiger Zeit vermisst hatte. Die warmen Fingerkuppen tasteten sich um ihren Bauchnabel herum langsam nach oben. Sie hatten sich schon fast an die hauchzarten Körbchen herangearbeitet – da klingelte Hattingers Handy ...

„Zefix ... des gibt’s doch ned!“

Der nervige Klingelton aus seiner abgelegten Jacke machte unmissverständlich klar, dass es dienstlich war. Was bedeutete, er musste drangehen ...

Hattinger ließ seine Hände auf Mias Hüften sinken.

„’tschuldige, wart amoi ...“

Innerlich fluchend schob er Mia ein Stückchen vor, um hinter ihrem Rücken über die Lehne des Sofas zu springen. Dummerweise blieb er dabei mit der Schnalle seines Hosengürtels an einem recht stabilen Polsterknopf hängen, was seine Flugbahn ungünstig beeinflusste: Er vollführte eine unfreiwillige Hechtrolle über die Sofaflanke und landete ziemlich unsanft auf dem Boden zwischen Couchtisch und Gummibaum, beides Erbstücke von Mias Eltern, wobei er mit dem Fuß gleich noch den mitgebrachten Schampus und die zwei Gläser abräumte. So viel zum Thema Sport ...

Fluchend kroch er über den versauten Teppich und hangelte seine Jacke vom Stuhl, um in den Innentaschen nach dem Handy zu tauchen. Dabei hätte er fast das Innenfutter mit herausgerissen. Er bekam das blöde Ding gerade noch zu fassen, bevor die Mailbox anging.

„Hattinger! Was is denn?“, bellte er ins Telefon. Umständlich versuchte er mit einer Hand seine Hose wieder hochzuziehen, während er sich anhörte, womit der Anrufer diese Störung wohl rechtfertigen könnte.

„Was habt’s gfundn? Was ... a Hand?! Öha ... und wo?“

Mia gab auf... Sie erhob sich und hakte demonstrativ den neuen BH wieder zu. Dann machte sie sich daran, die Schampusgläser aufzuheben und wenigstens noch den Rest aus der Flasche zu retten.

Es war ihr Geburtstag. Der fünfunddreißigste! Und Karfreitag war auch noch. Das konnte ja nicht gut gehen ...

„Ja, bin scho unterwegs. Und weit gnua alles absperrn! Ned dass mir da irgendwelche Spaziergänger durchlatschn ...“

Hattinger legte auf und versuchte sein leicht derangiertes Äußeres in Ordnung zu bringen. Er tupfte die schaumweingetränkten Hosenbeine mit einem Stofftaschentuch ab.

Mia zog einen sehr weiten Pulli über den durchsichtigen Spitzen-BH und verschränkte die Arme über der Brust.

„Und?“ Sie schaute ziemlich angefressen drein.

„A Hand ham s’ gfundn ... duat ma leid. I hätt jetz echt ah liaba mit dir ... Konnst ma glaubn ...“

„Ach Hattinger ...“

Selbst Mia nannte Hattinger immer nur Hattinger, wie die meisten anderen auch. Bestenfalls war er für manche noch der Herr Hattinger, oder wenn’s ganz hoch kam, der Herr Hauptkommissar Hattinger. Er hatte natürlich auch einen Vornamen – Alfons. Aber den benutzte er nicht, wenn es nicht unumgänglich war. Den hatte er noch nie leiden können. Einen zweiten Vornamen zur Auswahl hatten ihm seine Eltern nicht gegönnt und ein akzeptabler Spitzname hatte sich nie für ihn gefunden. Er war einfach kein Fonsäh, wie man in seiner Heimat sagte. Hattl hatten seine Mitschüler mal ausprobiert, aber das war ja wohl völlig indiskutabel! Er hatte einfach nicht darauf reagiert, und damit war es dann bei Hattinger geblieben.

„Ob des no amoi was werd mit uns?“ Mia schaute ihm mit einer Mischung aus Vorwurf und Resignation in die Augen.

„Mei ... wenn a so a blöde Hand dazwischenkommt, da konn i ah nix macha.“

„Geh, irgendwas kommt doch immer dazwischen bei dir.“

„Ja ... scho, aber a oanzelne Hand find’t ma ah net alle Tag. Da is’s doch klar, dass s’ mi da holn miassn.“

Hattinger fasste Mia an den Schultern. Er wollte ihr wenigstens noch einen Abschiedskuss geben, aber sie drehte sich weg und setzte sich trotzig wieder auf ihr riesiges Wohnsofa, auf dem sie so allein ziemlich verloren aussah. Sie schenkte sich den kläglichen Rest aus der Schampusflasche ein.

„I bin gspannt, ob si für mi ah no amoi a Hand find’t, die Zeit hat ...“

„A geh, jetz übertreibs aber ned ... oiso, dann, i meld mi.“

Hattinger wandte sich zum Gehen. Er hatte ein ungutes Gefühl. Mia und er, das war ewig her, dass sie miteinander ... und jetzt das.

Er verließ das Haus in Breitbrunn, setzte sich in seinen Wagen und fuhr los, Richtung Prien am Chiemsee.

2

Die Hand lag auf einer Bank in dem kleinen hölzernen Aussichtspavillon oben auf dem Herrnberg in Prien, und sie deutete mit ausgestreckten Fingern Richtung See, auf das Schloss Herrenchiemsee, um genau zu sein.

Es handelte sich augenscheinlich um eine Frauenhand, sehr gepflegt, mit langen, feingliedrigen Fingern, sauber manikürten und dezent in transparent cremeweißem Farbton lackierten Fingernägeln, die weder zu lang noch zu kurz oder gar zu auffällig waren, keineswegs also diese Art von knallbonbonfarbenen Riesennägeln, die Hattinger gern als Nuttenschaufeln bezeichnete. Nein, das hier war eine richtig schöne, elegante Hand, die Haut blass, fein gemasert mit sehr dezenten Falten um die Knöchel und zwei helleren Abdrücken, offenbar von zwei Ringen an Mittel- und Ringfinger, die wohl entfernt worden waren. Die Hand einer Dame, dachte Hattinger. Eine linke übrigens. Nun fehlte nur noch der Rest vom Körper ...

Hattinger inspizierte die Hand genau, nachdem der Fotograf mit dem Ablichten fertig war, natürlich ohne sie anzufassen. Sie schien sehr sauber unterhalb des Handgelenks vom Arm getrennt worden zu sein, da hing nichts raus, und es war auch kaum Blut dran. Auch auf der Holzbank waren keine Blutflecken zu erkennen.

Er winkte seinem Assistenten Karl Wildmann, der schon vor ihm hier eingetroffen war und jetzt mit einem Mann in mittleren Jahren und einem vielleicht 10-jährigen Buben redete, die etwas abseits an der polizeilichen Absperrung standen und ziemlich bedröppelt dreinsahen. Wildmann, der seinem Namen aussehensmäßig so gar nicht entsprach – er wirkte eher schmächtig, blass, unscheinbar –, kam auf ihn zu.

„Warn des die zwoa, die die Hand gfundn ham?“, wollte Hattinger wissen.

„Ja. Vater und Sohn, machen hier Urlaub. Sie kommen aus dem Ruhrgebiet, aus Bottrop.“ Wildmann nahm seine randlose Brille ab und begann die Gläser zu polieren.

Hattinger ging zu den beiden hinüber und stellte sich vor. „Dann erzähln S’ doch amal ...!“

„Ja also, wir kommen schon seit Jahren hierher nach ’em Schiemsee, aber so was haben wir ...“

„Wer von Ihnen hat die Hand denn gfundn?“, unterbrach Hattinger den Vater. Allein bei der Verunstaltung des Chiemsees mit S-C-H drehte es ihm schon die Zehennägel auf...

„Also, wir sind nach dem Regen dann doch noch mal rausgegangen und hierhin gekommen, wir waren hier schon öfters, wir wohnen nämlich immer in ‘ner Ferienwohnung da unten bei Verwandten, und dann sacht mein Sohn noch, kuck ma Papa, da liegt ’ne Hand, er denkt natürlich, es is ’ne Plastikhand und hebt se hoch, und dann schreit er plötzlich wie am Spieß, wie er merkt, dass die echt is, weil se so schwer und schlapp is, und lässt se fallen und rennt wech und ich hinterher, und dann sind wer vorsichtich wieder hergekommen und ich hab gesacht, wir müssen jetz die Hand schön wieder so hinlegen, wie se vorher dagelegen hat, und dann hab ich se wieder so hingelegt, wie mein Sohn gesacht hat, dass se vorher dagelegen hat und dann hab ich 110 gerufen, hier von dem Handy, und ...“

„Danke.“

„... und dann ...“

„Des ham S’ guad gmacht, danke!“ Hattinger drehte auf dem Absatz um und flüchtete zu Wildmann. „Die ham uns ja dann alle Spuren versaut, oder?“

„Sieht ganz so aus, ja.“

„Habts sonst no irgendwas gfundn von der Leich?“

„Wir wissen ja noch gar nicht, ob es überhaupt eine Leiche gibt. Der Rest könnte ja noch am Leben sein, meine ich ... die Frau, oder der Transvestit, wenn’s ein sehr gepflegter war. Oder es könnte sich um eine Amputation ...“

Hattinger schaute seinen Assistenten leicht angewidert an. Aber Wildmann durchdachte die Dinge zumindest gründlich, das musste man ihm lassen.

„Ja ja, des wär natürlich theoretisch scho möglich, aber wer sollt denn a so an Schmarrn machn, und vor allem warum?“

„Vielleicht ein Dummer-Jungen-Streich? Jemand, der aus der Pathologie eine Hand klaut, oder aus dem OP? Hat es alles schon gegeben.“

„Schon, aber trotzdem sollt’ma erstmal vom Naheliegenden ausgehn. Also: Hand in die Pathologie ... halt, natürlich erst, wenn die Hunde da san und a Fährte aufgnommen ham. Wo bleiben die eigentlich?“

„Die sind schon unterwegs, müssten jeden Moment da sein.“

Hattinger schaute in die Runde. Am Rand der Absperrung standen schon mehrere Einsatzwagen der Priener Bereitschaftspolizei. Einige der Leute kannte er schon von früheren Einsätzen. Fünf Polizisten suchten bereits systematisch den Boden innerhalb der rot-weißen Bänder ab, während andere noch auf Anweisungen zu warten schienen.

„Guad, dann schick’ma de los, sobalds da san. Die Priener Kollegen sollen derweil die Anwohner befragn, ob s’ was gseng ham.“ Er deutete auf die Häuser an der Flanke zur Seestraße hin.

„Ewig konn de Hand ja net da glegn sei, oder? An am Ort, wo jeden Tag Touristen unterwegs san. Und wenn des nix ergibt, stell’ma den ganzen Herrnberg auf’n Kopf, wenn’s sei muass. Wia schaut’s denn mit Vermisstenmeldungen aus?“

„Da ist im Moment gar nichts dabei, was in Frage kommt. Jedenfalls nicht in Bayern.“

„Guad, dann lassen S’ auf jeden Fall no bundesweit nachfragn, und natürlich auch in Österreich, wär ja net des erste Mal ...“

Wildmann nickte. Er wusste schon aus eigener Erfahrung, dass der so genannte „Kleine Grenzverkehr“ auch nicht vor Toten Halt machte, obwohl er noch nicht sehr lange bei der Rosenheimer Kripo war.

„Hab ich schon veranlasst, Chef.“

Karl Wildmann war eigentlich der Einzige, der Hattinger Chef nannte. Er war eben noch neu im Team, er machte sich aber ganz gut, wie Hattinger fand, war intelligent, konnte eigenständig arbeiten. Wildmann kam ursprünglich aus Paderborn, war mit seinen Eltern aber schon als 10-Jähriger nach München gezogen, was den Vorteil hatte, dass er Bairisch zwar nicht sprach, aber zumindest verstand, so dass Hattinger Klartext mit ihm reden konnte, ohne dass Wildmann ständig nachfragen musste. Das war schon viel wert.

Hattinger selbst stammte aus Wasserburg. Er war in Wasserburg aufgewachsen, er war in Wasserburg zur Schule gegangen, und jetzt wohnte er auch endlich wieder in Wasserburg, seitdem er Chef der Rosenheimer Kripo geworden war.

Es wäre natürlich viel praktischer für ihn gewesen, auch in Rosenheim zu wohnen, dann hätte er viel weniger Fahrerei gehabt. Aber er mochte Rosenheim einfach nicht. Er hatte es noch nie gemocht, und er würde es auch in Zukunft nicht mögen, bloß weil er jetzt da die Mordkommission leitete. Dort arbeiten zu müssen war schon Strafe genug ...

Es wäre ihm schwer gefallen, das rational zu begründen, aber Rosenheim war für Hattinger so was wie das Schwarze Loch im Chiemgau. Und da half auch die ganze Kosmetik nicht, die man in den letzten Jahren drüber zu spachteln versucht hatte. Da halfen auch keine „Rosenheim Cops“ im Fernsehen. Die schon gleich gar nicht! Die paar ausgesuchten Fassaden konnten höchstens jemanden beeindrucken, der in seinem Leben noch nie in Rosenheim war! Und nicht umsonst spielte die Handlung eh meist irgendwo auf dem Land ...

Wasserburg dagegen ... Wasserburg – dazwischen lagen Welten. Wasserburg hatte auf dem kleinen Fingernagel mehr Charme und Flair und Anmut als Rosenheim auf allen Extremitäten zusammen. Man konnte zwar praktisch nirgendwo in der Innenstadt parken, ohne fünfmal im Jahr abgeschleppt zu werden, aber das war immer noch besser, als hinter dem Prollschuppen am Salzstadel zu verrotten oder sich mit den Schlägern in der Bahnhofstraße rumzuärgern. Bei dem Thema konnte Hattinger richtig in Fahrt kommen, und er hatte sich auch bei einigen Rosenheimern schon ziemlich unbeliebt gemacht, aber das war ihm auch egal.

Nein, auf Wasserburg ließ er nichts kommen. Und überhaupt, abgesehen von seinen Urlaubsreisen, die ihn so oft wie irgend möglich in die kanadische Wildnis zum Lachsfischen führten, hatte er auch gar keine große Lust mehr, den Chiemgau überhaupt noch zu verlassen. Wozu auch? Hier gab es alles, was man brauchte, Berge, Wälder, Seen – warum kämen denn sonst schließlich das ganze Jahr über die Horden von Touristen hierher? Wenn überhaupt, wäre das der einzige Grund gewesen, woanders hinzugehen ...

Wie war er jetzt überhaupt darauf gekommen? Hattinger ließ seinen Blick über den Herrnberg hinunter nach Prien, nach Süden hinüber zur Kampenwand und schließlich ostwärts zum Chiemsee wandern, wo er an der Herreninsel hängen blieb. Er wusste im Moment auch nicht so genau, was für ihn hier noch zu tun wäre.

„Hm ... guad ...“, sagte er zu Wildmann, der ihn schon erwartungsvoll ansah, „dann haken S’ halt in a Stund no amoi nach. I schätz, für uns kommen vor allem Frauen zwischen zwanzig und maximal fuchzig in Frage.“

Er ging noch einmal zu Fred Bamberger hinüber, dem Chef der Spurensicherung, dessen Leute immer noch mit dem Pavillon beschäftigt waren. Doch der winkte schon ab, als er ankam.

„Konnst vergessn, Hattinger. Außenrum gibt’s sowieso nur Baatz, in da Wiesn is ois aufgweicht vom Regn, auf’m Kiesweg gibt’s eh koane Spuren, und da herin ham de zwoa Ruhrpottler ois gründlich zertrampelt, oiso wenn überhaupt irgendwas dagwesn sei sollt, dann is des jetz unbrauchbar.“

Bamberger warf einen Blick auf die durchsichtigen Pastiktüten, in denen er seine Fundstücke gesammelt hatte.

„A paar Zigarettenkippn, a paar Plastikteile und die Hälftn von am Ü-Ei, und dann no des Anzeigenblattl da, von dem die Hälfte fehlt, des war’s, duat ma leid. Fingerabdrück schau ma natürlich no, was ma kriegn kennan, aber i glaub, es schaut schlecht aus. Auf dem groben Holz siegst eh nix.“

„Konn ma nix macha. Gibst ma halt an Bericht, sobald’s geht. Bringt wahrscheinlich eh net vui, was ma da machan ...“

Es kam Hattinger inzwischen ganz so vor, als würden sie am Karfreitag schon Ostereier suchen. Er beschloss, dass seine Anwesenheit im Moment nicht mehr erforderlich war. Alle notwendigen Maßnahmen waren eingeleitet und er hatte für den nächsten Morgen eine Lagebesprechung angesetzt. Über die Wiese hinweg winkte er Wildmann zu und bedeutete ihm mit Gesten, dass er ihn anrufen solle, wenn was wäre. Wildmann nickte.

Hattinger setzte sich ins Auto und fuhr los. Es ging schon gegen Abend. Er dachte an Mia, an den verpatzten Geburtstag. Vielleicht hatte sie ja inzwischen den Abend schon anders verplant, aber einen Versuch war es allemal wert. Er könnte sie überraschen. Außerdem war es von Prien nach Breitbrunn sowieso nicht weit. Er dachte an den schwarzen BH, den er ihr nebst ein paar anderen durchsichtigen Dessous-Teilen in einem spontanen Anfall von Großzügigkeit zum Geburtstag geschenkt hatte. Das Zeug war aberwitzig teuer gewesen. Aber die Anprobe hatte ihn schon ein bisschen entschädigt, Mia sah wirklich scharf aus darin ...

Hattinger hielt an der Tankstelle in Prien und kaufte noch eine Flasche Mumm. Was Besseres hatten sie nicht, aber die war sowieso schon teuer genug.

Er fuhr gerade an Wolfsberg vorbei, als das Handy klingelte. Seit Kurzem hatte er tatsächlich eine Freisprechanlage im Auto, nachdem sie ihn quasi dienstlich genötigt hatten. Er drückte auf Empfang.

Ja?“

Wildmann war dran.

„Chef? Es ist schon wieder eine Hand gefunden worden ...“

3

Ostersamstag

Am nächsten Morgen saßen sie erstmal im kleinen Kreis in einem extra eingerichteten Nebenraum in der Polizeistation Prien zusammen und sichteten die bisherigen Ergebnisse. Es war noch nicht klar, ob die Soko Hand– so hatte sie Hattinger erstmal genannt, um der Sache einen griffigen Namen zu geben – auch weiter von hier aus ermitteln würde oder ob sie vielleicht doch nach Rosenheim gingen. Das hing vor allem davon ab, was da in der nächsten Zeit noch alles an Körperteilen auftauchen würde, und wo ...

Nachdem die zweite Hand gestern Nachmittag relativ kurz nach der ersten auf der Herreninsel im Chiemsee entdeckt worden war, stellte Prien sozusagen das Epizentrum des Geschehens dar, und Hattinger bevorzugte es, vor Ort zu sein. Nicht nur, um Rosenheim zu meiden, sondern auch, um so viel lokale Atmosphäre einzufangen wie möglich. Diese ersten Eindrücke von Tat- oder Fundorten waren später nicht mehr aufzuholen, ebenso wenig die ersten Begegnungen mit Zeugen, auch wenn sie vielleicht nur ahnungslose Finder von abgelegten Händen sein mochten.

Manche Ermittler hatten eine besondere Begabung im Aktenstudium, sie lösten ihre Fälle hauptsächlich vom Schreibtisch aus oder am Telefon. Hattingers Ding war das nicht.

Dafür war Karl Wildmann ein Papierfresser, der liebte das. Mehr und mehr verließ sich Hattinger in dem Punkt auf ihn. Wenn aus der Aktenlage etwas Erhellendes rauszuholen war, dann konnte man davon ausgehen, dass Wildmann es nicht übersehen würde.

Fred Bamberger rührte drei gehäufte Teelöffel Zucker in seinen rabenschwarzen Kaffee und nahm vorsichtig einen Schluck.

„Der is ned von schlechten Eltern, Frau Kollegin“, brummte er anerkennend.

Hattinger staunte. Er erlebte selten, dass ein Kaffee auf einer fremden Polizeistation dem schon kurz vor der Pensionierung stehenden Spurensicherer Bamberger Respekt abnötigte. Meist maulte er nur so was wie .Spülwasser‘ oder ähnlich Despektierliches in seinen buschigen Schnauzbart. Wenn er bei einer Tasse Kaffee zu früh den Grund erblickte, konnte er sogar richtig grob werden. Sonst war er eher der Typ gemütlicher Urbayer mit Augustiner-Spoiler. So nannte er selbst – nicht ohne einen gewissen Stolz – seinen stattlichen Bierbauch.

Andrea Erhard schmunzelte ob des Kompliments, während sie weiter Fundortfotos an der Pinnwand befestigte. „Ihnen eilt ja auch a furchteinflößender Ruf voraus, Herr Bamberger, da hab i ma scho a Mühe gebn ...“

Frau Erhard war von der Priener Polizei bis auf Weiteres der Soko Hand zugeteilt worden, nicht nur weil sie in Prien jeden kannte oder weil sie gerade im Moment keinen unaufschiebbaren Fall zu bearbeiten hatte, sondern vor allem, weil sie es verstand, einen Haufen Männer ohne viel Aufhebens bei Laune zu halten.

Hattinger sichtete noch einmal die Unterlagen, als sein Handy eine SMS ankündigte: „Hab gedacht, du meldest dich. Vergiss es! Mia.“ las er.

Sofort fühlte er sich schuldig. Wieso eigentlich? Natürlich war er gestern gleich umgekehrt, um mit dem Polizeiboot von Prien auf die Herreninsel zu fahren. Was hätte er denn sonst machen sollen? Dann hatte er gar keine Gelegenheit mehr gehabt, und schließlich war es viel zu spät geworden, um anzurufen. Und heut Morgen wär’s noch zu früh gewesen. Und überhaupt schien es praktisch unmöglich, einer Frau plausibel zu machen, dass der Beruf eben vorging. Im Zweifelsfall rief er dann lieber gar nicht an, als wieder in die Lage zu kommen, Mia etwas erklären zu wollen, was sie sowieso nicht zu verstehen gedachte.

Hattinger löschte die SMS. Er würde zurückrufen. Später.

Er versammelte die Runde um den Konferenztisch. „Oiso, schau’ma moi was ma ham ...“

Die zweite aufgefundene Hand war offenbar das passende rechte Gegenstück zur ersten. Es lag zwar noch kein detaillierter Bericht aus der Pathologie vor, aber schon die Fotos der Hände sahen fast aus wie seitenverkehrte Ausdrucke ein und desselben Objekts. Bis auf die dezenten Zahnabdrücke an der rechten Hand.

Die Hand hatte in dem großen Springbrunnen in der Mitte der Parkanlagen vor dem Schloss König Ludwigs II. auf Herrenchiemsee gelegen, dem Latonabrunnen, auf dem Rücken einer großen steinernen Schildkröte.

Der Winter war dieses Jahr so elend lang gewesen – in höheren Lagen lag immer noch überall Schnee -und Ostern war so früh, dass man erst letzte Woche die Winterabdeckung der Brunnen entfernt hatte.

Die Becken waren zwar schon gereinigt, aber das Wasser war noch nicht aufgedreht worden, sie waren also leer.

Hans Reiter, ein 58-jähriger Priener mit Lodenmantel und Gamsbart am Hut, hatte mit seinem Schäferhund einen Spaziergang entlang des Kanals, der vom Westufer der Insel Richtung Schloss führt, und durch den angrenzenden Park unternommen. Der Hund war vorschriftswidrig nicht angeleint gewesen, und obwohl sein Herr noch versucht hatte, ihn zurückzupfeifen, war er plötzlich losgerannt und mit einem Satz in das leere Becken gesprungen. Dort hatte er begierig nach einem Gegenstand auf dem Rücken der Schildkröte geschnappt. Ergebnis: Artus apportierte die Hand, Reiter rief die Polizei.

Wie kam man nur darauf, seinen Schäferhund Artus zu nennen, fragte sich Hattinger.

Die Suche nach weiteren Körperteilen oder anderen aussagekräftigen Spuren war an beiden Fundorten ergebnislos verlaufen. Die Polizeihunde konnten keine Fährte aufnehmen.

Wildmann brachte es auf den Punkt: „Die Hände sind vermutlich nicht selbst dorthin gelaufen, wo man sie gefunden hat. Da können die Hunde natürlich am Boden keine Geruchsspuren verfolgen.“

Hattinger drehte seinen Bleistift zwischen den Fingern. „Und der Regn und de deppertn Touristen und der blöde Hund, de ham uns ah no alle andern Spuren verdorbn. Schaut schlecht aus.“ Er schaute Wildmann an: „Gibt’s irgendwas Neues in Sachen Vermisste?“

„Fehlanzeige, Chef. Weder beim BKA noch in Österreich. Nichts.“

„Habts ihr no irgendwas?“ Hattinger wandte sich Bamberger zu, der seine nächste Tasse Kaffee zuckerte.

„Koane Fingerabdrück, koane Fußspurn, nix dergleichen. Auf der Insel hamma ah wieder a paar Kippn gfundn, aber ned welche, die in letzter Zeit graucht worn san. Dann no a Lidl-Plastiktütn, und zwoa Tempotaschentücher. Bei a bissl am Wind kennan de von überall sei. Oans vielleicht ...“

Er griff in seinen Asservatenkoffer und holte zwei Plastikumschläge heraus und legte sie auf den runden Tisch, um den sie saßen. „Scho wieder des selbe Anzeigenblatt, is im Brunnen glegn, und ah diesmoi wieder ned vollständig.“

Hattinger nahm die Plastikumschläge und legte sie nebeneinander. „Konn Zufall sei. De wern ja zigtausendfach verteilt, im ganzn Landkreis, oder? Konn i die scho rausnehma?“

„Naa, die miassn no ins Labor, die ham ma no ned untersucht.“

„Irgendwie kommt mir die Ausgab bekannt vor.“ Andrea Erhard hatte sich zu ihnen gesellt und schaute sich die obenliegenden Seiten des Blattes genau an.

„Des Foto da hab i scho amoi gsehn.“ Sie zeigte auf ein Inserat mit der Abbildung einer üppigen barocken Kommode. „Kann natürlich sei, dass die öfters dieselbe ... nein, da is sie ja!“

Ihr Zeigefinger blieb bei einer Anzeige etwas weiter unten stehen. „Da: Ölradiator zu verschenken, gegen Abholung.“

„Ja und?“ Hattinger verstand nicht. Die anderen wussten ebenso wenig, worauf sie hinauswollte.

„Die Anzeige is von Anfang Januar. Des weiß ich genau, die is nämlich von mir.“

Sie sahen sich die auf der Vorder- und Rückseite in den Plastikumschlägen sichtbaren Blätter an. Es war kein Datum zu sehen, nur #-02 und die Jahreszahl. Diese Zahlen waren in beiden Tüten gleich.

„Und die Zeitungen sind beide aus derselben Woche.“ Wildmann wurde plötzlich lebendig. „Vielleicht sind es sogar zwei Teile desselben Exemplars.“

„Mhm. Da schau her. Des wär natürlich scho a bissl viel Zufall“, sinnierte Hattinger, „wenn bei jeweils einer, an verschiedenen Orten gefundenen Händen jeweils ein Teil desselben, inzwischen über zwei Monate alten Anzeigenblatts gefunden wird, ohne dass des was miteinander zu tun hätt.“

Wenn er komplizierte Sachverhalte beschrieb, versuchte Hattinger manchmal Hochdeutsch zu sprechen, was sich meist etwas umständlich und unbeholfen anhörte.

Bamberger legte die Plastikumschläge übereinander und verschob sie leicht gegeneinander. „Mhm. Des könnt scho desselbe sei. Die Zacken kanntn zammpassn. Wenn i ins Labor geh, konn i’s genau sagn.“

„Wann?“, fragte Hattinger.

„Heit Nachmittag.“

„Sagn ma Mittag.“

Bamberger seufzte. Schon wieder keine Mittagspause.

Andrea Erhard mischte sich noch mal ein. „Aber wenn des a einzelnes Exemplar is, dann fehlen auf jeden Fall einige Seiten. I schau mir des Blatt fast jede Woch durch, weil da manchmal ganz interessante Annoncen drin san ... Und des is normalerweis immer mindestens doppelt so dick wie die zwoa Teile zusammen.“

Was sie den Kollegen nicht sagte, war, dass sie in letzter Zeit vor allem die Bekanntschaftsanzeigen studierte, weil ihr Freund sich von ihr getrennt hatte. ,Du hast ja eh nia Zeit, da kemma ah glei Schluss macha‘ ȁ mit diesen lapidaren Worten hatte er sie in die Wüste geschickt. Schien ein typisches Polizistenschicksal zu sein ...

Fred Bamberger packte seine Sachen zusammen. „Guad, dann geh i ans Werk, wenn ‘s mi nimmer brauchts.“

„Meld di’, sobaldst was woaßt, und nimm Proben für a DNA-Analyse aus dem Blattl, wennst was Verwertbares findst.“

Hattinger wendete sich Wildmann zu. „Geh, rufen S’ doch amal in der Redaktion oder bei der Druckerei von diesem, wia hoaßts ... Chiemgauhlick an, ob die no a komplette Ausgab für uns ham. Wer woaß, ob ma de ned no brauchan.“

Ein Bereitschaftspolizist betrat den Raum und reichte Hattinger ein mehrseitiges Fax: „Von der Rechtsmedizin.“

Hattinger begann den Bericht zu überfliegen und blätterte bald vor zur Zusammenfassung. Wildmann, Andrea Erhard und der noch in der Tür stehende Bamberger schauten ihn erwartungsvoll an.

„Also, die Hände stammen von einer Frau, Alter 35 bis 40. Die Hände sind wahrscheinlich nach dem Tod abgetrennt worden ... fast vollständig ausgeblutet ... die Histologie steht no aus, aber sie sagn, dass beide Hände zumindest vorübergehend tiefgefroren waren ... da schau her! Die Hände sind gründlich gesäubert worden, keine Hautreste oder Ähnliches unter den Fingernägeln – des hab i scho befürchtet.

Was no ... an den Fingern der linken Hand, nicht aber am Daumen, findet sich verstärkte Hornhaut an den Fingerkuppen, die charakteristisch ist für langjähriges Spielen eines Saiteninstruments, z. B. Violine, Viola etc., aber auch Gitarre wäre denkbar ... und sie war vermutlich Rechtshänderin – klar, sonst wär’s ja um’kehrt. Aus dem Gesamtzustand der Hände lässt sich schließen, dass die Frau keine schwere oder einseitig belastende manuelle Arbeit ausgeführt hat, zumindest nicht im Zeitraum der letzten Jahre ... Des war’s im Wesentlichen.“

„Tiefgefroren!“ Andrea Erhard schauderte.

„Dann könnte die Frau ja auch schon längere Zeit tot sein: Der Mörder friert ihre Hände ein, und dann holt er sie vielleicht Monate später wieder heraus, um sie öffentlich abzulegen. Aber warum macht er das?“, fragte sich Wildmann.

Hattinger sah aus dem Fenster. Ein stetig größer werdender Pressepulk wartete draußen schon auf Neuigkeiten. Auch ein Wagen der Bildzeitung stand auf dem Hof. Die Geier sind schon da, dachte er.

„Offensichtlich will er, dass sie gfundn wern. Wenn er s’ nur loswerdn wollen hätt, dann hätt er s’ garantiert anders entsorgt. Des heißt, er will irgendwas sagen, irgendwas bezwecken damit ...“

„Und wenn er jetz no die ganze Kühltruhe voll hat?“, fragte sich Andrea Erhard. Trotz der Wärme im Raum bekam sie eine Gänsehaut.

„I glaub, des wern ma bald erfahrn, Frau Kollegin. Oder ah ned ...“

Die Tür ging wieder auf und ein Polizist steckte seinen Kopf herein. „Die Presse wartet schon auf Sie, Herr Kommissar.“

„I komm glei!“

Hattinger wendete sich wieder Andrea Erhard und Wildmann zu. „I woaß gar net, was i dene groß sagn kannt ... Aber dann machma halt an Zeugenaufruf – ob jemand was gsehn hat, vor allem auf der Insel. Der Täter muss ja wohl mit’m Schiff nübergfahrn sei, oder?“

„Wenn er nicht geschwommen ist oder drüben wohnt“, entgegnete Wildmann.

4

Die alte Kellertreppe knarzte beängstigend unter den Schritten, die sich vorsichtig, aber wohl vertraut mit den Hindernissen ihren Weg nach unten bahnten. Es handelte sich eigentlich eher um eine Art breite Holzleiter, die in den geräumigen, fensterlosen Kellerraum hinabführte, und sie gab federnd und wackelnd bei jedem Schritt ein bisschen nach. Wenn man die Bodenklappe in der ebenfalls fensterlosen Speisekammer des alten Hauses öffnete, die tagsüber immer sorgsam mit schwerem, altem Linoleum bedeckt war, ging automatisch das Licht an und zwei helle Halogenstrahler tauchten den Keller in ein unwirkliches, kaltes Licht.

Glücklicherweise gab es diesen Raum, der fast so groß war wie der gesamte Grundriss des über hundert Jahre alten Hauses darüber. Und niemand wusste mehr von der Existenz dieses Raumes – zumindest war das sehr wahrscheinlich, denn alle, die ihn noch gekannt hatten, waren ja inzwischen tot. Dieser Keller war der einzige Ort, an dem man wirklich seinen Frieden hatte, wo man in Ruhe denken und planen konnte. Und überhaupt hätte er gar nicht gewusst, ob er selbst ohne die Zuflucht dieses Kellers noch leben würde.

Das Archiv würde jetzt nach und nach seinen eigentlichen Sinn erfüllen. Eine lange Zeit des Sammelns und Recherchierens war in eine Zeit des Handelns übergegangen – das war nur folgerichtig. Jahrelang war er eher einem diffusen Gefühl gefolgt, als wirklich zu wissen, wohin ihn seine Arbeit am Ende führen würde. Und es gab natürlich nie eine Garantie, dass er sie jemals erfolgreich würde abschließen können. Aber er war tapfer durch diesen manchmal endlos erscheinenden Tunnel der Verwirrung und des Leids gegangen, wieder und wieder hatte er die Ohnmacht beiseitegeschoben, und jetzt war es umso erhebender, als sich endlich Klarheit eingestellt hatte – eine klare Perspektive, was er jetzt zu tun hatte und was er in Zukunft noch zu tun haben würde.

Seine Füße schlurften in den alten, ausgeleierten Lammfellhausschuhen über die noch vor nicht allzu langer Zeit auf dem ursprünglich nackten Betonboden verlegten Holzdielen, die dem Raum fast etwas Gemütliches verliehen, entlang an den raumhohen alten Holzregalen, die mit Zeitungsausschnitten, alten Magazinen, Fotoalben, Dokumenten und diversen obskuren Gegenständen gefüllt waren, vorbei an der ausladenden, dunklen Schreibtischplatte, die bis auf eine kleine Arbeitsfläche in der Mitte mit akkurat gestapelten Papieren und Fotografien beladen war, und hinter dem alten, speckglänzenden ledernen Ohrensessel und der Stehlampe mit dem ausgebleichten Stoffschirm voller Jagdmotive durch bis ganz nach hinten, in die schon fast im Dunkeln liegende Ecke.

Seine Hand griff nach der schweren schwarzen Taschenlampe, die dort auf einem schmalen Mauersims deponiert war und knipste sie an. Mit der anderen Hand öffnete er den Deckel der alten, weißen Kühltruhe, deren Scharniere ein hässliches Knarren von sich gaben. Die müssten dringend mal wieder geölt werden. Dazu war aber jetzt keine Zeit.

Der Schein der Taschenlampe wanderte über die verschiedenen, sorgfältig beschrifteten Plastikbehälter und Tüten und blieb in einer Ecke ruhen, worauf die andere Hand nacheinander zwei der Päckchen entnahm und in einen alten roten Weidenkorb am Boden neben der Truhe legte. Dann fiel der Deckel der Truhe mit einem Geräusch, das an einen in die Rippen getretenen, aufheulenden Hund erinnerte, wieder zu.

Die Schritte entfernten sich wieder aus der Ecke, der Korb wurde quer durch den Raum getragen und hinauf über die Treppe. Schließlich rastete die Bodenluke wieder ein.

Im selben Moment erlosch das Licht.

Bis auf das gleichmäßige Surren der Kühltruhe herrschte wieder bleierne Stille.

5

Hinter Hattinger war schon eine kleine Schlange entstanden. Die Leute wurden langsam unruhig.

„Duat ma leid, aber Passagierlisten führ’ma koane.“ Die Fahrkartenverkäuferin der Chiemsee-Schifffahrt in Stock, dem Priener Hafen, sah Hattinger verständnislos an.

„Des denk i ma scho. I hab ja ah nur gfragt, ob Ihnen irgendwer aufgfalln is.“

„Mir ned. Da kommen jeden Tag so viel Leut ... Sie können höchstens noch as Schiffspersonal fragen, vielleicht wissen de was.“

„Von wo überall kommt ma denn überhaupt auf d’ Herrninsel?“

„Um die Jahreszeit von Prien, direkt, und von Gstadt aus über d’ Frauninsel. Im Sommer natürlich ah von Seebruck, von Chieming, von Bernau ...“

„Aber jetzt hamma ja ned Sommer, oder?“

„Da ham S’ recht. Und dann gibt’s natürlich no Sonderfahrten, Taxifahrten, die Fähre von Breitbrunn, die Bootsverleiher ham jetz scho alle offen, und von de privaten Segelboote san um de Zeit ah scho a ganze Menge im Wasser.“

Die Frau deutete durch das Fenster auf den See hinaus, der heute in strahlendem Sonnenschein lag. Die Lufttemperatur war seit gestern um fast 10 Grad gestiegen, und tatsächlich waren schon etliche Segelyachten, Ruder-, Tret- und Elektroboote unterwegs.

„Und jetz muaß i wieder kassiern.“

„Nur oans no – wie war denn gestern der Betrieb? War überhaupt was los?“

„Bis Mittag wenig, aber wia’s zum Regnen aufghört hat, hamma an regelrechten Ansturm ghabt. An am Feiertag, des is ja klar, de Leut ham ja nur drauf gwart ...“

„Und wir warten jetzt auch schon lange genug, uns fährt noch das Schiff vor der Nase weg, wenn Sie jetzt nicht endlich mal zu Potte kommen!“, beschwerte sich ein schwabbeliger, sonnenbebrillter Endfünfziger hinter Hattinger.

Der überlegte kurz, ob er dem Typen mal zeigen sollte, wo der Pott hängt, er ließ es dann aber doch bleiben. Einen kleinen Adrenalinstoß hätte er zwar schon vertragen können, aber dieser Kerl war die Zeitverschwendung nicht wert. Er bedankte sich stattdessen bei der Kassendame und ging zu den Schiffen hinüber.

Der wunderbare alte Schaufelraddampfer, mit Abstand das schönste Schiff der Flotte, war offensichtlich noch nicht in Betrieb genommen worden dieses Jahr, er war noch mit der Winterpersenning abgedeckt.

Als der kleine Alfons Hattinger die ersten Male mit seinen Eltern am Chiemsee gewesen war, hatte es mindestens noch einen anderen Schaufelraddampfer gegeben, wenn nicht sogar zwei, aber da war er sich nicht mehr ganz sicher. An seine erste Rundfahrt mit diesem Schiff damals konnte er sich aber ganz genau erinnern. Seine Eltern hatten ihm während der Fahrt immer wieder in den Ohren gelegen, er solle doch auch mal nach draußen schauen, weil der ...

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