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Charles Dickens' Leben Band 3

Zum Buch

Detailliert und wohlinformiert als langjähriger Biograf schildert John Forster Leben und Schreiben des Erfolgsautors Charles Dickens in drei umfassenden Bänden.

Band 3:

David Copperfield und Bleak House (1850 – 1853). Häusliche Vorgänge und Harte Zeiten (1853 – 1855). Neuer Aufenthalt in der Schweiz und in Italien (1853). Drei Sommer in Boulogne. (1853, 1854 und 1856). Aufenthalt in Paris (1855 – 1856). Klein Dorrit und eine müßige Tour (1855 – 1857). Was sich um diese Zeit begab (1857 – 1858). Gadshill Place (1856 – 1870). Die ersten bezahlten Vorlesungen (1858 – 1859). All the Year Round und der Ungeschäftliche Reisende (1859 – 1861). Die zweite Reihe von Vorlesungen (1861 – 1863). Winke für geschriebene und ungeschriebene Bücher (1855 – 1865). Die dritte Reihe der Vorlesungen (1864 – 1867). Dickens als Novellist (1836 – 1870). Neuer Besuch in Amerika: November und Dezember 1867 (1867). Neuer Besuch in Amerika: Januar bis April 1868 (1868). Die letzten Vorlesungen (1868 – 1870). Das letzte Buch (1869 – 1870). Persönliche Charakterzüge (1836 – 1870). Das Ende (1869 – 1870). Anhang.

In neuer deutscher Rechtschreibung und Korrektur gelesen.

Die zweite Reihe von Vorlesungen (1861 – 1863)

Am Ende des ersten Jahres seines Aufenthaltes in Gadshill bemerkte Dickens, dass nichts ihn so sehr erfreut habe wie das Vertrauen, womit seine ärmeren Nachbarn ihn behandelt hatten. Er hatte ihren Wert und ihr gutes Benehmen im Allgemeinen erprobt, und sie hatten sich ermutigt gefühlt, sich in Krankheit oder Not um Hilfe an ihn zu wenden.

Die so erweckte Empfindung machte sich auf angenehme Weise bemerkbar, als im Sommer 1860 seine jüngere Tochter Kate sich mit Charles Alston Collins verheiratete, dem Bruder des Novellisten und dem jüngern Sohn des Malers und Akademikers, der, hätte er jene Sommer-Morgenszene noch erlebt, in mancher ländlichen Gruppe bei Gadshill Gegenstände hätte finden können, welche seines ergötzlichen Pinsels nicht unwürdig waren. Sämtliche Dorfbewohner waren zu Ehren Dickens’ ausgezogen und die Wagen konnten, bei der Aufeinanderfolge von Triumphbogen, die sie zu durchfahren hatten, kaum nach der kleinen Kirche und von dort wieder zurück kommen.

Es war ihm ganz unerwartet, und ich zweifle, ob der scheueste der Menschen je mehr durch eine Ovation überrascht wurde, als in dem Augenblicke, wo auf der Rückfahrt das feu de joie des Schmiedes in der Gasse, dessen Begeisterung ein paar kleine Kanonen in die Schmiede geschmuggelt hatte, auf ihn losbrach.

Wenn ich die Hauptpersonen nenne, welche an jenem Tage zugegen waren, so werden damit die Gestalten derer angedeutet werden, die (außer Miss Mary Boyle, Miss Marguerite Power, Mr. Fechter, Mr. Charles Kent, Mr. Edmund Yates, Mr. Percy Fitzgerald und den Mitgliedern der Familie Mr. Frank Stones’, dessen plötzlicher Tod in dem vorhergehenden Jahre ein großer Schmerz für Dickens gewesen war) während dieser späteren Jahre am häufigsten in Gadshill gesehen wurden.

Friedrich Lehmann war dort mit seiner Frau, deren Schwester, Miss Chambers, eine der Brautjungfern war; Mr. und Mrs. Wills waren da und Dickens’ alter treuer Freund, Thomas Beard.

Die zwei nächsten Nachbarn, mit welchen die Familie sehr vertraut geworden war, Mr. Hulkes und Mr. Malleson, nebst ihren Frauen, schlossen sich der Gesellschaft an; unter den Übrigen befanden sich Henry Chorley, Chauncy Townshend und Wilkie Collins, und als besondern Freund für diese Gelegenheit hatte der Bräutigam seinen alten Mitstudenten der Kunst, Holman Hunt, mitgebracht.

Charles Collins selbst war zum Maler erzogen worden und besaß einige seltene Gaben, um sich in dieser Kunst auszuzeichnen; aber Neigung und Talent führten ihn auch zur Literatur, und nach langem Schwanken zwischen beiden Berufskreisen entschied er sich endlich für die Literatur. Seine Beiträge zu All the Year Round gehörten zu den anziehendsten kleineren Artikeln dieser Zeitschrift, und zwei selbstständig veröffentlichte Romane zeigten, dass es ihm auch für höhere Flüge nicht an Schwingen fehlte.

Aber seine Gesundheit brach zusammen, und sein Geschmack war zu schwer zu befriedigen für seine schwindende Kraft. Es ist jedoch möglich, dass er durch zwei kleine beschreibende Bücher fortleben mag: die Neue Sentimentale Reise und das Umherkreuzen auf Rädern, die einen ungewöhnlich zarten und feinen Humor offenbaren, und wenn diese Bände Leser einer späteren Generation in Bezug auf den Verfasser neugierig machen sollten, so werden sie erfahren, wenn ihnen auf ihre Erkundigungen eine richtige Antwort gegeben wird, dass niemand so viele gerechtfertigte Hoffnungen durch so geringe eigene Schuld oder Vernachlässigung enttäuschte wie er, dass seine Schwierigkeit immer darin bestand, sich selbst Genüge zu tun, und dass ein untergeordneter Geist in den beiden Künsten, denen er folgte, erfolgreicher gewesen sein würde.

Er starb 1873, in seinem fünfundvierzigsten Jahre, und bis dahin hatten selbst die ihm am nächsten Stehenden nicht gewusst, wie groß die Leiden gewesen sein mussten, die er, viele schwere Jahre hindurch, mit klagloser Geduld ertragen hatte.

Die Heirat seiner Tochter war das Hauptereignis, welches den ruhigen Gang von Dickens’ Leben seit dem Schluss der ersten bezahlten Vorlesungen unterbrochen hatte. Ihm folgte der Verkauf von Tavistock-House, mit dem Entschluss, Gadshill zu seiner künftigen Heimat zu machen. In der kurzen Zwischenzeit (29. Juli) schrieb er mir über seines Bruders Alfred Tod.

»Man rief mich Freitagabend durch ein Telegramm nach Manchester. Ich kam dort an ein Viertel nach zehn, aber er war schon drei Stunden tot, der Arme! Er soll am Mittwoch in Highgate begraben werden. Ich habe die junge Witwe gestern mit mir zurückgebracht.«

Alles, was dieser Tod mit sich brachte, die Unruhen bei seiner Wohnungsveränderung und Schwierigkeiten bei der Ausarbeitung seines Romans gaben ihm mehr als hinreichende Beschäftigung bis zum nächsten Frühling, und als die Zeit für die neuen Vorlesungen herankam, war ihm die Abwechslung nicht unwillkommen.

Der erste Teil dieser zweiten Serie war durch Arthur Smith angeordnet, doch leitete dieser nur die sechs Vorlesungen, welche dieselbe eröffneten. Es waren die ersten Vorlesungen in St. James’ Hall (St. Martins Hall war inzwischen verbrannt) und sie wurden gehalten im März und April 1861.

»Wir alle befinden uns hier aufs Beste«, schrieb er mir am 28. April aus Gadshill. »Am 18. beendete ich meinem Plane gemäß die Vorlesungen. Wir hatten von den Sperrsitzen allein zwischen siebzig und achtzig Pfund St., was, den Sitz zu vier Schilling, in diesen Zeiten etwas ganz Unerhörtes ist.

Das Resultat der sechs Vorlesungen war, dass ich, nach Bezahlung einer großen Anzahl von Leuten und aller andern Kosten und Arthur Smiths zehn Prozent von den Einnahmen und nach der Wiederherstellung alles dessen, was in dem Feuer in St. Martins Hall verbrannt war (mit Einschluss aller unserer Billete, unsres Gepäcks für die Reisen auf dem Lande, der Wechselkosten, Bücher und einer Menge Gasapparate und was sonst noch), mehr als 500 Pfd. St. einnahm. Ein sehr bedeutendes Resultat. Wir hätten ohne Frage die ganze Saison hindurch arbeiten können, aber ich bin herzlich froh, dass ich mich auf meinen Roman konzentriert habe.«

Es war ein Teil seines Planes gewesen, dass die Vorlesungen in den Provinzen nicht anfangen sollten, ehe eine gewisse Zeit nach dem Abschluss des Romans Große Erwartungen verflossen sei. Sie wurden demgemäß bis zum 28. Oktober verzögert, an welchem Tage sie in Norwich eröffnet wurden, worauf sie mit den sogleich zu erwähnenden Weihnachtsunterbrechungen fortgingen bis zum 30. Januar 1862, als sie in Chester schlossen. Auf England und Schottland beschränkt, umfassten sie die Grenzstadt Berwick und, abgesehen von den schottischen Städten, die Gegensätze und Abwechslungen von Norwich und Lancaster, Bury St. Edmunds und Cheltenham, Carlisle und Hastings, Plymouth und Birmingham, Canterbury und Torquay, Preston und Ipswich, Manchester und Brighton, Colchester und Dover, Newcastle und Chester.

Es folgten ihnen zehn Vorlesungen in St. James’ Hall, zwischen dem 13. März und dem 27. Juni 1862, und vier in Paris, im Januar 1863, welche Letzteren in der Gesandtschaft zum Besten des British Charitable Fund gehalten wurden. Die zweite Serie war so an Zahl der Vorlesungen der ersten fast gleich gekommen, als sie im Juni 1863 mit dreizehn Vorlesungen in den Hanover Square Rooms in London schloss, und auf sie allein beziehen sich die Erläuterungen und Hinweise dieses Kapitels.

Als Große Erwartungen im Juni 1861 schloss, nahm Bulwer Lytton auf Dickens’ ernsten Wunsch seinen Platz in All the Year Round mit der ›Strange Story‹, worauf Dickens sich eine Zeitlang dem Nichtstun hingab.

»Das Nachlassen jener qualvollen Gesichtsschmerzen, sowie ich mit meiner Arbeit fertig war, brachte mich zu dem Entschluss, nach dieser Seite hin einige Zeit nichts zu tun, wenn es irgend möglich ist.«

Aber sein ›Nichtstun‹ war selten mehr als eine Redefigur, und was es in diesem Falle bedeutete, erfuhr ich bald nachher.

»Zwei oder drei Stunden täglich übe ich mich in meinen neuen Vorlesungen und tue sonst (ausgenommen meine Büroarbeit) nichts. Mit großer Mühe habe ich aus Copperfield eine zusammenhängende Erzählung gemacht, die, wie ich glaube, die Anstrengung, welche sie mich wahrscheinlich kosten wird, belohnen wird. Wenn ich mich nicht sehr irre, wird sie in London sehr wertvoll sein. Ich habe auch Nicholas Nickleby in der Schule in Yorkshire bearbeitet und hoffe, dass ich aus Squeers und John Browdie und Comp einige Komik gewonnen habe. Auch den Bastille-Gefangenen aus der Geschichte zweier Städte. Auch den Zwerg, aus einem unserer Weihnachtshefte.«

Nur die beiden ersten wurden der Liste für die damalige Rundreise hinzugefügt.

Inmitten dieser tätigen Vorbereitungen erreichten ihn schmerzliche Nachrichten. Eine Krankheit, an welcher Arthur Smith schon eine Zeit lang gelitten, nahm plötzlich eine gefährliche Wendung, sodass nur geringe Aussicht auf seine Genesung übrig blieb. Eine peinliche Zusammenkunft am 28. September gab Dickens wenig Hoffnung.

»Und doch sind seine Gedanken im Wachen und im Träumen so beständig mit den Anordnungen für die Vorlesungen beschäftigt und er ist so verzweifelt abgeneigt, den Gedanken morgen und morgen und morgen ›mit der Sache voran zu gehen‹, aufzugeben, dass ich nicht den Mut hatte, ihm die Papiere abzufordern. Er sagte mir, er glaube, es seien noch 70 – 80 Briefe unbeantwortet. Du kannst Dir vorstellen, wie unruhig mich dies macht und wie meine Pläne dadurch ins Stocken geraten sind.«

Noch eine Woche ging vorüber und mit ihr die Zeit, welche an den Orten festgesetzt war, wo seine Arbeit beginnen sollte; aber er vermochte es nicht über sich, zu handeln als wäre alle Hoffnung dahin.

»Gegen einen kranken Mann, der so eifrig und treu gewesen ist, fühle ich die Verpflichtung, sehr zart und geduldig zu sein. Als ich ihm neulich sagte, ich habe Headland engagiert – ›um den ganzen persönlich beunruhigenden und ermüdenden Teil Ihrer Arbeit zu tun‹, sagte ich – nickte er sehr befriedigt mit seinem schweren Kopfe und brachte mit schwacher Stimme die Worte heraus: ›Natürlich bezahle ich ihn und nicht Sie‹.«

Der arme Mensch starb im Oktober, und an dem Tage nachdem Dickens bei dem Begräbnis zugegen gewesen war, hörte er von dem Tode seines Schwagers und Freundes Henry Austin, dessen Talente und Charakter er ebenso sehr schätzte, wie er ihn als Menschen liebte.

Er verlor viel, indem er den verständigen und zuverlässigen Rat verlor, der ihn bei so vielen öffentlichen Fragen, woran er ein lebhaftes Interesse nahm, geleitet hatte, und mit schwerem Herzen trat er endlich seine zweite Rundreise an.

»Mit welcher Mühe ich mich nach diesen Verlusten und Beschwerden an die Vorlesungen zurückgewöhne, oder, mit welcher Abneigung ich die nötige Kraft sammle, ihnen ins Gesicht zu sehen, kann ich kaum sagen. Mir ist diese ganze Zeit, als hätte ich mit Arthur Smith meinen rechten Arm verloren. Ich bin nur grade im Stande, eins der Bücher zu öffnen und den Text auf eine flache eintönige Art aus mir herauszuschrauben.

Anliegend findest Du die Liste dessen, was ich zu tun habe. Du wirst sehen, dass ich zehn Tage im November für die Weihnachtsnummer frei gelassen habe und auch eine gute Zwischenzeit zu Weihnachten, für unsere Zusammenkunft in Gadshill. Es wird mich sehr freuen, das Geld zu bekommen, das ich erwarte, aber es will verdient werden.«

Während jener Pause im November fand auch die Verheiratung seines ältesten Sohnes mit der Tochter von Mr. Evans statt, der in Compagnie mit Mr. Bradbury so lange sein Verleger und Drucker gewesen war.

Der Anfang der Vorlesungen in Norwich war nicht gut, weil die vielen verdrießlichen Abänderungen, welche den ersten Anzeigen folgten, Zweifel erweckt hatten, ob die Sache überhaupt zu Stande kommen würde. Aber am zweiten Abend, als die Szenen aus Nickleby versucht wurden, »hatten wir eine prächtige Halle voll und ich glaube, Nickleby wird alle andern Vorlesungen übertreffen. Er scheint irgendwie, durch Zufall, ganz genau mit den zweckentsprechendsten Eigenschaften ausgestattet zu sein und lief gestern Abend nicht bloß unter lautem Gelächter, sondern unter einer allgemeinen Heiterkeit ab, die ich nie übertroffen gesehen habe.«

Von diesem Abend an war sein Erfolg ununterbrochen. Folgendes ist der Bericht, den er mir am 8. November aus Brighton schickte.

»Wir wiesen halb Dover und halb Hastings und halb Colchester ab, und wenn Du so etwas glauben kannst, will ich Dir sagen, dass wir in runden Zahlen 1000 Sperrsitze für Brighton bereits genommen finden. Ich verließ Colchester in einem heftigen Schneesturm. Heute ist es hier so warm, dass ich das Feuer kaum ertragen kann und mit bis zum Fußboden geöffnetem Fenster schreibe.

Gestern hatte ich ein allerliebstes Publikum für Copperfield, mit einer Zartheit des Verständnisses, welche wirklich aus der Arbeit ein Vergnügen machte. Es ist sehr hübsch zu sehen, wie die Mädchen und die Frauen im Allgemeinen die Sache mit Dora aufnehmen; und überall habe ich jenes eigentümliche persönliche Verhältnis zwischen meinen Zuhörern und mir selbst gefunden, worauf ich am meisten rechnete, als ich mich mit diesem Unternehmen befasste. Nickleby erregt noch immer die wildeste Begeisterung.«

Ein Sturm fegte damals um die Küste herum und während seines Aufenthaltes in Dover hatte Dickens darüber an seine Schwägerin geschrieben (7. November):

»Das schlechte Wetter hat uns nicht im Mindesten berührt und der Sturm war in Dover prachtvoll. Die ganze große, der See zunächst gelegene Seite des Lord Warden Hotels musste geräumt werden; der Ansturm der Wellen war so gewaltig und der Lärm so vollständig betäubend. Das Meer flutete herein, wie ein großer Himmel gewaltiger Wolken, die fortwährend in plötzlichen wilden Regen ausbrechen; alle möglichen Schiffstrümmer wurden hereingewaschen, unter andern eine sehr hübsche mit Messing beschlagene Kiste, die herumgeworfen wurde wie eine Feder. Das unglückliche Paketboot von Ostende, das weder hereinkommen noch zurückfahren konnte, trieb sich die ganze Dienstag-Nacht und bis gestern Mittag im Kanal umher, als ich es mit fünf Männern am Steuerruder, ein Bild unbeschreiblichen Elends, einfahren sah ...

Die Wirkung der Vorlesungen in Hastings und Dover scheint wirklich den besten gewöhnlichen Eindruck übertroffen zu haben und in Dover wollte man gar nicht fortgehen, sondern saß wie toll applaudierend da.

Die feinfühlendsten Zuhörer, die ich noch in einer Provinzialstadt gesehen, waren in Canterbury (›es ist eine verständnisvolle, herzerfreuende Antwort in ihnen‹, schrieb er an seine Tochter, ›wie die Berührung eines schönen Instruments‹), aber den größten Sinn für Humor hat jedenfalls Dover. Die Leute in den Sperrsitzen gaben auf die seltsamst rückhaltlose Weise das Beispiel zum Lachen, und sie lachten mit so wirklich herzlichem Vergnügen, als Squeers die Briefe des Knaben las, dass die Ansteckung sich auf mich selber ausdehnte – denn man konnte sie nicht hören, ohne auch zu lachen ...

So freue ich mich denn sagen zu können, dass alles gut geht, und der Lohn für die Mühe ist in jeder Hinsicht groß.«

Aus der entgegengesetzten Weltgegend, aus Berwick am Tweed, schrieb er wieder inmitten eines Sturmes. Aber zunächst muss sein Bericht aus Newcastle, das er auf dem Wege nach Edinburgh berührt und wo er zwei Vorlesungen gehalten hatte, mitgeteilt werden.

»In Newcastle machte ich, trotz sehr beträchtlicher Ausgaben, mehr als hundert Guineen Profit. Ein besseres Publikum gibt es nicht in England und ich halte sie für ein besonders ernstes Volk; denn während sie lachen können, bis sie das Haus erschüttern, haben sie zugleich eine sehr ungewöhnliche Sympathie mit dem, was pathetisch oder leidenschaftlich ist.

Etwas Außerordentliches ereignete sich an dem zweiten Abend. Die Halle war entsetzlich überfüllt – und mein Gasapparat fiel nieder. Einen Augenblick entstand eine furchtbare Bewegung unter den Leuten, und Gott weiß was für einen Verlust an Menschenleben ein Hineilen nach den Treppen verursacht haben würde.

Glücklicherweise lief eine Dame in der vordersten Reihe der Sperrsitze auf mich zu, grade an einem Platze, wo, wie ich wusste, die ganze Halle sie sehen konnte. So redete ich sie lachend an und bat sie halb und befahl ihr halb, sich wieder zu setzen, und in einem Augenblick war alles vorüber.

Aber die Bühnendiener hatten eine so furchtbare Empfindung von dem; was hätte geschehen können (abgesehen von der wirklichen Feuersgefahr), dass sie mit ihrem Zittern die Bretter, auf denen ich stand, faktisch erschütterten, als sie kamen, um alles in Ordnung zu bringen.

Ich bin stolz, berichten zu können, dass der Gasmann später seine Meinung über mich selbst dahin aussprach: ›Je mehr Ihr von dem Herrn wollt, desto mehr werdet Ihr in ihm finden.‹ Mit welcher schmeichelhaften Huldigung und mit einem Winde, der so stark weht, dass ich mich kaum schreiben hören kann, ich schließe.«

Es wehte noch in Gestalt eines Sturmes vom Meere her, als er, eine Stunde vor dem Beginn der Vorlesung, aus dem Hotel in Berwick am Tweed schrieb:

»Ein so sonderbarer und ungewöhnlicher Aufenthaltsort, so scheint mir, als ich je einen sah. Und ein so lächerliches Lokal, in dem ich meine Vorlesung halten soll. Eine ungeheure Kornbörse, aus Glas und Eisen erbaut, rund, mit einer Kuppel, hoch, völlig abgeschmackt für einen solchen Zweck und voll von donnernden Echos, mit einem kleinen hohen Krähennest von einer steinernen Galerie, in das man beabsichtigte mich zu setzen.

Ich rebellierte dagegen natürlich sofort und erklärte, ich würde entweder in einem mit diesem Hause in Verbindung stehenden sehr hübschen Saale, der hundert Leute fassen kann, lesen, oder gar nicht.

Erschreckte Lokalagenten zürnten, fielen aber schließlich vor mir nieder, und meine Leute brachten das primitive Lokal in Ordnung. Seitdem sind zu meinem Schrecken die Leute (welche um die Ehre des Besuches gebeten hatten) in einer Anzahl gekommen, die mit dem Lokal ganz unvereinbar ist, und wie es enden wird, weiß ich nicht. Es war des armen Arthur Smiths Grundsatz, dass eine Stadt am Wege die Kosten einer langen Reise ohne Aufenthalt bezahle und deshalb kam ich hierher.«

Die Vorlesung bezahlte mehr als jene Kosten.

Ein begeisterter Empfang erwartete ihn in Edinburgh.

»Wir hatten in der Halle grade doppelt die Anzahl, die wir das vorige Mal am ersten Abend hatten. Der Erfolg von Copperfield war völlig beispiellos. Vier große Beifallsstürme mit einem Ausbruch von Cheers am Ende und alle charakteristischen Punkte aufs Verständnisvollste aufgefasst.«

Aber dies war nichts im Vergleich mit dem, was am zweiten Abend geschah, als, durch ein Versehen der Lokalagenten, die ausgegebenen Billette zu dem verfügbaren Raum außer Verhältnis standen. In einem Briefe aus Glasgow vom nächsten Tage (3. Dezember) beschrieb er die Szene.

»Von solch einem Hereinströmen in ein Lokal, das schon bis an die Kehle voll war, von solch unbeschreiblicher Verwirrung, solch einem Drängen und Zerreißen der Kleider und doch im Ganzen von solch einer Szene guten Humors, habe ich nie auch nur etwas Annäherndes gesehen.

Während ich die Menge in der Halle anredete, hielt G. eine Anrede an die Menge in der Straße. Fünfzig leidenschaftliche Menschen standen in allen Teilen der Halle auf und redeten mich alle auf einmal an. Andre leidenschaftliche Menschen hielten Reden an die Wände. Die ganze Familie B. wurde auf der Höhe einer Volkswelle hinein getragen und landete mit ihren Gesichtern an der Vorderseite der Plattform.

Ich las auf einer Plattform, die gedrängt voll war von Leuten. Ich brachte sie dahin, dass sie sich niederlegten, und es war wie ein unmögliches Tableau oder gigantisches Picknick – ein hübsches Mädchen in Abendtoilette lag den ganzen Abend auf ihrer Seite, wobei sie sich an einem der Füße meines Tisches festhielt. Es war ein höchst außerordentlicher Anblick.

Und doch entging ihnen von dem Augenblicke, als ich zu lesen anfing, bis zu dem Augenblick als ich aufhörte, kein einziger Punkt und sie endeten mit einem allgemeinen Ausbruch von Beifall ...

Der Aufwand von Lunge und Kraft war (wie Du Dir vorstellen kannst) für mich ziemlich groß und gut zu schlafen war außer der Frage. Ich bin daher heute etwas angegriffen, und da die Halle, in der ich heute Abend lese, groß ist, muss ich meinen Brief kurz fassen ...

Meine Leute wurden gestern Abend zu Fetzen zerrissen. Keiner von ihnen hat einen Hut und kaum einer einen Rock.«

Er reiste zu seiner Weihnachtsruhe über Manchester nach Hause und bemerkte über seine dortige Vorlesung am 14. Dezember:

»Copperfield in der Freihandelshalle am vorigen Sonnabend war eine wirklich großartige Szene.«

Nach Weihnachten befand er sich in südlichen Breiten und schrieb am 8. Januar aus Torquay:

»Wir sind jetzt in der Region kleiner Lokale und diese Reise wird daher nicht so einträglich sein wie die lange. Das hiesige Lokal kommt mir sehr klein vor. Exeter kenne ich, und auch das ist klein. Ich fühle mich im Allgemeinen sehr abgemattet, denn ich kann dies feuchte warme Klima nicht vertragen. Es würde mich sehr bald töten ...

Dies ist ein wunderhübscher Ort, eine Mischung von Hastings, Tunbridge-Wells und kleinen Stücken der Berge um Neapel. Aber ich begegnete, als ich von der Station heraufkam, vier Respiratoren und drei blassen Pfarrverwesern ohne dieselben, die sich sehr schlecht zu befinden schienen.«

Sie waren indes keine schlechten Vorbedeutungen gewesen. Der Erfolg war sowohl in Torquay als in Exeter zufriedenstellend, und Dickens beschloss den Monat und diese Reihe von provinziellen Vorlesungen in den großen Städten Liverpool und Chester.

»Die schöne St. Georges Hall war gestern bis zum Überfließen voll«, schrieb er am 28. Januar 1862 aus Liverpool, »und viele Leute mussten abgewiesen werden. Wenn sie erleuchtet ist, bietet sie einen glänzenden Anblick und zum Vorlesen ist sie gradezu vollkommen.

Du erinnerst Dich, dass ein Liverpooler Publikum gewöhnlich unempfindlich ist, aber gestern stellten sie meine Kraft auf die Probe. Denn nie sah ich eine solche Zuhörerschaft – nein, sogar nicht in Edinburgh! Die Agenten allein, ohne Rücksicht auf das Geld, was an den Türen bezahlt wurde, hatten für die zwei Vorlesungen 200 Pfd. St. einkassiert.«

Aber als das Ende herankam, hatten die Anstrengungen ihn stark mitgenommen. Er schrieb, dass er entsetzlich schlecht schlafe, dass der Kopf ihm geblendet und ermattet sei durch Gas und Hitze. Ruhe war, ehe er im März in St. James’ Hall wieder anfangen konnte, eine absolute Notwendigkeit geworden.

Zwei kurze Auszüge aus Briefen vom 8. April und vom 28. Juni werden die Vorlesungen in London hinreichend beschreiben.

»Der Ertrag ist ganz erstaunlich gewesen. Denke Dir, 190 Pfd. St. an einem Abend! Die Wirkung Copperfields übertrifft alle Erwartungen, die sein Erfolg auf dem Lande in mir erweckt hatte. Er scheint die Leute vollständig zu überrumpeln. Wenn dies nicht neu für Dich ist, so habe ich keine Neuigkeiten mitzuteilen. Der Regen, welcher täglich regnet, scheint die Neuigkeiten fortgespült oder unter Wasser gesetzt zu haben.«

Dies war im April. Im Juni schrieb er:

»Ich beendete meine Vorlesungen am Freitagabend vor einer ungeheuern Zuhörerschaft – fast 200 Pfd. St. Der Erfolg ist durchweg vollständig gewesen. Es scheint fast selbstmörderisch, jetzt aufzuhören, da die Stadt so voll ist, aber ich mag nicht von meinem öffentlich gegebenen Versprechen abweichen.

Es ist ein Mann aus Australien in London, der sich bereit erklärt, mir für acht Monate dort 10.000 Pfd. St. zu bezahlen. Wenn –«

Es war ein Wenn, das ihn eine Zeitlang beunruhigte und zu aufregenden Erörterungen führte. Da in Amerika der Bürgerkrieg wütete, verlockte eine Erhöhung des eben erwähnten Anerbietens ihn nach Australien zu gehen.

Er suchte sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass er so auch neuen Stoff der Beobachtung gewinnen würde, und er ging soweit, den Plan zu einem ›Von oberst zu unterst gekehrten Ungeschäftlichen Reisenden‹ zu entwerfen.

Es ist jedoch sehr zweifelhaft, ob er einen solchen Plan auch nur für einen Augenblick würde erwogen haben, hätten die Schwierigkeiten der Erfindung eines zweiundzwanzig Monatshefte füllenden Romans ihn damals nicht bedrängt.

Ein solcher Roman hatte ihn seit Kurzem beschäftigt und er hatte grade den Titel dafür gewählt (Unser gegenseitiger Freund); aber doch zögerte und schwankte er beträchtlich.

»Wenn nicht«, schrieb er am 5. Oktober 1862, »die Hoffnung auf einen Gewinn dabei wäre, der mich von dem Schlimmsten unabhängiger machen würde, könnte ich der Reise und der Abwesenheit und der Anstrengung nicht ins Gesicht sehen. Ich weiß schon jetzt vollkommen, wie unaussprechlich elend ich sein würde.

Aber diese erneuten und größeren Anerbietungen locken mich an. Ich kann mich zwingen, an Bord eines Schiffes zu gehen, und ich kann mich zwingen, an jenem Lesepult zu tun, was ich hundert Mal getan habe; aber ob ich bei all dieser rastlos wogenden Gemütsunruhe ein originelles Buch herauszwingen könnte, ist eine andre Frage.«

Am 22., während er noch eifrig bemüht war, Gegenbeweise zu finden gegen die fast unwiderstehlichen Gründe, welche von einem solchen Unternehmen abrieten, das in der Tat in seinen damaligen Verhältnissen kaum etwas anderes als Wahnsinn gewesen sein würde, sprach er sich hinsichtlich seiner Erfahrungen über die beiden Reihen öffentlicher Vorlesungen folgendermaßen aus.

»Bedenke, dass hier in England die Sache nie ihres Eindrucks verfehlt hat, sondern regelmäßig das zweite Mal stärker wirkt als das erste Mal, und auch, dass ich mich so daran gewöhnt und so viel dafür gearbeitet habe, dass ich mehr daraus mache, als ich je für möglich hielt. In einem Lande wie Australien halte ich alle Wahrscheinlichkeiten für ungeheuer.«

Die schreckliche Schwierigkeit lag darin, dass das von England hergenommene Argument zweischneidig war.

»Wenn ich ginge, würde es eine Buße und ein Elend sein, und ich fürchte den Gedanken mehr, als ich auszudrücken vermag. Das häusliche Leben der Vorlesungen ist mir fast unerträglich, wenn ich nur wenige Wochen hintereinander fort bin, und was würde es sein –«

Auf der andern Seite war es auch ein Gedanke an sein Daheim, weit hinaus über den bloß persönlichen Verlust oder Gewinn, der ihn willig machte, selbst so viel Elend und Buße auf sich zu nehmen, und er meinte, es würde möglich sein, dass seine älteste Tochter ihn begleitete.

»Es ist nutzlos und unnötig, dass ich sage, worin der Konflikt in meinem Innern besteht. Wie schmerzlich unwillig ich bin, zu gehen, und wie schmerzlich ich es doch empfinde, dass ich vielleicht gehen sollte – wenn so viele Hände auf meinen Rocktaschen liegen, die ich nicht umhin kann dort zu fühlen und zu sehen, so oft ich mich umblicke. Es ist kein Kampf gewöhnlicher Art, wie Du, der Du die Umstände des Kampfes kennst, wohl glauben wirst.«

Der Kampf endete, sowie er klar sah, dass es unmöglich sein würde, jemand aus seiner Familie mitzunehmen und während einer solchen Abwesenheit für die Übrigen befriedigende Anordnungen zu treffen. Um diese Zeit fing er auch an seinen Weg zu dem neuen Roman zu finden, und bessere Hoffnung und Mut kehrten zurück.

Im Januar 1863 war er mit seiner Tochter und seiner Schwägerin nach Paris gegangen und las dort in dem Gesandtschaftshotel zweimal zum Besten des British Charitable Fund und zwar mit solchem Erfolge, dass er versprach noch zweimal zu lesen.

Er brachte seinen Geburtstag (7. Februar) in diesem Jahre in Arras zu.

»Ich weiß, Du wirst heute an mich denken. Habe Dank dafür. Ein sonderbarer Geburtstag, aber ich bin so wenig mutlos wie Du mich zu haben wünschtest – dann und wann niedergeschlagen, aber immer wieder zum Kampfe bereit.

Ich wollte diese Stadt, den Geburtsort unseres liebenswürdigen See-Grünen, sehen und ich finde einen so sehr merkwürdigen und malerischen Grande Place, dass ich mich wundre, wie die Leute ihn unbeachtet lassen können. Hier fand ich auch in einem benachbarten Dorfe einen Jahrmarkt im Gange, mit einem Théâtre Religieux – ›donnant six fois par jour, l’histoire de la Croix en tableaux vivants, depuis la naissance de notre Seigneur jusqu’à son sepulture. Aussi l’immolation d’Isaac, par son père Abraham.‹

Die Nacht brach grade herein, als ich dorthin kam, und einer der drei weisen Männer, der mit dem Aufhängen der Lampen beschäftigt war, war bis zu den Augen hinauf in Öl.

Eine Frau in Blau und Trikots (ob ein Engel oder Josephs Frau weiß ich nicht) redete die Volksmenge durch ein ungeheures Sprachrohr an; und ein sehr kleiner Junge mit einem Theaterlamme (ich überlasse es Dir zu raten, wer er war) stand auf einer Drehorgel auf dem Kopfe.«

Als er in demselben Jahre über Boulogne nach England zurückkehrte, begegnete er, indem er das nach Folkestone fahrende Dampfschiff betrat, einem Freunde, Mr. Charles Manby, (denn wenn ich von einem so erfreulichen und ehrenhaften Charakterzug erzähle, ist es nicht nötig den Namen zu unterdrücken), der ebenfalls nach England fuhr.

»Ein schäbiger Mann, an den ich eine gewisse Erinnerung hatte, aber dem ich in meinen Gedanken seine Stelle nicht anweisen konnte, nahm von Manby Abschied. Da ich, als wir aus dem Hafen hinausfuhren, bemerkte, dass er auf dem Rande des Piers stand und traurig seinen Hut schwenkte, sagte ich zu Manby: Ich bin gewiss, ich kenne diesen Mann.

›Natürlich kennen Sie ihn‹, sagte er, ›es ist Hudson!‹

Er lebt– lebt grade – in Paris, und Manby hatte ihn so weit mitgenommen.

Er sagte beim Abschiede zu Manby: ›Ich werde kein gutes Diner wieder haben, bis Sie zurückkommen.‹

Ich fragte Manby, warum er an Hudson festhalte? Er sagte, weil er (Hudson) so viele Leute in seiner Gewalt gehabt und sich freundlich gegen sie benommen habe; und weil er (Manby) so viele Notabilitäten vornehm gegen ihn tun sehe, die in den Tagen seiner Größe immer um Aktien vor ihm krochen.«

Nach Dickens’ Ankunft in London kam die zweite Reihe seiner Vorlesungen zum Abschluss, und ich benutze diese Gelegenheit, ehe die dritte beschrieben wird, von dem unter seinen Papieren gefundenen Manuskriptbande zu reden, welcher Aufzeichnungen enthält, die er zum Zweck der Benutzung für seine Schriften gemacht hatte.

Winke für geschriebene und ungeschriebene Bücher (1855 – 1865)

Dickens begann das schon früher gelegentlich erwähnte Notizbuch zu etwaigem Gebrauch für seine Arbeiten im Januar 1855, sechs Monate, ehe die erste Seite von Klein Dorrit geschrieben wurde, und ich finde keine Anspielung, aus der ich schließen könnte, dass er, außer in einem sehr zweifelhaften Falle, jenen Aufzeichnungen etwas hinzugefügt oder gewohnt gewesen sei sie zu benutzen, nach dem Datum Unsres gegenseitigen Freundes (1865). Sie scheinen jenen Zeitraum von zehn Jahren in seinem Leben zu umfassen.

Er schrieb in diesem Buche alles nieder, was ihm an Winken und Gedanken in den Sinn kam. Zu einer Zeit war es ein bloßes Bild oder Fantasiestück, zu einer andern der Umriss eines Gegenstandes oder Charakters, dann ein Stück Schilderung oder Dialog – Ordnung oder Reihenfolge wurden nie dabei beobachtet.

Auch Titel für Romane trug er ein und Gruppen von Namen für die handelnden Personen; in der Tat gehören die nicht am wenigsten merkwürdigen Aufzeichnungen der letzteren Gattung an.

Seltener finden sich Notizen über Sonderbarkeiten der Ausdrucksweise. So hat er verbatim et literatim darin aufbewahrt, was er für eine der überraschendsten Botschaften erklärte, die er je empfangen habe. Eine vertraute Dienerin in Tavistock-House, die über einige beabsichtigte Veränderungen in Dickens’ Schlafzimmer mit dem Manne, der die Arbeit tun sollte, Rat gepflogen hatte, überreichte ihrem Herrn folgendes Ultimatum:

»Der Gasmann sagt, Sir, dass er die Gasleitung in Ihrem Schlafzimmer nicht ändern kann, ohne fast den ganzen Boden Ihres Schlafzimmers aufzunehmen und Ihr Zimmer in Stücke zu reißen. Er sagt natürlich, dass er es tun kann, wenn Sie es wünschen, und er will es für Sie tun und ein gutes Stück Arbeit daraus machen, aber er müsste Ihr Zimmer erst zerstören und ganz unter die Balken gehen.«

Es ist sehr interessant, in diesem Buche, als dem letzten Vermächtnis der literarischen Hinterlassenschaft eines solchen Schriftstellers, die Art, auf welche seine Einfälle ausgearbeitet wurden, mit ihren in seinen Seiten niedergelegten Anfängen zu vergleichen. Ich hebe daher zunächst diejenigen Aufzeichnungen hervor, welche in einer oder der andern Form später in seinen Schriften erschienen, mit entsprechenden Hinweisen auf die Letzteren, welche den Leser in den Stand setzen werden, selbst Vergleiche anzustellen.

»Unser Haus. Was es auch sein mag, es hat eine vorzügliche Lage und eine fashionable Nachbarschaft. (Der Auktionator nannte es ein ›gentlemanisches Haus‹.) Eine Anzahl von kleinen in die Ecke einer dunklen Straße zusammengepressten Kammern, – aber der Palast eines Herzogs um die Ecke herum. Das ganze Haus grade groß genug, um einen widerwärtigen Geruch zu halten. Die Luft, die man darin atmet, ist zu den besten Zeiten eine Art destillierte Pferdestall-Luft.« Er machte es zu dem Hause der Barnacles in Klein Dorrit.

Was er ursprünglich durch Mrs. Clennam in demselben Romane ausdrücken wollte, hat in den Notizen engere Grenzen und ist von weniger abstoßendem Charakter als demjenigen, den es in dem Buche annahm. »Bettlägerig (oder zimmerlägerig) zwanzig – fünfundzwanzig Jahre – irgendeine Länge der Zeit. In Bezug auf die meisten Dinge während dieser ganzen Weile im Stillstand begriffen. Denkt an veränderte Straßen als die alten Straßen – an veränderte Dinge als unveränderte Dinge – an den Knaben oder das Mädchen, mit denen sie sich vor so vielen Jahren stritt, als an denselben Knaben und dasselbe Mädchen in der Gegenwart. Wird durch eine unerwartete Anstrengung ihrer verborgenen Charakterstärke aus dem Hause hinausgebracht und dann, wie seltsam!«

Eine der Persönlichkeiten desselben Romans, die eine hervorragende Rolle darin spielt, Henry Gowan, eine Schöpfung, worauf er als auf etwas Kräftiges und Neues stolz war, scheint auf folgende Weise in seinem Geiste entstanden zu sein:

»Ich gebe vor, zu glauben, dass ich selbst alles für eine Zehnpfundnote tun würde und dass jeder andre es würde. Ich gebe vor, dass ich immer über aller Menschen Angelegenheiten Buch führe und einen Rechnungsbericht von dem Guten und Bösen eines jeden bereit habe. So wird der größte Schurke der liebste ›alte Kerl‹, und es ist ein weit geringerer Unterschied, als man denken sollte, zwischen einem ehrlichen Mann und einem Spitzbuben. Während ich vorgebe, in den meisten Menschen etwas Gutes zu finden, verneine ich es in Wahrheit da, wo es wirklich ist, und nehme es da an, wo es nicht ist. Möchte nicht eine Darstellung dieses nichts weniger als ungewöhnlichen Charaktertypus, wenn ich sie eindringlich vorführte, einige Menschen zum Nachdenken bringen und sie etwas verändern? Ich glaube, man hat es noch nie versucht?«

In Klein Dorrit wird man auch ein Bild finden, welches in seinem ersten hübschen Entwurfe mit ergreifenderer Wirkung zu leben scheint.

»Der Fährmann auf einem friedlichen Fluss, der dort gewesen ist von seiner Jugend an, der lebt, der alt wird, dem es gut geht, dem es schlecht geht, der sich verändert, der stirbt – der Fluss fließt sechs Stunden aufwärts und sechs Stunden abwärts, die Strömung hört an jenem Punkte auf, dieselbe Berechnung muss für das Treiben des Bootes gemacht werden, dieselbe Melodie wird immer von dem gegen den Kiel rauschenden Wasser gespielt.«

Die folgende Aufzeichnung wurde gemacht, als er über das Lebensende des alten Dorrit nachdachte.

»Erstes Zeichen von dem Zusammenbrechen des alten Vaters. Die lange Zwischenzeit entschwindet ihm. Er fängt an von dem Gefängniswärter zu reden, der ihn zuerst den Vater des Marshalseagefängnisses nannte – als wäre derselbe noch am Leben. ›Sage Bob, dass ich mit ihm sprechen möchte. Sieh, ob er die Wache hat.‹«

Und Folgendes ist der erste Gedanke an Clennams Glückswechsel:

»Er gerät in Verlegenheiten und wird selbst in dem Marshalsea gefangen gesetzt. Dann kehrt sie aus allem ihrem Reichtum und ihrer veränderten Lebensstellung in ihrem alten Kleide zurück und widmet sich ihm auf die alte Weise.«

Unter den gesellschaftlichen Skizzen in demselben Roman scheint er ›Ein lebensgroßes Porträt Seiner Herrlichkeit, umgeben von Anbetern‹ im Sinne gehabt zu haben, von dem, außer jener kurzen Andeutung, nur der erste Entwurf des allgemeinen Umrisses ausgearbeitet wurde.

»Ganz verständige Menschen, ganz angenehme Menschen, ganz unabhängige Menschen in ihrer Art; aber so wie sie anfangen, sich um Mylord zu gruppieren und in einem von Seiner Herrlichkeit geborgten Lichte zu glänzen – Himmel und Erde, wie niedrig und unterwürfig! Was für eine Nebenbuhlerschaft und gegenseitige Überbietung in Kriecherei!«

Die letzte der Auszeichnungen, welche für den Roman gebraucht wurden, dessen anfängliche Schwierigkeiten sie veranlasst zu haben scheinen, lautete so: »Das unbehilfliche Schiff ins Schlepptau genommen von dem schnaubenden kleinen Zugdampfer« – worin der Patriarch Casby und dessen Agent Panks vorgebildet waren.

In einigen wenigen Zeilen findet sich der Keim der Erzählung Niedergejagt:

»Der Vernichtung eines Menschen gewidmet. Rache, die aus Liebe entsteht. Der Sekretär in dem Wainewright’schen Prozess, der sich in das ermordete Mädchen verliebt hatte, oder doch verliebt zu haben glaubte.«

Die Andeutung, nach welcher er seine Schilderung des Bösewichts in jener Erzählung ausführte, findet sich auch in dem Notizbuch.

»Der Mann, der sein Haar grade oben nach seinem Kopfe hinauf gescheitelt hat, wie einen provozierenden Kieselweg. Lässt es Euch immer sehen. ›Hier hinauf, wenn’s beliebt. Weder links noch rechts. Nehmt mich genau in dieser Richtung. Grade hier hinauf. Tretet nicht aufs Gras.‹«

Seine erste Absicht in Bezug auf die Geschichte zweier Städte war, sie nach einem in diesem Notizbuch angedeuteten Plane zu schreiben.

»Wie wäre es mit einer Geschichte die in zwei Epochen spielt – mit einem dazwischen liegenden Zeitraum, wie ein französisches Drama? Titel für ein solches Buch. Die Zeit. Die Blätter des Waldes. Zerstreute Blätter. Das große Rad. Um und um. Alte Blätter. Lang ist’s her. Weit getrennt. Gefallene Blätter. Fünfundzwanzig Jahre. Lange Jahre. Dahinrollende Jahre. Tag auf Tag. Gefällte Bäume. Gedächtnisbilder. Rollende Steine. Zwei Generationen.«

Der Titel Gedächtnisbilder zeigt, dass dasjenige, was den größten Erfolg des Buches wie es später geschrieben wurde, veranlasste, ihm immer gegenwärtig war, und eine andere Notiz gibt eine raue Andeutung des Charakters selbst:

»Die Trunkenbolde? – Die Ausschweifenden? – Was? – Der Löwe – und sein Schakal und Vertrauter, der sich zu ungewohnten Stunden zu ihm schleicht.«

Die Studien von Silas Wegg und dessen Gönner, wie sie in Unserem gegenseitigen Freunde existieren, sind kaum so gute Komik als in der Form, welche ihre erste Konzeption beabsichtigt zu haben scheint.

»Gibbons Decline and Fall. Die beiden Charaktere. Einer erstattet dem andern Bericht über das, was er gelesen. Beide geraten in Verwirrung darüber, ob dies alles nicht vielleicht jetzt vor sich geht.«

In demselben Roman lassen sich mehr oder weniger deutlich andere Einfälle erkennen, die ihren ersten Ausdruck in dem Notizbuch gefunden hatten. Ein Zug für Bella Wilfer ist hier:

»Sie kauft dem armen schäbigen – Vater? – einen neuen Hut. So wenig passend, dass er wie ein afrikanischer Königsknabe oder ein König Georg damit aussieht, der für gewöhnlich in voller Gala ist, wenn er nichts an hat als einen dreieckigen Hut oder eine Weste.«

Hier ist unzweifelhaft die Stimme Podsnaps:

»Ich trete für meine Freunde und Bekannten ein, nicht um ihretwillen, sondern weil sie meine Freunde und Bekannten sind. Ich kenne sie, ich habe sie anerkannt, sie haben von mir ein Zertifikat empfangen. Ergo vertrete ich sie wie mich selbst.«

Derselben hoch ansehnlichen Person gehört offenbar ein anderer Charakterzug an:

»Und wenn er eine Sache leugnet, meint er, er vernichte dadurch ihre Existenz.«

Ein dritter drückt vollkommen den unfugbereiten Jungen aus, der alle Arbeit tut, welche in Eugen Wrayburns Geschäftslokal zu tun ist:

»Der Bürojunge, der immer aus dem Fenster sieht, der nie etwas zu tun hat.«

Der arme sonderbare zwecklose gutmütige Herr des Jungen, Eugen selbst, erscheint ebenso offenbar in Folgendem:

»Wenn es große Dinge wären, würde ich, der in kleinen Dingen unzuverlässige Mann, sie mit Ernst verrichten – aber o nein, ich würde nicht!«

Was folgt, hat einen direkteren Bezug; in der Tat ist es fast wörtlich in den Roman aufgenommen.

»Was die Frage betrifft, ob ich, Eugen, der ich bis zum Tode krank darniederliege, durch die Vorstellung getröstet werden kann, dass ich, wenn ich diese Krankheit überstehe, ein neues Leben anfangen und Energie und Zwecke und alles, was mir bisher fehlte, haben werde, so hoffe ich, dass es so wäre, aber ich weiß, dass es nicht so sein wird. Lass mich sterben, meine Liebe!«

In Zusammenhang mit demselben Buche, dem letzten dessen Vollendung in dieser Form ihm vergönnt war, mag eine andere Notiz hier angeführt werden, welcher er, obgleich sie in dem Roman nicht weiter entwickelt wurde, das Verhältnis Lizzie Hexams zu ihrem Bruder entnahm.

»Ein Mann und seine Frau – oder Tochter – oder Nichte. Der Mann ein Ruchloser und ein Schurke. Die Frau (oder das Mädchen) mit guten Eigenschaften und Gewissensbissen. Er glaubt nichts und trotzt allem; dennoch hat er immer den Verdacht, dass sie gegen seine bösen Unternehmungen betet und dieselben misslingen macht. Er ist sehr dagegen und lässt sich immer zornig darüber aus: ›Wenn sie beten muss, warum kann sie nicht zu ihren Gunsten beten, statt sich ihnen zu widersetzen. Sie ist es, die mich zu Grunde richtet – sie – und nennt das Pflicht. Das heiße ich eine religiöse Person! Nennt es Pflicht, meine Pläne zu kreuzen! Nennt es Pflicht, mir insgeheim entgegen zu wirken!‹«

Andre in feinem Notizbuch aufbewahrte Ideen ließ er völlig unbenutzt; denn sie empfingen durch ihn keine dauerndere Form irgendwelcher Art als diejenige, welche sie in diesen rührenden Aufzeichnungen haben, und es waren grade die Aufzeichnungen, welche die meisten Leute wahrscheinlich für die anziehendsten und originellsten der so zu künftigem Gebrauch niedergeschriebenen Gedanken halten würden, welche nie benutzt wurden.

Da sind seine ersten rasch hingeworfenen Notizen für die Eröffnung eines Romans:

»Er fängt an mit der Abreise einer großen Gesellschaft von Gästen aus einem Landsitze; das Haus mit der zusammengeschrumpften Familie darin ist einsam: es kommt die Rede auf die Gäste und der Leser wird auf diese Weise mit denselben bekannt. – Oder es wird ein Anfang gemacht mit der Schilderung eines Hauses, das von einer herunter gekommenen Familie verlassen ist. Ihre alten Möbel und zahllose Pfänder ihres alten Komforts sind noch dort. Unterschriften unter den Glocken unten: ›Mr. Johns Zimmer‹, ›Miss Carolines Zimmer‹. Ein großer Garten, der in gutem Stande gehalten wird, um einen Mieter anzulocken; aber es ist niemand darin. Eine Landschaft ohne Figuren. Im Billardzimmer der Tisch bedeckt, wie eine Leiche. Große Ställe ohne Pferde und große Wagenremisen ohne Wagen. Das Gras wächst in den Spalten des Steinpflasters an diesem hellen klaren Wintertage. Bergab

Noch ein anderer Anfang war ihm eingefallen:

»Eröffnung eines Romans, indem man zwei stark entgegengesetzte Orte und zwei stark entgegengesetzte Klassen von Menschen, mittelst einer telegrafischen Botschaft in den für die Erzählung notwendigen Zusammenhang bringt. Beschreibe die Botschaft, sei die Botschaft, welche durch den Raum, über der Erde und unter dem Meere dahin blitzt.«

Hiermit scheint dieser andere Einfall irgendwie zusammenzuhängen, der jenem in dem Notizbuche folgt:

»Schilderung von London, oder Paris, oder einer andern großen Stadt, in dem neuen Lichte, dass sie allen Personen des Romans faktisch unbekannt sind, und ihre Färbung nur durch ...

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