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Chancen, Risiken, Folgen 4

Bora Bora

 

Urlaub auf Bora-Bora. Wie oft habe ich davon geträumt, und nun bin ich hier. Das Wasser ist so kitschig blau wie in den Reiseprospekten, und die mit Palmwedeln gedeckten Hütten, die auf Pfählen direkt über dem Wasser zu schweben scheinen, einfach ein Traum.

Hassan und ich haben eine dieser Unterkünfte bezogen und sind seit zwei Tagen hier, die wir faul am Pool liegend oder mit Essen verbracht haben. Himmlisch! Nein, das ist gelogen, es ist nicht himmlisch und mir ist jetzt schon langweilig. Ich bin es gewohnt, ständig etwas um die Ohren zu haben. Wenn ich nicht gerade arbeite, spiele ich Fußball, gehe in Museen, treffe mich mit Freunden oder surfe im Internet. Das alles habe ich hier nicht, hinzu kommt, dass Hassan und ich schon länger Funkstille haben.

Den Urlaub haben wir gebucht, als zwischen uns noch alles harmonisch gewesen ist, im Überschwang der ersten Verliebtheit. Das liegt fünf Monate zurück und inzwischen sind wir nur noch deshalb zusammen hierhergereist, weil ein Storno zu teuer gewesen wäre. Es ist nicht so, dass wir Streit haben, es herrscht einfach nur Langeweile zwischen uns und wir schlafen zwar in einem Bett, berühren uns aber nicht mehr. Wenn dieser Urlaub vorbei ist, da bin ich mir sicher, werden auch wir uns trennen.

 

Am Morgen des dritten Tages weckt mich in den frühen Morgenstunden Hassans lautstarkes Schnarchen. Ich könnte mich zwar in den Wohnraum zurückziehen, doch die Wände dämmen das Geräusch nicht annähernd, weshalb ich aufstehe, in eine Badehose schlüpfe und zum Pool laufe.

Die Sonne ist gerade erst aufgegangen und die Luft angenehm frisch. Erste Vogelstimmen erklingen und die Atmosphäre ist wundervoll ruhig.

Der Pool liegt still da, die Oberfläche ist spiegelglatt. Nachher, wenn alle Gäste erwacht sind, wird es hier zugehen wie in einem Tollhaus. Ich tappe leise mit nackten Füssen über die Steine, genieße den Moment und atme tief ein. Ein braunhaariger Mann kommt von der anderen Seite langsam näher, den Blick gesenkt und seine Schritte wirken etwas eckig.

Den Kerl habe ich hier die letzten Tage nicht gesehen, er wäre mir sicher aufgefallen zwischen den ganzen zumeist älteren Urlaubern. Ich bleibe stehen und beobachte, wie er sich auf eine Liege setzt und die Jeans abstreift. Darunter kommt eine chromglänzende Prothese zutage, die er abschnallt und auf den Boden legt. Auf einem Bein hüpft er zum Beckenrand und springt in das kalte Nass.

Ich stehe immer noch wie angegossen und glotze, abwechselnd auf ihn, dann auf die Prothese. Noch nie habe ich so etwas aus nächster Nähe gesehen und meine Neugier ist geweckt, doch ich will den Mann nicht erschrecken.

Langsam sinke ich auf die Steinplatten und hänge meine Beine ins Wasser, gleite fast lautlos hinein, doch der Kerl scheint einen siebten Sinn zu haben und guckt zu mir rüber. Als er mich entdeckt, steuert er sofort auf den Beckenrand zu.

„Hallo, guten Morgen“, rufe ich und setze mein schönstes Lächeln auf.

„Morgen“, nuschelt er, dabei hievt er sich an der Leiter aus dem Wasser.

„Ich wollte nicht stören. Sie dürfen gerne weiter den Pool benutzen, ich habe kein Exklusivrecht.“

Der Mann zögert. Ich bin inzwischen bis auf zwei Meter herangeschwommen und trete Wasser.

„Also, wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht, mit einem Krüppel im gleichen Becken zu sein, würde ich schon gern noch eine Runde schwimmen“, kommt es nach ein paar langen Sekunden von ihm.

„I wo, warum sollte ich mich daran stören?“

Noch während ich spreche, überlege ich, wie andere Menschen auf seine Behinderung reagieren würden. Alles, was nicht der Norm entspricht, erfährt zumeist Ablehnung, das weiß ich aus Erfahrung, schließlich spiele ich Fußball, bin schwul und habe mich niemals geoutet. Auch wenn ich meine Teamkameraden als loyal einschätze, muss ich sie nicht auf die Probe stellen, nur um mich hinterher vielleicht getäuscht zu haben.

„Danke“, murmelt der Mann, lässt sich zurück ins Wasser gleiten und zieht mit eleganten Schwimmzügen davon.

Ich schließe mich ihm einfach an und eine Weile durchmessen wir nebeneinander den Pool, schweigend, ohne uns anzusehen. Erneut steuert er die Leiter an, während ich mich etwas entfernt auf den Rand hieve und die Beine in das gut temperierte Nass baumeln lasse.

Heimlich werfe ich Blicke zu ihm rüber, beobachte, wie er sich die Prothese anschnallt und in seine Jeans schlüpft. Die nasse Badehose verursacht dunkle Flecken auf dem Stoff. Auch wenn mein Interesse hauptsächlich der fehlenden Gliedmaße gilt, bewundere ich seinen schönen Körper, natürlich rein platonisch.

„Ich heiße Ole“, rufe ich ihm zu, als er nach seinem Handtuch greift und Anstalten macht, zurück zum Hotelkomplex zu gehen.

„Matthew“, erwidert der Mann, zögert, wendet sich dann zu mir und nähert sich langsam.

Er setzt sich auf eine Liege nicht weit von mir, knüllt den Frotteestoff in seinen Händen und hält den Blick auf den Boden gesenkt. Ich bin für einen Moment auch gehemmt, doch dann siegt die Neugier.

„Wenn ich dir jetzt zu nahe trete, tut es mir leid, aber diese Prothese macht mich neugierig. Was kann die so alles?“

Matthew hebt den Kopf und ein schüchternes Lächeln gleitet über seine Züge. Während er mir nun die Vorzüge seines Kunstbeines schildert, höre ich nur mit halbem Ohr hin, zu sehr faszinieren mich seine lebhafte Mimik und die Art, wie er immer sicherer wird. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig, den kleinen Fältchen in seinem Gesicht nach zu urteilen. Die etwas zu langen Haare fallen ihm ständig in die Stirn, sodass er sie mit einer Hand immer wieder unwirsch nach hinten fegen muss, da sie ihn anscheinend stören. Das sieht irgendwie witzig aus und macht ihn noch sympathischer.

„Ole? Habe ich dich jetzt erschlagen mit meinem Vortrag?“

Ich komme zurück aus meinen Betrachtungen, grinse unschuldig und nicke leicht.

„Zugegeben. Sag mal, wie kommst du auf den Mist, dass keiner mit einem Beinamputierten ins Schwimmbecken will?“

Anscheinend ein wunder Punkt. Matthew schluckt und guckt wieder nach unten.

„Die Hoteldirektion bat, dass ich mich etwas zurückhalte, daher auch die lange Hose, und ehrlich gesagt mag ich es nicht, angestarrt zu werden.“

Mir bleibt die Spucke weg bei dieser Erklärung. Ja, in welchem Jahrhundert leben wir denn? Ich stemme mich hoch, gehe zu Matthew und lass mich neben ihm auf die Liege plumpsen, natürlich in gebührendem ...

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