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Canossa

Impressum

ISBN 978-3-8412-0725-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2004 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung grimm.design / Torsten Lemme

unter Verwendung eines Gemäldes von Caravaggio „Katharina von Alexandrien“

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Für Patricia

Heinricus imperator augustus
spes mea et unicum solacium fuit,
gloria Romae, decus imperii, lucerna mundi.

Der erhabene Kaiser Heinrich
war meine Hoffnung und mein einziger Trost,
der Ruhm Roms, die Zierde des Reichs, das Licht der Welt.

Vita Heinrici IV. imperatoris

ERSTER TEIL
Die verratene Kindheit

Ornament

1. KAPITEL

Speyer 1055

Es war ein Tag, wie der kleine Heinrich ihn liebte: Dicke Schichten pulvrigen Schnees bedeckten den Boden, und vom Himmel tanzten die Flocken herab, daß es eine Lust war, ihnen zuzuschauen. Immer wieder fing der Wind sie auf, trieb sie vor sich her, ließ sie schließlich frei, so daß sie sich frech auf den rötlich schimmernden Bart des Vaters niederließen oder die vermummte Mutter und die frierende Tante Beatrix bepuderten. Einige Flocken legten sich kalt und kitzlig auf Heinrichs Lippen, er prüfte ihren wäßrigen Geschmack und versuchte, andere zu fangen. Da ihm dies selten gelang, nahm er eine Handvoll Schnee und warf sie auf Mathilde, seine Cousine, die ihm lachend ein Bein stellte, so daß sie beide umeinander kugelten.

Die Erwachsenen wirkten weniger fröhlich als sie. Der Vater, Kaiser Heinrich der Dritte, schaute mit tiefgefurchter Zornesfalte auf sie herab und forderte seinen Sohn barsch auf, sich gesittet und würdevoll zu verhalten, wie es sich für einen künftigen Herrscher von Gottes Gnaden gehöre. Kopfschüttelnd rief Tante Beatrix »Laß doch die Kinder spielen, freue dich lieber daran, wie gut sie sich verstehen« und versuchte, sich freundschaftlich bei ihm unterzuhaken.

Der Vater knurrte, die Mutter bedachte sie mit einem verärgerten Blick und forderte die noch immer im Schnee liegenden Kinder auf, sich endlich zu erheben. Heinrich sprang empor, zog Mathilde auf die Beine und wollte zum Hafen voraus rennen. Der Vater jedoch griff seine Hand und hielt ihn fest.

Als Heinrich nun den steifen Schritt der Leibwächter nachahmte und den Kinderfrauen zuwinkte, die ihnen mit dem restlichen Hoftroß in achtbarer Entfernung folgten, hatte der Vater offensichtlich genug von seiner Zappelei: Er nahm seinen Kopf zwischen die Hände und richtete ihn auf die riesigen Gemäuer der noch nicht fertiggestellten Basilika aus, die sich hinter ihnen dunkelmächtig erhob. Gehorsam ließ Heinrich seinen Blick wandern über die weißen Hügel, unter denen sich das Baumaterial verbarg, zu den Gerüsten, die wie kahle Äste in den Himmel ragten, und den Steingebirgen, die sich in schier unendlicher Höhe im Flockengestöber verloren.

»Dies wird der Dom, der Gottes Größe und den Ruhm des salischen Geschlechts verkünden soll«, erklärte der Vater mit ernster Stimme. »Dein Großvater, Kaiser Konrad, hat ihn zu bauen begonnen, ich will ihn vollenden, und du sollst ihn erhalten. Wir alle werden hier unsere letzte Ruhestätte finden.«

Heinrich versuchte, brav zu nicken, weil er erwartete, auf diese Weise von der eisernen Klammer der väterlichen Hände befreit zu werden. Die Mutter vor ihm bekreuzigte sich, während Tante Beatrix hell auflachte und spöttisch rief: »Hoffentlich ruhen wir noch nicht so bald.«

Abrupt ließ ihn der Vater los und warf ihr einen Blick zu, der sie verstummen lassen sollte. Sie zog die Augenbrauen hoch und schüttelte verständnislos den Kopf.

Endlich war Heinrich frei. Doch während Mathilde einen Purzelbaum nach dem anderen schlagen durfte, winkte ihn seine Mutter mit verkniffenen Lippen zu sich und befahl ihm, an ihrer Seite zu bleiben. Tante Beatrix hatte sich währenddessen erneut bei dem Vater untergehakt und sprach auf ihn ein: »Die beiden Kinder passen zusammen, wie vom Schöpfer füreinander geschaffen. Ich kann nicht verstehen, warum du dich noch immer sträubst.«

»Mathilde ist zu alt für unseren Sohn«, mischte sich die Mutter ein.

»Das ist nun wirklich kein Grund, Agnes. Du mußt zugeben …«

»Außerdem sind sie zu nah miteinander verwandt. Darauf liegt kein Segen.«

Tante Beatrix verdrehte die Augen.

»Vergiß nicht«, fuhr die Mutter in ungewohnt belehrendem Ton fort, »daß die Politik eine Rolle spielt. Hättest du nicht deinen bärtigen Gottfried geheiratet …«

»Es war eine Heirat aus Liebe, meine Gute. Dies kannst du vielleicht nicht verstehen, aber dein Gatte müßte eigentlich …«

»Ich will nichts mehr davon hören«, unterbrach sie scharf der Vater. »Es ist entschieden.«

»Heinrich, Lieber …« Die Stimme von Tante Beatrix wurde samtweich.

»Du hörst doch, es ist entschieden.« In den belehrenden Ton der Mutter mischte sich leiser Triumph.

»Kein Wort mehr!« donnerte der Vater.

Tante Beatrix löste sich von ihm und rief: »Was ist dieser Mann für ein sturer Ochse!«

»Wie nennst du mich?«

»Sturer Ochse!« wiederholte Tante Beatrix, wandte sich mit einem hochmütigen Augenaufschlag von ihm ab und legte betont freundschaftlich den Arm um die Schultern der Mutter. »Gütiger Gott, ich müßte ihn ja kennen!«

Vertraulich führte sie die Mutter zur Seite, die sich zwar ängstlich nach dem Vater umschaute, den kleinen Heinrich jedoch einfach stehenließ.

»Wir müssen gemeinsam …«, hörte er Tante Beatrix noch sagen, bevor der Vater ihnen nachbrüllte: »Weiber, was versteht ihr schon von Reichspolitik und Herrschaftssicherung!«

Die Erwachsenen waren abgelenkt! Heinrich sah eine Möglichkeit, ihrem allzu bekannten Streit und dem drohenden Klammergriff des Vaters zu entkommen: Rasch zog er Mathilde auf die Beine und rannte, sie hinter sich herziehend, durch den tiefen Schnee in Richtung Hafen. Er hörte die Mutter noch mit schwacher Stimme rufen, sie sollten zurückkommen, und den Vater zornig seinen Namen schreien. Kurz schaute er sich um: Zwei Leibwächter setzten sich mitsamt ihren Schilden und klappernden Rüstungen in Bewegung, um sie einzufangen. Doch nach wenigen Schritten rutschte der eine aus, der andere stolperte über sein Schwert und klirrte zu Boden. Heinrich mußte, wie auch Mathilde, lachen und lief weiter in das dichter werdende Flockengewirbel. Als er erneut zurückblickte, sah er nur noch schwache Schemen, die wie Geisterwesen zu tanzen schienen und deren Stimmen immer wieder der Wind verschluckte.

Am Fluß stießen die beiden auf eine Gruppe von Menschen, die sich, ohne sie zu beachten, an den eingefrorenen Booten zu schaffen machten. Lediglich von Hunden wurden sie angebellt. Heinrich bellte zurück und zog Mathilde lachend hinter einen Stapel Holz.

»Dein Vater wird böse sein, wenn wir uns verstecken. Bei dem Schneetreiben findet uns niemand, und wir könnten uns verirren.«

Heinrich fürchtete sich nicht vor dem Verirren; er war froh, der schlechten Stimmung wie auch der unablässigen Aufsicht und Erziehung entronnen zu sein. Außerdem war er gern mit seiner Spielgefährtin allein. Im Gegensatz zu seinen braven Schwestern, die entweder am Rockzipfel der Mutter und der Kinderfrauen hingen oder vor dem Kamin mit irgendwelchen Stoffetzen und Holzpuppen hantierten, ließ sich Mathilde auf seine Balgerei ein, sie liebte Verstecken und Fangen und genoß wie er den Schnee, obwohl sie bisher in Italien gelebt hatte, wo es viel weniger schneite, wie Heinrich bereits wußte.

Sie alle waren kürzlich aus Mathildes Heimat an den Rhein zurückgekehrt. Ihr Stiefvater Gottfried, genannt der Bärtige, der frühere Herzog von Lothringen, hatte den Kaiser, Heinrichs Vater, verraten. Dieser war unverzüglich mit einem Heer über die Alpen geeilt, um den Abtrünnigen zu bestrafen, und es folgten einige Kämpfe um Mantua und Canossa. Gottfried der Bärtige floh ohne Frau und Stieftochter zu seinem Stammsitz nach Verdun, und weil der Vater seinen Widersacher nicht fangen konnte, nahm er Tante Beatrix, die Markgräfin von Tuszien-Canossa, und ihre Tochter Mathilde als Geiseln mit nach Deutschland – so hatte er es ihm erklärt. Die beiden Geiseln trugen allerdings keine Ketten und Fesseln, im Gegenteil: Sie gehörten zum Hof und speisten mit an der kaiserlichen Tafel.

Warum dies alles so war, verstand Heinrich nicht recht. Er mußte aber brav ja sagen, als der Vater ausrief: »Wir sind von Verrätern umgeben, mein Sohn, die Welt ist eine Grube voller Schlangen. Nimm dich vor ihnen in acht!«

Ob er Tante Beatrix meinte – oder gar die Mutter?

»Komm!« rief Heinrich und rannte los. »Wir verstecken uns dort hinter den Bäumen.«

Mathilde folgte ihm zögernd.

Der Auwald, der sich bis an den Hafen heranschob, war wie alles im Frost erstarrt. Den Rhein konnte man zu Fuß überqueren und auch die Sumpfgebiete betreten.

Heinrich warf einen letzten Blick zurück. In der Ferne bewegten sich die Schemen der Leibwächter und Kammerfrauen. Man rief erneut nach ihnen. Mathilde wollte antworten, doch Heinrich legte ihr die Hand auf den Mund, kletterte dann über krachende Äste und kämpfte sich mit ihr ein Stück tiefer in den Wald hinein.

Als die beiden auf eine schmale Schneise stießen, flüsterte er: »Hast du Angst vor Wölfen und Bären? Und den bösen Geistern des Waldes?«

Unsicher schüttelte sie den Kopf, griff seine Hand und wollte ihn zurück zum Vater und den anderen ziehen. Heinrich entwand sich ihr, legte den Finger auf die Lippen und lauschte. Ein wattiges Dämmergrau verschluckte das gelegentliche Fiepen, Rufen oder Schreien verborgener Waldwesen. Um sie herum ein Gewirr bizarrer Baumglieder, schräger Äste, abgebrochener Zweige. Schauten sie genauer hin, entdeckten sie erstarrte Trolle und Dämonen, die nur darauf warteten, sich aus dem Hinterhalt auf sie zu stürzen.

»Heinrich, wir müssen zurück!« Mathilde zog an seinem Arm.

»Der Hafen liegt aber dort!« Heinrich wies in die entgegengesetzte Richtung.

Mathilde schüttelte den Kopf. Sie zerrte ihn hinter sich her, begann sogar zu laufen. Als sie, außer Atem, ein kurze Pause einlegten, hatten sie den Hafen noch immer nicht erreicht. Aus der Schneise war ein verlorener Waldpfad geworden.

Sie hatten sich verirrt!

In Mathildes Augen flackerte Panik auf. Wortlos rannten sie den Weg zurück. Keuchend folgten sie den eigenen Spuren, bis diese unter dem fallenden Schnee verschwunden waren. Mathilde rief nach ihrer Mutter, und Heinrich versuchte zu pfeifen – ohne Erfolg.

Die Schneise mußte doch irgendwohin führen! Zumindest zum Fluß, über den man den Hafen gefunden hätte. Stumm stapften sie, Hand in Hand, durch das Labyrinth des erstarrten Walds. Heinrich begann zu frieren. Mathildes Lippen waren blau angelaufen und bewegten sich im lautlosen Gebet. Aus der Ferne drang ein langgezogenes Heulen herüber, dem ein zweites Heulen antwortete. Als wenige Schritte von ihnen entfernt das Gehölz knackte, schrien sie vor Schreck auf. Ein schweres dunkles Ungeheuer erhob sich unter Schnauben und Keuchen. Sie begannen erneut zu rennen, bis ihnen die Lungen schmerzten.

Plötzlich roch Heinrich etwas Vertrautes – Rauch! Die ferne Ahnung eines Feuers, die Wärme des Kamins! Hatten sie eine menschliche Behausung erreicht und waren in Sicherheit?

Vor ihnen öffnete sich eine kleine Lichtung, und auf einer Aufschüttung duckte sich eine Hütte, aus deren Dachöffnung leichter Rauch quoll. Obwohl Mathilde ihn zurückhalten wollte, stürzte Heinrich laut rufend auf den Eingang zu: »Öffnet die Tür!« Er pochte mit seinen schmalen Fäusten an das Holz.

Zuerst hörte man ein unwilliges Stöhnen, als erwache ein Drache, dann knarrte tatsächlich die Türe auf. Heinrich war so froh, endlich der weglosen Bedrohung entronnen zu sein, daß er seine Ängste vergaß. Mathilde stand zitternd an seiner Seite, drückte seine Hand.

Ein in Pelze gehüllter, zottlig verfilzter Waldmensch baute sich vor ihnen auf. Vor lauter Haaren und Bart konnte man kaum ein Gesicht erkennen.

»Wo kommt ihr Kinder denn her?« Eine tiefe, kollernde Stimme. »Seid ihr ausgesetzt worden?«

»Wir haben uns im Wald verirrt«, antwortete Mathilde. »Eigentlich sind wir nur zum Hafen gerannt …«

»Zum Hafen? Der ist weit. Paßt niemand auf euch auf?« Der Mann schüttelte verwundert den Kopf. »Dann kommt herein und wärmt euch!«

Vorsichtig traten sie in einen rauchigen, schwach beleuchteten Raum. An der Feuerstelle hockten zwei Gestalten, von denen eine sich hustend erhob. Die andere drehte einen Fleischspieß und stieß seltsame Geräusche aus, die wie das Wiehern eines Esels klangen.

Die hustende Gestalt, eine in Pelzlumpen gehüllte Frau, bückte sich zu ihnen herab und streifte ihnen die Kapuze vom Kopf, um sie besser betrachten zu können, lächelte und entblößte dabei ihre Stummelzähne. »Ihr seid kalt wie ein Eiszapfen«, rief sie, schob sie ein Stück zum Feuer und reichte ihnen einen Becher dampfenden Kräutersuds.

Das heiße Getränk tat Heinrich gut und dämpfte die zunehmende Angst. Mathilde neben ihm klapperte mit den Zähnen. Er hatte von seiner Amme gehört, daß in den Wäldern böse Geister, bestrafte Räuber und fromme Eremiten hausten, außerdem Hexen, die Kinder fraßen. Er wußte nicht, ob er ihr glauben sollte. Doch auch der Vater betonte, nicht ohne zu grinsen, im Wald müsse ein Mann, wie einst Siegfried, den Drachen bekämpfen und sich gleichzeitig vor Verrätern in acht nehmen, die ihm einen Speer hinterrücks zwischen die Schulterblätter stoßen könnten.

Vorsichtig schaute Heinrich nach dem seltsamen Wesen, das den Fleischspieß drehte und dessen Gesicht an einen verdreckten jungen Mann denken ließ, mit starken Augenbrauen unter einer fliehenden Stirn und einem Pferdegebiß, das diese tierischen Laute ausstieß, die wohl Lachen sein sollten. Hinter seinem Kopf wölbte sich ein Stiernacken, der in einen riesigen Buckel überging!

Die Frau reichte ihnen ein Stück Brot, der Mann säbelte für sie zwei Scheiben Fleisch vom Spieß. Heinrich nahm das Brot und biß hinein. Jetzt erst spürte er seinen Hunger. Ein zweiter Becher wurde ihm gereicht, er schlürfte das Kräutergetränk und spülte das trockene Brot hinunter. Das Fleisch schmeckte zart und gut.

Allmählich wagte er, ebenso wie Mathilde, sich genauer umzusehen. An den Holzwänden hingen neben Pelzen und Fangeisen eine Kutte, wie sie Mönche trugen, sowie ein glänzendes Kruzifix; auf einem in die Wand eingelassenen Regal lagen mehrere Bücher. Sein Blick blieb an dem blutverschmierten Blatt einer schweren Axt hängen, das in einem Holzbock steckte, und jäh fuhr ihm durch den Sinn: Wenn man sie nur fütterte, um sie später zu schlachten und verschlingen zu können …?

»Wer seid ihr?« fragte der zottlige Mann, der ihnen geduldig beim Essen zuschaute.

Heinrich schluckte seinen letzten Bissen Brot, richtete sich auf und erklärte: »Ich bin König Heinrich.«

Bevor er ergänzen konnte: »Der Sohn des Kaisers«, brach der Zottelmann mitsamt seiner Frau in Gelächter aus. »O guter Gott, der König! Welcher Wink des Schicksals!« Er prustete vor Lachen. Der bucklige Stiernacken wieherte mit.

»Allerdings ein wenig geschrumpft«, stieß der Waldmensch aus, noch immer lachend. »Zwei Königskinder, und sie sind zusammen gekommen, verloren und hungrig!« Er versuchte, wieder ernst zu werden, und bückte sich zu ihnen herab: »Und wer bin ich, ihr Engelchen?« Spott stand in seinen Augen, als er vor Heinrich das Segenszeichen machte, sich reckte und ausrief: »Ich muß der Papst sein!«

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2. KAPITEL

Speyer 1055

Vor Kälte und überstandenem Schrecken zitternd, lag Mathilde in ihrem weichen Nachtlager aus Stroh unter mehreren Schichten schwerer Wolldecken. Die Mutter an ihrer Seite hatte ihre Hand gehalten, schien jedoch eingeschlafen zu sein und schnarchte leise. Eine kleine Kerze flackerte vor sich hin und ließ an den kahlen Wänden Gespenster tanzen. Mathilde hatte alle Gebete und Psalmen, die sie auswendig wußte, aufgesagt, aber Gott der Herr, den sie aus den Tiefen ihrer blutigen Schrecken rief, schien ihre verängstigte Stimme zu überhören. ER vertrieb die Gespenster nicht, die Bilder von dunkel schimmernden oder in grellem Weiß überstrahlten Wäldern. Vor ihren Augen sirrten Pfeile von der Sehne, drangen tief ins Fleisch, und Blut schrieb eine Botschaft in den Schnee, die sich langsam im Flockengestöber verlor, als der Leichnam hinweggezerrt wurde.

Mathilde hatte, als sie sich in der Hütte aufwärmten, dem zottligen Alten zu erklären versucht, wer sie waren und warum sie sich verirrt hatten, und ihn anschließend gebeten, sie zurück zum Hafen oder zur Pfalz zu bringen. Sie versprach ihm eine Belohnung und drängte zur Eile, weil sie genau wußte, daß man ihr für das Verschwinden im Wald die Schuld geben würde. Der Alte jedoch reagierte auf ihre Bitten nicht, obwohl er freundlich blieb. Seine Frau entblößte ihre Zahnstummel wie eine höhnisch grinsende Hexe. Der Bucklige hatte das Fleisch vom Spieß gezogen und schlug sein Pferdegebiß hinein.

Heinrich schaute ihm beim Vertilgen seiner Fleischbrocken zu und wärmte seine Hände am Feuer. Die Frau kroch plötzlich nah an die beiden Kinder heran, musterte forschend ihre Gesichter, beobachtete anschließend die Flammen wie den Rauch und drückte die Holzscheite mit einem Stecken auseinander. Als die Flammen sich niederduckten und in das Holz zurückziehen wollten, befahl sie den Kindern zu pusten. Erneut flackerte das Feuer auf, der Rauch kräuselte und wand sich empor, bis er unter dem Dach in Schwaden hängenblieb, schließlich jedoch durch den Rauchabzug emporgerissen wurde in den unsichtbaren Himmel.

»Seht ihr, wie die Flammen sich zueinander neigen, als wollten sie sich verschlingen?« rief die Frau.

Mathilde preßte ihre Hände vor die Brust und bekreuzigte sich knapp.

Die Frau lachte, hustete, krächzte schließlich: »Eure Schicksale sind miteinander verwoben wie die Flammen der beiden Holzscheite; über ihnen liegt ein dunkler Schatten wie der Rauch, der nicht abziehen will …«

»Schluß damit, Weib!« Der Mann stieß seine Frau zur Seite, half den Kindern auf und gab dem Buckligen einen Wink mit dem Kopf.

Mathilde warf sich in dem knisternden Lager herum und suchte den Blick ihrer Mutter, deren Augen geschlossen blieben. Das Zittern hatte nachgelassen, doch noch immer tanzten die Gespenster, die Kerzenflamme flackerte, als striche ein unsichtbarer Nachtalp vorbei, ein kleiner Rußfaden ringelte sich an die Decke …

Es hatte aufgehört zu schneien, als der Bucklige mit ihr und Heinrich die Hütte verließ. Seine Mutter hatte ihm einen dicken Pelz über den Rücken geworfen und seinen Kopf unter einer Kapuze verschwinden lassen. Während sie losstapften, schnaubte er durch die Nase, warf den Kopf nickend nach vorne und wieherte. Auch schien er zu humpeln. Er eilte, sich auf einen langen Stecken stützend, voraus, winkte mit fahrigen Bewegungen, um mit ihnen von dem Waldpfad abzubiegen und sich krachend einen Weg durch das Unterholz zu bahnen. Einmal schlug er mit seinem Stecken wild gegen einen Baumstamm, brüllte unartikulierte Laute und wies ins Dickicht, in dem Mathilde jedoch nichts erkennen konnte.

Als sie auf einer Eisfläche zu Boden rutschte, stand er plötzlich breitbeinig über ihr, ließ sich auf die Knie fallen und drückte sie, völlig unerwartet, in den Schnee. Das verunstaltete, schwachsinnig grinsende Gesicht näherte sich ihr, aus seinem Mund lief der Speichel. Mathilde stieß einen Schrei aus. Schon preßte ihr der Bucklige seine Lippen auf den Mund, seine Hand glitt ihren Körper hinab. Nach einem Augenblick gelähmten Schreckens versuchte sie, seinen Kopf wegzudrücken. Heinrich, der zu begreifen schien, was geschah, stürzte sich auf ihn und schlug ihm mit seinen kleinen Fäusten auf den verkrüppelten Rücken.

Der Bucklige schien sich zu besinnen, packte Mathilde an ihrem wollenen Rock, riß sie hoch, und ehe sie sich versah, hatte er sie wie einen Sack geschultert. Sie strampelte mit den Beinen und schlug auf ihn ein. Unter ihr Heinrichs aufgerissene Augen. Kaum war sie über den Buckel wieder nach unten gerutscht, wurde ihr so schlecht, daß sie sich übergeben mußte. Als Heinrich erneut begann, auf den Verrückten einzuschlagen, fiel der auf die Knie, streckte ihnen die Hände flehend entgegen und spuckte wimmernde Laut aus. Heinrich wich zurück. Sofort sprang der Bucklige auf die Füße, griff nach ihren Armen und zerrte sie durch den Wald, ohne darauf zu achten, daß sie sich an Ästen Beulen und Schrammen holten. Schon hörten sie Stimmen, brachen durch ein letztes Dickicht und entdeckten die erlösenden Retter.

Der Kaiser stürzte inmitten seiner Suchmannschaften herbei, stieß die Umstehenden zur Seite, riß seinen Sohn an sich und heulte auf vor Erleichterung und Glück; er nahm ihn auf den Arm und küßte ihn, hob auch Mathilde hoch und bedeckte sie mit feuchten Bartküssen. Als er den Buckligen entdeckte, verzerrte sich sein Gesicht, er setzte die beiden wieder ab und schrie auf ihn ein. Der Bucklige wich grinsend zurück, entblößte seine Zähne, schnaubte und stöhnte ängstlich, humpelte davon, stürzte in den Schnee, raffte sich auf …

»Bleib stehen!« schrie der Kaiser ihm nach. »Ich will mit dir sprechen!« Als der Bucklige nicht reagierte, begann er zu toben: »Hast du nicht gehört, du verkrüppelter Hurensohn?«

Der Bucklige stolperte wie ein gehetztes Tier auf den Waldrand zu.

»Holt ihn! Ich will ihn haben! Lebendig oder tot!«

Alle stürzten sie los. Die Hunde zerrten an den Leinen. Zwei berittene Leibwächter gaben ihren Pferden die Sporen, um dem Flüchtenden den Weg abzuschneiden. Ein Schütze nahm seine Armbrust, zielte sorgfältig und schoß. Der Pfeil drang tief in den Rücken des Buckligen. Der Länge nach stürzte er in den Schnee, kroch auf allen vieren vorwärts, bäumte sich mit einem ersterbenden Schrei noch einmal auf und rührte sich nicht mehr.

Stumm vor Entsetzen hatte Mathilde, Heinrich an der Hand, zusehen müssen. Voller Angst, ein strafender Gott könnte sie augenblicklich von der Erde vertilgen, stapfte sie mit den anderen auf den Toten zu und beobachtete, wie der Schnee neben seiner Brust sich rot zu färben begann.

Später, als die Hofgesellschaft gemeinsam zu Abend speiste, wurde bereits wieder gelacht. Lediglich die Mütter blieben wortkarg und ernst, und in Heinrichs Augen hielt sich der Schrecken. Er aß kaum etwas und wurde bald zu Bett geschickt, während Mathilde zitterte, als hätte ein Dämon ihre Hand verhext, und keinen Bissen herunterwürgen konnte. Sie sah den Pfeil im Rücken des Toten stecken, auch jetzt noch, während sie wach lag, mit heftig schlagendem Herzen, umtanzt von höhnischen Gespenstern, und sie sah einen weiteren todbringenden Pfeil, einen dahingestreckten Körper und Blut, welches das Wasser einer fröhlich gluckernden Quelle rötlich färbte.

Quälende Erinnerungen, die sich unter einem oberflächlichen Vergessen versteckt hielten, waren wieder aufgetaucht. Vor Jahren hatte der elterliche Hof in den Wäldern westlich von Mantua eine große Wolfsjagd veranstaltet. Als die Hörner das Ende der Jagd verkündeten, war der von ihr innig geliebte Vater nicht zum Lager zurückgekehrt. Man suchte ihn hektisch, und als man ihn entdeckte, stürzte sie als eine der ersten zu ihm: Da lag er, mit dem Kopf im blutigen Wasser einer Quelle, und in seinem Rücken steckte ein vergifteter Pfeil. Sonst schien er unverletzt, seine grauen, gelichteten Haare, mit denen Mathilde als kleines Kind so gern gespielt hatte, kräuselten sich im Nacken.

Nie wurde aufgeklärt, wer Bonifacio von Canossa heimtückisch getötet hatte, kein Schuldiger bestraft und zur Hölle geschickt. Doch gab es Gerüchte, die so unerträglich waren, daß Mathilde sie nie wirklich wahrzuhaben wagte.

Dieser Mordanschlag riß sie aus dem Glück ihrer frühen Jahre, verfolgte sie in ihren Nächten, brachte ihr andauerndes Fieber, entfremdete ihr die Mutter, die nur verhaltene Trauer zeigte und bald darauf ihren entfernten Vetter Gottfried den Bärtigen heiratete, den ehemaligen, vom Kaiser abgesetzten Herzog von Lothringen, der seinen Herzogsrivalen ermordet hatte und dafür lange eingesperrt worden war – sie heiratete ihn heimlich, ohne den Kaiser gefragt zu haben, der aber seine Zustimmung hätte geben müssen und der daher mit einem Heer die Ebene des Po heimsuchte, Mantua einschloß, Canossa belagerte, die Mutter gefangennahm. Der Stiefvater hatte sich mit seinem vierzehnjährigen Sohn feige in sein Stammland abgesetzt. Dies hätte ihr richtiger Vater nie getan.

Ihre Mutter Beatrix und sie hatten Kaiser Heinrich mit kleinem Gefolge nach Deutschland begleiten müssen. Der Kaiser, ein direkter Vetter ihrer Mutter, erinnerte sie beunruhigend an den eigenen Vater. Nicht allein wegen der jähzornigen Ausbrüche oder wegen des gezwirbelten Bartes, auch wegen seines Lachens und weil er sie gerne an die Brust drückte und küßte, ihr abschließend einen zärtlichen Klaps gab – was ihn nicht daran hinderte, Augenblicke später wie ein tollwütiges Tier zu toben und auf alle, die sich in seine Nähe wagten, loszuprügeln, sogar auf Tante Agnes und seine Töchter, selten allerdings auf seinen Sohn Heinrich und ihre Mutter Beatrix. War die Wut verraucht, entschuldigte er sich mit brüchiger Stimme.

Auch diesmal hatte er dem vom Pfeil tödlich Getroffenen noch einen Fußtritt gegeben, dann den Pfeil aus dem Buckel gerissen, seine Hände auf das aus der Wunde sprudelnde Blut gepreßt, sich selbst verflucht und den allmächtigen Vater im Himmel um Hilfe angefleht.

Der Bucklige jedoch, das Gesicht im Schnee verborgen, wurde nicht wieder lebendig.

»Mama!« rief Mathilde leise. Sie hatte sich aufgerichtet und sah die Kerze langsam erlöschen.

Ihre Mutter schlug die Augen auf.

»Ich habe Angst!«

Die Mutter suchte nach einer zweiten Kerze und entzündete sie an den letzten Zuckungen der Flamme.

»Ich kann nicht schlafen.« Mathilde preßte sich an ihren warmen Körper. »Der Bucklige …«

»Es war eine Sünde, ihn zu töten. Gott wird den Schuldigen strafen.«

»Er hat mich mit seinem Pferdegebiß geküßt. Wollte er mich wirklich …?«

»Vergiß ihn! Er hat für seine Tat gebüßt.«

»Mama, ich muß an Papas Tod denken.«

Der Körper ihrer Mutter straffte sich, und sie stieß Mathilde von sich. »Ich will nichts davon hören! Es war schwer genug damals. Zuerst das unglückliche Ende deines Vaters, dann gingen deine beiden älteren Geschwister zu den Engeln … Aber Gott hat uns beauftragt, weiter zu leben, selbst wenn es mitunter schwerfällt. Ich bin noch nicht alt, vielleicht erhört die gnadenreiche Jungfrau mein Flehen … Du hast einen neuen Vater, von dem wir zur Zeit leider getrennt leben müssen … sogar einen neuen Bruder …« Ihre Stimme wurde leiser, unsicher.

Mathilde spürte ein Würgen im Hals. Jedesmal erfaßte sie Übelkeit, wenn sie an ihren Stiefbruder dachte – den alle Gottfried den Buckligen nannten. Die heutigen Geschehnisse hatten ihren schuldbeladenen Widerwillen nur verstärkt.

Sie atmete langsam und tief, bis das Würgen nachließ, und versuchte, an etwas Schönes zu denken, zum Beispiel an die Schneeballschlachten mit Heinrich, die im Gelächter erstickten, wenn sie sich im Schnee balgten und schließlich atemlos aufeinander lagen. Oder daran, wie sie im Hof mit den Hundewelpen spielten. Heinrich liebte Hunde und ging sogar mit den großen, bissigen unbefangen um. Er liebte überhaupt alle Tiere und beobachtete sie stundenlang. Da er bereits pfeifen konnte, versuchte er den Vogelgesang nachzuahmen und freute sich königlich, wenn sie ihm zu antworten schienen. Oder er begab sich in die Pferdeställe und sang den ihn neugierig anschauenden Reittieren ein Kinderlied vor. Dann fütterte er sein Pony, auf dem er gut und ausdauernd reiten konnte, mit Rüben und kraulte seine Ohren. Im Frühling waren sie über duftende Wiesen gelaufen, sie flocht Heinrich eine Krone aus Maßliebchen, Margeriten und Löwenzahn, er nannte sie meine geliebte Frau Gemahlin und Kaiserin, und Arm in Arm stolzierten sie, sie einen Kopf größer als er, zu den Eltern. Alle mußten sie lachen, ihre Mutter und Tante Agnes, die Kanzler und Notare, sogar die Erzbischöfe. Nur der Kaiser nicht: Er blieb ernst, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, als wollte er einen unangenehmen Gedanken verscheuchen. Im Grunde, so fand Mathilde, wirkte er nicht böse, sondern traurig.

»Ich werde doch einmal Heinrich heiraten, nicht wahr? Papa hat mir immer versprochen, daß ich Kaiserin werde.«

Die Mutter antwortete nicht.

»Mama …?«

»Der Kaiser bestimmt, wen Heinrich heiratet.«

»Ich mag ihn, obwohl er jünger ist als ich.«

»Ich weiß, mein Kind.« Sie seufzte.

Mathilde mochte ihn wirklich, den Kleinen – er lachte so ansteckend und war immer fröhlich, und wenn sie ihn tadeln mußte, dann schaute er unter seinen widerspenstigen Haaren so schelmisch, daß sie ihm nie böse sein konnte. Schon die großen blauen Augen, die seine Mutter stets hervorhob, blickten in die Welt, als könnten sie kein Wässerlein trüben, dabei waren sie gar nicht richtig blau, sondern eher graugrün, sie hatte die Iris genau betrachtet – und singen konnte er nicht nur die Gutenachtliedchen der Amme, sondern auch Kinderlieder aus Aquitanien, die Tante Agnes gern vor sich hinsummte, wenn sie vor ihrem Stickzeug saß.

»Er hat die Stimme eines Engels«, hatte Mathildes Mutter einmal zur Kaiserin gesagt, als Heinrich mit klarem Gesang in das Summen eingefallen war, und Tante Agnes’ Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.

»Mama …«

»Mein Kind – nun hör doch: Solange wir Geiseln sind …« Als wisse sie nicht mehr, was sie sagen wollte, unterbrach sie sich und zog Mathilde erneut an ihre warme Brust. Ihre Stimme wurde weich: »Ich werde noch einmal mit dem Kaiser sprechen – obwohl er mir und insbesondere deinem Stiefvater gegenüber mißtrauisch ist. Im Grunde kann ich ihn verstehen. Ich denke, er hat bereits andere Pläne …« Sie schaute nachdenklich in die Kerzenflamme. »Es gäbe keine bessere Lösung – ach, mein Mädchen, wenn du wüßtest …«

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3. KAPITEL

Goslar 1056

Beatrix von Tuszien-Canossa beobachtete vom Palasfenster zu Goslar die beiden Kinder, die im Atrium vor der Pfalzkapelle Fangen spielten. Ein knappes Jahr lang waren sie und ihre Tochter Mathilde Geiseln des kaiserlichen Vetters gewesen, bis ihr die Versöhnung zwischen Heinrich, dem unangefochtenen Herrscher, und Gottfried, ihrem stolzen Gemahl, gelungen war. Hatte das zahlreich versammelte Gefolge des Kaisers demnächst seine Herbstjagd beendet, durften sie endlich nach Italien zurückkehren, unter dessen Himmel sie, die Markgräfin von Tuszien-Canossa, und er, der ehemalige und zukünftige Herzog von Lothringen, das Sagen hatten. Lediglich eins war ihr bisher noch nicht gelungen: den Kaiser davon zu überzeugen, daß ihre Tochter Mathilde und sein Sohn Heinrich aus vielerlei Gründen zusammengehörten.

»Ich krieg dich!« schrie der kleine Heinrich und stürmte an den von Kaiserin Agnes geliebten Rosen vorbei auf Mathilde zu, die ihm geschickt auswich, hinter einer Arkadensäule verschwand und sich dann von dem jungen König um diese Säule jagen ließ. Mit ihnen tobte ausgelassen bellend ein junger Hund, den sein Vater ihm kürzlich zu seiner großen Freude geschenkt hatte.

Struppig und verdreckt, wie Heinrich bereits war, stieß er an die Kante einer Platte und fiel der Länge lang hin. Er raffte sich stöhnend auf, schob den herbeidrängenden Hund zur Seite und betrachtete das aufgeschrammte Knie. Die Kinderfrauen eilten zu ihm, um seine Wunde zu reinigen. Sein Gesicht vor Schmerz verzogen, humpelte er einige Schritte, ohne eine Träne, ohne jegliches Geschrei.

Mathilde stand unterdessen neben einem Rosenstock, wagte sogar, einen Stengel zu brechen und an der Blüte zu riechen, während sie beobachtete, wie die Frauen vor Heinrich knieten, auf die Wunde spuckten und heidnische Zaubersprüche herunterleierten. Der Junge stieß sie nach einer Weile zur Seite und humpelte lächelnd auf Mathilde zu, als müßte er sich für den Sturz entschuldigen.

Stolz blickte Beatrix auf ihre Tochter. Das rotblonde Mädchen, gleichmäßig gewachsen, bewegte sich noch etwas schlaksig, man konnte jedoch bereits erahnen, daß sie sich mit ihren gleichmäßigen Zähnen, den dichten, langen Haaren und dem kräftigen Körperbau zu einer begehrenswerten und vermutlich fruchtbaren Frau entwickeln würde. Ihre strahlenden Augen versprachen einen guten Charakter, und ihre Körpersäfte schienen im Gleichgewicht zu sein, so daß, blieb ihr die Gnade des Herrn erhalten, keine Gefahr bestand, sie könnte ihren Geschwistern in den Himmel folgen.

Langsam streckte Mathilde dem kleinen Heinrich die Rose entgegen, und als er zugreifen wollte, zog sie die Blume hastig zurück. Bevor sie weglaufen konnte, stürzte er sich auf sie, und eine Weile rangen die beiden spielerisch um den Besitz der Blüte – bis sie gleichzeitig aufschrien und die Rose zu Boden fiel. Während der Hund an ihr schnupperte, begutachteten sie gegenseitig ihre Hände. Offensichtlich hatten sie sich gestochen, denn nun lutschte jeder dem anderen das Blut von den Fingern. Wenn dies kein Omen war! Wenn dieses kindliche Spiel nicht darauf hinwies, daß Heinrich und Mathilde füreinander bestimmt waren! Bereits die unschuldigen Kinder vereinten ihr Blut!

Beatrix nahm sich vor, ein letztes Mal mit dem Kaiser zu sprechen, nachdrücklich und in aller Offenheit. Selbstverständlich wußte sie, daß Heinrich andere Ziele mit seinem Sohn verfolgte, aber für einen so mächtigen Mann wie den Kaiser mußte es möglich sein, die bei der Rückkehr aus Italien vereinbarte Heiratsabsicht mit der erst fünfjährigen, trotz ihrer dunklen Haare blassen und wahrscheinlich kränkelnden Bertha von Turin zu lösen – zumal er sich in der Zwischenzeit mit ihrem Gottfried ausgesöhnt hatte.

Auf ihr weibliches Geschick war Beatrix stolz. Als Geiseln hatte ihr kaiserlicher Vetter sie und ihre Tochter mit sich geschleppt, und doch durften sie wie hofierte Gäste aus dem reichen Italien an seiner Tafel sitzen, direkt neben ihm. Nicht nur der kleine Heinrich, sondern auch sein Vater verliebten sich in Mathilde. Der Kaiser schmatzte sie häufig genug ab, mehr zumindest als seine eigenen Töchter, die in ihrer frömmelnden Verhuschtheit ihrer Mutter Agnes ähnelten.

Als Beatrix endlich gelungen war, den Kaiser mit seinem mächtigsten Vasallen zu versöhnen, triumphierte sie innerlich. Vermutlich hatte Heinrich die bedeutendsten Fürsten und Bischöfe des Reichs hier in Goslar versammelt, um etwas Wichtiges zu verkünden, und nicht allein, um mit ihnen auf Eberjagd zu gehen. Es weilte sogar Papst Victor am Hof, der ehemalige Bischof von Eichstätt, vom Kaiser selbst auf den Stuhl Petri gesetzt und ihm daher zu Dank und Gefolgschaft verpflichtet; außerdem Abt Hugo von Cluny, der Taufpate des kleinen Heinrich, hochverehrt als Erneuerer des Christentums und heimlicher pontifex maximus. Wenn dies nichts bedeutete!

Das heftige Bellen der Hundemeute, die im Wirtschaftshof vor dem Palas zusammengeführt wurde, lenkte sie ab. Man begann, zur Jagdpfalz nach Bodfeld aufzubrechen. Der Oktober stand vor der Tür, die Schweine mästeten sich an Eicheln und Bucheckern, wagten sich, frech und verfressen, bis an die Waldränder. Seit Tagen schon waren die Hunde unruhig und brachen während der Nächte in ein höllisches Heul- und Bellkonzert aus, das ihr manche Stunde Schlaf raubte.

Sogar Gottfried war davon aufgewacht. Er schien der Jagd entgegen zu fiebern, im Gegensatz zu ihr, die seit dem Mord an ihrem ersten Gemahl Bonifacio nie mehr im Gefolge der Männer durch die Wälder geritten war und nicht einmal an einer Falkenjagd teilnahm. Gottfried warf sich mehrfach herum, und als er bemerkte, daß sie nicht schlief, wanderte seine warme, kräftige Hand über ihre Brüste; bald zog er sie an sich und drang nach wenigen Küssen in sie ein.

Nachdem sie so lange einander hatten entbehren müssen, war Gottfried ausgehungert wie ein Wolf und bewies ihr jede Nacht, daß er sie unbändig begehrte. Ihr ging es kaum anders. Häufig hielt sie sich für sündig, weil sie so viel Spaß am ehelichen Beiwohnen empfand. Zudem störte sie, daß Mathilde und sogar Gottfrieds buckliger Sohn im gleichen Raum nächtigen mußten. In Mantua oder auf der Burg von Canossa schliefen die Kinder selbstverständlich in eigenen Räumen. Dabei war die Kaiserpfalz zu Goslar ein prächtiger Bau, Heinrichs Stolz, mit einem beeindruckenden Reichssaal, geschmückten Kaminen und zahlreichen Teppichen an den Wänden – da kannte sie ganz andere Burgen, zugige Holzschuppen mit halbfertigen Bergfrieden und läppischen Palisadenwällen. Wenn man allerdings – wie der Kaiser – ein solch zahlreiches Gefolge um sich versammelte, konnte der Raum knapp werden. Schlimmer würde es in Bodfeld zugehen, das allein für die Jagd eingerichtet war. Bis auf die Kaiserin schliefen dort alle Frauen in einem Raum, nebenan die Dienerschaft, und in wenigen weiteren Räumen schnarchten die Männer, mit Bier und Met abgefüllt, die Bäuche vollgeschlagen mit Wildschweinfleisch – es stank wie im Hundezwinger, und das gemeinschaftliche Sägen und Säuseln erst …

Mathilde und Heinrich rannten erneut schreiend und lachend um die Rosenbeete, als Kaiserin Agnes, eingerahmt von Papst Victor und seinem kurialen Begleiter, Archidiakon Hildebrand, aus der Kapelle traten, in der sie eine Andacht abgehalten hatten. Dieser Hildebrand trug auf seinen Schultern einen mächtigen, bis auf die Tonsur rasierten Schädel, der so gar nicht zu der Statur und Größe seines Körpers passen wollte. Auch sein hageres, bartloses Gesicht war nicht gerade von Schönheit geprägt, sein Blick allerdings schlug jeden in Bann, dem er entgegentrat: Aus seinen flammenden Augen sprachen das Wissen und der Wille eines eifernden Propheten.

Den beiden folgte, ins Gespräch vertieft mit dem grauhaarigen Bremer Erzbischof Adalbert, der rundliche, meist gutgelaunt lächelnde Abt Hugo, ein offenkundiger Liebhaber burgundischen Weins. Hinter ihnen schritt Erzbischof Anno von Köln, mit verbissener Miene, in schlechter Stimmung, wie so häufig, in Begleitung seines wohlgebauten Scriptors, der, wenn sie sich richtig erinnerte, Lampert hieß. Beatrix haßte Anno, den zur Zeit einflußreichsten Berater des Kaisers – weil er sich offen gegen die Versöhnung mit Gottfried ausgesprochen und ihre Ehe eine sündige, ja inzestuöse Buhlschaft genannt hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß er eine Verbindung zwischen Mathilde und dem kleinen Heinrich befürwortete, denn er unterstellte ihrem Gottfried, wenn auch unausgesprochen, er strebe den Königstitel an.

Die Kinder tobten, gefolgt von dem bellenden Hund, um die Säulen, ohne sich an dem Heiligen Vater und seinem Gefolge zu stören. Kaiserin Agnes blieb stirnrunzelnd stehen und rief: »Kinder! Gebt Ruhe!« Papst Victor lächelte nur. Abt Hugo und Erzbischof Adalbert blickten mit freundlichem Sanftmut auf Heinrich und Mathilde; nicht dagegen Erzbischof Anno und schon gar nicht Archidiakon Hildebrand, der seine Lippen zusammenpreßte und zwischen dessen Augen sich eine tiefe Falte bildete. Seine buschigen Augenbrauen waren fast zusammengewachsen. Erneut stellte Beatrix fest, daß dieser häßliche Mann eine seltsame Macht ausstrahlte. Wüßte sie nicht, wer der pontifex maximus und wer sein Archidiakon war, und könnte sie die beiden nicht an ihren Gewändern unterscheiden, so hielte sie zweifelsohne Hildebrand für den Papst. Der Heilige Vater lächelte bescheiden, sprach selten und leise – Hildebrand dagegen sprach häufig und laut, lächelte nie, trug sein Haupt aufrecht und durchbohrte mit seinem Blick jeden, den er ansprach. Selbst Gottfried schlug die Augen nieder, begegnete er dem Römer, und äußerte ihr gegenüber, diesen Mann dürfe man nicht aus den Augen lassen und nie unterschätzen.

»Kinder, bitte! Der Heilige Vater …«

Heinrich und Mathilde schienen die Worte der Kaiserin nicht zu hören.

»Laß sie spielen, meine Tochter«, sagte der Papst, »du weißt doch, was Jesus sprach: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn ihrer ist das Reich Gottes.«

In diesem Augenblick legten sich zwei Hände um Beatrix’ Augen, und ein heißer Atem strich an ihrem Ohr entlang.

»Wer bin ich?«

»O Heinrich, hast du mich erschreckt!«

Der Kaiser gab lachend ihre Augen frei, hielt jedoch ihren Körper umschlungen und zog sie ein Stück vom Fenster zurück. Sein Kinn lag auf ihrer Schulter, der Bart strich über ihren Hals.

»Meine liebste Cousine, meine Kindheitsgespielin …«, flüsterte er.

»Warum warst du nicht in der Andacht?« Beatrix versuchte sich zu befreien. Der Kaiser jedoch preßte sie nur fester an sich.

»Eine Messe am Tag reicht mir.«

»Ob sie wirklich reicht, damit dir deine zahlreichen Sünden vergeben werden?«

Er lachte. »Du bist noch immer die freche Beatrix. Stolz – und schön.«

Sie erwiderte sein Lachen. »Und du der draufgängerische Heinrich, der sich alles nimmt.« Erneut versuchte sie, diesmal mit wenig Nachdruck, sich zu befreien.

Er ließ seine Hände über ihren Bauch und die Hüften gleiten.

»Heinrich, wenn uns jemand sieht!«

Er küßte sie auf den Hals.

»Hast du beobachtet, wie unsere Kinder so lieb miteinander spielen. Sie mögen sich wirklich, Heinrich.« Mit einem Ruck entzog sie sich seinen Händen und drehte sich, um ihm in die Augen zu schauen. »Wir durften nicht heiraten, obwohl wir uns liebten. Heinrich, begehe nicht den gleichen Fehler wie dein Vater! Du kannst die beiden glücklich machen und deinem Sohn langfristig die Herrschaft sichern, wenn …«

Heinrich packte sie unsanft an den Schultern. »Warum hast du dich dem lothringischen Bastard an den Hals geworfen? Und mich dadurch verraten? Du hast mich doch gezwungen, das Bündnis mit Turin zu suchen. Jetzt kann ich nicht mehr zurück, ein Kaiser steht zu seinem Wort. Außerdem: Garantierst du mir, daß dein bärtiger Gottfried mir nicht in den Rücken fällt? Mir ist seit langem klar, daß er mich beerben will – er kennt keine Skrupel, schreckt nicht einmal vor Mord zurück, das weißt du genau. Er würde auch dich fallenlassen – und meinen Sohn erdolchen!«

Beatrix hörte nicht auf seine Worte. Selbstredend war Heinrich eifersüchtig auf Gottfried, mißtraute ihm, fürchtete seine Konkurrenz, aber gerade deswegen müßte er versuchen, Tuszien und Lothringen an sich zu binden. »Wenn das Haus Canossa hinter dir steht, Heinrich, wird jeder Zug nach Rom einem Triumphzug gleichen, kein Papst würde sich dir oder deinem Sohn je entgegenstellen, und die Normannen in Süditalien könntest du mit breiter Unterstützung niederhalten. Die Lombarden sind ohnehin kaisertreu. Adelheid von Turin allein kann dir also nie gefährlich werden. Überlaß ihr eine reiche Grafschaft, dann wird sie die Kränkung schnell vergessen – und ich sorge dafür, daß Gottfrieds Sohn die kleine Bertha trösten darf. Er wird einmal der mächtigste Vasall im Reich …«

»Wer will schon diesen buckligen Krüppel heiraten?« Der Kaiser schüttelte den Kopf. »Dies wäre eine doppelte Beleidigung.«

Beatrix schaute ihn flehend an. Sie näherte sich ihm, legte ihm zärtlich die Hand auf seine Wange. »Heinrich, denk an unsere Kindheit! Tu es für uns beide!«

Unversehens verkrampfte sich sein Gesicht, seine Augen schienen feucht zu werden – da riß er sie an sich und küßte sie leidenschaftlich auf den Mund. Zuerst wehrte sie sich, schließlich gab sie nach. Noch einmal, nach langen Jahren, spürte sie diesen Mann, den sie nicht hatte lieben dürfen, weil sie zu nahe verwandt waren und ihre Eltern ihnen ein anderes Schicksal zugedacht hatten. Während er sie küßte, fühlte sie mit allen Sinnen die gemeinsame Kindheit und Jugend zurückkehren: die langen Ausritte und die Ballspiele, die satten Wiesen am Rand der gluckernden Bäche, die süßen Erdbeeren, die sie sich gegenseitig in den Mund steckten, und die Kirschen, die sie sich über die Ohren hängten; sie sah den abendlichen Glutball der Sonne über dem Horizont versinken und hörte das Rauschen des Winds in den Wäldern, sie hörte ihre Zähne die Walnußschalen knacken, und wenn sie gemeinsam mit Heinrich auf Pilzsuche ging, faßten sie sich an den Händen; gemeinsam verloren sie sich in einer dunklen, verwirrenden Welt voller Abenteuer, in der neben wohlschmeckenden auch giftige Pilze wuchsen. In ihrer Erinnerung waren die Menschen ihres Gefolges ausgelöscht, lediglich sie allein krochen durch das Unterholz, liefen an Bächen entlang und legten sich in kühles Gras. Dort küßten sie sich, und die Küsse waren so süß wie reife Erdbeeren …

Doch nun beschwor Heinrichs Kuß nicht nur die Süße vergangener Tage. Beatrix nahm gleichzeitig etwas anderes wahr, einen bitteren Geschmack und den Geruch nach Fäulnis und Verwesung.

Sie entzog Heinrich ihre Lippen. Stumm barg er seinen Kopf an ihrer Brust, wie ein hilfloses, verzweifeltes Kind.

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4. KAPITEL

Goslar und Bodfeld 1056

Agnes von Poitou, die Kaiserin, begab sich nach der Andacht mit dem Heiligen Vater und den höchsten geistlichen Würdenträgern zum Palas, wo man sich zum Aufbruch nach Bodfeld rüstete. Im Atrium tobten und lärmten der zukünftige König und seine tuszische Verwandte, ohne die ruhige Würde an den Tag zu legen, die sie – zumal unter den Augen des Heiligen Vaters – bereits in ihrem Alter zu zeigen hatten. Aber brauchte sie sich zu wundern? Heinrichs Vater hatte noch nie geziemende Ehrfurcht und Demut vor den höchsten Dienern Gottes bewiesen, und Beatrix, seine leichtlebige Cousine, sah man eher selten in der Messe oder beim Gebet. Auch diesmal waren beide der Andacht ferngeblieben, obwohl gerade der Kaiser Fürbitten vor dem Weltenrichter benötigte, wenn ihm sein Seelenheil am Herzen lag, und zwar Fürsprecher apostolischer Sittenreinheit, keine simonistischen Sünder.

Die Kaiserin schämte sich vor dem Heiligen Vater, weil ihr Sohn nicht einmal ihrer Ermahnung folgte. Der Papst jedoch, mild wie der Heiland selbst, ließ sich vom kindlichen Toben nicht stören – im Gegensatz zu seinem römischen Begleiter Hildebrand, der seinen Unmut beim Eintreten in den Palas mit vernehmlicher Stimme kundtat: »Wer die Rute spart, versündigt sich an den Kindern. So steht es in der Heiligen Schrift.« Er warf einen beifallheischenden Blick auf Erzbischof Anno, der stumm nickte. Agnes wollte den Römer für seine anmaßende Bemerkung zurechtweisen, doch fiel ihr nicht die passende Erwiderung ein, außerdem verschloß sein Blick ihr die Lippen. Glühende Röte flog über ihre Wangen, bevor sie in blutleerer Kälte erbleichten.

Der Heilige Vater und seine Begleiter begaben sich zu ihren Unterkünften, in denen sie sich für die Reise umkleiden wollten, während Agnes in das Atrium zurückkehrte, um freier atmen zu können und nach der Rose zu schauen, die sie, in den Staub geworfen, am Boden hatte liegen sehen. Die Männer waren achtlos über sie hinweg geschritten – über die Blume Mariens, das Zeichen hingebungsvoller Liebe. Selbst der Heilige Vater! Allein Abt Hugo hatte seinen Schritt verlängert, um die zartrosa Blüte nicht endgültig im Staub zu zertreten.

Als Agnes sich bücken wollte, eilte Mathilde herbei, hob die Blume auf und reichte sie ihr. Welch armseliger, trauriger Anblick! Das Mädchen schaute schuldbewußt. Der kleine Heinrich, der, seinen Hund auf dem Arm, ebenfalls hinzugetreten war, berichtete, die Rose habe mit ihren Stacheln beide gestochen. »Es ist sogar Blut geflossen«, erklärte er gewichtig und hielt seiner Mutter die verschmutzten Finger entgegen. In einer plötzlichen Anwandlung überfließender Liebe drückte sie den ihr verbliebenen Sohn an sich, wobei sie der Hund abzulecken begann. Weil sie schleckende Hunde nicht vertragen konnte, wandte sie sich Mathilde zu, die flüsterte: »Ich war es, die die Rose abgebrochen und hingeworfen hat. Entschuldige, Tante Agnes, ich weiß, daß du Rosen so liebst.«

Alles verschwamm vor ihren Augen, so sehr überwältigte sie eine unerklärliche Trauer. Sie preßte nun beide Kinder samt Hund an sich und betete stumm das Ave Maria. Als sie wieder klar sehen konnte, entdeckte sie im Fenster des Palas’ Beatrix und hinter ihr den Kaiser. Während der Heilige Vater mit den Gottesfürchtigen betete, schoß es Agnes durch den Sinn, traf sich ihr Gemahl mit seiner Cousine … Sie unterbrach ihren Gedanken, schloß kurz die Augen, um sich besser beherrschen zu können, schickte die Kinder in den Wirtschaftshof, wo der Aufbruch nach Bodfeld vorbereitet wurde, und eilte, ohne ein zweites Mal emporzuschauen, in ihre Kemenate.

Während sie umgekleidet wurde, sprach sie ununterbrochen das Pater noster, das Ave Maria und Credo, um den Haßanfall, der sie durchtobte, zu übertönen. Zu häufig hatte Beatrix während des vergangenen Jahres den Kaiser umschmeichelt – wenn sie nicht gerade mit ihm stritt –, zu häufig diskutierte Heinrich während der Mahlzeiten mit seiner Cousine, während er sie, seine Gemahlin, wie Luft behandelte – und es gab sogar Nächte, in denen er dem Ehelager fernblieb, ohne am nächsten Morgen Gründe anzugeben. Zuweilen erklärte er, er habe die Nacht nach einer erfolgreichen Jagd im Freien verbracht oder das ius primae noctis in Anspruch genommen – was letztlich nichts anderes bedeutete, als daß seine Brunst wieder ein neues, unschuldiges Opfer gefunden hatte …

Agnes forderte ihre Kammerfrauen auf, sich zu beeilen. Der Zorn über den Kaiser verrauchte nur langsam. Dabei sorgte sie sich um ihn, betete täglich um sein Seelenheil ebenso wie um sein leibliches Wohlergehen, denn sie hatte während der letzten Wochen mehrfach beobachten müssen, daß seine Wutausbrüche abnahmen, die düsteren Stimmungen dagegen sich vermehrten. Seine gelbe Galle schien sich in schwarze zu verwandeln. Heinrich sah zudem blaß aus, stocherte appetitlos im Fleisch herum und spuckte sogar gelegentlich Blut. Statt seinen Leibarzt zu rufen und einen Aderlaß vornehmen zu lassen, fluchte er. Er haßte Ärzte. Gleichzeitig leugnete er sogar vor ihr, seiner engsten Gefährtin, sein Unwohlsein.

Warum er nach einem schönen Sommer ohne Unwetter und andere göttliche Warnungen kränkelte, wunderte sie: Womöglich war er die Zielscheibe einer Verwünschung oder eines Fluchs, oder der gerechte Weltenrichter hatte beschlossen, ihn für eine der vielen Missetaten zu bestrafen, die er in seiner jähzornigen und herrischen Art begangen hatte, für den Tod des buckligen Lebensretters in Speyer zum Beispiel oder für das Absetzen von drei Päpsten nach der Synode von Sutri, als er sich in Rom zum Kaiser hatte krönen lassen. Heinrich, von Gottes Gnaden erhabener Kaiser der Römer – wenn ihm nun der allmächtige Gott seine Gnade entzog, wenn die Römer und all die anderen Mächtigen im Reich ihm die Gefolgschaft aufkündigten?

Ein letztes Mal sprach Agnes den Kranz der drei Gebete und eilte in den Hof. Ein Teil des Gefolges war bereits aufgebrochen, der Kaiser selbst, in Begleitung von Gottfried dem Bärtigen, Beatrix und den Kindern, zwängte sich soeben im Staub der Pferdehufe durch das Tor. Der Jagdtroß begann ihm zu folgen.

Als die Sonne sich dem Horizont zuneigte, brach Agnes nach Bodfeld auf. Sie mochte diese Pfalz nicht, weil sie eng und nicht zu beheizen war. Das feuchte Stroh der Betten stank erbärmlich, ganze Flohheerscharen stürzten sich ausgehungert auf die Ankommenden, die sich in wenige Räume drängen mußten; sie selbst hatte für sich und den Kaiser lediglich ein kleines Schlafgemach.

Abends mit ihrem Gefolge in Bodfeld angekommen, richtete sie sich so gut es ging ein, ließ frische Kräuter ausstreuen und legte sich trotz des Lärms bald schlafen. Erstaunlich früh erschien ihr Gemahl, fiel stumm neben sie, schnarchte nicht einmal. Als die ersten Morgenstrahlen, die durch die Ritzen der Läden fielen, sie weckten, starrte Heinrich bereits mit tiefliegenden Augen an die Decke. Sie erhob sich und rief leise nach ihren Kammerfrauen.

»Sag den anderen, sie sollen ohne mich losreiten«, befahl der Kaiser mit schwacher Stimme. »Ich folge ihnen später. Wenn ich mich besser fühle.« Worauf er den ganzen Tag liegenblieb, jegliche ärztliche Konsultation verweigerte, nur Wasser oder ihre Kräuteraufgüsse trank. Seine eingefallenen Wangen glühten vor Fieber, sein Atem rasselte, er mußte verstärkt husten und spuckte Blut.

Und nun begannen Tage, die Agnes lediglich dadurch überstand, daß sie sich vermehrt zu Beichte und Gebet zurückzog. Der Kaiser verließ auch am zweiten Tag sein Bettlager nicht, Schüttelfrost erfaßte ihn, und während mancher Stunden schien er nicht bei Bewußtsein zu sein. Der endlich zugelassene Leibarzt betrachtete ernst seinen dunklen Urin und wollte ihn zur Ader lassen, was der Kranke sogar jetzt noch verweigerte.

Ein Großteil des Hofstaates wurde nach Goslar zurückgeschickt. Papst Victor, assistiert von Archidiakon Hildebrand sowie den Erzbischöfen Anno von Köln und Adalbert von Bremen, las Messen zur Genesung des Herrschers. Die meisten kaiserlichen Kampf- und Jagdgenossen, vorneweg der feiste Rudolf von Rheinfelden und der kantige Otto von Northeim, ließen sich dennoch nicht von ihrer liebsten Tätigkeit abhalten, schleppten abends ihre erlegten Eber an und ließen Bier und Met in Strömen fließen. Obwohl des Kaisers Erdenwallen zu enden drohte, wurde getafelt und gezecht, gesungen und krakeelt.

Allein Gottfried der Bärtige beteiligte sich nicht an der Jagd, was Agnes wunderte. Offensichtlich war er fromm geworden oder wollte sich, angestiftet von seiner Gemahlin, dem Heiligen Vater und seinem strengen Begleiter als gehorsamer Sohn der Kirche andienen – was immer er damit bezweckte. Ernst hockte er in jeder Messe, zu seiner Linken sein schüchterner buckliger Sohn, zu seiner Rechten Beatrix mit ihrem hochmütigen Gesichtsausdruck und Mathilde, von deren Seite der kleine Heinrich nicht weichen wollte. Agnes saß, eingerahmt von ihren Töchtern, nicht weit von ihnen entfernt, fror und fühlte, wie die Tränen sie übermannten und über ihre Wangen rannen.

Seit ihrer Ankunft in Bodfeld hatte der Allmächtige auf ihr Beten nicht mehr geantwortet. Bis auf ihren Beichtvater Dietrich, den Bischof von Augsburg, beruhigte und tröstete sie kaum jemand. Ja, einige der Mächtigen schienen sie sogar zu meiden, so insbesondere der ständig verschnupfte Anno von Köln, den der Kaiser kürzlich zum Erzbischof ernannt hatte. Auch Beatrix hatte sich von ihr zurückgezogen, nicht jedoch von dem Kranken. Ohne daß Agnes dies verhindern konnte, pflegte Beatrix ihren Vetter täglich, ließ sich kalte Tücher reichen, um seine Stirn zu kühlen, und sprach auf ihn ein.

Einmal hatte Agnes gelauscht. Beatrix sprach von der Treue ihres Gemahls dem Kaiser gegenüber, ferner von den Verlockungen des Fleisches, denen sie erlegen seien – wobei Agnes nicht verstand, wen Beatrix mit sie meinte: sich und Gottfried oder gar sich und den Kaiser. Sie sprach von der zupackenden Klugheit und kräftigen Gesundheit ihrer Tochter Mathilde und der Zuneigung, die der kleine Heinrich für sie empfinde. Als der Kaiser unwillig stöhnte und nach Wasser verlangte, beschwor sie die gemeinsamen Kindertage, ihre Spiele, ihre unvergessenen Freuden.

Agnes zog sich zurück, ohne die Fortführung dieses Gesprächs zu unterbinden. Im Hof herrschte drängende Enge. Das Gebell der Hunde schmerzte sie regelrecht. Es stank nach Wildschweinblut, vor ihr entleerten sich die Zugochsen, Pferde peitschten mit ihrem Schweif nach all den blutsaugenden Insekten – und dann der Hundekot! Sie mußte den über den Boden schleifenden Saum ihres Kleids heben. Die Männer verhandelten lauthals gestikulierend miteinander. Der Schwabe Rudolf von Rheinfelden führte das große Wort, ihm widersprach der Sachse Otto von Northeim, Erzbischof Anno mischte sich ständig ein und belehrte beide mit erhobenem Zeigefinger.

Als Agnes sich ihnen näherte, verstummten sie. Der Kapellan, der neben Anno stand, verneigte sich als einziger vor ihr, half ihr sogar, sich einen Weg durch die bedrängenden Pferdeleiber und die bellenden Hunde zu bahnen. Als er sie schweigend bis zum Palas geführt hatte, fragte sie nach seinem Namen.

»Lampert – geboren zu Bamberg, Scriptor des Erzbischofs von Köln, ein treuer Diener des Kaisers und der Kaiserin.« Er verbeugte sich erneut tief. »Bewandert im kanonischen Recht, ein Liebhaber der römischen Literatur und Rhetorik.« Schließlich brachte er sogar einige Worte der Verehrung in ihrer Muttersprache heraus und betonte, gern trete er in ihre persönlichen Dienste, bevor er sich zurückzog.

Die Anfangsverse eines Liedes, das ihre Amme stets gesungen hatte, kamen ihr in den Sinn; leise sang sie O dame mal mariée tu cherches un oiseau du paradis … und mußte einen Tränenausbruch bekämpfen. »Lampert – ein höflicher Mann und gelehrt, wie selten in diesen kalten und barbarischen Landen!« flüsterte sie. »Seinen Namen muß ich mir merken.«

Nachts fand sie kaum Schlaf.

Weil der Kaiser ohne Unterbrechung gepflegt werden mußte, ließ sie für sich und ihre Töchter ein Gelaß abtrennen. Eigentlich hätte auch der kleine Heinrich unter ihrer Obhut nächtigen müssen. Er war nun fast sechs Jahre alt … Agnes wagte kaum, daran zu denken, daß er womöglich bald König würde, ein Kind noch … Sie selbst war vom Kaiser zur Regentin designiert worden, im Falle des Falles … Wo hielt sich der kleine Heinrich eigentlich versteckt? Inzwischen war das Durcheinander so groß, daß sie nicht einmal wußte, wo der Thronfolger sich herumtrieb. Immer schon war er gern weggelaufen und hatte trotzig auf seinem Willen beharrt … Sie fragte ihre Kammerfrau, schickte einige Knechte, nach ihm zu suchen, und erfuhr schließlich von ihrem Beichtvater, Erzbischof Anno habe den zukünftigen Herrscher unter seine Fittiche genommen – wobei Bischof Dietrich anzüglich lächelte.

Am dritten Oktober erwachte Agnes von dem heftigen Lärm, der bereits herrschte, obwohl die Sonne noch nicht aufgegangen war. Mit bleischweren Gliedern erhob sie sich, ließ sich einen Pelzumhang über die Schultern legen und das Fenster öffnen. Eine kalte Herbstbrise wehte herein. Im Licht von Fackeln wurden Pferde gesattelt, Hundemeuten zusammengeführt, Ochsenkarren beladen. Sie traf auf dem Gang Beatrix, die bereits angekleidet war und ihr berichtete, das verbliebene Jagdgefolge ziehe nach Goslar ab. Der Heilige Vater bereite die Letzte Ölung für den Kaiser vor.

»Ich sah soeben nach Heinrich, liebe Agnes; wir müssen damit rechnen, daß er in Kürze der sterblichen Natur seinen Tribut zollt.«

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5. KAPITEL

Bodfeld 1056

Der Kaiser bäumte sich noch einmal auf.

Alle, die in Bodfeld weilten, rief er in der Aula zusammen, an erster Stelle seinen Sohn und Nachfolger Heinrich. Der Junge, der mit Mathilde den Keilflug nach Süden fliegender Kraniche beobachtet und ihren Trompetenrufen gelauscht hatte, wurde gesäubert und gekämmt. Fidus, sein Hund, saß brav auf seinen Hinterpfoten, schaute interessiert zu und bellte gelegentlich, als wolle er seine Zustimmung ausdrücken. Man warf über Heinrichs Kittel einen schweren, mit Edelsteinen geschmückten Umhang, der auf der Schulter mit einer Fibel zusammengehalten wurde. Dieser Umhang war ein Geschenk des Kaisers von Konstantinopel zu seiner Taufe, Heinrich hatte ihn zum erstenmal bei seiner Krönung getragen. Damals schleifte er über den Boden, mittlerweile endete er einen Fingerbreit darüber, wenn sich Heinrich richtig streckte.

Wozu er dieses wertvolle Gewand über seinem schmutzigen Kittel tragen sollte, erfuhr er nicht. Daß sein Vater krank war, hatte er freilich bemerkt, auch, daß seine Mutter, häufig den Tränen nah, ihn entweder zurechtwies oder an sich drückte. Meist spielte er jedoch mit Mathilde. Wenn sie vom Toben müde waren, verzogen sie sich in eine Ecke, in der niemand sie beobachten konnte, gelegentlich sogar an den Waldrand, und Mathilde erzählte von der himmelstürmenden und uneinnehmbaren Burg von Canossa mit ihren drei Umfassungsmauern, von den Seen um Mantua und den wildreichen Wäldern am Po, in denen ihr Vater häufig gejagt hatte, bis er ermordet wurde, getötet von einem vergifteten Pfeil, als er sich durstig über eine Quelle beugte.

Heinrich mußte, wenn er diese Geschichte hörte, stets an den Buckligen denken, der letzten Winter von einem Armbrustschützen seines Vaters hingestreckt worden war – und dann versuchte er, Mathilde in das geheimnisvolle Dunkel des Waldes hineinzuziehen. Der Wald lockte ihn mit einer unbezwingbaren Macht. Später, wenn er erwachsen war, würde er auf die Jagd gehen wie alle Männer; doch im Grunde tat ihm das Wild leid, das gehetzt wurde und blutig sterben mußte. Er beobachtete es viel lieber: die Drosseln, die so schön sangen, die sich neugierig nähernden Rotkehlchen, die scheuen Rehe mit ihren staksigen Kitzen, die halbwilden Schweine, die sich an Bucheckern und Eicheln gütlich taten. Wenn er Auerochsen begegnete, kletterte er schnell auf einen Baum. Einmal hatten er und Mathilde einen Hirsch entdeckt, der ein weit verzweigtes Geweih trug und der seinen Brunftruf durch die Lüfte schickte. Sie klammerten sich aneinander, als der Hirsch sich einige Schritte auf sie zu bewegte und witternd seine Nüstern hob.

»Er trägt Christus zwischen seinem Geweih«, flüsterte Mathilde, »das hat mir mein Beichtvater erzählt. Man muß nur fromm sein und genau hinschauen.«

Heinrich sah keinen Christus, sondern einen wahren König der Tiere: mit dieser muskelstarrenden Brust und dem stolz hochgereckten Kopf, auf dem die riesige Krone saß, eine gefährliche Waffe für Nebenbuhler und Neugierige. Und für Jäger und ihre Hunde. Sollte tatsächlich der Heiland unversehens auftauchen? Vielleicht hatte Mathilde recht: Der König der Wälder trug und schützte Gottes Sohn, ebenso wie sein Vater Stütze und Schutzmacht des dreieinigen Gottes war – und bald er selbst!

Nachdem man Heinrichs Umhang abgeklopft und gerichtet hatte, erschien Erzbischof Anno von Köln, wie meist schwer erkältet und mit einem Tropfen unter der Nase, und führte ihn in die Aula. Noch immer erfuhr Heinrich nicht, was eigentlich geschehen sollte. Offensichtlich war es etwas Wichtiges, denn alle Würdenträger hatten ihre vornehme Kleidung übergeworfen und schauten ihn ernst und bedeutend an. Ein Kapellan reichte Anno ein Tüchlein, aber dieser wies es unwirsch zurück und hob seinen bestickten Ärmel zur Nase.

In der Mitte des Raums stand ein ausgepolsterter Thronstuhl, nicht weit von ihm entfernt lag ein blaues Samtkissen. Heinrich solle sich hinter das Kissen stellen, seine Hände falten und auf den Vater warten, bedeutete ihm der Erzbischof, der an seiner Seite blieb, kurz schniefte und die Lippen zum Gebet bewegte. Nun wurde sein Vater hereingeführt, gestützt von Onkel Gottfried und dem graubärtigen Erzbischof von Bremen, der Adalbert hieß und ihn stets mit einem freundlichen Zuruf, einem lateinischen Spruch oder einem Sprichwort begrüßte.

Heinrich erschrak. Der Vater sah so eingefallen und schwach aus, wie er ihn gar nicht kannte. Gewöhnlich übertraf er alle Männer am Hof: Er warf den Speer am weitesten und konnte die Stoßlanze in einen Baumstamm rammen, daß es mehrerer Knechte bedurfte, sie herauszuziehen.

Stöhnend ließ sich der Vater in seinen Thronstuhl fallen. Man hatte ihm sein Kaiserornat über die Schulter gelegt und das Reichsschwert an den Sessel gelehnt, doch die Krone trug er nicht, und die restlichen Insignien fehlten ebenfalls. Seine Haare standen nach allen Seiten ab. Als die Mutter versuchte, die Haare mit der Hand zu glätten, raunzte er sie unwillig an, und mit einer beschwichtigenden Geste wandte sie sich an den Erzbischof und zeigte auf seinen Kopf. Der Erzbischof zuckte die Achseln, und die Mutter nahm schließlich auf einem Stuhl Platz, den man ihr zugeschoben hatte.

Plötzlich sackte der Vater zusammen. Das Raunen und Flüstern im Raum erstarb. Onkel Gottfried richtete ihn auf, die Mutter griff nach seiner Hand.

Neben dem Kaiser ließ sich nun der Papst nieder, flankiert von Archidiakon Hildebrand, der seine Hand besitzergreifend auf die Stuhllehne legte. Der Erzbischof von Köln flüsterte Heinrich zu, er solle sich knien.

Heinrich ließ sich nieder, suchte gleichzeitig mit den Augen Mathilde. Sie winkte ihm. Um sie herum herrschte eine gedämpfte Atmosphäre voller Weihrauchdüfte, Scharren von Füßen und leisem Gebetsgemurmel.

Schließlich begann der Vater ihn und alle Versammelten anzusprechen, leise und undeutlich zuerst, fast stimmlos, dann immer klarer. Sein gottgleicher Vater, der Herrscher, dem alle zu gehorchen hatten, der ungestraft und ungescholten töten lassen konnte, der sogar die Päpste aus Rom vertrieb und einsetzte, hockte vor ihm, ein Schatten seiner selbst, und hielt eine Rede – für ihn, seinen einzig verbliebenen Sohn. Heinrich verstand nicht alles, was er sagte, doch seine Worte prägten sich ihm ein.

Gott rufe ihn ab, erklärte der Vater mit rauher Stimme, viel zu früh, keine vierzig Jahre sei er alt, der Herr zitiere ihn vor seinen Richterstuhl, obwohl noch mannigfache Aufgaben auf ihn warteten. Er müsse sich fügen, so wie sich Jesus seinem Vater im Himmel habe fügen müssen, und den Kelch bis auf den essigbitteren Grund leeren.

Der Papst warf Hildebrand, der seine buschigen Augenbrauen zusammenzog, einen kurzen Blick zu.

Die Mutter bedeckte ihr Gesicht mit einem Schleier.

»Mein Sohn«, fuhr der Vater fort, »du mußt in meine Fußstapfen treten, obwohl du noch ein Kind bist. Deine Mutter, die Kaiserin, wird bis zum Tag deiner Mündigkeit und Schwertleite in deinem Namen die Regierungsgeschäfte führen, unterstützt von meinen Beratern, die mir und dir den Treueid schworen.« Er hatte die Stimme gehoben und ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten.

Manche der Grafen und Bischöfe neigten ihr Haupt, andere schauten auf ihre wie zum Gebet zusammengelegten Hände.

»Dies geloben wir zu tun«, rief Erzbischof Anno von Köln mit lauter Stimme in die Runde, und ein vielstimmiges, wenn auch meist nur gemurmeltes »Amen!« folgte.

»Si rector iustus futurus esset – so er ein gerechter Herrscher sein werde«, warf Graf Rudolf von Rheinfelden ein, mit hoher Stimme und nicht weniger laut, »wie es in der Wahlkapitulation verzeichnet steht.«

Ein entschiedeneres »Amen!« folgte.

Der Vater überhörte den Einwurf. »Wir sind Herrscher von Gottes Gnaden, mein Sohn, die Nachfolger der Cäsaren, außer dem Allmächtigen steht niemand über uns …« Dem Vater blieb die Luft weg, er mußte husten. Erst nach einer Weile sprach er, fast flüsternd, weiter. »Ich habe drei unwürdige, von der simonistischen Pest befallene Päpste davongejagt und durch einen würdigen ersetzt, Rom war von käuflichen Heuchlern, Lügnern und Fälschern beherrscht – auch du, mein Sohn, hast in Zukunft dafür zu sorgen, daß auf dem Stuhl Petri ein Papst sitzt, der die unwandelbare, von Gott gewollte Ordnung zu unterstützen bereit ist, selbst wenn du deinem Willen mit dem Schwert Nachdruck verleihen mußt …«

Er schien sich zu besinnen, daß der Heilige Vater an seiner Seite saß, und warf einen Blick auf ihn. Papst Victor deutete ein Nicken an. Hildebrand dagegen schaute so finster drein wie ein Mann, der am liebsten zum Dolch greifen würde. Heinrich starrte ihn an, als müsse er diesen bösen Blick abwehren; daher senkte er, obwohl es ihm schwerfiel, seine Augen nicht, als sich die Blicke kreuzten. Hildebrands Augen flammten ihn an, seine Lippen wurden schmal. Unwillkürlich schüttelte Heinrich den Kopf.

Sein Vater begann erneut zu sprechen.

»Du mußt dich vorsehen, mein Sohn, niemandem darfst du ungeprüft vertrauen. Die Welt ist durchseucht von Verrat, nicht nur in Rom, in fränkischen Landen ebenso, in Sachsen, Schwaben und Baiern, in der Grenzmark und im Innern, an Fürstenhöfen und Bischofssitzen. Jeder giert nach Macht und Geld, nach Land und Titeln, nach Pfründen und kostbaren Geschenken. Traue insbesondere den Sachsen nicht! Nicht einmal hier auf unseren Reichsgütern sind wir vor ihnen sicher, sie gönnen uns die Krone nicht. Wir müssen steinerne, uneinnehmbare Burgen bauen und die Klinge scharf halten – allein das jederzeit einsatzbereite Schwert sichert dir die Gefolgschaft und verschafft dem Treueid seine Haltbarkeit.«

Der Kaiser wollte seine Worte mit einer Geste unterstreichen und griff nach dem Knauf des Reichsschwertes; er stieß es dabei so ungeschickt an, daß es laut klirrend zu Boden fiel. Die Anwesenden erstarrten. Niemand wagte das Schwert aufzuheben, bis Heinrich von seinem Samtkissen emporsprang, um es dem Vater zu reichen. Erzbischof Anno drückte ihn indes zu Boden, und Rudolf von Rheinfelden eilte hinzu und legte es dem Vater vorsichtig auf die Knie.

»Mein Sohn …« Er unterbrach sich. »Wolltest du es mir reichen, oder wolltest du es bereits an dich nehmen?« Ein leises, spöttisches Lächeln zog über seine blutleeren Lippen.

Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich an Graf Rudolf. »Du bist einer meiner Getreuesten«, krächzte er, »du und Anno.« Er besann sich kurz. »Auch Erzbischof Adalbert, das weiß ich, und Ekbert, mein Neffe … Ekbert, wo bist du, ich sehe dich nicht!«

Graf Ekbert von Braunschweig trat vor.

»Mein Sohn Heinrich ist noch ein Kind, Ekbert. Ich habe keinen weiteren Sohn, der überlebt hat, unser Blut muß zusammenhalten. Schwöre, sein Leben zu schützen!«

Ekbert kniete nieder und schwor bei den Worten der Apostel.

»Heiliger Vater, du bist unser Zeuge, ihr seid alle Zeugen.«

Kaum hatte sich Ekbert zurückgezogen, wandte sich der Kaiser erneut an Heinrich: »Suche dir deine Vertrauten und Berater, die Heerführer und Kanzler, Bischöfe und Äbte nach Treue und Verdienst aus, nicht nach Geburt und Reichtum und schon gar nicht nach ihren schmeichelnden Worten. Sei gerecht! Sei streng, aber zeige ebenso Milde, wo sie angebracht ist, und stehe stets zu deinem Wort. Halte deinem zukünftigen Eheweib die Treue! Der Kaiser hat ein Vorbild zu sein, ein Fels, auf dem die schwachen Menschen bauen können! Befleißige dich eines maßvollen Lebens und beherrsche deine Leidenschaften! Stifte dem Herrn steinerne Gotteshäuser, die seinen Ruhm verkünden, vergrößere den Dom zu Speyer, in dem ich neben meinem Vater beigesetzt werden möchte und wo du ebenfalls …«

Ein Hustenanfall nahm ihm den Atem, und er spuckte Blut, so daß der Ring der Anwesenden sich enger zusammenzog. Heinrich wollte aufspringen, um ihm zu helfen. Erneut hielt ihn Erzbischof Anno zurück.

»Warum muß ich schon sterben, o Herr?« Der Vater fand nur noch die Kraft zu flüstern. »Ich bin nicht bereit. Mein Sohn ist viel zu jung, mein Weib zu schwach! Warum verrätst du mich? So wie du deinen eigenen Sohn verraten, ihn den Pharisäern ausgeliefert hast, den Falschzüngigen und dem Pöbel. Warum …?«

Der Vater sank in sich zusammen. Keiner hatte sich gerührt, alle schienen sie den Atem anzuhalten. Die Mutter beugte sich zu ihm, hielt ihn. Nun ließ sich Heinrich nicht mehr von Anno zurückhalten und stürzte vor die Knie seines Vaters, der mit nahezu erloschenen Augen auf ihn blickte, über seinen Kopf strich und ihm mit letzter Kraft das Schwert reichte.

Da rief der Römer Hildebrand mit lauter, drohender Stimme: »Du versündigst dich noch in der Stunde deines Todes, König der Deutschen!«

Seine Worte erzeugten eine kurze Stille, ein ängstliches Warten, als müsse das Flammenschwert der Strafe niederfahren.

Nichts geschah. Der Vater war zusammengesunken und schien sein Bewußtsein verloren zu haben. Anno hatte Heinrich das Reichsschwert entrissen, hielt es wie ein Kreuz über den röchelnden Vater und rief: »Laßt uns beten! Der Kaiser geht zum Herrn ein.«

Doch der Kaiser zögerte mit letzter Kraft seinen Abschied hinaus und wurde unter Gemurmel in sein Gelaß gebracht.

Während der Nacht – Heinrich wachte mit der Mutter und dem Papst an seiner Seite – äußerte der Kaiser seinen letzten Wunsch: »Begrabt mich in Speyer, aber laßt mein Herz in Goslar!« Eine Weile schien sein Atem auszusetzen, dann öffnete er die Augen, starrte in eine erschreckende Ferne und rief: »Es ist finstere Nacht. Ich bin so allein! Mein Vater, warum hast du mich verlassen?«

Heinrichs Mutter stieß einen leisen Schrei des Entsetzens aus und bekreuzigte sich. Heinrich griff nach der Hand des Sterbenden. Erkannte der Vater, wer ihn nicht allein ließ? Wer ihm für die letzte Reise Kraft spenden wollte?

Der Papst betete für das Seelenheil des Kaisers.

Man schrieb den fünften Oktober des Jahres 1056 nach der Fleischwerdung des Herrn, als sich Heinrich der Dritte, römischer Kaiser von Gottes Gnaden, zur Stunde des ersten Hahnenschreis aufmachte, vor den Richterstuhl des Allmächtigen zu treten.

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6. KAPITEL

Speyer 1056

Mathilde saß Tag für Tag auf dem Rücken ihres stämmigen Pferds, eingehüllt vom Staub des Weges, den unzählige Hufe aufwirbelten. Die milchige Oktobersonne kämpfte gegen den Nebel, der über die leuchtenden Farben des Herbstes einen Trauerflor legte. Zum Glück regnete es nicht, auch die Temperaturen waren für die Reise des sich lang dahinwindenden Zuges angenehm. Der Leichnam des verstorbenen Kaisers wurde nach Speyer überführt, und all jene, die während seiner letzten Stunden in seiner Nähe gewesen waren, gaben ihm ihr Geleit.

Mathildes Stiefvater Gottfried der Bärtige, sein buckliger Sohn und ihre Mutter Beatrix ritten mitsamt ihrem Gefolge im vorderen Teil des Zuges, kurz hinter der Kaiserin und dem jungen König, um auf diese Weise zu zeigen, daß sie sich zu der Familie des Kaisers zählten. Mathilde wäre gerne neben Heinrich geritten, der, seinen Hund Fidus an der Seite, tapfer auf dem Rücken eines Ponys ausharrte. Sie sah seine blonden Haare im schwachen Sonnenlicht leuchten, bis die Sicht versperrt wurde durch die Plane des Karrens, in dem der sorgfältig präparierte Leichnam des Kaisers, dem das Herz entnommen worden war, mitsamt den Reichsinsignien transportiert wurde.

Mathilde wunderte, daß lediglich an der Spitze des Zuges eine gedämpfte Trauerstimmung zu herrschen schien. Ihre Mutter Beatrix sang leise Kinderlieder aus ihrer lothringischen Heimat und tuszische Weisen, die Mathildes Vater Bonifacio geliebt hatte. Sie selbst vermochte nicht in den Gesang ihrer Mutter einzufallen. Ein würgendes Trauergefühl begleitete sie, weil sie wußte, daß die unbeschwerten Sonnentage, die Heinrich und sie ständig zusammengeführt hatten, der Vergangenheit angehörten, und weil sie befürchtete, für immer von seiner Seite gerissen zu werden.

Im Sommer war Mathildes Stiefvater erschienen, was ihre Mutter glücklich machte, nicht jedoch sie, ihre Tochter. Denn der bärtige Gottfried hatte seinen buckligen Sohn Gottfried mitgebracht, der sich zwar zuvorkommend verhielt, aufgrund seiner gebückten Haltung aber nach oben schielte und daher verschlagen wirkte. Außerdem erinnerte er sie an den Tod des von Gott gestraften Irren in Speyer – und nicht nur an seinen Tod. Seit diesem quälenden Ereignis haßte sie alle Buckligen; allein der Anblick trieb ihr Tränen in die Augen. Wahrscheinlich würde ihr Stiefbruder ihr nie dorthin greifen, wohin der andere gegriffen hatte, sie würde ihn sofort mit der Pferdepeitsche schlagen, bis er winselte – sie wußte, daß sie Gottfried wegen seines Buckels unrecht tat, er litt unter seiner Verwachsung, und dennoch konnte sie nicht anders …

Auf jeden Fall suchte sie seine Nähe zu meiden; er dagegen bedrängte sie durch seine Neugier: Er wollte unaufhörlich wissen, was sie in dem Elfenbeinkästchen aufbewahrte, das sie selten aus den Augen ließ und das während der Nacht neben ihrem Kopf stand, bewacht von einem Holzritter, den ihr der Vater, als sie sehr klein war, geschenkt hatte. Außer ihrer Mutter, dem Beichtvater und ihrer alten Amme wußte niemand, welchen geheimnisvollen Schatz sie darin hütete, nicht einmal Heinrich. Und den buckligen Gottfried ging es schon gar nichts an. Eben dies verstärkte seine Neugier.

Nach gut zwei Wochen erreichte der Zug des verstorbenen Kaisers Speyer. Er war unterdessen angeschwollen, weil die Nachricht vom Tod des Herrschers nach allen Windrichtungen ausgestreut worden war. Aus den nahe gelegenen Gegenden des Reichs strömten Bischöfe und Grafen herbei; ein Teil eilte direkt nach Speyer. Ihr Gefolge lagerte vor den Mauern der Stadt, sie selbst waren in beklemmender Enge in der Pfalz und in den angrenzenden Gebäuden des Bischofs, zudem in den Steinhäusern der Fernhandelskaufleute untergebracht worden. Auch einige Juden, dem Kaiser aufgrund der ihnen gewährten Privilegien und Sicherheiten zu Dank verpflichtet, hatten Gäste aufgenommen und versorgten sie freigebig.

Mathilde war mit ihrer Familie in einem direkt an die Stadtmauer grenzenden Ministerialengebäude untergekommen, nicht weit vom Palas entfernt, mit Blick auf den bedrückend mächtigen Dom, an dem noch immer gearbeitet wurde. Ihr Stiefvater hatte ärgerlich auf die wenig angemessene Unterkunft reagiert, aber der Wohnkomplex des jungen Königs und seiner Mutter beherbergte bereits Rudolf von Rheinfelden und Otto von Northeim, so daß weiterer Raum nicht zur Verfügung stand. Kaiserin Agnes schien ihren Quartiermeister nicht angewiesen zu haben, die Cousine des Verstorbenen mitsamt ihrer Familie bevorzugt zu behandeln.

So hockten am ersten Abend nach ihrer Ankunft die Eltern mit Mathilde und dem Buckligen vor dem Kamin, der eine wohlige Wärme erzeugte. Der kaiserliche Ministeriale hatte ihnen einen anständigen Wildschweinbraten vorgesetzt, dazu Kohlgemüse und ein Brot, bei dessen Verzehr der Sand zwischen den Zähnen knirschte. Vater und Sohn Gottfried tranken Wein und rülpsten, die Mutter ließ Winde fahren, nicht ohne jedesmal »hups!« zu rufen, und suchte nach Flöhen. Mathilde, den Holzritter und das Elfenbeinkästchen an ihrer Seite, döste. Zum Glück hatte man die mühsame Reise vom Harzgebirge bis nach Speyer gesund überstanden und sich sogar nacheinander in einem großen Zuber mit warmem Wasser vom Staub der Straße befreien dürfen.

Die Wärme machte die ganze Familie so müde, daß ihr Stiefvater nach Strohballen und Decken rief und bald alle vor dem Kamin eingeschlafen waren. Als die Flammen langsam in sich zusammenfielen, wurde Mathilde von einem ungewohnten Geräusch geweckt. Sie schaute sich vorsichtig um und sah ihren Stiefvater auf ihrer Mutter liegen: Die Decke über seinem Körper bewegte sich auf und ab, die Mutter seufzte heftig und begann, hektisch zu atmen. Zuerst wollte Mathilde die Augen schließen, doch ein sich verstärkendes Verlangen zwang sie, ihre Eltern zu beobachten, und dabei spürte sie selbst ein seltsames Ziehen und Sehnen.

Nach einer Weile erlahmte der Stiefvater in seinen Bewegungen und wälzte sich zur Seite; schließlich lagen sie beide nebeneinander und starrten an die Decke. Mathilde schloß die Augen, damit sie nicht bemerkten, daß sie wach war, und linste nur gelegentlich nach ihnen.

»Warum wirst du nicht schwanger?« hörte sie den Stiefvater brummen.

Erst nach einer Weile antwortete die Mutter leise: »Wir sind zu nah verwandt. Wir leben in Sünde.«

Er knurrte, offensichtlich unzufrieden mit ihrer Antwort.

»Ich sprach bereits mit dem Heiligen Vater darüber«, fuhr die Mutter fort. »Er erließ mir meine Sünden, riet mir allerdings, mich zukünftig in Enthaltsamkeit zu üben.«

»Kommt nicht in Frage. Die Pfaffen faseln von Keuschheit und Zölibat, umgeben sich gleichzeitig mit Frauen oder Konkubinen und treiben es selbst wie wild.«

»Nicht alle. Der Heilige Vater versteht unsere Nöte – und ebenso unseren Wunsch nach einem männlichen Erben …«

»So nah sind wir gar nicht verwandt!«

»Dies habe ich ihm auch gesagt.«

»Und?«

»Er hört neuerdings auf den Rat von Archidiakon Hildebrand …«

»Ist dies nicht der häßliche Großschädel mit den stechenden Augen?«

»Mir wird ganz anders, wenn er mich anschaut.«

»Wahrscheinlich ein Bastard aus dem sündigen Schoß der römischen Kirche.«

»Sein Lebenswandel soll untadelig sein.«

»Das sind die Schlimmsten: selbstgerecht und überheblich. Sie müssen nicht einmal auf die eigene Familie Rücksicht nehmen.«

»Er haßte unseren verstorbenen Heinrich, weil Heinrich Papst Gregor den Sechsten abgesetzt und nach Köln ins Exil geschickt hat – und Hildebrand ihm folgen mußte. Hildebrand hat diese Erniedrigung nie vergessen. Im Kölner Exil fühlte er sich dennoch erstaunlich wohl, die klösterliche Zucht gefiel ihm, die Reinheit der strengen Sitten. ›Ich werde diese Jahre nie vergessen‹, hat er mir in unserem letzten Gespräch anvertraut, ›erst fern meiner heimatlichen Wurzeln begriff ich, was Gehorsam bedeutet, was das Feuer des rechten Glaubens vermag.‹«

»Du hast mit ihm gesprochen?«

»Ich nehme an, er sucht Verbündete im Reich.«

Der Stiefvater schien nachzudenken. »Ob er ein gehorsamer Papst werden will? Dann muß er sich bei dem Königsknirps lieb Kind machen.« Der Stiefvater lachte leise auf. »Nein: eher bei der Regentin einschmeicheln.«

Die Mutter lachte ebenfalls. »Das hat er bereits. Er nahm ihr hier in Speyer die Beichte ab.«

Eine Weile schwiegen die Eltern, und Mathilde glaubte bereits, sie seien eingeschlafen, als die Mutter leise fragte: »Gottfried, wie soll es weitergehen?«

»Im Grunde müßte ich hier bleiben, um mich der Kaiserin als Berater anzubieten. Und als ihr tuszisches Schwert. Vielleicht belehnt sie mich wieder mit Lothringen, das mir Heinrich abgenommen hat …« Seine tiefe Stimme begann vor Zorn zu beben. »Ich hätte ihn damals ebenso umbringen können wie …, aber er war zu stark. Drei Jahre hat er mich auf dem Giebichenstein gefangengehalten, der Bastard. Dafür leistet er jetzt dem Teufel Gesellschaft.« Er grunzte zufrieden.

»Ich will nach Hause, Gottfried, noch vor dem Winter. In Tuszien muß wieder Ordnung hergestellt werden, die Abgaben fließen nur unregelmäßig …«

»Ich werde dich begleiten und in der Ferne abwarten, was am Hof geschieht. Es ist wichtiger, unsere Macht in Italien auszubauen. Wir müssen dafür sorgen, daß mein Bruder Friedrich Papst wird; mit ihm im Rücken … Außerdem glaube ich nicht, daß mich Agnes leiden kann. Rudolf und Otto haben sich bei ihr bereits genügend eingeschmeichelt, und darüber hinaus führen die Herren Erzbischöfe das große Wort. Und ich will nicht in der Nähe sein, wenn dem jungen König etwas zustößt …«

Mathilde, die wieder am Eindämmern war, riß vor Entsetzen die Augen auf. Ihr ganzer Körper verkrampfte sich.

»Was meinst du damit?« fragte ihre Mutter.

»Ein sechsjähriger König und eine schwache, frömmelnde Regentin – die Sachsen haben sich bis heute nicht mit der salischen Herrschaft abgefunden und schrecken auch vor einem Anschlag nicht zurück, nicht einmal auf einen hilflosen Knaben.«

Mathilde befürchtete, ihr Körper könnte in wilde Zuckungen ausbrechen; sie zwang sich, ruhig zu atmen, und schloß wieder die Augen.

»Woher weißt du das?« Die Mutter klang besorgt, ja entsetzt.

»Es spricht sich einiges herum. Außerdem wurde ich indirekt gefragt, ob ich mich nicht an einer Neuordnung des Reichs beteiligen wolle. Meine Liebe für das salische Geschlecht ist allgemein bekannt.«

»Du darfst dich nicht an einem Kind versündigen, Gottfried!« Die Mutter, inzwischen lauter geworden, dämpfte die Stimme, so daß Mathilde sie kaum verstehen konnte. »Außerdem liebt Mathilde den kleinen König – verstehst du? Wenn der Kaiser seinen Sohn nicht schon mit Bertha verlobt hätte, hätten wir eine große Chance … Ich habe mit Engelszungen auf ihn eingeredet – ohne Erfolg.«

Mathilde wäre am liebsten aufgesprungen und hätte um Hilfe geschrien, hätte sich der Mutter zu Füßen geworfen oder wäre zur Kaiserin gerannt, um sie zu warnen, um sie zu bitten, Heinrich mit ihr zu verloben – nein, es durfte nicht wahr sein, was sie da hörte … Sie warf sich herum. Wie in Fesseln lag sie vor dem Kamin, während all ihre Hoffnungen und Wünsche einzustürzen begannen. Warum hatte ihr die Mutter nichts von Bertha und der Verlobung erzählt? Und wußte Heinrich überhaupt davon? Er mußte davon wissen! Hatte auch er sie angelogen?

Heftig schluchzte sie auf.

»Was ist mit ihr?« hörte sie ihren Stiefvater brummen. »Schläft sie nicht?«

Mathilde spürte, wie sich ihre Mutter über sie beugte. Sie hielt die Augen fest geschlossen, versuchte, ruhig zu atmen, sich nicht zu bewegen.

»Sie hat wahrscheinlich schlecht geträumt.«

Die Wärme und der Geruch der Mutter entfernten sich wieder, das Stroh raschelte.

»Laß uns morgen darüber reden, Gottfried, ich bin von der langen Reise müde, habe außerdem zuviel Fleisch in mich hineingestopft.«

Das Rascheln des Strohs wurde lauter.

»Gottfried, nicht schon wieder, ich bin wirklich erschöpft!«

Mathilde hörte ein zufriedenes Grunzen.

»Du bist ein unersättlicher Stier …«

Der Atem der Eltern wurde heftiger, schneller. Mathilde wagte einen vorsichtigen Blick. Die Brust ihrer Mutter lag entblößt, der Stiefvater hatte sich an den Armen hochgestemmt und bewegte sein Becken. Als Mathilde kurz zu ihrem buckligen Stiefbruder spähte, sah sie, daß er die Eltern beobachtete. Die Eltern bemerkten nichts, so sehr schienen ihre Leiber sich gegeneinander zu stemmen. Schweiß tropfte dem Stiefvater von der Stirn, er stöhnte auf.

»Leise! Die Kinder!« flüsterte die Mutter kurzatmig, biß sich auf die Lippen, warf ihre Brust hoch. Dann sank sie mit einem Ausdruck zurück, der im schwachen Licht der Flammen so selig entspannt, so glücklich wirkte, wie Mathilde ihn noch nie an ihr beobachtet hatte. Der Stiefvater senkte seine Lippen auf ihren Mund.

Mathilde warf einen Blick auf den Buckligen: Er starrte sie an! Rasch preßte sie die Augen zu und wandte sich ab.

»Ach, Gottfried, du machst mich glücklich«, hörte sie die Mutter flüstern. »Bonifacio war ein alter Mann, als wir heirateten, er besuchte mich nur selten, und ich mußte verbotene Dinge tun, damit er überhaupt …«

»Laß den Sodomiten aus dem Spiel!«

Sie schwieg eine Weile, flüsterte schließlich noch leiser als zuvor: »Ich habe unsere Sünde nie gebeichtet. Ich kann es einfach nicht. Wir müssen mehr Klöster stiften und für uns beten lassen, sonst werden wir für ewig verdammt bleiben.«

»Hör auf damit!«

Die Mutter hüstelte. »Vielleicht stirbt die kleine Bertha, bevor sie ins heiratsfähige Alter kommt … Wir sollten Mathilde nicht dem falschen Mann geben. Die Kinder lieben sich, Mathilde kann Kaiserin werden.«

»Der Kaiser hat sich für Turin entschieden, für Adelheids Tochter – wahrscheinlich, um dich für unsere Ehe zu bestrafen. Agnes kann nicht zurück, schon gar nicht unter dem Einfluß ihrer Berater. Auch meine Pläne stehen fest, wie du weißt.«

»Gottfried, das ist nicht dein Ernst.«

»Es ist mein voller Ernst. Wenn mein Sohn deine Tochter heiratet und ich wieder über Lothringen herrsche, sind wir die reichsten und mächtigsten Fürsten im Reich, wir nehmen den Kaiser in die Zange, und bei der nächsten Königswahl sind wir dran. Verstehst du? Ich oder mein Sohn oder unser Enkel – einer von uns wird Kaiser, je nachdem, wie lange der kleine Heinrich lebt. Ich bin nicht umsonst vor seinem Vater zu Kreuze gekrochen, obwohl ich ihm am liebsten die Kehle durchschnitten hätte. An seinem Sohn mache ich mir die Finger jedoch nicht schmutzig. Er sollte so lange leben, bis unsere Kinder geheiratet haben, sonst klappt der ganze Plan nicht …«

»Mathilde kann keinen Buckligen heiraten …«

»Wenn du keinen gesunden Sohn mehr zur Welt bringst, muß sie meinen einzigen Erben heiraten, ob er bucklig ist oder nicht.«

»Nein!« Mit einem lange unterdrückten Aufschrei fuhr Mathilde empor. Ihre Glieder zitterten, als hätten Dämonen sie gepackt und schüttelten sie.

Ihre Mutter schob den Stiefvater von ihrem Körper und beugte sich, die Brust noch immer entblößt, mit erschrockenen Augen zu ihr hinüber.

»Nein!« schrie Mathilde ein zweites Mal.

Nun rührte sich ihr Stiefbruder. »Was ist denn los?« fragte er mit wenig schläfriger Stimme. »Was hat sie?«

»Das Kind hat schlecht geträumt.« Als die Mutter begriff, daß sie vor ihrem Stiefsohn mit nackten Brüsten kniete, streifte sie eilig ein Hemd über.

»Ich habe geträumt«, stieß Mathilde stotternd hervor. »Ich habe von meiner Hochzeit geträumt, von Heinrich, der vor meinen Augen ermordet wurde, in der Hochzeitsnacht, im Bett.«

»Sie hat gar nicht geträumt«, erklärte der Bucklige, »sie hat nicht einmal geschlafen.«

»Woher weißt du das?« fuhr ihn die Mutter an.

Sein Vater gab ihm eine heftige Ohrfeige. »Hast du etwa spioniert, du Krüppel?«

Der junge Gottfried zog sich aufheulend zurück.

»Heinrich wurde vor meinen Augen erstochen, von hinten!« Mathilde schrie plötzlich. »Sein Blut floß über mich, in meine Augen, in den Mund, überall hin. Alles war rot vor Blut.«

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7. KAPITEL

Reichsabtei Hersfeld 1057

Wer gibt Wasser meinem Haupt und einen Tränenquell meinen Augen, damit ich beklagen kann den Tod des erhabenen Kaisers Heinrich. Er war der Menschen Hoffnung, der Ruhm des ewigen Roms, die Zierde des Reiches und das Licht der Welt.

Obschon Winter und Lenz ins Land gegangen sind, seitdem unser Herrscher aus dem Tal der Tränen hinüber zu den Wonnen der Engel wanderte, so martert mich noch immer der Schmerz über den Verlust des Hortes von Gerechtigkeit und Frieden, Einigkeit und Stärke. Denn seit seinem Dahinscheiden herrscht Unfrieden im Reich: Alte Fehden brechen auf zwischen Männern, die das Wort Treue im Mund führen wie die Krähe ihr Krächzen und die dennoch zu jedem Verrat bereit sind, so er sich auszahlt mit Macht und Reichtum; Herzöge zücken ihre Schwerter gegen die bischöflichen Knechte Gottes, das Recht wird mit Füßen getreten, und wölfische Wildheit, in Schafskleidern versteckt, paart sich mit Widerspruch und Aufsässigkeit. Mit dem Propheten Hosea möchte ich ausrufen: Gotteslästern, Morden, Stehlen und Ehebrechen nehmen überhand, und eine Blutschuld kommt nach der anderen.

Wurden nicht sogar, kaum hatten wir den Kaiser zu Grabe getragen, feige Mordpläne gegen seinen zu Aachen gesalbten Nachfolger geschmiedet? Die Schwurhand möge denen abfallen, die sie zu erheben wagen gegen Heinrich, das reine Kind, den Sohn seines Vaters, den vierten König der ostfränkischen, der deutschen Lande und zukünftigen Kaiser des großen römischen Reichs. Denn sie schwächen die ewige Ordnung, verkörpert durch König und Kaiser an der Spitze eines Gebäudes, über dem lediglich der Allmächtige schwebt und die Fittiche seiner Gunst und Gnade ausbreitet.

Indes, wer bin ich, der ich es wage, mir die Stimme des Propheten in den Mund zu legen, mit wohlgesetzten Worten zu trauern und zu wehklagen! Ein kleiner Mönch nur, Lampert, geboren zu Bamberg, erzogen in der dortigen Domschule, ehmals Scriptor im Gefolge des verehrten Erzbischofs Anno von Köln, zum Diener des Herrn geweiht dortselbst – doch nun in die Ferne verbannt, ins Kloster Hersfeld, an einen Ort stiller Andacht und kontemplativer Würde, gelegen im lieblichen Tal der Fulda, umgeben von undurchdringlichen Wäldern, in denen nächtlich die Wölfe heulen, die Bären ihre Krallen wetzen und der mächtige Auerochs durchs Dickicht bricht. So sehr ich den Geruch der Weisheit in der hiesigen reichhaltigen Bibliothek zu schätzen weiß, so sehr fühle ich mich nach alldem, was im Laufe des letzten Jahrs geschah, unwürdig des heiligen Gewands. Aus diesem Grund geht mein Streben dahin, Buße zu tun und mich auf einer Pilgerfahrt ins zwölftorige Jerusalem reinzuwaschen von meinen Sünden.

Doch will ich nicht von mir sprechen, von meinen Verfehlungen, dem wollüstigen Verlangen, dem ich nachgab und das zu bestrafen der Allmächtige sich unverzüglich anschickte; nicht vom Mönch Lampert soll die Rede sein, sondern von den beklagenswerten Absichten, die ans Licht der Tat drängten, nachdem die starke Hand des Herrschers der Zeitlichkeit entrückt war.

Noch während bei der Grablegung des Kaisers das Gloria erscholl im hallenden, himmelweisenden Dom zu Speyer, wurden bereits schändliche Pläne ersonnen, den jungen König Heinrich zu beseitigen. Es waren die sächsischen Adligen, für ihre Streitlust und Aufmüpfigkeit bekannt, denen weder Ehre und Treue etwas galten noch die Unschuld eines jungen Lebens. Bald wußten dies alle, die willig waren, ihr Ohr den Gerüchten zu leihen, die von Mund zu Mund eilten.

Es finden sich gleichwohl auch unter und neben den Sachsen Fürsten, denen der Treueid heilig ist. Sie befürchteten einen Aufstand in den nördlichen Gauen des Reichs, gar das Ungewitter eines Bürgerkriegs, das die Menschen im Kampf dahinmäht wie Hagel die reifen Saaten. Um dieses Unglück im Keim zu ersticken, rieten sie dem König, nach Sachsen zu eilen, die Aufrührer zu stellen und zu bestrafen. Der Schwabe Graf Rudolf von Rheinfelden, einer der engsten Berater der Kaiserin, riet zu diesem Schritt, ebenso befürwortete ihn Anno, der Erzbischof von Köln und Erzkanzler des Reichs, in dessen Diensten ich zu jener Zeit noch stand. Die Kaiserin, erpicht auf den Rat der Getreuen und als schwaches Weib allzu leicht bereit, ihn auszuführen, brach nun also mit dem Hofstaat nach Goslar auf, wo sie sich auf den salischen Gütern mit Silbermünzen und Kriegsmannen versorgen wollte, um von dort nach Merseburg weiterzuziehen. Hier sollte ein klärendes, ein reinigendes Fürstentreffen stattfinden.

Ich fragte mich damals bereits, ob Erzbischof Anno, der beanspruchte, für die Erziehung des königlichen Knaben Sorge zu tragen, sich der Gefahr bewußt war, der Heinrich ohne Zwang entgegenzog. Überzeugt bin ich davon, daß Graf Rudolf von Rheinfelden eigene, ja eigensüchtige Ziele verfolgte. Starb der König durch Mörderhand, durfte kein Verschwörer, also kein Sachse, zu seinem Nachfolger gewählt werden, es sei denn, man hätte den Blitz Gottes durch solch ruchloses Vorhaben herabbeschworen. Rudolf jedoch, bisher unbescholten und treu, stünde bereit – und da Gottfried der Bärtige, der lange Zeit Macht und Ansehen unter den deutschen Fürsten genoß, weit entfernt auf Canossa, dem Stammsitz seiner Gemahlin, weilte, hätte Rudolf nach der Krone greifen können.

Ich, ein einfacher capellanus, sah Rudolfs Augen blitzen, hörte seine herrischen Befehle, vernahm sogar die Einflüsterungen, mit denen er der Kaiserin und dem königlichen Knaben Gift ins Ohr träufelte und sie auf den Weg ins Sachsenland lockte. Er selbst wolle, so ließ er verlauten, ein Heer sammeln und dem Zug des Hofes folgen, um jederzeit bereit zu sein, das Leben und die Rechte des Königs zu verteidigen.

Wir hatten Goslar bereits hinter uns gelassen und näherten uns Quedlinburg. Ein hoch in den Lüften fliegender Adler hätte von allen Himmelsrichtungen kleine und große Heerhaufen erspäht, die nach Merseburg zogen, als gelte es, unverzüglich und vor Ort das Schicksal des Reichs auszufechten. Staub lag in der trüben Juniluft. Die Sonne brannte hernieder, und kein Schatten, kein kühles Naß brachten Erquickung. Die Kaiserin ließ sich in einer Sänfte tragen, weil ihr das Reiten zu mühsam geworden war und eine Kutsche zu sehr schaukelte. Heinrich indes blieb tapfer im Sattel seines kleinen Pferdes, sang, wie so häufig, die traurigen Lieder seiner Amme oder rief seinem Hund einen Befehl zu. Wir alle sehnten den Abend herbei, ein kräftiges Mahl, einen Becher klaren Wassers, einen Humpen köstlichen Biers und ein weiches Lager.

Da geschah vor meinen Augen – weil ich in der Spitzengruppe unseres Zuges ritt, war ich Zeuge – ein Ereignis, welches das Wirken des allmächtigen Herrschers sogar dem ungläubigsten Thomas bewies. Der Zug des Königs traf mit einer Gruppe Schwerbewaffneter zusammen, die Graf Otto von der sächsischen Nordmark anführte, ein Mann aus unebenbürtiger Ehe und nicht zu verwechseln mit Graf Otto von Northeim. Neben mir ritten Graf Ekbert von Braunschweig, der Vetter des Königs, und sein Bruder Bruno mit einigen ihrer Mannen, denen als Vorhut des Hofstaates der Schutz von König und Kaiserin oblag. Zuerst glaubte niemand an den Plan einer schandbaren Freveltat gerade hier, auf offenem Feld. Otto jedoch, in schimmernder Rüstung, galoppierte mit lautem Geschrei und Schilderschlagen mitsamt seiner Truppe so nahe an uns vorbei, daß die Pferde zu scheuen drohten. Ekbert fluchte, Bruno schüttelte die Faust.

»Wo ist der König?« hörten wir Graf Otto rufen, »ich will ihm meine Reverenz erweisen.« Höhnisch lachte der Ehrlose und hob den Arm.

Wie eine Horde ungezügelter Slawen umtobten uns seine sächsischen Reiter, preschten direkt auf uns zu, als wollten sie uns attackieren, doch knapp vor uns stemmten die Pferde ihre Vorderhufe in den Sand.

»Hoch dem König!« grölten die Sachsen.

Wolken von Staub stiegen auf. Ich schaute mich um, sah den königlichen Knaben, wie er seiner Mutter, die erschrocken den Kopf aus der Sänfte schob, zuwinkte und seinen wild bellenden Hund Fidus zu beruhigen versuchte. Erzbischof Anno entdeckte ich nicht.

»Der Hurensohn möchte an meinem Schwert riechen«, rief Bruno seinem Bruder zu.

Ekbert beugte sich zu mir herüber, damit ich ihn in dem Höllenlärm besser verstehen konnte. »Glaubst du, sie wagen hier und jetzt ihren verruchten Plan?« Zum ersten Mal sprach er in aller Klarheit aus, was viele befürchteten, doch niemand zu äußern gewagt hatte.

»Lang lebe die Kaiserin!« brüllte die Bande und zog ihre Schwerter.

Mir wich das Blut aus dem Gesicht. Ich erschrak zutiefst. Auch Ekbert schien erkannt zu haben, daß die Sachsen ihre schändliche Tat an Ort und Stelle zu erfüllen gedachten.

»Hast du eine Waffe?« rief er.

Ich schüttelte den Kopf.

Er warf mir seine Streitaxt zu. Ich fing sie auf. Angetrocknetes Blut klebte an der schartigen Klinge. Wußte ich mich damit zu wehren? Hätte ich, der ich das Gelübde abgelegt habe, mich ihrer bedient?

Haarscharf an uns vorbei galoppierte Graf Otto, sein Schwert in der Hand, in brüllendem Gelächter. »Lang lebe der König!«

»Ehrloser Hundsfott!« schrie ihm Bruno nach.

Da riß Otto sein Pferd herum. Er lachte nun nicht mehr. »Mit dir habe ich seit langem abzurechnen, aasfressende Krähe. Du bist der erste, mit dem meine Klinge Bekanntschaft macht.«

Die Streitaxt hinderte mich daran, die Arme zu heben und Frieden zu beschwören.

»Du Bastard des Teufels!«

Gleichzeitig gaben Otto und Bruno ihren Pferden die Sporen. Sie galoppierten aufeinander zu, als sollten sich die starken Streitrösser gegenseitig in den Boden rammen. Kaum eine Hand hätte zwischen den Beinen der Streitenden Platz gefunden, als sie aneinander vorbeistürmten, die Schwerter in den Himmel gereckt, den Schild vor den Körper gehalten. Unverzüglich wendeten sie.

Mittlerweile bildeten die Reiter aus der Nordmark ein Halbrund hinter Otto, und hinter uns schlossen immer mehr Mannen des Königs sowie des Erzbischofs von Köln auf. Als sich Heinrich, unser mutiger König, zwischen den Pferdeleibern hindurch zwängte, nahmen einige von Ottos Männern, von Fidus verbellt, ihren Bogen in die Hand.

Selbst heute noch, zu später Stunde nach dem abendlichen completorium, während draußen, jenseits der Klostermauern, eine Nachtigall ihr Lied anstimmt und ihre Brüder, unschuldige Geschöpfe im Hain des Herrn, in ihren Lobgesang einfallen, erfaßt mich zitternde Angst vor der lodernden Flamme des Hasses, die da unerwartet vor uns in den Himmel schoß, Angst desgleichen vor der Gefahr, die dem König drohte. Die Pfeile waren für ihn gedacht, und vermutlich hätten sie auch mich nicht verschonen sollen.

»Was ist hier los?« Die helle Stimme des Königs war deutlich zu vernehmen, weil alle Reiter, die wie feindliche Truppen einander gegenüberstanden, die Luft anzuhalten schienen.

Bevor irgendeiner eine Antwort geben konnte, preschten die beiden Kampfhähne erneut aufeinander zu. Die Schwerter schlugen dumpf auf die Schilde, die Pferde wirbelten herum, Erde spritzte empor. Die Klingen klirrten, die Tiere wieherten schrill, Funken stoben, als die Kettenhemden getroffen wurden. Schon bluteten Brunos Gesicht und Ottos Hand. Wie auf Befehl trennten sich die Rösser, und ich hoffte, die beiden Männer beendeten ihren Kampf. Doch sie rissen lediglich ihre Pferde herum und galoppierten erneut mit nach vorne gestrecktem Schwert aufeinander zu.

Ehe wir uns versahen, lagen beide im Staub, die Körper zuckten, Blut sickerte aus Brunos Kettenhemd, unter dem Kinn, und Otto fehlte ein Teil seines Kopfs. Der Helm rollte seinen Männern vor die Füße. Ein letztes Röcheln, Blut sprudelte wie aus einer Quelle, und selbst ich, der neben ihnen stand, konnte ihnen nicht mehr die Sterbesakramente spenden. Schon kniete Ekbert neben seinem Bruder, auch der König sprang hinzu. Ich ließ die Streitaxt fallen, hob meine Hand zum Segenszeichen. Bruno sprach ein letztes Wort der Tapferkeit, dann brachen seine Augen.

Ich hatte den König in die Arme genommen, sein Gesicht in meinem Reitkittel geborgen, um ihm den Anblick des grausamen Todes zu ersparen. Die Sachsen waren abgesprungen und zerrten ihren Anführer zur Seite, bedeckten seinen Leichnam. Um uns stummes Entsetzen und lautes Wehgeschrei. Unterdessen waren die Kaiserin und mit ihr Anno erschienen, und ihre Augen weiteten sich, als sie den Vetter des Königs in seinem Blut liegen sahen.

Graf Ekbert schüttelte die Faust. »Verschwörer! Meuchelmörder! Ihr werdet dafür einen hohen Preis zahlen!«

Die Sachsen beachteten ihn nicht. Stumm legten sie ihren toten Anführer auf sein Pferd und machten sich aus dem blutroten Staub. Für sie hatte Gott sein Urteil gesprochen.

Hätten unsere Ritter sie nicht zum Kampf zwingen, hätten sie nicht den Angriff auf des Königs Mannen rächen müssen?

Graf Ekbert, über seinen Bruder gebeugt, benetzte ihn mit seinen Tränen. Weder Erzbischof Anno noch ein anderer Berater der Kaiserin gab den Befehl zum Angriff. So durften die Helfer des Verräters des Weges ziehen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. War dies ein folgenreiches Zeichen der Schwäche?

Noch heute möchte ich für die Seele des tapferen Bruno beten, der ohne die Segnungen der Kirche sein Leben in Treue hingab für das Heil unseres Königs. Sein Scharfsinn erkannte augenblicklich die schurkische Absicht des ehrlosen, zum Königsmord bestimmten Sachsen.

Wir trafen abends im Kloster Quedlinburg ein, wo wir von der jungen Äbtissin Beatrix, einer Halbschwester des Königs, freundlich aufgenommen und wohl versorgt wurden. Bevor wir uns an Speis und Trank laben durften, fanden wir uns in der Kirche zusammen und dankten dem gnädigen Vater im Himmel für das gütige Geschick, mit dem ER das Leben des Königs geschützt hatte. Heinrich kniete zwischen seiner Mutter und Anno, die beide bleich waren, als hätte die Sichel die kalte Klinge auf ihre Wangen gelegt. Er selbst wirkte auf eine trotzige Weise in sich gekehrt, sprach mit niemandem, starrte vor sich hin; nicht einmal die Lippen bewegten sich in stummem Gebet.

Als Heinrich bereits schlief, setzten sich Erzbischof Anno, Graf Ekbert und die anderen Verwalter der Regierungsgeschäfte mit der Kaiserin zusammen, um über das Geschehen und seine Folgen zu beraten. Eine Bestrafung der Hintermänner forderte allein Graf Ekbert; die Kaiserin fürchtete die Flammen eines wütenden Bürgerkriegs, und Erzbischof Anno betonte, es habe sich vermutlich um eine private Fehde der beiden toten Kontrahenten gehandelt, ein Attentat auf den jungen König sei nicht geplant gewesen. Auch er wolle weiteres Blutvergießen vermeiden. Allerdings sollten sie nicht weiter nach Merseburg reiten, sondern nach Goslar zurückkehren, um dort das Pfingstfest zu feiern.

So geschah es.

Treuebekundungen aus allen Teilen des Reichs erreichten die Kaiserin, die sich häufig zu stillem Gebet in ihre Kapelle zurückzog. Der König, der sich nicht von seinem jungen Hundefreund trennen mochte, blieb lange Zeit verstummt, obwohl sich Erzbischof Anno persönlich um ihn kümmerte und erklärte, der allmächtige Vater im Himmel habe ein Zeichen gesandt, daß die Kindheit des Königs vorbei sei. Nun beginne die Zeit des Lernens. Heinrich dürfe nicht mehr in den Gemächern seiner Mutter schlafen, sondern müsse zu ihm übersiedeln.

Als die Kaiserin von Annos Worten erfuhr, eilte sie zu ihm und herrschte ihn in meinem Beisein an: »Heinrich bleibt bei mir, der Regentin!«

»Als Erzkanzler des Reichs bin ich für die rechte Erziehung des Königs verantwortlich. Und für seinen Schutz.« Annos Stimme blieb abweisend und kalt.

Noch nie hatte ich Kaiserin Agnes so außer sich vor Zorn erlebt. Trotz ihrer zarten Stimme schrie sie: »Für seinen Schutz? Wo blieb dein Schutz, als die Sachsen ihn ermorden wollten? Du rittest mit deinen Leuten feige am Ende des Zuges. Vielleicht hast du sogar … wolltest du …«

Sie unterbrach sich, als sie sah, wie sich Annos Gesicht verzerrte. Mit einem gänzlich unchristlichen und für einen Erzbischof unwürdigen Fluch stürzte er von dannen.

Da stand ich nun allein mit der Kaiserin, die sich nur mühsam beruhigte. Was sollte ich tun? Als kleiner Scriptor durfte ich nicht wagen, ein besänftigendes Wort an sie zu richten. Sie indes ergriff meinen Arm, Tränen in den Augen, und bat mich um Vergebung. Ich stammelte hilflos Worte der Heiligen Schrift. Die Kaiserin schien sich in diesem Augenblick an unsere erste Begegnung zu erinnern: Sie fiel in die Sprache ihrer Heimat und flüsterte: »Ihr, die ihr keine Kinder haben dürft, könnt eine Mutter nicht verstehen.«

Mein Mund verschloß sich mir; denn wie hatte sie unrecht! Die Glocke ruft mich zum mitternächtlichen Gebet. Gloria in excelsis deo!

Ornament

8. KAPITEL

Goslar 1057

Kaiserin Agnes kniete in der Pfalzkapelle vor dem Altar und flehte den Heiland an, ihr beizustehen und Kraft zu schenken, ihr die Schuld zu vergeben, da auch sie stets bereit gewesen sei und noch bereit sein würde, den Frevlern ihre Schuld zu vergeben. Sie sprach in ihrer Muttersprache, weil diese sie hinwegführte zu den satten und sonnenüberstrahlten Auen Poitous, in denen sie aufgewachsen war, die sie jedoch seit ihrer Vermählung mit dem deutschen König nie wiedergesehen hatte und in denen sie wohl auch in Zukunft nie Zuflucht suchen durfte.

Agnes stand noch unter dem Schock des Mordanschlags auf Heinrich und der Anmaßung, mit der Erzbischof Anno ihr den Sohn von der Seite reißen wollte. Sie widerstand ihm unter Aufbietung aller Kräfte und erreichte, daß Heinrich weiterhin an ihrer Seite schlief; sie vermochte gleichwohl nicht zu verhindern, daß er tagsüber von dem Erzbischof und seinen Beauftragten in die Kenntnisse und Fertigkeiten eingewiesen wurde, die ein König beherrschen mußte.

Anno hatte letztlich recht, wie sie genau wußte; er war von ihrem kaiserlichen Gemahl seligen Angedenkens beauftragt worden, sich um die Erziehung des Knaben zu kümmern, und sie war lediglich ein schwaches Weib, das in der Nähe zu Gott sein Seelenheil suchte und am liebsten den Witwenschleier genommen hätte – aber sie war auch eine Mutter, die nach drei Mädchen unter Schmerzen den Thronfolger geboren hatte und ihn keineswegs verlieren wollte, nachdem sie seinen jüngeren Bruder Konrad und seine ältere Schwester Gisela in die Hände der Engel hatte zurücklegen müssen. Ihre älteste Tochter Adelheid hatte sie zur Erziehung ins Kloster Quedlinburg gegeben, damit sie dort einmal Äbtissin würde, die dritte Tochter Mathilde, ihr Herzenskind, sollte in Konstanz weilen, unter der Obhut des Bischofs – und was war geschehen? Nein, sie mochte nicht daran denken. Wer blieb ihr außer Heinrich? Lediglich die dreijährige Sophie-Judith, ein unscheinbares Mädchen, nie laut, immer in den Armen der Amme und sogar noch an ihrer Brust, selten am Herzen der Mutter …

Agnes wischte sich eine Träne von der Wange. Das Leben einer kaiserlichen Mutter war nicht leicht, sie wollte gleichwohl nicht klagen, denn der Vater im Himmel hatte es für sie so bestimmt. Für sie und alle anderen. Konrads Tod lag zwei Jahre zurück, und doch schien es ihr, als habe sie nie genügend Zeit gefunden, sein Dahinscheiden zu betrauern. Er war ein liebes, lächelndes Kind gewesen, nicht so laut und fordernd wie Heinrich – aber der Allmächtige hatte ihr in seinem unerforschlichen Ratschluß das Söhnchen, das soeben allerliebst zu sprechen lernte, aus den Armen und aus dem Herzen gerissen. Vielleicht war es gut so, denn nun brauchte der sonnige Konrad nicht mehr gegen die tägliche Versuchung der Sünden anzukämpfen und sich durch das Jammertal des Lebens zu schlagen.

Das milde, leidende Antlitz des Gekreuzigten schaute auf sie herab, mit seiner durchbohrten Hand schien er ihr Trost zuzuwinken. Unter Tränen mußte sie lächeln. Solange ER sie nicht verließ, wußte sie, daß sie am Ende ihres Jammertals das Licht des Heils umhüllte und hinwegführte in ein Reich, in der ewige Seelenruhe herrschte.

Sie hob den Kopf und streckte dem Gekreuzigten ihre Hände entgegen. Christus hatte ganz anderes erleiden müssen – und dabei nicht immer die Angst unterdrücken können. Und wie war es erst seiner Mutter, der Jungfrau Maria, ergangen! Den einzigen, wundersam empfangenen Sohn so grausam enden zu sehen und dennoch stark im Glauben bleiben zu müssen! Gott hatte die Frauen mit der unabänderlichen Strafe geschlagen, unter Schmerzen zu gebären, um später das unter Schmerzen Geborene häufig wieder zu verlieren … Lediglich einen Ausweg sah sie, nachdem sie bereits alle Qualen der Niederkunft, der Mutterschaft und des Abschieds durchlitten und ertragen hatte: hinter die starken Mauern eines Klosters zu fliehen und dort die Dämonen und Gespenster, die sie verfolgten, abzuwehren, um sich als Braut Christi dem immerwährenden Gebet hinzugeben und das Heil in der Vereinigung mit dem Heiland zu finden.

Hineingeworfen in den Mahlstrom des Herrschens und Entscheidens, war sie zu schwach, um all ihre Aufgaben zu bewältigen. Bereits das unaufhörliche Unterwegssein zehrte an ihren Kräften: Bei jedem Wetter schleppten sie sich dahin, bei Regen von Pfalz zu Bischofssitz, von Bischofssitz zu Reichsgut unter glühender Sonne, blind vor Schneestürmen von Reichsgut zu Kloster und im Orkan wieder zur nächsten Pfalz. Noch müde und erschlagen, sollte sie Recht sprechen, ohne die jeweils gültigen Gesetze und Regeln zu kennen, sie sollte Allianzen aushandeln, ohne zu verstehen, worum es ging, sie sollte auf Einnahmen und Abgaben drängen, obwohl ihr die jammernden Bittsteller leid taten, und sich um den Ausbau der Pfalzen und Burgen kümmern, obwohl sie das Kauderwelsch der Bauleute nicht verstand. Am ehesten war sie bereit, Stiftungen für Kirchen und Klöster zu bewilligen, Gelder für die Herstellung kostbarer Altäre, den Ankauf von Reliquien bereitzustellen, überhaupt legte sie freigebig Reichsgut in die Hände derer, die sich um das Seelenheil der Sünder kümmerten. Sie gab sogar mehr, als Anno lieb war, obwohl er als Erzbischof hätte dankbar sein müssen. Dankbar zeigte er sich nur, wenn sie seiner Diözese eine Schenkung machte. Versuchte er, diesen Widerspruch zu erklären, verlor er sich in komplizierten kanonischen Erörterungen, und sie empfand sich erneut als zu einfältig, die richtige und gerechte Ausführung ihrer Aufgabe als Regentin zu begreifen.

Vermutlich lag Anno nicht falsch. Ihre, eines Weibes, Geistesgaben reichten nicht aus. Sosehr sie sich mühte, sie konnte sich nicht die Namen all der wichtigen Bischöfe und Grafen merken, der Länder und Gaue, sie verstand nicht das Gewirr der Lehnsabhängigkeiten und rechtlichen Verpflichtungen, der vertraglichen Ansprüche, der gewährten oder entzogenen Gunstbeweise, der Verleumdungen und Treueschwüre, Fehden und Eidbrüche. Mit gereizter Ungeduld erläuterte ihr Anno, was sie wissen sollte – gleichwohl verstand sie ihn nicht.

Adalbert, dem Erzbischof von Bremen, mit seinem grauen Bart und der liebevoll-rostigen Stimme, hatte sie besser folgen können, wenn er ihr etwas erklärte – damals, zu Zeiten, als der Kaiser noch lebte und Adalbert am Hof ...

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