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Burnout

Burnout: Annäherung an ein neues Phänomen

Sie können kaum mehr eine Zeitung aufschlagen, ohne dass Sie auf einen Artikel zum Thema Burnout stoßen. Immer mehr Bücher zu diesem Phänomen erscheinen auf dem Markt. Und Sie selber halten jetzt eines davon in der Hand.

Was hat es auf sich mit diesem anscheinend neuen Phänomen? Was ist Burnout überhaupt? Ist das eine neue Erscheinung oder gab es das früher auch schon? Mit diesen grundlegenden Fragen wollen wir uns erst einmal beschäftigen, bevor wir dazu kommen, was Sie als Führungskraft oder Personalverantwortliche tun können, um psychischen Überlastungen möglichst vorzubeugen und im Akutfall bei Mitarbeitern oder Kollegen richtig zu handeln.

Was ist Burnout?

Die schlechte Nachricht zuerst: Es gibt keine einheitliche Definition des Burnouts! Selbst der in Deutschland weithin anerkannte Burnout-Experte Matthias Burisch verwendet über sieben Seiten auf dieses Thema, um letztendlich eine genaue Definition schuldig zu bleiben.

Geschichte des Begriffs Burnout

Lassen Sie uns deshalb einen Blick in die Geschichte dieses so schwer fassbaren Begriffs werfen, um uns auf diese Weise mit ihm und seinen wechselnden Bedeutungen vertrauter zu machen.

Schon in der Literatur lassen sich Beschreibungen des Zustandes finden: z. B. in Thomas Manns „Buddenbrooks” beschreibt der Senator Thomas Buddenbrook einen Zustand der Müdigkeit und Verdrossenheit, einen Mangel an Interesse und eine innere Verarmung. Auch Graham Greene hat in seinem 1960 erschienen Roman „A Burnt-Out Case” einen erfolgreichen Mann beschrieben, der sein Leben als Kirchenarchitekt als sinnlos empfindet und versucht, seinen Seelenfrieden wiederzufinden, indem er in Afrika ein Hospital für Leprakranke baut. Man könnte sogar bei Moses einen Burnout vermuten: „Da sprach der Schwiegervater Moses zu ihm: Die Sache ist nicht gut, die du tust; du wirst ganz erschlaffen, sowohl du, als auch dieses Volk, das bei dir ist; denn die Sache ist zu schwer für dich, du kannst sie nicht allein ausrichten.” (2. Mose 18, 17 – 18)

Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger (der sich – in Deutschland geboren – 1938 nach der Reichspogromnacht zur Flucht aus Deutschland entschloss) schrieb 1975 den ersten wissenschaftlichen Artikel. Freudenberger war selbst betroffen, da er als Psychoanalytiker sehr lange Arbeitstage hatte und sich auch noch ehrenamtlich stark in der Drogenarbeit engagierte. Er beschrieb bei sich Kraftlosigkeit und Müdigkeit bei gleichzeitiger Schlaflosigkeit, zusätzlich litt er an Magen- und Kopfschmerzen. Auch seine Stimmung war betroffen: Er fühlte sich reizbarer und unflexibler. Freudenberger beschrieb unter dem Begriff „Burnout” den psychischen und physischen Abbau der ehrenamtlichen Mitarbeiter im sozialen Bereich (s. Hillert, 2010).

Ein Jahr später schrieb auch die Sozialpsychologin Christina Maslach über das Burnout-Syndrom. Sie entwickelte 1981 den noch heute am meisten verwendeten wissenschaftlichen Test zur Erfassung des Burnout, das Maslach Burnout Inventory (MBI). In diesen ersten Arbeiten wird Burnout dargestellt als ein Zustand der totalen Erschöpfung als Reaktion auf chronischen Stress im Beruf. Ursprünglich wurde der Begriff nur auf Menschen bezogen, die in sozialen Berufen arbeiten und viel mit Klienten zu tun haben, die selbst emotionalen Belastungen ausgesetzt sind. Seit den 1990er Jahren wird das Syndrom bei immer mehr Berufsgruppen beschrieben: von der Hausfrau bis zum Leistungssportler.

In diesen ersten wissenschaftlichen Beschreibungen wurden drei Dimensionen beschrieben, die den Zustand des Burnouts ausmachen:

  • Emotionale Erschöpfung (durch fehlende emotionale und physische Ressourcen)

  • Ein unpersönlicher bis zynischer Umgang mit den Klienten

  • Ein Gefühl der Wirkungslosigkeit bei der Erreichung von persönlichen Zielen im Beruf.

Es geht also um drei Ebenen, die betroffen sind: das persönliche Erleben des Betroffenen, der zwischenmenschliche Umgang mit Klienten oder Patienten und die Beziehung zur Arbeitsaufgabe.

Inzwischen gibt es eine Fülle von Modellen, die sich vor allem darin unterscheiden, welche Ursachen sie für Burnout annehmen: Ist eher die Arbeitswelt schuld oder handelt es sich um persönliche Schwächen? Nicht einmal darüber, welche Symptome genau über welchen Zeitraum vorliegen müssen, damit man von Burnout sprechen kann, gibt es Einigkeit.

Definition des Burnouts

Eine recht umfassende und auch weitgehend anerkannte Definition für Burnout liefern Schaufeli und Enzmann (Schaufeli & Enzmann, 1998, S. 36):

„Burnout ist ein dauerhafter, negativer, arbeitsbezogener Seelenzustand ‚normaler’ Individuen. Er ist in erster Linie von Erschöpfung gekennzeichnet, begleitet von Unruhe und Anspannung (distress), einem Gefühl verringerter Effektivität, gesunkener Motivation und der Entwicklung dysfunktionaler Einstellungen und Verhaltensweisen bei der Arbeit. Diese psychische Verfassung entwickelt sich nach und nach, kann dem betroffenen Menschen aber lange unbemerkt bleiben. Sie resultiert aus einer Fehlpassung von Intentionen und Berufsrealität. Burnout erhält sich wegen ungünstiger Bewältigungsstrategien, die mit dem Syndrom zusammenhängen, oft selbst aufrecht.”

Burnout – keine klinische Diagnose

Im Gesundheitswesen gilt Burnout nicht als Krankheit! Krankheiten werden in der international weit verbreiteten und auch im deutschen Gesundheitswesen verwendeten ICD 10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) beschrieben und mit einer Zahlen-Buchstabenkombination verschlüsselt. Alle Erkrankungen, die im Gesundheitswesen auf Kosten der Krankenkassen behandelt werden dürfen, sind hierin enthalten. Es gibt keine Möglichkeit, Burnout als Krankheits-Diagnose zu klassifizieren. In dieser Klassifizierung findet sich ein Verweis auf Burnout nur an einer einzigen Stelle, nämlich im Kapitel zu „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen” – alle anderen Kapitel beschreiben „Krankheiten”.

„Z73 Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung

Inkl.:

Akzentuierung von Persönlichkeitszügen
Ausgebranntsein [Burn out]
Einschränkung von Aktivitäten durch Behinderung
Körperliche oder psychische Belastung o.n.A.
Mangel an Entspannung oder Freizeit
Sozialer Rollenkonflikt, anderenorts nicht klassifiziert
Stress, anderenorts nicht klassifiziert
Unzulängliche soziale Fähigkeiten, anderenorts nicht klassifiziert
Zustand der totalen Erschöpfung”
(DIMDI, Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information)

So wird Burnout also als Schwierigkeit bei der Lebensführung eingeordnet, zusammen mit sozialen Rollenkonflikten, Stress und mangelnden sozialen Fähigkeiten. Es wird auch keine Unterscheidung getroffen zwischen Burnout, Stress und einem Zustand der totalen Erschöpfung. Diese Einschätzung als „Randphänomen” steht in großem Widerspruch zur Aufmerksamkeit, die das Phänomen Burnout zurzeit bekommt. Damit wird einerseits das tatsächlich Leiden der Betroffenen eher verharmlost und einer persönlichen Unfähigkeit zur Lebensbewältigung zugeschrieben. Andererseits werden auch die gesellschaftlichen Auswirkungen nicht ausreichend präzise fassbar und Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz erscheinen eher nebensächlich. Sollte denn der Arbeitgeber wirklich verantwortlich sein für die „Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung” seiner Mitarbeiter?

Letztendlich gibt es auch im alltäglichen Gebrauch des Begriffs Burnout starke Überschneidungen mit anderen Zuständen und Begrifflichkeiten, z. B. Überforderung und Stress, Depression, Lustlosigkeit, psychosomatische Störungen, Erschöpfung usw. Wo also hört eine „normale” Stressbelastung auf und wo fängt ein Burnout an? Das kann zurzeit niemand genau festlegen! Wir sind also entweder auf die Selbsteinschätzung der Betroffenen oder auf den Eindruck von Außenstehenden angewiesen.

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Abb. 1.1: Verschiedene Themenbereiche des Burnouts

Zum Glück müssen Sie im Umgang mit den Themen psychische Belastungen der Mitarbeiter und Burnout auch keine ganz genauen Unterscheidungen treffen. Die Vermeidung von Überforderung im Arbeitsleben ist immer sinnvoll, dafür gibt es viele Ansätze, die später noch vorgestellt werden. Und da Sie keine klinischen Diagnosen bei Ihren Mitarbeitern stellen müssen, brauchen Sie auch keine detaillierte Beschreibung von Symptomen, um Betroffene exakt herausfiltern zu können.

Für unsere Zwecke – also die Einführung von Präventionsstrategien und den hilfreichen Umgang mit Betroffenen – reicht eine eher praxis- und anwendungsorientierte Beschreibung des Phänomens.

Die Ursachen des Burnouts und die Abgrenzung zu anderen Erscheinungen werden in weiteren Abschnitten dieses Kapitels behandelt.

Achtung

Folgen eines unbehandelten Burnouts

Wird ein Burnout gar nicht oder zu spät behandelt, kann das zu gravierenden Folgen führen:

  • Lange Krankschreibungen

  • Abhängigkeiten

  • Anhaltende Depressionen

  • Selbstmordgefahr

Ist das nicht nur ein Modephänomen?

Was haben der Autor Frank Schätzing, Fernsehkoch Tim Mälzer, die Radsportlerin Hanka Kupfernagel, der vielversprechende Fußballer Sebastian Deisler, der schräge Moderator Bruce Darnell, der Musiker Robbie Williams und der Politiker Matthias Platzek gemeinsam? Richtig: Sie alle haben nach eigenen Angaben einen Burnout erlitten. Tim Mälzer erzählt über sich: „Ich habe mir keine Erholungsphasen gegönnt, brach vor fünf Jahren weinend in einem Fernsehstudio zusammen.” Der Grund dafür war folgender: „Ich konnte meine Sätze nicht mehr sprechen, dann die Wut über mich selbst – da sind mir die Beine weggesackt.” (In der Talkshow „Hart aber fair”, am 15. 11. 2011)

Inzwischen gibt es Sonderausgaben von Zeitschriften, zahlreiche Bücher, Talkshows zum Thema sowie Bilderstrecken und Videos von prominenten Burnout-Opfern im Internet.

„Ich bin seit langem in einem Zustand, der mit Konzentrationsschwierigkeiten noch sehr dezent beschrieben ist. Mein Kopf brummt, so könnte ich es umgangssprachlich beschreiben. Er ist einfach immer übervoll, und es gelingt mir nicht, einen Teil der Impulse und Gedanken so abzuleiten, dass ich mich auf den verbleibenden Teil wirklich konzentrieren kann. (…) Wenn ich lese, merke ich plötzlich, dass ich ein anderes Problem in meinem Kopf durchdenke, während meine Augen weiter die Zeilen verschlingen. (…) Immer wieder springe ich während des Lesens auf, weil mir etwas einfällt, das mit dem Gelesenen nichts zu tun hat, wohl aber mit einem der vielen anderen Themen, die mich ansonsten gerade noch beschäftigen.” (Meckel, 2010, S. 15–16)

Auf einmal scheint das Thema Burnout überall präsent zu sein. Wie kommt das? Handelt es sich tatsächlich um eine neues oder jetzt häufigeres Phänomen? Gab es das früher auch schon, wurde aber nicht so genannt? Sind die Zahlen alle völlig übertrieben? Oder sind die Menschen einfach wehleidiger und weniger belastbar geworden?

Beispiel

Die gewandelte Sicht auf den Begriff Burnout

  • Früher wurde der Begriff Burnout beschränkt auf soziale Berufe, heute finden wir ihn angewandt auf die verschiedensten Tätigkeiten.

  • Meist wurde der Begriff Burnout nur bezogen auf Erwerbstätige, inzwischen wird er auch angewandt bei Hausfrauen oder Menschen, die Familienangehörige pflegen.

  • Ursprünglich wurde die Aussage: „Nur wer gebrannt hat, kann auch ausbrennen!” für wahr gehalten, heute ist sie wissenschaftlich widerlegt.

  • Lange Zeit war es ein Tabu, psychisch zu leiden. Heute gilt Burnout als eine „Art Verwundetenabzeichen” (Schmidbauer, 2011)

Wenn ein Phänomen anscheinend innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Massenepidemie wird, ist ein kritisches Hinterfragen sicher sinnvoll. Das Hauptproblem besteht darin, dass es keine klare Definition von Burnout gibt. Es ist nicht möglich abzugrenzen, wer zu den Betroffenen gehört und wer nicht. So ist schon unter Experten unklar, worüber genau eigentlich diskutiert wird. Das führt dazu, dass jeder, der sich erschöpft, lustlos, depressiv oder sonstwie krank fühlt, von sich behaupten kann, unter einem Burnout zu leiden. Der Begriff wird manchmal geradezu inflationär verwendet. Wir sprechen hier also über ein nur vage einzugrenzendes Phänomen, unter dem jeder etwas anderes verstehen kann.

Kritik am Burnout-Begriff

Deswegen möchte ich ein paar der kritischen Stimmen zu Wort kommen lassen.

Prof. Dr. Dr. Hillert, Chefarzt einer bekannten Psychosomatischen Klinik, setzt seine Kritik vorwiegend an der mangelnden Abgrenzung des Begriffes Burnout an. Führungskräfte, die zu ihm in die Klinik kommen, werden meist mit der Diagnose „Major Depression, mittelgradig” eingewiesen, beschreiben sich selbst aber als Burnout-Fälle. Das hat für sie den Vorteil, dass sie sich nicht als psychisch krank sehen müssen – immer noch ein Tabu –, sondern als ausgebrannt durch sehr hohen eigenen Arbeitseinsatz oder durch die Schuld anderer, z. B. durch Mobbing. Hillert beklagt besonders die unscharfe Verwendung des Begriffs:

„Die Selbstverständlichkeit, mit der heute über Burnout gesprochen wird, steht in krassem Missverhältnis zur wissenschaftlichen Evidenz. Bereits die Frage, wie Burnout diagnostiziert werden soll, ist ein ungelöstes Problem. Welche Symptome müssen verbindlich über welche Zeit und in welcher Intensität vorliegen, damit von Burnout gesprochen werden kann?” (Hillert A. , 2010)

Die meisten gängigen Fragebögen fußen auf der Abfrage von Befindlichkeiten und erfordern nur eine Selbsteinschätzung. Eine klare Abgrenzung zu Stress, Arbeitsunzufriedenheit, Motivation, Depressivität usw. lässt sich mit diesen Fragebögen nicht ziehen. Ist jemand, der in Fragebögen schlechte Werte erzielt hat, auch in der Leistung vermindert oder gar behandlungsbedürftig? Die verschiedenen Stadienmodelle des Burnouts, die in der Fachliteratur beschrieben werden, sieht Hillert als nicht wissenschaftlich fundiert an. Schwierig ist seiner Meinung nach auch die Unterscheidung zwischen Ursache und Wirkung: Wie will man Menschen, die durch ein Überengagement oder eine massive Überlastung in einen Burnout geraten sind, unterscheiden von den Menschen, die von vornherein für ihren Beruf nicht ausreichend motiviert oder geeignet waren?

Der renommierte Psychotherapeut und Autor Wolfgang Schmidtbauer sieht sowohl Positives, als auch Negatives in dieser „merkwürdige(n) Karriere eines Begriffs” (Schmidbauer, 2011). Hilfreich an der öffentlichen Aufmerksamkeit ist es, dass psychische Probleme ihren Tabu-Charakter verlieren. Wenn auch zahlreiche Prominente und Leistungsträger zugeben können, dass sie seelisch leiden, müssen sich auch weniger erfolgreiche Menschen „nicht mehr schämen, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.” (Schmidbauer, 2011) Andererseits kann der Burnout auch zum Mythos verklärt werden, der diejenigen trifft, die sich ganz besonders eingesetzt und verausgabt haben. Damit kritisiert Schmidtbauer nicht zuletzt die Leistungsgesellschaft, die gerade auch im Sport jahrzehntelang immer neue Rekorde gefordert hat, ohne Rücksicht auf die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit.

„Der Burnout-Begriff wird zum Mythos, die in ihm steckende Poesie von Feuer und Flamme, Glut und Asche wird nicht nur zum Verhängnis für seine präzise Verwendung, sondern auch zum Hindernis für eine gründliche Therapie.” (Schmidbauer, 2011)

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hat sich im Frühjahr 2012 sogar veranlasst gesehen, ein öffentliches Positionspapier zum Thema Burnout herauszugeben. Darin werden besonders folgende Punkte als kritisch bezeichnet:

Achtung

Weit verbreitete Sichtweisen, die kritisch gesehen werden

  • Gleichstellung von Burnout mit jeglicher Form einer psychischen Krise und Erkrankung im zeitlichen Zusammenhang mit einer Arbeitsbelastung

  • Gebrauch des Begriffs Burnout ersatzweise für Depressionen von arbeitenden Menschen

  • Burnout als primäres Problem des Gesundheitswesens

Die Position der Fachgesellschaft DGPPN

„Vom Gesundheitssystem wird erwartet, Burnout-Beschwerden und seine gesamtgesellschaftlichen Folgen, wie den Anstieg durch psychische Störungen bedingter Krankschreibungen und Frühberentungen, vorzubeugen und zu beheben. Diesbezüglich sehen wir jedoch primär Sozialpartner und Politik in der Pflicht, der postulierten Überforderung einer steigenden Zahl von Berufstätigen mit negativen Konsequenzen für ihre psychische Gesundheit entgegenzuwirken.” (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, 2012)

Die Fachgesellschaft weist in ihrem Positionspapier daraufhin, dass es keine verlässlichen Zahlen über die Häufigkeit von psychischen Beschwerden in Verbindung mit einer Überforderung bei der Arbeit gibt. Es wird ergänzt, dass es Burnout-ähnliche Beschwerden auch geben kann, wenn schon vorher eine körperliche oder psychische Krankheit bestand. Als Folge einer solchen Erkrankung kann es zu einer geringen Belastbarkeit und einer stärkeren Erschöpfung bei der Arbeit kommen. So wäre der meist angenommene Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in diesem Fall umgekehrt.

Sehr wichtig ist auch der Hinweis der Autoren auf die gesellschaftlichen Bedingungen. Erschöpfung, Burnout und Depression werden (nach Ehrenberg und Han) als Leitkrankheiten einer Leistungsgesellschaft beschrieben. Der zunehmende Zwang, immer effektiver arbeiten zu müssen und die Überzeugung, beruflich durch eigene Leistung jeden Erfolg erringen zu können, führe zu einer Selbstüberforderung und Selbstausbeutung. Gerade diese Erfolgsorientierung in Verbindung mit einer Selbstausbeutung trifft natürlich besonders Führungskräfte, Spitzensportler, Selbstständige oder Menschen in Kreativberufen.

„Die DGPPN sieht in der Benutzung von Burnout als Oberbegriff für sämtliche arbeitsbedingte psychische Störungen eine erhebliche Gefahr. Viele Burnout-Coaches und Kliniken vermitteln den Patienten den Eindruck, dass mit Wellness-Methoden wie gesundem Essen, Sport, Entspannungs- und Zeitmanagement-Training oder einfachen Empfehlungen zur Arbeitsplatzumstrukturierung jegliche psychische Störungsform im Zusammenhang mit Arbeitsstress behoben werden könnte.” (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, 2012)

Es bestehe die Gefahr, dass die Betroffenen dann keine fachliche Behandlung erhielten, die wirklich auf die vorliegenden Störungen ausgerichtet ist. Die DGPPN sieht es nicht als Ziel einer Behandlung an, dass die Patienten anschließend wieder „inakzeptable und unbewältigbare Arbeitsbedingungen” eine Zeitlang aushalten. Die Arbeitsbedingungen müssten derart sein, dass das arbeitsbedingte Risiko, erneut zu erkranken, möglichst gering gehalten wird.

Neben diesen Kritikpunkten, die vorwiegend von Psychotherapeuten kommen, gibt es auch kritische Positionen auf Seiten der Arbeitgeberverbände. Hier hat man Probleme damit, Burnout vorwiegend als eine Folge von Arbeitsüberlastung anzusehen. Damit würde den Arbeitgebern quasi die „Schuld” am Leiden der Betroffenen zugeschoben. Soweit möchte man natürlich nicht gehen, denn dann wäre ja auch die Initiative zum präventiven Handeln vorwiegend auf der Seite der Arbeitgeber angesiedelt. Nach einigen Diskussionen wurde von den Vertretungen der Arbeitgeber aber folgendes Ziel für die „Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie” anerkannt: „Schutz und Stärkung der Gesundheit bei arbeitsbedingter psychischer Belastung”. Offiziell gibt es also von Arbeitgeberseite keine ernsthafte Verleugnung des Problems. Hinter verschlossenen Türen wird trotzdem versucht, das Thema eher zu relativieren.

Wichtig

Fakten zum Thema Burnout

  • Die Belastungen in der Arbeitswelt haben sich in den letzten Jahren massiv verändert und erhöht. Ein Ende ist noch nicht in Sicht.

  • Zunehmend werden an jeden einzelnen daher immer höhere Anforderungen gestellt, die zu einer Selbstausbeutung führen können.

  • Die Kennzahlen zu psychischen Störungen steigen seit Jahren unaufhaltsam an .

  • Burnout und arbeitsbedingte Erschöpfung finden ein großes öffentliches Interesse.

  • Weder Arbeitgeber noch das Gesundheitssystem können dieser Entwicklung im Moment gerecht werden.

Fazit

Die Schlussfolgerung ist, dass wir uns dem Phänomen Burnout stellen müssen, egal wie wir es genau nennen oder abgrenzen können. Immer mehr Menschen leiden massiv an unseren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Anscheinend erreichen wir alle allmählich die Leistungsgrenze dessen, was wir beruflich und privat schaffen können. Auch ein Verschieben der Verantwortung an jeweils andere, z. B. die einzelnen Betroffenen, das Gesundheitswesen oder die Arbeitgeber, führt nicht weiter. Unsere Gesellschaft als Ganzes ist auf ein immerwährendes Wachstum ausgerichtet, dass keinen Stillstand erlaubt, sondern immer weitere Leistungssteigerungen erfordert. Damit das auf Dauer nicht zu einem massiven Zusammenbruch der körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit zahlreicher Menschen führt, müssen alle Beteiligten in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Rolle aktiv werden. Wir müssen rechtzeitig erkennen, wo unsere Leistungsgrenzen liegen – sowohl als Individuum, als auch auf gesellschaftlicher Ebene – und diese Grenzen dann auch akzeptieren.

Achtung

Burnout ist kein neues Phänomen!

Häufig wird behauptet, dass Burnout als Modephänomen zu betrachten sei, weil es das früher nicht gegeben habe. Wie wir an den Schilderungen z. B. in Thomas Manns „Buddenbrooks” sehen können, gab es die gleichen Beschwerden auch früher schon. Sie wurden nur anders genannt, z. B. „Neurasthenie” (Nervenschwäche) oder man hatte einen „Nervenzusammenbruch”.

Woher kommt Burnout?

Die meisten Menschen verbringen einen großen Teil ihres wachen Lebens bei der Arbeit. Neben Familie, Freunden und Freizeit ist das Arbeitsleben damit einer der zentralen Lebensbereiche. Bei günstigen Arbeitsbedingungen fördert es das Wohlbefinden, die psychische Gesundheit und trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Ungünstige Verhältnisse bei der Arbeit können aber zu einer Belastung werden, die sowohl psychische als auch körperliche Störungen nach sich ziehen kann.

Grundsätzlich kann ein Burnout zwei unterschiedliche Ursachen haben: Äußere Faktoren (aus der Umwelt) oder innere Faktoren (aus der Person).

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Abb. 1.2: Ursachen von Burnout

Ursachen in der Person

Eigene Wertvorstellungen

Zu den eigenen Wertvorstellungen, die zu einer Selbstüberforderung, dem Missachten der eigenen Leistungsgrenzen und im Endeffekt eventuell zu einem Burnout führen können, gehören z. B.:

  • Sehr hohe Ideale, z. B. im sozialen Bereich

  • Ausgeprägter Ehrgeiz

  • Perfektionismus

  • Unfähigkeit zum Nein-Sagen.

Diese Einstellungen klingen durchaus positiv, dahinter verbergen sich allerdings oft andere Motive. Häufig sind es Ängste, die die Menschen dazu bringen, mehr zu leisten, als sie auf Dauer eigentlich können, nämlich Ängste vor:

  • Ablehnung

  • Erwartungen nicht zu entsprechen

  • Gesichtsverlust

  • Arbeitsplatzverlust

  • Versagen

  • Kritik.

Diese Ängste werden oft mitverursacht durch starke – oft auch unbewusste – Wünsche:

  • gut oder sogar am besten zu sein

  • erfolgreich zu sein

  • helfen zu können

  • Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren

  • etwas zu bewirken

  • nach Sicherheit.

Diese inneren Antreiber kennen sicherlich viele von uns, sie sind nicht schon per se Burnout auslösend. Hier kommt es auf die Ausprägung an, es gibt durchaus einen fließenden Übergang von einem noch normalen und gesunden Engagement hin zu einer Selbstüberforderung, die irgendwann schädliche Folgen für Körper und Seele haben kann. Ein wichtiges Kriterium zur Abgrenzung zwischen noch akzeptabel und Überforderung ist auch, ob man in der Lage ist, eine Überforderung überhaupt wahrzunehmen und dann auch Grenzen setzen können. Dies fällt natürlich schwer, wenn starke Ängste und Wünsche bestehen, die scheinbar durch eine hohe und gute Arbeitsleistung gemildert oder befriedigt werden können.

Persönlichkeit

Diese persönlichen Haltungen und Wertvorstellungen sind teilweise auch tief in der eigenen Geschichte und Persönlichkeit verankert. Die beschriebenen Einstellungen sind dann möglicherweise übersteigert und können zu neurotischen Zügen werden.

So sind Personen mit einem ausgeprägten Neurotizismus besonders anfällig für Burnout. Unter Neurotizismus versteht man eine emotionale Labilität, die mit Ängstlichkeit, Unsicherheit, Nervosität und Anspannung einhergeht. Ähnlich stellen sich die Hintergründe des sogenannten Helfersyndroms dar: dahinter steckt oft der unbewusste Wunsch, Versagenserlebnisse oder mangelnde Zuwendung in der Kindheit zu kompensieren. Mit der Anerkennung, die Menschen mit Helfersyndrom für ihre aufopferungsvolle Hilfeleistung bekommen, können sie ihr Selbstwertgefühl steigern und stabilisieren.

Ein übermäßiger Ehrgeiz kann ebenfalls noch aus der Kindheit stammen. Wenn Eltern ihrem Kind nur dann Zuwendung und Liebe schenken, wenn es eine besondere Leistung erbracht hat, prägt sich früh die Gleichung ein: Leistung = Anerkennung = „Ich bin ein guter und liebenswerter Mensch!”

Als weitere Mitverursacher für einen Burnout gilt auch ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung). Menschen mit ADHS leiden selber oft besonders unter ihrer Hyperaktivität. Es ist leicht nachvollziehbar, dass diese übermäßige Aktivität im Berufsleben auch zu einer Selbstüberforderung führen kann.

Gestörtes Energiesystem

Auch bei denjenigen, die nicht durch neurotische Verhaltensmuster in eine andauernde Selbstüberforderung kommen, kann nach und nach das persönliche Energiesystem aus dem Gleichgewicht geraten. Um dauerhaft im energetischen Gleichgewicht zu bleiben, müssen wir genauso viel Kraft und Energie aus den uns zur Verfügung stehenden Quellen schöpfen, wie wir ausgeben. Dieses System muss nicht jeden einzelnen Tag in einer perfekten Balance sein, sollte aber auf Dauer gesehen immer wieder ausgeglichen werden.

So sieht ein ausgeglichenes Energiesystem im Berufsleben aus:

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Abb. 1.3: Ein gesundes und ausgeglichenes Energiesystem im Arbeitsleben [modifiziert nach (Berndt, 2009, S. 32)]

Die vorhandene Energie wird eingesetzt, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Dadurch verringert sich das eigene Energieniveau vorübergehend. Wenn genügend Energie zur Verfügung steht und man sich mit voller Kraft einsetzen kann, wird man das gesteckte Ziel wahrscheinlich erreichen. Es kommt also zu einem Erfolgserlebnis, das durch Selbstbestätigung und Zufriedenheit bereits wieder neue Energie bringt. Wenn jetzt noch eine positive Rückmeldung von Vorgesetzten oder Kollegen zur erfolgreich gelösten Aufgabe hinzukommt, steigt das Energieniveau noch weiter an. Wenn dieser Kreislauf immer ähnlich abläuft, ist das System dauerhaft in Balance: der ausgegebenen Energie steht immer genügend neu aufgenommene Energie gegenüber. Da man sein Soll gut erfüllt hat, kann man auch entspannt und gut gelaunt in den Feierabend gehen und diesen genießen. Damit werden die inneren Batterien weiter aufgetankt und am nächsten Arbeitstag ist man wieder bereit für neue Herausforderungen!

Anders sieht es in einem aus dem Gleichgewicht geratenen System aus, das für Burnout anfällig wird.

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Abb. 1.4: Gestörtes Energiesystem: Burnout-Gefahr! [modifiziert nach (Berndt, 2009)]

Wenn weniger Energie vorhanden ist, z. B. nach einer Phase mit hohem Arbeitsanfall, führen der Arbeitseinsatz und das Engagement nicht zum gewünschten Erfolg. Es kann zu innerer Unzufriedenheit mit sich selbst kommen. Besonders betroffen hiervon sind die Perfektionisten, die sehr hohe Anforderungen an sich stellen und mit einer durchaus ausreichenden Leistung trotzdem nicht zufrieden sind. Auch das Feedback von außen bleibt jetzt entweder aus oder wird sogar negativ. Chef, Teamkollegen oder Kunden sind vielleicht unzufrieden mit der erbrachten Leistung. Damit bleibt die eigentlich nötige Energiezufuhr aus.

Jetzt kann ein Teufelskreis beginnen: Um den angestrebten Erfolg doch noch zu erreichen, werden als nächstes der Energieeinsatz und das Arbeitsengagement noch mehr gesteigert. Es wird also noch härter gearbeitet oder die Arbeitszeit wird noch weiter ausgedehnt.

„Wird das beabsichtigte Ergebnis – z. B. aufgrund der widrigen äußeren Umstände – erneut nicht erreicht oder nur mit so großer Anstrengung, dass der Energieaufwand in keinem Verhältnis zur anschließenden Energiezufuhr (durch positives Feedback, Belohnung, Regeneration etc.) steht, kommt es zu einem Ungleichgewicht im Energiehaushalt. Erstreckt sich dieser Zustand über längere Zeit, ist ein Burn-out vorprogrammiert.” (Berndt, 2009)

Nun gewinnen wir neue Energie ja nicht nur am Arbeitsplatz. Viele Menschen finden ihre Hauptenergiequellen im Privatleben. Als sehr wichtige Kraftquellen werden z. B. Familie und Freunde, Sport, Natur sowie Hobbies genannt. Wer im privaten Bereich über ausreichende Möglichkeiten verfügt, die „Batterien wieder aufzutanken”, kann auch hohe berufliche Belastungen gut ausgleichen, ohne Überforderungsanzeichen zu entwickeln.

Achtung

Ein gestörtes Energiesystem kann zum Burnout führen!

In einem gesunden Energiesystem müssen Energieabgabe und Energieaufnahme auf lange Sicht gesehen ausgeglichen sein. Kommt es zu einer Störung durch ein länger andauerndes Ungleichgewicht – es wird mehr Energie abgegeben, als aufgenommen – kann es zu einem Burnout kommen.

Leider kann sich aber eine Überforderung und Unzufriedenheit auch sehr negativ auf das private Leben auswirken. Einerseits wird die Zeit für Familie, Freunde und Hobbies immer kürzer, weil ja die Arbeitszeiten ausgedehnt werden. Andererseits kann die immer knapper werdende Zeit nicht mehr entspannt und fröhlich verbracht werden, weil die Erschöpfung zu groß ist und die Gedanken immer um die Arbeit kreisen. Außerdem beteiligt sich der Betroffene immer weniger an den häuslichen Aufgaben – und bekommt prompt Vorwürfe: „Immer muss ich alles alleine machen! Wann warst du denn zuletzt auf dem Elternabend? Um den Garten musste ich mich auch den ganzen Sommer über alleine kümmern! Du denkst ja nur immer an deine blöde Arbeit!” Und anstatt im Privatleben Kraftquellen zu finden, werden private Beziehungen plötzlich zum Energiefresser. Die meisten glauben, dass sei ja nur vorrübergehend und es werde bald alles besser. Dann könnte man ja die Freundschaften wieder pflegen und die Hobbies wieder aufnehmen. Meistens täuscht diese Hoffnung allerdings. Erst wenn es zu ernsthaften Konflikten kommt, merken die Betroffenen, dass sie ihre wichtigsten Kraftquellen verloren haben. Ein Burnout-Energiesystem entsteht.

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Abb. 1.5: Das Burnout-Energiesystem

Übrigens: Der gleiche Teufelskreis kann auch umgekehrt entstehen. Bei vielen Menschen, die dauerhafte Probleme im Privatbereiche haben – z. B. eine schwierige Partnerschaft oder eine schwere Erkrankung in der Familie – ist die Arbeit eine Kraftquelle. Wenn es jetzt im Privatleben noch zu weiteren Krisen kommt, kann es sein, dass die Energie für eine zufriedenstellende und erfüllende Arbeitsleistung nicht mehr reicht.

Ursachen in der Arbeitsumgebung

In der öffentlichen und auch in der fachlichen Diskussion wird Burnout immer mit dem Arbeitsleben in Verbindung gebracht. Die spontan am häufigsten genannten psychischen Belastungen sind Zeitdruck und Überforderung durch eine zu hohe Arbeitsmenge.

Aus der Forschung wissen wir allerdings, dass die Ursachen für psychische Überlastungen und damit auch für Burnout wesentlich vielfältiger und komplexer sind. Damit ergeben sich auch sehr unterschiedliche Anknüpfungspunkte für die Prävention von Burnout: an den individuellen Arbeitsplätzen, im gesamten Unternehmen und auch auf gesellschaftlicher Ebene.

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Abb. 1.6: Risikofaktoren für psychische Belastungen und Ansatzpunkte zur Prävention

Da es sehr schwierig ist, eine Grenze zu ziehen zwischen „noch normalem Stress” und den Anfängen eines Burnouts, gibt es auch nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse über die Ursachen eines Burnouts in der Arbeitswelt. Wir gehen davon aus, dass ein Burnout verursacht wird durch die empfundene psychische Überlastung im Arbeitsleben bei gleichzeitig vorliegenden Persönlichkeitsmerkmalen und Einstellungen, die dazu beitragen, dass zu viel Energie ausgegeben wird. Es ist dann nicht unbedingt sinnvoll, nach speziellen Burnout-Auslösern zu suchen. Erfolgversprechender ist es, sich die aus der Forschung gut bekannten Faktoren anzusehen, die zu Stress führen können.

Die psychische Leistungsfähigkeit bzw. Belastung der Mitarbeiter wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Die wichtigsten Einflüsse sind:

  • Arbeitsaufgabe und -inhalt, z. B. geringer Handlungsspielraum,

  • physikalische Arbeitsbedingungen, z. B. Beleuchtung, Klima, Lärm,

  • sozialer Kontext und Organisationsbedingungen, z. B. schlechtes Führungsverhalten,

  • gesellschaftliche Belastungen, z. B. Arbeitsplatzunsicherheit.

Aus der Forschung sind verschiedene Belastungen bekannt, die sich negativ auf das psychische Wohlbefinden der Mitarbeiter auswirken können.

Einflussfaktoren auf psychische Belastungen

Einflussfaktoren Merkmale
Arbeitsaufgabe und organisatorischer Rahmen
Arbeitstätigkeit Vollständigkeit der Tätigkeit Verantwortung Information zeitlicher und inhaltlicher Tätigkeitsspielraum Kooperation/Kommunikation Durchschaubarkeit, Vorhersehbarkeit, Beeinflussbarkeit emotionale Inanspruchnahme körperliche Abwechslung
Arbeitsablauf Ausgeglichenheit des Arbeitsanfalls über die Arbeitszeit Störungen und Unterbrechungen des Arbeitsanfalls
Qualifikation Qualifikationsnutzung und -erweiterung
Verhaltensanforderungen Erfüllbarkeit und Akzeptanz
Arbeitszeit Dauer Flexibilität Nacht- und Schichtarbeit Beschäftigungsbeschränkungen Pausengestaltung
Soziale Beziehungen
Betriebsklima Führungsverhalten Gruppenverhalten Mitsprache der Beschäftigten
Personalmanagement berufliche Entwicklungsmöglichkeiten soziale Angebote
Einflüsse anderer Gefährdungsfaktoren
Psychische Belastung  z. B. durch Lärm, Kälte, Hitze, elektrische Gefährdungen usw.

Tab. 1.1: Einflussfaktoren und Merkmale psychischer Belastungen (Stadler & Spieß, 2003)

Neben den schon lange bekannten Ursachen für Stress gibt es auch neue Belastungsfaktoren, die häufig die Folge von technischen und organisatorischen Veränderungen sind:

  • neue Formen von (unsicheren) Arbeitsverträgen

  • Arbeitsplatzunsicherheit,

  • alternde Erwerbsbevölkerung,

  • Intensivierung der Arbeit mit langen Arbeitszeiten

  • Erhöhte Anforderungen an Flexibilität und Mobilität

  • Informationsflut, ständige Unterbrechungen und ständige Erreichbarkeit durch neue Kommunikationstechnologien,

  • hohe emotionale Anforderungen bei der Arbeit, z. B. im Gesundheitswesen und in der Dienstleistungsbranche,

  • unzureichende Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben

  • Ständiger Wandel, wenig Stetigkeit und Verlässlichkeit am Arbeitsplatz.

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Abb. 1.7: Arbeitsbedingte Risikofaktoren für psychische Beschwerden und Störungen (Sockoll, 2008)

Ein Burnout-Syndrom wird durch eine Kombination von äußeren Faktoren, z. B. Belastungen aus der Arbeitswelt und dem Privatleben, und inneren Faktoren, wie Persönlichkeit, Werte und Einstellungen, ausgelöst. Zu den äußeren Faktoren am Arbeitsplatz, die ein Erschöpfungssyndrom begünstigen können, gehören:

  • Zu hohe Arbeitsbelastung

  • Überforderung durch schwierige und komplexe Arbeitsaufgaben

  • Mangelnde Ressourcen wie

    • Personal

    • Finanz- und Sachmittel

    • Ideelle Unterstützung

  • Zu wenig positives Feedback

  • Dauernde Probleme von Kunden

  • Keine klare Abgrenzung zwischen Beruf und Privatleben, mangelnde Work-Life-Balance

  • Zu starkes Engagement für das Unternehmen

  • Zu hohe oder unklare Erwartungen und Ziele, Aufgaben- und Rollenunklarheiten

  • Zerrissenheit zwischen Erwartungen des Chefs und der Kunden, Rollenkonflikte

  • Schlechte oder unflexible Arbeitsorganisation, ungünstige Arbeitsabläufe und Strukturen

  • Schlechte Teamarbeit, Konflikte bis hin zum Mobbing

  • Fehlen sozialer Unterstützung

  • Ständige Änderungen und Umstrukturierungen

  • Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes [vergl. (Berndt, 2009)].

Achtung

Unbewusste Ängste können einen Burnout fördern!

Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist ein sehr starker innerer Antreiber, der durchaus einen Burnout begünstigen kann. Wiederholt bejahen in Umfragen ca. 25 % der Beschäftigten, dass sie Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. In den Hochzeiten der Finanzkrise war von diesen Befürchtungen sogar ungefähr jeder Zweite betroffen! Dies sind natürlich irrationale Ängste, denn es steht nicht wirklich zu befürchten, dass demnächst ein Viertel oder gar die Hälfte aller Angestellten entlassen wird. Gerade weil diese Gedanken aber nicht wirklich reflektiert und begründet sind, wirken sie eher im Unbewussten. So werden viele Erwerbstätige innerlich dazu getrieben, am Arbeitsplatz mehr Leistung zu bringen als nötig und als ihnen möglich ist. Wenn diese Unsicherheiten zum Dauerzustand werden, können sie die Betroffenen durchaus in einen Burnout treiben.

So vielfältig die Ursachen für psychische Belastungen und Überforderung auch sind, es gibt einige Faktoren, die mit einer erhöhten Burnout-Häufigkeit einhergehen:

Risikofaktoren in der IT-Branche

Auslösender Faktor Burnout-Risiko erhöht um den Faktor
Wenig Partizipation Arbeitsalltag 3,5
Belastendes Sozialklima und Vorgesetztenverhalten 1,5 – 1,8
Führungsstil wenig Mitarbeiter-orientiert 2,5
Führungsstil mit wenig sozialer Unterstützung 2,3

Tab. 1.2: Risikofaktoren für Burnout am Arbeitsplatz (Klemens, Wieland, & Krajewski, 2004)

Wichtig

Faktoren, die einen Burnout fördern können

Mangelnde Handlungs- und Kontrollmöglichkeiten belasten psychisch und können zu Burnout führen:

  • „Gelernte Hilflosigkeit”: Eine unangenehme Situation konnte nicht verändert werden, daraus wird gelernt, dass man durch sein Verhalten generell nichts verbessern kann und hilflos leiden und aushalten muss.

  • Frustration:

    • Es gibt Barrieren (psychische oder physische), die eine Reaktion verhindern

    • Belohnungen werden vorenthalten oder entzogen

    • Es werden innere Konflikte hervorgerufen durch sich widersprechende Anforderungen, es kann nichts richtig gemacht werden

  • Ausbleibende Anerkennung bei dauernden hohen Anforderungen

Auch individuelle Unterschiede entscheiden über Burnout-Anfälligkeit

Wie wir gesehen haben, gibt es verschiedene Persönlichkeitsmerkmale und Einstellungen sowie eine Fülle von Stressauslösern am Arbeitsplatz, die zu einem Burnout führen können. Wie kommt es aber, dass nicht alle ehrgeizigen Perfektionisten oder alle gestressten Pflegekräfte in einem Burnout-Zustand landen? Der Perfektionist ist ja aufgrund seiner Arbeitshaltung für eine Selbstüberforderung anfällig und die meisten Pflegekräfte haben sehr belastende Arbeitsplätze. Die inneren Einstellungen und die äußeren Arbeitsbedingungen müssen also nicht zwangsläufig bei allen Betroffenen in einer Überforderung münden. Hierfür gibt es zwei Begründungen:

  • Für die Entstehung eines Überforderungs- und Erschöpfungszustands ist nicht nur die Ausprägung der inneren Antreiber und der äußeren Belastungen entscheidend. Es kommt auch auf die Fähigkeiten des Einzelnen an, mit Belastungen umzugehen und sie auszugleichen. Außerdem können Kraftquellen in der Arbeitsumgebung auch objektiv schwierige Arbeitssituationen leichter erträglich machen, so dass sie subjektiv als nicht so gravierend und belastend empfunden werden. Eine der wichtigsten Kraftquellen im Arbeitsleben ist die Anerkennung.

  • Eine erhöhte Burnout-Gefahr entsteht immer dann, wenn eine bestimmte Persönlichkeitsausprägung mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen auf eine Arbeitsumgebung mit bestimmten Anforderungen trifft, die für diese Person nicht gut passt. Erst wenn der sogenannte „Person-Environment-Fit” – also die Passung zwischen Person und Arbeitsumgebung – für den Einzelnen ungünstig ist, steigt die Burnout-Wahrscheinlichkeit.

„Dieser Grundgedanke sieht die Person ausgestattet mit einem individuellen Satz von Fähigkeiten und Bedürfnissen (z. B. dem Bedürfnis, einzelne oder alle seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln und anzuwenden). Die Arbeitsumwelt (…) hält nun einerseits Anforderungen an die Fähigkeiten, andererseits Chancen zur Bedürfnisbefriedigung bereit. (…) Klaffen wahrgenommene Anforderungen und Fähigkeiten merklich auseinander (…) und/oder werden Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigt (…), so entsteht in einem allgemeinsten Sinne psychischer Stress.

Man kann sich einen Person-Environment-Misfit wie ein schlechtsitzendes Kleidungsstück vorstellen, das einerseits spannt und kneift, andererseits sensible Körperpartien ungeschützt lässt.” (Burisch, 2010, S. 100 ff.)

Beispiel

Die falsche Berufswahl

Ein zutiefst ehrlicher und moralisch denkender Mensch wird in den meisten Vertriebs- und Verkaufsberufen Probleme bekommen. Stellen wir uns einen Versicherungsvertreter vor, der seinen potentiellen Kunden vom Abschluss bestimmter Versicherungen abrät, weil sie die objektiv nicht wirklich brauchen. Dieser Vertreter wird mit Sicherheit Konflikte mit seinen Vorgesetzten bekommen, weil er die Verkaufsziele nicht erreicht. Und von seinen Kollegen wird er zumindest Unverständnis ernten, vielleicht sogar lächerlich gemacht. Hier passen die Persönlichkeit und die Anforderungen der Arbeitsaufgabe nicht zusammen. Ein erhöhter innerer und äußerer Druck ist die Folge.

Im Call-Center, wo z. B. Beschwerden von Kunden entgegen genommen werden, wird jemand schlecht passen, der eher schüchtern und introvertiert ist. Auch das Bedürfnis, es allen recht machen zu wollen und von allen anerkannt und gemocht zu werden, passt nicht in eine solche Arbeitssituation. Es liegt hier schon in der Rolle und Funktion des Call-Center-Agents, Kompromisse finden zu müssen zwischen den Wünschen, Ansprüchen oder Forderungen der Kunden und den Vorgaben des Unternehmens.

Eine Lücke zwischen Persönlichkeit und den Anforderungen der Umwelt ergibt sich eher, wenn

  • die Persönlichkeit sehr extreme Ausprägungen hat, die in vielen Umgebungen „anecken” wird,

  • die Arbeitsumgebung sehr spezielle Anforderungen stellt, die nicht von allen Menschen erfüllt werden können, z. B. im Sozial- und Gesundheitswesen.

Achtung

Psychische Belastung als Burnout-Auslöser!

Burnout wird auf jeden Fall mit ausgelöst durch psychische Belastungen am Arbeitsplatz. Eine große finnische Studie ergab, dass bei Beschäftigten mit hohen psychischen Belastungen ein Burnout über 7 Mal häufiger auftrat, als bei den Befragten mit niedrigem Belastungsniveau (Ahola, et al., 2006).

Sowohl innere Faktoren aus der Persönlichkeit als auch äußere Faktoren aus der Umwelt können einen Burnout verursachen. Bei dem einen wird mehr die leistungsorientierte und ehrgeizige Persönlichkeit zur Überforderung führen, bei dem anderen eher der äußere Druck.

Abbildung

Abb. 1.8: Zusammenspiel innerer und äußerer Auslöser bei einem Burnout (Kaschka, Korczak, & Broich, 2011)

Gesellschaftliche Ursachen

Burnout-Ursachen finden sich nicht nur in der Persönlichkeit einzelner Menschen oder in den Arbeitsbedingungen von bestimmten Unternehmen oder Branchen. Es gibt auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, die die Zunahme des Phänomens Burnout begünstigen.

Wirtschafts- und Finanzkrise

Wenn Krisen über die Weltwirtschaft hereinbrechen, können auch für sicher gehaltene Institutionen, z. B. Staaten, Unternehmen und große Banken, bedroht sein. Damit wird auch die Existenz für jeden Einzelnen unsicherer, egal ob man in einem krisengeschüttelten oder einem relativ stabilen Land lebt.

Dadurch nimmt ein allgemeines und unbestimmtes Gefühl von Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung zu. Diese Gefühle, in der eigenen Lebensgrundlage bedroht zu sein, müssen nicht rational begründet sein. So fürchtete in Zeiten der Wirtschaftskrise gut die Hälfte der Menschen, ihren Job zu verlieren, obwohl sicherlich längst nicht die Hälfte aller Jobs weggefallen wäre.

Diese Existenzängste führen häufig dazu, dass gegenüber den Ansprüchen der Arbeitgeber nach mehr Leistung, mehr Überstunden, Ignorieren von Arbeitszeitgesetzen kein Widerspruch erhoben wird. Insbesondere wenn ein solcher erhöhter Arbeitsdruck dann noch begleitet wird von Bemerkungen wie: „Wenn es Ihnen bei uns zu viel wird, können Sie ja gehen. Es warten genügend Leute auf Ihren Arbeitsplatz.” Wer sich vorwiegend von solchen Ängsten und Drohungen leiten lässt, ist eher gefährdet, einen Burnout zu erleiden, weil die eigenen Belastungsgrenzen immer wieder überschritten werden. Aus der Forschung ist auch bekannt, dass alleine die Sorge um den Arbeitsplatz massiven Stress auslöst, der sich dann sowohl in psychischen als auch in körperlichen Beschwerden äußern kann.

Anforderungen der Leistungsgesellschaft

Es ist inzwischen üblich geworden, sich selbst und anderen immerzu Höchstleistungen abzuverlangen. Früher gab es in Betrieben noch sogenannte „Schonarbeitsplätze”, also Arbeitsplätze, die auch von Mitarbeitern mit irgendwelchen Einschränkungen und Handicaps ausgefüllt werden konnten. Als ein ganz typischer Arbeitsplatz dieser Art galt der Pförtner. Mittlerweile sind in allen Firmen Mitarbeiter entlassen worden – man nennt das dann euphemistisch ein „Verschlanken der Belegschaft” –, und die verbleibenden haben eine Fülle von neuen Aufgaben dazubekommen. Wo früher fünf Menschen in einer Abteilung gearbeitet haben, müssen jetzt vielleicht nur noch zwei diese Arbeit ausführen und noch eine Menge Aufgaben dazu übernehmen. Selbst Mitarbeiter am Empfang werden bereits mit zahlreichen Sachbearbeiter-Aufgaben beschäftigt.

Damit ist einerseits die Arbeitsdichte gestiegen, andererseits gibt es kaum noch Möglichkeiten, einen Arbeitsplatz für Mitarbeiter zu finden, die überarbeitet sind und – zumindest vorübergehend – etwas kürzer treten müssten.

Inzwischen gibt es kaum noch saisonale Schwankungen im Arbeitsanfall. Während es früher in vielen Branchen auch einmal Zeiten der Flaute gab, wo es insgesamt etwas ruhiger zuging, wird das Personal inzwischen so ...

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