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Briefe von der Kleinen Schwester

Rainer Diesterhöf

Briefe von der Kleinen Schwester

Roman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

 

Lieb Liebchen, legs Händchen aufs Herze mein; -
Ach, hörst du, wies pochet im Kämmerlein?
Da hauset ein Zimmermann schlimm und arg,
Der zimmert mir einen Totensarg.

Es hämmert und klopfet bei Tag und bei Nacht;
Es hat mich schon längst um den Schlaf gebracht.
Ach! sputet Euch, Meister Zimmermann,
Damit ich balde schlafen kann.

 

(Heinrich Heine: Buch der Lieder, Junge Leiden – Lieder IV)

Winterliebe

 

Wollte sein in einem Land,

wo ich Dich,

immer nur lieben kann.

Lieben kann?

 

Deine Haare flattern im kalten Wind,

das Kind in dir -  ist nicht mein.

Nie sollst du vergessen und wir,

wir vergeben unseren Schuldigern:

Sternschnuppen und Alten Mächten.

 

Träumte von dir mein Leben,

mein Leben lang.

Lass uns uns vergessen,

lass uns uns vergeben.

 

Rein, sei die Seele,

lass den Wanderer geh‘n,

lass ihn zieh‘n von dannen.

Nur so können wir das Ziel erreichen.

 


Sitze am Schreibtisch. Sitze am Schreibtisch, habe die Füße hoch, mal nicht hoch. Denke, denke nicht. Doch denke an dich, Kleine Schwester. Erzähl’ dir. Erzähl’ dir mein Leben. Was war und was nicht war. Erzähl’ noch einmal unsere Geschichte. Für dich. Für mich. Und alle, die sie hören wollen. Erzähle unsere Geschichte noch mal. Aus meiner Sicht.

Denke an dich die ganze Zeit. Seit diesem Donnerstag. Seit diesem Donnerstag denke ich ohne Unterbrechung an dich. Und wenn ich schlafe, dann schlafe ich vier, fünf Stunden und du warst der letzte Gedanke  und du bist wieder der erste. Das hört sich kitschig an. Das ist wahrscheinlich kitschig.  Das wird keiner glauben. Doch -  das muss auch keiner glauben. Denn das geht niemanden etwas an. Das ist unsere Geschichte. Und unsere Geschichte ist eine Liebesgeschichte. Und diese Geschichte hatte kein Ende. Und jetzt möchte ich, dass diese Geschichte nie mehr ein Ende hat.


 

 

 

Brief an dich

Liebe Susanne,

ich sitze am Schreibtisch. Und vor diesem Schreibtisch hast du auf dem Boden gesessen. Und vor diesem Schreibtisch haben wir uns geliebt. Geliebt haben wir uns. Und das ist fast dreißig Jahre her. Vielleicht war damals noch nicht unsere Zeit. Vielleicht hatten wir uns damals noch nicht gefunden. Vielleicht, vielleicht. Jetzt, bist du Frau. Jetzt, bist du Mutter. Ich find’ dich schön als Mutter. Mutter macht dich souverän und reif. Und diese Reife hat ’was von einer Eleganz.  Und deine Augen haben einen anderen Glanz. Und dieser Glanz ist noch tiefer. Hätt’ dich  gern als Schwangere gesehen. Hätt’ dich gern… weiß nicht was.   Irgendwie ist seit diesem Donnerstag alles anders. Alles hat einen anderen Wert, einen anderen Sinn bekommen. Die Familie, das Leben, das Leben in Südfrankreich und alles andere. Du bist wieder in meinem Leben: Ich habe deine Stimme wieder gehört. Dein Lachen wieder gesehen. Du bist mir nach über 20 Jahren um den Hals gefallen, als wär’ nichts geschehen. Warum habe ich nicht geweint? Und die Welt wär’ still gewesen. Wer liebt, ist auch verletzlich und jetzt habe ich Angst. Angst, dass alles nur ein Traum ist. Ich habe dir geschrieben, dass ich manchmal an dich gedacht habe. Manchmal während der letzten fast dreiundzwanzig Jahre. Das ist wahr und auch nicht. Viele Frauennamen fallen mir aus der Zeit ein. Namen ohne Gesichter. Namen ohne Geschichten. Ich habe an dich gedacht und dich nie vergessen. Es ist ein Sonntag und die Sonntage sind meistens schlimm. Schlimmer als die anderen Tage. Das war schon immer so. Seit Kindheitstagen. Als das Kind noch Kind war. Und die Mutter dem Kind noch sagen konnte, was das Kind zu machen hatte. Als das Kind noch klein war und sich nicht wehren konnte, waren die Sonntage am schlimmsten. Das Kind durfte nicht raus. Das Kind durfte nicht spielen. Das Kind durfte sich nicht dreckig machen. Und bei dir zuhause war es auch so, wie du mir jetzt erzählt hast. Das ist jetzt lange vorbei. Doch die Erinnerung an die Sonntage ist geblieben. Früher bin ich gerne sonntags arbeiten gegangen. Nur nicht zurückdenken. Doch der heutige Sonntag ist anders. Du bist nicht da und ich werde nichts von dir hören. Aber es ist nicht lang. Es ist nur bis morgen. Morgen werden wir vielleicht telefonieren und dann ist eh bald Dienstag. Und Dienstag wollen wir uns wieder treffen. So höre ich dem Regen auf dem VELUX-Fenster zu und schaue in den grauen Himmel. „Someone like you“ kommt leise aus dem Lautsprecher und „glory days“ hatten wir doch jetzt schon wieder. Kleine Schwester, wir sind Seelenverwandte und du kannst dich nicht wehren, erwehren.  Nicht mir. Nicht uns. Versuch es nicht. Du tust dir weh. Wir werden uns näherkommen. Ganz nahe. Nächste Woche oder nächstes Jahr. Aber das wird nichts ändern. Ob wir es wollen oder nicht. Für unsere Liebe wird das egal sein. Und glaube nicht, kleine Schwester, ich suchte eine Affäre: Und nähme  mir die vorgestellte Heilige, um dann ewig allein zu sein? Diese Geschichte ist eine Liebegeschichte. Die können nur wir begreifen. Wir sind nicht normal, hast du mir geschrieben, Kleine Schwester. Da können Freunde auch nicht helfen. Freunde projizieren und was sie projizieren, ist ihre Geschichte und nicht unsere. Und das Bild, das sie spiegeln in uns, passt auch nicht immer. Du hast zwei Wochen überlegt. Und wir beide wissen, warum. Nach einer weiteren Woche hast du zugegeben, dass es dich durcheinanderbringt. Mich hatte es schon durcheinandergebracht. Durcheinandergebracht, als ich dein Bild im Internet gesehen habe. Hätte ich wahrscheinlich nie zugegeben. Um dich nicht zu bedrängen. Um dich dein Leben leben zu lassen. Hundert Mal oder mehr habe ich mir das Foto mit dir und deiner kleinen Tochter angeschaut. Du siehst gut auf dem Foto aus. Du siehst in Wirklichkeit noch besser aus. Das hat sich nicht geändert. Wir haben zwei Monate geschrieben, uns fünf Mal gesehen und zwei Mal telefoniert. Für mich ist die gefühlte Vertrautheit riesengroß. Da ändern auch fünfundzwanzig Jahre und zwei Ehen nichts. War das nicht toll beim ersten Treffen? War das nicht ein großes Gefühl? Welche Leute haben im Leben so ein Glück? Sind wir nicht verpflichtet, etwas daraus zu machen?

 

Raphael

 

Kapitel I

Du hast mir damals diese Postkarte geschickt. Das war 1988. Das war das letzte Mal, dass ich etwas von dir gehört habe. Ich kann mich noch genau an die Situation erinnern. Erinnern, obwohl es lang her ist. Sehr lange. Und plötzlich sehe ich alles wieder. Alles wieder vor mir:

Lieber Raphael, ich komme überhaupt nicht mehr nach Deutschland

und wenn doch, dann melde ich mich bei Dir,

Lieben Gruß

Susanne.

Ich habe die Postkarte aus der Hand gelegt. Auf den Tisch. Bin aus der Küche in den Garten gegangen. Habe in die Sonne geschaut, den Kopf zurückgeworfen. Die Augen geschlossen. Für mich, wird sie unerreichbar bleiben. Für mich. Für immer. Für unser Kind? Ich bin in die Küche zurückgegangen. Gehe über weiß lackierte Holzdielen. Nehme die Karte vom Tisch. Uzès. Steht auf dem Poststempel. FRANCE. Steht auf der Briefmarke. Frankreich? Sie hatte immer von Griechenland gesprochen. Ich drehe die Karte um: Ein düsterer, wolkenverhangener Himmel, der mehr als die hintere Hälfte einnimmt. Eine Terrasse im Vordergrund mit zwei lebensgroßen Statuen, die man auf den ersten Blick tatsächlich für griechische halten könnte. Und dazwischen eine bewaldete Hügellandschaft, die sich zu einem See hin absenkt mit angrenzenden Bauten, die einem Schloss ähnlich sind oder einer schlossähnlichen Stadt. Vielleicht hat sie da ihr Paradies gefunden. Habe ich gedacht.

Und das ganze in Schwarzweiß. Nein, es ist vielleicht doch Farbe. Dezent aufgetragen. Die Statuen und die Terrasse in einem klassischem Grau, die Hügellandschaft in graugrünen Tönen, die Bauten mit einem Rotschimmer, der Himmel grauschwarz. Vielleicht hat sie da ihr Paradies gefunden.

Ich bin ins Nebenzimmer gegangen. Habe mich auf das Sofa, auf unser Sofa, gesetzt. Drehe die Postkarte wieder um. Uzès. Steht auf dem Poststempel. Und: Art unlimited. Carel Willink, Gezicht op de stad, ook gezicht op Amsterdam 1944 C Erven A.C. Willink, in ganz kleinen Lettern am linken Postkartenrand. Es ist eine Kunstpostkarte. Eine Kunstpostkarte aus Holland, die nach Frankreich gekommen ist. Ich gehe zum Regal. Suche den DIERCKE heraus. Dunkelbraun in großem Format. Noch Reste vom Packpapier. Auflage 1967. GEORG WESTERMANN VERLAG. Raphael L., Kl. VI c. Und dazwischen, zwischen VI und c, eine kleines durchgestrichenes b. Namenverzeichnis. U. Nur drei Spalten. Da unten. Drittletztes Wort. Uzès. 49, III, B1. Ich blättere. Es dauert eine Zeit. Uzès, da in Südfrankreich in der Nähe von Avignon. Avignon. Als Kinder sind wir diesen Weg auch gefahren. Als Kinder, ist gut. Als Kinder würde ich uns heute sehen.

Die Postkarte ist 1988 gekommen. Danach habe ich nichts mehr von dir gehört. Und gesehen habe ich dich nur noch in meinen Träumen. Ich habe und erlebe ein schönes Leben mit meiner Frau und den beiden Kindern. Hatte dich zeitweise vergessen. Doch dann kam die Erinnerung. Erst spärlich und selten. Und dann ab und zu. Und dann kam sie immer wieder.

Ich habe dann dieses Foto im Internet entdeckt und dich sofort erkannt. Ich habe sofort dein Lachen erkannt. Es ging um einen Hund, den ihr aus Griechenland vermittelt bekommen habt und der von euch am Flughafen abgeholt wurde. Es war der Düsseldorfer Flughafen, wie ich jetzt weiß. Diese Organisation, die sich um die Hunde kümmert, berichtete dann über die geglückte Vermittlung mit einem Foto und einem kleinen Bericht. Und das hatte ich entdeckt. Ein Foto mit deinem Namen. Ich habe dich gesehen mit deiner kleinen Tochter, dem Hund und deinem Mann. Und da ich mir alles vergrößert habe, habe ich auch deinen Ehering gesehen. Es war im Winter. Es war Ende Januar. Es war kalt und dunkel. Der Abend hatte gerade begonnen. Der Film im Fernsehen war langweilig und weil der Film langweilig war, hatte ich angefangen, mit dem neuen Handy, mit dem Iphone, zu spielen. Irgendwelche Suchfunktionen gedrückt. Und plötzlich hielt ich dich in Händen. Du schautest mich an und ich schaute zurück.

Ich bin an diesem Abend früh ins Bett gegangen. Konnte aber nicht einschlafen. Das ist normal, denke ich. Ich habe mich hin- und hergewälzt und an ‚damals’ gedacht. Habe an dich gedacht. Manchmal konntest du ewig lange auf mir sitzen. Nachdem ich dich ausgezogen hatte, sollte ich mich auf den Rücken legen. Ich sehe dich noch nackt im Zimmer stehen. Die langen Haare fielen dir wieder ins Gesicht. Du hast sie zurechtgestrichen. Ich sehe deine langen Beine, deine Hüften, deine Brüste und dass du lachst. Du lachst, stehst über mir, gehst in die Hocke, fasst mein Glied und führst es langsam in dich ein und setzt dich langsam auf mich. Du hast die Beine breit gemacht und dich zurückgelegt. Deine langen Haare berührten fast das Bett und ich konnte dir in die Scham schauen.

„Du willst mich verrückt machen. Du willst, dass ich niemals mehr an etwas anderes denke“, habe ich dir dann gesagt.

„Du hast damit angefangen. Du hast mich zu deiner Sklavin gemacht“, hast du mir geantwortet.

„Wer sollte eigentlich wen anrufen?“, habe ich dann gesagt.

Und „Ich wusste genau, warum ich dich haben wollte“, war dann deine Antwort.

Deinem Tagebuch hattest du anvertraut, dass dir der Sex mit mir ganz wichtig ist und dass du dir nur vorstellen kannst, mit mir Sex zu haben und dass uns nichts trennen soll.

Wir hatten uns 1982 kennengelernt. Weißt du noch? Auf einer Fête. Aber das war nicht meine Fête, soll heißen, ich war eigentlich gar nicht eingeladen und nur zufällig da. Kann man zufällig irgendwo sein? Es war die Fête der kleinen Schwester meiner damaligen Freundin. Es war Frühsommer, was sonst. Ich war 24 Jahre alt, hatte noch viel mit mir vor im Leben und sollte nun den Nachmittag oder vielleicht noch den Abend mit einer Horde von 15- bis16 jährigen Teenies verbringen, nur weil meine Freundin auf die kleine Schwester aufpassen wollte?

Irgendwann wurde es unerträglich. Ich habe mir dann die schönste von den Mädchen ausgesucht und unerbittlich auf sie eingeredet. Das warst du. Du konntest das wahrscheinlich nur ertragen, weil du so jung warst, so einen Stuss noch nie gehört hattest und die Freundinnen und Klassenkameradinnen und -kameraden kichernd einen Kreis um uns gebildet hatten, so dass du schlecht hättest abhauen können. Und da ich nicht aufhörte, auf dich einzureden, wurde es meiner Freundin schließlich zu bunt und sie zerrte mich weg von dir und dieser Fête.

Das Jahr war weitergegangen, die sozialliberale Koalition lag in den letzten Zügen und niemand ahnte, dass 16 Jahre Kohl vor uns lagen. Ich hatte dich wohl vergessen, der Begegnung nicht so viel Beachtung geschenkt. Dann irgendwann im Juli, glaube ich. Es war ein heißer Sommerabend. Ein Freitag oder Samstag wahrscheinlich. Die Sonne war gerade dabei unterzugehen. Ich war auf dem Weg in eine Kneipe. In die Kneipe, in die damals alle gegangen sind. OkieDokie, hieß die, glaube ich. Mein Kumpel Günther und die anderen Jungs waren dabei. Entschuldigung, Günther wurde von uns auch Türken-Günther genannt. Und zwar weil meine Schwester berichtet hatte, dass ihr türkischer Freund siebenmal hintereinander könne und dass das in dem, sagen wir, Kulturkreis normal sei. Mit Erstaunen hatte ich irgendwann Günther dazu befragt. Und dessen Meinung war eindeutig: „Wenn man gut gefrühstückt habe, sei das alles kein Problem“. Wir Jungs hatten uns dann nur noch kopfschüttelnd angeschaut. Aber okay, wenn’s nun mal Günthers Meinung war. Wie dem auch sei, Türken-Günther, oder auch nur Günther, wusste immer über alles und alle Frauen Bescheid und heute Abend mussten wir wieder hierhin.

Die Kneipe war schon ganz gut besucht. Und vor dieser Kneipe standen etliche Tische und Stühle. Dort wollte ich aber nicht hin, weil drinnen eine Band spielen würde und ich vorhatte, mich drinnen schon mal anzustellen. Also hielt ich mich nicht lange auf und ging schnurstracks zur Tür.

„Raphael, warte mal. Da hat dich eine gegrüßt!“, hatte Türken-Günther zu mir gesagt.

„Was?“, hatte ich ihm wohl geantwortet.

„Ja warte, so eine richtig Nette“, meinte er.

„Wo?“, fragte ich dann.

Türken-Günther hat immer alles gesehen. Und dann habe ich dich auch gesehen. Du warst wieder in diesem Teeniehaufen und alle schienen mich noch zu kennen.

„Wie geht es dir denn?“, habe ich wohl gefragt.

„Gut, und dir?“, wirst du mir geantwortet haben.

Smalltalk nennt man das heute und damals glaube ich auch schon. Du erzähltest mir, das du nun Sommerferien hast und bald an die Côte d’Azur wolltest. Und dann wolltest du mir eine Postkarte schicken und hast mir deine Telefonnummer, also eigentlich deine bzw. die deiner Mutter, gegeben und gefragt, ob wir mal telefonieren wollen. Jetzt für die unter Dreißigjährigen: Ja, es gab mal eine handyfreie Zeit in Deutschland! Und ich sollte dir meine Adresse für die Postkarte geben, was ich auch gemacht habe. Nachdem ich dir dann schöne Ferien gewünscht hatte, durfte ich endlich schauen, was die Band macht. Günther, also Türken-Günther, hatte die ganze Zeit neben mir gestanden und drinnen hat er dann gesagt:

„Die will was von dir und die ist so süß, das würde ich mir nicht entgehen lassen!“

„Weißt du, wie alt die ist?“, habe ich geantwortet und meine Antwort kam mir plötzlich merkwürdig vor.

Die Postkarte kam dann tatsächlich. Abgestempelt im Departement 13, Bouches du Rhône am 7-8-1982. Aus Cassis genau. In der Nähe von Marseille, wie ich wusste, weil ich die Küstenstraße mit dem Blick aufs Meer schon mal mit dem Motorrad gefahren war. Deswegen fand ich die Bezeichnung Côte d’Azur auch etwas übertrieben. Auch wenn es offiziell die Region ist. Nichtsdestotrotz ganz nett, ein gewisser Stil: keine plumpe Ansichtskarte, wir wissen ja schließlich alle, wie es am Meer aussieht, sondern eine Kunstpostkarte, Picassos Friedenstaube. Und die steht natürlich für Freundschaft und auch für Liebe, habe ich mir dann sagen lassen. Ein nichtssagender Text, also nur keine Beweise, dafür aber nochmal die Telefonnummer.

Das ist jetzt fast dreißig Jahre her. Eine Generation oder eigentlich mehr. Ich seh’ dein Gesicht im Internet, ich seh’ dein Gesicht früher. Du hast jetzt eine Familie und diesen Hund bekommen und ich weiß nicht, wo du wohnst und ob du mich nochmal sehen wolltest.

Ich erinnere mich an unsere letzte Begegnung, ich erinnere mich. Es war, es müsste Ende 1987 gewesen sein. In Köln. Du hattest das Studienfach gewechselt und warst von Bonn nach Köln gezogen. Du hattest dort eine kleine Wohnung. Ich hatte dich ein Jahr nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht mehr, woher ich deine Adresse hatte oder deine neue Telefonnummer. Ich erinnere das alles nicht mehr… Ich weiß nur noch, dass wir verabredet waren und ich vorher zur Uni gemusst hatte. Ich seh’ mich nur noch im Hörsaal sitzen, irgendeine Pflichtveranstaltung, Chemie für Mediziner, glaube ich, und was der da erzählte, war doch sowieso egal. Gleich würde ich dich wiedersehen und nur das war noch bedeutend für mein Leben. Ich seh’ mich in diesem Scheißhörsaal mit diesen Hirnis von Kommilitonen. Nervös habe ich fortwährend meine Strümpfe hoch- und runtergezogen und überlegt, ob ich die richtigen Klamotten angezogen hatte. Dann konnte ich endlich los, von der Heinrich-Heine-Uni, die damals noch nicht so heißen durfte, nach Neuss und dann die Landstraße nach Köln. Ich kannte die Strecke im Schlaf. Ich wusste, wo du lebst. Ich war schon oft an deiner Türe. Heute würde man stalken dazu sagen, ich war aber kein Stalker. Kein Stalker, weil du nichts dagegen gehabt hättest. Ich wollte wieder sehen, wo du lebst. Ich wollte das Haus wieder sehen, ich wollte die Straße wieder sehen. Und ich wollte deinen Namen lesen. Immer und immer. Und immer wieder. Nomen est Omen. Ich wollte wieder deinen Namen lesen. Das hatte mich immer beruhigt. Susanne G. Ich war immer an deiner Tür, wenn ich irgendetwas vermisst hatte im Leben: wenn ich zu viel geschrieben oder zu viel für die Uni gelernt hatte und mich vom wirklichen Leben entfernt fühlte. Es war so eine Art ‚Weltschmerz’, der mich dann erfüllte und den ich nur mit dir teilen konnte, den ich nur mit dir teilen wollte. Ich war oft an deiner Türe und wenn ich mich dann getraut hatte zu klingeln, hast du nicht aufgemacht, weil du nicht da warst. Weil du viel unterwegs warst. Und nicht alleine sein wolltest. Wie ich heute weiß. Aber heute würdest du aufmachen. Wir hatten diesmal telefoniert und wir waren verabredet.

Nervös bog ich auf die Militärringstr. ab. Jetzt nur noch geradeaus an Müngersdorf vorbei, die Aachener Str. überqueren, dann durch den Stadtwald. Durch den Stadtwald, das war irgendwie immer beschaulich. Lindenthal, Klettenberg und dann ging es bald links ab nach Zollstock. Weiter geradeaus und dann bald links und dann ein bisschen geradeaus, U-Bahn-Station und dann rechts auf die Herthastr. und da war auch irgendwo ein Parkplatz. Ich kannte mittlerweile die Gegend. Ich kannte mittlerweile die Straßennamen. Die Namen Gottesweg und Zeltinger Str. fand ich schön. Und dahinter war das Bundesamt für Zivildienst. Sibille-Hartmann-Str., wie oft hatte ich schon diesen Namen geschrieben. Ein ekelhafter Betonklotz voll von Betonköpfen. Zehn Jahren hatte ich mich mit denen rumgestritten. Zwei Einberufungen hatte ich erhalten. Aber all das war jetzt egal. Gleich würde ich dich sehen. Nur das zählte.

Um es vorwegzunehmen: Dieses Treffen, unser letztes Treffen, war ein Fiasko. Ich kann mich nicht mehr an viele Details erinnern. Wir hatten schnell eine Meinungsverschiedenheit. Stritten fast. Vielleicht hatte ich dir was über meine neue Beziehung erzählt. Meine neue Beziehung, in die ich mich gestürzt hatte. Gestürzt hatte, um dich zu vergessen. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass du mir die ganze Zeit etwas erzählen wolltest, was du dann nicht gemacht hast. Wir waren beide wohl schlecht vorbereitet und unsere Erwartungen waren zu hoch. Wir hatten nur unsere Emotionen, die im Raum standen. Und weil es nicht lief und weil du eine Flasche CAMPARI hattest…

Ich glaub’, den Rest kann ich mir sparen. Ich hatte nichts getrunken, weil ich ja mit dem Auto gekommen war. Als die Flasche dann schon ziemlich leer war, hast du dich aufs Bett gelegt und bist eingeschlafen. Ich saß dann da. Und weil ich dich als Frau auch immer attraktiv fand, habe ich mich danebengelegt und dich angefasst. Ich habe dich gestreichelt. Ich habe deine Brüste berührt und meine Fingerspitzen auch dein Schamhaar. Ich weiß das noch wie heute. Und das war nicht gut. Frauen soll man nur bei Bewusstsein erobern. Du bist dann bald aufgesprungen und aufs Klo zum Kotzen gegangen. Ich saß wieder auf dem Stuhl, habe dich wieder ins Bett gehen und einschlafen sehen. Das war es dann wohl, habe ich gedacht. Ende einer … Aber das war noch nicht genug. Als ich mich aus dem Haus schleichen wollte, war die Haustür abgeschlossen. Ich musste also wieder hoch und klingeln. Du hast dann aufgemacht und mich sinngemäß gefragt, was das denn solle, warum ich gehen wolle oder so. Und ich habe wohl geantwortet:

„Warum lässt du dich bis zum Anschlag vollaufen, wenn wir uns treffen?“

Ich weiß deine Antwort noch genau, auch wenn ich sie damals nicht verstanden habe.

„Ich war so nervös und angespannt, weil wir uns endlich wiedergesehen haben! Ich habe in dir immer etwas Besonderes gesehen!“

Ich weiß das noch genau. Weil ich das über dich auch immer gedacht habe.

 

 

 

Kapitel II

(Ein nie abgeschickter Brief)

 

 

 

Köln, am 14. November 1987

 

Lieber Raphael,

jetzt bist Du gerade zehn Minuten weggefahren und ich wünschte, den ganzen Abend hätte es nicht gegeben. Das Wiedersehen war viel zu plötzlich und unvorbereitet und ich hatte die ganze Zeit einfach nur Angst.

Konnte nichts sagen und verstand nicht, wie Du so normal und ungezwungen (zumindest äußerlich) wirken konntest.

Ich wollte die ganze Zeit möglichst schnell weg von Dir und Dich doch gleichzeitig festhalten und umarmen.

Ich wollte Dich eigentlich nie wiedersehen und wäre auch nicht mehr zu Dir gekommen.

Erinnerst Du Dich an unser letztes Telefongespräch (vor gut einem Jahr) samstags morgens, als Du noch im Bett lagst? Und dann nur von Dir erzählt hast? Ich hatte meinen ganzen Mut zusammengenommen, um Dir von dem Kind zu erzählen. Aber Du hast mir ja keine Chance dazu gegeben. Und dann wusste ich, dass wir sowieso keine Chance haben werden. Auch wenn es von dir gewesen wäre.

Vielleicht hast Du irgendwann mal nachgerechnet. Es ist irgendwann im September passiert und könnte sowohl von Dir als auch von ihm sein (aber ich glaube eher von Dir). Ich weiß nicht, ob ich es Dir überhaupt schreiben oder sagen sollte oder müsste. Wäre jetzt lieber bei Dir, um Deine Reaktion zu erleben, um mich von Dir beruhigen zu lassen.

Ich habe die Monate über versucht, das alles zu verdrängen, glaube auch, dass es für mich persönlich nicht wichtig ist, von wem das Kind eigentlich gewesen wäre. Ich habe ihm nichts gesagt, weiß nicht, was ich tun soll. Verzeih mir, dass ich dir das so spät und über diesen Weg mitteile. Susanne

Das ist jetzt mehr als 23 Jahre her. Dieser Gedanke an die Zeit macht mich verrückt. Ich darf da nicht lange dran denken. Es macht mich schwindlig und verändert mein Denken. Ich verlebe eine tolle Zeit mit meiner Frau und meinen beiden Kindern und habe eine tolle Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern verlebt und habe nie etwas bereut. Doch jetzt bist du wieder da und mein ganzes Leben ist verändert. Und irgendwann bin ich dann endlich eingeschlafen.

Am nächsten Tag habe ich wieder auf dein Bild geschaut. Dein Bild mit Familie. Deine kleine Tochter. Deinen Mann. Und dich. Dein Lachen und es kommt mir so vor, als würdest du mich anlachen. Ich liebe meine Frau, ich liebe meine Kinder, aber dich würde dich gerne mal wiederseh‘n, habe ich mir gedacht. Also habe ich weiter auf dein Bild geschaut und überlegt. Du hattest ein paar Zeilen über den Hund geschrieben und die habe ich immer und immer wieder gelesen.

Liebe Frau D.,

gestern haben wir unsere Hündin am Flughafen abgeholt und sie sofort ins Herz geschlossen. Ihren alten Namen "Beauty" hat sie zu Recht getragen, trotzdem haben wir entschieden, sie Feeza zu nennen. Das ist arabisch und bedeutet:

Die Siegreiche oder auch Königin!

Und das ist sie auch.

Sie ist wunderschön, hat am ersten Abend zunächst das Wohnzimmer und den Garten erkundet. Gebückt wie ein Wolf schlich sie vor die Fensterscheiben und hat alles lieb und vorsichtig erschnüffelt und sich ausgiebig im Spiegel betrachtet!

Stubenrein ist sie wohl auch, ihre Geschäfte hat sie vorbildlich draußen erledigt. Autofahren ist klasse, da entspannt sie sich sofort. Unglaublich, für einen Hund, der ca. 9 Monate im Tierheim gelebt hat. Ja, dass sie wunderschön ist, habe ich ja wohl schon gesagt, noch viel, viel hübscher als auf den Videos.

Meine kleine Tochter wurde von Feeza heute Morgen erst mal schwanzwedelnd begrüßt. Ich werde bald Fotos schicken.

So, jetzt habe ich keine Zeit mehr, Feeza wartet unten und jetzt geht’s erstmal raus.

Vielen Dank für den Super-Ablauf der ganzen Vermittlung, ich habe sehr große Hochachtung vor Ihrer Arbeit.

Liebe Grüße,
Susanne G.

So etwas schreibt man offensichtlich, wenn man einen Hund aus dem Ausland vermittelt bekommt. Es war dein Sprachstil. Ziemlich freundlich und direkt. Doch mit einer gewissen Distanz. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich versuchen musste, den Kontakt herzustellen. Ich hätte es wahrscheinlich sonst bereut. Mein restliches Leben lang. Am nächsten Abend habe ich dann überlegt, was ich dieser Dame, die die Hunde aus Griechenland vermittelt, schreiben soll, damit sie mir deine Adresse gibt! Ich hatte nur einen Versuch und der musste überzeugend sein. Nur nichts von Liebe und so! Etwas ganz Seriöses. Etwas, was im Zweifelsfall auch dein Mann hätte lesen können. Ich habe dann hin und her überlegt. Mehre Fassungen verworfen und saß dann lange vor der letzten und endgültigen, wie ich meinte:

Subject: "Happy End 2009: Beauty/Feeza"

Sehr geehrte Frau D.,

ich erlaube mir, Sie aus ganz anderen Gründen anzuschreiben:

Beim Durchschauen Ihrer Seiten habe ich das Foto einer alten Bekannten (Susanne G.) entdeckt, die ich schon über 20 Jahre nicht mehr gesehen habe! Das war natürlich eine  große Überraschung!

Da ich weder eine Adresse oder Telefonnummer von Frau G. habe, noch überhaupt nicht weiß, in welchem Teil Deutschlands sie nun wohnt, möchte ich Sie bitten …

Sie wissen, um was ich Sie nun bitten möchte.
Ich weiß nicht, ob es  irgendwelche Statuten gibt, die das verbieten?
Können Sie mir trotzdem in der Angelegenheit weiterhelfen?

Viel Erfolg bei Ihrer weiteren Arbeit!

Mit freundlichen Grüßen

Dann noch Absender, Adresse, Telefonummern. Noch mal die E-Mail-Adresse angeben? Ich saß in meinem Arbeitszimmer, die Familie wunderte sich, was ich jetzt wieder abends so viel zu arbeiten hatte. Ich las den Text nochmal und nochmal. Du kannst nichts Besseres schreiben in deiner Situation, überlegte ich immer wieder. Und schließlich habe ich die Mail abgeschickt. Das war an einem Mittwochabend. Es war der 26. Januar. Es war ein kalter Winterabend. Der Winter hatte in diesem Jahr früh begonnen. Es war ein strenger Winter geworden. Ich ging aus meinem Arbeitszimmer ins Wohnzimmer an den Kamin. Öffnete eine Flasche Rotwein.

„Musstest du wieder so lange arbeiten?“, fragte meine Frau.

„Ja, Entschuldigung“, sagte ich.

Und ich dachte, ich musste das machen! Ein Mann muss das so machen. Und dann habe ich wieder an dich gedacht. Manchmal wenn ich auf dem Rücken lag und du auf mir saßt, bist du über mich gekommen. Du bist hochgestiegen und auf den Knien zu mir gerobbt. Du hast mich angelacht. Und ich habe dein Gesicht weit von unten gesehen. Und ich habe gelacht, weil ich wusste, dass es dir Spaß mit mir macht. Ich habe deine offenen Beine gesehen, die Schamlippen und den Spalt. Und dann hast du dich auf mich gesetzt.

Irgendwann dann Ende August 1982, Rory Gallagher und BAP hatten auf der Loreley und die Stones in Köln gespielt, waren die Sommerferien zu Ende. Das wusste ich von meiner Freundin. Ich musste Susanne jetzt irgendwann mal anrufen. Das hatte ich ihr versprochen. Und irgendwie wollte ich dann auch. Ihr Lachen, die langen braunen Haare, die ihr immer ins Gesicht fielen, die großen dunklen fast schwarzen Augen, der fragende Blick nach Frau hatten mich dann doch interessiert. Auch ohne den Rat von Günther. Ich musste sie anrufen. Aber es gab da noch ein Problem: Okay, dass wir keine Handys hatten, habe ja schon erwähnt. Aber ich hatte auch keinen Festnetzanschluss! Festnetzanschlüsse hatten wir natürlich überall schon in Westdeutschland. Nur eben nicht bei mir. Ich wollte eben keinen. Ein dauernder Streit zwischen meiner Freundin und mir. Es ging gar nicht ums Geld. Ihre Mutter hätte gerne die Kosten, zumindest für die Grundgebühr, übernommen, nur um mit ihrer Tochter telefonieren zu können. Nein, mich nervte so ein Ding eben und außerdem telefonierte ich nicht gerne. Wie soll ich das heute erklären? Das war damals eben so. Damals komponierten Musiker ihre Stücke auch noch selbst und planten ihre Karriere. Dichter schrieben ihre Texte selber, Bäcker buken ihr eigenes Brot. Es war eben eine andere Zeit. Das Fernsehen, es gab nur drei Programme, trug nicht maßgeblich zur allgemeinen Volksverblödung bei. Und wer nicht reden konnte, durfte im Bundestag auch keine Rede halten. Die „Bild“-Zeitung wurde als das gesehen, was sie wirklich ist: Ein Dreck- und Schmierenblatt für 12 Millionen Blöde oder mehr wahrscheinlich. Und ich, ich hatte keinen Festnetzanschluss und musste in eine Telefonzelle. Was ich äußerst ungern tat.

Die Telefonzelle befand sich genau vor meiner Wohnung auf der anderen Straßenseite. Das machte die Sache aber nicht leichter. Ich wäre gerne ein paar Schritte in frischer Luft gegangen, um mich zu entspannen. Außerdem konnte man von unserer Wohnung direkt in die Telefonzelle sehen. Ob ich wirklich am Sonntagnachmittag telefonieren wolle, fragte mich meine Freundin schnippisch, als sie mich Anstalten machen sah, da rüberzugehen. Die Postkarte mit der Telefonnummer hatte ich schon in die rechte hintere Jeanstasche gesteckt. Das hatte sie nicht gesehen. Den Zettel, den mir Susanne damals in der Kneipe zugesteckt hatte, hatte ich schon verloren. Also gut, dass die Nummer noch mal auf der Karte stand.

„Es ist eine wichtige Sache, die kann ich jetzt nicht aufschieben“, habe ich zu ihr gesagt. Und gedacht habe ich, ein Mann muss tun, was er tun muss.

„Aha“, war ihre Antwort.

Die gelbe Türe der Zelle aufgeschoben, den mittelgrauen Hörer in die Hand genommen und zwei 10-Pfennig-Stücke in die richtigen Schlitze aus Blech gesteckt. Langsam und laut kullerten sie in das Innere des dunkelgrauen stählernen Apparats. Ich konnte sie kullern sehen. Dann waren sie weg. Noch zwei Groschen in Reserve dahin gelegt. Der Blick auf den stahlgrauen Kasten mit der runden Wählscheibe in der Mitte und die Postkarte mit der Telefonnummer darauf gelegt. Buh, das hat doch schon mal gut geklappt. Mein Herz klopfte ganz schön, glaube ich. Jetzt musste ich mich noch mental etwas stärken. Schön ruhig durchatmen. Was sage ich, wenn die Mutter dran ist und mich fragt, was ich eigentlich von ihrer minderjährigen Tochter wolle? Okay, die Mutter sieht nicht, dass ich schon 24 bin und die Tochter wird es auch nicht erzählt haben. Ich muss jetzt klingen und mich benehmen wie ein 17jähriger, höchstens ein 18jähriger. Aber wie klingen die heute? Mit 17 hatte ich schon nicht mehr zuhause gewohnt. Spätestens jetzt habe ich bereut, dass ich so selten und ungern in meinem Leben telefoniert habe. Am besten, hatte ich mir überlegt, rede ich so wenig wie möglich und nur das Wesentliche. Und das war?

Gut, um es nicht zu lange zu machen. Ich hatte dich direkt am Telefon. Und wie du mir später erzählt hast, war das kein Zufall. Du hattest dir überlegt, wann wird er wohl anrufen. Und wenn er anrufen wird und es ernst oder ernster meint, wird er es bald machen. Und der früheste Termin war ja dieser Sonntagnachmittag. Morgen würde ja wieder die Schule anfangen. Also hast du dich den ganzen Nachmittag in der Nähe des Telefons aufgehalten.

Ich habe dann die Nummer gewählt und war froh, ganz schnell deine Stimme zu hören. Ich weiß den Inhalt des Telefonats jetzt nicht mehr genau, aber wie ich mich kenne, werde ich mich wohl mit meinem Nachnamen gemeldet haben. Bescheuert, nicht wahr? Und dann werde ich nicht viel gesagt haben. Und das alles mit langen Pausen. Zwischendurch dachte ich schon, du hast aufgelegt und ich müsse jetzt auch auflegen. Telefonieren ist eben nicht mein Ding. Auf alle Fälle haben wir uns dann doch verabredet. Ich werde wahrscheinlich einen Nachmittag gewählt haben, von dem ich wusste, dass meine Freundin nicht da ist. Und du hast direkt zugesagt und dazu noch, dass du dich freust. Und wahrscheinlich werde ich das nicht mehr rausgekriegt haben.

Wie ein Triumphator habe ich die Telefonzelle verlassen. Caesar, Napoleon und all die anderen waren nichts.

„Du hast ja richtig lange telefoniert, für deine Verhältnisse“, wurde ich empfangen.

„Ja? Habe ich? Hast du alles gesehen?“, sagte ich und schaute meine Freundin an.

„Vielleicht sollten wir uns doch mal ein eigenes Telefon anschaffen? Oder?“, meinte ich dann zu ihr. Was wir dann auch gemacht haben.

Das ist jetzt fast dreißig Jahre her. Ich schaue wieder auf dein Foto. Du hast dich äußerlich nicht viel verändert. Ich leider schon. Die Haare sind mir ausgegangen. Die ganze Lockenpracht ist dahin. Kann ich normalerweise gut mit umgehen. Selbstbewusstsein muss woanders herkommen. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass die Suizidrate bei brustimplantierten Frauen erheblich höher sei als bei Frauen, die sich diesem Eingriff nicht unterzogen haben. Also hatte ich mir überlegt, dass eine Eigenhaarverpflanzung keine Lösung sei. Ein selbstbewusster Mann kann alles relativieren und daran habe ich mich gehalten. Nur wir hatten uns ja echt lange nicht mehr gesehen.

Aber es gab da noch ein anderes Problem: Mein Gewicht hatte ordentlich zugelegt. In den letzten zwanzig Jahren. Abends der Rotwein und das gute Essen! Meine Frau kocht gerne und gut, ich koche gerne und auch gut, selbst den Töchtern hatten wir das bald beigebracht. Man sitzt an einem Tisch, isst, wer will, trinkt auch Wein. Und das mindestens einmal am Tag. Mit der Familie, mit Freunden und Bekannten. Dabei tauscht man sich aus. Redet. Redet auch über Probleme. Irgendwie alles das Normalste der Welt!

Als meine Töchter die ersten Freunde mit nach Hause gebracht haben, für die gekocht und dann gemeinsam am Tisch gegessen haben, muss das noch für Verwunderung und dann für Bewunderung gesorgt haben. Ich weiß nicht, wie die Leute heute leben! Aber ich komme vom Thema ab. Ich musste sofort etwas für meine Figur tun. Vielleicht kommt es ja wirklich zu einem Treffen, habe ich mir überlegt, und dann? Und dann? Dann wird sie einen vollkommen fremden Mann wiedertreffen. Ich habe immer Sport gemacht, okay, den werde ich intensivieren und ab sofort keinen Alkohol mehr und abends so wenig wie möglich essen. Das kann zu der Abnahme von einem Kilo die Woche führen, hatte ich irgendwo gelesen! So träumte ich weiter von dir und stellte mir ein Treffen mit dir vor.

Dann, einen Tag, nachdem ich die E-Mail abgeschickt hatte, bekam ich von der Dame, die den Hund vermittelt hatte, eine Antwort:

Betreff: Re: "Happy End 2009: Beauty/Feeza"

Hallo Herr L.,

ich kann es mir gut vorstellen, wie es Ihnen im Moment geht.

Das passiert mir auch manches Mal, wenn ich alte Bekannte wiedersehen möchte, aber nicht weiß, wo sie sind.

Ich darf Ihnen natürlich keine Daten weitergeben (ich hoffe, Sie verstehen es), kann aber Ihre E-Mail an Frau G. weiterleiten mit der Hoffnung, dass sie sich bei Ihnen meldet.

Ich hoffe, dass ich Ihnen hiermit weiterhelfen kann.

Schöne Grüße

Zitternd saß ich vor dem Rechner. Jetzt war es passiert. Jetzt könnte sich alles entscheiden. Und jetzt konnte ich es auch nicht mehr rückgängig machen. Das Leben würde seinen Lauf nehmen. Es war ein Donnerstag und es sollten jetzt noch exakt 9 Wochen, noch exakt 2 Monate bis zu unserem ersten Treffen vergehen. Aber das wusste ich ja natürlich nicht.

So habe ich mir wieder das Foto angeschaut und den Text dazu gelesen. Wieder und wieder. Ein Familienglück. Eine kleine Familie. Und jetzt noch ein Hund. Ein Hund aus Griechenland. Der dort bestimmt den Machismo gespürt hat. Und jetzt glücklich in einer Familie ist. Dort willst du stören. Dort willst du rumnerven. Vielleicht mit der Vergangenheit und so einem Zeug?

Aber das ließ mir alles keine Ruhe und ein paar sprachliche Kleinigkeiten waren mir an deinen wenigen Zeilen aufgefallen, die du über den Hund geschrieben hast: Du hattest den kleinen Brief mit deinem Namen unterschrieben. Mit deinem Vor- und deinem Nachnamen. Abgesehen davon, dass ich dich ansonsten nie gefunden hätte, macht man das üblicherweise nicht mit Familie … ? Mit Familie soundso? Der Hund gehört jetzt zur Familie soundso und die unterschreibt dann mit ihrem Namen. Hier hattest du aber ganz alleine mit deinem Namen unterschrieben. Und in dem kleinen Text hast du von „meiner Tochter“ geschrieben. Schreibt man nicht ansonsten „unsere Tochter“? Es geht doch hier um eine Familie? Familie mit Mann und Frau. Warum heißt es in dem Text „Hündin“ und nicht Hund, als geschlechtsneutrale Bezeichnung? War das wichtig für dich? Hatte das eine besondere Bedeutung? Und „Feeza“, den Namen kann ich in dieser Bedeutung nirgendwo finden. Und wenn ich mir das Foto jetzt noch einmal genau anschaue, du bist ziemlich im Vordergrund zu sehen, Hund und Kind neben dir, und dein Mann ziemlich weit hinten. Okay, das mögen ziemlich eigenwillige Interpretationen sein. Und weit hergeholt! Und wie sagt man so schön, der Wunsch ist der Vater des Gedanken! Aber über so etwas hatte ich eben nachgedacht!

 

 

 

Kapitel III

 

 

 

Damals, 1982, bist du dann zu der verabredeten Zeit gekommen. Aber du bist nicht alleine gekommen, sondern hast deine Freundin mitgebracht. Deine Freundin Silke, die ich natürlich schon aus dem Mädchenpulk kannte. Das war deine Anstandsdame, wie du mir später gestanden hast. Okay, dachte ich mir. Das machte es mir auch einfacher. Wegen meiner Freundin und so. Ihr seid dann öfter zusammen gekommen. Ich glaube, wir saßen häufig in der Küche und haben Tee getrunken und irgendetwas erzählt. So was Belangloses. Manchmal streifte mein Blick dich und manchmal streifte dein Blick mich. Sonst nichts. Ich hatte mich an eure Besuche gewöhnt und immer wenn ich Zeit hatte, habe ich ja gesagt. Oder nach der Schule habt ihr einfach geklingelt und wenn ich nach dem Frühdienst im Krankenhaus zuhause war, habe ich euch sowieso reingelassen. Selbst meine Freundin hatte sich an euch gewöhnt und frug mich jetzt nicht mehr täglich: “Stehst du jetzt auf Teenies?“

Wie würdest du reagieren? Wie würde Susanne reagieren? Oder würde sie überhaupt reagieren?

23 Jahre, da kann sich viel ändern, eigentlich alles. Ich glaube, ich bin ein Träumer, ein Spinner. Vielleicht kennt sie nicht mal mehr meinen Namen. Und wenn sie sich doch erinnert? Was ist, wenn sie sich doch erinnert, sich aber nicht melden will? Aus verständlichen Gründen. Die kleine Tochter, der Mann, der Hund. Das neue Leben. Das geregelte Leben. Nach all den Jahren. Warum sollte sie mich wiedersehen wollen? Nur weil wir uns immer tief verbunden gefühlt hatten, in all den Jahren, früher. In all den Jahren. Früher. Aber nie zueinander gefunden hatten. Weil sie mit jemandem zusammen war, weil ich mit jemandem zusammen war? Oder weil wir uns nie getraut hatten? Weil keiner beim Teilen verlieren wollte? Und irgendwie war sie auch immer so etwas wie meine Kleine Schwester. Dachte ich mir. Denke ich mir.

Ich bin ein grenzenloser Spinner, der seine Chance vertan hat. Früher. Damals. Damals, eben. Dachte ich mir dann immer wieder.

Wir saßen damals viel in der Küche und redeten. Mal zu dritt, mal zu viert. Ich weiß nicht mehr, worüber wir geredet haben.

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