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Böse Barden

Billie Rubin ist das Krimipseudonym der Münchner Autorin Ute Hacker (Jg. 1958), die bereits sechs Kriminalromane verfasst hat. Sie schreibt deutsch und englisch und hat zahlreiche Kurzgeschichten in den unterschiedlichsten Anthologien veröffentlicht; die besten sind in dem Band „High Noon in München“ versammelt. Bisher sind drei Krimis rund um ihre Heldin Charlotte „Charly“ Braun erschienen, die in Nürnberg, der Geburtsstadt der Autorin, als Bodyguard arbeitet. Mehr Infos auf www.billierubin.eu

Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter:

www.allitera.de

Juni 2018

Allitera Verlag

Ein Verlag der Buch&media GmbH, München

© 2018 Buch&media GmbH, München

Umschlaggestaltung: Alexander Strathern, München

Printed in the EU

ISBN print 978-3-96233-030-9

ISBN epub 978-3-96233-031-6

ISBN PDF 978-3-96233-032-3

»Wo man singt, lass dich ruhig nieder,

Böse Menschen haben keine Lieder.«

Volksweise (Johann Gottfried Seume)

»Musik machen kannst du ja auch einfach so als Frau. Aber wenn du zur Hiphop-Szene dazugehören willst, dann ist das, als ob du KFZ-Mechanikerin werden willst – da musst du schon ein bestimmter Schlag Frau sein, die keine Angst haben darf, sich einen Nagel abzubrechen. Das ist nicht so harten Mädchen gegenüber natürlich gemein, aber daran kannst du eh nichts ändern, nur machen, machen, machen.«

(Die deutsche Produzentin Melbeatz 2016 bei Broadly)

Prolog

Macho-Bruder

(Lyrics: LeyLa)

Du schmückst dich mit uns, Frauen sind dein Palast

Träume vom Harem – Tausend und eine Nacht

Du Frauenheld profitierst von orientalischer Schönheit

Ich frage die Ladys: »Wie kann man so blöd sein?!«

Er verbringt jede Nacht mit einer anderen Frau

Er verspricht euch die Welt und alles andere auch

Was es halt braucht dazu, um kalt eure Gefühle zu lenken

Denn direkt am nächsten Morgen ist die Beziehung beendet

Aber ist deine Schwester keine Jungfrau, nennst du sie »Schlampe,

Luder«

Ja, so ist mein Leben mit einem Macho-Bruder

Macho Macho Macho Bruder

Macho Macho Macho Bruder

Macho Macho Macho Bruder

Du machst auf Macho, denn du bist ein Loser

Macho Macho Macho Bruder

Macho Macho Macho Bruder

Macho Macho Macho Bruder

Du machst auf Macho, du bist ein Loser

I

Charlotte Braun traute ihren Ohren nicht. War ihr Boss völlig übergeschnappt?

»Das ist nicht dein Ernst!«, rief sie.

»Natürlich ist es mein Ernst«, erwiderte Miller. »Habe ich jemals gescherzt, wenn es um einen Auftrag ging?«

Charlotte musste zugeben, dass dem nicht so war. Sie streckte ihrem Chef – oder vielmehr dem Hörer – die Zunge raus.

»Was soll ich denn mit so einer Hupfdohle anfangen? Das ist absolut nicht meine Welt«, probierte sie erneut, den Auftrag abzuwenden. »Es gibt sicher jüngere Kollegen, die das gerne übernehmen würden.«

Zu ihrem Erstaunen begann Miller laut zu lachen. »Hupfdohle! Der war gut.« Er keuchte und beruhigte sich nur schwer. »Du hast keine Ahnung, wer sie ist, oder?«, fragte er schließlich.

»Nein. Musik ist gut als Hintergrundkulisse, mehr nicht.«

»Warst du nie auf einem Konzert?« Ihr Boss schien überrascht zu sein. »Ich hätte viel darauf gewettet, dass du zumindest in jungen Jahren einigen Bands hinterhergereist bist.«

»Gut, dass du es nicht getan hast«, sagte Charlotte, fügte aber hinzu: »Natür-lich war ich früher auf Konzerten, aber das ist lange her. Irgendwie interessiert mich nichts mehr. Und die Karten sind sündhaft teuer. Zahl mir ein besseres Gehalt, dann kann ich mir das auch wieder leisten.«

»Haha«, gab Miller zurück. Auf dem Ohr war er seit Jahren taub.

Charlotte nahm sich vor, ihn nach dem erfolgreichen Abschluss des nächsten Auftrags unter Druck zu setzen. Sie war zwar immer noch die einzige Frau im Team der Bodyguards, aber sicher nicht das schlechteste Mitglied. Im Gegensatz zu manchem ihrer männlichen Kollegen setzte sie nicht nur ihre Muskeln, sondern auch ihren Verstand ein.

»Okay«, knurrte sie. »Gib mir die verdammten Details. Ich schau mir die Göre mal an.«

»Braves Mädchen«, sagte ihr Chef, wissend, dass er sie damit zur Weißglut brachte.

Charlotte biss die Zähne zusammen, notierte sich die Daten und legte grußlos auf. In Momenten wie diesen dachte sie darüber nach, sich selbstständig zu machen. Doch als Frau im Security-Gewerbe hatte man es mehr als doppelt so schwer. Außerdem fehlten ihr die nötigen Skrupel, sich manchmal über bestimmte Grenzen hinwegzusetzen.

»Dann schauen wir doch mal«, brummte sie und startete ihren Laptop, gab YouTube in die Suchmaske ein und klickte auf den Link, der sie zu dem Videoportal führte.

Charlotte tippte den Namen Leyla in die Suchzeile rechts oben und erhielt über zwei Millionen Ergebnisse.

»Du lieber Himmel«, entfuhr es ihr. Wie sollte sie da die richtige Musikerin finden? Miller hatte etwas von Rap erwähnt, also fügte sie den Begriff Rapperin hinzu. Die Suchergebnisse reduzierten sich auf etwas über siebzigtausend. Ganz oben tauchte das Bild einer jungen Frau auf, rechts daneben stand LeyLa Macho-Bruder. Sie klickte auf das Foto und strahlte vor Stolz, als das Video startete.

Es dauerte eine Weile, bis sie es schaffte, den Ton einzuschalten, deshalb bekam sie nur noch die letzten Zeilen des Lieds mit.

Er verspricht euch die Welt und alles andere auch

Was es halt braucht dazu, um kalt eure Gefühle zu lenken

Denn direkt am nächsten Morgen ist die Beziehung beendet

Aber ist deine Schwester keine Jungfrau, nennst du sie »Schlampe,

Luder«

Ja, so ist mein Leben mit einem Macho-Bruder

Na, die hat ja Mut, dachte Charlotte. Unter dem Video stand

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Sie hatte keine Vorstellung davon, ob die Zahlen positiv oder negativ zu deuten waren. Sie scrollte nach unten, um ein paar der fünfhundertdreiundneunzig Kommentare zu lesen.

Ey, Schwesta, was hast du gegen muslimische Männer?

Geiler Song! images

Die braucht nen Macho, damit er sie mal ordentlich rannimmt.

Soll sie doch zurück nach Lybien gehen!

Sie kommt aus dem Libanon, du Spast.

Außerdem heißt es Libyen.

Wer bist du denn? Hast wol die Weisheit mit der Muttermilch getrunken, was?

Orientalische Schönheit? Spricht die von sich? Gröööhl! Die is so potthässlich, die müsste man mit nem Tuch abdecken.

Ich mag den Song. Weiter so, LeyLa! ♥♥♥

Alles dreht sich um LeyLa! Zum Kotzen!

Was denkst du den? Es geht ja auch um ihrn Song, ey!

LeyLa hier, LeyLa da, LeyLa Superstar! Lächerlich!

Du singst über mich, LeyLa! Wie krass is dass denn? images

Der Text ist sowas von öde! LeyLa ist eine Lusche. Die traut sich nie, die

Dinge beim Namen zu nennen.

Aber du, oder was? Und wer bist du? Trausd dich nichmal, dein

Namen zu shreiben, was?

Ihr werdet bald von mir hören!

»Ach du lieber Himmel«, entfuhr es Charlotte. Was ging denn da ab?

Sie spielte das Video erneut ab. Beim dritten Mal gelang es ihr, das Video im Fullscreen-Modus abzuspielen. Da sie vom Text wenig verstand, stellte sie den Ton wieder ab und konzentrierte sich auf die Frau.

Was ihr vor allem auffiel, war die offene Aggressivität der Sängerin. Aber konnte man jemanden, der rappte, überhaupt Sängerin nennen? Vermutlich, immerhin bedeutete Rap Sprechgesang.

Egal. LeyLa provozierte nicht nur mit Worten, sondern auch mit Mimik und Gestik. Mehr als einmal tauchte der nach oben gereckte Mittelfinger auf, von all den typischen Handbewegungen, die offensichtlich zum Rappen gehörten, ganz zu schweigen. Ob ihr Gesicht hübsch war, wagte Charlotte nicht zu beurteilen, es war die meiste Zeit von einer Kapuze bedeckt.

Alles an der jungen Frau war dunkel: die langen Haare, die mit Kajal umrandeten Augen, die schwarze Kleidung. Selbst der rote Lippenstift sah düster aus.

Charlotte stoppte das Video und schaute auf die Notizen, die sie sich wäh-rend des Telefonats mit Miller gemacht hatte. LeyLa war eine deutsche Musikerin mit libanesischen Wurzeln. Sie war vor siebenundzwanzig Jahren in der Nähe von Oberhausen zur Welt gekommen und aufgewachsen. Die Familie lebte immer noch dort; LeyLa, deren richtiger Name Luja Nasrani lautete, war vor einigen Monaten nach Berlin gezogen. Vor vier Jahren hatte sie das Studium der Germanistik und Orientalistik mit einem Master abgeschlossen.

Charly schaute sich noch andere Videos der Künstlerin an. Die Texte wurden so schnell gesprochen, dass sie wenig verstand. Aber die kurzen, gesungenen Passagen ließen eine außergewöhnliche Stimme erkennen.

Wieso rappt jemand, wenn er eine so schöne Stimme hat?, fragte sich Charlotte. Bin ich zu alt, um das zu verstehen?

Die Zahlen der Likes oder Dislikes waren weit niedriger, die Kommentare harmloser. Mit Macho-Bruder schien die Musikerin einen Nerv getroffen zu haben.

Sie hatte genug gehört und gesehen, schloss das Portal und tippte den Namen der Rapperin in die Suchmaschine ein. Wieder erhielt sie weit über zwei Millionen Resultate. Überfordert und entnervt starrte sie auf den Bildschirm, bis ihre Augen zu flimmern begannen. Einer Eingebung folgend griff sie zu ihrem Handy und drückte die Kurzwahltaste für Patrick. Ihr Sohn war vermutlich gerade dabei, einen großen Stein in Form zu bringen, und würde das Klingeln nicht hören, aber einen Versuch war es wert.

»Mama?«, meldete er sich außer Atem, als Charlotte gerade im Begriff war aufzulegen.

»Hallo Patrick, wie geht’s dir?«

»Ist was passiert?«

»Nein, was sollte passiert sein?«

»Du rufst nie um diese Zeit an, außer es ist was vorgefallen.«

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Hast du einen Moment Zeit?«

»Eigentlich nicht«, erwiderte Patrick. »Ich muss einen Auftrag fertigstellen, der Kunde kommt in einer Stunde. Was gibt’s?«

»Lass uns doch heute Abend essen gehen, wir alle vier, was meinst du?«, schlug Charlotte vor.

Patrick stöhnte. »Das ist wieder typisch meine Mutter. Erst neugierig machen und dann nichts sagen. Was ist los?«

Charlotte lachte. »Okay, okay, du hast gewonnen. Kennst du eine LeyLa? Sie ist Rapperin.«

»Klar, ich hab ihren YouTube-Kanal abonniert. Sie ist ziemlich cool. Was ist mit ihr?« Er schwieg eine Sekunde lang, fragte: »Ihr ist doch nichts passiert, oder?«

»Nein, wie kommst du darauf?«

»Wie ich schon sagte: Immer wenn du zu solchen Zeiten anrufst, ist was passiert.«

»Das ist nicht fair«, versuchte Charlotte sich zu verteidigen, aber insgeheim wusste sie, dass ihr Sohn recht hatte. »Sie ist wohlauf«, beruhigte sie ihn. »Und das wird sie auch bleiben; ich soll nämlich auf sie aufpassen. Sie kommt zum Bardentreffen nach Nürnberg und hat vorher ein paar Auftritte in der Gegend.«

»Woah! Krass!« Patrick schien den Auftrag des Kunden vergessen zu haben. »Du musst sie mir unbedingt vorstellen. Ich bin ein Riesenfan. Du musst mal ihre Texte anhören, die sind der Hammer.«

Charlotte konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dass LeyLas Texte der Hammer waren, darin stimmte sie mit Patrick überein. Aber vermutlich interpretierte sie das Wort Hammer vollkommen anders als er.

»Hast du sie schon getroffen? Wie ist sie? Du musst mir alles erzählen, hörst du?«

»Ist ja gut«, beschwichtigte sie ihn. »Sie kommen erst heute Abend in Nürn-berg an, ich treffe sie morgen Mittag. Und du erfährst alles aus erster Hand, versprochen. Solltest du nicht allmählich wieder an die Arbeit?«

»Ja, natürlich. Können wir uns morgen Abend treffen? Machst du Fotos von ihr? Nein, ich brauche unbedingt ein Selfie mit ihr.«

»Du klingst wie eine hysterische Vierzehnjährige, die gerade ihren Schlager-schwarm trifft.«

Patrick lachte. »Offen gestanden fühle ich mich auch ein bisschen so. – Versprich mir, dass du gut auf sie aufpasst.«

»Natürlich, das mache ich doch immer.« Fast immer, fügte Charlotte in Gedanken hinzu. »Gib Lara einen Kuss von mir, ja? Wegen morgen melde ich mich noch mal, wenn ich weiß, wie meine Einsätze sind.«

»Ist gut, Kevin«, erwiderte Patrick lachend.

»Na, ich hoffe, ich muss LeyLa nicht von der Bühne tragen«, gab Charlotte zurück. Der Hinweis auf den Film Bodyguard hatte inzwischen eine lange Tradition. »Bis morgen, Kuss.«

Eigentlich hoffte sie, den Auftrag immer noch abwenden zu können, auch wenn sie ihren Sohn damit sehr enttäuschen würde. Zum Trost würde sie ver-suchen, beim Treffen am nächsten Tag ein Autogramm für ihn zu ergattern.

II

Den Nachmittag verbrachte Charlotte in ihrem neuen Kampfsportstudio zum Trainieren. Ahmet war zu ihrem großen Bedauern von einem Mitglied der Herrscherfamilie in Dubai engagiert worden und hatte seinen Laden in Nürnberg geschlossen. Eine Zeit lang hatte sie es ohne Studio versucht, doch nachdem sie beim letzten Einsatz mal wieder ordentlich vermöbelt worden war, hatte sie sich ein neues gesucht und war in der Frankenstraße fündig geworden.

Sie stand unter der Dusche, als Andi nach Hause kam.

»Hallo. So früh? Nichts los auf Nürnbergs Straßen?« Sie gab ihm einen Kuss.

»Nein, alle brav. Die Menschen genießen die Sonne.« Er streckte ihr eine Plastiktüte entgegen. »Ich habe uns was vom Thai mitgebracht.«

»Super, ich bin gleich fertig.« Sie rubbelte sich trocken und cremte sich ein. Meist vermied sie den Blick in den Spiegel, obwohl es keinen Grund dafür gab. Dank des regelmäßigen Trainings war ihre Figur immer noch vorzeigbar. Charlotte fuhr sich mit der Hand durch die kurzen, feuchten Locken und ignorierte die ersten grauen Haare und die Fältchen um die Augen.

»Passt schon«, murmelte sie und schlüpfte in leichte Kleidung. Der Juli zeigte sich in diesem Jahr von einer angenehmen Seite: Es war warm, aber nicht schwül, nachts kühlte es so weit ab, dass man einigermaßen gut schlafen konnte.

Charlotte ging in die Küche, wo Andi den Tisch gedeckt hatte. Sie küsste ihn erneut und sagte: »Thai war eine gute Idee. Ich war drei Stunden im Studio, ich bin am Verhungern.«

»Drei Stunden? Das kann nur bedeuten, dass du einen neuen Auftrag hast.«

»Verdammt, du hast mich durchschaut.« Charlotte grinste ihn an und lud sich eine große Portion Reis auf den Teller, die sie mit Thai Curry ertränkte. »Mmm, gut«, murmelte sie nach den ersten Bissen.

»Und, wer ist es diesmal?«

»Eine Rapperin namens LeyLa.« Sie schaute ihn aufmerksam an. »Schon mal gehört?«

»Nicht, dass ich wüsste«, sagte Andi. »Rap ist nicht meine Musikrichtung.«

»Ich fürchte, wir werden alt.«

»Schätzchen, wir sind alt.«

Sie lachten und aßen eine Zeit lang schweigend. Schließlich schob Charlotte ihren Teller von sich und sagte: »Puh, ich bin voll. Da passt kein bisschen mehr rein.«

»Du hast geschaufelt wie ein Bauarbeiter.«

»Ich habe auch gearbeitet wie ein Bauarbeiter«, empörte sie sich. »Danke fürs Mitbringen.« Sie stand auf und stellte das Geschirr in die Spülmaschine.

Als sie mit einem Glas Bier im Wohnzimmer saßen und auf die Nachrichten warteten, wollte Andi wissen, wann ihr neuer Auftrag beginnen würde.

»Ich treffe sie morgen. Danach weiß ich hoffentlich mehr. Patrick ist übrigens ganz hin und weg. Er hat ihren YouTube-Kanal abonniert. Bis heute Mittag wusste ich nicht mal, dass es so etwas gibt.«

Andi gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. »Was das angeht, lebst du auch ziemlich hinterm Mond«, sagte er sanft.

»Pfff«, machte Charlotte, wurde aber von den Nachrichten abgehalten, mehr zu sagen.

Samstag, 22. Juli

I

Charlotte wusste nicht, was sie erwartet hatte, aber ganz sicher kein stilvolles Hotel nahe der Altstadt.

Sie betrat das Foyer, ging zur Rezeption und sagte einem jungen Mann namens Pierre, dass sie zu Bodo Härrlich wollte.

»Ich weiß Bescheid. Fahren Sie bitte mit dem Lift nach oben in die fünfte Etage.« Er reichte ihr eine Karte. »Die brauchen Sie für den Lift.« Pierre zeigte nach links und erklärte: »Die Aufzüge befinden sich dort hinten.«

Charlotte dankte ihm und fuhr in den fünften Stock. Da sich im Bereich der Aufzüge nur ein Zimmer befand, ging sie durch die Glastür, blieb abrupt stehen und schnappte nach Luft. Welch grandiose Aussicht!

Auf der Etage befanden sich insgesamt nur zwei Apartments sowie zwei Konferenzräume. Am Ende des Flurs gab es eine Dachterrasse. Charlotte lugte hinaus und genoss für einen Moment den Blick auf die Altstadt.

»Hallo?«

Sie drehte sich um. In der Tür eines der beiden Konferenzräume stand ein bulliger Mann mit Glatze.

»Herr Härrlich?«

Er nickte und schaute sie irritiert an.

Sie ging auf ihn zu, streckte die Hand aus und sagte: »Guten Tag, Herr Härrlich. Ich bin Charlotte Braun, der Bodyguard für LeyLa.«

Das Lächeln auf Bodo Härrlichs Lippen erstarb plötzlich.

Nicht schon wieder!, dachte Charlotte und war sauer auf Miller. Warum ließ er die Kunden nie wissen, dass sie eine Frau gebucht hatten?

Härrlich hatte sich inzwischen von dem Schock erholt und lächelte wieder.

»Entschuldigen Sie bitte, Frau Braun. Ich hatte nicht …«

»… mit einer Frau gerechnet«, ergänzte Charlotte. Sie reichte ihm ihre Visitenkarte. »Passiert häufiger, ich bin es gewohnt. Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht schlechter bin als meine männlichen Kollegen.«

»Davon gehe ich aus«, erwiderte er. »Sie sind allerdings nicht besonders groß.«

Charlotte lächelte. »Das muss ich auch nicht sein. Manchmal ist es besser, kleiner zu sein. Die Überraschung beim Gegner ist umso größer.«

Sie war erstaunt, dass er das nicht wusste. Mit seinem durchtrainierten Kör-per sah er eher aus wie der Manager eines Boxers. Sein Händedruck war ent-sprechend kräftig gewesen. Sie fragte sich, ob er eine Kampfsportart betrieb und wenn ja, welche. Dazu passte nicht, dass seine Fingerkuppen nikotingelb verfärbt waren. Ein Mann, der so offensichtlich Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild legte und regelmäßig Sport trieb, würde nicht rauchen. Vielleicht handelte es sich um Altlasten.

Er trat zurück und bat sie in den Konferenzraum. Neugierig schaute sie sich um, aber außer einem langen Tisch, der passenden Anzahl Stühle darum he-rum, einem langgezogenen Buffet und einer Sitzecke mit Sofa und zwei Sesseln gab es nichts zu sehen.

»Stuhl oder Sofa?«, fragte er.

»Was Ihnen lieber ist«, sagte Charlotte und war gespannt, was er wählen würde. Er entschied sich für den Tisch und zog einen Stuhl für sie heraus.

»Danke. Wo ist LeyLa?«

»Sie ist sehr müde, sie hat die ganze Nacht gearbeitet. Wir beide können alles regeln.«

Charlotte unterdrückte einen genervten Seufzer. »Verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Härrlich, aber ich …«

»Sagen Sie bitte Harry zu mir, alle nennen mich so.«

Charlotte wollte das Angebot ablehnen, aber irgendetwas an seiner Art hielt sie davon ab.

»Ich werde meist Charly genannt«, sagte sie stattdessen. »Ich lege sehr großen Wert darauf, mit der Person, die ich schützen soll, persönlich zu reden. Ich bin überzeugt, dass Sie als Manager einen hervorragenden Job machen. Ich mache meinen als Bodyguard ebenfalls ziemlich gut. Dazu muss ich aber auch die Möglichkeit bekommen, die wichtigsten Fakten zu kennen. Und dazu wiederum gehört, dass ich mit dem Schützling persönlich spreche.«

»Da haben Sie mich offensichtlich falsch verstanden«, antwortete Harry. »Natürlich werden Sie mit LeyLa persönlich sprechen, nur eben nicht jetzt.«

Charlotte hörte deutlich den harten Grundton heraus, auch wenn Harrys Gesicht freundlich blieb. Diesmal ließ sie den Seufzer andeutungsweise raus und erhob sich.

»Ich fürchte, dann gibt es keine Basis für eine Zusammenarbeit«, sagte sie, ebenfalls eine vernehmliche Spur härter.

Der Manager schüttelte den Kopf, als könne er es nicht fassen. »Ich schirme LeyLa so gut wie möglich ab. Es gefällt ihr nicht sonderlich, aber sie wird während des Aufenthalts in Nürnberg vor allem im Hotel bleiben. Normalerweise steigen wir nicht so nobel ab.« Er lächelte schmal. »Außerdem wollte ich LeyLa etwas gönnen. Sie hat in den letzten Monaten sehr hart gearbeitet und etwas Luxus verdient.«

»Das ist schön«, sagte Charlotte und fragte sich, wo dieser Monolog hinführen sollte.

»Hier im Hotel sollte sie sicher sein«, fuhr der Manager fort. »Wir teilen uns ein Apartment, ich kann daher gut auf sie aufpassen. Eigentlich brauche ich nur jemanden für die öffentlichen Termine. Da bin ich oft abgelenkt, deshalb muss jemand anderes die Augen offen halten. Alles, was Sie benötigen, sind die Daten, zu denen Sie anwesend sein müssen, außerdem die Orte, wo wir uns aufhalten.«

Na klar, du kannst den Job sowieso am besten, dachte Charlotte. Laut sagte sie: »Das sehe ich vollkommen anders. Ich benötige vor allem einen Überblick über die tägliche Routine. Mein Chef, Herr Miller, sagte mir, dass LeyLa seit einigen Monaten Drohbriefe erhält. In der Regel schlagen Drohbriefschreiber nicht an Orten zu, die sie nicht kennen. Sie studieren über Wochen das Objekt ihrer Begierde, das heißt, sie kennen die täglichen Abläufe und Rituale sehr genau. Sobald sie sich sicher genug sind, schlagen sie zu.«

Für einen Moment war Harry sprachlos, was Charlotte ein kurzes Gefühl der Genugtuung gab.

»Ich habe die Drohbriefe bisher nicht allzu ernst genommen«, sagte er. »Und auch die Polizei sagte, dass solchen Schreiben normalerweise keine Taten folgen. Es gehört leider zum Business dazu.« Er hob die Schultern.

»Die Betonung muss hier auf normalerweise liegen«, sagte Charlotte. »Es ist richtig, dass Drohbriefschreiber meistens harmlose Spinner sind. Aber eben nur meistens. Und glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Ich hatte schon einmal so einen Fall.« Dass es ausgerechnet ihr erster Auftrag als Bodyguard war, der noch dazu tödlich für die zu beschützende Person endete, verschwieg sie. Dieser aufgeblasene Typ musste nicht alles wissen.

Wieder schwieg er einige Sekunden, schob schließlich energisch seinen Stuhl zurück, sprang auf und sagte: »Na gut, Sie haben mich überzeugt. Ich hole LeyLa.« Er verließ den Raum.

II

Charlotte schob den Stuhl, hinter dem sie gestanden hatte, unter den Tisch und ging auf die andere Seite, um die Tür im Blickfeld zu haben. Sie wollte LeyLa beobachten können, sobald diese das Zimmer betrat.

Sie war vor allem viel zierlicher, als Charlotte vermutet hatte. Von einem früheren Auftrag kannte sie das Phänomen, dass Menschen in Wirklichkeit kleiner waren, als sie über den Bildschirm wirkten. Dennoch war Charlotte überrascht. Wahrscheinlich lag es an der Kleidung, die LeyLa trug. Statt in der schwarzen Pluderhose und dem überweiten Hoodie steckte sie in engen Bluejeans und einem cremefarbenen T-Shirt. Sie war kaum geschminkt und sah jünger aus als siebenundzwanzig.

»Hi, ich bin LeyLa«, sagte sie und reichte Charlotte die Hand. »Freut mich.«

Auch ihre Stimme unterschied sich deutlich von der in den Videos. Sie war zwar genauso kraftvoll, wirkte aber keineswegs aggressiv.

»Hallo, ich bin Charlotte Braun, freut mich auch.« Sie war versucht, Patrick zu erwähnen, ließ es aber bleiben. Es hätte anbiedernd und unprofessionell gewirkt.

»Wollen wir uns nicht setzen?«, schlug sie vor, als sei sie die Gastgeberin.

LeyLa zog den Stuhl, auf dem Charlotte vorher gesessen hatte, heraus, ihr Manager nahm daneben Platz. Charlotte ließ sich gegenüber nieder.

»Wie ich Ihrem Manager Harry bereits sagte, möchte ich Sie ein bisschen kennenlernen. Immerhin werden wir einige Zeit miteinander verbringen, da sollte man sich vorher etwas beschnuppern.«

»Kein Problem«, sagte LeyLa, was aber kaum zu hören war, weil Harry so-fort dazwischenrief: »Sie werden nur für die Dauer unseres Aufenthalts hier in Nürnberg engagiert. Wir haben einen Bodyguard, der sich dummerweise letzte Woche den Arm verletzt hat und deshalb ausfällt.«

»Das ist mir durchaus klar«, entgegnete Charlotte dem Manager freundlich, aber bestimmt. »Ich habe auch kein Interesse daran, meinem Kollegen Konkurrenz zu machen. Dennoch muss ich darauf bestehen, dass ich mich mit LeyLa ausführlich unterhalte.«

Sie war versucht, ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln, unterließ es, zupfte stattdessen unter dem Tisch an ihrem T-Shirt. Sie hätte diesen Typen erwürgen können! Warum mussten manche Männer immer beweisen, dass sie das Sagen hatten?

»Was möchten Sie wissen?«, fragte Harry.

»Erzählen Sie mir einfach den Ablauf eines normalen Tages«, sagte Charlotte zu LeyLa. Sie deutete Gänsefüßchen in der Luft an, um anzudeuten, dass sie durchaus wusste, dass der Alltag einer Künstlerin alles andere als normal war.

»Ich …«, begann die junge Frau, aber Harry ging wieder dazwischen.

»Wie ich schon sagte, steigen wir diesmal im Adina ab, weil es anonymer ist und leichter fällt, LeyLa abzuschirmen. Wir essen diesmal nicht in Restaurants, sondern lassen uns etwas kommen. Wir …«

»Könnten Sie LeyLa bitte selbst erzählen lassen?«, bat Charlotte ihn, mit ihrer Geduld fast am Ende.

Um LeyLas Mund war ein sehr kurzes Lächeln zu sehen. Sie wandte sich Harry zu und fragte: »Darf ich?«

Er zuckte mit den Schultern, sagte aber nichts.

Sie wandte sich wieder Charlotte zu.

»Ich fürchte, ich bin eine Langschläferin. Das kommt aber davon, dass ich oft nachts arbeite, da habe ich häufig die besten Ideen. Meistens fallen bei mir Frühstück und Mittagessen zusammen. Ich bin …«

»Das ist doch nun wirklich uninteressant«, ließ Harry sich wieder vernehmen. »Wozu muss sie wissen, wann du frühstückst und wann du zu Mittag isst?«, monierte er, als sei Charlotte nicht anwesend.

Mich interessiert’s, dachte sie. Sie war kurz davor, aufzuspringen und ihm erneut zu sagen, dass es so keinen Sinn machte. Aber wegen LeyLa wollte sie ihm noch eine Chance geben. Nur wegen LeyLa …

Ihr war sofort aufgefallen, dass LeyLa ein astreines Hochdeutsch sprach, bei dem ein leichter Hauch Ruhrpott mitschwang. Von dem Slang, den sie beim Rappen benutzte, keine Spur. Charlotte fand die junge Frau sehr sympathisch und war ehrlich neugierig, wie jemand, der so freundlich und zurückhaltend auftrat, in einem Musikvideo so aggressiv und kämpferisch wirken konnte.

»Sie schreiben die Texte selbst?«, fragte sie.

LeyLa nickte. »Ja, die Texte stammen fast alle von mir.«

Was Charlotte sich verkniffen hatte, machte nun der Manager: Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch herum.

»Ich muss gestehen, dass ich noch nicht sehr viel von Ihnen gehört habe, aber das Wenige fand ich gut«, schwindelte Charlotte.

Diesmal huschte ein deutliches Lächeln über LeyLas Gesicht. »Das freut mich. Wobei meine Texte eher nicht dazu geeignet sind zu gefallen«, sagte sie.

Harry reichte es. »Können wir jetzt über Ihren Einsatz reden?«

Charlotte hatte ebenfalls genug. »Wäre es möglich, dass ich allein mit LeyLa spreche?«

Harry schaute sie verblüfft an.

»Warum sollten Sie?«

»Weil Sie sich dauernd einmischen und ich nicht die Informationen be-komme, die ich brauche, um meinen Job zu machen.«

LeyLa wollte etwas sagen, aber Harry bügelte sie mit einer Handbewegung ab.

»Kommt nicht in Frage. Ich führe die Verhandlungen.«

Charlotte schlug die Hände auf den Tisch und stand auf. »Ich sehe absolut keine Basis für eine Zusammenarbeit. Personenschutz beruht vor allem auf gegenseitigem Vertrauen, auch wenn er nur für kurze Zeit notwendig ist. Sie lassen es nicht zu, dass ich LeyLa kennenlerne und sie mich, wir können also kein Vertrauen aufbauen.«

Sie ging um den Tisch herum und blieb vor LeyLa stehen. »Es tut mir wirk-lich leid. Ich hätte gerne mehr von Ihnen erfahren. Aber so ist es nicht möglich. Ich wünsche Ihnen alles Gute.«

Sie reichte der Rapperin die Hand, nickte Harry zu und verließ den Konfe-renzraum.

Vor den Aufzügen stand eine junge Frau in engen – in Charlottes Augen zu engen – Hotpants und einem weit ausgeschnittenen, ärmellosen Top. Al-lerdings musste sie zugeben, dass die braungebrannten Beine mit den bunten Tattoos auf den Waden der Frau zum Neidischwerden wohlgeformt waren. Dennoch – war es wirklich nötig, dass der halbe Hintern aus der Hose hing? Die Füße steckten in mit Strass beklebten Sandalen, die Zehennägel waren grell pink lackiert. Um das rechte Fußgelenk hing ein silbernes Kettchen.

Als Charlotte neben sie trat, wandte sich die Frau um. Sie war stark ge-schminkt, trug Piercings an Augenbraue und Unterlippe und kaute mit offenem Mund auf einem Kaugummi herum. An ihren Ohren baumelten riesige Kreolen, auf den kurzen, blonden Haaren saß eine überdimensionale Sonnenbrille.

»Hallo«, sagte Charlotte und lächelte.

»Hi.« Die Reibeisenstimme passte gut zur gesamten Erscheinung. Ebenso das aufdringliche Parfüm, das den Rauchgeruch dennoch nicht ganz überdecken konnte.

Ungeduldig drückte sie mit einem perfekt manikürten, grellrot lackiertem Fingernagel auf den Knopf. An jedem Finger inklusive Daumen steckte min-destens ein Ring.

»Nun komm schon.« Die junge Frau ließ eine Kaugummiblase zerplatzen.

Während sie auf den Lift warteten, rechnete Charlotte damit, dass Harry sie zurückrufen würde, aber nichts dergleichen geschah.

Auch recht, dachte Charlotte und fuhr ins Erdgeschoss. Unten fiel ihr ein, dass sie das Autogramm für Patrick vergessen hatte. Warum hatte sie nicht doch sofort etwas gesagt? Ihr Sohn würde ihr das so schnell nicht verzeihen.

Hatte Miller nicht das Bardentreffen erwähnt? Charlotte beschloss, im Pro-gramm nachzuschauen, wann und wo LeyLa auftrat. Vielleicht engagierten sie ja einen Bodyguard, den sie kannte, dann könnte sie bei dieser Gelegenheit um ein Autogramm bitten. Oder noch besser: Patrick sollte sich selbst darum kümmern. Wenn er tatsächlich so ein großer Fan war, würde er ein Konzert vor Ort nicht verpassen.

Zufrieden mit dieser Lösung ging Charlotte zum Empfang, um die Liftkarte zurückzugeben. Die Rezeptionistin, laut Namensschild eine Sandra, telefo-nierte gerade und hob den Zeigefinger, um ihr zu signalisieren, dass sie sofort für sie da sei.

Charlotte wollte nicht unhöflich sein und wartete geduldig, obwohl sie die Karte auch einfach hätte hinlegen können.

Sandra sagte: »Natürlich, das mache ich gerne«, und legte auf.

»Ich wollte nur die Karte zurückgeben«, sagte Charlotte und schob sie ihr zu.

Die Rezeptionistin lächelte schief und erwiderte: »Sie möchten bitte noch mal nach oben kommen.«

Charlotte runzelte die Stirn. »Wieso?«

Sandra hob die Schultern. »Das hat man mir nicht gesagt. Herr Härrlich bat mich nur, Ihnen zu sagen, Sie mögen noch einmal kommen.«

»Okay«, sagte Charlotte. »Die nehme ich wohl besser wieder an mich«, und deutete auf die Karte.

»Das wäre gut, ja«, bestätigte Sandra und lächelte.

Charlotte ging zum Lift zurück, fuhr in den fünften Stock und betrat erneut den Konferenzraum.

LeyLa saß nach wie vor auf ihrem Stuhl, während ihr Manager mit hochrotem Kopf auf und ab tigerte.

»Kommen Sie rein«, knurrte er. »Ich will Ihnen was zeigen.«

Charlotte schloss die Tür hinter sich und ging zum Tisch. Erst da entdeckte sie die Briefe.

»Ist es das, was ich vermute?«, fragte sie.

»Das sind einige der Drohbriefe, die in den letzten Wochen kamen.«

Charlotte nahm Platz und zog die Briefe zu sich.

»Wie haben Sie die Briefe erhalten?« Sie hielt einen hoch. »Sie kommen offensichtlich nicht per Post.«

»Meist landen sie im Briefkasten«, sagte Harry.

»Entschuldigung, wenn ich so dumm nachfrage, aber in welchem Briefka-sten?«

»In dem meiner Wohnung in Berlin«, antwortete LeyLa. »Ich bin vor ein paar Monaten dorthin gezogen.«

»Ich verstehe«, sagte Charlotte und zog den ersten Brief aus dem Umschlag. Er war mit Schreibmaschine geschrieben, es gab keine Anrede und natürlich auch keine Unterschrift.

Der Text wies die üblichen Sätze auf, die in einem Drohbrief zu finden wa-ren: Ich mach dich kalt, ich bring dich um, ich hasse dich. Darüber hinaus tauchten in diesem und in allen anderen Briefen, die Charlotte überflog, immer wieder die Wörter Bitch, Schlampe, Hure, Ausländernutte und ähnliches auf. Alles in allem stand in den Briefen das, was sie erwartet hatte.

»Sie hatten vorhin erwähnt, dass die Polizei Bescheid weiß. Haben sie ermittelt?«

»Sie tun es noch, bisher ohne Erfolg.«

Charly nickte. »Es ist leider sehr schwierig, die Absender solcher Briefe dingfest zu machen.« Sie hielt eines der Schreiben hoch. »Der Vorteil ist: Hat man erst einmal einen Verdächtigen, geht es sehr schnell. Jede Schreibmaschine hat ihr eigenes Profil, quasi einen Fingerabdruck. Und wer nutzt heutzutage überhaupt noch eine Schreibmaschine?«

»Ja, ja, ja, das wissen wir alles, das hat uns die Polizei bereits mehrmals mitgeteilt«, erklärte Harry. »Können wir jetzt endlich die Details Ihres Einsatzes besprechen? Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

Charlotte warf einen Blick zu LeyLa, die ganz offensichtlich nicht mit dem Verhalten ihres Managers einverstanden war. Dennoch sagte sie nichts.

»Ich wiederhole mich ungern, aber ich sage es noch einmal: Ich lege Wert darauf, gut vorbereitet zu sein. Es gibt für einen Personenschützer nichts Schlimmeres, als auf eine unvorhergesehene Situation zu treffen. Wenn Sie nicht bereit sind, mir die nötigen Informationen zu geben, sehe ich nach wie vor keine Basis für eine Zusammenarbeit.«

»Du musst nicht dabeibleiben«, mischte LeyLa sich ein. »Ich sehe kein Pro-blem darin, mich mit Frau Braun zusammenzusetzen. Was soll denn schon passieren?«

Zu Charlottes Überraschung zögerte der Manager einen Moment lang, aber letztendlich gewann sein Kontrollzwang die Oberhand. »Das kommt nicht in Frage. Ich kann ihr alle Fragen beantworten. Du hast Besseres zu tun.«

Charlotte fragte sich, was das sein könnte. Aber sie hatte die Nase voll von dem selbstherrlichen Kontrollfreak. Sie stand auf und sagte: »Tut mir leid, aber das hat keinen Sinn. Offensichtlich ist Ihnen LeyLas Schutz nicht wirklich wichtig, sonst würden Sie besser kooperieren.« Sie ging zur Tür, drehte sich noch einmal um. »Ein drittes Mal komme ich nicht herauf. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Auf Wiedersehen.«

»So ein aufgeblasener Wichtigtuer«, schimpfte sie leise vor sich hin, als sie das Adina Hotel verließ.

Es war kühler als die Tage zuvor, deshalb beschloss sie, nach Hause zu laufen. Dort angekommen, rief sie ihren Chef an, um ihm von dem geplatzten Deal zu berichten.

Miller war alles andere als erfreut.

»Warum musst du dich immer gleich mit allen Leuten anlegen?«, knurrte er.

»Ich?«, rief Charlotte empört. »Wieso ich? Dieser aufgeblasene Heini denkt, er kann alles besser. Soll er sein Goldstück doch selbst beschützen. Ich werde es jedenfalls nicht tun.«

»Ach, Charlotte, was soll ich nur mit dir machen?«

»Mir anständige Aufträge vermitteln, nicht immer irgendwelche Macho-typen.«

Miller seufzte laut und vernehmlich. »Ich ruf ihn an, vielleicht lässt er sich ja besänftigen.«

Wieso eigentlich er?, fragte sich Charlotte. Aber ihr war klar, dass Miller immer auf der Seite des Mannes stehen würde. Zumindest meistens.

»Biete ihm lieber einen Kollegen an, vielleicht klappt das ja«, erwiderte sie. »Und mir gib zur Abwechslung mal einen Job ohne Kontrollfreak.«

»Haha«, machte Miller und legte auf.

III

Und? Wie ist sie?«, überfiel Patrick sie anstelle einer Begrüßung, als sie sich vor ihrem Lieblingsitaliener Dario trafen.

»Ich wünsche dir auch einen schönen Abend«, gab Charlotte spöttisch zurück und wandte sich Lara zu. »Schön, dich zu sehen.« Sie umarmte die Freundin ihres Sohnes und gab ihm einen freundschaftlichen Schlag auf den Arm.

»Aua.«

»Das war dafür, dass dir eine Rapperin wichtiger ist als deine alte Mutter«, sagte sie und lachte.

Er grinste und umarmte sie. »Komm her, alte Mutter.«

»Kommt Andi nicht?«, wollte Lara wissen.

»Doch, es wird nur etwas später. Wir sollen schon mal bestellen.«

Sie betraten das Lokal und wurden von Giovane herzlich begrüßt.

»Ah, Carlotta, willkommen, willkommen. Du warst lange nicht da. Und die Kinder, wie schön.« Er brachte sie zu ihrem Stammtisch und reichte ihnen die Menükarten.

»Wo ist dein Mann, Carlotta?«

»Er kommt noch, keine Bange, Giovane«, sagte Charlotte lachend. »Er würde mich nie mit dir allein lassen.«

»Ah, du brichst mir das Herz.« Der Italiener griff sich dramatisch an die Brust und verzog das Gesicht. Dann wurde er wieder professionell und fragte nach den Getränkewünschen.

»Nun erzähl schon«, drängte Patrick, als Giovane weg war.

Lara verdrehte die Augen. »Seit du angerufen hast, gibt es nur ein Thema: LeyLa. Ich könnte fast eifersüchtig werden.«

»Musst du nicht«, sagte Patrick und gab ihr einen Kuss, nur um im nächsten Moment erneut seine Mutter zu bedrängen.

»Sie ist kleiner und zierlicher als in den Videos«, sagte Charlotte. »Und sie ist viel netter, also nicht so aggressiv.«

»Schön, da hast du zur Abwechslung mal einen angenehmen Job«, meinte Patrick.

»Nein, leider nicht«, erwiderte Charlotte und erzählte von ihren Zusammenstößen mit dem Manager.

»Oh nein, das ist doch nicht möglich!« Patrick war entsetzt.

»Es tut mir leid, aber es ging nicht anders«, sagte Charlotte. »Leider habe ich verpasst, nach einem Autogramm zu fragen.«

»Na super«, brummte Patrick und schmollte wie ein Dreijähriger.

»Nun stell dich mal nicht so an«, mahnte Lara. »Charly hat ganz recht. Von euch Typen darf man sich nicht herumkommandieren lassen.«

Patrick stieß verächtlich die Luft aus, sagte aber nichts.

»Warum gehst du nicht zu einem ihrer Konzerte?«, fragte Charlotte.

»Weil die längst ausverkauft sind«, brummte Patrick. »Wenn ich mal Zeit habe, online zu gehen, sind die Karten längst weg.«

»Glaub ihm kein Wort«, mischte Lara sich ein. »So bekannt ist LeyLa nicht, dass ihre Konzerte sofort ausverkauft wären. Der Herr ist nur zu faul. Er kann sich stundenlang auf YouTube tummeln, aber er hat nicht die Zeit, sich eine Konzertkarte zu kaufen.« Ihr Gesichtsausdruck sagte deutlich, was sie davon hielt.

»Petze«, maulte Patrick liebevoll.

»Sie tritt am Wochenende beim Bardentreffen auf«, sagte Charlotte. »Soweit ich weiß, braucht man da keine Tickets, oder?« Sie schaute Lara fragend an, die bestätigend nickte. »Warum gehst du nicht da hin? Du musst nur rechtzeitig da sein, damit du einen guten Platz bekommst.«

»Jaaa«, sagte Patrick gedehnt.

»Na, sehr wichtig kann es dir ja nicht sein«, gab Charlotte zurück.

»Worüber redet ihr?«, wollte Andi wissen, der in diesem Moment zu ihnen stieß. »Sorry für die Verspätung.«

Er gab Charlotte einen Begrüßungskuss und reichte Lara und Patrick die Hand.

»Wir haben gerade von Patricks Schwarm LeyLa gesprochen.«

»Du hast sicher das Interview mit ihr gehört«, sagte Andi zu Patrick.

»Welches Interview?«

»Heute Nachmittag. Es war ein Privatsender, ich glaube Radio F

Patricks Augen weiteten sich. »Nein, das habe ich verpasst.«

»Ich habe es nur zufällig mitbekommen«, sagte Andi. »Eine meiner Kolle-ginnen hört den Sender und ich war gerade bei ihr im Büro, als das Interview begann. Man kann es vermutlich im Internet anhören, oder?«

»Ja, klar, aber live ist doch viel besser«, erwiderte Patrick.

Lara verdrehte die Augen.

»Alles, was ich noch weiß, ist, dass sie zwei Konzerte gibt und auf dem Bardentreffen auftritt«, erklärte Andi. »Früher war ich dort immer auf mindestens einem Konzert.« Er schaute Charlotte an. »Du warst noch nie, oder?«

»Nein, ich sollte wirklich mal hingehen, man hört so viel Gutes darüber.«

»Wenn das Wetter passt, ist es eine tolle Atmosphäre«, schwärmte Andi. »Besonders im Kreuzigungshof im Heilig-Geist-Spital. Lass uns später schauen, wer dort spielt.«

Patrick zog sein Handy heraus. »Wir können das gleich checken.«

Charlotte schob seine Hand mit dem Telefon energisch weg. »Keine Handys beim Essen«, sagte sie streng.

»Menno, du bist ja schlimmer als …« Er stockte.

»Meine Mutter, wollte er sagen«, ergänzte Lara. »Das sagt er immer zu mir.«

»Blöd nur, dass ich seine Mutter bin. Schlimmer geht’s also nicht mehr.«

Sie lachten.

Giovane brachte die Getränke und nahm die Essensbestellung auf.

»Nun erzähl endlich weiter von deinem Treffen«, bat Patrick.

»Es gibt nicht viel mehr zu berichten. Ich habe versucht, mit LeyLa ins Gespräch zu kommen, aber ihr Manager hat sich immer wieder eingemischt. Ich konnte ihm nicht klarmachen, dass ich LeyLa kennenlernen muss, um sie beschützen zu können.«

Während des Essens diskutierten sie über Musikrichtungen. Während Patrick auf Rap und HipHop stand, bevorzugte Lara eher klassische Musik.

»Damit könntet ihr mich jagen«, sagte Andi. »Wenn Musik, dann Heavy Metal. Das ist die einzige Musik, bei der ich meinen Stress abbauen kann.«

»Und du?«

Charlotte spürte die fragenden Blicke der anderen. Sie zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung, ich mache mir keine Gedanken darüber. Wenn ich Musik hören will, schalte ich das Radio ein. Leider quatschen die da immer so viel.«

»Aber du musst doch eine Lieblingsrichtung haben«, sagte Lara erstaunt.

Charlotte dachte kurz nach, schüttelte den Kopf. »Nö.« Sie lachte und sagte: »Man könnte auch sagen: Ich bin offen für alles.«

Sonntag, 23. Juli

I

Charlotte wälzte sich unruhig im Bett herum. Das Tiramisu, dem sie am Ende nicht hatte widerstehen können, lag ihr schwer im Magen. Oder lag es an der Mischung aus zu viel Rotwein und dem Espresso, den Giovane ihr noch aufgeschwatzt hatte?

Es war halb eins. Wenigstens konnte sie am nächsten Morgen ausschlafen. Ihr wäre es lieber gewesen, der Job mit der Rapperin hätte geklappt. Für Mil-lers Geschmack platzten Aufträge, die er ihr gab, zu oft. Das Getuschel der Kollegen war ihr egal, aber irgendwann würde Miller ihr kündigen. Und dann?

Sie wandte den Kopf zu Andi, der neben ihr lag und tief und fest schlief. Sie beneidete ihn um die Fähigkeit, überall und auf der Stelle einschlafen zu können.

Charlotte drehte sich auf den Rücken, versuchte zu entspannen und ruhig zu atmen. Vielleicht klappte es ja und sie schlief ein – und wenn es vor Langeweile war. Die Vorstellung brachte sie zum Kichern, doch sie ermahnte sich, jetzt ernsthaft abzuschalten.

Gerade, als sie in den ersehnten Dämmerzustand hinüberglitt, vibrierte ihr Telefon. Charlotte schoss hoch. Verdammt, sie hatte vergessen, es auszuschalten! Sie schnappte sich das Handy und schaute auf die Nummer. Unbekannt. Wer rief um Himmels willen nachts um eins an?

Sie zögerte kurz, schwang die Beine aus dem Bett, lief ins Wohnzimmer und wischte nach links, um den Anruf anzunehmen.

»Ja bitte?«

»Frau Braun?«

»Wer spricht da? Ich höre Sie kaum.«

»LeyLa.«

Charlotte setzte sich aufs Sofa, zog die Decke zu sich heran und steckte die nackten Füße darunter.

»Können Sie etwas lauter sprechen? Ich verstehe Sie nur sehr schlecht.«

Sie presste das Handy an ihr Ohr, hörte Rascheln.

»LeyLa? Sind Sie noch dran?«

»Ja. Können Sie bitte kommen? Der Mann ist weg.«

»Welcher Mann?«

»Ein Mann stand unten auf der Straße, aber jetzt ist er nicht mehr da. Was, wenn er mir etwas antun will?«

Charlotte war alarmiert. War der Drohbriefschreiber ihnen nach Nürnberg gefolgt? »Wo sind Sie? Sind Sie im Hotel?«

»Ich«, begann LeyLa, stockte. »Ich habe mich im Bad eingeschlossen.«

»Gut, Ihnen kann nichts passieren.« Charlotte versuchte, so viel Ruhe wie möglich in ihre Stimme zu legen. »Erzählen Sie mir bitte, um welchen Mann es geht?«

»Ich traf ihn am Nachmittag. Er lauerte mir auf.«

»Hat er Ihnen etwas getan, sind Sie verletzt?«

»Nein, er jagte mir nur einen Schrecken ein.« LeyLa zögerte, fügte dann leise hinzu: »Ich habe Angst.«

Charlotte fiel auf, wie geschliffen LeyLas Sprache war – trotz der Umstände.

»Wo ist Ihr Manager?«

»Er ist nicht da. Er hat das andere Schlafzimmer, aber er ist nicht da.«

»Okay, ich komme. Ich brauche circa fünfzehn Minuten. Wenn Sie wollen, können wir die ganze Zeit telefonieren.«

Charlotte stand auf, holte das Headset von ihrem Schreibtisch, schlich ins Schlafzimmer und nahm die Kleidung vom Vortag an sich. Manchmal war es von Vorteil, wenn man nicht allzu ordentlich war. Sie grinste und warf dem schlafenden Andi einen Luftkuss zu.

»Ja«, sagte LeyLa. »Nein. Das ist nicht nötig. Harry sagt, dass ich im Hotel sicher bin.«

»Das ist richtig«, stimmte Charlotte zu. »Haben Sie die Zimmertür verrie-gelt?«

»Ich weiß es nicht«, gab LeyLa zu.

»Schaffen Sie es, nachzusehen?«

»Bleiben Sie am Telefon?«

»Natürlich.«

Während Charlotte das Handy auf Headset umstellte und sich anzog, hörte sie, wie eine Tür geöffnet wurde, leises Rascheln, Schritte, schließlich einen tiefen Seufzer.

»Alles gut«, sagte LeyLa. »Die Tür ist verriegelt.«

»Sehr gut. Ihnen kann wirklich nichts passieren. Ich komme gleich.«

»Ich glaube, das wird nicht nötig sein«, sagte LeyLa. »Ich habe mich wieder beruhigt.«

Charlotte zögerte. Das Verlangen, im Bett zu liegen statt durch Nürnbergs nächtliche Straßen zu fahren, war riesig. Ihr Bedürfnis, Menschen zu beschützen, auch.

»Nein, ich komme auf jeden Fall. Soll ich am Telefon bleiben? Ich habe ein Headset, es ist kein Problem.«

LeyLa zögerte, sagte: »Nein. Ich schaffe das, bis Sie hier sind.«

»Gut. Ich rufe Sie an, wenn ich unten in der Lobby bin. Dann wissen Sie Bescheid. Ich klopfe drei Mal an die Tür. In Ordnung?«

»Ja. Frau Braun?«

»Ja?« Charlotte schlüpfte in ihre Jacke und nahm die Autoschlüssel.

»Danke.«

»Keine Ursache«, erwiderte sie und zog die Wohnungstür sanft hinter sich zu. Es ist mein Job.

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