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Blutsdämmerung Band 3

Vorwort

Gehetzt jagte sie durch das dunkle Unterholz. Morsche Zweige knackten und zerbarsten unter ihren Schuhsohlen, während sie der brennende Schmerz in ihren Adern jede Sekunde daran erinnerte, dass sie auf gar keinen Fall ihr Ziel aus den Augen verlieren durfte. 

Schaum trat ihr vor den Mund; das Gift hatte sich schon durch ihren gesamten Körper gefressen. Doch wenn sie den Auftrag erledigte, dann würde er sie heilen. Dass hatte er fest versprochen. Und so rannte sie, so schnell ihre geschwächten Beine sie trugen, wohl wissend, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb.

 

Kapitel 1: Tamara - Dämonen

Es war nicht schön, ihn so zu sehen. Nein, das war untertrieben – es war grauenvoll, ihn so zu sehen. Es fraß mich innerlich auf, denn ich litt ununterbrochen mit ihm. Doch niemand wusste, was für ein Kampf in mir tobte, denn nach außen hin, gab ich mich völlig ruhig. Wie lange das noch gut gehen würde, wusste ich nicht.

„Ist schon okay! Wir haben doch grad erst wieder begonnen, es zu versuchen.“ Ich strich Julian beruhigend über den Rücken, während er sich mit den Händen am Boden abstützte und keuchte.

Es fraß ihn fast auf, dass er seine Gier nach menschlichem Blut einfach nicht in den Griff bekam.

Ich erschrak, als er energisch den Kopf schüttelte und mit der Faust so fest auf den Teppich schlug, dass seine Knöchel knackten. „Das sind nur erbärmliche Ausreden! Wie oft habe ich es jetzt schon versucht?! Es muss klappen – andernfalls…wird es kein gutes Ende nehmen!“

Ich atmete geräuschvoll ein, ehe ich zögernd weitersprach. „Wieso quälst du dich nur so?“ Er knirschte mit den Zähnen. „Niemand ist dir böse, wenn du dich auf dieselbe Weise ernährst, wie ich. Du musst mir jeden Tag dabei zusehen, das kann doch nicht funktionieren“, spielte ich darauf an, dass ich täglich ein bis zwei Blutbeutel trank, während Julian verbissen versuchte, seinen Körper wieder an den Genuss von Tierblut zu gewöhnen. 

Seit dem Vorfall vor zwei Jahren, als er in Rage einen Mann auf offener Straße ausgesaugt hatte, war er nicht mehr der Selbe. Zumindest was das Trinken von Blut betraf. Es war jedes Mal dasselbe Drama. Er hungerte tagelang, bis sein Durst so übermächtig wurde, dass er irgendwann nicht mehr anders konnte, als sich an meinem Vorrat an Blutkonserven zu vergreifen. Wenn er dann einmal im Blutrausch war, konnte ihn nichts mehr stoppen. Zwar ernährte er sich parallel auch von tierischem Blut, doch davon erfuhr er mittlerweile weder ein Sättigungsgefühl, noch die Befriedigung, die ihm menschliches Blut gab.

Ich war ihm nicht böse deswegen. Durch meine Verwandlung war es mir ohnehin nur noch möglich, mich von menschlichem Blut zu ernähren. Doch ich bevorzugte es, dafür niemanden verletzen zu müssen. Julians größte Sorge jedoch war, dass er diesen schmalen Grat wieder überschreiten und zu töten beginnen würde. Doch ich war mir sicher, dass es nicht soweit kommen musste. Allerdings benahm er sich was das betraf sehr stur. Zu groß war seine Furcht, wieder zu dem Monster zu werden, das er einmal gewesen war.

„Lass uns für heute aufhören – hier.“ Ich hielt ihm einen Beutel voll Blut hin und konnte hören, wie sein Herzschlag beschleunigte. Er war hungrig – sehr hungrig. Speichel füllte seinen Mund, tropfte von seinen ausgetretenen Fangzähnen und seine Gesichtzüge verhärteten sich. Er rang sehr mit sich, doch nachdem er nun schon seit vier Tagen nichts mehr zu sich genommen hatte, übernahm sein Innerster Trieb zur Selbsterhaltung die Kontrolle. Blitzschnell schloss sich seine Hand um die Blutkonserve. Mit der anderen Hand riss er den Verschluss auf und warf ihn achtlos auf den Boden. Sekunden später wurde die Stille von einem genussvollen Seufzen erfüllt.

So konnte das einfach nicht weitergehen! Wenn er den Kampf mit seinen inneren Dämonen endlich beenden wollte, musste er sich einfach darauf einlassen, dass ich ihm dabei helfen konnte, seine Gier in den Griff zu bekommen.

Außerdem fühlte ich mich mitverantwortlich, für seinen momentanen Zustand. Hätte er mich nicht aus Damians Fängen retten müssen, wäre er nicht lebensgefährlich verletzt worden. Zwar hatte mein Blut ihn geheilt, aber seitdem hatte er sich verändert. Seine Instinkte wurden intensiviert und auch seine Sinne und Fähigkeiten hatten sich verstärkt, doch für ihn schien das eher Fluch statt Segen zu sein, denn dadurch war auch sein Verlangen nach menschlichem Blut zurückgekehrt. 

Ich strich ihm liebevoll über das Haar, als er zusammensank und seinen Kopf auf meinen Schoß legte. Der Blutbeutel glitt aus seiner Hand. Er hatte ihn bis zum letzten Tropfen geleert. Seine Nasenflügel bebten und sein ganzer Körper vibrierte, während das Blut sich in seinem Organismus ausbreitete und den brennenden Schmerz in seinen Adern wenigstens für kurze Zeit lähmte. Mittlerweile war mir klar, warum Damian die Bestie geworden war, die er bis zu seinem Tod verkörpert hatte. Ich trug nun sein Blut in mir und damit musste ich auch die Schmerzen des immerwährenden Durstes ertragen. Der Genuss von Blut linderte die Qual zwar kurz, doch wenn ich einmal weniger zu mir nahm, fühlte es sich an, als würden sich züngelnde Flammen durch meine Adern fressen. Deswegen achtete ich penibel darauf, jeden Tag genug zu trinken, um nicht ständig damit konfrontiert zu werden, dass ein blutrünstiges Monster in mir schlummerte.

„Wir kriegen das hin – ich versprech´s dir!“, flüsterte ich und beugte mich über Julian. Er wandte den Kopf zu mir und sah mich an. Für den Moment schien es, dass er meinen Worten Glauben schenken wollte. Ich bekam plötzlich den unbändigen Drang, ihn zu küssen. 

Er stöhnte leicht auf, als sich unsere Lippen trafen. Auf meiner Zungenspitze begann es zu Kribbeln, als ich die Blutreste von seiner Unterlippe leckte. Er griff in meinen Nacken und zog mich weiter zu sich hinunter. Zärtlich umspielten sich unsere Zungen, während er sich aufrichtete und sich mir entgegendrängte.

Plötzlich löste er sich von mir, lehnte sich zurück und sah mich einen Augenblick lang an. „Womit habe ich dich nur verdient?“ Er strich mir zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und fuhr mit seinem Daumen an meiner Wange entlang.

„Ich liebe dich Julian – mehr als es Worte jemals ausdrücken könnten, deswegen möchte ich, dass du wieder glücklich bist!“ Ich senkte den Blick und meine Stimme war nur noch ein raues Flüstern, als ich hinzufügte: „Außerdem ist es meine Schuld, dass du so leiden musst.“

Ich hörte, wie er geräuschvoll einatmete. Dann nahm er mein Kinn zwischen zwei Finger und hob mein Gesicht an. In seine Augen trat ein violetter Schimmer. „Hör auf, so etwas zu sagen! Das haben wir doch schon so oft besprochen!“ Er sah mich streng an und ich nickte zaghaft. Doch trotzdem konnte ich die Schuldgefühle, die innerlich an mir nagten nicht gänzlich ausblenden. Ich kam allerdings nicht mehr dazu, zu widersprechen, denn er verschloss meinen Mund mit seinen Lippen und ich sank in seine Arme, während seine Finger bereits die Knöpfe meiner Bluse öffneten. Ihn zu spüren, ließ mich alles um mich herum vergessen – zumindest für diesen Moment, in dem nichts zählte, außer unserer Liebe und das herrliche Gefühl, eins mit ihm zu sein.

Mein Kopf lag auf seiner Brust, während ich Julians kräftigen Herzschlägen lauschte. Mit den Fingerspitzen strich er über mein Rückgrat und schickte mir damit wohlige Schauer über die Haut. Seine Finger zuckten leicht und ich richtete mich auf, um ihn anzusehen. „Was ist los, Julian?“

Er schien kurz zu überlegen, ehe er geräuschvoll einatmete und seinen Kopf zu mir wandte. Unsere Blicke trafen sich und seine Augen bekamen einen merkwürdigen Ausdruck.

„Ich habe Angst – Tamara.“ Wieder strich er mir über den Rücken, doch er seufzte. „Was ist, wenn ich es nicht schaffe? Immerhin kämpfe ich nun schon seit fast zwei Jahren dagegen an. Es raubt mir fast den Verstand und so … will ich nicht wieder werden!“ Seine Lippen wurden schmal, doch ich hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Du musst dir von mir helfen lassen. So wie du dich momentan quälst, kommen wir keinen Schritt weiter!“ Ich stütze mich auf und musterte besorgt sein Gesicht. Er schien sich unter meinem Blick zu winden, doch dann sog er zischend Luft durch die Zähne und nickte zögernd. „Vielleicht hast du recht. Ich habe mich so darauf versteift, gegen den Durst nach menschlichem Blut anzukämpfen, dass ich wohl mein Ziel aus den Augen verloren habe.“

Ich atmete erleichtert auf, es war das erste Mal seit Monaten, dass er sich mir öffnete und seine Vorgehensweise überdachte. „Es geht nicht darum, von was du dich ernährst, sondern dass du die Kontrolle behältst“, erwiderte ich und küsste ihn ein weiteres Mal. 

„Und was schlägst du vor?“, wollte er wissen, während ich meinen Kopf zurück auf seine Brust sinken ließ. Hoffnung durchströmte meinen Körper, doch es mischte sich auch die Angst vor der Ungewissheit dazu. Ich wusste, es war der letzte Ausweg, es auf eine andere Weise zu versuchen. Sollte ich scheitern, würde er mir über kurz oder lang entgleiten. Doch ich behielt meine Sorgen für mich, legte meine Hand auf seine Brust, die sich gleichmäßig hob und senkte und erwiderte: „Ich werde mir etwas einfallen lassen.“

Als ich später am Abend gerade aus der Dusche stieg, klingelte mein Handy. Es war Max, der sich nach Julian erkundigte. Ich atmete geräuschvoll ein, ehe ich ihm antwortete: „Es geht ihm nicht gut. Es kommt mir so vor, dass es schlimmer wird - je stärker er versucht, dagegen anzukämpfen. Aber immerhin konnte ich ihn davon überzeugen, dass wir es nun endlich auf meine Weise versuchen.“

„Und wie sieht dein Plan aus?“ Seine Stimme hatte einen misstrauischen Klang und ich konnte es ihm nicht verübeln. Es fiel mir mittlerweile selbst schwer, daran zu glauben, dass Julian bald wieder der Alte sein würde.

„Er soll menschliches Blut trinken, regelmäßig – so wie ich.“ Ich biss mir kurz auf die Lippen, ehe ich weiter sprach. „Ich hoffe, dass das seinen Zustand soweit stabilisiert, dass er nicht ständig von seiner Gier kontrolliert wird. Ich denke darüber nach, ob wir dafür nicht eine Weile die Stadt verlassen werden. Dann kann er sich voll und ganz auf unser Vorhaben konzentrieren.“

„Hmmm, das klingt vernünftig. Wir können nur hoffen, dass es funktionieren wird.“ Er schien kurz zu überlegen, ehe er weitersprach. „Falls du noch nicht weißt wohin – mir gehört ein Sommerhaus an einem kleinen See mitten im Wald. Es liegt sehr abgeschieden, in einem Wald in South Carolina.“

Ich nahm sein Angebot dankend an, so musste ich wenigstens nicht erst mit Julian nach Italien fliegen. Ich hatte nämlich eigentlich unser Häuschen in den Bergen der Toskana im Sinn gehabt, aber mir erschien es einfacher, ein paar Stunden mit dem Auto zu fahren, als mit Julian in einen, mit Menschen gefüllten Flieger zu steigen.

„Ist bei dir alles in Ordnung, Max?“ In seiner Stimme schwang während unseres Telefonats ein Unterton mit, den ich nicht richtig deuten konnte. Es folgte eine kurze Pause. Offenbar hatte ich mit meiner Vermutung richtig gelegen, irgendetwas beschäftigte ihn. „Ach, es ist nichts … nur …“ Er suchte nach den richtigen Worten.

„Ja?“

„In letzter Zeit spielen mir meine Gedanken immer wieder einen Streich. So wie eine Art …Tagtraum. Und jedes Mal sehe ich ihr Gesicht vor mir …“ Seine Stimme brach ab.

„Valentinas Gesicht?“, hakte ich nach und war irritiert. Was war so schlimm daran?

„Nein …“ Ein gequältes Stöhnen drang durch den Hörer, „Margarethas.“ Ich hörte, wie er geräuschvoll ausatmete und sich dann bemühte, seine Stimme betont heiter klingen zu lassen. „Aber du weißt ja, wie das ist … es gibt Zeiten, da wird man mal mehr, mal weniger stark von seinen inneren Dämonen verfolgt.“ Ein kurzes Lachen erklang, das mich beruhigen sollte.

Ich beschloss allerdings, nicht nachzubohren. Vielleicht bildete ich es mir ja auch nur ein. Schließlich kämpfte ich jeden Tag selbst gegen einen Teil meiner Persönlichkeit an, genauso wie Julian. Ich wollte nichts in Max´ Worte interpretieren, denn schließlich musste ich mich auf das konzentrieren, was vor mir lag.

Max verabschiedete sich von mir und bat mich, ihn regelmäßig über den Stand der Dinge zu informieren. Julians Zustand schien auch an ihm nicht spurlos vorüber zu gehen. Schließlich teilten sie dasselbe Schicksal. Beide wurden vor etwa dreihundert Jahren von Damian in Vampire verwandelt und dann zu abscheulichen Taten gezwungen, von denen manche sie bis zum heutigen Tag verfolgten. So schien es auch nach dieser langen Zeit immer noch mit Margarethas Tod zu sein. Sie war Max´ große Liebe, als er noch ein Mensch gewesen war. Doch dann schlug ihr Verlobter ihn halbtot, nachdem er hinter ihre Affäre gekommen war und er konnte von Damian nur gerettet werden, indem er ihn zum Vampir machte. 

Es hatte allerdings seinen Preis, dass Max dem Tode von der Schippe gesprungen war, denn von nun an musste er Damian dienen und seine Heimat, und damit auch Margaretha verlassen. Die Sehnsucht nach seiner Menschlichkeit hatte ihn schließlich so zerfressen, dass er den Plan fasste, zu fliehen. Doch damit nahm das Unglück seinen Lauf.

Damian beauftragte Julian, der Max bei ihm verraten hatte, Margaretha zu entführen und verlangte anschließend von ihm, sie zu töten. Julian hingegen erfuhr erst nach seiner Tat, wer das Mädchen wirklich gewesen war und von diesem Tag an gingen Max und er getrennte Wege. Damian schickte Max fort und Julian floh Hals über Kopf. 

Ich fuhr erschreckt zusammen, als die Tür ins Schloss fiel. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich den Aufzug gar nicht gehört hatte. „Wie ist es gelaufen?“, wollte ich wissen, als Julian in der Tür erschien. Seinem Blick nach zu urteilen, hätte er sich den Ausflug wohl sparen können.

Er zuckte die Schultern und warf seine Jacke über die Stuhllehne. „Du kannst es dir ja denken … Es hat einfach seinen Reiz verloren, Tiere zu jagen“, erklärte er bitter und ließ sich neben mir auf die Couch fallen. 

„Max hat vorhin angerufen“, begann ich und seine Miene erhellte sich.

„Wirklich? Was wollte er?“

„Er hat sich nach dir erkundigt … wie du … wie wir voran kommen“, erwiderte ich zögernd. Julian nagte an seiner Unterlippe. „Und? Was hast du zu ihm gesagt?“

„Die Wahrheit“, erklärte ich und legte ihm beschwichtigend die Hand auf das Knie, weil ich bemerkte, wie sein Körper sich anspannte. „Und ich habe ihm von unserem Vorhaben erzählt. Er stimmt mir zu und hat uns angeboten, vorübergehend in sein Sommerhaus am Lake Valens zu ziehen.“ Abwartend musterte ich seine wechselnde Miene. „Dass ist sehr großzügig von ihm“, erklärte er nur und sein Blick schweifte aus dem Fenster, vor dem sich das Häusermeer Manhattans erstreckte.

„Wahrscheinlich ist es besser so. Die Abgeschiedenheit hat sicher seine Vorteile, zumindest gibt es dort so gut wie keine Ablenkung.“ Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, während er sich zu mir beugte und mir einen Kuss gab.

„Das Einzige, was mir dann noch gefährlich werden könnte, ist die Tatsache, mit dir allein in der Wildnis zu leben. Da könnte es mir Anfangs schwer fallen, mich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren.“

Ich boxte ihm in die Seite. „Nimm das gefälligst ernst! Oder ich setze dich gleich mit auf Entzug!“ Obwohl ich versuchte, ernst zu klingen, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen.

Kapitel 2: Tamara - Blutgier

„Wow, was für eine Hütte!“ Julian stieß einen Pfiff durch die Zähne aus, nachdem er die Tür zu Max´ Sommerhaus aufgesperrt hatte. Ich folgte ihm über die Schwelle und sah mich um. Obwohl wir uns mitten im Wald befanden, fehlte es wirklich an nichts. Im Wohnzimmer stand ein großer Flachbildfernseher und die voll ausgestattete Küche, verfügte über einen riesigen Kühlschrank. Genug Platz also, für unsere Vorräte.

Auf der oberen Etage befanden sich zwei Schlafzimmer, von denen wir das größere, mit Blick über den See bezogen. Während Julian unsere Koffer aus dem Auto holte und nach oben trug, öffnete ich die Doppeltür zur Terrasse. Ich trat hinaus und die Holzbohlen knarrten unter meinen Schuhen. Die rötliche Abendsonne spiegelte sich auf der Wasseroberfläche und ließ die kleinen Wellen funkeln, wie flüssiges Gold. Ich atmete tief ein und sog genüsslich die reine, frische Luft in meine Lungen. Der Wind fuhr rauschend durch die Baumwipfel und ließ die Blätter rascheln. 

„Gefällt es dir hier?“ Julian war neben mich getreten und schlang die Arme um mich, während er mir einen Kuss auf die Wange hauchte. Ich schloss kurz die Augen und seufzte. „Es ist unbeschreiblich schön“, flüsterte ich, während ich seinen Kuss erwiderte. Ich wandte mich zu ihm herum. „Ich muss noch mal los. Ich treffe mich in einer Stunde mit Chandler, er bringt unsere Vorräte“, erklärte ich ihm und beobachtete, wie Julian sich auf die Lippen biss. Es fiel ihm sichtlich schwer, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass er ab sofort nur noch menschliches Blut zu sich nehmen sollte. „Du kannst mich doch begleiten“ Ich musterte fragend seine angespannte Miene. Doch er schüttelte den Kopf und ließ seinen Blick über meine Schulter hinweg, über den See schweifen. „Wenn es dir nichts ausmacht, warte ich hier auf dich und … mache mich mal mit der Umgebung vertraut.“ Sein Blick fiel auf mich und ich wusste, er wollte die Begegnung mit Chandler vermeiden. Dieser war nämlich von Max in Kenntnis gesetzt und beauftragt worden, für regelmäßigen Nachschub der Blutkonserven zu sorgen. Es behagte ihm nicht, dass außer uns nun auch noch ein Außenstehender Bescheid wusste, was er zurzeit durchmachte.

Ich strich ihm über die gefurchte Stirn und hauchte einen Kuss auf seine Lippen. „Mach dir nicht zu viele Gedanken, du schaffst das … wir schaffen das – okay?“ Ich sah ihm fragend in die Augen, bis er zögernd nickte. „Hoffentlich“, murmelte er und drückte mir den Autoschlüssel in die Hand.

„Ich bin schnellstmöglich zurück!“, rief ich ihm im Gehen zu und er hob kurz die Hand, als ich hinter das Steuer kletterte und den Motor des Geländewagens startete. Julian blieb regungslos auf der Terrasse stehen und sah mir zu, wie ich den Wagen wendete und auf den schmalen Waldweg fuhr, der zurück in die Zivilisation führte. 

Die ganze Fahrt über grübelte ich und fragte mich, ob ich mir vielleicht zuviel von dieser Sache versprach. Julian wirkte unglücklich und orientierungslos. Trotzdem hielt ich weiter an der Hoffnung fest, dass sich in ein paar Tagen vielleicht alles zum Besseren entwickeln würde. Ein Reh sprang ein paar hundert Meter vor mir über die Straße, als ich der Gabelung in die Stadt folgte.

Ich erreichte die Landstraße und hielt während der Fahrt nach dem vereinbarten Treffpunkt Ausschau. An einer verlassenen Tankstelle, außerhalb des nächstgelegenen Ortes, wollte Chandler auf mich warten. Nach ein paar Meilen tauchte mein Ziel auf der rechten Seite auf und ich drosselte das Tempo, ehe ich die heruntergekommene Einfahrt passierte. Es schien, als hätte sich hierher schon lange niemand mehr verirrt, den alle Fensterscheiben des kleinen Kassenhäuschen waren zerbrochen und der Rost nagte an allem, was aus Metall gefertigt war. Ich parkte neben Chandlers Van und sprang vom Fahrersitz. Der marode Teer knirschte, während ich um das Auto herumlief. In diesem Moment öffnete sich die Fahrertür und ich wurde mit einem kurzen Nicken begrüßt. „Tamara?“ Er musterte mich von Kopf bis Fuß, während er zögernd einen Schritt auf mich zu machte. Ich nickte und deutete mit dem Kinn auf seinen Wagen. „Hast du genug mitgebracht?“

Mit einem breiten Grinsen öffnete er die Schiebtür des Vans und gab so den Blick auf die weißen Kühlboxen frei, die er zwischen die Sitze gestapelt hatte. „Genau die Menge, die Max bei mir bestellt hat.“ Er nahm eine der Boxen heraus, drückte sie mir in die Hände und schnappte sich selbst eine. Während wir die Blutkonserven in den Kofferraum meines Wagens luden, spürte ich Chandlers neugierige Blicke auf mir. Ich wandte mich ihm zu und zog stumm eine Augenbraue nach oben. „Ist irgendwas?“, fragte ich argwöhnisch. Er räusperte sich kurz und druckste herum, ehe er endlich damit rausrückte.

„Hm … nö … also na ja, du … deine Augenfarbe, so was hab ich noch nie gesehen.“ Seine Neugier schien ihm jetzt sichtlich unangenehm zu sein. Ich musste schmunzeln. Die meisten unserer Art, die mich nicht kannten, reagierten mit Neugier und Misstrauen auf mich. Schließlich hatten alle anderen grüne Augen. Nur Julian und ich fielen mit dem violetten Glanz unserer Iris damit aus der Norm.

„Na ja, es könnte daran liegen, dass ich die einzige mit dieser Augenfarbe bin“, erwiderte ich mit einem schiefen Lächeln. Zwar hatte sich auch Julians Iris verändert, doch seine Augen waren extrem dunkel, fast schwarz geworden, der violette Schimmer war nur bei Tageslicht zu sehen. Meine Augen hingegen strahlten in einem reinen Purpur. Dass manche von uns das beängstigend fanden, konnte ich ihnen noch nicht einmal verübeln. Chandler atmete sichtlich auf, als er bemerkte, dass ich ihm wegen seiner Neugier nicht böse war und fuhr damit fort, meinen Kofferraum zu beladen. 

Als Chandler davongefahren war und ich die Kofferraumklappe zuschlug, hielt ich plötzlich inne und zuckte kurz zusammen. Hinter mir ertönte ein lautes Motorengeräusch. Sofort wirbelte ich herum und sah, wie ein schwarzer Jeep mit getönten Scheiben auf das Grundstück der verwahrlosten Tankstelle bog. Ich sog scharf Luft ein und jeder meiner Muskeln spannte sich automatisch an.

Der Jeep kam ein paar Meter vor meinem Wagen zum Stehen und es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis sich die vorderen Türen öffneten. Ich konnte schon von dieser Entfernung riechen, dass es sich um Meinesgleichen handelte. Doch ihr Geruch war fremd und so ging ich unmittelbar in Abwehrstellung, als drei schwarz gekleidete Gestalten langsam auf mich zutraten. Zwei von Ihnen schwangen eine Eisenstange, was wohl zu ihrem einschüchternden Auftreten gehören sollte.

„Na, so ganz alleine hier draußen im Nirgendwo?“, durchschnitt die übertrieben höflich klingende Stimme des Mittleren die Stille. Ich knirschte unwillig mit den Zähnen und aus meinem Kiefer traten meine Fänge, während ich meinen Blick fest auf die Drei geheftet hielt.

„Was will denn ein so zartes Persönchen wie du, mit so viel Blut?“, hakte der Flankierte nach und schnalzte anzüglich mit der Zunge. „Das geht dich einen Scheißdreck an!“, zischte ich, kaum lauter als das Flüstern des Windes. Ich wusste, sie würden mich auch so verstehen. Der Linke ließ die Eisenstange surrend durch die Luft sausen und schlug sich damit gegen die Handfläche. „Da ist aber jemand ganz schön vorlaut!“, dröhnte seine tiefe Stimme in meinen Ohren, doch ich zog unbeeindruckt eine Augenbraue nach oben. „Ich warne euch, verzieht euch! Sonst garantiere ich für nichts!“, fauchte ich warnend und verengte die Augen. Der Rechte fing daraufhin an, schallend zu lachen. „Hör gut zu Schlampe! Wenn wir mit dir fertig sind, wirst du auf Knien um Gnade winseln!“ Aprubt verstummte sein Gelächter und sein Gesicht verzog sich zu einer wütenden Fratze. 

Sie fingen an, mich zu umkreisen. Ganz langsam und bedächtig, setzten sie einen Fuß vor den anderen. „Nette Kontaktlinsen … stehst wohl nicht gerne zu deiner grünen Augenfarbe!“, ertönte es von rechts. „Ich würde sagen, du rückst jetzt einfach die ganzen Blutkonserven raus, dann passiert dir auch nichts!“, säuselte der offensichtliche Anführer der drei und trat dichter an mich heran. In mir begann die Wut zu züngeln. Wie Flammen fraß sie sich durch mein Fleisch und waberte als dunkelrotes Licht vor meinen Augen. Ich kannte diese zerstörerische Wut nur zu gut. Mit ihr hatte ich Damian zur Strecke gebracht und ich wusste, einmal freigelassen, war sie nur schwer zu kontrollieren. „Und ich sage es euch ein letztes Mal! Verschwindet – dann passiert euch nichts – sonst …“, knurrte ich.

„Sonst was …?!“, schrie plötzlich einer der Drei und gab den anderen einen Wink. 

Ich hörte das zischende Geräusch der Stangen, die fast zeitgleich durch die Luft wirbelten, doch noch bevor sie mich treffen und mir damit die Knochen zerschmettern konnten, griff ich zugleich nach beiden, zog ruckartig daran und riss damit zwei der drei Draufgänger zu Boden, während ich den anderen mit einen Fußtritt mehrere Meter weit durch die Luft schleuderte. Dann wirbelte ich um meine eigene Achse, holte aus und schlug die beiden, die sich gerade wieder aufgerappelt hatten, erneut nieder. „Scheiße – was … zum Teufel!“, ertönte die Stimme des Dritten, der nach seiner unsanften Landung auf dem Asphalt wieder auf die Beine gekommen war. Die Eisenstangen trafen mit einer ungeheuren Wucht auf die Körper der beiden. Ihre knackenden Knochen und Schmerzensschreie erfüllten die Luft. Blitzschnell sprang ich auf sie zu, riss zuerst dem einen, dann dem anderen das Herz heraus und ging sofort wieder in Angriffstellung. „Du verdammtes Miststück! Was fällt dir ein …!“ Mit einem Schrei stürzte der verbliebene Vampir auf mich zu. Sein Gesicht war hasserfüllt, als er durch die Luft sauste und sich darauf vorbereitete, mir an die Kehle zu springen. Schnell trat ich mit dem Fuß gegen eine der herumliegenden Stangen, fing sie mit einer Hand auf, als sie nach oben wirbelte und stieß sie meinem Angreifer direkt durch den Brustkorb. Die Augen weit aufgerissen, entwich ein gurgelndes Ächzen aus seiner Kehle und langsam erlosch das Leben in seinen Pupillen. 

Bebend stand ich inmitten der blutüberströmten Leichen und drängte nur mühsam meine rot flackernde Wut zurück. Dann gewann langsam mein rationaler Verstand wieder die Oberhand. Schnell sah ich mich um, zum Glück war diese Straße so abgelegen, dass ich mir keine Sorgen machen musste, dass irgendjemand von diesem Kampf mitbekommen hatte. Diese verdammten Turncoats. Sie gierten ständig nach Blut und schreckten vor nahezu keinem Mittel zurück, um mehr zu bekommen. Regeln beachteten sie grundsätzlich nicht, weshalb die Agencys ständig auf der Jagd nach ihnen waren.

Ich zerrte die toten Körper der Drei in den Jeep, stellte diesen hinter der Tankstelle ab und fand im Kofferraum des Wagens sogar noch einen Benzinkanister. Großzügig verteilte ich den Inhalt im Wageninneren zog eine Schachtel Streichhölzer heraus (die hatte ich für solche Fälle grundsätzlich dabei) und entzündete gleich mehrere. Ich stieg in meinen Wagen, ließ den Motor an und sah im Rückspiegel, wie die Flammen bereits aus den zerborstenen Fenstern züngelten. 

Als ich die Hütte erreichte, hielt ich Ausschau nach Julian, konnte ihn aber nirgends entdecken. Also stieg ich aus und begann sofort, die Kühlboxen nach drinnen zu tragen. „Ich bin wieder da!“, rief ich, als ich durch die Tür trat. Keine Antwort. „Julian?!“ Wo steckte er nur. Ich lief einmal um das Haus herum, aber auch dort war er nicht. Achselzuckend ging ich zurück zum Auto. Vielleicht war er noch im Wald unterwegs.

Ich räumte die ersten Blutkonserven in den Kühlschrank und mein Blick fiel dabei auf meine blutverschmierten Hände. Schnell lief ich ins Bad und drehte den Wasserhahn auf. Während ich das Vampirblut von mir abwusch, erschien plötzlich Julian in der Tür. Er starrte auf das rot gefärbte Wasser, das den Abfluss hinunter rann und zog seine Brauen zusammen. „Was ist passiert?!“ Seine Stimme klang rau.

Ich rollte mit den Augen und schnaubte. „Abtrünnige! Sie müssen Chandler gefolgt sein … und kaum war er weg, haben sie versucht, mir das Blut zu stehlen.“

„Wie viele waren es?“, wollte Julian wissen.

„Drei … keine Ahnung ob es eine größere Gruppierung ist, aber ich denke, ich habe zumindest ihren Anführer erledigt.“ Ich trocknete mir die Hände ab und sah zu ihm auf. „Ist alles okay, bist du verletzt?“ Er blickte prüfend an mir herunter, doch ich schüttelte den Kopf und ein kurzes Grinsen huschte über mein Gesicht. „Mir geht’s gut. Ich hatte sie schon getötet, bevor sie mir überhaupt zu nahe kommen konnten.“, erwiderte ich und Julians Miene entspannte sich etwas. „Und die Leichen?“

„Mittlerweile sollte von ihnen nicht mehr als ein Häufchen Asche übrig sein. Ich habe von unterwegs schon die zuständige Agency informiert, damit sie sich um die Überreste kümmern.“ Ich war bestens vertraut, mit der Arbeit der Vampires Renegade Agency´s, die sicherstellten, dass Unsereins sich an die Regeln hielt und wir somit weiterhin unbehelligt unter den Menschen leben konnten. Vor ein paar Jahren hatte ich in New York selbst einen Auftrag für Benjamins Agentur erledigt. 

„Wo warst du eigentlich?“, fragend sah ich ihn an. Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin einmal um den See gelaufen und habe ein bisschen gejagt.“ Ich biss mir auf die Lippen und trat einen Schritt auf ihn zu. „Wenn du es dir anders überlegt hast …?“ Julian schüttelte entschlossen den Kopf. „Nein! Du hast recht, ich habe die letzten Stunden nachgedacht … es scheint, als wäre das hier meine letzte Chance, alles wieder in den Griff zu kriegen.“ Seine Augen verdunkelten sich, doch er betrachtete mich voller Liebe, als er über meine Wange strich und mir einen Kuss auf die Lippen gab. Ich schlang meine Arme um ihn und erwiderte den Kuss, während unsere Herzen im gleichen Takt schlugen. 

*** 

Am nächsten Morgen trat ich gerade aus der Dusche, als Julians Handy klingelte. Obwohl er sich im Zimmer nebenan befand, konnte ich hören, wie er sich mit Max über den Vorfall mit den Abtrünnigen unterhielt. Schnell schlang ich ein Handtuch um meinen nassen Körper und lief zu Julian, der sich gerade von Max verabschiedete.

„Was hat er gesagt?“, fragte ich, als ich über die Türschwelle trat. Julian wandte sich zu mir herum. Er sah nachdenklich aus. „Max hat ein bisschen herumtelefoniert und in Erfahrung gebracht, dass es hier in der Gegend keine bekannte Gruppe von Turncoats gibt. Entweder es waren Nomaden oder der Angriff auf dich war zielgerichtet. Möglicherweise ging es ihnen gar nicht … um das Blut.“ Auf seiner Stirn erschien eine sorgenvolle Furche.

„Aber warum sollten mich irgendwelche fremden Vampire angreifen?“ Ich konnte mir das beim besten Willen nicht vorstellen. „Vielleicht waren sie frühere Anhänger von Damian?“, gab er zu bedenken und ich zuckte mit den Schultern. „Hm ... ich weiß nicht ... ganz ehrlich – Damian ist seit zwei Jahren tot. Und die wenigsten wissen, dass ich für seinen Tod verantwortlich bin.“ Ich wollte nicht daran glauben, dass jemand auf Rache sinnte, weil ich den Ur-Vampir getötet hatte. Die meisten unserer Art hatten erleichtert aufgeatmet, als sie erfuhren, dass sie ab sofort nichts mehr vor ihm zu befürchten hatten.

„Mach dir nicht zu viele Gedanken, wahrscheinlich waren es nur eine Handvoll Abtrünnige auf der Durchreise“, erwiderte ich und Julian knurrte. Es gefiel ihm nicht, dass ich seine Besorgnis nicht teilte. „Und außerdem, müssen wir uns auf dich konzentrieren“, fügte ich hinzu und er widersprach nicht. 

Ich holte mir etwas zum Anziehen aus dem Schrank und hielt plötzlich inne. Ein brennender Schmerz, der sich von meinem Herzen langsam durch meine Körper fraß, erinnerte mich daran, dass ich schnellstmöglich Blut zu mir nehmen musste.

Als ich hinunter in die Küche ging, hörte ich Julian am Kühlschrank hantieren. Er füllte gerade zwei Blutkonserven in Gläser um und sah zu lächelnd zu mir auf. „Frühstück ist fertig.“ Dankbar nahm ich das Glas an mich und setzte es an die Lippen. Gierig trank ich davon und spürte, wie das Brennen etwas nachließ. Ich beobachtete Julian, wie er das Glas in der Hand hin und her schwenkte, es nachdenklich betrachtete und schließlich zögernd einen Schluck davon nahm. Ein Keuchen kam aus seiner Kehle und seine Gesichtszüge verhärteten sich, während er die Augen schloss und den gesamten Inhalt in einem Zug trank.

Ich hörte das Knacken von Glas, Scherben fielen auf den Küchenboden, zerbarsten in winzig kleine Stücke und Julian zuckte zusammen. Er schüttelte sich kurz und starrte auf seine Hand, in der unzählige Glassplitter steckten und das Blut aus den Schnittwunden quoll. Sofort stürzte ich auf ihn zu und umschloss vorsichtig seine Hand. „Ich …“, stammelte er unbeholfen, „ich war gerade wie weggetreten. Tut … tut mir leid.“

Ich schüttelte den Kopf, während ich damit begann, ihm die Splitter aus dem Fleisch zu ziehen. „Hör auf, dich zu entschuldigen. Wir fangen ja gerade erst an; das wird schon. Und das nächste Mal … nimmst du lieber nichts Zerbrechliches.“ Ich sah zu ihm auf und rang mir ein Lächeln ab, ehe ich den Handfeger unter der Spüle hervorholte und die Scherben auf dem Fußboden zusammenkehrte.

Am späten Nachmittag saß ich am See und war in ein Buch vertieft, als Julian plötzlich neben mich trat. „Was liest du da?“, wollte er wissen und ich sah zu ihm auf. „Ich habe ein paar von Max´ Büchern mitgenommen. Vielleicht findet sich in diesen alten Aufzeichnungen irgendwo ein Ansatz, wie man eine solch extreme Blutgier in den Griff bekommt.“

Julian schien kurz zu überlegen, zuckte jedoch dann die Schultern. „Na ja, schaden kann es bestimmt nicht.“ Er lächelte schief und beugte sich zu mir herunter. „Aber findest du nicht, an so einem schönen Sommertag wie heute, sollte man auch ein bisschen Spaß haben?“ Sein warmer Atem striff meinen Nacken, während er mir die Worte ins Ohr raunte. Ich sog scharf Luft ein, als er mir einen Kuss in den Nacken hauchte, doch schon in der nächsten Sekunde packte er mich so überraschend, dass ich erschreckt das Buch fallen ließ, während er mich hochhob, über seine Schulter warf und Richtung See rannte. Plötzlich dämmerte mir, was er vorhatte und ich begann, lachend und glucksend zu protestieren. Doch er ignorierte mein Jammern und Flehen und watete mit schnellen Schritten in die Fluten. Er hob mich von seiner Schulter, hielt mich aber weiter umklammert und warf mich ins Wasser. Mit einem kurzen Aufschrei traf ich auf der Wasseroberfläche auf. Die kühle Gischt umfing meinen Körper, zog mich abwärts und als ich die Augen öffnete, sah ich Julian, der ebenfalls untergetaucht war. Sein Gesicht näherte sich meinem, bis ich seine Lippen auf meinem Mund spürte. Wir küssten uns, während wir auftauchten und das Wasser in perlenden Rinnsalen an uns herunter lief.

„Du bist ja verrückt!“, lachte ich, als er seine Lippen von meinen löste und verpasste ihm einen Stoß in die Rippen. Dabei vergaß ich wieder mal, dass ich eigentlich stärker war, als er. Mit betont gequältem Gesichtsausdruck rieb er sich die schmerzende Stelle. „Deswegen brauchst du mich nicht gleich zu verprügeln!“, entgegnete er gespielt beleidigt, doch um seine Mundwinkel zuckte ein Grinsen.

„Ich würde sagen, wir sind quitt“, erwiderte ich lachend und begann, aus dem Wasser zu waten. „Da wäre ich mir nicht so sicher!“ Julian hielt mich an der Schulter fest, wirbelte mich zu sich herum und küsste mich stürmisch. Seufzend umklammerte ich ihn und glitt zurück ins Wasser.

Spätnachts saßen wir auf der Terrasse und blickten auf die tiefschwarze Wasseroberfläche. Nur der Mond spiegelte sich milchig darauf. Ich ging kurz in die Küche, um Julians nächste Ration zu holen. Mit der Blutkonserve in der Hand trat ich neben ihn. „Hier, diesmal habe ich darauf verzichtet, es in ein Glas zu füllen.“

Obwohl er lächelte, verdunkelten sich seine Augen während er danach griff. Seine Finger zitterten leicht, als er den Verschluss abriss. Doch dann führte er die Öffnung zu seinem Mund und sog gierig daran. Ich beobachtete ihn die ganze Zeit über. „Und?“, fragte ich zögernd, „wie … fühlst du dich?“

Julian antwortete nicht gleich. Er ließ seinen Blick kurz in die Ferne schweifen und sah mich nicht an. „Es fühlt sich auf der einen Seite so gut an. So … richtig. Es nimmt den brennenden Schmerz, wenn auch nur für eine Weile, aber … auf der anderen Seite ist es, als würde mir mein Verstand nicht erlauben, so schwach zu sein und … mich so meinen Trieben hinzugeben.“ Er verstummte und unsere Blicke trafen sich. Ich legte meine Hand auf seine und betrachtete einen Moment lang unsere verflochtenen Finger. „Du tötest ja niemanden. Und deshalb müssen wir deinen Verstand eben dazu bringen, es abzuschalten. Die Schuldgefühle - meine ich. Das hast du doch auch damals geschafft, mit Caroline … und davor hattest du viel schlimmere Dinge getan. Margaretha …“ Weiter kam ich nicht, denn plötzlich verhärteten sich Julians Gesichtszüge und seine Augen blitzten.

„Wieso fängst du jetzt mit ihr an?“ Seine Stimme war nur ein Zischen. „Ich … weiß nicht, sie ist mir gerade so als Beispiel eingefallen – keine Ahnung warum … vielleicht weil Max sie vor ein paar Tagen erwähnte“, stammelte ich unbeholfen, weil ich bemerkte, wie sich jeder Muskel seines Körpers anspannte.

„Er hat von ihr gesprochen? Was hat er gesagt?“ Julians Stimme begann zu beben. Was hatte er denn nur plötzlich?

„Nichts … ich meine … er hat wohl ein paar Mal an sie denken müssen – du weißt ja, die inneren Dämonen und so …“ Ich versuchte einzulenken aber es schien, als wäre nun jedes weitere Wort von mir unwichtig. „Belaste dich doch nicht mit dieser alten Geschichte. Es ist schon so lange her und Max hat dir doch schon längst verziehen. Er hat doch Valentina …“ 

Plötzlich flog polternd der Tisch um, der zwischen uns gestanden hatte und zerbrach auf den Holzbohlen der Terrasse. Ich zuckte erschrocken zurück und starrte Julian entsetzt an. Sein Atem ging flach und schnell und seine Hände waren zu Fäusten geballt. „Du warst damals nicht dabei, Tamara! Sie war die Liebe seines Lebens – seines gesamten Daseins! Er ist nie über sie hinweg gekommen und er wird es auch nicht! Du bist noch zu jung, um zu verstehen, was ich damals angerichtet habe!“, schrie er mir entgegen und ich glaubte, Tränen in seinen Augen zu sehen.

„Julian … es … tut mir leid! Ich wollte nicht …“ Beschwichtigend hob ich die Arme und machte einen Schritt auf ihn zu. Sein Blick flog immer wieder hektisch von links nach rechts, ehe er erneut auf mich fiel. Er trat einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. „Ich … mein Gott, ich weiß gar nicht was gerade mit mir los ist … ich …“, stammelte er zusammenhanglos, während ich versuchte, mich ihm zu nähern.

„Ist schon okay, beruhige dich erstmal …“ Doch er wich mir erneut aus.

„Nicht! Ich … muss … ich brauche kurz einen Moment – bitte versteh ... “ Dann hörte ich die Luft surren und er war weg. 

„Julian?!“, rief ich hysterisch in das finstere Unterholz, doch das leise Rascheln seiner Schritte war kaum noch zu hören. Ich sprang von der Terrasse und lief ein paar Meter in den Wald. „Julian!“, schrie ich erneut. Ich lauschte in die Dunkelheit, doch es blieb still. Er war einfach weg!

Tränen stiegen in mir auf, als ich mich zurück zum Haus schleppte. Ich starrte auf den zerborstenen Tisch und langsam begriff ich, dass etwas sehr schief gelaufen war. Das bleierne Gefühl der Hilflosigkeit machte sich in mir breit und ich sank kraftlos auf den Boden. Warum war er weggelaufen? Würde er überhaupt wiederkommen? Oder war er mittlerweile so zerfressen von Selbstzweifeln, dass er das hier nicht durchstehen würde. Heiß liefen mir Tränen über die Wangen und ich vergrub schluchzend den Kopf in meinen Händen.

Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte, räumte ich die Überreste des Tisches zur Seite, setzte mich auf einen Stuhl und wartete. Doch Julian kam nicht.

Kapitel 3: Julian - Gift

Ich lief so schnell ich konnte, ohne zu wissen, wohin. Mein Körper bebte noch immer und die Wut hatte sich unerbittlich durch meine Adern gefressen. Warum musste Tamara auch plötzlich mit Margaretha anfangen?! Seit Jahrhunderten verfolgte mich diese eine, besonders abscheuliche Tat, die mit nichts mehr gutzumachen war. Allein dass ich mit dem Wissen leben musste, Max´ damalige, einzigartige Liebe getötet zu haben, schwelte zu jeder Zeit in meinem Gedächtnis. Unlöschbar und mahnend. Gehetzt rannte ich weiter, während meine Gedanken langsam wieder klarer wurden und ich begann zu grübeln.

Eigentlich traf Tamara keine Schuld, sie hatte sich wahrscheinlich nichts dabei gedacht, als sie mir gut zureden wollte. Doch dann hatte mich dieses übermächtige Gefühl gepackt; und plötzlich konnte ich nichts anderes mehr spüren, als diesen unbändigen Zorn. Es machte erschreckend deutlich, wie sehr mein Körper von diesem inneren Zwang beherrscht wurde. Ich spürte, wie die ohnmächtige Wut langsam zurückwich und wieder Platz für andere Gefühle und Emotionen machte. Schlagartig wurde mir bewusst, wie sehr ich Tamara verletzt haben musste! 

Doch anstatt einfach anzuhalten, lief ich immer noch, wie von einer fremdem Macht getrieben. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. Neben meinem Kopf zischten die vorbeifliegenden Äste und plötzlich hatte ich einen merkwürdigen Geruch in der Nase. Aprubt blieb ich stehen; jedes Geräusch im Wald war verstummt. Nur der Wind ließ die Blätter der Baumkronen rascheln. Doch sonst war alles still.

Ich drehte mich um meine eigene Achse und lauschte angestrengt – irgendwas stimmte nicht. Da hörte ich es plötzlich: schlurfende Schritte, knackende Äste und ein unregelmäßiger Herzschlag. Ich biss mir auf die Lippen und wandte mich in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. 

Zwischen den Bäumen erkannte ich die schemenhaften Umrisse einer Person.

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