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Blutschuld

Charlott E. Martin

Blutschuld

Ein Hadessphere-Roman


Für Jack


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

Der Raum lag im Halbdunkel. Die Luft war zum Schneiden dick, vollgesogen mit Schweiß und Alkohol. Die Fenster waren geschlossen und schwere, bodenlange Vorhänge schlossen das Licht des sonnendurchfluteten Nachmittags aus. Lediglich zwei kleine, in die entferntesten Winkel des Raumes verbannte, Lampen verbreiteten ihren matten Schein, der jedoch kaum mehr als die unmittelbare Umgebung der Lichtquellen erhellte.

Auf einem Sessel aus tabakbraunem Leder saß, vielmehr hing ein Mann, die langen Glieder schlaff von sich gestreckt. Hellblondes Haar hing in langen verschwitzten Strähnen über sein Gesicht. Er bewegte sich nicht, schien nicht einmal zu atmen.

Chris Delaire wusste nicht, wie lange er schon hier saß, ob es Tag oder Nacht war - es interessierte ihn nicht. Es war in Ordnung so, solange sie ihn nur in Ruhe ließen, mit ihrem Mitleid, ihrer Besorgnis, ihren guten Ratschlägen. Er wollte niemanden sehen, nicht seine Eltern und nicht den kläglichen Rest, der ihm von seinen vielen Freunden geblieben war. Wie er es hasste, wenn sie auftauchten, auf ihn einredeten und ihn aufzurütteln versuchten; er hasste es noch mehr, wenn sie versuchten, ihn zu trösten, ihn tätschelten oder umarmten. Anfangs hatte es Ewigkeiten gedauert, bis sie aufgaben und wieder verschwanden, aber nach und nach waren die Besuche kürzer geworden und seltener, bis schließlich nur noch seine Mahlzeiten zu ihm gebracht wurden, die er unberührt ließ und die hochprozentigen Tröster, die er dringender brauchte, als die Luft zum Atmen. Nur wenn er genug trank, gelang es ihm, zu vergessen. Dann war er nur noch Gast in seinem Körper, ein unbeteiligter Zuschauer, der jedem Schluck nachsann, wie er sich durch seine Kehle bis in seinen Magen brannte und sich von dort als wohlige Wärme ausbreitete, die ihn einhüllte, wie in einen dichten warmen Kokon und ihn blind und taub und müde machte. Dann war er frei. Dann starrte er aus Augen, die ihm nicht mehr gehorchten auf eine Wand, die ihn einen Dreck interessierte und fühlte - nichts. Es war der erträglichste Zustand, den er erreichen konnte, warum konnten sie das nicht akzeptieren?

Aber das Vergessen entfernte sich mit jedem Tag weiter von ihm und wenn die Realität ihn wieder einholte, brauchte er noch mehr Alkohol für den Sprung zurück. Aber er hatte Pläne. Irgendwann, wenn der Alkohol allein nicht mehr wirkte, würden ihm die kleinen blauen Pillen helfen, die er immer bei sich trug. Niemand wusste, dass er sie hatte; er wollte keine Fragen beantworten, sich nicht rechtfertigen müssen. Immerhin war es gut zu wissen, dass er Freunde hatte, die wussten, was er brauchte.

Er hatte das Tablettendöschen schon einige Male geöffnet, aber es dann wieder zurück in seine Hosentasche gesteckt. Irgendwie scheute er vor dieser letzten Zuflucht zurück. In der Klinik hatten sie ihm anfangs genug Schmerz- und Beruhigungsmittel gegeben, um ihn in einem schmerzlosen dunklen Schwebezustand zu halten, aber irgendwann hatten sie die Medikamente reduziert und sobald er wieder einigermaßen bei sich gewesen war, hatten die Albträume angefangen. Seitdem drehte er sich in einer endlosen Spirale aus Angst und Albträumen, aus der es kein Entkommen gab. Er wollte nicht schlafen, nicht träumen, nicht schweißnass und schreiend aufwachen, aber er wollte auch nicht wach sein, weil dann die Erinnerungen kamen und die Schuldgefühle. Er wollte doch nur die Dunkelheit zurück, nichts sehen, nichts wissen, nichts fühlen und die Tabletten versprachen genau das. Aber wenn sie nicht hielten, was er sich erhoffte oder alles noch schlimmer machten? Sollte er nicht lieber gleich allem ein Ende machen? Früher oder später würde er es ohnehin tun. Warum nicht gleich?

Er tastete nach der Flasche, die griffbereit neben ihm auf dem Boden stand und nahm einen Schluck. Den Umweg über ein Glas ersparte er sich schon seit geraumer Zeit.

Schritte knallten auf dem Gang vor seinem Zimmer, schnell, hart, entschieden. Chris runzelte die Stirn. Nicht schon wieder! Hoffnung, dass die Schritte an seiner Tür vorbeigehen würden, hatte er nicht. Ins obere Stockwerk kam nur, wer zu ihm wollte.

Die Schritte stoppten, die Tür barst auf und prallte zitternd gegen die Wand. Ein weißer Lichtstreifen stach durch die Dämmerung. Chris blinzelte irritiert. Das war neu. Bis jetzt hatten sie die Tür lautlos und vorsichtig geöffnet, um ihn nicht zu erschrecken oder aufzuregen. Einen flüchtigen Blick lang sah er die schwarze Silhouette eines hochgewachsenen, schlanken Mannes im hellen Rechteck der Tür. Rafael, schoss es ihm in den Sinn, dann flammte die Deckenbeleuchtung auf.

Chris rollte sich stöhnend in einer Sesselecke zusammen und kniff die Augen zusammen, weil die Lichtstrahlen durch seine Netzhaut direkt in sein Gehirn zu schießen schienen. Wütend schleuderte er seine halbleere Flasche gegen den Eindringling. Die Flasche zerschellte weit neben der Tür an der Wand, Scherben prasselten wie Hagel auf die Steinfliesen.

„Du hast nachgelassen.“ Rafael „Viper“ Estes klang unbeeindruckt. „Das letzte Mal hast du wenigstens noch die Tür getroffen.“

Chris barg sein Gesicht noch tiefer in seinen Armen. Er war lange genug mit Rafael „Viper“ Estes befreundet, um zu wissen, dass er ihn so einfach nicht wieder loswerden würde. Rafael war ein harter Hund, einer, den man gerne an der Seite hatte, wenn es zu einer Konfrontation kam, der sich nie durch übermäßige Liebe für seine Mitmenschen hervorgetan hatte, aber seit dem Unfall schien er zu einer richtigen Glucke zu mutieren. Aber es interessierte ihn einen Dreck. Beides. Den Unterarm über die Augen gepresst würgte er ein undeutliches „raus!“, hervor.

„Keine Chance, Steel. Ich gehe erst, wenn ich hier fertig bin. Es sei denn, du findest etwas besseres, als das eben, um mich rauszuwerfen.“

Chris riskierte einen misstrauischen Blick. Rafael sah aus, wie immer, ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Jeans, die Armani auf seinen schlanken, durchtrainierten Körper gesprüht zu haben schien und Bikerboots mit Silberkappen. Seine nachtschwarzen Locken waren streng aus seiner Stirn gebürstet und mit einem Lederband im Nacken zusammengebunden, von wo aus sie ihm weit über seinen Rücken fielen. Ohne eine Miene zu verziehen begegnete er seinem Blick aus schmalen, frostgrünen Augen, nüchtern, unbewegt, bedrohlich - wie immer also. Als ob nichts geschehen wäre. Als ob nicht vor drei Monaten auch sein Leben auf den Kopf gestellt worden wäre. Vor drei Monaten waren sie Mitglieder einer der erfolgreichsten Rockbands der Welt gewesen - es schien Jahrhunderte her. Es war nur ein Wimpernschlag gewesen, eine Entscheidung zwischen Schwarz und Weiß. Schwarz hatte gewonnen. Nicht die Laune einer Schicksalsgöttin, nicht das Fallen eines Würfels in einem kosmischen Spiel hatte alle ihre Pläne, ihre Hoffnungen und ihre gesamte Zukunft zerstört, sondern er. Er und sein verdammtes Temperament, er und sein Jähzorn, dessen er nie Herr geworden war. Oh, Gott! Nicht daran denken, nicht zurücksehen, nicht die Bilder, die immer wieder gleichen, schrecklichen Bilder.

Chris schauderte, als kalter Schweiß in Rinnsalen über sein Gesicht lief. Seine Muskeln verkrampften sich und seine Hände zitterten. Er wollte nicht, dass Rafael es bemerkte. Chris verschränkte die Arme und barg seine Hände unter seinen Achseln. Aber Rafaels Auftauchen hatte die Bilder in seinem Gehirn in Gang gesetzt, den Horrorfilm, der sich seit Wochen immer und immer wieder vor seinem inneren Auge abspulte: Es war eine fröhliche Party zur Feier ihres neuen Albums gewesen. Irgendwann hatten er und Charles sich in die Wolle gekriegt. Ihr lange schwelender Konkurrenzkampf um Joan war eskaliert. Sie hatten sich angeschrieen, beschimpft und sich wilde Drohungen an den Kopf geworfen. Sie waren beide Hitzköpfe und hatten sich schon früher erbittert um Nichtigkeiten gestritten, aber sie hatten sich immer schnell beruhigt und wieder vertragen. So war es auch an jenem Abend gewesen. Gott, Charles hatte ihn sogar damit aufgezogen, dass er, Chris, zwar für vieles Preise bekommen würde, nie jedoch für seine Selbstbeherrschung. Sie hatten ein bisschen gerangelt, sich spielerisch in die Rippen geboxt und sich auf ihre Motorräder gesetzt um zu Joan zu fahren. Auf dem Weg hatten sie noch gelacht, eine dumme Wette abgeschlossen und dann.... Nein! Nicht daran denken, nicht daran, nicht jetzt!

Rafael setzte sich in den Sessel Chris gegenüber und lehnte sich zurück. Er zuckte zusammen, zog eine Grimasse und fischte hinter seinem Rücken zwei leere Flaschen hervor, die er mit spitzen Fingern zu Boden fallen ließ.

Chris fluchte. Das Klirren von Glas auf den Steinfliesen schrillte erbarmungslos in seinen Ohren. Er drückte sich tiefer in seine Sesselecke und barg sein Gesicht in seiner Armbeuge.

„Wie lange willst du noch so weitermachen?“, fragte Rafael ruhig.

Chris antwortete nicht. Er wollte Dunkelheit und Stille, er wollte allein sein und seinen Gedanken dabei zusehen, wie sie aus seinem Kopf rieselten und in der leisesten Brise davonschwebten. Wenn er Rafael lange genug ignorierte, würde er vielleicht gehen. Irgendwo musste noch eine volle Flasche sein. Er brauchte jetzt dringend einen Schluck.

Er rang mit sich, ob er warten oder der inneren Leere nachgeben und nach der Flasche suchen sollte, als ihn harte Hände ihn an den Handgelenken zerrten, bis er aufrecht saß.

„Was soll das?“ Chris blinzelte verstört, als er Rafaels Gesicht sah. Trauer hatte die gleichmütige, allzu beherrschte Maske, die immer Rafaels Markenzeichen gewesen war, von seinem Gesicht gewaschen. Seine sonst gletscherkalten Augen zeigten so tiefe Besorgnis, dass Chris sein Gesicht abwenden musste. Rafael hatte jedes Recht, wütend zu sein – auf ihn wütend zu sein, er dagegen hatte jeden Anspruch auf jedwede Besorgnis verwirkt.

„Steel, verdammt noch mal: Charles ist tot!“ Rafael sprach langsam, deutlich, wie zu einem Kind.

„Er“, sagte er betont langsam und schüttelte Chris so heftig, dass sein Kopf auf seinen Schulter herumtaumelte.

„Ist.“ Wieder ein Schütteln, noch heftiger. Chris wollte sich wehren, aber es gelang ihm noch nicht einmal, eine Hand zu heben.

„Tot!“

Klar, brutal und auf den Punkt. Euphemismen wie „er ist von uns gegangen“ existierten in Rafaels Wortschatz nicht.

Chris schluckte. Er wusste besser als jeder andere, dass Charles nicht sanft und würdevoll entschlafen, sondern jämmerlich im Straßengraben verreckt war.

Rafael seufzte. Immerhin hörte er auf, ihn zu schütteln. Aber er gab nicht auf, sondern starrte ihn an und versuchte, seinen Blick festzuhalten. Wollte er ihn hypnotisieren oder einschüchtern? Keine Chance. Oder wollte er versuchen, etwas von dem zu finden, was ihn einmal ausgemacht hatte? Oh, hier ist noch ein Rest Willen, dort ein Funken Selbstbewusstsein und ganz weit hinten eine Prise Temperament? Viel Glück beim Suchen.

Rafael versuchte es erneut: „Du kannst dich nicht ewig gegen die Wahrheit stemmen. Er ist tot und du bringst ihn nicht wieder zurück!“

Chris lachte bitter. „Meinst du, ich weiß das nicht? Ich sehe es vor mir, in jeder einzelnen, verfluchten Minute eines jeden einzelnen, verfluchten Tages. Ich sehe es wenn ich wach bin und es verfolgt mich bis in meine Träume und ich werde es noch sehen, wenn ich deswegen in der Hölle schmore. Also erzähl mir nichts von vergessen! Ich muss damit klarkommen und ich muss mich für seinen Tod verantworten. Ich, nicht du, nicht irgendwer! Also verschwinde, lass mich allein!“

„Du kannst dich wieder an den Unfall erinnern?“

Rafael beugte sich zu Chris, bis ihre Nasen sich fast berührten und zwang ihn so, seinen Augen zu begegnen. „Woran genau?“

Chris zerrte an Rafaels Griff, doch seine Handgelenke waren wie in eisernen Zwingen eingespannt. Er wand sich, zog, zerrte, doch Rafael gab nicht nach.

„Verdammt, lass mich los!“ Er wollte sich auf Rafael stürzen, ihn zum Schweigen bringen, ihn... - er wusste nicht, wie, aber er wollte es beenden, den Schmerz, die Angst, das unendliche, hilflose Warten.

Etwas blitzte in Rafaels kühlen Augen auf, Erwartung, ein Hauch von Hoffnung. „Kannst du dich erinnern? Was ist geschehen? Red mit mir.“

Chris fauchte, wie ein gefangenes Raubtier. Er wollte weg, wollte seine Hände zurück, aber er wand sich in Rafaels Griff so hilflos wie in seinen Erinnerungen.

„Ich weiß nichts“, würgte er heraus, als er keine Kraft mehr hatte. Seine Erinnerung brach irgendwann auf der Fahrt die Küstenstraße entlang abrupt ab und setzte genau so abrupt wieder in einem Gestrüpp unterhalb einer Böschung ein. Dazwischen war schwarze Leere. Er hatte keine Erinnerung an den Unfall und auch nicht daran, was unmittelbar davor geschehen war, aber es gab etwas, über das er noch zu niemandem gesprochen hatte: Die Erinnerung daran, dass Charles im Wissen gestorben war, dass er ihn getötet hatte.

„Wenn du den Quatsch aus der Presse gelesen hast, vergiss ihn gleich wieder“, unterbrach Rafael seine schweifenden Gedanken. „Du bist nicht schuld an Charles’ Tod! Lass dir das nicht einreden. In der Klinik haben sie Alkoholtests gemacht und danach hattet ihr beide an jenem Abend nichts getrunken. Das ist Fakt. Und selbst wenn es so gewesen wäre: Du fährst betrunken immer noch besser, als die meisten anderen nüchtern. Es gibt nichts, was man dir anhängen könnte. Dein Anwalt sieht es genauso. Nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen wird keine Anklage gegen dich erhoben. Es war ein Unfall.“

Chris winkte müde ab. „Wen interessiert das?“

„Mich!“ Rafael schüttelte ihn erneut. „Herrgott, wach endlich auf! Charles war auch mein Freund und ich vermisse ihn, aber ich will nicht noch einen Freund verlieren. Verstehst du mich? Ich will dich nicht auch noch verlieren! Also reiß’ dich zusammen. Dein elendes Selbstmitleid geht mir endgültig auf den Sack.“

Chris fuhr auf. Flüche, Drohungen und Beschimpfungen sprudelten aus ihm heraus, wie Blut aus einer Wunde - und Wut, unendliche, hilflose Wut.

Rafaels Mundwinkel kräuselten sich zum Hauch eines Lächelns. „Nett. Sogar ziemlich kreativ - dafür, dass du dich seit Wochen im Vollsuff befindest. Jetzt, nachdem du einigermaßen ansprechbar bist, sag mir: Denkst du nebenbei eigentlich daran, was um dich herum vorgeht? An deine Eltern, die mit ihren Nerven am Ende sind? Oder an deine Freunde, den Rest, den du nicht vergrault hast, die sich nicht trauen, einen Fuß über deine Schwelle zu setzen oder an deine Angestellten, die verheult herumlaufen, als ob du bereits tot wärst?

Chris hatte keine Wahl, er musste den Wortschwall über sich ergehen lassen, ohne Rafael Einhalt gebieten zu können. Zwar hörte er die einzelnen Worte, doch wurde er von ihrer Masse derart überschwemmt, dass ihm der Sinn immer wieder entglitt. Entschlossen klammerte er sich an den einzigen Schwachpunkt, den er glaubte, ausmachen zu können: „Wylie nicht.“

Er hatte Wylie als lebendes Inventar übernommen, als er sein Haus gekauft hatte. Seitdem hatte Wylie die Aufgaben eines Butlers, Haushälters oder Leibwächters übernommen - was gerade benötigt wurde. Derzeit bestanden Wylies Aufgaben darin, ihm Besucher vom Hals zu halten und dafür zu sorgen, dass sein Bourbon nicht ausging. Wylie tat, was er ihm auftrug so, wie er es ihm auftrug, ohne zu jammern, mitleidig zu seufzen oder gute Ratschläge zu erteilen. Falls er überhaupt zu Gefühlen fähig war, verwahrte er die in seinem Nachtschrank. Eigenartig, er hatte noch nie darüber nachgedacht, was die rundliche, stets gut gelaunte, Rosita Wylie wohl dazu bewogen hatte, mit einem Roboter vor den Altar zu treten.

Rafael holte ihn brüsk in die Wirklichkeit zurück. „Wylie ist nicht unser Thema. Wir reden über dich und darüber, dass du aus dieser stinkenden Gruft heraus musst.“

Chris hob uninteressiert eine Schulter. Seine Zuflucht war ein ungenutztes Zimmer am Ende des Korridors. Leere weiße Wände, rote Terrakottafliesen, drei Ledersessel, die nicht zusammenpassten und eine Klavierbank als Tisch, auf der Wylie die Flaschen abstellte und das Essen - mehr brauchte er nicht. Nicht mehr.

„Du musst hier raus. Also reiß’ dich endlich zusammen und krieg’ deinen Arsch hoch!“

Rafael versuchte, seinen Blick einzufangen, doch Chris hatte genug. Er schloss die Augen und ließ sich zurückfallen.

„Warum lässt du mich nicht in Ruhe, ich will nachdenken“, murmelte er.

„Du willst nachdenken?“ Rafael schüttelte ihn wieder, jetzt aber so heftig, dass sein Hals seinen taumelnden Kopf kaum halten konnte. „Ich helfe dir, dass du es auch richtig machst. Wir beide fliegen nach Hawaii. Dort sind wir unter uns: du, deine Gedanken und ich, dazu Ruhe, Sonnenschein und jede Menge frische Luft - niemand wird uns stören.“

Chris riss die Augen auf. Er wollte etwas einwenden, protestieren, schreien, doch Rafael redete ungerührt weiter. „Es ist alles vorbereitet. Du denkst nach und ich fische. Es ist höchste Zeit, dass du wieder zu dir selbst findest. Ich habe Wylie angewiesen, für dich zu packen.“

„Du kannst mich nicht zwingen“, murmelte Chris.

Rafael zeigte seine ebenmäßigen Zähne, doch das Lächeln, falls das Präsentieren der oberen Zahnreihe als solches gelten konnte, erreichte seine Augen nicht. „Nein?“

„Nein!“

Chris versuchte, Rafael wütend anzufunkeln, doch es bereitete ihm bereits außerordentliche Mühe, seinen ständig abdriftenden Blick überhaupt auf seinen Gegner zu richten.

„Nun, du hast die Wahl: Entweder wir fliegen morgen früh oder ich bleibe gleich hier und wir denken gemeinsam nach. Was denkst du: Wie lange wird es dauern, bis du freiwillig in eine Entzugsklinik gehst?“

Chris stöhnte. So betrunken konnte man nicht sein, um von Rafaels Hilfe nicht entsetzt zu sein. Rafael hatte in seinem ganzen Leben noch keine leere Drohung ausgestoßen. Drohungen, ja, aber jede einzelne war die Ankündigung seines persönlichen Armageddons gewesen. Chris überlegte krampfhaft. In seinem Schädel drehte sich alles. Gütiger Himmel, war ihm schlecht. Er ließ sich zur Seite fallen, um über die Sessellehne nach der zweiten Flasche zu sehen, doch er fand nichts, außer ein paar Glasscherben, die die Wucht des Aufpralls bis an seinen Sessel geschleudert hatte. Also kein Whiskey. Zuerst musste er Rafael loswerden, dann konnte er nachsehen, ob nicht noch in einer der anderen Flaschen ein Rest war.

Obwohl – der Vorschlag hatte etwas für sich. Zumindest entkam er so den lästigen Ratschlägen, mit denen jeder über ihn herzufallen pflegte. Allerdings hatte die Sache einen Schönheitsfehler...

„Also gut. Ich fliege - aber allein!“

Als Rafael den Mund öffnete, wehrte er den Einwand mit einem Zähnefletschen ab. „Kannst oder willst du es nicht verstehen? Ich kann niemanden ertragen. Sobald irgend jemand versucht, mich zu bemuttern, fange ich an, durchzudrehen. Ich muss über alles nachdenken, ob hier oder auf Lanis Island ist mir egal – alles ist okay, solange es keine Klinik ist. Ich komme schon klar. Aber ich will, verdammt noch mal ,kein Kindermädchen dabei haben! Falls dein Angebot auch so gilt, nehme ich es an - für eine Woche, oder so.“

So viele Worte, so viel Konzentration, viel mehr als in vielen Wochen. Erschöpft ließ Chris seinen Kopf an die Rückenlehne zurückfallen und schloss die Augen.

„Selbstverständlich gilt mein Angebot noch.“

Chris nickte müde. „Okay, dann verpiss dich, bevor ich es mir anders überlege.“

Rafael zögerte, doch dann hörte Chris ihn zur Tür gehen.

„Viper?“

Rafaels Schritte stoppten. Chris öffnete die Augen, suchte Rafaels Blick und hielt ihn fest. „Es ist mein Leben. Ich kann mich überall umbringen, egal wohin du mich verfrachtest. Du kannst es nicht verhindern.“

„Wenn es das ist, was du willst, bring’ es hinter dich. Alles ist besser, als das hier länger mit ansehen zu müssen.“

Ohne ihm Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben, wandte sich Rafael um und schloss die Tür hinter sich.

Chris starrte schockiert auf die Tür. Zum ersten Mal seit Wochen war etwas durch die Wolke aus rosa Watte, die er um sich aufgehäuft hatte, gedrungen. Dabei hatte er Rafael treffen wollen, hart treffen, ihm zusetzen, wie er ihm zugesetzt hatte, nein, mehr noch. Aber Rafael war nicht der Typ, der auch die andere Wange hinhielt. Mit zitternden Fingern strich sich Chris über sein eingefallenes Gesicht, den mehrere Tage alten Bart. Wie aus einem Traum erwachend sah er sich um.

Leere Flaschen auf dem Boden, Essensreste auf und neben dem provisorischen Tisch, Glassplitter überall. Er stank nach Schweiß und Alkohol, sein T-Shirt und seine Jeans starrten vor Dreck. Über allem stach der Alkoholdunst aus der zerschmetterten Flasche scharf in seine Nase.

„Scheiße“, murmelte er.

Zum ersten Mal seit Wochen war er wieder so weit bei Sinnen, um zu erkennen, wie weit es inzwischen mit ihm gekommen war. Er fühlte sich ausgelaugt, erschöpft und deprimiert. Die letzten Wochen waren vollständig an ihm vorbeigezogen, ohne Eindruck zu hinterlassen. Vage erinnerte er sich an das verzweifelte Gesicht seiner Mutter, die auch irgendwann hier gewesen war. Er hatte sich geweigert, mit ihr zu reden, hatte ihre Hände abgewehrt und an ihr vorbei in die Ferne gestarrt. Er wollte, er hätte ihr das nicht angetan. Aber sie würde ihn verstehen - sie hatte ihn immer verstanden. Vielleicht hatte Rafael recht, dass es so nicht weitergehen konnte. Vielleicht war es gut, dass er ihm die Entscheidung aufgezwungen hatte. Oder nicht?

Mühsam stemmte Chris sich auf die Beine und tappte mit bloßen Füßen durch den Raum. Er brauchte dringend einen Schluck, um die Spinnweben in seinem Gehirn zu vertreiben.

Er versuchte, nicht auf die herumliegenden Scherben zu treten, hatte aber genug damit zu tun, einigermaßen gerade auf die Tür zusteuern zu können. Mit viel Glück gelang es ihm, den Raum unverletzt zu verlassen. Grelles Sonnenlicht stach durch die hohen Fenster und die gläserne Decke der Halle und direkt in seine Augen. Er hielt sich am Geländer fest, um von der Galerie hinunter in die Halle zu sehen, zuckte zurück und fluchte, als ein stechender Schmerz durch seine linke Hand fuhr. Die abrupte Bewegung war zu viel; die Welt um ihn herum schwankte und er packte das Geländer erneut. Wieder jagte ein glühender Schmerz durch seine Hand bis in sein Rückgrat, aber Chris krampfte seine Finger nur noch fester um das kühle Holz. Für einen kostbaren Augenblick war der Schmerz in seiner Hand stärker als der in seiner Seele, doch viel zu schnell konnte er wieder denken und fühlen. Er löste seine Hand vom Geländer und sah wieder in die Halle hinunter. Die Sonne spiegelte sich auf dem glänzenden Mosaikboden und trieb ihm Tränen in die Augen. Die schwarz-weißen Rauten verschwammen. Er kniff die Augen zusammen, aber das Muster tanzte weiter vor seinen Augen. Chris ließ sich auf den Boden sinken, zog die Beine gegen seine Brust und legte seine Stirn auf seine Knie. Er musste den Verstand verloren haben. Gerade hatte er mit Mühe die paar Schritte bis zur Empore geschafft; wie konnte er hoffen, eine ganze Woche zu überstehen und das noch alleine? Ihm war so schwindelig, dass er hätte schreien können. Er wünschte sich eine dunkle Ecke, in der er sich auskotzen konnte, bis nichts mehr von ihm übrig war oder, besser noch, eine Mauer, gegen die er mit seinem verdammten, schmerzenden Schädel anrennen konnte, bis er vergaß, wer er war. Aber was er sich auch wünschte, es war jetzt vergeblich, weil nämlich Rafael beschlossen hatte, ihn zu retten und er würde ganz gewiss nicht vergessen, am nächsten Tag wiederzukommen.

Es war von vorn bis hinten eine beschissene Idee! Und was er jetzt davon hielt war nur ein Hauch dessen, was er davon halten würde, wenn er aufwachte und ihn ein ausgewachsener Kater in den Fängen hielt.

Kapitel 1

Faye öffnete die Augen. Vor ihren Augen erstreckte sich endloser Sand, er war überall, zwischen ihren Fingern, in ihrem Mund, in ihrer Nase und Gott allein wusste, wo sonst noch. Ihr Kopf dröhnte wie ein Flugzeugmotor und jede einzelne Stelle ihrer Haut fühlte sich an, wie mit einem Flammenwerfer geröstet.

Sie fühlte sich unendlich schwer, aber sie zwang ihre Muskeln und Knochen, zu gehorchen und stemmte sich hoch. Faye stöhnte, als ein Wahnsinniger ihren Schädel von innen mit einem Schmiedehammer bearbeitete. Jeder Schlag traf einen Nerv und jeder Nerv zersplitterte in tausende schwarzgoldener Splitter. Schmerz! Rasender, gellender rotglühender Schmerz! Faye rollte sich zusammen und presste die Hände gegen ihre Schläfen und atmete langsam und flach, bis der Schmerz abebbte. Sie öffnete die Augen und setzte sich auf. Um sie herum erstreckte sich ein jungfräulich weißer Strand und ein türkisfarbenes Meer, dessen lichtdurchflutete Wellen leise flüsternd auf dem Sand aufliefen, ganz anders, als die kleinen scharfen Wellen, die sie eben noch hatten zermürben und verschlingen wollen. Eben noch? Wie lange war das her? Hatte sie Stunden oder nur Minuten geschlafen?

Ihr erster Urlaub seit zehn Jahren und beinahe wäre es ihr letzter gewesen. Das Schlimmste war, dass alles ihre eigene Schuld war. Hätte sie die Einladung zur Party auf der „Conqueror“ doch ausgeschlagen. Susan und Jennifer wären beleidigt gewesen, na und? Sie hatten sich die ganze Woche ohne sie amüsiert und sie hätten auch an diesem Abend ohne sie Spaß gehabt. So wie sie. Sie würde sich jetzt für das Hotel-luau fertigmachen und endlich herausfinden, wie Poi schmeckte. Faye schauderte, als ein wutverzerrtes Gesicht vor ihrem geistigen Auge aufblitzte und für einen Moment die grandiose Natur verdrängte. Sie kniff die Augen zusammen. Nicht jetzt! Sie wollte nicht daran denken, was sie hinter sich hatte, nicht jetzt, wenn sie ihre gesamte Kraft benötigte, Hilfe zu bekommen. Sie hatte in ihrem Reiseführer gelesen, dass alle hawaiianischen Inseln bewohnt waren, aber das galt sicher nur für die großen wie Kauai und Maui. Jetzt musste sie herausfinden, ob das auch für die kleinen Atolle, die sie vom Sonnendeck der „Conqueror“ gesehen hatte, galt. Falls sie ein Haus fand, würde sie sicher auch ein Boot bekommen können, das sie nach Honolulu zurückbrachte. Sie fuhr mit der Zunge über ihre ausgetrockneten Lippen. Vor allem aber benötigte sie etwas zu trinken, Kokosmilch oder einfach nur Wasser – irgendetwas. Vielleicht fand sie schneller eine Quelle, als ein Haus, oder wenigstens eine Kokosnuss, eine ganz kleine... Sie schluckte. Lieber Wasser, denn obwohl sie bei einer der Touristenshows im Polinesian Cultural Center gesehen hatte, wie die Hawaiianer Kokosnüsse öffneten, traute sie sich in ihrem gegenwärtigen Zustand nicht mehr zu, als vor einer Kokosnuss zu verdursten. Welch eine Schlagzeile: ‚Touristin in inniger Umarmung mit einer Kokosnuss verdurstet’. Faye kicherte. Sie kicherte, kicherte und konnte nicht aufhören.

„Reiß dich zusammen“, flüsterte sie. „Du hast es bis hier geschafft, du schaffst auch noch den Rest!“

Nach dem Sonnenstand war es später Nachmittag, Zeit genug, eine Quelle oder ein Haus zu finden, bevor es dunkel wurde. Unter normalen Umständen hätte ihr die Schönheit der Bucht den Atem geraubt, jetzt jedoch hatte sie keinen Blick für die anmutig geschwungenen Palmen mit ihren im Sonnenlicht flirrenden Wedeln, das satte Grün der Rankpflanzen und die leuchtend bunten Blüten im dichten Grün. Die dichte Vegetation bedeutete, dass es eine Quelle gab, oder nicht? Faye quälte sich auf die Füße. Schon nach den ersten Schritten erkannte sie, dass selbst das Laufen in dem lockeren Sand ihre gesamte Kraft und Konzentration erforderte. Übelkeit und Schwindel überfielen sie in immer dichter aufeinanderfolgenden Wellen.

„Sonnenstich“, konstatierte sie nüchtern. Gut, dass sie ihre Bluse nach dem Sprung ins Wasser nicht ausgezogen hatte. Die langen Ärmel waren beim Schwimmen hinderlich gewesen, aber der weiße Stoff hatte sie vor einem schweren Sonnenbrand bewahrt. Dennoch, sie hatte bereits auf dem Schiff genug Sonne abbekommen, mehr als ihre helle Haut eigentlich vertrug und sie wusste, sie hatte gerade begonnen, dafür zu büßen. Ihr blieb nicht viel Zeit, bald würde es ihr noch schlechter gehen..

Die Pflanzen standen nicht so dicht, wie es vom Strand aus den Anschein gehabt hatte und Faye schleppte sich dankbar in den Schatten der Bäume. Bereits nach wenigen Schritten stolperte sie über eine Wurzel und fiel der Lange nach hin. Sie musste sich an einem Baumstamm hochziehen, um wieder auf die Füße zu kommen. Nicht schlappmachen! Sie biss die Zähne fest aufeinander und zwang sich, tief und gleichmäßig zu atmen, um die Übelkeit zu bekämpfen, obwohl jeder Atemzug einen heißen Stich durch ihr Gehirn jagte. Weiter! War das nicht ein Pfad? Vielleicht ein Wildwechsel. Wildwechsel führten zum Wasser. Gab es hier Tiere? Es war so still hier. Egal. Weiter, nur weiter. Linkes Bein, rechtes Bein - immer wieder, immer weiter. Zweige peitschten gegen ihre verbrannten Beine, sie spürte es kaum. All ihre Sinne waren auf Wasser gerichtet, auf ein Plätschern vielleicht, oder Spuren auf dem Boden oder, welch himmlische Vorstellung, eine Quelle.

Sie bemerkte das Haus erst, als sie schon fast davor stand. Ganz aus Holz, Glas und rauem Naturstein erbaut, fügte es sich so vollkommen in seine Umgebung ein, als sei es aus der Lava gewachsen. Ein Haus bedeutete Wasser. Faye schluckte krampfhaft. Ein Glas mit Wassertropfen beschlagen, voll mit kühlem, klaren Wasser.

Wie von einem Magneten gezogen, ging sie auf die verglaste Front des Hauses zu. Mit zitternden Händen berührte sie eine der riesigen Glasflächen und zu ihrer Überraschung glitt die Scheibe mit leisen Raunen zur Seite. Ein Schwall kühler Luft schlug ihr entgegen, tat ihrer glühenden Haut wohl.

Es dauerte einige Sekunden, bis sich ihre Augen an das Halbdunkel des Raumes angepasst hatten.

Der Wohnraum wurde von einem riesigen, schwarzen Konzertflügel beherrscht, an dem zusammengesunken, die Beine von sich gestreckt, ein Mann saß. Helles, langes Haar fiel ihm unordentlich ins Gesicht. Seine Rechte umklammerte ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Die halbleere Flasche vor ihm auf dem Flügel ließ den Schluss zu, dass es nicht der erste Drink an diesem Tag war.

Er war betrunken. Wie Rodland. Aber wo ein Haus war, musste auch noch ein anderes sein. Mit einer Familie vielleicht. Sie wusste, sie sollte gehen, aber ihr Durst war zu groß. Sie schaffte keinen weiteren Schritt. Sie räusperte sich. „Entschuldigen Sie bitte...“

Es war nur ein Wispern, aber es traf ihn wie ein Stromschlag.

Chris Delaire wandte den Kopf. Wie lange saß er schon hier? Er hatte nicht den Hauch einer Ahnung. Zeit hatte hier keine Bedeutung am Ende der Welt. Hier gab es nur ihn, diese Flasche und viele Dinge, die er gerne vergessen hätte, die aber in den schattigen Winkeln dieses Raumes lauerten, bereit, sich anzuschleichen, an ihm zu nagen.

Die Stimme! Er runzelte die Stirn und versuchte, sich zu konzentrieren. Seine Augen wollten nicht so, wie er, die Glastür war nur ein schwimmendes, helles Viereck, aber er blinzelte und zwang seine Augen, sich auf den dunklen Fleck im grellen Weiß zu konzentrieren. Zuerst vermochte er, es nicht zu glauben, doch so sehr er auch blinzelte, es änderte sich nichts. Im Türrahmen erschien ihm ein fleischgewordener Traum, eine Vision. Eine feurige Wolke umwogte eine zarte, zerbrechliche Mädchengestalt in einem durchscheinend weißen Hemdchen.

„Ein Engel.“

Erstaunt lauschte er dem Klang seiner Stimme nach, die, rau und kratzig, nicht seine eigene war.

Ob der Engel gekommen war, ihn zu holen? Gut, es war also zu Ende. Dennoch – auch nach seinem, zugegeben beschränkten religiösen Wissen, lehnten Engel nicht lasziv und in aufreizender Kleidung am Türrahmen von gerade Verblichenen. Also kein Engel! Das war auch nicht zu erwarten. Wenn ihn der Alkohol umgebracht hätte, würden eher die Schergen des Höllenfürsten bei ihm einfallen.

Lautloses Lachen schüttelte ihn. Kein Engel – also war er noch nicht tot. Ob das ein Vor- oder Nachteil war, wagte er derzeit noch nicht abzuschätzen. Doch allein der Anblick war es wert, im Moment noch am Leben zu sein.

Verdammt - jetzt hatte er nicht mitbekommen, was sie gesagt hatte. Ganz offensichtlich war er nur imstande, eines zu tun, denken oder zuhören. Unwichtig, Hauptsache sie war da. Gestern noch, oder war es schon vorgestern gewesen, hatte er geglaubt, die Anwesenheit keines Menschen mehr ertragen zu können. Doch die Stille lastete wie Blei auf ihm und ließ viel zuviel Raum für Erinnerungen, die er noch nicht, vielleicht nie, ertragen konnte.

Seine Hand krampfte sich um sein Glas. Schon wieder leer? Doch das war jetzt nicht so wichtig. Wichtig war allein sein Engel mit dem Flammenhaar.

„Ich weiß nicht, wie du hergekommen bist, aber, glaub mir, du bist hier goldrichtig. Das Badezimmer ist hinten rechts. Geh schon mal vor, ich komme gleich nach.“ Er kicherte. „Bin etwas indisponiert, verstehst du?“

Er nickte und sann dem schwierigen Wort nach, ob es auch zutreffend und passend war. Das Glas entglitt seinen schlaffen Fingern und rollte über die polierte Oberfläche des Flügels. Chris sah ihm nach. Als er wieder aufblickte, war die Erscheinung verschwunden. Völlig unberührt von dem Gedanken, sie könnte andere Pläne für den Abend haben, als ihm im Bett Gesellschaft zu leisten, sann er über diesen glücklichen Zufall nach. Es hatte ihm nie an Bettpartnerinnen gefehlt. Als Sänger einer erfolgreichen Band genoss er mehr oder weniger das Privileg der freien Auswahl. Aber eine Nacht mit einem Engel hatte er sich in seinen wildesten Fantasien nicht vorstellen können. Ein Engel ganz für ihn allein... Gedankenversunken schlug er eine Tonfolge an. Immer wieder. Vage grinsend gestand er sich ein, dass es ihm sicherlich größere Mühe bereiten würde, gerade zu gehen. Doch Klavierspielen, das schien noch zu gehen. Es ging eben nichts über eine gute Technik.

Noch einmal! Ganz langsam begann sich der Nebel in seinem Gehirn aufzulösen. Er variierte die Sequenz, langsam und suchend zunächst, dann zunehmend sicherer. Unbewusst nahm er die linke Hand, die bis jetzt tatenlos auf seinem Schenkel gelegen hatte zu Hilfe. Schon beim ersten Anschlag durchfuhr ihn ein schneidender Schmerz.

„Verdammt!“, knirschte er und hieb mit der nutzlosen Hand auf die Tasten. Die schrille Dissonanz übertönte sein Aufstöhnen. Er hatte vergessen, dass er ein Krüppel war! Mit schmerzverzerrtem Gesicht betrachtete er voller Abscheu die langen, blutroten Narben auf seinem linken Handrücken, deutliche Zeichen dafür, dass er drei seiner Finger nur noch eingeschränkt und unter Schmerzen bewegen konnte.

Er fingerte hastig nach seinem Glas und goss es erneut bis zum Rand voll. Doch - halt. Sein Engel wartete. Waren Minuten vergangen, seit sie in seiner Tür erschienen war, oder Stunden? Langsam, um seinem Schädel keine allzu heftigen Bewegungen zuzumuten, erhob er sich. Na also, es ging besser, als erwartet.

Im Badezimmer war sie nicht mehr. Hoffentlich hatte er sie nicht zu lange warten lassen. Er erschrak, als ihm aus dem Spiegel ein hohlwangiges, unrasiertes, bleiches Gespenst aus blutunterlaufenen Augen anstierte. Angewidert schloss er die Augen. Nachdem er Mengen eiskalten Wassers über seinen Kopf hatte laufen lassen, fühlte er sich etwas menschlicher.

Erwartungsvoll ging er auf die Schlafzimmertür zu. Wie sie wohl aussah? Ihre Figur hatte sich deutlich unter ihrem Hemdchen abgezeichnet, doch ihr Gesicht hatte er im Gegenlicht nicht erkennen können. Sicherlich war sie hübsch. Er lächelte. Engel waren immer hübsch.

Wo kam sie her, woher hatte sie erfahren, wo er zu finden war? Sie würde es ihm sicherlich erzählen - später fand sich sicher Zeit für ein Gespräch. Und er würde dafür sorgen, dass derjenige, der nicht dichtgehalten hatte, Probleme bekam. Obwohl - eigentlich schuldete er ihm eher einen Gefallen. Er seufzte. Für Problemlösungen war er im Moment nicht in der richtigen Verfassung. Jetzt hatte er Wichtigeres vor.

Vielleicht konnte er später sogar schlafen, ohne aus dem Schlaf hochzuschrecken, in den Ohren das Krachen und Kreischen reißenden Metalls, die entsetzten Schreie, das Gefühl zu fallen, dann der Aufprall und die Stille, diese lange, unheimliche Stille...

Er strich sich mit zitternden Fingern über die Augen. Nicht daran denken - nicht jetzt.

Die Tür zum Schlafzimmer war nur angelehnt, er stieß sie auf.

Der Raum war durch die heruntergelassenen Jalousien fast dunkel. Schmale Lichtbahnen, in denen Staubkörnchen tanzten, fanden den Weg durch die Lamellen und zeigten ihm, dass das Bett, bis auf die zerwühlten Laken, leer war. Nichts deutete darauf hin, dass sie jemals hier gewesen war. Chris ließ sich schwer auf die Bettkante sinken.

„Jetzt ist es endlich so weit - du hast dir den letzten Rest Hirn versoffen!“

Das Kinn auf die gesunde Hand gestützt, überlegte er laut: „Mit Halluzinationen soll es anfangen. Du siehst Dinge, die es nicht gibt, du sprichst mit Leuten, die nicht da sind. Verdammter Whiskey!“

Er strich sich mit beiden Händen das Haar aus dem Gesicht und zuckte zusammen, als ein scharfer Stich durch seine linke Hand fuhr.

Enttäuscht tappte er zurück ins Wohnzimmer. „Aber sie war echt!“

Als er mit bloßen Füßen in eine Whiskeylache trat, verzog er angewidert das Gesicht. Der Alkoholdunst im Raum war ihm plötzlich zuviel. Er öffnete die Schiebetür etwas weiter und stutzte. Dann verklärte ein entzücktes Lächeln sein Gesicht. „Keine Halluzinationen! Du bist noch nicht auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe!“

Auf der Scheibe und auf dem Rahmen waren rötliche Flecken; sie sahen aus wie - ja, Blut. Wenn die Naturgesetze noch in Kraft waren, und es gab eigentlich keinen Grund, dass sich die Ordnung der Dinge seit seiner Ankunft hier verändert hatte, hinterließen Träume keine Spuren.

Er würde sie suchen. Die Insel war nicht besonders groß und durch die dicht unter der Wasseroberfläche liegenden Korallenbänke war es nur an zwei Stellen möglich, mit einem Boot anzulegen.

Nach dem angenehm kühlen Innern des Hauses traf ihn die Nachmittagshitze wie ein Schlag. Er taumelte und konnte sich gerade noch am Verandageländer festhalten. Vor ihm führte ein Weg hinunter zum Anlegeplatz, doch der Steg war leer, kein Boot war zu sehen. Auch weiter draußen sah er nichts weiter als Wasser und Himmel, aber ihm blieb noch die Bucht auf der anderen Seite der Insel.

Zielstrebig folgte er dem schmalen Pfad, der auf dem kürzesten Weg zu der kleinen Bucht führte. Der Pfad mündete im feinen Sand des Strandes. Blutrot grinste ihm die Sonne entgegen. Chris kniff die Augen gegen das stechende Licht zusammen, doch so angestrengt er auch Ausschau hielt, er konnte kein Boot ausmachen. Ohne viel Hoffnung sah er sich nochmals um, dann machte er sich auf den Rückweg. Er sehnte sich nach starkem Kaffee. Vielleicht sollte er auch mal wieder etwas essen. Er seufzte enttäuscht. Wohin war sie verschwunden und warum war sie überhaupt aufgetaucht?

Er hatte bereits die Hälfte des Rückwegs geschafft, als er sie sah. Sie lag zusammengerollt im Schatten eines dichten Busches, ihre Augen waren geschlossen. Chris ließ sich vorsichtig auf die Knie nieder und legte die Hand auf ihre Schulter.

„Angel!“

Sie rührte sich nicht. Er berührte ihre Schulter, aber sie erwachte nicht. Er versuchte es erneut, lauter: „Angel, wach auf!“

Der Name passte zu ihr. In Ermangelung einer Alternative und eingedenk der Tatsache, dass sein Gehirn nach den Exzessen der vergangenen Wochen überhaupt noch zu Assoziationen in der Lage war, passte er sogar ausgezeichnet, fand er.

Jetzt musste sie nur noch aufwachen.

Beunruhigt registrierte er, dass etwas nicht stimmte. Sie reagierte nicht auf sein Rufen, auch nicht auf Schütteln oder leichtes Klopfen auf die Wangen. Chris spürte, wie Panik in ihm aufstieg.

„Ihr Puls, ich muss ihren Puls fühlen.“

Er legte zwei Finger auf ihre Halsschlagader. Etwas rasch, aber wohl nicht beängstigend. Ruhiger nun, begann er, sie auf sichtbare Verletzun­gen hin zu untersuchen, fand jedoch zu seiner unendlichen Erleichterung nichts außer einigen oberflächlichen Schnittverletzungen an ihren Händen und Sonnenbrand an ihren Beinen. Aber sie glühte vor Fieber. Er schüttelte den Kopf. Da solle doch einer die Frauen verstehen, die sich, gesegnet mit einer so wundervoll zarten, hellen Haut stundenlang in der Sonne braten ließen. Wenn sie erwachte, würde sie sich so elend fühlen, wie er.

Das Wichtigste im Moment war, sie ins Haus zu bringen. Dazu würde er sie tragen müssen, überlegte er unbehaglich. Auf Hilfe konnte er nicht zählen. Die Insel war ein Feriendomizil und er bewohnte das einzige Haus darauf. Wenn er am Tag zuvor nicht so unklug gewesen wäre, sein Mobiltelefon ins Meer zu werfen und damit alle Brücken hinter sich abzubrechen, hätte er jetzt Hilfe anfordern können. So musste er allein zurechtkommen.

In Anbetracht seiner verletzten Hand wäre es am einfachsten, sie über der Schulter zu tragen. Doch schon bei dem Gedanken, den Kopf so weit nach vorne zu beugen, dass er sie über seine Schulter legen konnte, wurde ihm schwindlig. Daran, mit der zusätzlichen Last aufzustehen, wagte er noch nicht einmal zu denken.

Vorsichtig schob er seine Arme unter ihren Nacken und ihre Kniekehlen und zog sie auf seinen Schoß. Sie reagierte immer noch nicht und lag beunruhigend schlaff in seinen Armen. Er versuchte, sie so zu fassen, dass seine verletzte Hand nicht allzu sehr belastet wurde, und stand vorsichtig auf.

Großer Gott, war ihm schwindlig. Schmerz schoss wie ein schwarzer Blitz durch seine linke Hand bis in seine Schulter und seine Fantasie gaukelte ihm platzende Nähte und reißende Metalldrähte vor. Chris zerquetschte jeden Fluch, den er jemals gehört hatte, zwischen den Zähnen, als er sich vorsichtig über den unebenen Weg zum Haus zurücktastete. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis er endlich die Stufen zur Veranda erreicht hatte.

Das Haus empfing ihn mit angenehmer Kühle und er atmete erleichtert auf - gleich war es geschafft.

Er legte seine Last auf dem Bett ab und gönnte sich wenige Atemzüge, um auszuruhen und seine verkrampften Muskeln zu lockern. Am liebsten hätte er sich ebenfalls hingelegt. Kaum zu glauben, wie sehr ihn die paar Schritte angestrengt hatten.

Er konzentrierte sich wieder auf die Frau in seinem Bett. Nun hatte er sie genau da, wo er sie hatte haben wollen, doch schien es, als entwickele sich der Abend anders, als geplant.

Er versuchte, die Fragmente von dem, was er über Krankenpflege wusste, zusammenzukratzen. Viel war es nicht, er konnte einen Kratzer verpflastern und einen Eisbeutel füllen, bei komplizierteren Fällen hatte sich immer jemand gefunden, der sich besser auskannte.

Ganz zart strich er ihr das Haar aus der Stirn, wunderschöne, wilde Locken von einem geradezu herausfordernden Rot. Kaum wahrscheinlich, dass eine solche Pracht natürlich war. Sein Blick wanderte weiter über dunkle Brauen, wie Tuschestriche auf einer japanischen Zeichnung, lange, dunkle Wimpern, eine kleine, gerade Nase und einen feingeschwungenen Mund mit einer herzförmigen Oberlippe und einer vollen Unterlippe. Ausgeprägte Wangenknochen und ein festes Kinn deuteten auf einen der Haarfarbe entsprechenden Charakter hin. Ein interessantes Gesicht, nicht klassisch schön, reizend wäre wohl der Ausdruck, den er dafür verwenden würde, eher noch pikant.

Chris seufzte und schlurfte ins Bad. Er richtete im Medikamentenschrank ein Chaos an, bis er endlich das Aspirin fand.

Es würde eine lange Nacht werden.

*

Faye erwachte mit rasenden Kopfschmerzen und staubtrockenem Mund. Mit geschlossenen Augen tastete sie nach der Wasserflasche, die sie immer auf ihrem Nachttisch stehen hatte, doch ihre Hand tastete ins Leere. Erstaunt riss sie die Augen auf - ein Fehler, denn das Morgenlicht, obwohl durch Jalousien gedämpft, schoss ihr wie ein Blitzstrahl direkt ins Gehirn.

Sie stöhnte, doch nicht nur vor Schmerz.

Sie lag in einem fremden Bett und hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie dorthin gekommen war und mit wem. Denn, dass sie nicht allein in diesem Bett lag, dafür hatte dieser eine Blick genügt. Und, wie es schien, war ihr die vergangene Nacht nicht allzu gut bekommen.

Sie rief sich zur Ordnung, atmete tief durch und öffnete die Augen langsam. Zuerst das Zimmer, es musste doch irgend etwas geben, an das sie sich erinnerte. Sie vermied einen Blick auf den Mann an ihrer Seite. Ihn würde sie sich für zuletzt aufheben. Zuviel auf einmal konnte sie jetzt wirklich nicht ertragen.

Die Wände waren in verschiedenen Grünschattierungen gestrichen und mit Gräsern und Ranken bemalt. Eine Seite des Raumes war vom Boden bis zur Decke verglast, doch die Lamellen einer Jalousie versperrten die Sicht nach draußen. Das Bett, in dem sie lag, eine schwere, geschnitzte Truhe aus dunklem Holz und mehrere kleine Tischchen aus dunklem Rattan waren das einzige Mobiliar, doch nichts löste eine Erinnerung bei ihr aus. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Aufgrund der Tatsache, dass jeder Gedanke wie ein Kiesel in ihrem Kopf umher rollte und schmerzhaft überall anstieß, verspürte sie auch keine Lust, weiter darüber nachzudenken.

Seufzend drehte sie sich zur Seite, um sich den Mann näher zu betrachten, mit dem sie offensichtlich die Nacht verbracht hatte.

Er trug eine verblichene, nachlässig oberhalb der Knie abgeschnittene Jeans, sein Oberkörper war nackt. Und er war tätowiert! Eine handgroße Tätowierung unterhalb seines rechten Schlüsselbeins zeigte einen Panther und auf seinem linken Unterarm, der über seinem halb abgewandten Gesicht lag, prangte ein Dolch. Lange, hellgoldene Haarsträhnen flossen über sein zerknautschtes Kissen und bedeckten auch einen Teil seines Gesichts.

Eigentlich kein Mann, den man leicht vergaß. Aber auch kein Mann, mit dem sie sich üblicherweise abgegeben hätte. Sie bevorzugte, nun ja, mehr zivilisierte Männer. Die Sache war ihr ein Rätsel.

Sie sollte ihn wecken, aber sie scheute davor zurück. Was konnte sie sagen? „Guten Morgen, es tut mir leid, aber ich habe deinen Namen vergessen?“, oder das klassische „Wo bin ich, was ist passiert?“

Trotzdem, sie musste es hinter sich bringen, je schneller, um so besser. Zögernd streckte sie eine Hand aus, um ihn an der Schulter zu berühren, vorsichtig, wie sie es auch bei einem Hund getan hätte, von dem sie nicht sicher war, ob er gefährlich war, als ihr mit eisiger Deutlichkeit klar wurde, woher sie den Mann kannte. Dieses helle Haar! Es hätte ihr sofort auffallen müssen.

Sie lag bei diesem völlig betrunkenen Menschen im Bett, den sie gestern um Hilfe gebeten hatte.

Sie musste weg! Langsam setzte sie sich auf, die reglose Gestalt neben sich misstrauisch im Auge behaltend. Jeder ihrer Muskeln schrie vor Schmerz, ihr rechtes Bein brannte wie Feuer und in ihrem Kopf tobte der Dritte Weltkrieg. Vorsichtig befreite sie ihre Beine aus dem zimtfarbenen Laken, in dem sie sich irgendwie verfangen hatten, als eine Bewegung an ihrer Seite sie erstarren ließ. Er war wach, er beobachtete sie.

Zögernd wandte sie den Kopf und blickte direkt in die blauesten Augen, die sie jemals gesehen hatte. Sie benötigte nur eine Sekunde, um den Rest des ungemein attraktiven Gesichts zu erfassen, die geschwungenen Augenbrauen, die kräftige, gerade Nase, die hoch angesetzten Wangenknochen und den perfekt geschnittenen Mund.

„Herr der Finsternis!“, entfuhr es ihr.

In den verschleierten blauen Augen glomm ein Funken Amüsement. „Keine Titel, einfach nur Chris“, flüsterte er, „aber sprich um Himmels Willen leise!“

Faye vergaß, ihren Mund wieder zu schließen. Sie war fassungslos. Der Mann neben ihr war Chris Delaire! Der Chris Delaire! Hades persönlich!

Gott allein wusste, wie viele Frauen Jahre ihres Lebens dafür geopfert hätten, jetzt an ihrer Stelle sein zu können. Sie dagegen würde das zweifelhafte Privileg nur zu gerne abtreten. Wie um alles in der Welt war sie in dieses Bett gekommen? Was hatte sie getan?

„Das überlebe ich nicht!“, stöhnte sie und ließ ihren gemarterten Kopf auf die angezogenen Knie sinken. Ihr Haar fiel wie ein dichter Vorhang über ihr Gesicht und bot ihr zumindest vorübergehend ein Versteck.

„Wieso nicht?“

Er klang erstaunt, fast ein wenig beleidigt. Wahrscheinlich war er andere Reaktionen gewohnt.

Faye atmete einmal tief ein und hob dann den Kopf. „Ich verstehe das alles nicht“, flüsterte sie. „Warum bin ich hier? Wieso weiß ich nicht mehr, wie ich hierher gekommen bin? Mein Kopf schmerzt, dass ich nicht denken kann. Kann ich ein Glas Wasser haben und vielleicht ein Schmerzmittel?“

Widerwillig gestand die ihm zu, dass er verknautscht und verkatert immer noch phantastisch aussah. Doch sie durfte sich jetzt nicht ablenken lassen. Sie musste wieder einen klaren Kopf bekommen, um so schnell wie möglich aus diesem Schlamassel herauszukommen.

„Kein Problem, Angel.“ Chris nickte und griff sich mit einer Grimasse an die Stirn. „Was hältst du von schwarzem Kaffee und einer kühlen Dusche?“ Zuvorkommend wies er auf die Tür rechts neben dem Bett. „Ladies first.“

Faye hatte gegen die Befriedigung ihrer zunächst dringendsten Bedürfnisse nichts einzuwenden. Nur eines bedurfte zuvor noch einer Klärung:

„Faye. Mein Name ist Faye.“

Sie hatte es noch nicht ausgesprochen, als schlagartig die Erinnerung an die letzte Nacht, zumindest in Bruchteilen, zurückkehrte. Diese sanfte Stimme, die sie beharrlich Angel nannte, kühle Hände auf ihrer Stirn, starke Arme, die sie hielten, wenn das Meer sie wieder zu verschlingen drohte, das war Chris Delaire gewesen. Ein völlig Fremder hatte sie in einem Zustand erlebt, der ihr selbst im Nachhinein entsetzlich peinlich war. Sie musste sich bei ihm bedanken, doch bevor sie das tat musste sie wieder zu sich selbst finden.

Sie vermied es, ihn nochmals anzusehen und rannte ins Bad. Meist vermied sie einen Blick in den Spiegel, bevor sie ihre Morgendusche hinter sich hatte. Heute jedoch, mit einem riesigen Spiegel an ungewohnter Stelle, traf sie der Anblick unvorbereitet. Gütiger Himmel! Ihr Haar loderte wie ein außer Kontrolle geratenes Buschfeuer um ihr Gesicht. Sie hatte Kratzer im Gesicht und ihre Haut war so bleich, dass sie fast grün aussah.

Sie genoss das kühle Wasser mit geschlossenen Augen. Es war so angenehm, dass sie die Dusche am liebsten nie wieder verlassen hätte. Doch die Vernunft riet ihr, die Wasservorräte ihres Gastgebers nicht allzu sehr in Anspruch zu nehmen.

Es widerstrebte ihr, die Bluse, die nach den Strapazen des letzten Tages mehr Ähnlichkeit mit einem Putzlappen, als mit einem Kleidungsstück hatte, wieder anzuziehen und lieh sich einen schwarzen Seidenkimono von einem Haken hinter der Tür.

Chris lehnte in der kleinen Küche am Kühlschrank und trank langsam, mit geschlossenen Augen, ein Glas Orangensaft. Der Duft frisch gebrühten Kaffees stieg Faye unangenehm in die Nase. Im Moment wusste sie noch nicht, ob sie auch nur einen Schluck würde bei sich behalten können.

Als Chris ihre Schritte hörte, öffnete er die Augen und wies mit dem Kinn auf den Tisch, auf dem neben Orangensaft in einem großen, mit Wasserperlen beschlagenen Glaskrug auch ein Jahresvorrat Aspirin standen und verschwand ohne ein Wort in Richtung Bad.

Faye war froh, sich setzen zu können. Ihre Knie zitterten erbärmlich und sie musste ihr Glas mit beiden Händen zum Mund führen, weil ihre überanstrengten Muskeln ihr den Dienst verweigerten. Mit geschlossenen Augen verfolgte sie den Weg der eiskalten Flüssigkeit durch ihre ausgedörrte Kehle. Sie schluckte zwei Aspirin, aber bei starken Schmerzen konnten ein paar Tabletten mehr wohl nicht schaden.

Sie schluckte zwei weitere, dann drückte sie das kühle Glas an ihre Stirn und wartete, dass der Mann mit dem Vorschlaghammer endlich Feierabend machte. Die Tabletten hatten die Durchschlagskraft von lauwarmem Tee. Noch immer spürte jeden Pulsschlag wie einen Hammerschlag. Kurz entschlossen schüttete sie weitere Tabletten in ihre Hand und schluckte sie, unterstützt von einem Glas Saft, auf einmal herunter.

Chris hatte seine Toilette in Rekordzeit beendet. Faye öffnete die Augen, als er eine Tasse Kaffee vor sie auf den Tisch stellte und sich dann ihr gegenüber niederließ. Seine Augen blickten wieder völlig klar. Anscheinend gehörte er zu den glücklichen Menschen, die sich nach einer durchzechten Nacht einfach den Finger in den Hals stecken mussten, um sich wieder besser zu fühlen.

Er hatte sich umgezogen, das hieß, er hatte sich überhaupt angezogen. Ein schwarzes, ärmelloses T-Shirt betonte das Blond seiner Haare, die jetzt, nachlässig mit einem Band im Nacken gebändigt, ungehemmten Blick auf sein ungemein attraktives, wenn auch erschreckend bleiches, Gesicht freigaben.

Dankbar trank sie den heißen Kaffee. Die Tabletten hatten ihre Arbeit aufgenommen, das Dröhnen war auf ein Denken und Reden zulassendes Maß herabgesunken.

Chris hatte seine Tasse abgestellt und ließ seinen nachdenklichen Blick von Faye zu dem Tablettenglas wandern.

„Wie viele von den Dingern hast du geschluckt? Das Glas war halb voll.“ Unauffällig entfernte er es aus ihrer Reichweite.

Faye hob eine Schulter. „Nicht genug.“

Chris seufzte. „Wunderbar, ein Säufer und ein Junkie - eine erstklassige Kombination.

„Blödsinn, ich bin kein Junkie! Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass du nicht genug davon hast. Ich werde sie dir so schnell wie möglich ersetzen. Und ich möchte bei dir bedanken. Du hast mir wahrscheinlich das Leben gerettet.“

Er schnaubte. „Nicht wahrscheinlich, Angel. Ganz gewiss.“

An übermäßiger Bescheidenheit litt Chris Delaire offensichtlich nicht.

„Faye“, verbesserte sie müde. „Ich danke dir, dass du mir bestimmt das Leben gerettet hast.“ Ihr war im Moment ganz und gar nicht nach Wortspielereien zumute. „Wenn ich dein Telefon benutzen kann, verschwinde ich umgehend.“

„Hier gibt es kein Telefon.“

Verunsichert bemerkte sie, dass der Mann, der sie die ganze Nacht hingebungsvoll gepflegt hatte, sie nun mit lauernder Wachsamkeit beobachtete.

„Aber ich muss zurück nach Honolulu. Könntest du mich zurückbringen?“

„Ich habe kein Boot und da mein Telefon einem bedauerlichen... “, er zögerte, es schien Faye fast wie eine Kunstpause, „...Unfall zum Opfer gefallen ist, kann ich auch keines anfordern. Das nächste Boot legt am Samstag an. Bis dahin, meine entzückende Meerjungfrau, werden wir uns auf dieser wunderschönen Insel Gesellschaft leisten.“

Faye entfuhr ein Laut, halb Stöhnen, halb Schluchzen. „Das sind noch sechs Tage! Meine Bekannten haben sicher schon die Polizei alarmiert. Sie haben doch keine Ahnung, wo ich bin.“

Warum nur musste das Leben so kompliziert sein? Warum konnte es nicht langweilig und vorhersehbar sein? Veränderungen beunruhigten sie, machten ihr Angst. Genau wie dieser Mann, in dessen Küche sie saß. Er beobachtete sie mit zusammengekniffenen Augenwinkeln, seine angespannte Haltung drückte eine nur mühsam kontrollierte Aggression aus, die jeden Moment ausbrechen konnte.

„Und jetzt erzählst du mir, wie du herausgefunden hast, wo du mich findest!“

Obwohl er immer noch sehr leise sprach, knallte die Frage wie ein Peitschenschlag durch den Raum.

„Wer weiß es noch? Wie bist du auf die Insel gekommen?“

Während er seine Fragen abschoss, ließ er ihr Gesicht nicht aus den Augen. Faye schnappte entrüstet nach Luft. Dieser eingebildete Kerl! Dachte er etwa, sie sei hinter ihm her? Sie sollte ihm seinen Kaffee zurückgeben – mitten ins Gesicht! Noch besser wären die Abdrücke ihrer Hand auf seiner Wange. So ungeheuer verlockend die Vorstellung auch war, sie war einfach zu müde für eine Auseinandersetzung.

„Ich hatte keine Ahnung. Ganz ehrlich, ich wäre lieber an jedem anderen Ort der Welt, als ausgerechnet hier.“

Als sie erhob, musste sie sich an der Tischkante festhalten, weil der Raum um sie herum zu schwanken begann, doch sie hatte wenigstens ihre Stimme so weit unter Kontrolle, dass sie nicht zitterte. „Vielen Dank für deine Gastfreundschaft, auch wenn sie unfreiwillig war. Ich gehe und vergesse, dass ich dich jemals gesehen habe.“

„Bleib!“ Er hob beide Hände und lächelte.

Als sie nur trotzig das Kinn hob, murmelte er: „Bitte. Es ist eine Berufskrankheit, überall sehe ich nur Presse.“

Er erhob sich geschmeidig und verstellte ihr den Weg. „Warum schließen wir nicht einen Waffenstillstand?“

Mit einem entschuldigenden Lächeln sah er auf sie herab. In dieser winzigen Puppenküche hätte sie ihn beiseite schieben müssen, um zur Tür zu gelangen.

Sie starrte eisig zurück, obwohl sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Sie wollte ihn anschreien, er könne sich mitsamt seinem Waffenstillstand ins Meer scheren, aber als sie den Mund öffnete, legte er sanft seinen Zeigefinger auf ihre Lippen.

„Du brauchst Ruhe. Ich verspreche dir, dich nicht zu stören. Heute abend sind wir eher in der Lage, ein zivilisiertes Gespräch zu führen.“

Faye fand es schwer, jemandem etwas abzuschlagen, der nicht nur logische Argumente auf seiner Seite, sondern auch das faszinierendste Lächeln hatte, das sie jemals gesehen hatte. Sie, die bisher felsenfest davon überzeugt gewesen war, gegen männliche Schönheit absolut immun zu sein, kapitulierte vor dem samtenen Blick seiner dunkelblauen Augen, dem, das war ihr klar, schon viele Frauen zum Opfer gefallen war.

„Also gut“, gab sie nach. Im Grunde war sie heilfroh, dass er ihr eine Lösung bot, die ihr erlaubte, ihr Gesicht zu wahren. Sie hätte nicht gewusst, wohin sie sich hätte wenden können, war im Moment gar nicht in der Lage, mehr als ein paar Schritte zu gehen. Am Abend konnte sie weiter sehen. Bis dahin war sie sicher auch in der Lage, eine Diskussion mit ihm durchzustehen.

„Braves Mädchen“, lobte er zufrieden. „Komm!“

Er umfasste ihre Schultern und führte sie durchs Wohnzimmer. Faye sträubte sich. Wohin führte er sie? War ihr etwas entgangen? Das war gut möglich; ihr Kopf schien in eine weiche graue Wolke gehüllt zu sein, die den Schmerz auf ein dumpfes Schlagen reduzierte, doch auch ihre Gedanken erreichten sie nur gedämpft. Es konnte gut sein, dass auf dem Weg durch diese Wolke etwas verlorengegangen war.

„Keine Panik! Auf der Veranda ist es angenehmer, als im Haus. Sie liegt den ganzen Tag im Schatten.“

Er führte sie zu einer breiten, in kräftigen Gelb- und Orangetönen gewebten Hängematte.

„Setz dich, ich halte sie fest“, forderte er sie auf. Faye setzte sich vorsichtig auf den Rand, legte sich zurück und schwang die Beine nach. Wie ein schützender Arm schmiegte sich das Tuch um sie. Faye seufzte erleichtert und schloss die Augen.

„Ich bin im Himmel!“

Faye, die erleichtert am leisen Knarren der Holzdielen bemerkte, dass Chris die Veranda verließ, öffnete ein Auge, um sicherzugehen, dass er sie auch wirklich allein ließ. Sie verfolgte seinen Weg zum Anlegesteg, sah zu, wie er sein T-Shirt abstreifte und achtlos auf die Planken fallen ließ. Seine Jeans folgte. Einen Moment stand er da, wie Gott ihn geschaffen hatte, dann verschwand er mit einem eleganten Kopfsprung in den Wellen.

Faye registrierte, dass sie nicht nur auch das andere Auge geöffnet, sondern sich auch aufgerichtet hatte. Chris Delaire bot einen Anblick, der es wert war, genossen zu werden. Zum Glück hatte er nicht bemerkt, dass sie ihn beobachtet hatte. Wie peinlich, wenn er zur Veranda zurückgesehen hätte. Faye gestand sich ein, dass sie tatsächlich jede Sekunde genossen hatte. Anscheinend war sie auf dem Weg der Besserung.

*

Faye saß auf den Stufen der Veranda und hackte verbissen mit der Bürste, die sie im Bad gefunden hatte, auf ihre verfilzte Mähne ein. Immer wieder verfing sich die Bürste in einem Gewirr aus Knoten und sie musste alles mühsam mit den Fingern entwirren.

„Lass mich das machen.“

Erschrocken fuhr Faye auf. Sorgsam zog sie den Ausschnitt des Kimonos zusammen. Seit dem Morgen hatte sie Chris nicht mehr zu Gesicht bekommen. Den größten Teil des Tages hatte sie verschlafen und in den wenigen Minuten, in denen sie wach gewesen war, hatte sie nur Interesse an der Wasserflasche neben der Hängematte gehabt. Nun war er also wieder aufgetaucht. Seinem Gesicht war nicht anzusehen, in welcher Stimmung er sich im Moment befand. Aber da sie mit der Einschätzung ihrer Mitmenschen in der letzten Zeit weit daneben gelegen hatte, war Vorsicht wohl der bessere Teil der Tapferkeit.

Er hatte sie erreicht und streckte seine Hand auffordernd nach der Haarbürste aus.

„Ich kann das nicht mit ansehen“, sagte er mit einem leisen Lächeln, das wohl beruhigend wirken sollte, seine Wirkung jedoch völlig verfehlte.

Sie sah auf seine ausgestreckte Hand, dann in sein Gesicht. Sie zögerte.

„Du musst keine Angst haben. Kleine Mädchen vergewaltige ich nur Mittwochs“, spöttelte er.

„Und was ist mit den großen Mädchen?“

Chris' Lächeln wurde breiter. „Die sind Donnerstags dran. Heute ist aber Montag. Montags bin ich ganz friedlich.“ Er schmunzelte. „Ich bin sogar nüchtern, falls dich das beruhigt.“

Wenn das nicht die beruhigendste Nachricht seit Langem war. Er schien tatsächlich nüchtern zu sein. Außerdem, falls er ihr etwas antun wollte, wäre sie in ihrem derzeitigen Zustand ohnehin nicht imstande, es zu verhindern. Sie reichte ihm die Bürste. Ihre Hand zitterte, die Überanstrengung des Vortages machte sich bemerkbar und gerade ihr rechter Arm, den Rodland brutal verdreht hatte, tat höllisch weh und sie hatte kaum die Kraft, ihn zu heben. Hoffentlich dachte Chris jetzt nicht, dass sie Angst vor ihm hatte; das hatte sie absolut nicht, jedenfalls nicht mehr soviel, wie am Morgen, und viel weniger, als am Tag vorher.

„Setz dich!“

Chris ließ sich auf der obersten Verandastufe nieder und wies mit dem Kinn auf die Stufe unter sich. Faye war froh, wieder sitzen zu können. Aufatmend streckte sie die Beine von sich und wickelte sich fester in die schwarze Seide ihres Kimonos. Mit gleichmäßigen Strichen zog Chris die Bürste durch Fayes Haar. Geduldig teilte er Strähne um Strähne, entwirrte Knoten und entfernte sorgfältig die Andenken an die Flora der Insel aus ihrem Haar, bis es wie ein Gespinst aus glühender Lava um ihre Schultern wogte. Faye ließ es mit geschlossenen Augen über sich ergehen. Chris hatte Erfahrung damit; es gab sicher viele Frauen, die ihm gerne Gelegenheit zum Üben gegeben hatten.

„Du hast wundervolles Haar, Angel, es fühlt sich an wie lebendiges Feuer“, raunte er an ihrem Ohr. „Es hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Wenn wir uns lieben, wird es Funken sprühen.“

Als er die Bürste auf die Stufe neben sich legte und mit gespreizten Fingern durch ihre Locken fuhr, sprang Faye eilig auf.

„Vergiss es!“

Eilig flocht sie ihr Haar zu einem strengen Zopf. „Ich bin dir zwar dankbar - so dankbar aber nicht!“

Chris lächelte milde. „Ich dachte nicht an Dankbarkeit, sondern an Bestimmung.“

Faye stieß verächtlich die Luft durch die Nase aus.

Chris schmunzelte. „Denk' doch einmal darüber nach: Eine tropische Insel, ein sehr einsamer, verzweifelter Mann, eine schöne Frau - das ist der Stoff für die ganz großen Liebesgeschichten – ein Traum, der Realität wird.“

Chris machte keinen einsamen oder verzweifelten Eindruck und sie war im Moment die einzig verfügbare Frau und ihm wurde die Zeit wohl doch lang. Selbst schuld, hätte er sich sein Appetithäppchen doch einfach mitbringen können. Ein Mann, der Sex lediglich als gymnastische Übung betrachtete, stand auf der Liste der wichtigen Dinge in ihrem Leben an letzter Stelle. Es war zwar allein seine Angelegenheit, was er so trieb - solange es allein seine blieb. Sex war ganz nett aber nett war nur eine freundliche Umschreibung für überflüssig. Man konnte nicht siebenundzwanzig Jahre alt werden, ohne Erfahrungen gesammelt zu haben, aber es war nicht schwer, ohne Sex auszukommen. Ganz sicher würde sie ihm aber gerade das nicht auf die Nase binden. Chris war genau der Mann, der alles daransetzen würde, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

„Träum' weiter“, beschied sie ihm kühl.

Sein Gesicht verschloss sich.„Besser nicht!“

Er erhob sich abrupt und ging ins Haus. „Es ist Zeit zum Abendessen. Vielleicht bist du mit vollem Magen zugänglicher.“

„Unwahrscheinlich!“

Trotzdem folgte sie ihm. Chris hatte recht, sie musste essen, um wieder zu Kräften zu kommen.

Sie ließ sich auf den Stuhl sinken, auf dem sie schon am Morgen gesessen hatte, schob die benutzte Kaffeetasse beiseite und sah mit auf die Arme gestütztem Kinn zu, wie Chris Mangos und eine Ananas zerteilte, Käse schnitt und ein Baguette in der Mikrowelle auftaute. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er seine linke Hand schonte. Etwas war da gewesen... ja, jetzt erinnerte sie sich: Ein Unfall. Chris hatte einen Motorradunfall verursacht, bei dem sein Freund starb und er schwer verletzt wurde.

Chris stellte Brot, Obst und Käse auf den Tisch, dazu einen Krug mit Wasser und einen mit Orangensaft, dann setzte er sich zu ihr. Falls er ihren Blick auf die blutroten Narben auf seinem Handrücken bemerkte, ging er nicht darauf ein.

„Greif zu. Ich bin kein Könner in der Küche, aber für ein Abendessen reicht’s.“

Faye nahm sich Brot und Obst, den Käse wies sie mit einer Grimasse zurück. Sie hatte keinen Appetit, aber sie zwang sich, die Mangostückchen zu essen. Während sie ein Stück Brot auf ihrem Teller zerkrümelte, beobachtete sie Chris, der lustlos an einem Stück Käse kaute und mit seinen Gedanken anscheinend weit weg war. Ihr fiel erst jetzt auf, dass er nicht in viel besserem Zustand sein konnte, als sie. Seine Hände waren unruhig, unter seinen Augen lagen tiefe Schatten und er sah so erschöpft aus, wie sie sich fühlte.

Sie beendeten ihre Mahlzeit in absolutem Schweigen, jeder in seinen eigenen Gedanken gefangen. Endlich sah er auf.

„Fertig? Ab morgen kannst du dich um unsere Mahlzeiten kümmern.“

Faye zog eine Grimasse. Warum dachten Männer immer, alle Frauen könnten kochen? Glaubten sie, dass es bereits im Erbgut verankert war? Das, was Chris aufgetischt hatte, war genau das, was auch die hinbekommen hätte. Zugegeben, ein Mikrowellengericht auftauen oder ein Sandwich belegen überstieg ihre Fähigkeiten auch nicht, aber einen Orden würde sie für ihre Kochkünste nie bekommen.

„Ich werde mein Möglichstes tun“, seufzte sie. Wie wenig das war, würde er schnell herausfinden.

„Wie wäre es, wenn du mir jetzt erzählst, wie du hierher gekommen bist?“

Chris lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah sie auffordernd an. Er wirkte entspannt, die Beine ausgestreckt, einen Arm hinter seiner Stuhllehne hängend, den anderen gegen den Tisch gestemmt - soweit man bei einem Raubtier von Entspannung reden konnte.

Faye lächelte verlegen. „Es ist schwer, es zuzugeben, aber ich bin hier, weil ich ein dummer, einfältiger Idiot bin.“ Nachdenklich fuhr sie mit dem Zeigefinger auf dem Rand ihres Glases entlang. Es war so peinlich, zugeben zu müssen, wie erschreckend naiv eine erwachse­ne Frau sein konnte. Sie gab sich einen Ruck und hob ihren Blick.

„Ich sollte eigentlich nicht hier sein, nicht auf dieser Insel, überhaupt nicht auf Hawaii. Eigentlich hatte meine Freundin Kim mit zwei Kolleginnen diesen Urlaub gebucht, aber sie konnte wegen eines wichtigen Geschäftstermins nicht fliegen und hat mir den Urlaub geschenkt. Heute wollten wir zurückfliegen. Susan und Jennifer, Kims Kolleginnen, hielten nichts von meiner Art, Urlaub zu machen. Für sie sind Museen und Landschaft etwas für alte Leute und deshalb wollten sie mir wenigstens am letzten Urlaubstag einmal zeigen, was Hawaii einer richtigen Frau zu bieten hat. Sie nahmen mich auf die Yacht eines Mannes mit, den sie hier kennengelernt hatten. Ich hatte Bedenken, aber ich wollte nicht unhöflich sein. Die beiden waren so erpicht darauf, mir etwas Außergewöhnliches zu bieten. Das war Fehler Nummer eins.“

Faye zog die Beine auf die Sitzfläche, legte die Arme darum und stützte das Kinn auf die angezogenen Knie. Versonnen kaute sie auf ihrer Unterlippe, dann seufzte sie tief und fuhr fort: „Ich merkte schnell, dass die Yachtparty nichts für mich war, aber da hatten wir bereits abgelegt. Ich mache mir nichts aus Champagner und noch weniger aus Drogen und der Gedanke, mich von einem Möchtegern-Playboy übers Deck jagen zu lassen, macht mich auch nicht an. Dann machte ich Fehler Nummer zwei: Ich dachte, wenn ich mir ein ruhiges Eckchen suche, könne ich ungestört das Ende der Fahrt abwarten. Ich hätte wissen müssen, dass man sich besser in der Menge versteckt.“

„Wirklich?“ Chris musterte sie mit erhobenen Brauen von Kopf bis Fuß, aber er sagte nichts weiter und bedeutete ihr, fortzufahren.

„Ich hatte es mir auf einer Liege auf dem unteren Sonnendeck bequem gemacht. Die anderen Gäste waren zum Essen unter Deck; ich hatte keine Lust auf noch mehr Champagner und Smalltalk und blieb wo ich war. Ich war noch nie so weit draußen auf dem Meer gewesen und es gab jede Menge zu sehen. Ich hätte es noch eine ganze Weile allein aushalten können, aber dann kam unser Gastgeber zu mir.“

Faye sah betreten vor sich auf den Tisch, ihr war klar, wie dumm ihr Verhalten einem Außenstehenden vorkommen musste. Jetzt, im Nachhinein, wusste sie auch, dass sie, hätte sie ihrem ersten Impuls nachgegeben, jetzt in ihrer gemütlichen kleinen Wohnung sitzen und Kim von ihrem Urlaub vorschwärmen könnte.

„Er war überzeugt davon, dass ich nur auf ihn gewartet habe. Nein existierte nicht in seinem Wortschatz. Vielleicht dachte er auch nur, dass ich die Sache interessanter machen wollte – ich weiß es nicht, er gab mir auch keine Gelegenheit, es herauszufinden. Er hatte getrunken und wahrscheinlich auch Drogen genommen, er war einfach nicht mehr ansprechbar. Er wurde brutal, wollte seinen Spaß haben. Ich geriet in Panik und versuchte, wegzulaufen. Damit erhöhte ich wohl den Reiz für ihn. Und wie er es genoss.“ Sie schauderte. „Ich hätte schreien sollen oder gelangweilt reagieren, aber ich tat beides nicht. Ich hatte auf nüchternen Magen Champagner getrunken und der war mir sofort in den Kopf gestiegen. Gefrühstückt hatte ich nicht, weil ich nicht wusste, ob ich seekrank würde. Wäre ich doch seekrank geworden!.“

Faye seufzte. „Er jagte mich also übers Deck und als ich keinen Ausweg mehr sah, sprang ich über Bord.“

Chris starrte sie so ungläubig an, dass Faye gelacht hätte, wäre ihr die ganze Geschichte nicht so ungeheuer peinlich gewesen. „Es blieb mir keine Wahl. Ich konnte nicht nachgeben, er wollte nicht. Als er versuchte, mich zu küssen, biss ich ihn und er drehte durch. Er schlug mir ins Gesicht und verdrehte mir den Arm auf den Rücken. Dann wollte er, dass ich ... nun ja ... Abbitte leistete ... auf Knien. Du verstehst?“

Chris nickte und Faye war dankbar, dass sie nicht in die widerlichen Details gehen musste. „Ich rammte ihm den Handballen unter die Nase. In diesem Moment dachte ich wirklich, Rodland bringt mich um.“

„Clive Rodland?“

„Du kennst ihn?“, fragte sie misstrauisch und rückte ein Stück vom Tisch ab.

„Kennen? Nein. Aber gehört habe ich von ihm, so wie jeder, der ab und zu mal eine Zeitung aufschlägt. Frauengeschichten, Alkohol, Drogen, Gewalt – jede Woche ein neuer Skandal. Und wenn ’s brennt rennt er zu Papi und lässt sich rausboxen.“

Sie seufzte erneut. „Ich hoffe nur, dass er genug getrunken oder geschnupft oder was auch immer genommen hat, um zu vergessen, dass ich existiere. Wenn nicht, oh Gott, ich wage nicht, es mir auszumalen.“

Sie atmete tief ein, erleichtert, die Angelegenheit nun fast hinter sich zu haben. Es war wirklich sehr peinlich, vor einem Fremden die eigenen Fehler ausbreiten zu müssen.

„Viel mehr gibt es nicht zu erzählen. Ich bin eine gute Schwimmerin und war sicher, diese Insel leicht erreichen zu können, doch ich hatte mich wohl in der Entfernung verschätzt. Als ich endlich den Strand erreicht hatte, fehlte mir die Kraft, mich in den Schatten zu legen. Ich bin eingeschlafen und ich weiß nicht, wie lange, doch es reichte für die schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens. Auf der Suche nach Wasser kam ich zu deinem Haus. Ich wollte nur ein Glas Wasser, doch als du sagtest, ich solle, ich meine, du wolltest...“

Faye verhaspelte sich hoffnungslos und brach verlegen ab. Sie zuckte hilflos mit den Schultern und fuhr fort: „ Ich dachte, ich käme vom Regen in die Traufe, also wollte ich ein anderes Haus suchen. Dann weiß ich nur noch, dass ich mich ausruhen wollte, das nächste, an das ich mich erinnere, ist der Moment, als ich in deinem Bett aufwachte.“

„Das klingt alles sehr unwahrscheinlich. Was hättest du getan, wenn die Insel unbewohnt gewesen wäre? Weißt du, wie viele dieser kleinen Inseln es hier gibt?“

Faye sah betreten auf ihre Hände. Chris fuhr fort, er schien nicht wirklich eine Antwort erwartet zu haben: „Die meisten sind unbewohnt und haben keine Quellen. Du hättest ewig festsitzen können, bis zufällig ein Schiff vorbeifährt, von Verhungern und Verdursten will ich gar nicht reden.“

„Denkst du wirklich, ich hätte mir das nicht schon alles selbst gesagt? Aber Susan und Jennifer werden mich vermissen und mein Verschwinden bei der Polizei melden. Ich hoffe darauf, dass sie mich suchen. Schließlich hat die Polizei auch Boote.“

Chris seufzte gereizt. „Bist du wirklich so naiv?“

Auf ihren ratlosen Blick erklärte er kopfschüttelnd: „Hast du eine Ahnung, wie viele Menschen täglich verschwinden? Sie tauchen unter, sterben, werden Opfer eines Verbrechens, einige tauchen irgendwann irgendwo wieder auf - wen interessiert das? Die Polizei forscht dann genauer nach, wenn sie einen konkreten Hinweis hat, deine Leiche zum Beispiel. Dann setzt sich die ganze Maschinerie in Bewegung. Im Moment bist du nicht mehr, als eine Nummer in irgendeinem Computer. Wenn du am Sonntag dort anrufst, wird irgendein gereizter, überarbeiteter Bulle die Nummer löschen. Wenn er einen guten Tag hatte, wird er dir raten, in Zukunft besser aufzupassen, hatte er einen weniger guten, wird er dich anschnauzen und das war’s dann.“

Faye hatte bei dem Wort „Bulle“ kurz aufgesehen, jetzt lächelte sie leise.

„Du sprichst aus Erfahrung?“

Chris' Begegnung mit den Hütern des Gesetzes schien jedoch nicht die Angenehmste gewesen zu sein, sein Tonfall jedenfalls zeugte nicht von Zuneigung. Aber grundsätzlich hatte er wohl recht.

Faye hob hilflos die Schultern. „Ich komme mir vor, wie der größte Dummkopf auf Erden. Hätte ich meinen Urlaub doch zuhause verbracht.“ Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: „Bedeutet es für dich ein Problem, mich versorgen zu müssen, ich meine, reichen deine Vorräte?“

Chris winkte ab: „Selbst bei äußerster Anstrengung könnten wir beide nicht schaffen, was hier an Vorräten lagert. Mach dir darüber keine Gedanken.“

„Fein.“ Faye erhob sich vorsichtig. „Kann ich noch zwei Schmerztabletten haben? Ich denke, ich lege mich wieder hin. Morgen dürfte ich das Schlimmste überstanden haben.“

Chris kippte seinen Stuhl nach hinten, fischte mit den Fingerspitzen das Tablettenglas von einem Regal und stellte es auf dem Tisch.

„Danke.“

Unter seinen misstrauischen Blicken spülte Faye zwei Tabletten mit dem Rest ihres Wassers herunter.

„Gute Nacht.“

Chris erhob sich ebenfalls. „Du hast recht. Es war ein langer Tag und eine noch längere Nacht. Lass uns ins Bett gehen.“

Faye zuckte zusammen und er grinste.

„Mach dir keine Hoffnungen. Heute möchte ich nur schlafen.“

„Tu das“, fauchte Faye.

Hoffentlich fing er bald damit an. Noch fünf Tage lang diese Anspielungen und sie war für nichts mehr verantwortlich.

Sie würde dafür sorgen, dass sie für den Rest der Zeit, die sie auf der Insel verbringen musste, möglichst weit entfernt von dem Ort war, an dem dieser eingebildete Kerl sich aufhielt.

Als Faye aus dem Badezimmer kam, lag Chris schon im Bett. Auch wenn er diskret ein Laken über seine Mitte gezogen hatte, war doch deutlich, dass er unbekleidet zu schlafen pflegte. Doch solange er in diesem paradiesischen Zustand nicht durchs Haus lief, sollte es ihr einerlei sein.

„Wo willst du hin?“

Faye blickte erstaunt über die Schulter zurück. „Ins Wohnzimmer. Ich schlafe auf der Couch.“

„Blödsinn!“ Chris richtete sich ungehalten auf. „Auf dieser Couch kann noch nicht einmal ein Schlangenmensch schlafen. Nach zwei Stunden kommst du dir vor, wie gerädert. Das Bett ist groß genug für uns beide. Ich verspreche dir, dass ich auf meiner Seite bleiben und nur keusche Gedanken haben werde.“

„Ich versuche doch lieber, ein Schlangenmensch zu sein.“

Sicher war sicher. Außerdem war sie felsenfest davon überzeugt, dass dieser Mann in seinem ganzen Leben noch keinen keuschen Gedanken gehabt hatte. Der nicht! Ganz gewiss würde er erschrecken, wenn es ihm doch einmal passierte.

„Angel!“

Faye streckte den Kopf durch die Tür zurück. „Ja?“

„Zwing mich nicht, dich zu holen!“

Faye war sicher gewesen, zu müde zu sein, um ärgerlich zu werden, aber für grundsätzliche Dinge musste die Erschöpfung eben zurückstehen. Langsam trat sie durch die Tür und sah Chris fest in die Augen: „Heb' dir deine Macho-Allüren für Frauen auf, die sie zu würdigen wissen. Bis jetzt bin ich recht gut ohne jemanden ausgekommen, der mir sagt, was ich zu tun habe.“

Zu ihrer gelinden Überraschung gab Chris nach.

„Wie du willst. Probier 's aus“

Er drehte ihr den Rücken zu und löschte das Licht. Faye gestattete sich ein erleichtertes Aufatmen und tastete sich dann im Dunklen zu ihrer Schlafstätte.

Sie benötigte keine zwei Stunden, um festzustellen, dass Chris mit seiner Einschätzung, was die Eignung der Couch als Schlafstätte betraf, recht hatte. Die Aneinanderreihung farbenfroher, runder Segmente war zwar optisch ansprechend, auch als Sitzmöbel durchaus geeignet, jetzt im Dunkeln reduzierte sie sich jedoch auf eine Berg- und Talbahn aus Polstern, unterbrochen durch unbequeme Rahmenteile aus besonders hartem Holz. Schon nach kurzer Zeit gab sie es auf, eine brauchbare Schlafstellung finden zu wollen. Sie hatte nur zwei Alternativen: die Hängematte und das Bett. Die Hängematte schied von vornherein aus. Sie hatte kein Moskitonetz. Faye war zwar nicht zimperlich, doch die Vorstellung, was alles an Kleingetier auf dieser Insel herum fliegen- und krabbeln könnte, ließ sie Chris als das kleinere Übel betrachten. Wenn er bereits schlief und sie sich an den Rand des Bettes legte, wenn sie am Morgen das Bett verließ, bevor er aufwachte, bestand die Möglichkeit, dass er sie mit seinen widerlichen Anspielungen verschonte.

Morgen war ein neuer Tag, sie war wieder sie selbst und in der Lage, mit allem fertig zu werden. Auf Zehenspitzen ging sie ins Schlafzimmer zurück. Chris war nur ein schwarzer Schatten im Dunkel der Nacht. Faye glitt auf die freie Seite des Bettes und streckte sich erleichtert aus. Sie fühlte sich fast wieder menschlich - bis auf den Sonnenbrand, den man jedoch mit ein bisschen gutem Willen ignorieren konnte und bis auf den Sand in ihrem Laken - (konnte dieser Mann noch nicht einmal ein Laken ausschütteln?) und natürlich bis auf die Tatsache, dass ein sehr nackter Mann, der dazu noch verdammt gut roch, viel zu nah neben ihr lag. So breit war das Bett wohl doch nicht. Faye rollte sich auf den Bauch und schlief trotz der unfreiwilligen Nähe zu einem unmöglichen Bettgenossen sofort ein.

*

„Nein!“

Der jähe Aufschrei riss Faye aus dem Schlaf. Sie benötigte einige Sekunden, um sich zu orientieren.

Gewohnheitsmäßig sah sie auf die Leuchtzeiger ihrer Armbanduhr. Zwei Uhr nachts. Chris saß schwer atmend auf der Bettkante, den Kopf auf die Hände gestützt.

„Was hast du?“, fragte sie erschreckt.

„Nichts. Schlaf weiter.“

Chris hob nicht einmal den Kopf, seine Stimme klang dumpf und abweisend. Schwerfällig erhob er sich und verließ im Dunkeln das Schlafzimmer. Das Licht im Wohnzimmer flammte auf, Faye hörte das Klirren von Glas, das Plätschern einer Flüssigkeit. Wasser?

Faye, beunruhigt von dem eigenartigen Klang in Chris' Stimme, stand lautlos auf und folgte ihm. Es war kein Wasser! Chris setzte in diesem Moment sein Glas ab und füllte es erneut bis zum Rand aus einer Flasche von der Anrichte. Er leerte das randvolle Glas auf einen Zug. Faye drückte sich tiefer in den Schatten des Türrahmens und beobachtete, wie er, die Fäuste auf die Anrichte gestützt, immer wieder mit gebrochener Stimme nur ein Wort murmelte: „Warum?“

Nur ein einziges Wort, doch Anklage und verzweifelter Hilferuf zugleich.

Was Faye nicht für möglich gehalten hatte - Chris Delaire tat ihr leid. Niemand sollte so verzweifelt sein, niemand so allein. In Sekunden avancierte er von einem Übel, dem unter allen Umständen auszuweichen war zu einem Menschen, dem es zu helfen galt. Es hatte schon immer solche „lahmen Enten“, wie ihre Freundin Kim sie nannte, in ihrem Leben gegeben: flügellahme Vögel, Klassenkameraden, die unfähig waren, sich zu wehren, ausgesetzte Katzen - sie schien eine Anziehungskraft auf hilflose Kreaturen auszuüben. Sir Peter, Batman und Renaldo waren die letzten Opfer, die Rettung und Aufnahme bei ihr gefunden hatten. Dazu kamen Kolleginnen mit Liebeskummer, Bekannte, die dringend eine Begleitung für ein Geschäftsessen suchten und kranke Mitbewohner ihres Appartementhauses, die wussten, dass sie einsprang, wenn Not am Mann war.

Jetzt also Chris? Faye beschloss, erst einmal den Morgen abzuwarten. Trinken konnte Chris auch ohne sie, er schien schon einige Übung darin zu haben. Mit Sicherheit wollte er auch nicht, dass sie ihn so verzweifelt sah.

Sie legte sich wieder ins Bett und schloss die Augen. Im Nebenraum lief Chris ruhelos hin und her. Sie hörte seine Schritte, das Klirren von Glas, hörte ihn im Bad herumhantieren und leise fluchen, als er ungeschickt an einen Schrank stieß.

Es war ein gespenstisches Hörspiel. Chris' Schritte wurden unsicherer, tappend, doch etwas trieb ihn um, leise, unruhig, immer weiter.

Glas zersplitterte. In der Stille der Nacht klang es wie eine Explosion. Faye zuckte zusammen und setzte sich auf. Sie hielt den Atem an und sah zur Tür. Endlose Sekunden vergingen, Minuten, Ewigkeiten, in denen sie auf die langsamen, tastenden Schritte aus dem Raum nebenan lauschte. Nur Schritte, langsam, pochend, stetig.

Faye sank langsam in die Kissen zurück, als die Schritte aus dem Nebenraum langsamer wurden und schließlich verstummten.

Sie war zu unruhig, um zu schlafen. Langsam hellte sich das nächtliche Schwarz zu einem stumpfen Bleigrau auf, dann stachen Palmwedel wie schwarze Scherenschnitte aus dem immer transparenter werdenden Grau des frühen Morgens. Ein Hauch von Violett, gemischt mit dumpfem Blau gab der Welt einen ersten Hauch von Farbe. Bald würde die Sonne aufgehen.

Aus dem Wohnzimmer drang kein Laut. Chris musste eingeschlafen sein. Das war ohnehin das Beste für ihn. Was sollte sie mit ihm anfangen? Noch vier Tage mit einem Mann, der ihr ein Rätsel war. Seine Stimmungen schwankten von einer Sekunde zur anderen, nie konnte sie sicher sein, ob nicht eine harmlose Bemerkung einen Ausbruch von Aggression zur Folge hatte.

Faye trat ans Fenster und sah zu, wie der erste Sonnenstrahl des Tages die Welt in eine warme, goldene Umarmung nahm. Ein wunderschöner, sauber gewaschener Tag, klar, rein und von einer geradezu berauschenden Schönheit. Faye lächelte, als die Sonnenstrahlen ihr Gesicht trafen, wie ein warmes, weiches Streicheln. Wunderschön war es hier, friedlich, zeitlos.

Sie seufzte, sie hatte keine Zeit, zu träumen, es gab genug zu tun. Zögernd, weil sie nicht sicher war, was sie erwartete, betrat sie das Wohnzimmer. Chris war nicht da.

Was sie sah, gefiel ihr. Die bunt gemusterten Sesselelemente die sie in der Nacht schon näher kennengelernt hatte, bildeten einen interessanten Kontrast zu den dunklen Rattanrahmen und den glänzend polierten Bohlen des Fußbodens, der mit einfachen hellen lauhala-Matten bedeckt war. Ein schlichtes, schwarzes Bücherregal, der Flügel, eine Anrichte und ein niedriger Tisch mit einer Platte aus schwarzem, weiß gemasertem Stein zeigten, dass hier jemand mit Bedacht und Geschmack am Werk gewesen war. Überall im Raum verteilt standen Kunstgegenstände, wie sie sie im Bishop's Museum gesehen hatte, hier eine geschnitzte Kokosnuss-Schale, dort eine Götterfigur. An den weiß verputzen Wänden hingen Speere, die mit Haifischzähnen besetzt waren, Äxte und Messer, alle mit deutlichen Gebrauchsspuren, die zeigten, dass es sich hier nicht um Touristenware handelte, sondern um antike Stücke oder zumindest originalgetreue Replikate.

Ein Ölgemälde, eine Symphonie in Grün, hing an der Längswand, direkt über der Anrichte. Faye wurde von den wirbelnden Spiralen in allen Spielarten von Grün angezogen. Zeitlos, schwerelos und erfüllt von Licht - es schien, als habe der Künstler das Wesen des Dschungels erfasst. Faye völlig im Bann des Gemäldes, stolperte über ein Hindernis. Eine geöffnete Reisetasche stand mitten im Raum, Kleidungsstücke waren wild auf dem Boden verstreut, als habe Chris sie auf der Suche nach etwas Bestimmtem wahllos herausgerissen.

Eine fast leere Whiskeyflasche stand auf dem Tisch, daneben benutzte Gläser. Die Splitter einer zerbrochenen Flasche bedeckten einen großen Teil des Holzbodens, ein riesiger, eingetrockneter Whiskeyfleck an der Wand zeigte, was sie in der Nacht so erschreckt hatte. Chris musste die Flasche mit aller Wucht an die Wand geschleudert haben.

Faye tastete sich vorsichtig weiter in den Raum. Wo war Chris? Zu ihrer Erleichterung lauerte er nicht hinter einer Ecke sondern saß auf den Stufen, die von der Veranda zum Anlegesteg führten. Er hatte den Kopf an das Treppengeländer gelehnt und schlief.

Kapitel 2

Chris hörte sie nicht kommen. Er reagierte auch nicht, als sie sich neben ihm auf die oberste Stufe setzte. Sein Blick flackerte gebannt über das transparente Tablettenröhrchen auf seiner geöffneten Hand. Bereits zwei Mal hatte er den Verschluss geöffnet und war dann doch vor der letzten Konsequenz zurückgeschreckt. Vergessen, einfach nur vergessen! Er hielt es in der Hand. Blaues Vergessen ... Er verlor sich in dem hellblauen Versprechen in seiner Hand. Langsam bewegte er das Röhrchen hin und her und sah versonnen zu, wie die kleinen Pillen von einer zur anderen Seite kullerten, wie sich das Sonnenlicht zitternd auf der Oberfläche des Röhrchens fing. Wie viele man wohl davon brauchte? Sie lockten, diese kleinen Dinger, versprachen, was der Alkohol nicht mehr halten konnte. Nur eine, oder auch zwei. Zusammen mit dem Alkohol, den er in seinem Blut hatte, musste es doch ausreichen, um die Geräusche in seinem Schädel zum Verstummen zu bringen, die schrecklichen Bilder auszulöschen und ihm ein paar Stunden totaler friedlicher Schwärze zu schenken.

Er war betrunken, bei einer Flasche Whiskey im Blut konnte man nichts anderes behaupten, aber es reichte nicht mehr. Es dauerte zu lange, bis der Alkohol wirkte, er musste immer mehr trinken, um überhaupt eine Wirkung zu spüren und inzwischen wurde ihm schon übel, wenn er das Zeug nur roch.

Er hatte wirklich vorgehabt, davon loszukommen, ganz bestimmt. Eine Nacht und einen Tag hatte er durchgehalten und sich dabei beschissen gefühlt. Waren das schon Entzugserscheinungen - nach ein paar Wochen? Er hätte das in Kauf genommen, das hätte er aushalten können, doch dann war das Entsetzen wieder über ihn hereingebrochen. Diese Geräusche, konnte nichts diese schrecklichen Geräusche aufhalten?

Wie lange konnte er das noch durchhalten? Trotz seines Zustandes war er sich im Klaren darüber, dass er sich auf einem schmalen Grat bewegte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er das Gleichgewicht nicht mehr halten konnte. War es falsch, sich zu wünschen, alles möge ein Ende haben? Die Fragen, die er sich schon tausendmal gestellt hatte: Wie konnte das geschehen? War er übermüdet gewesen? Hatte er falsch oder zu spät reagiert? Hatte sein Motorrad einen technischen Defekt gehabt, den er übersehen hatte? Oder - die schreck­lichste aller Möglichkeiten: Hatte er den Unfall bewusst verursacht?

Wenn er sich nur erinnern könnte! Eine teilweise Amnesie nach einem Unfall sei völlig normal, hatten die Ärzte gesagt. Die hatten keine Ahnung! Es war da, es musste da sein. Jede Nacht war er kurz davor: Er fühlte den Ruck, der durch seine Maschine ging, dann fiel er, fiel unendlich lange.... und dann, gerade als er den entscheidenden Gedanken fassen wollte, wachte er auf, geschüttelt vor Grauen und Panik.

Er war wütend gewesen, in jener Nacht. Wütend genug, um einen Mord zu begehen? Jill sah es so. Jill, die Frau, um deretwegen es in jener Nacht zum Streit zwischen ihm und Charles gekommen war. Sie hatte ihn im Krankenhaus besucht, als er wieder bei Bewusstsein war. Sie hatte ein schwarzes Kostüm getragen, das wusste er noch genau - Schwarz für Charles. Sie war an sein Bett geschwebt, schön, bleich, kühl und hatte mit tränenerstickter Stimme geflüstert: „Ich wusste nicht, dass du mich so sehr liebst!“

Er erinnerte sich noch genau an das warme, seidenweiche Gefühl ihrer Hand auf seiner Wange. Durch die Medikamente benebelt, hatte er eine ganze Weile gebraucht, bis ihm die Bedeutung ihrer Worte aufgegangen war: Sie hatte ihn des Mordes bezichtigt!

„Verschwinde!“

Er erinnerte sich, nur dieses eine Wort gesprochen zu haben. Als sie ihn weiter gestreichelt und getätschelt hatte, hatte er sich aufgesetzt, um aus dem Bett zu klettern. Ein Mord oder ein Doppelmord, was machte das jetzt noch aus? Er hatte sich in den Kabeln und Schläuchen verheddert und sie kurzerhand abgerissen. Nichts war in diesem Moment wichtiger gewesen, als der Drang, das falsche Lächeln aus ihrem Gesicht zu löschen. Er war schwach wie ein Baby gewesen, trotzdem hatte es einer Menge Leute bedurft, ihn wieder ins Bett zu bringen. Sie hatten ihn ruhig gestellt. Er wusste nicht, was sie ihm gegeben hatten, aber es hatte ihn in einen wunderbar schwebenden Zustand versetzt, in dem es keine Schmerzen, keine Trauer und keine Wut gegeben hatte.

Hin und her - der Lichtfunken lief auf dem Röhrchen von einer Seite zur anderen, fing seinen Blick und hielt ihn fest. Warum nur eine - warum nicht alle? Was hielt ihn zurück? Feigheit? Was war feiger? Seine Hand krampfte sich um das sonnenwarme Plastik, der Funke verschwand. Noch nicht. Aber es war beruhigend zu wissen, dass er es jederzeit selbst in der Hand hatte, allem ein Ende zu machen.

Ein Kaffeebecher erschien vor seinen Augen, warm-feuchter Dampf stieg ihm ins Gesicht. Irritiert sah er auf. Angel. Sein Engel, sie war immer noch da.

„Trink!“, forderte sie ihn freundlich auf.

Bedächtig verstaute er die Tabletten in seiner Hosentasche, dann nahm er den Becher in beide Hände und genoss die Wärme. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er schon die ganze Zeit gefroren hatte. Er drehte den Kopf und fixierte sie mühsam. Ihre Locken loderten wie Feuer in der Morgensonne. Sie war schön. Und grausam.

Er sah sie lächelnd den Kopf schütteln. Hatte er laut gedacht? Vermutlich. Ihm entging so vieles in der letzten Zeit. Gedanken entglitten ihm, wie Wasser zwischen seinen Fingern. Die Gegenwart schwamm an ihm vorbei, ohne ihn sonderlich zu berühren, hin in eine undurchsichtige Zukunft, die sich wie eine unendliche, zähfließende Masse vor ihm ausdehnte. Er würde langsam in diesem saugenden Treibsand versinken. Die ganze Zeit hatte er einen Schritt nach dem anderen in die dunkle Weite getan, am Ende stünde ein letzter, mühsamer Atemzug, dann....

„Trink!“, wurde er wieder aufgefordert. Es war einfacher, nachzugeben, als zu widersprechen, also trank er. Der Kaffee war gut, genau so, wie er ihn mochte. Er wärmte ihn und für einen kurzen Moment zerriss der Smog, der sein Gehirn umnebelte.

„Geht es dir wieder besser?“, erkundigte er sich.

„Ich bin wieder in Ordnung.“

Sie lächelte ihn an. Sie sah verändert aus. Wenn er ernsthaft darüber nachdachte, würde er auch herausfinden, warum. Auf jeden Fall mochte er die Art, wie dieses warme Lächeln ihre Augen aufleuchten ließ.

Er trank den letzten Schluck Kaffee. Faye nickte befriedigt und nahm ihm den Becher aus der Hand.

„Komm ins Haus, ich habe für uns Frühstück gemacht.“

Urplötzlich riss sie die Augen auf. „Himmel, die Eier!“, rief sie und rannte wie gehetzt ins Haus.

Chris, der nicht die Absicht gehabt hatte, zu frühstücken, mit Ausnahme eines kleinen Whiskeys, beschloss nachzusehen, was die Eier angestellt hatten.

Als er in die Küche kam, bestrich Faye gerade eine Scheibe Toast mit Marmelade und legte sie auf seinen Teller. Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Anscheinend erwartete sie, dass er diesen Toast aß. Misstrauisch fasste er zuerst das Stück Brot ins Auge, dann Faye. Chris mochte keine Süßigkeiten und er verabscheute Marmelade. Nach dem, was er aufgetischt fand, hielt sie Toast, Saft und Kaffee für eine ausreichende Mahlzeit.

Vielleicht hasste sie ihn.

„Was war mit den Eiern?“, fragte er hoffnungsvoll.

Faye sah ihn vorsichtig von der Seite an. „Die sind mir etwas knusprig geraten.“

„Wie knusprig?“

Sie wies mit dem Kinn auf die Spüle, auf der eine mit Wasser gefüllte Pfanne stand.

„Eine halbe Stunde gebraten, ungefähr“, gestand sie verlegen.

Chris schloss überwältigt die Augen. Sie hasste ihn wirklich!

Schaudernd sah er zu, wie sie ihre kleinen weißen Zähne genussvoll eine Scheibe Toast grub. Er beschloss, zu fasten. Es sollte gut für die Seele sein, außerdem schrie ein so frugales Frühstück geradezu nach einer opulenten Mittagsmahlzeit. Nach der Menge Marmelade, die Faye auf ihrem Brot balancierte, schien sie wenig von Diäten zu halten. Das gab Anlass zur Hoffnung.

„Möchtest du meinen Toast?“, bot er ihr an.

Faye, die sich gerade eine Spur Marmelade vom Daumen lutschte, sah auf. „Magst du ihn nicht?“ Sie schien enttäuscht. „Ich wusste nicht, was du normalerweise isst“, entschuldigte sie sich.„Wenn du etwas anderes möchtest, ich habe auch Honig und Nougatcreme.“

Sie hasste ihn nicht, sie war nur falsch erzogen. Er musste ihr nur den rechten Weg weisen. Er würde seinen guten Willen demonstrieren, indem er den Toast herunterwürgte. Im Gegenzug konnte er für die Zukunft Eier mit Schinken erwarten.

Er griff nach dem inzwischen kalten Toast. Der dicke Marmeladenklecks zitterte wie eine fette gelbe Qualle, die sich vor Lachen über ihn ausschüttete. Himmel, jetzt hatte er schon Halluzinationen. Chris stützte seinen Arm an der Tischkante ab und biss todesmutig in die glibberige, süße Masse. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis seine Zähne pappeartigen Widerstand spürten. Wenigstens musste man das Zeug nicht lange kauen. Er spülte jeden Bissen mit einem großzügigen Schluck Orangensaft herunter und schaffte es, seine Mahlzeit ohne allzu deutliche Anzeichen von Widerwillen zu beenden.

Aufatmend lehnte er sich zurück und griff nach seinem Kaffeebecher. Zumin­dest Kaffee kochen konnte sie. Mit einer knappen Handbewegung lehnte er eine weitere Prüfung für seine Geschmacksnerven ab und erhob sich eilig.

„Vielen Dank für den Kaffee.“

Für den Toast zu danken, brachte er nicht über sich.

 

*

Als Chris das Klirren von Gläsern hörte, wandte er sich vom Flügel ab, den er die ganze Zeit gedankenverloren angestarrt hatte.

„Ah, die kleine Hausfrau“, spöttelte er. „Beeindruckend!“

Faye stapelte weiter die benutzten Gläser ineinander. „Ich revanchiere mich nur für deine Gastfreundschaft.“

„Es gibt angenehmere Arten, das zu tun“, raunte er in ihr Ohr. Sie zuckte zusammen, der Stapel Gläser in ihren Händen wackelte bedenklich, aber der Blick, den sie ihm zuwarf war gelassen. „Vielen Dank für das Angebot. Aber das ist nichts für mich.“

Entschlossen ging sie um ihn herum zur Küche. Sie stellte die Gläser ab und kam zurück.

„Suchst du die da?“, fragte er und hielt zwei Gläser hoch.

„Ja.“ Sie griff danach.

Chris hielt die Gläser fest. „Verstehe ich dich richtig: du spülst lieber schmutziges Geschirr, als mit mir ins Bett zu gehen?“

„Du hast es erfasst. Was soll die Diskussion? Ich sagte nein und ich meine es genau so. Sind alle Männer, mit denen ich es in der letzten Zeit zu tun habe taub, oder einfach nur begriffsstutzig? Will es nicht in deinen Kopf, dass ich meinen Skalp nicht über deinem Bett hängen sehen will?“

Chris griff nach ihrem Zopf und schlang ihn sich um die Hand. „Aber es ist ein verdammt hübscher Skalp“, murmelte er bewundernd.

Faye verdrehte die Augen. „Du verwechselst etwas“, erklärte sie kühl. „Das hier“, sie entzog ihm ihren Zopf und wedelte damit dicht vor seiner Nase, „ist keine Lock- sondern eine Warnfarbe. Im Klartext: ansehen ist erlaubt, anfassen verboten!“

Chris schnaubte gereizt. Sein Vorrat an Charme für diesen Tag war aufgebraucht. Er kniff die Lippen zusammen und wandte sich ab. Kurz darauf hörte er sie in der Küche hantieren, Schranktüren klapperten, Geschirr klirrte leise, Wasser plätscherte. Dann eben nicht! Es gab mehr auf dieser Welt, als Frauen. Nur hier eben nicht. Hier, am Ende der Welt gab es nur Natur, Stille und Zeit im Überfluss. Was sollte er den unendlich langen Tag mit sich anfangen?

Der Flügel zog ihn magisch an. Es war so lange her, es schien ihm fast ein ganzes Leben. Zart, fast zärtlich streckte die Hand aus und strich über das glänzende Holz, doch dann zog er sie zurück, als habe er sich verbrannt. Für alle Zukunft würde er sich mit dilettantischem Geklimper begnügen müssen. Unwirsch wandte er sich ab und goss sich ein neues Glas Whiskey ein. Er nahm einen großen Schluck und schauderte: Ab einer gewissen Menge machte selbst Trinken keinen Spaß mehr, wobei er, besah man es recht, inzwischen maßlos soff. Nach einem weiteren Schluck wurde er wieder ruhiger. Trotzdem hielt er es im Haus nicht mehr aus, er musste an die frische Luft. Im Gehen tastete er nach den Tabletten in seiner Hosentasche, nur zur Sicherheit.

Chris taumelte, als die heiße Luft ihn mit aller Wucht traf und suchte Halt an einem der Verandapfosten. Er schloss geblendet die Augen und lehnte die Stirn gegen das warme Holz. Langsam begann die Welt um ihn herum zu rotieren. Er ließ ihr ihren Willen. Langsam rutschte er an dem Pfosten nach unten. Zusammengekauert, die Haare wie einen Vorhang vor dem Gesicht hängend, verbrachte er die nächsten Stunden völlig reglos.

 

*

Eiswürfel klirrten. Das Geräusch störte ihn und er wandte den Kopf. Faye stellte ein Tablett auf den Verandatisch. Es musste bereits Nachmittag sein, die Sonne stand hoch am Himmel. Er war durstig. Mühsam quälte er sich auf die Beine und zog eine Grimasse, als er bemerkte, dass sie seine unbeholfenen Bemühungen aufmerksam verfolgte. Es verletzte sein Ehrgefühl, dass eine Frau, die zu verführen er sich vorgenommen hatte, ihn in einem Zustand sah, der alles andere als überlegen, sondern eher mitleiderregend war. Mit beiden Händen strich er sich das Haar aus dem Gesicht und warf einen Blick auf den Lunch, den sie gerade auf den Verandatisch gestellt hatte. Gut, dass er sowieso keinen Appetit hatte. Er nahm eines der beschlagenen Gläser und leerte es auf einen Zug. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich auf einen Stuhl fallen. Sie füllte sein Glas erneut, machte jedoch keine Anstalten, ein Gespräch zu beginnen, sondern widmete ihre gesamte Aufmerksamkeit dem Sandwich in ihren Händen, speziell dem üppigen Belag, der immer wieder aus der Brothülle entgleiten wollte. Mit sichtbarem Genuss grub sie ihre regelmäßigen weißen Zähne in ihr Brot, knabberte geschickt überstehenden Belag ab und schien immer zu wissen, wo hervorquellende Mayonnaise abgefangen werden musste. Sie bemerkte seinen Blick, sah ihn über ihr Sandwich hinweg an und schmunzelte: „Unanständig, nicht wahr?“

Chris hob eine Braue, er fand es im Gegenteil höchst appetitlich, wie sie ihrer Mahlzeit zu Leibe rückte.

„Ich konnte mich nicht entscheiden, also habe ich alles draufgepackt, was im Kühlschrank war“, erklärte sie. „Es war einfach zu verlockend. In meinem Kühlschrank gibt es nur Wasser und Milch.“

Chris, der gerade eines der Sandwichs auf den günstigsten Angriffspunkt hin taxierte, sah auf. Ihm kam ein schlimmer Verdacht.

„Was hattest du für unser Dinner geplant?“

Er bemühte sich, eine ganze Ecke seines Brotes in den Mund zu bekommen, schaffte es jedoch nicht und beeilte sich, Fayes Vorbild zu folgen und schichtweise vorzugehen.

„Wusstest du, dass nur absolut unfertige Lebensmittel im Gefrierschrank sind?“, antwortete Faye mit einer Gegenfrage. „Mit den riesigen Fleischbrocken könnte man eine Armee verköstigen und bei den Sachen, die wie Gemüse aussehen, stehen Bezeichnungen auf den Etiketten, die ich nicht einmal aussprechen kann, ganz zu schweigen davon, sie zuzubereiten.“ Sie sah ihn mit einer Mischung aus Verzweiflung und Anklage an. „Ich habe keine einzige Pizza gefunden, kein Fertiggericht - nichts! Was hältst du von Eintopf?“

Chris stöhnte und ließ sein halb aufgegessenes Sandwich sinken.

„Du kannst nicht kochen!“ Er hatte es geahnt.

„Nein. Es ergab sich nie die Gelegenheit, es zu lernen. Außerdem lebt es sich auch so recht gut. Ganze Industriezweige leben von Leuten, wie mir. Wenn ich will, kann ich mir jeden Tag des Jahres ein anderes Mikrowellengericht auftauen. Glaub mir, wenn ich abends nach Hause komme, steht mir der Sinn nicht mehr danach, in der Küche zu stehen.“

Chris schloss ergeben die Augen. Er hätte doch mit Rafael herkommen sollen. Der hatte eine Menge Fehler, aber kochen konnte er.

„Warum um alles in der Welt muss von allen Frauen auf der Welt die einzige, die weder kochen kann noch mit mir schlafen will, auf dieser Insel stranden?“

Es war genug! Er wollte keine Probleme, er wollte in Ruhe gelassen werden, regelmäßige Mahlzeiten serviert bekommen, trinken, wann immer ihm danach war und, verdammt noch Mal, er wollte diese Frau, mehr als alles andere zusammen!

„Also gut – Eintopf“, seufzte er. „Dabei kann man wirklich nichts falsch machen.“

Mit einem letzten vorwurfsvollen Blick erhob er sich und öffnete die Glastür zum Wohnzimmer.

„Zuerst Eintopf“, murmelte er.

„Nur Eintopf!“, rief sie ihm nach.

Als Chris kurz darauf wieder aus dem Haus kam, baumelte eine Whiskeyflasche lässig in seiner Rechten. Er ignorierte Faye und ging zum Strand. Chris ließ sich im Schatten einiger niedriger Fächerpalmen in den Sand fallen, legte die Arme um die angezogenen Beine und stützte das Kinn auf die Knie. Die tanzenden Schatten der Palmwedel auf dem gleißend hellen Sand und das Flüstern des Windes in den Blättern wirkten zusammen mit dem gleichmäßigen Plätschern der heranrollenden Wellen beruhigend, gleichsam hypnotisch und zogen seine ohnehin trägen Sinne in ihren Bann. Chris wehrte sich nicht. Träumerisch verfolgte er, wie das Wasser über angeschwemmte Muschelschalen spülte, sah Luftblasen lautlos an der Wasseroberfläche zerplatzen, bewunderte die durchscheinende Klarheit und die tanzenden Sonnenreflexe, die mit ihrem grellen Leuchten schmerzende Lichtfunken auf seine Netzhaut schossen. Wie so oft in der letzten Zeit verlor er das Gefühl für seine Umgebung. Er bemerkte weder, dass Faye in kurzen Abständen nach ihm sah, noch das Verstreichen des Tages. Selbst die Flasche lag unbeachtet und ungeöffnet neben ihm im Sand.

Es schienen Ewigkeiten vergangen zu sein, oder auch nur ein Augenblick, als ihn eine leichte Berührung an seiner Schulter wieder in die Wirklichkeit zurückholte. Langsam und widerwillig, hob er den Kopf. Es dauerte einige Sekunden, bis er sich wieder zurechtfand, dann lächelte er erfreut.

„Angel.“

„Ich dachte, du hast vielleicht Hunger?“

Sie hatte sich zu ihm heruntergebeugt, ihr langer Zopf baumelte verlockend, zum Greifen nah, vor seinem Gesicht. Warmes Abendlicht tauchte die Welt in schmeichelnden Schein, überzog den Himmel mit einem Hauch aprikosenfarbenen Lichts und verwandelte das Meer in einen Spiegel aus flüssigem Gold. Ein wenig von diesem Gold schien auch in ihrer Stimme mitzuschwingen. Chris lauschte dem angenehmen Klang so versonnen nach, dass er darüber vergaß, zu antworten. Faye richtete sich auf und die Bewegung riss Chris aus seiner Träumerei. „Deine Stimme ist wie Abendlicht. Kristallklar und mit goldenem Licht gefüllt.

Fayes Wimpern flatterten überrascht. „Danke. Es ist nett von dir, das zu sagen. Und sehr poetisch.“

„Es ist die reine Wahrheit.“ Es hätte ihm schon viel früher auffallen sollen.

„Nach meinem Gefühl ist es Zeit zum Essen. Kommst du mit zum Haus?“

Chris nickte und streckte Faye auffordernd die Hand entgegen. Mit einem entschiedenen Ruck zog sie ihn auf die Füße. Schweigend gingen sie durch den weichen Sand zum Haus zurück.

Chris ließ Faye den Vortritt, als sie das Haus durch die Verandatür betraten. Faye huschte an ihm vorbei in die Küche. Chris riss seinen Blick von ihren langen Beinen los und sah sich überrascht im Haus um. Es war noch hell genug, um zu sehen, dass sie wahre Wunder gewirkt hatte. Das Chaos, das er in den letzten beiden Tagen angerichtet hatte, war beseitigt worden. Auf dem jetzt geschlossenen Flügel verströmte ein Arrangement aus weißen und rosafarbenen Blütenzweigen einen süßen Duft, auf dem Tisch stand eine dunkelblaue Glasschale, gefüllt mit Muschelschalen, Steinen und leuchtend roten Hibiskusblüten. Der Alkoholdunst war verflogen, die Luft duftete nach den Blüten.

Er hörte Faye in der Küche leise singen, Wasser rauschte, ein Deckel klapperte, etwas klirrte – Küchengeräusche, die er auf einmal als ungeheuer anheimelnd empfand. Es ging doch nichts über eine Frau im Haus. Es war fast, als sei Lani hier. Lani, der Inbegriff hawaiianischer Schönheit, Rafaels Frau, verstand es auch, aus einem Haus ein Heim zu machen. Was ihn daran erinnerte, dass irgendwo noch ein paar dieser bunten Fähnchen liegen mussten, die Lani immer trug. Lani hatte sicher nichts dagegen wenn Faye sich eins oder zwei davon auslieh.

Zunächst einmal war er aber gespannt, was Faye auftischte. Es duftete nach Tomaten und Zwiebeln, doch da war mehr, etwas, dass er nie zuvor gerochen hatte. Aber sie wusste bestimmt, was sie tat und ihr Bekenntnis, nicht kochen zu können, war reine Koketterie gewesen. Selbstverständlich würde er mitspielen, überrascht tun, sie loben. Faye würde verlegen abwehren, jedoch geschmeichelt sein. Sie würden bei Kerzenlicht essen, einen angenehmen Flirt beginnen, der genau da enden würde, wo er sollte. Zuerst würde er ihr...

Ein klappernder Topfdeckel riss Chris abrupt aus seinen Träumereien. Er warf einen prüfenden Blick in die Küche. Faye sang nicht mehr, sie war vielmehr dabei, in einem riesigen Topf eine anscheinend zähe Masse umzurühren. Gleichzeitig schüttete sie immense Mengen Wasser in eben diesen Topf.

„Was tust du da?“

Faye zuckte zusammen und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick entgegen.

„Du hast mich erschreckt. Das hier“, erklärte sie dann duldsam, „ist Wasser. Man benutzt es zum Verdünnen.“

Mit erhobenen Augenbrauen sah sie zu ihm auf, ob er diesen komplizierten Zusammenhang begreifen konnte. Chris erwiderte den Blick mit erwachendem Misstrauen. Über ihre Schulter versuchte er, zu erkennen, was sich in dem bewussten Topf befand.

„Das ist nicht dein Ernst!“, stieß er hervor.

Dicke Blasen zerplatzten träge auf einer roten, breiigen Masse, in der undefinierbare, zerkochte Gemüsestücke und bleiche Fleischbrocken ein gemeinsames Ende gefunden hatten.

Fayes Gesicht zeigte Anzeichen von Verlegenheit. „Es schmeckt besser, als es aussieht“, versuchte sie ihn zu beruhigen. „Es war nur etwas zu viel Reis. Deswegen...“,

Sie hob das Glas Wasser, um noch einmal klarzumachen, dass sie schon wusste, was sie tat.

Mit einem der vielen herumliegenden Löffel, stummen Zeugen mehrerer Abschmeckversuche, stach Chris einen winzigen Bissen des Topfinhalts ab und betrachtete ihn misstrauisch.

„Als ich zum Strand ging, um dich zu holen, sah es noch anders aus. Flüssiger. Es ist mir ein Rätsel, wie das passieren konnte. Sieh nicht so misstrauisch in den Topf. Ich habe schon Schlechteres gegessen.“

Chris überwand sich und kostete. „Wann?“, fragte er schwach.

Fayes lächelte verlegen. „So schlimm ist es wirklich nicht. Noch ein bisschen Wasser, etwas Salz und du wirst sehen...“

Sie ging daran, ihre Drohung wahr zu machen. Jetzt war es genug!

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