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Blutmagier

Ring der Elemente

Dunkle Wolken hingen wie ein böses Omen über mir und kündigten den aufkommenden Sturm an. Aus weiter Ferne war bereits grollender Donner zu hören. Der Horizont wurde durch grelle Blitze erleuchtet, die zur Erde hinabzüngelten, in den Boden einschlugen und diesen erzittern ließen. Immer wieder stieß ich meinem Pferd die Hacken in die Seiten, bis es in vollem Galopp so schnell vorwärtsjagte, als würde uns eine Horde Wilder verfolgen.

Die letzten zehn Tage hatte ich in der Burg Brandour verbracht, die einem Freund der Familie gehörte und von der aus ich an einer Treibjagd teilgenommen hatte. Heute Vormittag hatte mir ein Bote einen versiegelten Brief überbracht, von meines Vaters Leibarzt, in dem er mich bat, schnellst möglich nach Hause zu kommen. Die Nachricht, dass mein Vater im Sterben läge, traf mich sehr. In Windeseile sattelte ich Yarkon, mein Pferd, und begab mich auf den Weg.

Nun hatte ich bereits einen halben anstrengenden Tagesritt hinter mir und musste doch noch immer weiterreiten, denn jede zusätzliche Minute, die verstrich, brachte meinem Vater den Tod näher. Ich war in Sorge, dass ich ihn, den ich so liebte, nicht mehr lebend antreffen könnte.

Als die Mauern der Stadt in Sichtweite kamen, zügelte ich das Pferd und verlangsamte das Tempo.

„Gleich haben wir es geschafft, mein Freund“, sagte ich und strich meinem Pferd seitwärts über den Hals.

Wir waren beide außer Atem, als wir endlich das Tor der Stadt durchquerten. Vor dem Pferdestall stieg ich ab und reichte dem Stallburschen die Zügel.

„Gib ihm Wasser und füttere ihn“, sagte ich.

„Ja, My Lord.“

Mit der Furcht im Nacken eilte ich zu meines Vaters Gemach.

Die beiden Leibärzte meines Vaters traten von seinem Lager zurück, als sie mich sahen. „Vater. Ich bin so rasch gekommen, wie ich konnte“, sagte ich und kniete mich neben seinem Bett nieder.

Seine zitternde Hand griff nach meiner.

„Die Lebenskraft verlässt mich, mein Sohn“, sagte er mit halb erstickter Stimme.

„Ich könnte versuchen, noch einige Tage herauszuholen“, schlug ich vor.

Mein Herz pochte laut wie die galoppierenden Hufe eines Pferdes auf der Flucht.

„Nein“, lehnte er ab. Seine einst strahlenden grünen Augen trugen jetzt einen grauen Schleier. „Wir betrügen die Zeit nicht. Ich gehe, wie es vorgesehen war.“

Er fing an, stark zu husten. Ich richtete mich auf, setzte mich auf das Bett und reichte Vater etwas Wasser. Er nahm einen Schluck aus dem Becher, den ich ihm an den Mund hielt, und sank in das Kissen zurück.

„Lasst uns allein“, befahl er den Ärzten.

Als diese den Raum verlassen hatten, zog er den Ring der Elemente von seinem linken Ringfinger und gab ihn mir.

„Er ist nun dein, Finlay.“

„Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater“, schwor ich und legte den Ring an.

Augenblicklich spürte ich die starke Energie, die von dem Ring ausging und meinen Körper durchflutete.

„Im Angesicht des Todes könnte ein Vater nicht stolzer auf seine Kinder sein, als ich es bin“, keuchte er schwer atmend, gefolgt von heftigem Husten.

Ich hatte das Gefühl, dass mein Magen sich in alle Richtungen drehen würde, und unterdrückte mit aller Kraft meine aufkommenden Tränen.

„Ich hoffe, du verzeihst mir eines Tages, dass du diese Bürde tragen musst.“

„Ich bin der Älteste. Es ist an mir, die Familie zu schützen, wie du es getan hast. Ich werde nicht versagen.“

„Ich weiß.“ Er tätschelte leicht meine Hand.

„Bringe das Buch wie besprochen in das Haus der Schatten. Es darf diesen Platz nicht verlassen, bis sie geboren ist.“

„Ich habe die Schriftrolle für den Ring heute zu Ende geschrieben. Niemand außer ihr wird sie lesen können. Es ist die Sprache der Toten. Den Ring werde ich verbergen, sobald die Zeit dafür gekommen ist.“

„Der Ring darf niemals in die Hände der Blutmagier kommen.“

„Ich weiß, Vater.“

„Nein, Finlay, du verstehst nicht. Ich habe dir etwas vorenthalten“, er machte eine Pause, schloss die Augen und versuchte durchzuatmen.

„Du solltest dich ausruhen.“

„Nein. So viel Zeit bleibt vielleicht nicht. Es geht nicht nur darum, den Ring und das Buch zu schützen. Ich habe einen Weg gefunden, die Blutmagie zu besiegen. Kein Magier müsste mehr unter ihr leiden.“

Meine Augen weiteten sich vor Überraschung. „Wie?“, fragte ich verblüfft.

„Ich habe mit Hilfe des Rings einen Zauber geschrieben.“

„Woher weißt du, dass er funktioniert?“

„Ich habe ihn bei Gavin angewendet. Dein Bruder ist geheilt.“

„Was?“ Ungläubig starrte ich Vater an. „Er ist zurück?“

„Aber es hat mich zu viel Lebensenergie gekostet. Deshalb können die Ärzte mir nicht helfen. Nach dem Zauber verlor ich das Bewusstsein und ein Engel aus der Zukunft erschien mir. Sie hat ein Schicksal zu erfüllen. Du musst mein Grab so versiegeln, dass nur der Ring es öffnen kann. Der Zauber darf nur von ihr ausgesprochen werden. Wenn ein Blutmagier ihn spricht, erhält er nicht die Erlösung, sondern die Zerstörung der Welt. Die Macht, die er durch die Elemente bekommen würde, wäre fatal. Außer deinem Bruder und dir darf niemand wissen, wo mein Grab liegt. Schwöre, dass es deine Schwestern nie erfahren!“

„Bei meinem Leben.“

„Sobald ich meinen letzten Atemzug getan habe, suche Gavin auf. Ich habe dir in meinem Arkadus hinterlegt, wie du ihn findest. Er hat den Erlösungszauber. Gavin kann nicht durch einen Zauber gefunden werden, dafür habe ich gesorgt.“

Der Husten überfiel ihn wieder, und zwar so stark, dass ich ihn stützen musste. Blut klebte an seiner Hand, als er sie von seinem Mund nahm. Sofort eilte ich zum Tisch, holte ein sauberes Tuch und gab es ihm.

„Hol jetzt deine Schwestern. Ich … ich möchte mich verabschieden.“

„Vater, es kann noch nicht soweit sein. Wir haben noch viel zu lernen. Ich habe noch viel zu lernen.“

Trotz all der Schmerzen rang er sich ein Lächeln ab. „Du bist mein bester Schüler. Du bist zu Großem auserkoren.“

Ankunft in der Hölle

 

 

Ich sah zu, wie meine Freiheit vom Regen weggespült wurde, als Dad mit dem Mietwagen vorfuhr.

Es war zu spät, um wegzulaufen, ich wäre kaum weit gekommen, trotzdem hatte ich darüber nachgedacht. Resigniert stieg ich in den silbernen Mercedes ein.

Vom Züricher Flughafen bis zum Elias-Internat, meinem Zuhause für die nächsten zwei Jahre, war es mehr als eine Stunde Fahrt.

Draußen regnete es in Strömen und Dad hatte eine CD von den Beatles eingelegt, was meine Stimmung nicht hob. Mom war kein Beatles-Fan, also hörte er sie nur, wenn sie nicht in der Nähe war. Mein Pech, könnte man sagen.

Auch wenn ich zurzeit stinksauer auf meinen Vater war, liebte ich ihn. Er hatte immer alles für unsere Familie getan. Mir war klar, dass ich nicht genug würdigte, was er mir ermöglichte. Durch seinen beruflichen Erfolg als Bauingenieur mussten wir uns nie große Sorgen um unsere finanzielle Situation machen. Wir gehörten zur Oberklasse der Gesellschaft.

Zum Leidwesen meiner Mutter konnte ich mich nicht wirklich in die höhere Gesellschaft eingliedern. Obwohl sie es gerne gesehen hätte. Und das hier war meine Strafe dafür, dass ich, ein wenig rebelliert hatte. Gut, ich hatte mich nicht gerade von meiner besten Seite gezeigt. Doch das war noch lange kein Grund, mich in die Verbannung zu schicken. Meine ganz persönliche Hölle auf Erden. Ein Internat in der Schweiz. Die Ostküste war ihnen wohl nicht weit genug, nein, es musste ausgerechnet Europa sein. So weit weg von meinen Freunden, wie es nur ging.

„Das wird eine tolle Erfahrung für dich, Olivia”, sagte Dad, während er versuchte, mir das Internat schmackhaft zu machen. „Du wirst dort viele neue Leute kennenlernen und die Chancen, auf eine Eliteuniversität zu kommen, sind sehr groß, wenn man das Elias-Internat besuchen durfte.”

„Schon gut. Dad, du musst es mir nicht schönreden”, sagte ich ein wenig genervt und fragte ihn: „Musste es ausgerechnet eine Schule in der Schweiz sein? Die Schweiz, Dad”, betonte ich noch einmal eindringlich. „Ich kann nicht einmal die Sprache.“

„Wir haben dich gewarnt, dass dein Verhalten Konsequenzen nach sich ziehen würde. Wir erhoffen uns davon, dass du Vernunft annimmst. Außerdem wirst du keine Probleme haben, dich anzupassen. Es wird Englisch gesprochen.”

„Hausarrest hätte auch gereicht”, murmelte ich.

„So wie beim letzten Mal?”, fragte er, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Du hast dich aus dem Haus geschlichen und warst drei Tage verschwunden. Die Polizei hat die ganze Stadt nach dir abgesucht. Wir sind vor Sorge fast umgekommen.”

Darauf konnte ich keinen Einwand bringen, denn es stimmte. Sofort packte mich mein schlechtes Gewissen, das mich leider immer erst nach meinen etwas unüberlegten Taten besuchte.

„Es gab keine andere Möglichkeit, um dich dem schlechten Einfluss von diesem Joe zu entziehen.“

Ich sah ihn böse an. „Joe ist nicht schlecht. Er ist wirklich nett und er mag mich. Wir sind Freunde.” Na gut, wir waren ein wenig mehr als nur Freunde. Ich war ein bisschen in ihn verschossen.

Er brachte mich zum Lachen. Vor allem sah er so verdammt sexy aus auf seinem Motorrad. Und er war schon auf dem College. Ich fühlte mich geschmeichelt, dass er sich für mich interessierte. Das sahen meine Eltern jedoch ganz anders. Sie hatten mir den Umgang mit ihm verboten. Mir passte nicht, dass sie mir vorschreiben wollten, mit wem ich befreundet sein durfte. Deshalb reagierte ich trotzig und lehnte mich gegen sie auf, was, wie man sah, in die Hose gegangen war.

„Natürlich, neunzehnjährige Jungs auf Motorrädern, die mit einer Sechzehnjährigen für drei Tage verschwinden, sind immer nett”, sagte er sarkastisch. „Er kann von Glück reden, dass du uns davon abgehalten hast, ihn anzuzeigen.“

„Ihr übertreibt das viel zu sehr”, wehrte ich mich.

Mein Vater drehte den Kopf zu mir und sah mich verärgert an. „Die Entscheidung ist getroffen. Durch deine Diskussionen mit mir wird sich nichts ändern”, sagte er und richtete den Blick wieder auf die verregnete Straße. „Du wirst die letzten zwei Jahre auf der Elias verbringen. Ende der Diskussion.”

Wütend verschränkte ich die Arme vor der Brust und sah hinaus in den Regen, der, je weiter wir fuhren, langsam nachzulassen schien. Ich achtete nicht auf die Schilder, die an uns vorbeizischten. Ich konnte sie ohnehin nicht lesen oder irgendwelchen Orten zuordnen, an denen wir vorbeifuhren.

Ich wusste, dass ich mich kindisch benahm, doch ich war so wütend auf meine Eltern, dass sie mich wirklich hierherschickten. Nur weil ich mich ein paarmal aus dem Haus geschlichen hatte. So einen Aufstand war es nicht wert.

Mir war klar, Joe würde mir nicht lange nachtrauern, und dennoch, ich vermisste ihn ein wenig. Genauso wie meine Freunde. Auch wenn ich nicht viele davon hatte, sie würden mir sehr fehlen. Vor allem Camile. Sie war meine beste Freundin. Es würde schwer sein, die Sache ohne sie durchzustehen. Ich konnte ihr nicht einmal schreiben. Dad hatte mir mein Handy abgenommen. Ich würde es erst bei der Ankunft zurückerhalten.

Dad und ich sprachen während des Rests der Fahrt kein Wort miteinander. Ich schmollte immer noch. Aber ich musste mich mit dem Gedanken anfreunden, die nächsten zwei Jahre meines Lebens auf einem Internat im Nirgendwo zu versauern. Ich hatte keine andere Wahl.

Wir fuhren an einigen Bauernhöfen und vereinzelten Häusern vorbei, aber an nichts, das nach Leben aussah.

Nach einer geschlagenen Stunde waren wir endlich am Ziel. Die Gegend war von Wald, der in allen nur möglichen Herbstfarben leuchtete, umgeben. Wir fuhren durch das riesige Tor auf das dahinter liegende Außengelände der Schule. Die Gebäude waren groß und die meisten stammten aus einer weit zurückliegenden Zeit. Der gigantische Turm, der über eines der Gebäude hinausragte, wirkte irgendwie beängstigend. Es schien mir, als würde er mich beobachten und all meine Geheimnisse kennen. Das Elias-Internat gab es seit 1716. Ich hoffte, die Schlafräume waren nicht aus dieser Zeit. Vielleicht hatten sie es so belassen, um uns Schüler noch mehr zu bestrafen.

Während Dad ausstieg und meine Koffer aus dem Kofferraum hob, nutzte ich jede Sekunde, um nicht den Wagen verlassen zu müssen.

Der Unterricht hatte vor zwei Wochen begonnen. Was gab es Schlimmeres, als die Neue zu sein. Alle würden mich anstarren. Mir graute es davor. Wer behauptete, es würde ihm nichts ausmachen, von einer Horde voreingenommener Jugendlicher, deren Eltern zu viel Geld besaßen, angestarrt und beurteilt zu werden, log. Zwei Jahre können sehr lang werden, wenn man ausgeschlossen wird.

Dad öffnete mir die Tür. „Hast du vor, heute noch auszusteigen?”, fragte er mich und streckte mir seine Hand entgegen.

„Ja natürlich”, sagte ich unsicher und griff nach seiner Hand.

Ich trug mein übliches Outfit, das meistens aus Jeans, T-Shirt, Turnschuhen und meiner schwarzen Lederjacke bestand. Heute waren es ein grünes T-Shirt und grüne Turnschuhe. Ich hatte sie in allen möglichen Farben.

Eine Frau kam uns entgegen, die aussah, als hätte sie einen Stock verschluckt. Sie trug einen blauen Hosenanzug, an dem sie herumzupfte, als würde er nicht richtig sitzen. Ihre Haltung war steif und ihre Haare waren streng nach hinten gebunden.

„Guten Tag, Sie müssen Mr. Moor sein”, sagte sie und streckte Dad die Hand entgegen.

„Ja, so ist es”, bestätigte er. Freundlich ergriff er ihre Hand.

„Ich bin Miss Frost, die Direktorin der Elias.”

Genauso sah sie auch aus. Super, dachte ich mir, dabei verdrehte ich die Augen. Ihrem Akzent nach zu urteilen, war sie Engländerin.

„Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Miss Frost. Wir möchten ja sicher sein, dass unsere Tochter in guten Händen ist”, sagte Dad mit einem Lächeln, welches meine neue Direktorin, oder sollte ich sagen Diktatorin, ein wenig erröten ließ.

Mein Vater war ein gutaussehender Mann, soweit ich das als Tochter beurteilen konnte. Groß, mit schwarzen Haaren, dunklen Augen, charmant. Dazu auch noch erfolgreich. Mir war klar, warum Mom ihn nicht gerne alleine ließ.

„Ja natürlich, Mr. Moor. Sie müssen sich keine Sorgen machen, wir werden gut auf Ihre Tochter achten”, sagte sie und drehte sich zu mir um. „Und Sie sind bestimmt Olivia? Wir freuen uns sehr, Sie an der Elias-Schule zu begrüßen”, während sie das sagte, war ihr Lächeln so steif wie der Rest ihres Auftretens.

„Guten Tag, Miss Frost. Mich freut es auch, hier zu sein”, log ich munter vor mich hin und zwang mich zu einem Lächeln. Im Gegensatz zu meinem Vater schien die Direktorin nicht zu merken, wie sehr ich mich danach sehnte, schnellstmöglich diesen Ort wieder verlassen zu können.

„Es wird gleich jemand kommen, um Ihre Koffer in Ihr Zimmer zu bringen, wo Sie sich dann auf den morgigen Tag vorbereiten können”, noch während sie sprach, kam uns ein Junge entgegen.

Er trug blaue Hosen, dazu eine blaue Jacke mit einem Emblem. Darunter ein weißes Hemd mit Krawatte. Er war sehr groß, trotz meiner 1.70m sah ich mit höchster Wahrscheinlichkeit neben ihm aus wie ein Zwerg. Er hatte schwarzes, etwas längliches Haar, das er nach hinten gekämmt hatte, und ein Lächeln, das mir die Hoffnung gab, nicht wie eine Aussätzige behandelt zu werden.

Vielleicht, aber auch nur vielleicht, war es hier gar nicht so übel.

Und als er an uns vorbei in Richtung Kofferraum ging, zwinkerte er mir frech zu, ohne dass es Dad mitbekam. Ich musste ein albernes Kichern unterdrücken und drehte mich zu Dad, während der Junge mit zwei meiner Koffer an uns vorbeilief.

Mein Vater holte noch die anderen drei heraus und stellte sie auf dem Kies ab. „So, mein Engel, es wird Zeit, sich zu verabschieden. Zeig dich von deiner besten Seite. Deine Mutter und ich lieben dich sehr.“ Man merkte es seiner Stimme an, wie schwer es ihm fiel, mich hier ganz alleine zu lassen. Also versuchte ich, es ihm ein wenig leichter zu machen, auch wenn er es nicht wirklich verdient hatte.

„Schon gut, Dad, mach dir keine Sorgen. Ich komme hier sicher gut zurecht”, sagte ich. Da ich meine Energie brauchte, um meine Tränen zurückzuhalten, klang es wahrscheinlich nicht wirklich enthusiastisch.

Er nahm mich kurz in den Arm.

Am liebsten wäre ich auf die Knie gefallen, hätte geheult und gebettelt, alles, um nicht hierbleiben zu müssen. Doch es hätte mir nichts gebracht, also schluckte ich es herunter.

Er verabschiedete sich von der Direktorin, stieg ins Auto und fuhr davon. Ich hatte nur ein paar Sekunden, um ihm nachzuschauen, bevor Miss Frost mich rief. „Miss Moor.”

Ich steckte meine Hände in meine Jacke und folgte ihr ohne ein Wort in das Gebäude, aus dem sie gekommen war. Gerade als ich durch die Tür treten wollte, hörte ich Schritte auf dem Kies hinter mir. Automatisch drehte ich mich um. Ein Junge rauschte an mir vorbei, ich konnte ihn nur noch von hinten sehen, wie er sich zu meinem restlichen Gepäck bewegte.

Ich betrat das Gebäude und der Junge war wieder vergessen. Im Eingangsbereich standen braune Sessel und edle Tische. Irgendwie erinnerte mich die Einrichtung an Großvaters Haus. Als Kind verbrachte ich viel Zeit bei ihm. Wenn David und ich bei ihm übernachten durften, erzählte er uns wilde Gutenachtgeschichten. Auch wenn mein Bruder sagte, er sei zu alt dafür, hörte er immer gespannt zu.

Mom stritt sich oft mit ihm. Und als ich sie fragte, weshalb, gab sie zur Antwort, sie hätten verschiedene Ansichten vom Leben. Ich gab mich damit zufrieden, schließlich war ich damals zehn Jahre alt. Was wusste ich da schon, wie viele Varianten es vom Leben gab. Großvater starb vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt. Er fehlte mir, und meiner Mutter genauso, auch wenn sie es nie zugeben würde.

Ich folgte Miss Frost, bis sie an einem Tresen hielt. Hinter diesem saß eine junge, blonde Frau, die sozusagen auf Knopfdruck lächelte, als sie uns sah.

„Wenn Sie irgendwelche Fragen haben sollten, können Sie sich an Miss Sulzer wenden. Sie ist die Ansprechperson für alle Schüler und leitet alle Fragen an die zuständige Person weiter.”

Wir gingen weiter und dann hinten aus dem Gebäude heraus, wo ein riesiges Gelände lag. Ich hatte nicht erwartet, dass es so groß sein würde. Wir folgten einem gepflasterten Weg bis zu einem großen Haus mit roten Fensterklappen.

„Es gibt vier Gebäude - zwei für die Mädchen, zwei für die Jungen. Sie sind im Haus sechs untergebracht. Wie Sie sehen, ist die Nummer angeschrieben.” Sie zeigte auf die Haustür und ich nickte. „Alle unsere Gebäude sind gekennzeichnet.”

Drinnen ging es ein paar unter meinen Füßen knarrende Stufen hinauf. Ich hatte ein Zimmer für mich alleine. Mom und Dad schienen einiges gezahlt zu haben, damit ich meine Privatsphäre beibehalten konnte, dachte ich. Wahrscheinlich wollten sie damit ihr schlechtes Gewissen beruhigen, falls sie eins hatten.

„So, Miss Moor, das hier wäre dann Ihr Zimmer. Soll ich noch mit Ihnen hineinkommen, um Ihnen alles zu zeigen?”, fragte sie, als wir vor meiner Tür angekommen waren.

„Danke, Miss Frost, ich werde mich dort drinnen sicher nicht verlaufen.“

„Gut, dann sehen wir uns morgen im Unterricht. Der Stundenplan und die restlichen Schulunterlagen liegen in Ihrem Zimmer. Wie Sie sicher gesehen haben, ist bei uns an der Elias das Tragen der Schuluniform Pflicht”, sie betonte das Wort „Pflicht“ derart scharf, als hätte ich geplant, morgen in Unterwäsche im Unterricht zu erscheinen.

„Vielen Dank, Miss Frost, ich werde natürlich die Uniform anziehen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag”, sagte ich so höflich, wie ich konnte, und hoffte, sie würde endlich gehen.

„Danke, ich wünsche Ihnen dasselbe”, sagte sie mit einem knappen, kühlen Lächeln auf den Lippen. Sie drehte sich um und ging die breite Treppe, die wir vorhin hochgekommen waren, wieder hinunter. Ich atmete tief ein, öffnete meine Tür und trat ein. „Aaaa!”, schrie ich erschrocken los, während ich peinlich herumzappelte und dabei fast wieder zur Tür hinausflog. „Oh mein Gott”, brachte ich gequetscht heraus. Ich hielt mir die Hand an die Brust. Mein Herz rotierte wie der Propeller eines Flugzeugs. „Du hast mich gerade zu Tode erschreckt”, sagte ich.

In meinem Zimmer stand ein Junge, der mich dermaßen überrascht ansah, dass man denken konnte, er hätte einen Geist gesehen. Er hatte tiefschwarze Haare, kurz und perfekt frisiert. Er lächelte nicht. In seinen dunklen, grünen Augen, die mich geradezu durchbohrten, sah ich das immer noch anhaltende Erstaunen. Ich ertappte mich dabei, wie ich ihn anstarrte. Wahrscheinlich bemerkte er es auch, denn ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. Er hatte mich schließlich auch angestarrt, also stand es mir genauso zu wie ihm.

„Tut mir leid”, entschuldigte er sich. „Es war nicht meine Absicht, dich so zu erschrecken.”

„Du musst Olivia sein. Ich bin Jayden Evens”, stellte er sich vor. „Ich bin gleich wieder weg, habe nur den Rest von deinen Sachen hochgebracht. Du hast ganz schön viele Kleider”, sagte er etwas nervös, während sich wieder ein Lächeln auf seinem Mund zeigte.

Er musste der Junge sein, der vorhin an mir vorbeigerauscht war. „Äh … ja … ich bin Olivia Moor”, stammelte ich. „Danke, dass du meine Koffer getragen hast.“

Ich ging auf ihn zu und streckte ihm meine Hand entgegen. Als er sie nahm, war sein Lächeln schlagartig verschwunden. Es verstrichen nur ein paar Sekunden der Stille, die mir aber wie eine Ewigkeit vorkamen, während er mich mit seinen grünen Augen durchbohrte, bis ich bemerkte, dass ich immer noch seine Hand hielt.

„Ich sollte jetzt gehen, du willst dich sicher ausruhen”, sagte er kühl und distanziert.

„Ja klar”, murmelte ich vor mich hin.

„Bis dann.”

„Ja, bis dann”, sagte ich und schloss die Tür meines Zimmers.

Ich war froh, dass der peinliche Moment vorüber war. Und dennoch fragte ich mich, warum er sich so seltsam verhalten hatte. Aber ich wollte mir heute keine Gedanken mehr darüber machen.

Mein Zimmer war groß und hell. Mom hatte mir extra einen großen Kleiderschrank herbringen lassen. Ich fand es unnötig, doch jetzt war es gar nicht so schlecht. Ich besaß mehr Sachen, als ich dachte. Am Fenster standen ein leerer Schreibtisch aus Holz und links davon mein Bett, mit blauer Bettwäsche bezogen. An der Wand neben der Tür befand sich eine kleine Kommode mit meiner Stereoanlage darauf, die Mom auch gleich hergeschickt hatte, zusammen mit all meinen CDs.

Ich zog meine Lederjacke aus, hängte sie über die Lehne des vor dem Schreibtisch stehenden Stuhls, legte eine CD ein und fing an meine Koffer auszupacken. Ich verbrachte den ganzen Nachmittag damit, meine Sachen zu sortieren. Gegen sechs Uhr hatte ich alles in meinen Schrank eingeräumt.

Jetzt hatte ich endlich Zeit zu duschen. In meinem Zimmer befand sich zwar ein WC, aber leider keine Dusche. Ich schnappte mir frische Unterwäsche, ein T-Shirt, Jogginghosen, ein Handtuch und begab mich auf die Suche nach den Duschen. Ich hoffte, sie ohne Hilfe zu finden. Nach etwa zehn Minuten und einer über drei Etagen gehenden Suche gab ich auf.

Ich hatte keine Wahl, ich musste jemanden fragen. Also klopfte ich an der Tür neben meinem Zimmer. Als sie aufging, stand ein Mädchen mit wunderschönen, großen, braunen Augen und einem Lächeln vor mir, das ihre makellosen, weißen Zähne zeigte. Ihre langen, schwarzen Haare reichten bis zur Mitte ihres Rückens hinab.

„Hallo”, begrüßte ich sie möglichst nett lächelnd, um nicht allzu ernst zu wirken. Mom behauptete, ich würde die Menschen damit abschrecken. Und anscheinend legte ich, irgendwo in mir drin, Wert auf ihre Meinung.

„Hallo, kann ich dir irgendwie helfen?”, fragte sie immer noch freundlich lächelnd.

„Ja. Es ist so, ich bin neu an der Elias und finde die Duschen nicht. Könntest du mir zeigen, wo die sind?”, fragte ich.

„Na sicher, kein Problem. Warte kurz”, sagte sie, ging zurück ins Zimmer und stellte die Musik ab. „Folge mir. Ich bin Alexis Flemming. Du bist bestimmt Olivia”, stellte sie fest. Sie hatte ebenfalls einen britischen Akzent.

„Ja, die bin ich. Freut mich, dich kennenzulernen, Alexis. Woher weißt du, wer ich bin?”, fragte ich überrascht. Wahrscheinlich wurde bereits an der ganzen Schule über mich geredet. Das fehlte mir gerade noch.

„Ich habe Miss Frost gehört, als sie mit der Sekretärin über deine Ankunft geredet hat. Es gibt nicht viele an der Elias mit einem eigenen Zimmer. Ich habe auch ein eigenes. Meine Eltern übertreiben es manchmal.”

„Ich habe wohl wegen des schlechten Gewissens meiner Eltern eins bekommen, weil sie mich hierher ins Exil geschickt haben. Zumindest denke ich das bei meinem Vater. Mom hatte hier die beste Zeit ihres Lebens, sagt sie zumindest immer.” Überrascht von meiner Ehrlichkeit einer Fremden gegenüber, zuckte ich ein wenig zusammen.

Ich war nie eine besonders scheue Person gewesen. Trotzdem beachtete ich immer, was meine Eltern mir beigebracht, oder besser gesagt, von klein auf eingebläut hatten. Vertraue nur denen, die du kennst, war ihre Devise. Es war so tief in mir verankert, dass dieses Misstrauen automatisch bei Fremden aufkam.

„Ach, mach dir keine Sorgen, so schlimm ist es hier gar nicht. Warte erst einmal, bis du die Anderen kennengelernt hast”, sagte sie lächelnd und öffnete eine Tür. „Das ist die Dusche. Ich hoffe, wir sehen uns morgen beim Unterricht. Gute Nacht, Olivia.”

„Danke, fürs Herbringen. Bis morgen im Unterricht”, sagte ich, ehrlich froh darüber, schon jemanden zu kennen.

Eigentlich war es gar nicht so schwer gewesen. Ich war sogar an der Tür vorbeigekommen, doch hatte nicht das Zeichen daran gesehen, was die Duschen markierte. Wenigstens wusste ich, wie ich in mein Zimmer zurückkam.

Außer mir war niemand in der Dusche. Ich zog meine Sachen aus und ging in eine der zwölf Kabinen. Das heiße Wasser ließ mich den Tag vergessen. Den Abschied von Mom, der eher im Streit stattgefunden hatte, weil ich vor Wut geladen war, und den Abschied von meinem verrückten, aber liebevollen Vater.

Mit dem um den Kopf geschlungenen Handtuch ging ich zurück in mein Zimmer. Ich fand es schneller, als ich die Dusche gefunden hatte. Nachdem ich mir die Haare geföhnt hatte, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schaute mir kurz den Stundenplan an, um mir meine Unterrichtsstunden zu merken. Ich wollte nicht den ganzen Tag mit einem Zettel vor der Nase herumlaufen.

Danach nahm ich mir mein Buch und legte mich ins Bett. Ich las gerade „Sinn und Sinnlichkeit“ von Jane Austin. Da es bei mir, durch die Hilfe meiner Eltern, an Romantik mangelte, konnte ich mir wenigstens vorstellen, wie es wäre. Ich las, bis dass meine Augen brannten.

Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen. In Santa Barbara war Kälte ein Fremdwort. Ich würde tatsächlich Strümpfe unter meinem Rock tragen müssen, um nicht zu frieren. Hoffentlich durften wir auch Hosen anziehen. Ich wollte nicht unbedingt die nächsten zwei Jahre in einem blauen Rock verbringen.

T

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