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Bleiernes Schweigen

Ferruccio Pinotti • Patrick Fogli

Bleiernes Schweigen

Roman

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Mit einem Nachwort von Jürgen Roth

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Inhaltsübersicht

»DIE VERHANDLUNG«

Alles begann mit einem...

Der Mann hat keine...

Diese Geschichte betrifft zwei...

Es hat aufgehört zu...

Dies ist die Geschichte...

Der Junge ist um...

»Ich bin im Zug...

»Die Grundlagen für eine...

Wir müssen es tun...

Nach dem Treffen mit...

ANMERKUNGEN

QUELLENANGABEN

NACHWORT

Fußnoten

»DIE VERHANDLUNG«

Der vorliegende Roman basiert auf Tatsachen, die sich seit 1992 in Italien zugetragen haben. Tatsachen, denen Untersuchungen und Prozesse folgten. Tatsachen, die bis heute Gegenstand von Ermittlungen sind, welche wiederum zur Wiederaufnahme weiterer Untersuchungen und zur Revision wichtiger Urteile führten. Tatsachen, die die Beziehungen zwischen Staat, Mafia, Finanz und Politik betreffen und die die jüngste italienische Geschichte entscheidend geprägt haben.

 

Im Februar 1986 werden die führenden Köpfe der sizilianischen Cosa Nostra vor Gericht gestellt. Ein historischer Prozess sowohl hinsichtlich seiner Ausmaße (über 400 Angeklagte in einem eigens errichteten, anschlagsicheren Bunker) als auch hinsichtlich des Zeichens, das der Staat damit setzen will: ein Frontalangriff gegen die Cosa Nostra, aus dem die Entschlossenheit spricht, den Kampf gegen das nicht nur in Sizilien, sondern in ganz Italien verwurzelte organisierte Verbrechen aufzunehmen und dessen finanzielle Macht und den Einfluss auf die legale Wirtschaft des Landes zu brechen.

Es ist ein fataler Irrtum, anzunehmen, die Cosa Nostra beträfe nur Sizilien. Da es der Mafia um Geld und Macht geht, agiert sie dort, wo Geld und Macht zu haben sind. Wie jedes erfolgreiche wirtschaftliche Unternehmen hat sie einen Hauptsitz, ein gewisses Herkunftsbewusstsein und ein Gespür für lukrative Investitionen.

 

Entscheidender Auslöser für den sogenannten Maxi-Prozess waren die Enthüllungen des Kronzeugen Tommaso Buscetta gegenüber dem Richter Giovanni Falcone. Seine Aussage legte erstmalig die interne Organisation, Kommandostruktur, Machtverteilung und Ökonomie der Mafia offen. Zwar gibt Buscetta deren politische Kontakte nicht preis, doch das von ihm entworfene Bild reicht aus, um Dutzende lebenslängliche Freiheitsstrafen und mehrere tausend Jahre Haft zu verhängen. Zum ersten Mal wird mit diesem gerichtlich gefällten Urteil, welches fortan in sämtlichen Mafiaverfahren Gültigkeit hat, das Bestehen der Cosa Nostra und damit der Mafia als kriminelle Organisation anerkannt. Ein Meilenstein für die italienische Rechtsprechung: Die Mafia existiert, so steht es schwarz auf weiß geschrieben, und ihr anzugehören ist ein Vergehen.

Das endgültige Urteil nach drei Instanzen erfolgt am 30. Januar 1992. Die Protektion, die zahlreiche Cosa-Nostra-Leute bis dato genossen haben, scheint ihre Wirksamkeit verloren zu haben.

Und die Cosa Nostra reagiert.

 

Das Kommando hat der Clan der Corleonesi unter Totò Riina, der Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre einen blutigen Mafiakrieg gegen die alten palermischen Mafiafamilien gewonnen hatte. Die Botschaft an die Politik ist unmissverständlich. Im März 1992 wird Salvo Lima in Palermo ermordet. In Sizilien ist Lima gleichbedeutend mit Giulio Andreotti. Er ist dessen Mann, die Speerspitze der Democrazia Cristiana, die seit Kriegsende ununterbrochen an der Regierung ist. Der Mord an Lima spricht deutliche Worte: Ihr habt uns nicht geschützt, und dafür werdet ihr büßen. Es ist der erste in einer langen Reihe von Morden, die von den führenden Köpfen der Mafia am grünen Tisch beschlossen werden. Im Visier stehen christdemokratische Politiker ersten Ranges, der Justizminister, Polizisten, Journalisten und Richter, insbesondere zwei, die Inbilder für den Kampf gegen die Mafia: Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Vorbereitungen werden getroffen, Beschattungen veranlasst, geeignete Orte ermittelt und Einsatzkommandos zusammengestellt.

 

Während die Cosa Nostra ihren Racheakt plant, kommt es in der italienischen Politik zum Eklat. Die Korruption, seit Jahren in aller Munde, ohne dass etwas Nennenswertes unternommen worden wäre, dringt mit einemmal an die Oberfläche. Im Februar 1992, einen Monat vor Limas Tod, wird Mario Chiesa, der Präsident eines großen Mailänder Altersheims, auf frischer Tat ertappt, als er Schmiergelder für eine Auftragsvergabe einstreicht. Zuerst streitet er alles ab, doch dann packt er aus und löst einen unaufhaltsamen Dominoeffekt aus. Die Sekretäre und Verwaltungsspitzen sämtlicher Regierungsparteien sowie deren Sekretäre geraten ins Fadenkreuz der »Tangentopoli«-Ermittlungen. Es geht um Schmiergelder in gigantischen Höhen, mit denen sich die Politik finanziert, gezahlt von Unternehmern und Geschäftsleuten als Gegenleistung für abgekartete Auftragsvergaben, Gefälligkeiten und Freundschaftsdienste. Ein riesiger Sumpf aus Korruption und Kriminalität, in den bedeutende Vertreter der italienischen Politik, Wirtschaft und Finanz verwickelt sind. Vornan, um nur ein Beispiel zu nennen, die Ferruzzi-Gruppe aus Ravenna und Raul Gardini1, der Reeder des Seglers Moro di Venezia, der in jenen Tagen im America’s Cup antritt. Sie stehen im Zentrum dessen, was später als »Mutter aller Schmiergeldaffären« bezeichnet werden wird. Im Juli 1993 begeht Gardini durch einen Schuss in die Schläfe Selbstmord. Allerdings wird die Pistole, aus der zwei Kugeln abgefeuert wurden, zwei Meter von ihm entfernt gefunden, und seine Hände weisen keinerlei Spuren vom Gebrauch der Waffe auf. Obwohl Tangentopoli am 23. Mai 1992 noch ganz am Anfang steht, ist klar, dass die Flut bald über die Ufer treten wird. An jenem Tag ermordet die Cosa Nostra Giovanni Falcone. Der Richter hatte einen bedeutenden Posten im Justizministerium in Rom angenommen. Um ihn in Capaci unweit von Palermo zu töten, sprengt die Cosa Nostra ein Stück Autobahn in die Luft. Eine für die Mafia ungewöhnliche Methode, ein Strategiewechsel und eine kaum zu ignorierende Allmachtsbekundung.

Am 19. Juli 1992 ist Paolo Borsellino an der Reihe, der nach Falcones Tod zur Symbolfigur im Kampf gegen die Mafia geworden ist. Die Methode ist ähnlich, eine Autobombe vor dem Haus seiner Mutter in der Via d’Amelio in Palermo. Die Explosion zieht die gesamte Straße in Mitleidenschaft und verwandelt Palermo in einen Vorort von Beirut. Die Schuldigen sind bald gefasst.

Jahre später besteht allerdings kein Zweifel mehr, dass die vermeintlichen Täter nur das Bauernopfer eines geschickten Manövers sind, das allzu deutlich nach Staat riecht.

 

1993 kommt es zum Zusammenbruch. Die Verhaftungen von Tangentopoli bringen das politische System zum Einsturz. Die Democrazia Cristiana und die Sozialisten gehen unter, und die aus der ehemaligen Kommunistischen Partei hervorgegangenen Linksdemokraten (PDS) betreten die Bühne. Die Politik weicht einer fast ausschließlich technischen Regierung unter der Führung des italienischen Zentralbank-Chefs Ciampi. Giulio Andreotti wird der Mafia-Begünstigung beschuldigt, die Justiz ersucht das Parlament um Erlaubnis, gegen den Generalsekretär der Sozialisten Craxi vorgehen zu dürfen. Als sich das Parlament verweigert, geht die Öffentlichkeit auf die Barrikaden. Eine ganze politische Klasse bricht unter der Last der Skandale, Kriminalität und Korruption zusammen.

Die Cosa Nostra verliert ihre Gewährsleute und sucht sich neue. Schon seit der Landung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg wurde sie als Bollwerk gegen den italienischen Kommunismus benutzt.

Und die Bomben kehren zurück. Diesmal treffen sie Baudenkmäler: die Uffizien, zwei Kirchen in Rom, den Padiglione d’Arte Moderna in Mailand. Jahre später stellt sich heraus, dass eine weitere Bombe unmittelbar nach einem Fußballspiel im Olympiastadion hochgehen sollte. Einem Defekt oder einem Sinneswandel ist es zu verdanken, dass es zu keinem weiteren Blutbad kam.

Zu den Bomben bekennt sich eine Gruppe, die sich Falange Armata nennt. Der Name erweist sich als leere Hülle, von der man nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt. Es kommt recht schnell ans Licht, dass die Cosa Nostra die Bomben gelegt hat. Doch hat sich die Cosa Nostra noch nie zu etwas bekannt, sie hat stets klare Ziele getroffen, erklärte Feinde, Politiker, Richter, Polizisten. Die Cosa Nostra sprengt keine Denkmäler und Kirchen in die Luft, sie zerstört keine Kunstwerke, sie zerstört nicht blind.

Die Bomben von 1993 haben nur ein Ziel: die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen.

Anfang des Jahres geht der Boss der Corleonesi Totò Riina den Carabinieri während einer Razzia ins Netz. Doch der Unterschlupf, in dem er gefasst wird, wird nie durchsucht. Sein Nachfolger wird Bernardo Provenzano. Er ist seit Jahrzehnten flüchtig und nur wenige kennen sein Gesicht.

 

In diesem vom allgemeinen Chaos verängstigten und zutiefst verunsicherten Italien betritt Silvio Berlusconi die politische Bühne. In einer an sämtliche Fernsehsender übermittelten Videobotschaft verkündet er seine Kandidatur bei den Parlamentswahlen. Es ist der 26. Januar 1994, doch sein Vorhaben ist seit mindestens einem halben Jahr bekannt. Seine neu gegründete Partei Forza Italia gewinnt die Wahlen, und Insider behaupten, der Plan dazu sei bereits 1992, zu Beginn von Tangentopoli, gefasst worden.

Silvio Berlusconi wird zum Mittelpunkt der italienischen Politik. Im Schatten des alten politischen Systems hat er es zum größten Medienunternehmer Italiens gebracht. Den Ursprung seines Erfolges umgibt ein seltsamer Nebel aus Off-Shore-Finanzgesellschaften und anonymen Holdings. Über seine rechte Hand, Marcello Dell’Utri hält sich hartnäckig das Gerücht, er sei mit der Mafia verbandelt. Doch den Italienern ist das egal. Er ist ihr neuer Mann. Sie wählen ihn, und er gewinnt. Bei seinem Eintritt in die Politik unterstehen seine Unternehmen dem Insolvenzverwalter, doch wundersamerweise kommen die Geschäfte wieder ins Rollen.

Berlusconi ist Regierungschef, die Bomben enden. Die Mafia verschwindet.

Es wird keine Bomben, keine Attentate, kein Aufsehen mehr geben. Bernardo Provenzanos Mafia schweigt. Die Menschen sollen vergessen, dass es sie gibt.

 

Es ist bewiesen, dass der italienische Staat zwischen 1992 und 1993 Kontakt zur Cosa Nostra aufgenommen hat. Prozesse werden geführt, Anklagen gegen Carabinieri-Offiziere erhoben. Diese behaupten, sie hätten versucht, die großen Flüchtigen Riina und Provenzano aufzuspüren und an Informationen zu gelangen.

Diese bis heute nicht aufgeklärten Kontakte zwischen Staat und Mafia nennt man in Italien »Die Verhandlung«.

Von der Verhandlung und dem, was davor und danach geschah, erzählt dieses Buch. Es erzählt von der Ermordung Paolo Borsellinos und von den Gründen, die zu seiner Isolierung und zu seinem Tod geführt haben. Es erzählt vom Italien jener Jahre und vom Italien unserer Tage. Von den allzu engen Banden zwischen Politik, Mafia, Finanzmarkt und Macht.

Es erzählt eine Geschichte, die derart romanhaft klingt, dass sie wahr sein könnte.

 

Für F.

Meine Zuflucht und mein Leben

 

Und für Beatrice

Dass sie stets lächeln möge

PF

 

Für P.

Der mir neue Wege gewiesen hat

 

Für Oliviero

Damit er weiß, wo er geboren wurde

FP

 

Da heißt es immer: Dieser oder jener Politiker hatte etwas mit einem Mafioso zu tun, dieser oder jener Politiker wurde beschuldigt, mit mafiösen Organisationen gemeinsame Sache zu machen, doch da er nicht rechtskräftig verurteilt ist, ist er ein ehrlicher Mann. Diese Argumentation gilt nicht, kann doch die Justiz lediglich ein richterliches Urteil fällen und sagen, es gibt zwar einen Verdacht, sogar einen schweren Verdacht, aber uns fehlt die rechtliche, die richterliche Sicherheit, die es erlaubt, diesen Mann als Mafioso zu bezeichnen (…) Allein der Verdacht sollte die Parteien dazu bewegen, in ihren Reihen zumindest gründlich aufzuräumen und sich nicht nur ehrlich zu geben, sondern ehrlich zu sein, indem sie sich von all jenen trennen, die in irgendeiner Weise mit verdächtigen Machenschaften in Zusammenhang gebracht werden, selbst wenn sie keine Straftaten darstellen.

Paolo Borsellino, Bassano del Grappa, 26. Januar 1989

 

Es braucht Lügen. Der Staat muss lügen. Es gibt keine Lüge im Krieg oder in der Kriegsvorbereitung, die sich nicht verteidigen ließe.

Don DeLillo, Der Omega-Punkt

 

Alles begann mit einem Anruf.

Bis heute weiß ich nicht, wer mich angerufen hat. Es war nur eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie hatte kein Gesicht, keinen Blick, keinen Körper.

Bei den wenigen Worten, die ich mit ihr gewechselt habe – Worte, die mein ganzes Leben verändern sollten –, sah ich schmale, nervöse Hände und flattrige Gesten vor mir, die das Gesagte begleiten, unterstreichen, ihm Nachdruck verleihen. Ich habe nie erfahren, ob meine Vermutung stimmte.

Über manches lässt einen das Leben im Dunkeln.

Nur eines habe ich herausbekommen. Ihr Blick ging nach vorn, und das ohne Furcht.

Es ärgert mich, das zuzugeben, aber diese Definition stammt nicht von mir, sondern von meiner Tochter, die eher impulsiv und gefühlsbetont ist und über besagte Stimme noch weniger weiß als ich. Sie hat weder diese nervösen Hände noch die von ihr so treffend beschriebenen Augen vor sich gesehen.

Ich bin in einem Haus voller Frauen aufgewachsen, und der Weg, der mich bis hierher und zu diesen Worten geführt hat, ist ebenfalls drei Frauen geschuldet. Meiner Frau, meiner Tochter. Und der Stimme dieses Anrufes.

Ihretwegen habe ich meine Entscheidung getroffen, und als mir klargeworden ist, dass es für mich kein Zurück mehr gibt, als ich begriffen habe, was zu tun ist, war ich stolz auf mich wie nie zuvor in meinem Leben.

Ich werde eine Geschichte erzählen. Teils habe ich sie erlebt, teils rekonstruiert. Ich werde sie erzählen, weil manche Leute meinen, sie dürfe nicht erzählt werden. Ich werde sie erzählen, weil ich keine andere Wahl mehr habe. Ich werde sie erzählen, um vielleicht meine Haut zu retten.

Ich werde sie erzählen, weil das Land der vergessenen Geschichten meiner Geschichte die Staatsbürgerschaft verweigert.

 

»Die Zukunft lag hinter ihnen. Vor ihnen lag nur noch die Erinnerung.«

Jean Claude Izzo, Total Cheops

 

Der Mann hat keine Eile.

Er hat die Hände in den Taschen und blickt sich um. Ein junges Mädchen auf zu hohen Absätzen wartet auf den Bus. Ein Typ quatscht in sein Handy und redet mit einem gewissen Guga. Ein Auto fährt über Rot.

Der Mann schenkt jedem von ihnen einen Funken seiner Aufmerksamkeit. Dann bleibt er vor dem Schaufenster eines Kleiderladens stehen und kontrolliert, ob alles sitzt. Er hat seine Garderobe mit Bedacht gewählt. Ein frisch gewaschenes weißes Hemd. Helle Jeans, dunkler Pulli, schwarze Jacke. Er hat kurz überlegt, ob er die Augen hinter einer Sonnenbrille verstecken soll. Mit den riesigen dunklen Gläsern sieht er aus wie eine Fliege, perfekt, um aufzufallen. Keine gute Idee.

Er hat sie aufs Bett geworfen. Eine nachlässige Geste, die letzte. Dann ist er gegangen, ohne die Tür ins Schloss zu ziehen. Wenn sie kommen, müssen sie sie nicht eintreten.

Er sieht auf die Uhr. Er ist sogar zu früh. Er geht um die Ecke und trinkt einen Kaffee, vertieft sich in einen Artikel über das Spiel vom Vorabend. Als er fertig ist, fragt er sich, weshalb ihn das so sehr interessiert, und findet keine schlüssige Antwort. Angewohnheiten wird man nicht los.

Auch wenn sie überflüssig geworden sind. Auch wenn die letzten Lebensminuten gezählt sind.

Erst, als er den Justizpalast betritt, wird ihm klar, was gerade geschieht. Als er in der Eingangshalle steht, um Mut für den nächsten Schritt zu fassen, begreift er, dass die Zeit der Entscheidungen abgelaufen ist. Es bleibt zu tun, was zu tun ist, ohne Wenn und Aber. Er macht einen Schritt nach rechts, sein Körper bekommt die Last der Wirklichkeit zu spüren, er lehnt sich an die Wand, sucht eine Bank, setzt sich.

Ich breche zusammen, denkt er. Das packe ich nie.

Er schließt die Augen und legt das Gesicht in die Hände.

»Alles in Ordnung?«

Er hört die Frage nicht. Nicht einmal, als sie wiederholt wird. Jemand berührt ihn an der Schulter, er sieht auf. Ein Carabiniere.

»Alles in Ordnung?«

Antworte. Atme. Denk nach. Antworte. Atme.

Ich sterbe. Klar ist alles in Ordnung.

Er lächelt.

»Ich bin nur ein bisschen nervös. Ich lasse mich gleich scheiden.«

Der Carabiniere lächelt zurück, nickt grüßend und geht davon.

Der Mann sieht ihn am Ende der Halle verschwinden, steht auf, geht zum Klo, spritzt sich, ohne in den Spiegel zu sehen, Wasser ins Gesicht, geht wieder hinaus. Die Welt hat ihre Schärfe zurück. Wieder vergräbt er die Hände in den Taschen und setzt sich in Bewegung.

Noch ein paar Minuten, und alles ist vorbei.

Noch ein paar Minuten, und er wird das Richtige getan haben.

Noch ein paar Minuten, und nichts braucht ihn mehr zu kümmern.

Auch nicht, dass die Angst ihm fast die Luft abschnürt.

 

»Ich muss mit Ihnen sprechen.«

Das Telefon hatte am Dienstag, den 30. September 2003 geklingelt und mich aus einem unruhigen Schlaf gerissen, in den ich, ohne es zu merken, gefallen war. Mit geschlossenen Augen hatte ich nach dem Hörer getastet, um das Klingeln zu beenden.

»Wer ist da?«

»Bitte hören Sie mir zu. Ich heiße Michela Santini. Sie kennen mich nicht. Aber ich muss Sie treffen.«

Ich hatte mich aufgesetzt. Eine Frauenstimme. Jung. Ein Name, der mir nichts sagte.

»Hören Sie, wenn das ein Scherz sein soll …«

Ihre Stimme war gedämpft.

»Ich kann mir keine Scherze erlauben.«

Es klang wie herausgerutscht. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen. Vielleicht bereute sie ihren Entschluss.

»Ich habe ein Problem, und Sie können mir dabei helfen. Ich bitte Sie nur, sich mit mir zu treffen. An einem öffentlichen, belebten Ort.« Pause. »Bitte.«

»Wo?«

Die Frage hatte mich selbst überrascht. Instinktive Reaktionen hatte es bei mir schon seit Ewigkeiten nicht mehr gegeben.

»Im Justizpalast, dritter Stock. Dort gibt es einen Flur mit einer großen Fensterfront. Ich bin Anwältin. Um zwölf habe ich eine Verhandlung. Doch vorher würde ich gerne mit Ihnen reden. Es wird nur wenige Minuten dauern. Sie können dann entscheiden, ob Sie bis zum Ende der Verhandlung warten möchten, um auch noch den Rest zu hören. Morgen früh um Viertel vor zwölf.«

Sie hatte noch nicht einmal die Antwort abgewartet. Ich hockte da, den Hörer in der Hand, auf dem Display ein Telefonat von sechsundfünfzig Sekunden mit einem unbekannten Teilnehmer.

Normalerweise hätte ich sie gleich zum Teufel geschickt und einfach aufgelegt. Eine Unbekannte, die mich mit anonymer Nummer anruft und ungeheuer dringend mit mir reden muss, aber nicht rausrückt, worüber. Zum Hinlegen und Weiterpennen.

Stattdessen hatte ich mir einen Kaffee gemacht. Und beim Befüllen der Kaffeemaschine hatte ich beschlossen, zu dem Treffen zu gehen. Beim zweiten Kaffeelöffel grübelte ich bereits darüber nach, wie mein Leben mit dem der jungen Frau in Berührung gekommen sein mochte. Und vor allem, was ihr so große Angst machte.

Man hatte es gespürt. Im Tonfall, im Zögern, das jedem Satz voranging. In den Sätzen selbst.

Ich kann mir keine Scherze erlauben.

Diese Worte hatten mich davon abgehalten, das Gespräch zu beenden. Sie hat sie gewispert, zwingend wie ein Atemzug. Seit dem Moment habe ich sie im Kopf, selbst jetzt, wo es fast soweit ist und ich anfange, mich umzublicken und zu raten, welche der Unbekannten um mich herum die Person sein könnte, auf die ich warte.

Ich bin nervös. Ich gehe auf und ab, werfe einen Blick aus dem Fenster. Der Verkehr, die Menschen, die ein bestimmtes Ziel zu haben scheinen. Von hier aus betrachtet könnte man fast glauben, die Welt hätte noch einen Sinn.

Ich weiß nur zu gut, dass das nicht stimmt. Ich weiß es seit langer Zeit.

Es ist fünf vor zwölf. Ich gehe bis zum Ende des Flurs, und mich beschleicht der Gedanke, dass ich die Möglichkeit, es könne sich um einen Scherz handeln, vielleicht doch etwas leichtfertig verworfen habe. Ich habe auch nicht daran gedacht, jemanden anzurufen, um festzustellen, ob es wirklich eine Anwältin namens Michela Santini gibt.

Als ich abermals auf die Uhr sehe, rempelt mich ein Typ an. Er hat die Hände in den Taschen vergraben und murmelt im Vorbeigehen eine Entschuldigung.

Und dann, rund zehn Meter von mir entfernt, sehe ich sie. Sie blickt mich an, nur ganz kurz. Es reicht, um zu verstehen, dass sie auf mich wartet.

Eine junge Frau, blass wie die Herbstsonne.

 

Im dritten Stock ist es zu hell und alle starren ihn an.

Der Mann weiß, dass das nicht stimmt, aber er wird das Gefühl nicht los. Sie sind seinetwegen hier. Alle. Sie sind hier, um ihn an dem zu hindern, was er tun muss. Sie sind hier, um ihm das Leben zu ruinieren, um sein Vorhaben zu vereiteln, alles zunichtezumachen.

Er schluckt. Denkt nach. Atmet. Denkt nach.

Das Bild in seinem Kopf ist glasklar. Sie lächeln alle beide. Ein Lächeln, das er nur zu gut kennt. Ein Lächeln, das er nicht zerstören will.

»Sie werden weiterlächeln«, flüstert er.

Ein Typ dreht sich um und fragt ihn etwas. Er hört nicht zu. Der andere zischt etwas, das auch eine Beleidigung sein könnte.

Details, für die er keine Zeit hat.

Er bewegt die Hand in der Tasche. Eine instinktive Regung, um die Angst zu verjagen und den Moment einzuleiten. Er blickt stur geradeaus, entdeckt sein Ziel, denkt, dass er genau dort schon einmal hineingegangen ist, vor vielen Jahren, und dass man absolut machtlos ist, wenn das Leben einen verarschen will.

Er beschleunigt den Schritt, rempelt einen an, der mitten im Flur steht, entschuldigt sich, witscht vorbei. Er fängt an zu zählen.

Früher hatte das geholfen, um nicht aus dem Takt zu geraten.

Früher konnte er sich damit bei der Stange halten, wenn die Spannung ins Unermessliche stieg.

Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf.

Er muss nur tun, was er am besten kann.

Der letzte Gedanke, bevor er den Saal betritt, ist, dass dies der Raum ist, in dem sein Leben enden wird.

 

Der Angeklagte ist ein gedrungener Kerl mit rasiertem Schädel. Er heißt Nicola Reale, ist Mitte zwanzig, hat einen Brilli im rechten Ohr und trägt eine rotzige Miene zur Schau, um seinen Schiss zu überspielen.

Die junge Frau sieht ihn hereinkommen, macht mir ein Zeichen, auf sie zu warten, und lässt ihn näher treten. Wir haben noch nicht miteinander gesprochen. Doch inzwischen spielt das keine Rolle mehr. Ich werde bis zum Ende der Verhandlung bleiben und mir anhören, was sie zu sagen hat.

Ein Blick aus der Nähe hat genügt, um zu begreifen, dass ihr Anliegen wirklich wichtig sein muss. Man sieht, dass sie seit Ewigkeiten nicht mehr geschlafen hat. Die Art, wie sie jeden Anwesenden im Saal mustert, zeigt, dass sie überall eine Gefahr vermutet.

Ich suche mir einen Platz in der ersten Reihe, hinter den Tischen der Verteidigung. Sie steht zwei Meter vor mir. Ihr Mandant grüßt sie kaum und blickt sich ebenfalls nervös um.

»Keine Sorge, es wird alles gutgehen«, sagt sie ihm.

Ich drehe mich um und will mich setzen.

Da sehe ich den Mann.

Es ist der, der mich angerempelt hat. Ich bin beim Hereinkommen an ihm vorbeigegangen. Er hat draußen gewartet, und ich hatte ihn für einen Journalisten gehalten.

Wie ich ihn jetzt eintreten sehe, den Blick stier geradeaus gerichtet, weiß ich, dass ich mich geirrt habe.

Der ist nicht beruflich hier.

Auch nicht aus Neugier.

Er hat es auf jemanden abgesehen.

 

Er schießt.

Schießt, ohne zu zögern. Er schießt, als wäre er jemand anders. Er schießt, als wäre die Vergangenheit zurückgekehrt, um die Gegenwart zu verschlingen. Er schießt mit der gleichen Präzision und Kaltblütigkeit wie sonst. Er schießt, ohne die Schreie zu hören, die Gesichter zu sehen.

Er schießt, um zu töten. Zuerst die beiden Bullen. Dann die junge Frau. Zuletzt den Glatzkopf.

Er zielt noch immer, zuerst auf einen Mann, dann auf eine Frau, dann auf den Trottel, der mitten im Flur stand und jetzt neben der jungen Frau kniet.

Du wirst sie nicht retten, du Idiot. Keiner von uns wird sich retten.

Er richtet den Lauf auf einen Bullen, der den Saal von hinten betreten hat, auf ihn zielt und brüllt, er solle die Waffe fallen lassen, er habe keine Chance zu entkommen.

Ich habe keine Chance, denkt der Mann. Da wäre ich ohne diesen Scheißbullen ja nie drauf gekommen.

Er grinst. Das hungrige Feixen einer Hyäne.

»Ich heiße Angelo Mazza!«, schreit er, und Stille erfüllt den Saal.

»Ich heiße Angelo Mazza! Seht ihr mich? Könnt ihr mich alle sehen?«

»Ich heiße Angelo Mazza«, wiederholt er zum letzten Mal. »Und ich habe einen Verräter bestraft.«

 

Ohne zu begreifen, was los ist, bricht Michela zusammen, geht neben den beiden Beamten zu Boden, Blut mischt sich mit Blut.

Rein zufällig lande ich neben ihr. Kaum hat der Mann auf den ersten Polizisten geschossen, werfe ich mich auf die Knie. Er trifft ihn im Genick, ein einziger Schuss. Ein weiterer Schuss für den Kollegen, noch ehe der sich umdrehen kann.

Michela wird zweimal in die Brust getroffen. Die nächste Kugel ist für ihren Mandanten, der zu fliehen versucht, aber keine zwei Meter weit kommt. Ein einziger Schuss, knapp unterm Hals.

Er richtet die Pistole auf mich, und die Welt verschwindet in einer gläsernen Blase.

Die Atemluft brennt in meinen Lungen, etwas Eisiges schießt mir durchs Rückenmark wie ein Nagel, der über eine Tafel kreischt. Es dauert nur wenige Sekunden. Als die Polizei eintrifft, zerbirst die Blase in zahllose Splitter. Alle brüllen, einer lauter als der andere.

Dann dieser Name, sein Name. Er wiederholt ihn dreimal, immer lauter, zerreißt die Stille und blendet alles andere aus.

Selbst den Tod.

Die letzte Kugel hat er für sich aufgespart, und als ich ihn zusammenbrechen sehe, verschlagen mir Grauen und Erleichterung den Atem. Meine Augen sind weit aufgerissen, mein Atem geht hektisch. Meine Hände sind eiskalt und voller Blut.

Michelas Blut.

Michela, die die Augen aufreißt und mich ansieht.

Michela, die mich ansieht und den Mund öffnet.

Michela, die den Mund öffnet und etwas sagt.

Ein Wort.

Ein Wort, das alles verändert.

 

Venedig hat das verlebte Aussehen einer Stadt, die sich aufgegeben hat. Ich fühle mich unwohl dort. Ich kriege es noch nicht einmal hin, an einem Herbsttag irgendwo zwischen San Rocco und Santa Croce zu sitzen und ein belegtes Brötchen zu essen.

Als ich Giulia das sage, kontert sie wie immer, wenn sie es für unnötig hält, das Gespräch aufrechtzuerhalten.

»Weil du ein Möchtegernsnob bist.«

Ich sehe sie an, das erhobene Kinn, das zusammengebundene Haar, die dunklen, schmalen Augen, die präzise, geschmeidige Bewegung, mit der sie die Spaghetti auf die Gabel rollt. Vor zwei Jahren ist sie von zu Hause ausgezogen, und manchmal habe ich den Eindruck, sie vergessen zu haben. Wenn ich sie dann besuche, mache ich eine kuriose Bestandsaufnahme und stelle fest, dass mir nicht das winzigste Detail verlorengegangen ist.

»Hörst du mir überhaupt zu?«

»Klar«, sage ich. Eine unverschämte Lüge.

»Dass alles so scheiße ist, haben wir auch Leuten wie dir zu verdanken, weißt du?«

»Leuten wie mir?«

Sie gießt sich Wasser nach, eine Geste, die all ihre Aufmerksamkeit zu erfordern scheint.

»Ganz genau, Leuten wie dir. Leuten, die sich einen Dreck um die Welt scheren. Wann hast du das letzte Mal eine Zeitung aufgeschlagen, Papa? Wann hast du dich das letzte Mal gefragt, was eigentlich los ist?«

Ich weiß keine Antwort. Auch nicht auf ihre Wut. Ich weiß keine Antwort, die mein schlechtes Gewissen lindern oder ihre Meinung von mir ändern könnte. Also sage ich nichts. Wie immer warte ich ab, dass die Flut steigt und alles überspült.

»Du schreibst Kinderbücher, Papa. Das ist alles, was du willst. Aber die Welt dreht sich weiter. Du bist nicht besser als meine Kommilitonen. Hauptsache, man hat ein Mädel, genug Kleingeld, um samstags Pasta essen zu gehen, ein Auto, das fährt, und ein Fotohandy mit mindestens dreißig Megapixeln, wozu auch immer. Oder man kann sich Schuhe mit möglichst hohen Absätzen leisten, auf denen man sich fast den Hals bricht.«

»Ach komm, so seid ihr doch gar nicht alle …«

Sie stützt die Ellbogen auf den Tisch und lässt ein messerscharfes Lächeln aufblitzen.

»Klar sind wir nicht alle so. Natürlich nicht. Aber was zählt das schon, wenn die Mehrheit mindestens so schlimm ist? Ein Typ, der mit einer Bekannten von mir zusammen ist, kauft Prüfungsergebnisse. Immer. Er hat rausgekriegt, wie’s geht, hat genügend Kohle und macht’s einfach. Ich hab ihn mal gefragt, warum, und er hat gemeint, so sei es doch einfacher, er habe keinen Bock, sich über die Bücher zu hängen, er wolle nur den Abschluss kriegen, damit sein Vater die Klappe hält, und dann würde er weitersehen. Das Ergebnis zählt. Gewinnen, als wäre alles ein Fußballspiel. Er meint, nur Idioten schlagen sich die Nacht mit Lernen um die Ohren.«

Sie schweigt. Mustert mich abwartend.

»Echt tiefsinnig, was?« Sie macht eine Pause. »Ich hab mal geglaubt, früher oder später fallen solche Ärsche auf die Schnauze. Man müsse nur abwarten, irgendwann wären sie dran. Heute glaube ich das nicht mehr. Dieses Land geht gerade vor die Hunde, Papa. Und du erzählst noch immer vom bösen Wolf.«

Ich trinke einen Schluck Bier.

»Früher haben dir meine Geschichten gefallen.«

»Ja. Als ich noch geglaubt habe, die Welt sei ein Märchen.«

Sie verstummt, isst eine Gabel Nudeln. Dann sieht sie mich an, mit einem routinierten, vermeintlich beiläufigen Blick. Ihre Mutter machte es genauso, wenn sie mich auf die Palme bringen wollte.

»Aber, na ja, wie heißt es so schön bei Manzoni: Wer keinen Mut hat, kann sich auch keinen verleihen.«

Ich lächele. Eine Reverenz vor ihrer klassischen Bildung und der messerscharfen Raffinesse, mit der sie mich zum Feigling abgestempelt hat.

Ich antworte nicht, es wäre zwecklos. Diese Diskussion haben wir schon viel zu lang und zu oft geführt. Vielleicht sollte ich ihr einfach recht geben, doch dann würde ich sie noch mehr enttäuschen.

Ich kann ihr nun mal keinen Vorwurf daraus machen, dass ihre Mutter ihr fehlt.

Mir fehlt sie auch.

Könnte ich die Toten auferwecken, hätte ich das Problem schon längst gelöst.

»Ich habe einen Menschen sterben sehen.«

Ich weiß auch nicht, warum ich das sage. Es rutscht mir einfach so raus. Giulia ist die Erste, der ich es erzähle. Sie legt die Gabel hin. Sofort ist ihr Gesicht ein anderes.

»Wann?«

»Vor einer Woche. Ein Typ hat sie erschossen. Sie und noch drei andere.«

»Die aus dem Gericht … Was hast du denn da zu suchen gehabt?«

»Willst du mich noch nicht einmal fragen, ob ich Angst hatte?

»Klar hattest du Angst. Los, erzähl.«

Und ich erzähle. Ich fange damit an, wie der Typ die Schießerei eröffnet, und gehe dann zurück zum Telefonat.

»Ich habe keine Ahnung, was sie mir sagen wollte.«

Sie bemerkt die Lüge nicht.

»Das lässt sich doch bestimmt herausbekommen. Du bist Journalist, find’s heraus.«

Ich bin Journalist.

Sie sagt das mit einer solchen Begeisterung, dass ich einen Moment lang selbst daran glaube. In Wahrheit konnte ich es noch nie leiden, wenn sich jemand so präsentiert: Ich bin Journalist, ich bin Schriftsteller, ich bin Arzt.

Außerdem ist das Verb falsch konjugiert. Ich war Journalist, und das nur sehr kurz. Und es war nicht meine Entscheidung, es nicht mehr zu sein. Mit dem Tod ihrer Mutter war ich plötzlich allein, mit dem unsichersten Job der Welt, einer achtjährigen Tochter und dem brennenden Wunsch, mich nicht von meinem Vater aushalten lassen zu müssen.

Die Kindergeschichten, wie sie sie nennt, waren das einzig Gute in einer sehr unglücklichen Verkettung von Umständen. Sechs Monate ehe ich Witwer wurde, war eines meiner Manuskripte verlegt worden. Plötzlich und auf jene wundersame Weise, die kein Verleger willentlich erzeugen kann, fing es an, sich zu verkaufen.

Das Geld war da. Genug, um mich zu Hause einzuschließen, meine Tochter großzuziehen und der beruflichen und finanziellen Unsicherheit zu entfliehen. Ein Buch pro Jahr reichte.

Doch Giulia hat mir das nie verziehen. Du hast deine Träume aufgegeben, sagt sie jedes Mal, wenn das Thema darauf kommt. Und es ist schwer, ihr zu widersprechen.

Ich trinke den Rest meines Bieres aus.

»Du solltest darüber mit Großvater reden«, sagt sie und scheint fieberhaft zu überlegen, wie sie mich dazu bringen kann, meinen früheren Job wieder aufzunehmen. Die Mission ihres Lebens.

»Ja, vielleicht.«

»Weißt du, welches die entscheidende Frage ist, Papa? Ob du diese Geschichte erzählen willst.«

Eine Geschichte erzählen. Ihre Obsession.

Früher oder später wird sie ihr nachgeben, das weiß ich. Sie wird ihre bescheißenden Kommilitonen mitsamt der Fakultät und der Architekturkarriere in den Wind schießen und in irgendeiner Redaktion landen, unterbezahlt, lebenslänglich und unter dem gütigen Schutzschild des Familiennamens, um eine Geschichte zu erzählen, die es wert ist, sich den Arsch dafür aufzureißen.

Ihre Mutter war genauso, als ich sie kennenlernte. Auf der unbedingten Suche nach der Wahrheit. Auch deshalb habe ich mich in sie verliebt. Wenn man mit ihr zusammen war, hatte man das Gefühl, es müsse irgendeine Form der ausgleichenden Gerechtigkeit geben. Man hörte ihr zu, und es leuchtete ein, für eine Sache zu kämpfen, man glaubte sogar, man könnte gewinnen. Sie war das Gute in der Welt, das ein frustrierter Einzelgänger wie ich nie zu Gesicht bekommen hat.

Genau das sehe ich in unserer Tochter. Die gleiche verzweifelte Glut.

»Sagst du mir noch mal was dazu, Papa?«

Ich nicke. Streichle Giulias Hand, die sie mir hinstreckt. Versuche, mir einen Fluchtweg zu bahnen.

»Ich weiß noch nicht einmal, ob es eine Geschichte gibt.«

Kaum hat sie verstanden, was ich vorhabe, zieht sie die Hand zurück.

»Dann find es heraus«, sagt sie. »Das bist du ihr schuldig. Diese Frau ist gestorben, weil sie mit dir reden wollte.«

 

Das blaue Auto biegt links ab und fährt auf die Landstraße. Die Sonne scheint, es ist Nachmittag, der Frühling fühlt sich wie Sommer an, im Radio dudelt ein Lied, dem keiner zuhört, die Straße führt an Feldern vorbei, über eine Brücke, verengt sich und zieht sich den Hügel hinauf.

Im Auto sitzen drei Leute. Zwei Männer und eine Frau. Ich weiß nicht, wohin sie fahren oder wieso. Ich könnte versuchen, mich beim Blick aus dem Fenster an etwas zu erinnern, aber sofort verlässt mich die Lust.

Doch dass Samstag ist, weiß ich sicher. Ein Samstag im Mai.

Der Mann am Steuer blickt auf die Straße, sagt etwas, will sich an ein wichtiges Detail erinnern, doch die Zeit bleibt ihm nicht. Nicht einmal jetzt, im Traum.

Als passiert, was passieren muss, ist plötzlich überall Stille. Sie erfüllt den Wagen, frisst Luft und Worte mit der gleichen Gier wie ein Gewitter den Sommerhimmel.

In dem Moment kommt das rote Auto.

Es taucht in der Kurve auf, weder schnell noch langsam. Nur eines von vielen, denen wir seit Beginn der Reise begegnet sind. Dahinter ein BMW. Grau metallic, ich werde es nie vergessen. Die gleiche Farbe wie der Fluss, der zehn Meter unter uns fließt. Als er beschleunigt, ist der Abstand zwischen dem blauen und dem roten Wagen zu gering für alles.

Der BMW schwenkt aus. Beschleunigt.

Der Mann am Steuer blickt uns entgegen.

Besetzt die Spur.

Und ich bin mir sicher, dass er lächelt.

 

Als ich aufwache, ist es vier Uhr morgens, im Fernseher flimmert ein alter James-Stewart-Film. Ich habe diesen Alptraum seit Jahren.

Ich setze mich auf, fahre mir mit den Händen übers Gesicht, hole tief Luft. Einen Moment lang nimmt das Bild der zerberstenden Windschutzscheibe das gesamte Blickfeld ein. Ich nehme die Hände herunter und reiße die Augen auf.

Die Wand, das Telefon, das Bücherregal, die Zeitung auf dem Boden, aufgeschlagen beim Kinoprogramm, ein LKW, der die Kreuzung vor dem Haus überquert. Die Welt ist auch diesmal in den Angeln geblieben.

Ich stehe auf. Mir ist kalt, aber ich merke es nicht. Noch so ein Nebeneffekt, neben dem Geruch nach Fäulnis und Blut, mit dem mein Hirn mich an der Nase herumführt. Der Sog der Vergangenheit ruft die Truppen zurück, doch eine Kapitulation ist das nicht.

Ich trinke einen Schluck Milch aus der Packung, sehe einem Tropfen nach, der auf den Küchenfußboden fällt, wische ihn weg und kehre aufs Sofa zurück. Der Film hat einer Werbung für eine Sex-Hotline Platz gemacht. Ich drücke auf der Fernbedienung herum, nur um dem raschen Wechsel der Bilder zuzusehen, schalte aus.

Mein Kopf scheint zu platzen, und als ich mich ins Bett lege, bin ich sicher, dass mich der Rest jenes Frühlingstages auch noch heimsuchen wird, sobald ich die Augen schließe. Doch es passiert nicht.

Ich brauche keine Alpträume, um mich an die entscheidenden Dinge zu erinnern. Der blaue Wagen war ein Golf. Fast neu, nicht einmal ein Jahr alt. Zum Mittagessen hatte ich ein paar Gläser Wein getrunken. Rotwein. Aber die Farbe spielt keine Rolle. Der Mann im Auto ist mein Vater.

Die Frau im Auto hieß Elena und war meine Frau. Sie starb am Samstag, den 7. Mai 1994. An jenem Samstag, an jenem Nachmittag, auf jener Reise, die ich träume, als wäre ich ein Beobachter.

Ich habe sie getötet, weil ich nach rechts ausgewichen bin, um dem BMW zu entgehen.

Wir sind die Böschung hinuntergeflogen und im Fluss gelandet. Mein Vater ist seither von der Hüfte abwärts gelähmt und kann sich an nichts erinnern. Ich habe zwei Monate im Koma gelegen und bin unversehrt daraus erwacht, sofern Elenas Tod, die Schuldgefühle, die Wut und die Trümmer, die mein Verhältnis zu meiner Tochter unter sich begraben haben, nicht als physische Einschränkung zählen.

Wer auch immer die Insassen des roten Wagens gewesen sein mögen, sie haben entweder nichts mitbekommen oder wollten sich nicht einmischen. Stundenlang haben wir in dem Fluss gelegen, ehe ein Spaziergängerpaar uns bemerkt hat. Soweit ich weiß, hätte man Elena so oder so nicht retten können.

Der BMW wurde bis heute nicht gefunden. Ich glaube, nach dem Ergebnis meines Alkoholtests hat man von einer ernsthaften Suche abgesehen, doch ich weiß, dass es ihn gibt, irgendwo da draußen ist er. Und genauso weiß ich, dass ich nicht betrunken war und am Tod meiner Frau keine Schuld habe.

Ich weiß es, weil es in all den Erinnerungen an diesen Moment eine Sache gibt, die weder Reue, Angst, Trauer, Schmerz noch alle Alpträume der Welt haben ändern können.

Jedes Mal, wenn ich daran denke, jedes Mal, wenn ich diesen Augenblick träume und daraus erwache, schnürt mir etwas die Kehle zu.

Ein Bild.

Ein Bild, mit dem ich leben muss. Über das ich mir den Mund fusselig geredet habe. Von dem nur ich erzählen kann, weil niemand mehr da ist, der es gesehen hat, der davon weiß, der sich daran erinnern kann.

Die Schnauze des BMW. Ein neues Auto. Aufgetaucht aus dem Nichts. Ein Auto ohne Nummernschild.

 

Die Dinge ändern sich schnell. Es genügt eine Kleinigkeit, ein Standpunkt, den man nicht in Betracht gezogen hat. Eine Erinnerung. Ein Wort. Seit dem Tag, an dem ich zu der Verabredung im Gericht gegangen bin, denke ich daran.

Wenn Elena sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, pflegte sie zu sagen, der Gedanke, der sie nicht loslasse, sei wie ein zweites Herz. Man merkt nicht, dass man es hat, und dennoch kann man ohne es nicht leben.

Kurz bevor Michela Santini starb, hat mein zweites Herz angefangen zu schlagen. Es ist ein seltsames Herz, eines, das ich kenne, sein Puls ist fast vertraut. Es macht mir Angst und es macht mich neugierig.

Seit jenem Tag ist ein Monat vergangen. Ich habe meine Tochter nicht mehr angerufen. Wenn ich es täte, würde sie fragen, ob ich mit ihrem Großvater geredet habe, ob ich versucht habe herauszufinden, was diese junge Frau mir sagen wollte. Ob ich die Flinte ins Korn geschmissen habe. Bis zu diesem Morgen hatte ich keine Antwort.

Die Entscheidung ist ganz plötzlich gekommen, und nicht aus Lust aufs Geschichtenerzählen, aus Langeweile oder aus einer blöden Wette mit mir selbst. Sondern aus Angst. Aus Grauen.

Diese junge Frau ist gestorben, weil sie mit dir sprechen wollte, hat Giulia gesagt. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hätte nicht das Gleiche gedacht.

Ich habe der Polizei nicht alles gesagt.

Niemand würde mir wirklich glauben, genauso, wie niemand wirklich an das Auto ohne Nummernschild geglaubt hat. Genau genommen ist das eine Falschaussage. Ich habe eine plausible Geschichte erzählt und ein Detail verschwiegen, das ich niemals vergessen werde, dessen Existenz jedoch niemand sehen will.

Ein Wort.

Sechs Buchstaben, drei Silben, deren Klang mir allein beim Gedanken daran Angst einjagen. Drei Konsonanten und drei Vokale, von deren Bedeutung ich nicht den leisesten Schimmer habe, und dennoch sind sie genau jenes Detail, das alles verändert und das Domino des Grauens in Gang gesetzt hat, dem ich nur entrinnen kann, wenn ich mich ihm stelle.

Also habe ich heute Morgen den Computer angeschaltet und sämtliche Nachrichten zu Michelas Tod zusammengesucht.

Angelo Mazza, der Mann, der sie erschossen hat, war flüchtig. Angeklagt des Mordes an zwei Drogendealern, die ein bisschen zu übermütig geworden waren. Drogen. Dieselbe Branche wie Nicola Reale, Michelas Mandant, jüngerer Bruder von Giuseppe Reale, Mazzas ehemaligem Geschäftspartner, der dann mit der Justiz zusammengearbeitet hat. Er hat Mazza die beiden Toten angehängt. Nicola hingegen war verpfiffen worden. Angeblich hatte er mehrere Kilo Stoff in seiner Wohnung. Er sollte ihn für einen Freund aufbewahren, hatte er erzählt, doch jetzt ist es zu spät, der Sache auf den Grund zu gehen.

Ich heiße Angelo Mazza, und ich habe einen Verräter bestraft.

Ich werde diesen Satz nicht los. Der letzte, den ein verzweifelter Mann sagt, ehe er sich die Birne wegballert. Die Worte eines Mörders, der beschließt, in einen Gerichtssaal zu spazieren und sich das Leben zu nehmen, um den Bruder des Mannes umzubringen, der ihn ans Messer geliefert hat.

Ich habe einen Verräter bestraft.

Die Worte sind wichtig und schwer zu greifen. Sie schlüpfen einem durch die Finger und ändern ihre Bedeutung. Sie verschleiern, wenn sie zu enthüllen scheinen, und führen den Verstand in die Irre.

Angelo Mazza tötet Giuseppe Reales Bruder und bringt sich um. Doch zunächst kriegt jeder der beiden Polizisten, die ihn in den Verhandlungssaal bringen, eine Kugel ab. Michela zwei.

Ich habe einen Verräter bestraft.

Und wenn der Verräter nicht Giuseppe, sondern Nicola wäre? Wenn die Strafe nicht der Schmerz des überlebenden Bruders, sondern der Tod des Ermordeten wäre? Scheinbar sinnlose Fragen. Eine lächerliche, verstiegene Verschwörungstheorie. Ein Spiel, mit dem man sich beim Abendessen mit Freunden die Zeit vertreiben oder aus dem man einen Roman machen kann.

Doch dies hier ist kein Spiel. Seit jenem Tag denke ich darüber nach, ständig, bei jedem Atemzug. Dies ist mein zweites Herz.

Als Angelo Mazza zum letzten Mal abgedrückt hat, war Michela noch am Leben. Sie war gekommen, um mich zu treffen, sie hatte etwas zu sagen und musste es loswerden. Und wenn es nur eine Andeutung wäre. Ein Wort. Drei Silben. Sechs Buchstaben.

Solara.

Solara, hat sie gewispert.

Solara, hat sie versucht meinen Augen zu sagen, die sie anstarrten, ohne zu begreifen.

Solara, hat sie wiederholt. Und beim letzten Mal habe ich sie verstanden.

Dann ist sie gestorben, mit diesem Wort auf den Lippen, und ich habe der Polizei nicht gesagt, was sie mir zugeflüstert hat. Ich habe ihnen nur erzählt, dass sie mir etwas sagen wollte, es aber nicht geschafft oder ich es nicht verstanden hätte.

 

An die Tage vor dem Tod meiner Frau kann ich mich sehr genau erinnern. Jäh endendes Glück hinterlässt der Erinnerung die kleinsten Details.

Es war ein regnerischer Abend. Ein plötzliches, heftiges Gewitter. Wir waren zu Hause. Ich las Amerikanisches Idyll und sie sah ihre Notizen durch. Sie wirkte abwesend, als würde sie vergeblich um etwas kreisen. Sie fing an, auf einen Notizblock zu kritzeln. Das machte sie oft, um ihre Gedanken zu sortieren. Dann hat sie aufgehört. Sie ist aufgestanden, und der Block ist zu Boden gefallen.

Sie hat ihn liegenlassen, ist mit zwei Bieren in der Hand aus der Küche zurückgekommen und hat mich geküsst. Ich habe das Buch zugeschlagen, mit ihr angestoßen, und dann haben wir auf dem Sofa miteinander geschlafen, während dem Regen Hagel und schließlich Stille folgte.

Es war das letzte Mal.

Als wir aufgestanden sind, um ins Bett zu gehen, habe ich den Block aufgehoben und zu ihren Sachen auf den Tisch gelegt.

Dort stand nur ein einziger Satz, ein Dutzend Mal hintereinander. Die beharrliche Wiederholung einer Obsession. Eine Frage, der ich damals keine Bedeutung beimaß und die jetzt sämtlichen Raum zwischen meinen Gedanken einnimmt. Die einzige, auf die ich eine Antwort finden will, egal, was es kostet.

Wer ist Solara?

 

Der Mann verlässt das Zimmer, grüßt jemanden, geht die Treppe vier Stockwerke hinunter und tritt in die frische Morgenluft hinaus. Er nimmt sich eine Zigarette, zieht sie aus einem Päckchen, das den Tag nicht überleben wird. Er macht ein paar Schritte, genießt die ersten Züge und blickt sich um.

Der Sonnenschein und die Ruhe sind genau das, was er braucht, um zu tun, was er tun muss.

Er wählt die Nummer, hört eine Stimme vom Band, folgt den Anweisungen und drückt die erforderlichen Tasten. Schließlich ist jemand dran. Er bemerkt es nur, weil Stille das Warteschleifengedudel der letzten vierzig Sekunden ablöst.

»Es wird zu den Akten gelegt. Heute oder morgen«, sagt er. Dann ist die Leitung tot. Die Nachricht folgt unmittelbar.

Jeder Ahnungslose würde sie für das Angebot einer Telefongesellschaft halten. Doch einen solchen Tarif kann sich kein Anbieter der Welt leisten.

Er raucht zu Ende. Denkt an die Strecke, die der Anruf zurückgelegt hat, an die Etappen seiner Stimme bis zu ihrem Bestimmungsort. Und an den Mann, der die Information erhalten hat. Ein Mann, den er noch nie gesehen hat und nie sehen wird. Und der für jemanden arbeitet, der nie erfahren wird, was geschehen ist.

Ab einem gewissen Punkt zählen die Ergebnisse. Bei den Mitteln muss man häufig ein Auge zudrücken.

 

»Eine interessante Sache.«

Auf den Knien meines Vaters liegt ein Buch von Norman Mailer. Er spielt mit dem Umschlag, fährt mit den Fingern über den Titel, prüft die Dicke der Seiten, schlägt das Buch weit vor dem Lesezeichen auf und tut so, als läse er. In diesem Moment ist meine Gegenwart in diesem Raum vollkommen überflüssig.

Er lebt in einer mit Büchern und Jazz vollgestopften Wohnung, in der nichts höher ist als einen Meter fünfzig. So kann er alles vom Rollstuhl aus erreichen.

Er hat nie zu mir ziehen wollen, selbst als er ganz unvermutet Witwer geworden ist. Ich brauche meine Stille, pflegte er zu sagen. Und es war offensichtlich, dass er sich nach dem Tod meiner Mutter lebendig und nicht behindert fühlen wollte. Ich war dagegen, doch die Meinung zu ändern gehört nicht zu seinen Gewohnheiten. Mit der Zeit wurde mir klar, dass er recht hatte.

Er rückt die Brille zurecht, klappt das Buch zu und legt es auf den Tisch.

»Ich habe gehört, der Fall soll zu den Akten gelegt werden«, sagt er.

»Papa, ich hab keine Lust auf Spielchen. Tu mir den Gefallen und sag mir, woran du wirklich denkst.«

Er lächelt unmerklich.

Wir streiten, seit ich zehn bin, und das um jeden Mist. Ein Klassiker zwischen Eltern und Kindern. Doch von den Wortgefechten von einst ist nur noch die Gewohnheit der Widerrede geblieben und der Drang, stets das letzte Wort zu haben.

»Eine Vendetta wie viele. Vielleicht ein bisschen zu offensichtlich. Das sieht nach einer Inszenierung aus, findest du nicht?«

Er rollt in die Küche. Winzige Bewegungen aus dem Handgelenk, die ihn geräuschlos von A nach B befördern. Ich bleibe im Wohnzimmer und warte. Das Klappen der Kühlschranktür, dann ein Schrank, etwas wird in ein Glas gegossen, er trinkt und kommt mit einer Wasserflasche auf den Knien in den Flur zurück.

»Aber das ist nicht das, was du wissen willst, richtig?«

»Du bist doch der brillante Journalist.«

»In diesem Stuhl bin ich alles andere als ein Journalist, und brillant war noch nie besonders zutreffend. Aber ich bin dein Vater. Und ich kenne dich.«

Ich setze mich auf dem Sofa zurecht.

»Wenn ich wüsste, was ich wissen will, wäre ich nicht hier.«

»Schmeichler.« Er fährt sich mit den Fingern durch das weiße, einen Tick zu lange Haar und nimmt einen Schluck aus der Flasche.

»Sag mir, wie deine Geschichte endet.«

Er sagt es wie nebenbei, als sei es ein x-beliebiger Satz, mit dem er das Gespräch wieder aufnimmt. Also erzähle ich ihm, was er nicht weiß.

Und von Solara.

Er wartet, bis ich fertig bin, ohne eine Miene zu verziehen.

»Daran erinnere ich mich nicht«, sagt er. Und die Pause, ehe e r antwortet, ist eine Spur zu lang.

Er fixiert mich mit seinen blitzblauen Augen. Sie wirken abwesend, als suchten sie nach einem Moment, der ihm nicht ins Bewusstsein kommen will. Ein Zögern, das er mit einem langen Seufzer beendet. Er versucht zu lächeln, tut so, als sei nichts.

»Hast du ihre Notizen noch?«

Elenas Notizbücher, die enge Handschrift, die Kritzeleien an den Rändern, die Fragen, die auf den Seiten schwebten, die großen Fragezeichen, auf die sich ihre gesamte Arbeit stützte. Stell die richtigen Fragen, pflegte sie zu sagen. Es ist unwichtig, ob du die Antworten findest.

»Die sind im Keller.«

»Wenn es Solara gibt, musst du dort anfangen zu suchen.«

Du weißt, dass es Solara gibt, würde ich am liebsten antworten. Ich höre es in deiner Stimme, lese es in deinem Blick. Du bist mein Vater, ich kenne dich.

»Deshalb bist du hier, stimmt’s?«

»Ich bin hier, weil du vor dem Unfall mit ihr zusammengearbeitet hast. Und ich hab nie erfahren, worum es ging.«

Er sieht weg, greift nach dem Buch und legt es sich in den Schoß.

»Das ist lange her.«

Ich stehe auf. Das Gespräch ist beendet, gehet hin in Frieden.

Er bringt mich zur Tür, und diesmal ist es an mir, beiläufig zu klingen. Seit Jahren habe ich ihn das nicht gefragt, aber er ist nicht überrascht.

»Was erinnerst du von dem Unfall?«

Er lässt die Fingerknöchel knacken.

»Nichts«, erwidert er. Ich will lächeln, doch es gelingt mir nicht.

Du musst einen ziemlich großen Teppich haben, um so viel drunterzukehren.

Ich hole den Aufzug. Wir verabschieden uns nicht, das tun wir nie.

»Manche Fragen sollte man nicht stellen«, sagt er.

Die Kabine setzt sich in Bewegung, und während ich Richtung Erdgeschoss gleite, habe ich zum ersten Mal im Leben das Gefühl, er ist zu Tode erschreckt.

 

Die Straße ist klein und eng. Die junge Frau hat Angst.

Angst vor der Stille und vor den Geräuschen. Angst vor den Autos, die vorüberfahren, vor den Scheinwerfern, die sie aus der schützenden Dunkelheit reißen. Angst vor dem Klappern der Schritte, die über den regennassen Asphalt hasten.

Angst, zu sterben.

Sie weiß, dass es passieren wird, und es hilft nichts, die Tabletten in der Tasche zu haben, das Röhrchen zu berühren, das Plastik unter den Fingern zu spüren und sich zu sagen, dass ein paar davon reichen würden, um alles zu beenden. Nachdenken ist keine Hilfe, die Stimme in ihrem Kopf ist ein hungriges, verschlagenes Tier, das nicht daran denkt, sie in Ruhe zu lassen. Statt sie zu beruhigen, lässt sie das Grauen wachsen, bis es in Panik umschlägt.

Nachdenken ist eine Pein. Sie weiß es, hat es immer gewusst.

Sie atmet ein.

Schließt die Augen.

Als sie sie wieder öffnet, steht der Mann auf der anderen Straßenseite. Er blickt sich um, sucht jemanden. Er trägt eine blaue Jacke, hat die Kapuze hochgezogen und kein Gesicht. Ein schwarzes Loch, in dem sie sich dunkle, pupillenlose Augen vorstellt.

Sie hofft, dass er sich nicht zu ihr umdreht, sie nicht sieht, nicht mit einem Blick kapiert, was zu tun ist, weshalb sie dort ist, was sie denkt, wie viel Angst sie hat.

Sie ballt die Fäuste, die Nägel graben sich ins Fleisch, der Atem stockt, wehrt sich gegen die Luft und die Welt. Dann geht der Mann an sein Handy, lacht, setzt sich in Bewegung, schlendert davon. Sie löst die Fäuste.

Ein Blutstropfen rinnt über die Handfläche, fällt auf den Asphalt und vermischt sich mit dem Regen.

Wenn ich es jetzt nicht tue, tue ich es nie, denkt sie. Sie steckt die Hand in die Tasche und tastet nach der kalten Pistole. Dann überquert sie so schnell es geht die Straße.

 

Ich war seit Monaten nicht mehr im Keller. Hier verstecke ich die Vergangenheit und die Dinge, von denen ich mich nicht trennen kann. Alte Computer, ein plattes Fahrrad, ein Lexikon von anno dazumal, ramponierte Koffer, mit denen ich keine Reisen mehr machen werde.

Der Karton mit Elenas Notizen steht gleich hinter der Metalltür. Unmöglich, ihn zu übersehen.

Er ist mit zwei Streifen verstaubtem Paketklebeband verschlossen. Auf einer Seite ist eine bunte Margerite. Elena hat sie gemalt, an einem Tag, der zu einem anderen Leben zu gehören scheint.

Früher stand er in einer Ecke des Wohnzimmers und enthielt dasselbe undurchschaubare Chaos, das ich jetzt vorzufinden glaube, sobald ich das Klebeband durchschneide. Als wären das Leben und der Tod nur durch ein Stück morsch gewordenes Klebeband getrennt.

Ich schließe den Keller ab, hebe den Karton hoch, rufe den Aufzug und fahre bis zu meiner Wohnung. Auf meinem Stockwerk bleibe ich stehen, den Karton in den Händen, den Blick starr auf meine Wohnungstür gerichtet.

Da steht ein junges Mädchen.

Sie hat tropfnasses Haar und einen verstörten Blick. Sie scheint erleichtert, mich zu sehen, will etwas sagen, schafft es nicht. Also muss ich den ersten Schritt tun. Ich frage sie, ob sie jemanden sucht, sie sagt, sie habe auf mich gewartet. Sie glaubte schon, ich sei nicht da, sie müsse mit mir reden.

»Ich kannte Michela«, erklärt sie. »Wir waren befreundet.«

Mehr braucht es nicht. Ich öffne die Tür, bitte sie mit einer Geste herein. Erst, als ich ihr in den Flur folge, sehe ich den Pistolenknauf aus ihrer Regenmanteltasche ragen.

 

Sie heißt Arianna und sagt, sie sei mir seit einer Weile gefolgt. Zwei Abende habe sie auf der anderen Straßenseite gewartet, bis sie den Mut hatte, hierherzukommen. Sie sagt, wenn sie es nicht heute Abend getan hätte, hätte sie es nie mehr getan.

Ich höre ihr zu. Sitze auf der Sofakante und warte. Schließlich verstummt sie. Sie bittet mich um etwas zu trinken, ich entschuldige mich, ihr nichts angeboten zu haben, sie will nur Wasser. Mit entwaffnender Langsamkeit und gesenktem Kopf trinkt sie zwei Gläser. Dann holt sie tief Luft und sieht mich plötzlich erleichtert an.

»Ich kenne Michela seit unserer Kindheit«, sagt sie. »Es hat keinen Zweck, Ihnen die ganze Geschichte zu erzählen, es fängt in der Grundschule an und …«

Ich unterbreche sie. Deute auf ihre Jackentasche.

»Und … die da?«

Erst jetzt scheint ihr wieder einzufallen, dass sie eine Pistole bei sich hat. Sie geht zum Du über.

»Das hat nichts mit dir zu tun«, sagt sie. Sie wiederholt es dreimal, immer leiser, ohne mich anzusehen. Dann sieht sie mir wieder in die Augen.

»Ich habe Angst.«

»Wovor?«

Sie erstickt die Antwort in einem flüchtigen Lächeln und legt den Mantel ans andere Sofaende.

»Ich habe Michela drei Tage vor ihrem Tod gesehen. Eigentlich wollte sie mich sehen. Wir sind zusammen mittagessen gegangen, unsere Jobs liegen nur ein paar Kilometer auseinander. Irgendetwas stimmte nicht. Sie war genau wie immer, aber … es war, als würde sie mir etwas vorspielen. Sie bemühte sich, normal zu sein. Schließlich hat sie mich gebeten, sie zurück ins Büro zu begleiten. Irgendwann hat sie mich am Arm gefasst und ist zusammengebrochen. Sie meinte, sie habe Angst. Und du seiest der einzige Mensch, der ihr helfen könne. Sie meinte, sie wolle dich anrufen, um mit dir zu reden.«

»Das hat sie getan.«

»Ich weiß. Am Tag vor ihrem Tod hat sie mir eine Nachricht geschickt. Treffe ihn morgen, stand da. Dann … nichts mehr.«

»Hat sie dir nicht gesagt, was sie wollte?«

»Dir?«

»Wir sind nicht dazu gekommen …«

Sie fällt mir ins Wort.

»Ich habe versucht, sie zu fragen, was los ist. Damals, beim Mittagessen. Ihre Antwort war seltsam, aber das passierte bei Michela oft. Curiosity killed the cat. Das hat sie mir gesagt.«

»Ich habe keine Ahnung, weshalb sie mich sehen wollte.«

Eine halbe Lüge. Doch Arianna hört mir nicht zu. Sie hängt einem quälenden Gedanken nach. Sie sieht mich an, als könnte ich ihr helfen, ihn zu entziffern. Dann stellt sie plötzlich die falsche Frage, und all meine Gewissheiten gehen in Rauch auf.

»Du warst doch da. Kam dir das alles nicht übertrieben vor? Hattest du nicht den Eindruck, dass … dass da was nicht stimmte?«

Plötzlich habe ich die Worte meines Vaters im Kopf: Das sieht nach einer Inszenierung aus, findest du nicht?

Ich könnte ihr antworten, doch ich weiche lieber aus.

»Glaub mir, ich wollte nur heil da rauskommen.«

»Klar, das ist ganz natürlich. Aber hast du das später nicht gedacht? Bist du danach nicht tausendmal in diesen Saal zurückgekehrt, hast die Schüsse gehört, darüber nachgedacht, was passiert ist? Hast du dich nicht gefragt, warum? Und warum so?« Sie hält inne. »Vier Menschen sind gestorben, vor deinen Augen.«

»Fünf.«

»Fünf, ja. Fünf. Ich vergesse den Mörder immer. Im Grunde hat er seine Strafe im Augenblick der Tat vollstreckt.«

Sie trinkt. Diesmal weniger langsam. Beim zweiten Glas nimmt sie ein Beruhigungsmittel. Sie spült es mit einem Schluck hinunter und steckt das Röhrchen in die Tasche zurück.

»Und, hast du darüber nachgedacht?«

»Nein«, lüge ich.

»Das solltest du.«

»Wieso?«

»Sie ist auch deinetwegen tot.«

Ich werde laut.

»Meinetwegen? Meinetwegen?? Du tauchst hier auf, nachdem ich beinahe hops gegangen wäre, und sagst mir, dass eine, die ich noch nicht einmal kannte, bei einem Vergeltungsschlag irgendeines Mafioso meinetwegen getötet wurde? Weißt du, wer der Mandant deiner Freundin war?«

Sie schüttelt den Kopf. Dann bricht sie in ein kurzes, hysterisches Lachen aus.

»Du fragst mich, ob ich weiß, wer Michelas Mandant war. Weißt du es denn? Du behauptest, du hast dir keine einzige Frage gestellt, und schleppst einen Karton aus dem Keller, der kilometerweit nach Vergangenheit stinkt. Ist es nicht so?«

Sie streift sich die Jacke über und steht auf. Kritzelt eine Nummer auf den Block neben dem Telefon. Hält sie mir hin. Ihre Stimme ist fast nur ein Flüstern.

»Wenn du die Antworten findest, die du suchst, ruf mich an.«

Ich greife nach ihrem Arm.

»Und wieso sagst du mir nicht, was du weißt?«

Sie presst die Lider zusammen. Als sie sie wieder öffnet, gleicht ihr Blick verwittertem Marmor. Ich lasse sie los.

»Weil es so nicht läuft«, antwortet sie. »Du musst dahinterkommen, ob du wirklich dahinterkommen willst. Ob du meinst, das ist es wert.«

Sie öffnet die Tür. Auf der Schwelle dreht sie sich um.

»Ich will am Leben bleiben. Wenn das noch möglich ist.«

 

Ich habe nie an Zufälle geglaubt.

Zumindest nicht an die, die andauernd passieren. Zweimal hat Arianna genau das Gleiche ausgesprochen wie mein Vater und meine Tochter: einen Zweifel an dem, was ich im Gerichtssaal gesehen habe, und eine Ahnung – oder mehr als das –, was Michelas Todesursache betrifft.

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hätte ihr innerlich nicht zugestimmt. Und genauso gelogen wäre es, abzustreiten, dass ich es erst in dem Moment begriffen habe, als sie unten auf der Treppe verschwand und ich die Sicherheitstür hinter mir zudrückte.

Diese einfache, alltägliche, alles andere als symbolische oder erhellende Geste genügte.

In der Wohnung bleiben, während der Regen gegen die Scheiben prasselt, das Bedürfnis nach einem Pulli oder einer heißen Dusche, um die Kälte zu vertreiben. Der Drang, den Fernseher, die Stereoanlage, den Computer oder sonst irgendetwas anzustellen, das die beklemmende Stille in diesen vier Wänden vertreibt.

Und die hartnäckige Vorstellung, dass gerade etwas passierte. Oder besser, dass es bereits passiert war und mir nichts weiter übrigbleibt, als mich ihm auf die bestmögliche Weise zu stellen. Diesmal ohne so zu tun, als wäre nichts. Das war ich mir schuldig. Zumindest glaubte ich das.

Wenn ich heute zu jenem Abend zurückkehre, kommt es mir wie ein anderes Leben vor. Und vielleicht war das Schließen der Tür der Startschuss, mit dem eine blinde, arglose Unschuld anfing, aus meinen Tagen zu weichen. Doch obgleich ich inzwischen sehr viele Dinge weiß und Zeit und Reue für mich auf derselben Achse verlaufen, weiß ich ums Verrecken nicht, was ich hätte tun sollen, um der Zukunft eine andere Wendung zu geben.

Man entscheidet jedes Mal blind. Man wählt willkürlich aus einer endlichen Zahl von Möglichkeiten, wohl wissend, dass in dieser Liste fast immer das fehlt, was tatsächlich eintreten wird. Vielleicht sage ich das aus Erfahrung oder aus Erschöpfung. Oder weil einem am Ende einer Reise der Aufbruch immer nebelhaft erscheint. Man entscheidet sich für das, was geht, und hofft. Alles andere, vom Willen Gottes abwärts, dient lediglich dazu, einem die Verantwortung für einen möglichen Fehler zu nehmen.

Das denke ich heute; keine Ahnung, was ich an jenem Abend gedacht habe. Ich weiß allerdings, dass ich im Glauben, das Richtige zu tun, das einzig Mögliche getan habe.

Zwei Anrufe.

Der erste, um einen Freund nach zwei Adressen zu fragen, die ich brauchte.

Der zweite ging an meine Tochter. Um einen Fehler einzugestehen.

 

»Hast du dich entschieden, Papa?«

Sie kommt sofort zur Sache, wie immer. Wenigstens einer.

»Was meinst du?«

»Sag du’s mir. Normalerweise liegt was an, wenn du um diese Uhrzeit anrufst.«

»Aha.«

»Also?«

»Du hattest recht.«

Schweigen. Ein kurzer Augenblick, genug, um die Geräusche im Hintergrund zu dämpfen.

»Was meinst du?«

»Das brauche ich dir nicht zu sagen.«

»Verstehe.«

Mehr Antwort kann ich nicht erwarten. Drei Silben, in denen ein unterdrücktes Lächeln liegt.

»Ich hab mich so lange darum gesorgt, dass es dir gut geht, und jetzt, wo du nicht mehr da bist …«

»Hast du’s Opa gesagt?«

»Hätte ich sollen?«

Sie überlegt.

»Vielleicht nicht.«

Wieder Schweigen.

»Wie geht es dir?«

Sie lacht.

»Hör auf, dir um mich Sorgen zu machen, Papa. Glaubst du, du schaffst das?«

»Vielleicht.«

»Gut.« Pause. »Halt mich auf dem Laufenden, okay?«

»Giulia?«

»Ja?«

»Danke.«

»Wofür?«

»Stimmt, wofür eigentlich.«

 

Ich bin nicht in der Trauer um meine Frau versunken. Giulia hat es mir nicht erlaubt. Sie war zu klein, als dass ich ihr Leben in den Müllhäcksler meines Egos hätte werfen können. Das war ein Glück, so konnte ich überleben. Ich habe versucht weiterzumachen, mich nach anderen Frauen umgesehen, kein Keuschheitsgelübde abgelegt und dem Sozialleben nicht den Rücken gekehrt.

Doch das heißt nicht, dass ich Elena vergessen hätte. Oder dass ich mich nicht auch heute noch nach einem Lachen, einer Stimme, einer Silhouette umdrehe, die für einen allzu kurzen Augenblick ihr zu gehören scheint.

Den Karton mit der Margerite zu öffnen ist, als würde ich diesen Eindrücken nachgehen. Allerdings nicht nur für einen kurzen, harmlosen Moment.

Den ganzen Morgen bringe ich damit zu, ihn zu leeren. Beschriebene Blätter, farbige Hefter, Dutzende Moleskines voller Notizen, Zeichnungen, Schemata. Pfeile hinter Pfeilen hinter Namen. Zwei Adressbücher mit Telefonnummern von Menschen, die ich seit einer Ewigkeit nicht gesehen habe. Urteile, Verfügungen, Zeitungsartikel. Ihre, die meines Vaters. Eine alte Rezension von mir, zu einem Kubrick-Film, für eine Kinozeitschrift, die es seit zwanzig Jahren nicht mehr gibt.

Und der Notizblock.

Er ist es, ich weiß es sofort, und ihn durchzublättern macht fast Angst.

Wer ist Solara?

Der Satz auf dem letzten Blatt scheint einem Traum entsprungen zu sein. Halb lächelnd fahre ich mit dem Finger über die drei Worte. Sie ziehen sich über das ganze Blatt, wie ein Teppichmuster. Dann gehe ich die vorigen Seiten durch, ohne Erfolg. Ich nehme mir den nächsten vor und dann noch einen und noch einen. Nichts.

Ich fange von vorn an. Räume den Karton wieder ein und beginne bei den Sachen, die ich als Erstes ausgeräumt habe. Mit akribischer Sorgfalt sehe ich sämtliche Seiten, Randnotizen und hingekritzelten Anmerkungen durch, die nicht immer leicht zu entziffern sind. Am Ende brennen mir die Augen, es ist inzwischen Abend geworden, der Fußboden ist leer, und ich fühle mich wie am Ende eines Slaloms, bei dem ich aus unerfindlichen Gründen ein paar Tore ausgelassen habe.

Es fehlt etwas. Und nicht nur wegen der Abseitigkeit dieser Frage und dieses Namens, der nirgendwo sonst auftaucht: Elena datierte alles. Ehe sie irgendetwas aufschrieb, vermerkte, verfasste, hinkritzelte, schrieb sie das Datum darüber. Dem Inhalt des Kartons nach zu urteilen, hat sie vor ihrem Tod rund ein Jahr lang nichts mehr notiert.

Bis auf diese Seite, dicht beschrieben mit der immer gleichen Frage.

Wenn es Solara gibt, musst du dort anfangen zu suchen, hat mein Vater gesagt.

Vorausgesetzt, jemand anderes ist nicht lange Zeit vor mir fündig geworden.

 

Das Quartiere Palazzo sieht aus wie ein wild zusammengewürfelter Haufen von Bausünden. Früher stand es auf der Liste der No-Go-Areas ganz oben. Heute ist es nur eine Wohnburg am Stadtrand mit trostloser Vergangenheit.

Hier lebt die Mutter von Michelas Mandanten. Claudia Villafane ist seit vielen Jahren verwitwet. Jemand hat ihrem Mann vor dem Haus aufgelauert und ihm ein Magazin auf den Pelz gebrannt. Alle haben die Schüsse gehört, aber keiner hat gesehen, wer geschossen hat.

Damals war ihr Sohn Nicola sechs Jahre alt. Sechs Jahre darauf wurde er das erste Mal wegen Drogen geschnappt, und ein weiteres Dutzend Jährchen später starb er keinen Meter von mir entfernt. Ironischerweise ist die Wohnung seines Mörders Angelo Mazza kaum zwei Kilometer weit entfernt.

Claudia wohnt im dritten Stock eines smoggeschwärzten Hochhauses. Klingeln ist überflüssig, die Eingangstür steht offen. Der Aufzug ist defekt, ich nehme die Treppe. Drinnen ist es sauberer, als es von außen den Anschein hat. Nach endlos vielen Sicherheitstüren und Treppenabsätzen erreiche ich endlich mein Ziel.

Ich sehe auf die Uhr. Klingele. Die Frau öffnet einen Spaltbreit, ohne die Sicherheitskette zu lösen. Ich sage meinen Namen. Erinnere sie daran, dass ich vorher angerufen hatte.

»Ich bin Journalist, Sie meinten, ich solle vorbeikommen.«

Sie schließt die Tür, löst die Kette, öffnet, bleibt auf der Schwelle stehen. Ihre Augen sind rot.

»Entschuldigen Sie, aber … ich habe es mir anders überlegt.«

Ich sehe sie wortlos an. Bleibe stehen. Sie schließt die Tür nicht.

»Was wollen Sie?«

Die Frage klingt wie ein Windhauch.

»Reden. Über Ihren Sohn.«

Sie hört mich nicht. Hebt die Stimme.

»Was wollen Sie?«

Die Worte hallen im Treppenhaus wider, zweimal, dreimal. Verlieren sich in der Stille. Es rührt sich etwas hinter den Nachbartüren. Sie kommen nicht heraus, lauschen. Ich weiß es. Hier können wir nicht bleiben.

»Lassen Sie mich doch bitte herein. Wir reden drinnen weiter.«

Sie schreit.

»Ihr sollt mich in Ruhe lassen, verstanden? Ihr sollt mich in Ruhe lassen!«

Wie um gegenzusteuern senke ich die Stimme.

»Ihr? Wer? Wer lässt Sie nicht in Ruhe?«

Sie gibt mir eine Ohrfeige.

Zischt.

»Die haben meinen Sohn ermordet. Was wissen Sie denn schon, wie das ist, wenn einem der Sohn ermordet wird? Na? Was?«

Ich sage nichts. Der Gedanke an Giulia durchzuckt mich. Allein die Vorstellung ist kaum zu ertragen.

Sie hört nicht auf, macht einen Schritt auf mich zu, ihre Füße rutschen in den Lederpantoffeln hin und her, eine Strähne löst sich aus einer Haarspange und fällt ihr ins Gesicht.

Wütend streicht sie sie zurück.

»Wissen Sie, was das bedeutet? Nein, natürlich nicht. Und wie es ist, ein Kind im Knast zu haben? Jetzt habe ich nur noch einen Sohn. Nur noch einen. Und den will ich behalten.« Ihr Gesicht ist meinem ganz nah.

Ein Tier, das sein Revier verteidigt.

»Sie müssen gehen«, sagt sie. Ein verängstigtes Tier.

Ich sehe zu Boden, sie weicht zurück. Es braucht keine Fragen mehr. Ich warte, während sich die Wohnungstür schließt. Hinter den Nachbartüren und im Stockwerk darüber sind Schritte zu hören. Ich gehe die Treppe hinunter. Ich brauche Luft. Hätte ich eine Zigarette, würde ich sie jetzt rauchen. Keine drei Stufen würde sie vorhalten.

Draußen ist es windig und es riecht nach Regen. Ich schlage den Jackenkragen hoch, halte ihn mit beiden Händen fest und gehe zum Parkplatz.

Ein Typ schaut mich an.

Hände in den Jeanstaschen, dunkles Haar, Lederjacke, den Kopf leicht nach links geneigt. Er steht ein paar Meter entfernt vor einer Hecke. Er folgt mir mit dem Blick, und als ich an ihm vorbei bin, macht er ein paar Schritte in meine Richtung, wie jemand, der einen ungebetenen Gast zur Tür bringt. Ich tue so, als würde ich ihn nicht bemerken, und versuche ihn im Augenwinkel zu behalten.

Ich erreiche den Parkplatz. Bleibe stehen. Er bleibt stehen. Als ich an meiner Autotür bin, werfen wir einander einen letzten Blick zu. Er steht ein Stück weit weg auf dem Rasen. Wartet.

Ich steige ein. Einen Moment lang bin ich mir sicher, dass er kommt und mich wieder aus dem Auto zerrt. Oder dass sich jemand auf dem Rücksitz versteckt hat, um mir einen unvergesslichen Abschied zu bereiten.

Doch es passiert nichts. Ich starte den Wagen, parke aus, fahre an ihm vorbei und versuche ihn zu ignorieren.

Ohne Eile rolle ich von dannen und weiß, er will sichergehen, dass ich wirklich verschwinde.

 

Adriano unterbricht das Telefonat und legt das Handy auf den Tisch.

Angelo Mazzas Familie ist vor einem Monat weggezogen, und niemand weiß wohin. Es braucht kein Genie um zu wissen, dass man sie nie wiedersehen wird.

Er schließt die Augen. Die Geschehnisse im Gerichtssaal sind eine rasche Folge verschwommener Bilder. Ein Fahndungsfoto von Mazza und eines von Michela Santinis Mandanten. Die beiden Polizisten mit ihren Familien. Die Fassade des Justizpalastes. Michelas Lächeln während einer Bergwanderung. Die Schlagzeile des Corriere della Sera: Ich habe einen Verräter bestraft.

Er öffnet die Augen. Das Zimmer, der Fernseher, das Sofa. Die Bücher. Die Erinnerungen. Gedanken, die sich zu schnell und geräuschvoll drehen. Sie reiben sich aneinander wie Zahnräder, die nicht ineinandergreifen. Er holt tief Luft, ein leiser Schauder läuft ihm über den Nacken. Zuerst eiskalt, dann sengend heiß.

Es gibt Geister, die man nicht rufen, Fragen, die man nicht wiederholen, Schweigen, das man nicht brechen sollte. Ungeschriebene Regeln, die er auswendig kennt. Schweig, ehe es zu spät ist. Schweig, aber behalte die Erinnerung. Schweig und warte auf den richtigen Moment.

Als sein Leben sich änderte, hasste er das Schweigen. Heute ist es sein treuester Freund. Im Schweigen vor vielen Jahren hat er eine Entscheidung getroffen, die ihm unmöglich erschien. Im Schweigen vor wenigen Tagen hat er begriffen, dass etwas passieren würde. Im Schweigen dieses Augenblicks denkt er an Solara.

Ein Name, den es nicht geben dürfte, den niemand kennt. Den er selbst vergessen zu haben hoffte.

»Du bist ein Träumer«, sagt er in das leere Zimmer hinein. »Du bist ein Träumer«, flüstert er noch einmal. Er weiß, was geschehen wird, und trotz seiner Angst hat er keinen Zweifel. Es gibt nur eine mögliche Entscheidung, und die hätte er vielleicht vor vielen Jahren treffen sollen. Er greift wieder nach dem Telefon. Fängt an, eine Nummer zu wählen, hält inne.

Noch ist genug Zeit.

Er legt die Hände auf die Rollstuhlreifen und rollt langsam in die Küche. Ein Schokoladentäfelchen, der einzige Trost.

 

Ich fahre das Auto in die Garage. Annie Lennox hört auf zu singen, die Scheinwerfer erlöschen, plötzlich ist es finster. Ich friere und habe Hunger. Brauche eine heiße Dusche, die mir die Haut verbrennt und die Müdigkeit fortspült. Brauche einen Film, der mich auf andere Gedanken bringt, während die Spaghetti kochen. Brauche Durchblick.

Ich steige aus dem Auto. Versuche vergeblich, die Garage zuzumachen.

Der Schlag nimmt mir den Atem, ich gehe auf die Knie. Ein zweiter Schlag, und ich kippe nach vorn, strecke die Hände vor, um nicht aufs Gesicht zu fallen, und versuche zu atmen.

Hinter mir Schritte. Ich will aufstehen, es trifft mich am Arm, diesmal pralle ich mit dem Kopf auf. Ich höre, wie die Garagentür sich schließt, das Neonlicht flackert auf.

Eine Stimme. Ein Mann. Jung.

»Steh auf.«

Ich stütze die Hände auf den Asphalt. Mein eines Bein zittert, mein Rücken schmerzt, Blut läuft mir übers Gesicht. Salzig, schmutzig.

»Steh auf«, wiederholt er. Ich blicke hoch. Als wüsste ich nicht, wer es ist.

Im Quartiere Palazzo wirkte er älter. Er hält einen Baseballschläger. Brandneu, als hätte er ihn extra gekauft, um mir die Knochen zu brechen.

»Was willst du?«

Sinnlos, jemanden das zu fragen, der einen soeben in der eigenen Garage überwältigt hat.

»Was willst du, verdammt?«, gibt er zurück.

Ich rappele mich hoch. Mein Rücken und mein Bein sagen mir, dass das keine gute Idee ist. Ich taumele zur Wand, um nicht umzukippen. Ich fange an zu sprechen, und der Atem zerfetzt mir die Lungen.

»Mit deiner Mutter reden.«

Er hebt den Schläger und ich weiche einen Schritt zurück. Unschlüssig hält er inne.

»Meine Mutter darfst du noch nicht mal angucken, verstanden?« Er senkt die Stimme und den Schläger. »Nicht mal angucken.«

»Dann reden wir beide eben. Von Mann zu Mann.«

»Es gibt nichts zu reden.«

Mit einer Hand wische ich mir das Blut aus dem Gesicht.

»Dein Bruder, zum Beispiel.«

Diesmal schlägt er kräftiger zu. Ich kann gerade noch ausweichen, um mir ein paar zertrümmerte Rippen zu ersparen. Er trifft mich in die Seite, ich stürze zu Boden, er ist über mir und rammt mir einen Fuß in den Magen, den Baseballschläger dicht vor meinem Gesicht.

»Es gibt nichts zu reden, klar?«

Ich kriege keine Luft. Er tritt noch fester zu, nimmt mir den Atem. Ich versuche, seine Beine zu fassen zu kriegen, und er bohrt mir den Schuh noch tiefer in den Bauch.

»Nichts, klar? Mach mir ein Zeichen, ob du’s kapiert hast.«

Ich nicke.

Er geht davon. Ich reiße den Mund auf. Blut und Sauerstoff, damit ich weiß, ob ich am Leben bin. Ich setze mich auf. Er ist am Garagentor.

»Wir haben uns nie gesehen. Denk dran.«

Ich antworte nicht. Sehe ihn an. Seine Beine zittern. Ich denke an dieses Zögern vorhin und frage mich, wieso er mich nicht fertiggemacht hat, wieso er nicht überzeugender war. Er schiebt das Garagentor hoch. Ein Schweißtropfen rinnt von seiner Hand und tropft zu Boden. Er wischt sich die Handfläche trocken.

»Du warst schlau.«

Er hält inne. Wartet. Wendet mir den Rücken zu. Ich stehe auf.

»Du hast heute Abend drei Leben gerettet.«

Ich gehe auf ihn zu.

»Meines, deines und das deiner Mutter.«

Er dreht sich um. Der Baseballschläger hängt herab. Er beißt die Zähne zusammen. Ich trete noch näher.

»Du bist der letzte Mann in der Familie, schon klar. Aber du bist nicht so.«

»Lass uns in Ruhe«, sagt er. »Bitte.«

Ich deute ein Lächeln an.

»Du weißt, dass wir früher oder später reden müssen. Und nicht, weil ich darauf scharf bin.« Ich drücke ihm einen Finger auf die Brust. Schwarz vor Dreck, rot vor Blut. »Sondern weil du es nötig hast.«

»Du weißt verdammt viel für einen, der nur reden will.«

»Nein. Du bist derjenige, der verdammt viel weiß.«

Er schiebt meine Hand weg. Stemmt das Tor hoch.

Ehe ich zusammenbreche, sehe ich ihn im dunklen Flur Richtung Ausgang verschwinden.

 

Die Krankenschwester geht durch die verlassene Station. Es ist tief in der Nacht, draußen regnet es in Strömen und die Schicht will nicht enden. All die Dinge, die sie unter normalen Umständen denken würde. Doch nicht heute Nacht. Heute Nacht ist selbst das Echo ihrer Holzsandalen in den Fluren schwer zu ertragen.

Sie hat etwas zu erledigen, und sie muss es gut machen. Sie will die versprochene Belohnung haben, aber vor allem will sie der Strafe entgehen, die ihr blühen würde, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllte. Ein Klacks, wenn man genau drüber nachdenkt.

Er ist sehr viel älter als sie, und sie hat ihn in ihrer Stammkneipe kennengelernt. Zwei Tage später sind sie miteinander im Bett gelandet. Nach einer Woche ist er das erste Mal verschwunden. Als er wieder aufgetaucht ist, hat er sofort klargestellt, dass sie weder Fragen noch Ansprüche stellen dürfe.

Um es noch einmal ganz deutlich zu machen, ist er handgreiflich geworden. Dann hat er ihr das Koks gegeben und sie haben gefickt. Die ganze Palette. Zehn Tage später ist er wieder verschwunden. Doch als er dann wiederkam, hat sie die Klappe gehalten.

»Du bist pünktlich.«

Die Stimme kommt aus dem Dunkel. Er lehnt an der Mauer unter dem Vordach und raucht.

»Überrascht dich das?«

Er tritt aus dem Schatten. Grinst. Drecksack, denkt sie. Dann geht sie auf ihn zu, umarmt und küsst ihn.

»Schieß los.«

»Es kommt keiner. Nur ein Typ im Rollstuhl, ich glaub, es ist der V…«

Er unterbricht sie.

»Nicht mal die Tochter?«

»Ich wusste gar nicht, dass er eine hat.«

Er nickt. Zieht an der Zigarette. Der Saphirring glitzert im Licht der Straßenlaterne.

»Worüber reden sie?«

»Über nichts Besonderes. Das Übliche …«

Er macht einen Schritt nach vorn.

»Worüber reden sie?«

»Ehrlich … über nichts. Dasselbe Zeug, das alle reden: das Wetter, Fußball, ein bisschen Politik …« Er grinst. »… den Krankenhausaufenthalt.«

»Weißt du, wer ihn so zugerichtet hat?«

»Das haben sie ihn gefragt.«

»Die Polizei?«

»Ja, so ein Typ, ich weiß nicht mehr …«

»Der Name ist mir wurscht. Red weiter.«

»Er meint, er wisse es nicht. Die sind wohl von hinten gekommen. Er hat niemanden gesehen. Die haben ihm Zeug aus der Garage geklaut, aber er hat davon nichts mitgekriegt.«

Er nickt. Raucht zu Ende. Denkt nach.

»Wie lange ist er noch da?«

»Zwei, drei Tage vielleicht. Dann wird er nach Hause geschickt.«

»Dann sehen wir uns übermorgen. Um die gleiche Zeit.«

»Ich weiß nicht, ob die Schicht …«

Er kommt näher. Auf Kussnähe. Steckt ihr das Erhoffte in die Tasche. Sie berührt seine Hand und das Briefchen.

»Dann tausch sie«, raunt er. Seine Lippen streifen ihre.

Er dreht sich um, öffnet den Regenschirm und verschwindet in der Dunkelheit.

Sie schlüpft rasch wieder hinein und schließt die Tür. Lehnt sich mit dem Rücken gegen das Glas. Schlägt die Hände vors Gesicht. Einen Moment lang glaubt sie, in Tränen ausbrechen zu müssen. Dann lacht sie.

»Ganz ruhig«, flüstert sie. »Bleib ganz ruhig.«

Sie steckt die Hand in die Tasche, spürt das Plastik und dessen Inhalt unter den Fingern. Weich, unberührt. Sie atmet tief durch und schaut hinaus. Der Regen fällt.

Du kannst es schaffen, denkt sie und kehrt auf ihre Station zurück. Weshalb ihn der Patient aus der Zwölf so brennend interessiert, geht sie nichts an. Er wird wiederkommen, das ist das Einzige, was zählt.

 

Ich fliehe.

Ich fliehe vor der Dunkelheit, die mich verfolgt und Gestalt annimmt. Vor dem Nichts, das die Dinge hinter mir in einen Abgrund des Schweigens zieht. Sie auslöscht, erstickt, verbirgt. Sie frisst.

Ich fliehe vor dem Trommeln in meinem Ohr. Vielleicht ist es das Blut. Die Angst. Die Furcht, dass etwas passieren muss. Oder passiert ist.

Ich fliehe in einer Geisterstadt, die nicht die meine ist, die keiner Stadt gleicht, in der ich je gelebt habe oder gewesen bin. Eine Stadt ohne Menschen. Eine Stadt ohne Dinge. Eine Stadt aus Häusern und Geräuschen, in der niemand lebt, der sie hervorbringt. Eine Stadt ohne Wahrheit.

Ich fliehe, ohne mich umzudrehen, und als ich mich umdrehe, ist das Schwarz nah und kalt und dicht und tot.

Ich fliehe ohne ein Ziel, allein mit dem Wunsch, mich lebendig zu fühlen, zu spüren, dass etwas am Leben geblieben ist. Zu glauben, dass ein Überleben möglich ist.

Wie geht es dir?

Die Stimme kommt von weit her. Eine Frau.

Wie geht es dir?

Sie ist ganz nah, neben mir, leicht wie der Morgen und zart wie der Frühling.

Wie geht es dir?

Ich öffne die Augen. Mein Herz setzt aus, mein Atem stockt. Sie wirkt besorgt.

Ich lächle. Ich hatte vergessen, dass sie mich duzt.

»Mir geht’s gut.«

Arianna trägt eine rote Bluse und Jeans. Ihr Haar ist zum Pferdeschwanz gebunden, die Brille ist nicht dunkel genug, um ihren Blick zu verbergen. Sie versucht zurückzulächeln und setzt sich auf die Bettkante.

»Ich war bei dir zu Hause. Deine Nachbarin hat mir gesagt, dass du hier bist.«

Hier ist das Zimmer Nummer zwölf in der Neuen Poliklinik, eine Mischung aus Ferienanlage und Stanley Kubricks Discovery.

»Ich wollte dich um Verzeihung bitten.«

In ihrer Stimme liegt nichts von der Sanftheit, mit der man einen Kranken zu beruhigen versucht.

»Das brauchst du nicht.«

»Ich war … total arschig.«

Ich setzte mich auf. Bei mir ist nichts kaputt und nichts heil, so dass mir jede Bewegung wehtut.

»Du hattest recht.«

Sie sieht mich lange an. Dann blickt sie zu meinem Zimmernachbarn hinüber, ein Junge, der vom Moped gefallen ist und sich ein Bein gebrochen hat.

»Kannst du gehen?«

Ich stehe auf. Es ist weniger mühsam als vor zwei Tagen. Wir gehen ins Besuchszimmer am Ende des Flurs und setzen uns in eine Ecke. Wir reden leise, wie ein Liebespaar. Die Krankenschwester kommt vorbei und lächelt mir zu.

»Erzähl mir von Michela.«

Sofort wird Arianna starr.

»Das hab ich doch schon.«

»Nein, das hast du nicht. Erzähl mir, was du weißt.«

Sie blickt sich um, als müsste sie Zeit gewinnen. Sie nimmt die Brille ab, hält sie in der Hand und spielt mit den Bügeln.

»Im Grunde weiß ich so gut wie nichts. Und das, was ich weiß, ist mir erst hinterher aufgegangen. Als Michela mir von dir erzählt hat, habe ich nichts begriffen. Ich lese viel, bin oft in der Bibliothek. Ich weiß, dass du Kinderbücher schreibst. Ich fand das …« Sie hält inne, deutet ein Lächeln an. Ich helfe ihr aus der Verlegenheit.

»Seltsam?«

Sie nickt.

»Dann haben wir uns wiedergesehen«, fährt sie fort. »Ich hab’s dir nicht erzählt, ich weiß. Am Tag, bevor sie starb, hat sie mich gebeten, zu ihr zu kommen. Sie hat mir einen alten Zeitungsartikel gezeigt. Und da habe ich ernsthaft Schiss gekriegt. Bis dahin hatte ich mir tausend Sachen überlegt und alles wieder verworfen. Alles, was mir in den Sinn kam, hatte nicht im Entferntesten mit Michela zu tun. Mit ihrer Zähigkeit und Ausdauer. Mit ihrer Fähigkeit, hart zu bleiben und nicht lockerzulassen, ohne dass irgendjemand mitkriegte, wie es ihr wirklich ging. Es hat diesen Zeitungsartikel gebraucht. Verfasst von deinem Vater und deiner Frau.«

Sie verstummt. Ich starre sie an, unfähig, zu begreifen, was sie gerade gesagt hat.

Ich weiß genau, wovon sie redet.

Mein Vater und Elena haben nur eine Handvoll Artikel gemeinsam verfasst.

Und das zu einem bestimmten Thema.

»Sie haben ihn umgebracht. Das war die Überschrift.«

Ich erinnere mich noch gut. Und ich erinnere mich auch, dass mein Vater die Überschrift zum Kotzen fand. Rhetorisch, banal, sinnlos, meinte er. Es steckt so viel mehr hinter dieser Bombe.

»Sie waren zufällig dort«, erkläre ich.

»Ja, das steht in dem Artikel.«

Ich versuche klar zu denken. Ein fast unmögliches Unterfangen. Als ich spreche, bleibt mir der Atem zwischen den Zähnen hängen.

»Sie suchte meinen Vater.«

»Nein, sie hat nicht von deinem Vater gesprochen. Nur von deiner Frau.«

Ich begreife nicht. Warte darauf, dass sie weiterredet, vielleicht hat sie ja eine Erklärung. Sie rutscht auf dem Sessel herum. Sitzen zu bleiben scheint sie sehr viel Mühe zu kosten.

»Michela hat etwas von ihrem Mandanten erfahren. Vielleicht hat das Dreckschwein auf Strafmilderung spekuliert. Oder er war nicht der kleine Fisch, der er zu sein vorgab. Aber ich bin mir fast sicher, dass es so gewesen sein muss. Vielleicht hatten sie Angst, dass er gesungen hat, und haben sie zur Sicherheit alle beide umgebracht.«

Ich antworte nicht, frage mich nach dem Sinn des Ganzen und was ein aus dem Nichts aufgetauchter Artikel mit fünf Pistolenschüssen in einem Verhandlungssaal zu tun hat.

»Hat sie dir keine Namen genannt?«

»Nein.«

Sie blickt aus dem Fenster.

Ich denke an einen Julinachmittag vor Ewigkeiten. An Elenas Stimme, abends am Telefon. An den leeren Blick meines Vaters nach ihrer Rückkehr. An den Wortlaut des Artikels, an meine Frau, die ihn liest, an die Stille in unserem Haus, während der stumme Fernseher jeden Satz mit den unbegreiflichen, absurden Bildern aus jenem Hof in Palermo untermauert.

Ich denke an den Karton mit der Margerite. An Elenas letztes Lebensjahr, das zerplatzt ist und sich in Nichts aufgelöst hat wie eine Seifenblase. Zusammen mit den Notizen, aus denen die gemeinsam mit meinem Vater verfassten Artikel entstanden sind.

»Das ergibt keinen Sinn. Das reicht nicht«, sage ich schließlich.

»Nein, das ergibt keinen Sinn«, wiederholt Arianna.

Ich hole Luft. Nicola Reale spricht mit seiner Anwältin. Er sagt ihr etwas Wichtiges oder zumindest etwas, das sie für überprüfungswürdig hält. Und als sie dahinterkommt, wovon ihr Mandant redet, kriegt sie einen Schreck. Während sie der Sache nachgeht, kommt ihr jemand auf die Schliche und beschließt, dass es besser ist, sie auszuschalten. Zusammen mit Reale.

Alles perfekt, wenn da nicht Solara wäre. Kinderleicht, wenn es nicht Elena und ihre Notizen gäbe. Und wenn es eine Erklärung dafür gäbe, wieso ein Mafia-Killer beschließt, seine Mission auf so absurde Weise auszuführen.

»Was hat Michela dir gesagt?«

Die Frage überrascht sie. Sie tut so, als würde sie nicht verstehen, worauf ich hinaus will.

Ich flüstere.

»Du trägst eine Waffe, Arianna …«

»Nichts, sie hat mir nichts gesagt.«

»Du bist zu mir gekommen.«

Sie starrt mich zornig an. Dann sieht sie weg. Sie rückt ihren Zopf zurecht und blickt mir direkt in die Augen.

»Es ist nicht das, was sie mir gesagt hat …« Sie atmet tief durch. »Als sie gestorben ist, konnte ich an nichts anderes als an diesen Artikel denken. Daran, was ich an ihrer Stelle getan hätte.«

»Und …«

Sie greift nach meiner Hand. Ihre ist eiskalt.

»Ich hätte in der Kanzlei darüber geredet. Schließlich war es doch deren Mandant, oder nicht?«

 

Lange Zeit habe ich geglaubt, dass man vergessen, dass man ohne Vergangenheit leben kann. Dass es nicht wichtig ist, was einem widerfahren ist, sondern dass man überlebt hat. Jedes Mal, wenn ich darüber gesprochen habe, habe ich mich selbst als lebendes Beispiel für die Richtigkeit dieser These angeführt. Mit einem Schlag stand ich plötzlich ohne Frau, mit einem gelähmten Vater und einer kleinen Tochter da. Abgesehen davon, dass ich der direkte oder indirekte Grund für alles war.

Wenn ich es geschafft hatte, ohne vollkommen durchzudrehen, ohne mich in ein Gemüse oder ein Wrack zu verwandeln oder manisch depressiv zu werden, war ein Neuanfang möglich. Wenn ich es geschafft hatte, wieder in ein Auto zu steigen, mit einer Frau ins Bett zu gehen, meinem Vater ins Gesicht zu sehen und stolz auf Giulia zu sein, dann gab es Hoffnung.

Das Gestern ist nicht wichtig. Genau genommen war mir auch das Morgen nicht wichtig.

Ein Zahnarzt behandelt einen Wurzelkanal nach dem anderen, hatte ich einmal irgendwo gelesen. Und die Vorstellung, einen Schmerz zu lindern, und dann den nächsten und noch einen, mit der Aussicht auf Heilung, erschien mir eine perfekte Metapher.

Ich hatte mich geirrt.

Das weiß ich jetzt, während ich diese Geschichte erzähle. Und eigentlich wusste ich es schon an dem Tag, an dem ich aus dem Krankenhaus kam. Nach Ariannas Besuch gab es keine weiteren. Abgesehen natürlich von meinem Vater. Ich habe ihn gebeten, Giulia nichts zu sagen, und er hat sich daran gehalten.

Und so bin ich vier Tage nach besagter Unterredung wieder nach Hause zurückgekehrt. Vier Tage, die ich mit Nachdenken zugebracht habe. Damit, einen Ausweg oder eine Lösung zu finden. Bruchstücke der Vergangenheit zusammenzufügen und alte Geister zu wecken. Vier Tage mit Ariannas Satz in den Ohren, der mir zum zweiten Mal einen bis dahin unbeachteten Blickwinkel aufgezeigt hatte.

Schweigen tut der Stimme nicht gut, und meine innere Stimme schien schon allzu lange ganz woanders zu sein, um zwei scheinbar banale Fakten zusammenzukriegen.

In diesen vier Tagen hatte ich mir vorgenommen, zu vergessen und den Blick scharf zu stellen. Und in jener scheinbaren Stille meines Krankenhauszimmers wurde mir vollends klar, was sich gerade abspielte und dass das Spiel, in das ich zwangsläufig oder zufällig hineingeraten war, keinen Ausweg bot.

Ich war ganz plötzlich darauf gekommen, während ich ohne zu lesen durch eine Zeitung blätterte. Das Gefühl war das gleiche wie damals, als ich nach dem Unfall aus dem Koma erwacht war. Die Gewissheit, keine Wahl zu haben.

Ab da habe ich angefangen, mir Fragen zu stellen. Zu Michela, zu Reale, zu allem, was ich tatsächlich gesehen hatte, ehe Michela starb, zur Bedeutung jeder Geste an jenem Morgen. Und alles, was mir in den Sinn kam, führte zu derselben Frage.

Zu der, die mich in Grauen versetzte: Wenn Michela und ihr Mandant wegen dem gestorben waren, was sie wussten, wieso war ich dann noch am Leben? Wenn alles wegen Solara passierte, wieso waren sie noch nicht hinter mir her?

Ich fing an, die Frage mit derselben Zähigkeit zu umkreisen, mit der man versucht, einen physischen Schmerz wieder wachzurufen. Sie erschreckte mich, aber sie gab mir das Gefühl, lebendig zu sein. Dann, am Tag meiner Entlassung, hatte ich beschlossen, eine Antwort zu finden.

Daniele war ein alter Freund. Er war Staatsanwalt in Florenz. Früher hatten wir ein paar Mal im Monat zusammen Fußball gespielt. Kaum war ich wieder zu Hause, hatte ich ihm eine Mail geschrieben. Dann hatte ich mich darangemacht, meinen Kram und die unversehens verlassene Wohnung in Ordnung zu bringen.

Plötzlich wurde ich unterbrochen.

Die Wohnungsklingel. Das penetrante Geräusch eines Menschen, der vor der Tür steht und wartet. Ich hatte durch den Spion gespäht. Und tief durchgeatmet, die Hand auf der Klinke. Dann hatte ich mich entschlossen.

Dem Mann die Tür zu öffnen, der einen gerade ins Krankenhaus verfrachtet hat, ist ziemlich dämlich. Doch der Grund, weshalb ich Nicola Reales Bruder hereinließ, war ganz einfach: Jenseits des Spions stand ein Mann, der sehr viel verängstigter war als ich.

 

Marcello Reale wirkt noch jünger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ohne den Baseballschläger, in Anzug und Krawatte und mit frisch gewaschenen Haaren sieht er aus wie ein Uni-Absolvent, der bei seinem ersten Bewerbungsgespräch einen guten Eindruck machen will. Er sitzt da, wo Arianna gesessen hat. Wenn er eine Pistole hat, ist sie besser versteckt als Ariannas.

»Meine Familie ist grundanständig«, sagt er, und das ist nicht der beste Auftakt.

Ich grinse. Er hat mich schon einmal zusammengeschlagen und scheint unbewaffnet zu sein. Da darf ich mir ein Quäntchen Ironie erlauben.

»Meine Mutter und ich sind meine Familie«, stellt er klar. »Mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun.«

»Ich könnte dir sogar glauben, Marcello. Aber das ist nicht der Punkt.«

»Der Punkt ist, dass mein Bruder tot ist und es nur noch mich gibt. Und du weißt einen Scheißdreck darüber, was das bedeutet.«

»Dann erklär’s mir.«

»Wenn ich dir sage, was ich weiß, musst du danach verschwinden. Und sag nie, von wem du’s hast.«

Ich bleibe stumm, und er scheint noch mehr Angst zu bekommen. Er blickt sich um, als könnte plötzlich die Polizei hervorspringen und ihn festnehmen. Oder Schlimmeres. Schließlich helfe ich ihm aus der Klemme: Ich strecke ihm die Hand hin.

»Abgemacht.«

Er drückt sie und lässt sich gegen die Sofalehne fallen, und einen Moment lang wirkt er nur wie ein Grünschnabel auf der Flucht vor einem Leben, das ein paar Nummern zu groß für ihn ist.

»Weißt du, wer Pierangelo Graffeo ist?«

Ich lüge.

»Nein, sag du’s mir.«

»Die Graffeos sind eine Familie aus Palermo, dicke Fische. Einer von denen ist vor Ewigkeiten mal auf Lebenszeit hierher verbannt worden. Die haben Verwandte hier. Ein Neffe von Pierangelo Graffeo hat einen Unfall gehabt. Ein totaler Depp, der nix auf die Reihe kriegt. Er schmeißt mit seinem Geld um sich, hat dicke Autos und schöne Frauen. Hin und wieder pfeifen sie ihn nach Palermo zurück und waschen ihm ordentlich den Kopf, damit er ’ne Zeitlang die Füße stillhält. Aber nach einer Weile baut er wieder Scheiße. Irgendwann machen sie ihn kalt, damit er endlich die Klappe hält.«

»Na schön, verstehe. Aber was geht mich das an?«

»Mein Bruder hat ihm das Leben gerettet. Dieses Arschloch ist um fünf Uhr morgens am Steuer eingeschlafen. Er war mit seiner Freundin und deren Schwester unterwegs, die haben auch geschlafen und nix mitgekriegt. Er ist durch eine Leitplanke und ab in den Fluss. Mein Bruder hat alles gesehen, er war auf dem Weg nach Hause. Er hat sie gerade noch rechtzeitig rausgezogen. Sie sind Freunde geworden.«

»Wie erbaulich. Und was geht’s mich an?«

»Sie haben angefangen, Geschäfte zu machen. Graffeos Neffe musste zu Hause beweisen, dass er zu was gut war. Nach dem Unfall haben sie ihm gesagt, entweder er ändert sein Leben, oder sie ändern es ihm. Er hat gebeten, ihn auf die Probe zu stellen. Und das haben sie getan. Er kümmert sich um einen Teil des Tablettenhandels, den seine Familie betreibt. Aber verlang nicht, dass ich das vor einem Staatsanwalt wiederhole, das werde ich nämlich nicht, verstanden?«

»Red weiter.«

»Sie werden also Freunde. Unser Nachname zählt auch etwas. Die Schwester von Graffeos Schnalle wird die Schnalle meines Bruders, und zu viert machen sie sich’s nett. Sie saufen, ficken, dröhnen sich zu, arbeiten. Arbeiten … ich weiß nicht, wie ich’s sonst nennen soll. Meine Mutter weiß Bescheid, sagt aber nichts. Ich gehe zur Uni, bin fast nie zu Hause, versuche, mein eigenes Ding zu machen, halte mich raus, so gut ich kann. Die Zeit vergeht. Mein Bruder kauft sich einen schwarzen Cayenne, der aussieht wie ein Panzer. Eines Abends holt er mich ab, um mit mir rumzucruisen. Großen Bock hab ich nicht, aber ich fahre mit. Er ist betrunken, und ich sehe, dass er versucht, Haltung zu bewahren, aber er hat die Hosen gestrichen voll. Er sagt, Graffeos Neffe hat ihm Sachen erzählt, die er gar nicht hören wollte, weil es Dinge gibt, die man besser nicht weiß. Ihm reichen Tabletten, Autos, Geld und Mösen. Aber wenn Graffeo drauf ist, kommt er ins Labern. Und eines Abends sitzen sie ziemlich breit vor der Glotze, wo gerade ein Film über Borsellino* läuft. Graffeo steht auf, versucht, nicht umzufallen, und spuckt auf die Mattscheibe. Auf den Schauspieler, der den Staatsanwalt spielt. Er spuckt und fängt an zu fluchen. Dann schmeißt er sich aufs Sofa und sagt, er wisse, was an jenem Julisonntag in Palermo passiert ist. Sein Onkel hätte es ihm erzählt. Und wenn diese bescheuerten Bullen die Wahrheit wissen wollten, müssten sie jemanden finden, von dem sie noch nicht einmal wissen, wer es ist. Er sagt ihm auch den Namen. Als mir klar wird, dass mein Bruder ihn mir sagen will, halte ich ihm den Mund zu. Er kommt ins Schleudern und wir landen im Graben. Plötzlich packt er mich bei den Haaren und hält mir ein Messer an die Kehle. Er fragt mich, ob ich die Eier habe, sein Bruder zu sein, oder ob ich ein Waschlappen bin. Denn wenn ich nicht die Eier habe, könnte ich genausogut als Hühnerfutter enden. Ich sage nichts. Ich halte still und versuche zu atmen, und das war schon schwer. Er lässt das Messer sinken, kneift die Augen zusammen, und kurz wirkt er wieder nüchtern. Dann sagt er diesen Namen. Solara. Er meint, einer, der einen Haufen über diesen Solara weiß, sei Pierangelo Graffeo. Und wenn man wirklich wissen will, was mit Paolo Borsellino passiert ist, müsse man Ignazio Solara fragen.«

»Und hast du ihm geglaubt?«

Er hebt die Hände.

»Was weiß ich? Spontan würde ich sagen, ja, aber er war dermaßen dicht, dass ich nicht weiß, ob er von einem Trip oder von einer wahren Begebenheit geredet hat. Auf jeden Fall habe ich mich gefragt, wieso einer so eine Sache erzählt, die man unter Jahrhunderten von Schweigen begraben müsste.«

»Um dich an ihn zu binden.«

»Aber klar doch! Um mich an ihn zu binden. Du vertraust mir ein fettes Geheimnis an, einfach so, ohne Erklärung, und schon bin ich dein Komplize. Ich kann nicht mehr so tun, als hätte ich von nix eine Ahnung.« Er flüstert. »Deshalb hat er es mir erzählt.«

Ich sehe ihn an. Seine Augen weichen meinem Blick aus.

»Glaubst du, er ist deshalb gestorben?«

Verwirrt blickt er mich an, als erwachte er aus einem schlimmen Traum. Dann nickt er heftig. Zweimal. Er versucht, sicher zu klingen, doch er macht sich in die Hosen vor Angst.

»Am Abend des Tages, an dem mein Bruder umgebracht wurde, sagte meine Mutter zu mir, dein Bruder ist wegen diesem Arschloch Solara gestorben. Vielleicht hatte er ihr auch davon erzählt, keine Ahnung. Vielleicht wusste sie schon viel mehr als ich. Aber das hat sie gesagt. Und ich glaube es. Denn Mazza hatte überhaupt keinen Grund, es zu tun, verstehst du? Nicht einen.«

Er fährt sich mit der Zunge über die Lippen und deutet ein herausforderndes Lächeln an, wie ein Zocker, der sein bestes Blatt aufdeckt.

»Angelo Mazza arbeitete für Pierangelo Graffeo. Graffeo hat sich eingeschaltet, um zwischen unseren Familien zu schlichten. Wir bringen einander nicht um, nicht außerhalb Siziliens, hatte mein Bruder gesagt. Das waren nicht seine Worte. Doch dann hat Graffeo Mazza aufgetragen, meinen Bruder zu töten. Und mein Bruder war ein Verräter, weil er den Mund nicht halten konnte, als er verhaftet wurde. Rein zufällig ist am selben Tag auch Graffeos Neffe verschwunden. Wenn sie diesen Vollidioten nicht kaltgemacht haben, muss er jetzt irgendwo den Hühnern den Hintern wischen, damit er lernt, den Mund zu halten, wenn er besoffen ist.«

»Wer kennt diese Geschichte noch?«

Die Frage rutscht mir wie ein Fluch über die Lippen.

»Die von Mazza und meinem Bruder? Die Bullen vielleicht. Man muss nur ein bisschen rumfragen.«

Ich nicke, um Zeit zu gewinnen. Ich denke an den zu den Akten gelegten Fall. An die Pistolenschüsse an jenem Morgen. An den Blick, mit dem Mazza mich angeschaut hat, ehe alles zu Ende war.

»Du weißt, dass dein Bruder dir das alles nur aus einem Grund gesagt hat.«

»Na klar, der Grund. Leute wie du suchen immer nach einem Grund.« Er macht eine Pause. »Er hat’s mir erzählt, weil man nicht so leicht drangekriegt wird, wenn man so ein großes Geheimnis mit jemandem teilt. Und auch wenn’s nicht stimmt, wenn Graffeos Neffe ihm einen Scheiß verzapft hat, musst du die Klappe halten. Wenn das rauskommt, haben sie dich als Nächstes am Arsch. Vielleicht dachte er, wenn er es mir erzählt, komme ich der Familie wieder ein bisschen näher. Stattdessen bin ich zwei Monate abgehauen. Als sie ihn umgebracht haben, war ich gerade wieder zurück.«

»Erzählst du mir das deshalb jetzt alles?«

»Ich erzähl’s dir, weil du’s wissen willst. Weil ich in Ruhe gelassen werden will. Und weil jetzt eh alles gelaufen ist. Ist mir scheißegal, ich hau ab. Heute Abend noch, sobald ich hier raus bin. Ich will keinen mehr sehen. Ich schnappe mir meine Mutter, und du wirst nix mehr von mir hören. Nie wieder.«

Ich mache ein ehrfürchtiges Gesicht. Dann schüttele ich den Kopf und schleudere ihm ins Gesicht, was ich von seiner Vorstellung halte.

»Schwachsinn.«

Er antwortet nicht. Wartet. Ich helfe ihm aus seiner Verlegenheit.

»Wenn du beschlossen hast, abzuhauen, und alles vorbereitet hast, gibt es keinen Grund für dich, hier zu sein.«

Er antwortet nicht.

»Also?«

Er sieht mich immer noch an. Mit zusammengepressten Lippen, die Hände zwischen den Schenkeln.

Ich beuge mich vor.

»Und?«

Er sieht mich an. Ich packe ihn bei den Schultern. Meine Wut ist einfach zu groß, als dass ich mich beherrschen könnte.

»Was zum Teufel hast du hier zu suchen?«

Die Antwort lässt mir das Blut gefrieren.

»Ich hatte keine andere Wahl.«

Ich halte inne. Die Hände auf seinem Shirt, ein Schauder läuft mir mit schneidend scharfen Krallen über den Rücken. Die Finger öffnen sich, langsam, im Takt der Angst, die kommt und geht, schnell und unaufhaltsam wie die Flut.

»Wer?«, frage ich.

»Glaubst du, ich will sterben?«

»Das, was du mir erzählt hast …«

Er fällt mir ins Wort.

»Es ist alles wahr. Sie wollen, dass du es weißt, und …«

»Raus. Verschwinde.«

Er steht auf. Bleibt vor mir stehen, als wollte er etwas tun. Dann dreht er sich um, öffnet die Tür und zieht sie hinter sich zu.

Ich breche auf dem Sofa zusammen. Ich schließe nicht ab, ziehe die Vorhänge nicht zu, werfe keinen Blick aus dem Fenster, um zu sehen, ob auf der anderen Straßenseite jemand steht. Ich sitze da, endlos zähe Minuten lang, und frage mich, ob das alles ein Alptraum, ein übler Scherz oder etwas vollkommen Absurdes ist, von dem ich nicht weiß, ob ich es ergründen will. Irgendwann schlafe ich ein.

Einige Zeit später wache ich auf, mit einem Geräusch im Ohr, das ich nicht einordnen kann. Ich brauche eine Weile, bis ich wieder klar im Kopf bin. Der Benachrichtigungston für neue Mails.

Daniele. Bin im Ausland, in zwei Tagen wieder zurück. Komm mich Ende der Woche besuchen.

Ich mache das Programm, den Computer, den Monitor, das Licht aus, schließe die Jalousie, den Vorhang und sämtliche Schlösser der Wohnungstür.

Ich überlege kurz, ob Marcello Reale noch da draußen steht und darauf wartet, dass ich meine Meinung ändere und ihn wieder hereinlasse. Wieso auch immer.

»Fick dich«, sage ich zur geschlossenen Tür. »Fickt euch alle.«

Zehn Minuten später bin ich im Bett, mit geschlossenen Augen, brennendem Licht und einem nie geöffneten Buch von Foster Wallace auf dem Nachttisch. Endlich klare Gedanken.

Es gibt einen Menschen, der Bescheid weiß und mir etwas verheimlicht. Der einzige, an den ich mich wenden kann.

 

»Jetzt reden wir mal Tacheles.«

Mein Vater steht in der weit geöffneten Tür und sieht mich an. Lächelnd schüttelt er den Kopf, mit dem gleichen Gesichtsausdruck wie früher, wenn ich etwas tat, was ihn verblüffte. Aber ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt. Als er es begreift, wird er sehr ernst. Er lässt mich herein und schließt die Tür. Dann verschränkt er die Arme und wartet, dass ich mich setze.

»Schieß los.«

»Pierangelo Graffeo«, sage ich.

»Mafia aus Brancaccio, einer der Bosse. Bezirkschef, als die Ferraras eingebuchtet waren.«

»Genau. Und wenn ich dir sagte, dass er Michela von Solara erzählt hat?«, lüge ich, um ihn zu testen.

Er zeigt keinerlei Regung.

»Unmöglich.«

»Das reicht mir nicht.«

Er wendet sich ab und sieht aus dem Fenster. Es fängt an zu regnen.

»Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.«

Ich stehe auf und lege die Hände auf die Rückenlehne des Rollstuhls.

»Vor einer Weile habe ich Giulia besucht. Weißt du, was sie mir gesagt hat? Dass ich aufhören soll, mir um sie Sorgen zu machen. Und vielleicht solltest du bei mir auch endlich damit aufhören.«

Er nickt.

»Sie ist wie Elena. Eine außergewöhnliche Frau. Da haben wir wirklich Glück gehabt. Sehr viel Glück.« Er macht eine Pause. Eine Frau hastet über die Straße auf der Flucht vor dem Regen. »Ich mache mir nicht nur um dich Sorgen. Diese Geschichte betrifft nicht nur dich.«

Er legt die Hände auf die Reifen und dreht den Rollstuhl um. Seine Augen sind feucht.

»Ich muss dich um einen Gefallen bitten.«

Ich hocke mich vor ihn hin, die Hände auf seinen Schenkeln.

»Ich höre.«

»Lass mich diese Angelegenheit auf meine Art regeln. Ich wusste, dass dieser Moment einmal kommen würde. Vielleicht hatte ich geglaubt, zu sterben, ehe du etwas begreifst oder etwas geschieht, das mich dazu zwingt, es dir zu erklären. Doch das ist nicht passiert. Also gut, aber lass es mich so tun, wie es mir möglich ist. Wie ich es schaffe.«

Ich lächele. Nicke. Setze mich.

»Es gibt keine richtige oder falsche Art, die Dinge zu sagen«, fährt er fort. »Seit Tagen überlege ich, wo ich anfangen soll. Mir ist nichts eingefallen, also komme ich gleich zum Punkt.«

Er holt tief Luft und lässt mir das Blut mit wenigen Worten gefrieren.

»Solara gibt es nicht. Ich habe ihn erfunden.«

Dann beginnt er zu erzählen.

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