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Bleierne Schatten

Erik Eriksson

Bleierne Schatten

Kriminalroman

Übersetzt aus dem Schwedischen

von Nicola Jordan

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UND DIE UHR SCHLUG

1.

Marika hatte Sara geraten, das Geld vorher zu verlangen, sonst könnte er sie reinlegen.

Trotzdem vergaß sie es, aber es war ja auch das erste Mal. Der Kerl hatte abends angerufen, als Sara in ihrem Zimmer saß. Er sagte, dass er ihre Nummer von Marika bekommen hätte, und dass sie sich ein bisschen Geld verdienen könne, wenn sie zu ihm nach Hause käme. Er wohnte im Klackaväg in Solberga.

»Dreihundert«, hatte Sara gesagt, und er hatte geantwortet, dass das okay sei.

Sara wusste, wo er wohnte. Als sie und Marika einmal an dem Haus vorbeigingen, hatte Marika davon erzählt. Doch, es wäre schon eklig, aber eine einfache Art, Geld zu verdienen.

Sara ging an einem Dienstag nach der Schule hin. Er bat sie, sich neben ihn aufs Sofa zu setzen. Sie brauchte sich nicht auszuziehen, das wollte er nicht, oder jedenfalls sagte er nichts davon. Das war gut, denn sie hatte sich vorher Sorgen deswegen gemacht.

Sie saß so weit wie möglich von ihm entfernt, mit ausgestrecktem Arm, und machte es.

Er schaute sie nicht an und sie schaute ihn nicht an. Als es vorbei war, schob er ihre Hand weg. Sie stand auf und wischte sich die Hand am Sofabezug ab, denn das Klebrige war an ihre Finger gekommen. Dann verlangte sie das Geld.

»Es liegt in der Küche unter der Zeitung«, sagte er.

Sie ging in die Küche, wo eine Illustrierte mitten auf dem Tisch lag. Sie hob die Zeitschrift hoch. Darunter lagen zwei zusammengefaltete Hunderter.

»Es sollten aber dreihundert sein«, sagte sie.

Er blieb im Wohnzimmer sitzen. Sie ging nicht zu ihm hinein, sondern blieb in der Küche und sagte noch einmal, dass sie sich aber auf dreihundert geeinigt hätten. Er hätte es versprochen, als er anrief.

»Zweihundert sind genug«, sagte er.

»Verdammter Scheißkerl«, antwortete sie.

Sie ging in den Flur hinaus. Dort hingen ein Mantel und ein Schal. Sie spuckte auf den Mantel und zog den Schal auf die Erde, bevor sie die Tür öffnete und ging. Die Tür ließ sie offen stehen. Vielleicht würde jemand kommen und reinschauen und sehen, dass er mit heruntergezogener Hose dasaß.

Um halb fünf fuhr Sara mit dem Pendelzug von Älvsjö zum Hauptbahnhof. Sie rief Marika an und fragte, ob sie sich nicht treffen könnten, um einen Hamburger zu essen und ein bisschen herumzulaufen.

Danach rief sie ihre Mutter an und sagte, dass sie mit einigen Klassenkameraden in der Schule bleiben und eine Gruppenarbeit für Erdkunde durchgehen wolle.

»Wir bekommen Brote und sowas von unserer Klassenlehrerin«, sagte sie.

»Lass es aber nicht so spät werden«, meinte ihre Mutter.

»Nein, ich bin spätestens um halb neun zu Hause.«

»Wollt ihr so lange arbeiten?«

»Ich habe versprochen, hinterher noch in der Bibliothek zu helfen. Wir wollen Bücher über Afrika heraussuchen, die wir dann mit der Klasse lesen.«

»Okay, aber komm hinterher schnell nach Hause.«

»Ganz bestimmt.«

»Pass auf dich auf! Küsschen.«

Es war Viertel nach fünf, als sich Sara und Marika vor Åhléns trafen. Sie gingen die Treppe zum Wartesaal beim Kiosk hinunter. Dort standen eine Menge Leute. Sie unterhielten sich in kleinen Gruppen, einige rauchten, und andere tranken Bier aus Dosen, aber es war niemand da, den Sara wiedererkannte. Sie blieben eine Weile dort, und Sara fragte Marika nach Zigaretten.

»Ich kaufe welche«, meinte Marika.

Sie ging zum Kiosk und verlangte eine Schachtel Marlboro. Der Mann im Kiosk schaute sie etwas fragend an, sagte aber nichts, sondern gab ihr die Schachtel.

Sie zündeten sich gerade ihre Zigaretten an, als zwei Polizisten von der Platte hereinkamen. Sara hielt ihre Zigarette hinter dem Rücken versteckt, während Marika auf den Ausgang zuging. Die Polizisten hatten anderes zu tun, als in die Richtung der Mädchen zu blicken, aber da Marika schon auf dem Weg nach draußen war, fand Sara, dass sie ihr ebenso gut folgen konnte.

Die Platte war die ganze Woche über frei von Schnee gewesen. Es waren ein paar Grad plus. Früher am Tag hatte es genieselt, aber nun war alles wieder trocken. Dies war einer der warmen Zeitabschnitte in diesem launischen Winter, der entweder Massen von Schneematsch und fallende Eiszapfen oder milde Wochen mit Sonne und Südwind brachte.

Sie gingen eine Runde über die Platte, sahen aber niemanden, den sie kannten. Sara wurde allmählich hungrig und schlug vor, dass sie zu McDonald’s in der Sergelsgata gehen sollten.

Sie aßen beide einen großen Burger und tranken Coca Cola. Sara nahm eine Apfeltasche zum Nachtisch.

»Warst du bei diesem Kerl?«, fragte Marika.

»Ja«, antwortete Sara.

»Hast du das Geld bekommen?«

»Nur zweihundert.«

»Der alte Geizhals, ich bekomme immer dreihundert.«

»Ich weiß.«

»Sieh zu, dass du zuerst das Geld bekommst. Denk nächstes Mal daran.«

»Ich weiß nicht, ob ich noch mal hingehe.«

»War er eklig?«

»Ja, verdammt nochmal, obwohl er nichts gemacht hat. Aber es war trotzdem eklig.«

»Man muss an was anderes denken. Es geht ja ziemlich schnell.«

»Mmh.«

»Wollen wir gehen?«

Sie gingen zurück zu Åhléns, ins Warenhaus hinein, blieben stehen und schauten zu, wie ein rothaariges Mädchen in der Parfümabteilung geschminkt wurde. Es handelte sich um eine Art Werbeaktion. Das Mädchen war vielleicht siebzehn, drei Jahre älter als Sara und Marika.

Lippenstifte und kleine Döschen mit Lidschatten lagen auf der Theke neben der Kosmetikerin, die damit beschäftigt war, eine dünne Schicht blauer Farbe auf die Augenlider des rothaarigen Mädchens aufzutragen. Sara nahm einen der Lippenstifte, schaute ihn an, schraubte ihn auf, roch daran, machte einen kleinen roten Strich auf den Handrücken und legte den Lippenstift zurück auf die Theke.

Niemand beachtete Sara, alle schauten auf das Mädchen auf dem Stuhl der Kosmetikerin.

Als Sara den Lippenstift zurücklegte, nahm sie gleichzeitig einen anderen, verbarg ihn in der Hand und trat einen Schritt zurück, um einige andere Mädchen vorzulassen, die ebenfalls zusehen wollten.

»Wir hauen ab«, flüsterte sie Marika zu.

Sie nahmen die Rolltreppe hinauf in die Damenabteilung. Sara steckte den Lippenstift in ihre kleine schwarze Schultertasche. Bevor sie die Hand wieder herauszog, fühlte sie das Handy und das Teppichmesser, das harmlos mit eingezogenem Blatt in der Tasche lag.

Marika wollte eine Jacke anprobieren. Sie griff nach drei taillenlangen, glänzenden Modellen, eins in Rosa und zwei in Dunkelbraun. Dann zeigte sie sie der Verkäuferin vor den Umkleidekabinen.

»Ganz hinten ist noch frei«, sagte die Verkäuferin.

Sie gingen in die Kabine. Marika zog sich um, und auch Sara probierte eine der dunklen Jacken an.

»Ich will nur eine schwarze haben«, sagte sie.

»Willst du eine kaufen?«

»Nein, meine alte geht noch.«

Sara hatte eine enge, taillenlange Jacke an, unter der sie einen dunkelroten Pullover trug. Die Hose war schwarz und die Schuhe ebenfalls, mit Ausnahme der Außenseiten der Sohlen, die grün waren.

Ihr kurzgeschnittenes Haar war dunkelbraun mit einem leicht roten Ton. Es war ihre natürliche Farbe, aber sie war ihr nicht dunkel genug. Vielleicht sollte sie es schwarz färben.

Marika hatte eine dunkelrote Jacke, die etwas länger als Saras war. Beide Mädchen hatten kleine Schultertaschen.

»Die Jacken hier sind nichts«, sagte Sara.

»Ich weiß nicht«, meinte Marika.

»Hol ein paar andere«, entgegnete Sara.

»Nein, wir gehen wieder.«

Sara hielt die rosa Jacke hoch. Sie war wirklich hässlich und dazu noch teuer, zweitausendeinhundert Kronen.

»Was für eine verdammt hässliche Jacke«, sagte sie.

Marika nickte. Sara ließ die Jacke auf den Boden fallen. Sie öffnete ihre Tasche, nahm das Messer, drückte das kurze dreieckige Blatt heraus, hob die Jacke wieder hoch und zog einen Ärmel auf links. Dann schnitt sie langsam mit dem Messer an dem glatten Stoff auf der Innenseite des Ärmels entlang. Als die Fäden rissen, war ein schwach knisterndes Geräusch zu hören, ein langgezogenes Raaaatsch.

Sie zog auch noch den anderen Ärmel auf links und machte einen ebensolchen Schnitt, aber nun zog sie das Messer etwas schneller. Das Geräusch war nicht so deutlich, nicht so herausfordernd.

Sie versuchte es noch einmal, aber jetzt war das Futter lose, sodass sie mit dem Blatt keinen Halt mehr bekam.

Das musste reichen. Sara drehte die Ärmel wieder auf rechts und betrachtete die Jacke. Es war nichts zu sehen. Dann tauschten sie ihre Jacken. Das machten sie manchmal. Marika mochte Saras schwarze Jacke und überlegte, genauso eine zu kaufen.

Sie verließen die Kabine und gaben die drei Jacken einer Verkäuferin, die sie, ohne etwas zu sagen, auf einen Wagen legte. Sie war gerade mit einem anderen Kunden beschäftigt und nahm kaum Notiz von Sara und Marika.

Sara hatte das Messer noch in der Hand. Das Blatt war reingeschoben, niemand sah, was sie da versteckte. Bevor sie die Abteilung verließen, blieben sie an einigen Ständern mit Kleidern und Röcken stehen. Sie schauten sich die Teile an, nahmen sie herunter und hängten sie wieder zurück.

Als Sara die Hand zwischen einige dicht an dicht hängende Seidenröcke schob, fingerte sie mit dem Daumen das Messerblatt heraus. Dann zog sie das Blatt langsam von oben nach unten an einem dünnen lila Seidenstoff entlang. Und wieder fühlte sie den schwachen Widerstand, als die Fäden zerschnitten wurden, das fast unhörbare reißende Geräusch, den Weg der kurzen Stahlschneide durch den Stoff.

So einfach war das, so unglaublich leicht und problemlos. Sie tat, was sie wollte, und niemand konnte sie hindern. Sie wollte am liebsten weitermachen, aber Marika zog leicht am Riemen ihrer Schultertasche und flüsterte, dass sie jetzt gehen müssten.

Der Freitag dieser Woche war der wärmste Tag des Winters. Sara ging nach dem Mittagessen nicht wieder zur Schule. Sie hatte vor, eine Entschuldigung mit dem Namen ihrer Mutter zu schreiben und am Montag abzugeben. Das hatte sie auch früher schon getan.

Sie nahm den Pendelzug in die Stadt, lief eine Weile herum und fuhr dann zurück nach Älvsjö.

Nachmittags ging sie zu ihrer Schwester Hanna nach Hause. Sie hatte einen eigenen Schlüssel, aber sie rief immer vorher an. Hanna arbeitete in der Stadt, manchmal abends, und dann schlief sie tagsüber.

Sara rief an, aber es nahm niemand ab. Nach einer Viertelstunde rief sie noch einmal an. Auch dieses Mal keine Reaktion.

Hanna hatte eine Wohnung am Telefonplan in Hägersten, direkt hinter dem großen Bürogebäude von Ericsson. Von der Schule in Solberga aus dauerte es zu Fuß eine Viertelstunde dorthin.

Sara klingelte ein paar Mal an der Tür und wartete sicherheitshalber eine Weile, bevor sie die Tür aufschloss, für den Fall dass Hanna schlief. Es kam vor, dass Hanna tief und fest schlief, wenn sie Tabletten genommen hatte. Sara wusste, dass Dosen mit Tabletten im Badezimmerschrank standen. Sie kannte sich in der Wohnung aus, weil sie dort manchmal in der Bettnische neben der Küche schlief.

Mitten in der Nacht oder früh am Morgen konnte das Telefon klingeln. Sara wachte beim kleinsten Geräusch auf und hörte das Handyklingeln aus Hannas Zimmer. Es klingelte oft viele Male, bevor Sara die gedämpfte Stimme ihrer Schwester hörte.

Einmal hatte Sara gefragt, wer so spät noch anrief, aber Hanna hatte eine ausweichende Antwort gegeben. Eigentlich konnte es Sara egal sein, wer es war. Es hatte bestimmt mit der Arbeit ihrer Schwester zu tun. Hanna mischte sich nicht in Saras Angelegenheiten ein, und da hatte sie wohl auch kein Recht, ihre Schwester auszufragen.

Aber sie hätte es doch gern gewusst.

Hanna besaß ein normales Telefon mit Anrufbeantworter und Fax und zwei Handys. Von einem der Handys hatte Sara die Nummer. Auch ihre Mutter kannte diese Nummer, und ebenso Hannas alte Freunde in Älvsjö und Solberga.

Das andere Handy war von der Arbeit, hatte Hanna gesagt.

Sara wusste, dass Hanna mit Menschen arbeitete; sie war so eine Art Hostess, die sich um Leute kümmerte und ihnen die Stadt zeigte, sie zu Festen begleitete und solche Sachen.

Hanna verdiente anscheinend ziemlich gut, glaubte Sara. Ihre Schwester war immer gut angezogen und konnte es sich leisten, ihren Urlaub in Thailand und ähnlichen Ländern zu verbringen.

Hanna war vor Kurzem zweiundzwanzig geworden. Die Schwestern sahen sich ziemlich ähnlich mit ihren schmalen Schultern, dunklen Augen und dem rotbraunen Haar.

Sara warf einen Blick in den Kühlschrank, als sie in Hannas Wohnung kam. Es waren Milch und Käse und ein paar andere Dinge da. Sie machte sich ein Butterbrot und goss sich ein Glas Milch ein.

Dann nahm sie das Butterbrot und die Milch mit ins Wohnzimmer und setzte sich an den Glastisch. Auf dem Tisch lagen neben dem Telefon zwei Bücher. Ein kleines grünes Lämpchen blinkte, was vermutlich bedeutete, dass Nachrichten auf dem Anrufbeantworter waren. Sara drückte auf die Abhör-Taste. Sie sollte das nicht tun, konnte es aber nicht sein lassen.

Es waren drei Nachrichten eingegangen, eine von jemandem, der ein paar Worte murmelte und dann auflegte, eine von einer Frau namens Sibylla, und dann noch eine Nachricht von einem Mann, der sich als Paul vorstellte. Er wollte, dass Hanna sich meldete, es wäre wichtig. Er hatte eine sehr tiefe Bassstimme und klang wie jemand in einem amerikanischen Film.

Sara wusste, dass die Nachrichten nicht gelöscht werden würden. Sie hoffte, dass Hanna nicht merken würde, dass sie sie heimlich abgehört hatte.

Sie ging zurück in die Küche, stellte das Glas in die Spülmaschine und ging ins Wohnzimmer zurück. Als sie überlegte, was sie machen könnte, fiel ihr Hannas Fotoapparat ein, den sie ausleihen durfte, wenn sie wollte.

Die Kamera lag in einer Kommodenschublade. Sie war von Olympus und nicht größer als eine Zigarettenschachtel. Ein kleines klappbares Tischstativ gehörte dazu. Sara hatte die Kamera schon mehrmals benutzt und kannte sich mit den Knöpfen aus.

Jetzt öffnete sie die Abdeckung vor dem Objektiv, hob die Kamera, schaute hindurch, ging auf der Suche nach Motiven im Zimmer umher, blickte aus dem Fenster und hinein in eine Wohnung des Hauses auf der anderen Straßenseite. Im Fenster stand eine Frau, mit dem Rücken Sara zugewandt. Sie fuchtelte mit den Händen; vielleicht sprach sie mit jemandem im Zimmer.

Sara holte das Stativ, schraubte es fest, stellte die Kamera auf den Tisch und setzte sich in den Sessel. Sie wollte ein Foto von sich selbst machen.

Aber irgendetwas fehlte.

Sie suchte nach einem Notizblock, riss drei Seiten heraus, holte den Lippenstift, den sie bei Åhléns mitgehen lassen hatte, und schrieb auf jedes Blatt einen großen Buchstaben: I C H.

Dann legte sie die Blätter vor sich auf den Glastisch, kontrollierte den Bildausschnitt im Sucher, drückte auf den Selbstauslöser der Kamera und setzte sich eilig in den Sessel.

In diesem Moment hörte sie, dass jemand einen Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür steckte.

2.

Die schwarzen Wolken kamen ganz plötzlich. Gegen Mittag lag eine dicke Schneedecke auf den Straßen und Bürgersteigen von Älvsjö.

Am Morgen war es vier Grad warm gewesen, die Sonne hatte hervorgeschaut und sich in der Fassade der Messehalle gespiegelt. Eine halbe Stunde lang badeten die abgetauten Straßen um das Zentrum von Älvsjö herum in einem trügerischen Licht, das weiß war und nicht zu dieser Jahreszeit gehörte.

Dann kam der Schnee. Verner Lindgren war mit ein paar Lebensmitteln in einer Einkaufstasche auf dem Heimweg vom Konsum. Er ging ohne Kopfbedeckung, in Jackett und dünnen Schuhen. Jetzt beeilte er sich nach Hause zu kommen, lief das letzte Stück zum Törnrosväg, über den Wendeplatz und in den Hauseingang hinein.

Er machte die Deckenleuchte an. Das Unwetter nahm zu, es wurde dunkel. Es war doch noch nicht Frühling geworden; nun war es wieder kalt, Matschwinter und Dunkelheit.

Verner setzte Kaffeewasser auf, schlug Dagens Nyheter auf und las die Überschriften über den Mord an Fadime1. Das Wasser fing an zu kochen. Verner stand über den Tisch gebeugt, las weiter und ließ das Wasser eine Weile brodeln, bevor er in die Kochecke ging und den Kessel vom Herd nahm.

Er dachte an das, was er gelesen hatte, und fühlte sich ruhelos und irritiert, beschloss jedoch, seine Gefühle nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Er konnte diese Gefühle beherrschen, inzwischen konnte er das, beinahe jedenfalls.

Es war halb eins. Verner schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und machte das Radio an. Der erste Beitrag der Nachrichtensendung handelte von Fadime, von der Trauer, dem Zorn und der Machtlosigkeit.

Er hörte zu, trank seinen Kaffee, schmierte sich ein Butterbrot, trank langsam, kaute langsam und war zufrieden mit sich, weil er es schaffte, Schlucke und Bisse zu kontrollieren, während er gleichzeitig der brutalen Wahrheit über den Tod einer jungen Frau ausgesetzt war.

Der Wetterbericht nach den Nachrichten kündigte weiteren Schnee an, mehr Kälte, glatte Straßen und stürmischen Wind.

Verner aß noch ein Butterbrot.

Um halb zwei war er mit der Zeitung fertig. Er genoss seine tägliche Zeitung, die er nach Hause bekam. Früher hatte er kein Abonnement gehabt. Jetzt las er sie meistens morgens in Eile, bevor er zu einem seiner wechselnden Jobs ging.

In dieser Woche hielt er Vorträge vor jungen Männern und Frauen, die eine Ausbildung als Wachpersonal machten. Verner hatte aus seinen Jahren als Polizist Kenntnisse und Erfahrungen, die er nun mit anderen teilte; er hielt Seminare über die Beurteilung von Verbrechen und die Gefahr voreiliger Schlussfolgerungen ab, berichtete über Fälle, Irrtümer und Erfolge.

Aber er erzählte nie von sich selbst. Er sprach über Fälle, die er kannte, von denen er gehört oder gelesen hatte. Er nahm an, dass das Unternehmen, das sein Honorar bezahlte, nicht wusste, warum er aufgehört hatte als Polizist zu arbeiten. Oder sie wussten es, und es war ihnen egal.

Es war kurz nach vier, als das Telefon klingelte. Verner war im Badezimmer. Der Wasserhahn lief, sodass er das Klingeln zunächst nicht hörte. Dann eilte er ins Wohnzimmer und meldete sich mit seinem Nachnamen. Eine unbekannte Stimme murmelte etwas.

Verner wiederholte seinen Namen und klang dabei leicht verärgert.

»Bist du es, Verner?«, fragte der Unbekannte.

»Ja, ich bin’s«, antwortete Verner, und nun klang er noch ärgerlicher.

»Hier ist Lasse.«

»Ach ja?«

»Erkennst du mich nicht?«

»Nein.«

»Lasse, verdammt nochmal, Lasse Gunnar Bergman.«

Verner musste nachdenken. Er wusste, wer Lasse Bergman war, aber die Stimme erkannte er nicht. Der Mann, mit dem er sprach, klang angestrengt und heiser, die Stimme war etwas zischend.

»Lasse?«, sagte Verner nach einigen Sekunden der Stille.

»Genau.«

»Das ist ja lange her; ich habe tatsächlich in letzter Zeit ein paar Mal daran gedacht, dich anzurufen. Hättest du nicht angerufen, dann hätte ich mich wohl dieser Tage gemeldet.«

»Ja, siehst du, Verner, die Leute sind alle gleich, wir denken ganz einfach gleich.«

»Wie geht es dir?«

»Tja, eher bescheiden. Ich hatte eine Halsoperation.«

»Ich dachte schon, dass du dich anders anhörst.«

»Eine Weile ging es mir gar nicht gut, aber jetzt bin ich auf dem Wege der Besserung.«

»Wohnst du noch auf Söder?«

»Ja klar, in der Bondegata, an derselben Stelle. Ich bin heute nicht mehr so beweglich.«

»Wir können uns aber doch treffen?«

»Ja klar, das wollte ich vorschlagen.«

»Von alten Zeiten sprechen.«

»Genau, Verner, wir haben viel zu bereden.«

»Wollen wir eine Zeit ausmachen?«

»Ich melde mich nochmal deswegen. Ich habe nächste Woche einen Termin im Krankenhaus; danach werde ich hoffentlich wieder gesund. Ich rufe an, wenn ich das erledigt habe, in ein paar Wochen.«

»Okay, Lasse, aber vergiss es nicht.«

»In dem Fall musst du mich anrufen, Verner.«

»Unbedingt, ich verspreche es.«

Als das Gespräch vorbei war, blieb Verner eine Weile am Tisch sitzen und versuchte sich zu erinnern, wann er Lasse Bergman das letzte Mal getroffen hatte.

War es vor fünf Jahren?

War es in demselben Jahr, als er bei der Polizei aufgehört hatte?

Nein, es war im Jahr davor. Verner hatte Lasse aufgesucht, um ihm einige Fragen zu einer Untersuchung zu stellen, die in Verbindung mit einem alten Fall aus den siebziger Jahren stand, als Lasse als Researcher beim Fernsehen beschäftigt war. Er hatte für Nils Lövgren gearbeitet, der damals Reporter beim Wochenmagazin Fokus war. Nils und Verner kannten sich. So freundeten auch Lasse und Verner sich an.

Sie tauschten Informationen über Untersuchungen und Verbrechen aus, trafen sich dann und wann, und nur Nils Lövgren wusste von ihrer Zusammenarbeit. Es wurde als eher unpassend betrachtet, dass Polizisten und Fernsehjournalisten einander halfen.

So vergingen einige Jahre. Verner hielt den Kontakt mit Lasse und Nils aufrecht. Sie sahen sich gelegentlich, und zwar nicht nur dann, wenn die Arbeit es erforderte. Sie waren Freunde und hatten viel zu bereden.

Aber Verner war gezwungen gewesen, bei der Polizei aufzuhören, als bekannt wurde, dass er gewalttätig gegenüber Tatverdächtigen geworden war, die allesamt Frauen misshandelt hatten. Er kündigte von sich aus; es kam nicht zu einer Anklage.

Die folgenden Jahre waren die schwersten in Verners Leben. Er verlor den Halt, begann zu trinken, wurde depres-siv und bekam starke Medikamente verordnet, war lange krankgeschrieben. Der Wendepunkt kam im Herbst 2000, als er im Zusammenhang mit einem Mord in Älvsjö als möglicher Täter verdächtigt wurde.

Zu dieser Zeit brach er mit seinem destruktiven Leben. Er traf Margret Mattson von der Bezirkskriminalpolizei und half ihr, den Fall zu lösen. Verners Mithilfe wurde geheim gehalten, auch wenn Margrets Chef mehr begriff, als er zugeben wollte.

Verner hörte auf zu trinken, während Lasse weitermachte und sich sein Umgang bald auf eine kleine Schar von Frührentnern beschränkte, die in kleinen Wohnungen im Viertel zwischen Bondegata und Kocksgata auf Söder wohnten. Manchmal sahen sie sich zusammen eins von Hammarbys Heimspielen an. Und manchmal tranken sie ein Bier im Kvarnen. Aber meistens saßen sie bei Lasse und tranken – es war recht gemütlich in seiner großen Küche.

Lasse und Verner hatten sich fünf Jahre lang nicht gesehen. Verner wusste es wirklich zu schätzen, dass Lasse angerufen hatte, aber er schämte sich ein wenig, dass er selbst in all den Jahren nicht von sich hatte hören lassen. Nun hatte er das sehr starke Gefühl, dass es eilig sei.

Das war am Donnerstag, dem 24. Januar 2002. Gegen sieben Uhr hörte es auf zu schneien.

Verner las den ganzen Abend über, bis nach Mitternacht. Er las ein Buch zu Ende, das er für zwanzig Kronen aus einer Wühlkiste auf dem Flohmarkt in Skärholmen gekauft hatte, Frank Hurleys Buch über Shackletons Expedition zum Südpol. Das Buch roch nach altem Staub, duftete nach Abenteuer. Verner merkte nicht, wie die Stunden vergingen; er wurde ergriffen von den trockenen, heroischen Texten, tauchte ein in die Nebel auf den alten Fotografien, war selbst einer der Männer im Packeis, einer der Steuermänner auf der unglaublichen Segelfahrt über das Weddell-Meer.

Einige Stunden lang befand er sich in einer gefährlichen, aber unkomplizierten Welt, mit ständiger tödlicher Bedrohung und einer unbeirrbaren Kameradschaft zwischen den Männern. Einer gefrorenen Welt ohne Frauen.

Am Freitag um halb eins ging Verner zum Bahnhof Älvsjö, um den Pendelzug in die Stadt zu nehmen. Er hatte frei, wollte in die City fahren, in den Geschäften herumlaufen und nach einem Pullover suchen, vielleicht ein paar ausländische Zeitungen in der Stadtbibliothek lesen.

Als der Zug am Bahnsteig hielt, stieg gleichzeitig mit Verner ein junges Mädchen ein. Sie trug eine kurze, schwarze Jacke und eine enge, schwarze Hose. An einem Riemen über der Schulter hatte sie eine kleine Tasche. Ihr Haar war rotbraun und kurz.

Das Mädchen schaute Verner nicht an. Er sah sie und dachte flüchtig, dass es vermutlich kalt sein müsse in der eng anliegenden Kleidung und mit nacktem Bauch. Aber er hatte keinen Anlass, sich für das fremde Mädchen zu interessieren, und setzte sich im Wagen mit dem Rücken zu ihr.

    

1 Die 1975 in Kurdistan geborene Fadime Sahindal, die mit ihrer Familie in Uppsala lebte, wurde 2002 von ihrem Vater getötet, weil sie sich weigerte, in eine von ihrer Familie arrangierte Hochzeit mit ihrem türkischen Cousin einzuwilligen. Dieser sogenannte Ehrenmord löste in Schweden eine große gesellschaftliche Debatte aus und ist bis heute Synonym für Verbrechen dieser Art. [Anm. d. Übers.]

3.

Sara nahm einen Briefbogen. Sie schrieb mit stark rückwärts geneigter Handschrift: Meine Tochter Sara musste nach dem Mittagessen nach Hause gehen und sich hinlegen, weil sie sehr starke Magenschmerzen hatte.

Das war nicht gut; sie schrieb es noch einmal und fügte hinzu: Mit freundlichen Grüßen, Christina Larsson. Das war der Name ihrer Mutter.

Sie zerknüllte das Blatt mit dem missglückten Versuch, faltete den anderen Bogen zusammen und steckte ihn in die Handtasche. Dann ging sie. Es war halb acht am Montag. Ihre Mutter hatte Nachtwache im Krankenhaus Huddinge gehabt und würde bald nach Hause kommen, ins Bett gehen und noch schlafen, wenn Sara aus der Schule kam.

Wenn Sara sich überhaupt die Mühe machte, nach Hause zu fahren. Vielleicht würde sie wieder bei Hanna schlafen.

Sie rief Hanna vormittags während der Pause an. Hanna war zu Hause; doch, das würde schon gehen, meinte sie. Sie hatten zwei Stunden Kunst und sprachen über Fotografie. Sara hatte sich für den Kunstzweig entschieden, als sie in die siebte Klasse kam; jetzt ging sie in die achte und fand immer noch, dass die Kunststunden die einzigen waren, die Spaß machten.

Vor dem Mittagessen gab sie die Entschuldigung bei ihrer Klassenlehrerin ab, die sie las und nickte und sagte, dass sie hoffte, dass es Sara nun wieder gut gehe.

»Ich glaube schon«, sagte Sara.

»Willst du zur Schulschwester gehen?«, fragte die Lehrerin.

»Nein, es ist wieder in Ordnung.«

»Bestimmt?«

»Absolut.«

Hanna saß im Wohnzimmer und las, als Sara kam. Sie stand auf, ging in die Diele und umarmte Sara. Die Schwestern umarmten sich immer. Manchmal machte ihre Mutter es auch so, aber meist nur, wenn es ihr richtig gut ging, wenn sie nicht gestresst war und ein paar freie Tage hatte, was nicht oft vorkam.

»Willst du irgendwas haben?«, fragte Hanna.

»Ja, was Warmes«, sagte Sara.

»Soll ich Kakao machen?«

»Ja, gerne.«

»Und ich habe superleckere Zimtschnecken. Ich war bei NK, in der Konditorei im Untergeschoss. Bist du mal dagewesen?«

»Nein, gehst du zu NK

»Ich war mit jemandem da, der dort etwas kaufen wollte.«

»Mit wem denn?«

»Jemand, den ich bei der Arbeit getroffen habe.«

»Ein Mann?«

»Ja, das kann man sagen.«

Sie waren in die Küche gegangen. Hanna machte den Kakao. Sara setzte sich an den kleinen Tisch vor dem Fenster.

»Papa hat angerufen«, sagte Hanna.

»Was wollte er?«

»Ich weiß nicht, vielleicht wollte er einfach nur reden. Ruft er dich nie an, Sara?«

»Wozu sollte ich mit ihm reden?«

»Kannst du dich überhaupt an irgendwas erinnern?

Du warst ja noch so klein; du warst erst drei, oder?«

»Ich kann mich an ein Mal erinnern, als Mama und Papa stritten und Mama Angst bekam.«

»Ja, so ging es die ganze Zeit. Hat Mama nie was erzählt?«

»Nein, sie hat nie was gesagt.«

Sara wollte ihre Schwester fragen, wie es ihr ging, ließ es dann aber bleiben. Sie tranken den Kakao und aßen die herrlich klebrigen Schnecken von NK. Hanna machte Musik an, Come along von Titiyo, und es war warm und gemütlich, und Sara dachte, dass sie auch gerne so leben würde, mit einer eigenen Wohnung und einer guten Arbeit, ohne nörgelnde Erwachsene und widerliche alte Kerle.

Es war fünf Uhr und schon dunkel draußen.

Eine Viertelstunde später klingelte Hannas Handy das erste Mal. Sie waren ins Wohnzimmer gegangen. Das Handy lag im Regal versteckt. Es war ihr zweites Handy, das von ihrer Arbeit.

Hanna stand auf, nahm das Handy und ging zurück in die Küche, während sie das Gespräch entgegennahm. Sara sollte es wohl eigentlich nicht mitbekommen, meinte aber zu hören, dass Hanna sich nicht mit ihrem eigenen Namen meldete.

Shirley, hatte sie das gesagt?

Hanna blieb eine Weile in der Küche. Als sie zurückkam, machte Sara sich nicht die Mühe zu fragen. »Das war von der Arbeit«, sagte Hanna.

Sara verstand, dass Hanna bei ihrer Arbeit eine wichtige Stellung hatte, weil sie sie zu Hause anriefen.

Eine halbe Stunde später klingelte das Handy wieder. Jetzt spitzte Sara die Ohren, um mitzuhören, und sie war sich recht sicher, dass Hanna sich wieder mit diesem fremden Namen meldete.

Shirley?

Sara fand, dass der Name altmodisch und irgendwie spannend klang. Aber sie fragte ihre Schwester auch dieses Mal nicht. Es war wie ein Geheimnis, von dem Sara nichts wissen durfte, und doch tat sie es.

»Ich muss los zur Arbeit«, sagte Hanna.

»Kommst du heute Abend später?«, fragte Sara.

»Es wird wohl ziemlich spät werden, aber du kannst bleiben, wenn du willst. Ruf nur Mama an und sag, dass du bei mir bist.«

»Ja, werde ich machen.«

»Und geh morgen zur Schule, wenn ich bis dahin nicht zurück bin. Das musst du versprechen.«

»Aber klar, du brauchst dir keine Sorgen zu machen.« Hanna machte sich fertig. Sie stand ziemlich lange vor dem Spiegel im Badezimmer, und als sie wieder rauskam, fand Sara, dass ihre Schwester unglaublich gut aussah. Besonders die Augen und die Wangen waren schön; die Farbe war absolut gleichmäßig, dünn und leicht schimmernd.

Um halb acht bestellte Hanna ein Taxi.

4.

Lasse Bergman wurde wach, als sich ein großer Klumpen gefrorener Schnee vom Dach löste und in den Hof hinunterfiel. Dabei wurden zerbrochene Eiszapfen und Schmutzwasser gegen die Fenster im zweiten Stock geschleudert.

Hinter einem der Fenster befand sich Lasses Schlafzimmer. Er lag auf dem Rücken, hatte einen trockenen Mund und fragte sich, woher das langgezogene Grollen kam. Er brauchte eine Weile, um es zu begreifen. Es hätte ihm vielleicht direkt klar sein müssen, dass es sich um hinunterfallendes Eis handelte, denn in diesem Winter war viel Eis und Schnee vom Dach gerutscht.

Aber nun brauchte er etwas Zeit, bevor er es begriff.

Er setzte sich im Bett auf, tastete nach der Brille, die normalerweise auf dem Stuhl lag, fand sie aber nicht. Daraufhin legte er sich wieder hin und dachte, dass er ebenso gut im Bett liegen bleiben und vielleicht wieder einschlafen konnte.

Die Uhr der Sofiakirche schlug zehn Mal, aber das spielte keine Rolle, weil Lasse sich mit dem Aufstehen nicht zu beeilen brauchte. Vom Fenster her zog es kalt, die äußere Scheibe war gesprungen. Ein Stück Glas fehlte, aber so war es schon den ganzen Herbst und Winter über gewesen.

Und vielleicht war es nur wegen des Lochs im Fenster möglich, die Uhr der Sofiakirche zu hören. Lasse hatte mehrmals darüber nachgedacht, als er im Bett lag, und nun kam der vertraute Gedanke zurück: der Klang, langsam und gedämpft, eingehüllt in Grau und Tau.

In Grau und Tau, wiederholte Lasse noch einmal für sich. Das machte er oft: Er nahm ein Wort und kostete seinen Klang aus, fand einen Reim, wiederholte ihn, merkte sich den Reim und holte ihn immer wieder hervor.

Gerade jetzt passte der Reim. In diesem Tauwetter war es ein geradezu verdammt gutes Wort. Es taute und taute, der ganze Schnee schmolz weg, und trotzdem schneite es weiter, taute weiter und matschte weiter.

Matsche, Platsche, Schmierblatt-Patsche, dachte Lasse. Vor seinem inneren Auge zog ein flüchtiges Bild der Redaktion des alten Aftonbladet in der Vattugata im Viertel Klara vorbei, wo er Ende der sechziger Jahre einige Jahre lang gearbeitet hatte. Er hatte dort am großen Tisch in der Zentralredaktion gesessen, als Neil Armstrong den Mond betrat, als der Vietnamkrieg sich verhärtete, als Erlander an Palme übergab.

Lasse Bergman hörte beim Aftonbladet auf und wurde Freelancer, investigativer Reporter und Ermittler. Er lernte alles über Archive und andere Informationsquellen, und verschaffte sich Kontakte bei der Polizei. Einige seiner größten Beiträge machte er für Nils Lövgren vom Fernsehmagazin Fokus. Dabei war es um Prostitution gegangen, um den Handel mit kleinen Mädchen, Vermieter als Zuhälter, Politiker unter den Bordellkunden.

Lasse dachte oft an diese Jahre zurück – als die besten seines Lebens. Er trank schon damals, aber nicht allzu viel. Er hatte Spaß, bekam Anerkennung. Er war noch nicht alt. Das war fünfundzwanzig Jahre her.

Gegen drei Uhr rief Lasse Olle Magnusson an und fragte, ob er zum Alkoholgeschäft wolle.

»Wie konntest du das nur wissen?«, fragte Olle.

»Bring mir was mit«, sagte Lasse. »Eine kleine Flasche Explorer und eine kleine Flasche Whiskey, nimm Long John oder Grants.«

»Hast du auch Geld?«

»Ja, verdammt, ich habe noch was von der Rente.«

»Okay, dann komme ich gegen fünf, halb sechs vorbei.« Lasse duschte in dem kleinen Badezimmer. Dann rasierte er sich und zog ein sauberes, weißes Hemd an. Er kochte Kaffee und stellte Brot und Belag hin, Schinken, Käse und Salzgurken.

Olle kam um zehn nach sechs. Bei ihm waren Walter Olsson und Björn Åhman. Sie hatten auch etwas gekauft, sodass es schon reichen würde.

Es wurde spät. Eine Weile war Lasse ein wenig besorgt, dass die Nachbarn klopfen würden. Walter hatte angefangen zu singen. Er klang recht gut; er setzte seinen starken Tenor ein, als ob er auf einer Opernbühne stünde. Aber kein Nachbar beschwerte sich, alle Gäste waren guter Stimmung, und gegen Mitternacht waren das Brot und die Gurke mit dem guten Inhalt der Flaschen hinuntergespült.

Als Lasse die Tür hinter seinen Gästen zumachte, war es ein Uhr. Er saß eine Weile in der Küche, rauchte eine Zigarette, trank ein Glas Wasser, ging ins Badezimmer, um zu pinkeln und sich die Zähne zu putzen, und zog sich aus.

Er schlief fast unmittelbar ein.

Am Morgen um halb sieben erwachte er. Es war ungewöhnlich, dass er nach einem Fest so früh wach wurde. Meistens ging er spät zu Bett und schlief lange, ob er nun nüchtern oder betrunken schlafen ging.

Jetzt erwachte er mit Kopfschmerzen. Er hatte einen trockenen Mund, hatte etwas Unangenehmes geträumt, konnte sich aber nicht an den Traum erinnern. Nach einigen Minuten stand er auf, nahm eine Aspirin und trank ein Glas Wasser. Aber es half nicht.

Dann zog er sich an. Er hatte beschlossen, nach draußen zu gehen und etwas frische Luft zu schnappen, eine Zeitung zu kaufen, wieder nach Hause zu gehen und Kaffee zu trinken und so die Kopfschmerzen vielleicht loszuwerden.

Ein paar Minuten vor sieben ging er die Treppe hinunter, über den Hof und hinaus auf die Bondegata. Die Glocke der Sofiakirche schlug sieben Mal, als er um die Ecke auf die Renstiernas gata bog, und wie schon so viele Male zuvor dachte er, dass der helle Klang freundlich und heimelig war.

Der kleine Supermarkt hatte gerade aufgemacht. Er kaufte eine Dagens Nyheter und kehrte nach Hause zurück. Die Kopfschmerzen ließen allmählich nach. Als er den Schlüssel ins Türschloss steckte, überlegte er, dass er vielleicht auf den Kaffee verzichten und sich stattdessen hinlegen sollte. Es war ja erst Viertel nach sieben.

Er entschied sich, als er seinen Mantel aufhängte.

Er ließ die Zeitung auf der Kommode in der Diele liegen und ging in die Küche. Dort machte er ein Fenster auf; es musste gelüftet werden. Das Fenster konnte einige Stunden auf Kipp stehen, es war ja recht warm draußen. Jetzt wollte er eine Weile schlafen. Das Geschirr konnte er später spülen.

In diesem Moment schien es ihm, als ob er etwas aus dem Schlafzimmer hörte, so als ob jemand die Schranktür öffnete, die immer quietschte.

Lasse ging eilig in die Diele und weiter ins Schlafzimmer. Ein Mann stand in seinem Schlafzimmer. Lasse hatte ihn nie zuvor gesehen.

»Was zum Teufel machst du hier?«, fragte Lasse.

Der Mann antwortete nicht. Er machte ein paar schnelle Schritte auf Lasse zu. Im selben Moment kam ein anderer Mann aus dem Schrank. Lasse konnte ihn nur flüchtig sehen.

Beide Männer trugen schwarze Handschuhe. Keiner von ihnen sagte etwas. Nun ging alles sehr schnell.

Als sie die Wohnung verließen, schlug die Uhr der Sofiakirche.

5.

Margret war auf dem Weg zum Odenplan und stand an der roten Ampel vor der Stadtbibliothek, als ihr Handy klingelte. Ihr Dezernatschef Lennart Philipsson war dran. Er fragte, wie es gelaufen sei, ob sie die Zeugin angetroffen habe, die sie am Vormittag aufsuchen wollte.

»Ich habe sie vernommen«, antwortete Margret, »und es hat einiges ergeben.«

»Gut«, meinte Philipsson. »Leider muss ich dich bitten, auch noch einen anderen Fall zu übernehmen.«

»Aha?«

»In der Bondegata, unsere Leute sind schon da. Es handelt sich um einen Todesfall. Kannst du hinfahren?«

»Jetzt sofort?«

»Ja, es geht nicht anders.«

Margret bekam die Adresse und fuhr um den Odenplan herum, zurück zum Sveaväg, dann durch den City-Tunnel, hinauf zum Medborgarplats und in die Folkungagata. Am Vortag hatte sie eine Ermittlung, an der sie einige Zeit gearbeitet hatte, beiseitelegen müssen, weil ein Kollege krank geworden war. Margret musste ein Verhör übernehmen, eine schwere Körperverletzung in der U-Bahn. Und jetzt noch dieser neue Fall, um was auch immer es dabei gehen mochte.

Das Ermittlungsdezernat der Bezirkskriminalpolizei litt wie immer an Personalmangel. Und in den letzten Tagen war viel passiert: Gewalt im Bandenmilieu in Salem, eine Reihe von Fällen mit schwerer Körperverletzung in der City und in Västerort, bewaffnete Raubüberfälle auf Gärdet und in Enskede, Auseinandersetzungen zwischen Kriminellen im Drogenmilieu mitten in der Stadt. Margret hatte an einem Fall von ungewöhnlich brutalem Mobbing an einem Gymnasium in Alby gearbeitet. Eltern hatten Anzeige erstattet; es ging um Bedrohung sowohl von Schülern als auch von Lehrern mit vielen Beteiligten. Dann musste sie die Ermittlung ihres kranken Kollegen übernehmen. Jetzt hoffte sie darauf, dass der Todesfall in der Bondegata kein Verbrechen war. Die allermeisten Todesfälle im eigenen Heim hatten ja natürliche Ursachen. Sie wollte die Fälle, die sie schon hatte, abschließen und nicht gezwungen sein, noch eine weitere Ermittlung aufzunehmen.

Sie hatte Schwierigkeiten, die Hausnummern zu erkennen, als sie in die Bondegata abbog, aber dann entdeckte sie ein geparktes Polizeiauto und wusste, dass sie am Ziel war.

Die Wohnung lag im Hinterhaus im zweiten Stock. Margret klopfte an, öffnete die Tür, trat ein und begrüßte ihre beiden uniformierten Kollegen, die in der Diele standen, mit einem Kopfnicken. Es handelte sich um eine junge, recht große Polizistin und einen älteren Polizisten, der ebenso groß wie die Frau war.

»Olle Sjögren«, stellte der Polizist sich vor.

Margret nannte ihren Namen und auch das Dezernat, von dem sie kam.

»Cecilia Bauer«, sagte die Polizistin.

»Wann seid ihr angekommen?«, fragte Margret.

»Wir sind um fünf nach elf gekommen«, antwortete der Kollege.

»Also vor gut einer Stunde«, meinte Margret.

Dann ging sie in die Küche. Der Tote lag vor dem Herd, den Kopf in einer Blutlache.

Es war unordentlich in der Küche. Leere Gläser und leergetrunkene Flaschen standen auf dem Tisch, neben dem Toten auf dem Fußboden lag eine zerbrochene Flasche. Auf dem Küchentisch stand ein Aschenbecher, gefüllt mit Zigarettenkippen und anderen Dingen, die dort gelandet waren: eine halbe Gurkenscheibe, zwei Flaschenverschlüsse, eine Reihe abgebrannter Streichhölzer, ein verkohlter Korken.

Einiges an Müll, das sich vielleicht auf dem Weg in den Aschenbecher befunden hatte, war über Tisch und Boden verteilt. Am Rand der Blutlache lag neben dem Kopf des Toten eine mit Blut vollgesogene Zigarette.

Es roch schlecht in der Küche, ungelüftet, muffig, obwohl das Fenster auf Kipp stand.

»Stand das Fenster offen, als ihr gekommen seid?«, fragte Margret.

»Wir haben natürlich nichts angefasst«, sagte die Polizistin namens Cecilia.

»Nein, das ist klar«, sagte Margret. »Ich meinte eher, dass es merkwürdig ist, dass es so miefig riecht, obwohl das Fenster offen ist.«

»Mir ist es auch aufgefallen«, meinte Cecilia. »Es sitzt wohl in den Wänden, vielleicht so eine Art Altmännergeruch.«

»Ja, vielleicht«, sagte Margret.

»Brauchst du uns noch?«, fragte Olle Sjögren.

»Nein, ich kümmere mich jetzt darum«, antwortete Margret. »Vielen Dank euch beiden.«

Die beiden uniformierten Polizisten gingen. Margret blieb in der Küche stehen, nahm ihr Handy, rief beim Technischen Dezernat der Bezirkskriminalpolizei an, musste warten, rief eine andere Nummer an und erwischte jemanden, der dafür sorgen wollte, dass geeignete Techniker informiert wurden.

»Bitte sie um Rückruf«, sagte Margret.

Sie hoffte, dass es nicht so lange dauern würde. Sie sollten innerhalb der nächsten Stunde kommen; sie wollte nicht bei dem Toten bleiben.

Dann begann sie sich umzusehen. Sie schaute sich alle Gegenstände in der Küche genau an, versuchte sich ein Bild davon zu machen, was geschehen sein konnte, wie viele Personen dagewesen waren, was diese Personen getan haben konnten.

In der Küche hatte ein Fest stattgefunden, ein Saufgelage, vielleicht ein Streit, Sachen waren durch die Gegend geflogen, mehrere Gläser waren zerbrochen, Spritzer waren über Tisch und Boden verteilt.

Sie hockte sich neben dem Toten hin. Sein Gesicht war nicht verletzt, aber auf der einen Seite des Kopfes, ein Stück über dem Ohr, war eine Wunde, aus der wohl das Blut gelaufen war.

Hatte jemand auf den Mann eingeschlagen, ihn umgestoßen? Oder war er selbst im Suff gestürzt und hatte sich den Kopf am Herd, der Spüle oder der Tischkante angeschlagen?

Margret suchte nach Spuren an den Stellen, auf die der Mann gefallen sein konnte. An der Herdecke war vielleicht etwas; jedenfalls sah es so aus. Aber das mussten die Techniker herausfinden.

Margret fühlte sich unsicher. Nach einer kurzen Kontrolle konnte man nicht sagen, ob das hier ein Unfall oder ein Verbrechen war. Aber es hatten sich mehrere Menschen in der Küche aufgehalten, der Tote war nicht allein gewesen. Nun galt es also, diese alle ausfindig zu machen, die Gäste des Toten, die Saufkumpane.

Die Techniker kamen nach fast zwei Stunden. Bis dahin hatte Margret Zeit genug gehabt, um die Bücherregale des Toten durchzuschauen, einige Schreibtischschubladen zu öffnen, einen Stapel ungeöffnete Post, unbezahlte Rechnungen und Reklame durchzugehen. Auf einem Zettel vom Hausverwalter stand eine Mitteilung, wonach die Rohre in allen Badezimmern des Hauses überprüft werden mussten. Die Mitarbeiter einer Sanitärfirma sollten am Dienstag, den 5. Februar, vor der Mittagszeit kommen.

Das war das heutige Datum. War es jemand von der Sanitärfirma gewesen, der den Toten gefunden hatte?

Aus Briefen und Unterlagen, die Margret fand, erfuhr sie, dass der Tote Lars Gunnar Bergman hieß, dass er zweiundsechzig Jahre alt war und Journalist im Vorruhestand.

Sie hatte auch einen Umschlag mit Fotos gefunden, auf denen Bergman mit bekannten Leuten von Sveriges Television zusammenstand. Hatte er vielleicht dort gearbeitet?

Als Margret zurück in ihr Büro bei der Bezirkskriminalpolizei auf Kungsholmen kam, hoffte sie immer noch, dass Bergman in der Bondegata aus Gründen gestorben war, die die Polizei lediglich zu den Akten nehmen musste. Aber ihr war klar, dass das vermutlich Wunschdenken war. Voraussichtlich musste sie sich in der nächsten Zeit auch mit diesem Fall beschäftigen, während sie gleichzeitig die anderen Ermittlungen nicht vernachlässigen durfte.

Sie blieb bis nach sechs Uhr sitzen, weil sie mit dem Papierkram, den sie zu erledigen hatte, fertig werden und einige Notizen für sich selbst machen wollte.

Der Gedanke an die Fotos von Sveriges Television ließ sie nicht los. Es waren keine neuen Aufnahmen. Einige der Personen, die die Fotos zusammen mit Bergman zeigten, waren bekannt, eine Moderatorin, ein bärtiger Reporter, die heute wohl um die sechzig sein müssten. Auf dem Bild waren sie Anfang vierzig. Das war zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Jahre her. Kannte nicht Verner jemanden vom Fernsehen aus dieser Zeit?

Sie hatte sich eine ganze Weile nicht bei Verner gemeldet. Jetzt beschloss sie ihn anzurufen.

Er war nicht zu Hause. Und er hatte keinen Anrufbeantworter und kein Handy. Er war altmodisch, wollte nicht gestört werden, er war der einzige von Margrets Bekannten, der nicht jederzeit zu erreichen war.

Als sie sich kennen lernten, hatte sie Zettel in seinen Briefkasten gelegt. Das war vor zwei Jahren gewesen, als er ihr half, Nordin zu finden, den Rächer von Älvsjö. Nun ja, sie hatte auch Verner geholfen.

Seitdem hatten sie sich gelegentlich getroffen und ziemlich oft telefoniert. Das letzte Mal war ungefähr einen Monat her.

Spät an diesem Abend ging Verner ans Telefon. Margret rief aus ihrer Wohnung in Årsta an; sie wollte Verner diesmal unbedingt erreichen.

Er freute sich und sagte, dass er sie auch hatte anrufen wollen.

»Arbeitest du?«, fragte Margret.

»Ich gebe Seminare für angehende Wachleute.«

»Da kann man mal sehen.«

»Arbeit ist Arbeit.«

»Du, Verner, ich hatte heute einen Todesfall, ein älterer Mann in der Bondegata wurde tot in seiner Küche gefunden. Er war ein alter Journalist, hat offenbar für das Fernsehen gearbeitet. Sein Name war Lars Gunnar Bergman. Sagt dir das was?«

Es wurde still. Verner antwortete nicht. Margret war sich sicher, dass er ihre Worte gehört hatte, und begriff, dass die Stille bedeutete, dass Verner etwas wusste. Sie wartete. Es vergingen nur einige Sekunden, aber sie kamen ihr lang vor.

»Ich kannte ihn«, antwortete Verner schließlich. »Ich habe vor einiger Zeit noch mit ihm gesprochen. Wie starb er?«

»Er lag auf dem Boden mit einer tiefen Wunde am Kopf. Die Techniker können wohl in ein paar Tagen etwas sagen, und dann müssen wir mit den Gerichtsmedizinern sprechen. Ich konnte nicht entscheiden, ob es ein Unfall war oder etwas anderes.«

»Lasse Bergman«, sagte Verner langsam.

»Wie gut kanntest du ihn?«

»Es ist lange her, aber wir haben früher recht viel miteinander verkehrt, und wir hatten einen gemeinsamen Bekannten.«

»War er ein gewöhnlicher ehrenwerter alter Mann?«

»Absolut, Lasse war ein guter Mensch. Man konnte sich auf ihn verlassen. Aber er trank ziemlich viel. Ich will gerne wissen, was ihr herausbekommt. Ruf mich doch an, sobald du mehr weißt. Vielleicht kann ich euch behilflich sein.«

»Ich rufe an. Und wenn wir es zu den Akten legen, rufe ich trotzdem an; es wäre schön, wenn wir uns treffen könnten.«

»Unbedingt, Margret, wir hören voneinander.«

6.

Der Mann fasste Hanna hart um die Handgelenke. Sie bat ihn vorsichtig zu sein, aber er hörte nicht, was sie sagte, oder vielleicht war es ihm auch egal.

Er zwang ihre Arme nach hinten auf das Kissen und dann streckte er sie seitlich aus. Der Griff um die Handgelenke war sehr hart. Sie schrie nicht, aber sie bat ihn wieder und wieder vorsichtig zu sein.

Dann war es vorbei und er ließ sie los.

Er wandte sich ab, lag kurze Zeit mit dem Rücken zu ihr. Dann stand er eilig vom Bett auf und ging ins Badezimmer.

»You go now«, sagte er.

Sie sah ihn nicht, aber sie verstand ja, was er sagte, und zog sich an, so schnell sie konnte. Das Geld hatte sie schon bekommen.

Er blieb im Badezimmer. Sie war in zwei Minuten angezogen, stand vor dem Spiegel im Zimmer, brachte schnell ihre Haare in Ordnung, nahm die Handtasche und ging zur Tür hinaus, machte sie leise hinter sich zu.

War er Südamerikaner? Sie wusste es nicht genau. Aber er hatte ihre Handynummer von der Internetseite bekommen, die sich an ausländische Geschäftsmänner richtete. Er sah aus, als könnte er aus Südamerika kommen.

Zuerst hatten sie sich in der Bar getroffen. Er hatte auf ihrem Handy angerufen und wollte, dass sie im Hotel direkt auf sein Zimmer kommen sollte, aber sie wollte zuerst unter anderen Menschen sein, um die Chance zu haben abzulehnen.

Er wirkte freundlich. Er erwähnte einiges von dem, was er auf ihrer Homepage im Netz gelesen hatte, und er wählte die netten Dinge, die weichen Dinge: dass sie sich kümmern und da sein, es warm und schön machen wollte.

Es gab anderes, das er hätte wählen können, aber er wählte die netten Dinge. Und das war entscheidend für sie. Er war freundlich und wählte die ruhigen und netten Dienste, die sie anzubieten hatte.

Trotzdem war er grob geworden.

Hanna hatte sich einige Male geirrt. Dieser Mann war nicht richtig brutal gewesen, es gab schlimmere. Aber er hatte ihr wehgetan. Jetzt waren ihre Handgelenke rot; vielleicht würde sie blaue Flecken bekommen. Nun ja, die würden nach einer Woche wieder weg sein, und sie konnte sie ja immer noch überschminken.

Eine Stunde war sie bei dem Mann gewesen. Er gab ihr zweitausend Kronen; das war ihr Preis für einen Besuch. Fünftausend, wenn sie die ganze Nacht blieb.

Niemand wusste dieses Mal, wo sie gewesen war. Manchmal wusste Rina, wohin sie gegangen war. Sie trafen sich manchmal in der kleinen Wohnung in der Regeringsgata, die Rina benutzen durfte, wenn sie einen besonders wichtigen Kunden empfangen musste, jemanden, der Paul kannte. Hanna benutzte die Wohnung ebenfalls gelegentlich.

Jetzt war Hanna in einem Taxi auf dem Weg nach Hause. Es war halb zehn abends. Der Wagen fuhr von Tegelbacken über Norr Mälarstrand Richtung Essingeled. Als sie am Rålambshovspark waren, nahm Hanna eine Tablette aus der Dose, die sie in der Handtasche hatte. Sie hatte einen leicht trockenen Mund und brauchte eine Weile, um die Tablette hinunterzubekommen. Gerade da klingelte das Handy. Es war ein Mann mit einer Bassstimme, der Englisch ohne Akzent sprach. Er fragte nach Shirley. Hanna antwortete mit einer sehr weichen, etwas kindlichen Stimme, dass er bei ihr ganz richtig sei.

Der Mann sagte, dass er die Frau treffen wolle, die diese wunderbaren Dienste anzubieten hätte. Er könne nicht warten, er wolle Shirley jetzt sofort treffen.

»An welche Dienste denkst du?«, fragte Hanna.

»Du schreibst, dass du gerne lutschst«, sagte der Mann.

»Ja, das stimmt ganz genau«, sagte Hanna mit ihrer allerkindlichsten Stimme.

»Ich will dich jetzt sofort treffen«, sagte der Mann.

Hanna bat den Taxifahrer, zu wenden und zur City zurückzufahren. Sie waren schon oben auf dem Essingeled.

»Ich muss in Gröndal runter und drehen, um auf die andere Seite zu kommen«, sagte der Fahrer.

»Du sitzt am Steuer«, sagte Hanna.

Als sie von der Autostraße abgefahren waren, murmelte der Fahrer etwas, was Hanna nicht verstand.

»Was hast du gesagt?«, fragte sie.

»Mist, sie haben die Auffahrt gesperrt«, sagte er. »Wir müssen über Hornstull und die Västerbro fahren.«

»Du bist immer noch derjenige, der am Steuer sitzt«, sagte Hanna.

Als sie über die Västerbro fuhren, sah Hanna, dass ein leichter Nebel über dem Riddarfjärd lag. Die kleinen Schneehaufen, die die Lastwagen der Straßenreinigung ins Wasser hinuntergekippt hatten, waren weggeschmolzen. Nun war die Wasseroberfläche teilweise mit zerbrochenen Eisschollen bedeckt. Entlang der südlichen Seite waren die Eisschollen davongetrieben, und dort glänzte das Wasser schwarz und bedrohlich.

»Wohin fahren wir?«, fragte der Taxifahrer.

»Grand Hôtel«, antwortete Hanna.

7.

Am Donnerstag, dem 6. Februar, war die Stockholmer Polizei ungewöhnlich großen Belastungen ausgesetzt: Zwei junge Männer waren am späten Abend des Vortages erschossen worden, der eine in einem Restaurant in der City und der andere vor seiner Wohnung in Västberga. Vermutlich gab es eine Verbindung zwischen den Morden.

Um Mitternacht war in einer Wohnung in Trångsund ein Streit ausgeartet. Acht Personen wurden mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, die meisten mit Messerstichen.

Um zwei Uhr nachts mähte ein betrunkener Autofahrer in Huvudsta drei Jugendliche um.

Etwas später in derselben Nacht wurde eine junge Frau nach einer Vergewaltigung in Fittja schwer mitgenommen aufgefunden.

Früh am Morgen schoss jemand in dem Lagergelände hinter dem Gasbehälter bei Värtan mit einem Automatik-Karabiner auf drei Mitglieder eines Motorrad-Clubs. Alle überlebten, aber zwei der Männer trugen Bauchverletzungen davon.

Von all den Gewaltverbrechen, die sich in der Nacht und am Morgen ereignet hatten, beunruhigte die Schießerei bei Värtan die Polizeiführung am meisten. Sie konnte der Anfang eines Krieges zwischen Motorrad-Gangs sein.

Als Margret zur Arbeit kam, hatte sie die Nachrichten schon im Autoradio gehört. Sie überlegte, dass sie vermutlich zum zweiten oder dritten Mal im Laufe der Woche gezwungen sein würde, die Fälle, an denen sie arbeitete, zur Seite zu legen.

Aber dazu kam es nicht. Ihr Chef, Lennart Philipsson, war gerade von einem Koordinierungstreffen mit der Führung der Bezirkspolizei gekommen. Nun hielt er eine Lagebesprechung mit den Leuten vom Ermittlungsdezernat ab. Er fasste sich ziemlich kurz, verteilte Aufgaben, benannte neue Projektleiter und erkundigte sich nach dem Stand der laufenden Ermittlungen. Was konnte noch etwas warten, was eilte?

Lennart Philipsson war zurückhaltend und effektiv. Er wurde dafür geschätzt, dass er immer kurze Besprechungen abhielt. Jetzt bat er, nach dem Treffen mit Margret sprechen zu dürfen.

»Die Techniker liefern ihren Bericht über den Fall in der Bondegata heute Vormittag ab«, sagte er. »Aber einiges habe ich schon gestern Abend gehört, und zwar genug, um einzusehen, dass wir die Sache weiter verfolgen müssen.«

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