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Blau ist grüner als Gelb

Inhaltsübersicht

Mia

Lena

Mia

Lena

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Lena

Mia

Lena

Mia

Lena

Mia

Lena

Mia

Lena

 

Leben ist das, was passiert,

während du damit beschäftigt bist,

andere Pläne zu machen.

 

John Lennon

Mia

Poch, poch.

Ich lag auf der Seite und gab vor, zu schlafen.

Poch, poch.

Ich rührte mich nicht. Ich versuchte, tief und gleichmäßig zu atmen. Jetzt nur nicht bewegen. Wenn ich es lange genug ignorierte, hörte es vielleicht von selbst auf.

Poch, poch.

Oles Penis klopfte an meinen Po. Jetzt fing er auch noch an, meinen Rücken zu streicheln. Der Typ hatte vielleicht Nerven. Ich versuchte, innerlich Ordnung in das Chaos der nächsten Tage zu bringen, und Ole dachte an Sex.

Die Steuererklärung mussten wir einreichen, die letzte Fristverlängerung lief am Freitag ab. Klara brauchte dringend einen neuen Badeanzug, sie hatte ihren beim Schwimmkurs liegenlassen. Mit Max mussten wir zum Kinderarzt, die Regelimpfung war überfällig, und den Antrag auf Ferienbetreuung im Kindergarten hätte ich längst abgeben sollen …

Poch, poch.

… und bis Montag musste ich mindestens zwanzig Seiten redigiert haben. Die Übersetzung war eine Katastrophe, und der Programmleiter saß mir im Nacken. Um das Projekt zu retten, musste ich das Manuskript praktisch komplett umschreiben. Nächstes Mal würde ich die Übersetzung gleich selbst machen und dafür wenigstens das Honorar einstreichen.

Wie sollte ich das alles schaffen?

Ole focht das nicht an. Sanft streichelte er meinen Nacken. Ich öffnete die Augen und schielte auf den Wecker. Schon fast Mitternacht. Verdammt. In sechs Stunden musste ich aufstehen. Ich fühlte mich schon jetzt wie gerädert. Wann hatte ich das letzte Mal ausgeschlafen? Weihnachten? An meinem Geburtstag? Es war so lange her, dass ich mich nicht daran erinnern konnte. Ole war das egal. Er hatte andere körperliche Bedürfnisse, die befriedigt werden wollten. Ich überlegte: Wann hatten wir das letzte Mal miteinander geschlafen? Es musste schon lange her sein. Mein Atem ging flacher. Mist. Jetzt hatte Ole gemerkt, dass ich wach war. Ich war aber müde. Todmüde! Ich wollte einfach nur schlafen, ein paar Stunden am Stück, bevor Max das nächste Mal aufwachte. Am nächsten Morgen hatte ich Frühdienst, wir hatten da klare Absprachen. Eine Woche Ole, eine Woche ich. Das bedeutete, um sechs Uhr aufstehen, Frühstück machen, die Kinder wecken, Max wickeln und anziehen, Klara antreiben, Zöpfe flechten, Brotdosen bestücken, Kindergartenrucksäcke packen. Außerdem musste ich mir die Haare waschen und fönen, ich hatte um neun eine Verabredung mit unserem französischen Bestsellerautor, da musste ich einigermaßen präsentabel aussehen. Für das Haarefönen würde ich mindestens zwanzig Minuten brauchen, und dabei fiel mir ein, dass meine Bluse nicht gebügelt war, das schaffte ich auf keinen Fall mehr, dann musste ich halt den dunklen Rolli anziehen, obwohl der nicht gewaschen war …

Ole ließ nicht locker. Ich versteifte mich, hielt seine Hand fest und verdrehte innerlich die Augen. Ich wollte schlafen! Ich brauchte keinen Sex! Warum waren unsere Bedürfnisse nur so unterschiedlich? Mir reichte einmal im Quartal. Ehrlich!

»Ich steh auch morgen früh auf«, murmelte Ole in mein Ohr.

Hatte ich richtig gehört? Er bot mir einen Tausch an? Sex gegen Frühdienst? Das konnte ich nicht machen. Es war völlig unromantisch. Und nicht nur das: Es war unmoralisch. Es roch nach Prostitution. Prostitution in der Ehe! Nein, auf keinen Fall.

Ich seufzte.

Andererseits.

Jeder von uns konnte etwas geben, das der andere wollte. Uns würde es beiden besser gehen – ihm mit Sex, mir mit Schlaf. Bestand eine Ehe nicht aus einem uneigennützigen Geben und Nehmen? Aber würde Ole freiwillig aufstehen, wenn wir keinen Sex hätten? Niemals. Hätte ich Sex mit ihm, wenn ich morgen früh raus müsste? Auf keinen Fall! Konnte es verwerflich sein, für sein eigenes Wohlergehen und das seines Mannes zu sorgen? Ich glaubte nicht. Eine halbe Stunde länger schlafen. Ausgiebig duschen. In Ruhe Haare fönen. Vielleicht wäre sogar noch ein zweiter Kaffee drin. Ich konnte nicht widerstehen. Es war desillusionierend, es war unromantisch, es war Alltag mit zwei Kindern.

»Deal«, sagte ich und drehte mich zu ihm um.

 

Am Morgen klappte nichts, wie es sollte. Max’ Stirn fühlte sich ungesund warm an, wahrscheinlich kriegte er Zähne, und in der Nacht war er drei Mal wach gewesen. Obwohl Ole zwei Mal aufgestanden war und Max beruhigt hatte, fühlte ich mich ausgelaugt und hatte schlechte Laune. Auch Klara war nölig, sie hatte meinen leichten Schlaf geerbt und war nachts durch Max’ Geschrei geweckt worden.

Ich saß im Schlafanzug am Frühstückstisch und schlürfte meinen Kaffee. Max patschte mit dem Löffel in seinem Joghurt herum. Ich unterdrückte meinen Impuls, ihn zu füttern. Das ging mich nichts an, Oles Frühdienst war mein nächtlicher Lohn. Klara kam in die Küche, sie trug nur ein dünnes T-Shirt.

»Klara, zieh dir einen Pulli an, es ist kalt draußen.«

»Aber ich finde keinen!«

Ich warf ihr einen braunen Kapuzenpulli zu, der neben mir auf dem Boden lag.

»Den will ich nicht, das ist ein Jungspulli!«

»Das ist ein ganz normaler Pulli, Klara, den hast du doch sonst auch immer angezogen.«

»Ich will aber nicht!«, entgegnete sie störrisch.

Gerade wollte ich ihr sagen, dass mir das egal war, da mischte Ole sich ein, der am Küchentresen stand und den Kindern Brote schmierte.

»Dann zieh halt einen anderen an.«

Na, super.

»Wo ist mein dicker rosa Pulli?«, fragte Klara Ole.

»Weiß ich nicht. Frag mal Mia.«

»Mama, wo ist mein dicker rosa Pulli?«

Ich wusste genau, wo er war. Ich hatte ihn schließlich gestern gewaschen, in den Trockner geworfen und anschließend zusammengelegt. War ich hier eigentlich die Waschfrau? Sollte Ole ihn doch suchen.

Ich: »Keine Ahnung.«

Dabei schämte ich mich ein bisschen, aber mein Ärger auf Ole überwog. Ole und Klara liefen durchs Haus und suchten den Pulli erst im Bad, dann im Kinderzimmer. Da würden sie ihn nicht finden.

Ich hörte Ole und Klara im Flur diskutieren.

»Ach, Klara, kannst du nicht einfach einen anderen anziehen? Was ist denn so schlimm an dem braunen?«

»Ich WILL aber keinen BRAUNEN Pulli anziehen, ich will meinen ROSANEN …«

Ole gab sich geschlagen und steckte den Kopf durch die Tür.

»Hast du keine Idee?«, fragte er mit flehendem Unterton.

»Hm«, brummte ich. »Guck mal im Waschkeller auf dem Tisch.« Ole nickte und verschwand.

»BITTE!«, brüllte ich ihm hinterher.

Klara kam glücklich mit ihrem rosa Pulli ins Zimmer.

»Papa hat ihn gefunden!«

»Und ich hab ihn gewaschen, getrocknet und zusammengelegt, Klara«, platzte es aus mir heraus. Sie schaute mich verwundert an.

In diesem Moment sah ich, wie sich draußen vor unserem Gartenzaun eine riesige Bulldogge anschickte, ihr Geschäft auf dem schmalen Rasenstreifen zu erledigen, der den Bürgersteig von der Straße trennte. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf. Den wollte ich mir nicht entgehen lassen. Dauernd traten Ole, ich und die Kinder in Hundescheiße.

Im Bademantel und mit wirrem Haar riss ich die Tür auf, rannte zum Gartentor und brüllte den Besitzer an: »Wenn ich Ihren verdammten Hund noch einmal erwische, wie er vor unsere Haustür scheißt, dann …« Ich zögerte einen Augenblick, womit konnte ich schon drohen? Es musste etwas Drastisches sein, sonst lachte dieser Trainingshosenprolet mit seinem Köter doch nur über mich, also schrie ich: »… dann knalle ich ihn ab, und glauben Sie nicht, dass ich das nicht kann, ich habe einen Jagdschein!« Das war zwar glatt gelogen, aber etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein.

Der Typ starrte mich entgeistert an.

»Reg dich ab, Lady.«

Inzwischen hatte der Hund sich erleichtert.

»Mitnehmen!«, forderte ich den Hundebesitzer aggressiv auf, die Hände in die Hüften gestemmt. »Und zwar auf der Stelle!«

Der Typ murmelte etwas Unverständliches, holte aber tatsächlich eine Tüte aus seiner Jackentasche, stülpte sie sich über die Hand und griff sich den Haufen. Befriedigt drehte ich mich auf dem Absatz um. Beim Reingehen sah ich die alte Frau Erler aus dem Nachbarhaus, sie winkte mir zu und hielt den Daumen nach oben. Drinnen am Küchenfenster standen Ole und Klara, sie hatten das Spektakel verfolgt.

»Warum hast du den Mann so angeschrien, Mama? Was hat der gemacht?«

»War das nicht ein bisschen übertrieben?«, fragte mich Ole kritisch.

»Das war überhaupt nicht übertrieben, das war höchste Zeit! Frau Erler hat mir auch gratuliert.«

»Na, dann«, sagte Ole und drehte sich um.

Mein Triumphgefühl verpuffte im Nu.

Lena

»… ja, und mein Mann hat ganz schrecklichen Ausschlag im Genitalbereich, und ich war doch neulich bei Ihnen, und Sie haben mir diese Creme verschrieben, und bei mir ist auch alles weg, aber bei meinem Mann, also das sieht ganz komisch aus, richtig fleckig …«

»Hm«, machte ich in den Telefonhörer und warf einen Blick auf die Uhr. Ich war gnadenlos hinterher. Eigentlich hätte ich jetzt eine halbe Stunde Mittagspause gehabt, wenigstens auf die Toilette müsste ich mal gehen, das hatte ich den ganzen Vormittag nicht geschafft. Aber im Wartezimmer saßen noch zwei Patientinnen, und zwar seit über einer Stunde. Ich konnte sie unmöglich länger warten lassen.

Die Frau am anderen Ende der Leitung war nicht zu bremsen.

»… und ich hab zu ihm gesagt, Werner, sag ich, du musst zu der Frau Doktor Leopold in die Praxis, die kann dir dann etwas verschreiben, und …«

Ich unterbrach sie. »Frau Melcher, ich bin Frauenärztin, ich kann Ihren Mann nicht untersuchen. Schicken Sie ihn bitte in eine urologische Praxis.«

»Aber er hat doch diesen komischen Ausschlag, den ich auch hatte, und …«

Jetzt konnte ich nicht mehr.

»Frau Melcher, der Ausschlag, den Sie hatten, ist nicht ansteckend, und was immer Ihr Mann sich da eingefangen hat, er hat es nicht von Ihnen.«

Endlich war sie ruhig. Ich verabschiedete mich von ihr und rief die nächste Patientin herein.

Frau Bruce war klein, drahtig, unglaublich aufgebrezelt und marschierte strammen Schritts auf mörderisch hohen Stilettos in mein Behandlungszimmer. Irgendetwas an ihr ließ mich stutzen, aber ich wusste nicht, was.

»Entschuldigen Sie, dass Sie so lange warten mussten.« Ich streckte ihr meine Hand entgegen und bemühte mich um ein herzliches Lächeln.

Sie winkte ab und schleuderte ihre riesige Handtasche auf meinen vormals sterilen Besteckkasten. »Ach, das ist doch no problem! Ich bin ja so happy, dass Sie die Praxis gekauft haben, ich gehe viel lieber zu einer jungen Ärztin als zu dem vertrockneten alten Knacker!«

Sie sprach mit einem starken amerikanischen Akzent, aber ich konnte nicht entscheiden, ob er echt oder gespielt war. Unaufgefordert nahm sie auf dem Behandlungsstuhl Platz und spreizte die Beine. Zerstreut begann ich mit der Untersuchung. Warum war ich so grob zu Frau Melcher gewesen? Die arme Frau hatte sich doch bloß Sorgen gemacht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen.

Und jetzt diese Patientin. Ich konnte ihre Gebärmutter nicht finden. War ich eine so jämmerliche Ärztin? Vielleicht hätte ich doch noch ein paar Jahre in der Klinik weiterarbeiten sollen, aber die Schufterei mit den ganzen Diensten war mir einfach zu viel gewesen.

»Sweetie«, riss Frau Bruce mich aus meinen Gedanken, »was machen Sie da eigentlich?«

»Einen Abstrich, zur Krebsvorsorge. Keine Angst, das ist reine Routine.«

»Oh, nein, nein … das ist great«, kicherte sie, »einfach great

Irritiert starrte ich meine Patientin an. Noch nie hatte ich erlebt, dass eine Frau derartig euphorisch auf einen Krebs-Abstrich reagierte.

»Hat Sie die Helferin denn nicht informiert?«

Ich schüttelte den Kopf. Nein, Frau Mauer hatte mir nichts gesagt. Worauf wollte sie hinaus?

»Ich bin transsexual«, klärte Frau Bruce mich auf und lachte weiter.

Ich wurde knallrot. Da konnte ich ihre Gebärmutter ja noch lange suchen.

»Don’t worry, Sweetie, alles ist wunderbar. Wirklich wunderbar, wie Sie das machen …«

Ich rang um meine Fassung und verfluchte innerlich Frau

Mauer. Warum hatte sie mich nicht informiert? Wie blöd stand ich denn jetzt bitte da! Ich bemühte mich, mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen. Was sie denn dann zu mir führe, fragte ich, betont professionell.

Sie erklärte, dass sie in die Wechseljahre käme und gerne Hormone von mir hätte.

Transsexuell und Wechseljahre?

Ich tat so, als müsse ich kurz etwas mit meiner Helferin besprechen, und stürzte ins Nebenzimmer. Dort riss ich meinen Ratgeber Gynäkologie aus dem Regal, der mir in Studienzeiten gute Dienste geleistet hatte. Ich blätterte ihn durch – kein Eintrag zu »transsexuell«. Verdammt. Dann musste ich wohl in den sauren Apfel beißen. Ich griff nach dem Telefonhörer und rief in der Klinik an. Zwei Klingelzeichen später hatte ich die Oberschwester an der Strippe.

»Ach, Frau Doktor Leopold, vermissen Sie uns schon?«

»Nein, nein«, sagte ich, »könnten Sie mich bitte mit Doktor Jobst verbinden? Es eilt ein wenig …«

»Sie haben Glück, er ist gerade im Arztzimmer.« Sie stellte mich durch.

»Markus, du musst mir unbedingt helfen.« Ich ließ meinen ehemaligen Kollegen gar nicht erst zu Wort kommen. »Ich habe hier eine Transsexuelle im Behandlungszimmer sitzen. Sie behauptet, sie käme in die Wechseljahre, und will Hormone von mir gespritzt bekommen. Sag mir bitte schnell, kann ich ihr welche geben? Und wenn ja, welche?«

»Cool«, sagte Markus.

»Ja, ja. Was soll ich denn jetzt machen?«

Markus erwiderte, ich solle ihr ruhig Hormone geben, da könnte nichts schiefgehen, und nannte mir ein Präparat.

»Danke!«, rief ich in den Hörer, atmete einmal tief durch und ging wieder zurück ins Behandlungszimmer.

Mia

Den französischen Bestsellerautor hatte ich in einen Stadtrundfahrten-Bus verfrachtet und mich mit ihm für den späten Nachmittag verabredet. Ich musste unbedingt an dem Erotik-Krimi weiterarbeiten.

Verzweifelt starrte ich auf die Manuskriptseiten vor mir. Ich brauchte dringend ein paar Eingebungen, um die deutsche Fassung des Textes zu retten. Leider gab das Deutsche, wie ich auf der Suche nach literarischen Synonymen feststellen musste, im Vergleich zum Französischen ziemlich wenig Phantasievolles her, was Sinnenfreuden und Fleischeslust betraf. Nachdem meine Phantasie ausgeschöpft war, hatte ich das Internet befragt. Aber die Recherche hatte nichts Brauchbares zutage gefördert, und auch mein Spam-Verteiler erwies sich als wenig inspirierend. Die Wendung, »und er spaltete sie wie einen Apfel«, auf deren Entdeckung ich sehr stolz war, hatte ich in verschiedenen Variationen bereits untergebracht. Ich brauchte Inspiration!

Gerade als ich dabei war, auf einer Website ein Paket erotischer Literatur zu bestellen, unter anderem das Tao der Liebe (in der Kurzbeschreibung war vielversprechend vom »Jadeschaft« und dem »Tal der tiefen Kammer« die Rede gewesen), klingelte mein Handy.

Auf dem Display leuchtete die Nummer der Krippe auf. Mir schwante Böses.

Und tatsächlich: Max war krank, er hatte Fieber, ich sollte ihn sofort abholen.

»Haben Sie meinen Mann schon angerufen?«, fragte ich die

Erzieherin.

Hatte sie natürlich nicht. Warum wendeten sie sich automatisch immer zuerst an die Mutter? Ich versprach, dass Max innerhalb der nächsten Stunde abgeholt werden würde, legte auf und rief Ole an.

Ich hatte Glück und erwischte ihn im Büro.

»Ole, du musst Max abholen, er ist krank.«

»Was? Das geht jetzt nicht, ich habe in einer Viertelstunde eine wichtige Besprechung mit einem Bauleiter. Danach könnte ich ihn holen. Kann er nicht so lange noch in der Krippe bleiben? Er hat doch höchstens ein bisschen Fieber.«

»Auf keinen Fall«, protestierte ich. Ich hatte ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, weil wir den Kleinen trotz seiner warmen Stirn in die Krippe gebracht hatten. Außerdem vervollständigte sich bei den gestrengen Erzieherinnen dann endgültig das Bild von uns Rabeneltern. Max war immer der Letzte, der abgeholt wurde, die obligatorische Wechselkleidung, die jedes Kind in seinem Schränkchen vorrätig haben musste, war entweder zu klein oder nicht der Jahreszeit angemessen, und stets vergaßen wir, rechtzeitig neue Windeln und Feuchttücher mitzubringen.

Außerdem hatten Ole und ich die klare Abmachung, dass er für spontan auftretende Krankheitsfälle zuständig war, schließlich lag sein Büro direkt um die Ecke von der Krippe, während ich quer durch die ganze Stadt fahren musste. Wir hatten eine ganze Liste mit solchen Abmachungen aufgestellt. Regina, eine Freundin von mir, reagierte völlig entsetzt, als sie eines Tages den riesigen Plan an unserer Küchenpinnwand entdeckte, auf dem unsere Rechte und Pflichten bezüglich Haushalt und Kinderversorgung geregelt waren.

»Total krass, eure Regelungswut«, sagte Regina. »Das ergibt sich doch irgendwie alles von allein!«

Falsch. Von allein ergibt sich gar nichts.

Jedenfalls nicht in einem Haushalt mit zwei minderjährigen Kindern, zwei berufstätigen Eltern, einer Katze und keiner Haushälterin.

Und ich war eine radikale Vertreterin der Gleichberechtigung. Unsere klaren Absprachen waren reine Krisenprävention. Bevor Klara auf die Welt kam, hatte ich mir geschworen, dass ich keine von diesen hochqualifizierten Müttern werden würde, die der Kinder zuliebe höchstens noch Teilzeit arbeiteten und alle Aufstiegsmöglichkeiten in den Wind schrieben, während ihre Männer Karriere machten. So wollte ich nicht werden, und unsere Absprachen zu brechen, wäre ein deutlicher Schritt Richtung Feindesland gewesen. Mutti-Feindesland.

Aber selbst wenn ich weniger regelungstreu gewesen wäre, hätte ich Ole das Max-Abholen nicht abnehmen können. In zwei Stunden musste ich den Franzosen einsammeln, danach hatten wir einen kleinen Empfang im Verlag, und anschließend wollte ich mich noch mit Lena treffen. Es war Dienstag, mein freier Abend, und ich hatte Lena schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Das letzte Mal hatte ich sie auf dem Sektempfang gesprochen, den sie anlässlich der Eröffnung ihrer Praxis gegeben hatte.

Ole riss mich aus meinen Gedanken.

»Okay, dann bitte ich Frau Jensen, Max abzuholen.«

Eine Sekretärin, die das kranke Kind abholt! Ich biss mir auf die Lippen, als ich sagen wollte, dass das unser negatives Bild bei den Erzieherinnen nur verfestigen würde. Aber Ole war sowieso völlig egal, was die von uns dachten. Außerdem glaubte er, Max habe dadurch einen Mitleidsbonus und die Erzieherinnen behandelten ihn besonders liebevoll, um unsere Defizite auszubügeln.

Mir sollte es recht sein, obwohl ich fest davon überzeugt war, dass diese Aktion wieder nur ein schlechtes Licht auf mich werfen würde – nicht auf Ole. Bei einem Vater versteht jeder, dass er seine Arbeit nicht stehen- und liegenlassen kann, nur weil das Kind ein bisschen Fieber hat. Eine Mutter gilt automatisch als karrierefixierte Rabenmutter, wenn sie nicht umgehend alle Termine absagt und herbeieilt, um ihren kränkelnden Nachwuchs abzuholen. Mit diesen unfairen Beurteilungskriterien hatte ich schnell nach Klaras Geburt Bekanntschaft gemacht. Ständig gratulierten mir irgendwelche Frauen dazu, was für einen tollen Vater Ole abgeben würde. Wie er sich um Klara kümmerte – rührend! Dass er gar Elternzeit nehmen wollte – phantastisch! Ich müsste mich wirklich glücklich schätzen, einen solchen Mann erwischt zu haben. Und wer feierte meine Opfer? Ole beglückwünschte niemand dazu, was für eine fabelhafte Frau er da an seiner Seite hatte, die nicht nur seinem Nachwuchs zuliebe mit dem Rauchen aufgehört und neun Monate lang völlig abstinent gelebt hatte, sondern auch sein Kind ausgetragen und unter höllischen Schmerzen auf die Welt gebracht hatte. Das war natürlich völlig selbstverständlich – ich war ja die Mutter! Auch für die vier qualvollen Monate, die ich Klara an meinen schmerzenden Brüsten gesäugt hatte, die bald wie leere Milchtüten aussahen, wurde ich nicht gelobt. Stattdessen legte mir eine andere Mutter nahe, meine armen Brüste regelmäßig an eine Melkmaschine anzuschließen, um den Milchfluss anzukurbeln. Aber das ging mir zu weit. Es reichte mir, dass dieser Knirps unser ganzes Leben beherrschte, die Oberhoheit über meine Brüste wollte ich behalten. Nach vier Monaten stillte ich ab, und Klara bekam fortan nur noch die Flasche, was mir zahlreiche kritische Blicke anderer Supermamas einbrachte. Noch nicht einmal von meiner eigenen Mutter bekam ich Rückendeckung bei meinem Wunsch nach Selbstbestimmung. Als Ole und ich – beide restlos entnervt nach unserer Elternzeit – beschlossen, Klara mit acht Monaten in der Krippe anzumelden, meinte meine Mutter schockiert: »Was, du willst Klara jetzt schon weggeben?« Als ob ich sie zur Adoption freigeben wollte!

»Wir wollen beide wieder arbeiten, Mama!«, versuchte ich mich zu verteidigen.

Meine Mutter seufzte theatralisch. »Nun ja, Judith und Elisabeth haben ihre Kinder ja auch relativ früh in die Krippe gegeben.«

»Warum sagst du ›Judith und Elisabeth‹?«

»Was meinst du?«

»Warum sagst du nicht: Judith und Dirk und Elisabeth und Clemens haben ihre Kinder früh in den Kindergarten gegeben?«, präzisierte ich empört.

Meine Mutter entgegnete, ich solle nicht jedes Wort von ihr auf die Goldwaage legen. Aber genau darum ging es! Die Väter bekamen Medaillen umgehängt, wenn sie eine vierwöchige Wickeleinheit einlegten, und die Mütter wurden als Flaschenmütter diffamiert, wenn sie ihren Busen wiederhaben wollten. Natürlich, kaum jemand würde widersprechen, auch eine Mutter hatte ein Recht auf ihre Arbeit. Aber bitte niemals auf Kosten des Kindes! Erst wenn für das maximale Wohlergehen des Nachwuchses gesorgt ist, darf die gute Mutter sich wieder ihrer Arbeit widmen. Am besten Teilzeit. Nein, danke. Mit mir nicht. Ich liebte meine Kinder, aber meine Arbeit liebte ich auch.

Lena

Als ich endlich um halb acht die Praxistür hinter mir schloss, regnete es in Strömen. Bis zu mir nach Hause waren es nur zehn Minuten zu Fuß, aber ich war erledigt. Ich wollte ein Taxi und danach nur noch in die Badewanne und ins Bett.

Ich hatte Glück, schon nach wenigen Minuten entdeckte ich ein Taxi auf der anderen Straßenseite. Ich wedelte mit beiden Armen, der Taxifahrer sah mich und wendete. Ich öffnete die Tür und ließ mich auf die Rückbank fallen.

»Einmal Kurzstrecke, bitte!«

Dem Fahrer entrang sich ein genervtes Stöhnen.

»Kurzstrecke, typisch.« Er setzte den Blinker und schob, mit Blick auf einen winkenden Mann, hinterher: »Der Nächste wäre bestimmt besser gewesen!«

Wem sagst du das, dachte ich. Dieser Spruch war das perfekte Motto für meine jüngere Vergangenheit.

Trotz seines blöden Kommentars gab ich dem Taxifahrer Trinkgeld, ich war zu erschöpft für seine bösen Blicke. Mit letzter Kraft schleppte ich mich die fünf Stockwerke in meine Dachgeschosswohnung hoch. Oben angekommen, ließ ich mir als Erstes eine Badewanne einlaufen, dann setzte ich Teewasser auf. Als ich gerade mit einem tiefen Seufzer ins Wasser sank, fiel mir siedendheiß ein, dass ich heute mit Mia verabredet war, genauer gesagt in zehn Minuten. Das hatte ich komplett vergessen! Kurz überlegte ich, ihr abzusagen, aber dann brachte ich es nicht übers Herz. Mia und ich hatten uns wochenlang nicht gesehen, und für Mia war es nicht leicht, sich einen Abend freizuschaufeln, da konnte ich sie nicht hängenlassen.

Ich raffte mich also auf und eilte in die Pizzeria. Als ich mir gerade einen Wein bestellt hatte, kam Mia hereingestürzt. Sie wirkte ein bisschen gestresst, sah aber, wie immer, tipptopp aus. Wie schaffte sie das bloß, dachte ich, mit zwei Kindern und einem enorm fordernden Job? Ich trug eine alte Jeans und einen ausgeleierten Pulli und sah so beschissen aus, wie ich mich fühlte. Ich hatte weder die Zeit noch die Kraft gehabt, mich schön anzuziehen. Vorhin war es mir egal gewesen, aber jetzt führte es dazu, dass mir noch elender zumute war. Ich fühlte mich wie eine Mülltonne neben einem Jaguar.

Mia küsste mich herzhaft auf beide Wangen, pellte sich aus ihrem Mantel und plapperte los. Sie erzählte irgendetwas von einem Franzosen, mit dem sie unterwegs gewesen war, und regte sich über ihren Programmleiter auf, der prinzipiell alle wichtigen Informationen in seinen E-Mails in Großbuchstaben setzte.

»Das liest sich, als ob er dir direkt ins Gesicht schreien würde. ›MARIA! DENKEN Sie daran, dass Sie HEUTE um FÜNF Uhr SPÄTESTENS die Texte für die Vorschau abliefern MÜSSEN!!!‹ Und dann nennt er mich auch noch konsequent Maria, so ruft mich noch nicht einmal meine eigene Großmutter … Später hat die Kita angerufen und gesagt, dass Max krank ist. Und kaum habe ich mir ein wenig Zeit für den Porno freigeschaufelt, steht der Franzose in der Tür und will sich unterhalten. Die Stadtrundfahrt hat ihm nicht gefallen, und da hat er gedacht, er könnte mit mir ein bisschen plaudern. Klar, ich habe ja sonst nichts zu tun! Aber das ist Mister Superwichtig, ich bin vom Verleger höchstpersönlich damit betraut worden, ihn zu umhegen, damit er nicht zur Konkurrenz abwandert. Angebote genug hat er wohl, dabei schreibt er nur Schrott. Und mit dieser verdammten Übersetzung bin ich wieder kein Stück weitergekommen. Auf Französisch kam mir das Buch gar nicht so schlimm vor, aber die Übersetzung … Du kannst es dir nicht vorstellen!«

Ich hatte Kopfschmerzen.

Mia nippte an ihrem Wein und begann, die Karte zu studieren.

»Wahnsinn«, sagte sie, »hier ist ja alles voller Rechtschreibfehler. Hoffentlich kochen sie besser, als sie schreiben. Was isst du denn?«

»Keinen Hunger.«

Mia legte mir ihre Hand auf den Arm.

»Sag mal, was ist denn los mit dir? Geht es dir nicht gut? Du siehst müde aus. Wie läuft es in der Praxis?«

Ich erzählte ihr von meiner vergeblichen Gebärmuttersuche, und Mia schüttete sich aus vor Lachen. Sie kriegte sich gar nicht wieder ein, und zum ersten Mal an diesem Tag fand ich die Geschichte selber auch ganz lustig.

Als sie aufgehört hatte zu lachen, fragte sie mich, ob ich Lorenz die Geschichte schon erzählt hätte, das wäre doch bestimmt nach seinem Geschmack.

»Nein, habe ich nicht.«

»Ist er mal wieder auf Forschungsreise?«

Bei diesen Worten kamen mir auf einmal die Tränen. Ich war selbst überrascht, wie heftig ich reagierte, und versuchte, mich zusammenzureißen. Aber als ich Mias erschrockenen Gesichtsausdruck sah, konnte ich sie nicht mehr zurückhalten. Im Angesicht aller Gäste eines mittelklassigen italienischen Restaurants heulte ich Rotz und Wasser.

Mia

Lena sah müde aus, bestimmt hatte sie Stress in der Praxis, und ich versuchte, sie ein bisschen abzulenken. Als sie plötzlich anfing zu weinen, war ich völlig überrumpelt. Ich setzte mich neben sie, gab ihr ein Taschentuch und nahm sie in den Arm. Sie schluchzte und schluchzte, versuchte, etwas zu sagen, aber konnte gar nicht richtig sprechen. Der Kellner und einige Gäste schauten neugierig zu uns herüber, aber ich warf ihnen so böse Blicke zu, dass sie sich wieder abwandten. Mehr fiel mir nicht ein, was ich für Lena tun konnte. Ratlos streichelte ich ihren Arm und wartete, dass sie sich wieder beruhigte. Schließlich wischte sie sich die Tränen ab und atmete tief durch.

»Entschuldige«, sagte sie und lächelte mich schief an.

»Dafür nicht.«

Sie trank einen Schluck Wein.

»Möchtest du vielleicht erzählen, was los ist?«, fragte ich vorsichtig.

Lena schob mit dem Finger Brotkrümel auf dem Tisch zu einem Häufchen zusammen.

»Lorenz und ich haben uns getrennt.«

»Was?«, fragte ich bestürzt. »Wann denn das?«

»Vor vier Wochen.«

Das konnte nicht ihr Ernst sein. Seit einem Monat war sie nicht mehr mit ihrem langjährigen Freund zusammen, und ich erfuhr erst jetzt davon? Warum hatte sie mich nicht angerufen? War ich nicht ihre beste Freundin? Sicher, wir hatten beide viel zu tun und uns in den letzten Monaten wenig gesprochen, geschweige denn gesehen, aber wusste Lena nicht, dass ich immer für sie da war? Wenn Ole und ich uns trennen würden, stünde ich fünf Minuten später vor ihrer Haustür, um mich auszuheulen. Aber das war im Augenblick wohl nicht das Thema.

»Was ist passiert?«

»Ich habe ihn rausgeschmissen.«

»Und warum?«

»Weil es nicht mehr ging.«

Weil es nicht mehr ging. Punkt. Ich wartete, ob Lena noch mehr erzählen wollte, aber sie schwieg. Das war typisch für sie. Lena war nicht gerade jemand, der sein Herz auf der Zunge trägt. Aber so wortkarg hatte ich sie noch nie erlebt. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was ich dachte, wusste ich genau. Ich dachte: »Endlich! Sei froh, dass du ihn los bist. Lorenz ist ein absoluter Vollidiot! Du hast etwas Besseres verdient!«

Das meinte ich nicht als billigen Trost. Ich konnte Lorenz nicht leiden. Und das war noch untertrieben. Ich hielt ihn für einen eingebildeten, arroganten, besserwisserischen Bildungsschnösel, der keinen Finger im Haushalt krumm machte und noch nicht einmal besonders gut aussah. Lena fand Lorenz jedoch über alle Maßen großartig. Was Männer anging, lagen Lenas und mein Geschmack Welten auseinander. Vielleicht waren wir deshalb so gut befreundet. Die Liebe war unserer Freundschaft noch nie in die Quere gekommen. Als Lena Lorenz kennenlernte, war sie hin und weg von ihm. Wir waren beide noch im Studium, sieben Jahre musste das ungefähr her sein, und Lena tauchte von einem Tag auf den anderen völlig ab. Es dauerte Monate, bis sie mir Lorenz endlich vorstellte. Ich hatte schon viel von dem Wunderknaben gehört und mir die tollsten Vorstellungen gemacht. Seine Fallhöhe war dadurch natürlich immens, aber auch ohne Lenas Lobeshymnen wäre ich enttäuscht gewesen. Nach ihren Erzählungen war Lorenz unglaublich witzig, klug, belesen und selbstbewusst. Ich fand ihn zynisch, dünkelhaft, angeberisch und überheblich. Das Erste, was er zu mir sagte, kaum hatte Lena mich ihm mit den Worten vorgestellt, ich sei die aufstrebende Hoffnung am Romanistenhimmel, war: »Du weißt ja, dass ich Germanistik, Romanistik, Philosophie und Geschichte studiert habe?«

»Nein«, sagte ich, »das wusste ich nicht. Aber weißt du zufällig, was ich von solchen Angebern wie dir halte?«

Natürlich habe ich das nicht gesagt, Lena zuliebe, aber wir waren uns von der ersten Sekunde an unsympathisch. Mich hielt Lorenz, glaube ich, für eine männermordende, oberflächliche Ziege, bis ich vor fünf Jahren, hochschwanger, Ole heiratete – seitdem hält er mich nur noch für eine oberflächliche Ziege.

Es stimmt schon, dass ich mich in seiner Gegenwart nie besonders tiefgründig gegeben habe, einfach weil mir seine zur Schau getragene Belesenheit extrem auf die Nerven ging. Inzwischen war er Assistent am Lehrstuhl für Literaturwissenschaft und ließ keine Gelegenheit aus, seinem wehrlosen Publikum gelehrte Vorträge zu halten. Aber mit irgendetwas musste er seine schmächtige Statur natürlich kompensieren. Ich hatte nie begriffen, warum Lena sich nicht die tollsten Typen schnappte, die an der Uni herumliefen. Sie hätte es – im Gegensatz zu mir – ohne Probleme gekonnt. Lena ist eine Naturschönheit. Sie hat fast schwarzes, leicht gewelltes Haar, riesige braune Augen mit kilometerlangen Wimpern, einen sinnlichen Mund und eine Babyhaut. Selbst jetzt, wo sie traurig, blass und müde war und ein verwaschenes altes Sweatshirt trug, sah sie umwerfend aus. Ich glaube, Lena selbst hatte keine Ahnung von ihrer Wirkung. Aber das war auch Teil ihrer Ausstrahlung – sie war völlig uneitel. Ich schmiss der Modeindustrie Unsummen meines sauer verdienten Geldes in den Rachen und gab jeden Monat erkleckliche Summen für Friseur- und Kosmetiktermine aus, um einigermaßen passabel auszusehen. Lena brauchte das alles nicht. Sie strahlte von innen und von außen, ganz ohne Lack und Verkleidung. Für Lorenz war Lena ein Hauptgewinn im Beziehungslotto. Sein überirdisches Glück, dass diese Frau ihn überhaupt eines Blickes würdigte, hat dieser Penner nie zu schätzen gewusst. In seiner maßlosen Verblendung hielt er sich für absolut unwiderstehlich.

Natürlich hatte ich Lena nie so deutlich gesagt, wie ich über Lorenz dachte, und es hätte ihr auch jetzt nicht geholfen. Denn Lena liebte Lorenz. Oder sie hatte ihn zumindest geliebt. Das war das Einzige, was ich ihm bisher zugutehalten konnte: Lena war eine ganze Zeit glücklich mit ihm gewesen. Was immer zwischen den beiden vorgefallen war, es musste etwas Gravierendes sein.

Aber Lena wollte nicht darüber sprechen. Ich versuchte, ihr wenigstens zu entlocken, was der Grund des Rausschmisses war, doch Lena schüttelte den Kopf.

»Nimm es mir nicht übel, aber ich möchte wirklich nicht darüber reden. Mir reicht es schon, dass ich in Tränen ausbreche, wenn du nur seinen Namen erwähnst. Der Anfall, den ich bekäme, wenn ich über den Grund unserer Trennung spräche, passt beim besten Willen nicht hierher. Erzähl mir lieber von deinem Franzosen.«

»Ich weiß nicht, Lena … Das ist doch total uninteressant.«

»Nein, überhaupt nicht. Es interessiert mich brennend, und außerdem lenkt es mich ab.«

Also fügte ich mich und erzählte von meiner Autorenbespaßung. Ich kannte Lena lange genug, um zu wissen, dass ich sie in Ruhe lassen musste, wenn sie nicht von selbst erzählen wollte.

Lena

Um 4 Uhr 57 wachte ich auf. Draußen war es noch stockdunkel. Ich warf mich auf die Seite, zog mir die Decke über den Kopf und zwang mich, die Augen zu schließen. Aber es half nichts: Mit Lorenz war auch meine Ruhe verschwunden. Wenn ich erst einmal aufgewacht war, konnte ich nicht mehr einschlafen. Ich war zwar schon immer eine Frühaufsteherin gewesen, was mir während meiner Arbeit im Krankenhaus zugutegekommen war, aber seit ich mein Leben nicht mehr mit Lorenz teilte, trieb es mich morgens geradezu aus dem Bett. Früher war ich gerne nach dem Aufwachen noch liegen geblieben, hatte Lorenz beim Schlafen zugeguckt und meinen Gedanken nachgehangen. Jetzt hielt ich es nicht mehr im Bett aus. Sobald ich wach wurde, sprang ich auf, stellte mich unter die Dusche und zog mich an, häufig schon um fünf, halb sechs. Aus diesem Grund hatte ich die Praxisöffnungszeiten drei Mal die Woche auf acht Uhr vorverlegt, weil ich nichts mehr mit mir anzufangen wusste. Früher hatte ich oft Brötchen geholt und den Frühstückstisch gedeckt, aber alleine machte mir das Frühstücken keinen Spaß. Inzwischen hatte ich extra eine dicke, überregionale Zeitung abonniert, weil ich mit dem Berliner Blatt immer schon nach zwanzig Minuten durch war.

Auf nackten Füßen tapste ich in die Küche. In der Wohnung war es eiskalt. Die Heizung funktionierte nicht richtig, sie gab merkwürdig gurgelnde Geräusche von sich. Wahrscheinlich musste sie bloß entlüftet werden, aber ich hatte keine Ahnung, wohin ich den Entlüftungsschlüssel gelegt hatte. Ich öffnete die Wohnungstür, in der Hoffnung, die Zeitung möge schon auf dem Fußabtreter liegen, doch der Zeitungsbote hatte offenbar einen besseren Schlaf als ich. Also kochte ich mir einen Tee, holte mir meine dicke Daunendecke und setzte mich mit der Tasse aufs Sofa. Frierend zog ich mir die Decke bis zur Nasenspitze. Es war gerade mal Viertel nach fünf, und ausgerechnet heute öffnete ich die Praxis erst um neun, das hieß, ich musste mindestens noch zwei Stunden totschlagen, bevor ich aufbrechen konnte. Und selbst dann hatte ich noch massig Zeit, bevor die ersten Patientinnen kamen. Ich starrte auf die Aschereste im Kamin. Seit Lorenz ausgezogen war, hatte ich den Kamin nicht mehr angemacht.

Es war immer unser Schönstes gewesen, abends gemeinsam vor dem Feuer zu sitzen und eine Flasche Rotwein zu leeren. Wir hatten uns sogar ein riesiges, gemütliches Schaffell angeschafft. Lorenz fand das zwar kitschig, aber ich wollte unbedingt ein solches Fell haben und hatte es kurz entschlossen bei eBay ersteigert. Im Winter auf einem kuscheligen Fell vor dem wärmenden Feuer zu liegen und zu quatschen: Das war für mich der Inbegriff von Romantik. Nicht besonders originell, aber darauf kam es ja nicht an. Schon als ich in dem Zeitungsinserat von der Dachgeschosswohnung mit Kamin gelesen hatte, hatte ich mir solche Abende ausgemalt. Lorenz und ich wohnten bis zu dem Zeitpunkt beide in WGs, ich in einer Dreier-Frauen-WG, Lorenz mit einem Freund zusammen. Ich konnte es kaum erwarten, eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Endlich ungestört sein, fröhlich und nackt durch die Räume laufen, spontan Sex auf dem Badezimmerfußboden haben. Ich nippte an meinem Tee und überlegte, ob wir jemals Sex auf dem Badezimmerfußboden gehabt hatten. Hatten wir nicht. In der Badewanne, das schon, aber auch nur einmal, und besonders bequem war das nicht gewesen. Mein Nacken schmerzte noch Tage danach. Da lobte ich mir mein Schaffell, das jetzt einsam und verlassen vor dem Kamin lag, ein paar Rußflöckchen waren darauf gefallen.

Der Tee schmeckte bitter, ich hatte ihn zu lange ziehen lassen. Gedankenverloren wickelte ich mir die Schnur des Teebeutels um einen Finger und starrte auf das rote Schildchen am Ende des Fadens: »Hoffnung ist wie der Zucker im Tee – auch in kleinen Dosen versüßt sie alles.« Ich hatte meinen Tee schon immer ohne Zucker getrunken. Vielleicht fühlte ich mich deswegen so leer.

5 Uhr 32.

Ruf mich an, komm her, sei bei mir. Rette mich, denn vor der Tür steht schon die Nacht, und die Einsamkeit erwacht. Ich hatte einen Kloß im Hals. Warum fiel mir dieses verdammte Lied gerade jetzt ein? In meiner frühen Jugend war ich der größte Nena-Fan gewesen, den man sich vorstellen kann. Ich vergötterte sie. Von meinem Taschengeld hatte ich mir eine blauweiß gestreifte Hose gekauft, ich trug riesige Kreolen und ließ mir eine Nena-Frisur schneiden. Kaum kam ich aus der Schule, sperrte ich mich in mein Zimmer ein und hörte Nena-Platten. Stundenlang.

Mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich schniefte und wischte mir mit der Hand, in der ich den Beutel hielt, die Nase ab. Kalter Tee rann zwischen meinen Fingern hindurch auf mein Gesicht. Das war lächerlich. Konnte ich nicht wenigstens in Würde leiden? Ich schleuderte den Teebeutel gegen die Wand. Die Tasse wollte ich am liebsten hinterherwerfen, aber die Scherben hätte letztlich doch ich aufsammeln müssen. Auch wenn es eigentlich Lorenz’ Aufgabe gewesen wäre. Warum saß ich schon wieder auf dem Scherbenhaufen einer Beziehung? Wieso gelang es Männern, mich so zu verletzen? Warum konnte ich mich nicht besser schützen? Warum hatte es zwischen Lorenz und mir nicht funktioniert? Was hatte ich nicht gesehen, was war mir entgangen? Ich dachte, wir hätten eine gemeinsame Zukunft vor uns gehabt.

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