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Bitteres Ende

Spenser ist ein Privatdetektiv vom alten Schlag: hartgesotten, gewitzt, intelligent und ein bekennender Frauenversteher. So ist er auch zunächst hocherfreut, als ihn vier bildhübsche Frauen aufsuchen und ihm einen Auftrag erteilen. Sie sind auf einen Serienhochstapler hereingefallen, der sie nach einer leidenschaftlichen Affäre nun erpresst und droht, ihren Ehemännern Bericht über die Untreue ihrer Frauen zu erstatten. Spenser soll ihn daran hindern – wenn nötig mit Gewalt.

Lakonischer Humor und pointierte Dialoge sind Parkers große Stärken. Schon längst gehört Spenser in die Reihe der großen Kult-Ermittler.

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind fast 40 Spenser-Krimis erschienen. 1976 wurde Parkers Roman „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren mit dem „Edgar Allan Poe Award“ als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Robert B. Parker verstarb unerwartet 2010.

Infos zum Autor unter www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Bitteres Ende

Ein Auftrag für Spenser

Übersetzt von Emanuel Bergmann

PENDRAGON

1

Ich hatte soeben einen Auftrag für eine interessante Frau namens Nan Sartin beendet und stellte bester Laune meine Rechnung aus, als eine Frau hereinkam, die versprach, ebenso interessant zu sein. Es war ein strahlender Oktobermorgen, als sie mit einer Aktentasche in der Hand mein Büro betrat. Sie war eine stattliche Frau, nicht dick, aber eben kräftig und sehr elegant. Sie hatte silbergraues Haar, aber ihr junges Gesicht ließ mich annehmen, dass das Silber verfrüht gekommen war. Sie trug ein dunkelblaues Kostüm mit einem langen Jackett und einem kurzen Rock.

„Hallo“, sagte ich.

„Mein Name ist Elizabeth Shaw“, erwiderte sie. „Bitte nennen Sie mich Elizabeth. Ich bin Anwältin und ich vertrete eine Gruppe von Frauen, die Ihre Hilfe braucht.“

Sie nahm eine Visitenkarte aus ihrem Aktenkoffer und legte sie auf meinen Schreibtisch. Demnach war sie Partnerin in einer Kanzlei namens Shaw & Cartwright, die ihr Büro an der Milk Street hatte.

„Okay“, sagte ich.

„Sie sind Spenser“, sagte sie.

„Zu Ihren Diensten.“

„Ich bin auf Erbrecht und auf Treuhandrecht spezialisiert“, sagte sie, „mit Strafrecht kenne ich mich nicht so aus.“

Ich nickte.

„Rita Fiore war meine Kommilitonin beim Jurastudium“, sagte sie.

Das silbergraue Haar war also tatsächlich verfrüht.

„Aha“, sagte ich.

Sie lächelte.

„Genau, aha“, gab sie zurück. „Ich habe Rita von meinem Problem erzählt. Sie empfahl mir, mit Ihnen zu reden.“

„Dann mal los“, sagte ich.

Elizabeth Shaw blickte zu einem großen Foto von Susan, das auf meinem Aktenschrank neben der Kaffeemaschine stand.

„Ist das Ihre Frau?“, fragte sie.

„Kann man sagen“, antwortete ich.

„Was heißt ‚Kann man sagen‘?“, hakte sie nach.

„Wir sind nicht verheiratet“, erwiderte ich.

„Aber?“

„Aber wir sind schon lange zusammen“, sagte ich.

„Und Sie lieben sie“, sagte Elizabeth.

„Tue ich.“

„Und sie liebt Sie.“

„Tut sie.“

„Warum heiraten Sie dann nicht?“, fragte Elizabeth.

„Ich weiß nicht“, sagte ich.

Sie starrte mich an. Ich lächelte freundlich. Sie runzelte die Stirn.

„Sonst noch Fragen?“, meinte ich.

Auf einmal lächelte sie. Es stand ihr gut.

„Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich denke, ich wollte nur herausfinden, wie Sie zu Frauen und zur Ehe stehen.“

„Das entscheide ich von Fall zu Fall“, sagte ich.

Sie nickte und dachte darüber nach.

„Rita sagt, wenn’s hart auf hart kommt, gibt es keinen Besseren“, meinte sie.

„Stimmt.“

„Und wenn’s nicht hart auf hart kommt?“, fragte Elizabeth.

„Gibt’s trotzdem keinen Besseren“, erwiderte ich.

„Rita sagte auch, Sie haben ein gesundes Selbstvertrauen.“

„Wäre Ihnen jemand ohne Selbstvertrauen lieber?“, fragte ich.

Ich musste in eine Art engere Auswahl aufgenommen worden sein. Sie machte es sich auf dem Stuhl bequem.

„Alles, was ich Ihnen erzähle“, sagte sie, „muss natürlich streng vertraulich bleiben.“

„Natürlich.“

Wieder schaute sie zu dem Foto von Susan.

„Sie ist eine sehr schöne Frau“, sagte sie.

„Das ist sie“, sagte ich.

Wieder rückte sie sich in ihrem Stuhl zurecht.

„Ich habe eine Mandantin, eine verheiratete Frau, die von ihrem Mann als Hochzeitsgeschenk einen beträchtlichen Treuhandfonds bekommen hat. Wir verwalten den Fonds für sie und im Laufe der Jahre haben sie und ich uns angefreundet.“

„Er hat ihr einen Treuhandfonds zur Hochzeit geschenkt?“, fragte ich.

Elizabeth lächelte.

„Die Reichen sind eben anders“, sagte sie.

„Ja“, erwiderte ich. „Sie haben mehr Geld.“

„Hemingway“, merkte sie an. „Ein belesener Detektiv.“

„Aber bescheiden.“

Wieder lächelte sie.

„Meine Mandantin heißt Abigail Larson“, sagte Elizabeth.

„Sie ist deutlich jünger als ihr Mann.“

„Wie deutlich?“

„Er ist achtundsechzig. Sie ist einunddreißig.“

„Aha“, sagte ich.

„Aha?“

„Ich ziehe gerade eine vielleicht vorschnelle Schlussfolgerung“, sagte ich.

„Leider die richtige. Sie hatte eine Affäre.“

„Kommt häufiger vor“, sagte ich.

„Stört Sie so was?“, fragte Elizabeth.

„Ich denke, es wäre vielleicht besser, wenn die Leute sich nicht gegenseitig betrügen“, meinte ich.

„Sie ist kein schlechter Mensch“, warf Elizabeth ein.

„Ob jemand ein guter oder schlechter Mensch ist“, sagte ich, „ist bei Affären nicht entscheidend.“

„Und was ist entscheidend?“

„Bedürfnisse“, sagte ich.

Elizabeth lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

„Sie sind anders, als ich erwartet habe“, sagte sie.

„Tja“, gab ich zurück, „ich bin auch anders, als ich erwartet habe. Was wollen Sie?“

„Tut mir leid. Ich versuche immer noch, Sie richtig einzuschätzen.“

„Vergebene Liebesmüh“, sagte ich. „Warum sagen Sie mir nicht einfach, was Sie wollen.“

Sie lächelte mich an.

„Ja“, erwiderte sie. „Kurz gesagt: Der Mann, mit dem sie die Affäre hatte, hat sie viel Geld gekostet und sie dann sitzen lassen.“

„Wie viel?“, fragte ich.

„Genug, um ihre Gefühle zu verletzen. Sie hat alles bezahlt. Restaurants, Hotels, Mietwagen, ab und zu ein kleines Geschenk.“

„Und?“, hakte ich nach.

„Mehr war da nicht“, meinte Elizabeth. „Zumindest eine Weile lang. Dann hat sie ihn in einem Restaurant gesehen, zusammen mit einer Frau, die sie flüchtig kannte.“

„Vielleicht suchte er sich das nächste Opfer“, sagte ich.

„Offensichtlich“, erwiderte Elizabeth. „Am nächsten Tag erzählte sie ihrer Bekannten ein bisschen über ihre Erfahrungen mit dem Kerl …“

„Wie heißt der Kerl eigentlich?“, fragte ich.

„Gary Eisenhower“, sagte Elizabeth.

„Gary Eisenhower?“, wiederholte ich.

Sie zuckte mit den Achseln.

„Behauptet er zumindest“, sagte sie. „Ihnen gegenüber.“

„Ihnen?“

„Die beiden Frauen haben sich unterhalten und ein wenig rumgefragt. So kam eins zum anderen. Ich will Sie nicht mit den Details langweilen, aber am Ende stellte sich raus, dass er in den letzten zehn Jahren vier Frauen ausgenommen hatte, teilweise gleichzeitig.“

„Haben Sie ihn je getroffen?“

„Nein.“

„Falls es mal dazu kommt“, warnte ich sie, „passen Sie bloß auf.“

„Keine Sorge“, sagte sie.

„Okay, lassen Sie mich raten: Die vier Betrogenen haben sich zusammengetan.“

„Ja.“

„Und was wollen sie?“

„Am liebsten würden sie ihn kastrieren“, sagte sie. „Aber deswegen bin ich nicht hier.“

„Ein Glück“, sagte ich.

„Sie kamen gemeinsam zu mir, weil ich die einzige Anwältin bin, die sie persönlich kennen. Wir waren uns einig, dass der Versuch, das Geld von ihm zurückzubekommen, zu großen Peinlichkeiten führen würde. Ihre Ehemänner würden es erfahren. Und dann steht es in allen Klatschspalten. Daher haben sie sich überlegt, lieber den Blick nach vorn zu richten, um eine Erfahrung reicher, wie es so schön heißt.“

„Aber?“, fragte ich.

„Aber dann ist er wieder aufgetaucht. Er hat jede der Frauen kontaktiert und gesagt, dass er handfeste Beweise für jeden Ehebruch hat und nicht zögern wird, diese den Ehemännern und der Öffentlichkeit zu zeigen, wenn sie ihn nicht bezahlen.“

„Was für Beweise?“, fragte ich.

„Tja, sie dachten, sie wären diskret gewesen“, meinte Elizabeth. „Diese Frauen sind nicht dumm. Und vermutlich auch nicht unerfahren.“

„Also keine Briefe“, schlussfolgerte ich. „Keine E-Mails, keine Nachrichten auf Anrufbeantwortern.“

„Richtig.“

„Versteckte Kameras? Mikros?“

Elizabeth nickte.

„So ist es“, sagte sie. „Vermutlich hat er von Anfang an geplant, sie zu erpressen.“

„Kann sein“, erwiderte ich. „Aber vielleicht wollte er einfach nur die schönsten Momente des Lebens festhalten. Damit er in den Erinnerungen schwelgen kann, wenn sich mal nichts tut.“

„Sie meinen“, sagte Elizabeth, „die Idee mit der Erpressung kam erst später?“

„Kann sein“, sagte ich. „Und sie wollen nicht zahlen?“

„Sie wollen nicht und sie können nicht. Ihre Ehemänner haben die Kontrolle über das Geld.“

„Sie wollen ihn also stoppen, ohne dabei Aufsehen zu erregen“, sagte ich.

„Können Sie das?“, fragte sie.

„Sicher“, sagte ich.

2

Ich traf die vier Frauen in einem für uns viel zu großen Konferenzraum in der Kanzlei Shaw & Cartwright. An einem Ende des Tischs saß Elizabeth Shaw. Zu ihren beiden Seiten saßen jeweils zwei Frauen. Ich saß ihnen gegenüber.

Elizabeth stellte sie vor.

„Abigail Larson, Beth Jackson, Regina Hartley, Nancy Sinclair.“

Jede von ihnen hatte einen kleinen Notizblock vor sich liegen. Und einen Kugelschreiber. Zweifellos von der Anwaltskanzlei bereitgestellt. Alle lächelten mich an. Jedes Lächeln zeigte weiße, ebenmäßige Zähne. Sie alle waren sehr elegant gekleidet. Sie alle waren perfekt frisiert. Sie alle waren gut in Form. Keine von ihnen sah älter als fünfunddreißig aus. Mit fünfunddreißig ist es auch noch nicht so schwer, gut auszusehen. Wenn man reich ist, ist es noch mal um einiges einfacher. Aber auch Elizabeth Shaw, die vermutlich weder das eine noch das andere war, konnte mithalten. Ich erwiderte ihr Lächeln.

Keine sagte etwas. Sie blickten alle zu Elizabeth.

„Vielleicht könnten Sie uns etwas über sich erzählen“, forderte Elizabeth mich auf.

„Früher war ich bei der Polizei, jetzt bin ich Privatdetektiv“, erwiderte ich.

„Haben Sie eine Pistole?“, wollte Regina wissen.

„Habe ich.“

„Haben Sie schon mal jemanden erschossen?“, fragte sie weiter.

„Habe ich.“

„Können Sie uns davon erzählen?“, fragte sie.

„Nein.“

„Herrgottnochmal!“, sagte Regina.

Sie hatte sehr schwarzes Haar. Einige wohl platzierte Strähnchen hingen ihr in die Stirn. Sie hatte große Augen, die durch ihr Make-up noch größer wirkten. Sie trug ein schlichtes, gemustertes Kleid, das wahrscheinlich mehr wert war als Liechtenstein. Sie war gleichmäßig gebräunt, was, da wir uns in Boston im Oktober befanden, bedeutete, dass sie entweder in wärmere Gefilde gereist war oder einen hervorragenden Selbstbräuner benutzt hatte.

„Wenn wir Ihre Dienste in Anspruch nehmen, wollen wir auch Fragen stellen“, sagte Abigail.

Ihre Stimme war zu mädchenhaft, um die gewünschte Strenge hervorzubringen.

„Sie können fragen, was Sie wollen“, sagte ich. „Das heißt noch lange nicht, dass ich auch antworten muss.“

„Und wie sollen wir uns dann entscheiden?“, fragte sie. „Sagen wir, ich erzähle Ihnen, wie sich das anfühlt, einen Menschen zu töten. Glauben Sie wirklich, das hilft Ihnen bei der Entscheidung?“

Abigail war blond. Sie hatte eine Kurzhaarfrisur, die wahrscheinlich genauso viel gekostet hatte, wie Reginas Kleid. Ihre Augen waren blau. Sie war gebräunt.

„Ich fänd’s nur interessant“, sagte sie. „Wir kennen niemanden, der jemals einen erschossen hat.“

„Ich hoffe, dass ich bei diesem Auftrag niemanden erschießen muss“, sagte ich.

Abigail sagte: „Ich hätte nichts dagegen, wenn Sie das Schwein erschießen.“

„Nein“, sagte Beth. „Ich glaube, da hätte niemand von uns was dagegen.“

Beth und Abigail waren beide blond. Alle am Tisch waren blond, außer Regina, Elizabeth und ich. Vielleicht hatten die Blondinen ja tatsächlich mehr Spaß.

„Erzählen Sie mir von ihm“, sagte ich.

Sie schauten alle zu Abigail. Sie hob die Schultern.

„Er ist kultiviert“, sagte sie. „Gut aussehend, charmant, man ist gerne mit ihm zusammen. Er ist gut gekleidet, und er ist sexy, das verdammte Schwein.“

„Abgesehen davon, dass er ein Schwein ist“, warf ich ein, „trifft das alles auch auf mich zu.“

Die Frauen schauten mich ausdruckslos an.

„Kleiner Scherz am Rande“, meinte ich. „Können Sie mir etwas Stichhaltigeres sagen? Zum Beispiel, wo er wohnt?“

„Ich …“, setzte Abigail an. Dann hielt sie inne. „Ich weiß es nicht.“

„Weiß es jemand?“, fragte ich.

Sie sahen sich gegenseitig an und erkannten, dass keine von ihnen wusste, wo der Mann wohnte. Die Erkenntnis traf sie überraschend.

„Okay“, sagte ich. „Wo haben Sie sich denn getroffen?“

„Wir sind ausgegangen“, sagte Abigail. „Cocktails. Oder Drinks und Dinner. Meistens in Restaurants, etwas außerhalb von Boston. Zumindest war das bei uns beiden so.“

Die anderen Frauen nickten. Bei ihnen war es also auch so gewesen.

„Und wo haben Sie’s, äh, getrieben?“, fragte ich.

Der gute alte Spenser. Immer schön subtil.

„Das geht Sie nichts an“, erwiderte Regina mit Bestimmtheit. „Ach Gott, Reggie“, sagte Abigail scharf. „Irgendwie muss er doch an die Aufnahmen gekommen sein.“

Sie schaute zu mir.

„Wir haben es alle mit ihm getrieben“, fuhr sie fort. „Ich für meinen Teil meistens in einem Motel an der Route 128.“

„Manchmal sind wir auch übers Wochenende weggefahren“, sagte Beth. „Nach Maine oder Cape Cod oder New York.“

Beth hatte einen kleinen Vorbiss, was ihr aber gut stand. Sie trug eine Sonnenbrille, die vermutlich teurer war als Abigails Frisur.

„Waren es immer dieselben Motels?“, fragte ich.

„Bei mir schon“, erwiderte Abigail. „Es gibt eines in der Nähe der Burlington Mall, da haben wir uns vier oder fünf Mal getroffen.“

„Das mit dem Brunnen in der Lobby?“, fragte Regina.

Sie waren alle da gewesen. Er hatte wohl seine kleinen Liebesnester, wo er sie alle mit hingenommen hatte. Ein geografisches Muster konnte ich nicht ausmachen.

„Und keine von Ihnen hat seine Adresse?“, hakte ich nach. Keine.

„Oder eine Telefonnummer?“

Telefonnummern hatten sie. Aber jede eine andere.

„Ich nehme an“, sagte ich, „dass das alles Prepaid-Handys sind.“

„Und das heißt?“, fragte Elizabeth.

„Dass wir nicht wissen, wer der Besitzer ist oder wo er wohnt.“ „Er will also nicht, dass wir ihn finden“, sagte Regina. „Nehme ich an“, sagte ich.

„Dann … das heißt also … das heißt, dass es ihm nie ernst war. Von Anfang an nicht“, sagte sie.

Der Kerl war wirklich gut. Selbst während er sie erpresste, machten sie sich noch Hoffnungen.

„Eher nicht“, stimmte ich zu.

„Wie wollen Sie ihn dann finden?“, fragte Abigail.

„Es ist nicht ganz aussichtslos“, sagte ich. „Jede von Ihnen war recht oft mit ihm zusammen. Ich will mit Ihnen allen einzeln sprechen. Eine von Ihnen, vielleicht mehr als nur eine, wird sich an etwas erinnern.“

„Glauben Sie wirklich, dass Sie ihn finden können?“, fragte Abigail.

„Ja.“

„Wie?“

„Ich bin ein findiges Kerlchen“, sagte ich.

„Könnten Sie etwas genauer werden?“, beharrte Abigail. „Nein“, erwiderte ich.

„Und wenn Sie ihn finden“, fragte Regina, „was haben Sie dann vor?“

Ich grinste sie an.

„Eins nach dem anderen“, sagte ich.

„Aber wie wollen Sie ihn dazu bringen, uns in Ruhe zu lassen?“, fragte sie. „Sie sehen aus, als könnten Sie ihn verprügeln. Wollen Sie ihn verprügeln?“

„Sobald ich ihn gefunden habe“, sagte ich, „gibt’s Dresche.“

Regina grinste zufrieden.

3

Susan und ich gönnten uns Drinks vor dem Essen. Wir saßen in einem schicken neuen Restaurant im South End. Es hieß Rocca. Susan nippte an ihrem Cosmopolitan. Ich trank einen Dewar’s Whisky mit Soda, und nicht zu langsam.

„Die ganze Masche ist ziemlich aufwändig“, sagte Susan. „Findest du nicht?“

„Irgendwie schon“, erwiderte ich. „Aber bei doppeltem Einsatz gibt’s auch doppelte Gewinnchancen.“

„Sex und Geld?“, meinte Susan.

„Ja. Mit ’ner Menge gut aussehender Frauen.“

„Und sie alle“, meinte Susan ergänzend, „sind mit älteren Männern verheiratet.“

„Reiche, ältere Männer“, merkte ich an.

„Was nicht heißen muss, dass keine von denen ihren Mann liebt“, sagte Susan.

„Muss es nicht“, sagte ich. „Aber keine von ihnen liebt ihren Mann so sehr, dass sie ihm treu geblieben wäre.“

„Mit Liebe hat das oftmals nichts zu tun“, sagte Susan.

„Ich weiß.“

„Trotzdem“, meinte Susan. „Er hat sich seine Opfer sehr sorgfältig ausgesucht.“

„Was darauf schließen lässt, dass er nichts dem Zufall überlässt“, sagte ich.

Mein Scotch war leer. Ich schaute mich nach einem Kellner um. Als ich einen fand, bat ich ihn, mir einen weiteren zu bringen. Ein gut aussehender und gut angezogener Mann ging mit einer Gruppe von Leuten an unserem Tisch vorbei. Der gut aussehende Mann blieb stehen.

„Susan“, sagte er. „Hallo.“

„Joe“, sagte Susan. „Was für eine nette Überraschung.“

Sie machte uns miteinander bekannt.

„Joseph Abboud?“, fragte ich. „Der Mode-Typ?“

„Der Mode-Typ“, sagte er.

„Haben Sie was von der Stange, was mir passen könnte?“, fragte ich.

Abboud schaute mich einen Moment lang still lächelnd an. „Hoffentlich nicht“, sagte er dann.

Wir lachten. Abboud eilte seiner Gruppe nach. Ich nippte an meinem zweiten Scotch. Wir schauten auf die Speisekarte. Die Kellnerin nahm unsere Bestellung auf.

„Glaubst du, du kannst ihm so auf die Spur kommen?“, fragte Susan. „Weil er nichts dem Zufall überlässt?“

„Es muss eine Verbindung zwischen den Frauen und ihm geben“, sagte ich.

„Fällt dir was ein?“, fragte Susan. „Was es sein könnte?“

„Nein“, sagte ich.

„Kommt alles noch“, meinte sie aufmunternd.

„Ich weiß“, sagte ich.

„Die Frauen kannten sich nicht?“

„Jetzt schon“, sagte ich. „Aber vorher nicht. Nur ein paar von ihnen.“

„Was sie also miteinander verbindet“, sagte Susan und lächelte, „ist Gary Eisenhower.“

„Und reiche alte Ehemänner“, ergänzte ich.

„Und vielleicht Hinweise auf gelegentliche Seitensprünge“, sagte Susan. „Nicht jede junge Ehefrau betrügt ihren Mann. Woher wusste er, dass diese es tun würden?“

„Vielleicht hat er ein gründliches Auswahlverfahren“, sagte ich.

„Das ist vielleicht etwas zu optimistisch“, meinte Susan.

„So hübsch und doch so zynisch“, sagte ich.

„In meiner Branche“, meinte sie, „ist die Erfolgsrate nicht gerade überwältigend.“

„Ja“, seufzte ich. „In meiner auch nicht.“

„Aber ich nehme an“, sagte sie, „dass wir beide auf unsere Art Optimisten sind. Wir glauben, dass wir die Welt ein klein bisschen besser machen können. Es muss nicht immer ein bitteres Ende geben.“

„Und manchmal haben wir recht“, sagte ich.

„Dafür lohnt es sich dann“, meinte Susan. „Nicht wahr?“

„Ja“, sagte ich. „Und dann gibt’s natürlich noch das Honorar.“

4

Abigail Larson schien mir die aufgeweckteste meiner vier Klientinnen zu sein. Also probierte ich es zuerst bei ihr. Sie wohnte am Louisburg Square. Aber sie wollte, dass wir uns an der Bar des Taj treffen. Früher war es das Ritz-Carlton gewesen. Aber das Ritz hatte ein neues Hotel auf der anderen Seite des Common aufgemacht, und der Name war mit umgezogen.

Außer dem unglücklich gewählten Namen war das Taj unverändert. Die Bar war immer noch hervorragend. Genau wie die Aussicht aus dem Fenster auf den Public Garden auf der anderen Seite der Arlington Street. Es war zehn vor vier an einem Donnerstagnachmittag, und ich hatte uns einen Tisch am Fenster ergattert. Abigail kam zwanzig Minuten zu spät, aber ich war von Susan gut dressiert worden, die immer zu spät kam, außer wenn es drauf ankam. Also behielt ich die Nerven.

Als sie hereinkam, stand ich auf. Der Barkeeper winkte ihr zu, und zwei Kellner kamen, um sie zu begrüßen, als sie zu meinem Tisch ging. Sie hielt mir die Hand hin, ich begrüßte sie höflich. Einer der Kellner rückte ihr den Stuhl zurecht und sie nahm Platz. Sie bestellte sich einen Martini mit Zitronenspritzer und lächelte mich an.

„Sie trinken Bier?“

„Ja“, sagte ich.

„Bier macht den Magen so voll. Und ich muss zu viel davon trinken, um den Alkohol zu spüren“, sagte sie. Sie lächelte noch immer. „Ein Martini hat denselben Effekt, aber weniger Volumen.“

„Ich habe nicht vor, den Alkohol zu spüren“, wandte ich ein.

„Das macht aber keinen Spaß, oder?“, meinte sie.

Gary Eisenhower musste sich sehr gefreut haben, als er sie kennenlernte. Sie flirtete so offensichtlich, dass nur eine gedruckte Einladung zum Seitensprung es klarer auf den Punkt hätte bringen können.

„Erzählen Sie mir von Gary!“, sagte ich.

„Das haben wir doch schon, in Shaws Büro“, meinte sie.

Ihr Zitronentröpfchenmartini kam. Sie naschte mit Entzücken.

„Das beruhigt, nach einem langen Tag“, sagte sie.

Ich trank einen Schluck von meinem Bier.

„Ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht noch ein paar Erinnerungen auf Lager haben, ganz ungezwungen“, sagte ich. „Wo haben Sie ihn kennengelernt? Wo sind Sie mit ihm hingegangen? Was haben Sie gemacht?“

„Was wir gemacht haben?“

„Außer dem natürlich“, meinte ich.

„Dem? Haben Sie was dagegen?“, fragte sie.

„Nein“, sagte ich. „Sie können mir von ‚dem‘ auch gerne erzählen, wenn Sie möchten.“

Sie lächelte mich an.

„Mache ich vielleicht auch“, sagte sie.

Ich wartete.

„Genau genommen“, sagte sie und nippte an ihrem Martini, „habe ich ihn hier kennengelernt.“

Sie schaute sich suchend in dem Saal um. Als sie einen Kellner sah, nickte sie ihm zu. Er ging lächelnd zur Bar.

„Ich komme recht oft hierher“, sagte sie.

„Hab ich mir gedacht“, erwiderte ich.

„Ich gehe nachmittags gerne ins Fitnessstudio. Danach dusche ich, ziehe mich um und komme hierher, um mich mit ein paar Freundinnen auf einen Cocktail zu treffen.“

„Die Elektrolyte wieder auffüllen“, sagte ich.

„Was?“

Ich begnügte mich damit, den Kopf zu schütteln und zu lächeln.

„Hab nur laut nachgedacht“, meinte ich.

„Wie dem auch sei“, meinte sie. „Ich hab ihn ab und zu an der Bar gesehen. Nachdem er mich zwei- oder dreimal hat reinkommen sehen, hat er mich angelächelt und mir zugewunken, und ich ihm auch. Eines Tages war ich allein, ich saß an einem Tisch und er saß an der Bar. Ich lächelte ihm zu und nickte. Er nahm seinen Drink und kam zu mir und fragte mich, ob er sich setzen darf … Gott, er sah so was von gut aus.“

Sie nahm einen weiteren Schluck ihres Zitronenmartinis. Sie nahm kleine, damenhafte Schlucke. Sie soff nicht gerade, aber sie war ausdauernd.

„Und er war sehr charmant“, ergänzte ich.

„Und sexy. Und amüsant“, fuhr sie fort. „Und wir hatten beide ein paar Cocktails, und wir unterhielten uns und eines führte zum nächsten …“

„Und“, fügte ich hinzu, „ich wette, er hatte ein Zimmer hier im Hotel.“

Sie schaute mich an, als hätte ich gerade einen Zaubertrick aufgeführt.

„Ja“, sagte sie. „Hatte er. Und …“ Sie zuckte mit den Achseln.

„Was soll man da nur tun …“, sagte ich.

Sie nickte langsam, in ihren zur Neige gehenden Drink blickend.

„Ich weiß mittlerweile, dass er mich nur benutzt hat“, sagte sie. „Aber, mein Gott, er war so was von gut.“

Jetzt hörte sie auf damit, in ihren Martini zu starren, und leerte ihn in einem Zug.

„In welches Fitnessstudio gehen Sie?“, fragte ich.

„Pinnacle Fitness“, sagte sie.

„Der schicke Laden an der Tremont Street?“, fragte ich.

„Sie kennen es?“, fragte sie.

„Ich war mal beruflich da“, gab ich zurück.

Ein weiterer Martini mit Zitronenspritzer wurde wie von Zauberhand gebracht.

„Trainieren Sie viel?“

„Hin und wieder“, sagte ich.

„Sie wirken recht fit“, meinte sie anerkennend.

„Sie auch“, sagte ich.

Das war ein Fehler.

Wieder lächelte sie. Nur diesmal errötete sie leicht.

„Sie sollten mich mal ohne meine Kleider sehen“, sagte sie.

„Sollte ich wohl“, erwiderte ich.

„Sie haben nicht zufällig ein Zimmer hier im Hotel?“, fragte sie.

„Leider nein“, sagte ich.

„Ich könnte uns eins besorgen“, schlug sie vor.

„Ein verführerisches Angebot“, sagte ich. „Aber ich muss leider ablehnen.“

„Sind Sie verheiratet?“

„Nein.“

„Aber?“

„Aber ich bin in Susan Silverman verliebt und wir haben uns darauf geeinigt, monogam zu leben.“

„Meine Güte“, sagte Abigail.

„Ich weiß“, sagte ich. „Sie finden das sicher langweilig, aber so ist es nun mal.“

„Was für eine Verschwendung“, meinte sie.

„Das sagen sie alle.“

Ich nahm noch einen Schluck Bier.

„Wann kam zum ersten Mal das Geld ins Gespräch?“, wollte ich wissen.

„Anfangs nicht. Als wir das erste Mal zusammen waren, hier im Hotel, hat er alles gezahlt. Er hat mindestens ein Jahr, vielleicht anderthalb Jahre kein Geld von mir angenommen. Dann sagte er, er wüsste von einem Strandhaus in Chatham und dass er es unter Wert kaufen könne, und wir könnten uns dann immer dort treffen und später, wenn der Immobilienmarkt sich erholt hat, würde er es verkaufen und einen netten Profit machen.“

„Aber sein Kapital war gerade gebunden und er wollte seine fest verzinsten Konten nicht anrühren, weil er dann Gebühren zahlen müsste“, sagte ich. „Aber wenn Sie ihm das Geld für die Anzahlung leihen, würden Sie es mit Zinsen zurückbekommen, wenn das Haus verkauft ist.“

„Das stimmt“, sagte sie. „Fast haargenau. Woher wussten Sie das?“

„Unglaublich, nicht?“, sagte ich. „Haben Sie das Haus je gesehen?“

„Ja, wir haben mehrere Wochenenden da verbracht.“

„Und Ihr Mann?“

„Er dachte, dass ich bei meinen Freundinnen bin“, sagte Abigail. „Sie wissen schon. Er sagte immer, es ist mein Mädchenheim.“

„Ihr Mann weiß also von nichts“, schlussfolgerte ich.

„Um Gottes willen, natürlich nicht. Deswegen haben wir ja Sie engagiert.“

„Kein Verdacht? Damals oder heute?“

„Nie. Er ist ein sehr beschäftigter und ein sehr wichtiger Mann. Ehrlich gesagt“, meinte sie, „der Gedanke, dass so etwas passieren könnte, ist ihm wahrscheinlich nie gekommen.“

„Sie sind intim miteinander?“

„Sicher. Aber John ist nicht gerade in körperlicher Topform, er wird abends müde, und, na ja, er ist halt achtundsechzig.“

„Also kommt es nicht mehr so häufig zu Intimitäten“, schlussfolgerte ich.

„Sie dauern auch nicht mehr so lang. Und sie sind nicht sonderlich … nun, enthusiastisch.“

„Also war Gary Eisenhower eine reizvolle Alternative.“

„Sehr“, sagte sie. „Ich hätte ihn vielleicht sogar mit dem Geld abhauen lassen.“

„Der Ritt war sein Geld wert?“, fragte ich.

„Ja. Aber nicht die Erpressung. So kann ich nicht leben. Keine von uns. Mein Mann darf es nicht erfahren.“

„Haben Sie ein Foto von Gary?“

„Nein. Als ich herausgefunden habe, was wirklich läuft, habe ich sie alle vernichtet“, sagte sie.

„Schade.“

„Ich wollte nicht, dass sie meinem Mann in die Finger fallen.“ „Lieben Sie Ihren Mann?“

„Lieben?“ Sie zuckte die Achseln. „Er liegt mir am Herzen.

Das auf jeden Fall. Warum fragen Sie?“

„Bin halt ein neugieriger Kerl“, erwiderte ich.

5

Es war kurz nach 9:00 Uhr morgens. Der Tag war bewölkt. Ein dünner Nebel hing in der Luft. Ich trank meinen Kaffee und las „Arlo & Janis“. Dann sah ich, wie Nancy Sinclair mein Büro betrat. Sie bewegte sich ganz vorsichtig, als sei sie unterwegs zum Beichtstuhl.

„Mr. Spenser?“, fragte sie. „Ich bin Nancy Sinclair. Sie wissen doch, von neulich, in Elizabeth Shaws Büro?“

„Natürlich“, sagte ich.

Soweit ich mich erinnerte, hatte sie sich bei der Besprechung nicht zu Wort gemeldet. Sie sah aus wie eine Cheerleaderin, die sich in Schale geworfen hat: Karierter Rock, weiße Bluse, dunkle Socken und Stiefel. Sie war klein. Ihr Haar war kurz geschnitten und sehr dicht. Sie trug schlichten Goldschmuck, auch ihr einfacher Ehering war aus Gold. Ihre Augen waren blau und sehr groß, sodass sie permanent überrascht aussah, als würde die Welt sie in Erstaunen versetzen. Sie setzte sich mir gegenüber, auf die andere Seite des Schreibtischs, mit zusammengepressten Knien und mit im Schoß gefalteten Händen. Sie sagte nichts.

„Die Red Sox haben ganz gut gespielt dieses Wochenende, nicht wahr?“, sagte ich.

Sie lächelte freundlich.

Und nach einer Weile fragte ich: „Wie geht es Ihnen?“

„Gut.“

„Gibt es etwas, was Sie mit mir besprechen möchten?“, fragte ich.

Sie nickte.

„Hat es mit Gary Eisenhower zu tun?“, fragte ich.

Wieder nickte sie. Ich wartete. Sie lächelte mich hoffnungsfroh an. Ich nickte hilfreich.

„Ich liebe meinen Mann“, sagte sie.

„Das ist schön“, erwiderte ich.

„Und er liebt mich“, fuhr sie fort.

„Das ist auch schön.“

„Wir lieben einander“, sagte sie.

„Trifft sich gut.“

„Ich wollte nicht …“

Sie schien darüber nachzudenken, wie sie das, was sie sagen wollte, am besten sagen könnte.

„Ich will nicht, dass Sie einen falschen Eindruck kriegen“, meinte sie.

„Momentan wäre mir jeder Eindruck lieb“, sagte ich.

Wieder strahlte sie mich an. Sie schien das immer zu tun, wenn sie etwas nicht verstand. Und ich hatte das Gefühl, dass das Verstehen von Zusammenhängen nicht zu ihren herausragenden Fähigkeiten gehörte.

„Ich hatte eine Affäre mit Gary Eisenhower“, sagte sie. „Das streite ich nicht ab. Aber es lag nicht daran, dass Jim und ich uns nicht lieben.“

„Woran lag es dann?“, fragte ich.

Sie errötete langsam. Es war interessant zu sehen, wie sich die Röte langsam auf ihrem Gesicht und ihrem Hals ausbreitete bis zu dem schmalen Streifen Brust, den ihr weißer Kragen freigab. Mir kam es vor, als errötete sie bis zu den Füßen.

„Ich kann nicht genug kriegen“, sagte sie.

„Deswegen sind Sie noch lange kein schlechter Mensch“, erwiderte ich.

„Doch“, sagte sie. „Ich rede mir immer ein, dass mir das nie wieder passiert. Aber es passiert trotzdem. Ich kann einfach nicht anders.“

„Also war Gary Eisenhower nicht der Erste“, sagte ich.

„Oh Gott, nein“, gab sie zurück. „Ich habe sogar mal mit einem Mann geschlafen, der in der Einfahrt Schnee geschaufelt hat. Ich … das ist so peinlich … ich bin unersättlich.“

„Und Ihr Mann reicht Ihnen da nicht“, schlussfolgerte ich. „Wir haben reichlich Sex. Und ich genieße ihn auch. Ich bin nur … Ich habe seit der Highschool dagegen angekämpft. Ich bin Nymphomanin.“

Ich nickte.

„Ich glaube, man sagt heute nicht mehr ,Nymphomanin‘.“ „Wie auch immer“, meinte sie. Ihr Gesicht war immer noch knallrot unter ihrer Schminke. „Ich bin süchtig nach Sex. Ich schäme mich dafür, und es hat mein Leben sehr kompliziert gemacht.“

„Haben Sie mit jemandem darüber gesprochen?“, fragte ich. „Ja, mit dem Pfarrer unserer Kirche, bevor ich geheiratet habe.“

„Und?“

„Wir haben zusammen gebetet“, sagte sie.

„Wenigstens hat er Sie nicht auf einen Drink eingeladen“, meinte ich.

„Wie bitte?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Manchmal ist mein Mund schneller als mein Gehirn …“

Sie lächelte mich strahlend an.

„Eine Zeit lang, nachdem wir zusammen gebetet hatten, kam es mir fast so vor, als hätte es geholfen.“

„Aber?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Hat es nicht.“

Ihre Röte war verblasst. Jetzt schien es, als würde sie sich mit einer Bekanntschaft über irgendein unverfängliches Thema unterhalten. Kein Wunder, dass das Beten eine Weile geholfen hatte.

„Aber Sie müssen verstehen“, sagte sie, „dass ich meinen Mann liebe. Und dass er mich liebt. Er würde es nicht überleben, wenn er es wüsste.“

„Ich werde versuchen, das zu verhindern“, sagte ich.

„Haben Sie schon Fortschritte gemacht?“, fragte sie.

„Nicht sonderlich. Haben Sie schon mal bei Pinnacle Fitness trainiert?“

Sie nickte.

„Ja“, sagte sie. „Ich bin da Mitglied. Warum fragen Sie?“

„Weil ich nach einem Muster suche“, erwiderte ich.

„Haben Sie ein Foto von ihm?“, wollte sie wissen.

„Nein.“

„Ich habe eins“, sagte sie.

„Darf ich es sehen?“, fragte ich.

„Ich habe es gemacht, als er geschlafen hat“, sagte sie. „Mit meinem Handy.“

„Er weiß davon nichts?“

„Nein.“

Sie nahm einen Umschlag aus ihrer Handtasche.

„Es ist etwas, nun, aufreizend“, sagte sie.

„Bin ich auch“, erwiderte ich und streckte die Hand aus.

Sie strahlte mich erneut an und gab mir den Umschlag. Ich öffnete ihn. Darin war ein Computerausdruck eines Digitalfotos. Auf dem Foto war ein nackter Mann zu sehen, der auf einem Bett lag. Vermutlich in einem Motelzimmer. Besonders aufreizend fand ich das nicht. Und selbst wenn: Nancy hatte die Lendengegend mit einem Filzstift zensiert.

Wie anständig von ihr.

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