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Bevölkerungsgeschichte Europas. Von den Anfängen bis in die Gegenwart

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Andreas Weigl

Bevölkerungsgeschichte Europas

Von den Anfängen bis in die Gegenwart

BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR · 2012

Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Vorwort

1.     Bevölkerungsgeschichte – historische Demografie

2.     Die Quellen der europäischen Bevölkerungsgeschichte

3.     Europas Bevölkerungsentwicklung und Malthus

4.     Die Phasen der europäischen Bevölkerungsgeschichte

5.     Das Zeitalter der Pest

6.     Die hochmittelalterliche Expansionsphase (ca. 1000 – 1300)

7.     Das European Marriage Pattern

8.     Der Demografische Übergang in Europa

9.     Der epidemiologische Übergang

10.     Der social und der gender gap

11.     Die „stille Revolution“

12.     Europas Wandel vom Auswanderungs- zum Einwanderungskontinent und die „dritte demografische Transition“

13.     Europa und die Welt an der Jahrtausendwende

14.     Verzeichnis der Quellen der Tabellen, Grafiken und Abbildungen

15.     Literaturverzeichnis

Register

Rückumschlag

Vorwort

Der vorliegende Band baut auf universitären Vorlesungen zum Thema auf. Sein Anliegen ist es, einen für den Studienbetrieb geeigneten Überblick über die europäische Bevölkerungsgeschichte in ihren globalen Bezügen zu liefern. Europäische Spezifika wie beispielsweise das European ­Marriage Pattern, die Cholera als „Lehrmeisterin der modernen Hygiene“ oder aber auch die besondere Rolle der Überseewanderung im Industriezeitalter finden dabei eine entsprechend hervorgehobene Behandlung. Der Band soll aber auch zu weiterführender Beschäftigung mit dem Thema anregen. Ein kurzer Abriss zu den wichtigsten Quellen vermittelt einen Einblick in die Basis historisch-demografischer Forschung, für die Interdisziplinarität größer werdende Bedeutung besitzt. Bei grundsätzlicher Verortung der historischen Demografie in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte war es mir daher inhaltlich ein besonderes Anliegen, das nach wie vor in einem Teil der (angloamerikanischen) Fachliteratur verbreitete malthusianische Paradigma neben anderen ökonomistischen Ansätzen kritisch zu hinterfragen. Einer Bevölkerungsgeschichte zwischen „Kultur“ und „Natur“ dienen auch die Verweise auf Ergebnisse relevanter „Nachbardisziplinen“ wie der Klimageschichte, der Sozialgeschichte der Medizin und der Archäologie. Insofern beschränkt sich auch das Literaturverzeichnis keineswegs ausschließlich auf historisch-demografische Arbeiten im engeren Sinne.

Methodisch ist die historische Demografie von der mit quantifizierenden Verfahren arbeitenden Bevölkerungswissenschaft nicht zu trennen, deren Indikatoren jedoch nicht unbedingt vertraut sein müssen. Um den Text nicht zu überladen, werden einschlägige Definitionen dieser Messzahlen und einiger anderer Fachbegriffe in den Anmerkungen gegeben.

Am Zustandekommen dieser Einführung waren eine ganze Reihe von befreundeten Kolleginnen und Kollegen des Ludwig-Boltzmann-Instituts

[<<7] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe

für Stadtgeschichtsforschung in Wien und des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien beteiligt. Wertvolle Literaturhinweise erhielt ich von Erich Landsteiner. Der gründlichen Durchsicht des Manuskripts durch Gerhard Meißl verdanke ich wertvolle Anregungen und Verbesserungsvorschläge. Nicht zuletzt möchte ich Susanne Claudine Pils erwähnen, die das fachkundige Endlektorat vorgenommen hat. Besonderer Dank gilt schließlich Alicja, Magda und Malgosia, die es geduldig ertragen haben, dass ich während des Schreibens weniger Zeit mit der Familie verbringen konnte.

Wien, im August 2012 Andreas Weigl

[<<8]

 

1.     Bevölkerungsgeschichte – historische Demografie

Das 21. Jahrhundert ist schon des Öfteren als „demografisches Jahrhundert“ bezeichnet worden, und tatsächlich ist die Demografie auf dem Weg, zu einer der politischen Leitdisziplinen zu werden. Das ist eigentlich nicht verwunderlich. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erleben wir jenes Jahrhundert, in dem die Weltbevölkerung mit mehr als neun Milliarden ihren Höchststand in der Geschichte erreichen wird (Münz / Reiterer 2007: 32). Die daraus resultierenden gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen beschäftigen schon geraume Zeit die Entwicklungs- und Umweltpolitik, wobei den zu Beginn der 1970er-Jahre vom „Club of Rome“ präsentierten beängstigenden Szenarien eine wichtige Anstoßwirkung zukam. Demografische Veränderungen stellen sich jedoch keineswegs ausschließlich als Wachstumsproblem dar. In den entwickelten Industrie- und zunehmend auch in den „Schwellenländern“ ist der Umgang mit dem Altern der Bevölkerungen und dessen Konsequenzen für soziale Sicherungssysteme zu einer zentralen Agenda der Gesundheits- und Sozialpolitik geworden. Sie ist verknüpft mit potenziellen und schon gegenwärtig in ihrer Dimension anwachsenden globalen Süd-Nord-Migrationsbewegungen.

Den Befunden der Bevölkerungsgeschichte bzw. der historischen Demografie kommt bei der Beurteilung der zukünftigen Entwicklung Europas und der Welt durchaus Bedeutung zu. Sie sind für eine Analyse der langfristigen Veränderungen nicht nur unabdingbar, sondern auch mit ihnen untrennbar verknüpft. „Voraussagen über die demografische Zukunft Europas konstituieren gegenwärtige Wissensbestände, die zugleich in der Vergangenheit verankert sind“ (Overath 2011: 9). Aus anthropologischer Perspektive beruhen demografische Veränderungen mit Ausnahme exogener Schocks (z. B. Kriege) auf Anpassungsleistungen

[<<9] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe

menschlicher Populationen, die aus einem sich wandelnden ökologischen Umfeld resultieren. Dabei steht beim Menschen kulturelle Adaption im Vordergrund, während seine Umwelt sich biologisch anpasst (Ruffié /Sournia 2000: 229 – 239). Ökologische Herausforderungen bewirken also „kulturell“ bedingte Veränderungen der menschlichen Reproduktion, die gleichzeitig in einem kompetitiven Spannungsverhältnis zur biologischen Evolution der übrigen Organismen stehen. Dieses Verhältnis erfuhr durch die Neolithische Revolution eine erhebliche Intensivierung, wenngleich die ökologischen Effekte der Sesshaftigkeit menschlicher Populationen zunächst noch lokal begrenzt blieben. Diese Begrenzung traf jedoch auf nicht anthropogen verursachte Veränderungen der Umweltbedingungen nicht zu. Erdbeben oder Vulkanausbrüche stehen mit der Existenz der menschlichen Spezies auf der Erde in keinem Zusammenhang, beeinflussen diese jedoch durch ihre zerstörerische Wirkung unmittelbar, Letztere aber auch mittelbar durch ihren langfristigen Einfluss auf die klima­tischen Bedingungen. Vor allem in ihrer auf Sonnenenergie beruhenden vorindustriellen Phase blieb die Bevölkerungs- von der Klimageschichte nicht unwesentlich mitbestimmt – und das auch durch menschliche Eingriffe in die Natur. Anthropogene Faktoren können nämlich auch schon für den vorindustriellen Klimawandel eine begrenzte Wirkung gehabt haben (Mauelshagen 2010: 77 f.). Im Lauf des 20. Jahrhunderts hatten sie mehr und mehr langfristige globale Konsequenzen. Aber nicht nur in der Moderne haben menschliche Gesellschaften auf ökologische Herausforderungen in einer Form reagiert, die entweder nicht nachhaltig war oder überhaupt deren kausaler Ursache nicht entsprach, da ihre Adaption ja nicht vorrangig genetisch erfolgt, sondern kulturell erlernt wird. In historischer Perspektive ist das Gesellschafts-Natur-Verhältnis demnach nicht zuletzt kultureller Evolution ausgesetzt (Sieferle 1997a: 37 – 53). Aus den „gesellschaftlichen Naturverhältnissen“ (Jahn /­Wehling 1998: 75 – 93) lassen sich daher auch viele Befunde der historischen Demografie – Interdisziplinarität vorausgesetzt – erklären.

Die sich im 20. Jahrhundert und da vor allem seit den 1970er-Jahren methodisch in vielfacher Weise weiterentwickelnde historisch-demogra­fische Forschung hat ursprünglich ein wenig künstlich zwischen mikrohistorisch fundierter „moderner“ historischer Demografie und traditioneller,

[<<10]

auf Makroebene argumentierender Bevölkerungsgeschichte unterschieden (Imhof 1977: 9 – 11). Diese begriffliche Unterscheidung erwies sich allerdings letztlich als nicht zielführend (Sokoll / Gehrmann 2003: 160 f.). Zum einen haben sich die Erwartungen an einzelne von der historischen Demografie entwickelte mikrohistorische Methoden nur zum Teil erfüllt. Ein Beispiel dafür ist die Methode der Familienrekonstitution. Dabei handelt es sich um aufwendige Rekonstruktionen von lokalen Populationen auf der Basis von Tauf-, Heirats- und Sterbematriken. Aus Familien­rekonstitutionen gewonnene Ergebnisse sind nur für den immobilen Teil untersuchter Populationen repräsentativ. Da Befunde der historischen Migrationswissenschaft jedoch auch für vormoderne Bevölkerungen ein quantitativ bedeutsames Wanderungsgeschehen belegen (Hochstadt 1983), wird die Aussagekraft solcher Studien erheblich relativiert. Zum anderen ist die Frage der Repräsentativität von Mikrobefunden ohne Bezug zur Makroebene nicht zu beantworten. Vollständige Rekonstruktionen historischer Bevölkerungen mit den Methoden der Familienrekonstitution und der Bevölkerungsrückschreibung (backward projection) sind – abgesehen vom Problem der Wanderungen über territoriale Grenzen hinaus – meist arbeitstechnisch nicht zu bewältigen und mangels fehlender Quellen vielfach gar nicht durchführbar, wenn auch einzelne beeindruckende Gegenbeispiele wie die Population History of England zu nennen sind (Wrigley / Schofield 1989). Die angeführte Problematik der Erfassung von Migration macht es jedenfalls erforderlich, die historische Migrationsforschung in die Bevölkerungsgeschichte einzubeziehen, obwohl sich diese methodisch zum Teil von der (historischen) Demografie weit weg bewegt hat. Ergebnisse der historischen Migrationsforschung sind aber schon allein aufgrund der Tatsache, dass es sich bei der Migration neben der Fertilität und Mortalität um einen der drei demografischen Basisprozesse handelt und Migrationsbewegungen Einfluss auf Fertilität und Mortalität besitzen, für die Bevölkerungsgeschichte von Relevanz. Der Begriff „Bevölkerungsgeschichte“ sollte aber auch darum beibehalten werden, weil historisch-demografische Prozesse auch von exogenen Größen beeinflusst wurden und diese ohne Einbettung in allgemeine Ergebnisse der geschichtswissenschaftlichen Forschung nicht zu erklären wären. Bevölkerungsgeschichte hat also auch manches mit allgemeiner

[<<11]

Politik, Wirtschafts, Sozial- und Kulturgeschichte zu tun. Dazu ein Beispiel: Der Dreißigjährige Krieg und seine Wirkungen kostete etwa ein Drittel der mitteleuropäischen Bevölkerung das Leben. Wiewohl diese drastische Konsequenz des Krieges auch mit Spannungen im System „Population“, nämlich mit Anzeichen einer „Überbevölkerung“, zu tun hatte, ist sie doch mit diesen endogenen Einflussfaktoren allein nicht zu erklären. Das heißt freilich nicht, dass traditioneller Bevölkerungs­geschichte, wie sie zum Teil noch bis in die 1970er-Jahre betrieben wurde, das Wort geredet werden soll. Moderne Bevölkerungsgeschichte versteht sich als kritisch gegenüber Biologismen und „reinen“, in quantitativen Indikatoren gefassten „Wahrheiten“. Sie hat ein Quellenverständnis entwickelt, welches die gesellschaftliche Konstruiertheit einschlägiger Quellen bewusst macht (Rosental 2006). Quellenkritik bedeutet jedoch nicht den Verzicht auf verallgemeinerbare Aussagen und die interdisziplinäre Rezeption naturwissenschaftlicher Befunde.

[<<12]

2.     Die Quellen der europäischen Bevölkerungsgeschichte

Grundsätzlich stützt sich die historisch-demografische Forschung vorrangig, wenngleich keineswegs ausschließlich, auf in der Vergangenheit durchgeführte Erhebungen der gesamten Bevölkerung oder von Teilbevölkerungen einer bestimmten territorialen Einheit nach verschiedenen Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Stand / Beruf etc. zu einem bestimmten Zeitpunkt als Bestandsgrößen und auf Erhebungen der Ergebnisse demografischer Prozesse (Geburten, Sterbefälle, Heiraten, Wanderungen) als Stromgrößen. Bestandserhebungen waren bekanntlich schon in der Antike verbreitet – eine relativ vollständig erhaltene „Volkszählung“ reicht in China sogar in das Jahr 2 n. Chr. zurück (Scharping 2005: 1). Von modernen Volkszählungen kann jedoch in der Regel erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen werden. In den skandinavischen Ländern seit dem 18. Jahrhundert durchgeführte Erhebungen – im Jahr 1703 in Island, 1720 in Schweden, 1721 in Finnland und 1735 in Dänemark und Norwegen (Imhof 1976: 75, 267) – können als die frühesten Zählungen dieser Art angesehen werden. In Italien bis in das Spätmittelalter, in den meisten europäischen Ländern jedenfalls bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück reichen regelmäßige Erhebungen der Geburten und Sterbefälle. Modernen Ansprüchen gerecht wurden sie jedoch zumeist erst im 18. Jahrhundert, da sie nun auch eine entsprechende Ausweitung auf alle Bevölkerungsgruppen, einschließlich konfessioneller Minderheiten, erfuhren und auch in den ersten Lebenstagen verstorbene Säuglinge vollständig erfassten. Hingegen stellt die Erfassung von Migrationsbewegungen zum Teil bis in die Gegenwart ein statis­tisches Problem dar, weil nicht gemeldete Wegzüge für eine systematische Untererfassung der Abwanderung sorgen. In der Vergangenheit lassen sich Migrationsbewegungen häufig überhaupt nur als Restgröße

[<<13] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe

aus dem Bevölkerungssaldo 1 und indirekt über den Geburts- oder Herkunftsort von Einwohnern quantitativ fassen.

Der Zusammenhang zwischen der Qualität der genannten Erhebungen und dem Entwicklungsstand der administrativen Durchdringung des Staatsgebietes wird bei den Vorläufern moderner Volkszählungen in Europa besonders deutlich. Dabei handelte es sich um Kon­skriptionen, die im Zusammenhang mit aufgeklärt-absolutistischen Staatsreformen in größerer Zahl durchgeführt wurden und den Anspruch der vollständigen Erfassung der Bevölkerung erhoben. Tatsächlich dienten sie jedoch mehr oder minder verdeckten militärischen und fiskalischen Zwecken. Zudem waren sie der fürstlichen Arkanpraxis unterworfen und ihre Ergebnisse daher einem breiteren Publikum nicht zugänglich. Ein gutes Beispiel solcher Konskriptionen sind die in der Habsburgermonarchie seit 1754 durchgeführten Zählungen, obwohl deren erste durch das Zusammenspiel und die Abgleichung parallel durchgeführter staatlicher und kirchlicher Erhebungen eine vergleichsweise hohe Qualität besitzt. Größter ­Mangel dieser Erhebungen ist die häufige Untererfassung von Frauen und Kindern und von umherziehenden, hochmobilen Bevölkerungsgruppen. Zudem hatten die zu erfassenden männlichen Personen im Rekrutenalter gute Gründe, sich der Zählung wenn möglich zu entziehen, ein Problem, welches die Durchführung der Konskriptionen bis zu ihrem Ende begleiten sollte (Tantner 2007: 202 – 219). Der enge Zusammenhang zwischen Staatsmacht, bürokratischer Durchdringung und Qualität der gewonnenen Daten zeigt sich auch in außereuro­päischen Reichen und Staaten. In China fanden im betrachteten Zeitraum eine ganze Reihe von Bevölkerungserhebungen statt, wobei die Zahlen der Zählungen der Jahre 606, 742 und 1776 wahrscheinlich die Bevölkerungszahl mit einem Fehler von unter 10 % wiedergeben. Im krisenhaften 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erlauben hingegen die angesichts der schwachen Zentralmacht sehr lückenhaften Erhebungen nur mehr ganz grobe Schätzungen der chinesischen Bevölkerung. Die erste

[<<14]

Volkszählung, die modernen Standards entsprach, stammt erst aus dem Jahr 1953 (­Scharping 2005: 1 – 3).

Im Zeichen von Reformation und Gegenreformation gingen den Kons­kriptionen des 18. Jahrhunderts aus militärischen, fiskalischen, kirch­lichen, aber auch aus politischen und versorgungstechnischen ­Zwecken durchgeführte vorstatistische Erhebungen voran, die auch meist sekundärstatistischen Charakter trugen, d. h., sie werden erst durch moderne Bearbeitung und Aggregierung zu einer verwertbaren quantitativen Quelle. Ein prominentes Beispiel ist das Soupis poddaných podle víry, das „Untertanen-Verzeichnis nach dem Glauben“, aus dem Jahr 1651, welches etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung der böhmischen Länder erfasste (Cerman / Matušiková / Zeitlhofer 1999). Diese und andere Zählungen erfassten häufig nur Personen ab dem 8. oder ab dem 12. Lebensjahr. In Einzelfällen, wie z. B. im Herzogtum Steiermark, fanden jedoch auch kirchliche Erhebungen statt, die nahezu als Gesamterhebungen zu betrachten sind (Straka 1961).

Das Problem der Untererfassung stellte sich organisatorisch in geringerem Ausmaß in überschaubaren territorialen Einheiten oder bei der Erfassung von Teilpopulationen. So wurde etwa die erste moderne Volkszählung im Jahr 1665 in Neu-Frankreich (Kanada) durchgeführt. Sie erfasste allerdings nur die nicht indianische Siedlerbevölkerung. Die ältesten dieser kleinräumigen Zählungen reichen aber wesentlich weiter zurück. Regelmäßige Bevölkerungszählungen fanden beispielsweise in Venedig spätestens ab dem Jahr 1509 statt (Cipolla 1988: 3). Die Ergebnisse der Zählung von 1509 haben sich aber nur teilweise erhalten (Beloch 1961: 5 – 7). Eine ganze Serie von Zählungen, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts in verschiedenen italienischen Territorien durchgeführt wurden, erfasste immerhin schon erhebliche Teile des Landes, so etwa das Großherzogtum Toskana, zur Gänze. Überhaupt stellen die in der Folge auch im 17. und 18. Jahrhundert in den italie­nischen Territorien durchgeführten Zählungen eine Ausnahme dar, erlauben sie doch eine erstaunlich präzise Rekonstruktion der italienischen Bevölkerungsgeschichte, die auf echten Zählungsergebnissen beruht (Beloch 1961: 350 – 356). Eine frühe vollständige Erfassung einer größeren Stadtbevölkerung, die sich annähernd mit der Genauigkeit

[<<15]

moderner Volkszählungen messen kann, liegt aber auch etwa für die Stadt Nürnberg für das Jahr 1449 vor (Rödel 1990: 17).

Für kleine territoriale Einheiten lassen sich jedoch noch weiter in die Vergangenheit zurückreichende große sekundärstatistische Erhebungen anführen. Die frühesten stellen vier Güterverzeichnisse aus karolingischer Zeit dar, wobei das Polyptychon von Saint-Germain-des-Prés (825 – 829) die größte Bedeutung besitzt. Dabei handelt es sich um ein grundherrschaftliches Güterverzeichnis von insgesamt 25 Villikationskomplexen des Klosters im Raum Paris, welches etwa 1.700 Bauernstellen und mehr als 10.000 Personen der dazugehörigen untertänigen Bevölkerung namentlich erfasst, nicht jedoch landlose ländliche Unterschichten, Lohnarbeiter und Freie (Verhulst 2002: 23 f.; Elmshäuser / Hedwig 1993: 1, 29, 31).

Die natürliche Bevölkerungsbewegung dokumentieren in der europäischen Bevölkerungsgeschichte in erster Linie von den Kirchen geführte Tauf, Heirats- und Sterbematriken, die seit dem späten 14. Jahrhundert in Italien, Spanien und Städten des deutschen Sprachraums geführt wurden (Youngs 2006: 12). Die Matriken von Florenz sind sogar vollständig ab 1451 erhalten (Beloch 1965: 137). Im Allgemeinen wurde die Führung von Matriken in Europa jedoch erst im konfessionellen Zeitalter eingeführt. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts setzte sich die Matrikenführung im katholischen und protestantischen Europa weitgehend durch. Unschärfen und Untererfassungen begleiteten sie allerdings bis in das 18. Jahrhundert. In einzelnen Fällen haben sich auch Totenprotokolle, die zum Zweck der Seuchenprävention geführt wurden, in langen Zeitreihen erhalten. Die bedeutendsten sind wohl die bis in die Regierungszeit Heinrichs VIII. zurückreichenden Londoner Bills of Mortality und die Wiener „Totenbeschauprotokolle“ (erhalten ab 1648).

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Die erste Seite des ersten erhalten gebliebenen Bandes der Wiener Totenschauprotokolle mit Eintragungen vom 22. August 1648 

Abbildung 1 Die erste Seite des ersten erhalten gebliebenen Bandes der Wiener Totenschauprotokolle mit Eintragungen vom 22. August 1648 (Abbildungsnachweis)

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Für die vorstatistische Periode ist es möglich, in einer gewissen Bandbreite demografische Größen wie Einwohnerzahlen, Geburten- und Sterberaten 2 und ähnliche Indikatoren zu schätzen. Schon ab dem Hochmittelalter und dann vor allem im Spätmittelalter bieten Häuser- und Haushaltszahlen eine gewisse Orientierung, wenngleich die lediglich auf Annahmen beruhende Wahl des Multiplikators – Zahl der Bewohner pro Haus oder Haushalt – einen erheblichen Unsicherheitsfaktor darstellt. Es haben sich in Einzelfällen sogar fiskalisch motivierte Erhebungen erhalten, die eine umfängliche sekundärstatistische Auswertung erlauben. Über bloße Häuserzahlen hinaus bietet etwa das englische Domesday Book von 1086 für einen Großteil der nicht städtischen Bevölkerung Englands die Auflistung aller „Haushaltsvorstände“ und im Fall der Sklaven vermutlich sogar von Individuen. Trotz dieser ungewöhnlich guten Datenlage bewegen sich die Schätzungen der englischen Einwohnerzahl für das späte 11. Jahrhundert in einer Bandbreite von 1,4 bis 1,9 Millionen (Hinde 2003: 15 – 19), was auf die zahlreichen methodischen Probleme und Schwierigkeiten bei der Verwendung derartiger Quellen verweist. Noch ausführlichere Informationen enthält der in den Jahren 1427 – 1430 in Florenz erstellte Catasto, der rund 60.000 Haushalte mit 260.000 Personen erfasste (Herlihy / Klapisch 1985). Eine ungewöhnlich genaue Quelle stellt auch die Einhebung des Peterspfennigs als Kopfsteuer der gefirmten Bevölkerung im Königreich Polen dar, die zwar nicht wirklich als Kopfzählung durchgeführt wurde, aber eine sehr genaue Schätzung der Einwohnerzahl um die Mitte des 14. Jahrhunderts erlaubt (Kuhn 1973: 181 – 184). Eine ähnliche für großräumige Bevölkerungsschätzungen brauchbare demografische Quelle sind die anlässlich der osma­nischen Bedrohung erfolgten Ausschreibungen des „Gemeinen Pfennigs“ für alle Einwohner über fünfzehn Jahre im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, die zwischen 1422 und 1551 elfmal durchgeführt wurden. Zählungen einzelner Stadtbevölkerungen, wenngleich nicht in der Vollständigkeit der Nürnberger Erhebung von

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1449, liegen seit dem Spätmittelalter in größerer Dichte vor, beispielsweise für Venedig für das Jahr 1338, Basel 1454 und Straßburg 1473/77. Auch für diese Zählungen ist jedoch von der Nichterfassung und / oder Untererfassung von Angehörigen der städtischen Unterschichten, von Frauen und von Kindern auszugehen (Kellenbenz 1986: 110 f.; Youngs 2006: 12). Zu diesen Quellen treten ergänzend Stadtbeschreibungen, diplomatische und chronikalische Berichte über Hungersnöte, Naturkatastrophen und Sitten­beschreibungen.

Völlig außerhalb der Einwohnererhebungen stehen aus der Archäologie gewonnene Daten zur Größe von Siedlungen, Häusern und Wüstungen. In Verbindung mit dem Wissen über den Stand der Agrartechnologie lassen sich daraus für die Zeit geringer Siedlungsdichte und Urbanisierung sehr grobe Bevölkerungsschätzungen ableiten (Fehring 1987: 78 – 82). Aus der Paläopathologie können Rückschlüsse auf Morbidität und Mortalität von Populationen gezogen werden. Archäologische Befunde sind allerdings nur bedingt historisch-demografisch verwertbar, da zumeist keine geschlossenen Populationen ergraben werden können und es zumindest im Fall von Kindern zu häufigen Untererfassungen kommt, da ungetaufte Säuglinge manchmal außerhalb der Friedhöfe bestattet wurden oder sich Gräber von Säuglingen und Kleinkindern nicht erhalten haben.

Insgesamt ist der Forschungsstand zur Bevölkerungsgeschichte der einzelnen Teile Europas quellenbedingt und aufgrund nationaler Forschungstraditionen recht unterschiedlich. Obwohl – nicht zuletzt aufgrund der dortigen liberalen Tradition (Glass 1973) – Volkszählungen in England und Wales erst relativ spät, nämlich seit 1801, durchgeführt wurden, erlaubte die hohe Dichte an Matrikendaten mittels der Methode der back projection die (eingeschränkte) Rekonstruktion der englischen Bevölkerungsentwicklung zurück bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Dabei wurden die Bevölkerungszahlen von der ersten verfügbaren Volkszählung rückgeschrieben, und zwar mithilfe von Tauf- und Sterbe­matrikdaten. Die große Unbekannte bei diesem Verfahren sind die Außenwanderungen, die allerdings zumindest für die nordamerikanischen Kolonien ebenfalls geschätzt werden konnten. Die Rekonstruktion der französischen Bevölkerung bis zum Jahr 1680 konnte sich im Gegensatz zum englischen Pendant auf Altersangaben in den Sterbematriken

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stützen, die sich allerdings, was die Kleinkindersterbefälle anbelangt, als unvollständig erwiesen. Ein weiteres Problem bei der Rekonstruktion der französischen Bevölkerung stellten Migrationen vor allem der männ­lichen Bevölkerung (napoleonische Kriege) dar, die eine nicht unerheb­liche Lücke im Modell verursachten (Sokoll / Gehrmann 2003: 180 – 183).

Das mit Abstand beste demografische Material bieten unzweifelhaft die skandinavischen Länder, die schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts so etwas wie laufend gewartete Bevölkerungsregister eingeführt und in einem im Jahr 1749 in Stockholm eingerichteten Zentralbüro verwaltet haben. Diese Register liefern Daten für das gesamte Staatsgebiet in sehr hoher Datenqualität nicht zuletzt deswegen, weil die skandinavischen Länder vergleichsweise isoliert waren und Wanderungsbewegungen eine verhältnismäßig geringe Rolle spielten. Aber auch in einigen anderen Ländern wie etwa der Schweiz, den Niederlanden und den böhmischen Ländern kann die Bevölkerungsgeschichte als gut aufgearbeitet bezeichnet werden. Am schwierigsten erweisen sich entsprechende Forschungen für jene Teile Europas, deren Rückständigkeit Zählungen behinderte oder deren Qualität beeinträchtigte. Dazu zählte vor allem der osmanische und russische Einflussbereich.

[<<20]

 

1 Differenz zwischen der Bevölkerung zum Basis- und zum Endzeitpunkt des betrachteten Zeitraums.

2 Geburten- und Sterberate beziehen die Zahl der in einem Jahr Lebendgeborenen bzw. Verstorbenen auf 1.000 der jeweiligen Bevölkerung.

3.     Europas Bevölkerungsentwicklung und Malthus

Die globale demografische Entwicklung lässt sich auf einer Zeitachse als ansteigende Kurve mit exponentiellem (geometrischem) Wachstum 3 darstellen. Die letzten beiden Jahrhunderte waren dabei durch eine besondere Steilheit der Wachstumskurve geprägt, die im öffentlichen Diskurs auch gern als Bevölkerungsexplosion bezeichnet wird, obwohl die Weltbevölkerung in diesem Zeitraum nicht plötzlich „explodierte“, sondern sehr stetig an Wachstumstempo zunahm, zumindest bis in die 1960er-Jahre. Während um 10.000 v. Chr. vielleicht 1 bis 10 Millionen Menschen die Erde bewohnten (U. S. Census Bureau 2011), erreichte nach der Neolithischen Revolution die nunmehr in weiten Teilen sesshaftere Weltbevölkerung um Christi Geburt vielleicht 225 bis 250 Millionen. Das erste nachchristliche Jahrtausend war dann von erheblichen demografischen Schwankungen gekennzeichnet, wobei um das Jahr 1000 in etwa wieder der Ausgangsstand erreicht, wahrscheinlich sogar überschritten wurde. Im Zeitraum von ca. 1000 bis 1340 kam es dann global zu einem ganz erheblichen Wachstumsschub auf vielleicht 440 Millionen. Nach einem erheblichen Rückschlag waren um 1650 rund 600, um 1800 950 Millionen, um 1900 1,65 und um 1950 2,5 Milliarden erreicht. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kletterte die Weltbevölkerung schließlich auf mehr als 6 Milliarden. Gegenwärtig sind bereits 7 Milliarden erreicht. In durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten ausgedrückt, lag das globale Bevölkerungswachstum bis um das Jahr 1000 unter 0,05 %, dann bis Mitte des 18. Jahrhunderts in sehr bescheidenen Dimensionen von 0,1 bis 0,2 %. Erst danach stieg es erheblich an und erreichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im langjährigen Durchschnitt rund 1,8 %.

[<<21] Seitenzahl der gedruckten Ausgabe

 

Weltbevölkerung in Millionen: Schätzungen nach ...

Jahr

Biraben

McEvedy/Jones

Malanima/UN

JVR *

1

255

170

250

 

1000

254

265

250

0,00

1340

443

 

440

0,17

1650

 

545

600

0,10

1750

770

720

770

0,25

1850

1.241

1.200

1.240

0,48

1950

2.527

2.500

2.532

0,72

2000

 

 

6.123

1,78

2010

 

 

6.892

1,19

 

Malanima

Jahr

Europa **

Welt

Anteil Europas

1

43

250

17,2

500

41

200

20,5

1000

43

260

16,5

1340

87

440

19,8

1500

84

460

18,3

1700

125

680

18,4

1800

195

954

20,4

1900

422

1.650

25,6

2000

818

6.175

13,2

JVR * 1 – 2000

0,15

0,16

 

* JVR: durchschnittliche jährliche Veränderungsrate

** einschließlich Russland

Tabelle 1 Europäische Bevölkerung und Weltbevölkerung 1 – 2010 (Abbildungsnachweis)

[<<22]

 

Welche Rolle spielte nun Europa im globalen Kontext? Ab wann kann von einer europäischen Bevölkerungsgeschichte eigentlich erst gesprochen werden, und was ist an ihr überhaupt „europäisch“? Wenn man vom geografischen Begriff Europa einmal abstrahiert, ist der Beginn einer im weitesten Sinne europäischen Bevölkerungsgeschichte frühestens etwa um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrtausends anzusetzen, wenngleich der Entstehungsprozess die gesamte zweite Hälfte des ersten nachchrist­lichen Jahrtausends zeitlich umfasste. Bis in das 5. Jahrhundert bildete das Imperium Romanum als mit Abstand bevölkerungsreichstes territoriales Gebilde auf heutigem europäischen Boden eine den gesamten Mittelmeerraum umfassende politische, ökonomische und bis zu einem gewissen Grad kulturelle Einheit, sodass es wenig Sinn macht, dessen europäische Bevölkerungsteile von den asiatischen und nordafrikanischen zu trennen, was auch aufgrund der dünnen Quellenlage kaum möglich wäre. Die mit hoher Unsicherheit zu schätzende Bevölkerungszahl des Imperiums dürfte wohl zu keinem Zeitpunkt deutlich über 50 Millionen gelegen haben (Van Houtte 1980: 15). Wie sich aus der politischen Geschichte unschwer ableiten lässt, war die Bevölkerung der in Europa gelegenen Teile des Imperium Romanum jedenfalls seit dem 5. Jahrhundert rückläufig, ohne dass die Rückgänge genau bezifferbar wären. Im späten 5. Jahrhundert zerfiel sein westlicher Teil, und auch wenn es im 6. Jahrhundert dem oströmischen Reich noch einmal für wenige Jahrzehnte gelang, einen großen Teil des Mittelmeerraums zurückzuerobern, verlor Ostrom endgültig in den Kriegen mit den Arabern seine imperiale Position und wurde zur Mittelmacht „Byzanz“. Damit zerbrach nicht nur eine romanisierte Mittelmeerwelt. „Die Untergangsphase des Römischen Reiches ist gleichbedeutend mit den Geburtswehen Europas. Am Ende des 1. Jahrtausends reichten das entwickelte Europa und der Club der christlichen Monarchien nicht mehr bis zur Elbe wie im Jahr 500 n. Chr., sondern bis an die Wolga.“ Das Ausmaß merkantiler, kultureller und demografischer Austauschbeziehungen hatte nun ein Niveau erreicht, das den Begriff „Europa“ in den Köpfen der Menschen mit Bedeutung erfüllte (Heather 2011: 349, 548).

Ein größer werdender Teil der Bevölkerung des Kontinents lebte in diesem Europa in klimatisch weniger begünstigten, auch zum Teil sehr kleinteiligen Zonen. So etwas wie „das“ europäische Klima hat es nie

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gegeben. Um die Spannweite der klimatischen Bedingungen Europas zu charakterisieren: Der Zeitraum zwischen dem letzten Frost des endenden und dem ersten des darauffolgenden Winters beträgt in Südeuropa mehr als 300 Tage, im nördlichen Russland zwei bis drei Monate (Livi-Bacci 1999: 31). Dennoch lässt sich ein langfristiger Trend der Klimakurve auf der nördlichen Hemisphäre festmachen, der in groben Zügen den Klima­verlauf zutreffend beschreibt. Kühle Perioden waren die Spätantike und das Frühmittelalter und die Zeitspanne von etwa 1300 bis 1900, die sogenannte Kleine Eiszeit (Malanima 2010a: 102). Die kältesten und auch niederschlagsreichsten zehn der letzten 500 Jahre fielen in den Zeitraum 1592 bis 1601 (Mauelshagen 2010: 65 f.). Die Kleine Eiszeit fand im Zeitraum 1675 bis 1715 im sogenannten Late Maunder Minimum 4 ihren Höhepunkt. Während als primäre Ursache der Klimaschwankungen vor allem Veränderungen der Sonnenaktivität infrage kommen, erfuhr die globale Abkühlung während des Late Maunder Minimum durch heftige Vulkanausbrüche in Teilen Asiens eine Verschärfung (Mauelshagen 2010: 78 – 84; Geiss 2007: 31). Klimatischen Ungunstlagen kam nicht zuletzt darum erhöhte Bedeutung für das Leben und Überleben der zunächst in weiten Teilen des Kontinents auf kleinen Siedlungsinseln lebenden Menschen zu, weil sie entsprechende Auswirkungen auf die lange Zeit sehr bescheidenen Ernteerträge hatten, aus denen ein erheb­licher Teil der menschlichen Nahrung hergestellt wurde. Zwar verdichteten sich im Lauf des Hoch- und Spätmittelalters und dann vor allem in der frühen Neuzeit die Austauschbeziehungen, doch blieb die Abhängigkeit von den Erträgen lokaler und regionaler Agrarproduktion ganz erheblich. Das hatte auch demografische Konsequenzen. Potenzielle Nahrungsmittelknappheit und Hunger beeinflussten den spezifischen gesellschaftlichen Umgang mit Geburt, Krankheit und Tod. Als historisch-demografische Charakteristika Europas wären etwa das European Marriage Pattern, das extramediterrane europäische Agrarsystem oder aber auch der spezifische Verlauf des „Demografischen Übergangs“ zu nennen.

Aus der weiten anthropologischen Perspektive unterschied sich die Wachstumskurve der europäischen Bevölkerung vom Frühmittelalter

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bis in die jüngere Gegenwart von der globalen nicht wesentlich. Vermutlich mehr als 40 Millionen Menschen besiedelten den Kontinent einschließlich der asiatischen Gebiete der früheren Sowjetunion um die Jahre 500 und 1000, rund 100 um 1700, 360 um 1913, mehr als ein halbe Milliarde um die Jahrtausendwende. Die Ähnlichkeit der Kurven endet allerdings im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, denn nun zeigt die Wachstumskurve in Europa – und in den außereuropäischen Industrieländern – im Gegensatz zur Dritten Welt eine ziemlich deut­liche Verflachung. Auf die demografische Entwicklung der letzten rund 60 Jahre geht auch der länger­fristige Unterschied in den durchschnitt­lichen jährlichen Wachstumsraten zurück. Die europäische Bevölkerung (einschließlich Russlands) ist in den letzten eineinhalb Jahrtausenden um 0,20 %, die Weltbevölkerung um 0,23 % jährlich gewachsen. Diese sehr langfristige Perspektive relativiert also die rezenten demografischen Wachstumsungleichgewichte zwischen Industrieländern und Dritter Welt und verweist darauf, dass sie keineswegs so festgeschrieben sind, wie das der entwicklungspolitische Diskurs der letzten Jahrzehnte suggeriert. Es mag beispielsweise überraschen, dass der Bevölkerungsanteil des „vormodernen“ Asien, das mit China und Indien in Vergangenheit und Gegenwart die mit Abstand bevölkerungsreichsten Reiche bzw. Staaten beheimatet, an der Weltbevölkerung um das Jahr 1800 mit über 70 % deutlich über jenem der Gegenwart mit knapp über 60 % lag (UN 2009: 4).

Die rezent exponentiell steil nach oben zeigende hypergeometrische Wachstumskurve der Weltbevölkerung hätte ein Mann wohl als Bestätigung seiner „Theorie“ aufgefasst, der um das Jahr 1800 Bevölkerungswachstum in einem vieldiskutierten Essay problematisierte. Thomas Robert Malthus (1766 – 1834), ein anglikanischer Geistlicher aus Surrey, der gemeinsam mit Adam Smith und David Ricardo das Dreigestirn der klassischen Ökonomie bildete, postulierte, dass sich die Bevölkerungsentwicklung ohne bewusste menschliche Eingriffe mit geometrischem Wachstum, die Erhöhung der Bodenerträge jedoch nur linear 5 steigern würden. Menschen wären daher gezwungen, immer schlechtere (Grenz-)

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Böden zu erschließen und zu bewirtschaften. Der geringere Ertrag dieser Anbaugebiete drücke die entsprechenden Einkommen, mit der Konsequenz multipler Anstiege der Sterblichkeit, die Malthus als positive checks bezeichnete. Die demografische Wirkung dieser positive checks ebenso wie jene vorbeugender Maßnahmen (preventive checks) – Einschränkung der menschlichen Reproduktion durch „Enthaltsamkeit“ – könnten aber mittel- und langfristig den Lauf des demografischen Wachstums nicht aufhalten. Zu stark sei der menschliche Vermehrungstrieb, zumindest bei den Armen und damit bei der überwiegenden und, wie Malthus mutmaßte, aufgrund ihres generativen Verhaltens zunehmenden Mehrheit der Bevölkerung (Malthus 1985: 59 – 218). Nach Malthus würde jedenfalls der Storch den Wettlauf mit dem Pflug gewinnen, wie es ein deutscher Demograf anlässlich des 200. Jahrestages der Veröffentlichung des Essays on the Principle of Population pointiert formuliert hat (Schmid 1999: 81 – 86). In den folgenden, stark erweiterten und veränderten Ausgaben seines Werkes relativierte Malthus seine pessimistische Prognose bis zu einem gewissen Grad, gestand der Industrialisierung eine mildernde Wirkung und der Auswanderung die Funktion eines Bevölkerungsventils zu. Im Kern hielt er aber weiterhin den vorindustriellen Bevölkerungszyklus weder für überwunden noch für überwindbar (Winkler 1996: 127, 207).

Der Zeitpunkt des Erscheinens von Malthus’ Essay im ausgehenden 18. Jahrhundert war keineswegs zufällig. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebte der eurasische Kontinent ein anhaltendes Bevölkerungswachstum bei sich verschlechternden Überlebensbedingungen (Pomeranz 2000: 211 – 242). Diese von Zeitgenossen wie Malthus als bedrohlich wahrgenommene demografische Situation beförderte in England eine Debatte über das System der vergleichsweise großzügigen englischen Armengesetze, die noch aus elisabethanischer Zeit stammten (Old Poor Law). Im Gegensatz zu einigen philanthropischen Aufklärern agitierte Malthus gegen die Armenhilfe, würde sie doch die Armen seiner Meinung nach nur zur Zeugung und Gebärung weiterer Kinder ermuntern (Sieferle 1990: 81 – 111).

Malthus war allerdings keineswegs der Erste, der sich mit demogra­fischen Fragen beschäftigte, und er war auch nicht der Erste, der im ausgehenden 18. Jahrhundert vor der sich abzeichnenden Dynamik des

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Bevölkerungswachstums warnte. Aber keiner seiner Vorläufer und Zeitgenossen malte ein derartig apokalyptisches Bild der zukünftigen Entwicklung an die Wand, und vielleicht gerade darum blieb er bis heute der einflussreichste „Demograf“ in der Wissenschaftsgeschichte. Vorerst stießen Malthus’ Thesen allerdings nicht auf breite Akzeptanz. In einer späteren Ausgabe seines Essays bemerkte Malthus lakonisch: „Norwegen ist, glaube ich, das einzige Land in Europa, wo ein Reisender Ansätze der Besorgnis wegen einer überschüssigen Bevölkerung hören wird […]“ (Malthus 1900: 209). Tatsächlich herrschte in Kontinentaleuropa im Geist merkantilistischer Populationistik die Idee einer „volkreichen Gemein“ als ein bevölkerungspolitisch anzustrebendes Ziel vor, wie es der „österreichische“ Merkantilist Johann Joachim Becher (1635 – 1682) mehr als ein Jahrhundert davor formuliert hatte. Dieser pronatalis­tische Diskurs wurde im 18. Jahrhundert in den Rahmen einer göttlichen Ordnung – so der preußische Geistliche und Demograf Johann Peter Süßmilch – gestellt. Süßmilch und andere Vertreter der optimistischen Naturtheorie des 18. Jahrhunderts gingen davon aus, dass dieser Ordnung ein Gleichgewichtszustand zwischen Bevölkerung und Ernährungsbasis entspreche, der sich langfristig immer wieder einstelle (Sieferle 1990: 68 f.). In den 1830er- und 1840er-Jahren gewann malthusianisches Denken jedoch immer mehr Anhänger, die Malthus’ Prognosen durch das ...

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