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Beichte eines Verführers

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Megan Hart

Beichte eines Verführers

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Juliane Korelski

1. KAPITEL

Januar

Diesen Monat heiße ich Mary.

Vorhin habe ich noch gesagt, dass ich Sex haben will, aber jetzt traue ich mich nicht, das Badezimmer zu verlassen. Was ich nicht wissen kann ist, dass Joe es nicht mag, wenn man versucht, ihn zu verführen, ohne Taten folgen zu lassen. Außerdem will er keine Zeit verlieren. Schließlich hat er mich ja schon umworben, die Drinks spendiert und mir Komplimente gemacht. Wenn ich in den nächsten fünf Minuten nicht aus dem Badezimmer herauskomme, wird er seinen Mantel nehmen und gehen.

Aber das kann ich nicht wissen. Denn ich habe ihn erst vor drei Stunden in einer Bar kennengelernt. Als er seinen Namen nannte, hielt ich das für einen schlechten Scherz. Aber Joe ist von all den Männern, die ich in dieser Nacht getroffen habe, der einzige, der versucht hat, sich ernsthaft mit mir zu unterhalten. Deshalb habe ich ihn mitgenommen. Außerdem sieht er verdammt gut aus. Sein Lächeln ist bezaubernd, so als würde er versuchen, ernst zu bleiben, was ihm aber nicht gelingt.

„Mary, ist alles okay bei dir?“

Seine Stimme dringt durch die Badezimmertür und lässt mich erschauern.

Der Türknauf fühlt sich unter meinen Fingern kühl an und lässt sich spielerisch leicht drehen. Langsam öffne ich die Tür. Ich bin für ihn bereit, und will es ihm zeigen. Das Warten hat sich für ihn gelohnt: Ich trage nur noch ein weißes Spitzenhöschen und den dazu passenden BH. Ich widerstehe dem Drang, die Arme über der Brust zu kreuzen, um Joes prüfendem Blick zu entgehen.

Als er mich sieht, weiten sich seine Augen. Die Zunge gleitet über seine Lippen, die ich bisher noch nicht geküsst habe. Ich will ihn küssen, sofort. Ich stelle mir vor, wie gut seine Lippen schmecken werden.

„Verdammt!“, stößt er leise hervor.

Ich werte es als Kompliment und wage ein zaghaftes Lächeln.

Langsam drehe ich mich um mich selbst, damit er mich von allen Seiten bewundern kann. Als ich ihn wieder ansehe, greift Joe nach meiner Hand und zieht mich ein, zwei Schritte zu sich heran. Unsere Körper prallen aufeinander, als würden sie magnetisch voneinander angezogen.

Er hat sein Hemd aufgeknöpft, und seine feinen Brusthaare kitzeln meine weiche Haut. Ich zittere. Meine Nippel stellen sich auf und zeichnen sich unter der Spitze ab. Hitze steigt von meinem Unterleib in Wellen auf. Joe umfasst meine Hüften. Ich wage es nicht, ihm in die Augen zu sehen.

Behutsam schiebt er mich in Richtung Bett. Es ist wunderbar breit, King-Size, er hat an der Rezeption danach mit genau dem schiefen Grinsen gefragt, das mich vom ersten Augenblick an fasziniert hat. Als wollte er sagen: „Ja, ich bin ein böser Junge. Aber es wird so heiß werden, dass es dir anschließend egal ist.“

Der Rezeptionist suchte betont konzentriert, bis er das für uns passende Zimmer gefunden hatte. Offensichtlich dachte er, wir planen eine Orgie, weil wir nach dem „größten Bett im Hotel“ fragten.

Nun, es ist keine Orgie. Es sind nur Joe und ich.

Der Heizkörper unter dem Fenster bläht die Gardinen auf und verströmt einen abgestandenen Geruch, aber ich hab gewusst, was mich erwartet. Myrrhe und Weihrauch gehören definitiv nicht dazu.

„Komm schon.“ Ungeduldig schiebt Joe mich auf das Bett.

Endlich küsst er mich. Er küsst meinen Hals und den Ansatz meiner Brüste. Ich wölbe meinen Rücken, um ihm entgegenzukommen, um das köstliche Gefühl auszukosten, das seine Lippen auf meiner Haut verursachen. Meine Lippen öffnen sich leicht, um ihn zu locken, doch er küsst mich nicht.

Seine Hände gleiten an meinen Schenkeln hinauf und über meinen Unterleib. Ich schnappe nach Luft, weil es mich überrascht, ihn überall zu spüren. Er merkt es nicht mal, oder er will es nicht merken. Vielleicht ist es ihm egal? Ich schmelze bei seinen Liebkosungen dahin, bin wie Wachs in seinen erfahrenen Händen.

Das alles passiert so rasend schnell, und auch wenn ich Joe gerne bremsen würde – mir fehlen die Worte. Schon gleiten seine Finger hinab zu meinem Venushügel, und durch die feine Spitze kreisen sie langsam um meine Klit. Ich wünsche mir, dass er seine Finger schneller bewegt.

„Gefällt dir das etwa?“

Ich nicke nur. Joe grinst, greift hinauf zu meinem BH und öffnet lässig die Vorderschließe. Als meine Brüste aus der Spitze befreit werden, seufze ich leise. Oh, ich will seine Lippen spüren, seine Zunge soll zwischen meinen Nippeln spielerisch hin- und herspringen. Ich will sehen, wie er an ihnen saugt, erst an dem einen, dann an dem anderen, und ja, dann soll seine Hand wieder zwischen meine Beine gleiten. Schon von den ersten Liebkosungen bin ich feucht, ich kann es bei jeder Bewegung spüren.

Er lehnt sich zurück und streift das Hemd ab. Ich bewundere seinen Körper. Es war mir schon vorher aufgefallen, wie gut ihm jedes einzelne Kleidungsstück steht, aber nackt wirken seine Schultern noch breiter. Joe hat einen flachen Bauch mit festen Muskeln, die nicht übertrieben durchtrainiert sind. Er öffnet den Gürtel seiner Hose und knöpft sie auf. Die feinen Härchen auf Brust und Armen sind bei ihm ein bisschen dunkler, während seine Haare die helle Farbe einer Löwenmähne haben. Ich frage mich unwillkürlich, ob er sich die Haare färbt oder ob bei allen Männern die Körperbehaarung dunkler ist.

Er zieht die Hose und die Boxershorts aus. Ich kann nicht hinsehen … Ich drehe den Kopf weg. Mir stockt der Atem, und ich spüre das heftige Pochen meines Herzens. Ich spüre, dass er sich neben mich auf das Bett kniet. Seine Hand gleitet wieder zwischen meine Schenkel und streichelt mich. Ich hebe ihm meinen Körper entgegen, und ein leiser Schrei entweicht mir. Meine Lippen wollen seine schmecken.

„Komm, zieh dich aus“, flüstert er. Er lässt mir keine Zeit einzuwilligen. Schon sind seine Finger an meinen Hüften und ziehen meinen Slip herunter.

Nun liege ich nackt vor ihm. Er kann den schmalen Schamhaarstreifen sehen, meine Klit und das feuchte Glänzen meiner Erregung.

Joe spreizt meine Schenkel und ich stöhne auf. Das gefällt ihm anscheinend, sein Atem geht schneller und heftiger. Seine neugierigen Finger gleiten zu meinem empfindlichsten Punkt. Es fühlt sich einfach unbeschreiblich an, als er mich dort streichelt. Mein Becken streckt sich ihm entgegen.

Ich verspüre ein ungewohntes Ziehen, eine schmerzende Leere. Hitze überflutet meinen Körper, brandet über meinen Bauch und meine Brüste hinweg und staut sich in meinem Unterleib.

Endlich beugt sich Joe über meine Brustspitzen und nimmt die eine in den Mund. Er saugt daran, und ich wimmere leise. Ich greife nach seinem Kopf, fühle das weiche, lockige Haar. Während Joe nicht von meinem Nippel ablässt, krallen sich meine Finger in sein Haar. Er murmelt etwas, hört aber nicht auf, an meiner Brust zu saugen und meine Perle zu reiben. Mein Atem geht immer schneller, es fühlt sich an, als schwinden mir die Sinne.

Schon vorher bin ich mit Jungs zusammen gewesen, wir haben herumgeknutscht und geschmust. Heimlich habe ich den Jungs einen runtergeholt, meist auf der Rückbank ihres Autos. Ich habe mich immer gefragt, warum sie so viel Aufhebens von der Sache machen, es war doch nur ein bisschen Streicheln und Ruckeln, danach war’s meist schon vorbei. Aber das waren Jungs und keine Männer, die genau wissen, was sie tun. Joe fragt mich ja nicht mal, er tut einfach, wonach ihm ist. Das ist genau das, was ich brauche, wonach ich gesucht habe, und ich verliere meine Scheu vor ihm.

Als sein Mund langsam von meinen Brüsten über den Bauch hinabgleitet und sich auf mein Lustzentrum konzentriert, spanne ich mich unwillkürlich an. Aber aus meinem Widerstand wird ein leises Stöhnen, als Joe meine Beine spreizt und seine Zunge das erste Mal hinauf zu meiner Klitoris gleitet.

Oh mein Gott, ist das wunderbar …

Ich habe mir immer vorgestellt, wie das sein könnte, wenn ich mich mit dem Massagestrahl der Dusche oder mit den Fingern befriedigte. Nichts konnte mich auf diesen Genuss vorbereiten. Joes Zunge ist so sanft und warm, sie fühlt sich weicher an als seine Finger. Es ist, als würden winzige Wellen über mich hinwegbranden. Ich lasse mich fallen. Joe leckt weiter, und ich erzittere. Er leckt mich, wieder und wieder, und ich kann nichts anderes tun, als die Beine weiter zu öffnen. Ich gebe ihm alles.

In meinem Unterleib baut sich eine herrliche Spannung auf, und meine Nippel sind so groß und hart wie kleine Kieselsteine. Ich schreie leise auf, und zu meiner Enttäuschung hält Joe in diesem Moment inne. Ich spüre seinen heißen Atem und winde mich unter ihm vor Lust.

Nie zuvor habe ich einen Orgasmus zusammen mit einer anderen Person gehabt. Manchmal bin ich kurz davor gewesen, aber jedes Mal verflog die Erregung im letzten Moment.

Joe hält erneut inne, und ich fürchte, auch diesmal wird es nichts mit dem Höhepunkt. Meine Oberschenkel zittern, und ich spüre, wie sich die Muskeln in meinem Bauch zusammenziehen. Jetzt würde eine einfache Berührung genügen, damit ich den Gipfel erreiche. Doch Joe tut nichts.

Ich höre etwas knistern, aber ich kann nicht sehen, was er tut. Für einen Moment verlässt er das Bett, dann ist er wieder über mir, sein Körper bedeckt mich, die Brusthaare kitzeln auf meinen Nippeln, die von seinen Liebkosungen noch feucht sind. Seine Schenkel schieben meine auseinander.

Während ich tief Luft hole, schließe ich die Augen und ahne, was jetzt kommt. Mit einem tiefen Seufzen bewegt er sich. Er ist in mir.

Es überrascht ihn, dass ich aufschreie. „Verdammt!“, ruft er. „Bist du etwa noch Jungfrau?“

Sein unwillkürlicher Ausruf verwirrt mich. „J-ja …“, stottere ich.

„Herrje“, sagt er. Aber er bleibt auf mir liegen, er bleibt in mir, obwohl ich es ihm nicht verübeln würde, wenn er aufstünde und ginge. Der anfängliche Schmerz weicht einem angenehmen Gefühl von Erfülltsein. Es fühlt sich nicht unangenehm an. Es ist nicht vergleichbar mit der Glückseligkeit, die mir meine Freundinnen prophezeit hatten. Andererseits ist es nicht die unerträgliche Qual, von der die Nonnen in der Klosterschule erzählten. Ich habe mich immer gewundert, woher eine Nonne wissen konnte, wie sich Sex beim ersten Mal anfühlt.

„Es tut mir leid“, sage ich. „Ich hab gedacht, du merkst es nicht.“

Joe richtet sich auf und betrachtet mich mit einem umwerfenden Lächeln. „Dein Schreien hat dich verraten.“

„Es hat mich überrascht“, verteidige ich mich.

Sein Blick wird weich, und er beugt sich über mich. Zärtlich küsst er mich auf die Wange. „Hättest du mir nur was gesagt … Ich wäre vorsichtiger gewesen.“

Vorsichtig rücke ich mit der Wahrheit heraus, warum ich wirklich hier bin. „Ich wollte es einfach hinter mir haben“, sage ich.

Erstaunt sieht er mich an. „Wieso?“

„Ich bin dreiundzwanzig, da wird es wohl langsam Zeit. Meine Freundinnen haben es schon längst getan, und ich bin es leid, die einzige Jungfrau zu sein. Ich wollte es endlich tun.“

Noch immer ist er in mir. Obwohl es nicht wehtut, wird die Position langsam unbequem für mich. Es läuft alles überhaupt nicht so, wie ich es geplant habe – bis auf den Teil des Plans, einen Typen in einer Bar aufzureißen, der mich mitnimmt und endlich meiner Jungfräulichkeit ein Ende bereitet.

Behutsam macht Joe eine stoßende Bewegung. Ich liege angespannt da, warte auf den Schmerz, der nicht kommt. Sein Mund ist nah an meinem Ohr, so nah, dass seine Zunge die Linie meines Ohrs erforscht.

„Du hättest das nicht machen müssen, um es hinter dich zu bringen. Gerade beim ersten Mal nicht“, flüstert er mit rauer Stimme.

Seine Hand schiebt sich unter mein Haar, das auf dem Kissen ausgebreitet liegt wie ein Fächer. Sanft beißt er in mein Ohrläppchen, küsst meinen Nacken. Seine Zähne graben sich in das zarte Fleisch meiner Schulter. Langsam beginnt er, sich in mir zu bewegen. Beim nächsten Stoß komme ich ihm entgegen. Ich keuche auf.

Er lächelt. „Ist das gut?“

Oh ja, es ist gut. Aber ich vermute insgeheim, dass es ihm egal wäre, wenn es nicht gut wäre für mich. Joe stützt sich auf den Händen ab, bewegt sich etwas schneller. Die Sehnen seiner Unterarme treten hervor. Ich wage nicht, zwischen uns hinabzusehen. Dorthin, wo unsere Körper miteinander verschmolzen sind. Seine dunklen Locken vermischen sich mit meinem hellen Schamhaar. Ich kann sehen, wie er aus mir heraus- und wieder hineingleitet.

Sex ist so ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Ich weiß nicht mal, ob es besser oder schlechter ist als in meiner Vorstellung. Ein warmes Gefühl macht sich in mir breit, zuerst in meinen Brüsten, dann hinauf bis zu meinem Hals. Ich glühe. Joe bewegt sich über mir, und ich denke: Wir sind verbunden.

Er sieht ernst aus. Konzentriert dringt er in mich ein, die Augen zusammengekniffen, den Mund vor Anstrengung verzogen. Schweiß rinnt an seiner Schläfe herab. Ich atme seinen Geruch ein, er riecht nach einer Mischung aus herber Seife, frischer Erde und Moschus. Ein bisschen kupfrig, wie Blut. Ich glaube, es ist die Lust. Meine Hände gleiten hinauf zu seiner Brust, spüren die angespannten Muskeln. Spielerisch gleiten meine Fingerspitzen über seine Brustwarzen, die so anders sind als meine – kleiner und härter. Versuchsweise drücke ich die eine zusammen, und als Joe stöhnt, mache ich weiter.

Seine Stöße werden härter und fordernd. Ein Zittern rinnt durch seinen Körper. Abrupt hält er inne und blickt auf mich herab. Ich erwidere seinen Blick. Er rollt uns herum, bis ich auf ihm sitze, die Beine neben seinem Körper gespreizt. Ich habe mich vorsichtshalber mit einer Hand auf seiner Brust abgestützt, während seine Hände meine Hüften umklammern. Seine Bewegungen sind geübt und schon im nächsten Moment stöhne ich auf, denn er ist noch tiefer in mir.

„Komm schon, lehn dich vor.“ Selbstbewusst legt er meine Hände auf seine Schultern, und ich gehorche. Langsam beginnt er, sich wieder zu bewegen, und oh, das ist verdammt gut. Er füllt mich ganz und gar aus, bewegt sich vor und zurück. Meine Klit reibt sich mit jedem Stoß an seinem Bauch. Das herrliche Gefühl, von ihm ganz und gar erfüllt zu sein, baut erneut diese herrliche, beinah schmerzhafte Spannung in mir auf. Joe schiebt eine Hand zwischen uns, und sein Daumen beginnt, mit jedem Stoß meine Perle zu reiben, und dieser zusätzliche Druck lässt die Lust durch meinen Körper rasen wie Stromstöße.

„Ich möchte sehen, wie du kommst“, flüstert er, und diesmal bin ich sicher, dass es mir gelingt.

Jetzt bewegt er sich schneller. Jeder Stoß treibt meine Klitoris gegen seinen Daumen, er ist tief in mir, und meine Knie zittern, heiße Schauer rinnen über meinen Körper und ich kann nur noch keuchend und stöhnend nach Luft schnappen.

Joe stöhnt und stößt in einem immer schnelleren Rhythmus. Unsere Körper prallen aufeinander, mein Hintern prallt auf seine Oberschenkel, mein Bauch klatscht auf seinen Bauch. Ich habe meine Hände in seine Schultern gekrallt, die Handflächen auf die Schlüsselbeine gedrückt. Sein Puls schlägt immer schneller gegen meine Finger in seinem Nacken.

Und ich schreie. Es fühlt sich so wahnsinnig gut an, auch wenn ich nichts mehr spüre außer diesem süßen Entzücken, der Lust, die durch meinen Körper brandet. Eine köstliche Spannung baut sich in mir auf, wie ein Brunnen, der kurz davor ist, überzulaufen.

Aber jetzt noch nicht. In diesem Moment schiebt er mich in eine aufrechte Position, und ich sitze nun auf ihm. Auch wenn ich nicht mehr von dem Druck bei jedem Stoß stimuliert werde, ist Joes Finger sofort zur Stelle, mich in kleinen Kreisen im Rhythmus seiner Stöße zu reiben. Und das ist besser, fast unerträglich gut, bis ich das Gefühl habe, es nicht mehr auszuhalten.

„Joe, oh Joe!“, stöhne ich laut. Jetzt weiß ich, dass die Dialoge in den kitschigen Liebesromanen gar nicht so unrealistisch sind, wie ich immer glaubte. Ich will noch viel mehr sagen, will meine Liebe und Dankbarkeit herausschreien. In diesem Moment ist alles möglich. Ich könnte mich auch in ihn verlieben, dieses rasende Gefühl, das durch meine Adern rinnt, berauscht mich mehr als der beste Wein. Erneut schreie ich seinen Namen, danach kann ich nichts mehr sagen, ich stöhne vor Lust.

Ich bin unglaublich feucht, und Joes Finger gleiten immer schneller über meine Klit, und all das jagt mir ein Schaudern nach dem nächsten über den Körper. Er stößt mich immer heftiger, ich komme ihm entgegen und wir verlieren uns beide in diesem atemlosen Auf und Ab.

Ich habe das unglaubliche Gefühl, dass Joes Schwanz in mir noch dicker wird. Er schließt die Augen, konzentriert sich auf den unnachgiebigen Rhythmus, aber ich wünsche mir, dass er mich ansieht. Er soll sehen, wie ich komme. Ich will wieder das Gefühl haben, mit ihm verbunden zu sein, aber er tut mir den Gefallen nicht. Doch unsere Körper sind miteinander verbunden. Das genügt mir für den Moment, denn die Erregung rinnt wie elektrische Funken durch meinen Körper. Ich bin ein einziges Zucken, eine unbeschreibliche Hitze breitet sich von meiner Körpermitte aus und erfasst jede einzelne Faser. Es ist, als würde alles in mir gestreckt, bis zu einem Punkt, an dem ich einfach vor Lust explodiere.

Kein Wort dringt durch meine Lippen, vor sinnlicher Verzückung bin ich verstummt. Ich lege den Kopf in den Nacken, empfinde nur noch Lust und Ekstase. Es ist, als würde mein Körper nur noch von den einzelnen Atemzügen zusammengehalten. Erneut habe ich das Gefühl, glühend auseinanderzufallen, aber diesmal geschieht es schneller, nicht ganz so dramatisch, jedoch nicht minder berauschend.

Ich atme tief durch. Als ich auf Joe hinabblicke, hoffe ich, in seinem Blick mehr zu sehen – aber ich werde enttäuscht. Er scheint weit weg zu sein, obwohl er die Augen geöffnet hat. Er stöhnt, seine Stöße werden immer härter und heben meinen Körper in die Höhe. Ein paarmal keucht er, dann spüre ich, wie er in mir pulsiert. Es ist vorbei. Joe fällt erschöpft auf das Kissen zurück und schließt die Augen.

Erst als ich wieder zu Atem gekommen bin, schiebe ich mich von ihm herunter. Er gleitet aus mir heraus, und für mich fühlt es sich an, als würde ich etwas Wertvolles verlieren. Die Leere von vorhin ist wieder da, aber diesmal ist es anders. Mein Körper fühlt sich an, als hätte ich mich im Fitnessstudio vollkommen verausgabt. Ich spüre Muskeln, von denen ich nicht mal wusste, dass ich sie habe. Aber es fühlt sich herrlich an.

In Gedanken wandere ich über meinen Körper hinweg, als wollte ich prüfen, ob alle Organe und Systeme noch funktionieren. Ich hatte immer geglaubt, es würde sich nach dem ersten Sex anfühlen, als stecke ich in einem anderen Körper. Aber es ist derselbe Körper, er fühlt sich bloß unglaublich schläfrig an, und meine Wangen glühen.

Ich lege mich neben Joe, bette meinen Kopf an seine Schulter und lege meine Hand auf seine Brust. Schläft er? Seine Brust hebt und senkt sich langsam. Durch meinen neuen Status als „richtige“ Frau ermutigt blicke ich hinab zu seinem Penis, der im Kondom auf seinem Oberschenkel ruht. Er sieht genauso erschöpft und schlaff aus wie ich mich fühle, und ich kämpfe gegen ein albernes Kichern an.

„Das war besser als es einfach nur hinter sich zu bringen“, sage ich und schaue zu ihm auf. Er grinst, lässt die Augen aber geschlossen.

„Das freut mich“, sagt er schläfrig.

Ich wünschte, er würde mehr sagen. Während die Leidenschaft langsam abklingt, sehne ich mich nach Bestätigung. Habe ich alles richtig gemacht? Und ja, ich möchte, dass er mich ansieht.

Ich erwarte ja keine Liebeserklärung von ihm. Aber … es wäre schön, wenn … etwas mehr wäre schön. Immerhin habe ich ihm meine Jungfräulichkeit geschenkt. Ja, ich wollte es hinter mir haben, aber trotzdem war es ein Geschenk, oder nicht?

Vielleicht denkt Joe nicht so. Ob er daliegt und die Minuten zählt, bis er aufstehen, sich anziehen und gehen kann? Wenn das so ist, sollte ich ihm zuvorkommen.

Ich stehe auf. Der Teppich fühlt sich unter meinen nackten Füßen verfilzt und dreckig an. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wer schon darübergelaufen ist, oder, noch schlimmer, wie viele Pärchen schon in diesem Bett gevögelt haben. Ein Schauer rieselt über meinen Rücken, und ich zittere. Ich greife nach dem BH und sehe mich nach meinem Höschen um. Die weiße Spitze ist im Weiß der Betttücher verschwunden, meine Hände streichen darüber, ziehen die Wellen glatt, die unser Sex aufgeworfen hat.

Joe öffnet verschlafen ein Auge und dreht sich auf die Seite, um mich zu beobachten. Schließlich finde ich das Höschen und knülle es zusammen. Auch wenn ich nicht geblutet habe, möchte ich mich waschen, um mich von dem klebrigen Gefühl zu befreien. Ich schicke ein Gebet zur Jungfrau Maria, obwohl sie kaum dieses nächtliche Abenteuer gebilligt hätte.

Etwas nervös gehe ich ins Badezimmer und halte einen Waschlappen unter heißes Wasser. Joe folgt mir, aber ich konzentriere meinen Blick auf das Wasser, das in das Waschbecken läuft. Er wirft das Kondom in den Mülleimer, stellt sich vor das Klo und uriniert. Ich fühle mich gedemütigt. Danach greift er in die Dusche und dreht sie auf. Dampf steigt auf.

„Willst du mit mir duschen?“, fragt er.

„Nein!“ Ich stoße die Antwort heftiger hervor als beabsichtigt. Ohne ein weiteres Wort streife ich mir das Höschen über und schließe den BH, dann nehme ich die Bluse und den Rock vom Haken an der Badezimmertür. Ich ziehe mich schneller an als ich die Sachen vorher abgelegt habe, obwohl meine Hände unkontrolliert zittern. Die Knopfleiste knöpfe ich falsch, aber das ist mir egal.

Joe starrt mich an. Ich streiche das Haar glatt und werfe einen knappen Blick in den Spiegel über dem Waschbecken, der vom Wasserdampf beschlagen ist. Meine Augen sind nur zwei dunkle Flecken, meine Lippen eine verwischte Linie Rot. Es ist, als habe ich kein Gesicht, aber das ist gut so. Ich könnte es jetzt nicht ertragen, mich anzusehen.

Ich verstehe ihn nicht, und mich verstehe ich erst recht nicht. Was soll ich jetzt machen? Vor wenigen Minuten war die Vereinigung mit ihm alles, was ich wollte, und jetzt kann ich es kaum erwarten, die Tür des Hotelzimmers hinter mir zuzuknallen.

„Hey, was ist los?“, fragt er.

„Nichts“, behaupte ich. „Ich muss gehen.“

„Bist du sicher?“

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits bin ich froh, dass er mich nicht bedrängt, aber andererseits bin ich verzweifelt, weil er nicht besorgter ist.

„Ja, ich bin sicher.“

„Okay“, sagt er und steigt in die Dusche. „Pass auf dich auf.“

Ich stoße einen leisen Schrei aus und greife nach meiner Handtasche, die auf dem Waschtisch liegt. Das war’s also?

Joe dreht sich zu mir um und mustert mich über die Schulter hinweg mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Und du bist sicher, dass alles in Ordnung ist?“

„Ja, verdammt!“, schreie ich, obwohl nichts in Ordnung ist. Meine Stimme klingt schrill und ich bin den Tränen nahe. Ich presse die Handtasche an meine Brust. „Vielen Dank, dass du dich mit mir abgegeben hast!“

Nun dreht er sich ganz zu mir um, die Hände in die Hüften gestemmt. Ich möchte im Boden versinken oder ihm ein Handtuch reichen, damit er nicht nackt vor mir steht …

„Hör mal, ich weiß echt nicht, was dein Problem ist …“

„Natürlich weißt du das nicht!“ Aber ich will es auch nicht erklären.

„Mary.“ Joe spricht mit ruhiger Stimme. „Du bist im ’Slaughtered Lamb’ auf mich zugekommen und hast mir ins Ohr geflüstert, dass du ein Kondom hättest, auf dem mein Name steht. Das war ja wohl mehr als eindeutig. Also was ist dein Problem?“

Dieser Spruch mit dem Kondom war die Idee meiner besten Freundin Beth gewesen. Okay, es hatte funktioniert, aber …

„Hey.“ Er steigt aus der Dusche, reißt ein Handtuch vom Halter und schlingt es um seine Hüften, bevor er die zwei Schritte auf mich zu macht. Einen Moment sieht es aus, als wolle er mir die Haare aus dem Gesicht streichen, doch er zögert.

„Ich habe gedacht, du wolltest es. Jedenfalls hast du das gesagt …“

Das kann ich kaum bestreiten. Am liebsten würde ich ihm die Schuld in die Schuhe schieben, aber mir ist schon klar, dass es so nicht läuft. Ich bin keine Jungfrau mehr, und es war nun wirklich kein großer Akt. Aber ich habe mir einfach mehr davon versprochen. Wie dumm von mir!

„Ich wollte es, ja.“ Ich spüre einen dicken Kloß in meinem Hals.

„Du hast gewusst, was du wolltest, und du hast es bekommen“, sagt Joe. „Was ist daran jetzt falsch?“

„Nichts.“

„Hm. Und du bist sicher, dass du nicht mit mir duschen willst?“ Er steigt wieder in die Dusche und wirft das Handtuch auf den Boden. Obwohl er mich verführerisch anlächelt, schüttele ich den Kopf.

„Na gut. Und es ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, alles bestens. Ich geh dann mal …“

„Fahr vorsichtig“, sagt er.

Als Joe den Duschvorhang schließt, bin ich kurz davor, meine Meinung zu ändern. Aber dann ziehe ich mich fertig an und verlasse fluchtartig das Hotelzimmer. Ich lasse den Fremden zurück, der mich in dieser Nacht zur Frau gemacht hat.

„Das ist eine hübsche Geschichte“, sagte ich. „Ich mag vor allem die Stelle am Schluss – dass du sie zur Frau gemacht hast.“

„Hab ich doch, oder nicht?“ Joe griff nach dem Pappbecher mit Limonade und trank einen langen Zug. Vom Reden war er offenbar ziemlich durstig geworden.

„Ich finde nur diesen Gedanken interessant, dass eine Frau Sex haben muss, um eine Frau zu werden.“

Achselzuckend riss er das Einwickelpapier von seinem Sandwich. Er wartete immer mit dem Essen, bis er mir seine Geschichte des Monats erzählt hatte. Dann aß er mit sichtlichem Appetit, als hätte ihn die eigene Erzählung hungrig gemacht. Diesmal lagen auf dem Weizenbrot mit Truthahn, das er wie immer bestellt hatte, Tomaten. Joe hasste Tomaten. Ich beobachtete ihn, während er die Tomatenscheiben einzeln herunterpickte.

„Ist das nicht so?“, kam er auf unser Thema zurück.

Ich schwieg und beobachtete ihn beim Essen. Mein Körper musste sich erst wieder beruhigen und in die reale Welt zurückfinden. Mein Herzschlag verlangsamte sich und mein Atem ging ruhiger. Fröstelnd zog ich den Pullover enger um meinen Körper, weil ich vor Joe verbergen wollte, dass meine Nippel während seiner Erzählung hart geworden waren. Später würde ich mir zu Hause seine Geschichte ins Gedächtnis rufen. Ich würde mich an jedes kleine, schmutzige Detail erinnern und mich berühren, bis ich kam. Aber jetzt spielte ich die Unnahbare, wie ich es jeden Monat tat, wenn wir uns in der hohen Halle mit der Glaskuppel oder draußen im Park auf einer Bank trafen.

„Ich hab echt keine Ahnung, was für ein Problem sie plötzlich hatte.“ Ein Mayonnaisespritzer hing in Joes Mundwinkel, er kaute und schluckte. Ich reichte ihm wortlos eine Serviette.

„Stimmt, sie hat ja nur ihre Jungfräulichkeit an einen Fremden verloren. Vielleicht war es ihr peinlich?“, fragte ich.

Natürlich konnte ich nicht wissen, wie Mary sich gefühlt hat. Ich wusste ja nie, wie sich die Frauen von Joe fühlten oder was sie dachten. Ich wusste nur, was Joe mir erzählte, und in Gedanken ergänzte ich seine Erzählungen. Ich schmückte die Geschichten aus, stellte mir vor, wie es wohl für sie war. Wie es wohl wäre, wenn ich an ihrer Stelle wäre – all das erregte mich.

„Sie war so anschmiegsam und willig, wie hätte ich auf die Idee kommen sollen, dass sie Jungfrau war? Jedenfalls hat sie sich nicht wie eine Jungfrau verhalten.“

„Wie verhält sich denn deiner Meinung nach eine Jungfrau?“, fragte ich herausfordernd.

Joe zuckte erneut mit den Achseln. „Was weiß ich, aber sie verhielt sich, als wüsste sie genau, was sie wollte. Warum war sie danach so aufgebracht?“

Ich überlegte einen Moment. „Vielleicht war sie enttäuscht.“

Wissend grinste er mich an. „Sadie, ich habe sie nicht enttäuscht.“

„Ach klar, stimmt ja. Du hast sie zur Frau gemacht.“

Er runzelte die Stirn. „Du hast meine Frage nicht beantwortet.“

„Stimmt. Aber ich finde nicht, dass ich erst zur Frau wurde, nachdem ich das erste Mal Sex hatte. Wie war das bei dir: Hat es dich zum Mann gemacht?“

Joe warf mir einen knappen Seitenblick zu, dem er mit einem jungenhaften Lächeln die Schärfe nahm. „Ich wurde von Marcia Adams entjungfert. Sie war die beste Freundin meiner Mutter. Ich musste verdammt schnell erwachsen werden, sonst hätte ich das nicht überlebt.“

Davon hatte Joe mir noch nie etwas erzählt, und er sah mir meine Überraschung wohl an. Joe lachte herzlich, legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf in den gläsernen Himmel des Atriums.

„Willst du mir mehr darüber erzählen?“, fragte ich.

Einen kurzen Moment zögerte Joe. Er wirkte schüchtern, dabei hatte ich immer geglaubt, dieser Mann wäre nicht fähig, schüchtern zu sein. Unruhig rutschte er auf der Bank herum, und für einen Augenblick war ich mir sicher, dass er mir diesmal nicht alles erzählen würde.

„Ich war damals siebzehn, es war Sommer, und sie bot mir Geld dafür an, ihren Garten zu pflegen. Fürs College konnte ich etwas Taschengeld gut gebrauchen. Außerdem hat sie mir erlaubt, nach dem Rasenmähen ihren Pool zu benutzen.“

„Das klingt, als hättest du nicht nur ihren Rasen gemäht.“

Verlegen rieb er sich mit der Handfläche über den Nacken. „Hm, ja.“

„Und du glaubst ernsthaft, das hat dich zum Mann gemacht?“ Ich sah ihn neugierig an.

Er erwiderte meinen Blick und nickte mit feierlichem Gesichtsausdruck. „Ja, sie hat mir auf jeden Fall gezeigt, was mich erwarten wird.“

„Ich finde nicht, dass es dasselbe ist wie bei Mary.“

„Dann sag mir doch, was dich zur Frau gemacht hat, wenn es nicht die Entjungferung war“, sagte er herausfordernd. „Was war es dann?“

Ich ging auf seine Frage nicht ein. Nachdem ich einen Moment verbissen geschwiegen hatte, zuckte er mit den Schultern. „Mary hat sich jedenfalls verhalten, als würde ich ihr zwanzig Dollar in die Hand drücken und sie danach rauswerfen.“

„Wahrscheinlich hat sie angenommen, dass du einer von diesen Typen bist, die Frauen in der Bar aufreißen und einmal mit ihnen schlafen. Diese Typen erwarten, dass die Frau danach verschwindet.“

„Ich hätte sie zuerst duschen lassen!“, rief er entrüstet. „Komm schon, ich bin kein Mistkerl.“

Ich wusste es besser. Obwohl Joe es vehement bestritt, machte er genau das: Frauen aufreißen, eine Nacht mit ihnen verbringen und sich danach nie wieder bei ihnen melden.

Statt einer Antwort nippte ich an meiner Limonade. Joe ließ sein Sandwich sinken, als überlegte er. Über unseren Köpfen ragte ein riesiger Farn auf, durch den nur vereinzelte Sonnenstrahlen drangen, die auf Joes dunkelblonden Haaren tanzten. Sein Blick verfinsterte sich und er presste die vollen Lippen zusammen.

„Sag es schon“, sagte er schließlich.

Ich tat so, als wüsste ich nicht, was er hören wollte.

„Sag schon“, wiederholte er. „Ich seh’s dir an der Nasenspitze an, dass du etwas sagen willst.“

„Was soll ich sagen?“, fragte ich unbarmherzig. „Dass du genau der Typ Mann bist, der Frauen nach der ersten Nacht fortschickt?“

„Ja, genau. Nur weiter so.“ Er lehnte sich auf der Bank zurück und verschränkte die Arme.

Ich grinste. „Okay. Du bist ein Betrüger und Aufreißer. Von Treue hältst du überhaupt nichts, und Frauen bedeuten dir nichts mehr, sobald du sie einmal gehabt hast.“

„Ah, du hast vergessen, dass ich ein raffinierter Teufel bin, der alles Nötige tun und sagen würde, um eine Frau ins Bett zu kriegen. Das ist meine Religion – und aus diesem Grund habe ich mehr Frauen gehabt als ein Pornostar.“

Ich lachte. „Das Letzte ist neu, das hast du bisher noch nicht von dir behauptet.“

Joe blieb erstaunlich ernst. „Komm schon, Sadie. Du denkst doch auch, dass ich mich wie eine männliche Hure verhalte.“

Bevor ich antwortete, sah ich ihn nachdenklich an. „Joe …“

Er stand auf, knüllte das Papier von seinem Sandwich zusammen und warf es mit dem Pappbecher in den Mülleimer. Seine Bewegungen waren abgehackt, als hingen Arme und Beine an den Fäden eines ungeübten Puppenspielers. Meine Worte verärgerten ihn. Er war richtig wütend. Ich stand ebenfalls auf.

„Hör auf, Joe.“

Abrupt drehte er sich zu mir um, die Hände in die Hüften gestemmt. Heute trug er zum schwarzen Anzug ein hellblaues Hemd und eine schwarze Krawatte mit winzigen blauen Punkten. Der Anzug hatte bestimmt mehr gekostet als die jährliche Rate für meinen Wagen.

Das Schattenspiel ließ seine blaugrünen Augen, die hohen Wangenknochen und seine Nase finster wirken. Sein ernster, beinahe zorniger Blick warf winzige Fältchen in seinen Augenwinkeln auf. Es war unfair – selbst in diesem Augenblick sah er unverschämt gut aus.

„Ich weiß doch, dass du so denkst. Also kannst du es auch ruhig sagen.“

„Es hilft nur nichts, wenn ich es sage, Joe. Du wirst dich kaum ändern“, sagte ich.

„Nur weil es jetzt so ist, muss das nicht immer so sein!“ Er stieß diese Worte mit ungewohnter Heftigkeit hervor. Sein Ausruf erschütterte die mittägliche Ruhe, und für einen Moment schien die Welt stillzustehen.

Ich hätte Joe nicht verspotten dürfen, denn seine Worte machten auch mich wütend.

„Ach, hör schon auf!“, rief ich.

Joe trat auf mich zu. In seiner Wut ragte er bedrohlich groß vor mir auf, obwohl er nur wenige Zentimeter größer war als ich. Ich widerstand dem Drang, vor ihm zurückzuweichen. Dabei stand er so nahe vor mir, dass er mich jederzeit küssen konnte, wenn er es gewollt hätte. Aber meine Rolle war und blieb die der unparteiischen Beobachterin.

Er genoss seine Rolle als Frauenheld, und ich war für ihn die aufgeschlossene Freundin. In Wahrheit ließ seine Nähe meine Knie erzittern. Ich konnte seine Wimpern zählen, ich atmete seinen Geruch ein, ich fühlte die Hitze seines Atems auf meinem Gesicht. Ich war ihm zu nah. Seine Gegenwart machte mich nervös und erregte mich, aber davon durfte er nichts wissen.

„Es muss nicht immer so sein“, wiederholte er.

„Das erzählst du ja nicht zum ersten Mal. Und trotzdem kommst du jeden Monat wieder mit einer neuen Geschichte an. Du musst schon verzeihen, wenn mir die Vorstellung eines geläuterten, treuen Joe etwas abwegig erscheint.“

Nun wich er vor mir zurück und wies anklagend auf mich. „Und du hörst mir alle vier Wochen zu, als könntest du es nicht erwarten.“

Provozierend blickte ich ihn an. „Es ist wohl kaum mein Fehler, dass du diese Geschichten erlebst!“

Er schnaubte unwillig und wischte etwas mit der Hand beiseite. Vielleicht mich und unsere Freundschaft, in dem Moment wusste ich es nicht.

„Ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen.“

„Und warum versuchst du es dann so verbissen?“

Bisher hatten wir uns nie gestritten. Streit war nur etwas für Leute, die wirklich Freunde waren. Und diese Nähe hatte ich uns beiden nie zugestanden. Mein Herz schlug laut, und ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. In mir herrschte ein unerklärlicher Aufruhr, und ich bohrte meine Fingernägel in die Handflächen, weil ich vor Wut die Hände zu Fäusten ballte. So viel zu meiner ruhigen und gelassenen Haltung. Mit Mühe entspannte ich meine Hände, und Joe bemerkte diese Bewegung. Er blickte von meinem Gesicht zu meinen Händen und zurück.

„Und was ist mit dir? Was willst du dir beweisen?“

„Ich?“ Seine Frage überraschte mich. „Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“

„Warum hörst du dir meine Geschichten an?“

Abrupt wandte ich ihm den Rücken zu und pfefferte meinen Müll in den Abfalleimer. Ich spürte seine Blicke in meinem Rücken.

„Es ist wohl nicht so nett, wenn ich den Spieß umdrehe?“ Ich konnte das selbstgefällige Grinsen förmlich aus seiner Stimme heraushören und wandte mich zu ihm um.

„Ich habe mir deine Storys jetzt über ein ganzes Jahr lang angehört, Joe. Ich glaube, es ist nicht mehr als eine schlechte Angewohnheit.“

Ich merkte, wie ihn meine Worte trafen. „Schlechte Angewohnheiten sollte man wohl einfach ablegen, oder?“, fragte er langsam.

Er drehte sich auf dem Absatz um und ging. Panik stieg in mir auf. Joe brach einfach mit den Rollen, die wir im letzten Jahr angenommen hatten. Was bedeutete das? Würde er nicht zurückkommen? Oder hieß es nur, dass er keine Geschichten mehr für mich haben würde?

„Joe!“, rief ich hinter ihm her, aber er drehte sich nicht um. Ich war zu stolz, seinen Namen ein zweites Mal zu rufen. Ich wartete, bis er verschwunden war, bevor ich auf die Bank sank. Die schmerzenden Hände ruhten in meinem Schoß.

Die Pflanzen um mich herum – der tief hängende Schwertfarn – schienen mich zu verhöhnen. Aber solange sie keine Stimme hatten, musste ich ihnen auch nicht zuhören.

2. KAPITEL

Ich lernte Adam kennen, als ich in meinem ersten Jahr an der Universität eine Party besuchte. Es war keine Party im Verbindungshaus, sondern im sogenannten Literaturhaus, einem dreistöckigen, viktorianischen Backsteinhaus. Der gewaltige Bau war schon immer die Heimat der meisten Englischstudenten gewesen. Es war wie eine verschworene Gemeinschaft. Die Graffiti an den Wänden enthielten Zitate von Oscar Wilde, Shakespeare und Robert Burns; die Limericks waren nicht nur intelligent, sondern auch zweideutig. Meine Mitbewohnerin Donna hatte mich eingeladen, sie auf die Party zu begleiten. Donna war schon in einem höheren Semester und hatte mich ein wenig unter ihre Fittiche genommen.

Eigentlich mochte ich kein Bier, trotzdem holte ich mir eins und schaute mich um. Donna ließ mich stehen und gesellte sich zu einem hübschen Kerl, den sie aus einem Seminar kannte. Ich bewegte mich durch die Menge und suchte nach der Toilette. Um mich herum diskutierten betrunkene Studenten über das jambische Versmaß und Symbole in der Dichtung.

Vergeblich suchte ich nach dem Bad. Man hatte mir versichert, die Toilette sei „einfach da vorne durch“, aber stattdessen fand ich in der Küche Adam. Er saß auf der Küchentheke. Seine unbeschreiblich langen Beine steckten in verwaschenen Jeans und er trug die schäbigsten braunen Schuhe, die ich je gesehen hatte. Auf seinem schwarzen T-Shirt prangte der Schriftzug einer bekannten Rockband. Ein Ring glitzerte in einem Ohrläppchen, und sein Haar fiel bis auf die Schultern. In der einen Hand hielt er eine Zigarette, eine Flasche Bier in der anderen.

„Das Klo?“, fragte er knapp, und als ich nickte, wies er auf die kleine Tür direkt neben der Kellertür. „Die Tür lässt sich nicht abschließen. Aber ich pass für dich auf, wenn du magst.“

Er grinste mich an und offenbarte perfekte, weiße Zähne. Die oberen Schneidezähne standen ein bisschen schief, aber gerade dieses winzige Detail machte ihn in diesem Moment für mich mehr als nur interessant. Ich ging zur Toilette, und als ich zurückkam, zog er mich in eine Diskussion über die Bücher von Anais Nin und verglich sie mit der erotischen Literatur der Gegenwart. Für den Rest des Abends verließ ich die Küche nicht mehr.

In dieser Nacht war ich das erste Mal in meinem Leben betrunken.

Als wir später nach Hause wankten, fragte mich Donna, wer er war.

„Ich weiß es nicht“, lallte ich mit schwerer Zunge. „Aber ich bin mir sicher, ich werde ihn heiraten!“

Als ich zwei Wochen später mein Zimmer verließ, um zu einem Seminar zu gehen, sah ich ihn wieder. Er klebte gerade einen Notizzettel an die Zimmertür von Rachael Levine, meiner Verbindungsstudentin. Rachael war versessen darauf, uns immer wieder die Gefahren von Alkohol und unüberlegtem Sex aufzuzählen. Sie war nicht besonders gut darin, ihre eigenen Ratschläge zu befolgen, denn auch mit zweiundzwanzig fiel sie regelmäßig bei den Studentenpartys auf, weil sie zu viel trank. Außerdem ließ sie einen reichen Vorrat an Kondomen in ihrem Zimmer herumliegen, sodass ihn jeder sehen konnte. Hinzu kam, dass sie stets mit ihrem „fantastischen“ Freund angab.

Sein Name war Adam Danning.

Er drehte sich zu mir um und lächelte mich mit jenem Lächeln an, das mich vor zwei Wochen schon um den Verstand gebracht hatte.

„Hey, wir kennen uns“, sagte er.

Zwischen zwei Herzschlägen veränderte sich mein Leben.

„Du bist Sadie, stimmt’s?“

Ich brachte kein Wort heraus. Was sollte ich auch sagen? Er war so groß und hübsch. Er hielt geniale Vorträge über die Unterschiede von Erotik und Pornografie in der Literatur. Er trank Straub-Bier und rauchte Marlboros. Und er war der Freund von Rachael.

Aber ich brauchte nicht viel zu sagen. Adam begleitete mich zum Raum meines nächsten Seminars und übernahm einen Großteil der Unterhaltung. Er sprach über seine Arbeit beim Institut für englische Literatur und über einen Film, den er am Vorabend gesehen hatte. Er machte es mir leicht, nichts zu sagen. Ich berauschte mich an seinen Worten, wie ich mich vor zwei Wochen am Bier berauscht hatte.

„Dieses Wochenende steigt wieder eine Party im Literaturhaus“, sagte er, als sich unsere Wege trennten – er wollte zur Arbeit, während ich meine Einführungsveranstaltung in Psychologie nicht verpassen wollte. „Kommst du?“

Oh, ja … Ich würde dort sein.

Nach den ersten sechs Wochen des ersten Semesters aßen wir drei- oder viermal in der Woche gemeinsam zu Mittag, und er brachte mich mindestens ebenso häufig zu meinen Seminaren. Wir sprachen über alles: Politik, Filme, Kunst, Bücher, Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll. Er las mir Gedichte vor oder rezitierte sie auswendig. Adam weihte mich in das Geheimnis der Worte ein.

Nie sprach er über Rachael, obwohl sie oft über ihn sprach. Sie redete immer und überall von Adam, ob man es nun hören wollte oder nicht. Obwohl Adam und ich kein Geheimnis daraus machten, dass wir uns sahen, schien sie nicht zu glauben, dass zwischen uns irgendwas lief. Im Gegenteil: Rachael nahm mich unter ihre Fittiche und gab mir unaufgefordert Ratschläge. In der Woche, in der die Füchse in den Studentenverbindungen ihre Aufnahmeprüfungen bestehen mussten, die unter anderem darin bestanden, das Toilettenpapier aus dem ganzen Haus zu entwenden, hielt sie für mich ein paar Rollen zurück. Sie behandelte mich wie eine kleine, vielleicht ein bisschen zurückgebliebene Schwester. Von mir ging keine Bedrohung aus, denn ich war ja die Kluge und Wissbegierige, die immer lernen wollte. So war es schon auf der Highschool gewesen. Wenn ich mir meiner Schönheit bewusst gewesen wäre, hätte ich es bei ihr nicht so leicht gehabt.

Adam war für mich wie ein Spiegel. Bei den Gesprächen mit ihm fand ich langsam heraus, welchen Weg ich gehen wollte. Nie sagte er mir, was ich tun oder denken sollte, obwohl wir uns in vielen Dingen so ähnlich waren. Es war einfach, all das zu mögen, was er auch mochte. Adam war für mich wie ein innerer Führer, er zeigte mir Facetten meines Ichs, die ich bisher nicht entdeckt hatte. Bisher hatte ich nicht gewusst, welchen Schwerpunkt ich in meinem Studium setzen sollte, während Adam schon an seiner Abschlussarbeit in englischer Literatur schrieb. Sonntags ging ich regelmäßig in die Kirche, er aber war bekennender Agnostiker. Er liebte die Sex Pistols, während ich noch die Charts rauf und runter hörte. Adam war in vielem erwachsener als die Jungs in meinem Studentenwohnheim. Er hatte bereits seine eigene Wohnung, ein Auto, einen Job. Man merkte ihm bei allem, was er tat, die Leidenschaft an. Er war einfach extrem lebendig. Und ich beneidete ihn, begehrte ihn, bewunderte ihn.

Er rauchte. Er trank. Er fuhr viel zu schnell nachts mit dem Motorrad über unbeleuchtete Straßen und hatte so ungesunde Hobbys wie Bungee-Jumping.

In allem, was er tat, war er der Beste. Und er hatte etwas bewundernswert Wildes an sich, er war mein Lord Byron, von dem Lady Caroline Lamb einst gesagt hatte, er sei „verrückt, böse und es sei gefährlich, ihn zu kennen“.

Weil ich immer die perfekte Schülerin gespielt hatte, beschränkten sich meine sexuellen Erfahrungen bis zu diesem Zeitpunkt auf einen Freund, den ich an der Highschool gehabt hatte. Seine Vorliebe war es, sich von mir oral verwöhnen zu lassen, doch er selbst hatte es nicht für nötig gehalten, mich ebenso zu verwöhnen. Ich hielt an meiner Jungfräulichkeit fest. Nicht weil ich es so wollte, sondern eher, weil es an der richtigen Gelegenheit fehlte. Die meisten meiner Freundinnen hatten längst den Weg zum „Frausein“ beschritten. Manche von ihnen hatten mir danach die abenteuerlichsten Geschichten erzählt, sodass auch ich neugierig wurde. Ich traf mich mit ein paar Jungen, aber ich stürzte mich nie Hals über Kopf in die Art von Affäre, die zwangsläufig ins Bett führte.

Vielleicht wäre das besser gewesen. Ich hätte Erfahrungen sammeln können. Aber etwas hatte mich immer daran gehindert. Nie hatte ich dieses absolut tiefe Gefühl von Liebe erlebt, das mich innerhalb weniger Minuten in die höchsten Höhen und größten Jammertäler katapultieren konnte.

Bis zu dem Tag, an dem ich Adam kennenlernte.

Ich erzählte niemandem von meiner inneren Verwirrung. Nicht einmal Donna, die im Laufe der Zeit meine beste Freundin wurde. Auch meiner Schwester Katie verschwieg ich es. Sie war zwei Jahre jünger als ich und wurde von den Freundschaftsdramen in Atem gehalten, denen ich mich an der Highschool verschlossen hatte. Ich behielt meine Liebe zu Adam für mich. Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr drängte es mich, die Freundschaft zu Adam zu beenden oder ihm meine Liebe zu gestehen. Noch nie hatte mich etwas so verwirrt und verzweifeln lassen, nie zuvor hatte ich ein so großes Glück empfinden dürfen.

Ich hatte mich in Adam Danning verliebt. Und ich hatte keine Ahnung, was er für mich empfand.

Vielleicht hätte ich mich schämen sollen, als ich Rachael fragte, ob sie mir welche von den Kondomen gab, die sie so offen in ihrem Zimmer auf dem Nachttisch liegen hatte. Immerhin wollte ich ihren Freund verführen. Aber wenn man in jemanden verliebt ist, der „böse, verrückt und gefährlich“ ist, dann scheinen manche Dinge, die man vorher nie für möglich gehalten hätte, plötzlich entschuldbar.

Mein erstes Semester war unglaublich schnell vergangen. Als ich damit konfrontiert wurde, dass ich Adam einen kompletten Monat nicht sehen und er die meiste Zeit mit Rachael verbringen würde, konnte ich nicht länger warten. Am Tag vor meiner Heimfahrt bewaffnete ich mich mit neuer, heißer Unterwäsche, steckte die Kondome ein und ging zu Adams Apartment. Bevor ich wegfuhr, wollte ich ihm ein Geschenk bringen – dies war meine durchschaubare Ausrede.

Er öffnete die Tür und stand mit nacktem Oberkörper und feuchtem Haar vor mir. Mein Bauch spannte sich an, jeder einzelne Nerv war zum Zerreißen gespannt. Ich spürte meinen Herzschlag durch den Körper rauschen. In meinem Unterkörper, zwischen meinen Beinen, fühlte ich beinahe eine schmerzhafte Leere.

„Hey, du hast ein Geschenk für mich?“ Er schien ehrlich überrascht und nahm das Päckchen entgegen, das ich in Geschenkpapier gewickelt hatte. Das Papier hatte ich mit Bedacht ausgesucht. Es sollte etwas Besonderes sein.

„Wow, Sadie. Was ist es?“

„Mach’s doch einfach auf“, schlug ich vor.

Meine Knie zitterten. Ich stand in seinem Wohnzimmer, hatte feuchte Hände und fühlte mich, als stünde ich an einem Abgrund. Ich war bereit, zu springen, mich ohne Netz und doppelten Boden in den Abgrund zu stürzen. Ich wollte springen … und fliegen.

Adam wog den Gedichtband, den er aus dem Papier wickelte, in den Händen. Sein Grinsen war mir Lohn genug, die Überraschung war mir gelungen. „E.E. Cummings. Die Gedichte.“

„Du hast sie noch nicht, stimmt’s?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf und blätterte in dem Buch mit jener Andacht, die jedem Buchliebhaber zu eigen ist, wenn er ein neues Exemplar zum ersten Mal in den Händen hält.

Ich hatte eine Seite mit einem roten Seidenband markiert wie mit einem Lesezeichen. Während ich beobachtete, wie Adam eine Seite nach der anderen andächtig umblätterte und dem Band immer näher kam, vergaß ich zu atmen. Diese bangen Sekunden des Wartens waren für mich wie zäher Honig, der von einem Löffel tropft, langsamer und immer langsamer. Jeder Moment war mit dem vorherigen verknüpft, doch jede Sekunde war für mich wie eine Ewigkeit.

Als er das Seidenband fand, hielt Adam inne. Seine Augen verharrten auf der Seite, glitten von oben nach unten, bevor er mich ansah. Ich begann wieder zu atmen, saugte den Sauerstoff ein wie Wein, der mich berauschte. Mein Puls rauschte in meinen Ohren, ähnlich dem Auf und Ab von Wellen, die sich am Strand brechen.

„Wie jener unermessliche Stern“, las er leise vor. Und plötzlich wusste ich, dass ich alles richtig gemacht hatte.

Adam legte das Buch beiseite. Wir blickten einander lange an, ohne ein Wort zu sagen. Aber jetzt waren auch keine Worte mehr nötig. Er streckte eine Hand nach mir aus und ich nahm sie. Unsere Finger kreuzten sich, seine Hand war warm, meine war kalt.

Er setzte sich und zog mich auf seinen Schoß, die Beine links und rechts von seinem Körper. Seine Schultern unter meinen Handflächen waren warm, seine Haut fühlte sich weich an. Meine Hüften drängten gegen seinen Bauch, und seine Hände lagen auf meiner Taille, als hätten sie schon immer dort hingehört.

Wir küssten uns. Seine Hände strichen dabei an meinem Körper auf und ab. Wir saßen lange so da und küssten uns einfach nur, und ich genoss jede seiner Berührungen. Seine Erektion drängte gegen meinen Hintern, bis wir unsere Position änderten und sie zwischen uns war. Ich entdeckte die Linien und Kurven seines Körpers und erkundete ihn. Meine Finger fuhren die Spur seiner Rippen und die muskulösen Wölbungen seines Bizeps nach. Ich umkreiste die beiden winzigen runden Punkte um seine Nippel und zählte die kleinen knöchernen Erhebungen seiner Rückenwirbel mit den Fingerspitzen.

Als wir endlich in das Schlafzimmer umzogen, fühlte ich, dass ich feuchter war als je zuvor in meinem Leben. Meine Brustwarzen waren hart und schmerzten. Unbekannte Empfindungen und knisternde Spannung durchrannen meinen Körper, der bereit schien, jederzeit zu explodieren. Alles fühlte sich verlangsamt an und ich hatte das Gefühl, die Welt durch eine matte Glasscheibe zu betrachten. Es war, als könnte ich nicht mehr scharf sehen.

Adam schob die Tagesdecke beiseite und bettete mich auf die zerknitterten Laken seines Betts. Die Decken rochen nach ihm. Sein Mund ließ nicht von meinem, und wir streckten uns nebeneinander aus. Meine Beine öffneten sich, als wollte ich ihn willkommen heißen. Seine Lippen glitten über meine Kehle hinab, fanden genau jene zarten Punkte, die mich aufstöhnen ließen. Er glitt tiefer, öffnete meine Bluse und schob sie beiseite, legte meine Brüste im schwarzen Spitzen-BH frei.

Er entkleidete mich, als wäre ich ein wertvolles Geschenk: langsam und unendlich behutsam. Immer wieder murmelte er leise etwas, während seine Hände über meine Haut glitten und er langsam Haken löste, Knöpfe öffnete und schließlich auch den Reißverschluss meiner Hose aufzog. Als ich nackt neben ihm lag, beugte er sich erneut über mich und küsste mich. Sein Körper schmiegte sich an meinen, als wären wir zwei Teile eines Puzzles, die zusammengehörten. Adam und ich – wir passten perfekt zusammen.

Mit den Lippen und seiner Zunge verfolgte er die Linien meines Körpers. Ich spannte mich an, als er meinen Bauch erkundete und tiefer glitt, um meine Schenkel zu küssen. Er teilte das krause Haar mit den Fingerspitzen und blickte zu mir auf, bevor sich seine Lippen um meine Perle schlossen. Als er mit der Zunge darüberschnellte, fühlte ich plötzlich, wie die Erregung anstieg. In diesem Moment gab ich mich ihm endgültig hin. Adam verwöhnte mich mit Zunge und Lippen, zunächst behutsam und langsam, bis ich nicht anders konnte, als mich diesem leidenschaftlichen Rausch hinzugeben. Ich ritt auf einer Welle der Erregung und vergaß in diesem köstlichen Moment zu atmen.

Adam fummelte nicht mit dem Kondom herum oder hatte irgendwie Mühe, in mich einzudringen. Er half mit einer Hand nach, verharrte einen Moment, drang ein winziges Stück in mich ein, ehe er sich ganz in mich hineinschob. Ich war so erregt, dass er mich mit einem einzigen Stoß vollständig ausfüllte.

Wir schrien im selben Moment auf. Er kniete über mir, vergrub den Kopf an meiner Schulter. Ich spürte, wie er mich in die Schulter biss und grub meine Fingernägel in seinen Rücken. Im ersten Moment bewegten wir uns nicht. Es war, als hätte uns die Lust gelähmt. Als würde uns jetzt erst bewusst werden, was wir da taten. Aber der Moment ging schnell vorbei. Adam bewegte sich vorsichtig zurück und begann, sich langsam in mir zu bewegen. Ich hob ihm die Hüften entgegen.

Aufgrund meiner Unerfahrenheit hätte ich viel unbeholfener sein müssen, aber die Erregung schien für uns einen geheimnisvollen Tanz zu entwerfen. Vor und zurück, die Körper bewegten sich in einem Geben und Nehmen.

Es dauerte nicht lange genug, dass ich noch einmal kommen konnte – aber das war ohnehin eine Leistung, von der ich damals nicht wusste, dass ich ihrer fähig war. Adam rief meinen Namen, als er kam. Sein letzter Stoß schmerzte mich mehr als sein erster, und ich schrie ebenfalls auf.

Danach lag ich zusammengerollt neben ihm, seine Arme hielten mich fest. Ich fühlte mich geborgen und schlief neben ihm, bis es Zeit für mich war heimzufahren. Mein Körper brauchte mehr als drei Tage, um sich zu erholen. Drei Tage, bis ich nicht mehr das Gefühl hatte, ihn in mir zu spüren. Und in diesen drei Tagen rief Adam mich zweimal täglich an. Wir verabredeten, dass er mich bei meinen Eltern besuchte. Ich fragte ihn nie, was er Rachael erzählte. Es war mir im Grunde auch egal.

Danach waren wir unzertrennlich. Wir heirateten, kurz nachdem ich meinen Master in Psychologie gemacht hatte, an einem wunderschönen Junitag. Ein Jahr später, während ich auf meine Zulassung als Psychologin wartete und in einer Klinik erste Erfahrungen nach meiner Promotion sammelte, passierte es.

Die linke Bindung von Adams Ski brach aufgrund eines Herstellerfehlers. Er raste kopfüber in einen Baum und erlitt eine Rückenmarksverletzung am fünften Halswirbel. Er lag drei Wochen im Koma, und als er wieder aufwachte, hatte er kein Gefühl mehr unterhalb der Schultern und konnte sich nicht mehr bewegen. Er war erst 36 Jahre alt.

Es hatte mich nicht zur Frau gemacht, dass ich meine Jungfräulichkeit verlor. Aber als ich beinahe meinen Mann verlor, daran war ich gewachsen. Er hätte sterben können. Es gibt Tage, an denen ich vor Dankbarkeit weine, dass er noch lebt.

Und dann gibt es Tage, an denen ich mir wünsche, er wäre gestorben.

Als ich an diesem Abend heimkam, hielt ich an der Eingangstür inne, den Schlüssel in der Hand. Es roch köstlich nach Bohnenkraut. Vielleicht hatte Mrs. Lapp wieder eine ihrer unwiderstehlichen Suppen zubereitet, die sie im Winter so gerne kochte.

„Mrs. Danning?“

Sie fragte immer, obwohl außer mir niemand um diese Zeit hätte kommen können.

„Ja, ich bin’s.“

Sie eilte aus der Küche und wischte sich die feuchten Hände an der Schürze ab. Ein paar Strähnen ihres grauen Haars hatten sich aus dem festen Knoten an ihrem Hinterkopf gelöst und ringelten sich um ihr erhitztes Gesicht. Dolly Lapp konnte himmlisch kochen und kümmerte sich aufopferungsvoll um unseren Haushalt. Aber sie war mehr als nur eine Haushälterin. Sie war Mutter, Krankenschwester und Freundin. Unser Leben wäre ohne sie schlicht unmöglich.

Ich hängte meinen Mantel auf und stellte die Aktentasche in die Nische neben der Haustür. Alles hatte in unserem Haus seinen Platz. Es war kein Platz für Unordnung, nichts durfte im Weg stehen oder die Räder eines Rollstuhls blockieren.

„Ich habe Suppe gekocht. Kommen Sie, ich habe mir ja schon fast Sorgen gemacht. Sie sind spät heute.“

„Ich hab im Stau gestanden.“ Ich log, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich hatte nicht im Stau gestanden. Der Streit mit Joe hatte mich so aus dem Konzept gebracht, dass ich auf dem Weg nach Hause einen Umweg fuhr. Ich konnte in diesem Zustand nicht heimfahren. Ich wollte mich erst wieder beruhigen. „Aber Sie haben recht, es ist wirklich schon spät. Ich werde nach Adam schauen.“

Mrs. Lapp nickte. „Ich habe ihm vor einer Stunde ins Bett geholfen. Die Suppe ist in dem Topf auf dem Herd. Ich werde jetzt gehen … Samuel wartet seit halb sechs auf mich. Ich hab ihn mit einem Becher Kaffee in die Küche gesetzt, aber Sie wissen ja, wie ungeduldig er wird, wenn er zu lange herumsitzen muss.“

Ich fühlte mich schuldig, weil ich nicht eher heimgekommen war. „Gehen Sie ruhig schon. Tut mir leid, dass Sie warten mussten.“

Sie winkte ab. „Ach, das macht doch nichts. Denken Sie nur daran, den Herd auszuschalten, wenn Sie fertig sind, sonst brennt die Suppe an. Wäre schade, wenn ich sie morgen wegschütten müsste. Und Ihre Schwester hat angerufen. Ich habe ihre Nachricht aufgeschrieben, der Zettel liegt neben dem Telefon.“

Die gute Seele kümmerte sich wirklich rührend um uns. Ich lächelte. „Danke, Mrs. Lapp. Für alles.“

Sie nickte und eilte durch den Flur zurück zur Küche und zu ihrem ungeduldigen Ehemann. Obwohl mein Magen hungrig knurrte, schob ich mein Abendessen noch ein paar Minuten hinaus. Ich stieg die schmale Treppe hinauf, eine Hand auf dem geschwungenen Geländer, das Mrs. Lapp so gewissenhaft poliert hatte.

Auf dem Treppenabsatz hielt ich inne und lauschte. Zu meiner Rechten erstreckte sich der kürzere Teil des Flurs, von dem die Türen zum Badezimmer und zum Gästezimmer abgingen. Außerdem führte eine weitere Treppe in den zweiten Stock, hier war auch der Fahrstuhl eingebaut. Zu meiner Linken gab es einen langen, dunklen Flur, von dem zusätzlich zum großen Schlafzimmer mit dem eigenen Badezimmer noch zwei Räume abgingen. Aus dem oberen Stockwerk hörte ich das leise Geräusch eines laufenden Fernsehers. Plötzlich polterten Schritte auf der Treppe: Dennis schaute über das Treppengeländer.

Ich mochte Dennis. Er war einsfünfundachtzig groß, wog weit über hundert Kilo und war so muskelbepackt wie ein Footballspieler. Auch wenn man es einem Mann in diesem kräftigen Körper kaum zutraute, war Dennis besonders einfühlsam. Seit zwei Jahren war er nun bei uns, und ich konnte mir ein Leben ohne ihn ebenso wenig vorstellen wie eines ohne Mrs. Lapp.

„Hey Sadie. Du bist spät.“

„Ich stand im Stau“, sagte ich.

„Ich wollte gleich ausgehen. Aber ich gucke noch mal nach ihm, bevor ich gehe“, teilte er mir mit. Er nickte mir kurz zu, dann verschwand er wieder in seinem Zimmer. Ich konnte hören, wie er mit jemandem telefonierte.

Im Leben hatte alles seinen Preis. Weil Dennis und Mrs. Lapp uns unterstützten, hatte ich kein Privatleben mehr. Oft genug dachte ich sehnsüchtig an die Zeiten zurück, in denen ich in meiner Unterwäsche unbekümmert durch das Haus laufen und Erdnussbutter direkt aus dem Glas essen konnte. Dieses Leben war vorbei. Meine Schwiegermutter nannte Dennis und Mrs. Lapp „unsere guten Geister“. Aber das war nur ein schöner Ausdruck für eine absolute Notwendigkeit. Wir drei arbeiteten Hand in Hand wie eine gut geölte Maschine, damit der Haushalt reibungslos funktionierte. Ohne die beiden wäre ich aufgeschmissen.

Vor der Tür zu Adams Schlafzimmer hielt ich inne, um mich zu sammeln. Ich setzte ein müdes Lächeln auf, gerade so viel, um zu zeigen, wie sehr mich der angebliche Stau auf dem Heimweg genervt hatte. Ein müdes, liebevolles Lächeln.

Adam lag schon im Bett. Als ich eintrat, drehte er mir den Kopf zu. Er hatte etwas auf seinem Laptop gelesen. „Programm schließen“, befahl er dem Computer. Fast alle Geräte in seinem Zimmer konnte er mit einem stimmenbasierten System steuern. „Du bist heute Abend spät.“

„Hach, ich werde ja von allen so sehr geliebt! Du bist nun schon der Dritte, der mir das sagt.“ Ich sagte dies leichthin, als wäre es ein guter Scherz. Mühelos schlüpfte ich in die Rolle der liebenden Ehefrau.

Ich schob den Computertisch aus dem Weg und beugte mich über Adam. Meine Lippen berührten seine zum allabendlichen Kuss. Sein Mund fühlte sich kühl an, und ich schloss für einen Moment die Augen. Ich wünschte, ich könnte seine Lippen mit meinen wärmen.

„Du hattest wohl einen langen Tag?“, fragte Adam, nachdem ich mich widerstrebend von ihm gelöst hatte. „Du siehst erschöpft aus.“

Bevor ich antworten konnte, knurrte mein Magen. Ich presste meine Hand auf den Bauch, um ihn zur Räson zu bringen. „Mrs. Lapp hat Suppe gekocht. Ich werde mir lieber einen Teller gönnen, aber ich wollte wenigstens kurz Hallo sagen.“

Er lächelte erneut. In diesem Moment sah er genau so aus wie jener Mann, in den ich mich einst verliebt hatte. Ihn so zu sehen, tat weh.

„Hallo“, sagte er leise.

„Hallo.“ Ich streckte die Hand aus und strich das Haar aus seiner Stirn. Obwohl seine Lippen kalt waren, fühlten sich seine Stirn und seine Wangen heiß an und waren gerötet. „Du fühlst dich warm an.“

„Ach, du hast mich beim Lesen erwischt.“ Er wackelte mit den Augenbrauen. Obwohl Adam seinen Körper unterhalb der Schultern nicht nutzen konnte, hatte er nie Probleme damit, etwas auszudrücken.

Ich warf einen Blick auf seinen Laptop. „Du liest schon wieder diesen Kram?“

„Also bitte. Das ist Literatur!“, sagte er betont stolz.

„Für ein Seminar oder einfach, weil es dir Spaß macht?“ Während ich sprach, glitt meine Hand erneut liebkosend über seine Stirn. In Wahrheit wollte ich überprüfen, ob Adam fieberte, aber weil er das nicht mochte, versteckte ich diese Geste hinter einer Zärtlichkeit.

„Nein, das ist für ein Seminar.“

Einst hatte Adam mit seinen Gedichten bedeutende Literaturpreise gewonnen. Heute gab er online Englischkurse an der Penn State University. Soweit ich wusste, schrieb er keine Gedichte mehr.

„Für die Knastpoeten?“ Beiläufig schob ich seine Hand gerade, die sich im Laufe des Tages verschoben hatte. Die Beine lagen gekrümmt da, und ich korrigierte auch dies behutsam. Mit knappen, geübten Bewegungen strich ich die Bettdecke glatt und stopfte sie an seiner Seite fest, als wollte ich ihn zu einer Mumie verpacken.

„Marquis de Sade verglichen mit Oscar Wilde.“ Adam ließ mich nicht aus den Augen.

„Das klingt ja wirklich abartig.“

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