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Baumsterben

Episode eins - Knut hilft manchmal zu Erkenntnissen

Die Tanne musste raus. Wie immer lag Kai auf dem Sofa und half nicht. Warum auch? War doch schließlich Evans Scheißidee und sie hatten schon lange Stress. Nur ... warum eigentlich?

~ * ~


Evan

Wie so vieles im Haushalt blieb es auch an mir hängen, den Tannenbaum zu entsorgen. Schon bei der leichtesten Berührung rieselten die Nadeln in großen Mengen zu Boden. Ich schob das Ding Richtung Balkontür und quetschte es durch die schmale Öffnung, während mein Freund Kai auf der Couch lag und in einer Zeitschrift blätterte.

„Bist du gleich fertig? Es wird kalt“, rief er zu mir rüber.

Es war tatsächlich eisig draußen. Der Januar wartete mit deftigen Minusgraden auf, nachdem der Dezember milde an Hamburg vorüber gezogen war. Mit Schwung schubste ich den inzwischen fast gänzlich kahlen Weihnachtsbaum über die Brüstung. Er landete ein Stockwerk tiefer, auf dem bereits beeindruckend großen Haufen aus ausgemusterten Tannen. Knut nannte man in Schweden (das wissen wir aus der Werbung eines schwedischen Möbelhauses) diesen Tag, an dem der Weihnachtsschmuck entsorgt wurde. Bei mir war es schlicht ein Scheißtag, der für mich nur saubermachen und räumen bedeutete.

Genervt verzog Kai das Gesicht, als ich kurze Zeit später mit dem Staubsauger durchs Wohnzimmer röhrte. Hätte bestimmt nicht viel gefehlt, dass er verlangte, ich sollte gefälligst leiser saugen. Jedenfalls sah seine Miene danach aus. Gründlich entfernte ich die Nadeln, machte mich danach mit Kehrblech und Schaufel über den Balkon her. Als nächstes räumte ich den Baumschmuck vom Esstisch in Schachteln, diese in einen Karton und brachte das Ganze in den Keller. Kai döste unterdessen auf dem Sofa.

Nach einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass ich spät dran war, um das Abendessen vorzubereiten. Sicher, ich hatte Küchendienst, trotzdem wäre es nett gewesen, wenn Kai schon mal begonnen hätte Kartoffeln zu schälen. Ich lief in die Küche, holte alle Zutaten aus dem Kühlschrank und plötzlich, wie ich vor dem Berg Gemüse stand, wuchs mir der ganze Scheiß über den Kopf.

Wie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, erschien auch noch Kai im Türrahmen, rieb sich verschlafen übers Gesicht und brummelte: „Wann gibt’s Essen?“

Gar nicht!“, zischte ich, warf den Sparschäler in die Spüle und rannte wutentbrannt an ihm vorbei.

Im Schlafzimmer riss ich meine Sporttasche aus dem Kleiderschrank und warf wahllos Klamotten hinein. Nur weg hier, war mein einziger Gedanke. An den Weihnachtstagen hatten Kai und ich uns richtig gestritten, mal wieder nur um Kleinigkeiten, aber erbittert und lang. Nun war endgültig Schluss, nichts ging mehr.

Von der Tür her beobachtete Kai mein Tun. „Was wird das?“

Ich schloss die Tasche und schob deren Trageriemen über meine Schulter. „Ich gehe.“

„Wohin?“

Ich warf ihm einen bösen Blick zu. „Weiß ich noch nicht.“

Als ich an ihm vorbei in den Flur lief und nach meiner Jacke griff, packte er meinen Arm und riss mich grob herum. „Heißt das, du verlässt mich?“

Seine Augenbrauen waren drohend zusammengezogen, die Nasenflügel gebläht, wie immer, wenn er kurz vor einem Wutausbruch stand. Diese Vorzeichen hatte ich in letzter Zeit zur Genüge gesehen und erkannte sie daher sofort.

Ja, das heißt es“, spie ich ihm entgegen, schüttelte seine Hand ab und schlüpfte in meine Jacke.

Kai verschränkte die Arme vor der Brust. „Und warum?“

„Wegen allem. Es reicht einfach.“ Ich rammte meine Füße in Sneakers, ging zur Tür und hatte die Klinke schon in der Hand, als hinter mir Kai mit gefährlich ruhiger Stimme drohte: „Wenn du jetzt gehst, brauchst du nicht wiederzukommen.“

Das veranlasste mich kurz zu zögern. Wollte ich, dass es für immer vorbei war? In diesem Augenblick hatte ich darauf keine eindeutige Antwort und musste einfach nur raus. Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen riss ich die Wohnungstür auf und rannte die Treppe hinunter.

Draußen angekommen beugte mich runter, um die Schnürsenkel meiner Turnschuhe fester zu binden. Es hatte begonnen zu schneien. Drei Millimeter Neuschnee reichten aus, um den Hamburger Straßenverkehr zum Erliegen zu bringen. Auf der Straße war jedenfalls so gut wie nichts los. Langsam, um nicht auszurutschen, ging ich zur nächsten U-Bahnstation. Wo sollte ich jetzt hin? Keine Ahnung, erst mal weg.

Ich stieg in den Zug Richtung Innenstadt. In Gedanken versunken sah ich aus dem Fenster, während die Bahn mich immer weiter von Kai vortrug. Eigentlich war die räumliche Trennung nur noch eine logische Konsequenz, nachdem wir uns schon seit Monaten auf andere Weise voneinander entfernt hatten. Ein bisschen war daran auch meine Eifersucht schuld.

Kai starrten viele Frauen und Männer hinterher. Kein Wunder. Mit seinen eins fünfundneunzig und langen, gewellten Haaren war er eine auffällige Erscheinung. Hinzukamen seine dunklen Augen mit den dichten Wimpern und symmetrischen Gesichtszüge. Er war eine echte Schönheit und besaß zu allem Überfluss auch noch den passenden Körper dazu.

Der Zug erreichte die Station Lattenkamp. Hier in der Nähe wohnte mein Schulfreund Arian Schulz, mit dem ich immer noch Kontakt pflegte. Seit ich mit Kai zusammen wohnte, war unser Verhältnis ein wenig eingeschlafen, doch wir telefonierten noch regelmäßig. Kurzentschlossen schulterte ich meine Tasche und stieg an der nächsten Haltestelle aus.

Bis zu Arian waren es nur wenige Minuten zu Fuß. Auf mein Läuten hin ertönte der Türöffner, ohne dass Arian vorher die Gegensprechanlage benutzte. Ich stieg die Treppen hoch. Er wartete in der offenen Wohnungstür.

„Hi.“ Erfreut grinste Arian bei meinem Anblick. „Komm rein.“

Ich trat in den Flur, wo ich die Sporttasche auf den Boden fallen ließ und meine Jacke sowie Sneakers auszog.

„Kommst du vom Sport oder bist du auf der Flucht?“, fragte Arian auf dem Weg in die Küche über die Schulter.

Ich folgte ihm und blieb im Türrahmen stehen. Er holte einen Becher hervor und goss Kaffee hinein. Wir hatten uns schon immer gut verstanden und wenn Kai nicht gekommen wäre, hätte aus uns vielleicht ein Paar werden können. Ich wusste, dass Arian auf mich stand, hatte ihm aber klar zu verstehen gegeben, dass ich Kai liebte. Hoffentlich schöpfte er keine Hoffnung, wenn ich ihm von dem Streit berichtete.

„Flucht. Ich musste mal raus“, erwiderte ich und nahm den Kaffeebecher entgegen.

Im Nachhinein erschien mir meine Reaktion etwas zu übertrieben. Warum hatte ich eigentlich nicht mit Kai gesprochen und reinen Tisch gemacht? Dafür müsste ich allerdings wissen, was genau unser Problem war.

Arian hob fragend die Augenbrauen. „Möchtest du drüber reden?“

„Ich glaube, das wäre ganz gut.“

Er ging mit seinem Becher ins Wohnzimmer, ich hinterher. Der Raum war nicht in dem oft bei Männern zu findenden Kiefernmöbel-Chic oder der Chrom-Leder-Variante möbliert, sondern mit sorgfältig ausgewählten Einzelstücken. Arian hatte ein Faible für Einrichtung und Dekoration. Was die Festtage betraf, besaß ich das auch. Wenn es nach Kai ginge, würden wir auf den ganzen weihnachtlichen Schmuck verzichten, doch ich stand eben darauf.

„Also …“ Arian ließ sich auf die Couch plumpsen. „Was ist passiert?“

„Eigentlich nichts Besonderes.“ Ich wählte einen gemütlichen Sessel ihm gegenüber. „Nur der alltägliche Kleinkram.“

„Aha. Ich dachte, ihr harmoniert so gut.“

„Tun wir auch, aber irgendwie verheddern wir uns in Streitigkeiten, die nicht sein müssen. Vielleicht liegt es an meiner Eifersucht.“

Schelmisch grinsend blinzelte Arian mir zu.

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