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Ballsaison in London

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1. KAPITEL

London, 1819

Miss Talitha Grey überlief ein Frösteln. Sie riskierte einen Blick nach unten. Der Überwurf aus weißem Leinen, der über ihre Schulter drapiert worden war, reichte zwar bis auf den Boden, bedeckte sie allerdings lediglich auf Vorder- und Rückseite. Ihre nackte Haut darunter wies bereits einen bläulichen Schimmer auf, und Talitha hatte das ungute Gefühl, am ganzen Körper von Gänsehaut entstellt zu sein.

Resigniert seufzend spannte sie die Finger um den goldfarbenen Bogen in ihrer linken Hand und richtete den Blick wieder auf den Wandschirm aus mottenzerfressenem blauem Brokat, der als Himmel über dem klassischen Griechenland seinen Dienst tat. Wenn sie sich nur genug bemühte, schaffte sie es vielleicht, sich in Gedanken in die Hitze der antiken Sonne zu versetzen. Sie stellte sich vor, wie sie die Strahlen genoss, während der sanfte Hauch warmer Mittelmeerwinde über ihre Haut strich – und nicht die pfeifenden Zugwinde, die durch jede Tür und jeden undichten Fensterrahmen in die Dachkammer eindrangen.

Talitha ließ ihrer blühenden Phantasie freien Lauf. Die entfernten Klänge einer Hirtenflöte schwebten über Olivenhaine und übertönten den Lärm der streitenden Kutscher unten am Panton Square. Sie konzentrierte sich darauf, den Duft von Holzfeuern und Kiefernwäldern heraufzubeschwören, um den erstickenden Gerüchen nach verstopften Abflüssen und Kohlenfeuern entgegenzuwirken. „Miss Grey! Sie haben sich bewegt!“, ertönte eine gereizte Stimme hinter ihr.

Sorgsam darauf bedacht, ihre Pose zu halten, und ohne den Kopf zu drehen, erwiderte Talitha: „Ich versichere Ihnen, dass ich das nicht getan habe, Mr Harland.“

„Etwas hat sich aber verändert“, beharrte der Sprecher. Talitha hörte das Knarren des hölzernen Gerüstes, auf dessen schmale Plattform sich Mr Harland zwängen musste, um an die obere Hälfte der gewaltigen Leinwand zu gelangen. Darauf dargestellt war eine epische Szene aus dem antiken Griechenland, mit der Figur der Göttin Diana im Vordergrund, die dem Betrachter allerdings den Rücken zuwandte. Ihr Blick streifte über die bewaldeten Hügel und entfernten Tempel bis zu der in dunkles Burgunderrot getauchten Ägäis am Horizont.

Erneutes Knarren, dann ein gereiztes Brummeln – Mr Harland brachte seine Gedanken zum Ausdruck. Über die protestierenden Bodendielen hinweg gelangte der Künstler zu Talitha und betrachtete sie eingehend. „Die Farbe Ihrer Haut hat sich verändert“, stellte er mit leicht tadelndem Unterton fest.

„Mir ist kalt“, erwiderte Talitha ruhig, noch immer, ohne den Kopf zu bewegen. Frederick Harland, so hatte sie festgestellt, interessierte sich für ihren nackten Körper so viel oder so wenig wie für Farbe, Form oder Beschaffenheit einer Obstschale, einer antiken Urne oder einer Länge Stoff. Sobald seine Muse ihn in den Fängen hielt, war er zerstreut, unaufmerksam und zeitweilig recht gereizt, doch ebenso war er stets freundlich und entlohnte sie gut. Außerdem fühlte sie sich in seiner Gegenwart sicher, auch wenn sie mit ihm alleine war – ob sie nun Kleider am Leib trug oder nicht.

„Kalt? Ist denn das Feuer ausgegangen?“

„Ich denke, es ist heute noch kein Feuer gemacht worden, Mr Harland.“ Talitha wünschte, sie hätte darauf bestanden, dass ein Span ans Feuer gehalten wurde, bevor sie mit der Sitzung begannen, doch ihre Gedanken waren anderen Dingen zugewandt gewesen. Erst als sie ihre Pose eingenommen hatte und der Künstler auf sein Gerüst geklettert war, hatte sie bemerkt, dass es in der hochgelegenen Dachkammer kalt war.

„Oh. Hmm. Nun gut, zehn Minuten noch, dann beenden wir die Sitzung für heute.“ Wieder ächzten die Dielenbretter, da er sich zurück an seine Leinwand begab. „Ich benötige jedenfalls mehr von diesem Rot für die Hautfarben und Azur für den Himmel. Und Ultramarinblau ist so maßlos überteuert …“

Talitha hörte nicht weiter zu, wie er vor sich hin murmelte; seine Worte waren sowieso nicht mehr verständlich. Sie hing wieder ihren eigenen Gedanken nach, wobei jetzt eine leichte Sorgenfalte ihre Stirn furchte. Nun ja, zumindest musste sie in dieser Pose nicht auf ihren Gesichtsausdruck achten. Nur die Andeutung ihrer rechten Gesichtshälfte war von hinten sichtbar und ihr langes, leicht gewelltes, hellblondes Haar, das ihr offen bis zur Taille fiel.

Ihre Füße waren bloß, ihre Stirn zierte ein dünnes, goldfarbenes Band, dessen lose Enden einen hübschen Kontrast zu ihrem Haar bildeten. Der leinene Überwurf entblößte ihre linke Seite mit den Rundungen von Hüfte und Gesäß sowie ein langes, schlankes Bein. Im Moment war jedes dieser normalerweise hübsch anzuschauenden Körperteile unübersehbar von Gänsehaut verunziert.

Dennoch, bei einer halben Guinee pro Sitzung konnte Talitha sich schlecht beklagen, sie musste für ihren Lebensunterhalt schließlich wohl oder übel alleine aufkommen. Mit den Guineen von Mr Harland beglich sie die Kosten für ihre Unterkunft. Die Tatsache, dass sie bei dem Künstler einer Arbeit nachging, die sich für eine junge Dame absolut nicht schickte und die von beinahe jeder rechtschaffenen Person für kaum besser als Prostitution angesehen wurde, bekümmerte sie nicht.

Sie vertraute vollkommen auf Mr Harlands Anständigkeit ihr gegenüber. Es war, das spürte sie, nicht einmal so, dass er sich bemühen musste, sich durch und durch redlich zu verhalten, nein, er war tatsächlich nicht im Geringsten an ihr interessiert – wie anscheinend auch an keiner anderen Frau. Sie hatte davon gehört, dass manche Männer ihr eigenes Geschlecht bevorzugten, doch auch dies schien nicht der Fall zu sein. Seine Obsession galt offensichtlich allein der Kunst, für anders geartete Gefühle bot sich kein Raum.

Der zweite Grund für Talithas Sorglosigkeit in Bezug auf ihre Beschäftigung war die Tatsache, dass keines von Mr Harlands Werken, in denen sie abgebildet worden war, jemals die Wände einer Ausstellung zieren würde. Es war nicht etwa so, dass seine Liebe zur Antike dem modernen Geschmack zuwiderlief, dies zeigte die allgemeine Begeisterung über die Ausstellung der Elgin Marbles, die demnächst gezeigt werden sollte – es handelte sich hierbei um griechische Marmorskulpturen, die der Staat einem gewissen Lord Elgin abgekauft hatte. Nein, Frederick Harlands Leinwände waren einfach zu gewaltig, sein Perfektionismus zu übermächtig. Es würde ihm niemals gelingen, je ein Werk fertig zu stellen, geschweige denn, es kritischen Blicken darzubieten.

Das Bild der Diana war das vierte, für das Talitha Modell stand: Die drei ersten hatten bereits einen Zustand der Beinahe-Fertigstellung erreicht, doch stets hatte der Künstler seine Pinsel verzweifelt von sich geworfen und verkündet, niemals fähig zu sein, seine inneren Visionen manifestieren zu können. Alle Werke wurden sicher verwahrt, denn von Zeit zu Zeit holte er eines hervor, fuhrwerkte ein oder zwei Tage lang wild daran herum und gab schließlich niedergeschlagen wieder auf. Zum Glück – sowohl für den Künstler als auch für Talitha – war er nicht nur Nutznießer einer bescheidenen Erbschaft, sondern besaß darüber hinaus ein lukratives und blühendes Geschäft für Porträtmalerei, obgleich er diese Kunst als reines Handwerk verachtete. Drei Tage der Woche lebte er seine Passion für die klassische Malerei, die restliche Zeit schuf er in dem vornehm ausgestatteten Atelier im ersten Stock des heruntergekommenen Hauses Porträts von Mitgliedern der besseren Gesellschaft. Es zeugte von einem Tribut an seine Arbeit, dass die Angehörigen der Oberschicht sich für ein Abbild ihrer selbst auf die Reise zu seinem Haus begaben, das sich, entschieden abseits gelegen, einen Steinwurf vom Leicester Square entfernt befand.

Im Geiste überschlug Talitha ihre Barschaft. Würde ihre andere, öffentlich anerkannte Beschäftigung die Investition in eine neue Garderobe verlangen?

Die gedankliche Überprüfung ihrer Finanzen war mehr als Grund genug für die Furche zwischen ihren Brauen, doch das Stirnrunzeln verschwand plötzlich, um von einem Ausdruck echter Furcht ersetzt zu werden. Vier Stockwerke unter ihr wurde der Klopfer an der Tür betätigt, und einen Augenblick später konnte sie eine Anzahl männlicher Stimmen ausmachen, die durch das teppichlose Stiegenhaus emporschallten.

Mit einem Ausruf des Unmutes ob der Unterbrechung ließ Mr Harland klappernd seine Palette fallen, kletterte von seinem Posten herab und riss die Tür zur Dachkammer auf.

Den fadenscheinigen Überwurf um sich gewickelt, lief Talitha ihm hinterher und hinaus auf den winzigen Stiegenabsatz. Klar und deutlich hörte sie durch das Treppenhaus von unten herauf die Stimme von Peter, Mr Harlands Farbmischer. Dieser bewohnte das Erdgeschoss, zusammen mit seinen Töpfen und Tiegeln, den Taschen mit Pigmenten und den Ölflakons. Aus allerlei fremdartigen Substanzen mischte er dort auf magische Weise seine leuch­tenden Farben.

„Mr Harland empfängt mittwochs keine Kunden, meine Herren. Dienstag und Donnerstag sind seine Tage. Bitte, Sir, Sie können jetzt nicht dort hinauf!“

„Verdammt, ich habe eine Nachricht geschickt und mein Kommen angekündigt. Ich will die Arrangements für das Porträt meiner Tante vereinbaren, und ich habe beileibe nicht die Absicht, mich noch einmal hierher zu begeben, nur, weil es Mr Harland heute gerade nicht passt.“ Arrogant überging die schleppende Stimme Peters erneuten Protest. „Wollen Sie etwa behaupten, er sei nicht hier?“

„Ja, Sir, ich meine, nein, Sir, er ist hier, aber er …“

„Ist vielleicht jemand mit ihm oben?“, ertönte eine neue Stimme. Der kühle, süffisante und leicht gelangweilte Tonfall ließ die erste Stimme, die nun wieder ertönte, blasiert und überheblich klingen.

„Der Mann hier sagt, dass Harland mittwochs keine Kunden empfängt, Nick.“ Dies galt offensichtlich dem gelangweilten Herrn. „Also kann niemand mit ihm oben sein.“

Und wieder an Peter gewandt, befahl die arrogante Stimme: „Aus dem Weg, Mann, ich habe nicht die Absicht, hier zu stehen und mich den ganzen Nachmittag mit Ihnen herumzustreiten.“

„Aber der Meister arbeitet mit einem Modell, Sir! Sie können dort nicht hinauf!“ Peters erhobener Stimme nach zu urteilen, hatte sich der Sprecher bereits an ihm vorbeigeschoben und befand sich auf den Stufen.

„Was? Etwa ein weibliches Modell? Na, das hört sich ja schon besser an! Kommt, Leute, das lassen wir uns nicht entgehen.“ Die Stimme hatte ihre schleppende Arroganz verloren, eine Spur Eifer war jetzt herauszuhören, bei der sich Talithas Nackenhaare sträubten. Sie kamen herauf, und anscheinend waren es mehrere Männer.

Talitha hatte sich ein Stockwerk tiefer umgezogen; die Erfahrung hatte sie gelehrt, welche Auswirkungen der staubige Dachkammerboden auf ihre schlecht bestückte Garderobe hatte. Das Leintuch war mithin ihr einziger Schutz. Pochenden Herzens warf sie einen verzweifelten Blick in die Runde. Die Dachkammer, im Grunde ein einziger großer Raum, war aufgrund der Regale für die Leinwände und die Stapel verstaubter Requisiten recht verwinkelt. In einer der entstandenen Ecken, verborgen hinter dem größten Regal, befand sich ein mannshoher Schrank mit Tür.

„Ich verstecke mich im Schrank“, flüsterte sie dem Künstler eindringlich zu, der wegen der Unterbrechung noch immer unwirsch vor sich hin murmelte. „Mr Harland, was immer Sie tun, lassen Sie sie nicht wissen, dass ich hier bin, das wäre mein Unter­gang!“

Abwesend nickte er. „Ja, ja, in den Schrank mit Ihnen. Ich frage mich nur, ob einer der Herren wohl ein historisches Werk erstehen möchte?“

Ohne weiter mit ihm zu diskutieren, lief Talitha auf bloßen Füßen über die rauen Dielen. Gerade war sie hinter dem großen Regal verschwunden, als sich die Stimmen draußen der Dachkammer näherten. Talitha riss die Schranktür auf. Der Schlüssel, der an der Außenseite gesteckt hatte, fiel klappernd zu Boden.

In ihrer Panik tastete sie blindlings danach, konnte ihn jedoch nicht finden. Mit einem Ausruf der Verzweiflung ließ sie schließlich von der Sucherei ab, schlüpfte in den Schrank und zog die Tür hinter sich zu. Das Innere des Schrankes wurde von einem winzigen, vor Schmutz starrenden und mit Spinnweben behängten Fenster erhellt. In dem Schummerlicht konnte sie lediglich ausmachen, dass der enge Raum absolut kahl war. Es gab nichts, womit sie sich hätte bedecken, nichts, womit sie die Tür hätte verklemmen können. Nicht, dass ihr damit geholfen gewesen wäre, stellte sie darüber hinaus resigniert fest: Die Schranktür ließ sich nach außen öffnen.

Die Männer hatten die Dachkammer erreicht. Durch die verzogenen Leisten des Türrahmens hindurch unterschied sie nicht weniger als vier Stimmen. Die blasierte Stimme und die kühle erkannte sie wieder. Die Stimmen der beiden anderen Männer ließen ebenfalls auf die gehobene Gesellschaft schließen. Die Aussicht auf das, was sie wohl im Atelier erwartete, hatte allerdings eine gewisse fiebrige Erregung zur Folge, wie sie aus den veränderten Stimmen schloss.

Bei dieser Erkenntnis wurde Talitha speiübel. Sie griff ins Dunkle, um ihren Überwurf um sich zu wickeln und sich so zumindest notdürftig zu bedecken, ihre Finger stießen jedoch ins Leere, trafen lediglich auf ihre eigene, kalte Haut. Das Leintuch war verschwunden. Verzweifelt suchte sie in dem kleinen Raum danach, als würden drei Yards weißen Tuches in einem leeren Raum einfach verschwinden können, dann erinnerte sie sich seufzend an den leichten Zug an ihrer Schulter, als sie um das Regal gehuscht war.

Zitternd vor Kälte und Furcht, das Ohr an die Tür gedrückt, hörte sie deutlich Harlands Stimme. Er klang nervös. „Gentlemen, wie Sie sehen, bin ich allein und eigentlich nicht imstande, Sie zu empfangen. Nun gut, wie dem auch sei, da Sie nun schon einmal hier sind, womit kann ich Ihnen dienen, Mr Hemsley? Sie schrieben etwas über ein Porträt Ihrer Tante, nicht wahr?“

„Alleine?“ Der Besitzer der blasierten Stimme – Mr Hemsley, folgerte sie – nahm keine Notiz von der Frage des Künstlers. „Ihr Farbenmann sagte, Sie hätten ein Modell hier oben.“

„Da liegt er falsch. Vorhin hatte ich ein Aktmodell hier, aber …“

„Ein Akt, in der Tat! Seht mal her, Leute!“ Diese Stimme klang jünger, aufgeregt.

„Vorsicht, mein Herr! Das Gerüst ist nicht sehr sicher gebaut!“ Also war einer von ihnen zur Leinwand hinaufgeklettert.

„Teufel nochmal.“ Das war Hemsley. Seine Stimme klang jetzt seltsam belegt – vor unterdrückter Erregung, so viel konnte selbst Talitha in ihrer Unschuld erkennen. Dann klang der Eifer wieder durch. „Ich wette, sie ist noch hier, Harland, alter Fuchs. Kommt, Männer, auf zum fröhlichen Jagen!“

„Um Himmels willen, Hemsley.“ Die kühle Stimme klang über alle Maßen gelangweilt. „Wie lange willst du dich noch in dieser schäbigen Dachkammer herumtreiben? Oh, also gut, wenn du sonst keine Ruhe gibst, dann suchen wir eben. Ich sehe mich hier um, du und die anderen, ihr sucht dort drüben. Zweifelsohne werden wir ein paar sehr große Spinnen, einen toten Sperling oder zwei und jede Menge Mäuse aufstöbern.“

Noch während er sprach, näherten sich seine Schritte ihrem Versteck. Verzweifelt überlegte Talitha, den Griff zu packen und die Tür zuzuhalten, so fest sie konnte, um ihn daran zu hindern, sie zu öffnen. Der Gedanke daran, schließlich doch und noch dazu auf äußerst unwürdige Art und Weise ans Licht gezerrt zu werden, mehrte allerdings nur ihren Schrecken und hielt sie davon ab. Die Schritte verhielten. Vom anderen Ende des Dachbodens her hörte man den Lärm der ausgelassenen Sucherei, vermischt mit aufgeregten Rufen und dem gelegentlichen „Bitte, Gentlemen, seien Sie vorsichtig mit den Leinwänden!“ des aufgeregten Künstlers.

Jetzt erklangen die Schritte wieder, näher. Wenn sich ihre angestrengten Ohren nicht täuschten, umrundete der Besitzer der Schritte gerade das letzte Regal. Unmittelbar vor dem Schrank verhielten die Schritte erneut. Entsetzt wandte Talitha sich von der Tür ab und kauerte sich, so gut es ging, in den Schatten. Die Arme eng um ihren zusammengekauerten Körper geschlungen, erwartete sie das Schlimmste.

Die Haare fielen ihr zu beiden Seiten um den gebeugten Kopf und vermittelten ihr immerhin ein trügerisches Gefühl von Geborgenheit und Anonymität, doch selbst dies verschwand, als sich knarrend die Tür des Schranks öffnete. Licht flutete aus dem Atelier in den kleinen Raum hinein und vertrieb den schwachen Schimmer des Schrankfensterchens. Der Schatten eines Mannes fiel auf den Boden zu Talithas Füßen.

Er bewegte sich nicht. Sie konnte seinen gleichmäßigen Atem hören, allerdings auch das kurze Stocken darin, als er ihrer ansichtig wurde. Einen Augenblick nur, dann hatte er sich bereits wieder vollkommen unter Kontrolle. Schweigend betrachtete er sie, sie ihrerseits verharrte wie gelähmt, zu keiner Bewegung imstande und unfähig, die Augen von dem langgezogenen Schatten abzuwenden.

Der unsichtbare Blick brannte sich in ihren Körper. Talitha wusste nur zu genau, was dieser Blick zu sehen bekam. Heiße Wellen der Beschämung spülten über ihren Leib. Ihr war sterbenselend.

Jetzt lass es doch gut sein! schrie sie innerlich. Wie kannst du mich so quälen?

Jeden Moment würde er jetzt rufen und das ganze Pack um sich sammeln, sie würden anzüglich grinsen, sie berühren, höhnisch lachen. Wie ein wildes Tier in der Falle zog sie sich in sich selbst zurück, ihr Verstand so erstarrt in Schrecken und Scham, dass sie keines vernünftigen Gedankens mehr fähig war.

Der Schatten zu ihren Füßen verlagerte sich. Der Mann bewegte sich, sie spürte einen leichten Druck an der Schulter. Warm legte sich eine Hand auf ihren zurückweichenden Körper, leise raschelnd glitt ein Stück Stoff ihren Rücken hinab und über ihr Gesäß. Talitha verbiss sich mit Mühe einen Schrei. Seine Stimme – sehr sanft und eher leidenschaftslos – sprach leise: „Hier, Ihr Umhang, er hatte sich an einem Nagel verfangen. Seien Sie ganz still. Alles wird gut werden, ich verspreche es Ihnen.“

Ich verspreche es Ihnen. Sie glaubte ihm. Die Hand entfernte sich, doch merkte sie, dass er noch immer ganz dicht hinter ihr stand, nah genug, um ihr diese Worte ins Ohr flüstern zu können, ohne dass ein Laut nach außen drang; so nah, dass sie seinen warmen Atem spüren konnte. Talitha hörte, wie er tief Luft holte. Sie hatte den unwirklichen Eindruck, dass er ihren Geruch einsog. Als er wieder sprach, stockte die kontrollierte Stimme; ihre Nähe schien ihn tatsächlich zu verwirren.

„Ich stecke den Schlüssel von innen ins Schloss. Sobald ich gegangen bin, schließen Sie ab.“ Nein, sie hatte es sich nur eingebildet; er klang pragmatisch, distanziert, unbeeindruckt vom Anblick des nackten Mädchens vor ihm, das, seiner Gnade ausgeliefert, vor Angst zitterte.

Die Tür wurde geschlossen, das Licht verschwand. Er war weg. Plötzlich kam ihr der winzige Raum unendlich groß und leer vor. Über das Geräusch ihres klopfenden Herzens hinweg hatte sie nicht bemerkt, dass er sich bewegt hatte. Plötzlich ertönten die Stimmen der restlichen Jäger in unmittelbarer Nähe. „Was ist, Nick? Hast sie wohl aufgestöbert, wie?“

„Der Schrank ist abgeschlossen.“ Er schien lauter zu sprechen als nötig. Wie auf ein Zeichen schüttelte Talitha ihre Starre ab und drehte den Schlüssel im Schloss. Das laute Klicken wurde zum Glück von dem außen herrschenden Lärm übertönt. „Der Schlüssel steckte von außen“, erklärte der Mann, der Nick hieß.

Oh, wie gerissen, dachte Talitha. Die Beine gaben unter ihr nach. Langsam rutschte sie die Wand hinab, bis sie zusammengesunken auf dem Boden saß. Der Schrank ist verschlossen und der Schlüssel steckte von außen, also konnte er nicht von innen abgeschlossen worden sein. Alles die reine Wahrheit und doch durch und durch gelogen.

„Gentlemen, Gentlemen, kommen Sie bitte mit mir nach unten, dort ist es bequemer für Sie, und wir können uns in Ruhe der Frage nach Lady Agathas Porträt widmen.“ Die Männer folgten Mr Harland. Ihre Stimmen, bar jeden Eifers, jetzt, da die Jagd ein enttäuschendes Ende genommen hatte, verloren sich auf dem Weg die Stiege hinab.

Talitha blieb im Schrank hocken, bis sich ihr Atem etwas beruhigt hatte und die Welle der Übelkeit abgeklungen war. Anschließend musste sie feststellen, dass sie sich, steif vor Kälte, kaum mehr bewegen konnte. Mit quälender Langsamkeit, wie eine alte Frau, die sich nach einem Sturz erhebt, krallte sie sich hoch, bis sie wieder auf ihren Füßen stand. Das erneute laute Klicken des Schlüssels, als sie ihn im Schloss drehte, ließ sie zusammenfahren. Gespannt auf jedes Geräusch lauschend, schob sie behutsam die Tür auf und schlich auf Zehenspitzen in die kalte Dachkammer hinaus. Von unten hörte sie entfernte Stimmen. Mr Harland hatte sie also letztendlich alle in seinem Atelier im ersten Stock versammelt, Gott sei Dank. Vermutlich bot er ihnen gerade von dem guten Madeira an, den er dort für seine Kunden bereitstehen hatte.

Talitha schlich sich die Stiege hinab in den nächsten Stock. Hier befand sich die beinahe leere Schlafkammer, in der sie sich üblicherweise umzog. Das Wasser in dem Krug, mit dem sie sich die staubigen Finger wusch, war eisig, die wohltuende Geborgenheit ihrer Kleidung wärmte sie jedoch bereits von innen. Der Duft des Jasminwassers, das sie stets auflegte und das ohne ihre Körperwärme zu weniger als einem Hauch verblasst war, stieg ihr wohltuend in die Nase. Sie zwang den Kamm durch ihre Haare. Bei jedem Strich zuckte sie unter dem ziehenden Schmerz zusammen, doch es musste sein, sie musste das Haar zu einem festen Zopf geflochten hochstecken, damit ihre Haube den hellen, blonden Schimmer vollständig bedeckte. Einem Kenner der neuesten Damenmode wäre aufgefallen, wie überraschend elegant im Vergleich zu ihrem abgetragenen Gewand diese Haube war, die sie auf ihrem endlich gebändigten Haar feststeckte. Feinstes gebleichtes Stroh, erkennbar Lutoner Flechtwerk, mit einem, wenn auch bescheidenen, Besatz aus fein gewebtem Zierband.

Durch das so alltägliche Ritual des Ankleidens gefestigt und nun eine respektable Erscheinung, wagte Talitha sich schließlich auf den Stiegenabsatz hinaus und lugte über den Handlauf. In der Diele unterhalb erspähte sie die Hüte von vier Herren, eine Anzahl Schultern in gut sitzenden Röcken sowie die beiden unbedeckten Köpfe von Mr Harland und Peter, der beim Abschied der Besucher seinen struppigen grauen Schopf aus seiner Tür hinausstreckte.

Der letzte der Männer blieb noch einmal stehen, und Talitha konnte deutlich die unterkühlte Stimme des Mannes hören, den die anderen mit Nick angesprochen hatten, des Mannes, der ihr Versteck gefunden und sie beschützt hatte. „Guten Tag, Mr Harland. Ich hoffe, wir haben in Ihrem Haushalt niemanden zu sehr durcheinandergebracht.“ Die Stimme klang nicht übermäßig besorgt, doch Talitha hatte den starken Eindruck, dass ihr Besitzer das Benehmen seiner Gefährten mit ausgesuchtem Missfallen betrachtete.

„Danke“, flüsterte sie unhörbar. Sie fühlte sich, als hätte er ihr das Leben gerettet, sie in letzter Sekunde aus einem brennenden Gebäude geborgen.

Auch an ihm war die ganze Angelegenheit nicht spurlos vorübergegangen, dessen war sie sicher. Dieser Mann war kein Frederick Harland, vollkommen gleichgültig der weiblichen Anatomie gegenüber. Das plötzliche, scharfe Atemholen bei ihrem Anblick sowie seine anschließende absolute Reglosigkeit sagten ihr dies. Die Erinnerung daran, wie er ihren Geruch eingeatmet hatte, fuhr als verstörend sinnliches Vergnügen durch ihren Körper.

In Gedanken malte sie sich die grässliche Szene aus, die unausweichlich gefolgt wäre, wäre einer seiner Gefährten statt seiner dort gewesen. Sofort verbannte sie diese Vorstellung als entschieden zu furchtbar, um im Moment darüber nachdenken zu können. Sie musste nach Hause, in die Sicherheit ihrer eigenen vier Wände. Sie sehnte sich danach, eine Tasse Tee in Händen zu halten und sich in beruhigender weiblicher Gesellschaft zu befinden.

Auf dem Treppenabsatz erschien Frederick Harland. Überrascht blickte er auf, als er Talitha vollständig angezogen vor sich stehen sah. „Sie gehen schon, Miss Grey?“

Talitha kannte ihn viel zu gut, als dass sie sich darüber wunderte, dass er die Gefahr, in der sie geschwebt hatte, augenscheinlich bereits vergessen hatte. „Es wird bereits dunkel, Mr Harland“, erwiderte sie daher nur. Mit einem verzweifelten Ausruf stieg er die letzten Stufen zum Atelier empor.

Seufzend folgte Talitha ihm hinauf. „Hatten die Herren einen interessanten Auftrag für Sie?“ Sie benötigte das Geld für ihre Sitzung. Obschon er sich niemals ausweichend verhielt, wenn sie nachfragte, oder mit ihr diskutierte, wenn sie ihm vorrechnete, wie viel er ihr schuldete, hatte der Künstler offensichtlich den Eindruck, Geld wäre für sie von ebenso wenig Interesse wie für ihn selbst. Sie musste ihn stets erinnern.

„Kaum. Das Porträt einer angesehenen Witwe, Lady Agatha Mornington. Ihr Neffe, Mr Hemsley, zahlt dafür. Zweifelsohne sieht er dies als eine Investition an“, fügte Harland plötzlich hinzu, und Talitha wunderte sich über seinen Anfall von Klarsichtigkeit, was die Menschen um ihn herum betraf.

„Wie das?“, fragte sie, während sie ihre Handschuhe überstreifte. Porträts von Mr Harland waren nicht gerade billig.

„Er selbst ist nicht sehr gut betucht, aber ich habe aus verlässlicher Quelle vernommen, dass er ein Darlehen auf das Ableben seiner Tante aufgenommen hat. Zweifellos investiert er in ein Porträt, um sie ihm gewogen zu halten, damit sie ihr Testament nicht ändert.“ Er bemerkte, dass Talitha ihre Geldbörse in der Hand hielt, und sein eigenes Gerede über Geld versetzte seiner Erinnerung einen Schubs. „Und wie viel schulde ich Ihnen, Miss Grey?“

„Zwei Guineen, bitte, Sir. Für die eine Sitzung heute und die drei in der letzten Woche, wenn Sie sich erinnern möchten.“ Er zählte ihr den Betrag ab. Lächelnd nahm sie die Münzen entgegen und bedankte sich. „Denken Sie, Lady Agatha weiß, dass er auf ihren Tod ein Darlehen aufgenommen hat? Wäre sie nicht recht verärgert, wenn sie wüsste, dass er sich auf diese Art Geld borgt?“

„Sie würde ihn aus ihrem Testament ausschließen, denke ich“, erwiderte der Künstler. Mit konzentriert gefurchter Stirn begann er, seine Palette zu säubern. „Durch und durch ein Lebemann. Wenn ihm das Glück nicht bald hold ist, wird er sich ziemlich zurückhalten müssen, um seinen Gläubigern zu entgehen.“

„Wie schrecklich, dass jemand den Tod eines Verwandten als glücklichen Umstand zu sehen imstande ist“, bemerkte Talitha und dachte dabei, dass sie schon eine einzige Verwandte, und sei es nur eine herrische Witwe, als durchaus bereichernd empfinden würde. „Wer waren die anderen Herren?“

„Was? Geben Sie mir doch bitte den Lappen dort, seien Sie so nett. Oh, Lord Harperley und der junge Lord Parry.“ Talitha verbiss sich einen erschrockenen Aufschrei. Sie war mit Lord Parrys Mutter bekannt, und es lag sogar im Bereich des Möglichen, dass seine Lordschaft sie wiedererkennen würde, denn er hatte sie bereits ein- oder zweimal gesehen. Sie schluckte und konzentrierte sich auf Mr Harlands nächste Worte. „Den stillen Gentleman kannte ich nicht. Er könnte aus Übersee gekommen sein, seine Haut war leicht gebräunt.“

Talitha musste innerlich lächeln – so etwas wie Hautfarben und Kontraste fielen dem sonst eher unaufmerksamen Mr Harland in jedem Fall auf. „Ein sehr gutaussehender junger Mann“, fügte er leidenschaftslos hinzu. „Ich frage mich, ob er für mich als Alexander Modell sitzen würde.“

Mit einem letzten Lächeln verabschiedete Talitha sich, schlüpfte hinaus und verschwand nach unten. Sie überließ Mr Harland seinem Selbstgespräch und den Überlegungen, ob ein Mitglied der besseren Gesellschaft nackt und mit einem Schwert in der Hand für ihn Modell sitzen würde. Als sie auf die Straße hinaustrat, ertappte sie sich dabei, wie auch sie über dieses Bild nachdachte; ein höchst verwirrender Gedanke. Geh nach Hause und koch dir einen Tee, Talitha, rief sie sich zur Ordnung. Und dann solltest du dir in Ruhe ein paar Gedanken machen zum Thema Beinahe-Katastrophen.

2. KAPITEL

Der Weg zurück in die Upper Wimpole Street, in der Talitha wohnte, war recht weit, doch selbst mit zwei Guineen in der Tasche geriet sie nicht in Versuchung, eine Droschke zu nehmen. Während sie raschen Schrittes voraneilte, bemühte sie sich, die beängstigenden Ereignisse des Nachmittages aus ihren Gedanken zu verbannen, indem sie über ihre finanzielle Situation nachdachte. Es gelang ihr lediglich, sich dadurch noch niedergeschlagener zu fühlen als zuvor.

Unvermittelt hatten Talitha Grey und ihre Mutter sich in der Situation wiedergefunden, ihr Leben in ärmlicher Bescheidenheit zu verbringen, nachdem ihr Vater vor fünf Jahren plötzlich gestorben war. James Grey hatte ihnen nichts hinterlassen als eine alarmierende Anzahl Schuldscheine sowie ein paar undurchsichtige Investitionen, die das Papier nicht wert waren, auf dem sie gedruckt waren. Mit Mrs Greys karger jährlicher Rente und Talithas hundert Pfund im Jahr gelang es ihnen mehr schlecht als recht, sich durchzuschlagen. Für ein Debüt reichte es jedoch beileibe nicht, so bescheiden es auch ausgefallen wäre. Ihre Mutter verfiel schließlich immer mehr dem Trübsinn.

Als sie ihrem Gatten drei Jahre später ins Grab folgte, musste Talitha feststellen, dass mit dem Tod ihrer Mutter auch deren jährliche Rente nicht mehr ausgezahlt wurde. Nun sah sie sich den sehr begrenzten Möglichkeiten gegenüber, die einer wohlerzogenen jungen Frau mit wenig Geld und weder Freunden noch Verbindungen offenstanden.

Eine respektable eheliche Verbindung kam ohne Mitgift oder einen Gönner nicht infrage. Augenscheinlich blieb ihr nur die Wahl zwischen Gesellschaftsdame oder Gouvernante. Keines von beidem behagte ihr sonderlich: Etwas hinter Talithas ruhiger, reservierter Oberfläche sträubte bei dem Gedanken, noch mehr Zeit damit zu verbringen, sich einer anderen Person zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung halten zu müssen – vollkommen abgeschnitten von jedweder selbstständigen Handlung oder eigenen Gedanken. Sie hatte ihre Mutter geliebt und sich niemals gegen die Tatsache aufgelehnt, dass sich ihr gesamtes Leben seit dem Tod ihres Vaters nur um sie gedreht hatte. Den Rest dieses Lebens auf dieselbe Art und Weise entschwinden zu sehen, hatte sie jedoch nicht vor, zumal sie mit ihren zukünftigen Auftraggeberinnen keinerlei Blutsbande oder auch nur Freundschaft verbinden würde.

Also hatte Talitha vor ihrem geistigen Auge Revue passieren lassen, was sie konnte. Augenscheinlich besaß sie lediglich recht geschickte Finger und einen guten Geschmack in Modefragen. Angetan mit ihrer letzten guten Garderobe war sie nach dieser Inventur aufgebrochen, um sich jeder Hutmacherin vorzustellen, die sie finden konnte.

Die berühmte Madame Phanie hatte sie sofort abgelehnt, einige andere ebenfalls. In ihr entstand der Eindruck, dass verarmte junge Damen der Gesellschaft überall zu haben waren und Allüren an den Tag legten, von denen ihre bescheideneren Schwestern gnädigerweise frei waren. Als Talitha gerade endgültig aufgeben wollte, fand sie durch Zufall Madame d’Aunays exklusives Geschäft am Piccadilly Circus, keine vier Häuser von den Stoffhändlern Hardin & Howell entfernt.

Die Dame des Hauses gewährte ihr dankenswerterweise ein Vorstellungsgespräch und zeigte sich sogar überaus zuvorkommend, nachdem sie Miss Grey bei der Arbeit gesehen hatte. Talitha durfte sich der hart arbeitenden Belegschaft im Hinterzimmer anschließen. Eines Tages, als eine Kundin ein Loblied anstimmte über eine besonders elegante Kostümhaube, die Talitha vollkommen selbstständig gearbeitet hatte, gab Madame sich einen Ruck. Sie ließ Talitha aus dem Arbeitsraum herausrufen, damit die Kundin die gewünschten kleineren Änderungen am Besatz unmittelbar mit ihr besprechen konnte.

Schnell sprach sich herum, dass in Madame d’Aunays Etablissement eine junge Dame beschäftigt wurde, die eine absolute Zauberin war, wenn es um Hüte ging, und die besonderes Geschick bewies mit Kreationen, die Damen jenseits der Vierzig zu schmeicheln vermochten. In kürzester Zeit arbeitete Talitha für ihre eigenen Stammkundinnen. Madame nahm ein ansehnliches Honorar dafür, Miss Grey zum persönlichen Maßnehmen in Privathäuser zu entsenden; außerdem beteiligte Madame, ehemals Mary Wilkinson aus All Hallows, Talitha großzügig an den Einnahmen.

Und doch kam sie damit nur so eben aus. Talitha seufzte, während sie die Stufen zur Vordertür von Mrs Penelope Blackstocks privatem Logierhaus für junge Damen in der Upper Wimpole Street emporstieg. Es sah ihr nicht ähnlich, so niedergeschlagen zu sein, doch ihr wurde langsam klar, dass sie niemals so viel verdienen würde, dass es für mehr als das Nötigste reichte. Selbst dies hing völlig davon ab, ob es ihr weiterhin möglich war, zu arbeiten. Hinzu kam, dass sie heute eine allzu deutliche Warnung erhalten hatte: Eine ihrer Einkommensquellen stellte durch ihre Unschicklichkeit eine große Gefahr für sie dar. Hätte Lord Parry sie erkannt, wäre selbst ihre angesehene Beschäftigung in Gefahr gewesen.

„Tallie! Da bist du ja endlich.“ Emilia, Mrs Blackstocks achtzehnjährige Nichte, Millie genannt, war bei dem Geräusch des Schlüssels im Schloss aus dem Salon erschienen; ein Schal war wie ein Turban um ihren Kopf gewickelt. „Komm herein. Tantchen hat Tee gemacht, und wir rösten gerade ein paar Muffins.“

Dankbar ließ Talitha Haube und Umhang auf einen Stuhl fallen, zog die Handschuhe aus und folgte ihr hinein. Sämtliche Bewohner des Hauses, außer Mrs Porter, der Köchin, und Annie, dem Mädchen für alles, hatten sich um den Kamin versammelt.

Plötzlich verschwamm Talitha alles vor den Augen, und selbst den Sessel, den sie gerade ansteuerte, konnte sie nicht mehr klar sehen. Ihr Blick war so getrübt, dass sie die Tischkante greifen musste, um sich im Gleichgewicht zu halten.

„Tallie, meine Liebe, was ist los? Bist du krank?“ Zenobia Scott, der andere Logiergast, sprang auf die Beine und geleitete Talitha zu ihrem Platz. „Du bist ja eiskalt! Bitte, Mrs Blackstock, darf ich die Köchin fragen, ob sie ihr einen heißen Ziegelstein für ihre Füße bringt?“

„Ich werde gehen.“ Millie war bereits auf dem Weg, und kurz darauf fand Talitha sich in eine warme Decke gehüllt und mit einem von den glühend heißen Ziegeln an den Füßen wieder, die von der Köchin stets hinten auf dem Ofen gelagert wurden.

Fest umklammerte sie ihre Teetasse und lächelte ihre Freundinnen dankbar an. Wie schon so oft dankte sie ihrem Schöpfer dafür, dass sie diese heitere Enklave der Weiblichkeit gefunden hatte.

„Bist du den ganzen Weg nach Hause zu Fuß gegangen, Talitha?“, erkundigte sich Mrs Blackstock. „Ich wünschte, du würdest das nicht immer tun; es ist recht frisch draußen und außerdem schon dunkel. Was hat dich denn so aufgeregt? Hat ein Mann dir ein zweideutiges Angebot gemacht?“

„Nein, eigentlich nicht.“ Talitha überlegte. Sie konnte schwerlich so tun, als wäre nichts geschehen – außerdem hatte sie das dringende Bedürfnis, über ihr Erlebnis zu sprechen. Obgleich die anderen Frauen zwar wussten, dass sie für Mr Harland Modell saß, hatten sie doch keine Ahnung, in welch skandalös unbekleidetem Zustand sie dies tat. Sie hatten mitbekommen, wie sie angefangen hatte, für den Porträtmaler Modell zu sitzen; ohne groß darüber nachzudenken, nahmen sie an, dass es wohl einen steten Strom an Damen der Gesellschaft geben musste, die für ihre nicht mehr taufrischen oder schwangeren Gestalten ein Ersatz-Modell benötigten. Talitha hatte ihnen nicht erzählt, dass sie nach ihrem ersten Auftrag – eine ihrer Hutkundinnen ließ ein Bildnis von sich anfertigen, um ihren Gemahl an ihre vorgeburtlich schlanke Gestalt zu erinnern – den lukrativen Verlockungen erlegen war, die das Posieren als Aktmodell mit sich brachte.

„Ich war im Atelier“, fing sie an, „und eine Gruppe von Männern machte unangekündigt ihre Aufwartung. Sie sind einfach heraufgekommen, weil sie glaubten, Mr Harland habe ein weibliches Modell oben. Sie fingen ein schreckliches Getöse an, weil sie mich unbedingt sehen wollten.“

„Wie furchtbar!“, riefen Mrs Blackstock und ihre Nichte wie aus einem Munde. Millie, eine überwältigende blonde Schönheit mit einer lieblichen Figur und einem wunderbaren Sopran, hatte eine Anstellung als Chorsängerin an der Oper. Trotz der allgemeinen Vorurteile, was ihren Beruf anbetraf, behielt sie sowohl ihre Tugend als auch eine bezaubernde Unschuld, egal, was für Fallstricke die Herren der Schöpfung für „Amelie LeNoir“, so ihr Künstlername, auslegen mochten.

„Haben sie dich entdeckt?“, fragte Mrs Blackstock. Sie behielt die drei jungen Damen unter ihrem Dach stets besorgt im Auge – obgleich die schlechten Erfahrungen, die sie als Witwe hatte machen müssen, sie gelehrt hatten, dass eine Dame aus begrenzten wirtschaftlichen Verhältnissen es sich kaum leisten konnte, sich zu sehr zu zieren, was ihre Moral betraf.

„Nein, glücklicherweise waren diejenigen, die am lautesten zur Jagd geblasen haben, abgelenkt, und alles ging gut. Doch es war beängstigend und mir war so furchtbar kalt …“

„Sieh zu, dass du ein ordentliches Abendessen zu dir nimmst, Talitha, Liebes, und geh früh zu Bett.“ Mütterliche Besorgnis schwang in Mrs Blackstocks Stimme mit.

„Ach, du meine Güte, seht mal auf die Uhr! Millie, wenn wir dir noch diese Papierwickler herausnehmen und dein Haar für die Vorstellung heute Abend frisieren wollen, müssen wir uns sputen!“

Sie scheuchte ihre Nichte vor sich her aus dem Zimmer, wobei sie Talitha im Hinausgehen die Schulter tätschelte.

Zenobia verlagerte das Gewicht auf ihrem Stuhl, um ihre Freundin besser ansehen zu können. Sie war unabhängige Gouvernante, die täglich zu ihren Familien hinausging, und drei Jahre älter als Talitha. Sie besaß eine kleine, aber angesehene Kundschaft unter den wenigen Familien, denen die Erziehung ihrer Töchter wichtig war. Diese Mädchen bekamen – zusätzlich zu dem regelmäßigen Unterricht durch die eigenen Gouvernanten – von Miss Scott Lektionen in Italienisch, Deutsch und sogar in Latein erteilt.

„Und?“, wollte Zenobia plötzlich wissen. Jahrelanges Kinderhüten hatte ihr einen sicheren Sinn für Halbwahrheiten vermittelt. „Wer war er?“

„Er? Wer?“

Zenobia rollte ihre braunen Augen himmelwärts. „Der Mann natürlich. Derjenige, der dich nicht gejagt hat.“

„Wie hast du … ich meine, wieso denkst du …?“

„Die Wahl deiner Worte war merkwürdig, das ist alles. Außerdem kenne ich dich. Du verbirgst etwas, ich spüre eine gewisse Erregung. Komm schon, erzähl es deiner Zenna.“

„Ich habe ihn nicht einmal gesehen, Zenna“, protestierte Talitha. „Nur seinen Schatten auf dem Boden. Sie kamen alle heraufgetrampelt, weißt du, und ich bin gerannt und wollte mich im Schrank verstecken, aber der Schlüssel ist heruntergefallen und ich hatte ja nur den Umhang, und der …“

„Tallie!“ Zenobias Gesicht spiegelte ihr Entsetzen. „Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass du nackt posiert hast?“

„Äh … doch. Aber, weißt du, Mr Harland ist völlig immun gegen weibliche Reize. Das interessiert ihn gar nicht. Ich bin bei ihm so sicher aufgehoben wie bei dir. Niemand wird je seine klassischen Gemälde sehen oder gar kaufen – keines ist fertig und außerdem sind sie viel zu groß.“

„Tja, so, wie es sich anhört, haben ein paar Männer aber doch etwas gesehen“, erwiderte Zenobia düster. „Wie viele waren es denn eigentlich?“

„Vier. Aber selbst wenn sie mich je wiedersehen würden – von dem Bild her erkennen sie mich niemals. Man sieht mich doch nur von hinten.“

Ein leiser Schreckenslaut entfuhr Zenobias Lippen. „Und was ist mit dem Schrank, in dem du dich versteckt hast? Hat dich da drin keiner gefunden?“

„Doch, ja, einer von ihnen hat die Tür geöffnet. Aber er hat mein Gesicht nicht gesehen. Er war überhaupt der perfekte Gentleman, gab mir meinen Umhang zurück und den Schlüssel, und dann hat er den anderen erzählt, der Schrank sei verschlossen. Schließlich sind sie wieder abgezogen.“

Zenobia stöhnte laut. „Du warst in einem Schrank, ohne Kleidung am Leib und ein Mann öffnete die Tür?“ Talitha nickte. „Und er hat keinen Ton gesagt und dich nicht angerührt oder …?“

„Er hielt kurz die Luft an“, gab Talitha zu. Bei der Erinnerung an das leise Stocken im Atem des Mannes lief ihr erneut ein Schauer über den Rücken.

„Das kann ich mir denken“, philosophierte Zenobia düster. „Durch irgendein Wunder bist du dem einzigen anständigen Mann in ganz London begegnet.“

„Er hat mich gerettet, aber … sicher habe ich mich trotzdem nicht gefühlt.“ Fragend zog Zenobia ihre eher dichten Augenbrauen hoch. „Na ja, seine Stimme klang so … so unterkühlt und distanziert, als wäre es ihm egal, was andere denken. Er muss … viel Macht besitzen.“

„Woher beim Leibhaftigen willst du das wissen?“, schimpfte die Freundin und bemühte sich, diesen letzten, anscheinend gefährlich hitzigen Bildern einen Dämpfer aufzusetzen. „Du hast ihn doch nicht gesehen, oder?“

„Nein, aber er strahlte so etwas aus. Ich kann es nicht beschreiben, Macht scheint mir indes das richtige Wort dafür zu sein. Mr Harland wollte ihn fragen, ob er als Alexander der Große für ihn Modell sitzt.“

„Du meine Güte. Na ja, wenn er den Bildern, die ich von Alexander gesehen habe, auch nur entfernt ähnelt, ist er in der Tat ein eindrucksvoller Mann. Welch ein Glück, dass du ihn nicht gesehen hast“, fügte sie verschmitzt hinzu, „sonst würdest du dir noch einbilden, in ihn verliebt zu sein.“

„Was für ein Unsinn!“ Lachend warf Talitha ihrer neckischen Freundin ein Kissen an den Kopf. Sie fühlte sich mit einem Mal viel besser. Alexander der Große, also wirklich!

Erfrischt von einer Nacht tiefen Schlafes, ungestört durch Träume von lärmenden Männern oder antiken Generälen, wachte Talitha am nächsten Morgen auf. Es versprach ein schöner, sonniger Tag zu werden, und sie fühlte sich so zuversichtlich wie schon lange nicht mehr.

„Geht es dir besser?“, fragte Zenobia sie am Frühstückstisch. Sie waren allein. Mrs Blackstock war auf den Markt gegangen, und Millie lag noch im Bett – wie sie so richtig sagte, war der Schönheitsschlaf in ihrem Gewerbe eine absolute Notwendigkeit.

„Mmmja.“ Großzügig strich Talitha sich Marmelade auf ihren Toast und besah sich die Annoncen auf der ersten Seite der Morgenzeitung. „Wie viel würde es wohl kosten, ein eigenes Geschäft aufzumachen, Zenna?“

„Als Hutmacherin?“ Nachdenklich schob sich die Freundin eine mit Schinken gespickte Gabel in den Mund. „Die Miete für den Laden – darin bräuchte man dann einen Arbeitsraum, die Ausgaben für Renovierung. Hinzu kämen die Kosten für Einrichtung und Material, und du müsstest Mädchen anstellen, die bei dir arbeiten. Viel Geld. Nicht so viel, wie ich für eine Schule bräuchte, aber doch eine Menge. Du bräuchtest ein Darlehen oder“, fügte sie verschmitzt zwinkernd hinzu, „einen Gönner.“

„Ich vermute, dass Madame D’Aunay so angefangen hat, indem sie das Abschiedsgeschenk einer solchen Person umsichtig investiert hat“, überlegte Talitha. „Allerdings habe ich absolut nicht die Absicht, mir einen Liebhaber zuzulegen, nur, um mir von ihm das Geld für ein Hutgeschäft zu borgen!“

Zenobia verschluckte sich fast vor Lachen. „Das wäre mit Sicherheit der originellste Grund, den Pfad der Tugend zu verlassen. Was hast du heute vor? Ich bin den ganzen Tag mit den zwei Hutchinson-Mädchen beschäftigt. Wir werden durch den Park spazieren und dabei Italienisch parlieren.“

„Das hört sich gut an. Von dem, was du mir erzählt hast, müssen die Hutchinsons eine reizende Familie sein. Ich habe auch einen angenehmen Tag vor mir. Ich muss zwei Hüte an meine Lieblingskundinnen ausliefern, Lady Parry und Miss Gower.“

Es sollte sich herausstellen, dass Talitha Mühe haben würde, sich ihre fröhliche Stimmung zu erhalten. Im morgendlichen Sonnenschein zeigte sich unbarmherzig, dass ihr braunes Ausgehkleid genauso unbefriedigend aussah, wie sie vermutet hatte. Es half also nichts, sie musste Stoff kaufen und sich ein neues Kleid nähen. Zurzeit sah sie sicherlich nicht so aus, als gehöre sie zu dem Personenkreis, deren Mitglieder den Damen der Gesellschaft ihre Aufwartung machten. Im Vorübergehen betrachtete Talitha die Auslagen in den Fenstern von Hardin & Howell und entschied sich schweren Herzens, dass der Parthenon Bazaar mehr ihrem Budget entsprach. Ein paar Möglichkeiten zu sparen hatte sie: Wenn sie keine Droschke nahm, um zu ihren Kundinnen zu gelangen, sondern zu Fuß ging, konnte sie ein paar Schillinge zurücklegen.

Schon bald bereute Talitha diese Entscheidung wieder, denn sie musste drei Hutschachteln bei der Hutmacherin abholen. Obgleich ihr erster Besuch bei Lady Parry in der nahen Bruton Street lag und die Schachteln nicht schwer waren, so ließen sie sich doch nur schwer handhaben. Zudem war der Anblick einer jungen Dame, die ein Paket auf offener Straße trug, ganz zu schweigen drei Hutschachteln, so ungewöhnlich, dass ihr dies einige konsternierte Blicke einbrachte.

Talitha wurde mehr und mehr nervös und war versucht, ihre Pläne zu ändern und zuerst bei Miss Gower in der Albermarle Street vorbeizuschauen, denn diese lag noch ein wenig näher. Miss Gower war jedoch dreiundachtzig und würde es nicht gerne sehen, vor elf gestört zu werden. Nein, sie musste zuerst zu Lady Parry und dieser ihre zwei Hüte bringen.

Vorsichtig bog sie in die New Bond Street ein, erleichtert darüber, ihren Bestimmungsort beinahe in Sichtweite zu haben. Sie hatte festgestellt, dass sie die Schachteln am leichtesten tragen konnte, wenn sie zwei übereinander trug und die Bänder der dritten um die Finger gewickelt hielt. Nur sah das dummerweise sehr unelegant aus, und auch ihre Sicht nach vorn war dadurch reichlich behindert. Weil sie um den Stapel fröhlich gestreifter Schachteln ständig herumspähen musste, hatte sie bereits nach kurzer Zeit einen steifen Hals.

Der Zusammenstoß ereignete sich, als sie gerade den Eingang der Pferdeställe an der Bruton Street erreicht hatte. Einen erschrockenen Moment lang glaubte sie, sie wäre gegen eine Wand gelaufen, denn das Objekt, gegen das sie geprallt war, wirkte fest und unnachgiebig. Die untere Hutschachtel wurde ihr ins Zwerchfell gedrückt, sodass sie nach Luft schnappte, die obere fiel herab und rollte auf die Straße. Die dritte, die sie vor Schreck losgelassen hatte, landete zu ihren Füßen.

Zusammengekrümmt und auf unschickliche Weise laut keuchend, erblickte Talitha durch einen Tränenschleier hindurch ein Paar Stiefel, die unmittelbar vor ihr standen. Sie mündeten in wohlproportionierte, muskulöse Beine in Hosen aus Hirschleder. Ihr Blick wanderte aufwärts, an einer einfachen Weste entlang, die sich zwischen den offenen Schößen eines ebenso unscheinbaren Reitmantels zeigte, vorbei an einem gestärkten, weißen Kragen bis hinauf zu einem festen, glatt rasierten Kinn. Schließlich sah sie direkt in ein Paar fragende Augen in einem außerordentlich anziehenden Gesicht, die außerdem offene Bewunderung spiegelten.

Das reichte. Erst der Schrecken des vergangenen Tages, dann das Wissen, dass sie einen Fehler gemacht hatte, indem sie sich für das Laufen entschied, und nun dies. Talitha überkam die Wut. Wie konnte dieser Mann es wagen, dort zu stehen, so kühl, gelassen und arrogant, und ungeniert dabei zusehen, wie sie sich lächerlich machte?

„Jetzt schauen Sie, was Sie angerichtet haben!“, brach es empört aus ihr hervor, als sie wieder einigermaßen zu Atem gekommen war. „Sehen Sie sich nur die Schachtel dort auf der Straße an!“

Bevor der Mann auf diesen Ausbruch reagieren konnte, klapperte eine Kutsche etwas zu schnell aus den Ställen und hielt genau auf die bunt gestreifte Hutschachtel zu.

„Oh, nein!“ Mit diesen Worten trat Talitha einen hastigen Schritt nach vorn, um die Schachtel noch an ihren Bändern zu erwischen, nur um plötzlich und ohne viel Federlesens auf den Gehweg zurückgerissen zu werden. Sie kämpfte gegen den Griff um ihren Arm, doch vergeblich. Das ihr zugewandte, vordere Rad der Kutsche erwischte die Schachtel und versetzte ihr einen solchen Stoß, dass der Deckel abfiel. Lady Parrys erlesener neuer Hut fiel heraus in den Straßendreck. Wie ein verwundeter Paradiesvogel blieb er dort liegen.

„Au!“ Ihr Arm tat weh und zu ihren Füßen lag das Ergebnis stundenlanger Arbeit und feinster Materialien, von den Federn ganz zu schweigen, die nur noch ein schlammiges Häuflein Elend waren.

Ohne sich zu entschuldigen, gab der Mann ihren Arm frei. „Den Hut zwischen den Rädern der Kutsche zu sehen, ist mir wesentlich lieber, als mir den Anblick von Ihnen in selbiger Lage vorzustellen.“ Er trat hinaus auf die Straße, hob Hut und Schachtel samt Deckel auf, ließ das verschmutzte Stück in die Schachtel fallen und händigte Talitha diese aus. Danach zog er ein großes, weißes Schnupftuch aus dem Ärmel und rieb sich damit den Schmutz von den Handschuhen. „Mein Kammerdiener kontrolliert stets, ob ich ein sauberes Schnupftuch bei mir trage, wenn ich ausgehe. Wie außerordentlich erfreut wird er sein, dass es tatsächlich einmal nötig war.“

Dafür, dass sie ja mit ihm zusammengestoßen war, und nicht umgekehrt, und sie ihm darüber hinaus wütende Vorhaltungen gemacht hatte, klang er recht höflich und gelassen. Ebenso klang er, wie Talitha ungläubig feststellte, erschreckend bekannt. Nein, sicher nicht – das konnte nicht sein! Talitha fuhr vor Überraschung zusammen. Sie verbarg ihre Verwirrung, indem sie in ihrer Tasche nach ihrem eigenen Taschentuch suchte.

„Ja, natürlich, Sie haben vollkommen recht, es tut mir sehr leid, Sir“, brachte sie hervor, während sie vorgab, sich die Tränen zu trocknen. „Ich muss wohl in Sie hineingelaufen sein, Sir. Entschuldigen Sie vielmals.“ Sie merkte, wie sie errötete. Ihr wurde heiß.

„Das kann schon sein, aber darauf kommt es nicht an. Gehört das denn alles Ihnen?“ Mit großer Geste und hochgezogenen Augenbrauen deutete er auf die herumliegenden Schachteln.

„Ich war gerade dabei, sie auszuliefern.“ Talitha war sich sicher, dass sie mittlerweile dunkelrot angelaufen sein musste. Ihr Verstand arbeitete kaum noch, und doch musste sie dieses Zusammentreffen beenden, musste sich mitsamt den Hutschachteln schnellstens aus dem Staub machen, bevor seine Erinnerung sich regte. Mit jedem Wort, das er sprach, wurde ihr deutlicher, dass dies ...

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