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BACCARA GOLD BAND 4

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Der Prinz mit den sanften Händen

1. KAPITEL

Das grün-weiße Wasserflugzeug streifte fast die Wipfel der Bäume, als es mit dröhnendem Motor zur Landung auf dem größeren der zwei Seen ansetzte, die Teil einer weitläufigen Seenplatte bildeten. Clio Blake, die mit einem Motorboot das Fahrwasser einer Jacht schnitt, die gerade vor ihr den Kanal verlassen hatte, hörte zuerst das laute Brummen. Als das Flugzeug dann über ihren Kopf hinwegbrauste, schaute sie auf und wünschte sich, dass sie Zauberkräfte besäße, mit denen sie es verschwinden lassen könnte.

Sie wollte ihn nicht hier haben. Er hätte nicht kommen dürfen. Das war nicht richtig.

Clio drosselte das Tempo und steuerte das Boot in den schmalen Kanal, der die beiden Seen miteinander verband. Ein Schild wies auf die hier geltende Geschwindigkeitsbegrenzung hin und warnte Bootsfahrer vor der Gefahr, dass das Aufwirbeln des Wassers den Uferrand zerstörte.

Vom Kanal aus gelangte Clio in den größeren See. Widerstrebend erhöhte sie das Tempo wieder und fuhr quer übers Wasser zum Anlegeplatz der Flugzeuge. Die Twin Otter drehte schon auf der Wasseroberfläche, bereit, wieder abzuheben.

Also war er gekommen. Nichts hatte seine Ankunft verhindert. Als sie sich bei diesem Gedanken ertappte, verzog Clio das Gesicht. Hatte sie unbewusst gehofft, das Flugzeug würde abstürzen?

Daran konnte man erkennen, wie heftig sie ihn ablehnte. Aber ihre Eltern hatten nicht auf sie hören wollen. Ihre Schwester Zara hatte ihn hier haben wollen, und was Zara sich wünschte, das bekam sie auch. Deshalb war Prinz Jalal ibn Aziz ibn Daud ibn Hassan al Quraishi, der soeben entdeckte Neffe der Herrscher der Emirate von Barakat, hergekommen. Und das für den ganzen Sommer.

Ob Prinz Jalal sich noch an ihre letzte Begegnung erinnerte? „Es ist gefährlich, dir einen Mann zum Feind zu machen, dessen Stärke du nicht kennst“, hatte er da gesagt.

Auf die Drohung hatte sie geringschätzig reagiert und ihn herausfordernd angeschaut, als wollte sie sagen: Du und wessen Armee? Aber damit hatte sie in Wirklichkeit nur überspielt, dass sie sich von ihm bedroht fühlte. Kein Wunder, er war der Mann, der ihre Schwester als Geisel genommen hatte, um die Prinzen der Emirate von Barakat zu erpressen.

Es hätte wer weiß was passieren können. Sie mussten sich alle glücklich schätzen, dass es ohne Blutvergießen ausgegangen war. Ihr hatte es jedenfalls gereicht, um ihn für immer als Feind zu betrachten. Das hatte sie ihm auch bei der märchenhaften Hochzeit von Prinz Rafi mit ihrer Schwester Zara erklärt. Für sie, Clio, waren die Feierlichkeiten durch die Gegenwart eines solchen Mannes wie Jalal schwer belastet gewesen, auch wenn er auf die unglaublichste Art und Weise von einem Banditen zum Prinzen geworden war.

„Es ist gefährlich, dir einen Mann zum Feind zu machen, dessen Stärke du nicht kennst.“

Clio fröstelte. Zweifellos würde sie seine Stärken wie auch seine Schwächen in diesem scheußlichen Sommer gut kennenlernen. Eines jedoch stand fest. Sie würde ihm niemals verzeihen, was er ihnen angetan hatte, die Hölle, die sie seinetwegen durchgemacht hatten, und das Risiko, das er eingegangen war.

Was immer Jalals Stärken sein mochten, für sie würde er nie etwas anderes sein als ein Feind.

Clio hatte ihre ältere Schwester ziemlich vergöttert, obwohl nur knapp drei Jahre sie trennten. „Zary“, hatte Clio zu ihr gesagt, gleich von dem Tag an, als sie sprechen konnte.

Beide sahen sie ihrer Mutter ähnlich. Sie hatten schwarzes Haar, dunkelbraune Augen und einen zarten Knochenbau, aber Clio war sich bewusst, dass sie mit ihrer Schwester nicht konkurrieren konnte. Zaras Haar fiel in dichten Locken auf ihren Rücken, während ihres glatt war. Mit den leicht schräg stehenden Augen und der zerbrechlichen Figur wirkte Zara wie eine Märchenfee. Dunkle, gerade Brauen zierten Clios Augen und ließen sie ernst erscheinen. Sie hatte lange dichte Wimpern und volle sinnliche Lippen wie ihr Vater anstatt des herzförmigen Mundes, den Zara von der Mutter geerbt hatte.

Im Alter von elf Jahren war Clio bereits größer und kräftiger gewesen als ihre ältere Schwester. Und obwohl sie jünger war, hatte sie sich für Zara verantwortlich gefühlt und sich für sie eingesetzt. Dabei vermochte ihre Schwester sehr wohl auf sich selbst aufzupassen.

So wie jetzt auch. Zara hatte Jalal verziehen, was er ihr angetan hatte. Clio war sicher, dass sie das nie fertigbringen würde. Zara hatte sogar ihre Familie gebeten, ihn über den Sommer aufzunehmen, damit er seine Englischkenntnisse verbessern konnte, bevor er sich an einer Universität einschrieb.

Clio war entsetzt gewesen und hatte sich gegen seine Bewirtung gewehrt. Aber sie hatte verloren. Jetzt war sie hergekommen, um Jalal, den Banditen, abzuholen, dessen Flugzeug hier im Inneren von Ontario gelandet war, dem herrlichsten Feriengebiet, in dem ihre Familie lebte und arbeitete.

Jalal stand mit zwei Reisetaschen am Anlegeplatz. Er hatte sich den gepflegten Bart abrasiert. Vielleicht hoffte er, dass er dadurch eher zu ihnen passen würde. Aber diese Hoffnung machte er sich vergebens. So wie er die Schultern hielt und das Kinn reckte, während er sich suchend umschaute, würde er unter all den Männern, die sie kannte, sofort herausragen.

Sie rief ihn, während sie sich mit dem Boot der Anlegestelle näherte. Der Wasserstand der Seen war dieses Jahr niedrig, und Jalal stand sehr hoch.

„Clio!“, begrüßte er sie freundlich. Offenbar wollte er so tun, als sei alles vergessen. Sie biss die Zähne aufeinander. Das konnte er sich sparen.

„Prinz Jalal“, erwiderte sie knapp. „Können Sie ins Boot springen? Aber werfen Sie zuerst Ihre Taschen rein.“

Er musterte sie prüfend und nickte, als würde er sich selbst etwas bestätigen. Sein Freundschaftsangebot war damit hinfällig. Clio war froh darüber. Gut, dass er gleich begriff, woran er bei ihr war.

„Danke“, sagte er und warf seine Taschen ins Boot.

Dann musterte er das leicht schaukelnde Boot, als versuchte er ein rätselhaftes fremdartiges Kunstwerk zu verstehen. Clio fiel ein, dass er wahrscheinlich noch nie in ein unvertäutes Boot gesprungen war.

Und dieser Mann sollte ihrem Vater mit dem Bootsverleih helfen? Damit hatten ihre Eltern nämlich ihren Protest erstickt. Da Jude in die Stadt umgesiedelt war, brauchten sie jemanden.

„Hier, nehmen Sie meine Hand“, bot sie ihm kühl an, wie sie es bei jedem anderen Neuankömmling auch machen würde, wandte sich zum Steuer und hielt es mit der anderen Hand fest. „Treten Sie zuerst auf den Sitz.“

Sie rechnete halbwegs damit, dass er sich weigern würde, die Hilfe einer Frau anzunehmen, aber er beugte sich vor und nahm ihre Hand. Als seine Finger ihre berührten, schnappte Clio nach Luft. Es war, als hätte ein Blitz sie getroffen, und rasch zog sie ihre Hand zurück.

Jalal bemühte sich, sein Gleichgewicht wiederzugewinnen, doch das gelang ihm nicht, und außerdem glitt das Boot genau in dem Moment ein Stück weg, als er hinabfiel. Ungeschickt landete er mit einem Fuß auf dem Sitz, kam mit dem anderen auf dem Boden auf, schlidderte und streckte seine Hände unwillkürlich nach Clio aus.

Sie fasste automatisch nach ihm, und so sanken sie sich förmlich in die Arme. Jalal kniete vor ihr und hielt sie umfangen, den Kopf an ihre Brüste gepresst, und Clio hatte ihre Arme um seine Schultern geschlungen.

Unter ihren Händen spürte sie seine Körperwärme und seinen Atem an ihrem Hals. Einen Moment lang spiegelte sich die Sonne mit einer Helligkeit auf dem Wasser wider, dass ihr die Augen schmerzten.

Plötzlich packte Clio der Zorn. „Nehmen Sie Ihre Hände weg!“, verlangte sie.

Jalal richtete sich auf und musterte sie verärgert. „Was wollten Sie damit beweisen?“, fragte er gepresst.

Bei seinem durchdringenden Blick errötete Clio. „Das war keine Absicht. Was halten Sie von mir?“

Reglos schaute er ihr ins Gesicht. „Ich halte Sie für eine Frau, die die Dinge auf ihre Art sieht. Sie machen mich zum Feind, ohne die Konsequenzen zu kennen. Falls Sie mich noch einmal zum Narren halten wollen, werde ich Ihnen zeigen, was das bedeutet.“

Furcht erfasste sie. Aber das sollte er nicht merken. „Ich glaube, das weiß ich sehr wohl. Vielen Dank.“ Sie hatte schließlich erfahren, was es bedeutete, ihn zum Feind zu haben, nachdem er Zara entführt hatte.

Er schüttelte beinahe verächtlich den Kopf. „Wenn Sie das wüssten, würden Sie nicht solche kindischen Spielchen treiben.“

„Was soll das denn heißen?“

„Sie sind eine Frau, Clio, und ich bin ein Mann. Wenn eine Frau sich einen Mann zum Feind macht, hat das immer einen anderen Grund, als sie denkt.“

Bei dieser Unterstellung schnappte sie empört nach Luft. „Sie sind ja der Gipfel von einem Chauvi! Und das, obwohl Sie aus den ziemlich liberalen Emiraten von Barakat kommen. Sie scheinen keine …“

Lächelnd wehrte er ab. „Ich komme aus der Wüste“, erinnerte er sie.

„Das habe ich gehört.“

Er hob warnend den Zeigefinger. „In der Wüste lässt ein Mann einer Frau viel Freiheit, aber er ist stark, und sie ist schwach. Er macht Zugeständnisse.“

Zornesröte schoss ihr ins Gesicht. „Zum Donnerwetter …“

„Im Gegenzug, Clio, spricht keine Frau in dem Ton mit einem Mann, wie Sie ihn mir gegenüber anschlagen. Frauen haben spitze Zungen, und Männer haben Kraft. Wir respektieren einander, indem wir unsere Stärken nicht gegeneinander ausspielen.“

„Soll das eine Drohung sein?“

„Ich erkläre Ihnen nur, wie Männer und Frauen in einem zivilisierten Land miteinander auskommen“, erwiderte er.

Doch obwohl sie überzeugt war, dass er sie im Stillen auslachte, konnte sie ihre Wut nicht im Zaum zu halten. „So geht es hier nicht zu!“, versetzte sie. „Kann sein, dass Ihnen das noch nicht aufgefallen ist, aber ob zivilisiert oder nicht, Sie sind hier nicht in der Wüste!“

Es zuckte verräterisch um seine Lippen. „Doch, das habe ich gemerkt. Wir stoßen gleich gegen das Boot neben uns an, und das ist etwas, was in der Wüste nicht passieren kann.“

Clio wirbelte herum und griff instinktiv nach dem Steuer. Gerade noch rechtzeitig bog sie von der kleinen Jacht weg, die an der nächsten Anlegestelle vertäut war. Das hätte ein Theater mit dem Besitzer gegeben, wenn sie gegen sein poliertes Prachtstück geprallt wäre.

Die Sicherheitsregeln auf dem Wasser waren Clio von klein auf beigebracht worden. Dass sie sich jetzt dermaßen vergessen hatte, während sie am Steuer stand, zeigte nur, welche negative Wirkung Jalal auf sie hatte. Während sie das Boot nun auf den in der Sonne funkelnden See hinaussteuerte, begriff sie, dass er sie absichtlich gereizt hatte, und es ärgerte sie mächtig, dass sie gleich darauf angesprungen war. Sie musste sich einfach mehr beherrschen.

Jalal schaute sich um. „So eine Landschaft sehe ich zum ersten Mal. Sie ist wunderschön.“ Deutlich spiegelte sich seine Begeisterung in seinem Gesicht wider, und Clio fiel es schwer, da nicht weich zu werden. Denn sie liebte dieses Land.

„Aber Sie werden sich in der Wüste doch vermutlich mehr zu Hause fühlen“, meinte sie. Was sie in den Emiraten von Barakat von der Wüste gesehen hatte, hatte ihr nicht gefallen. Kein Wunder, dass eine so herbe Landschaft auch gewalttätige Männer hervorbrachte.

„Ich fühlte mich nirgends zu Hause.“

Sie blickte ihn verwundert an. „Wirklich? Warum nicht?“

„Mein Großvater Selim wollte nicht, dass ich in seine Fußstapfen trete. Als ich noch ein kleiner Junge war, hat er mir immer erzählt, etwas Großes erwarte mich. Ich bekam das Gefühl, dass dort, wo ich geboren war, nicht mein wirkliches Zuhause sei. Ich gehörte woandershin, aber ich wusste nicht, wohin. Dann hat meine Mutter mich mit in die Hauptstadt genommen.“

„Zara hat mir erzählt, dass Ihre Erziehung von klein auf vom Palast aus gesteuert wurde“, bemerkte sie und war trotz allem an seiner Lebensgeschichte interessiert. Außerdem hatte er eine wohlklingende tiefe Stimme, mit der er es verstand, sie auch gegen ihren Willen zu fesseln.

„Ja, aber ich wusste das nicht. Seltsame Dinge geschahen, aber ich war zu jung, um eine Erklärung zu fordern. Erst als ich auf die Universität ging und meine Mutter mir eine Liste der Kurse gab, die ich belegen sollte, schöpfte ich Verdacht. Ich wollte wissen, wer über mein Leben bestimmt und warum. Aber das wollte sie mir nicht sagen.“

„Und haben Sie den empfohlenen Abschluss gemacht?“

Jalal lachte leise. Bisher hatte er Fremden nichts von sich erzählt, und er konnte sich nicht erklären, warum er jetzt gerade Clio gegenüber so gesprächig war. Sie hatte ihm doch deutlich zu verstehen gegeben, dass sie ihn nicht als Freund betrachtete.

„Ich habe es nie erfahren. In meinem Zorn habe ich die Liste zerrissen und verkündet, da ich jetzt erwachsen sei, würde ich selbst entscheiden.“

„Und dann?“

Er hob die Schultern. „Ich habe meinen Schulabschluss gemacht und bin zur Armee gegangen. Aber auch dort habe ich die Hand meines unsichtbaren Beschützers zu spüren bekommen. Sie haben mir eine Offiziersausbildung gegeben, und ich stieg rascher auf, als ich es mir verdient haben konnte. Doch meine Mutter schwieg.“

Clio merkte, wie enttäuscht er darüber gewesen war.

„Aber Sie haben es trotzdem erfahren.“ Hoffte er, indem er ihr seine Geschichte erzählte, sein Verhalten ihrer Schwester gegenüber rechtfertigen zu können und ihrer Feindseligkeit die Spitze zu nehmen? Nun, dann sollte er hoffen. Er würde schon merken, dass sie meinte, was sie sagte.

„Ja, ich habe es erfahren, und zwar an dem Tag, als die Prinzen gemäß dem Willen ihres Vaters das Erbe antraten. Es gab nicht mehr das Königreich Barakat, sondern die drei Emirate. Es fand eine große Krönungsfeier statt, die auch vom Fernsehen übertragen wurde. Selbst in den Dörfern wurden Geräte aufgestellt, damit das Volk das Schauspiel verfolgen und sich von der Macht und Majestät der drei jungen Prinzen überzeugen konnte.“

Ohne es zu wollen, lächelte Clio. Jalal hatte es geschafft, sie in seinen Bann zu ziehen.

„Ich habe es im Haus meiner Mutter verfolgt. Niemals werde ich den Augenblick vergessen, als die Kamera sich auf die Prinzen richtete, auf einen nach dem anderen, und ich zum Schluss Prinz Rafi sah. Ich wusste, dass wir uns ähnlich sehen. Wenn sein Bild in der Zeitung gewesen war, hatten alle, die mich kannten, schon mal eine Bemerkung dazu gemacht. Aber was lässt sich auf einem Foto erkennen? Wirkliche Ähnlichkeit erfasst mehr als nur ein Gesicht. An dem Tag sah ich zum ersten Mal, wie Prinz Rafi sich bewegte, sprach und lächelte, und es war, als würde ich in einen Spiegel gucken.“

Sie murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

„In dem Augenblick wurde mir klar, dass das Geheimnis meines Lebens mit meiner Ähnlichkeit mit Prinz Rafi zusammenhing, und ich begriff, dass der alte Mann, den ich Vater genannt hatte, nicht mein Vater gewesen war. ‚Wer bin ich?‘, verlangte ich aufgebracht von meiner Mutter zu wissen. ‚In welcher Beziehung steht Prinz Rafi zu mir?‘“

„Und hat sie es Ihnen gesagt?“

Er nickte. „Meine Mutter konnte es nicht länger leugnen, und trotz der Schande, die sie empfand, gestand sie mir alles. Sie war enttäuscht, dass die große Zukunft, die sie ihr für mich versprochen hatten, nicht eingetroffen war. ‚Er ist dein Onkel‘, sagte sie zu mir. ‚Der Halbbruder deines Vaters, des großen Prinzen Aziz. Du könntest heute dort an ihrer Stelle stehen.‘“ Jalal hielt gedankenversunken inne, ehe er fortfuhr. „Natürlich wusste ich, jeder wusste es, wer Prinz Aziz war, obwohl es über fünfundzwanzig Jahre her waren, seit er und sein Bruder so tragisch verunglückt waren. Die Erzähler hatten genügend Lieder über König Dauds gebrochenes Herz vorgetragen.“ Er schaute Clio an, ohne sie wirklich zu sehen. Es war, als wäre sein Blick in die Vergangenheit gerichtet. „Dieser edle Prinz, dieser Held, der so jung gestorben ist, war mein Vater.“

Clio atmete langsam aus. Ohne es zu merken, hatte sie den Atem angehalten. „Was für ein entsetzlicher Schock muss das für Sie gewesen sein.“ Solch eine Entdeckung bewirkte schon einiges. Bei einem jungen Mann konnte es dazu führen … Als ihr klar wurde, welche Richtung ihre Gedanken nahmen, bremste Clio sich.

„Ja, ich habe mich verloren und verlassen gefühlt. Es war so, als stünde ich nach einem Sandsturm allein in der Wüste. Sämtliche vertrauten Orientierungspunkte waren verschwunden. Alles, was ich über mich gewusst und geglaubt hatte, war falsch. Ich war jemand anderes, nämlich der uneheliche Sohn eines Prinzen, Enkel eines alten Königs. Wie konnte das passiert sein? Warum hatte niemand mir das gesagt?“

„Wirklich ein entsetzlicher Schock für Sie.“

„Oh ja, es war ein Schock. Aber schon bald darauf habe ich einen mächtigen Zorn verspürt. Wenn sie mich wegen meiner unehelichen Geburt nicht anerkennen wollten, warum hatten sie mich dann aus meinem Alltag gerissen und mir diese Erziehung angedeihen lassen? Warum hatte ich nie meinen Großvater, den König, und meine Großmutter, seine geliebte Frau, kennengelernt, wo meine Zukunft doch ohnehin gesteuert wurde? Was hatte das alles für einen Sinn? Mein Großvater war tot, und ich stand da ohne jede Erklärung.“

Er schwieg. Das Boot glitt über den See, und Jalal blinzelte in die Sonne.

„Was haben Sie gemacht?“

Er wandte sich wieder Clio zu. „Ich habe mich an die jungen Prinzen, meine Onkel, gewendet und wollte von ihnen wissen, was mein Großvater mit mir vorgehabt hätte.“

„Haben sie es Ihnen gesagt?“

„Nein. Sie wollten nichts von ihrem Neffen wissen. Ich war aus meiner gewohnten Umgebung, dem Haus meiner Mutter, gerissen worden, und die, die das getan hatten, wollten mich nicht in das Haus meines Vaters lassen.“ Jalal schaute ihr in die Augen. „War das nicht ungerecht? Ist es da nicht verständlich, dass ich wütend war?“

„Zara hat mir erzählt, Ihre Onkel, die Prinzen Rafi, Omar und Karim, wussten nichts von Ihrer Existenz. Ist das wahr?“

„Ja, es stimmt, dass sie selbst nie etwas davon erfahren haben. Sie haben mir auch erzählt, dass ihnen meine Briefe deshalb unverständlich gewesen seien. Sie hielten mich für einen Banditen. Aber irgendwer hat es von Anfang an gewusst. Mein Großvater vielleicht. Doch er hat mich nicht in seinem Testament bedacht, mich nicht mal erwähnt.“

„Ist das nicht seltsam?“ Das erschien Clio am unwahrscheinlichsten.

Er musterte sie prüfend. „Wollen Sie damit sagen, dass meine Onkel die Wahrheit kennen und ihre Ahnungslosigkeit nur vorgetäuscht haben? Wissen Sie etwas? Hat Ihre Schwester etwas erzählt?“

Es missfiel ihr, dass er mit seiner Geschichte Mitgefühl bei ihr weckte. „Nein, ich weiß nicht mehr, als Sie mir erzählt haben. Ich kann nur nicht begreifen, dass eine Frau nicht den Sohn ihres verstorbenen Sohns kennenlernen will – ihr Enkelkind.“

Ein Schatten huschte über Jalals Gesicht. „Vielleicht war meine uneheliche Geburt ein zu großer Makel.“

„Und deshalb wollten Ihre Großeltern Sie nie sehen?“ Clio war sicher, dass sie, wenn sie die Großmutter gewesen wäre, alles versucht hätte, um ihr Enkelkind bei sich zu haben, gleichgültig, ob seine Eltern gegen irgendwelche Regeln verstoßen hatten oder nicht.

„Nein. Es gab nicht mal einen Brief von ihnen, der mir nach ihrem Tod geschickt worden wäre.“

Kein Wunder, dass er sich nirgends zu Hause fühlte.

Jalal schwieg, während sie über das Wasser dahinschossen, das so weit wie die Wüste wirkte.

„Was haben Sie gemacht, als Ihre Onkel auf Ihre Forderungen nicht eingegangen sind?“

Er war zurückgekehrt in die Wüste, an den Ort seiner Kindheit. Aber die Bande waren zerrissen gewesen. „Die Wüste kann nie wieder meine Heimat werden. Unter den Menschen, unter denen ich dort gelebt hatte, fühlte ich mich nicht mehr zu Hause. Alle lebten noch in einem anderen Jahrhundert und hatten Angst vor jeder Veränderung.“ Deshalb hatte er den Entschluss gefasst, seine richtige Familie zur Anerkennung seiner Existenz zu zwingen. Er hatte Mitstreiter um sich geschart und schließlich eine Geisel genommen.

„Den Rest kennen Sie ja“, meinte er ein wenig ironisch.

„Ja“, antwortete sie. „Und jetzt hat sich Ihr Leben wieder verändert. Dank Zara haben Sie Ihre Abstammung nachgewiesen, haben den Titel und Besitz Ihres Vaters bekommen. Ihre Onkel vertrauen Ihnen so sehr, dass sie Ihnen den Posten des Großwesirs gegeben haben und Sie den Auftrag bekommen haben …“

„Den Auftrag? Wer hat Ihnen gesagt, ich hätte einen Auftrag?“

Sie begegnete seinem scharfen Blick. „Ich dachte, Sie wären hergekommen, um Ihr Englisch zu verbessern, damit Sie im Herbst Politikwissenschaft an der Harvard Universität studieren können. Ein Sommer inmitten der temperamentvollen Familie Blake sollte da hilfreich sein.“

Die Wachsamkeit in seinem Blick erlosch. „Ja“, erklärte er. „Das stimmt.“

Clio richtete ihren Blick wieder auf das Wasser. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was, zum Donnerwetter, hatte das zu bedeuten? Ging es ihm wirklich darum, sein Englisch zu verbessern? Oder war das nur ein Vorwand? Aber weswegen? Welchen anderen Grund sollte Prinz Jalal haben, ans Ende der Welt zu reisen?

2. KAPITEL

Jalal stand auf, trat ans Heck und schaute sich um, während sie in den nächsten See hinüberglitten. In einer begeisterten Geste breitete er die Arme aus. „Ist das herrlich! So viel Wasser!“ Tief sog er die Luft ein. „Und wie frisch es riecht! Das ist kein Salzwasser, oder?“

Lautes Hupen schreckte Clio auf. Sie wirbelte herum und entdeckte, dass sie sich erneut auf Kollisionskurs mit einem Boot befand. Entschuldigend winkte sie dem verärgerten Fahrer zu und korrigierte ihren Kurs, aber nicht besonders geschickt, sodass Jalal fast wieder das Gleichgewicht verlor. Doch diesmal fing er sich rechtzeitig.

„Verdammt, lenken Sie mich nicht so ab, wenn ich am Ruder stehe!“, schimpfte sie. Er hatte sie mit seiner Ausstrahlung magisch angezogen, und sie hatte nicht anders gekonnt, als über die Schulter zu schauen. „Nein, das ist kein Salzwasser. In Kanada gibt es nur Süßwasserseen.“

„Bei Allah! Das ist ein Wunder. Und dieses Wasser trinkt ihr.“ Es war keine Frage, aber er schien auf eine Bestätigung zu warten.

„Ja, wir trinken es.“ Sie lächelte. Aber als ihr bewusst wurde, wie rasch sie auf ihn einging, sperrte sie sich gegen die Gefühle, die er in ihr hervorrief. „Zurzeit jedenfalls noch. Eines Tages wird es dazu wohl zu verschmutzt sein, so wie alles andere auch.“

„Es muss vor Verschmutzung geschützt werden“, erklärte Jalal, als könnte er das höchstpersönlich anordnen. „Das darf einfach nicht zugelassen werden.“

„Natürlich nicht“, bemerkte Clio trocken.

„Warum wird solche Schönheit verschmutzt?“

„Weil es billiger ist, den Abfall hineinzuschütten, als ihn zu entsorgen.“

„Die Mutter meiner Mutter ist in einem Land von Seen und Wäldern groß geworden.“ Jalal war in Gedanken versunken und merkte erst, dass er gesprochen hatte, als Clio darauf reagierte.

„Wirklich? Wie kam es dann, dass sie einen Banditen aus der Wüste geheiratet hat?“

„Auf einer Reise durch die Wüste wurde sie von Selim, meinem Großvater, entführt und verbrachte den Rest ihres Lebens in der Wüste. Aber sie vergaß nie ihre geliebte Heimat.“

Aus der Verbindung war nur eine Tochter hervorgegangen, seine Mutter. Die in der Wüste geborene Nusaybah hatte als Kind von ihrer Mutter viele Geschichten über deren Heimat gehört und sie später an ihren Sohn weitergegeben. Ebenso hatte sie ihm erzählt, dass seine Großmutter in ihrer Heimat eine Prinzessin gewesen sei.

Es schien höchst unwahrscheinlich, aber ein Gentest hatte gezeigt, dass er mit Prinz Rafi näher verwandt war als mit Rafis beiden Halbbrüdern. Und bei weiteren Nachforschungen stellte sich heraus, dass Rafis Mutter, Prinzessin Nargis, eine Schwester gehabt hatte, die entführt worden war und von der niemand mehr etwas gehört hatte.

Über Jahrhunderte hatte die Familie jeden Sommer im Hochland verbracht, so wie Jalals Großmutter es ihrer Tochter berichtet hatte. Doch selbst bei den Geschichten seiner Mutter hatte Jalal nie eine solche Sehnsucht nach Seen und Wäldern verspürt, wie er sie jetzt hatte, da er diese Landschaft wirklich vor sich sah.

Clio runzelte die Stirn. „Sie hat den Rest ihres Lebens in der Wüste verbracht? Sie wurde nicht gerettet?“

„Zu der Zeit hat sich niemand darum gekümmert. Ihr blieb keine andere Wahl, als ihren Entführer zu heiraten.“

„Soll das heißen, ihre Familie wusste, wo sie war und hat sie ihrem Schicksal überlassen?“

„Ich habe keine Ahnung, ob sie es wussten. Es war jedoch so üblich, dass eine Frau, die von einem Mann geraubt wurde, ihm gelassen wurde. Ihre Familie ignorierte von dem Moment an ihre Existenz.“

„Und das nehmen Sie so gelassen hin?“, fragte sie ungläubig und empört.

„Ich kann daran nichts ändern, Clio. Es war nun einmal so, und ich bin dadurch heute hier. Meine Mutter ist das Kind dieser Verbindung. Was soll ich dazu sagen? So ist das Leben.“

„Und dazu gehört es, Frauen zu entführen, ja? Das rechtfertigt es. Hatten Sie etwa damit gerechnet, dass Prinz Rafi und meine Familie meine Schwester Zara ebenfalls ihrem Schicksal überlassen?“

Er schüttelte unwirsch den Kopf, sagte aber nichts dazu.

„Aber, nein!“, fuhr Clio hitzig fort. „Das hätte Ihnen ja nicht geholfen. Sie wussten, Rafi wollte sie wiederhaben. Die öffentliche Meinung hätte nichts anderes zugelassen. Vermutlich dachten Sie, er würde sie nicht mehr heiraten wollen, aber das hätte Sie auch nicht gestört. Hätte die Entführung die Liebe der beiden zerstört, wäre das eben ihr Schicksal gewesen, oder? Solange Sie bekommen hätten, was Sie haben wollten, wäre es Ihnen egal gewesen.“

„So habe ich nicht gedacht“, erwiderte er ruhig. „Ich habe daran geglaubt, dass er sie zurückhaben will und sie zu seiner Frau macht, wenn ich ihr nichts antue.“

Clio hatte sich in Rage geredet und hielt es für besser, Jalal keine Antwort darauf zu geben.

Ein paar Minuten später erreichten sie ein geräumiges Ziegelsteinhaus, das am Ufer eines der kleineren Seen lag. Hinter dem Haus erstreckten sich waldbedeckte Hügel, als müsste der See beschützt werden, und es befanden sich nur wenige Häuser am Ufer.

Während sie sich ihrem Ziel näherten, entdeckte Jalal auf der einen Seite einen großen Bootsverleih sowie ein künstlerisch gestaltetes Schild an der Hauswand, wonach hier selbstgemachtes Eis angeboten wurde. Außerdem gehörten eine Werkstatt und ein Laden mit Kunsthandwerk zu dem Komplex.

Clio steuerte auf die Anlegestelle zu, schaltete den Motor aus und lenkte das Boot geschickt an seinen Platz. Im gleichen Moment flog die Haustür auf und mindestens ein halbes Dutzend Kinder verschiedenen Alters stürmten zusammen mit vier Hunden und ein paar Katzen heraus. Rufe wie „Ist er schon da? Ist der Prinz gekommen? Wie sieht er aus?“ mischten sich mit lautem Bellen.

Alle, bis auf die Katzen, rannten zum Anlegesteg.

„Beruhigt euch, ja, er ist da, und er will nicht schon nach einem Tag taub sein! Hier, Jonah, fang auf!“, rief Clio und warf einem großen Jungen, der an den Bug gelaufen kam, das Tau zu.

Die anderen drängten sich auf dem Anlegeplatz und starrten Jalal an. „Ist er das? Ist das der Prinz?“

Mehr konnte Jalal nicht verstehen, wie immer, wenn so viele Leute auf einmal Englisch redeten.

„Er trägt ja gar keine Krone!“, rief eines der Kinder schrill und schaute ihn mitleidig an.

Clio und Jalal wechselten einen Blick. Sie bemühte sich, nicht zu lachen.

„Die Einheimischen sind aus dem Häuschen“, bemerkte er.

Da musste sie nun doch lachen. „Ich hätte wissen müssen, was auf uns zukommt, nachdem sie eine Stunde gewartet haben. Sie waren schon aufgeregt, als ich abfuhr. Macht Platz! Prinz Jalal will aus dem Boot steigen, ohne baden zu gehen!“

Einer der Hunde machte einen riesigen Satz ins Wasser, während Jalal an Land ging.

„Bist du Prinz Jalal?“

„Bist du ein richtiger Prinz?“

„Wo ist …“

„Langsam!“, rief Clio. „Was habe ich euch gesagt?“ Nachdem das Geschrei etwas nachgelassen hatte, sprach sie jeden mit Namen an. „Rosalie, Benjamin, Sandor, Alissa, Jonah, Jeremiah, Arwen und Donnelly, das ist Prinz Jalal.“

„Willkommen in Kanada, Eure Hoheit“, waren mehrere Stimmen gleichzeitig zu vernehmen. Das Ganze wurde noch einmal von den Nachzüglern wiederholt. Zu Jalals Überraschung verneigten sie sich anschließend alle zusammen. Er konnte ein lautes Auflachen nicht unterdrücken. Verwundert schielten sie zu ihm hoch.

„Danke!“, rief er. „Ich freue mich, dass ich hier bin. Aber ich bin es nicht gewohnt, dass man sich vor mir verneigt und mich Eure Hoheit nennt.“

„Aber Clio hat gesagt, dass die Leute sich vor Prinzen verneigen.“

„Clio hat gesagt, wir sollen Eure Hoheit sagen.“

Jalal warf Clio einen etwas verärgerten Blick zu. Doch sie kümmerte sich nicht darum, sondern vertäute das Heckseil.

„Da hat Clio sich geirrt. Sie hat wohl geglaubt, ich sei ein großer Mann“, bemerkte er amüsiert.

Und er glaubt wohl, ich sei keine würdige Gegnerin, dachte Clio. Aber da wird er sich noch wundern.

„Du bist aber groß. So groß wie Daddy.“

„Wie sollen wir dich denn nennen?“

„Warum nicht einfach Jalal? So heiße ich, und ich würde mich wohler fühlen, wenn ihr mich so ansprecht. Dann ist es wie unter Freunden. Wollen wir Freunde sein?“

„Oh ja!“

„Cool!“

„Super!“

„Ich bin auch dein Freund, Jalal“, sagte Donnelly und schob ihre Hand vertrauensselig in seine. Sie hatte ihn auf Anhieb in ihr Herz geschlossen. Das war nicht zu übersehen.

Das Lächeln, das er ihrer kleinen Schwester schenkte, hätte Clio umgestimmt, wenn sie sich nicht dagegen gewappnet hätte.

„Verneigen sich denn die Leute nicht vor Prinzen?“, wollte Arwen wissen und legte den Kopf zur Seite.

„Doch, das tun sie. Es sei denn, sie werden ausdrücklich davon befreit“, erklärte er. „Und da wir Freunde sind, befreie ich euch davon.“

„Aber du bist ein richtiger Prinz, nicht wahr?“ Wieder war es die kleine Donnelly mit dem lockigen Haar, und Jalal ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein.

„Mein Vater war der Sohn eines Königs. Und die Mutter von meiner Mutter war eine Prinzessin. Was meinst du, bin ich ein Prinz?“

Ihre Augen wurden groß. „Ja“, antwortete sie und schaute zu Benjamin empor, ihrem siebzehnjährigen Bruder und für sie der Quell der Weisheit.

„Natürlich ist er ein Prinz, Donnelly. Man wird das, wenn der Vater einer war“, erklärte Ben ihr.

„Aber du hast keine Krone“, wandte sie ein und schaute wieder Jalal an. „Du siehst gar nicht aus wie auf dem Bild.“

„Du hast ein Bild von einem Prinzen?“, fragte Jalal.

Donnelly nickte stumm. Jalal breitete einen Arm aus und sie schmiegte sich an ihn. „Also, ich habe eine Krone, die Krone meines Vaters, aber ein Prinz geht nicht mit der Krone schwimmen, oder?“

„Nicht?“ Donnelly schien enttäuscht.

„Nein.“ Jalal schüttelte lächelnd den Kopf. Die Kinder waren alle still geworden und hörten ihm beinahe andächtig zu. „Tragt ihr euren Badeanzug zur Schule?“

Donnelly, die noch nicht zur Schule ging, schaute ihn verwundert an und schüttelte dann den Kopf.

„Ein Prinz trägt seine Krone nur im Palast. Und hier ist kein Palast. Deshalb habe ich meine Krone zu Hause gelassen.“

„Oh.“

„Aber eines Tages, hoffe ich, kommst du mich besuchen, und dann zeige ich dir meine Krone.“

„Oh ja! Kann ich auch mitkommen?“

„Hast du einen Palast?“

„Kann ich kommen, kann ich kommen?“

„Wohnst du in der Wüste?“

„Hast du ein Zelt oder einen richtigen Palast?“

„Hast du auch Kamele, Jalal?“

„Wie ist es in der Wüste?“

„Warst du ein Bandit, ehe du Prinz wurdest?“

Umringt von den begeisterten Kindern, wurde Jalal ins Haus geführt. Clio blieb an der Anlegestelle zurück und sah ihnen nach.

Sie hätte es ahnen müssen. Ein Mann, dem es gelungen war, so viele Anhänger um sich zu scharen, wie Jalal, musste natürlich eine starke Ausstrahlung besitzen. Es gefiel ihr überhaupt nicht, dass sich sogar ihre Geschwister alle auf ihn stürzten, aber daran konnte sie nichts ändern.

Jedenfalls im Augenblick nicht.

„Onkel Brandon musste noch mal los. Er hat gesagt, wir sollen nichts für ihn aufbewahren“, berichtete Rosalie, als Clio die Küche betrat.

Das war nichts Ungewöhnliches in der Vorsaison. Vermutlich musste er noch mehr Desinfektionsmittel oder irgendetwas anderes besorgen und würde sich unterwegs einen Imbiss gönnen. Allerdings wäre es Clio lieber gewesen, wenn ihr Vater da gewesen wäre, um Jalal zu begrüßen.

„Du machst schon was zu essen?“, fragte sie und sog den Duft ein. „Großartig, Rosalie.“

Sobald ihre Mutter auf Einkaufstour für ihren Laden mit Kunsthandwerk war, hatte Clio das Sagen. Dieses Jahr erwies sich Rosalie, die kurz nach Weihnachten aufgelöst zu ihnen gekommen war, weil sie ihre neue Stiefmutter hasste, als große Hilfe. Sie füllte die Lücke, die Romany hinterlassen hatte. Romany war zu Besuch bei Zara und Rafi.

Jalal saß am Tisch, erneut umringt von den Kindern. Jedes hatte etwas, das es ihm zeigen wollte.

„Du musst dir eine Plakette aussuchen“, erklärte Sandor gerade und erläuterte ernst die Hausordnung. „Die wird für die Pflichtentafel gebraucht.“

Im Nu waren die noch erhältlichen Plaketten auf dem Tisch ausgebreitet, und Jalal überlegte, was er aussuchen sollte. Clio war nicht sicher, ob er aus den chaotischen Erklärungen schlau wurde.

„So, alle Mann den Tisch räumen. Er muss gedeckt werden!“, verkündete sie. „Tut mir leid, aber dein Fan-Club hat Arbeit“, fügte sie an Jalal gewandt hinzu.

Jalal nickte gleichmütig, doch er hatte die Eifersucht in Clios Ton gehört.

„Er muss sich zuerst eine Plakette aussuchen!“

„Welche Plakette hat Clio?“, fragte Jalal und stöberte in dem Berg Plaketten, die für Besucher gedacht waren.

„Clio hat eine Katze“, antwortete Donnelly und deutete auf die Tafel an der Wand. „Die schwarz-weiße da. Ich bin der Schmetterling.“

„Also gut, dann nehme ich die hier“, entschied Jalal und zog eine Plakette aus dem Stapel hervor.

„Den Tiger!“, riefen alle.

„Das ist ein sehr wilder Tiger!“, sagte Donnelly beeindruckt.

Clio versuchte es, aber sie konnte den Blick nicht von Jalal lösen.

Er beobachtete sie aufmerksam, und etwas geschah zwischen ihnen, etwas, das Clio sehr nervös machte und für das sie keine Worte hatte.

„In Ordnung! Er hat eine Plakette gewählt! Macht den Tisch frei!“, verlangte sie erneut, und nun kümmerten sich die Kinder sofort um ihre Pflichten.

„Und was kann ich tun?“, fragte Jalal.

Sie hatte gehofft, er würde damit rechnen, hier bedient zu werden. Dann hätte sie ihm sagen können, dass hier jeder, ob männlich oder weiblich, Bandit oder Prinz, mit anfassen musste. Als könnte er ihre Gedanken lesen, lächelte er amüsiert.

„Du kannst mir helfen, Jalal“, meldete sich Donnelly. „Ich muss die Servietten falten.“

Einer der Jungen schnaubte verächtlich. „Ein Prinz faltet keine Servietten, Donnelly!“

Doch Jalal hob eine Hand. „Es gibt keine Arbeit, die unter der Würde eines Mannes wäre.“

Es ärgerte Clio, dass Ben daraufhin beeindruckt nickte.

Jalal wandte sich an Donnelly. „Ich helfe dir gern“, antwortete er. „Zeigst du mir, wie ich das machen muss?“

Es geschah nicht oft, dass Donnelly ihre Kenntnisse an jemanden weitergeben konnte. Sie wurde für gewöhnlich belehrt. Bei Jalals Worten wuchs sie förmlich.

„Es ist sehr wichtig, dass die Ecken aufeinanderkommen“, erklärte sie ihm.

Ein paar Minuten später saßen alle am Tisch. Wenn ihre Eltern da waren, herrschte meistens etwas mehr Ruhe. Aber Clio störte es nicht, wenn alle durcheinanderredeten.

Als jedoch jemand fragte: „Stimmt das, Jalal?“, und er leise erwiderte: „Tut mir leid, ich habe es nicht verstanden. Wenn alle gleichzeitig reden, kann ich nicht gut folgen“, wurde es augenblicklich still.

Anschließend wurde jeder, der dazwischenredete, ermahnt. „Pst! Jalal kann nicht folgen!“

Nach dem Essen räumte Jalal das Geschirr mit ab, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Clio war jedoch überzeugt, dass er es nur tat, um sie zu reizen. Er ahnte bestimmt, dass sie nur darauf wartete, ihm sagen zu können, dass er in der Familie Blake keinen Sonderstatus genoss oder dass hier im Westen das Gehabe männlicher Überlegenheit nicht geschätzt wurde. Bestätigt sah sie sich, als er ihr nach dem Einräumen seines Tellers in die Spülmaschine wieder einen seiner wachsamen Blicke zuwarf.

„Runde eins für dich“, bemerkte sie bissig.

„Runde eins? Ich habe drei gezählt“, versetzte er gelassen. „Wie viele sollen es noch werden, ehe wir mit dem Spiel aufhören, Clio?“

3. KAPITEL

Das Spiel lief unter dem Deckmantel der Freundlichkeit mehrere Tage weiter.

„So schnell haben wir noch keinen Anstrich hinter uns gebracht“, bemerkte Ben, nachdem er mit Jalal die Anlegestelle des Bootsverleihs mit Desinfektionsmittel bestrichen hatte. „Du kannst mit dem Pinsel umgehen.“

Seine jugendliche Bewunderung ärgerte Clio.

„Ich habe viel Übung gehabt“, meinte Jalal.

„Wird der Palast so oft gestrichen, ja?“, mischte sich Clio ein.

Jalal schaute sie an, als langweile ihn ihr kindisches Gehabe.

„Wir haben noch eine Stunde Zeit, ehe wir den zweiten Anstrich auftragen können“, stellte Ben fest. „Sollen wir mal mit einem Boot rausfahren, damit du dich etwas umsehen kannst?“

„Danke, Ben, ein anderes Mal. Im Moment möchte ich gern mit deiner Schwester Clio unter vier Augen reden.“

Das behagte Clio gar nicht, aber sie konnte schlecht etwas dagegenhalten. Innerhalb weniger Minuten war sie mit ihm allein in der großen freundlichen Küche. Verspannt und verärgert machte sie sich an ihre üblichen Arbeiten.

„Sie können mich überhaupt nicht leiden, Clio. Sagen Sie mir, warum?“

Mit einer solchen Offenheit hatte sie nicht gerechnet, und sie schüttelte stumm den Kopf und wandte sich ab, um das Geschirrspülmittel in die Maschine zu füllen.

Er fasste sie am Arm. Bei seiner Berührung rann ihr ein Schauer über den Rücken.

„Ich dachte, es ist Ihnen nicht erlaubt, eine Frau anzufassen, die nicht mit Ihnen verwandt ist“, erklärte sie dennoch eisig und blickte auf seine Hand an ihrem nackten Arm.

Er ignorierte ihre Bemerkung. „Sagen Sie es mir bitte. Warum nur sind Sie nicht gewillt, sich mit mir anzufreunden?“

Sie entzog sich wesentlich unwirscher seinem Griff, als notwendig gewesen wäre und geriet ins Stolpern. „Ich habe es Ihnen auf der Hochzeit gesagt. Wir werden nie Freunde werden.“ Sie war nicht gewillt, ihre Einstellung zu rechtfertigen. Und er konnte das nicht von ihr verlangen.

„Warum nicht?“

Sie schwieg.

„Ihre Schwester hat mir verziehen, was ich getan habe. Ihre Eltern auch. Warum können Sie das nicht?“

Sie kehrte ihm absichtlich den Rücken zu, schloss die Spülmaschine und stellte sie an. Da er abwartend und viel zu dicht hinter ihr stehen blieb, waren ihre Nerven bis zum Zerreißen angespannt.

„Halten Sie es für so unmöglich, dass Ihrer Schwester kein Leid zugefügt wurde, während sie meine Gefangene war? Denken Sie, ich hätte ihr etwas antun wollen oder es zugelassen, dass ihr etwas angetan wird?“, fragte er schließlich.

War es das, was sie befürchtet hatte? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass Jalal eine Bedrohung für sie darstellte, und sie wünschte, er wäre nie gekommen.

„Sehen Sie mich an, Clio.“

Seine Stimme klang verlockend, fast hypnotisierend, und sie hielt es nicht länger aus und wandte sich ihm zu. Er stand viel zu dicht vor ihr. Sofort begann ihr Herz zu rasen.

„Können Sie sich vorstellen, dass Prinzessin Zara mich ermuntert hätte, hierherzukommen, wenn so etwas Schreckliches passiert wäre?“

„Falls sie sich etwas vorgemacht hat, ja“, antwortete sie. Nicht dass sie das glaubte, aber möglich war es. Das musste er doch einsehen.

Ehrlich entsetzt schaute er ihr ins Gesicht. „Sich selbst etwas vormachen? Wie kann eine Frau sich so etwas vormachen? Und warum sollte sie das tun?“

Clio wurde nervös. „So etwas passiert durchaus! Frauen nehmen die Schuld auf sich oder sie wollen nicht wahrhaben, was ihnen zugestoßen ist, und deshalb leugnen sie es.“

Er ließ sie nicht aus den Augen. „Ist das wirklich so, Clio? Sind Sie sicher?“

„Wenn Sie etwas von Psychologie verstünden, würden Sie nicht fragen.“

„Leugnen Sie etwas? Hat jemand Sie verletzt und fällt es Ihnen deshalb leichter, sich vorzustellen, ich hätte Ihrer Schwester etwas angetan, als sich einzugestehen, dass Ihnen etwas angetan wurde?“, fragte er und bewies damit, dass er sogar sehr viel von Psychologie verstand.

Sie schnappte erschrocken nach Luft und ballte die Hände zu Fäusten. Nie zuvor war sie so kurz davor gewesen, jemandem eine Ohrfeige zu geben. Aber sie brauchte ihm nur in die Augen zu sehen, um die Warnung zu erkennen. So sanft er mit den Kindern umging, so wenig behutsam würde er auf sie reagieren, sollte sie es wagen, ihn tätlich anzugreifen.

„Mir ist nie etwas angetan worden!“, stieß sie wütend hervor. „Damit eines klar ist, Jalal, was immer sich in Ihrem Lager abgespielt hat oder nicht, wir sind Feinde, und das nur, weil Sie etwas getan haben.“

Er schüttelte den Kopf. „Wir sind keine Feinde. Das ist es nicht, was zwischen uns steht“, bemerkte er leise.

Clio brachte keinen Laut über die Lippen, während ein heißer Schauer ihr über den Rücken rann.

„Deine Schwester ist für dich eine willkommene Ausrede, um das nicht zu tun, was dir Angst macht. Das ist die Wahrheit, nicht wahr?“

Jalal trat näher, und sie wich sofort gegen die Anrichte zurück.

„Ich habe keine Angst!“, protestierte sie hitzig.

„Gut“, flüsterte er, und als sie abwehrend eine Hand hob, umfasste er ihr Handgelenk.

Sie erzitterte bei der Berührung. Und wie aus dem Nichts flammte Zorn in ihr auf. Langsam beugte er sich über sie. Er würde sie küssen. Das konnte sie nicht zulassen. Sie wollte ihn anschreien, doch etwas schnürte ihr die Kehle zu. In ihrer Wut und Verzweiflung wollte sie ihn abschütteln. Aber sie konnte sich nicht bewegen.

„Machen Sie immer, was Sie wollen, ohne Rücksicht auf den anderen?“ Ihre Stimme war rau.

„Ich will dich küssen“, flüsterte er. Seine Lippen waren nur wenige Zentimeter von ihrem Mund entfernt. „Fragen Männer in diesem Land um Erlaubnis, wenn sie das möchten?“

Clio versuchte zu schlucken. „Ja“, entgegnete sie abweisend. Ihr Hals war trocken, als wäre sie durch die Wüste gelaufen, aus der er kam. Die Regeln zwischen Männern und Frauen waren dort so anders als hier. Erneut wollte sie ihn von sich stoßen, um mehr Luft zu bekommen. Aber eine eigenartige Mattigkeit schien sie befallen zu haben.

„Dann verstehen sie nichts davon.“ Er zog sie an sich.

Sie spürte die Hitze seines Arms im Rücken und den Druck seiner Hand an ihrer Taille. Sein Atem streifte ihre Wange, während er ihr auffordernd in die Augen schaute. Sein Blick weckte etwas in ihrem tiefsten Innern.

Er streichelte sie genau dort, wo ihre Haut unbedeckt war, nämlich zwischen ihrem knappen Top und der auf den Hüften sitzenden Shorts. Sie erschauerte bis in die Fußspitzen, und ihre Brüste spannten sich unter dem dünnen Top vor Erregung an.

Plötzlich war sie wütend auf sich selber. Das hier war der Mann, den sie noch vor ein paar Tagen für immer zu ihrem Feind erklärt hatte.

„Was machen die Männer in der Wüste denn?“, wollte sie scharf wissen. „Packen sich die Frau, die gerade greifbar ist? Offenbar ja! Du hast es gerade bewiesen.“

„In der Wüste sorgen wir dafür, dass eine Frau sich nach dem Kuss sehnt, und dann küssen wir sie, ohne zu fragen.“

Bei der männlichen Selbstsicherheit dieser Behauptung richtete ihr Zorn sich wieder auf ihn. Sie biss die Zähne aufeinander, weil sie sich kaum noch zurückhalten konnte, ihn anzuschreien, dass er ein arroganter Barbar sei. Aber er hatte sie gewarnt …

Er ließ seine Hand über ihren Rücken gleiten. Mit der anderen Hand berührte er ihren Nacken und strich dann mit dem Daumen ihren Kiefer entlang.

Ihre Lippen prickelten. Aber sie wollte keinen Kuss von ihm! Und wenn er sie noch so sehr zu hypnotisieren versuchte. Davon verstand er etwas. Mutig schaute sie direkt in seine Augen.

Das blanke Verlangen, das sie darin sah, erschütterte sie. Sie hatte angenommen, er fühlte sich zu ihr hingezogen. Wie konnte sie ahnen, dass es sich um so eine starke Anziehungskraft handelte? Er blickte sie an wie ein ausgehungerter Mann. Ihr Herz machte einen Satz. Gefühle, die sie nicht kannte, durchströmten sie. Die Hitze, die von ihm ausging, war zu stark. Ihr war, als würde sie verbrennen.

„Dann wirst du mich nie küssen“, erklärte sie, als sie endlich wieder sprechen konnte.

„Forderst du mich heraus, Clio? Wenn eine Frau einen Mann herausfordert, muss sie sich in Acht nehmen. Es könnte passieren, dass er die Herausforderung annimmt.“

Sie verstand nicht, wieso seine Worte sie schmerzten, und sie wusste auch nicht, welcher Art dieser Schmerz war. Doch sie spürte ihn am ganzen Körper, und sie fühlte sich hilflos und ihr wurde fast übel. Sie wünschte, er würde sich von ihr lösen, damit sie wieder durchatmen konnte.

„Warum überrascht es mich nicht, dass ein Nein für dich eine Herausforderung ist?“, gab sie zurück.

Mit dem Daumen hob er ihr Kinn an, sodass ihre Lippen seinen noch näher waren. Ihr Puls beschleunigte sich, und Jalal lächelte sie hintergründig an. „Aber ich habe gar kein Nein gehört, Clio. Hast du eines ausgesprochen?“

In dem Augenblick wurde sie von einem hohen, durchdringenden Sirenenton aufgeschreckt.

Jalal schaute sich stirnrunzelnd um, und Clio bemühte sich, ihre Sinne beisammenzuhalten.

„Ist das ein Feueralarm?“, fragte er.

Schließlich erkannte Clio das Geräusch. „Nein, das ist ein Einbruchalarm!“, rief sie, und als Jalal sie losließ, hastete sie aus der Küche und in das Arbeitszimmer ihres Vater. Ein Dutzend Lichter leuchteten auf der Monitorwand über seinem Schreibtisch. Eines jedoch blinkte heftig. Sie beugte sich vor, um das Schild zu lesen.

„Solitaire!“, hauchte sie. „Dad ist es nicht. Er wollte heute nicht dorthin.“

Jalal schaute ihr zu, als Clio einen kleinen Schrank öffnete und einen Schlüsselbund herausnahm. Dann wich er zurück, als sie herumwirbelte und zur Vordertür lief.

„Ben!“, rief sie.

Jalal folgte ihr. Sie eilte über die Veranda und zur Anlegestelle hinunter. Als sie das Boot erreichte, war er dicht hinter ihr. Sie löste das Heckseil, und als er automatisch das Tau am Bug löste, kletterte Clio an Bord und startete den Motor. Inzwischen waren Rosalie und Donnelly vom Strand herübergelaufen.

„Wir haben Einbruchalarm von Solitaire! Vermutlich ist es aber nur ein Waschbär!“, rief sie, während Jalal weitaus geschickter und geschmeidiger an Bord sprang als beim ersten Mal. Clio wendete das Boot in einem großen Bogen, und als sie am Ende des Anlegestegs vorbeifuhren, fuhr sie an Ben und Rosalie gewandt fort: „Ruft Dad an! Richtet ihm aus, dass ich bereits unterwegs bin und mich bei ihm melde, falls es Probleme gibt.“

Rosalie hielt Donnelly an der Hand. Alle drei nickten.

„Sei vorsichtig!“, rief Ben ihr noch zu.

Clio beschleunigte das Tempo und steuerte das Boot mit hoher Geschwindigkeit über das Wasser.

„Was ist Solitaire?“, fragte Jalal und trat neben sie.

Sie blinzelte. „Oh hallo!“ Es war ihr so selbstverständlich erschienen, Jalal bei sich zu haben, dass sie seine Anwesenheit erst jetzt bewusst wahrnahm. „Eines der Ferienhäuser“, erwiderte sie. „Es liegt etwas abseits.“

Jalal wusste, dass den Blakes einige Ferienhäuser am See gehörten, die vermietet wurden. Ein paar davon hatte er sich mit Brandon angesehen und Reparaturen dort gemacht. „Wird dein Vater hinkommen?“

Clio hob die Schultern. „Vermutlich nicht, außer ich rufe ihn an, weil es wirklich schlecht aussieht. Das hängt davon ab, wo er ist. Ben wird ihm sagen, dass du mich begleitest.“

„Welche Waffen sind im Boot?“

„Was? Du meinst ein Gewehr?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nichts, was man eine Waffe nennen könnte. Wir werden den Waschbären nicht erschießen, sondern ihm nur die Tür öffnen und ihn hinausscheuchen. Das Wichtige ist, dass wir dort sind, ehe er alles in Stücke gerissen hat.“

Jalal musterte sie gelassen. „Du bist sicher, dass es ein Waschbär ist?“

„Na ja, es sei denn ein Reh hat sich erschrocken und ist durch das Panoramafenster hineingesprungen. So etwas ist auch schon passiert. Aber wahrscheinlich ist eine Fensterscheibe kaputtgegangen, und ein Waschbär hat das Fliegengitter abgerissen. Solitaire ist diese Woche unbewohnt.“

Er konnte nicht glauben, was sie ihm da erzählte. So ein kleines Tier sollte ein Fliegengitter abreißen? Das wollte er wirklich erleben. „Und was machst du, wenn es kein Waschbär ist?“

„Was soll ich machen?“

„Du fährst nach diesem Einbruchalarm hin zu dem abgelegenen Haus, weißt nicht genau, was dort los ist, und hast keine Waffe bei dir?“

Clio blinzelte erneut.

„Und du warst außerdem überrascht, dass ich im Boot bin“, fuhr er fort. „Wenn ich nicht mitgekommen wäre, wärst du allein hingefahren.“

Wie sollte sie ihm erklären, dass sie ihn sehr wohl bemerkt hatte, aber mehr unbewusst? Und dass sie nicht lange nachgedacht hatte, weil sie sich durch seine Anwesenheit sicher gefühlt hatte?

Während sie das überlegte, fiel Clio nicht einmal auf, dass sie Jalal im Stillen kaum noch als Feind betrachtete.

„Warum nicht?“, entgegnete sie, da sie ihm auf keinen Fall die Wahrheit gestehen wollte.

Er war sichtlich verärgert.

„Ich bin wirklich sicher, es ist nur ein Waschbär“, sagte sie beschwichtigend. „Wir müssen uns beeilen, ehe er alles in Stücke reißt. Waschbären können schlimmer sein als Diebe.“

Jalal nickte, schien aber nicht überzeugt.

„Hast du Angst? Einbrecher hier in der Gegend sind nicht gewalttätig, sie stehlen nur.“

Er schüttelte den Kopf. „Wie oft bist du solchen Leuten begegnet, die nur ein Ferienhaus ausrauben wollen?“

Sie war verblüfft. Allerdings hatte sie ja tatsächlich zu unüberlegt reagiert. Doch das war Jalals Schuld. Wenn er sie zuvor nicht so verwirrt hätte, wäre ihr das wohl nicht passiert. Was sollte sie also machen, wenn es kein Waschbär war? Sie blickte auf seinen Brustkorb, deren Muskeln sich unter dem Polohemd deutlich abzeichneten, und fühlte sich unwillkürlich erleichtert.

„Ich glaube, Dad hat einmal ein paar Kerle überrascht, aber sie hatten sein Boot gehört und machten sich davon, ehe er angelegt hatte.“

Darauf erwiderte Jalal nichts. Stattdessen schaute er sich im Boot um. „Wo ist das Werkzeug?“

„Ein paar Sachen sind unter Deck in Schränken und ein paar befinden sich unter der Bank am Heck.“

Jalal wandte sich zum Heck, und Clio fiel nicht zum ersten Mal auf, wie geschmeidig, kraftvoll und zielgerichtet er sich bewegte. Wie ein Panther, dachte sie. Dass er den Tiger als Plakette gewählt hatte, war wirklich passend gewesen, auch wenn er das bestimmt nur getan hatte, um sie zu reizen.

Inzwischen hatte er mehrere Schränke geöffnet und ein Paddel gefunden, dessen Stiel er abwägend umfasste. Er hob es prüfend an und kehrte zufrieden zum Cockpit zurück, wo er sich neben sie setzte.

Er verschwendete keine Energie, und es ging keine Nervosität von ihm aus. Er war nur aufmerksam und lauerte wie eine Raubkatze auf den Augenblick, in dem sein voller Einsatz verlangt wurde.

Gleichgültig was sie antreffen würden, Clio fühlte sich absolut sicher in seiner Gegenwart.

„Wie sieht es um Solitaire herum aus?“, fragte er.

Sie beschrieb ihm die Umgebung: eine Insel in einem schmalen Fluss, mitten im Waldgebiet. Oberhalb der Insel wurde der Fluss unpassierbar. Es gab nur einen Weg, um zur Insel zu gelangen und von ihr wegzukommen. Eine malerische Holzbrücke führte auf die andere Seite, und der Pfad dort erstreckte sich kilometerlang durch den Wald, ehe man das nächste Haus erreichte.

Schweigend hörte er sich ihre Schilderung an, und sie merkte, dass er sich im Geist ein Bild davon machte. Bemüht, wichtige Kleinigkeiten nicht zu vergessen, beschrieb sie ihm auch die Anlegestelle, den Weg zum Haus und das Umfeld.

„Hier ist die Flussmündung“, sagte sie schließlich.

„Du bleibst im Boot, bis ich alles überprüft habe, Clio. Lass den Motor laufen. Falls es eine Gefahr gibt, machst du sofort kehrt, wenn ich es dir sage, und suchst deinen Vater oder holst die Polizei. Hast du verstanden?“

Clio straffte sich. „Du bist hier nicht in deinem Rebellenlager, Prinz Jalal! Und ich bin keiner deiner Anhänger.“

„Nein“, erwiderte er ruhig. „Keiner meiner Anhänger wäre so dumm gewesen wie du. Jedenfalls wirst du mir gehorchen. Falls dich jemand gefangen nimmt, kann ich nämlich nichts machen. Wenn sie drohen, dich zu verletzen, müsste ich nachgeben. Willst du das?“

4. KAPITEL

Wegen seiner Form hieß der Fluss „gebogene Nadel“. Ein schmaler Streifen Wasser schlang sich wie ein Nadelöhr um die Insel. Am Fuß der Insel hatte er eine so starke Krümmung, dass er aus der Luft wie eine Polsternadel aussah. Hinter der Insel erstreckte sich über mehrere hundert Meter ein schmaler Bach, der wie ein Faden schien, der aus einem Nadelöhr hängt.

Das Haus lag auf der anderen Seite der Insel. Das Geräusch des Motorbootes wurde vom Laub der Bäume und des Unterholzes stark gedämpft. Clio musste erst um die Biegung fahren und fast die Anlegestelle erreichen, ehe jemand sie hören könnte. Sie näherte sich dem Platz langsam. Der Kanal war nicht abgesteckt und zu beiden Seiten war das Wasser niedrig.

Ein kleines Motorboot schaukelte am Anlegesteg im Wasser. Verschiedene Sachen waren am Steg aufgestapelt. Clio sah einen Fernseher, einen Videorekorder und einen Karton. Die Eingangstür des Ferienhauses war aus den Angeln gehoben. Auch auf der Veranda befand sich Diebesgut.

Also kein Waschbär. Clio erschrak über die Gefahr, in die sie sich begeben hätte, wäre sie allein gekommen. Sie warf Jalal einen Seitenblick zu, während sie das Boot leise an den Steg steuerte. In dem Augenblick erschien ein Mann mit einem Staubsauger in der Hand auf der Veranda.

Jalal hatte das Geschehen mit einem Blick erfasst. „Bleib im Boot, lass den Motor laufen und halt dich bereit, abzufahren, wenn ich dir ein Zeichen gebe“, befahl er ihr leise. Dann sprang er auf den Steg und blieb, auf das Paddel gestützt, das er mitgenommen hatte, stehen.

Clio beobachtete, dass der Mann auf der Veranda flüchten wollte, sich dann aber umdrehte und auf Jalal zuging. Er war dünn und sehnig, hatte schulterlanges, verfilztes braunes Haar und musste um die vierzig sein. Seine Kleidung war schäbig, aber nicht schmutzig.

„Hallo! Kann ich Ihnen helfen?“, rief er Jalal zu, aber übertrieben laut.

Hoffentlich merkte Jalal, dass der Mann das tat, weil noch jemand im Haus sein musste.

„Ziehen Sie aus?“, fragte Jalal.

„Das wäre schön, ja?“ Der Mann grinste und wollte offenbar nicht bis an die Anlegestelle kommen. Aber es blieb ihm keine andere Wahl. Er stellte den Staubsauger ab und richtete sich misstrauisch auf.

In der Tür des Hauses erschien ein Schatten.

„Nein, ich bin nur von der Umzugsfirma.“

Jalal nickte. „Ich verstehe. Aber Sie haben sich in der Adresse geirrt. Hier zieht niemand aus. Ich schlage vor, Sie steigen in Ihr Boot und fahren wieder.“

Der Mann zeigte sich empört. „He, was glauben Sie, mit wem Sie reden?“ Doch es war seiner Stimme anzuhören, dass er bei etwas mehr Druck nachgeben und verschwinden würde.

Erleichtert atmete Clio auf.

Schon bewegte er sich auf die Stelle zu, an der sein Boot vertäut war.

„Ich weiß, mit wem ich rede, und ich sage Ihnen, Sie haben sich in der Adresse geirrt. Noch haben Sie die Möglichkeit, in Ihr Boot zu steigen und zu fahren. Ihre Freund auch.“ Jalal hob die Stimme an. „Warum kommen Sie nicht raus? Ihr Freund möchte weg, und Sie können mit ihm fahren.“

Da erschien eine Gestalt in der Tür. „Was, zum Teufel, ist hier los?“

Clio hielt den Atem an. Dieser Mann war das Gegenteil von seinem Partner. Er war groß und kräftig, sein Kopf war kahl geschoren und der Gesichtsausdruck eindeutig aggressiv. Sein weißes Unterhemd und seine Tarnhose waren ordentlicher als die Sachen seines Partners. Er trug einen breiten Gürtel und schwere Stiefel.

Drohend kam er die Treppe herunter und auf die Anlegestelle zu. Jalal, der lässig dastand, veränderte seine Haltung nicht. Der Einbrecher blieb ein paar Schritte von ihm entfernt stehen und spuckte verächtlich auf den Boden.

„Hallo, Araber!“ Sein Blick glitt an Jalal vorbei zu Clio. „Und ein Weibsbild!“ Der Ton, in dem er das sagte, reichte, um bei Clio Übelkeit zu erzeugen. „Danke, dass du mir meinen Nachtisch gebracht hast, Saddam! Du kannst jetzt verschwinden, es sei denn, du möchtest die Hauptmahlzeit werden.“

Kaum hatte er ausgesprochen, ging ihm der Atem aus, denn schneller, als er gucken konnte, hatte Jalal ihm das Paddel in den Magen gestemmt. Der Mann schien in die Luft gehoben zu werden und sich gleichzeitig zu krümmen.

„Hinter dir!“, schrie Clio, als der dünne Mann sich auf ihn stürzte.

Doch anstatt ihn zu fassen zu bekommen, segelte er über Jalals Schulter, da der das Paddel fallen ließ, nach seinem Arm griff und den Mann durch die Luft wirbelte.

Er landete auf seinem Partner und schrie wie am Spieß. Clio packte das Entsetzen. Der kräftigere Kerl schüttelte ihn ungeduldig ab. Da erkannte Clio, warum der dünne Mann so geschrien hatte. Seine Hände bluteten, weil er das Messer gestreift hatte, das sein Partner gezückt gehabt hatte. Auch seine Haut war von der Schulter bis zur Taille aufgeschlitzt.

Der Verwundete fluchte heftig. „Verdammt, ich bin verletzt, Mann, ich bin verletzt!“

Der andere ignorierte ihn und sprang auf. Schweiß stand ihm auf der Stirn. „Saddam, das hättest du nicht tun sollen. Mich reizt niemand ungestraft.“

Jalal ließ die Arme locker hängen. „Dein Freund braucht einen Arzt“, bemerkte er. „Steigt ins Boot und verschwindet.“

„Himmel, Mann, ich bin schwer verletzt! Lass uns machen, was er sagt.“

„Wirf die Bootsschlüssel auf den Boden, lass das Weibsstück hier, nimm mein Boot und fahr. Es passiert niemandem was“, sagte der aggressive Mann, als hätte er die Worte seines Freundes nicht gehört.

Jalal erwiderte nichts. Clio konnte sein Gesicht nicht sehen, aber seine Körperhaltung wirkte entspannt.

„Hast du gehört, Araber?“ Der Mann warf das blutverschmierte Messer von einer Hand in die andere und verlagerte unruhig sein Gewicht. Er war um einige Zentimeter größer als Jalal und mindestens fünfzehn Kilo schwerer. Die Droherei schien ihm Spaß zu machen.

Doch Jalal reagierte nicht.

„Ich werde ihr nichts tun, mach dir keine Sorgen. Ich werde sie richtig gut behandeln. Was dich betrifft, dir verpass ich was, wenn du nicht …“

Als würde er tanzen, machte Jalal leichtfüßig einen Schritt zur Seite, schwang ein Bein hoch und traf die rechte Hand des Mannes in dem Moment, als er damit erneut das Messer auffangen wollte. Er schrie auf vor Schmerz, und Clio bemerkte erschrocken, dass sein Unterarm nun in die verkehrte Richtung gebogen war. Der Mann verlor das Gleichgewicht, stolperte und fasste nach seinem Arm. Sein Schrei veränderte sich, als Jalal ihn am Handgelenk packte, die andere Hand auf seine Schulter legte und ihm einen Schubs nach vorn über den Anlegesteg versetzte, sodass er ins Boot stürzte.

Er schrie auf wie ein Wahnsinniger, fasste sich an die Schulter, den Arm und wieder an die Schulter. Eine Reihe Flüche kamen über seine Lippen, und dann stieß er einen so furchtbaren Schrei aus, dass sich Clio der Magen umdrehte.

Jalal wandte sich an den dünnen Mann, der sich nur mit Schwierigkeiten aufrichten konnte und mit beiden Händen seine blutige Wunde bedeckte.

Seine Augen weiteten sich, als er Jalal anschaute. „Ich bin verletzt, Mann! Tu mir nichts!“

„Steig ins Boot und bring deinen Freund weg.“

Clio schnappte nach Luft. Eine tödliche Drohung schwang in Jalals Stimme mit.

„Das kann ich nicht, Mann! Ich kann kein Boot steuern! Ich bin aufgeschlitzt! Du musst mich zu einem Arzt bringen.“

„Verschwinde!“, sagte Jalal gefährlich leise.

Der Mann verbiss sich jeden weiteren Protest und stolperte an den Rand der Anlegestelle. Dann ließ er seine blutende Brust los und kletterte ins Boot. Sein Freund schrie immer noch vor Schmerzen. Irgendwie schaffte der dünne Mann es beim zweiten Versuch, den Motor anzulassen.

„Himmel, das Tau! Bind das Tau los, ja?“, schrie er.

Jalal nahm das blutverschmierte Messer und schnitt das Seil mit einem wütenden Hieb durch.

Der dünne Mann fluchte erneut, zog aber den Rest des Taus ein und steuerte ungeschickt um Clios Motorboot herum und in den Fluss. Clio stellte den Motor ab, und sie und Jalal lauschten dem schwächer werdenden Brummen.

Stille breitete sich aus. Nur der Wind und das Zwitschern der Vögel waren zu hören, und das Plätschern des Wassers gegen den Rumpf des Bootes.

„Sollten wir ihnen folgen, um ganz sicherzugehen?“, fragte Clio.

Jalal schüttelte den Kopf. „Ist nicht nötig.“

Ihr Boot trieb vom Steg weg. Ohne lange nachzudenken, stellte Clio den Motor wieder an und lenkte es zurück an den Steg. Sie warf Jalal das Seil zu, und er band es fest. Dann bot er ihr seine Hand, damit sie aussteigen konnte, und sie nahm sie, obwohl sie keiner Hilfe bedurfte. Schließlich war sie mit Booten groß geworden.

Bei seiner Berührung jedoch begann sie zu zittern.

„Ist alles in Ordnung, Jalal? Bist du verletzt?“, fragte sie leise. „Hat er dich getroffen?“

„Nein. Mir ist nichts passiert“, erwiderte er gelassen.

„Gott sei Dank! Habe ich mich erschrocken, als ich das Messer sah!“

Wortlos nahm Jalal sie in die Arme, und plötzlich fühlte sie sich von heftigen Gefühlen mitgerissen.

„Jalal!“, flüsterte sie heiser. „Oh Jalal!“ Sie schaute zu ihm auf, als müsste sie sich überzeugen, dass er wirklich lebte und wohlbehalten war.

Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. Er beugte sich zu ihr und erfüllte ihre stille Sehnsucht und bedeckte ihre Lippen mit einem zärtlichen Kuss. Einen flüchtigen Moment dachte sie daran, dass sie sich noch vor knapp einer Stunde geschworen hatte, sich niemals nach seinem Kuss zu sehnen. Doch das war jetzt gleichgültig. Ein wunderbares Glücksgefühl durchflutete sie bei dieser Berührung seines Mundes. Sie schlang die Arme um Jalal und wünschte sich, er würde sie inniger küssen.

Als hätte sie diese Nähe zu ihm gebraucht, um ihre aufgestaute Spannung zu lösen, begann sie plötzlich am ganzen Körper zu beben. Erneut sah sie im Geiste vor sich, wie der aggressive Mann sie angeschaut hatte.

„Oh Jalal, Gott sei Dank warst du hier! Meine Güte, wenn ich allein hergefahren wäre …“

„Du warst nicht allein. Ich war bei dir“, entgegnete er ruhig. Er legte einen Arm um sie und führte sie zu der Bank am Ufer. „Setz dich“, befahl er ihr sanft, und als sie gehorchte, lächelte er.

„Jetzt weiß ich, dass du noch nicht wieder du selbst bist. Du hast nicht mal protestiert.“

Sie lächelte schief. „Ich kann nichts dafür“, entschuldigte sie ihre Schwäche.

Jalal setzte sich neben sie und nahm sie erneut in die Arme. Tränen brannten ihr in den Augen, doch sie versuchte nicht, sie zurückzuhalten. Es überraschte sie, dass sie in Jalals Gegenwart weinen konnte. Noch vor einer Stunde hätte sie gesagt, er wäre der letzte Mann auf der Welt, vor dem sie eine Schwäche zeigen würde.

Er hielt sie in den Armen, während sie sich ausweinte. Es war ihre Reaktion auf die Furcht und das Entsetzen, vielleicht auch noch auf etwas anderes, das sie sich nicht eingestehen wollte.

„Danke“, flüsterte sie zwischen dem Aufschluchzen. „Es tut mir leid, dass mir das passiert, aber ich kann nicht aufhören.“

Er drückte sie nur noch fester an sich.

Mit einem schwachen Lächeln fragte sie schließlich: „Hast du zufällig ein Taschentuch?“

Jalal suchte in seiner Hosentasche, fand ein paar saubere, etwas zerdrückte Taschentücher und reichte sie ihr. „Geht es jetzt wieder besser?“

„Viel besser! Danke“, sagte sie noch einmal und wischte sich die Augen. „Du hättest umgebracht werden können.“

Er lächelte grimmig. „Nicht von so einem wie ihm.“

„Ja, war er nicht entsetzlich?“

Jalals Gesicht verspannte sich, aber er sagte nichts.

„Ich denke, wir sollten besser die Polizei verständigen“, meinte sie. „Ihnen Bescheid geben, dass sie nach ihnen Ausschau halten sollen.“

„Ja.“ Er nickte. „Benachrichtige die Polizei, während ich mich etwas umsehe. Bitte bleib im Boot, bis ich dir Bescheid gebe, dass die Luft rein ist.“

Jalal stand auf und lief zu dem Ferienhaus hinüber.

Clio stieg ins Boot, nahm Funkverbindung mit der Polizei auf und berichtete von den zwei Männern. Dann funkte sie nach Hause. Das Funkgerät dort war nicht ständig eingeschaltet, aber da die Kinder auf Nachricht warteten, würde es jetzt an sein. Als Ben sich meldete, erzählte sie ihm, was passiert war, und hielt ihn so lange fest, bis Jalal wieder auftauchte und ihr das Zeichen gab, dass alles in Ordnung sei.

„Gut, Ben, ich melde mich, wenn wir zurückkommen“, sagte sie und stellte das Funkgerät auf Empfang ein.

„Wie schlimm sieht es aus?“, fragte sie und ging Jalal entgegen.

„Nicht besonders schlimm“, erwiderte er. „Sie haben im Haus nichts zerstört.“

Sie begannen aufzuräumen, brachten das Diebesgut in das Ferienhaus zurück und schlossen die Geräte wieder an. Hätte ein Außenstehender sie dabei beobachtet, wäre ihm aufgefallen, wie gut sie sich verstanden und sich gegenseitig halfen. Als Jalal die Scherben des zerbrochenen Spiegels im Schlafzimmer aufhob, war es für Clio selbstverständlich, ihm den Mülleimer zu bringen, damit er sie gleich hineinwerfen konnte. Und als er damit fertig war und sie die Splitter zusammenfegen wollte, reichte er ihr hilfreich die Kehrschaufel.

Später beim Abendessen mussten sie ihr Abenteuer natürlich einer faszinierten Hörerschaft erzählen. Brandon aß schnell und fuhr dann mit Jonah noch einmal zu Solitaire, um das Haus wenigstens einigermaßen zuzumachen. Morgen würde eine neue Haustür eingesetzt werden, und der Spiegel würde bis zum Wochenende erneuert sein.

Die Polizei kam, untersuchte die Fingerabdrücke und nahm auch das blutverschmierte Messer mit.

Für die Kinder war es eine aufregende Geschichte, und natürlich hatten sie viele Fragen an Jalal.

„Hast du dich mit Selbstverteidigung beschäftigt?“, wollte Ben wissen.

Er war nicht weit davon entfernt, Jalal als Helden zu feiern, das merkte Clio ihm an. Sie war davon zwar nicht begeistert, aber was hätte sie dazu sagen sollen? Sie war ohnehin vollkommen durcheinander und kämpfte mit widerstreitenden Gefühlen. Einerseits hatte Jalal Zara entführt und gefangen gehalten, andererseits hatte er sie heute vor einer schrecklichen Gefahr bewahrt. Diese beiden so grundverschiedenen Verhaltensweisen bei Jalal konnte sie einfach nicht zusammenbringen. Entsprechend zerrissen fühlte sie sich.

Als sie sich wieder der Unterhaltung zuwandte, ließ Jalal sich gerade von Ben überreden, ihm die Grundkenntnisse der Selbstverteidigung beizubringen. Natürlich wollten alle anderen nun auch mitlernen.

„Ich kann es allen beibringen“, meinte Jalal beschwichtigend. „Das geht, aber …“, er hob den Zeigefinger, und alle sahen Jalal aufmerksam an, „… jeder muss auch zum Unterricht kommen, es sei denn, er hat einen triftigen Grund fernzubleiben. Wenn ihr es wirklich lernen wollt, machen wir das auch, aber es gehört Disziplin dazu.“

Alle nickten zustimmend, und mit einem Mal war Clio verärgert. Was hatte er vor? Wollte er sich seine Anhänger nun aus ihrer Familie holen?

„Hast du deinen Leuten auch Selbstverteidigung beigebracht?“, fragte sie, nachdem die Kinder davongeeilt waren, um einen der Räume extra für den Unterricht aufzuräumen.

Jalal hörte sofort die erneute Feindseligkeit in Clios Ton und runzelte die Stirn. Sie waren allein in der großen Küche. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen durchs Fenster. Grillen zirpten und ein Boot fuhr auf dem See vorbei, während sie im Schatten saßen und sich beobachteten.

„Ja, viele haben es von mir gelernt.“

„Wie schade, dass Zara nie einen Selbstverteidigungskurs belegt hat.“

„Deine Schwester ist eine tapfere und umsichtige Frau, aber Selbstverteidigung hätte ihr wenig genützt.“

„Du hast sie bewundert, ja? Wie weit ging denn deine Bewunderung?“

„So weit, dass ich ihr nie das hätte antun können, was dieser Einbrecher dir antun wollte. Setzt du mich im Geiste mit ihm gleich?“

Tat sie das? Clio schloss die Augen. Warum reizte sie Jalal schon wieder? Und das nach dem, was er heute für sie getan hatte? „Ist das, was du mit ihr gemacht hast, denn so anders?“, fragte sie zurück und fühlte sich restlos verwirrt.

Sichtlich erregt sprang Jalal auf. „Wenn du mir nicht vertraust, Clio, liegt das nur daran, dass du dir selbst nicht vertraust. In deinem Herzen kennst du die Wahrheit. Du hast kein Problem mit mir, sondern mit deinen innersten Gefühlen. Denk mal darüber nach, warum das so ist.“

Sie hörte seine leisen Schritte, als er die Treppe hinaufging, hörte, dass die Kinder ihm etwas zuriefen, und dann fiel eine Tür zu. Sie saß allein im Dämmerlicht. Einer der Hunde spürte, dass sie bedrückt war, und stieß sie mit der Schnauze mitfühlend an.

Die Kinder hatten vergessen, den Tisch abzuräumen. Aber dieses Mal würde sie das durchgehen lassen. Sie war froh, dass sie etwas zu tun hatte und allein sein konnte. Ohne das Licht anzumachen, räumte sie das Geschirr in die Maschine und schaffte ein wenig Ordnung in der Küche. Danach zog sie sich eine leichte Jacke über, nahm die Leinen der Hunde und stieß die Fliegentür auf.

Die Hunde liefen vor ihr her nach draußen und den gewohnten Pfad entlang. Etwas später kamen sie an ihren Lieblingsplatz, von dem aus man die Hügellandschaft um den See herum bewundern konnte. Sie setzte sich auf ihren Lieblingsfelsen und schaute zu, während langsam die Lichter in Love’s Point und in den Ferienhäusern rund um den See angingen.

„Du hast kein Problem mit mir, sondern mit deinen innersten Gefühlen. Denk mal darüber nach, warum das so ist.“

5. KAPITEL

Madeleine Donnelly und Brandon Blake waren in den Sechzigern jeder allein nach Love’s Point gekommen, als es ein Ausflugsort der Hippies gewesen war. Sie hatten sich hier kennengelernt und sich gleich in ihrem ersten Sommer ineinander verliebt. Maddy hatte Porträts für die Touristen gemalt, und Brandon hatte Gitarre gespielt.

Ein paar Jahre später hatten sie sich auf ein gewagtes Unternehmen eingelassen und das heruntergekommene, fast abbruchreife alte Haus der Loves gekauft und renoviert.

Nachdem das Haus halbwegs fertig war, hatten Maddy und Brandon entschieden, die Zeit für Nachwuchs sei gekommen, und einmal damit angefangen, gab es kein Halten mehr. Inzwischen waren es neun. Die beiden Ältesten waren bereits ausgezogen, aber natürlich hatten die Blakes eine Reihe von Cousins und Cousinen, Freunden und Freundinnen, die aus irgendwelchen Gründen jeder einmal für eine Zeit lang zu ihnen zogen.

Da Clio mit zweiundzwanzig nach Zara und Jude die Drittälteste war, glaubten viele, sie wäre die Nächste, die in die Ferne schweifen würde. Doch Clio wollte nirgendwohin. Love’s Point und die Seen waren ihr Zuhause.

Die bunten Lichter der Großstadt übten keine Anziehungskraft auf sie aus. Sie konnte die Sehnsucht verstehen, die Zara und Jude in die Ferne getrieben hatte, aber sie teilte sie nicht. Alles, was sie sich je gewünscht hatte, war in ihrer Reichweite gewesen.

Alles bis auf eines.

Sie hatte Peter Clifford zum ersten Mal in der Highschool gesehen und sich gleich in ihn verliebt. Peter hatte die Abschlussklasse besucht. Er sah gut aus, hatte dichtes, dunkelblondes Haar, schelmische braune Augen und einen fantastischen Körper.

Es dauerte nicht lange, und sie hatte herausgefunden, dass er jeden Tag nach der Schule in das Autohaus seines Vaters ging. Ebenso wusste sie bald, dass der Bus von der Highschool nach Love’s Point direkt an der Firma seines Vaters vorbeifuhr. Also ging sie die drei Haltestellen zu Fuß, kam an dem Autohaus vorbei und sah Peter fast jedes Mal im Vorhof oder durch eines der Schaufenster.

Oft schien er sie auch zu bemerken, und wenn er ihr zuwinkte, war sie glücklich.

Als Peter und Zara dann miteinander gingen, störte sie das kaum. Niemand in der Familie kannte ihre Gefühle für Peter. Es erschien ihr nur gerecht, dass ihre fantastische Schwester den tollsten Jungen der Umgebung bekam. Außerdem glaubte sie, dass sie selber zu jung war und zu gewöhnlich aussah, um Peters Interesse ...

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