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Auszeit

Deon Meyer

Auszeit

Ein »Schwarz. Weiß. Tot.« Krimi

Aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer

 

Inhaltsübersicht

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Anhang

Zur Geschichte

Glossar mit Erklärungen der afrikaanssprachigen Wörter und anderer Begriffe

Auszeit

(Stiltetyd)

1.

Um kurz vor vier rief Mavis vom Empfang aus an. »Hier ist ein Brief für dich, Johnnie. Hat jemand für dich abgegeben.«

Sofort reagierte er gereizt. Bestimmt war wieder einmal so ein Jungspund zu feige gewesen, seinen Bericht direkt bei ihm abzuliefern, weil es schon spät und sein Machwerk schlampig war. Er seufzte stumm. »Ich bin schon auf dem Sprung, ich hole ihn gleich bei dir ab, wenn ich nach Hause gehe. Danke dir.«

»Schon okay«, antwortete sie. »Und, was kocht Pearlie heute Abend?«

»Masala-Fisch mit Roti und ein Tomatenbredie. Und zum Nachtisch Johnson’s Specials und Fancies

»Ach, Johnnie, ich weiß nicht, wann ich zuletzt ein richtig leckeres Fancy gegessen habe!«

»Mal sehen, vielleicht bleiben ja ein paar übrig.«

»Du bist ein Schatz – nicht, dass ich je etwas anderes behauptet hätte«, fügte sie hastig hinzu und legte auf. Er kehrte zum Rollwagen mit den Dokumenten zurück, mühsam, hinkend. Sein Bein prophezeite ein Gewitter. Im November? Er griff nach den drei neuen Haftbefehlen, trug sie zu den Aktenschränken auf der anderen Seite des Raumes und suchte die passenden Ordner heraus.

Mavis war zu beschäftigt, um sich mit ihm zu unterhalten. Ohne ihr Telefonat zu unterbrechen, reichte sie ihm das hellgelbe Kuvert durch ihr Glasschiebefenster an.

»Danke!«, flüsterte er tonlos. Sie zwinkerte ihm zur Antwort zu. Ihre Finger tanzten über die Tastatur, und ihre Stimme klang munter und hilfsbereit, selbst noch beim tausendsten Anruf am Tag. Wie machte sie das bloß?

Im Hinausgehen betrachtete er das Kuvert. Die Adresse war handgeschrieben, mit schwarzer Tinte und in einer kleinen, hübschen, sauberen Schrift: Polizeidienststelle Bellville, Supt. John October, Archiv, Provinziale Sondereinheit, Kasselsvleiweg, Bellville-Suid 7530. Weder Briefmarke noch Poststempel. Ordentlich zugeklebt.

Der Brief stammte nicht von einem Kollegen.

Er nahm sich vor, den Brief im Auto zu öffnen, weil der Wind zu stark über den Parkplatz pfiff. Aus nordwestlicher Richtung, wie ihm auffiel. Er hob den Kopf und blickte nach Westen in Richtung Tafelberg. Dort ballte sich eine Schlechtwetterfront zusammen, eine Wolkensichel, die sich weit über den Atlantik erstreckte. Sein Bein hatte ihn nicht getrogen. Er hoffte, dass es nicht zu früh anfing zu regnen, denn dann würden Pearlies Tische leer bleiben. Die weiße Kundschaft kam nur bei schönem Wetter.

Er öffnete seinen Cressida und stieg ein. Den Schlüssel als Brieföffner benutzend, ritzte er den Umschlag auf. Dünnes, hellgelbes Schreibpapier, ordentlich zusammengefaltet.

Er zog den Brief heraus und faltete ihn auseinander. Dabei fiel ein weiteres Stück Papier heraus und flatterte auf seinen Schoß. Ein Schnipsel, der wie ein Zeitungsartikel aussah. Er ließ ihn liegen und las zuerst den Brief.

12. November

Sehr geehrter Supt. October,

das war kein Unfall. Es war Mord.

Mehr später.

C.

Er las den Brief ein zweites Mal, mit gerunzelter Stirn. Dann faltete er den Ausschnitt auseinander. Eine Meldung mit der Überschrift: Kapstadt, De Waterkant: Anwalt stirbt bei bizarrem Unfall in Restaurant. Daneben stand mit demselben schwarzen Stift und in derselben Handschrift wie der Brief eine Randnotiz: 13. Oktober. Die Burger.

Dann las er den Artikel:

KAPSTADT – Der bekannte Kapstädter Anwalt Dirk Holtzhausen (46) kam gestern unter mysteriösen Umständen in einem Restaurant im Szeneviertel De Waterkant ums Leben. Die Polizei glaubt an einen merkwürdigen Unfall.

Holtzhausen saß gestern mit Freunden in dem beliebten Restaurant Balducci’s beim Mittagessen, als er plötzlich von einem bisher nicht identifizierten, spitzen Gegenstand in den Hals getroffen wurde. Kurz darauf erlag er seinen schweren Blutungen.

»Wir vermuten, dass der Gegenstand von einer nahe gelegenen Baustelle oder von einem Schiff stammt«, sagte Polizeisprecherin Lianie Strydom. »Er muss nach dem Unfall in dem Durcheinander der Restaurantbesucher und Rettungskräfte verlorengegangen sein. Bislang haben die Ermittlungen keinerlei Hinweise darauf ergeben, dass Vorsatz im Spiel war. Wir hoffen nun, dass die Autopsie weitere Anhaltspunkte bringt.«

Laut Mevrou Riana van Rensburg, die zum Zeitpunkt des Unfalls mit dem Opfer an einem Tisch saß, sei Meneer Holtzhausen plötzlich »mit einem Ruck hintenüber gekippt« und habe »am Hals heftig geblutet«. Mevrou van Rensburg steht unter Schock und verlangte eine vollständige Aufklärung des Geschehnisses. Der Verantwortliche müsse zur Rechenschaft gezogen werden.

Laut Kaptein Strydom wird die Polizei in dem Fall weiterhin mit Hochdruck ermitteln, doch leider konnte bisher keiner der Zeugen Angaben über die Herkunft und die Art des Gegenstands machen, der den Tod von Meneer Holtzhausen verursacht hat.

Meneer Holtzhausen, der vor allem für seine gemeinnützige Arbeit bekannt war, hinterlässt eine Frau, Marie, und zwei Töchter, Stefanie (19) und Drika (17). Am Mittwoch wird in der zentralen Gemeinde der niederländisch-reformierten Kirche in Kapstadt ein Gedenkgottesdienst abgehalten.

October legte den Zeitungsausschnitt weg und nahm wieder den Brief zur Hand. Mehr später. Er schüttelte den Kopf, griff nach dem Kuvert und vergewisserte sich, dass der Brief wirklich an ihn gerichtet war.

An der Anschlussstelle Modderdam war er so in Gedanken, dass er auf der linken Spur in Richtung Mitchell’s Plain blieb. Die Macht der Gewohnheit – zwanzig Jahre lang. Als er seinen Fehler bemerkte, war er derart im dichten Feierabendverkehr eingekeilt, dass er erst in Greenlands drehen und dann zurück in Richtung Durbanville fahren konnte.

Es war schon Viertel nach fünf, als er die Glastür des Restaurants in der Oxfordstraat öffnete. Kaapse Kos stand in eleganten weißen Buchstaben über dem Eingang. Seine Frau Pearlie hatte darauf bestanden, diesen schlichten Namen zu wählen – »Küche der Kap-Region«. October hatte dafür plädiert, das Restaurant in Anspielung auf das Paradies »Pearlie’s Gates« zu nennen, schließlich sei ihre Küche geradezu himmlisch. Doch sie hatte erwidert: »Nein, danke, mein Herz, aber das klingt mir zu hochtrabend.« Und sie hatte recht gehabt – wie immer.

Aus der Küche wehte der köstliche Duft von Basmatireis.

»Hallo, Uncle Johnnie«, begrüßte ihn Muna Abrahams fröhlich und fuhr fort, die Tische zu decken. Muna war jung und schön – Pearlies Nichte und ihre rechte Hand.

»Hallo, Muna. Wie geht’s, wie steht’s?«

»Es geht nicht nur, es läuft, Uncle Johnnie«, antwortete sie, wie sie es von klein auf gelehrt hatte. Und sie lachte ihr hübsches Lachen.

Er ging weiter nach hinten durch und stieß die Schwingtüren zur Küche auf. Pearlie stand am Herd, Zuyane Adams in seiner weißen Kochkluft neben ihr. Aufmerksam und konzentriert rieb er Fischfilets mit der Masala-Gewürzpaste ein. October hielt einen Augenblick inne und beobachtete seine Frau, seine Meisterköchin, sein molliges Herzblatt, schon seit fast vierzig Jahren. Sie spürte seine Anwesenheit mit ihrem sechsten Sinn und lächelte bereits, ehe sie sich umsah. Er gesellte sich zu ihr. Ihr fiel auf, dass er hinkte, und sie fragte besorgt: »Das Wetter?«

»Bestimmt«, sagte er und küsste sie. »Der Sommer lässt dieses Jahr auf sich warten.«

»Hallo, Uncle Johnnie«, grüßte Zuyane.

»Hallo, Zuyane.«

»Komm, probier mal«, sagte Pearlie. Sie nahm einen Löffel, schöpfte ein wenig von dem Bredie heraus und blies darauf, um es abzukühlen. »Zu viel schwarzer Pfeffer?«, fragte sie und hielt ihm den Löffel hin. Es war ihr festes Ritual. Er schloss die Augen und ließ sich die Kostprobe auf der Zunge zergehen. Das Fleisch war butterzart, der Geschmack vollkommen, man konnte es nicht anders nennen. Er ließ sie eine Zeit lang zappeln, wie jeden Abend, öffnete die Augen und sah ihren erwartungsvollen Blick.

»Nein«, sagte er.

»Was heißt ›nein‹?«, fragte sie bekümmert.

»Nein, es ist nicht zu viel schwarzer Pfeffer dran.«

»Zu wenig Zucker?«

»Nein. Es schmeckt ganz wunderbar. Das beste, das du je gekocht hast.«

»Ist das dein Ernst, mein Herz?«

Wieder küsste er sie. »Ja, mein voller Ernst.«

»Hattest du einen guten Tag?«

»Einen interessanten. Ich erzähl’s dir später. Wie sieht es mit den Reservierungen aus?«

»Proppenvoll!«, sagte sie. »Kaum zu glauben, was?«

Er stieg die Treppe zur Wohnung hinauf – drei Schlafzimmer, ein Badezimmer, Küche und Wohnzimmer, direkt über dem Restaurant. Ihr Haushalt bildete eine farbige Insel inmitten der Weißen von Durbanville, aber Pearlie hatte von Anfang an darauf beharrt, dass sie dieses Opfer bringen müssten, weil sie keine Lust habe, jeden Tag mitten in der Nacht nach Mitchell’s Plain zurückzufahren. Außerdem könnten sie so mehr Zeit miteinander verbringen.

Er schloss auf, ging ins Schlafzimmer, holte den Brief aus seiner Jackentasche, hängte die Jacke weg, zog die Krawatte aus und hängte sie ebenfalls auf. Er war der Einzige bei der Sondereinheit, der bei der Arbeit noch einen Anzug trug, aber er konnte nicht anders, so war er nun mal erzogen: Respektiere deine Arbeit und deine Kollegen.

Er nahm den Brief mit in die Küche, holte sich eine Dose Ingwerbier, leerte sie in ein Glas und ging in seine Werkstatt, wie Pearlie das dritte Schlafzimmer nannte. An einer Wand stand seine Vitrine und darin ordentlich aufgereiht seine Modellflugzeuge. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich der lange, abgenutzte Tisch, und darüber hingen schmale Regale für seine Werkzeuge und Farben. Auf dem Tisch standen eine Lampe, ein kleiner Kompressor und die halbfertige De Havilland Mosquito, ein Merk-II-Modell im Maßstab 1/48. Einer seiner absoluten Lieblinge. Er stellte das Bierglas ab und legte den Brief auf den Tisch, krempelte die Ärmel hoch und setzte sich. Am Abend zuvor hatte er die Kleinteile angemalt. Er inspizierte seine Arbeit und kratzte hier und da mit dem Skalpell ein wenig von der aufgetragenen Farbe ab, um die Oberflächen zu glätten, bevor er die Einzelteile zusammensetzte.

Warum war dieser Brief ausgerechnet an ihn adressiert?

Bevor er endgültig nach Hause gefahren war, war er noch einmal zu Mavis an den Empfang zurückgekehrt, hatte auf eine Pause im Telefonansturm gewartet und gefragt, wer den Brief für ihn abgegeben habe. Sie hatte nur gesagt: »Ich weiß nicht, Johnnie, ich habe ihn einfach hier gefunden«, und auf die Ecke ihres Schreibtischs gedeutet.

Warum er?

»Weil du ein guter Ermittler bist«, meinte Pearlie, den Brief und den Zeitungsausschnitt in der Hand.

Sie saßen am Tisch in der Ecke. Es war kurz nach zehn. Das Restaurant hatte sich inzwischen geleert. October aß. Erst das Bredie, dann den Fisch, damit die Masala-Gewürzmischung nicht den Geschmack des Bredies überlagerte. Er legte die Gabel hin. »Ich bin schon seit elf Jahren kein Ermittler mehr. Ich bin nichts als ein lahmer Bürohengst.«

»Einmal Fahnder, immer Fahnder«, erwiderte sie.

»Ich fahnde nur noch in Aktenordnern.«

»Jetzt mach aber mal einen Punkt, mein Herz. Wie schmeckt dir der Fisch?«

Er nahm einen weiteren Bissen, kaute und gab ihr mit Daumen und Zeigefinger das Zeichen für »wunderbar«.

»Zuyane hat ihn heute Abend ganz allein zubereitet«, erklärte sie. »Er schlägt sich wirklich wacker.«

»Ist er wieder zu spät gekommen?«

»Nein, sogar eine Viertelstunde früher, und er hat frischen Kreuzkümmel mitgebracht, ganz von sich aus. Was willst du unternehmen?«, fragte sie und zeigte auf den Brief.

»Ich werde mich morgen erkundigen, wer den Fall bearbeitet, und den Kollegen die Sachen zuschicken.« Er aß noch eine Gabel und bemerkte dann: »Vielleicht doch ein bisschen zu wenig Knoblauch.«

Sie lächelte. »Nur, weil Zuyane ihn zubereitet hat.« Sie legte ihre Hand auf seine. »Er ist ein guter Junge, mein Herz. Nur noch ein bisschen jung.«

»Hmmm«, brummte er und schluckte eine Erwiderung hinunter. Zuyane hatte die Stelle aufgrund einer kanala-Abmachung erhalten, einer jener typischen gegenseitigen Freundschaftsdienste unter Kap-Maleien. Zuyanes Vater hatte ihnen dafür die Küche äußerst günstig eingerichtet.

Pearlie schob ihrem Mann den Brief zu. »Die Pflicht ruft«, sagte sie und stand auf. Er aß weiter und beobachtete sie dabei: Wie selbstverständlich sie sich mit den Gästen unterhielt, ihnen Erklärungen zum Essen gab und ihre Komplimente dankend und bescheiden entgegennahm. Seine Frau war in ihrem Element, ihr Traum war endlich Wirklichkeit geworden. Ein eigenes Restaurant, auf das sie jahrzehntelang von seinem Polizistengehalt gespart hatte. Ihre Karriere begann mit fünfundfünfzig, während seine sich mit neunundfünfzig still und leise dem Ende zuneigte.

Muna räumte seinen leeren Teller ab. »Möchtest du noch etwas, Uncle Johnnie?«

»Nein, danke, liebe Muna. Sag deiner Tante Bescheid, dass ich schon mal raufgegangen bin.« Dann fiel ihm noch etwas ein: »Ach ja, falls noch Fancies übrig sind: Mavis, meine Arbeitskollegin, hätte gerne welche probiert …«

Es regnete stark, als er die Treppe hinaufging, langsam, weil ihn sein Bein plagte. Auf halbem Wege blieb er stehen und blickte hinaus auf die Regenschnüre im Laternenschein. Einmal Fahnder, immer Fahnder.

Nein, das galt nicht für ihn, er war draußen. Auch wenn jetzt die vergessen geglaubten Instinkte wieder in ihm erwachten, auch wenn er am liebsten sofort ein Croxley-Notizbuch gekauft und Listen angelegt hätte, wie in alten Zeiten. Was würde das nützen? Er war nur ein schrulliger alter Wächter über die Akten anderer, ein zahnloser Hund, der drohend bellen musste, um seine Würde zu wahren. Der kleine Flugzeuge baute, damit die Enkel anderer sie mit großen Augen betrachten konnten.

Er stieg die letzten Stufen hinauf, widerstrebend, weil er keine Lust hatte, allein dort oben zu sitzen und zu warten. Er fischte den Schlüssel aus der Hosentasche und steckte ihn ins Schloss. Dann sah er den Umschlag auf der Fußmatte liegen. Er musste herausgefallen sein, als er den Schlüssel hervorgezogen hatte. Er bückte sich, hob ihn auf und bemerkte, dass es nicht der alte Umschlag war, den er versehentlich hatte fallen lassen, sondern ein neuer Brief. Denn auf diesem Kuvert stand keine Adresse, sondern nur sein Name: AN: Supt. John October. Dasselbe hellgelbe Papier, dieselbe Handschrift, dieselbe schwarze Kugelschreibertinte. Er blickte sich rasch um, instinktiv, denn irgendjemand war hier gewesen, jemand hatte den Brief abgegeben.

Doch da war nichts. Nur die verlassene Treppe und der Regen und der Schein der Straßenlaternen. Er betrat die Wohnung, schloss die Tür hinter sich und ging in die Küche. Dort öffnete er den Brief mit einem Messer.

In dem Umschlag steckte nur ein Zeitungsausschnitt. Er faltete ihn auseinander. Die Randnotiz besagte, dass der Artikel aus den Eikestadnuus vom 6. Juli 2006 stammte. Die fette Schlagzeile lautete: Rätselhafter Tod einer Geschäftsfrau: noch immer kein Durchbruch bei den Ermittlungen.

2.

Pearlie kam erst nach zwölf aus dem Restaurant nach oben und brachte eine braune Papiertüte voller Fancies mit. Sie war erstaunt, ihn noch im Wohnzimmer vorzufinden. »Mein Herz«, sagte sie besorgt. »Geht es dir nicht gut?«

Wortlos hielt ihr Johnny October das zweite Kuvert hin.

»Noch einer?«, fragte sie, stellte die Tüte hin und nahm den Brief an.

»Ja, er hat vor der Tür gelegen, als ich vorhin raufgekommen bin.«

Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu: Die wissen, wo wir wohnen. Dann setzte sie sich dicht neben ihn auf das Sofa, holte den Zeitungsartikel aus dem Kuvert und faltete ihn auseinander. Er legte den Arm um sie und las über ihre Schulter hinweg mit, obwohl er genau wusste, was dort stand.

»Rätselhafter Tod einer Geschäftsfrau: noch immer kein Durchbruch bei den Ermittlungen«, las sie laut vor. Dann sagte sie, mehr zu sich selbst: »Was haben die nur mit ihren Rätseln?«

Er reagierte nicht.

Sie las den Bericht über Mevrou Mercia Hayward, die Bauunternehmerin, die am 17. Juni an der Kayamandi-Ampel in Stellenbosch tot in ihrem X5 aufgefunden worden war. Der Motor des BMWs lief noch, die Türen waren geschlossen, der Wagen war unbeschädigt, es gab keine Kampfspuren. Doch Mevrou Hayward saß tot am Steuer, mit einer einzigen Stichwunde im Herzen. Hinter ihr warteten zwei Studenten in einem Fiesta. Sie hupten, als sie bei Grün nicht losfuhr. Als die Ampel zum zweiten Mal umsprang und sie noch immer nicht weiterfuhr, stieg einer der beiden jungen Männer aus, ging an ihre Tür, sah die leblosen Augen und den roten Fleck auf ihrer Bluse und rief die 10111 an. Die Rettungskräfte mussten die Scheibe des X5 einschlagen, um die Türen zu öffnen, damit sie die Leiche bergen konnten. Die Studenten schworen einhellig, sie hätten niemanden in der Nähe des Wagens gesehen. Der Rechtsmediziner sagte aus, die Wunde sei sofort tödlich gewesen. Drei Wochen später war die Polizei bei ihren Ermittlungen noch keinen Schritt weitergekommen.

Pearlie blickte auf, als sie fertig gelesen hatte. »Sehr seltsam, Johnnie, genau wie der andere Fall«, sagte sie verwundert.

»Stimmt.«

Pearlie faltete den Ausschnitt zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Dann lehnte sie sich an ihn und flüsterte ihm ins Ohr: »Es muss einen Grund dafür geben, warum sich jemand damit an dich gewandt hat.«

Er antwortete nicht.

»Alles hat einen tieferen Sinn.«

Am Empfang lieferte er die Fancies bei Mavis ab. Sie dankte ihm mit einem strahlenden Lächeln, während sie weiterhin Anrufe annahm. October wartete einen Augenblick und versuchte herauszufinden, wie jemand hier einen Brief abgeben konnte, ohne dass ...

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