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Aus einer Reise in die Schweiz über Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart und Tübingen im Jahre 1797

Johann Wolfgang von Goethe

Aus einer Reise in die Schweiz über Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart und Tübingen im Jahre 1797





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Einleitendes

Aus Briefen, wenige Zeit vor der Abreise, an Meyer nach Florenz und Stäfa geschrieben.

Weimar, den 28. April 1797

Bisher habe ich immer, wenn ich ungeduldig werden wollte, Sie, mein wertester Freund, mir zum Muster vorgestellt: denn Ihre Lage, obgleich mitten unter den herrlichsten Kunstwerken, gewährte Ihnen doch keine Mitteilung und gemeinschaftlichen Genuss, wodurch alles, was unser ist, doch erst zum Leben kommt; dagegen ich, obgleich abgeschnitten von dem so sehr gewünschten Anschauen der bildenden Künste, doch in einem fortdauernden Austausch der Ideen lebte, und in vielen Sachen, die mich interessierten, weiter kam.

Nun aber gesteh' ich Ihnen gern, dass meine Unruhe und mein Unmut auf einen hohen Grad zunimmt, da nicht allein alle Wege nach Italien für den Augenblick versperrt, sondern auch die Aussichten auf die nächste Zeit äußerst schlimm sind.

In Wien hat man alle Fremden ausgeboten; Graf Fries, mit dem ich früher zu reisen hoffte, geht selbst erst im September zurück; der Weg von da auf Triest ist für jetzt auch versperrt und für die Zukunft wie die übrigen verheert und unangenehm. In dem obern Italien selbst, wie muss es da nicht aussehen, wenn außer den kriegführenden Heeren auch noch zwei Parteien gegen einander kämpfen!

Und selbst nach einem Frieden, wie unsicher und zerrüttet muss es eine lange Zeit in einem Lande bleiben, wo keine Polizei ist, noch sein wird! Einige Personen, die jetzt über Mailand heraus sind, können nicht genug erzählen, wie gequält und gehindert man überall wegen der Pässe ist, wie man aufgehalten und herumgeschleppt wird und was man sonst für Not des Fortkommens und übrigen Lebens zu erdulden hat.

Sie können leicht denken, dass unter diesen Umständen mich alles, was einigen Anteil an mir nimmt, von einer Reise abmahnt; und ob ich gleich recht gut weiß, dass man bei allen einigermaßen gewagten Unternehmungen auf die Negativen nicht achten soll, so ist doch der Fall von der Art, dass man selbst durch einiges Nachdenken das Unrätliche einer solchen Expedition sehr leicht einsehen kann.

Dieses alles zusammen drängt mir beinahe den Entschluss ab: diesen Sommer, und vielleicht das ganze Jahr, an eine solche Reise nicht weiter zu denken. Ich schreibe Ihnen dieses sogleich, um auf alle Fälle mich noch mit Ihnen darüber schriftlich unterhalten zu können. Denn was ich Ihnen raten soll, weiß ich wahrlich nicht. So sehr Sie mir auf allen Seiten fehlen und so sehr ich durch Ihre Abwesenheit von allem Genuss der bildenden Kunst getrennt bin, so möchte ich doch Sie nicht gern sobald von der Nahrung Ihres Talentes, die Sie künftig in Deutschland wieder ganz vermissen werden, getrennt wissen. Wenn mein Plan durch die äußern Umstände zum Scheitern gebracht wird, so wünschte ich doch den Ihrigen vollendet zu sehen.

Ich habe mir wieder eine eigne Welt gemacht, und das große Interesse, das ich an der epischen Dichtung gefasst habe, wird mich schon eine Zeit lang hinhalten. Mein Gedicht Herrmann und Dorothea ist fertig; es besteht aus zweitausend Hexametern und ist in neun Gesänge geteilt, und ich sehe darin wenigstens einen Teil meiner Wünsche erfüllt. Meine hiesigen und benachbarten Freunde sind wohl damit zufrieden, und es kommt hauptsächlich nun darauf an, ob es auch vor Ihnen die Probe aushält. Denn die höchste Instanz von der es gerichtet werden kann, ist die, vor welche der Menschenmaler seine Kompositionen bringt, und es wird die Frage sein, ob Sie unter dem modernen Kostüme die wahren echten Menschenproportionen und Gliederformen anerkennen werden.

Der Gegenstand selbst ist äußerst glücklich, ein Sujet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltner gefunden werden, als man denkt, deswegen auch die Alten beständig sich nur in einem gewissen Kreis bewegen.

In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir zugeschworen, an nichts mehr Teil zu nehmen als an dem, was ich so in meiner Gewalt habe wie ein Gedicht; wo man weiß, dass man zuletzt nur sich zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke, an dem man, wenn der Plan einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt. Denn leider in allen übrigen irdischen Dingen lösen einem die Menschen gewöhnlich wieder auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener beschwerlichen Art zu wallfahren, wo man drei Schritte vor und zwei zurücktun muss.

Kommen Sie zurück, so wünschte ich, Sie könnten sich auf jene Weise zuschwören, dass Sie nur innerhalb einer bestimmten Fläche, ja ich möchte wohl sagen, innerhalb eines Rahmens, wo Sie ganz Herr und Meister sind, Ihre Kunst ausüben wollen. Zwar ist, ich gestehe es, ein solcher Entschluss sehr illiberal, und nur Verzweiflung kann einen dazu bringen; es ist aber doch immer besser, ein für allemal zu entsagen, als immer einmal einen um den andern Tag rasend zu werden.

Vorstehendes war schon vor einigen Tagen geschrieben, nicht im besten Humor, als auf einmal die Friedensnachricht von Frankfurt kam. Wir erwarten zwar noch die Bestätigung, und von den Bedingungen und Umständen ist uns noch nichts bekannt, ich will aber diesen Brief nicht aufhalten, damit Sie doch wieder etwas von mir vernehmen, und Eingeschlossenes, das man mir an Sie gegeben hat, nicht liegen bleibe.

Leben Sie wohl und lassen Sie mich bald wieder von sich hören. In weniger Zeit muss sich nun vieles aufklären, und ich hoffe, der Wunsch, uns in Italien zuerst wieder zu sehen, soll uns doch noch endlich gewährt werden.

 

Weimar, am 8. Mai 1797

Am 28. April schrieb ich Ihnen einen Brief voll übler Laune, die Friedensnachrichten, die in dem Augenblick dazu kamen, rektifizierten den Inhalt. Seit der Zeit habe ich mir vorgesetzt, so sicher als ein Mensch sich etwas vorsetzen kann:

Dass ich Anfangs Juli nach Frankfurt abreise, um mit meiner Mutter noch mancherlei zu arrangieren, und dass ich alsdann, von da aus, nach Italien gehen will, um Sie aufzusuchen.

Ich darf Sie also wohl bitten in jenen Gegenden zu verweilen und, wenn Sie nicht tätig sein können, inzwischen zu vegetieren. Sollten Sie aber Ihrer Gesundheit wegen nach der Schweiz zurück gehen wollen, so schreiben Sie mir, wo ich Sie treffe.

Ich kann rechnen, dass Sie diesen Brief Ende Mai erhalten; antworten Sie mir aber nur unter dem Einschluss von Frau Rat Goethe nach Frankfurt am Main, so finde ich Ihren Brief gewiss, und werde mich darnach richten.

In der Zwischenzeit erfahren wir die Verhältnisse des obern Italiens und sehen uns mit Zufriedenheit, wo es auch sei, wieder. Ich wiederhole nur kürzlich, dass es mir ganz gleich ist, in welche Gegend ich mich von Frankfurt aus hinbewege, wenn ich nur erfahre, wo ich Sie am nächsten treffen kann.

Leben Sie recht wohl! Mir geht alles recht gut, sodass ich nach dem erklärten Frieden hoffen kann, Sie auch auf einem befriedigten, obgleich sehr zerrütteten Boden wieder zu sehen.

 

Jena, den 6. Juni 1797

Ihren Brief vom 13. Mai habe ich gestern erhalten, woraus ich sehe, dass die Posten zwar noch nicht mit der alten Schnelligkeit, doch aber wieder ihren Gang gehen, und das macht mir Mut, Ihnen gleich wieder zu schreiben.

Seitdem ich die Nachricht erhielt, dass Sie sich nicht wohl befinden, bin ich unruhiger als jemals; denn ich kenne Ihre Natur, die sich kaum anders als in der vaterländischen Luft wieder herstellt.

Sie haben indessen noch zwei Briefe von mir erhalten, einen vom 28. April und einen vom 8. Mai, möchten Sie doch auf den letzten diejenige Entschließung ergriffen haben, die zu Ihrem Besten dient.

Ihre Antwort, die ich nach dem jetzigen Lauf der Posten in Frankfurt gewiss finden kann, wird meine Wege leiten. Selbst mit vielem Vergnügen würde ich Sie in Ihrem Vaterland aufsuchen und an dem Züricher See einige Zeit mit Ihnen verleben.

Möge doch das Gute, das Ihnen aus unserm freundschaftlichen Verhältnis entspringen kann, Sie einigermaßen schadlos halten für die Leiden, die Sie in der Zwischenzeit ausgestanden haben und die auch auf mich, in der Ferne, den unangenehmsten Einfluss hatten; denn noch niemals bin ich von einer solchen Ungewissheit hin und her gezerrt worden; noch niemals haben meine Plane und Entschließungen so von Woche zu Woche variiert. Ich ward des besten Lebensgenusses unter Freunden und nahe Verbundnen nicht froh, indes ich Sie einsam wusste und mir einen Weg nach dem andern abgeschnitten sah.

Nun mag denn Ihr nächster Brief entscheiden, und ich will mich darein finden und ergeben was er auch ausspricht. Wo wir auch zusammenkommen, wird es eine unendliche Freude sein. Die Ausbildung, die uns indessen geworden ist, wird sich durch Mitteilung auf das Schönste vermehren.

Schiller lebt in seinem neuen Garten recht heiter und tätig; er hat zu seinem Wallenstein sehr große Vorarbeiten gemacht.

Wenn die alten Dichter ganz bekannte Mythen, und noch dazu teilweise, in ihren Dramen vortrugen, so hat ein neuerer Dichter, wie die Sachen stehen, immer den Nachteil, dass er erst die Exposition, die doch eigentlich nicht allein aufs Faktum, sondern auf die ganze Breite der Existenz, und auf Stimmung geht, mit vortragen muss.

Schiller hat deswegen einen sehr guten Gedanken gehabt, dass er ein kleines Stück die Wallensteiner als Exposition vorausschickt, wo die Masse der Armee, gleichsam wie das Chor der Alten, sich mit Gewalt und Gewicht darstellt, weil am Ende des Hauptstücks doch alles darauf ankommt, dass die Masse nicht mehr bei ihm bleibt, sobald er die Formel des Diensts verändert. Es ist in einer viel pesantern und also für die Kunst bedeutendem Manier als die Geschichte von Dumouriez.

Höchst verlangend bin ich auch, Ihre Ideen über das Darstellbare und Darzustellende zu vernehmen. Alles Glück eines Kunstwerks beruht auf dem prägnanten Stoff, den es darzustellen unternimmt. Nun ist der ewige Irrtum, dass man bald etwas Bedeutendes, bald etwas Hübsches, Gutes und Gott weiß was alles, sich unterschiebt, wenn man doch einmal was machen will und muss.

Wir haben auch in diesen Tagen Gelegenheit gehabt manches abzuhandeln über das, was in irgendeiner prosodischen Form geht und nicht geht. Es ist wirklich beinahe magisch, dass etwas, was in dem einen Silbenmaße noch ganz gut und charakteristisch ist, in einem andern leer und unerträglich scheint. Doch eben so magisch sind ja die abwechselnden Tänze auf einer Redoute, wo Stimmung, Bewegung und alles durch das Nachfolgende gleich aufgehoben wird.

Da man meine ganze Operation von Ihrer Antwort auf meinen Brief vom 8. Mai abhängt, so will ich nicht wieder schreiben, als bis ich diese erhalten habe, und Ihnen nachher gleich antworten, wo ich bin und wie ich gehe. Sollten Sie auch auf diesen noch irgendetwas zu vermelden haben, so schicken Sie es nur auf Frankfurt an meine Mutter, wo ich schon das Weitere besorgen will.

 

Weimar, den 7. Juli 1797

Sein Sie mir bestens auf vaterländischem Grund und Boden gegrüßt! Ihr Brief vom 26. Juni, den ich heut erhalte, hat mir eine große Last vom Herzen gewälzt. Zwar könnt' ich hoffen, dass Sie auf meinen Brief vom 8. Mai gleich zurückkehren würden; allein bei meiner Liebe zu Ihnen, bei meiner Sorge für Ihre Gesundheit, bei dem Gefühl des Wertes, den ich auf unser einziges Verhältnis lege, war mir die Lage der Sache äußerst schmerzlich, und mein durch die Lähmung unsers Plans ohnehin schon sehr gekränktes Gemüt ward nun durch die Nachricht von Ihrem Zustande noch mehr angegriffen.

Ich machte mir Vorwürfe, dass ich, trotz der Umstände, nicht früher gegangen sei, Sie aufzusuchen; ich stellte mir Ihr einsames Verhältnis und ihre Empfindungen recht lebhaft vor und arbeitete ohne Trieb und Behaglichkeit, bloß um mich zu zerstreuen.

Nun geht eine neue Epoche an, in welcher alles eine bessere Gestalt gewinnen wird. Aus unserm eigentlichen Unternehmen mag nun werden, was will, sorgen Sie einzig für Ihre Gesundheit und ordnen Sie das Gesammelte nach Lust und Belieben. Alles, was Sie tun, ist gut, denn alles hat einen Bezug auf ein Ganzes.

Ihr Brief hat mich noch in Weimar getroffen, wohin mir meine Mutter ihn schickte. Der Herzog ist schon einige Monate abwesend, er will mich vor meiner Abreise noch über manches sprechen, und ich erwarte ihn.

Indessen habe ich alles geordnet und bin so los und ledig als jemals. Ich gehe sodann nach Frankfurt mit den Meinigen, um sie meiner Mutter vorzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalte sende ich jene zurück und komme Sie am schönen See zu treffen. Welch eine angenehme Empfindung ist es mir, Sie bis auf jenen glücklichen Augenblick wohl aufgehoben und in einem verbesserten Zustande zu wissen!

Schreiben Sie nach dem Empfang dieses nur nach Frankfurt. Von mir erhalten Sie nun alle acht Tage Nachricht. Zum Willkomm auf deutschem Grund und Boden sende ich Ihnen etwas über die Hälfte meines neuen Gedichts. Möge Ihnen die Aura, die Ihnen daraus entgegenweht angenehm und erquicklich sein. Weiter sage ich nichts.

Da wir nun glücklicherweise wieder so viel näher gebracht worden, so sind nun unsere ersten Schritte bestimmt; und sind wir nur einmal erst wieder zusammen, so wollen wir fest an einander halten und unsere Wege weiter zusammen fortführen.

Leben Sie tausendmal wohl!

 

Weimar, den 14. Juli 1797

Seitdem ich Sie wieder in Ihr Vaterland gerettet weiß, sind meine Gedanken nun hauptsächlich darauf gerichtet: dass wir wechselseitig mit demjenigen bekannt werden, was jeder bisher einzeln für sich getan hat.

Sie haben durch Anschauung und Betrachtung ein unendliches Feld kennen gelernt, und ich habe indessen von meiner Seite, durch Nachdenken und Gespräch über Theorie und Methode, mich weiter auszubilden nicht versäumt, sodass wir nun entweder unmittelbar mit unsern Arbeiten zusammentreffen oder uns wenigstens sehr leicht werden erklären und vereinigen können.

Ich schicke Ihnen hier einen Aufsatz, worin, nach einigem Allgemeinen, über Laokoon gehandelt ist. Die Veranlassung zu diesem Aufsatze sage ich hernach.

Schiller ist mit der Methode und dem Sinn desselben zufrieden; es ist nun die Frage: ob Sie mit dem Stoff einig sind, ob Sie glauben, dass ich das Kunstwerk richtig gefasst und den eigentlichen Lebenspunkt des Dargestellten wahrhaft angegeben habe?

Auf alle Fälle können wir uns künftig vereinigen, teils dieses Kunstwerk, teils andere in einer gewissen Folge dergestalt zu behandeln, dass wir, nach unserm altern Schema, eine vollständige Entwickelung von der ersten poetischen Konzeption des Werks, bis auf die letzte mechanische Ausführung zu liefern suchen und dadurch uns und andern mannigfaltig nutzen.

Hofrat Hirt ist hier, der in Berlin eine Existenz nach seinen Wünschen hat und sich auch bei uns ganz behaglich befindet.

Seine Gegenwart hat uns sehr angenehm unterhalten, indem er bei der großen Masse von Erfahrung, die ihm zu Gebote steht, beinah alles in Anregung bringt, was in der Kunst interessant ist, und dadurch einen Zirkel von Freunden derselben, selbst durch Widerspruch, belebt.

Er kommunizierte uns einen kleinen Aufsatz über Laokoon, den Sie vielleicht schon früher kennen und der das Verdienst hat, dass er den Kunstwerken auch das Charakteristische und Leidenschaftliche als Stoff vindiziert, welches durch den Missverstand des Begriffs von Schönheit und göttlicher Ruhe allzu sehr verdrängt worden war.

Schillern, der auch seit einigen Tagen hier ist, hatte von dieser Seite gedachter Aufsatz besonders gefallen, indem er selbst jetzt über Tragödie denkt und arbeitet, wo eben diese Punkte zur Sprache kommen.

Um mich nun eben hierüber am freisten und vollständigsten zu erklären und zu weiteren Gesprächen Gelegenheit zu geben, so wie auch besonders in Rücksicht unserer nächsten gemeinschaftlichen Arbeiten, schrieb ich die Blätter, die ich Ihnen nun zur Prüfung überschicke.

Sorgen Sie vor allen Dingen für Ihre Gesundheit in der vaterländischen Luft und strengen sich, besonders durch Schreiben, ja nicht an. Disponieren Sie sich Ihr Schema im Ganzen und rangieren Sie die Schätze Ihrer Kollektaneen und Ihres Gedächtnisses; warten Sie alsdann, bis wir wieder zusammenkommen, da Sie die Bequemlichkeit des Diktierens haben werden, indem ich einen Schreiber mitbringe, wodurch das Mechanische der Arbeit, welches für eine nicht ganz gesunde Person drückend ist, sehr erleichtert, ja gewissermaßen weggehoben wird.

Unser Herzog scheint sich auf seiner Reise zu gefallen, denn er lässt uns eine Woche nach der andern warten. Doch beunruhigt mich seine verspätete Ankunft, die ich erwarten muss, gegenwärtig nicht, indem ich Sie in Sicherheit weiß.

Ich hoffe, Sie haben meinen Brief vom 7ten mit dem Anfange des Gedichtes richtig erhalten, und ich will es nunmehr so einrichten, dass ich alle Wochen etwas an Sie absende.

Schreiben Sie mir, wenn es auch nur wenig ist, unter der Adresse meiner Mutter nach Frankfurt. Ich hoffe Ihnen bald meine Abreise von hier und meine Ankunft dort melden zu können und wünsche, dass Sie sich recht bald erholen möchten und dass ich die Freude habe, Sie, wo nicht völlig hergestellt, doch in einem recht leidlichen Zustande wieder zu finden.

Leben Sie recht wohl, wertester Freund! Wie freue ich mich auf den Augenblick, in welchem ich Sie wiedersehen werde, um durch ein vereintes Leben uns für die bisherige Vereinzelung entschädigt zu sehen!

Schiller und die Hausfreunde grüßen, alles freut sich Ihrer Nähe und Besserung.

Heut über acht Tage will ich verschiedene Gedichte beilegen. Wir haben uns vereinigt in den diesjährigen Almanach mehrere Balladen zu geben und uns bei dieser Arbeit über Stoff und Behandlung dieser Dichtungsart selbst aufzuklären; ich hoffe, es sollen sich gute Resultate zeigen.

Humboldts werden nun auch von Dresden nach Wien abgehen. Gerning, der noch immerfort bei jedem Anlass Verse macht, ist über Regensburg eben dahin abgegangen. Beide Partien denken von jener Seite nach Italien vorzurücken; die Folge wird lehren, wie weit sie kommen.

Die Herzogin Mutter ist nach Kissingen. Wieland lebt in Osmanstedt mit dem notdürftigen Selbstbetruge. Fräulein von Imhof entwickelt ein recht schönes poetisches Talent, sie hat einige allerliebste Sachen zum Almanach gegeben.

Wir erwarten in diesen Tagen den jungen Stein von Breslau, der sich im Weltwesen recht schön ausbildet. Und so hätten Sie denn auch einige Nachricht von dem Personal das einen Teil des Weimarischen Kreises ausmacht. Bei Ihrer jetzt größeren Nähe scheint es mir, als ob man Ihnen auch hiervon etwas sagen könne und müsse.

Knebel ist nach Bayreuth gegangen; er macht Miene, in jenen Gegenden zu bleiben, nur fürchte ich, er wird nichts mehr am alten Platze finden; besonders ist Nürnberg, das er liebt, in dem jetzigen Augenblick ein trauriger Aufenthalt.

Nochmals ein herzliches Lebewohl.

 

Weimar, den 21. Juli 1797

Hier ist, mein werter Freund, die dritte wöchentliche Sendung, mit der ich Ihnen zugleich ankündigen kann, dass mein Koffer mit dem Postwagen heute Früh nach Frankfurt abgegangen und dass also schon ein Teil von mir nach Ihnen zu in Bewegung ist; der Körper wird nun auch wohl bald dem Geiste und den Kleidern nachfolgen.

Diesmal schicke ich Ihnen, damit Sie doch ja auch recht nordisch empfangen werden, ein paar Balladen, bei denen ich wohl nicht zu sagen brauche, dass die erste von Schillern, die zweite von mir ist. Sie werden daraus sehen, dass wir, indem wir Ton und Stimmung dieser Dichtart beizubehalten suchen, die Stoffe würdiger und mannigfaltiger zu wählen besorgt sind; nächstens erhalten Sie noch mehr Dergleichen.

Die Note von Böttiger über die zusammenschnürenden Schlangen ist meiner Hypothese über Laokoon sehr günstig; er hatte, als er sie schrieb, meine Abhandlung nicht gelesen.

Schiller war diese acht Tage bei mir, ziemlich gesund und sehr munter und tätig; Ihrer ist, ich darf wohl sagen, in jeder Stunde gedacht worden.

Unsere Freundin Amelie hat sich auch in der Dichtkunst wundersam ausgebildet und sehr artige Sachen gemacht, die mit einiger Nachhilfe recht gut erscheinen werden. Man merkt ihren Produktionen sehr deutlich die soliden Einsichten in eine andere Kunst an, und wenn sie in beiden fortfährt, so kann sie auf einen bedeutenden Grad gelangen.

Heute nicht mehr. Nur noch den herzlichen Wunsch, dass Ihre Gesundheit sich immer verbessern möge! Schicken Sie Ihre Briefe nur an meine Mutter.

 

Frankfurt

Frankfurt, den 8. August 1797

Zum ersten Mal habe ich die Reise aus Thüringen nach dem Mainstrome durchaus bei Tage mit Ruhe und Bewusstsein gemacht, und das deutliche Bild der verschiedenen Gegenden, ihre Charaktere und Übergänge, war mir sehr lebhaft und angenehm.

In der Nähe von Erfurt war mir der Kessel merkwürdig, worin diese Stadt liegt. Er scheint sich in der Urzeit gebildet zu haben, da noch Ebbe und Flut hinreichte und die Unstrut durch die Gera heraufwirkte.

Der Moment, wegen der heranreifenden Feldfrüchte, war sehr bedeutend. In Thüringen stand alles zum schönsten, im Fuldaischen fanden wir die Mandeln auf dem Felde und zwischen Hanau und Frankfurt nur noch die Stoppeln; vom Wein verspricht man sich nicht viel, das Obst ist gut geraten.

Wir waren von Weimar bis hier vier Tage unterwegs und haben von der heißen Jahreszeit wenig oder gar nicht gelitten. Die Gewitter kühlten nachts und morgens die Atmosphäre aus, wir fuhren sehr früh, die heißesten Stunden des Tags fütterten wir, und wenn denn auch einige Stunden des Wegs bei warmer Tageszeit zurückgelegt wurden, so ist doch meist auf den Höhen und in den Tälern, wo Bäche fließen, ein Luftzug.

So bin ich denn vergnügt und gesund am 3ten in Frankfurt angekommen und überlege in einer ruhigen und heiteren Wohnung nun erst, was es heiße, in meinen Jahren in die Welt zu gehen.

In früherer Zeit imponieren und verwirren uns die Gegenstände mehr, weil wir sie nicht beurteilen noch zusammenfassen können, aber wir werden doch mit ihnen leichter fertig, weil wir nur aufnehmen, was in unserm Wege liegt und rechts und links wenig achten. Später kennen wir die Dinge mehr, es interessiert uns deren eine größere Anzahl und wir würden uns gar übel befinden, wenn uns nicht Gemütsruhe und Methode in diesen Fällen zu Hilfe käme.

Ich will nun alles, was mir in diesen Tagen vorgekommen, so gut wie möglich ist zurecht stellen, an Frankfurt selbst als einer vielumfassenden Stadt meine Schemata probieren und mich dann zu einer weiteren Reise vorbereiten.

Sehr merkwürdig ist mir aufgefallen wie es eigentlich mit dem Publikum einer großen Stadt beschaffen ist. Es lebt in einem beständigen Taumel von Erwerben und Verzehren, und das, was wir Stimmung nennen, lässt sich weder hervorbringen noch mitteilen; alle Vergnügungen, selbst das Theater soll nur zerstreuen, und die große Neigung des lesenden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene immer und diese meist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen.

Ich glaube sogar eine Art von Scheu gegen poetische Produktion oder wenigstens insofern sie poetisch sind, bemerkt zu haben, die mir aus eben diesen Ursachen ganz natürlich vorkommt. Die Poesie verlangt, ja gebietet Sammlung, sie isoliert den Menschen wider seinen Willen, sie drängt sich wiederholt auf und ist in der breiten Welt (um nicht zu sagen in der großen) so unbequem wie eine treue Liebhaberin.

Ich gewöhne mich nun, alles, wie mir die Gegenstände vorkommen und was ich über sie denke, aufzuschreiben, ohne die genaueste Beobachtung und das reifste Urteil von mir zu fordern oder auch an einen künftigen Gebrauch zu denken. Wenn man den Weg einmal ganz zurückgelegt hat, so kann man mit besserer Übersicht das Vorrätige immer wieder als Stoff gebrauchen.

Das Theater habe ich einige Mal besucht und zu dessen Beurteilung mir auch einen methodischen Entwurf gemacht; indem ich ihn nun nach und nach auszufüllen suche, so ist mir erst recht aufgefallen, dass man eigentlich nur von fremden Ländern, wo man mit niemand in Verhältnis steht, eine leidliche Reisebeschreibung machen könnte.

Über den Ort wo man gewöhnlich sich aufhält, wird niemand wagen etwas zu schreiben, es müsste denn von bloßer Aufzählung der vorhandenen Gegenstände die Rede sein, ebenso geht es mit allem, was uns noch einigermaßen nah ist, man fühlt erst, dass es eine Impietät wäre, wenn man auch sein gerechtestes, mäßigstes Urteil über die Dinge öffentlich aussprechen wollte.

Diese Betrachtungen führen auf artige Resultate und zeigen mir den Weg, der zu gehen ist. So vergleiche ich z. B. jetzt das hiesige Theater mit dem Weimarischen; habe ich noch das Stuttgarter gesehen, so lässt sich vielleicht über die drei etwas Allgemeines sagen, das bedeutend ist und das sich auch allenfalls öffentlich produzieren lässt.

 

Den 8. August

In Frankfurt ist alles tätig und lebhaft, und das vielfache Unglück scheint nur einen allgemeinen Leichtsinn bewirkt zu haben. Die Millionen Kriegskontribution, die man im vorigen Jahre den vorgedrungenen Franzosen hingeben musste, sind so wie die Not jener Augenblicke vergessen, und jedermann findet es äußerst unbequem, dass er nun zu den Interessen und Abzahlungen auch das Seinige beitragen soll. Ein jeder beklagt sich über die äußerste Teuerung, und fährt doch fort Geld auszugeben und den Luxus zu vermehren, über den er sich beschwert. Doch habe ich auch schon einige wunderliche und unerwartete Ausnahmen bemerken können.

Gestern Abend entstand auf einmal ein lebhafter Friedensruf, inwiefern er gegründet sei, muss sich bald zeigen. Ich habe mich in diesen wenigen Tagen schon viel umgesehen, bin die Stadt umfahren und umgangen; außen und innen entsteht ein Gebäude nach dem andern, und der bessere und größere Geschmack lässt sich bemerken, obgleich auch hier mancher Rückschritt geschieht.

Gestern war ich im Schweizerschen Hause, das auch inwendig viel Gutes enthält, besonders hat mir die Art der Fenster sehr wohl gefallen; ich werde ein kleines Modell davon an die Schlossbaukommission schicken.

Das hiesige Theater hat gute Subjekte, ist aber im Ganzen für eine so große Anstalt viel zu schwach besetzt; die Lücken, welche bei Ankunft der Franzosen entstanden, sind noch nicht wieder ausgefüllt. Auf den Sonntag wird Palmira gegeben, worauf ich sehr neugierig bin. Ich lege eine Rezension einiger italienischen Zeitungsblätter bei, die mich interessiert haben, weil sie einen Blick in jene Zustände tun lassen.

 

Italienische Zeitungen

Es liegen verschiedene italienische Zeitungen vor mir, über deren Charakter und Inhalt ich einiges zu sagen gedenke.

Die auswärtigen Nachrichten sämtlich sind aus fremden Zeitungen übersetzt, ich bemerke also nur das Eigne der inländischen.

L'Osservatore Triestino No. 58. 21. Juli 1797. Ein sehr gut geschriebener Brief über die Besitznehmung von Cherso vom 10. Juli. Dann einiges von Zara. Die Anhänge sind wie unsere Beilagen und Wochenblätter.

Gazzetta Universale No. 58. 22. Juli 1797. Florenz. Ein nachdrückliches Gesetz wegen Meldung des Ankommens, Bleibens und Abgehens der Fremden, im Florentinischen publiziert.

Notizie Universali No. 60. 28. Juli 1797. Roveredo. Ein Artikel aus Östreich macht auf die große bewaffnete Stärke des Kaisers aufmerksam.

Il Corriere Milanese. No. 59. 24. Juli 1797. Die italienischen Angelegenheiten werden im republikanischen Sinne, aber mit großer Mäßigung, Feinheit und rhetorischer Stellung vorgetragen; es fällt einem dabei der Leidener Luzac ein.

In einer Buchhändler-Nachricht ist ein Werk: Memorie Storiche del Professore Gio. Battista Rottondo nativo di Monza, nel Milanese, scritte da lui medesimo, angekündigt. Wahrscheinlich eine romanhafte Komposition, durch welche man, so viel sich aus der Anzeige erraten lässt, den Revolutionisten in Italien Mäßigkeit raten will.

Giornale Degli Uomini Liberi. Bergamo. 18. Juli 1797. No. 5. Lebhaft demokratisch, welches sich in der Bergamasken-Manier sehr lustig ausnimmt; denn wer lacht nicht, wenn er liest: Non si dee defraudare il Popolo Sovrano Bergamasco di dargli notizia etc.

Für den Platz aber und für die Absicht scheint das Blatt sehr zweckmäßig zu sein, indem es hauptsächlich die Angelegenheiten der Stadt und des Bezirks behandelt.

No. 6. Die Aufhebung eines Klosters durch die Mehrheit der Mönchsstimmen wird begehrt, die aristokratische Partei verlangt unanimia.

Die Sprachwendungen haben etwas Originales und der ganze Ausdruck ist lebhaft, treu, naiv, sodass man den Harlekin im besten Sinne zu hören glaubt.

Il Patriota Bergamasco No. 17. 18. Juli 1797. Ein Kompliment an die Bergamasker, dass ihre Nationalgarden bei dem großen Föderationsfest sich so ganz besonders ausgenommen haben: I Segni da esse manifestati di patriotismo e di giocondita attrassero la comune meraviglia, e loro meritarono il vanto de' piu energici republicani. Wenn man diese Stelle gehörig übersetzt, so wünschte man die Bergamasker bei dieser Gelegenheit mit ihrer giocondità gesehen zu haben. Den Nachrichten aus dem Kirchenstaat sucht man, durch Worte die Schwabacher gedruckt sind, eine komische Tournure zu geben.

Ein Brief des Generals Buonaparte an den Astronomen Cagnoli in Verona, der bei den Unruhen viel gelitten und verloren hatte, soll den Gemütern Beruhigung einflößen, da dem Manne Ersatz und Sicherheit versprochen wird.

No. 18 ist sehr merkwürdig; der Patriot beklagt sich, dass nach der Revolution noch keine Revolution sei und dass gerade alles noch seinen alten aristokratischen Gang gehen wolle. Natürlicher Weise hat, wie überall, die liebe Gewohnheit nach den ersten lebhaften Bewegungen wieder ihr Recht behauptet und alles sucht sich wieder auf die Füße zu stellen; worüber sich denn der gute Patriot gar sehr beklagt.

 

Den 9. August

Das allgemeine Gespräch und Interesse ist heute die Feier des morgenden Tages, die in Wetzlar begangen werden soll; man erzählt Wunderdinge davon. Zwanzig Generale sollen derselben beiwohnen, von allen Regimentern sollen Truppen dazu gesammelt werden, militärische Evolutionen sollen geschehen; Gerüste sind aufgerichtet und was dergleichen mehr ist.

Indessen fürchten die Einwohner bei dieser Gelegenheit böse Szenen; mehrere haben sich entfernt; man will heute Abend schon kanonieren gehört haben.

Bei alle dem lebt man hier in vollkommener Sicherheit und jeder treibt sein Handwerk eben, als wenn nichts gewesen wäre; man hält den Frieden für gewiss und schmeichelt sich, dass ...

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